Falsches Richten

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Jörg
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Falsches Richten

Beitragvon Jörg » 15.12.2012 08:50

C.O.Rosenius Anmerkungen über das Wort "Laßt uns nicht mehr einer den anderen richten, sondern das richtet vielmehr, daß niemand seinem Bruder einen Anstoß oder ein Ärgernis darstellet." (Römer 14, 13):

Der Apostel redet hier in einem zärtlich bewegenden Ton. Er schließt auch sich selbst in seinen ausgesprochenen Wunsch mit ein, wenn er sagt: ,,Laßt uns nun nicht mehr einer den anderen richten!" Daraus müßten wir merken, daß unsere Neigung, die Brüder zu richten oder zu verachten, sehr stark ist, aber auch, daß diese Sünde bedeutender und verderblicher ist, als wir denken.

Unsere Neigung dazu ist sehr stark. Das können wir feststellen, wenn wir auf uns selbst achtgeben. Wie sind wir doch bereit, bei allen möglichen Anlässen unsere Brüder zu richten! Diese Neigung klebt uns allen an, ist aber besonders vorherrschend bei ungebrochenen, eigenliebigen Menschen, die den Forderungen Gottes an den inwendigen Menschen noch nicht stillhielten und darum weder von ihrem eigenen Elend recht gestraft noch von der Gnade Gottes durchdrungen wurden. Doch spüren wir nicht alle diese Neigung in uns? Schon wenn der Bruder nicht die gleiche Ausdrucksweise hat, an die wir uns gewöhnt haben, sind wir sofort geneigt, sein eigentliches Leben zu bezweifeln, obwohl er nichts sagte, was etwa eine Unbußfertigkeit oder Falschheit des Geistes bewies. Schon wenn er eine andere Meinung hat als wir in einer Frage, die nicht den Lebenspunkt betrifft, oder wenn er ein anderes Benehmen, eine andere Weise in der Kleidung, im Essen oder Trinken hat, sofort mißtrauen wir seiner Aufrichtigkeit und seinem Ernste. Treffen wir zudem eine wirkliche Sünde oder Schwachheit bei ihm an, dann meinen wir, ihn mit vollem Recht richten zu dürfen, ohne ihn erst zu hören, inwiefern er etwa einer klar erkannten Sünde huldigt oder aber im Gegenteil in der Buße und im Kampf gegen diese Sünde steht. Luther sagt: ,,Wir sind so törichte Heilige, daß wir, obwohl wir selbst alle Tage mit der Sünde zu kämpfen haben und unser ganzes Leben lang stets der Vergebung bedürfen, doch wollen, daß der Bruder ganz fehlerfrei sein soll." Wenn er nun zudem einen Fehler gegen uns begangen hat, ein verletzendes Wort oder dergleichen über uns geäußert hat, dann haben wir sofort Falkenaugen, alle Fehler an ihm zu sehen.

So ist das Menschenherz. Und hier ist die eigentliche Quelle, aus der das viele Richten, Verachten und alle Lieblosigkeit fließen. Es ist das Herz, es ist unsere Natur mit aller ihrer Bosheit, Selbstsucht und Eigenliebe, wodurch selbst die Gläubigen oft so verblendet sind, daß sie nichts anderes wissen, als daß sie von einem ,,heiligen Eifer" getrieben werden, wenn sie ihren Bruder richten und verachten, obgleich sie dadurch dieser Ermahnung und dem Gebot der Liebe ganz zuwiderhandeln, weil sie mit ihrem Richten dem Nächsten nichts Gutes, sondern nur Böses tun.

Dieses Richten ist ein viel größeres Übel, als wir gewöhnlich meinen. Wir halten es zumeist für eine geringe Sache, wenn nicht für etwas geradezu Gutes, ja, Gerechtes, daß wir unseren Bruder richten. Es ist aber im Gegenteil ein sehr böses, verderbliches Laster. Nicht genug damit, daß der Richtende das Majestätsrecht Gottes über Seine Knechte mißachtet und in etwas eingreift, was allein dem Herrn gebührt, - er verursacht auch seinen Mitmenschen viel Böses. Wieviel Bitterkeit und Lieblosigkeit, wieviel Spaltungen und Parteiungen sind allein durch das unzeitige Richten eines Menschen entstanden! Während eine demütige und vertrauliche Ermahnung stets geeignet ist, Besserung zu bewirken, ist dagegen alles Richten über die innere Stellung und die geheimen Absichten des Herzens geeignet, Bitterkeit und Bosheit, Trennung von den Brüdern, Parteiungen und Streitigkeiten zu bewirken. Kurz, das Richten ist ein in jeder Beziehung verabscheuungswürdiges Übel. Dies war auch sicher der Grund, weshalb der Apostel uns so unermüdlich warnt und uns schließlich sagt: ,,Darum laßt uns nicht mehr einer den anderen richten."

,,Sondern das richtet vielmehr, daß niemand seinem Bruder einen Anstoß oder ein Ärgernis darstelle!" Hier wendet der Apostel das Wort ,,richten" in einer besonderen Bedeutung an. Zuvor wurde damit das den Menschen unerlaubte Richten über das Gewissen, über die innere Stellung und andere verborgene Zustände der Brüder bezeichnet. Hier dagegen bedeutet es, daß ich einen festen Gerichtsbeschluß über mich fasse, nie einem Bruder Anstoß oder Veranlassung zum Fall geben zu wollen. Hier will der Apostel sagen: Statt eure Gedanken auf ein liebloses Richten zu verwenden, laßt uns von der Liebesabsicht in Anspruch genommen werden, so daß ihr euch danach richtet oder dafür entscheidet, den Brüdern nie eine Veranlassung zum Anstoß zu geben. Die Wörter ,,Anstoß" und ,,Ärgernis" haben im Grundtext die gleiche Bedeutung, nämlich ,,Anstoß und Anlaß zum Fall zu geben" oder ,,das Gewissen zu verwirren", den Bruder in Unruhe und Verwirrung zu bringen. Das könnten die Stärkeren nämlich durch einen unzeitigen Gebrauch ihrer Freiheit tun, wodurch die Schwachen entweder über die rechte Auffassung des Evangeliums in Unruhe und Verlegenheit gebracht oder aber dazu versucht wurden, einer Lebensweise zu folgen, von deren Erlaubtsein sie noch keine volle Gewißheit hatten. Christen dürften solches nicht verursachen, sie müßten vielmehr fest beschließen, dem Bruder nie Anlaß zur Verwirrung zu geben.

"Drum lasset uns lieben und freuen von Herzen, Versüßen einander die Leiden und Schmerzen! Dringt innig, ihr Herzen, in Jesu hinein, So mehr'n sich die Strahlen vom göttlichen Schein."
Es muß alles erst einmal an Gott vorüber, bevor es mich treffen kann. (Helmut Thielicke)

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