Lesung aus C.H.Spurgeon "Das Evangelium des Reiche"

Basiert auf "Biblische Lehre" - aber damit die Praxis nicht zu kurz kommt, ein Extra-Forum

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Jörg
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Matthäus 5.25-30

Beitragvon Jörg » 08.03.2015 06:47

25. 26. Sei willfertig deinem Widersacher bald, dieweil du noch bei ihm auf dem Wege bist, auf daß dich der Widersacher nicht dermaleinst überantworte dem Richter, und der Richter überantworte dich dem Diener, und werdest in den Kerker geworfen. Ich sage dir wahrlich: Du wirst nicht von dannen herauskommen, bis du auch den letzten Heller bezahlest.

In allen Uneinigkeiten strebe nach Frieden. Hör’ auf mit Streiten, ehe du beginnst.

In Prozessen suche raschen und friedlichen Ausgleich. Oft war die in unsres Herrn Tagen das Vorteilhafteste, und gewöhnlich ist es das auch jetzt noch. Besser, deine Rechte verlieren, als in die Hände derer zu geraten, die im Namen der Gerechtigkeit dich nur scheren und dich festhalten werden, so lange noch der Schein einer Forderung gegen dich erhoben werden kann, oder ein Pfennig aus dir herauszupressen ist. In einem Lande, wo „Gerechtigkeit“ Raub bedeutete, war es weise, sich berauben zu lassen und keine Klage zu erheben. Selbst in unsrem eignen Lande ist ein magerer Vergleich besser als ein fetter Prozeß. Viele gehen vor Gericht, um Wolle zu erlangen, aber sie kommen kurz geschoren heraus. Führt keine zornigen Prozesse vor Gericht, sondern schließt mit äußerster Schnelligkeit Frieden.

27. 28. Ihr habt gehört, daß zu den Alten [engl. Übersetzung „von den Alten“] gesagt ist: Du sollst nicht ehebrechen. Ich aber sage euch: Wer ein Weib ansieht, ihrer zu begehren, der hat schon mit ihr die Ehe gebrochen in seinem Herzen.

Hier setzt unser König wiederum die Glossen, die Menschen zu den Geboten Gottes gemacht, beiseite und zeigt das Gesetz in seiner großen, geistlichen Ausdehnung. Während die Überlieferung das Verbot auf eine offenbare That der Unkeuschheit beschränkt hatte, zeigt der König, daß es die unreinen Wünsche des Herzens verbietet. Hier wird gezeigt, daß das göttliche Gesetz sich nicht nur auf die That des verbrecherischen Umgangs bezieht, sondern selbst an das Verlangen, die Phantasie oder die Leidenschaft, die zu einer solchen Schändlichkeit anreizen könnte. Welch ein König ist dieser, der sein Zepter über das Reich der Lüste des Innern erstreckt! Mit welcher Herrschermacht spricht Er: “Ich aber sage euch!“ Wer anders als ein göttliches Wesen hatte die Autorität, in dieser Weise zu sprechen? Sein Wort ist Gesetz. Das sollte es sein, da es das Laster an der Quelle angreift und die Unreinheit des Herzens verbietet. Würde die Sünde nicht in der Seele zugelassen, so würde sie nie im leibe hervortreten, und darum ist dieses eine sehr wirksame Art, mit dem Bösen zu verfahren. Aber wie tief eindringend, wie verdammend! Lüsterne Blicke, unkeusche Wünsche, starke Leidenschaften gehören so recht zum Wesen des Ehebruchs, und wer kann eine lebenslange Freiheit von diesen behaupten? Doch sind dieses die Dinge, die einen Menschen verunreinigen. Herr, treibe sie aus meiner Natur heraus und mache mich innerlich rein.

29. Ärgert dich aber dein rechtes Auge, so reiß es aus und wirf es von dir. Es ist dir besser, daß eins deiner Glieder verderbe, und nicht der ganze Leib in die Hölle geworfen werde.

Das, was die Ursache der Sünde ist, muß ebensowohl aufgegeben werden als die Sünde selber. Es ist nicht sündlich, ein Auge zu haben oder ein scharfes Wahrnehmungsvermögen auszubilden, aber wenn das Auge forschender Erkenntnis uns zu geistigen Sünden verleitet, so wird es der Anlaß zum Bösen und muß abgetötet werden. Alles, wie harmlos es auch sei, was mich dahin führt, Unrecht zu thun oder zu denken oder zu fühlen, muß ich entfernen, als wenn es an sich etwas Böses wäre. Ob auch das Aufgeben einen Verlust mit sich bringt, muß es doch geschehen, da selbst ein ernstlicher Verlust in einer Sache weit besser ist als das Verlorengehen des ganzen Menschen. Besser ein blinder Heiliger, als ein scharfsichtiger Sünder. Wenn die Enthaltung von geistigen Getränken wirklich Körperschwäche verursachen würde, so wäre es besser, schwach zu sein, als stark und in Trunksucht zu fallen. Da eitle Grübelein und Vernünftelein die Menschen zum Unglauben leiten, so wollen wir keine solche haben. “In die Hölle geworfen werden“ ist eine zu große Gefahr; wir wollen es nicht wagen, bloß um das böse Auge der Lust oder der Neugierde zu befriedigen.

30. Ärgert dich deine rechte Hand, so haue sie ab, und wirf sie von dir. Es ist dir besser, daß eins deiner Glieder verderbe, und nicht der ganze Leib in die Hölle geworfen werde.

Die Ursache des Ärgernisses mag mehr eine äußerlich thätige sein gleich der Hand, als eine geistige gleich dem Auge, aber es ist uns besser, in unsrem Werke gehindert, als in Versuchung hinein gezogen zu werden. Die geschickteste Hand muß nicht geschont werden, wenn sie uns zum Bösen antreibt. Wir dürfen uns nicht etwas verstatten, weil es uns geschickt und erfolgreich macht; sondern wenn es sich als eine Veranlassung zu Sünde erweist, so müssen wir es aufgeben und lieber unser Lebenswerk Schaden erleiden lassen, als unser ganzes Wesen durch Sünde ins Verderben bringen. Heiligkeit muß unser erstes Ziel sein, alles andre muß einen sehr untergeordneten Platz einnehmen. Rechte Augen und rechte Hände sind nicht mehr recht, wenn sie uns zum Unrecht leiten. Sogar Hände und Augen müssen weg, damit wir nicht unsren Gott durch sie beleidigen. Doch möge dies niemand buchstäblich nehmen und deshalb seinen Körper verstümmeln, wie einige thörichte Fanatiker es gethan haben. Der wirkliche Sinn ist klar genug.

Herr, ich liebe Dich mehr als meine Augen und Hände, laß mich nie einen Augenblick anstehen, alles für Dich aufzugeben!
Es muß alles erst einmal an Gott vorüber, bevor es mich treffen kann. (Helmut Thielicke)

Jörg
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Matthäus 5.31-37

Beitragvon Jörg » 10.03.2015 04:36

31. 32. Es ist auch gesagt: Wer sich von seinem Weibe scheidet, der soll ihr geben einen Scheidebrief. Ich aber sage euch: Wer sich von seinem Weibe scheidet, (es sei denn um Ehebruch,) der macht, daß sie die Ehe bricht; und wer eine Abgeschiedene freiet, der bricht die Ehe.

Diesmal ist es eine gesetzliche Gestattung des jüdischen Staates, die unser Herr anführt und verurteilt. Die Männer waren gewohnt, ihre Weiber fortzuschicken, und ein hastiges Wort ward schon für einen genügenden Scheidungsakt gehalten. Mose verlangte “einen Scheidebrief,“ damit zornige Leidenschaften Zeit hätten, abzukühlen, und die Trennung, wenn sie geschehen mußte, mit Überlegung und gesetzlicher Formalität vollzogen würde. Die Forderung eines Schreibens war bis zu einem gewissen grade ein Hemmnis für eine böse Gewohnheit, die so in dem Volke eingewurzelt war, daß es nutzlos gewesen, sie ganz zu verbieten, weil das nur ein andres Verbrechen erzeugt hätte. Das Gesetz Mose ging so weit, wie es thatsächlich durchgesetzt werden konnte. Um ihrer Herzenshärtigkeit willen wurde die Scheidung geduldet, aber gebilligt wurde sie nie.

Aber unser Herr ist kühner in seiner Gesetzgebung: Er verbietet die Scheidung, ausgenommen wegen des einen Verbrechens der Untreue gegen das Ehegelübde. Die, welche Ehebruch begeht, zerreißt durch die That in Wirklichkeit das Eheband, und es sollte dann förmlich vom Staate als zerrissen anerkannt werden, aber durch nichts andres sollte ein Mann von seinem Weibe geschieden werden. Die Ehe ist fürs Leben und kann nicht aufgelöst werden außer durch das eine große Verbrechen, welches ihr Band zertrennt, wer von den Zweien desselben auch schuldig ist. Unser Herr würde nie die schlechten Gesetze gewisser amerikanischer Staaten geduldet haben, die den verheirateten Männern und Frauen erlauben, sich unter dem geringsten Vorwande zu trennen. Ein Weib, das aus einer andren Ursache als um des Ehebruchs willen geschieden ist und wieder heiratet, begeht vor Gott Ehebruch, wie immer die Gesetze der Menschen es nennen. Dies ist sehr deutlich und bestimmt, und verleiht der Ehe eine Heiligkeit, welche die menschliche Gesetzgebung nicht verletzen sollte. Laßt uns nicht unter denen sein, welche die neueren Ideen über die Ehe erfassen und die Ehegesetze zu verunstalten suchen unter dem Vorwand, sie zu verbessern. Unser Herr weiß es besser, als unsre neueren sozialen Reformatoren. Wir thun besser, die Gesetze Gottes nicht anzutasten, denn wir werden niemals bessere erfinden.

33.-37. Ihr habt weiter gehört, daß zu den Alten (engl. Übersetzung „von den Alten“) gesagt ist: Du sollst keinen falschen Eid thun, und sollst Gott deinen Eid halten. Ich aber sage euch, daß ihr allerdinge nicht schwören sollt, weder bei dem Himmel, denn er ist Gottes Stuhl; noch bei der Erde, denn sie ist seiner Füße Schemel; noch bei Jerusalem, denn sie ist des großen Königs Stadt. Auch sollst du nicht bei deinem Haupt schwören; denn du vermagst nicht, ein einziges Haar weiß oder schwarz zu machen. Eure Rede aber sei: Ja, ja; nein, nein; was darüber ist, das ist vom Uebel.

Falsches Schwören war in alter Zeit verboten, aber alles Schwören wird jetzt durch das Wort unsres Herrn Jesu verboten. Er nennt verschiedene Formen des Eides und verbietet sie alle, und schreibt sodann einfache Formen des Bejahens und Verneinens vor, als alles, was seine Nachfolger gebrauchen sollten. Obwohl vieles für das Gegenteil vorgebracht werden mag, läßt der einfache Sinn dieser Stelle sich nicht umgehen, daß jede Art von Eid, wie feierlich oder wahr derselbe auch sei, einem Nachfolger Jesu verboten ist. Ob vor dem Gericht oder anderswo, die Regel ist: “Vor allen Dingen, schwöret nicht.“ Dennoch haben wir in diesem christlichen lande überall das Schwören, und besonders unter denen, die Gesetze machen. Unsre Gesetzgeber beginnen ihre amtliche Existenz mit Schwören. Von denen, die dem Gesetze des Reiches Christi gehorchen, wird alles Schwören abgethan, damit das einfache Wort der Bejahung oder Verneinung ruhig wiederholt, als eine genügende Bürgschaft der Wahrheit bleiben möge. Einem schlechten Menschen kann man nicht auf seinen Eid glauben, und ein guter Mensch spricht die Wahrheit ohne Eid; zu welchem Zweck wird denn die überflüssige Gewohnheit des gesetzlichen Schwörens beibehalten? Chrisen sollten sich keiner schlechten Sitte unterwerfen, wie groß auch der auf sie ausgeübte Druck sei, sondern sie sollten bei dem deutlichen, nicht mißzuverstehenden Gebote ihres Herrn und Königs bleiben.
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Jörg
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Matthäus 5.38-40

Beitragvon Jörg » 12.03.2015 04:40

38. Ihr habt gehört, daß da gesagt ist: Auge um Auge, Zahn um Zahn.

Das Gesetz: „Auge um Auge, Zahn um Zahn“, wenn es in den Gerichtshöfen angewendet wurde, war auf Gerechtigkeit gegründet und weit unparteiischer, als das neuere System der Geldstrafen, denn das erlaubt den Reichen mit vergleichungsweiser Straflosigkeit zu sündigen. Aber als das Lex talonis die Regel des täglichen Lebens wurde, nährte es die Rachsucht, und unser Heiland wollte es nicht als einen von den einzelnen angewandten Grundsatz dulden. Was als Gesetz im Gerichtshof gut ist, mag als Sitte im gewöhnlichen Leben schlecht sein. Er sprach gegen das, was zum Sprichwort geworden und unter dem Volk gehört und gesagt wird: “Ihr habt gehört, daß da gesagt ist.“

Unser liebevoller König wollte, daß unser Privatverkehr durch den Geist der Liebe geregelt würde und nicht durch die Regel des Gesetzes.

39. Ich aber sage euch, daß ihr nicht widerstreben sollt dem Übel, sondern so dir jemand einen Streich gibt auf deine rechte Backe, dem biete die andre auch dar.

Unterwürfigkeit und Duldung soll die Regel unter Christen sein. Sie sollen persönliche schlechte Behandlung tragen ohne handgemein zu werden. Sie sollen dem Amboß gleichen, wenn schlechte Menschen die Hämmer sind, uns ollen so durch geduldiges Vergeben überwinden. Die Regel des Richterstuhls ist nicht für das tägliche Leben, aber die Regel des Kreuzes und des aller erduldenden Leidenden ist für uns alle. Doch wie viele halten all dieses für fanatisch und sogar für feige. Der Herr, unser König, will, daß wir tragen und ertragen und durch starke Geduld siegen. Können wir es thun? Wie sind wir Diener Christ, wenn wir seinen Geist nicht haben?

40. Und so jemand mit dir rechten will, und deinen Rock nehmen, dem laß auch den Mantel.

Laß ihn alles haben, was er verlangt, und mehr. Besser, einen ganzen Anzug zu verlieren, als in einen Prozeß verwickelt zu werden. Die Gerichte in unsres Herrn Tagen waren verderbt, und seinen Jüngern wurde der Rat gegeben, lieber Unrecht zu leiden, als sich an sie zu wenden. Unsre eigenen Gerichtshöfe gewähren oft die sicherste Art, eine Schwierigkeit durch Autorität zu lösen, und wir haben Fälle gekannt, wo man zu ihnen Zuflucht nahm, um Streit zu verhüten. Doch selbst in einem Lande, wo Gerechtigkeit zu haben ist, sollen wir nicht um jedes Unrechts willen, das uns persönlich trifft, zu dem Gesetz unsre Zuflucht nehmen. Wir sollten es lieber ertragen, übervorteilt zu werden, als immerfort schreien: „Ich will Klage führen.“

Zuzeiten mag eben diese Regel die Selbstaufopferung verlangen, daß wir uns an das Gesetz wenden, um Schaden zu verhüten, der schwerer auf andre fallen würde, aber wir sollten oft unsren eignen Vorteil aufgeben, ja immer, wenn der Hauptgrund ein stolzer Wunsch nach Selbstverteidigung ist. Herr, gib mir einen geduldigen Geist, daß ich mich nicht zu rühmen suche, selbst wenn ich es gerechterweise könnte!
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Matthäus 5.41-45

Beitragvon Jörg » 14.03.2015 06:10

41. Und so dich jemand nötigt eine Meile, so gehe mit ihm zwei.

Die Regierungen verlangten in jenen Tagen Zwangsdienste durch ihre Unterbeamten. Christen sollten nachgiebigen Sinnes sein und lieber einer doppelten Forderung genügen, als böse Worte und Zorn veranlassen. Wir sollten den Steuern nicht zu entgehen suchen, sondern bereit sein, dem Kaiser zu geben, was des Kaisers ist. „Nachgeben“ ist unser Losungswort. Sich gegen die Gewalt erheben, ist nicht eben unsre Sache, das wollen wir andren überlassen. Wie wenige glauben an die Lehren unsres Königs von der Langmut und dem Nicht-Widerstande!

42. Gib dem, der dich bittet, und wende dich nicht von dem, der dir abborgen will.

Sei freigebig. Ein Geizhals ist kein Nachfolger Jesu. Umsicht muß bei unsrem Geben sein, damit wir nicht Faulheit und Bettelei befördern, aber die allgemeine Regel ist. “Gib dem, der dich bittet.“ Zuweilen mag ein Darlehen nützlicher sein als eine Gabe; verweigere das denen nicht, die rechten Gebrauch davon machen. Diese Vorschriften sind nicht für Narren bestimmt; sie werden uns als allgemeine Regel aufgestellt; aber jede Regel wird durch andre Schriftgebote in Gleichgewicht gehalten und auch der gesunde Menschenverstand hilft uns in dieser Sache. Unser Sinn soll so sein, daß wir bereit sind, dem Bedürftigen durch Gabe oder Darlehen zu helfen, und wir sind nicht so sehr geneigt, in dieser Richtung durch Übermaß zu irren, daher die Kahlheit des Gebotes.

43. Ihr habt gehört, daß gesagt ist: Du sollst deinen Nächsten lieben, und deinen Feind hassen.

Hier war einem Gebot der Schrift von verderbten Gemütern ein menschlicher Gegenspruch angehängt, und dieser menschliche Zusatz war schädlich. Es ist eine gewöhnliche Methode, an die Schriftlehre etwas anzuhängen, was aus ihr hervorzuwachsen oder ein selbstverständlicher Schluß zu sein scheint, was aber auch falsch und böse sein kann. Dies ist ein schweres Verbrechen gegen das Wort des Herrn. Der Heilige Geist will nur seine eignen Worte anerkennen. Er erkennt die Vorschrift an: “Du sollst deinen Nächsten lieben,“ aber er haßt den Schmarotzer: “und deinen Feind hassen“: Dieser letzte Satz zerstört den, aus dem er rechtmäßigerweise hervorzuwachsen scheint, da die, welche hier Feinde genannt werden, in Wahrheit Nächste sind. Liebe ist jetzt das Universalgesetz, und unser König, der sie befohlen hat, ist selber das Muster darin. Er will es nicht verengert und in einer Einfassung von Haß sehen. Möge die Gnade uns alle davor behüten, in diesen Irrtum zu fallen!

44. 45. Ich aber sage euch: Liebet eure Feinde; segnet, die euch fluchen; thut wohl denen, die euch hassen; bittet für die, so euch beleidigen und verfolgen; auf daß ihr Kinder seid eures Vaters im Himmel; denn Er läßt seine Sonne aufgehen über die Bösen und über die Guten, und läßt regnen über Gerechte und Ungerechte.

An uns ist es, in der Liebe zu beharren, selbst wenn die Menschen in der Feindschaft beharren. Wir sollen Fluchen mit Segnen, Verfolgungen mit Gebeten vergelten. Selbst wenn grausame Feinde da sind, sollen wir “ihnen Gutes thun und für sie beten“. Wir sind nicht mehr Feinde irgendwelcher Menschen, sondern Freunde aller. Wir hören nicht bloß auf zu hassen, um alsdann in einer kalten Neutralität zu bleiben, sondern wir lieben, wo Haß unvermeidlich schien. Wir segnen, wo unsre alte Natur uns fluchen heißt, und wir bemühen uns, denen Gutes zu thun, die verdienen, Böses von uns zu empfangen. Wo dies praktisch durchgeführt wird, da achten und bewundern die Menschen Jesu Nachfolger. Die Lehre mag verlacht werden, aber das Befolgen derselben wird hochgeachtet und für so staunenswert angesehen, daß die Menschen es einer göttlichen Eigenschaft der Christen zuschreiben, und anerkennen, daß sie die Kinder des Vaters im Himmel sind. In der That, der ist ein Kind Gottes, der die Undankbaren und die Bösen segnen kann, denn in seiner Vorsehung thut der Herr dies in größerem Maßstabe, und keine andren, als seine Kinder, werden Ihm nachahmen. Gutes thun um des Guten willen und nicht um des Charakters der Person willen, die das Gute empfängt, ist eine edle Nachahmung Gottes. Wenn der Herr den fruchtbarmachenden Regen nur auf das Land der Heiligen sendete, so würde die Dürre ganze Meilen Landes aller Erntehoffnung berauben. Auch wir müssen den Bösen Gutes thun, sonst werden wir einen engen Wirkungskreis haben, unsre Herzen werden sich zusammenziehen und unsre Gotteskindschaft wird zweifelhaft werden.
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Matthäus 5.46-48

Beitragvon Jörg » 16.03.2015 04:37

46. Denn so ihr liebt, die euch lieben, was werdet ihr für Lohn haben? Thun nicht dasselbe auch die Zöllner?

Jeder gewöhnliche Mensch wird die lieben, die ihn lieben; selbst der Zöllner und der Abschaum der Erde kann sich zu dieser armseligen, ausgehungerten Tugend erheben. Heilige können nicht mit einer so niedrigen Stufe zufrieden sein. Liebe für Liebe ist menschlich; aber Liebe für Haß ist christlich. Sollen wir nicht wünschen, unsrem hohen Beruf gemäß zu handeln?

47. Und so ihr euch nur zu euren Brüdern freundlich thut, was thut ihr Sonderliches? Thun nicht die Zöllner auch also?

Auf Reisen oder auf der Straße oder im Hause sollen wir nicht unsre freundlichen Grüße auf die beschränken, die uns nahe und teuer sind. Höfliche Freundlichkeit sollte sich weit erstrecken, und darum nicht weniger aufrichtig sein, weil sie allgemein ist. Wir sollten freundlich mit allen sprechen und jeden Menschen als einen Bruder behandeln. Jeder wird einem alten Freund die Hand reichen, aber wir sollten herzlich und freundlich gegen jedes Wesen in der Gestalt eines Menschen sein. Wenn nicht, so erreichen wir keine höhere Stufe, als die aus der Gesellschaft Ausgestoßenen. Sogar ein Hund grüßt einen Hund.

48. Darum sollt ihr vollkommen sein, gleich wie euer Vater im Himmel vollkommen ist.

Wir sollten nach Vollständigkeit in der Liebe, nach der Fülle der Liebe gegen alle um uns her streben. Die Liebe ist das Band der Vollkommenheit, und wenn wir vollkommene Liebe haben, so wird sie einen vollkommenen Charakter in uns ausbilden. Hier ist das, wonach wir streben, Vollkommenheit gleich der unsres Gottes; hier ist die Weise, sie zu erlangen, nämlich, reich an Liebe sein. Dies legt uns die Frage vor, wie weit wir in dieser himmlischen Richtung fortgeschritten sind, und zeigt uns auch den Grund, warum wir darin bis ans Ende beharren sollen, weil wir als Kinder unsrem Vater gleichen müssen. Biblische Vollkommenheit ist erreichbar: sie liegt mehr in dem Ebenmaß als in dem Grade. Eines Menschen Charakter mag vollkommen und vollständig sein, so daß nichts daran fehlt, und doch wird ein solcher Mensch der erste sein, der zugibt, daß die Gnade, welche in ihm ist, im besten Falle in ihrer Kindheit ist, und obgleich als Kind vollkommen in allen Teilen, doch noch nicht die Vollkommenheit des Mannesalters erreicht hat. Welches Ziel wird uns von unsrem vollkommenen König gesteckt, der von seinem Bergthron herab spricht: “Ihr sollt vollkommen sein, gleich wie euer Vater im Himmel vollkommen ist!“ Herr, gib, was Du gebietest, dann wird beides, die Gnade und die Herrlichkeit, Dein allein sein.
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Jörg
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Matthäus 6.1-4

Beitragvon Jörg » 18.03.2015 04:46

(Der König stellt die Gesetze seines Reiches dem Verhalten der Frömmler in Sachen des Almosengebens und Gebetes gegenüber. V. 1-18.)

1.Habt acht auf eure Almosen, daß ihr die nicht gebt vor den Leuten, daß ihr von ihnen gesehen werdet; ihr habt anders keinen Lohn bei eurem Vater im Himmel.


Unser Herr gibt Anweisung für das Almosengeben. Es wird als ausgemacht angenommen, daß wir den Armen geben. Wie könnten wir in Christi Reich sein, wenn wir es nicht thäten?

Almosen dürfen öffentlich gegeben werden, aber nicht um der Öffentlichkeit willen. Es ist wichtig, daß unser Ziel ein rechtes sei, denn wenn unser Ziel ein falsches ist und wir es erreichen, so wird unser Erfolg ein Mißerfolg sein. Wenn wir geben, um gesehen zu werden, so werden wir gesehen werden, und damit hat es ein Ende. “Ihr habt keinen Lohn bei eurem Vater im Himmel“; wir verlieren den einzigen Lohn, der des Habens wert ist. Aber wenn wir geben, um unsrem Vater zu gefallen, werden wir unsren Lohn von seine Hand bekommen. Auf unsre Absicht und unsren Zweck müssen wir “achthaben“, denn niemand geht richtig, ohne sorgfältig seine Absicht darauf zu richten, daß er es thue. Unser Almosengeben sollte eine heilige Pflicht sein, sorgfältig vollbracht, nicht zu unsrer eignen Ehre, sondern um Gottes willen. Möge jeder Leser sich fragen, wieviel er in der von dem König vorgeschriebenen Weise gethan hat.

2. Wenn du nun Almosen gibst, sollst du nicht lassen vor dir posaunen, wie die Heuchler thun in den Schulen und auf den Gassen, auf daß sie von den Leuten gepriesen werden. Wahrlich, ich sage euch: Sie haben ihren Lohn dahin.

Wir müssen die laute Mildthätigkeit gewisser ruhmrediger Personen nicht nachahmen, denn ihr Charakter ist heuchlerisch, ihre Manier prahlerisch, ihr Ziel ist, von Menschen gesehen zu werden, und ihr Lohn ist in der Gegenwart. Dieser Lohn ist ein sehr armseliger und ist bald vorüber. Mit einem Groschen in der einen Hand und einer Posaune in der andren dastehen, das ist die Stellung der Heuchelei. Ruhm vor den Menschen ist etwas, was gekauft werden kann, aber Ehre vor Gott ist etwas ganz andres. Unsre Zeit ist eine Zeit der öffentlichen Anzeigen, und zu viele sagen: „Sieh’ meine Freigebigkeit!“ Die, welche Jesum als König haben, müssen seine Livree der Demut tragen und nicht den Scharlachschmuck einer börsenstolzen Großmut, die ihre eigne Posaune bläst, nicht nur auf den Gassen, sondern selbst in den Synagogen. Wir können nicht zwei Belohnungen für dieselbe Handlung erwarten; wenn wir jetzt eine haben, so werden wir sie künftig nicht haben. Unbelohnte Almosen werden allein am jüngsten Tage etwas gelten.

3.4. Wenn du aber Almosen gibst, so laß deine linke Hand nicht wissen, was die rechte thut, auf daß dein Almosen verborgen sei; und dein Vater, der in das Verborgene sieht, wird dir’s vergelten öffentlich.

Suche die Verborgenheit für deine guten Thaten. Sieh’ nicht einmal selbst deine Tugend. Verbirg vor dir selber das Lobenswerte, das du gethan hast, denn die stolze Betrachtung deiner eignen Freigebigkeit mag all deine Almosen beflecken. Halte es so geheim, daß auch du selber kaum gewahr wirst, daß du irgend etwas Rühmenswertes thust. Laß Gott gegenwärtig sein und dann hast du genug Zuhörerschaft. Er wird dir’s vergelten, öffentlich vergelten, dich belohnen, wie ein Vater ein Kind belohnt; dich belohnen, wie einer, der sah, was du thatest, und wußte, daß du es allein um seinetwillen thatest.

Herr, hilf mir, wenn ich Gutes thue, meine linke Hand daraus weg zu halten, damit ich keinen schlechten Beweggrund habe, und keinen Wunsch, einen gegenwärtigen Lohn des Lobes von meinen Mitmenschen zu haben.
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Matthäus 6.5-8

Beitragvon Jörg » 20.03.2015 04:36

5. Und wenn du betest, sollst du nicht sein wie die Heuchler, die da gern stehen, und beten in den Schulen und an den Ecken auf den Gassen, auf daß sie von den Leuten gesehen werden. Wahrlich, ich sage euch: Sie haben ihren Lohn dahin.

Das Beten wird auch als selbstverständlich angenommen. Niemand kann in dem Himmelreich sein, der nicht betet.

Die in der Umgebung unsres Herrn waren, wußten, was Er meinte, wenn Er auf die Heuchler anspielte, denn sie hatten oft den stolzen Pharisäer an öffentlichen Plätzen stehen und seine Gebete hersagen sehen, und sehr wahrscheinlich hatten sie sich bisher verpflichtet gefühlt, einen solchen für vorzüglich heilig zu halten. Durch unsres Herrn Worte werden diese Heuchler entlarvt und erscheinen als das, was sie wirklich sind. Unser König sprach wunderbar deutlich, und nannte Dinge wie Personen beim rechten Namen. Diese Frömmler suchten nicht Gott, sondern die Volksgunst; sie waren Männer, die sogar die Andacht zu einem Mittel der Selbsterhebung verdrehten. Sie wählten Örter und Zeiten, welche das Hersagen ihrer Gebete bemerklich machten. Die Synagogen und die Ecken der Gassen paßten ihnen vortrefflich, denn ihr Ziel war, “von den Leuten gesehen zu werden.“ Sie wurden gesehen und hatten, wonach sie strebten. Dies war ihr Lohn, und zwar der ganze.

Herr, laß mich nie so ungöttlich sein, daß ich zu Dir bete mit der Absicht, Lob für mich selber zu erlangen.

6. Wenn du aber betest, so gehe in dein Kämmerlein, und schließ die Thür zu, und bete zu deinem Vater im Verborgenen; und dein Vater, der in das Verborgene sieht, wird dir’s vergelten öffentlich.

Sei allein; geh’ in ein kleines Zimmer, in das kein andrer sich eindrängen darf, halte jeden Störenden fern, indem du die Thür schließest, und da und dann schütte aus vollem Herzen deine Bitten aus. “Bete zu deinem Vater.“ Das Gebet soll hauptsächlich an Gott, den Vater, gerichtet werden; und immer an Gott als unsren Vater. Bete zu deinem Vater, der da gegenwärtig ist, zu deinem Vater, der dich sieht und besonders das beachtet, was augenscheinlich für Ihn allein bestimmt ist, da es “im Verborgenen“ gethan wird, wo kein Auge es sehen kann als das seine. Wenn Gott es wirklich ist, zu dem wir beten, kann es nicht nötig sein, daß jemand anders anwesend ist, denn es würde die Andacht mehr hindern als fördern, eine dritte Person als Zeugen bei dem persönlichen Verkehrt des Herzens mit dem Herrn zu haben.

Da die wahre Seele des Gebets in der Gemeinschaft mit Gott liegt, werden wir am besten beten, wenn unsre ganze Aufmerksamkeit auf Ihn beschränkt ist, und wir werden unsren Zweck, von Ihm angenommen zu werden, am besten erreichen, wenn wir uns nicht um die Meinung irgend eines andren kümmern. Verborgenes Gebet wird wirklich gehört und öffentlich erhört in des Herrn eigner Weise und zu seiner Zeit. Unser König herrscht “im Verborgenen“: da richtet Er seinen Hof ein, und da will Er uns willkommen heißen, wenn wir uns zu Ihm nahen. Wir sind nicht, wo Er uns sieht, wenn wir nach Öffentlichkeit streben und beten, um Lob für unsre Andacht zu erhalten.

7. 8. Und wenn ihr betet, sollt ihr nicht viel plappern wie die Heiden; denn sie meinen, sie werden erhört, wenn sie viel Worte machen. Darum sollt ihr euch ihnen nicht gleichen. Euer Vater weiß, was ihr bedürft, ehe denn ihr Ihn bittet.

Eine Gebetsformel mehrere Male zu wiederholen, ist den unwissenden Frommen stets als etwas Lobenswertes erschienen, aber sicherlich ist es das nicht. Es ist eine bloße Übung des Gedächtnisses und der Sprech-Organe, und es ist abgeschmackt, zu denken, daß eine solche papageienartige Übung dem lebendigen Gott gefallen könnte. Die Mohammedaner und Papisten halten an dieser heidnischen Sitte fest, aber wir dürfen ihnen nicht nachahmen.

Gott hat unser Gebet nicht nötig, um unsre Bedürfnisse zu erfahren, denn “Er weiß, daß ihr des alles bedürfet.“ Er bedarf auch nicht unsrer steten Wiederholung, um Ihn zu überreden, denn als unser Vater ist Er willig, uns zu segnen. Darum laßt uns nicht abergläubisch sein und wähnen, daß Kraft in “vielen Worten“ ist. „Wo viele Worte sind,“ selbst im Gebet, „da geht es ohne Sünde nicht ab.“

Wiederholungen dürfen gemacht werden, aber keine eitlen Wiederholungen, keine Plappereien. Kugeln zählen und die in der Andacht zugebrachte Zeit nachrechnen, sind beides eitle Dinge. Gebete der Christen werden nach dem Gewicht und nicht nach der Länge gemessen. Viele der erhörlichsten Gebete waren ebenso kurz, wie kräftig.
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Matthäus 6.9-11

Beitragvon Jörg » 22.03.2015 07:11

9. Darum sollt ihr also beten: Unser Vater in dem Himmel. Dein Name werde geheiligt.

Nachdem unser Herr uns vor gewissen Lastern gewarnt hatte, die sich mit dem Gebet in betreff des Ortes und des Geistes desselben verbunden hatten, gibt Er uns ein Muster, nach dem wir unsre Gebete zu gestalten haben. Dieses köstliche Gebet ist kurz, andächtig und bedeutungsvoll. Die ersten drei Bitten beziehen sich auf Gott und seine Ehre. Unsre Hauptgebete sollen um die Ehre Gottes sein. Beginnen wir so mit Gott im Gebet? Kommt nicht das tägliche Brot oft vor dem Reiche?

Wir beten wie Kinder zu einem Vater, und wir beten wie Brüder, denn wir sagen: Unser Vater. “Unser Vater“ ist ein vertraulicher Name, aber die Worte “in dem Himmel“ deuten die Ehrfurcht an, die Ihm gebührt. Unser Vater und doch im Himmel; im Himmel und doch unser Vater. Möge sein Name ehrfurchtsvoll gebraucht werden und möge alles, was von Ihm handelt, sein Wort und sein Evangelium, mit der tiefsten Ehrerbietung betrachtet werden! Uns gebührt es, in aller Demut vor dem Herrn zu wandeln, so daß alle sehen, daß wir den dreimal Heiligen verehren. Dann können wir mit Wahrheit beten: “Geheiliget werde Dein Name“, wenn wir selber Ihn heiligen.

10. Dein Reich komme. Dein Wille geschehe auf Erden wie im Himmel.

O, daß Du über alle Herzen und Länder regieren möchtest! Die Menschen haben sich von der Treue gegen Gott, unsren Vater, losgemacht, und wir bitten, so sehr wir nur können, daß Er sie durch seine allmächtige Gnade zu einem treuen Gehorsam zurückbringe. Wir sehnen uns nach dem Kommen des Königs Jesus, und mittlerweile rufen wir zu unsrem Vater: “Dein Reich komme.“ Wir wünschen, daß der höchste Wille auf Erden gethan werden möge mit fröhlichem, beständigem, allgemeinem Gehorsam gleich dem des Himmels. Wir möchten, daß des Herrn Wille ausgeführt würde, nicht nur von den großen Naturkräften, die niemals verfehlen, Gott gehorsam zu sein, sondern auch von liebenden, thätigen Wesen, von einst aufrührerischen, nun aber gnädig erneuerten Menschen. O, daß alle, welche dies Gebet sprechen, auf Erden die heilige Fröhlichkeit des Gehorsams zeigen möchten, welche in dem seligen, herzlichen, einigen und nichts in Frage stellenden Dienst der vollkommenen Heiligen und Engel vor dem Throne gesehen wird. Unsres Herzens höchster Wunsch ist Gottes Ehre, Herrschaft und Herrlichkeit.

11. Unser täglich Brot gib uns heute.

Wir bitten um das, was zum Leben not thut für uns und für andre: “Gib uns.“ Wir bitten um unsre Speise als eine Gabe: „Gib uns“. Wir verlangen nicht mehr als Brot oder die uns nötige Speise. Unsre Bitte bezieht sich auf den heutigen tag und bittet nur um tägliche Versorgung; Brot genug für heute. Wir bitten nicht um Brot, das andren gehört, sondern nur um das, was ehrlich unser eigen ist: „unser tägliches Brot“. Es ist das Gebet eines demütigen und zufriedenen Gemüts, welches so geheiligt ist, daß es auf Gott harrt, sogar betreffs der täglichen Speise, und welches mit Liebe andre in seine Teilnahme und sein Gebet einschließt.

Gib mir, Herr, beides, das Brot des Himmels und der Erde; das, was meine Seele speiset und meinen Leib ernährt. In betreff alles dieses blicke ich zu Dir auf, mein Vater.
Es muß alles erst einmal an Gott vorüber, bevor es mich treffen kann. (Helmut Thielicke)

Jörg
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Matthäus 6.12-15

Beitragvon Jörg » 24.03.2015 04:42

12. Und vergib uns unsre Schulden, wie wir unsren Schuldigern vergeben.

Kein Gebet sterblicher Menschen könnte vollständig sein ohne Sündenbekenntnis. Ein Gebet, das nicht um Vergebung bittet, wird fehlschlagen, wie das des Pharisäers. Laßt stolze Menschen prahlen, wie es ihnen beliebt. Diejenigen, welche im Reiche Christi sind, werden immer beten: “Vergib uns unsre Schulden.“ Unser Herr wußte, daß wir immer Schulden einzugestehen haben würden und deshalb immer nötig hätten zu rufen: “Vergib!“ Dies ist das Gebet von Menschen, die der Richter wegen ihres Glaubens an das große Opfer freigesprochen hat; denn sie kommen nun zu ihrem Vater und bitten um Vergebung wie Kinder. Kein Mensch kann einen Tag zubringen, ohne zu beten: „Vergib“, und in seiner Bitte sollte er seine Mitsünder nicht vergessen, sondern beten: „Vergib uns.“

Diese Vergebung können wir nur erlangen, wenn wir freiwillig Verschuldungen andrer gegen uns vergeben, “wie wir unsren Schuldigern vergeben.“ Dies ist eine vernünftige, ja, eine gesegnete Forderung, und es ist eine Freude, sie zu erfüllen. Es würde nicht gut sein, wenn Gott einem Menschen vergäbe, der andren nicht vergeben will.

Herr, ich vergebe von ganzem Herzen allen, die mir Unrecht gethan haben mögen; ich bin nachsichtig gegen die, welche mir etwas schuldig sind, und nun bitte ich mit hoffnungsvollem herzen Dich, mir zu vergeben, so gewiß, wie ich jetzt allen vergebe, die in irgend einem Sinne meine Schuldiger sind.

13. Und führe uns nicht in Versuchung, sondern erlöse uns von dem Übel. Denn Dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit in Ewigkeit. Amen.

Im Verlauf unsres Leben stellt der Herr unsre Gnaden und die Aufrichtigkeit unsres Bekenntnisses auf die Probe, und zu diesem Zwecke „führt Er uns in Versuchung“. Wir flehen Ihn, uns nicht zu schwer zu prüfen. Herr, laß nicht meine Freuden oder meine Leiden Versuchungen für mich werden. Wie ich nicht von selbst in Versuchungen hinein laufen möchte, so bitte ich Dich, führe mich auch nicht hin, wo ich sie unvermeidlich treffen werde.

Aber wenn ich versucht werden muß, o Herr, erlöse mich vom Übel, und besonders erlöse mich von jenem Bösen, der vor allem meine Seele zu verderben sucht. Versuchungen oder Leiden mögen zu meinem Besten sein, wenn ich vom Übel erlöst werde. Herr, thue dies für mich, denn ich kann mich nicht selbst behüten.

Das Gebet endigt mit einer Lobpreisung. Die Andacht, welche mit Gebet beginnt, endet mir Preis. Alle Herrschaft und Macht und Ehre gehört Gott, und Ihm laßt sie auf ewig zugeschrieben werden. Sein ist „das Reich“ oder das Recht, zu herrschen, die Macht oder die Kraft, seine Herrschaft aufrecht zu halten, und die Herrlichkeit oder die Ehre, die aus seiner Regierung entsteht. Unser ganzes Herz freut sich, daß der Herr so hoch und herrlich ist, und darum sagen wir: “Amen!“

Wie vollkommen ist dies Mustergebet! So passend zum Beten für den Menschen, so geeignet, vor den Thron der Majestät in der Höhe niedergelegt zu werden. O, daß wir die Gnade haben möchten, es alle Tage nachzuahmen! Jesus, unser König, wird sich nicht weigern, ein Gebet vor Gott zu bringen, das Er selbst gemacht hat und das an den Vater gerichtet ist, den Er zu verherrlichen liebt.

14. 15. Denn so ihr den Menschen ihre Fehler vergebt, so wird euch euer himmlischer Vater auch vergeben. Wo ihr aber den Menschen ihre Fehler nicht vergebt, so wird euch euer Vater eure Fehler auch nicht vergeben.

Dies treibt zu christlichem Handeln an, indem es die Macht des Gebets beschränkt, unsrem Gehorsam gegen das Gebet des Vergebens gemäß. Wenn wir Vergebung wollen, müssen wir vergeben, wenn wir nicht vergeben, können wir nicht Vergebung erlangen. Dies Joch ist sanft, diese Last ist leicht. Es mag ein Segen sein, wenn uns Unrecht gethan wird, da es uns eine Gelegenheit gewährt, zu beurteilen, ob wir in der That die Vergebung empfangen haben, die von dem Throne Gottes kommt. Sehr köstlich ist es, andrer Menschen Sünden gegen uns zu übersehen, denn so lernen wir, wie köstlich es für den Herrn ist, uns zu vergeben.
Es muß alles erst einmal an Gott vorüber, bevor es mich treffen kann. (Helmut Thielicke)

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Matthäus 6.16-18

Beitragvon Jörg » 26.03.2015 04:43

16. Wenn ihr fastet, sollt ihr nicht sauer sehen wie die Heuchler; denn sie verstellen ihre Angesichter, auf daß sie vor den Leuten scheinen mit ihrem Fasten. Wahrlich, ich sage euch: Sie haben ihren Lohn dahin.

Nachdem Er über das Gebet gesprochen, unterweist unser König uns jetzt über das Fasten. Das Fasten nahm eine Hauptstelle in den Andachtsübungen unter dem Gesetz ein, und es könnte mit Nutzen selbst jetzt unter dem Evangelium mehr geübt werden. Die Puritaner nannten es ein „Fasten, das die Seele fett macht“, und viele haben es so gefunden. Wir müssen auf Befehl unsres Königs jeden Versuch der Schaustellung bei dieser Form der Andacht meiden. Heuchler gingen mit ungewaschenen und traurigen Gesichtern umher, damit alle sagen möchten: „Seht, wie strenge diese Männer fasten. Wie gut müssen diese Leute sein!“ Jämmerlich aussehen, um für heilig zu gelten, ist ein elendes Stück Heuchelei. Da es das Fasten in einen Kniff verwandelt, um Bewunderung der Menschen zu erlangen, so zerstört es dasselbe als Gnadenmittel. Wir können nicht erwarten, daß wir sowohl durch das Lob unsrer Mitmenschen als auch durch das Wohlgefallen Gottes belohnt werden. Wir haben die Wahl, und wenn wir nach dem geringeren Lohn greifen, so verlieren wir den größeren. Möge es niemals von uns heißen: “Sie haben ihren Lohn dahin.“

17. 18. Wenn du aber fastest, so salbe dein Haupt, und wasche dein Angesicht. Auf daß du nicht scheinest vor den Leuten mit deinem Fasten, sondern vor deinem Vater, welcher verborgen ist; und dein Vater, der ins Verborgene sieht, wird dir’s vergelten öffentlich.

Wende allen Fleiß an, das zu verbergen, dessen Schaustellung thöricht sein würde. Unterlaß nichts, das zur Reinlichkeit oder zum Schmuck gehört; “salbe dein Haupt und wasche dein Angesicht.“ Wenn dein Fasten um Gottes willen geschieht, so bewahre es für Ihn. Handle in Zeiten außerordentlicher Andacht, wie zu andrer Zeit, damit diejenigen, mit welchen du in Berührung kommst, nicht wissen, welche besondere Andachtsübung du gerade vornimmst. Du magst fasten, und dies Fasten mag entdeckt werden, aber laß es nicht deine Absicht sein, „vor den Leuten zu scheinen mit deinem Fasten.“ Faste von der Prahlerei, dem Ehrgeiz, dem Stolz und der Selbstverherrlichung. Faste im geheimen vor dem Seher der Geheimnisse. Verborgenes Fasten wird einen öffentlichen Lohn vom Herrn haben; aber das, was bloß aus Prahlerei gethan wird, wird nie in den Büchern des Herrn angerechnet werden. So hat unser König uns gelehrt, wie wir Almosen geben, wie wir beten und wie wir fasten sollen, und jetzt geht Er weiter, und gibt Gesetze für die Angelegenheiten des täglichen Lebens.
Es muß alles erst einmal an Gott vorüber, bevor es mich treffen kann. (Helmut Thielicke)

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Matthäus 6.19-21

Beitragvon Jörg » 28.03.2015 06:51

(Der König gibt Gebote in betreff der Sorgen dieses Lebens. V. 19-34.)

Er wollte nicht, daß seine Diener zwei Zwecke verfolgten und zwei Herren dienten. Er ruft sie hinweg von den ängstlichen Sorgen dieses Lebens zu einem ruhigen Glauben an Gott.

19. Ihr sollt euch nicht Schätze sammeln auf Erden, da sie die Motten und der Rost fressen, und da die Diebe nachgraben und stehlen.

Wendet eure Kräfte nicht dazu an, Reichtum zu sammeln, denn dies würde entwürdigend für euch als Diener des himmlischen Reiches sein. Wenn ihr Geld oder Kleider aufhäuft, so sind eure Schätze den “Motten und dem Rost“ ausgesetzt, und unehrliche Menschen können euch beides rauben. Daß irdische Dinge vergehen oder uns genommen werden, ist ein triftiger Grund, sie nicht zu den Hauptgegenständen unsres Strebens zu machen. Häuft nicht auf für Diebe, sammelt nicht für die Verweslichkeit; sondern legt zurück für die Ewigkeit und sendet eure Schätze in das Land, wohin ihr geht. Leben, um reich zu werden, ist ein vergoldeter Tod im Leben.

20. Sammelt euch aber Schätze im Himmel, da sie weder Motten noch Rost fressen, und da die Diebe nicht nachgraben noch stehlen.

Unsre Wünsche und Anstrengungen sollen sich auf himmlische Dinge richten, denn diese sind keiner Vergänglichkeit unterworfen und können uns auch nicht durch Gewalt oder Betrug genommen werden. Lehrt euch nicht die Weisheit, solche sicheren Besitzungen zu suchen? Das, was von eurem irdischen Besitz für Gott gebraucht wird, ist “im Himmel gesammelt“. Was den Armen und für des Herrn Sache gegeben wird, ist in der Bank der Ewigkeit niedergelegt. Zum Himmel gehen wir; laßt uns unsre Schätze voraus senden. Da werden sie vor Rost und Dieben geschützt sein, aber an keinem andren Platz können wir darauf rechnen, daß sie sicher sind.

Herr, laß mich bei Dir sein. Ich thäte besser, noch mehr von meinem Vermögen zu meinem Schatz im Himmel hinaufzusenden. Ich will sogleich an die Gemeinde und ihre Missionen, an die Waisen, die alten Heiligen und die armen Brüder denken. Dies sind Deine Schatzkästchen, und ich will mein Geld dort niederlegen.

21. Denn wo euer Schatz ist, da ist auch euer Herz.

Dies ist ein erhabener, sittlicher Beweggrund, unsre Wünsche oberhalb der niederen Gegenstände zu halten. Das Herz muß und will sich auf das richten, was wir für kostbar halten. Der ganze Mensch wird in die Ähnlichkeit mit dem verwandelt werden, wofür er lebt. Dahin, wo wir unsre Schätze gelegt haben, werden unsre Gedanken ganz von selbst sich reichten. Es wird weise sein, wenn wir alles, was wir besitzen, wie Magnete wirken lassen, die uns in die rechte Richtung ziehen. Wenn unsre allerbesten Dinge im Himmel sind, so werden unsre allerbesten Gedanken in derselben Richtung fliegen, aber wenn unsre teuersten Besitzungen auf Erden sind, so wird unser Herz an die Erde gebunden sein.
Es muß alles erst einmal an Gott vorüber, bevor es mich treffen kann. (Helmut Thielicke)

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Matthäus 6.22-24

Beitragvon Jörg » 30.03.2015 03:52

22. 23. Das Auge ist des Leibes Licht. Wenn dein Auge einfältig ist, so wird dein ganzer Leib licht sein. Wenn aber dein Auge ein Schalk ist, so wird dein ganzer Leib finster sein. Wenn aber das Licht, das in dir ist, Finsternis ist, wie groß wird dann die Finsternis sein!

Der Beweggrund unsres Handelns ist das Auge der Seele, und wenn es klar ist, so wird der ganze Charakter gut sein, aber wenn es unrein ist, wird unser ganzes Wesen befleckt werden. Das Auge des Verstandes mag hier auch verstanden werden. Wenn ein Mensch nicht die Dinge im rechten Lichte sieht, so mag er in Sünde leben und sich doch einbilden, daß er seine Pflicht thue. Ein Mensch sollte seinem Lichte gemäß leben; aber wenn das Licht selbst Finsternis ist, wie verfehlt wird dann seine ganze Laufbahn sein! Wenn unsre Religion uns zur Sünde führt, so ist sie schlimmer als Irreligion. Wenn unser Glaube Vermessenheit ist, unser Eifer Selbstsucht, unser Gebet Formalität, unsre Hoffnung eine Täuschung, unsre Erfahrung Bethörung, so wird die Finsternis so groß sein, daß selbst unser Herr seine Hände staunend emporhebt und sagt: “Wie groß ist diese Finsternis!“

O, daß wir ein einfältiges Auge für die Ehre Gottes hätten, eine aufrichtige Hingabe an den Herrn! Dies allein kann meine Seele mit Licht erfüllen.

24. niemand kann zwei Herren dienen. Entweder er wird einen hassen, und den andren lieben; oder wird einem anhangen, und den andren verachten. Ihr könnt nicht Gott dienen und dem Mammon.

Hier verbietet unser König eine Teilung des Ziels im Leben. Wir können nicht zwei herrschende Leidenschaften haben; wenn wir es könnten, würde es unmöglich sein, beiden zu dienen, denn ihre Interessen würden bald in Widerspruch geraten und wir würden gezwungen sein, zwischen beiden zu wählen. Gott und die Welt werden nie übereinstimmen, und wie sehr wir es auch versuchen mögen, wir werden nie fähig sein, beiden zu dienen. Die Gefahr für uns ist die, daß wir in dem Bemühen, Geld zu gewinnen, oder in dem Streben nach irgend etwas andrem, dieses nicht an dem ihm gebührenden Platze bleibt und so die Herrschaft in unsrem Gemüt gewinnt. Gewinn und Gottseligkeit können nicht beide die Herren unsrer Seele sein; wir können zweien dienen, aber nicht “zweien Herren“. Ihr könnt für diese Welt leben oder für die künftige, aber gleichmäßig für beide leben, ist unmöglich. Wo Gott regiert, muß die Gewinnlust weichen.

O, daß wir so entschieden wären, und nur nach einer Sache allein strebten! Wir würden das Böse hassen und Gott lieben, die Lüge verachten und an der Wahrheit festhalten. Wir müssen wissen, wie wir sowohl zur Gerechtigkeit wie zur Sünde stehen; und wenn wir uns dessen zu unsrer Beruhigung vergewissert haben, so müssen wir bei dem Recht mit unerschütterlicher Festigkeit bleiben. Der Mammon steht im geraden Gegensatz zu Gott, heutzutage ebensosehr wie in vergangenen Zeiten, und wir müssen seine Unersättlichkeit, seine Selbstsucht, seine Bedrückung, seinen Hochmut verabscheuen, sonst lieben wir Gott nicht.
Es muß alles erst einmal an Gott vorüber, bevor es mich treffen kann. (Helmut Thielicke)

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Matthäus 6.25-27

Beitragvon Jörg » 01.04.2015 03:45

25. Darum sage ich euch: Sorget nicht für euer Leben, was ihr essen und trinken werdet; auch nicht für euren Leib, was ihr anziehen werdet. Ist nicht das Leben mehr denn die Speise? und der Leib mehr denn die Kleidung?

“Darum“, damit unsrem einen Herrn gedient werde, müssen wir mit dem Selbstdienen aufhören und mit der nagenden Sorge, welche die Selbstsucht mit sich bringt. Lest das Wort: “Sorget nicht für euer Leben.“ Unsre dringendsten, irdischen Bedürfnisse sollen nicht unsre Seele ganz in Anspruch nehmen. Unser Leben ist wichtiger als die Speise, welche wir essen, oder die Kleider, welche wir tragen. Gott, der uns das Leben gibt, wird uns auch Brot und Kleidung geben. Wir sollten viel mehr sorgen, wie wir leben, als wie wir essen; das Geistliche sollte vor dem Leiblichen gehen, das Ewige vor dem Zeitlichen. Was wir tragen, ist von sehr geringer Wichtigkeit im Vergleich mit dem, was wir sind. Darum sollen wir unsre Hauptsorge auf das richten, was die Hauptsache ist; ja, unser einziges Denken auf das eine, alles andre zurückdrängende Ziel alles wahren Lebens, die Ehre Gottes.

26. Sehet die Vögel unter dem Himmel an: sie säen nicht, sie ernten nicht, sie sammeln nicht in die Scheunen; und euer himmlischer Vater nährt sie doch. Seid ihr denn nicht viel mehr denn sie?

Die Vögel werden von Gott ernährt; sollte Er uns nicht ernähren? Sie sind frei von der aufreibenden Sorge, die von dem Ansammeln und Handeltreiben kommt; warum sollten wir es nicht sein? Wenn Gott die Vögel unter dem Himmel ernährt ohne Säen, Ernten oder Aufspeichern, so wird Er sicherlich uns versorgen, wenn wir vertrauensvoll diese Mittel gebrauchen. Wenn wir uns auf diese Mittel verließen und Gott vergäßen, so würde das in der That Thorheit sein. Unser König will, daß seine Unterthanen ihre Herzen seiner Liebe und seinem Dienste hingeben und sich nicht mit niederen Sorgen abquälen. Es ist gut für uns, diese täglichen Bedürfnisse zu haben, weil sie uns zu unsrem himmlischen Vater leiten; aber wenn sie uns ängstigen, so dienen sie nicht ihrem Zweck, sondern werden zu Schranken, die uns vom Herrn trennen. O, daß wir so gut wie die Vögel wären im Vertrauen, da wir in der Würde unsrer Natur “so viel besser sind, denn sie!“

27. Wer ist unter euch, der seiner Länge eine Elle zusetzen möge, ob er gleich darum sorget?

Es ist ein Geringes, ob wir groß oder klein sind, und doch könnte alle Sorge in der Welt uns nicht um einen Zoll größer machen. Warum geben wir uns der Sorge um Dinge hin, die wir nicht ändern können? Wenn das ängstliche Sorgen von irgend welchem Nutzen wäre, so würde es einige Entschuldigung haben, aber da es von keinem Nutzen ist, thun wir am besten, wenn wir es aufgeben.
Es muß alles erst einmal an Gott vorüber, bevor es mich treffen kann. (Helmut Thielicke)

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Matthäus 6.28-32

Beitragvon Jörg » 03.04.2015 05:51

28. 29. Und warum sorgt ihr für die Kleidung? Schauet die Lilien auf dem Felde, wie sie wachsen; sie arbeiten nicht, auch spinnen sie nicht. Ich sage euch, daß auch Salomo in aller seiner Herrlichkeit nicht bekleidet gewesen ist als derselbigen eins.

Aus der Kleidung muß man sich nicht viel machen, denn in unsrem schönsten Anzug werden wir doch von den Blumen weit übertroffen. Wir müssen nicht darum sorgen, wie wir gekleidet werden sollen, denn die Feldlilien, die nicht unter des Gärtners Sorgfalt stehen, sind herrlicher gekleidet, als der Fürst in seinen Prunkgewändern, und doch genießen sie das Leben frei von Arbeit und Denken. Liebliche Lilien, wie rügt ihr unser thörichtes Sorgen! Die Kleidung kommt ohne ihr Sorgen: Warum töten wir uns durch Sorge um das, was Gott den Pflanzen gibt, die nicht sorgen können?

Mein Herr und Gott, ich möchte zu Deinem Preise wachsen wie die Lilie und zufrieden sein, das zu sein, wozu Du mich machst und das zu tragen, was Du mir gibst.

30. So denn Gott das Gras auf dem Felde also kleidet, das doch heute steht und morgen in den Ofen geworfen wird: sollte Er das nicht viel mehr euch thun, o ihr Kleingläubigen?

Die Lilien wachsen nicht nur, sondern Gott selber kleidet sie mit ausnehmender Schönheit. Diese Lilien scheinen zuerst nur gewöhnliches Gras zu sein, aber Salomo konnte sie nicht übertreffen, wenn Gott sie in ihrem vollen Schmuck goldener Kleider hinstellt. Wird Er nicht auch für uns sorgen, die wir wert geachtet sind in seinen Augen? Warum sollten wir so wenig vertrauensvoll sein und auch nur einen Zweifel in diesem Punkt haben? Wenn das, was so kurzlebig ist, von dem Herrn so geschmückt wird, dann könnt ihr euch darauf verlassen, daß Er unsterbliche Seelen behüten wird, und selbst die sterblichen Leiber, mit denen sie verbunden sind.

“Kleinglaube“ ist kein kleiner Fehler, denn er thut dem Herrn großes Unrecht und macht das ängstliche Gemüt sehr unglücklich. Der Gedanke, daß der Herr, welcher die Lilien kleidet, seine eignen Kinder nackend lassen werde, ist schmachvoll. O Kleinglaube, lerne bessere Sitten!

31. Darum sollt ihr nicht sorgen und sagen: Was werden wir essen? Was werden wir trinken? Womit werden wir uns kleiden?

“Sorget nicht!“, seid nicht ängstlich. Gebt euch nicht immer den Sorgen hin. Die Fragen in diesem Verse sind aus des Weltlings Katechismus des Mißtrauens genommen. Die Kinder Gottes können ruhig von Tag zu Tag weiter arbeiten und alle ängstlichen Sorgen von sich werfen.

32. Nach solchem allen trachten die Heiden. Denn euer Vater weiß, daß ihr des alles bedürft.

Wir sollen diejenigen übertreffen, welche Fremde und Unbekannte sind. Dinge, wonach “die Heiden trachten“, sind nicht gut genug für das Israel Gottes. Die Weltmenschen trachten nach irdischen Dingen und haben keinen Sinn für etwas darüber hinaus. Wir haben einen himmlischen Vater, und darum haben wir ein höheres Ziel und Streben. Überdies, da unser Vater unsre Bedürfnisse kennt, brauchen wir nicht ängstlich zu sein, denn Er wird uns sicher mit allem Nötigen versorgen. Laßt die Heiden nach ihren vielen fleischlichen Dingen jagen, aber die Kinder des Herrn sollen ihre zeitlichen Bedürfnisse dem gnädigen Herrn überlassen, und nur nach dem Einen, was not ist, trachten.

Herr, mache mich frei von aller Ängstlichkeit. Möge ich so begierig nach himmlischen Dingen sein, daß ich meine irdischen Sorgen ganz Dir überlasse!
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Matthäus 6.33-34

Beitragvon Jörg » 06.04.2015 06:00

33. Trachtet am ersten nach dem Reich Gottes und nach seiner Gerechtigkeit, so wird euch solches alles zufallen.

Suchet erst Gott, so wird das übrige seiner Zeit folgen. Dieses „solches alles“ braucht ihr nicht zu suchen, es wird euch als etwas Selbstverständliches nebenbei gegeben werden. Gott, der euch den Himmel gibt, wird euch nicht euer Brot auf dem Wege dahin versagen. Nach dem Reiche Gottes und der Gerechtigkeit, die für dies Reich angemessen ist, trachtet zuerst und vor allen Dingen, und dann wird alles andre, des ihr bedürft, euer Teil sein. Die Herrschaft Christi befördern und Gerechtigkeit üben ist ein und dasselbe, und sollte das eine Ziel unsres Lebens sein. Wenn wir das Leben an dies eine wenden, so wird es wohl angewandt sein. Was die zwanzig untergeordneten Gegenstände betrifft, so werden auch diese unser sein, wenn wir nur nach diesem einen trachten.

34. Darum sorget nicht für den andren Morgen; denn der morgende Tag wird für das Seine sorgen. Es ist genug, daß ein jeglicher Tag seine eigne Plage habe.

Versteht die vorhergehenden Verse als den Beweisgrund für dieses “darum“. Ängstlichkeit kann euch nicht helfen (V. 27); sie ist nicht notwendig (V. 33), ja, ganz nutzlos und würde euch auf die Stufe der Heiden erniedrigen (V. 32). Macht euch darum nicht unnötigen Schmerz, indem ihr euch wegen der Zukunft ängstigt. Unsre Sache ist das Heute; wir sollen nur Tag für Tag für unser Brot bitten, und nur um genügenden Vorrat für den Verbrauch des Tages. Die möglichen Leiden des morgenden Tages in die Gedanken des heutigen hineinzubringen, ist Unglaube. Wenn das Morgen Leiden bringt, wird es auch Kraft für diese Leiden bringen. Das Heute wird all unsre Stärke erfordern, um mit seinen augenblicklichen Übeln zu kämpfen, und es kann keine Notwendigkeit dafür da sein, Sorgen für die Zukunft hineinzutragen. Den heutigen Tag mit noch nicht angekommenen Prüfungen beladen, hieße ihn überladen. Ängstlichkeit ist schlimm, aber Ängstlichkeit wegen noch nicht geschehener Dinge ist ganz und gar ohne Entschuldigung.

„Das Gestern und das Morgen
Laß fahren immerhin.
Und richte alle Sorgen
Nur auf das Heute hin.“

O mein Herz, welche Ruhe ist für dich da, wenn du dich deinem Herrn hingeben und Ihm alle deine Angelegenheiten überlassen willst! Sorge du für deines Herrn Sache, und Er wird für die deine sorgen.
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