Lesung aus Arthur W. Pink "Das Leben des Elia"

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Joschie
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Kapitel.24 Niedergeschlagen

Beitragvon Joschie » 16.07.2021 06:50

Kapitel.24 Niedergeschlagen

In Zusammenhang mit Elias Flucht vor Isebel erfahren wir als erstes, dass er „nach Beerscheba in Juda“ kam (1.Kön. 19,3). Dort, so hätte man denken können, könnte er gewiss Zuflucht finden, denn jetzt war er außerhalb des von Ahab regierten Gebietes, doch er kam nur, wie man sagt, vom Regen in die Traufe. Denn zu der Zeit wurde das Königreich Juda von Joschafat regiert, und dessen Sohn hatte Ahabs Tochter geheiratet (2.Kön. 8,18), und die beiden Häuser Joschafats und Ahabs waren so eng miteinander vereint, dass, als der erstere vom letzteren gebeten wurde, ihn auf einen Feldzug gegen Ramot in Gilead zu begleiten, Joschafat antwortete: „Ich will sein wie du und mein Volk wie dein Volk, und meine Rosse wie deine Rosse“ (1.Kön. 22,4). So hätte Joschafat wohl keine Bedenken gehabt, den, der in sein Land geflüchtet war, auszuliefern, sobald er von Ahab und Isebel dazu aufgefordert wäre. So wagte Elia nicht, in Beerscheba zu bleiben, sondern setzte seine Flucht fort.

Beerscheba lag im äußersten Süden von Judäa und gehörte zum Erbteil Simeons; man schätzt, dass Elia und sein Gefährte auf ihrer Reise von Isebel dorthin nicht weniger als neunzig Meilen zurückgelegt haben. Als nächstes erfahren wir, dass er „seinen Diener dort ließ“. Hiehr sehen wir die Rücksichtnahme und das Mitleid des Propheten mit seinem einsamen Gefolgsmann: Er war darauf bedacht, ihm die Strapazen der öden arabischen Wüste, in die er jetzt gehen wollte, zu ersparen. In diesem fürsorglichen Akt war er allen Meistern ein Vorbild, nicht von ihren Untergebenen zu verlangen, sich unvernünftigen Gefahren aus zusetzten oder Dienste zu erfüllen, die jenseits ihrer Kräfte liegen. Obendrein wünschte Elia jetzt mit seinen Sorgen allein zu sein und nicht in Anwesenheit eines anderen seiner Verzweiflung Luft zu machen. Auch dies ist der Nacheiferung wert. Wenn Furcht und Unglaube sein Herz füllen und er kurz davor steht, seiner Niedergeschlagenheit Ausdruck zu geben, dann sollte der Christ sich aus der Gegenwart anderer zurückziehen, um sie nicht mit seiner Morbidität und Verdrießlichkeit anzustecken möge er sein Herz dem Herrn ausschütten und die Gefühle seiner Brüder schonen.

„Aber er ging hin in die Wüste eine Tagesreise weit“ (V. 4). Hier können wir eine weitere Wirkung von Angst und Unglauben sehen: Sie erzeugen Unruhe und Aufgeregtheit, so dass ein Geist der Rastlosigkeit die Seele ergreift. Wie könnte es anders sein? Seelenruhe ist nirgendwo als nur in dem Herrn zu finden, dadurch, dass wir mit Ihm Gemeinschaft haben und Ihm vertrauen. „Die Gottlosen sind wie das ungestüme Meer, das nicht still sein kann“ (Jes. 57,20); das ist zwangsläufig so, denn der Ruhegeber ist ihnen gänzlich unbekannt „den Weg des Friedens kennen sie nicht“ (Röm. 3,17). Wenn der Christ keine Gemeinschaft mit Gott hat, wenn er die Dinge selbst in die Hand nimmt, wenn Glaube und Hoffnung nicht länger wirksam sind, dann ergeht es ihm nicht besser als den Unerneuerten, denn er hat sich selbst von allem Trost ausgeschlossen und ist durch und durch elend. Zufriedenheit und Freude an Gottes Willen sind nicht länger sein Teil: stattdessen ist sein Verstand in Aufruhr, er ist völlig demoralisiert und sucht jetzt vergeblich nach Linderung in endlosen Zerstreuungen und fiebrigen Aktivitäten des Fleisches. Er muss unterwegs sein, denn er ist vollkommen aus der Fassung geraten: er reibt sich auf mit nutzlosen Übungen, bis seine natürlichen Kräfte erschöpft sind.
Tod, wo ist dein Stachel? Totenreich, wo ist dein Sieg? 1Kor 15,55

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Kapitel.24 Niedergeschlagen

Beitragvon Joschie » 22.07.2021 07:49

Kapitel.24 Niedergeschlagen

Folgen wir dem Propheten mit unserem inneren Auge. Stunde um Stunde geht er dahin unter der brennenden Sonne, seine Füße wund vom glühenden Sand, allein in der Ödnis der Wüste. Schließlich übermannen Müdigkeit und Seelenschmerz seine drahtigen Kräfte, und er „setzte sich unter einen Ginsterstrauch und bat, dass seine Seele stürbe“ (V. 4; Elberf.). Das erste, das ich in diesem Zusammenhang herausstellen möchte, ist, dass Elia, so entmutigt und verzweifelt er auch war, dennoch keinen Versuch unternahm, Hand an sich zu legen. Wenn auch Gott für eine Zeitlang Seine tröstende Gegenwart entzogen hatte und in einem gewissen Maß Seine zügelnde Gnade versagte, so hat Er doch weder damals noch jemals eines Seiner Kinder gänzlich in die Macht des Teufels gegeben.

„Und er bat, dass seine Seele stürbe.“ Das zweite, auf das ich hinweisen möchte, ist die Inkonsequenz seines Charakters. Der Grund, weshalb Elia Jesreel so hastig verließ, als er Isebels Drohung gehört hatte, war, dass er „um sein Leben lief“, und jetzt wünschte er, dass ihm sein Leben genommen würde. Hieran erkennen wir eine weitere Wirkung, wenn Unglaube und Furcht vom Herzen Besitz ergreifen. Nicht nur, dass wir närrisch und falsch handeln, nicht nur, dass ein Geist der Rastlosigkeit und Unzufriedenheit uns erfasst, sondern wir geraten völlig aus dem Gleichgewicht, die Seele verliert ihre Ballance, und jede Beständigkeit der Lebensführung kommt zum Erliegen. Die Erklärung hierfür ist einfach: Die Wahrheit ist einheitlich und harmonisch, wohingegen Irrtum vielgestaltig und widerspruchsvoll ist; jedoch damit die Wahrheit uns wirksam leiten kann, muss der Glaube in ständiger Ausübung sein sowie der Glaube nicht mehr tätig ist, werden wir launenhaft und unzuverlässig und, wie man sagt, ‚ein Bündel von Widersprüchen‘. Zuverlässigkeit des Charakters und der Lebensführung ist abhängig von einem beständigen Wandel mit Gott.

Es gibt vermutlich nur wenige Knechte Gottes, die nicht bisweilen gern ihren Harnisch abwerfen und sich aus dem Kampf zurückziehen würden, besonders, wenn ihre Mühen vergeblich scheinen und sie sich selbst nur noch als eine Belastung sehen können. Als Mose ausrief, „Ich vermag all dies Volk nicht allein zu tragen, denn es ist mir zu schwer“, fügte er sogleich hinzu: „Willst du aber doch so mit mir tun, so töte mich lieber“ (4.Mose 11,14-15). So betete auch Jona: „So nimm nun, HERR, meine Seele von mir; denn ich möchte lieber tot sein als leben“ (4,3). Dieser Wunsch, aus dieser Welt des Leidens fortgenommen zu werden, ist auch nicht auf die besonderen Diener Christi beschränkt. Viele der schlichten Kinder Gottes sind auch von Zeit zu Zeit geneigt, mit David zu sagen: „O hätte ich Flügel wie Tauben, dass ich wegflöge und Ruhe fände“ (Ps. 55,7). So kurz unsere Durchreise hier unten ist, so lang scheint sie uns, einigen sogar zu lang, und wenn ich auch Elias Verdrießlichkeit und Gereiztheit nicht entschuldigen kann, kann ich doch ganz gewiss mit ihm dort unter dem Ginsterstrauch sympathisieren, denn ich selbst bin oft dort gewesen.
Tod, wo ist dein Stachel? Totenreich, wo ist dein Sieg? 1Kor 15,55


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