Sind murren und klagen dasselbe?

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Jörg
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Sind murren und klagen dasselbe?

Beitragvon Jörg » 04.02.2013 06:55

Hallo,

in manchen Predigten und Büchern entsteht der Eindruck, dass ein Christ nicht klagen darf. Oft noch mit dem Beisatz “murret nicht”! Warum gibt es aber die sogenannten Klagepsalmen?

Meine Frage an Euch ist: Gibt es einen Unterschied zwischen murren und klagen?

Herzlichen Gruß

Jörg
Es muß alles erst einmal an Gott vorüber, bevor es mich treffen kann. (Helmut Thielicke)

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Joschie
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Beitragvon Joschie » 08.02.2013 17:10

Hallo Jörg!
Ich versuche mal eine Klärung der beiden Begriffe:
In rev.Elberfelder steht
Judas16 Diese sind Murrende, die mit dem Schicksal hadern und nach ihren Begierden wandeln; und ihr Mund redet stolze Worte, und sie bewundern Personen um des Vorteils willen.

In der Schlachter2000 steht
Judas16 Das sind Unzufriedene, die mit ihrem Geschick hadern und dabei nach ihren Lüsten wandeln; und ihr Mund redet übertriebene Worte, wenn sie aus Eigennutz ins Angesicht

John MacArthur schreibt zu dieser Bibelstelle:
Der Ausdruck Unzufriedene findet sich nur hier im Neuen Testament; denselben Begriff benutzt die Septuaginta, um Israels Murren gegen Gott zu beschreiben (2Mo 16,7-9; 4Mo 14,27.29; vgl. Joh 6,41; 1Kor 10,10). Wie die Israeliten in alter Zeit (Ps 106,24-25; 107,11; Sach 7,11) waren sie mit der Wahrheit unzufrieden und murrten gegen Gottes heiliges Gesetz. Die Abtrünnigen haderten auch mit ihrem Geschick bzw. beklagten sich über Gottes Ratschluss und Plan. Das mit hadern(mempsimoiros) übersetzte Wort bedeutet »beschweren« und bezeichnet jemanden, der ständig missmutig und unzufrieden ist. Die Irrlehrer griffen den Herrn und seine Wahrheit schamlos an – eine Tatsache, die Judas schon zuvor in seinem Brief veranschaulichte, als er sie mit den ungläubigen Israeliten, den Sündern von Sodom und Gomorra, mit den gefallenen Engeln und mit Kain, Korah sowie Bileam verglich. In ihrem Egoismus richteten sich die falschen Lehrer nicht nach Gottes Willen, da sie nach ihren eigenen Lüsten wandelten (vgl. V. 4.7; 2Petr 2,10.18; 3,3). Dieser neutestamentliche Ausdruck beschreibt gewöhnlich die Unbekehrten (vgl. V. 18; 2Petr 3,3). Die Abtrünnigen waren so von sich eingenommen, dass sie übertriebene Worte oder »stolze Worte« redeten. Sie blähten sich in ihrer Wichtigtuerei mit einem komplizierten, anspruchsvollen religiösen Vokabular auf, das ihren Reden nach außen hin einen geistlichen Unterton und Attraktivität verlieh, aber keine göttliche Wahrheit und Substanz besaß.
Der ganze Kommentar

Für mich ist die Entscheidene Aussage:"Das mit hadern(mempsimoiros) übersetzte Wort bedeutet »beschweren« und bezeichnet jemanden, der ständig missmutig und unzufrieden ist." Hier wird das hadern/murren, als eine ständige Lebenseinstellung bezeichnet. Das es in unser Leben Situationen gibt, wo wir aus den verschiedensten Gründen klagen, wird in der Bibel nicht verurteilt. Wen das Klagen in unser Leben zu einem Dauerzustand wird, besteht die große Gefahr das daraus ein Murren gegen Gott wird.
In Prediger 3,1-7 steht:
1 Für alles gibt es eine bestimmte Stunde. Und für jedes Vorhaben unter dem Himmel gibt es eine Zeit:
2 Zeit fürs Gebären und Zeit fürs Sterben, Zeit fürs Pflanzen und Zeit fürs Ausreißen des Gepflanzten, 3 Zeit fürs Töten und Zeit fürs Heilen, Zeit fürs Abbrechen und Zeit fürs Bauen,
4 Zeit fürs Weinen und Zeit fürs Lachen, Zeit fürs Klagen und Zeit fürs Tanzen,
5 Zeit fürs Steinewerfen und Zeit fürs Steinesammeln, Zeit fürs Umarmen und Zeit fürs sich Fernhalten vom Umarmen,
6 Zeit fürs Suchen und Zeit fürs Verlieren, Zeit fürs Aufbewahren und Zeit fürs Wegwerfen,
7 Zeit fürs Zerreißen und Zeit fürs Zusammennähen, Zeit fürs Schweigen und Zeit fürs Reden

Bei Betrachten der folgenden Bibelstellen ist mir aufgefallen das die Menschen die hadern/murren sehr oft als eine Grubbe auftreten, wieleicht besteht darin auch eine besondere Gefahr für den Einzelnen?
Hier einige Bibelstellen dazu:
Im Alten Testament: לין לוּן lûn lîyn Übersetzung in der Elberfelder Bibel: murren
2. Mo 15,24 Und das Volk murrte wider Mose und sprach: Was sollen wir trinken?
2. Mo 16,2 Und die ganze Gemeinde der Kinder Israel murrte wieder Mose und wider Aaron in der Wüste.
2. Mo 17,3 Und das Volk dürstete daselbst nach Wasser, und das Volk murrte wider Mose und sprach: Warum doch hast du uns aus Ägypten heraufgeführt, um mich und meine Kinder und mein Vieh vor Durst sterben zu lassen?
4. Mo 14,2 Und alle Kinder Israel murrten wider Mose und wider Aaron, und die ganze Gemeinde sprach zu ihnen: O wären wir doch im Lande Ägypten gestorben, oder wären wir doch in dieser Wüste gestorben!
4. Mo 14,27 Wie lange soll es mit dieser bösen Gemeinde währen, daß sie wider mich murrt? Das Murren der Kinder Israel, das sie wider mich murren, habe ich gehört.
4. Mo 14,36 Und die Männer, welche Mose ausgesandt hatte, um das Land auszukundschaften, und die zurückkehrten und die ganze Gemeinde wider ihn murren machten, indem sie ein böses Gerücht über das Land ausbrachten,
4. Mo 17,6 Und die ganze Gemeinde der Kinder Israel murrte am anderen Morgen wider Mose und wider Aaron und sprach: Ihr habt das Volk Jehovas getötet!
4. Mo 17,20 Und es wird geschehen: der Mann, den ich erwählen werde, dessen Stab wird sprossen; und so werde ich vor mir stillen das Murren der Kinder Israel, das sie wider euch murren.
Jos 9,18 Und die Kinder Israel schlugen sie nicht, weil die Fürsten der Gemeinde ihnen bei Jehova, dem Gott Israels, geschworen hatten. Da murrte die ganze Gemeinde wider die Fürsten.



תּלנּה תּלוּנה telûnâh telûnnâh Übersetzung in der Elberfelder Bibel: Murren
2. Mo 16,7 und am Morgen, da werdet ihr die Herrlichkeit Jehovas sehen, indem er euer Murren wider Jehova gehört hat; denn was sind wir, daß ihr wider uns murret!
2. Mo 16,8 Und Mose sprach: Dadurch werdet ihr' s erkennen, daß Jehova euch am Abend Fleisch zu essen geben wird und am Morgen Brot bis zur Sättigung, indem Jehova euer Murren gehört hat, womit ihr wider ihn murret. Denn was sind wir? Nicht wider uns ist euer Murren, sondern wider Jehova.
2. Mo 16,9 Und Mose sprach zu Aaron: Sprich zu der ganzen Gemeinde der Kinder Israel: Nahet herzu vor Jehova, denn er hat euer Murren gehört.
2. Mo 16,12 Ich habe das Murren der Kinder Israel gehört; rede zu ihnen und sprich: Zwischen den zwei Abenden werdet ihr Fleisch essen, und am Morgen werdet ihr von Brot satt werden; und ihr werdet erkennen, daß ich Jehova bin, euer Gott.
4. Mo 14,27 Wie lange soll es mit dieser bösen Gemeinde währen, daß sie wider mich murrt? Das Murren der Kinder Israel, das sie wider mich murren, habe ich gehört.


Im Neue Testament: gogguzō Übersetzung in der Elberfelder Bibel: murren
Mt 20,11 Als sie aber den empfingen, murrten sie wider den Hausherrn
Lk 5,30 Und die Pharisäer und ihre Schriftgelehrten murrten gegen seine Jünger und sprachen: Warum esset und trinket ihr mit den Zöllnern und Sündern?
Joh 6,41 Da murrten die Juden über ihn, weil er sagte: Ich bin das Brot, das aus dem Himmel herniedergekommen ist;
Joh 6,43 Da antwortete Jesus und sprach zu ihnen: Murret nicht untereinander.
Joh 6,61 Da aber Jesus bei sich selbst wußte, daß seine Jünger hierüber murrten, sprach er zu ihnen: Ärgert euch dieses?
1. Kor 10,10 Murret auch nicht, gleichwie etliche von ihnen murrten und von dem Verderber umgebracht wurden Quelle

Gruß Joschie
Tod, wo ist dein Stachel? Totenreich, wo ist dein Sieg? 1Kor 15,55

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Joseph28
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Beitragvon Joseph28 » 10.02.2013 04:24

Hallo, Jörg…

Das Neue Testament in der Tat mahnt uns nicht zu klagen (Kolosser 3, 13; Jakobus 5, 9; und 1. Petrus 4, 9 ). In der Tat zeigen andere Textstellen, dass wir die Fehler der anderen akzeptieren sollen, um ihre „Lasten“ zu tragen (Galater 6, 1-3).

Nun, da das gesagt haben, besteht ein Ablaßventil für den Druck, der sich baut in jedem von uns immer auf. Das Ablaßventil ist es, die Wahrheit in Liebe zu sprechen (Epheser 4, 15). Das heißt, wir sollen ehrlich und offen mit anderen darüber sein, wie wir denken und fühlen, aber mit Liebe. Auf diese Weise können wir ohne Angriff mit solchen Menschen austauschen, und damit können wir die Wahrscheinlichkeit vermeiden, falsche Motiven an ihnen zuschreiben, was Falschaussage wäre (Epheser 4, 25-27).

Also, um es zusammenzufassen, sollen wir nicht beklagen, sondern andere zu lieben, um ihre Fehler zu akzeptieren. Allerdings gibt es eine Zeit und Ort, um jemandem die Wahrheit (wie wir denken und fühlen) zu erzählen, aber immer in der Liebe, und damit ohne Angriff.

P.S. Die beschwerdeführenden Psalmen sind eigentlich Gebete. Bete im stillen Kämmerlein, Jörg, und mit Danksagung teil alle deinen Beschwerden mit dem Herrn im Geheimnis (Matthäus 6, 6). Damit wird er dir den Frieden geben, der alles Verstehen übersteigt (Philipper 4, 6-7).

Liebe Grüße,
Joseph
„Und dies schreiben wir euch, damit eure Freude vollkommen sei.“ (1.Johannes 1,4)

Jörg
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Beitragvon Jörg » 11.02.2013 05:27

Lieber Lutz, lieber Joseph!

Danke für Eure Antworten. Heute stieß ich wieder auf ein Psalmwort, das ich sehr liebe: "Abends und morgens und mittags will ich klagen und heulen; so wird er meine Stimme hören." (Psalm 55, 18)

Eine gesegnete Woche wünscht Euch

Jörg
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