Regelmäßige Lesung aus der Schatzkammer Davids von Spurgeon

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Regelmäßige Lesung aus der Schatzkammer David Ps.7

von Jörg » 19.05.2018 13:04

Erläuterungen und Kernworte

V. 5. Das ist ein Triumph der Gnade und ein Zeichen eines edeln und tapfern Geistes, wenn man sich nicht durch das Böse überwinden lässt (denn das beweist Schwäche), sondern das Böse überwindet. Der durch Gottes Vorbild (Mt. 5,43-48) uns gewiesene Weg ist, durch Wohltun den zu beschämen, der uns unrecht getan hat. Das ist die beste Art, über ihn zu siegen. Sogar das eisigkalte Herz Sauls schmolz, als David ihm den abgeschnittenen Zipfel seines Rockes als unwiderleglichen Beweis seines Verschonens zeigte, und in Tränen ausbrechend sagte er: Du bist gerechter denn ich (1. Samuel 24,18). Thomas Manton † 1677.

V. 6. So trete er mein Leben zu Boden. Diese Worte spielen auf die Grausamkeit an, womit die Besiegten oft behandelt wurden, wenn man über sie hinritt oder Menschen sie in den Staub traten. Davids Gedanke ist: Wenn er schuldig wäre, so würde er’s zufrieden sein, dass sein Feind über ihn triumphierte, ihn überwältigte und ihn mit der äußersten Schmach und Verachtung behandelte. Albert Barnes † 1870.

Und lege meine Ehre, d. h. meine Seele (vergl. 16,9; 30,13; 57,9; 108,2; 1. Mose 49,6), in den Staub. Als Achilles den Leichnam Hektors im Staube um die Mauern Trojas schleifte, verfuhr er nur nach der herrschenden Sitte jener barbarischen Zeiten. David wagt es im Bewusstsein seiner Unschuld, solch schmähliches Geschick auf sich herabzurufen, wenn in der Tat die Anklage des benjaminitischen "Mohren" wahr sein sollte. Von wie lauterem Golde muss ein Charakter sein, der solch ein Gottesgericht herauszufordern wagt! C. H. Spurgeon 1869.

V. 7-9. Während uns andern bei den zahllosen Übertretungen des Rechts, die tagtäglich vor unsern Augen vor sich gehen, der Gedanke fast entschwindet, dass sie alle in dem Gedächtnis eines gerechten Weltrichters aufbewahrt werden, schaut David im Geiste, wie dieser Richter, der keine andern Sünden vergisst, als die, welche in Glauben und Buße vergeben worden, vom Himmel herabkommt, den Richterstuhl besteigt, die Welt zu seinen Füßen um seinen Richterstuhl versammelt, im Augenblick das Gericht vollendet und in seinen Himmel wieder zurückkehrt. Und ob tausendmal der Augenschein solchem Glauben widerspräche, dürfen wir doch nicht daran zweifeln, dass dieser Glaube in jedem Augenblicke als Tatsache vor unsere Augen treten könnte. Prof. D. A. F. Tholuck 1843.

V. 7. Hier sieht man, was es heißt, unter Verleugnung seines eigenen Zornes dem Zorn Raum geben (Röm. 12,19). K. H. Rieger † 1791.

Der du Gericht verordnet hast. Davids Bitte ruht auf Gottes Wort und Verheißung, und der Sinn seines Gebets ist dieser: Herr, ich werde nicht von Ehrgeiz getrieben oder durch törichte, halsstarrige Leidenschaft, gedankenlos von dir alles zu erbitten, was meinem Fleisch und Blut gefällt, sondern es ist das helle Licht deines Wortes, das mich leitet, und darauf verlasse ich mich mit voller Zuversicht. Johann Calvin † 1564.

V. 8. Die Versammlung der Völker : entweder 1) eine große Zahl von allerlei Völkern, welche von deiner Gerechtigkeit, Heiligkeit und Güte in der Führung meiner gerechten Sache wider meinen grimmigen und unversöhnlichen Bedrücker Zeugen sein werden, oder 2) die Gesamtheit des Volkes Israel, worauf das Wort Versammlung, Gemeine gewöhnlich in der heiligen Schrift bezogen wird. Dich umgeben mögen sie, und ich, als ihr König und Herrscher an deiner Statt, will Sorge tragen, dass sie von allen Seiten kommen und sich versammeln, dich anzubeten und dir Preis und Opfer darzubringen für deine Huld gegen mich und für die mannigfachen Wohltaten, die ihnen durch mich und unter meiner Herrschaft zufließen werden. Um derselben willen, d. h. um deiner Gemeinde willen, die nun so kläglich zerstreut und unterdrückt und in so hohem Grade aller Gerechtigkeitspflege und Religionsübung verlustig gegangen ist, kehre wieder zur Höhe, zu deinem erhabenen Sitz; setze dich auf den Richterstuhl und entscheide meine Sache. Der königliche Thron, auf dem auch Gericht gesprochen wurde, war gewöhnlich hoch erhaben (vergl. 1.Kön. 10,19). Matthew Pool † 1679.

V. 9. Ihr Gläubigen, lasst euch die Schrecken jenes Tages nicht entmutigen. Mögen die, welche den Richter gering geschätzt haben und immer noch ihm und seinen heiligen Wegen Feind sind, ihre Häupter hangen lassen, wenn sie an sein Kommen denken. Ihr aber erhebet eure Häupter (Lk. 21,28) mit Freuden; denn der jüngste Tag wird euer bester Tag sein. Der Richter ist euer Haupt und Bräutigam, euer Erlöser und Fürsprecher. Ihr müsst erscheinen vor dem Richtersitz, aber ihr werdet nicht verdammt werden. Er kommt, nicht euch zu richten, sondern euch selig zu machen. Anders ist es mit den Ungläubigen: Der verschmähte Heiland wird ein strenger Richter sein. Thomas Boston † 1732.

V. 10. Du, gerechter Gott, prüfest Herzen und Nieren.
Mir, dem Unendlichen, ist unverhüllt,
Was in den Tiefen deiner Seele quillt.
Des Seemanns Senkblei reicht nur bis zum Grund;
Mir ist auch, was dir selbst verborgen, kund.

Nach Francis Quarles † 1644.

Die allgemeine Erfahrung zeigt, dass die Empfindungen des Gemütes, zumal die Erregungen der Freude, des Kummers und der Furcht, eine merkliche Wirkung auf die Nieren haben. (Spr. 23,16; Ps. 16,7; 73,21.) Daher, und um ihrer verborgenen, im Fett verhüllten Lage im Körper willen, werden sie oft bildlich gebraucht, die geheimsten Regungen und Empfindungen der Seele anzudeuten. Die Nieren sehen und prüfen heißt, die geheimsten Gedanken und Begierden der Seele sehen und prüfen. John Parkhurst 1762.

Das Herz mag wohl die Gedanken, die Nieren mögen die Empfindungen bedeuten. Henry Ainsworth † 1622.

V. 11. Mein Schild ist bei Gott, wie Ps. 62,8: Mein Heil ist bei Gott. [Beide Male l(a, wörtlich: auf Gott; Delitzsch: Meinen Schild trägt Gott.] Die Vorstellung mag von dem Schildträger hergenommen sein, der stets zur Hand war, dem Krieger die nötige Waffe zu reichen. Andrew A. Bonar 1859.

V. 12. Ein Gott, der täglich droht. Die LXX, Vulg. und der Syr. haben, offenbar an dem Satze, dass Gott seinen Zorn täglich kundtue, Anstoß nehmend, l)a statt l)sI gelesen oder eine Fragepartikel eingeschoben und so den Sinn des Satzes in sein Gegenteil verwandelt. Dem folgen namhafte Ausleger. Aber besonders wenn man mit Luther und andern drohen übersetzt, tritt uns ohnehin in diesen Worten, wie einerseits die Gefährlichkeit der Lage des Sünders, der beständig unter dem Zorne Gottes steht und nie vor dessen plötzlichem Losbrechen gesichert ist, so anderseits die Langmut Gottes entgegen, die den Untergang nicht über den Gottlosen kommen lässt, ohne ihn vorher täglich bedroht zu haben. -- J. M.

Droht oder zürnet. Der Ausdruck des Grundtextes ist hier sehr stark: die Grundbedeutung scheint das Schäumen des Mundes im Grimm zu sein. [So auch Siegfried und Stade, 1893.]. Richard Mant l824.

V. 12-14. Er ist ein Gott, der täglich droht . Solches muss man Not halben denen Gottlosen sagen; denn sie fühlen Gottes Zorn nicht, so glauben sie nicht, auch fürchten sie Gott nicht. -- Will man sich nicht bekehren u., V. 13.14 : Der Prophet nimmt von einem groben menschlichen Gleichnis eine Lehre, auf dass er denen Gottlosen ein Erschrecken beibringe. Denn er redet wider unverständige und verstockte Leute, die den Ernst göttlichen Gerichts, davon er zuvor geredet, nicht verstehen wollen, es sei denn, dass solches ihnen durch den Brauch menschliches Ernsts angezeigt werde. -- Nun hat der Prophet nicht eine Genüge daran, dass er des Schwerts gedenket, sondern setzt auch hinzu, den Bogen; damit er noch nicht gesättigt, sondern sagt, wie er ihn bereits gespannt habe, und ziele, und habe seine Pfeile zugerichtet; wie hernach folgt. So harte, halsstarrig, und so unverschämt sind alle Gottlosen, dass man auch so viel Drohungen haben muss; noch werden sie gleichwohl nicht weich. Mit diesen Worten aber beschreibet er gar fein, wie Gottes Zorn nahe sei über die Gottlosen; welches sie doch nicht ehe verstehen, bis dass sie es fühlen. -- Dies ist auch hier zu merken, dass wir bis hierher in keinem Psalm so eine schreckliche Drohung und Zorn wider die Gottlosen gehabt haben; es hat sie auch der Geist Gottes nie mit so vielen Worten angetastet. Denn in den folgenden Versen wird er auch ihre Anschläge und ihren Rat erzählen, wie dieselbigen nicht alleine vergebens sein werden, sondern werden auf ihren Kopf wieder kommen. Dass also klar und offenbar erscheine allen denen, die da Unrecht und falsche Lästerworte leiden, ihnen zum Trost, wie Gott solche Lästermäuler und Schänder vor allen andern Leuten hasse. Martin Luther 1519.

Regelmäßige Lesung aus der Schatzkammer David Ps.7

von Jörg » 15.05.2018 15:28

Erläuterungen und Kernworte

Zum ganzen Psalm. Was immer die Veranlassung zu diesem Psalm gewesen sein mag, der eigentliche Gegenstand desselben scheint mir zu sein die Berufung des Messias auf Gott gegen die falschen Anklagen seiner Feinde. Denn gerade in dem Erleiden der Verleumdungen und seiner Berufung auf Gott war David ja ein Vorbild auf Christus. Und sollte Vers 8 nicht eine Weissagung auf die schließliche Bekehrung der ganzen Welt enthalten? Jedenfalls weist Vers 9 deutlich auf das zukünftige Gericht hin. D. jur. Samuel Horsley † 1806.

Über diese Anfechtungen, so wir in den vorhergehenden Psalmen gehabt, ist noch eine hinterstellig, nämlich Aufruhr, welche die Christen auch müssen leiden. Und musste Christus selber mit diesem Titel auch sterben. Wie jetzund dem Evangelium wird Schuld gegeben, dass es mache aufrührerische, rumorische Leute, richte Uneinigkeit und Krieg an. Das muss man lernen, dass es nicht anders will sein. Das Evangelium lehret ja Friede und Gehorsam; dennoch muss es den Namen haben, dass es eine aufrührerische Lehre sei, das machet, dass wir auch nicht alles wollen tun, das sie wollen. Martin Luther 1530.

Das Gebet Luthers im Gasthause zu Miltenberg April 1520 auf der Reise zum Augustinerkonvent in Heidelberg, das den Grafen Eberhard von Erbach aus einem Feinde und Verfolger in einen Freund Luthers und der evangelischen Sache verwandelte, war aus dem 7. Psalm geschöpft. - J. M.

Der 2. Vers unseres Psalms ist in Vater Goßners alter Bibel rot angestrichen, und daneben steht das Datum; 12.5.1824. Johannes Goßner, seit 1820 Pfarrer an der Malteserkirche in Petersburg, wurde am 8. Mai 1824 plötzlich außer Landes verwiesen. Kosaken brachten ihn über die russische Grenze. 1829 sagte er in seiner Antrittspredigt in der Böhmischen Gemeinde zu Berlin unter anderem Folgendes: "Vor fünf Jahren um diese Zeit stand ich wie ein Vater, der all seiner Kinder auf einmal beraubt wurde, wie ein Hirte, der in einem Tage alle seine Schafe verloren hatte, unter freiem Himmel, nicht wissend, wohin. Da blickte ich gen Himmel auf zu dem Gott Jakobs (1. Mose 28), weil meinem tausendfach verwundeten und zerrissenen Herzen um Trost sehr bange war und ich auf der ganzen weiten Welt keinen finden konnte. Und der Gott Jakobs schaute auch auf mich herab und antwortete mir -- denn ich schlug das heilige Bibelbuch auf, das mich auf meiner Flucht begleitete, und da fiel mir der 7. Psalm auf. Ich las: Auf dich, Herr, traue ich ... bis V. 7.8: und hilf mir wieder in das Amt, das du mir befohlen hast; dass sich die Leute wieder zu dir sammeln, und um derselben willen komme wieder empor. (Alte Lutherübers.) Ich las, las wieder, sprach: Wer hat diesen Psalm gemacht? Wann? Wie? -- Ich fasste wieder Mut und dachte: Der den verworfenen, verstoßenen David wieder einsetzte in sein Amt, sollte der dir nicht helfen können und wollen? Und gelobet sei er, er hat meine Hoffnung nicht zuschanden werden lassen und hat mir wieder geholfen in das selige Amt, und die Leute sammeln sich wieder, wie es heut am Tage ist, um derselben willen bin ich wieder emporgekommen. -- Nach J. D. Prochnow 1864.

V. 2. Zunächst lehrt uns der Prophet, dass wir nicht murren noch ungeduldig sollen sein, also, dass wir uns nicht zur Rache und Eifer reizen lassen wider solche falsche Ankläger, Schänder und Verfolger, wie denn die Leute pflegen zu tun, sondern wir sollen vor allen Dingen Zuflucht haben zu dem Herrn, der da sagt: Mein ist die Rache, ich will vergelten (5. Mose 32,35), vor welchem wir unsere Verfolgung und falsche Anklage sollen frei heraussagen mit voller Hoffnung und Vertrauen; welche Hoffnung in diesem Falle die Unschuld und ein gut Gewissen sehr helfen: wie denn David hier bittet, errettet zu werden von allen seinen Verfolgern. Martin Luther 1519.

Herr, mein Gott . Dies ist das erste Mal in den Psalmen, dass David den Allmächtigen mit den beiden Namen Jahwe und mein Gott anredet. Mit keinem geeigneteren Wort könnte ein Gebet oder eine Lobpreisung beginnen. Diese Namen zeigen den Grund auch für die im Folgenden ausgedrückte Zuversicht. Sie bezeichnen die höchste Ehrfurcht und das innigste Vertrauen zugleich. Sie schließen in sich die Anerkennung der unendlichen Vollkommenheiten Gottes und seiner Gemeinschaft mit uns im Bund und in der Gnade. D. William S. Plumer 1867.

Auf dich, Herr, traue ich, wörtl.: Bei dir suche ich Zuflucht. Das hebräische Zeitwort heißt eigentlich: den Zipfel der Kleider eines andern anrühren, anfassen, unter dem Schatten seiner Flügel Zuflucht suchen, sich bei jemand gleichsam verkriechen und in seinem Schutz geborgen wissen, wie ein Küchlein Zuflucht sucht unter dem Flügel der Henne. Prof. Joh. Wichelhaus † 1858.

V. 3. Man will beobachtet haben, dass Tiger bei dem Geruch wohlriechender Gewürze in Wut geraten. So reizt es die Gottlosen, wenn sich ihnen die geheiligte Art wahrer Gottseligkeit kundgibt. Ich habe von wilden Völkern gelesen, dass sie, wenn die Sonne heiß auf sie herabscheint, ihre Pfeile gegen sie abschießen; dasselbe tun gottlose Menschen gegen das Licht und die Wärme wahrer Frömmigkeit. Es besteht eine natürliche Abneigung zwischen frommen und gottlosen Menschen. 1. Mose 3,15; Ich will Feindschaft setzen zwischen deinem Samen und ihrem Samen. Jeremiah Burroughs † 1646.

V. 4. In den ersten Zeiten wurden auf das Volk Gottes viele Schmähungen gehäuft. Was für wunderliche Dinge berichtet uns Tertullian (im 3. Jahrh.), die man ihnen vorwarf, wie, dass sie in ihren Versammlungen Mahlzeiten hielten, gleich der des Thyestes, der seinen Bruder zum Mahle lud und ihn mit dem Fleisch des eigenen Sohnes bewirtete. Man beschuldigte sie der Unzucht, weil sie des Nachts zusammenkamen (denn bei Tage durften sie es nicht wagen, sich zu versammeln), und man sagte, sie bliesen die Lichter aus, wenn sie beisammen wären, und trieben dann Schändlichkeiten. Man hielt ihnen Unwissenheit vor: Sie seien alle ungelehrt. Darum pflegten wohl die Heiden zu Tertullians Zeit den Gott der Christen mit einem Eselskopfe und mit einem Buch in der Hand abzubilden, um anzudeuten, dass sie, ob sie wohl auf Bildung Anspruch machten, doch ein ungebildetes, einfältiges Volk wären, roh und unwissend. Bischof Jewell († 1571) wendet in einer Predigt diese Worte Tertullians auf seine Zeit an. "Tun nicht unsere Gegner das Gleiche gegen alle, die sich zum Evangelium von Christus bekennen? Wer sind doch die, sagen sie, welche es mit dieser Partei halten? Schuhmacher, Schneider, Weber und andere von der Art, die nie auf einer Hochschule gewesen." Ebenso führt er nachher ein anderes Wort Tertullians an, die Christen würden als Staatsfeinde angesehen. Josephus teilt uns eines gewissen Apollinaris Urteil über die Juden und die Christen mit: Diese seien unvernünftiger als irgendein Barbar. Der Altertumsforscher Paul Fagius († 1549) erzählt von einem Ägypter, der von den Christen sagte, sie seien eine Rotte von schmutzigem, unzüchtigem Volk. Über ihre Sabbatsheiligung berichtet er die Sage, sie hätten einen Aussatz an sich und seien daher froh, am siebenten Tage zu ruhen. Nicht anders war es zu Augustins Zeiten im 4. Jahrhundert. Er schreibt: Jeder, der anfängt, gottesfürchtig zu werden, muss sofort darauf gerüstet sein, von den Zungen der Feinde geschmäht zu werden. Ihre gewöhnliche Spottrede sei: "Was werden wir an dir haben, einen Elia oder einen Jeremia? Gregor voll Nazianz († 390) sagt in einer seiner Reden: "Das Schmähen ist so gewöhnlich, dass ich nicht daran denken kann, frei auszugehen." Den Athanasius haben sie Satanasius genannt, weil er ein besonderes Rüstzeug gegen die Arianer war. Jeremiah Burroughs † 1646.

Ich leugne nicht, ihr dürft, ihr müsst ein Gefühl haben für die Schmach, die eurem Namen angetan wird. Denn wie ein guter Name eine ausgeschüttete Salbe ist (vergl. Hohel. 1,3), so ist ein schlechter Name eine schwere Heimsuchung. Darum dürft ihr gegen Verleumdungen und Schmähungen, durch die euer guter Name verlästert wird, nicht gleichgültig sein und sagen: "Mögen die Leute von mir reden, was sie wollen; ich frage nichts danach, solange ich mich unschuldig weiß." Denn obwohl das Bewusstsein deiner Unschuld dir ein Trostgrund sein darf, so muss es doch deine Sorge sein, nicht nur Gottes Beifall zu erlangen, sondern auch an der Menschen Gewissen dich zu empfehlen (vergl. 2.Kor. 4,2; 8,20 f.) und auf deinen guten Namen mit möglichster Vorsicht zu achten. Wenn aber andere schmählich von dir reden, darfst du keinerlei Verdruss oder Leidenschaft an den Tag legen. Thomas Gouge 1660.

Es ist ein Zeichen, dass etwas Gutes in dir ist, wenn eine gottlose Welt dich lästert. "Quid mali feci?" fragte Sokrates, "was habe ich Schlimmes getan, dass dieser schlechte Mensch mir Beifall spendet? Thomas Watson 1660.

O wie nötig ist’s, dass man Liebe von reinem Herzen, von gutem Gewissen und von ungefärbtem Glauben bewahre und sich vor Blutschulden, Unterdrückung anderer, Sammlung eines unrechten Guts und andern bösen Tücken hüte; denn es kommt eine Zeit, da man Vorwürfe bekommt und sich auch gegen Gott auf seine Gerechtigkeit und Frömmigkeit soll berufen können. M. F. Roos † 1803.

Ein gutes Gewissen ist ein lebendiger Quell froher Zuversicht. Denn unser Ruhm ist dieser: das Zeugnis unseres Gewissens, dass wir in Einfältigkeit und göttlicher Lauterkeit, nicht in fleischlicher Weisheit, sondern in der Gnade Gottes auf der Welt gewandelt haben, allermeist aber bei euch (2.Kor. 1,12). Ihr Lieben, so uns unser Herz nicht verdammt, so haben wir eine Freudigkeit zu Gott (1.Joh. 3,21). Ein gut Gewissen ist ein sanftes Ruhekissen. Wer es hat, bleibt gleich Noah oder den drei Freunden Daniels mitten in Wasserflut und Feuersglut klar und heiter, aufrecht und unerschrocken. Ein gutes Gewissen sagt zur gläubigen Seele: Ich stehe dir zur Seite, ich stärke dich, ich halte dich aufrecht, ich bin dir ein Trost im Leben und ein Freund im Sterben. Sollten alle von dir lassen, ich verlasse dich nicht. Thomas Brooks † 1680.

Regelmäßige Lesung aus der Schatzkammer David Ps.7

von Jörg » 12.05.2018 07:37

7. Stehe auf, Herr, in deinem Zorn,
erhebe dich über den Grimm meiner Feinde,
und wache auf zu mir, der du Gericht verordnet hast,
8. dass sich die Völker um dich sammeln;
und über ihnen kehre wieder zur Höhe.


Wir vernehmen nun ein neues Gebet, das sich auf das soeben abgelegte Bekenntnis gründet. Wir können nicht zu oft beten. Ist unser Herz aufrichtig, so wird es uns so natürlich sein, uns zu Gott im Gebet zu wenden, wie der Magnetnadel, sich zum Nordpol zu kehren. -- Die Sprache des Dichters schwingt sich hier hoch auf.
Stehe auf, Herr, in deinem Zorn. Die Not lässt dem Psalmisten den Herrn wie einen Richter erscheinen, der den Richtersitz verlassen und sich zur Ruhe zurückgezogen hat. Der Glaube möchte den Herrn bewegen, für die Sache seiner Heiligen einzutreten. Erhebe dich über den Grimm (Grundt. Mehrzahl: über die Wutausbrüche) meiner Feinde . Ein noch stärkerer Ausdruck des ängstlichen Verlangens, der Herr möge doch seine Macht anziehen und den Thron besteigen. Stehe auf, o Gott; erhebe dich über sie alle, und lass es sich erweisen, wie himmelhoch deine Gerechtigkeit über ihre Schlechtigkeiten erhaben ist. Wache auf (und wende dich) zu mir, der du Gericht verordnet hast . Abermals eine Steigerung, ein noch kühneres Wort. Es deutet nicht nur auf Untätigkeit, sondern auf Schlaf hin und kann demnach von Gott nur mit einer starken Übertragung gebraucht werden. Er schläft noch schlummert nie. Zwar scheint er es oft zu tun. Die Gottlosen haben die Oberhand, und die Heiligen werden in den Staub getreten. Aber Gottes Schweigen ist die Geduld der Langmut. Währt es den Heiligen lange, so sollen sie es dennoch ertragen in der Hoffnung, dass noch Sünder dadurch zur Buße geführt werden mögen (vergl. 2. Petr. 3,9). Und eine Versammlung der Völker umgebe dich. (Wörtl. 2 Deine Heiligen werden sich zu deinem Richterstuhl drängen mit ihren Klagen, oder: sie werden mit ihren Huldigungen ihn umringen. Wie, wenn ein Richter (nach der englischen Sitte der Rundreisen der Richter) in seinem Sprengel die Gerichtstage hält, alle ihre Rechtssachen vor seinen Gerichtshof bringen, um Gehör zu finden, so werden die Gerechten sich sammeln um ihren Herrn. Und über ihr kehre zur Höhe, um deinen himmlischen Richterthron wieder einzunehmen. 3 Man kann auch (wie L. 1524) übersetzen: Und um ihretwillen kehre wieder zur Höhe. 4 Dann stärkt David sich hier im Gebet, indem er vor Gott geltend macht, dass, wenn er den Richterstuhl besteigen wollte, Scharen von Heiligen sowohl als David selbst glückselig sein würden. Bin ich zu gering, dass meiner sollte gedacht werden, so komm doch um ihretwillen, um der Liebe willen, die du zu deinem auserwählten Volk hegst, aus deinem verborgenen Gezelt hervor und sitze im Tor, dem Volke Recht zu sprechen. Ist meine Sache eins mit den Wünschen aller Gerechten, so wird sie gewiss gefördert werden. Denn wird Gott nicht Recht schaffen seinen Auserwählten? (Lk. 18,7 Grundt.)

9. Der Herr ist Richter über die Völker.
Richte mich, Herr, nach meiner Gerechtigkeit und Frömmigkeit!
10. Lass der Gottlosen Bosheit ein Ende werden, und fördere die Gerechten;
denn du, gerechter Gott, prüfest Herzen und Nieren.


Wie es scheint, hat David nun mit dem Auge seines Geistes den Herrn zu seinem Richtersitz aufsteigen sehen, und indem er ihn dort thronend erschaut in königlicher Majestät, drängt er sich näher herzu, seine Sache aufs Neue vorzutragen. Die königlichen Herolde verkünden die Eröffnung der Gerichtsverhandlung mit den feierlichen Worten: Der Herr ist Richter über die Völker. Unser Schutzflehender erhebt sich sofort und ruft dringend und demütig: Richte mich (schaffe mir Recht), Herr, nach meiner Gerechtigkeit und Frömmigkeit . Seine Hand liegt auf einem redlichen Herzen, und sein Ruf richtet sich an einen gerechten Richter. Er sieht ein huldvolles Lächeln auf des Königs Angesicht, und im Namen dieser ganzen versammelten Schar ruft er laut: Lass der Gottlosen Bosheit ein Ende werden, und fördere (stärke) die Gerechten . Ist das nicht das einmütige Verlangen der ganzen Schar der Erwählten? Wann werden wir einmal frei sein von dem befleckenden Umgang mit diesen Leuten von Sodom? Wann werden wir der Unsauberkeit Mesechs und den schwarzen Zelten Kedars für immer entrinnen?
Was für eine ernste und gewaltige Wahrheit enthält der letzte Satz des zehnten Verses: Du, gerechter Gott, prüfest Herzen und Nieren! Wie tief erkennt Gott uns, wie genau, wie sorgfältig, wie eindringend ist sein Prüfen! Er prüft die Herzen, die geheimen Gedanken, und die Nieren, die innersten Triebe. Es ist alles bloß und entdeckt vor seinen Augen (Hebr. 4,13).

11. Mein Schild ist bei Gott,
der den frommen Herzen hilft.
12. Gott ist ein rechter Richter
und ein Gott, der täglich dräuet.
13. Will man sich nicht bekehren, so hat er sein Schwert gewetzt,
und seinen Bogen gespannt, und zielet,
14. und hat drauf gelegt tödliche Geschosse;
seine Pfeile hat er zugerichtet, zu verderben.


Der Richter hat die Sache angehört, hat den Unschuldigen freigesprochen und sein Urteil gegen die Verfolger abgegeben. Treten wir näher heran, das Ergebnis der großen Gerichtssitzung zu erfahren. Dort steht der Verleumdete mit der Harfe in der Hand. Er besingt die Gerechtigkeit des Herrn und freut sich jubelnd der erfahrenen Befreiung. Mein Schild ist bei Gott (ruht auf ihm, er hält ihn), der den frommen Herzen hilft . Wie gut ist es, ein frommes, d. h. ein gerades, aufrichtiges Herz zu haben! Die durchtriebenen Sünder werden mit all ihrer List zuschanden gegenüber dem, der aufrichtigen Herzens ist. Gott schützt das Recht. Schmutz haftet nicht lange auf den reinen weißen Kleidern der Heiligen. Die göttliche Vorsehung wird ihn hinwegfegen, denen zum Verdruss, deren ruchlose Hände den Gottseligen damit beworfen haben. Wenn Gott unsere Sache prüft, dann geht unsere Sonne auf und die Sonne der Gottlosen für immer unter. Die Wahrheit kommt wie das Öl immer obenauf. Keine Macht unserer Feinde kann sie unter Wasser halten. Ihre Verleumdungen werden alle zunichte werden an dem Tage, da die Posaune die Toten erweckt, und wir werden mit Ehren bestehen, wenn die Lippen der Lügner auf ewig zum Schweigen gebracht werden. Du Mann des Glaubens, fürchte dich nicht, was immer deine Feinde wider dich sagen oder tun mögen. Dem Baum, den Gott gepflanzt hat, dürfen die Stürme keinen Schaden tun. Gott ist ein rechter Richter . Er hat dich deinen Hassern nicht preisgegeben, dass du solltest durch ihren Mund verdammt werden. Deine Widersacher können sich nicht auf Gottes Thron setzen, noch deinen Namen aus seinem Buch austilgen. So lass sie gehen. Gott wird die rechte Zeit für seine Vergeltung finden.
Gott ist ein Gott, der täglich den Gottlosen droht mit seinem Zorngericht. Nicht nur, dass er die Sünde selbst verabscheut, er zürnt auch denen, die sich hartnäckig der Sünde hingeben. Wir haben es nicht mit einem gefühllosen und gleichgültigen Gott zu tun. Er kann zürnen. Ja, er zürnt heute und jeden Tag über euch, ihr Gottlosen und unbußfertigen Sünder. Der beste Tag, der je über die Sünder aufgeht, bringt einen Fluch mit sich. Böse Menschen mögen viele festliche Tage haben, aber sie haben nicht einen einzigen sicheren Tag. Vom Anfang des Jahres bis zu seinem Ende ist keine Stunde, da nicht Gottes Ofen glüht und bereit ist für die Gottlosen, die wie Stroh sein werden (Mal. 3,19).
Will man sich nicht bekehren, so hat er sein Schwert gewetzt. Was für Streiche werden von diesem schon so lange erhobenen Arm ausgeteilt werden! Gottes Schwert ist geschliffen auf dem Wetzstein unserer täglichen Gottlosigkeit, und wenn wir nicht bereuen wollen, wird es uns bald in Stücke hauen. Bekennen oder Brennen ist des Sünders einzige Wahl. Er hat seinen Bogen gespannt und zielet . Schon sehnt sich der durstige Pfeil, sich mit dem Blut des Verfolgers zu netzen. Der Bogen ist gespannt und gerichtet; der Pfeil liegt auf der Sehne. Wie, Sünder, wenn er eben jetzt auf dich abgedrückt würde? Und richtet auf ihn (den Gottlosen) tödliche Geschosse. (Wörtl.) Bedenke, Gottes Pfeile verfehlen nie ihr Ziel, und jeder von ihnen ist tödlich. Und seine Pfeile macht er zu brennenden (Grundt.), zu Brandpfeilen, wie solche bei den Alten üblich waren. Wenn Gott lässt den Eifer brennen, brennt er bis zum Höllengrund. Gottes Gericht mag säumen, aber es wird nicht zu spät kommen. Gottes Mühlen mahlen langsam, mahlen aber desto feiner.

15. Siehe, der hat Böses im Sinn,
mit Unglück ist er schwanger, und wird Lüge gebären.
16. Er hat eine Grube gegraben und ausgehöhlt,
und ist in die Grube gefallen, die er gemacht hat.
17. Sein Unglück wird auf seinen Kopf kommen,
und sein Frevel auf seine Scheitel fallen.


In drei anschaulichen Bildern sehen wir des Verleumders Geschichte. Ein Weib in Geburtsnöten dient zu dem ersten Bilde. Siehe, der ist in Wehen mit Bösem. (Wörtl. 5 Er ist davon voll. Er leidet Pein, bis er es ausführen kann. Er sehnt sich, seinen Willen ins Werk zu setzen. Er ist voller Unruhe, bis seine böse Absicht verwirklicht ist. Unheil hat er empfangen. Dies ist der Ursprung seines schändlichen Anschlages. Der Teufel hat sich mit ihm zu schaffen gemacht, und des Bösen Gift ist in ihm. Und nun siehe auf die Frucht dieser heillosen Schwangerschaft. Das Kind ist seines Vaters würdig. Dessen Name war von alters her "der Vater der Lügen", und das Kind verleugnet den Vater nicht: Trug hat er geboren . Damit ist das erste Bild vollständig durchgeführt. Nun erläutert der Psalmist seinen Gedanken durch ein anderes, das von den Kunstgriffen des Jägers hergenommen ist. Eine Grube hat er gegraben und tief ausgehöhlt. Er war schlau in seinen Plänen und eifrig in der Ausführung. Er ließ sich zu dem unsaubern Werk des Ausgrabens herbei. Er scheute sich nicht, die Hände zu beschmutzen. Er war bereit, in einer Grube zu arbeiten, wenn nur andere dann hineinfallen. Was für niedrige Dinge tun nicht die Menschen, um ihre Rache an den Gottesfürchtigen auszulassen! Sie jagen auf redliche Menschen, als wären es unvernünftige Tiere. Ja, sie gönnen ihnen nicht einmal die offene Jagd, die man dem Hasen und dem Fuchs gewährt, sondern müssen hinterrücks sie verstricken, weil sie sie weder niederrennen noch niederschießen können. Unsere Feinde treten uns nicht offen entgegen; sie fürchten uns nämlich ebenso sehr, als sie vorgeben, uns zu verachten. Doch sehen wir auf das Ende der Szene. Der Vers sagt: Er ist in die Grube gefallen, die er gemacht hat . Ha, da ist er drin! Wir mögen wohl lachen über sein Missgeschick. Sieh, er selbst ist das Wild: er hat auf die eigene Seele Jagd gemacht, und die Jagd hat ihm eine schöne Ausbeute gebracht. So sollte es immer sein. Kommt her und seht eure Lust an diesem Jäger, der sich selber in der Schlinge gefangen hat. Kein Mitleid mit ihm: es wäre weggeworfen bei solch einem Elenden. Er hat nur seinen gerechten Lohn empfangen; er ist mit seiner eigenen Münze bezahlt worden. Er hat Böses aus seinem Munde gespieen, und es ist in seinen Busen gefallen. Er hat das eigene Haus in Brand gesetzt mit der Fackel, die er angezündet hatte, um das des Nachbars zu verbrennen. Die Rute, die er schwang, hat seinen eigenen Rücken getroffen. Das Unheil, das er plante, kommt auf seinen Kopf zurück, und sein Frevel stürzt auf seine eigene Scheitel . (Wörtl.) Flüche sind wie junge Hühner: sie kommen immer zu ihrer Stange heim. Asche fliegt allezeit dem ins Gesicht, der sie emporwirft. "Er wollte den Fluch haben: der wird ihm auch kommen." (Ps. 109,17 .) Wie oft hat sich dies wiederholt in der alten und neuen Zeit! Die Leute haben sich die eigenen Finger verbrannt, wenn sie ihren Nachbar zu brandmarken hofften. Und trifft das nicht sogleich zu, so kommt es künftig. Der Herr hat die Hunde Ahabs Blut lecken lassen mitten in Naboths Weinberg. Früher oder später haben schlimme Taten sich immer an ihren Urhebern gerächt. So wird es sein an dem letzten großen Tage, wenn Satans feurige Pfeile alle in sein Herz als in ihren Köcher zurückkehren werden und wenn alle seine Nachfolger ernten werden, was sie gesät haben.

18. Ich danke dem Herrn um seiner Gerechtigkeit willen,
und will loben den Namen des Herrn, des Allerhöchsten.


Wie wohltuend sticht dieser Schlussvers ab! Darin stimmen alle die bisherigen Psalmen (Ps 1-7) zusammen: sie schildern sämtlich die Glückseligkeit des Gerechten und lassen die Farben derselben leuchtender hervortreten durch den Gegensatz gegen das Elend der Gottlosen. Der glänzende Juwel funkelt in schwarzer Fassung. Danken und Lobpreisen ist der Beruf der Gottseligen, ihre Aufgabe in der Ewigkeit und jetzt schon ihre Freude. Darum lassen die Heiligen ihre Lieder erklingen vor dem Allerhöchsten. Wir sehen: Der verleumdete Knecht des Herrn schließt mit Lobpreis Gottes. Bei dem Weh seines Herzens wegen der Bosheit seiner Feinde war sein Lobgesang verstummt, aber nur für eine gar kurze Frist. Jetzt sehen wir ihn zuletzt noch mit Macht in die klangvollen Saiten seiner Harfe greifen, dass ihr Wohllaut zu dem dritten Himmel anbetender Lobpreisung emporsteigt.

Regelmäßige Lesung aus der Schatzkammer David Ps.7

von Jörg » 08.05.2018 16:00

Kommentar & Auslegung zu PSALM 7


Überschrift

Die Unschuld Davids, davon er sang dem Herrn, von wegen der Worte des Chus, des Benjaminiten. Wörtlich: Ein schiggajon Davids, welches er sang. Das Wort schiggajon hat von altersher mannigfache Deutung erfahren. Die Tradition der Synagoge bezog es, sicher unrichtig, auf die Verirrung (die Sünde) Davids; Luthers Übersetzung "Unschuld" ist ebenfalls unhaltbar. Das Wort, das nur hier und Hab. 3,1 (dort im Plural) vorkommt, bezeichnet ohne Zweifel eine Dichtungs- oder Sangesart; jede genauere Deutung aber ist unsicher. Am meisten Anklang hat die Vermutung Ewalds gefunden, das Wort bezeichne ein Lied in wechselndem Ton (von hg# taumeln, umherirren, wie der griech. Dithyrambus, Irrgedicht, Taumellied). Franz Delitzsch bemerkt dazu: "Angstvolle Unruhe, Trotz bietendes Selbstvertrauen, triumphierender Aufschwung, getrostes Vertrauen, prophetische Gewissheit, -- all diese Stimmungen kommen in der unregelmäßigen Strophenfolge dieses Davidischen Dithyrambus zum Ausdruck." Wahrlich, auch der Psalm unseres Lebens setzt sich aus wechselnden Versen zusammen: Eine Strophe rollt dahin im erhabenen Versmaß des Triumphes, eine andere bewegt sich schwerfällig im gebrochenen Tonfall der Klage. In den Liedern der Heiligen hienieden klingen oft die tiefen Töne stark durch. Unsere Erfahrungen sind veränderlich wie das Wetter.
Aus der Überschrift erfahren wir den Anlass zur Abfassung dieses Liedes. Vermutlich hatte Chus, der Benjaminiter , den David bei Saul einer hoch verräterischen Verschwörung gegen dessen königliche Würde beschuldigt. Dem schenkte der eifersüchtige König gewiss nur allzu willig Glauben. Man vergleiche 1. Samuel 24,10; 26,19 . Wir erinnern uns dabei, dass dieser Chus mit Saul gleichen Stammes war. Möglich, dass er, obwohl sein Name sonst nirgends genannt ist, mit dem König eng befreundet war. Wer dem Throne nahe steht, kann einem Untertanen mehr schaden als ein gewöhnlicher Verleumder. Der Name Chus, besser Kusch geschrieben, lautet nach besser bezeugter Lesart Kuschi. Luther fasste dies Wort nicht als Eigennamen, sondern gleich Kuschiter, was er (vergl. Jer. 13,23) mit Mohr übersetzt. Er sah darin eine Bezeichnung Simeis, des Feindes Davids aus dem Geschlecht Sauls (2. Samuel 6,5-12), als eines "schwarzen" Menschen: "als der Poet (Juvenal) saget: Hic niger est, hunc tu, Romane, caveto. Er ist schwarz, du Römer, hüte dich vor ihm."
Wir können diesen Psalm wohl das Lied des verleumdeten Heiligen nennen. Selbst die Verleumdung, dies schmerzlichste der Übel, kann also Anlass zu einem Psalmlied werden. Was für ein Segen würde es sein, könnten wir wie David auch das bitterste Erlebnis zum Gegenstand eines Psalms machen und so das Blatt wider den Erzfeind wenden! Lernen wir hierin auch von Luther: "David", sagte er einst, "dichtete Psalmen, und auch wir wollen Psalmen dichten und singen, so gut wir’s können, unserm Herrn zu Ehren und dem Teufel zum Trotz und Spott."

Einteilung

Vers 2.3 zeigen die Gefahr an und flehen um Hilfe. Darauf beteuert der Psalmist feierlich seine Unschuld (V. 4-6). Er trägt dem Herrn sein Anliegen vor, dass er sich zum Gericht erhebe (V. 7.8). Der Herr auf seinem erhabenen Throne hört auf den erneuten Hilferuf des verleumdeten Schutzflehenden (V. 9.10). Und nun spricht er seinen Knecht frei und bedroht die Ruchlosen (V. 11-14). Ein Gesicht zeigt, wie der Verleumder einen Fluch über das eigene Haupt herabzieht (V. 15-17), während David siegreich aus der Prüfung hervorgeht und seinem gerechten Helfer ein Loblied singt (V. 18). Wir haben hier eine gute Illustration zu dem Text Jes. 54,17 : Eine jegliche Waffe, die wider dich zubereitet wird, der soll es nicht gelingen; und alle Zunge, so sich wider dich setzt, sollst du im Gericht verdammen.

Auslegung

2. Auf dich, Herr, traue ich, mein Gott.
Hilf mir von allen meinen Verfolgern, und errette mich,
3. dass sie nicht wie Löwen meine Seele erhaschen
und zerreißen, weil kein Erretter da ist.


David erscheint vor Gott, um ihm seine Sache wider den Verkläger, der ihn der Treulosigkeit und des Verrats beschuldigt hat, vorzulegen. Er eröffnet die Darlegung des Rechtsfalles (vergl. den Eingang der Rede des Tertullus, Apg. 24,3) mit einem Bekenntnis der Zuversicht zu Gott. Wie immer unsere Lage sich gestalten mag, wir werden es nie zu bereuen haben, wenn wir am Vertrauen auf Gott festhalten. Herr, mein Gott, -- mein durch besonderen Bund, der mir versiegelt ist durch das Blut der Sühne und in meinem Herzen bestätigt durch das Bewusstsein meiner Gemeinschaft mit dir. Auf dich, und auf dich allein, traue ich , auch jetzt in meiner tiefen Betrübnis. Ich erbebe, aber mein Fels wankt nicht. Es ist nie recht, Gott zu misstrauen, und nie vergeblich, ihm zu trauen. Der Grundtext besagt noch mehr: Bei dir berge ich mich, d. h. suche ich Schutz. Und nun bringt David, durch beides, seine Gemeinschaft mit Gott und seine heilige Zuversicht ermutigt, sein Anliegen vor: Hilf mir von allen meinen Verfolgern . Seiner Verfolger waren viele, und ein jeder derselben war grimmig genug, ihn zu zerreißen. Darum ruft er um Errettung von ihnen allen. Wir sollten unsere Gebete nie für vollständig halten, wenn wir nicht um Bewahrung vor aller Sünde und allen Feinden bitten. Und errette mich . Befreie mich aus ihren Fallstricken und sprich mich frei von ihren Anklagen; lass mir eine volle Ehren- und Lebensrettung zuteil werden in dieser Not, da man mir meinen guten Namen antastet und mich zu verderben trachtet. Wie klar legt er seine Sache dar! Achten wir darauf, dass wir wissen, was wir erlangen wollen, wenn wir dem Thron der Gnade nahen. Halt eine kleine Weile inne, bevor du betest, dass du nicht leere Worte vor Gott bringest. Mache dir eine klare Vorstellung von dem, was dir Not ist; um so kräftiger wird sich dein Gebet dann ergießen.
Dass er nicht wie ein Löwe meine Seele erhasche und zerreiße. (Grundt. Einzahl, so auch Luther 1524.) Hier bringen Furcht und Glaube gemeinsam ihre Sache vor. Einer unter Davids Feinden war gewaltiger als die übrigen; bei ihm verbanden sich Ansehen und große Macht mit dem Grimme, er war wie ein Löwe. Um Errettung aus den Klauen dieses Feindes fleht der Psalmist inbrünstig. Vielleicht war das Saul, sein königlicher Feind. Auch wir haben einen Feind vor andern, der umhergeht wie ein Löwe, suchend, welchen er verschlinge (1. Petr. 5,8), und hinsichtlich dessen wir immer rufen sollten: "Erlöse uns von dem Bösen." -- Man beachte das Markige der Schilderung: Dass er nicht erhasche und zerreiße, weil kein Erretter da ist . Es ist ein Bild aus Davids Hirtenleben. Wenn der grimme Löwe das wehrlose Lamm mit seinen Krallen gepackt hat, so reißt er es in Stücke, zermalmt die Knochen und verschlingt alles miteinander, weil kein Hirte da ist, das Lamm vor dem raubgierigen Untier zu beschützen oder es ihm zu entreißen. Das ist ein erschütterndes Bild eines Gläubigen, der dem Willen Satans preisgegeben ist. Dieser Hilferuf muss Gottes innerstes Erbarmen erwecken. Ein Vater kann nicht still zusehen, wenn sein Kind in solcher Gefahr ist. Wie könnte er den Gedanken ertragen, seinen Liebling im Rachen des Löwen zu wissen! Er wird sich aufmachen und den Verfolgten erretten. Unser Gott ist sehr barmherzig; er wird ganz gewiss die Seinen aus so hoffnungslosem Verderben herausreißen. Es wird gut sein, uns zu erinnern, dass hier die Gefahr geschildert wird, welcher der Psalmist durch verleumderische Zungen ausgesetzt war. Wahrlich, das Bild ist keine Übertretung. Wunden, die das Schwert schlägt, pflegen zu heilen; aber die Wunden, die die Zunge verursacht, schneiden tiefer als ins Fleisch und heilen nicht so bald. Die Verleumdung lässt einen Flecken zurück, auch wo sie völlig widerlegt wird. Obgleich die öffentliche Meinung als öffentliche Lügnerin bekannt ist, hat sie doch viele gläubige Anhänger. Lasst nur erst ein böses Wort in den Mund der Leute kommen: ihr bringt es so leicht nicht wieder hinaus. Die Italiener sagen, der gute Ruf sei wie die Zypresse, die, wenn sie einmal verstümmelt wird, nie wieder frische Triebe hervorbringt. Dies Sprichwort trifft zwar nicht zu, wenn unser Ruf durch fremde Hand ohne unsere Schuld verletzt wird; doch selbst dann wird er nicht leicht grünen wie zuvor. Es ist eine über alle Maßen schändliche Niederträchtigkeit, die Ehre eines redlichen Mannes meuchlings zu morden; aber der teuflische Hass kennt nichts von Ritterlichkeit in seiner Kampfesweise. Auch wir müssen auf solche Prüfung vorbereitet sein, denn sie wird uns schwerlich erspart bleiben. Wurde Gott selber sogar schon im Paradiese verlästert, so wird es uns in diesem Land der Sünde sicher nicht an boshaften Angriffen auf unsere Ehre fehlen. Gürtet eure Lenden, ihr Kinder der Auferstehung, denn diese Feuerprobe steht euch allen bevor.

4. Herr mein Gott, hab ich solche getan,
und ist Unrecht in meinen Händen;
5. hab ich Böses vergolten denen, so friedlich mit mir lebten;
oder die, so mir ohne Ursache Feind waren, beschädigt:
6. so verfolge mein Feind meine Seele, und ergreife sie,
und trete mein Leben zu Boden,
und lege meine Ehre in den Staub. Sela.


In diesem zweiten Teil des rasch wechselnden Liedes beteuert der Sänger seine Unschuld, und er ruft die Rache auf sein eigenes Haupt herab, wenn es nicht rein sein sollte von dem ihm zur Last gelegten Unrecht. Wir übersetzen: Habe ich Böses angetan dem, der mit mir in Frieden lebte -- ich errettete aber vielmehr den, der mich ohne Ursache befehdete -- so verfolge der Feind meine Seele usw. 1 David war davon so fern, verräterische Absichten zu hegen oder eines Freundes Wohlwollen mit Undank zu vergelten, dass er sogar seinen Feind hatte entrinnen lassen, da dieser völlig in seiner Hand war. Zweimal hatte er Sauls Leben geschont: einmal in der Höhle Adullam (1. Samuel 24,4 ff.), und wieder, da er ihn schlafend fand inmitten seines schlummernden Heeres (1. Samuel 26,5 ff.). So konnte er sich mit reinem Gewissen auf den Himmel berufen. Wessen Seele von Schuld rein ist, der braucht den Fluch nicht zu fürchten. Doch ist die Art, wie David hier in Form einer Selbstverwünschung seine Unschuld beschwört, eine überaus starke Redeweise, die nur zu rechtfertigen ist durch die äußerste Not seiner Lage, sowie durch die Natur des alten Bundes, unter welchem er lebte. Uns ist durch unseren Meister geboten, unser Ja Ja und unser Nein Nein sein zu lassen; was darüber ist, ist vom Bösen (Mt. 5,37). Kann man uns auf unser Wort nicht glauben, so wird auch unserem Eidschwur nicht zu trauen sein. Dem wahren Christen ist sein einfaches Wort so bindend, wie einem andern ein Eid. Hüte aber auch der Unbekehrte sich, mit feierlichen Beschwörungen zu spielen; Gott lässt sich nicht spotten, wie er es so manchmal erwiesen hat.
Sela. David verstärkt das Feierliche seiner Berufung auf Gottes Richterstuhl, indem er hier eine Pause eintreten lässt.
Aus diesen Versen sehen wir, dass keine Unschuld gegen die Verleumdungen der Gottlosen Schutz gewährt. David hatte mit peinlicher Sorgfalt jeden Schein der Auflehnung gegen Saul, den er stets ehrfurchtsvoll als den Gesalbten des Herrn bezeichnete, vermieden; aber das alles konnte ihn vor den Lügenzungen nicht schützen. Wie der Schatten dem Körper, so folgt der Neid der Tugend. Nur auf den Frucht beladenen Baum wirft man mit Steinen. Mit der Erfüllung des Wunsches, ohne Verleumdung zu leben, werden wir bis zum Himmel warten müssen. Hüten wir uns wohl, den in der Luft schwirrenden Gerüchten zu glauben, die allezeit redliche Menschen verfolgen. Wenn niemand den Lügen Glauben schenkte, so würde die Falschheit einen flauen Markt finden, und der Ruf rechtlicher Leute bliebe unangetastet. Die Sünder hegen jedoch einen unauslöschlichen Widerwillen gegen die Heiligen; darum können wir gewiss sein, dass sie nichts Gutes von ihnen sagen werden

Regelmäßige Lesung aus der Schatzkammer David Ps.6

von Jörg » 27.04.2018 16:50

V. 8. Seelennot ist gewöhnlich von körperlichen Leiden begleitet, so dass sich der ganze Mensch nach Leib und Seele in Schmerzen windet. Es ist nichts Gesundes an meinem Leibe vor deinem Drohen, sagt David (Ps. 38,4). Die Pfeile des Allmächtigen stecken in mir, deren Gift muss mein Geist trinken, sagt Hiob (Kap. 6,4). Herzenskummer zehrt an allen Kräften des Gemütes und des Körpers; darum klagt Heman (Ps. 88,4): Meine Seele ist voll Jammers, und mein Leben ist nahe bei der Hölle, d. h. dem Tode nahe. In dieser inneren Not welkt unsere Kraft dahin, sie schmilzt wie Wachs am Feuer; denn das Grämen umdüstert den Geist, verdunkelt die Urteilskraft, macht das Gedächtnis blind gegen alles Angenehme und umwölkt den heiteren Sinn, so dass die Lampe der Lebensgeister nur trübe brennt. In solch betrübter Lage kann es nicht anders sein, als dass auch das Antlitz blass und bleich wird und verfällt, wie bei großem Schrecken und Bestürzung. Ein fröhliches Herz macht das Leben lustig; aber ein betrübter Mut vertrocknet das Gebein (Spr. 17,22). Daher die häufigen Klagen in der Schrift: Mein Saft vertrocknete, wie es im Sommer dürre wird (Ps. 32,4). Ich bin wie ein Schlauch im Rauche. Meine Seele liegt im Staube (Ps. 119,83.25). Mein Antlitz ist geschwollen vom Weinen, und meine Augenlider sind verdunkelt (Hiob 16,16). Des Nachts wird mein Gebein durchbohret allenthalben, und die mich nagen, legen sich nicht schlafen (Hiob 30,17). Oft aber nimmt die Seelennot auch ihren Ausgang von Schwäche und Krankheit des Leibes. Langwieriges Leiden ohne Hoffnung auf Genesung greift mit der Zeit die Seele selbst an. Fast immer können wir beobachten, wie die äußere Not David zu der Besorgnis treibt, Gott zürne mit ihm wegen seiner Sünde. Timothy Rogers † 1729.

Mein Auge (Grundt.) ist verfallen. Viele gebrauchen die Augen, welche Gott ihnen gegeben, als wären es zwei Lichter, die ihnen auf dem Weg zur Hölle leuchten sollten. Darum vergilt ihnen Gott gerechterweise, da er sieht, dass ihre Sinne verblendet sind durch der Augen Lust, des Fleisches Lust und hoffärtiges Leben, und sendet ihnen Krankheit, welche die Augen schwächt, die in des Teufels Dienst so scharfsichtig waren, und sie müssen ihre Lust büßen, indem ihnen nun das notwendige Licht der Augen mangelt. A. Symson † 1638.

Das Auge, das nach seines Nächsten Weib geschaut und sich nach ihr hatte gelüsten lassen, ist nun trübe und dunkel vor Kummer und Leid. Er hatte sich fast blind geweint. John Trapp † 1669.

Denn ich allenthalben geängstet werde (wörtl.: ob aller meiner Dränger). Wenn die Seeräuber ein leeres Schiff sehen, segeln sie vorüber; ist das Schiff aber mit kostbaren Waren beladen, dann greifen sie es an. So lässt auch der Satan solche Menschen unbeachtet, die ohne Gnade dahinleben; sie sind kein guter Fang für ihn, er hat sie ohnehin. Aber solche, die mit Gnaden beladen sind, mit Liebe und Furcht Gottes und andern ähnlichen Tugenden, mögen überzeugt sein, dass Satan, sobald er weiß, was in ihnen ist, es nicht fehlen lassen wird, sie dessen zu berauben, wenn er es irgend vermag. Archibald Symson † 1638.

V. 9. Es muss unter währendem Klagegebet dem David Gottes Licht und Trost schnell ins Herz gefallen sein; darum bietet er hier allen denen Trotz, die ihm und seinem Gott bisher so viel Übels getan. Er will mit ihnen weiter nichts zu schaffen haben, wie Paulus Gal. 6,17. Joh. D. Frisch 1719.

Weichet von mir! Ihr möget nun eurer Wege gehen; denn das, wonach ihr ausschaut, mein Tod, wird euch jetzt nicht gewährt werden, denn der Herr hat mir in Gnaden das geschenkt, worum ich ihn mit Tränen gebeten. Thomas Wilcocks 1586.

Übeltäter werden die Gottlosen genannt, weil sie voll Eifers und stets bereit sind, zu sündigen. Sie haben einen unwiderstehlichen Hang, Böses zu tun, und tun es nicht halb, sondern ganz. Sie beißen nicht nur ein wenig am Köder an (wie das auch bei guten Menschen vorkommt), sondern schlucken ihn gierig hinunter, Haken und alles. Sie sind ganz bei der Sache und rasten nicht, bis sie alles ausgeführt haben. Sie machen aus der Sünde ein Handwerk und verdienen darum den Namen Übeltäter oder Wirker des Bösen. Joseph Caryl 1647.

Die Stimme meines Weinens (Grundt.). Das Weinen hat eine Stimme; und wie Musik auf dem Wasser weiter schallt und harmonischer klingt als auf dem Lande, so klingen tränenvolle Gebete lauter und lieblicher in Gottes Ohren als solche ohne Tränen. Als Antipater an Alexander einen langen Brief gegen dessen Mutter geschrieben hatte, antwortete ihm der König: "Eine Träne meiner Mutter wäscht alle ihre Fehler weg." So ist es bei Gott. Bußzähren sind Gesandte, die er nicht anders als gnädig aufnehmen kann. Nie kommen sie unbefriedigt vom Thron der Gnade zurück. John Spencer † 1654.

Etliche mögen sagen: Ich kann nicht weinen; ich könnte gerade so gut aus einem Felsen Wasser pressen, als aus meinem Auge Tränen. Aber wenn du auch nicht weinen kannst über deine Sünde, bist du betrübt über sie? Betrübnis des Geistes ist besser als Erschütterung der Nerven. Wahres Leidtragen mag da sein, wo die Tränen fehlen; das Schiff mag voll beladen sein, wiewohl der Wind nicht die Segel schwellt. Gott sieht nicht sowohl auf das Weinen, als auf das zerbrochene Herz. Doch sei es ferne von mir, den Tränen derer, die weinen können, Einhalt zu gebieten. Gott sah auf Hiskias Tränen (Jes. 38,6): Ich habe deine Tränen gesehen. Davids Tränen waren Musik in Gottes Ohr, denn der Psalmist sagt: Der Herr hat die Stimme meines Weinens gehöret. Es ist ein Anblick, wohl wert, dass Engel sich darüber freuen (Lk. 15,10), wenn Tränen in eines bußfertigen Sünders Auge perlen. Thomas Watson 1660.

Gott hört die Sprache unserer Blicke und unserer Tränen manchmal besser als die Sprache unserer Worte; denn der Geist selbst vertritt uns aufs Beste mit unaussprechlichem Seufzen (Röm. 8,26). Tränen ohne Worte, die die Einfalt weint, führen eine beredte Sprache vor Gott; ja sogar ungeweinte Tränen. Wie Gott die Wasserquellen in den verborgenen Adern der Erde sieht, ehe sie an der Oberfläche hervorsprudeln, so sieht Gott auch die Tränen in unserem Herzen, ehe sie uns die Backen herabrinnen. Gott hört die Tränen der bekümmerten Seele, die vor Kummer keine Träne vergießen kann. Erst mag nur das Auge sich eben himmelwärts aufschlagen und der Herzenskummer aus den Augen quellen oder wenigstens ein Fenster öffnen, durch das Gott das weinende Herz sieht, ob auch das Auge trocken ist; aber von diesen ersten Anklängen der Buße, den stammelnden Lauten der Kinder vergleichbar, die der Eltern Herz mit Wonne füllen, kommt es bei dem bußfertigen Sünder zu klareren, in deutliche Worte gefassten Gebeten. So war es auch bei David. Beiden Arten des Gebets aber hatte Gott sein Ohr geliehen. D. John Donne † 1631.

Welch merkwürdiger Wechsel ohne jede Vermittlung! Mit Recht mochte Luther sagen: Das Gebet ist für die Seele wie ein Blutegel, der das Gift aussaugt. Das Gebet, sagt ein anderer, beschwört die Geister der Sünde und des Kummers. Bernhard v. Clairvaux sagt: Wie oft habe ich mich fast in völliger Verzweiflung zum Gebet niedergeworfen und habe mich triumphierend erheben können, der Vergebung völlig versichert! Dasselbe finden wir hier bei David, wenn er sagt: Weichet von mir, alle Übeltäter, denn der Herr hat die Stimme meines Weinens gehört . Welche Sprache gegen seine Dränger: Packt euch! hinaus mit euch! Geht mir aus den Augen! Das sind Worte, für Teufel und Hunde üblich, aber völlig passend für einen Doeg oder Simei. Und der Davidssohn wird dasselbe zu seinen Feinden sagen, wenn er zum Gericht kommt. John Trapp † 1669.

V. 11. Das ist weniger eine Verwünschung als eine heftige prophetische Rede. Wollen sie nicht zu Herzen nehmen, dass Gott sich selbst als Beschützer seiner Knechte erklärt; wollen sie nicht bedenken, dass Gott seine Kinder erhört und ferner erhören wird, sie rettet und ferner retten wird; wollen sie in ihrem Widerstand gegen ihn fortfahren, so werden gewisslich schwere Gerichte über sie hereinbrechen. Ihre Bestrafung ist sicher, aber die Wirkung auf ihre Herzen unsicher; Gott allem weiß, ob seine Züchtigungen ihnen zur Erweichung oder Verhärtung dienen werden. -- In dem Wort: Sie müssen sehr erschrecken, wünscht David seinen Feinden, was er selbst erlebt hatte; er hatte ja dasselbe Wort vorher von sich gebraucht, V. 3.4 . Wenn wir erwägen, dass eben dieses Erschrecken für David der Weg zu Gott gewesen war, können wir darin keine boshafte Verwünschung sehen, wenn er seinen Feinden, die an demselben Übel der Sünde noch kränker waren als er selbst, dasselbe Heilmittel wünscht. Davids Seele gleicht jetzt einer nach dem Sturme noch bewegten See. Die Gefahr ist vorüber, aber noch gehen die Wogen hoch. Eine Seele aber, die so vor Gott erschrocken ist, ist auf dem besten Wege zu völliger Stille. D. John Donne † 163t .

Sich zurückkehren und zuschanden werden. Beachte den ins Deutsche nicht übertragbaren melodischen Gleichklang jaschubu jeboschu. Lic. Hans Keßler 1899.

Und zuschanden werden plötzlich. Das ist die andere und ärgste Beschämung, welche diejenigen vor Gottes Gericht im Angesicht aller Engel und Menschen zu erwarten haben, welche nicht auf die erste Beschämung hier in der Zeit gehen wollen, und das kann ihnen widerfahren, ehe sie sich’s vermuten. Joh. D. Frisch 1719.

V. 9-11. Viele der Klagepsalmen enden in ähnlicher Weise. Das ist ein Hinweis für den Gläubigen, dass er beständig vorwärts blicken und sich des Tages trösten soll, da sein Kampf vollendet ist. Dann wird weder Sünde noch Leid mehr sein und plötzliche ewige Bestürzung alle Feinde der Gerechtigkeit bedecken. Dann wird der Bußfertige seinen Sack mit dem Kleid der Herrlichkeit vertauschen; jede seiner Tränen wird als Perle in seiner Krone glänzen; sein Seufzen und Stöhnen wird ausklingen in himmlischen Lobgesang, den die Engel mit ihren Harfen begleiten, und der Glaube wird sich ins Schauen des Allmächtigen verwandeln. Bischof D. George Horne † 1792.

Homiletische Winke

V. 2. Eine Predigt für angefochtene Seelen. I. Gottes zwiefaches Strafen. 1) Innerliche Bestrafung durch eine ergreifende Predigt, durch ein Gericht über andere, durch eine leichtere Heimsuchung, die uns selbst widerfährt, oder durch eine ernste Mahnung des heiligen Geistes in unserm Gewissen. 2) Äußerliche Züchtigung. Diese erfolgt, wenn die innerliche Bestrafung unbeachtet bleibt; und zwar durch Schmerzen, Verlust irdischen Gutes oder eines unserer Lieben, Schwermut und andere Heimsuchungen. II. Was ist am meisten bei Gottes Strafen zu befürchten? Gottes Zorn und Ungnade. III. Wie können wir solches Übel abwenden? Durch Beugung, Bekenntnis der Sünde, ernste Besserung, Glauben an den Herrn usw.
Des Gläubigen größter Schrecken: der Zorn Gottes. Was offenbart diese Tatsache in unserm Herzen? Warum ist es so? Was ist im Stande, diese Furcht auszutreiben?
V. 3. Das argumentum ad misericordiam, die Berufung auf Gottes Erbarmen.
Die göttliche Heilung. 1) Was ihr vorhergeht: Meine Gebeine sind sehr erschrocken. 2) Wie sie sich vollzieht. 3) Was auf sie folgt.
V. 4. Die Ungeduld der bekümmerten Seele. 1) Wie viele Sünden sie erzeugt. 2) Wie viel Unheil sie bringt. 3) Wie sie geheilt wird.
Eine fruchtbare Betrachtung könnte die Erwägung der Frage sein: Wie lange wird Gott den Gerechten in Trübsal lassen?
V. 5. Wende dich, Herr . Diese Bitte ist eingegeben durch die Empfindung, dass Gott sich von seinem Knecht abgewandt habe; sie wird ermutigt durch das Wirken der Gnade im Herzen; sie ist verbunden mit Durchforschen des eigenen Herzens und ernster Buße; der Drang der Not unterstützt sie; der Antwort harrt sie nicht vergeblich; und endlich ist in dieser kurzen Bitte alles eingeschlossen, was wir an Gnade bedürfen.
Das Gebet eines Gläubigen, der sich von Gott verlassen fühlt. 1) In welcher Lage befindet sich der Beter unseres Psalms? Seine Seele ist gebunden und in großer Not. 2) Woraus hofft er? Dass der Herr sich wieder zu ihm wende. 3) Worauf beruft er sich? Allein auf Gottes Gnade.
V. 6. Man betrachte von verschiedenen praktischen Gesichtspunkten aus, dass all unser irdischer Gottesdienst einmal aufhört.
Weil ich noch Stunden auf Erden zähle,
Will ich lobsingen meinem Gott.
V. 7. Die Tränen der Gläubigen. Welcher Art sie sind; wie reichlich sie fließen; was sie bewirken; wie sie gestillt werden und endlich auf immer vom Angesicht abgewischt sein werden.
V. 9. Die Stimme des Weinens (Grundt.).
Wie der begnadigte Sünder sich von den Gottlosen scheidet.
V. 11. Die Schande, die der Gottlosen wartet.
Fußnoten
1. Zum Unterschied von Herr = Adonai, Allherr, in den besseren Bibelausgaben mit zwei großen Buchstaben (HERR) gedruckt.

2. Hölle hier gleich Scheol, griech. Hades, das unterirdische Land der Toten, ähnlich wie das Wort Hölle im Altdeutschen. Die Psalmendichter (nicht so die späteren Juden) wissen nur von einem einigen Sammelort der Toten in der Tiefe der Erde, wo sie zwar leben, aber doch nur schattenhaft, weil abgeschieden vom Licht des Diesseits und, was das Kläglichste, vom Lichte der Gegenwart Gottes. Die Hoffnung auf ein ewiges Leben ist nur im Keime vorhanden, weil noch nicht deutlich geoffenbart. "Deshalb kann der Christ V. 6 dieses Psalms und ähnliche Stellen (30,10; 88,11-13; 115,17; Jes. 38,18 f.) nur insofern mitbeten, als sich ihm der Begriff des Hades in den der Gehenna (des Ortes der Qual, Mt. 5,22 u. a. St.) umsetzt. In der Hölle ist ja wirklich kein Lobgedächtnis, kein Lobpreis Gottes. Die Furcht Davids vor dem Tode als etwas an sich Unseligem ist auch ihrem letzten Grunde nach nichts anderes als die Furcht vor einem unseligen Tode." (Delitzsch.)

3. Meist übersetzt man übrigens diesen und ähnliche, in den Psalmen oft wiederkehrende Ausdrücke, einfach: mein lautes Weinen.

Regelmäßige Lesung aus der Schatzkammer David Ps.6

von Jörg » 24.04.2018 15:32

V. 4. Ach du, Herr, wie lange ? Das wird jeder in der Schule der Leiden Erzogene bekennen, dass weniger die Größe des Elends, als seine anhaltende Dauer es ist, welche die Geistes- und Leibeskraft untergräbt. Prof. D. A. F. Tholuck 1843.

Dreierlei mögen wir hier merken: Erstens, Gott hat eine bestimmt bemessene Zeit für all die Leiden seiner Kinder. Vor dieser Zeit werden sie nicht aus der Not geführt, und auf Gottes Stunde müssen sie geduldig warten und dürfen nicht daran denken, Gott die Zeit vorzuschreiben. Israel blieb in Ägypten, bis die Vollzahl der vierhundertdreißig Jahre erfüllt war. Joseph war drei Jahre und mehr im Gefängnis, bis die rechte Stunde für seine Befreiung schlug. Die Juden mussten siebzig Jahre in Babel ausharren. Wie der Arzt dem Kranken vorschreibt, wie lange er fasten und wann er wieder stärkende Nahrung nehmen solle, so weiß Gott die rechten Zeiten für unsere Demütigung und unsere Erhöhung. Sodann siehe, wie ungeduldig unsere Natur im Leiden ist. Noch sträubt sich das Fleisch wider den Geist und vergisst sich oft soweit, dass es mit Gott rechten und hadern will, wie wir es von Hiob, Jona und hier von David lesen. Drittens: ob Gott zögert, den Seinen zur Hilfe zu erscheinen, hat er doch stets dazu gute Ursache. Denn als wir von der Sünde entflammt waren, hat er uns oft durch den Mund seiner Propheten und andern Knechte zugerufen: Wie lange wollt ihr Unverständigen unverständig sein? (Spr. 1,22 .) Aber wir wollten nicht hören; darum ist es kein Wunder, wenn Gott jetzt nicht hören will, da nun die Folgen der Sünde schmerzlich brennen, und es uns nun lange dünkt, ja jeder Tag zu einem Jahr wird, bis Gott uns aus der Not herausführt. Lasst uns bedenken, wie gerecht Gott darin mit uns handelt. (Vergl. Spr. 1,24 ff.) Archibald Symson 1638.

Wie die Heiligen im Himmel mit großer Stimme schreien: Herr, du Heiliger und Wahrhaftiger, wie lange richtest du nicht? (Off. 6, 10), so rufen auch die Heiligen auf Erden: Ach du, Herr, wie lange nimmst du nicht das Gericht von uns? Denn unsere Bitten um Befreiung sind nicht befehlerisch gemeint, sie schreiben Gott weder Zeit noch Weg vor, sondern ordnen sich gerade wie unsere Bitten um Gewährung von Gaben dem Willen Gottes unter. Sie sind alle mit dem Kräutlein gewürzt, das Christus Selbst unter sein Gebet gemengt hat: "Doch nicht mein, sondern dein Wille geschehe!" (Lk. 22,42 .) Und dasselbe Würzkraut hat der Herr ja auch unserm Gebet beigefügt: "Dein Wille geschehe auf Erden wie im Himmel." Im Himmel gibt es keinen Widerstand gegen Gottes Willen; dennoch ist auch im Himmel ein Drang nach Beschleunigung des göttlichen Gerichtes und ein Sehnen nach der Herrlichkeit der Auferstehung. So mögen auch wir, bei willigem Erleiden seiner Züchtigungen auf Erden, es demütig Gott vortragen, welch tiefe Empfindung wir von seinem Missfallen haben; denn gerade damit wir dieses Gefühl, dies seine Gespür für seine Züchtigungen bekommen, sendet er uns diese hauptsächlich. Beugen wir uns so unter seine Hand, sprechen wir mit dem Propheten: "Ich will des Herrn Zorn tragen, denn ich habe wider ihn gesündigt" (Micha 7,9), dann mag es ihm wohlgefallen, zu dem züchtigenden Engel zu sagen: "Es ist genug, lass nun deine Hand ab", wie er zu dem Engel sprach, der Israel verderbte (2. Samuel 24,16). D. John Donne † 1631.

V. 5. Erst bittet David nur um Abwendung des göttlichen Zornes. Aber wie Archimedes sagte, er wollte die Welt aus den Angeln heben, wenn man ihm einen festen Punkt gäbe, den Hebel anzusetzen, so sucht das Gebet, wenn eine Bitte einmal festen Fuß gefasst hat, immer Größeres zu bewirken, ja alles von Gott zu erlangen. So bittet David jetzt nicht mehr nur um Verschonung vor dem göttlichen Zorn, sondern um mehr, um Errettung und Hilfe. Um deiner Güte willen. Gott erlaubt dem Menschen einen Blick in die Arkana imperii , in die Geheimnisse seiner Regierung. Gott verfährt nach Präzedenzien, nach vorhergegangenen Fällen. Er tut, wie er vordem getan. Er gibt dem mehr, der bereits etwas von ihm empfangen hat. Er will es auch haben, dass wir uns in unsern Bitten auf sein voriges Tun stützen. Und seine letzten Guttaten sind immer noch größer als seine früheren. D. John Donne † 1631.

V. 6. Der im Worte Scheol (Luther: Hölle) liegende Grundbegriff ist der eines dumpfen, klaffenden, hohlen, dunklen Schlundes und Abgrunds. Die Seele des Menschen begehrt Licht und Leben, und es zieht sie aufwärts; aber sie fühlt im tiefsten Innern die Strafe des Todes und erblickt in dem sich öffnenden Grabe einen finstern Abgrund, wo statt der Fülle des Lebens Öde, Dunkelheit und Grauen wohnt, einen Schlund, der alles in sich hinabzieht, ohne selbst erfüllt zu werden, der eben so leer wie unersättlich ist. Bei den Griechen und Römern hat sich dasselbe Gefühl in den Dichtungen vom Hades, den Ausdrücken der Fauces Orci, des Schwundes der Unterwelt, und der wesenlosen Schatten des Hades ausgesprochen. Prof. Joh. Wichelhaus † 1858.

David hat in seinem Flehen zu Gott nicht eigentlich für seine Person Leben und Glück begehrt, sondern es handelt sich bei ihm um den Namen, die Ehre und Herrlichkeit Gottes. Hier auf Erden will David den Namen seines Gottes verherrlicht, die Wahrheit, dass Jahwe des Gerechten Helfer ist, von Herzen geglaubt, erfahren und gepredigt haben. (Vergl. 2.Kor. 1,10 f.; 4,10.) Oder haben nicht alle Boten Gottes ein Zeugnis von Gott und seiner Gnade abgelegt nach den Erfahrungen, die sie in diesem Leben von ihm gemacht hatten? Mit dem Tode hat beides, das Predigen und das Hören, ein Ende. Prof. Joh. Wichelhaus † 1858.

V. 7. Hier fängt David an zu erzählen, wie er in seiner Todesfurcht fast vergangen. Hier heißt’s: Davidica non intelligit, qui Davidica non sentit (Wer nichts davon durchgemacht hat, versteht es nicht). Fr. Chr. Ötinger 1775.

Ich bin so müde von Seufzen. Im Seufzen ist ein Suchen, Ringen, Jagen, lauter Dinge, die das Herze matt, müde und schmachtend machen. -- Ich schwemme mein Bette: durch den vor Angst ausbrechenden häufigen Schweiß. Joh. D. Frisch 1719.

Welch merkwürdige Wandlung ist mit David vorgegangen, dass der Mann, der sonst eine solche Seelengröße zeigt, so entmutigt und niedergeschlagen ist! Hat er nicht durch seine Tapferkeit und Seelengröße den Löwen und den Bären und selbst den Diesen Goliath überwunden? Jetzt aber seufzt er und schluchzt und jammert wie ein Kind! Die Antwort ist leicht zu finden. Es kommt darauf an, mit wem er es zu tun hat. Wenn Menschen oder wilde Tiere seine Gegner sind, dann hat er einen Heldenmut; aber wenn er es mit Gott zu tun hat, gegen den er gesündigt, empfindet er tief, wie er weniger denn nichts ist.
Schauer sind besser als Tropfen; doch wollen wir Gott schon danken, wenn durch die Wirkungen seiner Gnade unser Herz mit Bußzähren betaut ist. Können wir nicht mit Wasserströmen von Tränen unser Bette schwemmen wie David; entfließen unserm Auge keine Tränenbäche wie der armen Sünderin (Lk. 7,38); können wir nicht dem Jeremia nachsprechen: Ach, dass meine Augen Tränenquellen wären, dass ich Tag und Nacht weinen könnte (Jer. 8,23), noch mit Petrus bitterlich weinen (Mt. 26,75); dennoch, wenn wir es beklagen, dass wir unsere Sünde nicht genug beklagen, und darüber Leid tragen, dass wir nicht genug Leid tragen, ja wenn nur die leisesten Seufzer wahrer Buße und die schwächsten Zähren ungeheuchelter Zerknirschung uns entquellen, werden diese uns vor Gott angenehm machen. Gott sieht auch bei unserer Buße und deren Äußerungen nicht auf die Quantität, sondern auf die Qualität, auf ihre Aufrichtigkeit.
Mein Bette. [Nach der Ansicht des Verfassers bezieht sich der Psalm auf die Leidenszeit Davids nach seinem Ehebruch, was zwar mit nichts in dem Psalm angedeutet, aber möglich ist.] Die Stätte seiner Sünde ist die Stätte seiner Buße. Und so sollte es sein. Ja, der Anblick solcher Orte, wo wir gesündigt haben, sollte uns einen Stich ins Herz geben und uns veranlassen, eben dort aufs neue zu Gottes Erbarmen Zuflucht zu nehmen. Wie Adam im Garten sündigte, so vergoss der zweite Adam blutigen Schweiß auch im Garten. "Redet mit eurem Herzen auf eurem Lager" (Ps. 4,5). Wenn ihr auf eurem Bette bösen Gedanken und Taten nachgehangen habt, so tut eben dort Buße und macht euer Bett zu einem Heiligtum. Weihet mit euren Tränen jede Stätte, die ihr durch Sünde entweiht habt. Archibald Symson 1638.

Wenn Weltleute ihre Ausschweifungen immer mit Davids Exempel zudecken und verkleinern wollen, so sollten sie auch an das Bußfeuer und den brennenden Ofen gedenken, darin er wieder gereinigt worden ist. Bei der Bathseba wollten sie gern im Bett liegen, aber nicht mit David die ganze Nacht das Bett mit Tränen netzen. Solche wird der König David einst aus ihrem eigenen Mund verurteilen, wie jene Boten 2. Samuel 1,13-15; 4,9-12. K. H. Rieger † 1791.

Regelmäßige Lesung aus der Schatzkammer David Ps.6

von Jörg » 21.04.2018 07:01

Erläuterungen und Kernworte

Zu den sieben Bußpsalmen. Von deren Absicht und Gebrauch merke man sich, dass es damit nicht gemeint ist, als ob man aus diesen sieben Psalmen die allgemeine Beschaffenheit jeglicher Buße zu Gott und seliger Sinnesveränderung lernen müsste, oder als ob ein jeder durch dergleichen Zornempfindungen eines solchen Angstkampfes getrieben würde. Es sind auch wirklich diese Psalmen nicht bei dem ersten bußfertigen Zugang Davids zu seinem Gott gemacht worden, sondern bei einem nach vorgängigem Lauf in den Wegen Gottes erst geschehenen leidigen Straucheln und Fallen, wodurch also schmerzliche Wunden verursacht und von Gott, neben dem Druck seiner Hand im Innern, auch schwere Umstände im Äußern mit Krankheit und Verfolgung verhängt worden sind. Dergleichen kommt ja freilich nicht bei jedem vor, dem Gott Buße zum Leben schenkt; vielmehr findet sich’s, dass Gott einem einen solchen Schritt durch manche Gnadenzüge im Innern und durch allerlei gnädige Schickungen im Äußerlichen zu erleichtern sucht; deswegen keines den Geist der Gnade in seiner Arbeit an sich und andern damit stören soll, dass er auf ein diesen Bußpsalmen gleichkommendes Maß der Traurigkeit und Todesängste dringen wollte. Aber da können hernach diese Bußpsalmen gute Dienste tun, wenn Gott einen Menschen bei gewissen Sünden oder beim Aufwachen der alten Sünden im Gewissen solcherlei Ängste und Zornempfindungen schmecken lässt, dass man daraus lerne, wie man auch in der größten Angst und Gefühl der Verderbnis seine Zuflucht zu der Barmherzigkeit und rettenden Gerechtigkeit Gottes nehmen und dieselbe besonders jetzt in Jesu Christo anrufen könne. Und da kann es freilich den Glauben nicht wenig erwecken und stärken, wenn man aus diesen Psalmen sieht, wie David wieder aus der größten Angst genesen und wie ihm der Geist der Gnaden sein Herz in der Vergebung der Sünden so unvergleichlich erweitert und getröstet habe. K. H. Rieger † 1791.

Zum ganzen Psalm. David wurde sehr oft von Krankheit und von Anfechtung durch Feinde heimgesucht, und fast in allen Fällen solcher Trübsal, denen wir in den Psalmen begegnen, können wir beobachten, wie diese äußeren Nöte in ihm den Verdacht weckten, sie seien durch Gottes Zorn ob besonderer Verschuldung veranlasst, so dass er selten krank oder verfolgt war, ohne dass sein Gewissen beunruhigt wurde und seine Sünde ihm ins Gedächtnis kam. So hier. Alle seine andern Kümmernisse fließen in diesem einen Kummer zusammen, wie die kleinen Bächlein sich in einem großen Strom verlieren und Namen und Art ändern. Richard Gilpin 1677.

Eben aus diesem Psalm habe ich genommen die Sprüche, so ich im Anfang des Evangeliums Anno 1517, ließ ausgehen wider Tetzel (vergl. These 14. 15. 40). Martin Luther 1519.

Der 6. Psalm ist in Belgien auch unter den Namen "le psaume des brûlés , der Psalm der Verbrannten" bekannt. Zu Anfang des (19.) Jahrhunderts fand nämlich in einem Kohlenschacht zu Pâturages eine Explosion schlagender Wetter statt. Drei von den Bergleuten wurden schrecklich verbrannt. Der Kaplan des Orts eilte herbei, um den Verunglückten den letzten Trost zu spenden. Jene drei waren jedoch Protestanten und sagten dem Kaplan, sie hätten etwas unendlich Besseres, als er ihnen mit seiner Absolution geben könne, nämlich die Vergebung Jesu Christi. Bald darauf knieten sie nieder und stimmten mit schon ersterbender, aber dennoch den Frieden und die Freude der lebendigen Christenhoffnung ausdrückender Stimme folgende vier Strophen des 6. Psalms an, die (in freier Übertragung) also lauten:
1. Herr, sieh herein
Auf meine Pein
Und höre auf zu schelten!
In deinem Grimm
Mein Schrei’n vernimm,
Lass meine Schuld nicht gelten!

2. Mein Herz verzagt,
Die Seele klagt
Geängstigt und so bange:
Gott, du mein Heil,
Mein einzig Teil,
Ach du, Herr, wie so lange!

3. Tritt für mich ein!
Die Last sei dein,
Da ich vor Trauern weine;
Ach, meine Kraft
Ist ganz erschlafft,
Erschrocken die Gebeine.

4. Mein Gnadenlicht,
Dein Angesicht
Kann alle Angst mir stillen;
Trotz meiner Schuld
Und Ungeduld
Um deiner Güte willen!

Kaum hatte ihre immer schwächer werdende Stimme aufgehört, vernehmlich zu sein, da nahm Gott sie in die Freude seines Himmels auf, wo sie den Lobgesang vollenden konnten, den sie auf Erden unter den Qualen eines so schmerzhaften Todes angefangen. Der Kaplan zog sich tief bewegt zurück, indem er bezeugte: "Von diesen Leuten kann man mit Gewissheit behaupten, dass sie als Christen gestorben sind. " -- Nach D. R. Kögel, Deine Rechte sind mein Lied, 1895.

V. 2. Ach. Ist der allerkürzeste Ausdruck alles dessen, was der Mensch in diesem Leben zu klagen hat, darein er mit Ach geboren, davon er mit Ach genommen wird. Joh. D. Frisch 1719.

Obgleich es der Menschen Bosheit ist, welche über David die Geißel schwingt (vergl. V. 9-11), erhebt sich doch sofort sein Blick zu der Hand im Himmel, ohne deren Zulassung keine Hand auf Erden sich regen darf. Da sucht er den letzten Grund, warum ihn solcher Jammer treffe, und weigert sich nicht, in aller seiner Trübsal ein durch seine Sünden verdientes Gericht Gottes zu erkennen. Prof. D. A. F. Tholuck 1843.

Das sind sehr treffliche Worte, die er mit Gott redet. Es muss gestraft sein, spricht er; aber, lieber Herr Gott, dass es nur des Vaters Staupen sei, und nicht des Richters und Stockmeisters.
So lehret uns nun dieser Psalm, wenn irgend einer mit dieser Anfechtung gequält wird, dass er nirgendhin Zuflucht haben soll, denn zu dem zornigen Herrn selbst; aber das ist fast schwer und mühsam, und ist allenthalben Glauben auf Hoffnung, da nichts zu hoffen, Röm. 4,18. Martin Luther 1530 u. 1519.

Gott hat zwei Mittel, durch die er seine Kinder zum Gehorsam zurückführt: sein Wort, mit dem er sie von der Sünde überführt, und seine Rute, mit der er sie züchtigt. Die Ermahnung durch das Wort geht vorher, wobei sich Gott besonders seiner Knechte bedient, wovon David selbst auch Psalm 141,5 redet: Der Gerechte strafe mich. Wie ein Vater sein ungehorsames Kind erst zurechtweist, ehe er zur Rute greift, so auch Gott. Aber wenn die Menschen die Warnungen seines Wortes gering achten, dann nimmt Gott wie ein guter Vater die Rute und schlägt sie. Unser Heiland weckte die drei Jünger im Garten dreimal; aber als er sah, dass dies nichts fruchtete, sagte er ihnen, dass Judas und seine Schar kämen, um sie aus dem Schlaf aufzurütteln, aus dem sie sich durch seine Stimme nicht hatten wach machen lassen. Archibald Symson 1638.

Lass Frieden, Herr, mein Herz erfüllen,
So oft mich züchtigt deine Hand.
Zerbrich nicht mich, nur meinen Willen,
Dass ich dich preis’ im sel’gen Land.

Nur wen’ge Schritte mich noch trennen
Von dort, wo du erhöhest mich.
Lass bis ans Ende mich bekennen
In Not und Leid: Ich trau’ auf dich!
Nach Richard Baxter † 1691.

V. 3. Herr, sei mir gnädig . Im Himmel und auf Erden sieht David keinen Ausweg, dem Zorne Gottes zu entrinnen, und darum flieht er zu Gott selbst, zu ihm, der ihn verwundet hat, dass er ihn auch heile. Er flieht nicht wie Adam ins Gebüsch, noch wie Saul zu einer Zauberin, noch wie Jona nach Tharsis, sondern er beruft sich von dem gerechten und zürnenden Gott auf den gnädigen Gott. Vom Urteil der Menschen magst du dich auf Gottes Gericht berufen ; aber wenn du vor Gottes Richterstuhl angeklagt bist, wohin und zu wem willst du dich wenden, als zu ihm selbst und seinem Gnadenstuhl? Das ist der höchste und letzte Berufungsort.
Denn ich bin schwach. Siehe, welch beredte Sprache er gebraucht, um Gott zum Helfen zu bewegen. Er nimmt seine Schwachheit als Argument -- ein schwaches Argument, um hartherzige Menschen zur Hilfe zu bewegen, aber wenn du zu Gott kommst, ist das stärkste Argument deine Bedürftigkeit, deine Armut, deine Tränen, dein Elend, deine Unwürdigkeit. Archibald Symson 1638.

Heile mich, Herr. Der Patient sucht hier den Arzt, dessen Werk es ist, allen Ernst anzuwenden, den Kranken zu kurieren, dazu sich Gott schon längst erboten, 2. Mose 15,26. Ihm ist es um ein Wort zu tun. Joh. D. Frisch 1719.

V. 3.4. Meine Gebeine, meine Seele . Genossen der Sünde sind Genossen der Pein, die die Sünde bringt. Die Seele hat das Böse ausgedacht, die Glieder haben es ausgeführt; so müssen denn beide miteinander leiden. John Donne † 1631.

Regelmäßige Lesung aus der Schatzkammer David Ps.6

von Jörg » 17.04.2018 15:45

5. Wende dich, Herr, und errette meine Seele ! Wie Gottes Fernsein die vornehmste Ursache seines Elends war, so wird, das weiß der Psalmist, Gottes Rückkehr genügen, ihn von seinem Kummer zu befreien. Hilf mir um deiner Güte (oder Gnade) willen! Er weiß, wohin er blicken, woran er sich klammern muss. Er fasst nicht Gottes linke Hand seiner Gerechtigkeit, sondern die rechte Hand seiner Gnade. Er ist von seiner Sündhaftigkeit zu sehr überzeugt, als dass er an irgend ein Verdienst denken oder an etwas anderes als die freie Gnade sich wenden könnte. "Um deiner Gnade willen": Flehen, das sich auf diesen Grund stützt, trägt bei Gott den Sieg davon. Wenn wir uns an Gottes Gerechtigkeit wenden, was werden wir dann zu unsern Gunsten vorbringen können? Aber wenn wir zu seiner Güte Zuflucht nehmen, dann dürfen wir, mag unsere Schuld noch so groß sein, dennoch flehen: Hilf mir!
Beachten wir, wie häufig David hier den Namen Jahwe in seinem Gebete braucht. Wo wir in unserer deutschen Bibel das Wort Herr 1 als Gottesnamen haben, steht ja im Hebräischen der Name Jahwe. Fünfmal begegnen wir ihm hier in diesen vier ersten Versen. Ist das nicht ein Beweis, dass dieser erhabene Name voll Trostes ist für den angefochtenen Gläubigen? Gottes völlige Freiheit, seine Ewigkeit und Unendlichkeit, seine Unveränderlichkeit und Treue, all dies und mehr liegt in dem Jahwe - Namen, und jede dieser Eigenschaften birgt eine Fülle glaubenstärkenden Trostes in sich; denn Jahwe nennt Gott sich als der Bundesgott seines Volkes.

6. David war in großer Furcht des Todes, -- des leiblichen und vielleicht auch des ewigen. Fasse die Stelle wie du willst, der Vers ist von erschütternder Gewalt. Denn im Tode gedenkt man dein nicht; wer will dir in der Hölle 2 danken . Kirchhöfe sind schweigsame Orte. Grabgewölbe hallen nicht von Lobgesängen wider. Moder bedeckt den Mund. "O Herr", sagt David, "wenn du mir das Leben erhältst, werde ich dich preisen. Sterbe ich, so müssen meine irdischen Lieder wenigstens schweigen; und wenn ich in der Hölle umkomme, wirst du nie wieder einen Dankpsalm von mir hören. Jubellieder können aus dem flammenden Abgrund der Hölle nicht aufsteigen. Wohl wirst du ohne Zweifel verherrlicht werden, sogar wenn ich ewig verdammt werde; aber dann, Herr, kann ich dich nicht freiwillig verherrlichen, und unter den Menschenkindern wird ein Herz weniger sein, dich zu preisen." O du armer, zitternder Sünder, möge der Herr dir helfen, dies mächtige Mittel der Überredung zu brauchen. Um der Verherrlichung Gottes willen soll der Sünder gerettet werden. Wenn wir Vergebung suchen, bitten wir Gott nicht, etwas zu tun, was sein Panier besteckt oder auf sein Wappen einen Makel wirft. Barmherzigkeit üben ist seine Lust, Gnade sein innerstes Wesen. Huldreich sich zum Sünder neigende Liebe ehrt Gott. Sagen wir nicht selbst: Güte ehrt den Geber und den Empfänger? Das ist sicherlich, in noch höherem Sinne, wahr von Gott, der sich selbst verherrlicht, indem er uns Gnade angedeihen lässt.

7-8. Nun gibt der Psalmist eine ergreifende Schilderung von seinem langen Seelenkampfe. Ich bin so müde von Seufzen . Er hatte gestöhnt, bis sein Hals heiser war; er hatte um Gnade geschrieen, bis ihm das Beten schwere Arbeit wurde. Gottes Kinder dürfen wohl seufzen und stöhnen, aber nicht hadern und murren. Ja, die Last ihrer Sünden soll sie zum Seufzen bringen, sonst würden sie auch nicht jauchzen über die Errettung. Ich schwemme mein Bette die ganze Nacht, oder: jede Nacht. Trotz der Erschöpfung aller Leibes- und Seelenkräfte bringt mir die Nacht keine Ruhe. Wenn andere in erquickendem Schlummer der Sorgen des Tages vergessen, erfasst mich meine Seelenpein nur noch stärker. In der Einsamkeit der Nacht fühlt meine Seele noch schrecklicher ihre Verlassenheit, und ob mein Mund vor Erschöpfung stumm wird, schreien meine Tränen desto heftiger. Ach du, Herr, wie lange? Was wird’s noch werden, wenn Gott nicht bald mit seiner Hilfe kommt? Schon ist mein Bette ein Tränensee, und noch immer netze ich (der Grundt. hat ein stärkeres Wort: zerflößen, zerfließen machen; Luther 1524: weiche ich) mit meinen Tränen mein Lager. Mein Auge (Grundt.) ist verfallen vor Trauern, und ist alt worden; denn ich allenthalben geängstet werde . Wie eines alten Mannes Auge einfällt und matt und dunkel wird vor der Menge der Jahre, so, sagt David, ist mein Auge vor Weinen rot und schwach geworden und verfallen vor Kummer. Tiefe Seelennot infolge der Erkenntnis der Sünde hat oft einen solchen Einfluss auf den Körper, dass sogar die Sinneswerkzeuge darunter leiden. Sollte das nicht auch manche von den auffallenden Erscheinungen erklären, die man in Zeiten gewaltiger Erweckungen, besonders bei sehr erregbaren Völkern, wie den Irländern oder Negern, beobachtet hat? Ist es so verwunderlich, wenn etliche zu Boden geworfen wurden und laut um Gnade zu schreien anfingen, da wir hier doch sehen, wie David sein Bett zu einer Tränenflut machte und alt wurde, als er unter der gewaltigen Hand Gottes schmachtetet? O meine Brüder, es ist fürwahr nichts Geringes, zu fühlen, dass man ein Sünder ist, verdammt vor Gottes Richterstuhl. Die Sprache dieses Psalms ist nicht übertrieben und erkünstelt, sondern ganz natürlich für ein Menschenkind in solcher Betrübnis. Auch Calvin sagt: Diejenigen, welche auch nur in geringerem Maße erfahren haben, was es heißt, mit der Furcht des ewigen Todes zu kämpfen, werden in diesen Worten keine Übertreibung finden.

9. Weichet von mir, alle Übeltäter;
denn der Herr höret mein Weinen,
10. der Herr höret mein Flehen;
mein Gebet nimmt der Herr an.
11. Es müssen alle meine Feinde zuschanden werden, und
sehr erschrecken,
sich zurückkehren, und zuschanden werden plötzlich.



9. Bis hierher ist alles in dem Psalm traurig und trostlos gewesen; jetzt aber dürfet ihr, gebeugte Sünder, die ihr David diesen Bußpsalm bis dahin nachgebetet habt, mit David eure Harfen von den Weiden nehmen und sie zu einem Loblied stimmen. Ihr müsst eure Zeit des Weinens haben; aber lasst sie kurz sein. Auf, auf, erhebet euch aus dem Staube, schüttelt Sack und Asche von euch! Den Abend lang währet das Weinen, aber des Morgens ist Freude (Psalm 30,6).
David hat Frieden gefunden, und nun steht er von den Knien auf und fängt alsbald an, sein Haus von den Gottlosen zu säubern. Weichet von mir, alle Übeltäter . Das beste Schutzmittel wider einen bösen Menschen ist, einen weiten Raum zwischen ihm und uns zu schaffen. "Fort mit euch! Ich kann mit euch keine Gemeinschaft haben." Die Buße ist eine durchaus praktische Sache. Es genügt nicht, die Entweihung des Tempels unseres Herzens zu beklagen; wir müssen die Käufer und Verkäufer hinaustreiben und die Tische der Wechsler umstoßen. Ein Sünder, der Vergebung erlangt hat, hasst die Sünde, die den Heiland sein Blut gekostet hat. Gnade und Sünde sind unverträgliche Nachbarn; einer von beiden muss weichen.
Denn der Herr hat die Stimme meines Weinens gehöret. (Wörtl., so auch L. 1524.) Welch feine Poesie! Hat das Weinen eine Stimme? In welcher Sprache spricht es? In der Universalsprache, die auf dem ganzen Erdenrund gekannt ist und selbst auch im Himmel droben verstanden wird. Mag der Weinende ein Jude oder Grieche, Ungrieche oder Szythe, ein Knecht oder ein Freier sein, überall reden die Tränen dieselbe Sprache. Das Weinen ist die Beredsamkeit des Kummers. Es ist ein Redner ohne Worte, dem doch nie die Sprache abgeht und der keinen Übersetzer braucht, sondern von jedermann verstanden wird. Lasst uns Tränen als flüssige Gebete ansehen lernen und das Weinen als ein beständiges Tröpfeln von dringendem Flehen, das sich einen Weg mitten ins Herz der Gnade bahnen wird, trotz den Felsen, die den Weg versperren. Mein Gott, wenn ich nicht beten kann, so will ich weinen, denn du hörst die Stimme meines Weinens. 3

10. Der Herr hat mein Flehen gehöret . (Wörtl., L. 1524.) Der heilige Geist hatte in des Psalmisten Herzen diese Zuversicht gewirkt, dass sein Gebet erhört sei. Das ist häufig das Vorrecht der Gläubigen. Indem sie das Gebet des Glaubens beten, bekommen sie oft eine unfehlbare Gewissheit, dass sie bei Gott siegreich waren. Wir lesen von Luther, dass er einst, nachdem er bei einer Gelegenheit hart mit Gott gerungen hatte, vor Freude hüpfend aus seiner Kammer gekommen sei, ausrufend: Vicimus, vicimus, d. i.: Wir haben gesiegt, wir haben gesiegt! Solch gewisse Zuversicht ist kein eitler Traum; wenn der heilige Geist sie in uns wirkt, so ist uns ihre innere Wahrheit so gewiss, dass wir sie nicht in Zweifel ziehen könnten, ob auch alle Menschen unser freimütiges Vertrauen belachten. Mein Gebet nimmt der Herr an, oder nach anderer Auffassung: wird der Herr annehmen . Hier wendet der Beter die eben gemachte Erfahrung zu seiner Ermutigung für die Zukunft an. "Er hat, er wird" -- merke dir das, mein Bruder, und ahme Davids Beweisführung nach.

11. Es müssen alle meine Feinde zuschanden werden und sehr erschrecken . Das ist eher eine Weissagung als eine Verwünschung. Wir können es als einfache Aussage über die Zukunft lesen: Es werden usw.; und ebenso das Folgende: Sie werden sich zurückkehren und zuschanden werden plötzlich. Plötzlich, in einem Augenblick: ihr Schicksal wird sie unversehens ergreifen. Der Tag des Todes ist solch ein Tag, der das Schicksal besiegelt; er kommt sicher, und er kann plötzlich kommen. Die Römer pflegten zu sagen, die Göttin der Rache gehe in Socken einher. Mit lautlosen Tritten naht die Ruche ihrem Opfer und schmettert es plötzlich nieder. Sollten die Worte als Verwünschung zu fassen sein, so müssen wir bedenken, dass die Sprache des alten Bundes nicht die des neuen ist. Wir beten für unsere Feinde, nicht wider sie. Gott sei ihnen gnädig und bringe sie auf den rechten Weg.
So zeigt der Psalm, wie die vorhergehenden, den weiten Unterschied zwischen dem Gottseligen und dem Gottlosen. O Herr, lass uns unter dein Volk gezählt sein, sowohl jetzt als in der Ewigkeit!

Regelmäßige Lesung aus der Schatzkammer David Ps.6

von Jörg » 14.04.2018 13:16

Kommentar & Auslegung zu PSALM 6


Inhalt

Dieser Psalm ist allgemein als der erste der sieben Bußpsalmen (Ps. 6; 32; 38; 51; 102; 130; 143;) bekannt, und seine Sprache ziemt sich in der Tat sehr wohl für einen Bußfertigen, finden wir darin doch den Ausdruck des Bußschmerzes V. 4.7.8 der tiefen Demut V. 3.5, und des Abscheues vor der Sünde V. 9 , und eben dies sind die untrüglichen Kennzeichen eines zerbrochenen Geistes, der sich gläubig zu Gott wendet. Heiliger Geist, wirke du in uns solch echte Reue, welche niemand gereut! -- Eine ganze Reihe von Bußliedern der evangelischen Kirche sind aus diesem Psalm erwachsen.
Die alte Überschrift lautet wörtlich: Vorzusingen (oder: dem Sangmeister), auf Saitenspiel, nach der achten, ein Psalm Davids . Nach dem Targum (d. i. nach der alten Übersetzung und Umschreibung des hebräischen Textes in die spätere aramäische Umgangssprache der Juden) übersetzte Luther: auf (der Zither von) acht Saiten. Die Stelle 1. Chr. 15,21 führte Gesenius und Delitzsch auf die Deutung: in der Oktave, nämlich der ottava bassa, also in der Männerstimme zu spielen, da den Gegensatz dort V. 20 ein Ausdruck bildet, den sie "nach Mädchenweise", also "in der höheren Stimme zu spielen" übersetzten. Der Bass-Schlüssel ist in der Tat sehr geeignet für dies wehmütige Lied. Die Deutung ist jedoch nichts weniger als gesichert; man müsste dabei ja annehmen, dass die Hebräer unsere achtstufige Tonleiter gekannt hätten, was wohl ausgeschlossen zu sein scheint. (Vergl. ferner zu Ps. 46.) Am meisten Wahrscheinlichkeit hat die Deutung: "nach der achten Tonart zu singen und zu spielen". Der Ausdruck kann sich auch auf das Instrument selbst beziehen: die Saiteninstrumente der Hebräer waren, wie Tholuck bemerkt, wahrscheinlich wie die der Griechen nach gewissen Klanggeschlechtern und Tonarten bezogen und gespannt; denn die alten Tonkünstler waren nicht imstande, auf demselben Instrumente verschiedene Tonarten zu spielen, sondern bedienten sich dazu verschiedener Instrumente.

Einteilung

Der Psalm lässt sich ohne Mühe in zwei Teile zerlegen. Erst fleht der Psalmist V. 2-8 in großer Seelennot. Von V. 9 bis zum Schluss dagegen finden wir eine ganz andere Stimmung. Der Sänger verlässt die Molltonart und greift höhere, hellere Akkorde. Die Töne seines Liedes atmen nun heiliges Vertrauen. Er bezeugt, dass Gott sein Gebet erhört und ihn aus all seinen Nöten befreit.

Auslegung

2. Ach, Herr, strafe mich nicht in deinem Zorn,
und züchtige mich nicht in deinem Grimm!
3. Herr, sei mir gnädig, denn ich bin schwach;
heile mich, Herr, denn meine Gebeine sind erschrocken,
4. und meine Seele ist sehr erschrocken.
Ach du, Herr, wie lange!
5. Wende dich, Herr, und errette meine Seele;
hilf mir um deinem Güte willen!
6. Denn im Tode gedenkt man dein nicht;
wer will dir in der Hölle danken?
7. Ich bin so müde von Seufzen;
ich schwemme mein Bette die ganze Nacht,
und netze mit meinen Tränen mein Lager.
8. Meine Gestalt ist verfallen vor Tauern,
und ist alt worden; denn ich allenthalben geängstet werde.

2. Nachdem wir den ersten Teil durchgelesen haben, um einen Gesamteindruck zu gewinnen, wollen wir nun Vers für Vers betrachten. Im 2. Verse liegt der Nachdruck auf Zorn und Grimm, wie das im Grundtext deutlich in der Wortstellung zum Ausdruck kommt: Herr, nicht in deinem Zorn strafe mich, und nicht in deinem Grimm züchtige mich! Der Psalmist ist sich wohl bewusst, dass er Züchtigung verdient, ja er fühlt, dass die Strafe in der einen oder andern Weise über ihn kommen müsse, wenn auch nicht zur Verdammnis, so doch zur Vertiefung seiner Sündenerkenntnis und zur Förderung in der Heiligung. Wie das Getreide durch den Wind gereinigt wird, so die Seele durch Züchtigungen. Es wäre eine Torheit, zu bitten, von der goldenen Hand verschont zu werden, die doch mit jedem ihrer Schläge uns bereichert. David bittet nicht, dass die Strafe ihm gänzlich erspart bleiben möge, denn er könnte so eines darin verborgenen Segens verlustig gehen; sondern er fleht: Ach, Herr, strafe mich nicht in deinem Zorn. Musst du mir meine Sünde unter Augen stellen, wohlan, es sei, ich will dir stillhalten; aber tue es nicht als einer, der wider mich zornentbrannt ist, damit deines Knechtes Herz nicht in Verzweiflung sinke. So sagt auch Jeremia (10,24): "Züchtige mich, Herr, doch mit Maßen, und nicht in deinem Grimm, auf dass du mich nicht aufreibest." Ich weiß, dass ich gezüchtigt werden muss, und wiewohl ich vor der Rute bebe, fühle ich doch, dass sie zu meinem Besten dienen wird; aber, o Gott, züchtige mich nicht in deinem Grimm, in deiner Zornesglut, es möchte sonst die Rute zum Schwerte werden, das mich tötet. So dürfen wir beten, dass die göttlichen Züchtigungen, wenn sie uns nicht erspart bleiben können, doch wenigstens gemildert werden durch die Gewissheit, dass Gott sie nicht im Zorn, sondern in seiner treuen Bundesgnade über uns verhängt.

3-4. Herr, sei mir gnädig, denn ich bin schwach . Ich verdiene es, von deiner Hand zermalmt zu werden; aber lass dich doch in deiner Barmherzigkeit meines kläglichen Zustandes jammern. Das ist die rechte Weise, Gott mit den Waffen des Gebets zu besiegen. Steife dich nicht auf deine Vortrefflichkeit oder deine Größe, sondern gründe deine Bitten auf deine sündliche Schwachheit und Erbärmlichkeit. Rufe: Ich bin schwach, darum stärke du mich, Herr, und zerbrich mich nicht gar. Lass nicht die Wut des Unwetters deines Zornes über ein so gebrechliches Fahrzeug losbrechen. Lass den rauen Wind nicht zu hart herfahren über das arme, seiner Wolle beraubte Lamm. Habe Mitleid mit dem schwachen, dahinwelkenden Blümlein und brich es nicht vom Stamm. So würde gewiss ein Schwerkranker versuchen, das Mitleid seines Mitmenschen zu erregen, wenn dieser mit ihm hadern wollte: Gehe sanft mit mir um, denn ich bin schwach. Ein starkes Gefühl der Sünde hatte den Psalmisten so gründlich gebeugt, so sehr alle Stärke, deren er sich hätte rühmen können, von ihm genommen, dass er sich ohnmächtig fühlte, das Gesetz zu erfüllen, und er unter den Schmerzen der Reue, die sein Inneres durchwühlten, war wie ein Verschmachtender, zu schwach wohl auch, um sich an die Verheißungen anzuklammern. Der buchstäbliche Sinn des Grundtextes ist: Ich bin hingewelkt , bin siech und traurig, äußerlich und innerlich am Verschmachten und Vergehen, wie eine Pflanze, die der Mehltau befallen hat. Wir wissen aus Erfahrung, was das heißt; denn auch wir haben es erlebt, dass unsere Herrlichkeit voller Flecken ward und alle unsere Schöne einer verwelkenden Blume gleich erbleichte.
Heile mich, Herr, denn meine Gebeine sind erschrocken. Nun bittet er um Heilung, also nicht nur um Milderung der Strafen, die er leiden musste, sondern um ihre völlige Hinwegnahme, und um Heilung der Wunden, die sie ihm geschlagen. Seine Gemütsbewegung war so heftig geworden, dass sogar seine Gebeine von Schauder ergriffen waren. Nicht nur sein Fleisch zitterte, sondern auch die Gebeine, die festen Säulen des Hauses, waren ins Wanken gekommen. Ja, wenn die Seele vom Gefühl ihrer Sündhaftigkeit ergriffen wird, mögen wohl die Gebeine zittern; es kann einem alle Haare zu Berge stehen machen, wenn man die Höllenflammen unter sich, einen zürnenden Gott über sich und nichts als Schrecken und Verderben rings um sich her sieht. Da konnte er wohl sagen: Meine Gebeine sind erschrocken. Damit wir aber nicht etwa meinen, es handle sich bei ihm bloß um leibliche Krankheit -- wiewohl diese das äußere Zeichen der heftigen Erschütterung seiner Seele sein mochte -- fährt der Psalmist fort: Und meine Seele ist sehr erschrocken. Seelenpein ist die höchste Pein. Was macht’s, ob auch die Gebeine zittern, wenn die Seele fest ist? Aber wenn die Seele selber sehr erschrocken ist, dann ist fürwahr große Not. Ach du, Herr, wie (so) lange! Der Satz bricht jählings ab, die Worte gehen dem Psalmisten aus; der Kummer hat auch den Schimmer von Trost, der ihm aufgedämmert war, wieder mit Nacht bedeckt. Dennoch hat der Psalmist nicht alle Hoffnung verloren; aber diese Hoffnung ruht einzig auf seinem Gott. Darum ruft er: Ach du, Herr, wie lange? Wann kommst du, treuer Bundesgott? Wann wirst du dich nach deiner Verheißung wieder zu mir kehren? Dass Christus doch noch im hohepriesterlichen Kleid der Gnade in das Herz einziehen werde, ist die große Hoffnung bußfertiger Seelen. Und wie Christi Erscheinung heute das Ziel der Sehnsucht aller Gotteskinder ist, so ist sie tatsächlich in der einen oder andern Weise stets die Hoffnung aller Frommen gewesen.
Calvins Leibspruch war: Domine, usquequo? Ach, Herr, wie lange? Auch die heftigsten Schmerzen konnten ihm in seinem mit Not aller Art gesättigten Leben kein anderes Wort abpressen als dieses: Domine, usquequo? Das ist auch der Ruf der heiligen Seelen unter dem Altare: Herr, wie lange? (Off. 6,10). Und das sollte der Ruf aller derer sein, die auf die Herrlichkeit des tausendjährigen Reiches warten: Warum verzieht sein feuriger Wagen? O Herr, wie lange? Diejenigen unter uns, die unter dem Druck mächtiger Überzeugung von ihrer Sündhaftigkeit geseufzt haben, wissen noch gar wohl, was es war, als uns unter dem Harren auf Gnade die Minuten zu Stunden und die Stunden zu Jahren wurden. Wir warteten auf die ersten Strahlen der Gnade "mehr als Nachtwachende auf den Morgen." (Ps. 130,6 Grundt.) Mit heißem Begehren fragte unser bekümmertes Gemüt: Ach du, Herr, wie lange?

Regelmäßige Lesung aus der Schatzkammer David Ps.5

von Jörg » 31.03.2018 17:26

Erläuterungen und Kernworte

V. 11. Solche Abschnitte, darin wir scheinbar Rache schnaubende Gebete finden, sind einfach aufzufassen als der Ausdruck der Zustimmung gerechter Seelen zu der Gerechtigkeit Gottes, der um der Sünde willen Rache übt. Auch wenn wir diese Worte Davids prophetisch als Worte Christi auffassen, sind sie nichts anderes als ein Echo der schließlichen Zustimmung des fürbittenden Weingärtners zu dem Urteil über den unfruchtbaren Feigenbaum (Lk. 13,9). Es ist, als riefe er laut: "Haue ihn nun ab! Ich werde nicht mehr ins Mittel treten. Das Urteil ist gerecht. Schuldige sie, Gott, lass sie ihre Schuld büßen; stoße sie aus um ihrer großen Übertretungen willen, denn sie sind dir widerspenstig!" Und im selben Augenblick können wir uns ihn denken, wie er seine Heiligen einlädt, in sein Endurteil mit einzustimmen, gerade wie die Stimme des Engels Off. 18,20 nach der Verkündigung von Babels Fall erschallt: "Freue dich über sie, Himmel und ihr Heiligen und Apostel und Propheten; denn Gott hat euer Urteil an ihr gerichtet!" So kann auch ein Glied Christi in voller Übereinstimmung mit dem Haupt den unfruchtbaren Feigenbaum vom selben Gesichtspunkt aus ansehen und in der Erkenntnis, dass die Ehre Gottes es nicht anders zulässt, als dass der verhängnisvolle Streich geschehe, ebenfalls ausrufen: "Lass die Axt ihn fällen!" Hätte Abraham an der Seite des Engels gestanden, der Sodom verderbte, hätte er gesehen, wie die Heiligkeit des göttlichen Namens den Untergang dieser unbußfertigen Empörer gebieterisch forderte, so würde er ausgerufen haben: "Herr, lass das Verderben über sie kommen, lass das Feuer und den Schwefel auf sie fallen!" -- und das nicht im Geist der Rachsucht, nicht aus Mangel an erbarmender Liebe zu den Seelen dieser Menschen, sondern aus dem tiefen Ernst seines Eifers für die Ehre Jahwes. Wir halten diese Deutung für den richtigen Schlüssel zum Verständnis der so genannten Rachepsalmen. Diese sind nur gleichsam eine Ausführung von 5. Mose 27,15-26 : "Und altes Volk soll sagen: Amen." Wir sehen in solchen Psalmen, wie die Gottesfürchtigen in des Herrn Gesinnung eingehen, wie sie seinen Gräuel an der Sünde nachempfinden und sich über den Vollzug der göttlichen Gerechtigkeit freuen, wie das in dem "Amen, Halleluja" in Off. 19,4 (vergl. V. 1-3) so feierlich zum Ausdruck kommt. Andrew A. Bonar 1859.

Herr, wenn ich in meiner täglichen Andacht Davids Psalmen lese, gib mir Gnade, dass ich meine Seelenstimmung stets ihrem verschiedenen Inhalt anpassen könne. Wo David seine Sünde bekennt und deine Vergebung erfleht, wo er für empfangene Gnaden dankt oder um neue Beweise deiner Huld bittet, da gib mir, dass meine Seele sich hoch aufschwingen könne. Aber wenn ich zu solchen Psalmen komme, wo David seinen Feinden flucht, dann hilf mir, meine Seele zu beschwichtigen. Jene Worte ziemten sich wohl in Davids Mund; aber ich fühle, dass es mir an der rechten Gesinnung fehlt, dass ich sie nicht im selben Geist aussprechen könnte. Lass mich nicht mir schmeicheln, es sei mir erlaubt, gleich David deinen Feinden zu fluchen; es möchte sonst mein betrügliches Herz meine Feinde für deine ansehen und so, was bei David Gottesfurcht war, sich bei mir als Bosheit erweisen, indem ich unter dem Schein der Frömmigkeit Rache übe. D. Thomas Fuller † 1661.

Denn sie sind dir widerspenstig. Sie sind in direktem Widerspruch gegen dich: Du bist die Wahrheit, sie lieben die Lüge; du hilfst gerne, sie wollen verderben; du lässt gerne den Hilfsbedürftigen zu dir, sie verstoßen -- und dieses alles geht bei ihnen hervor aus Widerstand und Widerwillen gegen dich und dein Gesetz und Recht. Prof. Joh. Wichelhaus † 1858.

V. 12. Lass sich freuen . Mit dem allgemeinen Verderben und dessen Anblick muss man sich nie allein aufhalten, sondern auch immer den Samen, den Gott sich übrig behält, bedenken, und wie diesem die Gnade durchhilft auch zur bösen Zeit. Das richtet die lässigen Hände wieder auf; das veranlasst erhörliche Seufzer. K. H. Rieger † 1791.

V. 13. Denn Du, Herr, segnest oder pflegest zu segnen die Gerechten wider der Welt ihr Fluchen; segnen nicht sowohl mit Worten, als vielmehr im Werk und in der Tat selbst. Dei enim benedicere est benefacere. Joh. D. Frisch 1719.

Luther hatte sich bekanntlich zu Augsburg im Jahre 1518 vor dem Kardinal Cajetan, dem päpstlichen Legaten, wegen seiner angeblich ketzerischen Lehren zu verantworten. Ehe er ihn zu sich kommen ließ, sandte der Kardinal einen Diener, einen schlauen Mann, der Luthers Gesinnung auskundschaften sollte. Der fragte ihn: "Meinst du, Fürsten und Herren werden sich deiner annehmen oder dich wider den römischen Stuhl verteidigen? Wo willst du sicher sein und bleiben?" "Unter dem Himmel", gab Luther zur Antwort. "Hm!", sagte der Römer, ging seiner Wege und kam nicht wieder. C. H. Spurgeon 1869.

Die anderen Rüstungsstücke der Alten dienten zum Schutz einzelner Körperteile, so der Helm für das Haupt, der Brustpanzer für die Brust. Dieser große Schild aber hatte den Zweck, den ganzen Körper zu schirmen. Man machte ihn daher sehr groß, gegen 4 Fuß lang und 2 ½ Fuß breit. Von seiner Größe bekam er bei den Griechen den Namen Türschild. Und wenn der Schild trotzdem nicht ausreichte, den ganzen Mann zu decken, so konnte der geschickte Krieger ihn hierhin und dorthin wenden und so jeden Streich, jeden Pfeil auffangen, dass keiner ihn traf. Dies ist ein treffendes Bild von dem allseitigen Nutzen des Glaubens für den Christen. Der Glaube deckt den ganzen Mann, jeder Teil wird durch ihn bewahrt. -- Der Schild deckte aber nicht nur den ganzen Körper, sondern war zugleich ein Schutz für die Rüstung des Kriegers. Er hielt den Pfeil sowohl vom Helm ab wie vom Haupt, von der Brust sowohl wie vom Panzer. So ist auch der Glaube eine Rüstung über die Rüstung, wie es Eph. 6,16 wörtlich heißt: Über das alles ergreifet den Türschild des Glaubens. Der Glaube ist eine Gnade, die alle andern Gnaden bewahrt. William Gurnall † 1679.

Homiletische Winke

V. 2-3. Das Gebet in dreifacher Form: Worte, Sinnen oder Seufzen und Schreien . Lippengebete, bei denen das Herz nicht ist, haben keinen Nutzen, wogegen das brünstige Verlangen und stille Sehnen des Herzens bei Gott gnädig angenommen wird, auch wenn die Worte fehlen.
V. 4. Der hohe Wert des Morgengebets.
V. 4b. Die rechte Zurüstung des Gebets und das Ausschauen nach der Antwort.
1) Mache dich bereit zu rechtem Beten. 2) Mache dich bereit für Gottes Antwort.
Das Gebet eine Jakobsleiter: 1) Unser Flehen steigt hinauf; 2) Gottes Antwort steigt hernieder.
V. 5. Gottes Hass der Sünde- vorbildlich für Gottes Kinder.
V. 6. Die Toren (s. d. Ausl.). Man zeige, mit welchem Recht die Sünder Toren genannt werden.
V. 8. Auf deine große Güte (wörtl. die Vielheit deiner Güte). Man verweile bei der Mannigfaltigkeit der Gnaden- und Liebesbeweise Gottes.
Der fromme Entschluss des Psalmisten. Man merke 1) wie eigentümlich dieser Entschluss ist: Mag die Welt es treiben, wie sie will (V. 5-7), ich gehe in Gottes Haus; 2) was dieser Entschluss will: anbeten (bis mir Erhörung wird, V. 2-4); 3) wie er diesen Entschluss ausführen will: a) unter dem lebhaften Gefühl der Güte Gottes (auf deine große Güte), b) erfüllt mit heiliger Ehrfurcht (in deiner Furcht).
V. 9. Gottes Leitung ist uns allezeit nötig: ganz besonders aber, wenn Feinde auf uns lauern.
V. 11. aufgefasst als Drohung (s. d. Ausl.). Ganz besonders sind die Worte "Stoße sie aus um ihrer großen Übertretungen willen" geeignet, die Grundlage einer ernsten Erweckungspredigt zu bilden.
V. 12. 1) Die Kennzeichen des Gerechten: Glaube und Liebe. 2) Die Vorrechte des Gerechten: a) Große, heilige, tief befriedigende, jubelnde, beständige Freude; b) Beschirmung durch Gottes Macht und Vorsehung, durch der Engel Dienst, durch die bewahrende Gnade usw.
Die Freude im Herrn unsere Pflicht und unser Vorrecht.
V. 13a. Des Herrn Segen über die Gerechten. Er waltet über ihnen von alters her, in Kraft, ist beständig, viel umfassend, unabänderlich, er übersteigt unser Denken, stammt aus der Ewigkeit und währt in Ewigkeit.
V. 13b. Die Gewissheit der göttlichen Huld ein Schild für die gläubige Seele.
Fußnoten
1. Diese Übersetzung wird z. B. auch von Hupfeld vorgezogen, aber als Ausdruck der Gewissheit der Erhörung. Das Spurgeon die Worte als Entschluss deutet, ist schwerlich dem Sinne gemäß. Der Dichter würde dann wohl gesagt haben: "Frühe will ich dich meine Stimme hören lassen", also das hiphil gebraucht haben. Die meisten Ausleger stimmen der Übersetzung Luthers bei.

2. Nach anderer Auffassung kommt die eigentliche Bitte erst V. 9 ff.

3. Zu halal vergl. hallen. Das Partizip kann hier entweder die lärmenden Prahler, die Ruhmredigen bedeuten oder die sich lärmend unsinnig Gebärdenden, die Tollen oder Toren.

4. So jetzt die meisten Ausleger, vergl. Spr. 28,23. Da Kylxh jedoch Ps. 36,3; Spr. 29,5 auch ohne Objekt vorkommt, lässt sich die Übers. Luthers resp. der LXX, der Paulus Röm. 3,13 folgt, ebenfalls rechtfertigen, vergl. Kautzsch.

5. Diese haben wnr+(t (wohl irrtümlich) als piel statt als kal gelesen.

Regelmäßige Lesung aus der Schatzkammer David Ps.5

von Jörg » 27.03.2018 17:57

Erläuterungen und Kernworte

V. 7. Du bringest die Lügner um, ob sie im Scherz oder im Ernst lügen. Die im Scherz lügen, werden (wenn sie nicht Buße tun) im Ernst zur Hölle fahren. John Trapp † 1669.

Eben dort, wo Absalom gegen seinen Vater zu Felde zog, stand die Eiche, die sein Galgen werden sollte. Das Maultier, darauf er ritt, ward sein Henker, denn es brachte ihn an die Eiche; und das üppig lange Haar, woraus er stolz war, diente als Henkerstrick. Die Gottlosen ahnen nicht, wie alles, was sie jetzt haben, ihnen zur Schlinge werden wird, darin sie gefangen werden, wenn Gott seine Gerichte über sie hereinbrechen lässt. William Cowper 1612.

V. 8. Welch ein köstliches Wort ist dies mit seinen kräftigen Gegensätzen! Denn es sind zwei Stücke, darin dies Leben hier geübt wird, Furcht und Hoffnung. Furcht kommt daher, wenn wir sehen und Acht haben auf die Drohung und die schrecklichen Gerichte Gottes, vor welchem niemand rein ist. Hoffnung aber fließt aus den Zusagen der allerlieblichsten Barmherzigkeit Gottes. In diesen zwei Stücken, nämlich in der Furcht und Hoffnung, müssen wir stets wandeln und stehen, als zwischen dem oberen und unteren Mühlstein, und nicht uns lenken oder bewegen weder zur Rechten noch zur Linken, was die Gottlosen tun, die im Widerspiel wandeln und sich üben in den Stücken, welche der Furcht und Hoffnung entgegen sind, nämlich in Sicherheit und Vermessenheit. Martin Luther † 1546.

Dein Haus, deinen Tempel oder Palast, Thronsitz. Manche sehen in diesen Ausdrücken einen Beweis gegen den davidischen Ursprung des Psalms. Aber warum soll das Tabernakel, welches David der auf Zion versetzten Bundeslade errichtete (2. Samuel 6,17), nicht Haus Jahves heißen können? Nur wenn Zelt und Haus einander entgegengesetzt werden, bekommt letzteres den Begriff einer aus festerem Material errichteten Wohnung, aber an sich ist beit (bêt Haus) im Semitischen der gattungsbegriffliche Ausdruck für Behausung jede Art, mag sie aus Wolle, Filz- und Haardecken oder aus Erde, Holz und Steinen gefertigt sein, also ebenso wohl Zelt als Haus (im engeren Sinne), sei das letztere eine Lehm- oder Holzbaracke oder ein Palast. Der Beduine nennt noch heutzutage sein Zelt nicht ahl (Zelt), sondern immer bêt (Haus). Auch das zweite in dem Verse gebrauchte Wort lkfyh" (Luther: Tempel) bedeutet, obwohl den Palast, doch nicht notwendig einen steinernen, denn der Himmel heißt auch Jahves Palast, z.B. Ps. 18,7 , und nicht notwendig einen kolossalen, denn auch schon das Allerheiligste des salomonischen Tempels, und dieses vorzugsweise, heißt so (lkyh). Wie geräumig und überhaupt wie beschaffen das davidische Tabernakel war, wissen wir ja überdies nicht; prächtig war es gewiss und nicht sowohl ein Ersatz des nach dem Zeugnis des Chronisten in Gibeon verbliebenen Stiftszelts, als ein Ersatz des erst noch zu bauenden Tempels. Aber wäre es noch so armselig gewesen, so thronte doch Jahve da, und es war also der lkyh, der Thronsitz oder Palast eines großen Königs. -- Nach Prof. D. Franz Delitzsch † 1890.

V. 9. Leite mich in deiner Gerechtigkeit um meiner Feinde, Grundt.: um meiner Laurer und Aufpasser willen, die nichts lieber sähen, als dass ich in Ungerechtigkeit fallen, folglich aus deiner Gnade fallen möchte. Joh. D. Frisch 1719.

V. 10. Ist dem so, dass der ganze Mensch an einem so verzweifelten Schaden krankt, welch großes, schwieriges Werk ist es dann, ihn wieder ins geistliche Leben zurückzurufen und mit Kraft zum Guten zu erfüllen, wenn doch alle Teile so todkrank, so schrecklich zerrüttet sind. Welch’ wunderbare Kur vollbringt der heilige Geist, indem er unsere Seele genesen macht. Nur die Lunge oder Leber zu heilen, wenn sie der Krankheit versagen sind, wird schon als ein großes Kunststück angesehen, wiewohl es sich da doch nur um einen Teil von dir, und zwar von deinem Leibe handelt; aber dein ganzes Innere ist Verderben (V. 10 b Grundt.), Welch’ großes Kunststück ist es dann, dich zu heilen! Ein so großes, dass es göttlicher Kunst und Macht bedarf, es zu vollbringen. Thomas Goodwin † 1679.

Ihr Rachen, eigentlich ihre Kehle, ist ein offenes Grab . Dies Bild stellt in markigen Zügen das unflätige Gerede der Gottlosen dar. Nichts erfüllt uns mehr mit Abscheu und Ekel als ein offenes Grab, aus dem ein verwesender Leichnam Pestdünste ausströmen lässt. Was aus dem Munde der Ruchlosen herauskommt, ist faul und stinkend. Und wie die Ausdünstung eines Grabes von der Verderbnis, die darin ist, Zeugnis gibt, so ist es mit den verdorbenen Gesprächen der Sünder. Vergleiche auch das andere Bild Jes. 57,20; Die Gottlosen sind wie ein ungestüm Meer, das nicht stille sein kann, und dessen Wellen Kot und Unflat auswerfen. Und Judas-Brief, Vers 13: Wilde Wellen des Meeres, die ihre eigene Schande ausschäumen. Robert Haldane 1835.

Ihr Rachen usw. Das zeigt uns 1) dass die Reden gottloser Menschen faul, ja stinkend und schädlich sind wie Grabesdunst. 2) Wie das Grab die darein gewordenen Leiber zerstört und verzehrt, so richten gottlose Menschen mit ihren boshaften Worten andere zugrunde; ihr Rachen ist ein Abgrund, der die verschlingt, die darein fallen. 3) Wie ein Grab, ob es auch schon viele verzehrt hat, immer bereit ist, noch mehr zu verschlingen, und nie zu sättigen ist (vergl. Spr. 27,20; 30,15 f.; Hab. 2,5), so fahren gottlose Menschen, wenn sie schon viele mit ihren Worten vernichtet haben, immer noch mit ihren Schmähungen fort, suchend, wen sie verschlingen mögen. Thomas Wilson 1653.

Ihr Inwendiges ist Herzeleid oder Verderben, Unheil. Ihre Herzen sind Lagerspeicher des Teufels. John Trapp † 1669.

Regelmäßige Lesung aus der Schatzkammer David Ps.5

von Jörg » 24.03.2018 09:12

Erläuterungen und Kernworte

V. 4. Herr, frühe wollest du meine Stimme hören.

Wenn frühe die Strahlen dein Auge erwecken,
So gönn’ auch der Seele das himmlische Licht!
Wie Blumen sich sehnend zur Sonne ausstrecken,
So sei du auch frühe zum Herrn gericht’t.
Den ersten Gedanken, Herr, schick’ ich zu dir,
Dann bleibst du täglich und stündlich bei mir.

Lass nicht mehr vom Schlafe dich träumend umfangen,
Begrüße den Tag mit heiligem Gebet.
Wie schnell ist die segnende Stille vergangen!
So schnell, wie das Manna am Morgen zerrann (2. Mose 16,21).
Wenn draußen geschlossen noch jegliche Tür,
Dann steht schon geöffnet das Himmelstor dir.

Nach Henry Vaughan † 1695.

Wenn in den Tagen unserer Väter jemand des Morgens frühe an die Tür seines Nachbars kam und den Hausherrn zu sprechen wünschte, war es etwas so Gewöhnliches, dass das Gesinde ihm mit Freimut sagte: "Der Herr ist noch am Morgengebet", als es setzt heißt: "Der Herr ist noch nicht auf". Bischof Gilbert Burnet † 1715.

Beachte in diesen Worten zweierlei: 1) wie David im Gebet Stellung nimmt; "Ich richte mein Gebet vor dir zu" (nach and. Auffassung); 2) was er nach dem Gebet tut: "und schaue aus". Der Prophet gebraucht hier zwei militärische Ausdrücke. Das Wort zurichten ist in der Tat der stehende Ausdruck wie für das Zurichten des Opfers, siehe die Auslegung, so für das Zurüsten der Schlacht, das Ordnen eines Kriegsheers, vergl. z. B. 1. Samuel 17,3 ] Erstens will er nicht nur beten, sondern seine Bitten gleichsam in Reih und Glied antreten lassen, sie in Schlachtordnung aufstellen; zweitens, nachdem dies geschehen, will er auf hoher Warte einem Späher gleich ausschauen, ob der Sieg errungen ist. Thomas Brooks † 1680.

Nachdem David sein Gebet zu Gott gerichtet hat, ist sein Blick aufwärts gerichtet; nicht hinab zur Welt und ihrem Verderben, sondern hinaus zu Gott, um zu sehen, was der sage. "Ich will hören, was Gott der Herr reden wird." (Ps. 85,9 Grundt.) "Ich will auf den Herrn schauen, und des Gottes meines Heils warten." (Micha 7,7). William Greenhill 1650.

Die Kraft des Glaubens erweist sich auch nach dem Gebet, indem er uns stark macht, nach einer gnädigen Antwort auszuschauen . Ein ungläubiges Herz schießt ins Blaue und kümmert sich nicht darum, wo der Pfeil hintrifft oder was das Gebet erreicht; der Glaube aber erfüllt die Seele mit heiliger Erwartung. Wie ein Kaufmann, wenn er seinen Vermögensstand überschlägt, ebenso wohl das in Rechnung zieht, was er übers Meer gesandt hat, als was in seinen Händen ist, so berechnet auch der Glaube, was er im Gebet gen Himmel gesandt und noch nicht erhalten hat, ebenso wie das, was er in Gnaden bereits empfangen und also in Händen hat. Diese feste Hoffnung nun, welche der Glaube auf das Gebet hin in der Seele erweckt, tritt in der beruhigenden Wirkung zu Tage, welche sie auf das Herz ausübt in der Zeit zwischen dem Aussenden des Gebetsschiffes, dass ich so sage, und seiner Rückkehr mit der reichen Ladung, welche zu bringen es ausgegangen ist. Und diese herzstillende Wirkung ist stärker oder schwächer, je nachdem wie stark der Glaube ist. Manchmal kommt der Glaube mit hellem Siegesjubel aus dem Gebetskämmerlein. Der Glaube kann das Erbetene, noch ehe auch nur ein Schimmer der Wahrscheinlichkeit für Sinne und Verstand sich zeigt, dem Herzen so wesenhaft gegenwärtig machen, dass der Christ all seine Sorgen durch die Erwartung des Kommenden stillen kann. Ja der Glaube veranlasst den Christen, den Dank für das Erbetene gleichsam vorauszuzahlen, lange bevor er etwas davon empfangen hat. -- Gerade weil es an dem Ausschauen nach der Antwort fehlt, ist so manches Gebet verloren. Wenn du nicht glaubst, dass das Gebet etwas wirke, warum betest du denn? Und ist es dir ernst mit dem Glauben, warum erwartest du denn nichts? Durch das Beten gibst du dir den Anschein, als vertrauest du auf Gott; dadurch, dass du keine Antwort erwartest, leugnest du es. Was ist das anders, als seinen Namen unnützlich führen? Lieber Mitchrist, stehe fest zu deinem Gebet, indem du voll heiliger Erwartung nach dem ausschaust, was du auf Grund der Verheißung erbeten hast. Mardochai hatte ohne Zweifel viele Gebete für Esther emporgesandt; darum steht er an dem Tor des Königs, um zu sehen, welche Antwort Gott nach seiner Vorsehung auf sein Gebet geben werde (Esther 4,2; 5,9.13; 6,12) Tue du desgleichen. William Gurnall † 1679.

V.5. Denn du bist nicht ein Gott, dem gottlos Wesen gefällt . Hier wird der wahre Gott entgegengesetzt den Götzen der Heiden, z. B. dem Merkur, der am Lügen und Stehlen, der Venus, die am Huren, dem Bacchus, der am Saufen, dem Mars, der am Blutvergießen Gefallen hat. J. D. Frisch 1719.

Wer Geräte von Eisen oder anderem Metall anfertigt, macht nicht den Rost oder Grünspan, der sie verdirbt; der kommt von etwas anderem. Ebenso wenig hat der himmlische Werkmeister, Gott der Allmächtige, die Sünde in die Welt gebracht, noch fällt auf ihn ein Tadel, wenn seine Geschöpfe sich mit der Sünde besudeln und verderben; denn sie sind gut aus seiner Hand hervorgegangen. John Spencer † 1654.

V. 5-7. Die Abneigung des Herrn gegen die Gottlosen ist hier in einer Steigerung von sechs Stufen beschrieben. 1) Ihm gefällt gottloses Wesen nicht; 2) er bietet den Bösen keine Zuflucht; 3) sie dürfen ihm nicht vor die Augen treten; 4) sein Herz wendet sich von ihnen; 5) seine Hand wendet sich wider sie; und 6) mit Abscheu wendet er sich gänzlich von ihnen ab. -- Unter den Übeltätern sind hier wohl die Sünder höchsten Grades, die mit Entschlossenheit und Mutwillen das Böse tun, gemeint; solche, die absichtlich und sozusagen gewerbsmäßig sündigen, mit Gewandtheit und Sorgfalt, um sich dadurch einen Namen zu machen (Ruhmredige), als wäre es ihr Ehrgeiz, Meister in diesem Fach genannt zu werden, und als brauchten sie sich keineswegs zu schämen, das zu tun, dessen doch alle sich schämen sollten. Wiewohl jede Sünde eine Übeltat ist, sind doch nicht alle sündigen Menschen Übeltäter. Die so genannt werden, machen es zu ihrem Beruf, zu sündigen. Wir lesen Off. 22,15 von solchen, der die Lüge liebt und tut. Eine Lüge kann jemand entfahren, der von ferne nicht zu diesen Leuten gehört; hingegen gibt es Lügner von Beruf, deren Freude es ist, Lügen zu erfinden. Solch handwerksmäßige Sünder werden auch Ps. 58,3 beschrieben (Grundt.): "Im Herzen schmiedet ihr Bubenstücke." Ihr Herz ist eine geheime Werkstätte, wo sie Böses aussinnen und ihre Bubenstücke zurechtschmieden. Joseph Caryl 1647.

V. 6. Wie Gott über die Sünde denkt, darüber siehe 5. Mose 7,10.25; Spr. 6,16-18; Off. 2,6. 15 und ähnliche Stellen, wo Gott seinen Abscheu und Hass gegen die Sünde ausdrückt. Von diesem Hass des Bösen kommen all die schrecklichen Plagen und Gerichte her, die der Feuer und Flammen speiende Mund seines heiligen Gesetzes gegen die Sünde und die Sünder donnert. W. Gurnall † 1679.

Die der Herr hasst, müssen umkommen. Er aber hasst die unbußfertigen Sünder. Und was für Leute verdienen den Namen Übeltäter mehr als die, welche so eifrig im Bösen sind, dass sie von ihrem Tun nicht ablassen, trotzdem dass sie sich damit ins Verderben stürzen? Was gebührt ihnen mehr als Zorn, da sie ja sich selbst Zorn häufen auf den Tag des Zorns? (Röm. 2,5.) Wird Gott etwa die, welche seine Seele hasst und welche ihn hassen, liebevoll an seinen Busen drücken? Nein, all die Flüche des Gesetzes, all die Drohungen des Evangeliums, alle Gerichte auf Erden und in der Hölle werden über solche kommen zu ihrem Verderben. Ja, Gott wird den Kopf seiner Feinde zerschmettern, den Haarschädel derer, die da fortfahren in ihrer Sünde (Ps. 68,22). Darum meide du alles, was der Herr hasst. Wie kann Christus dich lieben, wenn du das, was seiner Seele verhasst ist, liebst, es gutheißest und unterstützest? Der Psalmist beantwortet diese Frage, indem er (45,8) Christi Wesen so beschreibt: Du liebest Gerechtigkeit und hassest gottlos Wesen. Und wie er das gottlose Wesen hasst, so die, welche es ausüben, die Übeltäter. Du darfst solche nicht in der Weise lieben, dass du mit ihnen auf vertrautem Fuße bist. Wenn du mit Gottlosen Gemeinschaft pflegst, wird Christus mit dir keine Gemeinschaft haben. Sein Wort: "Weichet alle von mir, ihr Übeltäter" (Lk. 13,27) wird dann auch dir gelten. David Clarkson † 1686

Regelmäßige Lesung aus der Schatzkammer David Ps.5

von Jörg » 20.03.2018 17:45

11. Schuldige sie, Gott, dass sie fallen von ihrem Vornehmen;
stoße sie aus um ihrer großen Übertretungen willen;
denn sie sind dir widerspenstig.


Dir, nicht mir, gilt ihre Empörung. Wären sie meine Feinde, so würde ich ihnen vergeben; aber deinen Feinden kann ich nicht vergeben. Wir sollen unsern Widersachern verzeihen; aber Gottes Feinden zu verzeihen, steht nicht in unserer Macht. Solche Ausdrücke wie in unserem Verse sind oft von überfeinen Leuten als zu barsch und das Ohr beleidigend beanstandet worden. "Wie kann man doch so rachsüchtig sein", sagen sie. Wir übersehen nicht, dass man die Worte als Weissagung statt als Wunsch auffassen kann; aber es liegt uns nichts daran, dieses Auskunftsmittel anzuwenden. Wir haben noch nie von einem Bibelleser gehört, der durch das Lesen solcher Schriftstellen rachgierig geworden wäre; und es ist doch nur billig, die Güte eines Buches nach seinen Wirkungen zu beurteilen. Wenn wir den Richter über einen Mörder das Urteil sprechen hören, kommt uns, so streng das Urteil ist, doch nicht der Gedanke, dass wir gerechtfertigt wären, wenn wir nun über andere um irgendeines uns persönlich zugefügten Unrechts willen so zu Gericht sitzen wollten. Der Psalmist spricht hier als Richter, ex officio (von Amtswegen); er spricht als der Mund Gottes, und indem er über die Gottlosen das Urteil spricht, gibt er uns damit keinerlei Entschuldigung, wenn wir die verdammen, welche uns persönlich beleidigt haben. Nichts von solcher Gesinnung ist in dieser Drohung aus Davids Mund zu finden, die vielmehr auf Heil und Segen abzielt, indem sie den Sünder vor dem über ihm schwebenden Fluche warnt. O du Unbußfertiger, es sei dir kundgetan, dass alle deine gottesfürchtigen Freunde dem schrecklichen Urteilsspruch des Herrn feierlich zustimmen werden, den er an jenem Tage, der dein Schicksal besiegelt, über dich aussprechen wird.
Im folgenden Verse finden wir noch einmal den Gegensatz, der den vorhergehenden Psalmen ihr Gepräge gegeben hat.

12. Lass sich freuen alle, die auf dich trauen;
ewiglich lass sie rühmen, denn du beschirmest sie;
fröhlich lass sein in dir, die deinen Namen lieben.


Freude ist das Vorrecht des Gläubigen. Wenn einst die Sünder, die sich nicht haben bekehren wollen, ausgerottet sind, dann wird unsere Freude vollkommen sein. Sie lachen erst und weinen hernach; wir weinen jetzt, aber ewige Freude wird uns ergreifen. Wenn sie heulen, werden wir jubeln; und wie sie ewiglich seufzen müssen, so werden wir ewiglich jubeln. Diese unsere heilige Wonne hat einen festen Grund; denn in dir, Herr, sind wir fröhlich. Der ewige Gott ist die Quelle unserer Seligkeit. Wir lieben ihn, darum ist er unsere Wonne. Wir trauen auf unsern Gott, darum ist uns das Herz leicht. Wir leben alle Tage herrlich und in Freuden, besser als der reiche Mann im Evangelium, denn wir speisen an des Königs Tafel. Wir haben Musik im Hause, Musik im Herzen und Musik im Himmel (vergl. Lk. 15,25); denn Gott der Herr ist unsere Stärke und unser Psalm und unser Heil (Jes. 12,2).

13. Denn Du, Herr, segnest die Gerechten;
du krönest sie mit Gnade wie mit einem Schilde.

Der Herr hat die Seinen zu Erben des Segens eingesetzt, und niemand wird sie ihres Erbes berauben. Sein Segen kommt über sie in überschwänglicher Fülle, und seine Liebe, seine Heiligkeit, seine Allmacht und alle Eigenschaften Gottes vereinigen sich, sie mit göttlicher Zufriedenheit zu sättigen. Dies schon jetzt, aber nicht nur jetzt; dieser Segen reicht in die lange, unbekannte Zukunft. (Grundt. Fut.) In diesen schlichten Worten haben wir eine Verheißung von unbegrenzter Länge und unermesslicher Breite, und wie köstlich solche Gottesworte dem Gläubigen sind, kann kein Mund aussagen.
Was aber den Schutz betrifft, den Gottes Kinder hienieden in diesem Land der Kämpfe bedürfen, so ist dieser ihnen auch im vollsten Maße zugesagt. Die Alten hatten Schilde, die den Krieger ganz bedeckten. Von einem solchen Schilde (hnIci) spricht David hier, wenn er sagt: Du umgibst sie mit Gnade (mit Wohlgefallen, Wohlwollen, das sich in Wohltaten äußert) wie mit einem Schilde. (Grundt.) Nach einige alten Übersetzern und Luther 5 läge hier auch der Begriff des Krönens vor, so dass wir eine königliche Waffenrüstung tragen, die zugleich unsere Ehre und unser Schutz ist. O Gott, kröne du uns so mit deiner Gnade!

Erläuterungen und Kernworte

V. 2-4. Der Psalmist macht dem gepressten Herzen Luft -- aber er wendet sich mit seinen Klagen zu dem allein, der zu helfen vermag. Denn während andere entweder in stummem Trotz ihren Jammer in sich hineinfressen oder in geschwätziger Weichheit vor den Menschen zwar ihm freien Lauf lassen, aber vor Gott verstummen, ist das der rechten Frommen Art, in ihrem Schmerz weder zu versteinern, noch auch vor den Menschen weich und wortreich zu werden, sondern ihren Jammer vielmehr in der Einsamkeit vor den zu tragen, der ihn doch am besten heilen kann. Prof. D. A. F. Tholuck 1843.

Siehe da, wie viel Namen er dem Gebet gibt: meine Worte, meine Rede, mein Schreien, meine Stimme, mein Anbeten, und wie er ebensoviel Ausdrücke von der Erhörung macht: höre, merke auf, vernimm; wie er sonst seine Fassung vor dem Gebet: Ich will mich zu dir schicken! und nach dem Gebet: Ich will darauf merken beschreibt; wie er alles zusammengenommen hat, was Andacht, Ehrfurcht und Zuversicht im Gebet erwecken kann. K. H. Sieger † 1791.

V. 2. Es scheint wohl, dass die Mehrzahl der Menschen ihre matten, inhaltsleeren und darum unwirksamen Gebete, mit denen sie das Ohr des hochgelobten Gottes nur beleidigen, gewissermaßen richtig abschätzen, da sie ja gar keine Antwort erwarten und über ihr erfolgloses Beten auch gar nicht bekümmert scheinen, sondern tun, als hätten sie leere Worte in den Wind geredet, wie es denn auch tatsächlich ist. Aber fern sei es von einem weisen, frommen Mann, mit einer so ernsten Sache in törichter Gleichgültigkeit nur ein Spiel zu treiben. Sein Gebet hat ein Ziel, einen Zweck, danach er mit unablässigem Flehen trachtet. Er betet nicht nur, um sein Gebet gesprochen zu haben, sondern um eine Antwort zu bekommen; und da er der festen Überzeugung ist, dass er eine Antwort erlangen kann, macht er seine Bitte mit Nachdruck und mit zähem Eifer vor Gott geltend und will sich nicht mit einer leeren Hoffnung begnügen. Erzbischof D. R. Leighton † 1684.

Merke auf mein Sinnen. (Wörtl.) Stilles Sinnen füllt die Seele mit Gutem, und dann öffnet das Gebet den Spund und lässt hervorströmen, wes das Herz voll ist. Das Nachdenken lädt das Geschütz, und das Gebet feuert es ab. Isaak war ausgegangen zu sinnen oder, wie Luther gewiss in richtiger Auslegung übersetzt: zu beten auf dem Felde gegen Abend (1. Mose 24,63). Auch das an unserer Stelle gebrauchte Wort bedeutet in der Tat beides, das Sinnen (vergl. Ps. 39,4 Grundt.) und das Beten . Die beiden sind Zwillingsbrüder. Ernstes Nachdenken ist der beste Anfang des Gebets, und Gebet der beste Schluss des Nachdenkens. George Swinnock † 1673.

Regelmäßige Lesung aus der Schatzkammer David Ps.5

von Jörg » 17.03.2018 10:04

5. Denn du bist nicht ein Gott, dem gottlos Wesen gefällt;
wer böse ist, bleibet nicht vor dir.
6. Die Ruhmredigen bestehen nicht vor deinen Augen;
du bist Feind allen Übeltätern;
7. du bringest die Lügner um;
der Herr hat Gräuel an den Blutgierigen und Falschen.


Nachdem der Psalmist so seinen festen Entschluss zu beten ausgesprochen hat, hören wir ihn jetzt sein Anliegen vorbringen 2 . Er rechtet vor Gott wider seine grausamen und gottlosen Feinde und gebraucht dabei ein sehr starkes Beweismittel. Er bittet Gott, sie zu verstoßen, weil sie Gott selbst missfallen. "Wenn ich gegen meine Widersacher dich anrufe, bete ich wider eben das, was du selbst verabscheust. Du, Herr, hassest das Böse und die Bösen; darum bitte ich dich: Erlöse mich davon."
Lasst uns die ernste Wahrheit beherzigen, dass der gerechte Gott die Sünde hassen muss. Du bist nicht ein Gott, dem gottlos Wesen gefällt , so klug, so vornehm und stolz es sich auch gebärden mag. Sein glänzender Schimmer hat keinen Reiz für dich. Menschen mögen sich vor der Niederträchtigkeit bücken, wenn sie mit Erfolg gekrönt ist, und die Schlechtigkeit des Kampfes über dem schimmernden Flitter des Triumphes vergessen, aber der dreimal heilige Gott ist nicht wie unsereiner. Wer böse ist, bleibet nicht vor dir . Er darf und kann bei dir nicht weilen. Gott bietet dem Bösen keinen Unterschlupf. Weder auf Erden noch im Himmel wird irgendetwas Böses in Gottes Wohnung geduldet werden. Wie töricht sind wir doch, wenn wir es versuchen, zwei Gäste zu beherbergen, die einander so Feind sind wie Christus und Belial. Seien wir versichert, Christus wird in der Kammer unseres Herzens nicht wohnen, wenn wir den Teufel in dem Keller unserer Gedanken heimlich bewirten. Die Ruhmredigen bestehen nicht vor deinen Augen. Viele sündige Menschen sind zwar so frech, dass sie noch im Heiligtum prahlen; aber sie dürfen dem heiligen Gott nicht vor die Augen treten. Andere übersetzen 3: Die Toren, d. h. nach der bekannten biblischen Anschauung die Frevler, bestehen nicht vor deinen Augen . Sünder sind Toren im großen Maßstab. Eine kleine Sünde ist eine große Torheit, und die größte aller Torheiten ist große Sünde. Solch sündenbeladene Toren sind vom königlichen Hofe des Himmels verbannt. Irdische Könige pflegten wohl vorzeiten Narren in ihrem Gefolge zu haben; aber der alleinweise Gott will von Toren in seinem Palast nichts wissen. Du bist Feind allen Übeltätern . Gott hegt nicht nur ein wenig Missfallen, sondern vollen Hass (Grundt.) gegen alle Missetäter. Von Gott gehasst zu sein ist schrecklich. Lasst uns doch ganze Treue beweisen im Warnen der um uns her lebenden Gottlosen; denn es wird für sie entsetzlich sein, in die Hände dieses zürnenden Gottes zu fallen. Man beachte, dass, die da Böses reden, ebenso wohl wie die Übeltäter der Strafe verfallen werden: Du bringest die Lügner um. Aller Lügner Teil wird sein in dem Pfuhl, der mit Feuer und Schwefel brennt (Off. 21,8). Mancher mag mit Lügen umgehen, ohne dass ihm die menschlichen Gesetze etwas anhaben können; aber dem göttlichen Gesetz wird er nicht entfliehen. Die Lügner haben zu kurze Flügel; ihr Flug wird bald zu Ende sein, und dann werden sie in die feurigen Fluten des Verderbens fallen. Der Herr hat Gräuel an den Blutgierigen und Falschen . Die sich in anderer Blut gebadet, werden mit ihrem eigenen Blute trunken gemacht werden, und wer damit begonnen hat, andere zu betrügen, wird damit enden, dass er selbst betrogen wird. Ein altes Sprichwort sagt: Blutgierige und Falsche graben ihr eigenes Grab. In diesem Falle ist des Volkes Stimme Gottes Stimme. Wie eindringlich ist das Wort: Der Herr hat Gräuel an solchen. Zeigt es uns nicht, wie gewaltig und wie tief gewurzelt der Hass Gottes gegen die Übeltäter ist?

8. Ich aber will in dein Haus gehen auf deine große Güte,
und anbeten gegen deinem heiligen Tempel in deiner Furcht.


Mit diesem Verse endet der erste Teil des Psalms. David hat seine Knie im Gebet gebeugt; er hat sodann, um sein Anrecht auf Erlösung von seinen Feinden vor Gott zu begründen, das Wesen der Gottlosen und das ihrer harrende Gottesgericht beschrieben; und nun bringt er dazu in Gegensatz, welche Stellung der Gerechte einnimmt: Ich aber will in dein Haus gehen. Ich will nicht von ferne stehen, sondern in dein Heiligtum eintreten, gerade wie ein Kind in seines Vaters Haus geht. Aber nicht auf mein Verdienst hin komme ich; nein, meine Sündhaftigkeit ist groß, darum komme ich einzig auf deine große Güte hin . Ich nahe zu dir mit Zuversicht um deiner unermesslichen Gnade willen. Gottes Gerichte sind alle gezählt; seine Barmherzigkeiten aber sind unzählbar. Seinen Zorn wiegt er genau ab, aber seine Güte gibt er, ohne zu wiegen. Und anbeten gegen deinem heiligen Tempel in deiner Furcht . Wenn hier auch zunächst das von dem Beter selbst auf Zion errichtete Heiligtum der Bundeslade gemeint ist, so richtete David (vergl. die Worte seines Sohnes 1.Kön. 8,27) doch ohne Zweifel sein Geistesauge höher empor zu jenem Tempel der Heiligkeit Gottes droben, wo Jahwe über den Fittichen der Cherubim in aussprechlich herrlichem Lichte thront. Daniel hatte seine Fenster offen gegen Jerusalem (Dan. 6,11); wir öffnen unser Herz gegen den Himmel.

9. Herr, leite mich in deiner Gerechtigkeit um meiner Feinde willen;
richte deinen Weg vor mir her.

Wir kommen nun zu dem zweiten Teil, worin der Psalmist seine Beweisgründe wiederholt und den Pflug noch einmal, nur tiefer, durch die eben gezogene Furche gehen lässt.
Herr, leite mich, wie das Kind vom Vater, der Blinde von seinem Freunde an der Hand geführt wird. Da lässt sich’s fröhlich und sicher wandeln, wenn Gott uns vorangeht. In oder nach deiner Gerechtigkeit; nicht in meiner Gerechtigkeit, denn die ist unvollkommen, sondern in deiner, der du die Gerechtigkeit selber bist. Richte oder ebne deinen, nicht meinen, Weg vor mir her. Merken wir uns: er sagt nicht: meinen Weg. Das ist ein erfreuliches Zeichen, dass wir in der Gnade stehen, wenn wir gelernt haben, unsere eigenen Wege aufzugeben, und nun uns danach sehnen, in Gottes Wegen zu wandeln; und es ist keine geringe Gnade, wenn wir mit klarem Blick Gottes Weg stracks vor unsern Augen sehen. Ein Irrtum über das, was unsere Pflicht ist, kann uns in einen tiefen Sumpf der Sünde bringen, ehe wir nur gewahr werden, wo wir sind.

10. Denn in ihrem Munde ist nichts Gewisses; ihr Inwendiges
ist Herzeleid;
ihr Rachen ist ein offnes Grab ; mit ihren Zungen heucheln sie.


Der Apostel Paulus hat diese Darstellung des gefallenen Menschen mit etlichen andern Schriftworten zusammen in das dritte Kapitel des Römerbriefs aufgenommen als eine genaue Beschreibung des Menschengeschlechts überhaupt, nicht nur der Feinde Davids also, sondern aller Menschen in ihrem natürlichen Zustand. Beachten wir besonders das kräftige Bild: Ihr Rachen (eigentlich: ihre Kehle) ist ein offnes Grab. Er ist ein Grab voller Gräuel der Verwesung, voll von Ansteckungsstoffen, von Pestilenz und Tod. Doch, was noch schlimmer ist, ihr Rachen ist ein offnes Grab, das all seine bösen Dünste ausströmen lässt und Tod und Verderben weit umher verbreitet. Ja, wenn der Gottlosen Rachen allezeit geschlossen gehalten werden könnte, dann wäre viel gewonnen. Stünde es in unserer Macht, den Mund der Ruchlosen zu beständigem Schweigen zu versiegeln, dann könnte er, gleich einem geschlossenen Grabe, nicht viel Unheil anrichten. Aber ihr Rachen ist ein offnes Grab, darum kommt all der Giftdunst der Gottlosigkeit ihres Herzens heraus. Wie gefährlich ist ein offnes Grab! Wie leicht könnte ein Wanderer unversehens darein fallen und sich plötzlich unter den Toten finden. Sei auf der Hut vor dem bösen Maul des Gottlosen, denn nichts ist ihm zu abscheulich, es auszusprechen, wenn er dich damit ins Verderben bringen kann! Er brennt vor Verlangen, deinen guten Leumund zu zerstören und dich in dem scheußlichen Grab seines gottlosen Maules zu begraben. Ein lieblicher Gedanke ist immerhin auch hier zu finden. In der Auferstehung wird nicht nur unser Leib, sondern auch unsere Ehre auferstehen. Darin liegt ein großer Trost für Geschmähte und Verleumdete. Dann werden die Gerechten leuchten wie die Sonne (Mt. 13,43). Die Welt mag Niederträchtiges von dir denken und deinen guten Namen begraben; bist du aber aufrichtig gewesen, dann wird an jenem Tage, da die Gräber ihre Toten wiedergeben, dies offene Grab des Rachens des Sünders auch deinen unbefleckten Namen wieder herausgeben müssen; du wirst hervorkommen und angesichts aller Menschen die Ehrenkrone empfangen. Mit ihren Zungen heucheln sie, oder wörtlich: Ihre Zunge machen sie glatt 4 . Eine glatte Zunge ist ein böses Ding; viele schon sind davon bestrickt worden. Es gibt unter den Menschen nicht wenige, die dem Ameisenbär gleich mit ihrer langen, mit ölglatten Worten bedeckten Zunge die Unbedachtsamen an sich locken und fangen und so gute Beute machen. Wenn der Wolf das Lamm beleckt, ist er im Begriff, seine Zähne in dessen Blut zu netzen.

Regelmäßige Lesung aus der Schatzkammer David Ps.5

von Jörg » 13.03.2018 18:27

Kommentar & Auslegung zu PSALM 5


Überschrift

Ein Psalm Davids, vorzusingen. Die anderen Worte der Überschrift übersetzte Luther nach den LXX: für das Erbe . Aben-Esra vermutete, der hebräische Ausdruck bezeichne eine wohlbekannte Melodie, nach der der Psalm gespielt werden sollte. Die Neueren übersehen meist: zu Flöten, d. h. zu Flötenbegleitung zu singen. Über den religiösen Gebrauch der Flöten (für die allerdings sonst stets ein anderes Wort, lylixf, gebraucht wird) vergleiche man Jes. 30,29 und 1. Samuel 10,5 . Wenn hervorragende Gelehrte bekennen müssen, dass über den Sinn der Psalmenüberschriften große Dunkelheit herrscht, bedauern wir das nicht so sehr; ist es uns doch ein Erweis des hohen Alters dieser Überschriften.

Inhalt

Durch die vier ersten Psalmen konnten wir einen Gedanken sich hindurchziehen sehen, nämlich den Gegensatz zwischen der Stellung, dem Charakter und den Aussichten des Gerechten und des Gottlosen. In dem vorliegenden Psalm finden wir dasselbe. Der Psalmist führt den Gegensatz aus, der zwischen ihm selbst als einem durch Gottes Gnade Gerechtfertigten und seinen gottlosen Widersachern besteht. Tiefer Schauenden eröffnet sich hier ein köstlicher Blick auf den anderen David, auf Jesus, von dem Hebr. 5,7 sagt, dass er in den Tagen seines Fleisches Gebet und Flehen mit starkem Geschrei und Tränen geopfert habe.

Einteilung

Wir scheiden den Psalm in zwei Teile, Vers 2-8 und 9-13 . In dem ersten Teil fleht David inbrünstig, der Herr wolle auf sein Gebet hören, und der zweite Teil ist eine Variation zu demselben Thema.

Auslegung

2. Herr, höre meine Worte,
merke auf meine Rede.


Herr, höre meine Worte, merke auf mein Sinnen oder Seufzen. (Grundt.) Es ist hier von zwei Arten des Gebets die Rede; erst von dem in Worten ausgedrückten, sodann von dem unausgesprochenen Sehnen des Herzens, das sich in stillem Sinnen, höchstens in leisem Seufzen und kaum hörbarem Flehen kundgibt. In den Worten besteht nicht das Wesen des Gebets, sie sind nur das Kleid, in das es sich hüllt. Mose schrie am Roten Meer zu Gott (2. Mose 14,15), wiewohl nicht ein einziges Wort aus seinem Munde gekommen zu sein scheint. Doch kann der Gebrauch der Sprache das Gemüt vor Zerstreuung bewahren, die Seelenkräfte unterstützen und die Andacht steigern. Wir sehen, David macht von beiden Arten des Gebets Gebrauch und fleht für das eine um Gehör und für das andere um Beachtung. Wie viel liegt in der Bitte: Merke auf mein Seufzen . Habe ich um das Rechte gebeten, so gib es mir; habe ich das, was mir am meisten Not tut, übersehen, so fülle du die Lücken meines Gebets aus. Merke auf die Gedanken meines Herzens, wäge sie auf deiner Wage, erforsche du, ob mein Herz aufrichtig ist, und siehe, was ich in Wahrheit nötig habe, und dann antworte mir zur rechten Zeit um deiner Güte willen. Es gibt ein Bitten, das durch die Wolken dringt, ohne dass ein Wort laut wird; wiederum mögen oft viele Worte gemacht werden, ohne dass Gott auch nur auf eines achtet. Lasst uns den Geist des Gebets pflegen, das ist sogar noch etwas Besseres, als die Gewohnheit des Gebets zu pflegen. Gott bewahre uns vor Scheingebeten ohne Herzensandacht! Mit dem Beten sollten wir anfangen, ehe wir niederknien, und sollten nicht damit aufhören, wenn wir uns von den Knien erhoben haben.

3. Vernimm mein Schreien, mein König und mein Gott;
denn ich will vor dir beten.


Vernimm die Stimme meines Geschreis. (Wörtl.) Ach, manchmal sind wir nicht im Stande, unsere Gebete in Worte zu fassen, sie sind nur ein Schreien ; aber der Herr versteht den Sinn, er hört in unserem Schreien eine Stimme von herzbeweglicher Beredsamkeit. Für das liebende Herz des Vaters ist der um Hilfe bittende Schrei seines Kindes Musik; das Flehen seines Lieblings hat einen magischen Einfluss, dem sein Herz nicht widerstehen kann. Mein König und mein Gott. Achten wir genau auf diese kleinen Fürwörter: mein König und mein Gott. Sie sind der Kern und das Mark der dringenden Anrufung. Das ist ein gewichtiger Grund, warum wir Erhörung unserer Gebete von Gott erhoffen dürfen, dass er unser König und unser Gott ist. Wir sind für ihn keine Fremden. Man erwartet vom König, dass er den Bitten seiner Untertanen ein gnädiges Ohr leihe. Wir sind nicht Leute, die ihn nichts angehen; wir dienen ihm, und er ist unser Gott, unser kraft seines Bundes, kraft seiner Verheißung, kraft seines Eides, kraft des für uns vergossenen Blutes seines Sohnes.
Denn ich will vor dir beten. David erklärt, er wolle sich an Gott und an Gott allein wenden. Gott soll der einzige Gegenstand unserer Anbetung sein und die einzige Zuflucht unserer Seele in der Not. Überlassen wir die löchrigen Zisternen (Jer. 2,13) denen, die ohne Gott dahinleben; du aber, o Gottesmensch, trinke aus Gottes lebendiger Quelle.

4. Herr, frühe wollest du meine Stimme hören;
frühe will ich mich zu dir schicken und aufmerken.

Man kann auch übersetzen: Herr, frühe wirst du meine Stimme hören 1 , und wir sind geneigt, schon diese erste Zeile, statt als Gebet, als Entschluss zu fassen: Ich will nicht stumm sein, ich will nicht schweigen, ich will meine Rede nicht zurückhalten, ich will zu dir schreien; denn das Feuer, das in meinem Inneren brennt, zwingt mich zum Beten. Wir können eher sterben, als ohne Gebet leben. Unter Gottes Kindern ist keines von einem stummen Geist besessen.
Frühe, wörtl.: des Morgens, ist die beste Zeit zum Umgang mit Gott. Eine Stunde am Morgen ist mehr wert als zwei am Abend. Während der Tau noch auf dem Grase liegt, möge die göttliche Gnade auf die Seele träufeln. Lasst uns dem Herrn den Morgen des Tages und den Morgen unseres Lebens weihen. Das Gebet sei uns der Schlüssel für den Tag und das Schloss für die Nacht. Das Morgen- und Abendgebet sei unser Morgen- und Abendstern.
Die zweite Verszeile lautet wörtlich: Frühe rüste ich dir zu und schaue aus . Das erste Zeitwort hat also hier im Grundtext kein Objekt bei sich. Wir können aus dem Zusammenhang ergänzen "mein Gebet" (womit dann Luthers: Frühe will ich mich zu dir schicken dem Sinne nach übereinkommt) und zur Erklärung an einen Bogenschützen denken. Ich lege mein Gebet auf den Bogen, richte ihn gen Himmel, und nachdem ich den Pfeil abgeschossen, schaue ich aus, um zu sehen, wohin er gegangen. Der Grundtext lässt aber einen noch tieferen Sinn vermuten. Das betreffende Zeitwort (K:ra(f) wird auch gebraucht von dem Zurechtlegen des Holzes und der Opferstücke auf dem Altar (3. Mose 1,7 f.) oder der Schaubrote auf dem Schaubrottisch (3. Mose 24,8). Demnach wäre der Sinn: Ich richte mein Gebet vor dir zu, ich lege es des Morgens auf deinem Altar aus, gerade wie der Priester das Morgenopfer auf den Altar legt. Und schaue aus : nach der Antwort. Nachdem ich gebetet, erwarte ich, dass der Segen kommt. Ich will mein Gebet gleich dem Opfer auf dem Altar ausbreiten und ausschauen, der göttlichen Antwort harrend, nämlich des Feuers vom Himmel, welches das Opfer verzehren wird.
Zwei Fragen werden uns durch diesen Teil des Verses nahe gelegt: Geht uns nicht viel von der Köstlichkeit und Wirksamkeit des Gebets dadurch verloren, dass wir es an sorgsamer Überlegung vor demselben und an hoffnungsvoller Erwartung nach demselben fehlen lassen? Nur zu oft stürzen wir uns gleichsam in die Gegenwart Gottes ohne Vorbedacht und ohne Demut. Wir sind gleich Leuten, die vor einem König ohne ein Bittgesuch erscheinen, -- was Wunder, dass wir oft den Zweck des Gebets verfehlen? Wir sollten daraus bedacht sein, den Strom des Nachdenkens stets laufend zu erhalten, denn das ist das Wasser, das die Gebetsmühle treibt. Es ist unnütz, die Schleusen eines ausgetrockneten Baches zu öffnen und dabei die Hoffnung zu hegen, das Rad sich umdrehen zu sehen. Beten ohne Inbrunst ist so gut wie jagen mit einem toten Hund; beten ohne innere Vorbereitung ist so gut wie mit einem blinden Falken auf die Beize gehen. Gewiss ist das Gebet das Werk des heiligen Geistes, aber dieser wirkt durch Mittel. Gott schuf den Menschen, aber er benutzte dazu den Staub der Erde; der heilige Geist ist der Urheber des Gebets, aber er bedient sich der Gedanken, welche dem inbrünstigen Herzen entströmen, als des Goldes, woraus er das Gefäß bildet. Mögen unsere Bitt- und Dankgebete nicht ein schnell vorübergehendes Aufflammen eines erhitzten, sich überhastenden Gehirnes sein, sondern das stetige Brennen eines wohl angelegten Feuers.
Und sodann: vergessen wir nicht oft, harrend zu beobachten, was für Erfolg unser Gebet haben werde? Wir gleichen dem Kuckuck, der seine Eier legt, sich aber um die Jungen nicht kümmert. Wir streuen den Samen aus, sind aber zu faul, nach der Ernte zu sehen. Wie können wir erwarten, dass der Herr die Fenster seiner Gnade öffnen und auf uns Segen herabschütten werde, wenn wir nicht die Fenster der Erwartung öffnen und nach der verheißenen Gabe ausschauen? Wenn heilige Vorbereitung heiliger Erwartung die Hand reicht, werden wir weit herrlichere Antworten auf unsere Gebete empfangen.

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