Luther-Predigten, Zitate und Sprüche

Nur für Gläubige, die die fünf Punkte des Arminianismus ablehnen

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Jörg
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Beitragvon Jörg » 23.02.2012 04:51

Vorlesung über den Römerbrief (Zusätze + Kapitel 4, 25)


Zusatz

»Gerechtigkeit« und »Ungerechtigkeit« wird in der Heiligen Schrift ganz anders verstanden, als die Philosophen und Juristen sie auffassen. Das liegt auf der Hand, denn sie machen (hier) die Eigenart der Seele usw. geltend. Die »Gerechtigkeit« in der Heiligen Schrift dagegen hängt mehr von dem Urteil Gottes ab als vom Wesen des Beschuldigten. Nicht derjenige, der bloß ihre Qualität besitzt hat nämlich (die) Gerechtigkeit – er ist vielmehr ein Sünder und ganz und gar ungerecht –, sondern derjenige, den Gott – deshalb, weil er seine eigene Ungerechtigkeit bekannt und die Gerechtigkeit Gottes angerufen hat – gnädig ansieht und bei sich als gerecht hat wollen gelten lassen. So werden wir alle im Unrecht, d.h. in Ungerechtigkeit geboren und sterben auch darin, gerecht aber sind wir dagegen allein durch die Zusage des gnädigen Gottes und durch den Glauben an sein Wort.


Zusatz

Du fragst nun: Warum werden dann die Verdienste der Heiligen so sehr gepriesen? Ich antworte: Weil es nicht ihre eigenen, sondern die Verdienste Christi in ihnen sind, seinetwegen nimmt Gott ihre Werke an, die er sonst nicht annehmen würde. Daher ist ihnen selbst auch niemals bewußt, daß sie Verdienste erwirken und haben; sie tun das alles vielmehr nur, um Barmherzigkeit zu finden und dem Gericht zu entrinnen, wobei sie mehr mit Seufzen um Vergebung bitten als mit Anmaßung die Krone erstreben. »Wundersam also ist Gott in seinen Heiligen« (Ps. 68, 36), er läßt sie im Dunkeln, so daß sie sich selbst als unheilig vorkommen, obwohl sie doch heilig sind. Auf diese Weise, durch die Hoffnung auf Barmherzigkeit, ist »ihr Leben verborgen mit Christus in Gott« (Kol. 3, 3). Durch ihre Furcht vor dem Gericht ist ihnen ihr Tod und ihre Sünde deutlich, bei und vor sich selbst und in ihrem Gewissen. Sie urteilen über sich immer nur mit Zagen, denn sie wissen, daß sie von sich aus vor Gott nicht gerecht sein können. Und darum fürchten sie das Urteil Gottes bei all ihren Werken, so wie Hiob sagt: »Ich fürchtete alle meine Werke, weil ich wußte, daß du den Übeltäter nicht schonst« (Hiob 9, 28). Und dennoch rufen sie, um nicht zu verzweifeln, die Barmherzigkeit in Christus an und werden deshalb erhört. Das ist jene heimliche, verborgene Weisheit und Wahrheit (vgl. 1. Kor. 2, 7). Denn genauso unbekannt wie Gott und sein Ratschluß ist uns unsere Gerechtigkeit, die völlig von ihm und seinem Ratschluß abhängig ist. So Psalm 51, 8: »Siehe, dir gefällt Wahrheit« (d.h. die wahre Gerechtigkeit im Gegensatz zur Gerechtigkeit im übertragenen und gesetzlichen Sinne, die diese wahre Gerechtigkeit nur zeichenhaft darstellt, aber nicht die Wahrheit ist). Aber woher soll ich sie kennen? »Die unbekannten Geheimnisse deiner Weisheit tust du mir auf« (Ps. 51, 8). D.h. ich weiß soviel, daß allein solch innere Gerechtigkeit dir gefällt; sie liebst du, denn sie ist die Wahrheit und Vollkommenheit. Ich weiß es, sage ich, denn du hast mir diese Weisheit im Geheimen gegeben, damit ich es wüßte.

Da wir Gottes Gebot nicht erfüllen können und deshalb verdientermaßen die Immer-Ungerechten sind, bleibt also nichts weiter übrig, als immer in Furcht vor dem Gericht zu leben und um die Vergebung unserer Ungerechtigkeit, vielmehr um ihre Nicht-Anrechnung zu bitten. Denn sie wird überhaupt nie vergeben, sondern besteht fort und bedarf der Nicht-Anrechnung. So Psalm 2, 11: »Dienet dem Herrn« (was nur fröhlich und freudig geschehen kann. Aber da es in vollkommenem Maße nicht sein kann, darum) »in Furcht«, dient ihm freudig mit Furcht und »jubelt ihm zu« (nämlich um seiner Barmherzigkeit willen) »mit Zittern« um eurer Sünde willen, die das Gericht verdient.

Zu Vers 25: »Welcher ist dahingegeben.« Der Tod Christi ist der Tod der Sünde und seine Auferstehung ist der Gerechtigkeit Leben, denn durch seinen Tod hat er für die Sünde Genugtuung geleistet und durch seine Auferstehung hat er uns seine Gerechtigkeit gegeben. Und so bedeutet sein Tod nicht nur die Vergebung der Sünde, sondern bewirkt sie auch gleichsam als die vollkommenste Genugtuung. Und seine Auferstehung heiligt nicht nur unsere Gerechtigkeit, sondern wirkt sie auch in uns, wenn wir an sie glauben, und ist ihre Ursache. Darüber später mehr. Dies alles bezeichnen die Theologen der Scholastik als eine einzige Veränderung: das Austreiben der Sünde und das Eingießen der Gnade.

[Martin Luther: Vorlesung über den Römerbrief (1515/1516). Zeno.org: Martin Luther: Werke, S. 567-570
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Jörg
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Beitragvon Jörg » 25.02.2012 08:39

Vorlesung über den Römerbrief (Kapitel 5, 1-3)


Zu Vers 1 und 2: »Nun wir denn sind gerecht geworden« durch das Urteil Gottes, »durch den Glauben« nicht aus den Werken, so »haben wir« im Gewissen und im Geist »Frieden mit Gott«, freilich noch nicht mit den Menschen und dem Fleisch und der Welt und dem Teufel, da haben wir nur desto größere Trübsal, »durch unsern Herrn Jesus Christus«, als durch einen Mittler, nicht durch uns selbst, auch wenn wir schon aus dem Glauben gerecht geworden sind, »durch welchen wir« als durch einen Mittler »im Glauben«, weil selbst durch Christus ohne den Glauben niemand selig werden wird, »den Zugang haben« zu Gott im Lieben und Erkennen, und im Teilhaftigwerden, »zu dieser Gnade« des Friedens und der Vergebung der Sünden, der Rechtfertigung, »darin wir stehen« durch das feste Bekennen des Glaubens »und rühmen uns« nicht des gegenwärtigen Rangs vor den Menschen, sondern »der Hoffnung der zukünftigen Herrlichkeit«. Außerordentlich heiter und von Freude völlig erfüllt spricht der Apostel in diesem Kapitel. In der ganzen Heiligen Schrift gibt es kaum einen Text, der diesem Kapitel ähnlich wäre, jedenfalls keinen mit solcher Ausdrücklichkeit. Aufs klarste beschreibt er nämlich, von welcher Art und wie groß die Gnade und das Erbarmen Gottes über uns ist. »Gerecht geworden« heißt es hier von uns, was angemessener ist als »gerecht«, und »Rechtfertigung«, was angemessener ist als »Gerechtigkeit«.

Zu Vers 2: In unbeschreiblicher Weise überheben sich heutzutage jedenfalls die Heuchler und gesetzlich Denkenden, die sich schon gerettet und aus sich heraus hinreichend gerecht wähnen, weil sie an Christus glauben und weder ungerecht und töricht sein noch dafür gehalten werden wollen. Was bedeutet das denn anderes als den Schutz Christi abtun und nur aus dem Glauben, nicht aber auch durch Christus Zugang haben wollen? Wahrhaftig, unter diesen Umständen ist das nicht einmal Glaube, sondern scheint nur welcher zu sein, so wie beim Untergang der Sonne auch der Sonnenstrahl und das Sonnenlicht verschwinden. Wer aber Verstand hat, der schätzt das Licht nicht so, daß er deshalb auf die Sonne verzichten will, vielmehr will er beide, die Sonne und das Licht, zugleich besitzen. Das wären also die, die durch den Glauben und nicht zugleich durch Christus Zugang haben, d.h. vielmehr den Untergang.

Zweitens wendet sich Paulus damit gegen diejenigen, die wegen Christus gar zu sicher herzutreten, nicht wegen des Glaubens, als ob sie durch Christus in der Weise gerettet werden müßten, daß sie selbst gar nichts tun und nichts von ihrem Glauben zeigen. Sie haben einen übertriebenen Glauben, d.h. in Wirklichkeit keinen. Deshalb muß sich beides ereignen: das »durch den Glauben« und das »durch Christus«, damit wir im Glauben an Christus alles, was wir können, vollbringen und leiden. Und bei alledem sollen wir uns trotzdem als unnütze Knechte bekennen (vgl. Luk. 17, 10); nur deshalb, weil wir durch Christus als ausreichend erfunden werden, dürfen wir auf den Zugang zu Gott vertrauen. Bei allen Werken des Glaubens geht es nämlich nur darum, bei Christus und seiner Gerechtigkeit der Zuflucht und des Schutzes wert erachtet zu werden. »Nun wir denn sind gerecht geworden durch den Glauben« und durch die Vergebung der Sünden »haben wir Zugang und Frieden«, aber »durch Jesus Christus, unsern Herrn«. Hiervon sind auch diejenigen betroffen, die im Gefolge der mystischen Theologie nach »innerer Abgeschiedenheit« trachten, dabei die Bilder vom Leiden Christi beiseite lassen und das »ungeschaffene Wort« hören und betrachten wollen, aber ohne daß die Augen ihres Herzens zuvor durch das fleischgewordene Wort gerechtfertigt und gereinigt worden wären. Das fleischgewordene Wort ist nämlich für die Reinheit des Herzens an erster Stelle notwendig, erst wenn man sie erlangt hat, wird man schließlich mit seiner Hilfe in das ungeschaffene Wort entrückt. Aber wer hält sich denn für so rein, daß er danach zu streben wagte, es sei denn, er werde von Gott berufen und entrückt wie der Apostel Paulus (vgl. 2. Kor. 12, 2) und würde wie Petrus, Jakobus und dessen Bruder Johannes mit hinaufgenommen (vgl. Matth. 17, 1ff.). Schließlich heißt dieses »Entrücktsein« auch nicht »Zugang«.

Zu Vers 3: »In Trübsalen«. Aus diesem Text geht der doppelte Aspekt des göttlichen Zürnens und Erbarmens ebenso klar hervor wie der der Trübsal. Denn es gibt eine Trübsal als Folge seiner Strenge und eine andere als Folge seines Erbarmens. Die Trübsal als Folge seines Erbarmens wirkt ihrer Natur nach nur das Beste, wie es das Folgende (Röm. 5, 3-5) zeigt, wenn dabei auch – nicht durch ihr Verschulden, sondern infolge der Schwachheit dessen, der Trübsal leidet – noch anderes bewirkt wird. Denn er verkennt das Wesen der Trübsal und ihre Eigenart und Wirkweise; er beurteilt sie und würdigt sie vielmehr nach dem äußeren Schein, d.h. in falscher Weise, obwohl sie doch verehrt werden müßte wie das Kreuz Christi selbst.

[Martin Luther: Vorlesung über den Römerbrief (1515/1516). Zeno.org: Martin Luther: Werke, S. 570-574
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Beitragvon Jörg » 27.02.2012 04:46

Vorlesung über den Römerbrief (Zusatz und Kapitel 5, 4+5 und Kapitel 6, 14)

Zusatz

Jene Eigenschaften, die die Trübsal in dem (den sie befällt) vorfindet, verstärkt sie noch: ist jemand fleischlich gesinnt und schwach, verblendet, schlecht, jähzornig, überheblich usw., so wird er, sobald die Versuchung an ihn herantritt, noch fleischlicher gesinnt, noch schwächer, noch verblendeter, schlechter, jähzorniger und überheblicher usw. Ist er dagegen geistig gesinnt, stark, einsichtig, gut, sanftmütig und demütig, so wird er noch mehr geistig gesinnt, noch stärker, einsichtiger, besser, sanftmütiger und demütiger, vgl. Ps. 4, 2: »In der Trübsal hast du mir Raum geschaffen.« Von den anderen aber heißt es Matth. 7, 27: »Da kamen die Wasser und die Winde und stießen an das Haus und es tat einen großen Fall.«

Unsinn redet, wer seinen Jähzorn und seine Unduldsamkeit demjenigen auflädt, der den Anstoß dazu bildet, oder der Trübsal. Denn nicht die Trübsal macht unduldsam, sie zeigt ihm vielmehr, daß er unduldsam war und ist. Durch Trübsal lernt sich also jeder selbst nach seiner inneren Beschaffenheit kennen, z.B. als Verschwender, wenn der Anreiz dazu kommt usw.

Dumm und kindisch, ja scheinheilig sind diejenigen, welche die Reliquien des heiligen Kreuzes nach außen hin hoch verehren, und dabei Trübsale und Widerwärtigkeiten meiden und hinwegwünschen. Dabei ist es offensichtlich, daß die Trübsale in der Schrift ausdrücklich »Kreuz Christi« heißen: 1. Kor. 1, 17: »Auf daß nicht das Kreuz Christi zunichte werde.« Daß jeder, der nicht Trübsal erleiden will, kein Christ ist, sondern ein Türke und ein Feind Christi, daran soll niemand zweifeln. Denn Paulus meint hier alle, wenn er sagt: »Wir rühmen uns« usw., Apg. 14, 22: »Und daß wir durch viel Trübsal müssen gehen« usw. »Müssen« sagt er, nicht »es trifft sich so« oder »es ist möglich« oder »steht frei«. Ferner 1. Petr. 1, 6: »Die ihr jetzt eine kleine Zeit, wenn es sein muß, traurig seid in mancherlei« usw. »Muß« sagt er, d.h. anders wird es keinesfalls gehen.

Zu Vers 4: »Prüfung aber.« »Prüfung« wird hier positiv verstanden, nämlich im Sinne von »Ziel der Trübsal«, das durch die Trübsal hindurch angestrebt wird. Gott nimmt nämlich keinen als gerecht an, den er nicht vorher geprüft hat; er prüft aber ausschließlich mit dem Feuer der Trübsal.

Zu Vers 5: »Denn die Liebe zu Gott.« Dieses Wort muß man als Begründung dafür verstehen, besser noch als eine geistgewirkte Belehrung darüber, weshalb und weswegen wir uns der Trübsal rühmen können: nämlich damit wir begreifen, daß das unmöglich von uns aus geschehen kann und auch nicht eine Folge unserer Tugend, sondern jener Liebe ist, die durch den Heiligen Geist gegeben wird.
Allein »die Liebe zu Gott« also, welche die reinste Form des Strebens nach Gott darstellt und den Menschen allein rechten Herzens macht, beseitigt seine Unzulänglichkeit und bringt das Schwelgen in Selbstgerechtigkeit zum Erlöschen. Denn sie liebt nur den einzigen und wirklichen Gott, nicht Gottes Gaben, wie die scheinheiligen Gesetzesmenschen. Wenn ihr körperliche oder seelische Güter zufließen, dann wird sie deshalb nicht überheblich. Kommen sie ihr abhanden und stoßen ihr körperliche oder seelische Leiden zu, so zerbricht sie andererseits auch nicht daran. »Das Wissen aber bläst auf« (1. Kor. 8, 1), ebenso auch die Gerechtigkeit. Nicht-Wissen dagegen macht demütig, und ebenso Sündigsein. »Die Liebe aber duldet alles« (1. Kor. 13, 7), auch beim Rühmen.

Zu Vers 14: »Die ihr ja nicht unter dem Gesetze seid.« Wer unter dem Gesetz ist, über den herrscht also die Sünde, was aus dem Obengesagten, Kap. 3, klar genug hervorgeht. Denn wer ohne Glauben an Christus ist, der ist immer in Sünden, selbst wenn er gut handelt. Daher ist bemerkenswert, daß die Art, wie der Apostel sich ausdrückt, wegen ihrer sehr großen Eigenständigkeit den Unverständigen ungewöhnlich und merkwürdig scheint. Denn mit dem »unter dem Gesetz sein« meinen sie dasselbe wie ein Gesetz haben, nach dem man leben muß. Der Apostel dagegen meint mit »unter dem Gesetz sein« dasselbe wie das Gesetz nicht erfüllen, Angeklagter, Schuldner und Übertreter des Gesetzes sein, und zwar in der Weise, daß das Gesetz über ihn das Recht hat, ihn anzuklagen und zu verdammen; er aber hat nichts, womit er dem Gesetz Genüge tun oder das Gesetz überwinden könnte. Solange das Gesetz auf diese Weise herrscht, herrscht auch die Sünde und hält den Menschen gefangen.

[Martin Luther: Vorlesung über den Römerbrief (1515/1516). Zeno.org: Martin Luther: Werke, S. 575-578
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Beitragvon Jörg » 29.02.2012 05:15

Vorlesung über den Römerbrief (Kapitel 7, 1+6 und Zusätze)


Zu Vers 1: Wer nicht in seinem Willen durch den Heiligen Geist lebendig geworden ist, der bringt es nicht fertig, der Sünde nicht zu dienen, wieviel gute Werke er auch immer vollbringen mag; vielmehr wird es ihm gehen wie jenen, von denen es Sprüche Salomos (11, 15) heißt: »Der Tor wird Schmerzen leiden.« Wer also die Werke der Heiligen nachahmen will und sich seiner Väter und Vorväter rühmt wie z.B. jetzt die Ordensleute, der handelt mit bemerkenswerter Torheit und führt ein Affenspiel auf. Aber Toren, die sie sind, trachten sie nicht zuerst nach dem Geist dieser Männer, um ihnen darin gleich zu sein, sondern danach, etwas Ähnliches wie sie zu vollbringen, aber ohne diesen Geist. Von der gleichen Vermessenheit sind die Thomisten, die Scotisten und die übrigen Sektierer bestimmt, die die Schriften und Worte ihrer Meister in der Weise verfechten, daß sie es nicht nur verschmähen, nach dem Geist (dieser Meister) zu trachten, sondern diesen Geist sogar durch ihren übertriebenen Verehrungswahn auslöschen, in der Meinung, es reiche aus, wenn sie nur die Worte befolgten, auch ohne den Geist. So meinen auch die Juden und ebenso alle Hoffärtigen, es reiche aus, wenn sie die heiligen Schriften nur kennten; um den Geist des Erkennens und die Art, wie er erkannt sein will, bemühen sie sich nicht. Mit Recht also heißt es in Jes. 11, 2 nicht: »Auf ihm wird ruhen die Weisheit« usw., sondern »der Geist der Weisheit« usw. Denn nur der Geist faßt die Schriften richtig und nach Gottes Willen auf. Ohne ihn aber verstehen sie nicht, auch wenn sie verstehen, »Mit sehenden Augen sehen sie nicht, und mit hörenden Ohren hören sie nicht« (Matth. 13, 13; Jes. 6, 9). So auch diese Heuchler hier: Sie sind heilig und doch nicht heilig, gerecht und doch nicht gerecht, tun gute Werke und tun sie doch nicht. Zuerst muß man daher um die Gnade flehen, daß der Mensch nach seiner geistigen Verwandlung dies alles aus freudigem und bereitwilligem Herzen tut, nicht aus sklavischer Furcht oder kindischer Begehrlichkeit, sondern mit freiem und mannhaftem Sinn. Das aber wirkt allein der Geist.

Zu Vers 6: Wieso aber sind wir »vom Gesetz los«? Doch nur dadurch, daß wir im Glauben an Christus dem Gesetz Genüge getan haben und durch die Gnade frei und willig zu den Werken des Gesetzes sind; wer diese Gnade nicht hat, der tut sie nur widerstrebend und aus Furcht vor Strafe oder Eigennutz. Darum bedarf es der Liebe, die da sucht, was Gottes ist, und die dem gewährt wird, der im Glauben an Christus und in seinem Namen darum bittet. Obwohl wir also oftmals sündigen und unsere Bereitschaft noch nicht vollkommen ist, so haben wir doch einen Anfang gemacht und machen Fortschritte, wir sind gerecht und frei: Freilich müssen wir immerzu fürchten, daß wir doch unter dem Gesetz sind; und darum müssen wir immerzu glauben und um die Liebe bitten. Denn wer weiß, ob er letztlich nicht doch nur aus Furcht vor Strafe oder aus Eigennutz handelt, indem er mit seiner Gottergebenheit und seinen guten Werken mehr die Ruhe und den Vorteil sucht als den Willen Gottes.

Zusatz

Das sogenannte moralische Schriftverständnis, richtiger jedoch das geistliche Schriftverständnis, hat es ausschließlich mit der Liebe bzw. der Neigung, mit der Liebe zur Gerechtigkeit und dem Widerwillen gegen die Ungerechtigkeit zu tun, d.h. damit, daß gelehrt wird, daß man dies und jenes tun oder lassen muß. Dabei muß man sich bewußt sein, daß das mit ganzem Herzen, also weder nach Sklavenart aus Furcht vor Strafe noch nach Knabenart aus dem Haschen nach Vorteil, sondern eben nach Art des freien Mannes aus Liebe zu Gott getan oder unterlassen werden muß; ohne die durch den Heiligen Geist ausgeschüttete Liebe ist das jedoch nicht möglich. Das ist gemeint, wenn die Herren scholastischen Theologen sehr unklar und völlig mißverständlich sagen, das Tun des Gesetzes habe nur Wert, wenn es durch die Liebe geformt sei. Ein verfluchtes Wort, dieses »geformt«, das die Auffassung aufdrängt, als sei die Seele nach dem Empfang der Liebe noch dieselbe wie vorher und werde, wenn die Form hinzukommt, beim Handeln wirksam, obwohl sie es doch ist, die selbst erst völlig absterben und eine andere werden muß, bevor sie die Liebe anziehen und wirksam werden kann. Dasselbe gilt – in bezug auf das Werk – auch für die Unterscheidung zwischen Wesen des Tuns und Absicht des Gesetzgebers. Diesem Gedanken stimmt auch der Apostel Paulus zu, wenn er 1. Kor. 13, 2 sagt: »(Wenn ich weissagen könnte) und wüßte alle Geheimnisse und alle Erkenntnis und hätte allen Glauben usw. und hätte der Liebe nicht, so wäre ich nichts.« Daraus ergibt sich mit Deutlichkeit, daß diese Geheimnisse und das ganze Evangelium und das ganze geistliche Verständnis nur »Buchstabe« sind. Denn wenn sie tot sind, dann fehlt ihnen der Geist; »denn der Geist macht lebendig und der Buchstabe tötet« (2. Kor. 3, 6). Sie sind aber tot, also im Buchstaben (befangen).
Von daher sagt Augustinus später in Kap. 21 der Schrift »Über Geist und Buchstaben«: »Was sind denn die Gesetze Gottes, die eben dieser Gott ins Herz geschrieben hat, anderes, als eben der Beistand des Heiligen Geistes? Er ist der Finger Gottes, durch seinen Beistand breitet sich in unseren Herzen jene Liebe aus, welche die Erfüllung des Gesetzes und das Ende des Gebotes ist.«

Zusatz

Von den Christen sind nicht jene die besten, die am gelehrtesten sind und vielerlei lesen und ein reiches Schrifttum hervorbringen. Denn all ihre Bücher und ihr ganzes Wissen ist (nur) Buchstabe und der Tod der Seele. Die besten Christen sind vielmehr jene, die völlig ungezwungen das tun, was jene nur in den Büchern lesen und die anderen lehren. In voller Freiwilligkeit tut es aber nur derjenige, der durch den Heiligen Geist die Liebe hat. Unsere Zeit, die dank des ungeheuren Anwachsens des Buchbestandes zwar hochgelehrte Menschen, aber nur höchst unwissende Christen hervorbringt, kann das nur mit Sorge betrachten.
Nun stellt sich die Frage, warum das Evangelium denn »Wort des Geistes«, »geistige Lehre«, »Wort der Gnade« und »Erhellung der Verheißungen des Alten Testaments« und »im Geheimnis verborgenes Verständnis« usw. genannt wird. Antwort: Im eigentlichen Sinne deswegen, weil es lehrt, wo und woher die Gnade bzw. Liebe zu haben ist, mit anderen Worten: das Evangelium zeigt uns Jesus Christus, den das Gesetz verheißen hat. Das Gesetz gebietet die Liebe und daß man Jesus Christus haben soll, das Evangelium aber bietet dar und gibt uns beides. Daher heißt es im Psalm 45, 3: »Voller Huld sind deine Lippen.« Wenn das Evangelium also nicht verstanden wird, wie es redet, dann ist es auch nur Buchstabe. Und Evangelium im eigentlichen Sinne ist es nur da, wo es Christus predigt; wo es aber anklagt und verwirft oder gebietet, da bringt es nur jene zu Fall, die auf ihre eigene Gerechtigkeit bauen, um damit der Gnade den Platz zu bereiten, damit sie wissen, daß das Gesetz nicht aus eigener Kraft erfüllt werden kann, sondern allein durch Christus, der den Heiligen Geist in unseren Herzen ausbreitet.

Der Hauptunterschied zwischen dem alten und dem neuen Gesetz ist der, daß das alte den Hochmütigen in ihrer Selbstgerechtigkeit sagt: du brauchst Christus und seinen Geist; das neue spricht zu denen, die sich im Wissen um diesen ihren Mangel gedemütigt haben und Christus suchen: Siehe, hier hast du Christus und seinen Geist. Wer also unter »Evangelium« etwas anderes versteht als »frohe Botschaft«, wie jene es tun, die es mehr an das Gesetz als an die Gnade herangerückt und uns aus Christus einen Mose gemacht haben, der mißversteht es.

[Martin Luther: Vorlesung über den Römerbrief (1515/1516). Zeno.org: Martin Luther: Werke, S. 579-584
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Beitragvon Jörg » 02.03.2012 05:20

Vorlesung über den Römerbrief (Kapitel 7, 17+24+25)


Zu Vers 17: »So tue nun nicht ich es« usw. Hat denn die trügerische Metaphysik des Aristoteles und die in der menschlichen Tradition stehende Philosophie unsere Theologen etwa nicht in die Irre geführt? Weil sie wußten, daß die Sünde durch die Taufe oder durch die Buße beseitigt wird, so haben sie gemeint, es sei widersinnig, wenn der Apostel sage: »Sondern die Sünde, die in mir wohnt.« Daher liefert ihnen dieses Wort hauptsächlich den Anstoß dafür, auf die falsche und schädliche Meinung zu verfallen, der Apostel habe hier natürlich nicht als er selbst, sondern in der Rolle des fleischlichen Menschen gesprochen, und im Widerspruch mit einer Reihe von offenkundigen Aussagen in vielen seiner Briefe schwätzen sie, der Apostel habe überhaupt keine Sünde gehabt. Diese unsinnige Anschauung führte zu einem so verderblichen Grad von Verblendung, daß jene, die die Taufe oder die Absolution empfangen hatten, sich wegen der erworbenen Gerechtigkeit sicher fühlten, weil sie glaubten, damit auf der Stelle jeder Sünde ledig geworden zu sein und sich dabei beruhigten, ohne noch weiter einen Finger zu rühren, waren sie sich doch keiner Sünde bewußt, die sie mit Seufzen und Tränen, mit Trauern und Mühen hätten überwinden und austreiben müssen.

Also ist die Sünde im geistlichen Menschen ein Rest als Betätigungsfeld für die Gnade, zur Demütigung des Hochmuts, zur Unterdrückung der Anmaßung; für den, der sich nicht eifrig bemüht, ihn zu überwinden, ist das ohne Zweifel schon (ausreichender) Grund für seine Verdammnis, auch wenn er sonst nicht gesündigt hat. Denn wir sind nicht zum Müßiggang berufen, sondern zum Kampf gegen die Leidenschaften. Diese wären nicht ohne Schuld (es sind nämlich Sünden im echten Sinne, und zwar verdammenswerte), wenn nicht Gottes Barmherzigkeit von ihrer Zurechnung absähe. Doch rechnet er sie nur denen nicht zu, die in mannhaftem Kampf und mit dem Gebet um die Gnade Gottes gegen ihre Fehler zu Felde ziehen. Wer daher zur Beichte geht, der soll nicht meinen, daß er seine Bürde niedergelegt habe, um ein ruhiges Leben zu führen, sondern er soll wissen, daß er für Gott in den Kriegsdienst tritt, wenn er seine Last niedergelegt hat und eine andere Bürde für Gott gegen den Teufel und seine ihm eigenen Vergehen auf sich nimmt. Wenn er das nicht weiß, so wird er sehr bald rückfällig werden. Wer also nicht weiterkämpfen will, wozu strebt er danach, losgesprochen und der Streitmacht Christi zugeschrieben zu werden?

Zu Vers 24: »Ich elender Mensch! Wer wird mich erlösen von dem Leibe dieses Todes?« Dieses Wort gibt noch genauer als die vorhergehenden ein Bild des geistlichen Menschen an, denn er seufzt und leidet und sehnt sich nach Erlösung. Auf jeden Fall aber nennt nur der sich elend, der geistlich ist. Denn vollkommene Selbsterkenntnis heißt vollkommene Demut, vollkommene Demut aber heißt vollkommene Weisheit, vollkommene Weisheit heißt vollkommen geistlich zu sein. Darum sagt der vollkommen geistliche Mensch: »Ich elender Mensch.« Der fleischliche Mensch aber sehnt sich nicht nach seiner Erlösung und Auflösung, sondern hat die größte Angst vor der Auflösung im Tode und ist unfähig, sein Elend zu erkennen. Wenn Paulus hier nun sagt: »Wer wird mich erlösen von dem Leibe dieses Todes?«, dann sagt er dasselbe, was er an anderer Stelle in die Worte faßt: »Ich habe Lust, abzuscheiden und bei Christus zu sein« (Phil. 1, 23). Und daher ist es unbegreiflich, daß jemand auf den Gedanken verfallen konnte, der Apostel spreche diese Worte in der Rolle des alten und fleischlichen Menschen – Worte von solcher Vollkommenheit! –, als habe der Apostel nur Gutes über sich denken und sagen dürfen, wie ein Heuchler, d.h. als habe er sich selbst nur preisen dürfen und den Sünder (in sich) leugnen müssen; damit hätte er die Gnade nicht erstrebenswert gemacht, sondern geleugnet. Es ist fürwahr tröstlich zu hören, daß ein solcher Apostel noch in dasselbe Seufzen und Elend verstrickt ist, wie es uns zustößt, solange wir Gott zu gehorchen begehren.

Zu Vers 25: »So diene ich nun mit dem Gemüte dem Gesetz Gottes, aber mit dem Fleische dem Gesetz der Sünde.« Dies ist das deutlichste Wort von allen. Man beachte, wie ein und derselbe Mensch zugleich dem Gesetz Gottes und dem Gesetz der Sünde dient, wie er gleichzeitig gerecht ist und doch sündigt. Er sagt ja nicht: Mein Geist dient dem Gesetz Gottes, und auch nicht: Mein Fleisch dient dem Gesetz der Sünde, sondern sagt: Ich, der ganze Mensch, dieselbe Person, bin beiden dienstbar. Darum sagt er einerseits Dank dafür, daß er dem Gesetz Gottes dient, andererseits aber fleht er um Erbarmen, weil er dem Gesetz der Sünde dient. Wer möchte von einem fleischlichen Menschen aussagen, daß er dem Gesetz Gottes dient? Nun richte dein Augenmerk auf das, was ich oben gesagt habe, daß nämlich die Heiligen zur gleichen Zeit, da sie gerecht sind, auch Sünder sind: sie sind gerecht, weil sie an Christus glauben, dessen Gerechtigkeit sie deckt und ihnen zugerechnet wird, Sünder aber, weil sie das Gesetz nicht erfüllen und nicht frei sind von Begierde, sondern den Kranken vergleichbar, die in ärztlicher Behandlung stehen. Sie sind dem Befund nach zwar krank, im Ansatz aber und in ihrem Hoffen schon gesund oder besser gesagt gesund gemacht worden, d.h. auf dem Wege zur Gesundung; es ist für sie aber höchst schädlich, wenn sie von der vermeintlichen Gesundheit schon Gebrauch machen, weil dann ein noch schlimmerer Rückfall erfolgt.

Dieses (falsche) Vertrauen auf das Wissen (um die eigene Gerechtigkeit) ist also der Grund dafür, daß der Apostel oben in Kap. 2 sich so entschieden gegen jene wendet, die zum eigenen Vorteil gerecht waren und sich zum Richter aufwarfen über jene, die böse Taten vollbrachten, obwohl sie selbst das gleiche taten, selbst stahlen, obwohl sie lehrten, man dürfe nicht stehlen usw. Denn selbst wenn er von ihren äußeren Werken nichts wußte, so war er sich doch völlig sicher, daß sie im Innersten ihres Herzens gegen das Gesetz handeln, solange sie außerhalb der Gnade stehen. Denn wenn schon der geistliche Mensch nicht tut, was er soll, obwohl er doch tun will, was er soll, um wieviel mehr wird der fleischliche Mensch, der nicht tun will, was er soll, sondern dazu gezwungen wird, nicht tun, was er soll. In diesem Sinne heißt es: »Der geistliche Mensch urteilt über alle von sich aus, über ihn selbst wird aber von keinem geurteilt« (vgl. 1. Kor. 2, 15). Nun verstehen wir endlich auch jenes Wort Davids (Ps. 32, 6): »Deshalb werden alle Heiligen zu dir beten zu gegebener Zeit«, und warum Christus sein Weib, die Synagoge, wegen ihrer Häßlichkeit verschmäht hat, deshalb nämlich, weil sie diese ihre Unzulänglichkeit nicht zugeben und vor der göttlichen Barmherzigkeit bekennen will, sondern sich gerecht und heilig dünkt. Alles weitere ist oben in Kap. 4 ausreichend erörtert worden.

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Beitragvon Jörg » 03.03.2012 08:01

Gott hat Christum von den Toten auferweckt und gesetzt zu seiner Rechten im Himmel und hat alle Dinge unter seine Füße getan. Epheser 1, 20.22

Es sei, wie ihm wolle, es sei gesündigt oder wohlgetan, darum unverzagt und unerschrocken. Denn wie wir auf unsere Wohltat nicht trotzen, also zagen wir auch nicht in unsern Sünden, wir danken aber Gott, daß unser Glaube höher ist denn Wohltat und Sünde. Und wenn es der Satan noch höher und noch ärger versucht, so soll es uns doch nicht eher müde machen, er greife denn ein solches an, damit er Christum von der rechten Hand Gottes niederreiße. Weil Christus droben sitzen bleibt, so wollen wir auch bleiben Herr und Sieger über Sünde, Tod, Teufel und alle Dinge, da soll nichts uns hindern.

Aus “ Dr. Martin Luther- Christlicher Wegweiser für jeden Tag” - 13. April
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Beitragvon Jörg » 04.03.2012 06:49

Vorlesung über den Römerbrief (Kapitel 8, 3+7)


Zu Vers 3: »Denn was dem Gesetz unmöglich war.« Wo bleibt nun der freie Wille? Wo bleiben sie, die sich zu der Behauptung versteigen, wir könnten es unserer Natur entlocken, Gott über alle Dinge zu lieben? Wäre ich es, der behauptete, die Gebote seien für uns unerfüllbar, so würde ich Schmähungen zu hören bekommen. Nun ist es der Apostel, der sagt, daß das Gesetz es nicht vermocht habe, der Sünde das Todesurteil zu sprechen, mehr noch (nicht einmal) der Ohnmacht des Fleisches. Das heißt – ich habe es oben schon mehrfach gesagt –, daß es schlechterdings nicht möglich ist, das Gesetz aus uns heraus zu erfüllen, und daß die Behauptung nicht stimmt, wir könnten das Gebot zwar so wie es dasteht, nicht aber entsprechend der Absicht des Gesetzgebers erfüllen; als ob Wollen und Vollbringen aus uns heraus zwar vorhanden wäre, jedoch nicht in der Weise, wie Gott es will, nämlich in der Gnade. Nach dieser Auffassung ist die Gnade zwar nützlich, aber nicht notwendig und wir geraten durch Adams Sünde nicht in eine naturhafte Sündhaftigkeit, sondern sind in unserer Natur unversehrt. Darum stinkt unser Atem nach Philosophie, als ob die Vernunft immer für das Beste einträte und wir faseln viel vom »natürlichen Gesetz«.

Natürlich stimmt es, daß das natürliche Gesetz allen bekannt ist und daß die Vernunft für das Beste eintritt. Aber für welches? Nicht im Sinne Gottes, sondern in unserem Sinne, d.h. schlecht, tritt sie für das Gute ein. Denn sie sucht in allen Dingen sich und das Ihre, nicht aber Gott, solches tut allein ein Glaube, der die Liebe hat. Deshalb sind die Wissenschaften, die Tugenden und alle Güter, die man von Natur aus begehrt, gesucht und gefunden hat, Güter im negativen Sinne. Denn sie werden nicht auf Gott zurückgeführt, sondern auf das Geschaffene, d.h. auf sich selbst. Wie sollte er sie auch auf einen Gott zurückführen, den er nicht über alle Dinge liebt? Wie sollte er den lieben, den er nicht kennt? Wie sollte der ihn kennen, dem infolge der Erbsünde Geist und Seele verblendet und gefesselt sind? Wenn nicht der Glaube ihn erleuchtet und die Liebe ihn frei macht, kann der Mensch das Gute also weder wollen noch haben oder tun, sondern nur das Böse, auch dann, wenn er Gutes tut.

Zu Vers 7: Der Baum stammt nicht von den Früchten, sondern die Früchte vom Baum. Nicht aus Werken und Tun erwächst die Tugend, wie Aristoteles sagt, sondern aus den Tugenden erwächst das Tun, wie Christus lehrt. Denn das zweite setzt das erste voraus, und Wirken erfordert Werkstoff und (Wirk-) Fähigkeit und die Ursache für die Ausführung. Als solche vergänglichen Güter aber sind alle jene aufzufassen, die außerhalb Gottes sind, sowohl die, die wir mit dem Gefühl, als auch jene, die wir mit dem Verstand erfassen, es sei, wie oben gesagt, das Leben oder Wissen oder die Gerechtigkeit. Deren Gegenteile, wie Tod, Unwissenheit, Sünde usw., sind analogerweise die Übel. All diese Übel fürchtet nicht, wer geistlich klug ist, ebenso liebt oder schätzt er sie nicht. Wer aber fleischlich klug ist, fürchtet sich entsetzlich vor Tod, Torheit, Sünde usw. Wenn du also merkst, daß du den Tod fürchtest, statt ihn zu lieben, kannst du durch dieses Zeichen völlig sicher sein, daß du noch in die »Klugheit des Fleisches« verstrickt bist. Auch wenn du vor der Sünde oder dem künftigen Gericht erzitterst und verzweifelst wegen deiner Sünde, so sind das ebenso Anzeichen dafür, daß die fleischliche Klugheit fortbesteht und fortdauernd weiterlebt. (Ich sage) nicht, daß man sich nicht, sondern, daß man sich aus dem Wissen um die fleischliche Klugheit vor ihnen fürchten und entsetzen muß, damit die Schwachen darauf hinarbeiten, durch die Gnade Gottes, von diesem Entsetzen los und der Hoffnung auf Sicherheit teilhaftig zu werden. Solche Schwachen stehen nämlich immer noch unter dem Gesetz, es sei denn, daß sie seufzen und ihr Antlitz der Gnade zuwenden, um dem entrissen zu werden.

Jene aber, die »die Klugheit des Geistes« besitzen, lieben den Willen Gottes und begrüßen freudig jene, die ihm entsprechend leben. Da sie nun wissen, daß es Gottes Wille ist, daß ein Jüngstes Gericht kommt und sich überall Schrecken ausbreitet und sein Zorn sichtbar wird, so schreckt sie das nicht, vielmehr erwarten sie es mit Freude und wünschen, es möge bald kommen. Was für die anderen das höchste Entsetzen bedeutet, ist für sie also die größte Freude, denn sie wollen mit einem vollkommenen Willen dasselbe, was Gott will. Überall dort nämlich, wo der Wille dazu vorhanden ist, bedeutet es (das Jüngste Gericht und seine Folgen) weder Schmerz noch Schrecken, sondern die willkommene Erfüllung dessen, was man ersehnt und gewollt hat und die ungestörte Inbesitznahme dessen, wonach man verlangt hat (Psalm 97, 8): »Die Töchter Judas haben gejubelt über deine Gerichte, o Herr.«

Diese Furcht hat also niemand besiegt als Christus allein, der den Tod und alle zeitlichen Übel und sogar den ewigen Tod überwunden hat. Die an ihn glauben, haben also überhaupt nichts mehr zu fürchten, sondern sind im beglückenden Gefühl des Stolzes über all diese Übel erhaben und lachen und freuen sich darüber, als solche, die nicht vernichtet oder verschlungen werden, sondern den hierin erfolgten Sieg Christi auch an sich selbst erfahren und erwarten und sehen sollen. Deshalb sagen sie: »Tod, wo ist dein Sieg? Tod, wo ist dein Stachel?« (1. Kor. 15, 55). Nicht durch Macht und Gewalt wird also der Tod und das Böse überwunden, nicht durch Fliehen und Sträuben kann man ihnen entkommen, sondern durch Schwachheit (d.h. Ohnmacht), mit anderen Worten: durch geduldiges und bereitwilliges Ausharren, wie es uns Christus durch sein Beispiel zeigt und dadurch, daß er dem Tod und dem Leiden zuversichtlich entgegenschritt.

[Martin Luther: Vorlesung über den Römerbrief (1515/1516). Zeno.org: Martin Luther: Werke, S. 591-595
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Beitragvon Jörg » 06.03.2012 04:59

Vorlesung über den Römerbrief (Kapitel 8, 10+16)

Zu Vers 10: »Wenn aber Christus in euch ist«, durch den Glauben, worauf oben oft genug hingewiesen worden ist, »so ist« euer »Leib zwar tot«, d.h. dem Tode verfallen – d.h. er wird notwendigerweise sterben – »um der Sünde willen«, also nicht wegen seiner irdischen Vergänglichkeit, sondern zur Strafe für seine Sündhaftigkeit – euer »Geist aber«, d.h. der innere Mensch, »ist Leben um der Rechtfertigung willen.« Der griechische Text hat »Gerechtigkeit«, d.h. durch das Verdienst des Glaubens an Christus, der gerecht macht.

Zu Vers 16: »Der Geist selbst gibt Zeugnis.« Das, von dem die Rede ist, ist das Vertrauen des Herzens auf Gott; das zeigt (uns) ganz eindeutig Bernhard von Clairvaux, wenn er, erfüllt von eben diesem Geiste, in der 1. Predigt zum Feste Mariae Verkündigung sagt: »Dieses Zeugnis besteht nach meiner Meinung aus dreierlei: Zuallererst mußt du daran glauben, daß du die Vergebung der Sünden nur durch Gottes Güte erlangen kannst. Sodann, daß du wahrlich eines guten Werkes nur teilhaftig werden kannst, wenn er es auch gegeben hat. Schließlich, daß du das ewige Leben mit Werken nur vorverdienen kannst, wenn es dir auch umsonst geschenkt würde.« Aber das ist noch keineswegs alles; man hat darin vielmehr nur den Anfang und gewissermaßen die Grundlage des Glauben zu sehen. Wenn du glaubst, daß deine Sünden nur von ihm getilgt werden, so tust du also gut daran. Aber füge hinzu: daß du auch dieses nur glaubst – nicht, daß du das könntest, vielmehr muß der Geist in dir diesen Glauben wirken –, »weil dir durch ihn die Sünden geschenkt werden. Hier ist das Zeugnis, das der Heilige Geist in unserem Herzen gibt mit den Worten: ›Deine Sünden sind dir vergeben‹ (Mark. 2, 5). So nämlich, glaubt der Apostel, werde der Mensch durch den Glauben gerechtfertigt« (ganz fest glauben – auch von dir selbst, und nicht nur von den Auserwählten –, daß Christus für deine Sünden gestorben ist und Genüge getan hat). »Was die Verdienste angeht, so ist es auch dabei unzureichend, wenn du (bloß) glaubst, daß man sie nur durch ihn selbst erlangen kann, solange der Geist der Wahrheit dir nicht das Zeugnis gibt, daß du sie durch ihn (wirklich) erlangt hast.« Das geschieht, wenn du darauf vertraust, daß die Werke, die du vollbringst, Gott willkommen und angenehm sind, gleichgültig, wie sie aussehen mögen. Das Vertrauen aber, sie seien ihm angenehm, wirst du dann haben, wenn du fühlst, daß du, daß diese Werke vor Gott ein Nichts sind, selbst wenn sie gut sind und im Gehorsam getan, da du die ja nicht tust, die böse sind. Gerade diese Demut und Zerknirschung bei den guten Werken machen es, daß sie genehm sind. »Auch in bezug auf das ewige Leben genügt es nicht. bloß zu glauben, daß er es ist, der es frei schenkt; du mußt vielmehr das Zeugnis des Geistes haben, daß es Gottes Geschenk ist, das dich dahin gelangen lassen wird.«
Diese drei Aussagen sind beim Apostel textmäßig klar bezeugt. Denn er sagt: »Wer will die Auserwählten Gottes beschuldigen?« (Röm. 8, 33), was heißen soll: wir sind sicher, daß keinerlei Sünde uns verklagen wird. Ebenso mit Bezug auf die Verdienste: »Wir wissen aber, daß denen, die Gott lieben, alle Dinge zum Besten dienen« (Röm. 8, 28). Ebenso unter Bezug auf die ewige Herrlichkeit: »Ich bin gewiß, daß weder Gegenwärtiges noch Zukünftiges usw. kann uns scheiden von der Liebe Gottes, die in Christus ist« (Röm. 8, 38f.).

Zu Vers 19: »Denn das ängstliche Harren der Kreatur.« Der Apostel philosophiert und denkt über die Dinge anders als die Philosophen und Metaphysiker. Denn die Philosophen tauchen ihre Augen so (ausschließlich) in das Jetzt der Dinge, daß sie nur deren Was und Wie in den Blick bekommen, der Apostel dagegen zieht unsere Blicke von der Betrachtung der Dinge hier, von (der Frage nach) ihrer wesenhaften und ihrer zufälligen Beschaffenheit ab und richtet sie auf die Dinge, wie sie zukünftig sind. Denn er redet nicht vom »Wesen« oder »Wirken« der Kreatur oder auch von ihrem »Tun« und »Leiden« und ihrem »Wandel«, sondern spricht unter Verwendung einer neuen, wunderbaren und (echt) theologischen Vokabel vom »Harren der Kreatur«. Wenn der Geist nun hört, daß die Kreatur (noch) harrt, wird er folglich schon von sich aus nicht länger nach der Kreatur selbst forschen und fragen, sondern nach dem, worauf die Kreatur harrt. Aber ach, wie tief und übel sind wir der Frage nach dem Wesen der Dinge verhaftet, in wieviel törichte Meinungen sind wir in der Metaphysik verstrickt? Wann werden wir begreifen und merken, daß wir so viel kostbare Zeit mit so nichtigen Studien verlieren und die besseren darüber vernachlässigen? Immer handeln wir so, daß auf uns zutrifft, was Seneca sagt: »Die Hauptsachen wissen wir nicht, weil wir Nebensächlichkeiten lernen, wahrlich, das, was uns nützt, kennen wir nicht, wir lernen das, was uns schadet.«

Ich jedenfalls glaube, daß ich dem Herrn diesen Dienst schuldig bin, gegen die Philosophie zu eifern und zur Heiligen Schrift zu rufen. Denn täte es ein anderer, vielleicht einer, der die Dinge nicht aus eigener Anschauung kennt, so würde er sich entweder fürchten oder keinen Glauben finden. Ich aber, der ich mich viele Jahre lang damit abgeplagt so viele gehört wie genau kennengelernt habe, weiß aus eigener Anschauung, daß es ein Studium des leeren Scheins und zum Verderben ist. Deshalb ermahne ich euch alle, soviel ich nur kann, diese Studien rasch zu erledigen und nur die eine Absicht zu verfolgen – nein, nicht sie zu festigen und zu verteidigen, sondern: Wie wir uns mit den schlechten Künsten abgeben, um sie auszumerzen, und mit den Irrtümern, um sie zu überwinden, so auch mit diesen Studien, um sie zu brandmarken oder höchstens, um uns mit der Ausdrucksweise derer vertraut zu machen, mit denen wir uns notgedrungen auseinandersetzen müssen. Es wird nämlich Zeit, daß wir von Studien anderer Art in Beschlag genommen werden und Jesus Christus (kennen)lernen, und zwar als »den Gekreuzigten« (1. Kor. 2, 2). Folglich werdet ihr die besten Philosophen, die besten Beobachter der Natur sein, wenn ihr vom Apostel zu sehen gelernt habt, wie die Natur harrt, seufzt und kreißt, d.h. wie sie verachtet, was ist, und Verlangen trägt nach dem, was zukünftig, d.h. noch nicht ist. Dann wird (einem) nämlich die Wissenschaft vom Wesen der Dinge, von den nicht wesenhaften Eigenschaften und den Verschiedenheiten schnell wertlos.

Daher ist die Torheit der Philosophen ähnlich der eines Mannes, der einem Zimmermann hilft und das Zuschneiden der Hölzer und Latten und das Behauen und Anpassen bestaunt und es in einfältiger Zufriedenheit dabei bewenden läßt, ohne sich darum zu kümmern, welche Absicht der Zimmermann letztlich mit all diesen Arbeiten verfolgt. Unnütz ist so einer, und die Arbeit dieses Handlangers ist leerer Schein. In derselben Weise nehmen die Toren die Schöpfung Gottes, die sich unablässig auf ihre künftige Herrlichkeit vorbereitet, nur bei solchem Vorbereiten in den Blick, aber niemals in ihrer Vollendung. Sind wir nicht ganz schön unsinnig, wenn wir der Philosophie Loblieder und Hymnen singen? Siehe, wir schätzen die Wissenschaft von den Seins-, Wirk- und Erleidensweisen der Dinge hoch, und die Dinge selbst verabscheuen und beklagen ihre Art zu sein, zu wirken und zu erleiden! Wir freuen und rühmen uns einer Wissenschaft, die sich mit dem beschäftigt, was selbst über sich trauert und mit sich unzufrieden ist. Ist der nicht wahnsinnig, frage ich, der lacht, wenn er einen anderen weinen und klagen sieht, und sich rühmt, er sehe ihn jedenfalls heiter und lachend? Mit Recht bezeichnet man einen solchen als irre und verrückt. Ja, wenn das einfältige Volk so töricht wäre, zu meinen, das sei etwas (Rechtes), und das Seufzen der Kreatur nicht zu erfassen vermöchte, so wäre das noch erträglich. Nun sind es aber die Gelehrten und die Theologen, die von eben dieser »Klugheit des Fleisches« vergiftet, mit ihrer fröhlichen Wissenschaft bei der trauernden Natur ansetzen und auf der seufzenden (Natur) hohnlachend mit erstaunlicher Fertigkeit ihre Gedankengebäude errichten. Darum wendet sich der Apostel mit Recht gegen die Philosophie, wenn er (Kol. 2, 8) sagt: »Sehet zu, daß euch niemand einfange durch Philosophie und leeren Trug, gegründet auf der Menschen Lehre.« Wahrhaftig, wenn der Apostel gewollt hätte, daß irgendeine Philosophie als nützlich und gut angesehen werden sollte, er hätte sie sicher nicht völlig verdammt. Daraus wollen wir den Schluß ziehen, daß einer, der die Seins- und Wirkweisen der Kreaturen lieber erforscht als ihr Seufzen und Harren, ohne Zweifel dumm und verblendet ist, weiß er doch nicht einmal, daß Geschöpfe Geschöpfe sind. Das geht aus dem Text klar genug hervor.

[Martin Luther: Vorlesung über den Römerbrief (1515/1516). Zeno.org: Martin Luther: Werke, S. 595-601
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Beitragvon Jörg » 07.03.2012 05:24

Vorlesung über den Römerbrief (Kapitel 8, 26)

Zu Vers 26: »Denn wir wissen nicht, was wir beten sollen.« Schlußfolgerung: Es ist kein schlechtes Zeichen, sondern das allerbeste, wenn es so aussieht, als stehe das Ergebnis im Widerspruch zu unseren Gebeten. Ebenso ist es kein gutes Zeichen, wenn unseren Gebeten alles nach Wunsch geht. Der Grund und die Ursache dafür ist die Überlegenheit des göttlichen Planens und Wollens über unser Planen und Wollen, wie er Jes. 55, 8f. sagt: »Denn meine Gedanken sind nicht eure Gedanken und eure Wege sind nicht meine Wege, sondern so viel der Himmel höher ist als die Erde, so sind auch meine Wege höher als eure Wege und meine Gedanken als eure Gedanken usw.« Und in Psalm 94, 11: »Der Herr kennt die Gedanken der Menschen: sie sind nur ein Hauch.« Und in Psalm 33, 10: »Der Herr macht zunichte der Heiden Rat und wehrt den Gedanken der Völker und den Plänen der Fürsten.« Daran liegt es, daß Gott dann, wenn wir ihn um etwas bitten, gleichgültig, was es nun sein mag, und er uns erhört und es schon gewähren zu wollen beginnt, es in der Weise gewährt, daß er all unseren Vorstellungen, d.h. Gedanken, entgegentritt; so entsteht der Eindruck, als sei sein Zorn gegen uns nach unseren Gebeten noch größer und als gingen unsere Bitten jetzt weniger in Erfüllung als vorher. Das alles tut er deshalb, weil es im Wesen Gottes liegt, erst einmal alles, was in uns ist, zu zerstören und zu vernichten, und dann erst das Seine zu gewähren. Deshalb steht geschrieben (1. Sam. 2, 7. 6): »Der Herr macht arm und macht reich, führt in die Hölle und wieder heraus.«

Durch diesen seinen allergnädigsten Ratschluß macht er uns für seine Gaben und seine Werke bereit. Empfänglich für sein Wirken und Wollen aber sind wir, wenn unser Wollen das Feld räumt und unser Wirken inne hält und wir uns rein passiv vor Gott verhalten, und zwar in bezug auf das innere Handeln ebenso wie in bezug auf das äußere. Das ist gemeint, wenn er sagt: »Meine Gedanken sind nicht eure Gedanken und meine Wege sind nicht eure Wege« (Jes. 55, 8). Erst wenn alles schon hoffnungslos ist und alles unseren Wünschen und Gebeten zuwiderzugehen beginnt, dann also hebt jenes unsagbare Seufzen an. Nun »hilft der Geist unserer Schwachheit auf« (Röm. 8, 26). Denn ohne die Hilfe des Heiligen Geistes wäre es für uns unmöglich, jenes Handeln Gottes, wodurch er uns erhört und tut, was wir erbitten, zu ertragen. Jetzt wird zu der Seele gesagt: »Harre des Herrn! Sei getrost und unverzagt und harre des Herrn!« (Ps. 27, 14). Und an anderer Stelle: »Sei stille dem Herrn und warte auf ihn« (Ps. 37, 7), »und er wird's wohl machen« (Ps. 37, 5). Jetzt geschieht, was Jes. 28, 11 steht: Fremd ist sein Werk und daß er seine Tat tue. Und in Ps. 103, 11:125 »So hoch der Himmel über der Erde ist« (d.h. höher als unsere Gedanken), »läßt er seine Gnade walten über uns« usw. Diejenigen, die dieses Wissen von Gott und von Gottes Willen nicht besitzen, handeln folglich wie jene, von denen es in Ps. 106, 13. 24 heißt: »Sie warteten nicht auf seinen Rat«, und »sie achteten das köstliche Land gering.« Sie setzen nämlich im unverschämten Vertrauen auf ihre fromme Absicht einfach voraus, daß sie alles in rechter und würdiger Weise erstreben und wollen und erflehen. Wenn es dann nicht so kommt, wie sie es sich gedacht haben, so brechen sie auf der Stelle zusammen, werden mutlos und verzweifeln. Denn sie meinen, daß Gott sie entweder nicht höre oder er ihre Bitten nicht erfüllen wolle, wo doch ihre Hoffnung hätte um so größer sein müssen, je mehr sie sahen, daß alles ihren Absichten zuwiderlief, wußten sie doch, daß sie Staub sind und der Mensch wie Gras (Ps. 103, 14f.). Sie aber wollen sein wie Gott (vgl. 1. Mose 3, 5) und ihre Gedanken nicht unter, sondern neben Gott stellen, als etwas, das (mit Gott) in völliger Übereinstimmung und also vollkommen ist. Das ist genauso wenig, ja noch weniger denkbar, wie daß der Ton, der seiner Natur nach für die Herstellung eines Kruges oder sonst eines Gefäßes verwendbar ist, in seiner gegenwärtigen Form schon mit jener Form bzw. Idee in Einklang steht, die der Töpfer hat und in Ton darzustellen gedenkt. Menschen dieses Schlages sind vielmehr dumm und vermessen und kennen weder Gott noch sich selbst. Denn Jesaja sagt (64, 7): »Aber nun, Herr, du bist doch unser Vater! Wir sind Ton, du bist unser Töpfer, und wir alle sind deiner Hände Werk.«

Jene, die den Geist nicht besitzen, meiden es darum und weigern sich, als Gottes Werke Gestalt zu gewinnen. Sie wollen sich vielmehr selbst gestalten. Diejenigen aber, die ihn besitzen, werden davon unterstützt. Daher verzweifeln sie nicht, sondern fassen Mut, wenn sie merken, daß das Gegenteil dessen eintritt, worum sie reinen Herzens gebetet hatten. Denn Gottes Werk muß gerade verborgen und unverstanden bleiben, wenn es geschieht. Es verbirgt sich aber unter keiner anderen Gestalt als der des Gegensatzes zu unserer Vorstellungs- oder Denkweise. Daher sprach Gabriel zur Jungfrau (Maria): »Der Heilige Geist wird über dich kommen«, d.h. sein Kommen wird deine Fassungskraft übersteigen, »und die Kraft des Höchsten wird dich überschatten« (Luk. 1, 35), d.h. du wirst es nicht fassen, darum sollst du nicht fragen, wie das zugehen soll. So also ist er bei seinem ureigensten Werk verfahren, welches das Urbild und Muster für all seine Werke ist, nämlich bei Christus. Als er ihn verherrlichen und in sein Königreich einsetzen wollte – so wie es das fromme Denken aller Jünger heiß ersehnte und erhoffte –, da hieß er ihn in völligem Gegensatz dazu sterben, der Vernichtung anheimfallen und in die Unterwelt hinabsteigen. Genauso hieß und ließ er auch den hl. Augustinus, dem Gebet seiner Mutter zuwider, so viel tiefer in Irrtum sinken, um ihm dann mehr zu geben, als für ihn erbeten worden war. Ähnlich macht er es mit allen Heiligen. Das ist gemeint, wenn es Psalm 16, 3 heißt: »Den Heiligen, die auf seiner Erde sind, hat er in wunderbarer Weise alle meine Wünsche für sie gezeigt«, und Ps. 4, 4: »Erkennet doch, daß der Herr seine Heiligen wunderbar führt«, deshalb, weil nämlich »der Herr hört, wenn ich ihn anrufe.« Und in Ps. 111, 2: »Groß sind die Werke des Herrn, wer sie erforscht, der hat Freude daran.« Wodurch könnte er denn wunderbarer sein als dadurch, daß er jemanden, der ihn um Enthaltsamkeit bittet, noch stärker der Versuchung zur Zügellosigkeit aussetzt? Als dadurch, daß er jemanden, der ihn um Kraft bittet, noch mehr der Ohnmächtigkeit aussetzt und dann im Falle geduldigen Ertragens doch mehr tut, als er gebeten war. Das ist gemeint, wenn es Eph. 3, 20 heißt: »Dem aber, der überschwenglich tun kann über alles, was wir bitten oder verstehen« usw. Und 2. Kor. 9, 8: »Gott aber kann machen, daß alle Gnade unter euch reichlich sei«, wie Ps. 112, 9 geschrieben steht: »Er hat ausgestreut und gegeben den Armen« (d.h. denen, die sich passiv verhalten).

[Martin Luther: Vorlesung über den Römerbrief (1515/1516). Zeno.org: Martin Luther: Werke, S. 601-606
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Beitragvon Jörg » 09.03.2012 04:48

Vorlesung über den Römerbrief (Zusätze)

Zusatz

Immer geht es so zu, daß wir unser eigenes Wirken begreifen noch bevor es geschieht, Gottes Wirken aber begreifen wir erst, wenn es geschehen und zu Ende ist. Jer. 23, 20: »Was er im Sinn hat, zur letzten Zeit werdet ihr es er kennen«, das soll heißen, was wir im Sinn haben, begreifen wir schon im Anfang bzw. als erstes, aber was Gott im Sinn hat, begreifen wir erst zum Schluß. Joh. 14, 29: »Auf daß ihr glaubet, wenn es nun geschehen wird.« Denn wie der Künstler, ein Beispiel, das ich bereits anführte, sich über den zur Schaffung seines Kunstwerks verwertbaren und geeigneten Stoff erhebt, wobei die besondere Eignung des Stoffes einer stummen Bitte um Form(gebung) gleichkommt, die vom Künstler verstanden und dadurch erhört wird, daß er sein Schaffen danach ausrichtet, wonach der Stoff auf Grund dieser seiner Eignung verlangt, so erhebt sich auch Gott über unser Trachten und Sinnen, denn er sieht, wonach es strebt, wozu es sich eignet und wonach es verlangt. Das erhört er dann und beginnt es nach seiner Kunst und seinem Plan auszuformen. Dabei zerbricht dann zwangsläufig die Form und das Urbild unserer eigenen Überlegung (en). So 1. Mose 1, 2: »Der Geist Gottes schwebte auf dem Wasser« und »es war finster auf der Tiefe«. Wohlgemerkt, er sagt »auf der Tiefe« und nicht »über der Tiefe«, denn bei oberflächlicher Betrachtung kommt es uns so vor, als gehe es uns zuwider, wenn der Geist über uns schwebt und tun will, worum wir bitten.

Über diese Geduld und Langmut Gottes vergleiche Tauler, der als erster diesen Sachverhalt in deutscher Sprache ins helle Licht gerückt hat. In dieser und keiner anderen Weise »wissen wir, was wir beten sollen, wie sich's gebührt« (Röm. 8, 26). Darum bedürfen wir des Geistes, der unserer Schwachheit aufhelfen soll (8, 26). Wer hätte denn glauben wollen, daß diese Worte eine solch tiefe Bedeutung haben. In diesem Sinne sagt Christus zu seinen Jüngern Joh. 14, 16: »Ich will den Vater bitten, und er wird euch einen anderen ›Parakleten‹ geben« usw. »Paraklet« aber heißt soviel wie Tröster und Anwalt. Durch dieses eine Wort wird die hier gemachte Aussage des Apostels ausreichend bekräftigt: »Wir wissen nicht, was wir beten sollen.« Wer einen Anwalt sucht, gibt zu, daß ihm die Fähigkeit abgeht, so zu reden und einen Ausspruch geltend zu machen, wie es notwendig ist. Und wer eines Trösters bedarf, gesteht ein, daß er verzweifelt und niedergeschlagen ist. Dazu kommt es aber, wenn Gott unser Bitten erhört. Da wir nämlich nur um das bitten, was gut und heilsam ist und das Gegenteil eintrifft, so sind wir zwangsläufig traurig und niedergeschlagen, weil alles hoffnungslos und der Verwerfung anheimgefallen ist. Darum bedarf es dann eines anderen Fürsprechers, der dafür Verständnis hat und für uns bittet und uns in der Zwischenzeit Halt gibt, damit wir nicht aufgeben.

Zusatz: An der ersten Gnade wie auch an unserer Verherrlichung sind wir stets nur passiv beteiligt, genauso wie eine Frau an ihrer Empfängnis. Auch wir sind ja Christi Braut. Also können wir zwar vor (dem Empfang) der Gnade schon beten und bitten, doch wenn die Gnade kommt und die Seele mit dem Geist erfüllt werden soll, dann braucht sie weder zu beten noch tätig zu sein, sondern muß stillhalten. Dieser Gang der Ereignisse kommt sie sicherlich hart an und macht sie außerordentlich betroffen; denn daß die Seele ohne die Tätigkeit des Erkennens und Wollens auskommen muß, bedeutet, daß sie ins Dunkel geht, gleichsam ihrem Verderben und ihrem Untergang entgegen; davor schreckt sie jedoch heftig zurück. So beraubt sie sich öfters der edelsten Gnadengaben.

Als »erste Gnade« bezeichne ich nicht jene, die zu Beginn der Einkehr z.B. bei der Taufe und im Falle von Reue und Buße ausgegossen wird, sondern jede sich aus einer anderen ergebende und neue, die wir als (neue) Stufe und Ausweitung der Gnade bezeichnen. Denn als erstes gibt Gott die wirkende Gnade; daß man sich ihrer dann bedient und mit ihr zusammenwirkt, läßt er jedoch geschehen, und zwar so lange, bis er die nächste Gnade eingießt. Ist sie eingegossen, so läßt er es wiederum geschehen, daß sie nur mitwirkende Gnade ist; dennoch war auch sie, als sie zum ersten Male ausgegossen wurde, wirkende und erste Gnade, auch wenn sie in bezug auf die schon früher ausgegossene nur die zweite ist. Denn als »erste Gnade« wird sie stets unter Bezug auf sich selbst bezeichnet, weil sie an erster Stelle wirkende Gnade ist, und erst dann, an zweiter Stelle, mitwirkende Gnade ist. Die Toren verstehen deshalb nicht Gottes Gruß zu erwidern, wie es im Sprichwort heißt, und diedargebotenen Gaben anzunehmen. Die Klugen aber nehmen sie mit Geduld und Freude an. Der Klugheit bedarf es hier nämlich im höchsten Maße, damit wir nicht klug sind in dem, was uns sichtbar ist (denn dann werden wir verzweifeln), sondern darin, was da kommt und (uns jetzt noch) unbekannt und unsichtbar ist.

Kommen wir zum Schluß! Auf keine Weise zeigen wir mehr, daß wir nicht wissen, was wir beten sollen als dadurch, daß wir das von Gott dargebotene Gut nicht in rechter Weise annehmen, sondern uns im Bewußtsein unserer Schwachheit davor fürchten und fliehen wollen, wenn der Geist uns nicht durch sein Gebet für uns in dieser Schwachheit zur Hilfe käme. Wer nämlich das, worum er gebetet hatte, nicht in rechter Weise annimmt, wenn es ihm dargeboten wird, der überführt sich dadurch doch, daß er nicht gewußt hat, worum er gebetet hat. Er muß sich mit Recht sagen lassen: Du Tor, weshalb hast du denn gebetet, wenn du die Annahme verweigerst? Eigentlich müßten wir also den Schrecken über die Art, wie Gott gibt, mit einer Freude aufnehmen, die größer ist als das Sehnen, mit dem wir um seine Gabe gebetet haben. Aber verkünden wir nicht allenthalben auch, Gottes Macht, Weisheit, Güte, Gerechtigkeit und Barmherzigkeit seien groß und wunderbar, ohne es zu verstehen? Eben weil wir sie im metaphysischen Sinne verstehen, d.h. nur soweit, wie wir sie begreifen können, nämlich in ihrer Sichtbarkeit und Unverborgenheit, während er seine Macht nur hinter der Schwachheit, seine Weisheit hinter der Torheit, seine Güte hinter der Strenge, seine Gerechtigkeit hinter Sünden und seine Barmherzigkeit hinter dem Zorn verborgen hält. Daher erkennen sie Gottes Macht nicht, wenn sie die Schwachheit sehen usw.

[Martin Luther: Vorlesung über den Römerbrief (1515/1516). Zeno.org: Martin Luther: Werke, S. 607-611
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Beitragvon Jörg » 11.03.2012 05:46

Vorlesung über den Römerbrief (Kapitel 8, 28)

Zu Vers 28: »Wir wissen aber, daß denen, die Gott lieben, alle Dinge zum Besten dienen, die nach dem Vorsatz berufen sind.« Diese Stelle ist bestimmend für den gesamten folgenden Text bis zum Ende des Kapitels. Denn er stellt fest, daß der Geist den Erwählten, die von Gott geliebt werden und »die Gott lieben, alle Dinge zum Besten dienen« läßt, auch wenn sie eigentlich schlecht sind. Damit kommt er allmählich dazu, nein, er beginnt hier bereits damit, über den Gegenstand der Vorherbestimmung und der Erwählung zu sprechen; sie ist nicht so unergründlich, wie man meint, sondern den Auserwählten und jenen, die den Geist besitzen, vielmehr lieb und wert, der Klugheit des Fleisches dagegen über alle Maßen widerwärtig und unerträglich.

Grund und Ursache dafür, daß so viele Widerwärtigkeiten und Übel die Heiligen von der Liebe Gottes nicht zu scheiden vermögen ist allein die Tatsache, daß sie nicht nur berufen sind, sondern »nach dem Vorsatz berufen sind«, die Tatsache also, daß Gott ihnen allein und sonst keinem anderen »alle Dinge zum Besten dienen« läßt. Denn wenn der Vorsatz Gottes nicht wäre und das Heil in unser Wollen und auf unsere Werke gestellt wäre, so bestünde es nur als bloße Möglichkeit. Wie leicht könnte diese bloße Möglichkeit, ich sage nicht, durch ein Zusammentreffen aller Übel, sondern schon durch ein einziges Übel verhindert und verkehrt werden! Wenn er hier (Röm. 8, 33ff.) jedoch sagt: »Wer will beschuldigen, wer will verdammen, wer will uns scheiden?«, so zeigt er damit, daß die Auserwählten nicht der bloßen Möglichkeit nach, sondern mit Notwendigkeit selig werden. Daran zeigt sich nun, daß nicht nur der möglicherweise eintretende Zufall, sondern auch das aufs höchste gesteigerte Entgegenwirken so vieler Übel kein Hindernis ist. Ja, nur um zu zeigen, daß er uns nicht auf Grund unserer Verdienste, sondern allein durch seine Gnadenwahl und seinen unabänderlichen Willen – dem vergeblichen Streben so vieler rasender, grimmiger Feinde zum Trotz – selig macht, errettet er seine Auserwählten auf solche Weise und läßt sie in so viel reißende Klauen fallen, wie hier Übel aufgezählt werden. Denn wenn er (uns) nicht durch so viele Greuel führte, würde er viel von der (falschen) Einschätzung unserer Verdienste bestehen lassen. So aber zeigt er, daß wir (nur) durch seine unwandelbare Liebe selig werden. Damit bestätigt er nicht unser Wollen, sondern die Tatsache, daß die von ihm getroffene Vorherbestimmung sein unabänderlicher und fester Wille ist. Wie könnte ein Mensch denn all dieses, woran er tausendmal verzweifeln müßte, überwinden, wenn nicht die ewige, treue Liebe Gottes ihn durch all das hindurchgeleitete und der Geist durch seine Gegenwart unserer Schwachheit aufhülfe und mit unaussprechlichen Seufzern (für uns) einträte? Denn der Mensch weiß in solchen Fällen nicht, was er tun oder worum er bitten soll. Er würde doch nur beten, solches möge an ihm vorbeigehen; und (genau) das wäre Torheit, denn es würde sich gegen sein eigenes Heil richten. Darum also »wissen wir nicht, was wir beten sollen« (Röm. 8, 26), zumal in der Schwachheit, d.h. in jenen Leiden.

Wo ist also jetzt unsere Gerechtigkeit? Wo die guten Werke? Wo die Freiheit des Willens und die Nichtnotwendigkeit der Dinge? So muß man doch predigen, das heißt recht gepredigt und »die Klugheit des Fleisches« erwürgen. Hatte der Apostel ihr bisher schon die Hände, die Füße und die Zunge abgeschnitten, hier erwürgt er sie ganz und bringt sie zur Strecke. Denn jetzt erlebt sie, daß sie in sich nichts ist, sondern alles, was gut in ihr ist, von Gott hat. Unsere Theologen allerdings, als rechte Haarspalter, bilden sich ein, sie hätten etwas außerordentlich Bedeutsames geleistet, als sie den Begriff der Möglichkeit einführten und behaupteten, die Erwählten würden mit Notwendigkeit selig, freilich (nur) mit abgeleiteter Notwendigkeit, jedoch nicht mit der Notwendigkeit des Zwangsläufigen. Das ist bloßeWortklauberei, zumal sie dies »Bloß-möglich-Sein des Zwangsläufigen« verstehen wollen oder wenigstens den Anreiz dazu geben, es so zu verstehen, daß es von unserem Willen abhängt, ob wir zur Seligkeit gelangen oder nicht. Ich selbst habe es nämlich früher einmal so verstanden. Das Möglichsein des Zwangsläufigen ist ja für den vorliegenden »Sachverhalt« belanglos und die Frage stellt sich gar nicht, ob dieses Zwangsläufige bloße Möglichkeit ist – als ob es überhaupt notwendig sein könnte –, da in diesem Sinne nur Gott allein notwendig ist. Daher ist dieser Zusatz lächerlich; es ist so, als würde man sagen: Die Erwählten werden mit Notwendigkeit selig, und zwar mit der Notwendigkeit innerer Folgerichtigkeit, aber nicht mit der Notwendigkeit des Zwangsläufigen, d.h. das Zwangsläufige ist nicht Gott, bzw. weil es nicht Gott ist, so wird man selig nur mit der Notwendigkeit innerer Folgerichtigkeit. Was ist ein auf Möglichkeit gegründetes Sein denn anderes als Geschöpf sein und nicht Gott sein? Von der Notwendigkeit des Geschehens- (ablaufes) verlagern sie den Begriff auf die Notwendigkeit des Seins einer Sache. Für eine solche Gleichschaltung der Begriffe ist hier nicht der Ort. Es fragt oder verzweifelt doch kein Mensch, ob etwas Geschaffenes seinsmäßig auf Möglichkeit gegründet, d.h. veränderlich und damit nicht Gott bzw. unveränderlich ist. In Frage steht vielmehr die Notwendigkeit des (Geschehens) Ablaufes, ob das, was auch mit Notwendigkeit eintrifft, Gott vorausbestimmt hat, und diese Frage wird mit Ja beantwortet. Und doch setzen sie diesen Zusatz hinzu, der völlig überflüssig ist, nachdem sie die Frage damit schon vollständig beantwortet hatten. Denn wenn man weiß, daß etwas – mit der Notwendigkeit innerer Folgerichtigkeit – geschehen wird, was macht dann für das Verständnis dieser Stelle noch aus, wenn man noch weiß, ob es sich auf die bloße Möglichkeit gründet oder nicht?

Drei Dinge wollen wir in bezug auf diesen Gegenstand unternehmen. Zum ersten wollen wir die Belege für die Unabänderlichkeit der Vorherbestimmung aus den Worten der Heiligen Schrift und den Taten Gottes zusammenstellen. Zum zweiten wollen wir die Einwände und Einreden derer, die auf Gott die Verantwortung abwälzen, und ihre Gründe dafür, wie ihre Motive zunichte machen. Zum dritten wollen wir denen, die sich deshalb fürchten, Trost spenden, und, um ihnen Hoffnung zu geben, die angenehmen Seiten dieser Sache zutage fördern.

Zu Punkt zwei: Es gibt viele Gründe dagegen, aber sie stammen aus der »Klugheit des Fleisches«. Darum wird jeder, der sich nicht selbst verleugnet und gelernt hat, daß er sein Fragen dem Willen Gottes unterordnen und unterwerfen muß, immer fragen, warum Gott das denn will und tut und wird nie eine Antwort finden. Und das ist richtig so. Denn die törichte (Klugheit des Fleisches) hat sich über Gott gestellt und richtet über seinen Willen, wie über etwas, das kleiner ist als sie; dabei ist sie es gerade, die sich von ihm muß richten lassen. Darum zertrümmert der Apostel mit einem kurzen Wort all solche Gründe: zum ersten dadurch, daß er unseren Fürwitz zügelt, eine Beurteilung des göttlichen Willens (überhaupt) in Erwägung zu ziehen und sagt: »Ja, lieber Mensch, wer bist du denn, daß du mit Gott rechten willst?« (Röm. 9, 20). Was heißen soll: Du stehst doch unter dem Willen Gottes, was maßt du dir also an, (mit ihm) zu rechten und ihm Grenzen zu setzen? Daraufhin gibt er den Beweis mit den Worten: »Hat nicht der Töpfer Macht über den Ton?« (Röm. 9, 21).

Der erste und bedeutungsloseste (Gegen) grund ist, dem Menschen sei der freie Wille gegeben, durch ihn könne er Verdienste erwerben oder schuldig werden. Die Antwort darauf: Ein freier Wille, der außerhalb der Gnade angesiedelt ist, hat absolut keinen Zugang zur Gerechtigkeit, sondern ist mit Notwendigkeit sündig. Mit Recht sagt daher Augustinus in seiner Schrift gegen Julian, es sei mehr ein geknechteter als ein freier Wille. Erst durch den Besitz der Gnade ist er richtig frei geworden, jedenfalls was die Seligkeit angeht. Zwar ist er frei im natürlichen Sinne, jedoch nur in bezug auf das, was in seiner Macht und tiefer steht als er, nicht aber in bezug auf das, was über ihm steht. Denn er ist ein Gefangener der Sünden und ist somit zur Entscheidung für das Gute in Gottes Sinne nicht fähig.

Der zweite (Gegen) grund lautet: »Gott will, daß alle Menschen selig werden« (1. Tim. 2, 4), und für uns Menschen hat er seinen Sohn dahingegeben, und für das ewige Leben hat er den Menschen geschaffen. Oder auch: Alles ist um des Menschen willen, der Mensch aber um Gottes willen geschaffen, auf daß er genieße usw. Dieses und anderes, was dem gleichkommt, hat, genau wie das erste, keinerlei Gewicht. Denn es versteht sich, daß diese Aussagen immer nur in bezug auf die Auserwählten gemacht werden; so sagt Paulus 2. Tim. 2, 10: »Alles um der Auserwählten willen.« Denn Christus ist durchaus nicht für alle gestorben, denn er sagt: »Das ist das Blut, welches für euch« und »für viele vergossen wird« – aber er sagt nicht: für alle – »zur Vergebung der Sünden« (vgl. Mark. 14, 24; Luk. 22, 20; Matth. 26, 28).

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Jörg
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Beitragvon Jörg » 13.03.2012 04:49

Vorlesung über den Römerbrief (Kapitel 8, 28)

Der dritte (Gegen)grund lautet: Ohne Sünde verdammt Gott niemanden, und wer mit Notwendigkeit im Stande der Sünde ist, der wird zu Unrecht verdammt. Die Antwort lautet: Wir sind zwar alle mit Notwendigkeit im Stande der Sünde und Verdammnis, doch ist niemand durch Zwang und gegen eigenen Willen im Stande der Sünde. Denn wer die Sünde haßt, ist schon der Sünde entronnen und einer von den Auserwählten. Jene aber, die Gott verstockt macht, denen teilt er zu, daß sie gern im Stande der Sünde sein und bleiben wollen und die Ungerechtigkeit lieben. Solche Menschen sind natürlich mit Notwendigkeit im Stande der Sünde – mit der Notwendigkeit der Unveränderlichkeit, aber nicht mit der des Zwanges.

Der vierte (Gegen)grund lautet: Warum gebietet er dann etwas, was er von jenen Menschen nicht ausgeführt wissen will? Ja, mehr noch, er verhärtet (sogar) ihren Willen, daß sie es vorziehen, gegen sein Gesetz zu handeln. Folglich liegt die Ursache dafür, daß sie sündigen und verdammt werden, doch bei Gott. Das ist der eindrücklichste (Gegen) grund, er ist von grundsätzlicher Bedeutung. Und der Apostel gibt darauf eine grundsätzliche Antwort, wenn er sagt, daß Gott es so will und doch nicht ungerecht ist, wenn er es so will. Denn ihm gehört alles so, wie der Ton dem Töpfer gehört. Folglich gibt er Gebote, damit die Auserwählten danach handeln und die Verworfenen sich darin verstricken, um seinen Zorn zu zeigen wie sein Erbarmen (vgl. Röm. 9, 18. 22. 14). Hier sagt dann »die Klugheit des Fleisches«: Es ist eine Grausamkeit und eine Schande, daß Gott seinen Ruhm in meinem Elend sucht. Sieh da, das ist die Stimme des Fleisches: »Mein, mein«, schreit sie; nimm du dieses »mein« weg und sprich: Ruhm sei dir, o Herr, und du wirst selig werden. Das ist die Weise, in der die Klugheit des Fleisches nur das Ihre sucht und ihr Elend mehr fürchtet als die Verunehrung Gottes und somit ihren eigenen Willen mehr als den Willen Gottes. Gott muß man also mit anderen Augen sehen als denen des Menschen. Denn er schuldet niemandem etwas. So spricht er z.B. zu Hiob (41, 2): »Wer hat mir etwas zuvor gegeben, daß ich ihm vergelten müßte? Alles, was unter dem Himmel ist, ist mein.« Dieses Wort führt auch der Apostel am Ende des 11. Kapitels an, wo es heißt: »Wer hat ihm etwas zuvor gegeben, daß ihm werde wiedervergolten?« (Röm. 11, 35).

Zu Punkt drei: Für die »Klugheit des Fleisches« ist diese Sache zwar ausgesprochen mißlich, daher empört sie sich lieber und nimmt ihre Zuflucht zu Gotteslästerungen. – Denn hier wird sie zu Tode gewürgt und völlig zunichte gemacht und erkennt dabei, daß ihr Heil in keiner Weise in ihrem Tun, sondern ausschließlich außerhalb ihrer Macht, nämlich in Gottes Entscheidung liegt. Jene dagegen, die die »Klugheit des Geistes« besitzen, überkommt bei dieser Sache ein unbeschreibliches Gefühl des Glücks, wie man hier bei Paulus und (1. Sam. 2, 1) bei Hanna, der Mutter Samuels, deutlich sieht. Zwischen diesen beiden aber gibt es noch eine mittlere Gruppe, die schon dabei ist, der »Klugheit des Fleisches« den Abschied zu geben und bereits auf dem Wege zur »Klugheit des Geistes« ist. Sie wollen gern den Willen Gottes tun, sie sind aber noch kleinmütig und zittern, wenn sie davon hören. Obschon diese Worte, diese für die Vollkommenen gedachte, feste Speise (vgl. 1. Kor. 3, 2; Hebr. 5, 12ff.), sie noch nicht unmittelbar beglückten, so geben sie ihnen auf dem Wege der Antiperistase, d.h. durch den Umstand ihrer Gegenwirkung doch schon eine gewisse Beruhigung und Trost. Insofern nämlich, als es keine Worte gibt, die geeigneter wären, Furcht und Demut zu erzeugen und das überhebliche Pochen auf die (eigenen) Verdienste zunichte zu machen, als eben diese. Wer aber dabei Furcht und Schrecken empfindet, der besitzt damit ein ausgesprochen gutes und glückversprechendes Zeichen, denn die Schrift sagt: »Über wem wird mein Geist ruhen, wenn nicht über dem Demütigen, der bei meinen Worten zittert?« (vgl. Jes. 11, 2 u. 66, 2). Sie sind es, zu denen Christus sagt: »Fürchte dich nicht, du kleine Herde! Denn es ist eures Vaters Wohlgefallen, euch das Reich zu geben« (Luk. 12, 32). Und Jes. 35, 4 u. 40, 2: »Redet«. Wenn er nicht ihre verkehrten Gedanken gesehen hätte, nämlich ihre Bangigkeit und Mutlosigkeit angesichts des Gottesreiches, dann hätte er bestimmt nicht gesagt: »Ihr verzagten Herzen, seid getrost, seht, da ist euer Gott.« Und an anderer Stelle: »Wohl dem, der den Herrn fürchtet« (Ps. 112, 1). Und jene, die sich dergestalt vor dem Worte Gottes fürchten, werden in der Schrift allenthalben gepriesen und getröstet. Sie verzweifeln nämlich an sich selbst und das Wort Gottes verrichtet sein Werk, d.h. die Gottesfurcht in ihnen. Denn so gut wie die einen, die sich auf das Wort Gottes versteifen und ihrer Sache sicher sind, daran das denkbar schlechteste Vorzeichen haben, so haben die anderen, die davor zittern und erschrecken, damit das allerbeste Vorzeichen. Heißt es doch Ps. 144, 6: »Schick deine Pfeile und verwirre sie.«

Wenn also einer unbändig fürchtet, daß er nicht erwählt sei oder um seiner Erwählung willen in Unruhe ist, so soll er in solcher Furcht Dank sagen und sich über seine Furcht freuen, in dem zuversichtlichen Wissen darum, daß Gott ja nicht lügen kann, welcher gesagt hat (Ps. 51, 19): »Die Opfer, die Gott gefallen, sind ein geängsteter«, d.h. ein verzweifelter »Geist«, »ein geängstetes und zerschlagenes Herz wirst du, Gott, nicht verachten«. Und daß er »geängstet« ist, spürt er ja selbst. So mag er sich denn beherzt in die Wahrhaftigkeit Gottes versenken, der (solches) verheißt, und sich über das Vorherwissen Gottes hinwegsetzen, und er wird erlöst und erwählt sein. Zu Lebzeiten jedenfalls ist die Furcht vor jenem im Dunkel liegenden Richterspruch Gottes mit Sicherheit nicht das besondere Kennzeichen der Verworfenen, sondern das der Erwählten. Denn die Verworfenen verharren im Trotz und bleiben gleichgültig oder behaupten in frecher Verzweiflung: Wenn ich schon ein Verdammter bin, dann werde ich eben verdammt werden.

Nun gibt es für die Erwählung drei Stufen. Auf der ersten stehen jene, die ja sagen zu einem solchen Willen Gottes und nicht gegen Gott murren, sondern darauf vertrauen, daß sie auserwählt sind; unter keinen Umständen möchten sie verdammt werden. Auf der zweiten und besseren Stufe stehen jene, die im Bereich des Willens oder doch in bezug auf das, was dieser Wille ersehnt, zur Ergebung gelangt und es zufrieden sind, wenn Gott sie nicht würde erlösen, sondern unter die Verworfenen rechnen wollen. Auf der dritten, besten und höchsten Stufe stehen jene, die sich dann auch praktisch um des göttlichen Willens willen der Verdammnis der Hölle selbst unterwerfen, ein Widerfahrnis, das in der Todesstunde vielleicht vielen zuteil wird. Sie sind es, die am vollständigsten vom eigenen Willen und von der »Klugheit des Fleisches« rein werden. Sie wissen, was jenes Wort bedeutet: »Liebe ist stark wie der Tod und Leidenschaft unwiderstehlich wie das Totenreich« (Hohel. 8, 6). Ein merkwürdiger Vergleich, da die Liebe mit den widerwärtigsten Dingen verglichen wird, obwohl sie dem Augenschein nach doch etwas Angenehmes und Schönes ist. Die Wahrheit dagegen sieht so aus: Eine erfüllte Liebe ist zwar schön, denn sie besitzt, was sie liebt. Solche Liebe aber gibt Gott seinen Erwählten in dieser Welt nur für kurze Augenblicke und in bescheidenem Maße, ja, es ist sehr gefahrvoll, sie oft und lange zu haben; denn solche »haben ihren Lohn dahin« (Matth. 6, 2. 5. 16). Eine Liebe dagegen, die sich sehnt, die, sage ich, ist wie die Hölle, unwiderstehlich und stark, und in ihr übt Gott in diesem Leben seine Auserwählten auf manch wundersame Weise. Das ist gemeint, wenn die Braut im Hohenlied sagt (2, 5): »Ich bin krank vor Liebe.« Somit sind unter der Bezeichnung wahre und echte Liebe immer Kreuz und Leiden zu verstehen wie jener Text deutlich macht. Ohne sie wird die Seele krank und matt und des Sehnens nach Gott überdrüssig und dürstet nicht (länger) nach Gott, dem lebendigen Quell. Zwar ist sie etwas Angenehmes, aber nicht indem sie nimmt oder im passiven Sinne, sondern im aktiven Sinne und indem sie gibt, d.h. um es allgemeinverständlicher zu sagen, etwas Angenehmes mit Sicht auf das Objekt und etwas Unangenehmes mit Sicht auf das Subjekt. Denn alles Gute wünscht und gibt sie den anderen, das Schlimme dagegen nimmt sie als ihr Teil auf sich. Denn »sie suchet nicht das Ihre« und »verträgt alles« und »duldet alles« (1. Kor. 13, 5. 7).

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Jörg
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Beitragvon Jörg » 16.03.2012 08:51

Vorlesung über den Römerbrief (Kapitel 8, 33+35, Kapitel 9,3)

Zu Vers 33: »Wer will beschuldigen« – d.h. Kläger sein oder die Anklage erheben; das Zeitwort steht hier nämlich ohne nähere Bestimmung – »die Auserwählten Gottes«, uns, die im voraus Bestimmten? Offensichtlich niemand, denn im folgenden heißt es: »Gott« (ist hier), »der da gerecht macht«, d.h. die Gerechtigkeit zuspricht und verteidigt.

Zu Vers 35: »Wer will uns scheiden von der Liebe Christi?« Faber Stapulensis will diese Aussage in bezug auf die aktive Liebe Christi verstanden wissen und unter keinen Umständen in bezug auf die passive Liebe. Augustinus jedoch sagt in seiner Schrift »Über Gnade und freien Willen«, Kap. 17, im Gegensatz dazu: »Der Apostel preist diese Liebe, d.h. den von göttlicher Liebe völlig durchglühten Willen und sagt: ›Wer will uns scheiden von der Liebe Christi?‹« Und beide Auffassungen sind gut, denn daß unsere Liebe unbesiegt bleibt, ist nicht eine Folge ihres Vermögens, sondern (das Ergebnis) der Liebe Gottes, der uns liebt und uns die Liebe zu sich schenkt. Darum fährt er unten sogleich fort: »Der Apostel spricht dennoch von unserer Liebe, sonst würde er sagen: Wer will Gott von der Liebe zu uns scheiden? Nun sagt er aber: Wer will uns« usw.


Zu Vers 3: »Ich selber möchte verflucht und von Christus geschieden sein.« Dieses »ich möchte« usw. ist also ein Wort von höchster und durch und durch apostolischer Liebe – sowohl zu Christus als auch zu den Juden. Denn er wünscht für Christus aus inniger Liebe zu ihm große Anerkennung von seiten der Juden. Und damit Christus solche Anerkennung fände, würde er selbst freiwillig von ihm getrennt sein wollen, nicht aber ihn hassen wollen. Denn diese Liebe, (die) vom Gegner her (denkt), ist die stärkste und äußerste; tut er hier doch durch Bezeigung des tiefsten Hasses gegen sich selbst die innigste Liebe zum Mitmenschen kund. In derselben Weise wünscht er auch für die Juden im höchsten Maße das Heil und damit sie dessen teilhaftig würden, würde er selbst freiwillig auf sein eigenes Heil verzichten. Genauso macht er es ja auch an anderer Stelle, (nämlich) 2. Kor. 12, 15, wo er sagt: »Ich aber will gerne hingeben und hingegeben werden für eure Seelen.«

Doch sei angemerkt, daß jene, die sich selbst für Heilige halten und Gott mit der Liebe der Begehrlichkeit lieben, d.h. um ihrer Erlösung und ihrer ewigen Ruhe willen oder auch um der Hölle zu entrinnen, also (Gott) nicht um Gottes, sondern um ihrer selbst willen (lieben), diese Worte für seltsam, ja für Torheit ansehen und das Geschwätz verbreiten, die mit ihrer Ordnung in Einklang stehende Liebe zum Nächsten beginne bei sich selbst und jeder müsse in erster Linie für sich selbst die Erlösung wünschen und dann im gleichen Maße wie für sich auch für den Nächsten. Zu dieser Weisheit kommen sie aber deshalb, weil sie nicht wissen, was selig und erlöst sein eigentlich heißt, nämlich wenn es nicht genießen und sich wohl befinden bedeutet, wie sie es sich vorstellen. Dabei heißt selig sein (doch nichts anderes als) Gottes Willen und seine Ehre in allen Dingen zu wollen und nichts für sich selbst zu wünschen, weder hier noch in Zukunft.

Für diejenigen aber, die Gott wahrhaft lieben, mit kindlicher Liebe und wie einen Freund – (eine Liebe) die nicht naturgegeben, sondern allein vom Heiligen Geist gewirkt ist –, sind diese Worte das Schönste und das Zeugnis eines Vorbilds von höchster Vollkommenheit. Solche Menschen stellen sich freiwillig jeglichem Willen Gottes anheim – sogar bis hin zur Verdammnis und zum Tode für alle Ewigkeit, wenn Gott es wollen sollte, damit sein Wille vollkommen geschähe; so wenig streben sie nach Eigenem. Aber genauso bedingungslos, wie sie sich in Gottes Willen fügen, genauso unmöglich ist es, daß sie in der Hölle bleiben. Denn es ist unmöglich, daß einer, der sich dem Willen Gottes ganz und gar ergeben hat, in der Gottesferne bleibt. Denn er will, was Gott will, und darum gefällt er Gott wohl. Wenn er (ihm) wohl gefällt, dann ist er auch auserwählt; wenn er auserwählt ist, dann ist er auch erlöst.

Nun wird dagegen die Frage gestellt, ob Gott es denn jemals gewollt hat oder will, daß der Mensch sich selbst der Hölle anheim gibt und sich der Verdammnis oder dem Fluch der Christusferne Gottes Willen zuliebe ausliefert. Ich antworte, daß (er das will, jedenfalls) bei den meisten und besonders bei denen, die in ihrer Liebe bzw. in der reinen Gottesliebe noch unvollkommen sind. Denn bei ihnen muß die so tief eingedrungene begehrende Liebe unbedingt (erst) ausgerottet werden. Ausgerottet wird sie aber nur durch die überströmende Eingießung der Gnade bzw. durch diese erbarmungslose Unterwerfung. Denn irgend etwas Unreines wird nicht in das Gottesreich eingehen (vgl. Offb. 21, 27). Ob er Gott aus reiner Liebe liebt, weiß aber nur, wer an sich selbst die Erfahrung macht, daß er sogar auf sein Heil verzichtet und sich gegen seine Verdammung nicht auflehnt, wenn es Gott so gefallen sollte. Denn die Verdammten leiden nur deshalb so qualvoll, weil sie nicht verdammt werden wollen und sich weder diesem Willen Gottes unterwerfen noch ohne Gnade dazu fähig sind.

Wenn also, und dieser Fall scheint mir gegeben, die Fegefeuerstrafe darin besteht, daß sich (hier) Seelen mit unvollkommener Liebe gegen diese Unterwerfung sperren, bis sie sie endlich vollziehen und ja dazu sagen, daß sie von Gott verflucht sind, dann sind wir doch beklagenswert dumm, wir, die wir versäumen, unsere Liebe zu Gott schon hier in diesem Leben mit glühendem Eifer vollkommen zu machen und (erst) auf die qualvolle Pein in der Zukunft warten, wo es ja doch nicht zur Läuterung kommt, es sei denn, daß es zur Unterwerfung bis in die Hölle käme.
Die vollkommenen Heiligen hingegen vollziehen diese Unterwerfung, weil sie die Liebe im Überfluß besitzen, jedoch ohne große Trauer. Denn aus grenzenlosem Streben nach Gott sind sie von vornherein auf alles mögliche gefaßt, selbst darauf, die Hölle zu ertragen. Und gerade durch diese Bereitschaft sind sie auf der Stelle vor einer solchen Strafe sicher. Denn daß sie verdammt werden, ist nicht zu befürchten, da sie Gott zuliebe die Verdammnis willig und gern auf sich nehmen. Verdammt werden vielmehr jene, die vor der Verdammnis fliehen. Denn auch Christus war mehr als alle Heiligen verdammt und gänzlich verlassen. Auch war sein Leiden nicht, wie manche meinen, nur leicht. Denn er hat sich wirklich und wahrhaftig für uns Gott, dem Vater, zur ewigen Verdammnis dahingegeben. Und seine menschliche Natur verhielt sich nicht anders als ein Mensch, der auf ewig zur Hölle verdammt werden soll. Diese seine Liebe zu Gott war der Grund, daß Gott ihn sogleich von Tod und Hölle auferweckt hat und so hat er die Hölle verschlungen. Das müssen alle seine Heiligen nachvollziehen, die einen mehr, die anderen weniger; je vollkommener sie in der Liebe gewesen sind, desto müheloser und leichter werden sie dazu fähig sein. Christus aber hat das von allen mit der größten Beschwernis vollbracht. Darum klagt er auch an vielen Stellen (der Schrift) über die Qualen der Hölle.

Jene also, die sich gegen diese Einsicht sperren, lassen sich noch von den Vorstellungen des Fleisches leiten, in der Meinung, sich selbst lieben heiße in erster Linie, wollen und wünschen, was für einen selbst gut ist; dabei verkennen sie völlig das Wesen dessen, was in diesem Sinne ein Gut ist und folglich auch das Wesen der Liebe. Lieben heißt nämlich, sich selbst hassen, verdammen und Böses wünschen, getreu dem Worte Christi: »Wer seine Seele auf dieser Welt hasset, der wird sie erhalten zum ewigen Leben« (Joh. 12, 25). Wenn nun einer sagt: Ich liebe doch meine Seele nicht auf dieser Welt, denn ich strebe ja nach dem, was für sie in Zukunft gut ist, so antworte ich: weil du das aus Liebe zu dir selbst tust – und das ist doch diesseitige Liebe – eben dadurch liebst du sie also noch immer in dieser Welt. Wer sich (aber) in jener Weise selbst liebt, der liebt in der richtigen Weise sich selbst. Denn er liebt sich nicht in sich selbst, sondern in Gott, d.h. in einer Weise, die im Willen Gottes liegt, der da haßt, verdammt und allen Sündern, d.h. uns allen, wünscht, was schlecht ist. Denn was für uns gut ist, das ist verborgen, und zwar so tief, daß es unter der Hülle seines genauen Gegenteils verborgen liegt. So (verbirgt sich) unser Leben unter der Hülle des Todes, die (wahre) Liebe zu uns unter dem Haß gegen uns selbst, der Ruhm unter der Schande, das Heil unter der Verderbnis, das (Gottes) reich unter der Verbannung (daraus), der Himmel unter der Hölle, die Weisheit unter der Torheit, die Gerechtigkeit unter der Sünde, die Kraft unter der Schwachheit. Und überhaupt all unser positives Bestimmen jedweden Gutes unter der Negation desselben, auf daß der Glaube einen Ort in Gott habe, der das nur negativ aussagbare Sein und die nur negativ aussagbare Güte und Weisheit und Gerechtigkeit ist und (für uns) nur durch die Negierung all unserer positiven Bestimmungen besitzbar oder faßbar wird.

In diesem Sinne heißt es: »Das Himmelreich ist gleich einem verborgenen Schatz im Acker« (Matth. 13, 44). Der Acker ist (dabei) das erdige Etwas, das zum Schatz im krassen Gegensatz steht, denn der Acker wird unter die Füße getreten, der Schatz aber wird hervorgeholt. Und dennoch verbirgt der Acker den Schatz. Genauso ist auch »unser Leben mit Christus verborgen in Gott« (vgl. Kol. 3, 3), d.h. in der Negation all dessen, was man fühlen, besitzen und begreifen kann. Darum wird auch unsere Weisheit und Gerechtigkeit für uns gar nicht sichtbar, sondern ist mit Christus verborgen in Gott. Sichtbar wird dagegen das Gegenteil davon, nämlich Sünde und Torheit, getreu dem Wort des Apostels: »Welcher sich unter euch weise dünkt, der werde ein Narr, auf daß er möge weise sein« (1. Kor. 3, 18), d.h. in Gott weise und reich sein, nicht in sich selbst, alle Weisheit möge ihn verlassen und nichts übrig bleiben als Torheit. Dasselbe gilt für alle anderen Güter. Ja, das sind die Güter, die wir uns wünschen sollen, nämlich alle Übel. Denn dann befinden wir uns in Übereinstimmung mit Gott, der in uns nichts Gutes gelten läßt oder anerkennt. Und damit sind wir schon gut, solange wir das Gute nur als Eigentum Gottes anerkennen und das Schlechte als das unsere, denn wessen Wissen so mit Gott in Übereinstimmung ist, der ist weise und gut. Denn er weiß: außerhalb von Gott ist kein Gut und alles Gute ist in Gott. Wie Christus sagt: »Das Reich Gottes ist inwendig in euch« (Luk. 17, 21), was heißen soll: außerhalb von euch ist die Gottesferne. Außerhalb von euch ist aber alles, was man sieht oder anrührt, inwendig in uns aber ist alles, was nur mit dem Glauben geglaubt wird.

Daher sind die Erörterungen jener Leute über das aus der Philosophie abgeleitete Gute höchst bedenklich, da Gott es zum Übel gemacht hat. Denn selbst wenn all dieses höchste Güter wären, so sind sie es doch nicht für uns, und wenn sie auf keine Weise Übel wären, für uns sind sie doch allesamt Übel. Und das alles deshalb, weil wir in der Sünde sind. Daher müssen wir die Güter ausschlagen und die Übel nehmen. Nicht nur mit den Lippen und halbem Herzen, sondern mit unserm ganzen Wollen müssen wir gerade dies bekennen und wünschen, daß wir verlorengehen und verdammt werden. Denn wir müssen gegen uns genauso verfahren wie einer verfährt, der einen anderen haßt. Denn wer haßt, heuchelt nicht den Wunsch, den zu verderben, zu vernichten und schuldig zu sprechen, den er haßt, sondern hegt ihn ernsthaft. Erst wenn wir uns also auch selbst in dieser Weise und ehrlichen Herzens vernichten und zur Strecke bringen, geben wir uns um Gottes und seiner Gerechtigkeit willen der Hölle preis, nunmehr haben wir seiner Gerechtigkeit wahrhaft Genüge getan, und er wird sich erbarmen und uns erlösen. Denn »wenn wir uns selber richteten, so würden wir nicht gerichtet« (1. Kor. 11, 31). Denn Menschen dieser Art streben einzig und allein danach, ihre Schuld zu büßen und wieder die Gnade Gottes zu gewinnen, den sie beleidigt haben. Sie jagen nicht nach dem Reiche (Gottes); sie sind darauf gefaßt, niemals das Heil zu erlangen und wählen mit Freuden die Verdammnis, aber mit der Gnade Gottes (auf ihrer Seite), der sich zuvor hat versöhnen lassen, fürchten sie nicht die Strafe, sondern nur die Beleidigung Gottes. Im Gegensatz dazu (befinden sich) jene, die sich die Verdienste nach Art der Bildhauer und Maler (oberflächlich) ausgestalten und den Gütern nachjagen: sie meiden die Übel und in ihren verborgenen Tiefen besitzen sie nichts. Denn ganz in ihren Traum- und Wunschgütern (befangen) gehen sie verblendet ihren Weg.

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Beitragvon Jörg » 18.03.2012 07:59

Vorlesung über den Römerbrief (Kapitel 9, 5+16+19+31+33)

Zu Vers 5: All dies beweist, daß die Vorherbestimmung und die Unumstößlichkeit der Gnadenwahl, aber nicht die Gerechtigkeit des menschlichen Willens, das Heil begründen. Denn wenn jene, die das alles (d.h. die Juden, welche die Abstammung von den Patriarchen und die Volksgemeinschaft mit Christus) hatten, nicht selig, jene aber, die es nicht hatten, selig geworden sind, so liegt auf der Hand, daß es die Gnadenwahl und nicht ihre Gerechtigkeit ist, die sie selig macht.

Zu Vers 16: »So liegt es nun nicht an jemandes Wollen oder Laufen.« Der Sinn ist nicht: Es kommt einzig und allein auf Gottes Erbarmen an, folglich ist es überflüssig, daß einer will oder läuft, sondern (gemeint ist): wenn der Mensch will und läuft, so liegt das eben nicht an seiner Tüchtigkeit, sondern an der Barmherzigkeit Gottes, der ihm zum Wollen und Wirken die Kraft gibt, ohne die der Mensch von sich aus weder wollen noch laufen kann. Aus dem vorliegenden Texte folgt daher nicht, daß das Wollen und Laufen des Menschen bedeutungslos ist, sondern daß es nicht das Ergebnis seiner Tüchtigkeit ist. Denn ein Werk Gottes ist nicht bedeutungslos. Das Wollen und Laufen des Menschen ist aber ein Werk Gottes. Paulus spricht (hier) nämlich von einem gottgemäßen Wollen und Laufen, d.h. von einem Leben der Liebe und Gottesgerechtigkeit, der Liebe und Gerechtigkeit vor Gott. Das Wollen und Laufen der anderen aber, die nicht den Weg Gottes wollen und laufen, bedeutet nichts, selbst wenn sie Großes wollen und tüchtig laufen. Denn es ist nicht aus Gott und ihm nicht wohlgefällig; darüber heißt es bei Jesaja, Kap. 41, 24: »Ihr seid nichts, und euer Tun ist auch nichts.«

Gleichwohl muß ich an dieser Stelle davor warnen, daß sich einer, dessen Geist noch nicht abgeklärt ist, bei diesen Spekulationen übereilt, damit er nicht in einen Abgrund von Schrecken und Verzweiflung stürzt; vielmehr möge er zuvor die Augen seines Herzens in der Betrachtung der Wunden Christi reinigen. Denn auch ich würde über diese Dinge nicht in der Vorlesung reden, wenn mich nicht der Ablauf der Vorlesung und die Pflicht dazu zwängen. Denn das hier ist ein sehr schwerer Wein und eine sehr anspruchsvolle Kost, die feste Speise für die Vollkommenen, d.h. Theologie im höchsten Sinne; von ihr gilt das Wort des Apostels: »Wovon wir aber reden, das ist dennoch Weisheit bei den Volkommenen« (1. Kor. 2, 6). Ich aber bin ein kleines Kind, das der Milch bedarf, nicht der (festen) Speise. Und wer klein ist wie ich, der möge genauso handeln. Uns bieten die Wunden Jesu Christi, »die (schützenden) Felsklüfte« (vgl. 2. Mose 33, 22 u. Hoheslied 2, 14), Sicherheit genug. Das erste Buch der Sentenzen des Petrus Lombardus, das von Rechts wegen nicht das erste, sondern das letzte sein sollte, sollen die Starken und Vollkommenen zu ihrem Gegenstand machen. Heutzutage stürzen sich viele voreilig auf dieses Buch und werden davon auch in erstaunlichem Maße geblendet.

Zu Vers 19: »Was beschuldigt er uns dann noch?« Es ist ja keine Sünde, wenn jemand fromm, in Ehrfurcht und Demut, Gott fragen würde: »Warum machst du mich so?« (Röm. 9, 20), ja selbst wenn er unter dem übermächtig werdenden Druck der Anfechtung Gott lästerte, so würde er deshalb nicht verlorengehen. Denn unser Gott ist nicht ein Gott der Ungeduld und der Grausamkeit, auch gegen die Gottlosen nicht. Das sage ich denen zum Trost, die beständig von gotteslästerlichen Gedanken heimgesucht werden und sich gar zu sehr ängstigen, denn da solche Lästerungen den Menschen gegen ihren Willen vom Teufel gewaltsam abgepreßt sind, werden sie dereinst in Gottes Ohr angenehmer klingen als selbst das Halleluja oder irgendein jubelnder Lobgesang. Denn je gräßlicher und abstoßender eine Lästerung ist, desto angenehmer ist sie Gott, vorausgesetzt das Herz fühlt, daß es sie gar nicht will, denn dann kam sie ja nicht von Herzen und entsprang nicht seiner Wahl. Wenn der Mensch aber heftig erschrickt und sich darüber entsetzt, daß er sie begangen hat, so ist dies das Zeichen dafür, daß er sie in seinem Herzen nicht gewollt hat und an ihr unschuldig ist. Denn dieses Entsetzen über das Böse ist das sichtbare Zeichen für sein gutes Herz. Das Heilmittel für diese Menschen liegt deshalb darin, sich um diese Art von Gedanken gar nicht weiter zu kümmern.

Zu Vers 21: »Hat nicht ein Töpfer Macht?« »Nur die Gnade scheidet ja die Erlösten von den Verdammten, die ein gemeinsamer, auf die (menschliche) Abstammung zurückgehender Anlaß (d.h. der Sündenfall) beide zu einer einzigen, der Verdammung verfallenen Masse verschmolzen hatte.« Diese Worte bewirken also, daß der Mensch seine Verdammnis anerkennt und daran verzweifelt, aus eigener Kraft selig zu werden, (das ist) etwas, was sein Denken im Übrigen kalt läßt, wenn seine Einsicht sich auf die Tatsache beschränkt, daß er in Adam gefallen ist. Von daher hofft er, sich durch den freien Willen wieder aufrichten zu können, ja er setzt es sogar (als gegeben) voraus. Hier aber lernt er, daß es die Gnade ist, die ihn wieder aufrichtet, früher als sein ganzer Wille und über sein eigenes Wollen hinaus.

Zu Vers 33: Denn die Gerechtigkeit Christi geht an den über, der an ihn glaubt, und die Sünde des Gläubigen geht an Christus über, an den er glaubt. Daher kann die Sünde bei einem Gläubigen keinen Bestand haben, genausowenig wie sie bei Christus überdauern kann.

[Martin Luther: Vorlesung über den Römerbrief (1515/1516). Zeno.org: Martin Luther: Werke, S. 634-638
Es muß alles erst einmal an Gott vorüber, bevor es mich treffen kann. (Helmut Thielicke)

Jörg
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Beitragvon Jörg » 20.03.2012 11:21

Vorlesung über den Römerbrief (Kapitel 10, 6+10)

Zu Vers 6: »Wer will hinauf gen Himmel fahren?« Mit allem Eifer und ganzer Kraft, die Augen geschlossen und mit aller gebotenen Klugheit auf ein einfaches Hören auszugehen, das also ist es, was das Wort erfordert. Und ob es nun Törichtes oder Böses, ob es Großes oder Kleines vorschreibt, wir wollen es tun und dabei das Werk nach dem Worte beurteilen und nicht das Wort nach dem Werk. Auch an einem anderen Zeichen erkennt man die Gottlosen, daran nämlich, daß sie sich gerade an solche Werke machen, die bei den Menschen in hohem Ansehen stehen und vom Volk bestaunt werden. Sobald aber die Menschen aufhören, sie zu bewundern und sie für gering halten, verschmäht sie alsbald auch jener, der sie bis dahin vollbracht hat, und sein Eifer erkaltet, woraus deutlich wird, daß es ihm nicht so sehr um die Werke oder – in ihnen – um Gott ging, sondern um den Ruhm, den er darin fand. Deshalb kann er sich auch für Werke, die wohlfeil sind und von den Menschen unbeachtet bleiben, nicht erwärmen. Gleichwohl muß man, wo wir nicht auf das Wort hin Werke tun, danach streben.

Dergleichen nun haben die ungelehrten Prediger im Auge, die das ungebildete Volk verführen; sie predigen oder lesen von den großen Werken aus den Heiligenlegenden vor und bleuen sie und nichts anderes den Menschen ein und preisen (diese Werke). Wenn nun das dumme Volk hört, dergleichen habe große Bedeutung, so vernachlässigen sie alles andere und gehen sofort mit Inbrunst daran, diese Werke nachzuahmen. Daher kommen die vielen Zusagen und Genehmigungen von Ablässen für den Bau und die Ausstattung von Kirchen und die Vervielfachung der Kulthandlungen. Unterdessen machen sie sich darum, was jeder von ihnen Gott aufgrund seiner Berufung schuldig ist, keinerlei Sorgen. Und der Papst und die Kirchenfürsten, die angesichts weltlicher Spenden zugunsten der Kirchen so großzügig in ihren Ablässen sind, verhalten sich grausamer als alle Grausamkeit, wenn sie nicht mehr oder wenigstens gleich viel Gott zum Gefallen ohne Gegenleistung und im Hinblick auf die Seelen spenden, denn umsonst haben sie es empfangen, umsonst sollen sie es geben (vgl. Matth. 10, 8). Aber »sie taugen nichts; ihr Treiben ist ein Greuel« (Ps. 14, 1); selbst verführt führen sie das Volk Christi vom wahren Gottesdienst weg. Deshalb darf man die Werke der Heiligen nicht ohne Vorbehalt predigen, d.h. sie den Menschen zur Nachahmung empfehlen, sondern man muß hinzufügen: Siehe in seinem Stand hat jener so und so gelebt, dir zum Vorbild, auf daß du in deinem Stande entsprechend handelst, nicht aber damit du dasselbe tust wie jener und deinen Stand vernachlässigst und in seinen hinüberspringst.

Zu Vers 10: »Denn wenn man von Herzen glaubt, so wird man gerecht.« Damit sagt Paulus in etwa: Weder Werke, noch Weisheit, noch eifriges Bemühen, aber auch nicht Reichtum oder Würden führen zur Gerechtigkeit, und wenn sich jetzt auch noch so viele von einer Zwei-Groschen-Spende die Vergebung der Sünden versprechen. Und viele wollen sich schon deshalb gerecht vorkommen, weil sie viel wissen, lesen, lehren oder weil sie in hohen Würden glänzen und bei den heiligen Handlungen Dienste versehen. Das ist eben die neue Art, Gerechtigkeit zu erwerben, eine Art, die zu Aristoteles im Gegensatz steht oder gar noch weitergeht als er; ist die Gerechtigkeit hier doch das Ergebnis von Handlungen, insbesondere von äußeren, häufig vollbrachten Handlungen. Aber das ist die staatsbürgerliche Gerechtigkeit, das heißt die, die vor Gott nicht gilt. Die wahre Gerechtigkeit kommt somit dadurch zustande, daß man von ganzem Herzen den Worten Gottes glaubt; in diesem Sinne heißt es oben Kap. 4, 3: »Abraham hat Gott geglaubt, und das ist ihm zur Gerechtigkeit gerechnet.« Was aber das anbetrifft, daß die Gerechtigkeit des Philosophen (Aristoteles) in folgender Weise in die anteilige, die ausgleichende und ferner in die allgemeine Gerechtigkeit zerlegt wird, so liegt das an der Blindheit des Geistes oder an der menschlichen Weisheit, die nur auf weltliche, vernunftgemäß zu behandelnde Dinge eingestellt ist; denn hier kann es vorkommen, daß einer keinem, ein zweiter nur wenigen, und ein dritter vielen etwas schuldig ist und ihnen abtritt.

Aber in der Gerechtigkeit Gottes gibt es niemanden, dem der Mensch nichts schuldig wäre, denn »er ist es ganz schuldig« (vgl. Jak. 2, 10). Seinem Schöpfer, den er beleidigt hat, ist er nämlich die Ehre und seine Unsträflichkeit schuldig, der Schöpfung aber den rechten Gebrauch und den Beistand im gehorsamen Dienst gegen Gott. Folglich kommt er seinen Verpflichtungen erst dann nach, wenn er ihnen allen untertan geworden ist und sich bis zum Letzten erniedrigt hat und bei alledem nichts für sich (zu gewinnen) sucht. Wie derjenige, der auf alle Güter verzichtet, nach Aussage der Juristen, Genugtuung geleistet hat, so hat auch der, der Gott zuliebe auf das Geschöpfliche – auch auf sich selbst – verzichtet und gern und willig ins Nichts geht und sich freiwillig zu Tod und Verdammnis bekennt und sich nicht für würdig hält irgendeines Gutes teilhaftig zu werden, Gott vollkommen Genugtuung geleistet und ist gerecht. Da er nichts für sich zurückbehalten hat, so hat er Gott und der Schöpfung zuliebe auf alles verzichtet. Solches geschieht durch den Glauben, durch den der Mensch seinen Sinn unter das Wort vom Kreuz gefangen gibt, durch den er sich selbst verleugnet und von sich aus allem (entsagt), sich selbst und allem anderen abgestorben. So lebt er Gott allein, »dem alles lebt« (vgl. Luk. 20, 38), auch das Tote.

[Martin Luther: Vorlesung über den Römerbrief (1515/1516). Zeno.org: Martin Luther: Werke, S. 639-643
Es muß alles erst einmal an Gott vorüber, bevor es mich treffen kann. (Helmut Thielicke)


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