Wer oder was ist „reformatorisch“?

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Joschie
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Wer oder was ist „reformatorisch“?

Beitragvon Joschie » 24.08.2010 15:01

Wer oder was ist „reformatorisch“? - Auf der Suche nach dem "reformatorischen Konsens"
Dr. Wolfgang Nestvogel (2009)



Als wir im Jahr 2000 die Akademie für reformatorische Theologie (ART) gründeten, wurde lange überlegt, mit welchem Adjektiv unsere theologische Ausrichtung am besten zu beschreiben sei. Sollten wir uns „bibeltreu“ nennen, „evangelikal“, „reformatorisch“ oder einfach nur „evangelisch“? Welcher Begriff würde bei unseren Zeitgenossen des anbrechenden dritten Jahrtausends am stärksten mit genau den Inhalten verbunden werden, die uns am Herzen lagen? Mit welcher Formulierung könnten wir Missverständnisse so weit wie möglich ausschließen? Wie müßte ein Attribut beschaffen sein, das zugleich auffällig und seriös wäre? Wodurch könnten wir deutlich machen, sowohl im klassischen Strom der ewigen Kirche Jesu Christi zu stehen - als auch der aktuellen theologischen Mittelmäßigkeit mit paulinischem Kampfgeist (1.Tim 6,12) entgegentreten zu wollen?

Keiner von uns konnte das vorhersagen. Jede Entscheidung würde ihre eigenen Risiken und Chancen bergen. Jede Wahl würde Hoffnungen und Befürchtungen auslösen, würde die einen anziehen und andere abstoßen, würde Zustimmung, Kritik oder – schlimmstenfalls – Desinteresse provozieren.

Also nannten wir uns reformatorisch. Dieses Qualitätsmerkmal wollten wir der christlichen Öffentlichkeit so überzeugend erklären und so gewinnend ans Herz legen, daß viele darin die befreiende Antwort auf das theologische Durcheinander unter den Evangelikalen erkennen könnten. Reformatorische Theologie sollte für wahre Bibeltreue stehen. Würde das Wagnis gelingen?

Der Staatsrechtler Helmut Quaritsch hat daran erinnert, welch große Bedeutung „Begriffe“ in der geistigen Auseinandersetzung gewinnen können:

Im Kampf der Geister ist die Besetzung eines Begriffs so wichtig wie im Kriege die Eroberung einer Festung.

Wir wollten den Begriff „reformatorisch“ in diesem Sinne besetzen und seine bewährte Substanz neu zur Geltung bringen.

Viermal „allein“
In der Bekennenden Kirche Nr. 3 (Juli 2000) war es dann soweit. Ein Kollege aus dem Anfangsteam präsentierte die Definition, die wir bis heute unzählige Male wiederholt haben, wenn es darum ging, das besondere Anliegen der ART zu erklären.[1] (Die kurze Zusammenfassung soll den Leser dazu motivieren, den vollständigen Artikel nachzulesen.[2])

Das reformatorische Profil entfaltet sich in den klassischen vier Auschließlichkeits-Behauptungen (particula exclusiva).

1.Allein die Schrift (sola scriptura) – Allein die Bibel ist die maßgebliche Norm für Glauben, Denken und Leben. Die Klarheit der Schrift, die sich selbst erklärt, darf nicht durch menschliche Traditionen bevormundet werden. Allein durch den Inhalt der Schrift, gepredigt oder gelesen, wirkt Gott den rettenden Glauben.
2.Allein Christus (solus Christus) – Jesu Christus, der am Kreuz stellvertretend unsere Sünde sühnt, ist der einzige und völlig ausreichende Mittler und Retter, neben dem es keinen anderen Heilsweg gibt.
3.Allein aus Gnade (sola gratia) – Gottes gnädige Zuwendung zum Sünder geschieht völlig ohne jedes menschliche Verdienst. Der unter dem gerechten Zorn seines Schöpfers stehende Mensch wird durch Gottes souveränes Eingreifen in Christus gerufen und gerettet.
4.Allein durch den Glauben (sola fide) – Allein im persönlichen Glauben, der Gottes Verheißung traut, ergreift der Sünder die Rettung in Christus. Er verlässt sich nicht mehr auf die eigenen Taten, sondern empfängt geschenkweise die Gerechtsprechung und Rettung aus Gottes Gericht. Auch das neue Leben als Christ geschieht im Glauben, der Gott in Dankbarkeit dienen will.
In diesen Kernsätzen biblischer Wahrheit findet die Reformation die Antwort auf die Schicksalsfrage nach dem gnädigen Gott. Damit steht „im Mittelpunkt sowohl der Theologie als auch des christlichen Lebens … nicht der Mensch mit seinen Bedürfnissen, Erlebnissen und seiner Frömmigkeit“, sondern der dreieinige Gott und seine Ehre.[3]

Herausgefordert zum Bekenntnis
Wenige Jahre zuvor, 1996, hatten Kollegen in den USA ihre theologische Überzeugung in ähnlicher Weise zum Ausdruck gebracht. Ihr Beispiel kann uns bis heute eine Hilfe zum Verständnis unserer eigenen Situation sein.

Herausgefordert durch die geistlichen Auflösungserscheinungen in weiten Teilen der evangelikalen Bewegung, verbanden sich diese bekannten Prediger, Professoren und Autoren zu einer Allianz Bekennender Evangelikaler (engl. Alliance of Confessing Evangelicals – ACE). Die Grundlage ihres Bekennens dokumentierten sie in der Cambridge Declaration von 1996. Darin werden die gleichen sola-Bestimmungen gebraucht, denen wir soeben in BK 3 begegnet sind. Hinzu kommt eine fünfte Exklusivformel, die das letzte Ziel von Gottes Heilswerk benennt: soli Deo gloria (Allein Gott gebührt alle Ehre).

Ein besonderes Kennzeichen dieser reformatorischen Allianz ist die Herkunft ihrer Protagonisten, die aus verschiedenen evangelischen Denominationen stammen, zu ihnen zählen u.a. Anglikaner, Baptisten, Reformierte, Lutheraner. Aktueller Präsident ist der presbyterianische Theologe Ligon Duncan, zu den weiteren Mitarbeitern und Unterstützern gehören z.B. Donald Carson, John MacArthur, Albert Mohler, John Piper und R.C. Sproul.

Diese weithin bekannten Verkündiger wissen sich verbunden durch „den großen evangelikalen Konsens, der aus der protestantischen Reformation erwachsen ist“ und bekennen sich gegenüber der Öffentlichkeit zu ihrem „gemeinsamen evangelikalen und reformatorischen Glauben“.[4]

Der Zusammenhang zwischen Bibel und historischen Bekenntnissen
Die Mitglieder der ACE schätzen den Wert der „Symbole und Bekenntnisse als Bezeugungen der biblischen Wahrheit“. Hier ist sowohl an die protestantischen Bekenntnisse wie z.B. Westminster Bekenntnis, die Katechismen Luthers, Heidelberger Katechismus, Konkordienbuch, Lehrregel von Dordrecht als auch an die frühen Bekenntnisse von Nicäa (4. Jh.) und und Chalcedon (5. J.) zu denken.

Zugleich betonen sie die absolute Vorrangstellung der Bibel und unterwerfen sich “allein der Schrift als einzigem endgültigen Maßstab für Glauben und Leben“. Die Theologie im Gefolge der Reformatoren hatte diese Über- und Unterordnung auf folgende Formel gebracht: Die Bibel ist die normierende Norm (norma normans), die alles bestimmt und entscheidet. Die Bekenntnisse sind normierte Normen (norma normata), die sich an der Bibel auszurichten haben und ggfs. von dorther zu korrigieren sind.

Unter dieser Voraussetzung ist es möglich, selbst wenn die verschiedenen Bekenntnisse (z.B. von lutherischer oder reformierter Seite) nicht in allen einzelnen Fragen völlig übereinstimmen, dennoch eine tragfähige gemeinsame Basis zu haben, weil alle Beteiligten die Heilige Schrift als endgültigen Maßstab und ausschlaggebende Richtschnur anerkennen.

Evangelikal = Reformatorisch?
Ligon Duncan hat im Rahmen der Vorstellung des ACE erläutert., warum man im Namen immer noch den vielfach mißbrauchten Begriff „evangelikal“ aufnehme: Er drücke die herausragende Bedeutung aus, welche dem Evangelium („evangel“) von der Rechtfertigung des Sünders zukomme. Außerdem sei dieser „Spitzname“ bereits von den protestantischen Reformatoren des 16 Jhs verwendet worden. Heute betone man damit außerdem die herausragende Bedeutung, die das evangelistische Zeugnis für den Dienst der Gemeinde Jesu habe.

Mit ähnlicher Begründung hat Martyn Lloyd-Jones schon 1971 in einem Vortrag vor Mitgliedern der Internationalen Studentenmission (IFES) den Begriff „evangelikal“ beansprucht als schlichte Bezeichnung eines “normalen” Christen:

Wir sind überzeugt, daß letztlich der evangelikale Glaube (evangelical faith) der einzige zutreffende lehrmäßige Ausdruck für den christlichen Glauben an sich ist (…) Nur wo dieses geglaubt und gepredigt und ausgebreitet wird, können Männer und Frauen bekehrt und der Gemeinde Jesu hinzugefügt werden.[5]


Später wird er hinzufügen, daß ein Christ (bzw. der im obigen Sinne “Evangelikale”) noch vor seiner konfessionellen Zugehörigkeit immer zuerst Christ als solcher ist:

Er mag Baptist sein oder Presbyterianer oder Anglikaner, aber in erster Linie vor allem anderen und vor allem ist er evangelikal.[6]

In diesem Sinne hat Ligon Duncan daran erinnert, daß die Bezeichnung „evangelical“ für ein biblisch geprägtes Christsein bereits verwendet wurde, noch bevor bevor der Begriff „protestantisch“ populär war.

Die Beispiele erinnern uns daran, daß jeder Begriff seine eigene Geschichte hat.

Ob „evangelikal“, „protestantisch“ oder „reformatorisch“ – keines dieser Wörter versteht sich von selbst. Man muß sie immer wieder daraufhin überprüfen, ob sie von den Adressaten in dem Sinne verstanden werden, wie sie von den Benutzern gemeint sind. Angesichts dieser Geschichte plädiere ich dafür, auf Seiten der reformatorischen Bewegung den Begriff „evangelikal“ nicht aufzugeben, sondern ihn wie Martyn Lloyd-Jones zu behaupten und offensiv zu definieren. Andernfalls würde man ihn völlig an den Neoevangelikalismus ausliefern. Dieser dürfte versucht sein, den Begriff „wie eine Festung zu besetzen“ (Quaritsch) und sich als wahrer Erbe der evangelikalen Tradition auszugeben. Schlimmer könnte man die theologischen Zusammenhänge kaum verwirren.

Wenn wir die Begriffe aber besonnen gebrauchen, könnten „evangelikal“ und „reformatorisch“ sich gegenseitig klären und erklären.

Was hat „reformatorisch“ mit den Reformatoren zu tun?
Die Reformatoren traten sich nicht als Begründer eines neuen Glaubens an die Öffentlichkeit, sondern wollten die alten biblischen Wahrheiten in Erinnerung rufen, welche durch die römisch-katholische Tradition verdeckt und verfälscht worden waren.

Dabei verstanden sie sich – so wurden Luther und Calvin nicht müde, zu betonen - vor allem als Ausleger der Heiligen Schrift. Ihr Anliegen war Bibeltreue im wahrsten Sinne des Wortes. Ihre eigenen Schriften und die unter ihrem Einfluß entstehenden Bekenntnistexte hielten sie dagegen nicht für unfehlbar. Alles sei an der Schrift zu prüfen und von dorther zu korrigieren (sola scriptura).

Die Reformatoren wollten nicht im geringsten als letztgültige Autorität der reformatorischen Sache gelten. Das wäre nichts anderes gewesen als die Rückkehr in Strukturen des bekämpften Römischen Lehramtes, das sich dreist neben und schließlich.über die Schrift stellte. Evangelische Predigt dagegen bindet ihre Hörer an die Schrift selbst als ultimative Norm.

Daraus erwachsen das Recht und zugleich die Grenze der evangelischen Bekenntnisse. Reformatorisches Denken führt den Einzelnen zuletzt vor die geöffnete Schrift, Sie ist unsere letzte Instanz, an der sich auch die besten von Menschen verfaßten Texte messen lassen müssen. Luther verlangt,

… mit aller Lehrer Schriften zur Bibel zu laufen und allda Gericht und Urteil über sie [die anderen Schriften] zu holen; denn die Bibel ist allein der rechte Lehenherr und Meister über alle Lehre und Schrift auf Erden.[7]

Zuletzt schauen wir also nicht auf die Reformatoren, sondern mit ihnen in die Schrift. Die endgültige Antwort erwarten wir nicht von Luther oder Calvin, sondern mit ihnen von Mose, Jesus und Paulus, also von jenen, aus deren Mund und Händen wir Gottes Wort empfangen.

Diese konsequente Unterscheidung zwischen Gottes- und Menschenwort betont auch die ACE in ihrem Bekenntnis zum sola scriptura:

Wir bekräftigen, daß die irrtumslose Heilige Schrift die einzige Quelle der geschriebenen göttlichen Offenbarung ist, sie allein kann das Gewissen des Menschen binden. Die Bibel allein lehrt alles, was zur Rettung von Sünde nötig ist und ist der (einzige) Maßstab, an dem alles christliche Verhalten gemessen werden muß.


Daraus folgt eine entschiedene Abgrenzung:

Wir verwerfen, daß irgendein Bekenntnis, Konzil oder eine Einzelperson das christliche Gewissen binden darf, daß der heilige Geist unabhängig von oder im Gegensatz zu den Aussagen der Bibel redet, oder daß persönliche geistliche Erfahrung jemals eine Quelle göttlicher Offenbarung sein könnte. [8]


Das Schriftprinzip ist die methodische Voraussetzung aller reformatorischen Theologie. Dieser Zugang würdigt die Tradition der Reformatoren, ist aber nicht in dem Sinne traditionalistisch, daß es ihm um die Verehrung und Gedächtnispflege der Reformatoren als solcher gehe. Das wäre das letzte, was jene gewollt hätten. Vielmehr verstehen wir diese Männer als Lehrer, Glaubensväter und Brüder in Christo, nicht als Offenbarer oder Heilsbringer.

Auf dieser Basis ist es erst möglich, die mancherlei Widersprüche und Uneinigkeiten zwischen den Reformatoren und reformatorischen Konfessionen einzuordnen und in geistlich verantworteter Weise gelassen mit ihnen umzugehen.

Diskurs unter Brüdern
In dem hier dargelegten Verständnis markiert der Begriff „reformatorisch“ sowohl eine Grenze als auch, innerhalb dieser Grenze, einen freien Raum für den brüderlichen Austausch und das Ringen um das jeweils rechte Verständnis der Schrift.

Ein prominentes Beispiel für solches reformatorische Ringen um die rechte Schrifterkenntnis ist die Frage der Taufe. Die Akademie für reformatorische Theologie (ART) hat sich hier eindeutig positioniert und die Taufe von Unmündigen als mit dem biblischen Zeugnis vereinbar erklärt. Dennoch sind bei uns nicht nur Lutheraner oder Reformierte als Studenten eingeschrieben, sondern auch solche, die aus einem baptistischen, brüdergemeindlichen oder mennonitischen Hintergrund kommen, Und selbst unter den Gastdozenten befinden sich nicht nur Vertreter der Kindertaufe. Sie respektieren aber die Position der ART, weil wir uns durch die reformatorischen Grundlagen verbunden wissen. Wir sprechen uns nicht gegenseitig die reformatorische Ernsthaftigkeit ab, sondern wägen die Argumente und tragen einander auch in den Unterschieden. So bewährt sich der reformatorische Konsens.

Noch manche andere Frage läßt sich benennen, bei der theologische Kampfgenossen, die sich auf dem Fundament der reformatorischen Überzeugung begegnen und die einander als Brüder achten, zu unterschiedlichen Antworten kommen. Ich nenne nur als ein weiteres Beispiel die Eschatologie, das Verständnis der Endzeit und die Haltung zu Israel. Dazu gibt es z.B. in der Theologischen Erklärung[9] keine Festlegung. Der Verfasser dieser Zeilen ist davon überzeugt, daß der HERR Jesus bei seiner Wiederkunft das 1000-jährige Reich auf dieser Erde aufrichten wird (Millennium). An diesem Punkt gibt es unter den Kollegen z.T. unterschiedliche Auffassungen. An einer Akademie muß darüber offen und fair diskutiert werden können, mit der Bibel in der Hand. Dabei bestreiten wir uns nicht gegenseitig die reformatorische Bemühung um das rechte Verständnis der Schrift.

Der postmoderne Zeitgeist feiert solche Unterschiede als bereichernde Vielfalt, eine Bewertung, der wir uns nicht anschließen können. Ich würde mir wünschen, daß möglichst jeder zu den Ergebnissen kommt, von deren Richtigkeit ich überzeugt bin. So fühlt wohl jeder, der an einer Diskussion beteiligt ist. Ich möchte gern den anderen für meine Position gewinnen und bringe meine biblischen Gründe vor. Aber wenn das Gegenüber sich (noch) nicht überzeugen läßt, ist damit doch nicht der reformatorische Konsens aufgekündigt. Wir wollen dennoch gemeinsam für eine bibeltreue, reformatorische Theologie eintreten, wie sie oben skizziert wurde.

Da wir auch als Christen Sünder sind, werden uns solche Meinungsunterschiede begleiten, bis der HERR wiederkommt. Unser Denken und Erkenntnisvermögen leidet unter den Folgen des Sündenfalls, wir bleiben – trotz aller Erleuchtung durch den Heiligen Geist – fehlbar und irrtumsfähig. Wir erkennen noch „stückweise“ und brauchen Geduld miteinander.

Zugleich müssen wir darauf achten, daß die Geduld und gegenseitige Rücksichtnahme, sowie die Sehnsucht nach der Gemeinschaft mit den Brüdern, nicht zu lehrmäßiger Indifferenz oder Verwischung der Grenzen führt. Nach unserer Überzeugung stellen z.B. die fragwürdigen Lehren und Praktiken der Charismatischen Bewegung eine so starke Gefährdung für die Gemeinden dar, daß ihnen gegenüber eine klare Abgrenzung erfolgen und keine Zusammenarbeit stattfinden sollte. Damit wird den Mitgliedern solcher Bewegungen nicht grundsätzlich das Christsein abgesprochen. Wir halten aber nach wie vor für geboten, was die Berliner Erklärung vor 100 Jahren im Hinblick auf die damalige Pfingstbewegung und einen ihrer führenden Vertreter (Pastor Paul) feststellte. Nachdem man dessen „unbiblische Lehren“ abgelehnt hat, heißt es:

Wir lieben ihn als Bruder und wünschen, ihm und der Schar seiner Anhänger in Wahrheit zu dienen. Es ist uns ein Schmerz, gegen ihn öffentlich Stellung nehmen zu müssen.



Reformatorische Schutzgemeinschaft
Der reformatorische Konsens lebt von den fundamentalen gemeinsamen Überzeugungen. Sie haben die Substanz, auch über die einzelnen konfessionellen Grenzen hinweg – lutherisch, reformiert, baptistisch, brüdergemeindlich, anglikanisch usw. – eine echte und belastbare geistliche Gemeinschaft zu stiften. Das macht die verschiedenen evangelischen Konfessionen nicht überflüssig, dadurch werden die noch bestehenden Positionsunterschiede nicht einfach übersprungen - aber es nimmt ihnen die trennende Wirkung.

Solcher reformatorischer Konsens verbindet zu geistlicher Bruderschaft, die sich dann auch in der gemeinsamen Abgrenzung artikuliert - nämlich gegen jenen Strömungen, die wir oft als Neoevangelikalismus bezeichnet haben. Der Neoevangelikalismus unterscheidet sich von der klassischen evangelikalen Position dadurch, daß er deren reformatorische Substanz Schritt für Schritt auflöst.

Darum muß sich die reformatorische Position immer wieder in der Konfliktbereitschaft gegenüber geistlichen Fehlentwicklungen bewähren, so z.B.

in der theologischen Grundsatzkritik an den pragmatisch bestimmten Gemeinde-Konzeptionen von Hybels, Warren und den verschiedenen Emerging-Church-Perspektiven;
in der damit verbundenen Ablehnung eines verkürzten Verständnisses von Evangelisation, bei dem die Betonung menschlicher Bedürfnisse und die vermeintliche „Relevanz“ der Botschaft ein unzulässiges Übergewicht gegenüber der Predigt des Kreuzes Christi erhalten (das geht oft einher mit einer Verharmlosung des Sündenverständnisses);
im Festhalten an der klassischen evangelikalen Position gegenüber dem Katholizismus;
in der Ablehnung einer zu starken Gewichtung des politischen Engagements, wie es z.B. von der Micha-Initiative der Evangelischen Allianz forciert wird.

Suche nach den Brüdern
Die Kritik an Mißständen und Fehlentwicklungen ist nicht das Lebenselixier der reformatorischen Bewegung, sondern eine unvermeidliche Last, die um Christi und seiner Gemeinde willen getragen werden muß. Sie erspart uns auch nicht gegenseitige brüderliche Korrektur und die Bereitschaft, aufeinander zu hören und zu achten.

Die Suche nach dem reformatorischen Konsens ist eigentlich die Suche nach den Brüdern. Der Druck der geistlichen und geistigen Kämpfe, zu denen wir durch den Zeitgeist herausgefordert sind, soll uns nicht in Selbstisolation, Separatismus und Selbstgerechtigkeit treiben, sondern in die Nähe der Brüder. Ja, wir wollen „unseres Bruders Hüter sein“, so wie wir selbst die Hut der Brüder brauchen.



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[1] Bernhard Kaiser, „Reformatorisch“ – was ist das?, in: BK 3, Juli 2000, 10 ff.. Vgl. in derselben Ausgabe die Beiträge von J.B. Klautke (Was ist „bibeltreu“?) und W. Nestvogel (Was ist „missionarisch“?).
[2] Er ist zugänglich über das Archiv unter www.bekennende-kirche.de .
[3] AaO, S. 13.
[4] Dieses und alle folgenden Zitate zur Position der ACE sind deren Homepage entnommen: www.alliancenet.org (Übersetzung aus dem Englischen: WN).
[5] What is an Evangelical?, Edinburgh 1992, S.17.
[6] AaO, S. 42.
[7] Zitiert bei Kaiser, in BK 3, S. 10 (vgl. Anm 1)
[8] Cambridge Declaration, These 1. (Der vollständige Text findet sich auf www.alliancenet.org ).
[9] Siehe Homepage der ART unter „Bekenntnisse“ (www.reformatio.de) .
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Beitragvon Joschie » 27.08.2010 12:48

Ich stelle nochmals die Frage wer oder was ist „reformatorisch“?

Ist es Cavin oder Luther oder versteht man darunter die "Institutio", das "Westminsterbekenntnis von 1647 oder das "Baptistische Glaubensbekenntnisvon 1689",der Heidelberger Katechismus und natürlich "Tulip" nicht zu vergessen :!: Ich bin auf eure Antworten gespannt.
Gruß Joschie
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Beitragvon lutz » 27.08.2010 19:36

Hallo Joschie,

also ich stehe vor dieser Frage ziemlich ratlos, weil ich eine Menge zusätzlicher Fragen dazu hätte. Nur wer soll denn die Fragen tatsächlich beantworten?

Wozu eigentlich das Interesse, was exakt "reformatorisch" ist?
Wegen der Kommunikation? Wegen einer Zusammenarbeit? ...

Was ist Grundlage einer Definition?
Sind es die Bekenntnisse? Immerhin sind Bekenntnisse Bibelarbeiten eben der Männer, die als "Reformatoren" gelten?
Wer sind eigentlich die "Reformatoren", bezieht man sich auf eine historische Epoche oder eher auf ein Ansinnen?

Ist Grundlage der Definition das Anliegen sich an Gottes Wort allein auszurichten?
Wenn ein Ansinnen Definition ist, dann gehören eine Unmenge Menschen zu "reformatorisch".

Mir erschließt sich das Ganze momentan noch nicht so richtig.

Gruß Lutz

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Beitragvon Joschie » 28.08.2010 16:37

Hallo Lutz!
Ich versuche mich genauer auszudrücken, was genau mein Anliegen ist. In meiner Gemeinde gibt es Leute mit ganz verschiedenen Prägungen, Lutheraner, Katholiken, Baptisten, Pfingstler usw. Wie erklärt man diesen, was genau die reformierte Lehre enthält, also was ihr Kern ist und worüber man verschiedener Meinung sein kann. Ich hoffe ich hab mich jetzt verständlicher ausgedrückt.
Gruß Joschie!
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lutz
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Beitragvon lutz » 28.08.2010 17:29

Hallo Joschie,

ich denke gar nicht, dass ich dich so falsch verstanden habe.
Mir geht es mit dieser Fragestellung ähnlich wie dir.
In der Regel wird es historisch erklärt, anhand von Bekenntnissen.
"Reformiert" wäre dann der oder die Gruppe, die sämtliche reformierten Bekenntnisse bejaht.
Da geht es dann schon los:
Was sind denn nun die autorisierten, exakten reformierten Bekenntnisse? Einige zählen das baptist. Glaubensbekenntnis nicht dazu bspw.

Oder nehmen wir "reformatorisch". Es gab innerhalb der Gruppe der Reformatoren heftige Auseinandersetzungen um Bekenntnisse, wie bspw. die Abendmahlsfrage.
Wenn man zu Calvins Zeiten einen Lutheraner gefragt hätte: Seid ihr beide reformatorisch? Was wäre rausgekommen?
Hier gab es eine unüberwindliche Kluft, heute gehören sie "in ein Boot" - aber auf welcher Definitionsgrundlage? Wussten z. B. die Reformatoren in der Geschichte nicht, wer sie selber waren und was sie im Unterschied zu anderen glaubten und was nicht?
Heute gibt es nach den Bekenntnissen der SELK (selbst. ev. luth. kirche) keine Abendmahlsgemeinschaft mit "Calvinisten" bspw.
Sind diese Lutheraner nicht "reformatorisch"?

Verstehst du, bei mir ist ein Wirrwarr von Begrifflichkeiten, Verständnissen und und ...
Momentan bin ich mir nicht einmal sicher, ob da überhaupt "eine Linie" hineingebracht werden kann.
Dazu muss auch diese "eine Linie" wieder definiert werden ....

Gruß Lutz!

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Beitragvon Joschie » 01.09.2010 08:24

Ich möchte folgenden Beitrag mal reinsetzen.
Reformatorisch oder evangelikal?
Bernhard Kaiser
(zuerst erschienen in Bekennende Kirche 4, Oktober 2000, S. 10-16;

Ist es wirklich nötig, hier „oder“ zu sagen? Es gibt doch nicht wenige Gemeinsamkeiten! Zum
Beispiel im Wirklichkeitsverständnis: Der Evangelikale glaubt, so wie es auch die Reformatoren
taten, an die Wirklichkeit Gottes im Himmel. Beide lehnen das moderne „wissenschaftliche“
Weltbild ab, in dem für Gott kein Platz ist, bei dem die einzige Wirklichkeit diejenige ist,
die man sinnlich wahrnehmen kann. Beide glauben, daß Gott sich aus der unsichtbaren Welt heraus
in der sichtbaren Welt offenbart hat und daß er in der sichtbaren Welt wirkt. Deshalb halten
sie daran fest, daß die Bibel Gottes Wort ist, und daß die in der Bibel berichtete Geschichte sich
auch so zugetragen hat. Sie akzeptieren, daß Gott in dieser Geschichte Wunder getan hat, daß
Jesus von der Jungfrau Maria geboren wurde, daß er leibhaftig auferstanden und zum Himmel
aufgefahren ist. Man kann wohl zusammenfassend sagen: Das apostolische Glaubensbekenntnis
können beide uneingeschränkt bekennen. Deswegen stehen sie gemeinsam der sogenannten modernen
Theologie gegenüber. Es sei hinzugefügt, daß dies auch von der traditionellen römischen
Theologie gilt.
Will man Unterschiede feststellen, muß man schon genauer hinsehen. Ich möchte dies im Folgenden
tun, indem ich einige charakteristische Punkte benenne, an denen zum Teil fundamentale
Unterschiede erkennbar werden.
1. Die geschichtliche Stellung
Die Reformation hat ihren Platz im sechzehnten Jahrhundert, die evangelikale Bewegung findet
ihre Wurzeln im neunzehnten. Die Reformation war eine Bewegung, die in ihrer Zeit anhand der
Bibel grundlegend neue Einsichten zu Tage förderte. Damit stand sie im offenen Widerspruch zur
herrschenden Kirche, und es kam zur Trennung von dieser. Biblische Inhalte spielten die tragende
Rolle und trennten von den römischen Positionen. Zwar wollten die Reformatoren keine neue
Kirche und sie bemühten sich in verschiedenen Religionsgesprächen, sich mit den Katholiken auf
ein gemeinsames Bekenntnis zu einigen, aber bekanntlich gelang dies nicht. Die Lehrunterschiede
waren zu groß. Hätte man sie um der Einheit willen verwischt, dann hätte die Reformation nie
zu einer schriftgebundenen Klarheit in der Lehre gefunden. Obwohl auch politische und kulturelle
Gegebenheiten eine Rolle spielten, muß man sagen: Gottes Wort hat zur Bildung der evangelischen
Kirchen geführt.
Im neunzehnten und zwanzigsten Jahrhundert stellte sich die Situation völlig anders dar. Sie war
davon gekennzeichnet, daß Kirche und Staat durch die Aufklärung und im beginnenden 19. Jahrhundert
die Romantik ganz neue Positionen bezogen hatten. Sowohl das Gottesbild als auch das
Menschenbild der Reformation waren längst aufgegeben worden. Über Gott konnte man eigentlich
nicht mehr reden, sondern nur noch schweigen. Seine Existenz zu leugnen galt als modern.
Dafür nahm der Mensch den Platz Gottes ein. Die aufstrebende Wissenschaft, die geistigen Fähigkeiten
des Menschen, die Erfindungen, die sich entwickelnde Technik schufen ein optimistisches
Klima. Die Frage nach Gott war in diesem Umfeld eher nebensächlich. Trotzdem kam es
zur Erweckung. Man muß diese bei aller Kritik doch als Werk Gottes ansehen, denn sie hat viele
Menschen nicht nur nach Gott fragen lassen, sondern auch zum lebendigen Glauben an Jesus
Christus geführt und in Folge dessen auch zur Bildung der Gemeinschaften und zu einem nachhaltigen
Impuls für die Ausbreitung des Reiches Gottes in der evangelischen Mission. Doch trotz
der imposanten „Erfolge“ bleiben etliche Fragen offen. Sie betreffen die oben anvisierten inhaltlichen
Unterschiede.
2. Das Menschenbild
Ein wichtiger Unterschied zwischen Reformation und Erweckungsbewegung liegt im Menschenbild.
Für die Reformatoren stand fest: Der Mensch ist als ganzer Sünder. Wollte die römische
Kirche dem menschlichen Willen die Fähigkeit zuschreiben, sich Gott zuzuwenden, gute Werke
zu tun, so lehrten die Reformatoren, daß der Mensch auch in seiner Geistigkeit, seinem Denken
und Wollen von Gott abgefallen ist. Sie sahen deutlich, daß der Mensch dann, wenn er sich mit
seinem eigenen Willen Gott zuwendet, wenn er gute Werke tut, nur zu schnell seine Werke vor
Gott empfiehlt. Wenn der Mensch dann noch sieht, wie fromm er ist und wie gerecht er handelt,
wie er betet, die Bibel liest, sich in guten Werken übt, dann wird er selbstzufrieden, dann wiegt er
sich in dem Irrtum, in seinem Verhältnis mit Gott sei doch alles in Ordnung. Für die Reformatoren
stand fest: Ein solcher Mensch handelt aus Unglauben. Ebenso stand für sie fest, daß der
Mensch keine Möglichkeit hat, sich Gott zuzuwenden und zum Glauben zu finden. Er ist wirklich
verloren, und er hat keine Plattform, von der aus er seine Rettung ins Werk setzen kann. Wenn er
gerettet wird, dann eben „allein aus Gnaden“. Dies bedeutet eben, daß es in der Erwählung Gottes
steht, die durch keine menschliche Entscheidung kompromittiert werden kann.
Die Erweckungsbewegung hat in einigen Teilen die Sündhaftigkeit des Menschen nicht in biblischer
Klarheit gesehen. Sie hat zwar von Sünde gesprochen, aber die Verlorenheit des Menschen
nicht so vollständig gesehen wie die Reformatoren. Sie sprach sehr wohl den Menschen an, daß
er sich bekehren solle. Weil der Mensch von Natur aus religiös ist und auch bereit, etwas dafür zu
tun, kam es zu zahlreichen „Bekehrungen“. Es ist nicht zu bestreiten, daß dabei auch wirklicher
schriftgemäßer Glaube an Jesus Christus zu finden war, doch nicht selten wurde der Glaube mit
dem Werk der Buße, der Entscheidung, der Absage an die Sünde und der Heiligung vermischt
und die Glaubensgerechtigkeit durch die Werkheiligkeit relativiert.
Eine in der Erweckungsbewegung typische Anschauung war die Annahme, der Mensch sei
schöpfungsmäßig auf Gott hin angelegt, und wenn der Mensch dem Evangelium begegne, dann
würde diese innere Anlage aktiviert und führe ihn zur Umkehr. Der Hallenser Theologe Tholuck
sprach in diesem Zusammenhang vom eisenhaltigen Kern im Menschen, auf den die Erscheinung
des Erlösers magnetisch wirke. Also müsse man ihm nur den Erlöser plastisch genug vor Augen
führen, dann würde die Bekehrung schon kommen. Man sieht also das Problem des Menschen
nicht in seiner abgründigen Sündhaftigkeit, sondern mehr darin, daß seine an sich gute Anlage
nicht zur Entfaltung kommt. Der Mensch wird in der Verwirklichung seiner Bestimmung gehemmt.
Zwar spielt die Sünde dabei eine wichtige Rolle, aber ihr Einfluß muß nur gezähmt und
gebändigt werden, und schon ist der heilige, wohlgestylte und gemeinschaftsfähige Mensch da.
Wir sehen: Das Evangelium wird dem Menschenbild angeglichen.
Heute steht der Mensch in der evangelikalen Verkündigung so sehr im Mittelpunkt, daß kaum
noch vom Werk Jesu, dagegen viel von der menschlichen Befindlichkeit und der Lebensbewältigung
die Rede ist. Evangelium ist Lebenshilfe – so könnte die Gleichung lauten. Zwar stimmt es,
daß der Mensch schöpfungsmäßig auf Gott hin angelegt ist, aber die Sünde hat das Wesen des
Menschen so sehr verdorben, daß es seine natürliche Neigung ist, Gott und seinen Nächsten zu
hassen. Er mag es nicht leiden, daß über oder neben ihm einer ist, der seine Selbstmächtigkeit
beschränkt. Wenn überhaupt, dann sind es vor allem die staatliche Ordnung oder die in dem jeweiligen
sozialen Umfeld akzeptierten Werte, die ihn hindern, seiner Bosheit freien Lauf zu lassen.
3. Christsein
Das Menschenbild charakterisiert nicht weniger das Christsein. Der reformatorische Christ sieht
sich kompromißlos unter dem Gesetz Gottes und bekennt: „Ich aber bin fleischlich, unter die
Sünde verkauft.“ Darum sieht er im Glauben auf Christus. Er weiß: Ich bin nur ein vergänglicher
Mensch, ein Sünder, der bei Gott keinen Staat machen kann. Christus ist meine Gerechtigkeit.
Ihn zu haben, ist das Wesentliche, unabhängig davon, wie ich mich selbst wahrnehme. Er sieht
seine Gerechtigkeit gerade nicht bei sich, im Vollzug seines Lebens und im Umgang mit seinen
Mitmenschen. Das Wort von Christus ist sein Ein und Alles. Dieses Wort erfüllt sein Herz und
trägt sein Leben. Und weil er allein auf Gottes Zusage baut, hat er die Gewißheit: Gott wird sein
Wort wahr machen.
Der evangelikale Christ nimmt dagegen sein Christsein selbst in die Hand. Er entscheidet sich für
Jesus, er pflegt die Beziehung zu Jesus, indem er in der Bibel liest, betet, religiöse Erlebnisse
macht, die vor allem im charismatischen Umfeld besonders eindrucksvoll sind, indem er die Gemeinschaft
sucht, in der er angeregt wird und andere anregen kann, mit Jesus neue Erfahrungen
zu machen, indem er vielleicht missionarisch tätig wird.
Damit wir uns nicht mißverstehen: Ich bin nicht der Meinung, daß dies alles schlecht wäre, ganz
im Gegenteil. Aber indem die religiöse Werkerei als Inbegriff des Christseins gesehen wird, indem
Christsein als Lebensbewegung verstanden wird, die man ins Werk setzen kann, liegt er
doch voll daneben. Er hat zunächst nicht verstanden, daß er so sehr in Sünde ist, daß er sich mit
seinen religiösen Werken nicht retten kann. Er verkennt dementsprechend die Bedeutung des
Werkes Christi und vergißt nur zu schnell, daß Christsein durch den Glauben an Christus bestimmt
ist. Sein Interesse an christlicher Lebensbewältigung ist eben eine falsche Erwartung, die
er an das Evangelium stellt. Und seine Gerechtigkeit, mit der er vor Gott treten möchte, sucht er
nicht in Jesus allein, sondern vor allem auch bei sich und seinen Mitchristen.
„Du mußt dich für Jesus entscheiden“ – das ist die Botschaft der evangelikalen Welt im zwanzigsten
Jahrhundert. Wie man das macht, wird einem ausführlich gesagt, doch daß man den Zusagen
des Evangeliums glauben soll, nur nebenbei oder überhaupt nicht erwähnt. Nicht gesagt wird, daß
und wie das menschliche Erleben, die Buße, die Umkehr und das Leben im Heiligen Geist Frucht
des Glaubens ist. Das Resultat ist, das der Mensch, der diese Botschaft aufnimmt, sein Christsein
vor allem an seine Entscheidung bindet. Wo immer dies aber geschieht, läuft der Mensch Gefahr,
nicht an das Evangelium, sondern an seinen „Glauben“ oder seine Entscheidung zu glauben.
Vielleicht wird nun ein solcher Mensch Protest erheben und sagen, er lehre doch klar und entschieden,
daß Jesus der Retter sei und daß man nur durch den Glauben an ihn gerettet werde.
Richtig. Doch die Frage sei gestattet, warum dann die ausführliche Beschäftigung mit dem
menschlichen Werk, mit Bekehrung, Wiedergeburt und Heiligung. Richtig evangelikal wird das
Denken, wenn dann gesagt wird, es sei doch kein Widerspruch, wenn man einerseits das Werk
Christi betone, andererseits aber auch das menschliche Erleben und Tun beschreibe. Indem hier
die verdächtigen Worte „aber auch“ gebraucht werden, wird eine Dialektik erkennbar. Zwei an
sich widersprüchliche Dinge werden miteinander verbunden. Es liegt im Wesen dieser Dialektik,
daß nie bestimmt werden kann, wo Gottes Handeln aufhört und menschliches Handeln beginnt.
Indem aber der Mensch sein Handeln in seine Rettung einschaltet, ist es nicht mehr Christus allein,
der rettet. Die Dialektik dient der Legitimation des menschlichen Beitrags. Diese Dialektik
ist zugleich der Erzfeind jeglicher Glaubensgewißheit, denn man weiß nie gewiß, ob und wann
man seinen Beitrag geleistet hat, so daß die Heilszusage Gottes für einen gilt.
4. Das Wort
Für den reformatorischen Christen ist das biblische Wort von allergrößter Bedeutung. Im Wort
wird ihm Christus verkündigt, mit dem Wort verheißt ihm Gott die größten Gaben – die Vergebung
der Sünden und das ewige Leben, mit dem Wort gibt ihm Gott Weisheit und Kraft, um als
Christ in der Welt zu leben. Mit dem Wort hat er den Heiligen Geist. Dieser kommt nicht auf
einer zweiten Schiene zu ihm, indem er innerlich und ohne Wort wirkt als innerer Motor, als
Kraft zur Liebe, als schönes Gefühl oder gar als göttliches Wesen. Er kommt auch nicht mit dem
Vollzug eines Sakraments. Der Christ hat aber den Heiligen Geist, indem er Christus anhand der
Schrift erkennt und dem Evangelium glaubt und im Glauben lebt.
Die Bibeltreue des reformatorischen Christen ist deshalb nicht darauf beschränkt, die Bibel in
ihrer normativen Autorität zu akzeptieren. Die Bibel ist für ihn auch das Heilsmittel, durch das
ihm Christus mitgeteilt wird. Sie ist ja vom Geist Christi hervorgebracht worden. Sie lehrt, Christus
zu erkennen. So hat der Christ in ihr den Heiligen Geist und mit ihm das Heil selbst. Seine
Treue zur Schrift besteht auch im Vertrauen auf die Schrift und in der Erkenntnis, daß er durch
die Schrift zum Glauben gekommen ist. Der Glaube kann darum auch sagen, was er glaubt. Er ist
bekennender Glaube und weist sich mit dem Bekenntnis aus. Mit dem Wort hat er Klarheit und
Gewißheit über das, was er glaubt. Deshalb schätzt er eine schriftgebundene Theologie und die
ihr entsprechende theologische Ausbildung, denn sie steht im Dienst der rechten Erkenntnis Christi.
Freilich kann man das Wort auch so einseitig betonen, daß nach einem Leben aus Glauben nicht
mehr gefragt wird. Dann kommt man schnell zu einer toten Orthodoxie, die zwar geräuschvoll
um die rechte Lehre streiten kann, aber die die Liebe, die aus dem Glauben kommt, vergißt. Eine
solche Orthodoxie aber brauchen wir nicht. Allerdings es ist auch nicht so, als müßte der Mensch
der angeblich toten Lehre das Leben einhauchen. Gottes Wort ist lebendig und so beschaffen, daß
es wirklich zu einem Leben aus Glauben führt.
Wer reformatorisch denkt, geht davon aus, daß Gottes Wort die Kraft besitzt, zur Erkenntnis Gottes,
zur Sündenerkenntnis und zum Glauben zu führen. Darum reicht ihm das, was der Herr geboten
hat: die schriftgemäße Predigt. Sie gut vorzubereiten, ist für den reformatorischen Prediger
eine Selbstverständlichkeit, weil es ihm nicht egal ist, was er tatsächlich sagt. Er kann aber getrost
darauf verzichten, psychologische Mittel und anderen Zierat einzusetzen, um den Hörer für
das Wort zu interessieren, auf das Wort einzustimmen oder dem Wort in seiner Wirkung nachzuhelfen.
Er vertraut darauf, daß Gott mit seinem Evangelium und nach seinem gnädigen Ratschluß
dem Hörer das Herz auftut und in ihm den Glauben schafft.
Im evangelikalen Raum sehen wir heute, wie Evangelisation und Gemeindebau mit Stilelementen
des Showbusiness betrieben werden, so als ob Gottes Wort nicht in sich die Kraft hätte, einen
Menschen zu erreichen und als müßte man das Evangelium mit der dem Hörer geläufigen Unterhaltung
verpacken, um ihn positiv darauf einzustimmen. Erst dann folgt eine attraktiv geglättete
Darstellung der biblischen Botschaft – ganz im Horizont der Erwartung des Hörers, etwas Tolles
vorgestellt zu bekommen, auf das man abfahren kann. Er wird nicht vor das Angesicht Gottes,
seines Schöpfers gestellt, sondern Gott wird als Helfer für die Lebensprobleme des Menschen
dargestellt. Nur so ist ihm der postmoderne „Eventjäger“ gnädig.
Ist es erst einmal ausgemacht, daß Christsein – wie schon die Aufklärung meinte – eine Lebensbewegung
ist, dann ist es nur konsequent, das Wort und die Lehre zu relativieren und sogar als
nicht so wichtig an den Rand zu stellen. Der evangelikale Christ braucht nicht so sehr die Zusage
des Evangeliums und weniger die Fakten von Christus, in denen sein Heil steht, sondern er
braucht das Erleben und die Tat. Die Bibel liest er als Anweisung, wie er sein Christsein in die
Tat umzusetzen habe. Sie ist wie ein Programm für ein gelingendes Leben. An seinem Leben liest
er ab, ob er Christ ist, und er ist enttäuscht, wenn er bei sich allerlei Schuld, Versagen und
Schwachheit wahrnimmt. Hier hofft er freilich auf gnädige Nachsicht bei Gott. Aber seine Blickrichtung
ändert er deshalb nicht. Nach wie vor hofft er darauf, sein Erleben und seine Taten auf
die gewünschte Höhe zu bringen.
Der Evangelikale liebt es überkonfessionell. Er meint, er könne mit seinem Verständnis des
Christseins das ganze Spektrum evangelischer Überzeugungen abdecken – Lutheraner, Reformierte,
Methodisten, Baptisten, Brüdergemeinden und im Einzelfall sogar Katholiken. Bemerkt
er, daß sich unter den verschiedenen Gruppen widersprüchliche Aussagen finden, dann tut er diese
als nebensächlich ab. Ihm genügt es, wenn das Interesse an einem nicht näher bestimmten Jesus
vorhanden ist. Ob Jesus mit seinem Leiden und Sterben wirklich ein Sühnopfer gebracht hat,
oder ob er ein Vorbild für den Gehorsam gegenüber Gott gegeben hat, ob er einen Gnadenschatz
erworben hat, den die Kirche austeilen soll, oder ob er Solidarität mit den Sündern bewiesen hat –
das zu entscheiden ist für ihn nicht so wichtig, denn irgendwie ist ja alles auch richtig. In der Praxis
jedenfalls herrscht hier Freiheit, das zu glauben, was man möchte, Hauptsache, es ist ein
Glaube an Jesus und nicht an Maria oder Allah. Das ist nur ein Beispiel für den „überkonfessionellen“
Glauben – oder sollte man besser sagen: für den überkonfessionellen Nebel? Man spricht
zwar die Sprache der Bibel und wohl auch die der Reformatoren, aber für die konkrete Lehre ist
das biblische Wort längst nicht mehr maßgeblich. Es reicht ihm, wenn biblisch klingende Sätze
vorgetragen werden. Das Evangelium als Lehre, in der die einzelnen Aussagen der Bibel in einem
sinnvollen Zusammenhang zueinander stehen, die man verstehen und wiedergeben kann und
in deren Licht einzelne Sätze geprüft werden können, hält er gar für eine Vergewaltigung der
Bibel oder für eine Anmaßung. So liest er die Bibel nur punktuell: Jeder Abschnitt macht seine
eigene Aussage, aus der vor allem Anweisungen für das praktische Leben oder die Arbeit in der
Gemeinde abgeleitet werden und die im übrigen in eine mehr oder weniger humanistische Weltanschauung
eingezeichnet werden. Aber ein Ganzes der biblischen Lehre kann er nicht als Wahrheit
haben. Also hat er einen evangelikalen Pluralismus, bei dem die Wahrheit im Wort wenigstens
teilweise auf der Strecke bleibt. Er gesteht den unterschiedlichen Konfessionen und Denominationen
je ein größeres oder geringeres Maß an Wahrheit zu, aber keine kann den Anspruch
erheben, die Wahrheit des Evangeliums zu haben. An dessen Stelle tritt die Auskunft, wie man
mit dem andersdenkenden Allianzbruder umgeht – ein christlicher Knigge oder ein christliches
Konfliktmanagement.
Nur zu häufig beobachtet man im evangelikalen Bereich, daß man die Inhalte, die man verkündigt,
nur zu selbstverständlich für biblisch hält. Daß man auch als Evangelikaler fehlgehen kann,
daß man gar – wie in der Rechtfertigungslehre sehr häufig – katholisierende Positionen vertritt,
wird weder wahrgenommen noch diskutiert. Daß man sich mit der Scheidung von Heiligem Geist
und biblischem Wort ins Schlepptau der Schwärmerei begibt, will vielen nicht einleuchten, einfach
deswegen, weil man es nie anders gehört hat. Doch diese Anschauungen sind falsch, auch
wenn sie von Evangelikalen vertreten werden. Oft habe ich den Eindruck, daß es der Evangelikale
als Zumutung empfindet, wenn man die Inhalte, die er vertritt, hinterfragt, so als ob man als
Evangelikaler nicht irren könne.
Schluß
Der Vergleich des reformatorischen Denkens mit dem evangelikalen hat gezeigt, daß trotz einiger
Gemeinsamkeiten auch grundlegende Unterschiede festzustellen sind. Man kann die Dinge auf
eine einfache Formel bringen: Der reformatorische Christ bekennt, daß er sein Heil in Christus
allein sucht, und spricht von ihm, seiner Person und seinem Werk und vom Glauben an ihn. Der
evangelikale Christ spricht auch von Christus, um dann sofort sich und sein Erleben und Tun dem
Werk Christi hinzuzuzählen. Er versteht nicht, daß das Leben als Christ ein Leben aus Glauben
ist. Darum spricht er den Menschen laufend auf seine Werke an. Die Folge ist ein gebrochener
Glaube, eine auf den Sand menschlicher Werke gegründete „Heilsgewißheit“ und ein nicht endender
Frömmigkeitsstress. Die Folge kann aber auch ein schwärmerischer Dünkel sein, schon
hier so geistlich und vollkommen zu sein, daß man die Wirklichkeit nicht mehr richtig wahrnimmt,
nämlich die eigene Sündhaftigkeit und Fehlbarkeit.
Tod, wo ist dein Stachel? Totenreich, wo ist dein Sieg? 1Kor 15,55

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Beitragvon Joschie » 02.09.2010 20:18

Lutz hat geschrieben:Einige zählen das baptist. Glaubensbekenntnis nicht dazu bspw.
Dann ist ja auch Spurgeon nicht "reformatorisch" (Joschie auch nicht) ??! Bei Calvin ist ja es zu überschaubar was er theologisch meinte, die Institutio,die Kommentare und Briefe.Bei Luther ist das schwieriger sich ein Bild zu machen wenn man sein großes Gesamtwerk betrachtet,wass er zu gewissen Themen meinte.Wieleicht sollte man erst sich auf Tulip einigen?
Gruß Joschie
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Beitragvon apologet » 08.09.2010 19:55

Hallo @Joschi @Lutz,

wenn man es gelassen sehen will, kann man sich einfach auf den Standpunkt zurückziehen, daß der Begriff "reformatorisch" ja keineswegs "rechtlich" geschützt ist. Präziser betrachtet, sind Begrifflichkeiten wie "reformatorisch" oder "evangelisch" jedoch letztlich dogmatische Normbegriffe mit konkreten Inhalten (Bekenntnisse und Lehren der Reformatoren), die man nicht einfach so - mir nichts, Dir nichts - erweitern oder verändern kann.

Nun ist es ja so, daß die meisten heutigen Freikirchen das Wörtchen "evangelisch" in deren - meist sehr unzureichenden - Selbstbeschreibungen anführen... jedoch theologisch dann keineswegs alle tatsächlich dem Erbe der Reformation verpflichtet sind. Arminianische, spiritualistische, dispensationalistische Positionen werden in den meisten Fällen vertreten.

Ich denke, das vergessen wird, daß drei Strömungen aus der Reformationszeit hervorgegangen sind. Neben der reformierten und tridentinischen, eben auch eine radikalreformatorische bzw. restituierte (Wiederherstellung der neutestamentlichen Gemeinde, Franklin H. LittelI) Bewegung, dessen theologische Positionen sich in vielen heutigen Gemeinden, Bewegungen wiederfinden.

sdg
Andreas
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Beitragvon lutz » 08.09.2010 22:32

Danke Andreas, das sehe ich auch so, die Begriffe sind nicht „rechtlich“ geschützt …

Ich möchte mal bei dem Konsenspapier von W. Nestvogel bleiben:
Die Beispiele erinnern uns daran, daß jeder Begriff seine eigene Geschichte hat.
Ob „evangelikal“, „protestantisch“ oder „reformatorisch“ – keines dieser Wörter versteht sich von selbst. Man muß sie immer wieder daraufhin überprüfen, ob sie von den Adressaten in dem Sinne verstanden werden, wie sie von den Benutzern gemeint sind.
Worum geht es?
Es gibt Begriffe, die man hinterfragen sollte. Kommt der Begriff so an, wie er auch gemeint ist? Wird dieser Begriff so verwendet, wie er ursprünglich gemeint war?

Das setzt voraus, dass der Begriff irgendwie inhaltlich definiert werden kann.
(In diesem Forumsteil ist es ja ähnlich: „reformatorisch eingestellt“? – die Antwort erhält man genau hier unter „Hinweise zu diesem Bereich“.)

Ist es nicht so, dass bestimmte Begriffe zu viele subjektive Komponenten haben? Der eine sieht ihn so, der andere anders. Auf welcher Basis will man sich einigen?
Angesichts dieser Geschichte plädiere ich dafür, auf Seiten der reformatorischen Bewegung den Begriff „evangelikal“ nicht aufzugeben, sondern ihn wie Martyn Lloyd-Jones zu behaupten und offensiv zu definieren.
Hier muss ich mich doch darum bemühen, wie Martyn Lloyd Jones den Begriff „evangelikal“ definiert. …

Also ich kann durchaus verstehen, wenn eine Akademie im Namen den Begriff „reformatorisch“ hat, dass sie dann auch ausweisen muss, was dieser Begriff in ihren Augen bedeutet und was nicht.
Es ist durchaus nachvollziehbar, wenn es dann Auseinandersetzungen darüber gibt, ob Lehre X, Y oder Z auch noch darunter fällt oder nicht.
Aber das Ganze ist doch eine Insiderdebatte zur Identitätsfindung einer Lehreinrichtung und maßgeblich für die, die sich dort ausbilden lassen wollen (Erwartungshaltung …).

Für mich stellt sich die Frage: was ist reformatorisch? nicht, für mich stellt sich die Frage: Was ist das Evangelium?
Wenn ich hier Konsens suche, dann suche ich ihn über die objektiven Begriffsbestimmungen, die für das Verständnis des Evangeliums wichtig sind. (bspw.: Sünde, Gnade, Glaube, Buße …)
Solche Begriffe sind objektiv bestimmbar, weil sie in der Schrift enthalten sind.
Dann kann es vorkommen, dass man einen Konsens als Baptist mit Säuglingstäufern hat, einen Konsens mit Pfingstlern, mit …
Aber dieser Konsens fußt dann auf etwas Objektivem, durch die Zeit nicht Veränderlichem.
Das Ganze sehe ich über den Begriff „reformatorisch“ nicht gewährleistet, aber vielleicht fehlt mir da noch Einiges an Information.

Für mich ist es nach wie vor nicht verständlich, warum es eine breite Debatte darüber geben sollte, was reformatorisch ist.
Für mich ist es nach wie vor nicht verständlich, warum es eine breite Debatte darüber geben sollte, wer nun das wahre Erbe von X, Y und Z antreten darf und wer nicht.
Für mich wäre es aber sehr verständlich, wenn es eine breite Debatte darüber gäbe, was das richtige Verständnis des Evangeliums ist und wenn man hier anhand objektiver Begriffsbestimmungen nach einem Konsens fahndet.
Für mich wäre es aber sehr verständlich, wenn es eine breite Debatte darüber gäbe, welche lehrmäßigen Anforderungen an einen Lehrer einer Ausbildungseinrichtung gestellt werden müssen auf der Basis von „allein die Schrift“ und wo hier die Grenze zu ziehen ist.

Lutz

PS:
Diese weithin bekannten Verkündiger wissen sich verbunden durch „den großen evangelikalen Konsens, der aus der protestantischen Reformation erwachsen ist“ und bekennen sich gegenüber der Öffentlichkeit zu ihrem „gemeinsamen evangelikalen und reformatorischen Glauben“.[4]

Was ist der „große evangelikale Konsens“ und von wem ist er gemacht?
Abgesehen davon, wenn reformatorischer Glaube ausschließlich so beschrieben wird wie hier in dem Profil in den Punkten 1 bis 4, ist damit ein arminianisches (semi …) Verständnis definitiv ausgeschlossen? Da habe ich meine Zweifel.

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Beitragvon apologet » 09.09.2010 07:12

Hallo Lutz,
lutz hat geschrieben:Ist es nicht so, dass bestimmte Begriffe zu viele subjektive Komponenten haben? Der eine sieht ihn so, der andere anders. Auf welcher Basis will man sich einigen?
wie ich bereits angedeutet habe, besteht die stillschweigend vorausgesetzte "Einigung" heute zumeist darin, daß man alles als "evangelisch" respektive "reformatorisch" bezeichnet, was sich irgendwie unter dem Aspekt des "Sola Scriptura" subsummieren läßt. Kein Evangelikaler, Pietist oder Pfingstler/Charismatiker würde sich ohne Widerspruch vorwerfen lassen, er achte dieses reformatorische Grundprinzip nicht. Aber wir wissen wohl beide, das dieses Selbstverständnis irrig ist.

Dr. W. Nestvogel - den ich sehr schätze - schlägt nun als "Basis" für einen "Konsens" die fünf Soli vor. Ich bin davon überzeugt, das er ohne Zweifel fest auf diesem Fundament steht. Allerdings ist dieses Fundament nicht wirklich tragfähig für einen "reformatorischen Konsens". Wenn diese vier bzw. fünf Glaubenssätze ausgereicht hätten, gäbe es keine Bekenntnisse und Katechismen.

Und um diese kommt man eben nicht herum. Dr. W. Nestvogel zitiert Dr. B. Kaiser leider nur dort, wo es in sein Konzept paßt, denn im selben Aufsatz schreibt dieser:
„Die Akademie für Reformatorische Theologie und die Zeitschrift Bekennende Kirche nennen sich bewusst „reformatorisch“ und signalisieren damit, dass sie sich theologisch den Lehren der Reformation zuordnen - nicht in sentimentaler Nostalgie oder im Konservieren äußerer Formen, sondern darin, dass sie mit der Reformation die Heilige Schrift als Gesetz und Evangelium wieder neu und klar herausstellen.“
"Reformatorisch" läßt sich nicht auf die "Soli" reduzieren, dies käme letztlich einer Verengung bzw. Verkürzung einer bestehenden Definition gleich, da diese eben nur ein Kriterium - wenn auch ein grundlegendes - darstellen. Die Lehren der Reformatoren sind explizit in den jeweiligen Bekenntnissen, ob lutherisch, reformiert oder uniert nachvollziehbar, darüber hinaus in weiteren Schriften und Predigten der Reformatoren zu verschiedensten Themen und Fragestellungen.
lutz hat geschrieben:Für mich stellt sich die Frage: was ist reformatorisch? nicht, für mich stellt sich die Frage: Was ist das Evangelium?
Wenn ich hier Konsens suche, dann suche ich ihn über die objektiven Begriffsbestimmungen, die für das Verständnis des Evangeliums wichtig sind. (bspw.: Sünde, Gnade, Glaube, Buße …)
Solche Begriffe sind objektiv bestimmbar, weil sie in der Schrift enthalten sind.
Scheinbar sind diese Begriffe nicht wirklich für jeden "objektiv bestimmbar", da gerade über die von Dir genannten gestritten wird und reformatorische Überzeugung gegen arminianische Überzeugung steht. Oder wenn sich Luther und Zwingli - innerreformatorisch - über das Wörtchen "ist" (Abendmahlsdisput) streiten...

Der Begriff "reformatorisch" (reformatio) versteht sich ja erklärterweise einerseits als Rückgriff auf das ursprüngliche Evangelium als solches, steht aber andererseits, für das verbindende Element lutherischer und reformierter Theologie.
lutz hat geschrieben:Dann kann es vorkommen, dass man einen Konsens als Baptist mit Säuglingstäufern hat, einen Konsens mit Pfingstlern, mit …
Aber dieser Konsens fußt dann auf etwas Objektivem, durch die Zeit nicht Veränderlichem.
Das Ganze sehe ich über den Begriff „reformatorisch“ nicht gewährleistet, aber vielleicht fehlt mir da noch Einiges an Information.
Ich meine, daß man beispielsweise mit bekenntnisorientierten Baptisten ein breites reformatorisches Fundament (=Zweites Londoner Bekenntnis von 1677) teilt. Allerdings wird dadurch deren - von der reformatorischen Lehre - abweichende Position hinsichtlich der Taufe nicht "reformatorisch".

Und dieser "Konsens" wird dann eben immer schmaler bis dahin, das er nicht existent ist. Mein Hinweis auf die dritte theologische Bewegung, welche in der Reformationszeit entstanden ist, war da nicht zufällig. Pfingster - ich war mal einer - stehen nicht auf dem Fundament der Reformation, sondern haben ihre Wurzeln in dem "linken Flügel", der "Radikalreformation" der Spiritualisten, Täufer (die man wiederum unterscheiden muß) etc. Der Evangelikalismus insgesamt hat dort seine theologischen Wurzeln.

Von daher irrt Dr. W. Nestvogel, wenn er die Begrifflichkeiten einfach mal so durcheinander wirft oder neu besetzen will und behauptet, diese würden sich gegenseitig erklären. Nein, teilweise stehen sich diese diamentral gegenüber!
lutz hat geschrieben:Für mich ist es nach wie vor nicht verständlich, warum es eine breite Debatte darüber geben sollte, was reformatorisch ist.
Für mich auch nicht. Ein Konsens existiert und das sind die reformatorischen Bekenntnisse, egal ob lutherisch, reformiert oder uniert.
lutz hat geschrieben:Für mich ist es nach wie vor nicht verständlich, warum es eine breite Debatte darüber geben sollte, wer nun das wahre Erbe von X, Y und Z antreten darf und wer nicht.
Für mich wäre es aber sehr verständlich, wenn es eine breite Debatte darüber gäbe, was das richtige Verständnis des Evangeliums ist und wenn man hier anhand objektiver Begriffsbestimmungen nach einem Konsens fahndet.
Diese beiden Fragen bedingen ja einander. Wer sich, als auf dem Erbe der Reformation stehen begreift, sieht in dessen Lehren das Evangelium.
lutz hat geschrieben:Für mich wäre es aber sehr verständlich, wenn es eine breite Debatte darüber gäbe, welche lehrmäßigen Anforderungen an einen Lehrer einer Ausbildungseinrichtung gestellt werden müssen auf der Basis von „allein die Schrift“ und wo hier die Grenze zu ziehen ist.
Nun, da gibt kann man auf der Seite Dr. W. Nestvogel ja bereits von einer Anschlußdebatte (Schöpfung)lesen...

sdg
Andreas
lutz hat geschrieben:PS:
Was ist der „große evangelikale Konsens“ und von wem ist er gemacht?
Abgesehen davon, wenn reformatorischer Glaube ausschließlich so beschrieben wird wie hier in dem Profil in den Punkten 1 bis 4, ist damit ein arminianisches (semi …) Verständnis definitiv ausgeschlossen? Da habe ich meine Zweifel.
PS: Sehe ich genauso. Aber hier verwechselt Dr. W. Nestvogel schlicht "evangelisch" mit "evangelikal".
1. Petrus 3,15 Seid stets bereit, jedem Rede und Antwort zu stehen, der nach der Hoffnung fragt, die euch erfüllt.

lutz
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Beitragvon lutz » 09.09.2010 17:14

Herzlichen Dank, Andreas, und ich würde meine Gedanken dazu in zwei Beiträge teilen.
Den ersten eher mit Blick auf Geschichte, den zweiten dann eher im Blick auf heute.

Die Frage nach dem „reformatorischen Konsens“ ist dann zuerst eine rein historische Frage, weil der Begriff „reformatorisch“ einer konkreten zeitlichen Epoche zugeordnet werden muss.
Definition von Reformationszeit?
Wer sind Reformatoren?

Ich zitiere jetzt mal aus B. Kaiser´ s Ausführungen:
Die Reformation hat ihren Platz im sechzehnten Jahrhundert, ... Die Reformation war eine Bewegung, die in ihrer Zeit anhand der
Bibel grundlegend neue Einsichten zu Tage förderte. Damit stand sie im offenen Widerspruch zur herrschenden Kirche, und es kam zur Trennung von dieser. Biblische Inhalte spielten die tragende Rolle und trennten von den römischen Positionen.
Die Täufer der Reformationszeit (Schleitheimer Artikel 1527) gehören historisch dazu oder nicht?
http://www.taeufergeschichte.net/index. ... er_taeufer

http://www.glaubensstimme.de/doku.php?i ... er_artikel
Steht dieses Dokument auf dem Boden der Reformation oder nicht?

Lasse ich bestimmte Bewegungen von vornherein unberücksichtigt, habe ich eine Auslese vorgenommen.
Das bedeutet aber, der Begriff „reformatorisch“ für eine Auslese wäre irreführend, weil er etwas suggeriert, was den gesamten historischen Tatsachen nicht entspricht. Hier werden bestimmte Reformatoren, bestimmte Bekenntnisse herausgenommen und mit „reformatorisch“ gleichgesetzt. Bei dieser Gleichsetzung bleibt es nicht, sondern es kommt noch die Synonymsetzung mit „wahrer Bibeltreue“ hinzu.
So eine Vorgehensweise ist immer problematisch.

Es geht also erst einmal um einen bestimmten historischen Konsens - um einen „Konsens bestimmter Reformatoren“.
Das würde bedeuten, auf die Suche nach allen gemeinsamen Standpunkten zu gehen.
Dann liegt der „Konsens der bestimmten Reformatoren“ vor, der nicht mehr veränderbar ist.
Also danach muss Keiner streben. Das Ganze lässt sich historisch zusammentragen.
Nur möchte ich hier darauf hinweisen (wie du, Andreas auch schon), dass eine ausschließliche Analyse von Bekenntnissen nicht ausreicht. Dazu gehören alle verfügbaren historischen Dokumente (auch persönliche Schreiben bspw.).

Das Erste wäre also:
Wie werden die Fragen, was ist reformatorisch und was ist der Konsens, historisch beantwortet?

Lutz

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Beitragvon lutz » 09.09.2010 17:17

Zweiter Beitrag:

Ausgehend von einem historischen Konsens (Was waren die gemeinsamen Standpunkte der bestimmten Reformatoren?), passen dann heute auch nur die hinein, die alle diese Gemeinsamkeiten teilen.

Es stellt sich bspw. die Frage:
Können wir aus dem „historischen Katalog der Gemeinsamkeiten“ eine Gruppe von Gemeinsamkeiten (die klassischen vier Ausschließlichkeitsbehauptungen) herausnehmen und diese dann als „heutigen reformatorischen Konsens“ verwenden?
Das könnte bedeuten gegensätzliche Positionen zuzulassen in Bereichen, über die sich aber die bestimmten Reformatoren in tiefer Überzeugung einig waren.

Danach kann man streben: wie wenig bzw. wie viel Gemeinsamkeiten sollen als „heutiger reformatorischer Konsens“ gelten?
Nur ist der Begriff dann wieder irreführend.
Bsp. Abendmahl: Nehme ich aus dem historischen Konsens das Abendmahl als Sakrament heraus, dann können sich Ansichten unter einem „reformatorischen Konsens“ sammeln, die das Abendmahl als Sakrament ablehnen. Das Ganze wäre niemals unter dem „historischen Konsens“ möglich.
Ebenso in der Tauffrage. Nehme ich aus dem historischen Konsens die Säuglingstaufe raus, dann können sich Ansichten unter einem „reformatorischen Konsens“ sammeln, die die Säuglingstaufe ablehnen.
Das Ganze wäre niemals unter dem „historischen Konsens“ möglich.

Unter dem Begriff „reformatorischer Konsens“ können sich also heute Auffassungen finden, die historisch einmütig abgelehnt worden wären. Der Begriff suggeriert aber eine Übereinstimmung.

Warum strapaziert man das Wort „reformatorisch“ so?
Gut, es ist gängige Praxis, seine Ansichten auf eine gemeinsame historische Basis (Glaube, der schon früher dokumentiert wurde) zu stellen. Damit weist man nach, dass die eigenen Ansichten nicht gänzlich neu sind, sondern in Fortführung guter Lehre geschehen bspw.

W. Nestvogel schreibt:
Welcher Begriff würde bei unseren Zeitgenossen des anbrechenden dritten Jahrtausends am stärksten mit genau den Inhalten verbunden werden, die uns am Herzen lagen? Mit welcher Formulierung könnten wir Missverständnisse so weit wie möglich ausschließen? Wie müßte ein Attribut beschaffen sein, das zugleich auffällig und seriös wäre? Wodurch könnten wir deutlich machen, sowohl im klassischen Strom der ewigen Kirche Jesu Christi zu stehen - als auch der aktuellen theologischen Mittelmäßigkeit mit paulinischem Kampfgeist (1.Tim 6,12) entgegentreten zu wollen?
Hier würde ich doch sagen:
es war ein Anliegen da und man hat dem Anliegen entsprechend einen Begriff (auffällig, seriös, klassisch) gesucht.
Und heute?
Es ist wieder ein Anliegen da und man sucht nun wieder einen entsprechenden Begriff?
Ich denke, dass man hier aufpassen muss, dass der Begriff „reformatorisch“ nicht zu einer Alibifunktion verkommt, weil dieser Begriff noch „auffällig“, „seriös“ und „klassisch“ ist.
Am Ende ergeht es diesem Begriff wie seinen Vorgängern und … Sie hatten einmal wichtige Inhalte transportiert, heute sind sie nichtssagend, Hülsen für alles Mögliche …

Egal wie ich es drehe und wende, ein „sauberer, klarer … reformatorischer Konsens“ unter solchen Umständen ist eine Illusion. Vielleicht wäre es besser einem solchen Konsens einen anderen Namen zu geben, „Der Sola – Konsens“?
Für einen solchen Konsens wäre es dann auch nicht relevant, wo jemand seine historischen Wurzeln hat – sondern nur, ob er darunter fällt und auch noch morgen dabei bleiben kann.

Eine Arbeitsgrundlage wäre er unter anderer Namensgebung und weiterer Konkretisierung durchaus im Sinne von W. Nestvogel:
Sie haben die Substanz, auch über die einzelnen konfessionellen Grenzen hinweg – lutherisch, reformiert, baptistisch, brüdergemeindlich, anglikanisch usw. – eine echte und belastbare geistliche Gemeinschaft zu stiften. Das macht die verschiedenen evangelischen Konfessionen nicht überflüssig, dadurch werden die noch bestehenden Positionsunterschiede nicht einfach übersprungen - aber es nimmt ihnen die trennende Wirkung.
Lutz

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Beitragvon apologet » 09.09.2010 19:16

Hi Lutz,
lutz hat geschrieben:Die Frage nach dem „reformatorischen Konsens“ ist dann zuerst eine rein historische Frage, weil der Begriff „reformatorisch“ einer konkreten zeitlichen Epoche zugeordnet werden muss.
Definition von Reformationszeit?
Wer sind Reformatoren?
Prof. Dr. Oswald Bayer schreibt in seinem Aufsatz „Das ist gewißlich wahr!“ Kraft und Profil des reformatorischen Glaubens“ zur Funktion des behandelten Begriffes:
"Doch kann die Untersuchung seines Gebrauchs vor, bei und nach Luther nicht die bestimmte Inhaltlichkeit ermitteln, die einem Begriff zukommen muß, der nicht nur ein kirchen- und weltgeschichtliches Phänomen einschließlich seiner gegenwärtigen Wirkungen allgemein historiographisch bezeichnen, sondern eine normative Funktion ausüben soll. Die Erfüllung solcher Funktion erwartet von ihm, wer Bekenntnisschriften vorlegt, verteidigt, auf sie verpflichtet und sich auf sie verpflichten läßt – wie bei der Ordination zum Pfarramt. Er bekundet damit, daß die reformatorische Wende in Luthers Theologie nicht einfach nur zufälliger Ausgangspunkt eines bis heute dauernden geschichtlichen Prozesses ist, in dem das „Reformatorische“ gar erst nach und nach zu sich käme, sondern daß es in bestimmter sprachlicher Artikulation als systematische und kontroverstheologische Ursituation in die Geschichte verfaßt ist."
Die Begrifflichkeiten "reformatorisch" oder "evangelisch" sind demnach m.V.n. erstens nur aus ihrer historischen Situation und Entwicklung zu verstehen, zweitens und maßgeblich jedoch ausschließlich als spezifisch-theologische Normbegriffe zu begreifen. Dr. B. Kaiser hat dies in meinem oben angeführten Zitat ja auch bereits schon anklingen lassen.
"...und signalisieren damit, dass sie sich theologisch den Lehren der Reformation zuordnen..."
lutz hat geschrieben:Die Täufer der Reformationszeit (Schleitheimer Artikel 1527) gehören historisch dazu oder nicht?[...]
Steht dieses Dokument auf dem Boden der Reformation oder nicht?
Definitiv nicht. Wenn Du Dir die Schleitheimer Artikel durchliest, stellst Du das sofort fest. Im Hinterkopf muß man dabei auch immer behalten, das "Täufer" nicht gleich "Baptist" ist, und bis heute sehr große Unterschiede existieren. Diese Täufer gehörten einer äußerst heterogenen Bewegung an, welche sowohl in der Soteriologie, wie Ekklesiologie erheblich abweichende Standpunkte zu denen der Reformation einnahmen. Deshalb nennt man dies auch die "radikale Reformation".
lutz hat geschrieben:Lasse ich bestimmte Bewegungen von vornherein unberücksichtigt, habe ich eine Auslese vorgenommen.
Das bedeutet aber, der Begriff „reformatorisch“ für eine Auslese wäre irreführend, weil er etwas suggeriert, was den gesamten historischen Tatsachen nicht entspricht. Hier werden bestimmte Reformatoren, bestimmte Bekenntnisse herausgenommen und mit „reformatorisch“ gleichgesetzt. Bei dieser Gleichsetzung bleibt es nicht, sondern es kommt noch die Synonymsetzung mit „wahrer Bibeltreue“ hinzu.
So eine Vorgehensweise ist immer problematisch.
Nein durchaus nicht. Erstens war den Reformatoren selbst an einer Abgrenzung - zum einen in Richtung römischer Kirche, zum anderen jedoch auch in Richtung der "Schwärmer" (ein anderer Begriff für diese Bewegung) gelegen. Zweitens besteht grundsätzlich die Notwendigkeit und der apostolische Auftrag an dem einen, wahren Evangelium festzuhalten und Irrlehren abzuweisen. Müntzer oder Sattler waren dann eben auch keine Reformatoren bzw. standen zu Luther, Melanchton, Bucer, Zwingli oder Calvin in Opposition.

Dennoch sprach Luther durchaus von einem „canon charitatis“, einem breiteren Konsens, welcher Gläubigen mit einem anderen Bekenntnis nicht grundsätzlich das Christsein absprach.
lutz hat geschrieben:Es geht also erst einmal um einen bestimmten historischen Konsens - um einen „Konsens bestimmter Reformatoren“.
Das würde bedeuten, auf die Suche nach allen gemeinsamen Standpunkten zu gehen.
Dann liegt der „Konsens der bestimmten Reformatoren“ vor, der nicht mehr veränderbar ist.
Also danach muss Keiner streben. Das Ganze lässt sich historisch zusammentragen.
Nur möchte ich hier darauf hinweisen (wie du, Andreas auch schon), dass eine ausschließliche Analyse von Bekenntnissen nicht ausreicht. Dazu gehören alle verfügbaren historischen Dokumente (auch persönliche Schreiben bspw.).

Das Erste wäre also:
Wie werden die Fragen, was ist reformatorisch und was ist der Konsens, historisch beantwortet?

Lutz
So, oder so ähnlich könnte man das formulieren. Die historische Analyse dessen, was "reformatorisch" respektive "evangelisch" ist, kann und darf nicht vernachläßigt werden bzw. auf den reformatorischen Grundsatz eines - wie auch immer verstandenen - "Sola Scriptura" verkürzt werden wenn man dem Begriff gerecht werden will.

In diesem Fall heißt das konkret: Der Dispensationalismus bzw. Chiliasmus war nie Bestandteil reformatorischer Theologie - die Reformatoren waren amillenialistisch geprägt - und kann von Dr. W. Nestvogel auch nicht durch einen Kunstgriff "Konsens" dazu gemacht werden. Theologische Positionen, wie der Arminianismus, Dispensationalismus, oder die Charismatik sind per Definition eben nicht „reformatorisch“. Eine andere „Besetzung“ des Begriffes „reformatorisch“ liefe deshalb auf eine inhaltliche Verkehrung - bis hin in dessen Gegenteil - hinaus.

sdg
Andreas
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Beitragvon lutz » 09.09.2010 19:45

apologet hat geschrieben:
lutz hat geschrieben:Die Täufer der Reformationszeit (Schleitheimer Artikel 1527) gehören historisch dazu oder nicht?[...]
Steht dieses Dokument auf dem Boden der Reformation oder nicht?
Definitiv nicht. Wenn Du Dir die Schleitheimer Artikel durchliest, stellst Du das sofort fest. Im Hinterkopf muß man dabei auch immer behalten, das "Täufer" nicht gleich "Baptist" ist, und bis heute sehr große Unterschiede existieren. Diese Täufer gehörten einer äußerst heterogenen Bewegung an, welche sowohl in der Soteriologie, wie Ekklesiologie erheblich abweichende Standpunkte zu denen der Reformation einnahmen.
Und soll ich dir was sagen, Andreas, genau das verstehe ich nicht, verstand es nie und bin nicht zuversichtlich, es verstehen zu können.

"Standpunkte der Reformation" - das ist doch dasselbe Problem wie mit "reformatorisch".
Ich kann keine theologische Auslese vornehmen aus einer geschichtlichen Epoche zu der mehr gehört.
Wer das macht, entscheidet nach vorgefassten Prämissen.
Welche Prämissen sind es?
Warum diese?

Das ist doch alles undurchsichtig.
Mir kommt es geradezu willkürlich vor.
Verstehst du, wie willst du weiteren Generationen plausibel machen, was hier gerade abläuft?

Lieben Gruß Lutz

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Beitragvon apologet » 09.09.2010 21:35

Hi Lutz,
lutz hat geschrieben:Zweiter Beitrag:
Ausgehend von einem historischen Konsens (Was waren die gemeinsamen Standpunkte der bestimmten Reformatoren?), passen dann heute auch nur die hinein, die alle diese Gemeinsamkeiten teilen.
sowohl die gemeinsamen, wie auch die trennenden Standpunkte der Reformatoren sind bekannt. Allerdings führten die Unterschiede nicht zu einem völligen Zerwürfnis. Als Reformierter erkenne ich daher in den lutherischen Bekenntnissen viele Gemeinsamkeiten, die einen tragfähigen Konsens ermöglichen. Auch darüber hinaus existieren Gemeinsamkeiten, beispielsweise mit bekenntnisorientierten Baptisten. Diese stehen durchaus zu weiten Teilen auf dem verbindenden refomatorischen Fundament. Aber das Taufverständnis ist eben nicht "refomatorisch".
lutz hat geschrieben:Es stellt sich bspw. die Frage:
Können wir aus dem „historischen Katalog der Gemeinsamkeiten“ eine Gruppe von Gemeinsamkeiten (die klassischen vier Ausschließlichkeitsbehauptungen) herausnehmen und diese dann als „heutigen reformatorischen Konsens“ verwenden?
Das könnte bedeuten gegensätzliche Positionen zuzulassen in Bereichen, über die sich aber die bestimmten Reformatoren in tiefer Überzeugung einig waren.
Das ist der Standpunkt Dr. W. Nestvogels, der sich in reformatorischer Tradition sieht, aber an seiner nichtreformatorischen, dispensationalistischen Eschatologie festhalten möchte. Andere vertreten - wie bereits angesprochen - andere (charismatische, arminianistische etc.) oder noch weitergehende Konsensvorstellungen.
lutz hat geschrieben:Danach kann man streben: wie wenig bzw. wie viel Gemeinsamkeiten sollen als „heutiger reformatorischer Konsens“ gelten?
Nur ist der Begriff dann wieder irreführend.
Eben.
lutz hat geschrieben:Bsp. Abendmahl: Nehme ich aus dem historischen Konsens das Abendmahl als Sakrament heraus, dann können sich Ansichten unter einem „reformatorischen Konsens“ sammeln, die das Abendmahl als Sakrament ablehnen. Das Ganze wäre niemals unter dem „historischen Konsens“ möglich.
Der Dissenz verläuft doch eher dort, was unter einem Sakrament verstanden wird, denn sowohl Reformierte wie Lutheraner kennen Sakramente.

Calvin sagt dazu, ein Sakrament sei ein
“äußeres Zeichen des göttlichen Wohlwollens gegen uns, das mit einem sichtbaren Zeichen die göttlichen Gnadengaben abbildet, um in unseren Herzen Gottes Verheißungen zu versiegeln, wodurch deren Wahrheit noch bekräftigt wird” Frage 310, Genfer Katechismus von 1545
Wenn man allerdings keine Sakramente kennt, verläßt man den reformatorischen Konsens definitiv.
lutz hat geschrieben:Ebenso in der Tauffrage. Nehme ich aus dem historischen Konsens die Säuglingstaufe raus, dann können sich Ansichten unter einem „reformatorischen Konsens“ sammeln, die die Säuglingstaufe ablehnen.
Das Ganze wäre niemals unter dem „historischen Konsens“ möglich.
So einfach ist das jedoch nicht. Mit der Tauffrage steht bereits die gesamte Ekklesiologie zur Debatte.
lutz hat geschrieben:Unter dem Begriff „reformatorischer Konsens“ können sich also heute Auffassungen finden, die historisch einmütig abgelehnt worden wären. Der Begriff suggeriert aber eine Übereinstimmung.
Richtig, eine Übereinstimmung wird lediglich suggeriert.
lutz hat geschrieben:Warum strapaziert man das Wort „reformatorisch“ so?
Gut, es ist gängige Praxis, seine Ansichten auf eine gemeinsame historische Basis (Glaube, der schon früher dokumentiert wurde) zu stellen. Damit weist man nach, dass die eigenen Ansichten nicht gänzlich neu sind, sondern in Fortführung guter Lehre geschehen bspw.
Du skkizierst die Motivation m.E. recht treffend.
lutz hat geschrieben:W. Nestvogel schreibt:
Welcher Begriff würde bei unseren Zeitgenossen des anbrechenden dritten Jahrtausends am stärksten mit genau den Inhalten verbunden werden, die uns am Herzen lagen? Mit welcher Formulierung könnten wir Missverständnisse so weit wie möglich ausschließen? Wie müßte ein Attribut beschaffen sein, das zugleich auffällig und seriös wäre? Wodurch könnten wir deutlich machen, sowohl im klassischen Strom der ewigen Kirche Jesu Christi zu stehen - als auch der aktuellen theologischen Mittelmäßigkeit mit paulinischem Kampfgeist (1.Tim 6,12) entgegentreten zu wollen?
Hier würde ich doch sagen:
es war ein Anliegen da und man hat dem Anliegen entsprechend einen Begriff (auffällig, seriös, klassisch) gesucht.
Und heute?
Es ist wieder ein Anliegen da und man sucht nun wieder einen entsprechenden Begriff?
Ich denke, dass man hier aufpassen muss, dass der Begriff „reformatorisch“ nicht zu einer Alibifunktion verkommt, weil dieser Begriff noch „auffällig“, „seriös“ und „klassisch“ ist.
Am Ende ergeht es diesem Begriff wie seinen Vorgängern und … Sie hatten einmal wichtige Inhalte transportiert, heute sind sie nichtssagend, Hülsen für alles Mögliche …
Stimme Dir völlig zu.
lutz hat geschrieben:Egal wie ich es drehe und wende, ein „sauberer, klarer … reformatorischer Konsens“ unter solchen Umständen ist eine Illusion. Vielleicht wäre es besser einem solchen Konsens einen anderen Namen zu geben, „Der Sola – Konsens“?
Für einen solchen Konsens wäre es dann auch nicht relevant, wo jemand seine historischen Wurzeln hat – sondern nur, ob er darunter fällt und auch noch morgen dabei bleiben kann.

Eine Arbeitsgrundlage wäre er unter anderer Namensgebung und weiterer Konkretisierung durchaus im Sinne von W. Nestvogel:
Sie haben die Substanz, auch über die einzelnen konfessionellen Grenzen hinweg – lutherisch, reformiert, baptistisch, brüdergemeindlich, anglikanisch usw. – eine echte und belastbare geistliche Gemeinschaft zu stiften. Das macht die verschiedenen evangelischen Konfessionen nicht überflüssig, dadurch werden die noch bestehenden Positionsunterschiede nicht einfach übersprungen - aber es nimmt ihnen die trennende Wirkung.
Lutz
Ich kann das Anliegen Dr. W. Nestvogels durchaus nachvollziehn, halte es aber keinesfalls für inhaltlich berechtigt. Denn der Dispensationalismus entspricht keinesfalls dem reformatorischen Sola Scriptura-Prinzip.

sdg
Andeas
1. Petrus 3,15 Seid stets bereit, jedem Rede und Antwort zu stehen, der nach der Hoffnung fragt, die euch erfüllt.


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