Die Institutio in einem Jahr lesen

Nur für Gläubige, die die fünf Punkte des Arminianismus ablehnen

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Der Pilgrim
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Beitragvon Der Pilgrim » 26.01.2012 00:55

IV,16,32

Ich nehme an, dass es jetzt für keinen verständigen Menschen mehr zweifelhaft ist, wie vorwitzig die Kirche Christi durch solche Leute in Verwirrung gebracht wird, die wegen der Kindertaufe Zwistigkeiten und Streitereien erregen. Es ist nun aber angebracht, darauf zu achten, was der Satan eigentlich mit solch großer Verschlagenheit ins Werk setzt: er will uns eben die einzigartige Frucht der Zuversicht und der geistlichen Freude, die man aus der Kindertaufe gewinnen kann, aus der Hand reißen und auch dem Ruhm der göttlichen Güte im nämlichen Maße Abbruch tun. Denn wie lieblich ist es für die frommen Herzen, nicht nur mit dem Wort, sondern auch mit dem, was sie mit Augen sehen dürfen, Gewißheit darüber zu gewinnen, wie sie bei ihrem himmlischen Vater so viel Gnade erlangen, dass er auch noch für ihre Nachkommenschaft sorgt! Denn hier ist es wahr zunehmen, wie er uns gegenüber die Rolle eines ganz fürsorglichen Hausvaters übernimmt, der auch nach unserem Tode die Sorge für uns nicht fahrenläßt, sondern für unsere Kinder sorgt und ihnen seine Fürsorge angedeihen läßt. Müssen wir da nicht nach Davids Beispiel von ganzem Herzen frohlocken und Danksagen, damit sein Name durch einen solchen Beweis seiner Güte geheiligt werde (Ps. 48,11)? Darum, darum ist es ohne Zweifel dem Satan zu tun, wenn er mit soviel Gewalt gegen die Kindertaufe anrennt: es soll eben diese Bezeugung der Gnade Gottes aus dem Mittel getan werden und damit auch die Verheißung, die uns durch sie vor Augen gehalten wird, schließlich nach und nach verschwinden! Daraus soll dann nicht allein eine gottlose Undankbarkeit gegen Gottes Erbarmen entstehen, sondern auch eine gewisse Trägheit, die Kinder zur Frömmigkeit zu erziehen. Denn wenn wir bedenken, dass unsere Kinder schon gleich von ihrer Geburt an von ihm als Kinder behandelt und anerkannt werden, so ist das ein Ansporn, der uns nicht wenig dazu reizt, sie in der ernstlichen Furcht Gottes und im Halten des Gesetzes zu erziehen, wollen wir also nicht boshaft Gottes Wohltätigkeit verdunkeln, so wollen wir ihm unsere Kinder darbringen, denen er einen Platz unter seinen Freunden und Hausgenossen, das heißt unter den Gliedern der Kirche, zuweist!



Siebzehntes Kapitel: Vom Heiligen Abendmahl des Herrn – und was es uns bringt


IV,17,1

Gott hat uns einmal in seine Hausgenossenschaft aufgenommen, und zwar, um uns nicht nur als seine Knechte, sondern als seine Kinder anzusehen. Nachdem er das getan hat, will er aber auch das Amt eines sehr guten Vaters erfüllen, der für seine Kinder sorgt, und dazu nimmt er es auf sich, uns im ganzen Laufe unseres Lebens Speise zu geben. Ja, er hat sich damit nicht zufriedengegeben, sondern uns ein Unterpfand geschenkt, mit dem er uns solcher fortwährenden Freundlichkeit hat vergewissern wollen. Zu diesem Zweck hat er daher seinen Kindern durch die Hand seines eingeborenen Sohnes das zweite Sakrament gegeben, nämlich das geistliche Mahl, in welchem Christus bezeugt, daß er das lebendigmachende Brot ist, durch das unsere Seelen zur wahren, seligen Unsterblichkeit gespeist werden (Joh. 6,51). Nun ist es aber von dringender Notwendigkeit, dieses große Geheimnis zu kennen, und es erfordert angesichts seiner Wichtigkeit eine eingehende Darlegung. Zudem hat der Satan die Kirche dieses unermeßlichen Schatzes berauben wollen und in dieser Absicht zunächst Nebel und dann Finsternis vor ihm aufziehen lassen, um sein Licht zu verdunkeln; auch hat er Streitigkeiten und Kämpfe erregt, um damit die Sinne einfältiger Menschen vom Genuß solcher heiligen Speise abzubringen, und auch zu unserer Zeit hat er die nämliche List versucht. Ich muß also zunächst mit Rücksicht auf das Auffassungsvermögen der Unkundigen den wesentlichen Inhalt der Sache zusammenfassen, dann aber auch jene Knoten auflösen, in welche der Satan die Welt zu verstricken versucht hat. Zunächst: die Zeichen (bei diesem Sakrament) sind Brot und Wein: sie stellen uns die unsichtbare Speise dar, die wir aus Christi Fleisch und Blut empfangen. Denn wie uns Gott in der Taufe die Wiedergeburt schenkt, in die Gemeinschaft seiner Kinder einfügt und durch Aufnahme in die Kindschaft zu den Seinen macht, so erfüllt er, wie gesagt, das Amt eines fürsorglichen Hausvaters darin, daß er uns fort und fort Speise gewährt, um uns damit in dem Leben zu erhalten und zu bewahren, zu dem er uns durch sein Wort gezeugt hat. Und dann: die einige Speise unserer Seele ist Christus, und deshalb lädt uns der himmlische Vater zu ihm ein, damit wir, indem wir seiner teilhaftig werden, Erquickung empfangen und dadurch immer wieder neue Kraft sammeln, bis wir zur himmlischen Unsterblichkeit gelangt sind. Dies Geheimnis der verborgenen Einung Christi mit den Frommen aber ist seiner Natur nach unbegreiflich; daher läßt er eine Vergegenwärtigung oder ein Bild solchen Geheimnisses in sichtbaren Zeichen kundwerden, die unserem geringen Maß auf das beste angepaßt sind, ja, er gibt uns gleichsam Pfänder und Merkzeichen und macht es uns damit zur Gewißheit, wie wenn wir es mit Augen sähen. Denn es ist ein vertrautes Gleichnis, das auch bis in den unkundigsten Verstand dringt: unsere Seelen werden genau so mit Christus gespeist, wie Brot und Wein das leibliche Leben erhalten. Damit wird uns also schon deutlich, welchem Zweck diese verborgene Segnung (mystica benedictio) dient: sie soll uns die Gewißheit verschaffen, daß der Leib des Herrn dergestalt einmal für uns geopfert worden ist, daß wir ihn jetzt als Speise genießen und über solchem Genießen die Wirkkraft dieses einigen Opfers an uns erfahren, – und daß sein Blut dergestalt einmal für uns vergossen ist, daß es uns zu einem Trank wird für immerdar. So lauten denn auch die Worte der Verheißung, die dabei zugefügt ist: „Nehmet, … das ist mein Leib, der für euch gegeben wird“ (Luk. 22,19; nicht Luthertext; 1. Kor. 11,24; Matth. 26,26; Mark. 14,22). Wir werden also geheißen, den Leib zu „nehmen“ und zu „essen“, der einmal zu unserem Heil zum Opfer gebracht worden ist, damit wir sehen, daß wir dieses Leibes teilhaftig werden, und darüber zu der festen Gewißheit kommen, daß die Kraft seines lebendigmachenden Todes in uns wirksam sein wird. Daher nennt er auch den Kelch den „Bund“ (Luthertext: „das neue Testament“) in seinem Blut (Luk. 22,20; 1. Kor. 11,25). Denn allemal, wenn er uns jenes heilige Blut zu trinken gibt, ist es so, daß er den Bund, den er einmal mit seinem Blute bekräftigt hat, gewissermaßen erneuert oder besser ihn fortführt, soweit es zur Stärkung unseres Glaubens gereicht.



IV,17,2

Reiche Frucht der Zuversicht und Lieblichkeit können nun die frommen Seelen aus diesem Sakrament empfangen, weil sie ja das Zeugnis haben, daß wir mit Christus zu einem Leibe zusammengewachsen sind, so daß alles, was sein ist, auch unser eigen genannt werden darf. Daraus folgt, daß wir es wagen dürfen, der getrosten Zuversicht zu sein, daß uns das ewige Leben zugehört, weil er selbst sein Erbe ist, daß uns das Himmelreich, in das er bereits eingegangen ist, ebensowenig entrissen werden kann wie ihm, und daß wir auf der anderen Seite von unseren Sünden nicht verdammt werden können, weil er uns schon von der durch sie begründeten Schuld freigesprochen hat, indem er den Willen hatte, daß sie ihm zugerechnet würden, als ob sie seine eigenen wären. Das ist der wundersame Tausch, den er in seiner unermeßlichen Güte mit uns eingegangen ist: er ist mit uns zum Sohn des Menschen geworden und hat uns mit sich zusammen zu Söhnen Gottes gemacht, er ist zur Erde hinabgestiegen und hat uns dadurch den Weg zum Himmel hinauf gebahnt, er hat unser sterbliches Wesen angenommen und uns dadurch seiner Unsterblichkeit teilhaftig gemacht, er hat sich unsere Schwachheit zu eigen gemacht und uns dadurch mit seiner Kraft gestärkt, unsere Armut hat er auf sich genommen und uns damit seinen Reichtum zugetragen, die Last unserer Ungerechtigkeit, die uns drückte, hat er auf sich selbst geladen und uns dadurch mit seiner Gerechtigkeit bekleidet.



IV,17,3

Alle diese Dinge werden uns in diesem Sakrament so vollgültig bezeugt, daß wir mit Sicherheit dafür halten sollen, daß sie uns wahrhaftig dargeboten werden, nicht anders, als wenn Christus selbst gegenwärtig wäre, uns vor die Augen träte und von unseren Händen betastet würde. Denn dies Wort kann uns nicht belügen noch betrügen: „Nehmet hin, esset, trinket, das ist mein Leib, der für euch gegeben wird, das ist mein Blut, das vergossen wird zur Vergebung der Sünden.“ Er befiehlt: „Nehmet hin“, und damit gibt er zu verstehen, daß es (er) uns gehört. Er gebietet: „Esset“, und damit zeigt er, daß es (er) mit uns zu einer Substanz wird. Er predigt von seinem Leibe, daß er für uns gegeben, und von seinem Blute, daß es für uns vergossen ist – damit lehrt er, daß beides nicht sowohl sein, als vielmehr unser eigen ist; denn beides hat er ja nicht zu seinem eigenen Vorteil, sondern zu unserem Heil angenommen und darangesetzt. Man muß nun aber mit Fleiß darauf achten, daß die Wirkung dieses Sakraments vornehmlich, ja schier ganz auf den Worten beruht. „Der für euch gegeben wird … das für euch vergossen wird.“ Denn sonst, nämlich wenn Leib und Blut des Herrn nicht einmal zu unserer Erlösung und zu unserem Heil dahingegeben worden wären, würde es uns nicht viel nützen, daß sie jetzt ausgeteilt werden. Sie werden uns also unter Brot und Wein vergegenwärtigt, damit wir lernen, daß sie uns nicht bloß zugehören, sondern uns auch zur Speise für das geistliche Leben bestimmt sind. Das ist es, worauf wir oben aufmerksam gemacht haben: von den leiblichen Dingen, die uns im Sakrament vorgelegt werden, werden wir gewissermaßen vermöge eines Entsprechungsverhältnisses (analogia) zu den geistlichen hinübergeführt. Wenn uns also das Brot als Merkzeichen des Leibes Christi gereicht wird so müssen wir dabei sofort das Gleichnis ins Herz fassen: wie solch Brot das Leben unseres Leibes nährt, erhält und bewahrt, so ist der Leib Christi die einige Speise, um unsere Seele zu nähren und lebendig zu machen. Sehen wir, wie der Wein als Merkzeichen des Blutes Christi vor uns hingestellt wird, so sollen wir bedenken, welcherlei Nutzen der Wein unserem Leibe bringt, um dann zu erwägen, daß uns der gleiche Nutzen geistlich durch Christi Blut zukommt; diese Wirkung besteht aber eben darin, daß wir dadurch genährt, erquickt, gestärkt und froh gemacht werden. Wenn wir nämlich genugsam überdenken, was uns die Hingabe dieses heiligen Leibes und das Vergießen dieses Blutes eingetragen hat, so werden wir deutlich wahrnehmen, daß nach jenem Entsprechungsverhältnis diese Eigenschaften des Brotes und des Weines in ihrer Wirkung an uns aufs beste zu Christi Leib und
Blut passen, wenn sie uns zuteil gegeben werden.[/u]
Simon W.

Der Pilgrim
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Beitragvon Der Pilgrim » 27.01.2012 10:14

IV,17,4

Die wichtigste Aufgabe dieses Sakraments ist also nicht, uns Christi Leib schlechtweg und ohne tiefere Erwägung darzureichen, sondern sie besteht vielmehr darin, uns jene Verheißung, in der er bezeugt, daß sein Fleisch in Wahrheit eine Speise, sein Blut in Wahrheit ein Trank ist (Joh. 6,55), wodurch wir zum ewigen Leben gespeist werden, jene Verheißung, in der er erklärt, daß er „das Brot des Lebens“ ist (Joh. 6,48), und daß, wer von diesem Brot isset, nicht sterben wird in Ewigkeit (Joh. 6,51) – ich sage: uns jene Verheißung zu versiegeln und zu bekräftigen und uns, damit dies geschehe, zu Christi Kreuz zu führen, wo sie in Wahrheit eingelöst und in vollem Maße in Erfüllung gegangen ist. Denn nur als der Gekreuzigte kann Christus rechtmäßig und heilbringend unsere Speise sein, indem wir die Wirkkraft seines Todes mit lebendigem Empfinden erfassen. Denn wenn er sich „das Brot des Lebens“ nannte (Joh. 6,48), so entnahm er diese Selbstbezeichnung nicht dem Sakrament, wie es manche verkehrt auslegen. Nein, er hat sich so genannt, weil er uns als das Brot des Lebens vom Vater gegeben war und auch als solches sich erwiesen hat, indem er unserer menschlichen Sterblichkeit teilhaftig wurde und uns dadurch zu Mitgenossen seiner göttlichen Unsterblichkeit machte, indem er sich selbst zum Opfer darbrachte und dadurch unsere Verdammnis auf sich nahm, um uns mit seinem Segen zu durchdringen, indem er mit seinem Tod den Tod verschlang und zunichte machte, und indem er in seiner Auferstehung dies unser vergängliches Fleisch, das er angezogen hatte, zu Herrlichkeit und unvergänglichem Wesen erweckte.



IV,17,5

Nun muß dies aber auch noch alles uns angepaßt werden und dadurch zu uns dringen; das geschieht einerseits durch das Evangelium, anderseits aber noch deutlicher durch das heilige Abendmahl, in dem er sich selbst mit allen seinen Gütern darbietet und wir ihn im Glauben empfangen. Das Sakrament hat also nicht die Wirkung, daß Christus mit ihm erst anfinge, das Brot des Lebens zu sein; nein, es ruft es uns ins Gedächtnis, daß er zum Brot des Lebens geworden ist, das uns fort und fort Speise geben soll, es gewährt uns ein Kosten und Schmecken dieses Brotes, und indem es das tut, bewirkt es, daß wir die Kraft jenes Brotes erfahren. Denn es gibt uns die Verheißung, daß alles, was Christus getan oder gelitten hat, dazu geschehen ist, uns lebendig zu machen. Und weiter sagt es uns zu, daß diese Lebendigmachung, vermöge deren wir ohne Ende in solchem Leben ernährt, erhalten und bewahrt werden sollen, ewig ist. Denn wie Christus nicht das Brot des Lebens für uns gewesen wäre, wenn er nicht für uns geboren und gestorben und wenn er nicht für uns auferstanden wäre, so wäre er es anderseits jetzt durchaus nicht, wenn nicht die Wirkkraft und Frucht seiner Geburt, seines Todes und seiner Auferstehung eine ewige und unsterbliche Sache wäre. Das alles hat Christus treffend zum Ausdruck gebracht, indem er spricht: „Das Brot, das ich geben werde, ist mein Fleisch, welches ich geben werde für das Leben der Welt“ (Joh. 6,51). Mit diesen Worten hat er zweifellos zu verstehen gegeben, daß sein Leib uns deshalb zum Brote für das geistliche Leben der Seele würde, weil er zu unserem Heil in den Tod gegeben werden sollte, und uns zum Essen dargereicht würde, wenn er uns seiner im Glauben teilhaftig machte. Er hat also einmal seinen Leib gegeben, daß er zum Brote würde, und zwar, als er ihn zur Erlösung der Welt an das Kreuz dahingab, und er gibt ihn (andererseits auch) Tag für Tag, indem er uns ihn, so wie er gekreuzigt worden ist, im Worte des Evangeliums darbietet, daß wir seiner teilhaftig werden, er gibt ihn, wo er solch Darbieten in dem heiligen Geheimnis (Sakrament) des Abendmahls versiegelt, und er gibt ihn, indem er das, was er äußerlich im Zeichen veranschaulicht, im Inneren zur Erfüllung bringt. Wir müssen uns nun hier vor zwei Fehlern hüten: einerseits dürfen wir nicht allzuviel Gewicht darauf legen, die Zeichen in ihrem Wert zu verkleinern, und dadurch den Eindruck erwecken, als wollten wir sie von den in ihnen veranschaulichten Geheimnissen losreißen, an die sie doch gewissermaßen angefügt sind; und andererseits dürfen wir nicht maßlos darauf bedacht sein, sie zu erheben, und uns dadurch den Anschein geben, als verdunkelten wir unterdessen auch einigermaßen die Geheimnisse selbst. Es ist keiner, er sei denn voll und ganz ohne Religion, der nicht zugäbe, daß Christus das Brot des Lebens ist, mit dem die Gläubigen zur ewigen Seligkeit gespeist werden. Dagegen besteht nicht bei allen die gleiche Einmütigkeit darüber, in welcher Weise man seiner teilhaftig wird. Es gibt nämlich einige, die mit einem Wort erklären, Christi Fleisch zu essen und sein Blut zu trinken, das sei nichts anderes, als an Christus selbst zu glauben. Mir kommt es aber so vor, als hätte Christus in jener herrlichen Predigt, in der er uns das Essen seines Fleisches anbefiehlt, etwas Kräftigeres und Erhabeneres lehren wollen, nämlich eben dies, daß wir durch wahres Teilhaben an ihm lebendig gemacht werden; und das hat er auch durch die Worte „Essen“ und „Trinken“ zu erkennen gegeben, und zwar dazu, daß niemand auf den Gedanken käme, wir erlangten das Leben, das wir von ihm empfangen, durch einfache Erkenntnis. Denn wie nicht das Anschauen, sondern das Essen des Brotes dem Leibe Nahrung gewährt, so muß die Seele in Wahrheit und durch und durch Christi teilhaftig werden, um mit seiner Kraft zu geistlichem Leben gestärkt zu werden. Unterdessen aber geben wir zu, daß dies Essen kein anderes ist als das des Glaubens, wie sich denn auch kein anderes erdenken läßt. Jedoch besteht zwischen meinen Worten und denjenigen der obengenannten Leute der Unterschied, daß für sie „Essen“ einfach „Glauben“ bedeutet, während ich demgegenüber behaupte: Christi Fleisch „essen“ wir im Glauben, weil er im Glauben der unsere wird, und dies Essen ist eine Frucht und Wirkung des Glaubens. Oder, wenn man es deutlicher haben will: nach ihrer Meinung ist das Essen der Glaube, nach meiner Ansicht dagegen ergibt es sich aus dem Glauben. Das ist den Worten nach zwar ein geringer Unterschied, in der Sache aber kein unerheblicher. Denn der Apostel lehrt freilich, „Christus wohne durch den Glauben in unserem Herzen“ (Eph. 3,17); aber das wird trotzdem niemand so auslegen, als ob solch Wohnen Christi in uns (einfach) der Glaube sei, sondern es besteht allgemeine Übereinstimmung in der Ansicht, daß hier eine herrliche Auswirkung des Glaubens aufgezeigt wird, weil ja die Gläubigen durch den Glauben die Gabe erlangen, daß sie nun Christus als den haben, der in ihnen bleibt. In diesem Sinne hat der Herr, als er sich das Brot des Lebens nannte (Joh. 6,48), nicht nur die Lehre geben wollen, daß das Heil für uns auf dem Glauben an seinen Tod und seine Auferstehung beruht, nein, er wollte auch lehren, wie es durch das wahre Teilhaben an ihm dazu kommt, daß sein Leben in uns übergeht und unser eigen wird, so wie das Brot, wenn es zur Nahrung genommen wird, dem Körper Kraft zukommen läßt.



IV,17,6

Die Vertreter der obigen Anschauung rufen nun Augustin als Gewährsmann an. Aber wenn er schreibt, wir äßen, indem wir glaubten (Predigten zum Johannesevangelium 26,1), so tut er das in keinem anderen Sinne, als um zu zeigen, daß solch Essen Sache des Glaubens und nicht des Mundes ist. Das bestreite ich auch meinerseits nicht; aber ich setze doch zugleich hinzu: wir erfassen Christus im Glauben nicht als einen, der uns von ferne erscheint, sondern als den, der sich mit uns eint, damit er unser Haupt sei und wir seine Glieder. Trotzdem ist es nicht so, daß ich jene Redeweise einfach mißbilligte; ich leugne nur, daß sie eine vollständige Auslegung darstellt, wenn man damit bestimmen will, was es heißt, Christi Fleisch zu essen. Übrigens sehe ich, daß Augustin diese Redeweise häufiger gebraucht hat. So zum Beispiel, wenn er im dritten Buche seines Werkes „Von der christlichen Unterweisung“ sagt: „Wenn es heißt: ‘Werdet ihr nicht essen das Fleisch des Menschensohnes …’ (Joh. 6,53), so ist das ein Bild, in dem wir die Weisung empfangen, am Leiden des Herrn teilzuhaben und lieblich und nutzbringend im Gedächtnis zu behalten, daß sein Fleisch für uns gekreuzigt und verwundet ist“ (Von der christlichen Unterweisung III,16,24). Ebenso geschieht es, wenn er erklärt, die dreitausend Menschen, die durch die Predigt des Petrus bekehrt worden sind (Apg. 2,41), hätten das Blut Christi, das sie in ihrem Wüten vergossen hätten, im Glauben getrunken (Predigten zum Johannesevangelium 31,9; 40,2). Dagegen preist er an sehr vielen anderen Stellen in herrlicher Weise die Wohltat des Glaubens, daß durch ihn unsere Seelen in der Gemeinschaft mit dem Fleische Christi nicht weniger erquickt werden als unsere Leiber mit dem Brot, das sie essen. Und das ist das nämliche, was Chrysostomus an einer Stelle schreibt: Christus mache uns nicht nur im Glauben, sondern mit der Tat zu seinem Leibe (Predigt 60). Das versteht er nicht so, als ob man solches Gut anders als aus dem Glauben erlangen könnte; nein, er will nur die Möglichkeit ausschließen, daß jemand, wenn er den Glauben nennen hört, darunter eine nackte Einbildung begreift. Die Leute aber, die der Meinung sind, das Abendmahl sei bloß ein Merkzeichen für das äußere Bekenntnis, übergehe ich jetzt; ihren Irrtum glaube ich nämlich zureichend widerlegt zu haben, als ich von den Sakramenten im allgemeinen sprach. Der Leser wolle nur dies beachten: wenn der Kelch als „Bund“ („Neues Testament“) in Christi „Blut“ bezeichnet wird, so kommt darin eine Verheißung zum Ausdruck, die stark genug ist, um den Glauben zu bekräftigen. Daraus ergibt sich, daß wir das Heilige Abendmahl nicht recht gebrauchen, wenn wir nicht auf Gott schauen und annehmen, was er uns darreicht.
Simon W.

Der Pilgrim
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Beitragvon Der Pilgrim » 28.01.2012 10:51

IV,17,7

Weiter befriedigen mich auch die nicht, die zwar anerkennen, daß wir mit Christus einige Gemeinschaft haben, uns aber dann, wenn sie diese Gemeinschaft aufweisen wollen, nur seines Geistes teilhaftig sein lassen und dabei des Fleisches und Blutes keinerlei Erwähnung tun. Als ob es alles umsonst gesagt wäre, wenn es heißt, sein Fleisch sei in Wahrheit eine Speise, sein Blut in Wahrheit ein Trank (Joh. 6,55), und nur der habe das Leben, der dieses Fleisch äße und dieses Blut trinke (Joh. 6,53)! Daneben stehen auch noch andere Aussagen dieser Art. Wenn es daher feststeht, daß die vollgültige Gemeinschaft mit Christus über die Beschreibung dieser Leute, die eben viel zu eng gefaßt ist, hinausgeht, so will ich mich daranmachen, mit wenigen Worten anzudeuten, wie weit sie geht und sich ausdehnt, und dann erst will ich auf den entgegengesetzten Fehler eingehen, der darin besteht, daß man jene Beschreibung zu weit spannt. Denn ich werde eine längere Auseinandersetzung mit solchen Lehrern haben müssen, die die Dinge zu weit treiben: sie erdenken sich in ihrer Unkundigkeit eine widersinnige Art und Weise solchen Essens und Trinkens, und dadurch kommt es dann auch dazu, daß sie Christus seines Fleisches berauben und ihn in ein Gespenst verwandeln. Das alles aber geht (eigentlich) nur, wenn es möglich ist, dies große Geheimnis mit irgendwelchen Worten zu erfassen – ich sehe aber, daß ich es nicht einmal mit dem Herzen genugsam begreife, und ich gebe das auch gern zu, damit nicht jemand seine Erhabenheit nach dem geringen Maß meines kindlichen Stammelns bemißt. Ja, ich fordere die Leser vielmehr auf, das Empfinden ihres Verstandes nicht in dieser gar zu engen Grenze zu halten, sondern danach zu streben, daß sie höher emporsteigen, als sie es unter meiner Anleitung vermögen. Denn es geht mir selbst so: allemal, wenn von dieser Sache die Rede ist, dann meine ich, nachdem ich alles zu sagen versucht habe, ich hätte im Vergleich zur Würde der Sache noch gar wenig gesagt. Und obgleich der Geist mit seinem Nachdenken mehr erreicht als die Zunge mit ihrem Ausdruck, so wird doch auch er von der Größe der Sache überwunden und überrannt. Daher bleibt endlich nichts anderes übrig, als daß ich in die Bewunderung dieses Geheimnisses ausbreche, das weder mein Verstand völlig zu bedenken noch meine Zunge darzulegen imstande sein kann. Dennoch will ich den Hauptinhalt meiner Meinung, so gut es immer gehen mag, auseinandersetzen; denn ich zweifle nicht daran, daß sie wahr ist, und bin deshalb auch der Zuversicht, daß sie von frommen Herzen nicht verworfen werden wird.



IV,17,8

Vor allem anderen werden wir aus der Schrift gelehrt, daß Christus seit Anbeginn das lebendigmachende Wort des Vaters (Joh. 1,1), der Brunnen und Ursprung des Lebens gewesen ist, von dem alles je und je das Leben empfangen hat. Daher kommt es, daß Johannes ihn bald „das Wort des Lebens“ nennt (1. Joh. 1,1f.), bald auch schreibt, daß „in ihm das Leben“ gewesen sei (Joh. 1,4): damit gibt er zu verstehen, daß Christus auch dazumal alle Kreaturen durchdrungen und ihnen die Kraft zum Atmen und Leben eingegeben hat. Der nämliche Johannes setzt aber dann hernach hinzu, daß uns das Leben erst da offenbart worden ist, als der Sohn Gottes unser Fleisch annahm und sich von unseren Augen sehen und von unseren Händen betasten ließ (1. Joh. 1,2; Joh. 1,14). Denn er ließ freilich auch zuvor seine Kraft auf die Kreaturen überströmen; aber der Mensch war ja durch die Sünde von Gott entfremdet, er war des Anteilhabens am Leben verlustig gegangen und sah nun, wie ihm von allen Seiten der Tod drohte; damit er also die Hoffnung auf die Unsterblichkeit wiedererlangte, mußte er in die Gemeinschaft mit diesem Wort aufgenommen werden. Denn was für Zuversicht würdest du wohl daraus schöpfen, wenn du zwar vernähmest, daß Gottes Wort, von dem du aber so weit entfernt wärest wie nur möglich, die Fülle des Lebens in sich beschließt – in dir selber aber und rings um dich herum dir nichts begegnete und nichts vor die Augen träte als der Tod? Aber seitdem dieser Brunnen des Lebens in unserem Fleisch zu wohnen angefangen hat, liegt er nun nicht mehr fern für uns verborgen, sondern ist uns nahe und bietet sich uns dar, daß wir an ihm teilhaben können! Ja, er läßt auch das Fleisch, in dem er wohnt, für uns lebendigmachend sein, daß wir durch das Teilhaben an ihm zur Unsterblichkeit gespeist werden. „Ich bin“, sagt er, „das Brot des Lebens, vom Himmel gekommen … Und das Brot, das ich geben werde, ist mein Fleisch, welches ich geben werde für das Leben der Welt“ (Joh. 6,51; vgl. Joh. 6,48). Mit diesen Worten lehrt er, daß er nicht nur insofern das Leben ist, als er Gottes ewiges Wort ist, das vom Himmel zu uns herniederstieg, sondern daß er durch sein Herniederkommen jene Kraft in das Fleisch ergossen hat, das er annahm, damit uns aus ihm das Teilhaben am Leben zufließe. Daraus ergibt sich dann auch dies, daß sein Fleisch in Wahrheit eine Speise, sein Blut in Wahrheit ein Trank ist (Joh. 6,55) und die Gläubigen durch solche Nahrung zum ewigen Leben genährt werden. Ein herrlicher Trost liegt für die Frommen also darin, daß sie nun in ihrem eigenen Fleische das Leben finden. Denn damit dringen sie nicht nur in leichtem Zugang zu ihm hin, sondern es liegt frei vor ihnen und kommt ihnen entgegen. Sie brauchen nur den Busen ihres Herzens zu öffnen, um es als gegenwärtig zu empfangen, dann werden sie es erhalten!



IV,17,9

Allerdings hat Christi Fleisch nicht aus sich selbst heraus soviel Kraft, um uns lebendig zu machen; denn es war in seinem früheren Zustande der Sterblichkeit unterworfen, und jetzt, wo es mit Unsterblichkeit begabt ist, lebt es nicht aus sich selbst. Aber es wird trotzdem mit Recht als „lebendigmachend“ bezeichnet, weil es mit der Fülle des Lebens durchdrungen ist, um sie auf uns übergehen zu lassen. In diesem Sinne lege ich mit Cyrill das Wort Christi aus: „Wie der Vater das Leben hat in ihm selber, also hat er dem Sohn gegeben, das Leben zu haben in ihm selber“ (Joh. 5,26). Denn an dieser Stelle geht Christus im eigentlichen Sinne auf seine Gaben ein, und zwar nicht auf die, welche er seit Anbeginn bei dem Vater besaß, sondern auf jene, mit denen er eben in dem Fleische geziert wurde, in dem er erschienen ist. Er zeigt also, daß auch in seiner menschlichen Natur die Fülle des Lebens wohnt: es soll eben jeder, der an seinem Fleisch und Blut teilhat, zugleich des Lebens teilhaftig sein. In welcher Weise das geschieht, möchte ich mit einem bekannten Beispiel darlegen. Aus einem Brunnen wird das Wasser bald getrunken, bald geschöpft, bald durch Kanäle zur Bewässerung von Ackerland abgeleitet; trotzdem liegt es nicht an dem Brunnen selbst, daß er zu so vielerlei Nutzbrauch sein Wasser überströmen läßt, sondern an der Quelle, die ihm in fortwährendem Fließen immer wieder neue Ströme darreicht und zukommen läßt. Genau ebenso ist Christi Fleisch wie ein reicher, unerschöpflicher Brunnen, der das Leben, das aus der Gottheit (der „göttlichen Natur“) zu ihm hinüberquillt, zu uns überströmen läßt. Wer merkt nun noch nicht, daß die Gemeinschaft an Christi Fleisch und Blut für alle, die nach dem himmlischen Leben streben, unerläßlich ist? Hierauf beziehen sich auch zahlreiche Aussagen des Apostels. So das Wort, daß die Kirche der „Leib“ Christi und seine „Fülle“ ist, er selber aber „das Haupt“ (Eph. 1,22f.), „von welchem aus der ganze Leib zusammengefügt ist und ein Glied am anderen hanget durch alle Gelenke …, daß der Leib wächst“ (Eph. 4,16). Oder auch das andere, daß unsere „Leiber Christi Glieder sind“ (1. Kor. 6,15). Wir verstehen, daß dies nicht anders geschehen kann als dadurch, daß er ganz, mit Geist und Leib, mit uns verbunden ist. Aber diese unlösbar enge Gemeinschaft, in der wir mit Christi Fleisch verbunden werden, hat der Apostel noch mit einem köstlicheren Lobpreis verherrlicht, indem er sagte: „Wir sind Glieder seines Leibes, von seinem Fleisch und von seinem Gebein“ (Eph. 5,30). Und um schließlich zu bezeugen, daß diese Sache größer ist als alle erdenklichen Worte, beschließt er seine Rede mit dem Ausruf: „Das Geheimnis ist groß“ (Eph. 5,32). Es würde also von äußerstem Aberwitz zeugen, wenn man keine Gemeinschaft der Gläubigen mit Fleisch und Blut des Herrn anerkennen wollte, wo doch der Apostel erklärt, daß sie so groß ist, daß er sie lieber bewundern als darlegen will.



IV,17,10

Zusammenfassend sei gesagt: unsere Seelen werden mit dem Fleisch und Blut Christi nicht anders genährt, als wie Brot und Wein das leibliche Leben erhalten und fördern. Denn das Entsprechungsverhältnis, das bei dem Zeichen (in seiner Beziehung zur Sache) besteht, würde nicht passen, wenn die Seelen nicht ihre Speise in Christus fänden. Und das kann nicht geschehen, wenn Christus nicht in Wahrheit mit uns in eins zusammenwächst und uns durch das Essen seines Fleisches und das Trinken seines Blutes erquickt. Es mag allerdings wohl unglaublich erscheinen, daß Christi Fleisch bei so großer räumlicher Entfernung zu uns dringen kann, um uns zur Speise zu werden; aber wir wollen bedenken, wie weit die verborgene Kraft des Heiligen Geistes über alle unsere Sinne hinausragt, und wie töricht es wäre, ihre Unermeßlichkeit nach unserem Maß messen zu wollen. Was also unser Verstand nicht begreift, das soll der Glaube erfassen: was räumlich getrennt ist, das wird vom Heiligen Geist in Wahrheit geeint. Jenes heilige Teilhaben an seinem Fleisch und Blut nun, in dem Christus sein Leben auf uns überströmen läßt, wie wenn es uns in Mark und Bein dränge, – das bezeugt und versiegelt er auch im Abendmahl, und zwar nicht durch vorhalten eines eitlen und leeren Zeichens, sondern indem er die Wirkkraft seines Geistes dabei ans Licht bringt, um mit ihr das, was er verheißt, in Erfüllung gehen zu lassen. Und es ist zweifellos so, daß er die Sache, die darin als in einem Zeichen veranschaulicht wird, allen darbietet und vor Augen stellt, die sich zu jenem geistlichen Mahl niederlassen, obgleich sie allein von den Gläubigen mit Frucht empfangen wird, die solche große Freundlichkeit in wahrem Glauben und mit herzlicher Dankbarkeit annehmen. In diesem Sinne hat der Apostel gesagt, „das Brot, das wir brechen“, sei „die Gemeinschaft des Leibes Christi“, und „der Kelch, welchen wir“ mit Wort und Gebet dazu „segnen“, sei „die Gemeinschaft des Blutes Christi“ (1. Kor. 10,16). Es besteht auch kein Anlaß dazu, daß irgendwer den Einwand macht, das sei hier eine bildliche Redeweise, in welcher der Name der im Zeichen veranschaulichten Sache auf das Zeichen selbst übertragen würde. Ich gebe allerdings zu, daß das Brechen des Brotes ein Merkzeichen ist und nicht die Sache selbst. Aber wenn wir das feststellen, so können wir doch daraus, daß uns das Zeichen dargegeben wird, mit Recht den Schluß ziehen, daß uns auch die Sache gewährt wird. Denn wenn einer Gott nicht lügenhaft nennen will, so wird er sich nie und nimmer erdreisten, die Behauptung aufzustellen, es würde uns von ihm ein eitles Merkzeichen vorgehalten. Wenn also der Herr durch das Brechen des Brotes in Wahrheit das Teilhaben an seinem Leibe veranschaulicht, so darf es durchaus nicht in Zweifel gezogen werden, daß er uns dies auch in Wahrheit gewährt und dargibt. Und es müssen überhaupt alle Gläubigen die Regel festhalten, daß sie allemal, wenn sie die Merkzeichen sehen, die der Herr eingesetzt hat, auch gewißlich dafürhalten und überzeugt sein sollen, daß darin auch die Wahrheit der im Zeichen dargestellten Sache gegenwärtig sei. Weshalb gibt dir denn der Herr anders das Merkzeichen seines Leibes in die Hand, als um dich des wahren Teilhabens an ihm zu vergewissern? Wenn es nun wahr ist, daß uns das sichtbare Zeichen dargeboten wird, um die Schenkung der unsichtbaren Sache zu versiegeln, so sollen wir, wenn wir das Merkzeichen des Leibes Christi empfangen haben, die feste Zuversicht in uns tragen, daß uns nicht weniger auch der Leib selbst gegeben wird.
Simon W.

Der Pilgrim
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Beitragvon Der Pilgrim » 30.01.2012 00:39

IV,17,11

Ich behaupte also – und so hat man es in der Kirche allezeit angenommen, ebenso lehren es auch heute alle, die der rechten Meinung sind –, daß das heilige Geheimnis (Sakrament) des Abendmahls aus zwei Dingen besteht: aus leiblichen Zeichen, die uns vor Augen gestellt werden und uns unsichtbare Dinge nach dem Auffassungsvermögen unserer Schwachheit veranschaulichen, und der geistlichen Wahrheit, die durch die Merkzeichen selbst zugleich abgebildet und dargeboten wird. Wenn ich nun auf leichtfaßliche Weise zeigen will, von welcher Art diese Wahrheit ist, so pflege ich dreierlei aufzustellen: die Bedeutung (significatio), die zugrunde liegende Ursache (materia), die davon abhängt, und die Kraft oder Wirkung, die sich aus beiden ergibt. Die „Bedeutung“ liegt in den Verheißungen, die gewissermaßen in das Zeichen eingehüllt sind. Als zugrundeliegende Ursache oder „Substanz“ bezeichne ich Christus mit seinem Tod und seiner Auferstehung. Unter der Wirkung aber verstehe ich die Erlösung, die Gerechtigkeit, die Heiligung, das ewige Leben und all die anderen Wohltaten, die uns Christus schafft. Und weiter: all dies bezieht sich allerdings auf den Glauben; aber trotzdem gebe ich der Lästerung keinen Raum, als ob ich mit dem Satz, daß Christus im Glauben ergriffen wird, etwa meinte, er würde bloß mit dem Verstand oder der Einbildung erfaßt. Wenn ihn nämlich die Verheißungen anbieten, so geschieht das nicht, damit wir beim Anschauen oder bei einer bloßen Erkenntnis hängenbleiben, sondern damit wir des wahren Anteilhabens an ihm genießen. Und ich sehe wirklich nicht, wieso jemand die Zuversicht haben will, in Christi Kreuz die Erlösung und Gerechtigkeit und in seinem Tode das Leben zu haben, ohne vor allem auf die wahre Gemeinschaft mit Christus selbst sein Vertrauen zu setzen. Denn alle diese Güter kämen nicht zu uns hin, wenn sich uns Christus nicht zuvor zu eigen gäbe. Ich behaupte also, daß uns im Geheimnis (Sakrament) des Abendmahls durch die Merkzeichen Brot und Wein Christus in Wahrheit dargeboten wird und damit auch sein Leib und Blut, in welchen er allen Gehorsam erfüllt hat, um uns die Gerechtigkeit zu erwerben. Und das geschieht, damit wir erstens mit ihm zu einem Leibe zusammenwachsen und zweitens, seiner Substanz teilhaftig geworden, auch seine Kraft erfahren, indem wir an allen seinen Gütern teilhaben.



IV,17,12

Jetzt gehe ich zu den übertriebenen Vermengungen über, die der Aberglaube aufgebracht hat. Denn hier hat der Satan in erstaunlicher Arglist sein Spiel getrieben, um den Geist der Menschen vom Himmel wegzuziehen und sie mit dem verdrehten Irrtum zu erfüllen, als ob Christus an das Element des Brotes gebunden sei. Zunächst dürfen wir uns nun die Gegenwart Christi im Sakrament in keiner Weise so zusammenträumen, wie sie sich die Kunstmeister des römischen Hofes erdacht haben, als ob Christi Leib in räumlicher Gegenwärtigkeit hingestellt würde, damit wir ihn mit unseren Händen betasteten, mit unseren Zähnen zerdrückten und mit unserem Munde verschluckten. Denn das ist der Inhalt der Widerrufsformel, die der Papst Nikolaus (II.) dem Berengar (von Tours) diktierte, damit sie als Zeuge seiner Bußfertigkeit diente; und das geschah mit derart ungeheuerlichen Worten, daß der Verfasser der Randbemerkungen (zum Decretum Gratiani) ausruft, es bestehe die Gefahr, daß die Leser, wenn sie nicht vorsichtig auf ihrer Hut seien, daraus eine schlimmere Ketzerei entnähmen, als es die des Berengar gewesen sei (Decretum Gratiani III,2,42; Glosse zum Decretum Gratiani zur nämlichen Stelle). Und Petrus Lombardus gibt sich zwar große Mühe, diesen Widersinn zu beschönigen, neigt aber trotzdem mehr zu einer abweichenden Ansicht. Denn wir sind nun einerseits fest überzeugt, daß der Leib Christi nach der ständigen Art des menschlichen Leibes begrenzt ist und vom Himmel umschlossen wird (vgl. Apg. 3,21), in den er einmal aufgenommen ist, bis er wiederkommt, um Gericht zu halten; und deshalb halten wir es andererseits für völlig unstatthaft, ihn wieder unter diese vergänglichen Elemente herabzuziehen oder sich einzubilden, er sei allenthalben gegenwärtig. Das ist aber auch in der Tat nicht notwendig, damit wir des Anteilhabens an ihm genießen können: denn der Herr gewährt uns durch seinen Geist die Wohltat, daß wir nach Leib, Geist und Seele mit ihm eins werden. Das Band dieser Verbindung ist also der Geist Christi: er ist die Verknüpfung, durch die wir mit ihm verbunden werden, und er ist gleichsam ein Kanal, durch den alles, was Christus selber ist und hat, zu uns geleitet wird (Chrysostomus in einer Predigt über den Heiligen Geist). Wenn wir nämlich sehen, wie die Sonne mit ihren Strahlen auf die Erde scheint und gewissermaßen, um ihre Sprößlinge zu zeugen, zu nähren und zu beleben, ihre Substanz auf sie übergehen läßt – weshalb sollten dann die Strahlen des Geistes Christi von geringerem Vermögen sein, um uns die Gemeinschaft mit seinem Fleisch und Blut zuzutragen? Daher kommt es, daß die Schrift, wo sie von unserem Teilhaben an Christus redet, dessen gesamte Kraft auf den Heiligen Geist zurückführt. Statt vieler Stellen mag es genügen, eine einzige zu nennen. Paulus spricht nämlich im achten Kapitel seines Briefes an die Römer davon, daß Christus nicht anders als durch seinen Geist in uns wohnt (Röm. 8,9); aber damit hebt er doch jene Gemeinschaft mit Fleisch und Blut Christi, von der hier die Rede ist, nicht etwa auf, sondern er lehrt, daß es durch den Geist allein dazu kommt, daß wir den ganzen Christus besitzen und als den haben, der in uns bleibt.



IV,17,13

Bescheidener äußern sich solche Schultheologen, die in der Abscheu gegen solch barbarische Gottlosigkeit befangen sind. Aber auch sie tun trotzdem nichts anderes, als daß sie mit feineren Gaukeleien ihr Spiel treiben. Sie geben zu, daß Christus nicht im räumlichen Sinne oder auf leibliche Weise im Sakrament enthalten sei; aber dann erdenken sie sich einen Gedankengang, den sie weder selbst begreifen noch anderen begreiflich machen können, und der geht dann doch darauf hinaus, daß man Christus in der Gestalt (species) des Brotes sucht, wie sie es nennen. Wieso nun? Sie behaupten, die Substanz des Brotes werde in Christus verwandelt – binden sie ihn damit nicht an die weiße Farbe, die nun nach ihrer Meinung allein (von dem Brote) übrigbleibt? Aber, so sagen sie, er ist in der Weise im Sakrament enthalten, daß er doch zugleich im Himmel verbleibt, und wir behaupten keine andere Gegenwärtigkeit als die der sinnlichen Beschaffenheit. Aber was für Wörter sie nun auch zum Vorwand nehmen mögen, um ihrer Sache einen schönen Schein zu geben, so ist doch das Ziel bei allen dies, daß etwas, was zuvor Brot war, durch die Weihe (consecratio) nun Christus wird, so daß sich Christus nun weiter unter dieser Farbe des Brotes verbirgt. Sie schämen sich auch nicht, diese Meinung ausdrücklich auszusprechen. Denn der Lombarde erklärt wörtlich, der Leib Christi, der an und für sich sichtbar sei, liege nach Vollzug der Weihe unter der Gestalt des Brotes verborgen und werde von ihr überdeckt (Sentenzen IV,10,2). So ist also das Abbild jenes Brotes nichts anderes als eine Larve, die unseren Augen den Anblick des Fleisches entziehen soll. Es sind aber auch nicht viele Vermutungen vonnöten, damit wir herausbekommen, was für trügerische Anschläge sie mit diesen Worten haben bereiten wollen; denn die Tatsachen selber reden klar und deutlich. Denn es liegt vor Augen, in was für einem großen Aberglauben schon manche Jahrhunderte lang nicht nur die große Menge der Menschen, sondern auch die führenden Männer gesteckt haben, ja, auch heute noch unter den papistischen Kirchen stecken. Denn um den wahren Glauben, durch den allein wir zu der Gemeinschaft mit Christus kommen und mit Christus verbunden sind, haben sie sich wenig Sorge gemacht, aber unterdessen meinen sie Christus genugsam gegenwärtig zu haben, wenn sie nur seine fleischliche Gegenwart besitzen, die sie sich außerhalb des Wortes ausgeklügelt haben. Daher sehen wir wie bei dieser scharfsinnigen Spitzfindigkeit im wesentlichen soviel herausgekommen ist, daß man das Brot für Gott hält!



IV,17,14

Daraus ist dann jene erdachte „Transsubstantiation“ (Substanzwandlung) entsprungen, für die sie heutzutage heftiger streiten als für alle anderen Hauptstücke ihres Glaubens. Die ersten Baumeister der räumlichen Gegenwärtigkeit (Christi im Sakrament) konnten sich eben nicht aus der Frage herauswinden, wieso denn Christi Leib mit der Substanz des Brotes vermischt sein könnte, ohne daß sofort zahlreiche Widersinnigkeiten aufträten. Es erwies sich also als notwendig, zu der selbsterdachten Auskunft seine Zuflucht zu nehmen, es geschähe (bei dem Abendmahl) eine Verwandlung („Wandlung“) des Brotes in den Leib (Christi) – nicht, daß im eigentlichen Sinn aus dem Brot der Leib würde, sondern dergestalt, daß Christus die Gestalt des Brotes zunichte machte, um sich unter dem Bild desselben zu verbergen. Es ist aber doch verwunderlich, daß sie in eine derartige Unwissenheit, ja, Stumpfheit verfallen sind, daß sie gegen den Widerspruch nicht allein der Schrift, sondern auch der einhelligen Überzeugung der Alten Kirche diese Ungeheuerlichkeit vorgebracht haben. Ich gebe allerdings zu, daß einige unter den alten Kirchenlehrern den Ausdruck „Verwandlung“ zuweilen angewandt haben, und zwar nicht, weil sie die Absicht gehabt hätten, bei den äußeren Zeichen die Substanz abzuschaffen, sondern weil sie lehren wollten, wie das für das Geheimnis (Sakrament) geweihte Brot bei weitem von dem gewöhnlichen unterschieden sei und bereits etwas anderes darstelle. Alle aber erklären sie allenthalben klar und deutlich, daß das Heilige Abendmahl aus zwei Stücken besteht, einem irdischen und einem himmlischen, und unter dem irdischen verstehen sie unstreitig Brot und Wein. Was die Römischen aber auch schwatzen mögen, so liegt es jedenfalls auf der Hand, daß ihnen der Beistand der Alten Kirche, den sie oftmals dem klaren Worte Gottes entgegenzustellen sich erdreisten, bei der Bekräftigung dieser Lehre abgeht. Auch ist diese Lehre ja nicht eben vor sehr langer Zeit ausgedacht worden; sie ist jedenfalls nicht nur jenen besseren Zeiten unbekannt, in denen noch eine reinere Lehre der Religion in Kraft stand, sondern auch jenen Zeiten, in denen diese Reinheit bereits einigermaßen besudelt war. Unter den alten Kirchenlehrern befindet sich keiner, der nicht mit ausdrücklichen Worten zugäbe, daß die heiligen Merkzeichen des Abendmahls Brot und Wein sind, obwohl sie sie, wie gesagt, zuweilen mit verschiedenartigen (schmückenden) Beiwörtern auszeichnen, um die Würde des Sakraments zu preisen. Denn wenn sie sagen, in der Weihe vollzöge sich eine verborgene Verwandlung, so daß nun etwas anderes da sei als Brot und Wein, so geben sie damit, wie ich bereits bemerkte, nicht etwa zu verstehen, daß diese Elemente zunichte gemacht würden, sondern vielmehr dies, daß sie nun anders angesehen werden müßten als gewöhnliche Nahrungsmittel, die bloß dazu bestimmt sind, den Leib zu speisen, und zwar darum, weil uns in ihnen ja die geistliche Speise und der geistliche Trank der Seele dargeboten werden. Das bestreiten auch wir nicht. Wenn nun aber eine Verwandlung eintritt, so sagen sie, so muß eben notwendig eins aus dem anderen entstehen. Wenn sie darunter verstehen, daß es etwas wird, was es vorher nicht war, so sage ich Ja. Wollen sie es aber auf ihre Phantasterei beziehen, so sollen sie mir Antwort geben, was für eine Verwandlung denn nach ihrer Meinung bei der Taufe eintritt. Denn auch dabei stellen die Kirchenväter eine wundersame Verwandlung fest, indem sie behaupten, aus dem vergänglichen Element werde das geistliche Bad der Seele, wobei jedoch keiner bestreitet, daß das Wasser Wasser bleibt. Aber, so sagen sie, bei der Taufe finden wir doch nichts von der Art wie das Wort beim Abendmahl: „Das ist mein Leib.“ Als ob es sich hier um jene Worte handelte, die einen genügend deutlichen Sinn haben, und nicht vielmehr um den Ausdruck „Verwandlung“, der beim Abendmahl keine größere Bedeutung haben darf als bei der Taufe. Sie sollen sich also mit solcher Silbenhascherei davonmachen, mit der sie nichts anderes an den Tag bringen als ihre Unkenntnis! Auch würde die Bedeutung (des Zeichens) nicht passen, wofern nicht die Wahrheit, die in Brot und Wein veranschaulicht wird, in dem äußeren Zeichen einen lebendigen Ausdruck fände. Christus hat mit einem äußeren Merkzeichen bezeugen wollen, daß sein Fleisch eine Speise ist; wenn er uns nun bloß ein eitles Gespenst von Brot, nicht aber wirkliches Brot vorsetzte – wo bliebe dann jenes Entsprechungsverhältnis oder jene Ähnlichkeit, die uns von der sichtbaren Sache zur unsichtbaren führen soll? Damit nämlich alles zusammenpaßte, würde sich unter solchen Umständen die Bedeutung nicht weiter erstrecken, als daß wir durch die „Gestalt“ des Fleisches Christi gespeist würden! Ebenso steht es bei der Taufe: wenn da bloß ein Bild von Wasser wäre und unsere Augen täuschte, dann wäre die Taufe für uns kein gewisses Unterpfand unserer Reinwaschung, ja, es würde uns durch solchen trügerischen Augenschein Anlaß zum Schwanken geben. Das Wesen des Sakraments wird also zunichte gemacht, wenn nicht das irdische Zeichen in der Art der zeichenhaften Veranschaulichung der himmlischen Sache entspricht. Und daher geht also die Wahrheit dieses Geheimnisses verloren, wenn nicht das wahre Brot den wahren Leib Christi vergegenwärtigt. Ich wiederhole es noch einmal: das Abendmahl ist nichts anderes als die sichtbare Bezeugung der Verheißung, die sich im sechsten Kapitel des Johannesevangeliums findet, nämlich daß Christus das Brot des Lebens ist, das vom Himmel herabgekommen ist (Joh. 6,46.51); soll also dieses geistliche Brot veranschaulicht werden, so muß notwendig sichtbares Brot dazwischentreten, wofern wir nicht wollen, daß uns alle Frucht verlorengeht, die Gott in diesem Stück zur Unterstützung unserer Schwachheit gewährt. Paulus sagt, wir alle, die wir miteinander eines Brotes teilhaftig sind, seien ein Brot und ein Leib (1. Kor. 10,17); in welcher Weise sollte er nun zu diesem Schluß kommen können, wenn uns bloß ein Gespenst von Brot bliebe und nicht vielmehr die natürliche Wirklichkeit?
Simon W.

Der Pilgrim
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Beitragvon Der Pilgrim » 01.02.2012 00:35

IV,17,15

Sie wären nun aber von den Gaukeleien des Satans nie und nimmer so jämmerlich angeführt worden, wenn sie nicht schon (zuvor) von jenem Irrtum bezaubert gewesen wären, der Leib Christi sei in das Brot eingeschlossen und werde dann mit dem leiblichen Munde in den Leib befördert. Die Ursache für diese grobe Einbildung bestand darin, daß die Weihe (Konsekration) bei ihnen ebensoviel bedeutete wie eine Zauberbeschwörung. Dabei war ihnen aber der Grundsatz verborgen, daß das Brot nur für solche Menschen ein Sakrament ist, an die sich das Wort richtet, wie sich auch das Wasser der Taufe nicht in sich verändert, sondern, sobald sich die Verheißung mit ihm verbindet, für uns etwas zu sein anfängt, was es zuvor nicht war. Ich will ein ähnliches Sakrament als Beispiel nehmen; dann wird die Sache deutlicher werden. Das Wasser, das in der Wüste aus dem Felsen hervorfloß (Ex. 17,6), war für die Väter das Erkennungsmerkmal und Zeichen für die nämliche Sache, die uns der Wein im Abendmahl veranschaulicht. Denn Paulus lehrt, sie hätten (mit uns) „einerlei geistlichen Trank getrunken“ (1. Kor. 10,4). Dieses Wasser haben nun aber zusammen mit dem Volke auch seine Lasttiere und sein Vieh genossen. Daraus ergibt sich mit Leichtigkeit, daß bei den irdischen Elementen, wenn sie zu geistlichem Gebrauch angewendet werden, keine andere Verwandlung stattfindet als mit Bezug auf die Menschen, insofern diese Elemente für sie ja Siegel der Verheißungen sind. Und zudem: wenn es, wie ich nun zu mehreren Malen einschärfe, Gottes Absicht ist, uns mit geeigneten Mitteln zu sich emporzuheben, so machen das die Leute, die uns zwar zu Christus rufen, aber zu dem, der unsichtbar unter dem Brot verborgen liegen soll, mit ihrer Halsstarrigkeit gottlos zunichte. Es kann doch nicht geschehen (so meinten sie), daß sich der Geist des Menschen von dem unermeßlichen räumlichen Abstand freimacht und über die Himmel hinaus bis zu Christus dringt. Und was ihnen die Natur versagte, das haben sie dann mit einer noch schädlicheren Arznei zu bessern gesucht, damit wir auf Erden bleiben und dabei (doch) nicht die Nähe des himmlischen Christus entbehren. Man sehe: das ist also die Notwendigkeit, die sie dazu gezwungen hat, den Leib Christi in seiner Substanz sich verwandeln zu lassen! Zur Zeit des Bernhard hatte sich zwar schon eine recht harte Redeweise durchgesetzt; aber die Transsubstantiation war noch nicht anerkannt. Und in allen Jahrhunderten zuvor war das Gleichnis in aller Munde, in diesem Sakrament sei die geistliche Sache mit Brot und Wein verbunden. Was die Worte (Brot und Wein) betrifft (die doch gegen solche Verwandlung sprechen), so geben sie zwar nach ihrer Meinung scharfsinnige Antworten; aber sie bringen dabei nichts vor, was zu der Sache, die hier zur Verhandlung steht, paßte. So sagen sie: der Stab des Mose, der in eine Schlange verwandelt wurde, bekommt zwar den Namen „Schlange“, aber er behält trotzdem den früheren Namen bei und wird als „Stab“ bezeichnet (Ex. 4,3; 7,10). So ist es nach ihrer Meinung im gleichen Maße anzuerkennen, wenn das Brot, obwohl es in eine neue Substanz übergeht, doch im uneigentlichen Sinne, aber doch nicht ohne Sinn als das bezeichnet wird, was es vor Augen und dem Anschein nach ist (nämlich eben als Brot). Aber was für eine Ähnlichkeit oder Verwandtschaft finden sie zwischen jenem Wunder, das doch bekannt ist, und ihrer ersonnenen Betrügerei, für die kein einziges Auge auf Erden Zeuge ist? (Die Sache war vielmehr so:) Die Zauberer trieben mit Gaukeleien ihr Spiel, um den Ägyptern die Überzeugung beizubringen, sie feien mit göttlicher Kraft ausgerüstet, um über die Ordnung der Natur hinaus die Kreaturen zu verwandeln. Da trat Mose auf, machte alle ihre Betrügereien zunichte und zeigte damit, daß die unüberwindliche Kraft Gottes auf seiner Seite stand, weil ja sein Stab allein alle übrigen verschlang (Ex. 7,12). Aber weil diese Verwandlung mit Augen sichtbar war, so hat sie, wie gesagt, mit unserer Sache hier nichts zu tun, auch kehrte der Stab kurze Zeit nachher in sichtbarer Weise wieder zu seiner Gestalt zurück (Ex. 7,15). Dazu kommt, daß man nicht weiß, ob jene zeitlich vorübergehende Verwandlung auch eine solche der Substanz gewesen ist. Auch muß man beachten, daß Mose (durch die Beibehaltung des Namens „Stab“) auf die Stäbe der Zauberer anspielt; denn der Prophet wollte diese Stäbe nicht als „Schlangen“ bezeichnen, um nicht den Eindruck zu erwecken, als deutete er eine Verwandlung an, die keine war; denn diese Gaukler hatten ja nichts anderes getan als die Augen der Zuschauer in Finsternis versetzt. Was besteht nun für eine Ähnlichkeit zwischen diesem Vorgang und den Worten über das Abendmahl? Ich nenne etwa: „Das Brot, das wir brechen …“ (1. Kor. 10,16), oder: „Sooft ihr von diesem Brot esset …“ (1. Kor. 11,26), oder: „Sie hatten Gemeinschaft im Brotbrechen …“ (Apg. 2,42; ungenau) – oder ähnliche Worte. Es ist doch sicher, daß durch die Beschwörung der Zauberer bloß die Augen betrogen worden sind. Was Mose betrifft, so ist die Sache nicht so deutlich: es war eben für Gott genau so leicht, durch seine Hand aus dem Stab eine Schlange und wiederum aus der Schlange einen Stab zu machen, als den Engeln fleischliche Leiber anzulegen und sie ihnen wieder auszuziehen. Wenn es mit diesem Sakrament gleich oder ähnlich bestellt wäre, so hätte die Lösung dieser Leute einigen Schein für sich. (Das ist aber nicht der Fall.) Es muß also fest stehenbleiben: im Abendmahl wird uns nur dann in Wahrheit und sachentsprechend die Verheißung gegeben, daß Christi Fleisch (uns) wahrhaft zur Speise wird, wenn dieser Verheißung die wirkliche Substanz des äußeren Merkzeichens entspricht. Aber es entsteht ja immer ein Irrtum aus dem anderen, und so hat man auch eine Stelle bei Jeremia dermaßen unsinnig verdreht, um die Transsubstantiation zu beweisen, daß es mich verdrießt, davon zu berichten. Der Prophet klagt, daß man in sein Brot Holz gelegt hat (Jer. 11,19; nach der lateinischen Übersetzung, der Vulgata), und damit deutet er an, daß durch das Wüten seiner Feinde sein Brot voll Bitternis geworden ist. Das ist so, wie auch David unter Benutzung des gleichen Bildes klagt, man habe ihm seine Speise mit Galle und sein Getränk mit Essig verdorben (Ps. 69,22). Unsere Widersacher aber geben der Stelle (bei Jeremia) eine sinnbildliche Deutung in der Weise, daß hier gesagt wäre, Christi Leib sei an das Holz des Kreuzes geheftet (und dann nach dieser Stelle in das Brot gelegt) worden. Aber, so entgegnen sie wohl, so haben doch auch einige von den Alten gedacht! Als ob es nicht besser wäre, ihnen ihre Unwissenheit zugute zu halten und ihre Schande zuzudecken, als noch eine Unverschämtheit zuzufügen, so daß die Alten nun gezwungen werden, mit dem ursprünglichen Sinn des Prophetenworts feindselig aneinanderzugeraten.



IV,17,16

Es gibt andere, die sehen, daß man das Entsprechungsverhältnis von Zeichen und bezeichneter Sache nicht zerstören kann, ohne daß damit die Wahrheit des Sakraments zusammenbricht, und die deshalb zugeben, daß das Brot im Abendmahl in Wahrheit die Substanz eines irdischen und vergänglichen Elements ist und keinerlei Verwandlung an sich erfährt, aber (und das ist der entscheidende Punkt) den Leib Christi „unter“ (in) sich eingeschlossen hat. Es könnte nun sein, daß sie ihre Meinung so auslegten: wenn das Brot im Sakrament dargereicht wird, so ist damit die Darbietung des Leibes Christi unmittelbar verbunden, weil das Zeichen die in ihm dargestellte Wahrheit unabtrennbar bei sich hat. Wäre es so, dann würde ich keinen wesentlichen Streit erheben. Tatsächlich aber denken sie den Leib selber im Brote räumlich anwesend und dichten ihm dabei eine Allgegenwärtigkeit an, die mit seiner Natur im Widerspruch steht, auch fügen sie die Wörtlein „Unter dem Brote“ hinzu und wollen damit zeigen, der Leib liege unter dem Brote verborgen. Weil es so steht, darum ist es vonnöten, solche Verschlagenheiten ein wenig aus ihren Schlupfwinkeln hervorzuziehen. Ich habe nun hier noch nicht im Sinne, diese ganze Angelegenheit als eigentliches Thema zu behandeln, sondern ich möchte nur zu der Auseinandersetzung, die bald an dem für sie vorgesehenen Orte folgen wird, die Fundamente legen. Sie wollen also, daß der Leib Christi unsichtbar und unermeßlich (d.h. unräumlich) sei, damit er unter dem Brote verborgen liege; denn sie glauben nicht anders mit ihm Gemeinschaft haben zu können, als wenn er in das Brot herniedersteigt. Die Art solchen Herniedersteigens aber, vermöge deren er uns zu sich in die Höhe hebt, begreifen sie nicht. Sie benutzen alle möglichen Scheinfarben als Vorwand; aber wenn sie alles ausgesprochen haben, so wird genugsam augenscheinlich, daß sie auf einer räumlichen Gegenwart Christi bestehen. Woher kommt das nun? Sie können sich eben kein anderes Teilhaben an seinem Fleisch und Blut vorstellen als ein solches, das in räumlicher Verbindung und Berührung oder in irgendeiner groben Einschließung (des Leibes Christi in das Brot) besteht.
Simon W.

Der Pilgrim
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Beitragvon Der Pilgrim » 03.02.2012 12:00

IV,17,17

Um nun solchen Irrtum, den sie einmal unüberlegt aufgebracht haben, halsstarrig zu verteidigen, tragen einige von ihnen keine Bedenken, die Behauptung aufzustellen, daß Christi Fleisch niemals andere Maße gehabt habe, als so weit und breit sich Himmel und Erde erstrecken. Daß er aber als Kind aus dem Schoß seiner Mutter geboren, daß er gewachsen, am Kreuze ausgestreckt und im Grabe verschlossen worden ist, das ist nach ihrer Meinung vermöge einer Art von austeilender Ordnung (dispensatio) geschehen, damit er die Aufgabe erfüllte, geboren zu werden, zu sterben und andere menschliche Pflichten auf sich zu nehmen. Daß er nach seiner Auferstehung in der gewohnten leiblichen Gestalt gesehen worden, in den Himmel aufgenommen und schließlich nach seiner Himmelfahrt dem Stephanus und dem Paulus erschienen ist (Apg. 1,3.9; 7,55; 9,3), das geht, so behaupten sie weiter, auf die nämliche austeilende Ordnung zurück, damit es dem Anblick der Menschen zugänglich würde, daß er als König im Himmel eingesetzt sei. Was heißt das nun anders als den Marcion aus der Hölle hervorziehen? Denn es kann doch niemand bezweifeln, daß Christi Leib, wenn er in solchem Zustande war, ein Scheingebild oder ein Scheinleib gewesen ist! Manche ziehen sich auch etwas spitzfindiger aus der Sache heraus: sie sagen, dieser Leib, der im Sakrament gegeben wird, sei ein verherrlichter und unsterblicher Leib, und es liege daher keinerlei Widersinn darin, wenn er an vielen Orten, ohne jeden Ort (ohne jede räumliche Gebundenheit) und ohne jede Gestalt, unter dem Sakrament enthalten sei. Ich frage aber: In welcher Gestalt gab Christus seinen Leib denn den Jüngern an dem Tage, bevor er leiden sollte? Lauten nicht die Worte so, daß er ihnen eben jenen sterblichen Leib dargereicht hat, der kurz nachher dahingegeben werden sollte? Aber, so sagen sie, er hatte doch schon vorher drei Jüngern auf dem Berge (der Verklärung) seine Herrlichkeit zu schauen gegeben (Matth. 17,2)! Das ist allerdings wahr; aber mit dieser verklärten Herrlichkeit wollte er ihnen für eine Stunde einen Geschmack der Unsterblichkeit gewähren. Sie werden jedoch dabei nicht einen zwiefachen Leib finden, sondern eben den einen, den Christus trug, mit neuer Herrlichkeit geziert! Als er aber in dem ersten Abendmahl seinen Leib austeilte, da stand bereits die Stunde bevor, in der er von Gott „geschlagen“ und gedemütigt, ohne Zier und mit Aussatz behaftet daliegen sollte (Jes. 53,4). So wenig kann davon die Rede sein, daß er in diesem Mahl die Herrlichkeit der Auferstehung hätte an den Tag bringen wollen. Zudem: was für ein großes Fenster tut man dem Marcion auf, wenn Christi Leib an der einen Stelle sterblich und niedrig erschaut, an der anderen dagegen unsterblich und herrlich gehalten wurde! Wiewohl das, wenn die Meinung dieser Leute gelten soll, Tag für Tag in der gleichen Weise geschieht, weil sie ja notgedrungen zugeben müssen, daß der Leib Christi, der an und für sich sichtbar ist, unter dem Merkzeichen des Brotes unsichtbar verborgen liege. Und trotzdem schämen sich die Leute, die solche Ungeheuerlichkeiten von sich geben, ihrer Schande so rein gar nicht, daß sie uns von selbst mit wilden Schmähungen berennen, weil wir ihre Meinung nicht unterschreiben.



IV,17,18

Wohlan, wenn man Leib und Blut des Herrn an Brot und Wein festbinden will, so muß man sie notwendig voneinander losreißen. Denn wie das Brot vom Kelche gesondert gereicht wird, so muß auch der Leib, der mit dem Brot dargereicht wird, notwendig von dem Blute getrennt sein, das ja in den Kelch eingeschlossen ist. Wenn sie nämlich behaupten, der Leib Christi sei im Brote und sein Blut im Kelch, und wenn weiterhin Brot und Wein durch einen räumlichen Abstand voneinander getrennt sind, so können sie mit keiner Ausflucht der Folgerung entgehen, daß dann also auch der Leib Christi von seinem Blute getrennt werden muß. Sie machen hier allerdings gewöhnlich einen Vorwand: vermöge des „wechselseitigen Beieinanderseins“ (concomitantia), wie sie es erdichten, sei das Blut im Leibe und der Leib wiederum im Blute. Aber das ist nun wahrhaftig eine gar zu leichtfertige Sache, da ja die Merkzeichen, in welche Leib und Blut eingeschlossen werden, in dieser Weise unterschieden sind. Wenn wir dagegen mit unseren Augen und Herzen in den Himmel emporgeführt werden, um Christus dort in der Herrlichkeit seines Reiches zu suchen, dann wird es geschehen, daß wir, wie uns die Merkzeichen zu ihm in seiner Ganzheit einladen, in der gleichen Weise auch unter dem Merkzeichen des Brotes von seinem Leibe gespeist und unter dem Merkzeichen des Weines für sich besonders von seinem Blute getränkt werden, um ihn endlich selbst ganz zu genießen. Denn obwohl er sein Fleisch von uns weggenommen hat und mit seinem Leibe gen Himmel gefahren ist, sitzt er nun doch zur Rechten des Vaters, das heißt: er regiert in der Macht, Majestät und Herrlichkeit des Vaters. Dies sein Reich ist von keinerlei räumlichen Weiten begrenzt, von keinerlei Maßen umschlossen; nein, Christus läßt seine Kraft, wo es ihm gefällt, im Himmel und auf Erden wirken, er macht sich in Gewalt und Kraft als der Gegenwärtige kund, er sieht den Seinen immerfort zur Seite, haucht ihnen sein Leben ein, lebt in ihnen, stützt sie, stärkt sie, belebt sie und erhält sie unversehrt, nicht anders, als wenn er mit seinem Leibe gegenwärtig wäre, er speist sie endlich mit seinem eigenen Leibe, dessen Gemeinschaft er durch die Kraft seines Geistes auf sie übergehen läßt. In diesem Sinne wird uns im Sakrament Leib und Blut Christi dargereicht.



IV,17,19

Wir müssen dagegen eine solche Gegenwart Christi im Abendmahl feststellen, die ihn weder an das Element des Brotes bindet noch in das Brot einschließt, noch ihn (auf Erden) auf irgendeine Weise räumlich eingrenzt – denn es liegt auf der Hand, daß all dies seiner himmlischen Herrlichkeit Abbruch tut. Die Gegenwart Christi im Abendmahl dürfen wir uns ferner nicht so vorstellen, daß sie ihm seine Größe wegnimmt oder ihn an vielen Orten zugleich sein läßt oder ihm eine unermeßliche Weite andichtet, die sich über Himmel und Erde verstreut – denn dies steht im klaren Gegensatz zu der Echtheit seiner menschlichen Natur. Es bestehen hier also zwei einschränkende Forderungen, die wir uns nie und nimmer wegnehmen lassen wollen. Einerseits darf der himmlischen Herrlichkeit Christi kein Eintrag getan werden, wie es geschieht, wenn man ihn wieder unter die vergänglichen Elemente dieser Welt bringt oder ihn an irgendwelche irdischen Kreaturen bindet. Andererseits darf seinem Leibe nichts angedichtet werden, was der menschlichen Natur nicht entspricht: das geschieht, wenn man behauptet, er sei unbegrenzt, oder wenn man ihn an vielen Orten zugleich sein läßt. Im übrigen nehme ich nach Behebung dieser Widersinnigkeiten alles bereitwillig an, was dazu dienen kann, das wahre und wesenhafte Teilhaben an dem Leibe und Blute des Herrn zum Ausdruck zu bringen, die unter den heiligen Merkzeichen des Abendmahls den Gläubigen dargeboten werden. Und das soll dergestalt geschehen, daß man es nicht so versteht, als ob die Gläubigen Christi Leib und Blut bloß in der Einbildung oder mit dem Begreifen ihres Verstandes erfaßten, sondern vielmehr so, daß sie diese tatsächlich als Speise zum ewigen Leben genießen. Daß diese (meine) Meinung der Welt so verhaßt ist und daß ihre Verteidigung durch die unbilligen Urteile vieler Leute von vornherein unmöglich gemacht wird, das hat seine Ursache nur darin, daß der Satan die Sinne solcher Menschen mit furchtbarer Zauberei betört hat. Auf jeden Fall stimmt das, was wir lehren, in allen Stücken aufs beste mit der Schrift überein, es enthält nichts Widersinniges nichts Dunkles und nichts Zweideutiges, es steht nicht im Gegensatz zu wahrer Frömmigkeit und wohlgegründeter Erbauung, und es trägt endlich auch nichts Ärgernis, erregendes in sich – nur ist eben einige Jahrhunderte lang, da in der Kirche die Unwissenheit und Unbildung der Klüglinge das Regiment führte, solch klares Licht und solche auf der Hand liegende Wahrheit jämmerlich unterdrückt worden. Da sich aber der Satan auch heute bemüht, diese Wahrheit durch unruhsüchtige Geister mit allen möglichen Schmähungen und Vorwürfen zu besudeln, und da er auf nichts anderes mit größerer Anstrengung versessen ist, so ist es angebracht, sie nachdrücklicher zu schützen und zu verteidigen.
Simon W.

Der Pilgrim
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Beitragvon Der Pilgrim » 04.02.2012 11:06

IV,17,20

Bevor wir nun weiter fortschreiten, müssen wir die Stiftung selbst behandeln, wie sie Christus vollzogen hat; vor allem, weil der beliebteste Einwurf unserer Widersacher darin besteht, wir wichen von den Worten Christi ab. Um uns nun von der falschen Nachrede, mit der sie uns belasten, freizumachen, werden wir am geschicktesten mit der Auslegung der (Einsetzungs-) Worte den Anfang machen. Nach dem Bericht von drei Evangelisten und dem des Paulus hat Christus das Brot genommen, es nach einer Danksagung gebrochen, seinen Jüngern gegeben und gesagt: „Nehmet hin und esset, das ist mein Leib, der für euch gegeben – oder: gebrochen – wird.“ Von dem Kelch berichten Matthäus und Markus die Worte: „Dieser Kelch ist das Blut des Neuen Testaments, welches vergossen wird für viele zur Vergebung der Sünden“ (Fassung etwas ungenau nach Matth. 26,28). Paulus und Lukas dagegen berichten: „Dieser Kelch ist das Neue Testament in meinem Blut …“ (Fassung nach 1. Kor. 11,25; zum Ganzen: Matth. 26,26-28; Mark. 14,22-24; Luk. 22,17.19f.; 1. Kor. 11,24f.). Die Verteidiger der Transsubstantiation sind nun der Ansicht, durch das Wörtchen „das“ sei die „Gestalt“ des Brotes angedeutet; denn (nach ihrer Ansicht) wird die „Weihe“ (Konsekration) durch den ganzen Zusammenhang der Worte vollzogen, und es ist keine „Substanz“ vorhanden, auf die sich weisen ließe. Aber wenn sie sich von der frommen Ehrerbietung gegen die Worte halten lassen, weil Christus bezeugt hat, das, was er seinen Jüngern in die Hand gab, sei sein Leib, – so hat jedenfalls ihr Hirngespinst, nach dem das, was zuvor Brot war, nun (Christi) Leib sein soll, mit dem eigentlichen Sinn dieser Worte nicht das mindeste zu tun. Was Christus in die Hand nimmt und seinen Aposteln darreicht, das ist, so erklärt er, sein Leib. Er hatte aber Brot in die Hand genommen – und wer begreift also nicht, daß es auch noch Brot war, was er ihnen zeigte, und daß es deshalb nichts Widersinnigeres gibt, als wenn man das, was von dem Brot gesagt wird, auf die „Gestalt“ überträgt? Andere verstehen das Wörtlein „ist“ so, als ob es für „verwandelt werden“ gesetzt sei (also den Vorgang der Transsubstantiation andeute), und nehmen damit ihre Zuflucht zu einer noch gezwungeneren und gewaltsam verdrehten Auslegung. Sie haben also keinen Grund, um den Vorwand zu brauchen, sie ließen sich durch die Ehrfurcht vor den Worten bewegen. Denn in keinem Volk und in keiner Sprache hat man je etwas davon gehört, daß das Wörtchen „ist“ in diesem Sinne gebraucht würde, also in dem Sinne von „in etwas anderes verwandelt werden“. Was nun diejenigen anbetrifft, die das Brot im Abendmahl bleiben lassen (also nicht von einer „Gestalt“ oder dergleichen reden) und dann behaupten, es sei der Leib Christi, so besteht unter ihnen eine große Vielartigkeit. Einige drücken sich recht bescheiden aus; sie legen zwar scharfen Nachdruck auf den Buchstaben: „Das ist mein Leib“, lassen aber nachher doch von ihrer Schärfe ab und sagen, diese Worte bedeuteten soviel, wie daß Christi Leib „mit dem Brot, im Brot und unter dem Brot“ sei. Über die Sache, die sie behaupten, haben wir bereits einige kurze Andeutungen gegeben, und es muß bald noch ausführlicher darüber gesprochen werden. Jetzt geht die Erörterung allein um die Worte, von denen sie nach ihrer Behauptung gezwungen werden, die Ansicht nicht zuzulassen, daß das Brot deshalb „Leib“ genannt wird, weil es das Zeichen des Leibes ist. Wenn sie nun aber jeder figürlichen Redeweise (tropus) aus dem Wege gehen, weshalb springen sie dann von dem einfachen Hinweis Christi zu ihren so wesentlich andersartigen Redeweisen über? Denn es ist etwas wesentlich anderes, ob man sagt, das Brot sei der Leib, oder: der Leib sei „mit“ dem Brot! Aber sie haben eben gesehen, wie es unmöglich ist, daß man die Aussage: „das Brot ist der Leib“ in ihrem einfachen Wortsinn aufrechterhält, und deshalb haben sie versucht, mit solchen Redeformen wie auf krummen Umwegen zu entwischen. Andere sind aber kühner, und die behaupten ohne Zögern, das Brot sei im eigentlichen Sinne der Leib – und auf diese Weise beweisen sie, daß sie wirklich dem Buchstaben gehorchen! Wenn man ihnen entgegenhält, dann sei also das Brot Christus und Gott, dann werden sie das zwar abstreiten, weil es sich in den Worten Christi nicht ausdrücklich findet. Sie werden aber mit ihrem Leugnen nichts erreichen; denn es besteht doch allgemeine Übereinstimmung darüber, daß uns im Abendmahl der ganze Christus dargeboten wird! Es ist aber eine unerträgliche Gotteslästerung, wenn man ohne Bild von einem gebrechlichen und vergänglichen Element erklärt, es sei Christus. Ich nenne zwei Aussagen, einmal: „Christus ist der Sohn Gottes“, und zum anderen: „das Brot ist der Leib Christi“ – und nun frage ich sie, ob die das gleiche bedeuten. Wenn sie zugestehen, daß sie allerdings verschiedenartig sind – und zu diesem Zugeständnis kann man sie gegen ihren Willen zwingen –, so sollen sie mir die Frage beantworten, woher solche Verschiedenheit kommt. Sie werden meines Erachtens keine andere Ursache anführen, als daß eben das Brot in der Weise des Sakraments als „Leib“ bezeichnet wird. Daraus ergibt sich dann, daß Christi Worte der allgemeinen Regel nicht unterworfen sind und nicht nach der Grammatik gerichtet werden dürfen. Und dann: Lukas und Paulus nennen den Kelch „das (Neue) Testament im Blute …“ (Luk. 22,20; 1. Kor. 11,25); nun frage ich all diese Leute, die so hart und streng auf den Buchstaben dringen, ob Lukas und Paulus mit diesen Worten nicht das nämliche zum Ausdruck bringen wie im ersten Aussageglied, wo es heißt: „Das ist mein Leib.“ Jedenfalls bestand doch bei dem einen Teil des Sakraments die gleiche heilige Ehrfurcht wie bei dem zweiten, und da nun die Kürze keinen deutlichen Sinn ergibt, so läßt die längere Rede den Sinn klar hervortreten. Allemal also, wenn sie auf Grund des einen Wortes behaupten, das Brot sei der Leib Christi, so bringe ich auf Grund einer größeren Anzahl von Worten die gut passende Auslegung vor, das Brot sei „das Testament in seinem Leibe“. Wieso kann man denn einen getreueren und gewisseren Ausleger suchen als Lukas und Paulus? Ich habe nun aber nicht im Sinn, die Gemeinschaft mit dem Leibe Christi, die ich bekannt habe, irgendwie abzuschwächen; meine Absicht geht nur darauf, die törichte Halsstarrigkeit, mit der sie so feindselig über Worte streiten, abzuwehren. Mit Paulus und Lukas als Gewährsmännern verstehe ich es so, daß das Brot der Leib Christi ist, und zwar, weil es der Bund in seinem Leibe ist. Wenn sie dagegen ankämpfen, so haben sie nicht mit mir, sondern mit dem Geiste Gottes zu streiten. Und mögen sie auch gewaltig klagen, sie würden durch die Ehrerbietung vor den Worten Christi daran gehindert, das Wagnis zu unternehmen, daß sie das, was offen gesagt ist, figürlich verstünden, so ist das doch kein hinreichend gerechter Vorwand, um all die Gründe, die wir dagegen ins Feld führen, dergestalt zu verwerfen. Indessen müssen wir, worauf ich bereits aufmerksam machte, wohl wissen, was es bedeutet, wenn es heißt, im Leibe und im Blute Christi sei das Testament (der Bund); denn der Bund, der durch das Opfer seines Todes bekräftigt worden ist, würde uns nichts nützen, wenn nicht jene verborgene Gemeinschaft dazukäme, vermöge deren wir mit Christus in eins zusammenwachsen.



IV,17,21

Es bleibt also übrig, daß wir zugeben, daß um der Ähnlichkeit willen, die die im Zeichen veranschaulichten Dinge (res signatae) mit ihren Merkzeichen haben, eben der Name der Sache auch dem Merkzeichen beigelegt worden ist; und dies ist zwar in figürlicher Weise (figurate) geschehen, jedoch nicht ohne ein höchst passendes Entsprechungsverhältnis (analogia). Sinnbildliche Deutungen und Gleichnisse lasse ich beiseite, damit niemand behauptet, ich suchte Ausflüchte oder ginge über die gegenwärtig zur Besprechung stehende Sache hinaus. Ich behaupte, daß es sich hier um eine übertragende Redeweise (metonymicus sermo) handelt, die in der Schrift immer wieder gebräuchlich ist, wo es um die Geheimnisse (Sakramente) geht. Denn wenn es heißt, die Beschneidung sei der „Bund“ (Gen. 17,13), das Lamm sei das „Vorübergehen“ (Passah; Ex. 12,11), die Opfer unter dem Gesetz seien Sühnungen (Lev. 17,11; Hebr. 9,22), und schließlich der Fels, aus dem in der Wüste Wasser hervorfloß, sei Christus gewesen (Ex. 17,6; 1. Kor. 10,4), so kann man das nur dann verstehen, wenn man annimmt, daß es in übertragendem Sinne gesagt ist. Es wird aber nicht nur der Name von dem Übergeordneten auf das Untergeordnete übertragen, sondern im Gegenteil auch der Name des sichtbaren Zeichens der im Zeichen veranschaulichten Sache beigelegt; so, wenn es heißt, Gott sei dem Mose in dem Dornbusch erschienen (Ex. 3,2), oder wenn die Bundeslade „Gott“ oder „Gottes Angesicht“ (Ps. 84,8; 42,3) oder die Taube der Heilige Geist genannt wird (Matth. 3,16). Denn das Merkzeichen ist allerdings seinem Wesen nach von der im Zeichen veranschaulichten Sache verschieden, weil diese ja geistlich und himmlisch ist, das Zeichen dagegen leiblich und sichtbar; jedoch bildet es die Sache, zu deren Vergegenwärtigung es geheiligt ist, nicht nur wie ein nacktes und leeres Zeichen ab, sondern es bietet sie auch in Wahrheit dar – und weshalb soll ihm dann der Name dieser Sache nicht mit Recht zukommen? Wenn doch die von Menschen erdachten Merkzeichen, die eher Bilder von abwesenden Dingen als Zeichen von gegenwärtigen sind und dazu auch solche Dinge sehr häufig fälschlich andeuten, trotzdem zuweilen mit dem Namen dieser Dinge geziert werden, so entlehnen die von Gott eingesetzten Zeichen mit viel kräftigerer Begründung die Namen der Dinge, deren gewisse und schlechthin untrügliche Bedeutung sie allezeit an sich tragen und deren Wahrheit sie in fester Verbundenheit bei sich haben, die Ähnlichkeit und Verwandtschaft des einen mit dem anderen ist also so groß, daß sie leicht wechselseitig ineinander übergehen. Daher sollen unsere Widersacher davon ablassen, törichte Sticheleien gegen uns aufzuhäufen, indem sie uns „Tropisten“ (Anhänger der figürlichen Deutung) nennen, wenn wir die bei den Sakramenten angewandte Redeweise nach dem allgemeinen (Sprach-) Gebrauch der Schrift auslegen. Denn wie die Sakramente in vielen Dingen miteinander übereinstimmen, so besteht auch in dieser übertragenden Redeweise (metonymia) etwas Gemeinsames zwischen ihnen. Wie also der Apostel lehrt, daß der Fels, aus dem den Israeliten ein geistlicher Trank hervorsprudelte, Christus gewesen ist (1. Kor. 10,4), und zwar, weil er ein sichtbares Merkzeichen sein sollte, unter dem jener geistliche Trank zwar in Wahrheit, aber nicht augenfällig empfangen wurde – so wird auch heute das Brot als der Leib Christi bezeichnet, weil es ein Merkzeichen ist, in dem uns der Herr den wahren Genuß seines Leibes darbietet. Anders hat auch Augustin nicht geurteilt und nicht gesprochen – damit niemand diese Ansicht als eine neuerdachte Sache verachtet! „Wenn die Sakramente“, so sagt er, „nicht einige Ähnlichkeit mit den Dingen besäßen, deren Sakramente (Zeichen) sie sind, so wären sie eben keine Sakramente. Auf Grund dieser Ähnlichkeit empfangen sie vor allem auch die Namen der Dinge selbst. Wie also in gewisser Weise das Sakrament des Leibes Christi der Leib Christi und das Sakrament des Blutes Christi das Blut Christi ist, so ist das Sakrament des Glaubens der Glaube“ (Brief 98; an Bonifacius). Es gibt bei ihm noch viele ähnliche Stellen; aber es wäre überflüssig, sie aufzuzählen, da jene eine genügt; einzig muß ich den Leser darauf aufmerksam machen, daß der heilige Mann die nämliche Lehre in seinem Brief an Evodius vertritt (Brief 169,2.9). Eine leichtfertige Ausflucht aber ist die Behauptung: wenn Augustin lehre, daß die übertragende Redeweise bei den Geheimnissen (Sakramenten) häufig und üblich sei, so erwähnte er das Abendmahl nicht. Wenn man diese Meinung nämlich gelten lassen wollte, so dürfte man auch nicht vom Allgemeinen auf das Besondere schließen, und es würde damit die Schlußfolgerung ungültig: alle Tiere haben die Fähigkeit, sich zu bewegen, also haben auch Ochse und Pferd die Fähigkeit, sich zu bewegen! Jedoch wird ein längerer Streit durch anderwärts stehende Worte des gleichen heiligen Mannes überflüssig gemacht: er behauptet nämlich gegen den Manichäer Adimantus, als Christus das Zeichen seines Leibes ausgeteilt hätte, da hätte er es ohne Bedenken seinen Leib genannt (Gegen Adimantus 12,3). Und wiederum an anderer Stelle, nämlich in der Erklärung zum dritten Psalm, sagt er: „Wunderbarlich ist die Langmut Christi, daß er den Judas zu dem Mahl hinzuzog, in dem er das Bild (figura) seines Leibes und Blutes den Jüngern anbefohlen und gegeben hat“ (zu Psalm 3,1).



IV,17,22

Wenn sich nun trotzdem ein eigensinniger Mensch, blind für alles andere, nur auf dies eine Wörtchen versteift: „Das ist …“, als ob durch dieses Wort das Abendmahl von allen anderen Geheimnissen (Sakramenten) geschieden würde, so ist ihm leicht zu antworten. Man sagt, das auf die Substanz weisende Wort („ist“) sei so scharf betont, daß es keinerlei bildliche Erklärung zulasse. Wenn wir das nun den Vertretern dieser Ansicht zugeben, so steht doch in den Worten des Paulus ebenfalls dieses die Substanz ausdrückende Wörtlein zu lesen, nämlich, wo er das Brot „die Gemeinschaft des Leibes Christi“ nennt (1. Kor. 10,16). Die „Gemeinschaft“ ist nun aber etwas anderes als der Leib selbst. Ja, fast überall, wo von den Sakramenten die Rede ist, begegnet uns das nämliche Tätigkeitswort. „Das wird für euch der Bund mit mir sein“, heißt es (Gen. 17,13; nicht Luthertext). Oder: „Dies Lamm wird für euch das Passah sein“ (Ex. 12,11; nicht Luthertext). Und, um nicht mehr Stellen zu nennen: wenn Paulus sagt, der Fels sei Christus gewesen – weshalb finden dann jene Leute an dieser Stelle das substanzausdrückende Wörtlein („ist gewesen“) weniger stark betont als in den Worten Christi? Sie sollen mir auch antworten, was denn das substanzausdrückende Tätigkeitswort in den Worten des Johannes bedeutet: „Der Heilige Geist war noch nicht (da), denn Jesus war noch nicht verklärt“ (Joh. 7,39). wenn sie sich nämlich hier immerfort an ihre Regel klammern, so muß die ewige Wesenheit des Heiligen Geistes zunichte gemacht werden, als ob der Geist seinen Anfang erst mit der Himmelfahrt Christi genommen hätte! Und schließlich sollen sie mir antworten, was das Wort des Paulus bedeutet, nach welchem die Taufe „das Bad der Wiedergeburt und Erneuerung“ ist (Tit. 3,5), während es doch feststeht, daß sie für viele ohne Nutzen ist! Es gibt aber nichts Kräftigeres zu ihrer Widerlegung als das Wort des Paulus, die Kirche sei Christus (1. Kor. 12,12). Er führt da nämlich das Gleichnis des menschlichen Leibes an und fährt dann fort: „Also auch Christus“, und da meint er nicht den eingeborenen Sohn Gottes in sich selber, sondern in seinen Gliedern. Mit diesen Ausführungen hoffe ich bereits erreicht zu haben, daß bei Menschen von gesunden Sinnen und lauterem Wesen die Lästerungen unserer Feinde stinkend sind, wenn sie die Behauptung ausstreuen, wir weigerten den Worten Christi den Glauben – während wir sie doch nicht weniger gehorsam annehmen als sie selbst und sie mit größerer Ehrfurcht erwägen. Ja, ihre bequeme Sicherheit ist ein Beweis dafür, daß sie sich nicht sehr darum kümmern, was Christus gewollt hat – wenn es ihnen nur einen Schutzschild für ihre Halsstarrigkeit bietet! Und ebenso muß unsere gründliche Untersuchung Zeuge dafür sein, wie hoch uns Christi Autorität steht. Sie behaupten gehässig, das menschliche Empfinden stehe uns im Wege, so daß wir nicht glaubten, was Christus mit seinem heiligen Munde ausgesprochen hat; aber wie unverschämt es ist, daß sie uns diese Schmach aufbrennen, das habe ich zum großen Teil bereits deutlich gemacht, und es wird hernach noch klarer zum Vorschein kommen. Nichts hindert uns also, Christus in seinen Worten zu glauben und, sobald er das eine oder andere zu verstehen gegeben hat, uns darauf zu verlassen. Es geht nur darum, ob es denn ein Frevel ist, nach dem ursprünglichen Sinn (seiner Worte) zu forschen.
Simon W.

Der Pilgrim
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Beitragvon Der Pilgrim » 05.02.2012 13:59

IV,17,23

Um als wohlgebildete Männer zu erscheinen, verbieten diese trefflichen Lehrmeister, auch nur im mindesten vom Buchstaben zu weichen. Mit mir dagegen ist es so: die Schrift nennt Gott einen „Kriegsmann“ (Ex. 15,3); weil ich nun sehe, daß dies, wofern es nicht übertragend gemeint ist, eine gar zu harte Ausdrucksweise ist, so zweifle ich nicht daran, daß es sich dabei um einen von den Menschen hergenommenen Vergleich handelt. Und in der Tat: als vorzeiten die „Anthropomorphiten“ den rechtgläubigen Vätern Beschwernis bereiteten, da war der Vorwand, unter dem das geschah, kein anderer als der: sie nahmen solche Worte wie: „Die Augen des Herrn sehen“ (Deut. 11,12; 1. Kön. 8,29; Hiob 7,8), oder: „Es ist vor seine Ohren heraufgekommen“ (2. Sam. 22,7; 2. Kön. 19,28 u.ä.), oder: „Seine Hand ist ausgereckt“ (Jes. 5,25; 23,11; Jer. 1,9; 6,12 u.ä.), oder: „Die Erde ist seiner Füße Schemel“ (Jes. 66,1; Matth. 5,35; Apg. 7,49), und diese Worte rissen sie dann wild an sich und schrieen, man raube Gott den Leib, den ihm die Schrift doch beilege. Wenn man dies Gesetz gelten läßt, so wird eine ungeheuerliche Barbarei das ganze Licht des Glaubens verfinstern! Denn was für Ungetüme von Widersinnigkeiten werden schwärmerische Leute (aus der Schrift) beweisen dürfen, wenn es ihnen erlaubt wird, jeden einzelnen Buchstaben zur Bestätigung ihrer Meinungen anzuführen! Unsere Widersacher machen den Einwand, es sei nicht wahrscheinlich, daß Christus, als er doch den Aposteln einen einzigartigen Trost in den Widerwärtigkeiten bereitete, sinnbildlich oder undeutlich geredet hätte. Aber das ist zu unseren Gunsten geredet! Denn wenn es den Aposteln nicht in den Sinn gekommen wäre, daß das Brot im figürlichen Sinne Christi Leib genannt wurde, weil es eben das Merkzeichen dieses Leibes war, so wären sie von einer so ungeheuerlichen Sache ohne Zweifel in Verwirrung gestürzt worden. Wie Johannes berichtet, sind sie schier im gleichen Augenblick auch in den mindesten Schwierigkeiten bestürzt hängengeblieben. Sie streiten miteinander darüber, wieso Christus zum Vater gehen würde, sie bringen die Frage auf, wieso er aus der Welt gehen sollte, sie verstehen mit Bezug auf den himmlischen Vater nichts von den Worten, die ihnen gesagt werden, ehe denn sie ihn gesehen hätten (Joh. 14,5.8; 16,17). Wie sollten nun die nämlichen Jünger, die sich so verhalten, mit Leichtigkeit in der Lage gewesen sein, etwas zu glauben, was doch alle Vernunft verwirft, nämlich daß Christus vor ihren Blicken bei Tische säße und doch zugleich unsichtbar unter dem Brote beschlossen wäre? Nun essen sie aber das Brot ohne Bedenken und bezeugen dadurch ihre einhellige Einsicht; daraus ergibt sich also deutlich, daß sie die Worte Christi in dem nämlichen Sinne aufgefaßt haben wie wir; es kam ihnen eben in den Sinn, was bei den Geheimnissen (Sakramenten) nicht unmöglich erscheinen darf, daß der Name der im Zeichen veranschaulichten Sache dem Zeichen beigelegt wird! Der Trost war also für die Jünger gewiß und deutlich, wie er es auch für uns ist, und in keinerlei Rätsel eingehüllt. Und wenn einige Leute mit unserer Auslegung nichts zu tun haben wollen, so besteht dafür keine andere Ursache, als daß sie die Verzauberung des Teufels verblendet hat, so daß sie sich nämlich die finsteren Schatten von Rätseln vormachen, wo doch die Auslegung des abgerundeten Bildes am Wege liegt. Außerdem: wenn sie sich so scharf auf die Worte versteifen, so müßte Christus in verkehrter Weise von dem Brot für sich allein etwas anderes ausgesagt haben als von dem Kelch. Er nennt das Brot seinen Leib, den Wein nennt er sein Blut; das wäre dann also entweder ein wirres Gerede oder aber eine Zweiteilung, die den Leib vom Blute trennte! Ja, es wäre (dann) ebenso wahrheitsgemäß, wenn es von dem Kelch hieße: „Das ist mein Leib“, wie wenn das von dem Brot selbst gesagt wäre, und wiederum hätte ausgesagt werden können, das Brot sei das Blut! Wenn sie antworten, man müsse darauf achten, zu welchem Zweck und Gebrauch die Merkzeichen eingesetzt seien, so gebe ich das zwar zu; aber sie können sich unterdessen keineswegs daraus herauswinden, daß ihr Irrtum die widersinnige Behauptung mit sich zieht, das Brot sei das Blut Christi und der Wein sein Leib! Ich weiß nun auch nicht, was es bedeuten soll, daß sie zwar zugeben, das Brot und der Leib seien verschiedene Dinge, dann aber doch behaupten, daß eines vom anderen (d.h. das Brot sei der Leib …) im eigentlichen Sinne und ohne Bild ausgesagt werde. Das ist genau so, als wenn jemand sagte, ein Gewand sei von dem Menschen verschieden und werde doch im eigentlichen Sinne als Mensch bezeichnet. Unterdessen behaupten sie, man beschuldige Christus der Lüge, wenn man nach der Auslegung seiner Worte forschte – gerade als wenn für sie der Sieg in Halsstarrigkeit und in scheltenden Vorwürfen bestünde! Nun werden die Leser leicht ein Urteil darüber gewinnen können, was für eine ungerechte Schmach uns diese Silbenhascher antun, indem sie schlichten Leuten die Meinung beibringen, wir entzögen den Worten Christi den Glauben, während diese Worte doch, wie wir nachgewiesen haben, von ihnen unsinnig verdreht und durcheinandergeworfen, von uns aber getreulich und richtig ausgelegt werden.



IV,17,24

Aber der Schandfleck dieser lügenhaften Behauptung läßt sich nicht völlig austilgen, wenn nicht auch die andere Beschuldigung widerlegt wird: sie behaupten nämlich, wir seien dermaßen an die menschliche Vernunft verhaftet, daß wir der Macht Gottes nichts mehr zuschrieben, als die Ordnung der Natur ertrüge und der gesunde Menschenverstand eingäbe. Gegenüber solch ungerechten Schmähungen berufe ich mich auf die vorgetragene Lehre selbst; sie zeigt deutlich genug, daß ich dies Geheimnis durchaus nicht nach dem Maß der menschlichen Vernunft messe oder den Gesetzen der Natur unterwerfe. Ich möchte doch wissen: haben wir es etwa von den Naturforschern gelernt, daß Christus unsere Seelen vom Himmel her mit seinem Fleische ebenso nährt, wie unsere Leiber mit Brot und Wein genährt werden? Woher kommt denn dem Fleisch diese Kraft, daß es die Seelen lebendig macht? Es werden doch alle sagen, daß das nicht auf natürliche Weise zustande kommt! Ebensowenig wird es der menschlichen Vernunft zusagen, daß Christi Fleisch zu uns dringt, um uns zur Nahrung zu dienen. Kurz, wer von unserer Lehre gekostet hat, der wird zur Bewunderung der verborgenen Macht Gottes hingerissen werden. Jene trefflichen Eiferer um diese Macht Gottes aber machen sich ein Wunder zurecht, mit dessen Beseitigung Gott samt seiner Macht zunichte wird. Ich möchte damit die Leser aufs neue ermahnt haben, daß sie gründlich erwägen, was unsere Lehre bedeutet: ob sie vom gesunden Menschenverstand abhängig ist – oder aber auf den Flügeln des Glaubens die Welt unter sich läßt und in den Himmel hinüberdringt! Wir sagen, daß Christus sowohl in dem äußerlichen Merkzeichen als auch in seinem Geiste zu uns herniedersteigt, um unsere Seelen mit der Substanz seines Fleisches und Blutes in Wahrheit lebendig zu machen. Wer nicht empfindet, daß in diesen wenigen Worten zahlreiche Wunder beschlossen sind, der ist mehr als fühllos. Denn es geht nichts mehr gegen die Natur, als daß die Seelen geistliches, himmlisches Leben von einem Fleisch entlehnen, das seinen Ursprung von der Erde genommen hat und dem Tode unterworfen gewesen ist; nichts ist unglaublicher, als daß Dinge, die so weit auseinanderliegen und getrennt sind wie Himmel und Erde, bei solch großem räumlichen Abstande nicht nur verbunden, sondern eins gemacht werden, so daß die Seelen aus dem Fleische Christi Nahrung empfangen! Die törichten Menschen sollen also davon ablassen, uns mit der stinkenden Schmähung verhaßt zu machen, als ob wir Gottes unermeßliche Macht irgendwie kleinlich eingrenzten. Denn es ist so, daß sie entweder gar töricht irren – oder aber unverschämt lügen. Denn es geht hier nicht um die Frage, was Gott gekonnt, sondern was er gewollt hat. Wir behaupten aber, daß eben das geschehen ist, was ihm Wohlgefallen hatte. Es hat ihm aber Wohlgefallen, daß Christus „in allen Dingen seinen Brüdern gleich werden“ sollte, „doch ohne Sünde“ (Hebr. 2,17; 4,15). Von welcher Art ist nun unser Fleisch? Ist es nicht so, daß es seine bestimmte Abmessung hat, räumlich umschlossen ist, berührt und gesehen wird? Sie fragen aber: Und warum sollte es Gott nicht fertigbringen, daß das nämliche Fleisch zahlreiche verschiedene Örter zugleich erfüllt, daß es von keinem Raum umschlossen wird und weder Maß noch Gestalt besitzt? Du törichter Mensch, wozu verlangst du von Gottes Macht, sie solle dahin wirken, daß dies Fleisch zugleich Fleisch und doch auch nicht Fleisch sei? Das ist ebenso, wie wenn du darauf bestündest, sie solle es zustande bringen, daß das Licht zugleich Licht und Finsternis sei! Nein, sie will, daß das Licht Licht ist, die Finsternis Finsternis und das Fleisch Fleisch! Sie wird freilich, wenn sie will, Finsternis in Licht und Licht in Finsternis verwandeln; aber wenn du verlangst, daß Licht und Finsternis ohne Unterschied sein sollen – was tust du dann anders, als daß du die Ordnung der Weisheit Gottes verkehrst? Das Fleisch muß also Fleisch sein und der Geist Geist, jedes nach dem Gesetz und mit der Bestimmung, wie es von Gott geschaffen ist. Die Bestimmung des Fleisches aber ist es, daß es einen, und zwar einen bestimmten Raum, daß es seine Abmessung und seine Gestalt hat. Unter dieser Bestimmung hat Christus das Fleisch angenommen, und er hat ihm, wie Augustin bezeugt, zwar Unverderblichkeit und Herrlichkeit verliehen, aber seine Natur und seine Wahrheit nicht weggenommen (Brief 187,3,10; an Dardanus).
Simon W.

Der Pilgrim
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Beitragvon Der Pilgrim » 07.02.2012 16:25

IV,17,25

Sie stellen demgegenüber die Behauptung auf, sie hätten das Wort, in dem Gottes Wille offenbar gemacht sei. Ja, freilich – wenn man ihnen erlaubt, die Gabe der Auslegung, die dem Worte Licht zuträgt, aus der Kirche zu entfernen! Ich gebe zu, daß sie das Wort haben – aber so, wie es vorzeiten die Anthropomorphiten hatten, als sie sich einen leiblichen Gott machten, oder wie es Marcion und die Manichäer besaßen, als sie sich Christi Leib als himmlischen oder als Scheinleib dachten. Denn auch diese Leute führten Schriftzeugnisse an; so etwa: „Der erste Adam ist von der Erde und irdisch, der zweite Adam ist vom Himmel und himmlisch“ (1. Kor. 15,47; ungenau). Oder ebenso: „Christus entäußerte sich selbst und nahm Knechtsgestalt an und wurde nach seiner Ähnlichkeit wie ein Mensch erfunden“ (Phil. 2,7; ungenau). Aber diese groben Esser meinen, es gäbe keine Macht Gottes, wenn nicht von dem Ungetüm, das sie sich in ihrem Hirn zusammengemacht haben, die ganze Ordnung der Natur auf den Kopf gestellt wird – und das heißt doch nun vielmehr, „Gott Grenzen zu setzen“ (wie sie es mir vorwerfen!), wenn wir mit unseren eigenen Hirngespinsten in Erfahrung zu bringen trachten, was er vermag. Denn aus was für einem Wort haben sie es entnommen, daß der Leib Christi im Himmel sichtbar sei, auf Erden aber unsichtbar unter zahllosen Stücken Brotes verborgen liege? Sie werden sagen, das erfordere eben die Notwendigkeit, daß Christi Leib im Abendmahl ausgeteilt werde. Es ist eben so: weil es ihnen gefallen hat, aus den Worten Christi das fleischliche Essen (seines Leibes) abzuleiten, so sind sie nun von ihrem eigenen vorgefaßten Urteil mitgerissen worden und haben es für notwendig gehalten, diese Spitzfindigkeit zu erdenken, gegen welche die ganze Schrift Einspruch erhebt. Die Behauptung aber, wir verkleinerten irgendwie Gottes Macht, ist so verkehrt, daß sein Lobpreis durch unsere Lehre in besonderer Weise verherrlicht wird. Aber weil sie uns immerfort verdächtigen, wir raubten Gott seine Ehre, indem wir von uns wiesen, was nach dem gesunden Menschenverstand schwer zu glauben sei, selbst wenn es Christus mit eigenem Munde verheißen hätte – so gebe ich wiederum, wie oben bereits, die Antwort, daß wir bei den Geheimnissen des Glaubens den gesunden Menschenverstand nicht zu Rate ziehen, sondern in friedsamer Gelehrigkeit und im Geiste der „Sanftmut“, den uns Jakobus anbefiehlt (Jak. 1,21), die vom Himmel ausgegangene Lehre annehmen. Jedoch verhehle ich nicht, daß wir da, wo sie verderblich in die Irre gehen, eine nutzbringende Mäßigung walten lassen. Wenn sie die Worte Christi vernehmen: „Das ist mein Leib“, so erdenken sie sich ein Wunder, das von dem, was er meinte, sehr weit entfernt ist. Sobald sich aber dann aus diesem Hirngespinst üble Widersinnigkeiten ergeben, da versenken sie sich, weil sie sich schon in ihrer überstürzten Hast in Stricke verwickelt haben, in den Abgrund der Allmacht Gottes, um auf diese Weise das Licht der Wahrheit zum Erlöschen zu bringen. Daher kommt dann dieser aufgeblasene Eigensinn (daß sie sagen): Wir wollen nicht wissen, in welcher Weise Christus unter dem Brote verborgen liegt, sondern geben uns mit seinem eigenen Wort zufrieden: „Das ist mein Leib“. Wir aber streben, wie bei der ganzen Schrift, danach, das gesunde Verständnis dieser Stelle mit ebensoviel Gehorsam wie Sorgfalt zu erlangen, und wir reißen nicht in verkehrtem Ungestüm ohne Nachdenken und ohne Auswahl an uns, was sich zuerst unseren Sinnen aufdrängt, sondern lassen eine fleißige Erwägung eintreten und nehmen den Sinn an, den uns der Geist Gottes eingibt; auf ihn setzen wir unser Vertrauen – und dann sehen wir von der Höhe auf alles herunter, was sich an irdischer Weisheit dawider setzt. Ja, wir halten unseren Verstand gefangen, daß er nicht einem einzigen Wörtlein zu widersprechen, und demütigen ihn, daß er sich nicht dagegen zu empören wagt. Daraus ist die Auslegung der Worte Christi entstanden, von der alle, die in ihr nur einigermaßen erfahren sind, wohl wissen, daß sie auf Grund der dauernden Gepflogenheiten der Schrift den Sakramenten gemeinsam ist. Wir halten aber auch nicht dafür, daß es uns verwehrt sei, nach dem Beispiel der heiligen Jungfrau bei einer schwerverständlichen Sache danach zu forschen: „Wie soll das zugehen?“ (Luk. 1,34).



IV,17,26

Um den Glauben der Frommen zu kräftigen wird aber nichts von größerer Bedeutung sein, als wenn sie erfahren, daß die von uns aufgestellte Lehre aus dem reinen Wort Gottes entnommen ist und sich auf seine Autorität stützt. Ich will daher auch dies, so kurz wie ich es vermag, deutlich machen. Daß der Leib Christi nach seiner Auferstehung endlich ist und bis zum Jüngsten Tage vom Himmel umschlossen wird, das lehrt – nicht Aristoteles, sondern der Heilige Geist (vgl. Apg. 3,21)! Es ist mir auch wohlbekannt, daß unsere Widersacher den Stellen, die man dazu anführt, sorglos aus dem Wege gehen. An den Stellen, wo Christus sagt, er werde die Welt verlassen und fortgehen (Joh. 14,12.28), da behaupten sie, dieses Fortgehen sei nichts anderes als eine Abänderung seines sterblichen Zustandes. Aber unter solchen Umständen hätte Christus doch nicht den Heiligen Geist an seine Stelle gesetzt, um, wie man sagt, den Mangel seiner Abwesenheit auszufüllen; denn dann tritt er ja gar nicht an seine Statt; dann steigt auch Christus nicht wieder aus der himmlischen Herrlichkeit hernieder, um den Zustand des sterblichen Lebens anzunehmen. Unzweifelhaft stehen das Kommen des Heiligen Geistes und die Himmelfahrt Christi einander gegenüber, und daher kann es nicht geschehen, daß Christus in der nämlichen Weise nach dem Fleisch bei uns wohnt, wie er uns seinen Geist sendet. Dazu kommt, daß er ausdrücklich sagt, er werde „nicht allezeit“ bei seinen Jüngern in der Welt sein (Matth. 26,11; Joh. 12,8). Auch dieses Wort glauben unsere Widersacher trefflich zu entkräften, indem sie so tun, als ob Christus hier sagte, er werde nicht allezeit arm und elend und den Nöten dieses gebrechlichen Lebens unterworfen sein. Aber der Zusammenhang der Stelle erhebt dagegen offenkundig Einspruch; denn es geht hier nicht um Armut und Mangel oder um den elenden Zustand des irdischen Lebens (Christi), sondern um Verehrung und Ehre. Die Salbung gefiel den Jüngern nicht, weil sie meinten, das sei eine überflüssige, nutzlose und geradezu der Verschwendung ähnliche Ausgabe, und deshalb hätten sie lieber gehabt, dies Geld, das nach ihrer Meinung übel vergeudet wurde, wäre für die Armen angewandt worden. Da antwortet Christus, er werde nicht allezeit bei ihnen sein, um solchen Ehrendienst zu empfangen (Matth. 26,8-11). Anders hat es auch Augustin nicht ausgelegt; er spricht sich völlig eindeutig in folgender Weise aus: „Als Christus sagte: ‘Mich habt ihr nicht allezeit bei euch’, da sprach er von der Gegenwart seines Leibes. Denn nach seiner Majestät, nach seiner Vorsehung und nach seiner unaussprechlichen, unsichtbaren Gnade geht in Erfüllung, was er gesagt hat: ‚Siehe, ich bin bei euch alle Tage bis an der Welt Ende’ (Matth. 28,20). Nach dem Fleisch aber, das das Wort angenommen hat, nach dem, daß er von der Jungfrau geboren ist, nach dem, daß er von den Juden ergriffen, daß er an das Holz geheftet, daß er vom Kreuze abgenommen, daß er in Leintücher gewickelt, ins Grab gelegt und in der Auferstehung offenbar gemacht worden ist –heißt es von ihm: ‚Mich habt ihr nicht allezeit bei euch.’ Warum? Weil er eben nach der Gegenwart seines Leibes vierzig Lage hindurch mit seinen Jüngern umgegangen ist und dann gen Himmel fuhr, wobei sie ihm mit ihren Blicken das Geleit gaben, aber nicht mit ihrem Nachgehen. Er ist nicht hier; denn er sitzt dort ‚zur Rechten des Vaters’ (Mark. 16,19). Und doch ist er hier; denn die Gegenwart seiner Majestät ist nicht gewichen (Hebr. 1,3). In anderer Weise, nach der Gegenwart seiner Majestät, haben wir Christus allezeit; nach der Gegenwart seines Fleisches aber heißt es mit Recht: ‚Mich aber habt ihr nicht allezeit.’ Denn die Kirche hat ihn nach der Gegenwart seines Fleisches wenige Tage hindurch gehabt; jetzt hat sie ihn im Glauben bei sich, mit Augen aber sieht sie ihn nicht“ (Predigten zum Johannesevangelium 50,13). Da erklärt Augustin – um auch das kurz anzumerken –, daß Christus in dreifacher Weise bei uns gegenwärtig ist: in seiner Majestät, Vorsehung und unaussprechlichen Gnade; unter dieser Gnade verstehe ich jene wundersame Gemeinschaft mit seinem Leib und Blut, wofern wir nur begreifen, daß diese durch die Kraft des Heiligen Geistes geschieht, nicht aber durch jene ersonnene Verschließung seines Leibes unter das Element. Hat doch unser Herr bezeugt, daß er Fleisch und Gebeine hat, die betastet und gesehen werden könnten (Joh. 20,27). Auch bedeutet „Weggehen“ und „Auffahren“ nicht etwa, sich den Anschein zu geben, als wenn man aufführe und wegginge, sondern in Wahrheit das zu tun, was die Worte aussagen. Sollen wir nun also, so wird jemand sagen, einen bestimmten Bereich des Himmels Christus zuschreiben? Nein, ich antworte mit Augustin, daß dies eine höchst vorwitzige und überflüssige Frage ist, wenn wir nur glauben, daß er im Himmel ist (Vom Glauben und Symbol 6,13).



IV,17,27

Wieso nun – bedeutet nicht der so oft wiederholte Ausdruck „Auffahrt“ ein Verziehen von einem Ort zu einem anderen? Unsere Widersacher leugnen das, weil unter der „Höhe“ nach ihrer Ansicht bloß die Majestät der Herrschaft Christi angedeutet wird. Aber was bedeutet nun die Art, wie Christus aufgefahren ist? Fährt er da nicht vor den Blicken seiner Jünger in die Höhe? Berichten nicht die Evangelisten deutlich, daß er in die Himmel aufgenommen worden ist (Apg. 1,9; Mark. 16,19; Luk. 24,51)? Jene spitzfindigen Klüglinge behaupten demgegenüber, er sei doch durch eine Wolke dem Blick entzogen worden, damit die Gläubigen lernten, daß er fortan nicht mehr in der Welt sichtbar sein würde. Als ob er, um in uns den Glauben an seine unsichtbare Gegenwart zu erwecken, nicht vielmehr in einem einzigen Augenblick hätte entschwinden müssen, oder als ob ihn die Wolke dann nicht hätte erfassen müssen, ehe er einen Fuß rührte! Tatsächlich aber wird er in die Luft emporgehoben und lehrt uns durch die Wolke, die unter ihn tritt, daß er fernerhin nicht mehr auf Erden zu suchen ist: daraus ziehen wir mit Sicherheit den Schluß, daß seine Wohnstatt nun im Himmel ist; so erklärt es auch Paulus, und er gebietet uns, ihn von dort zu erwarten (Phil. 3,20). Aus diesem Grunde machen die Engel seine Jünger darauf aufmerksam, daß sie vergebens nach dem Himmel schauen; weil nämlich Jesus, der in den Himmel aufgenommen ist, eben so kommen wird, wie sie ihn haben auffahren sehen. Auch hier finden sich die Widersacher der gesunden Lehre durch eine nach ihrem Dafürhalten geschickte Ausflucht heraus: sie sagen nämlich, er werde dann sichtbar kommen, während er allerdings nie von der Erde geschieden sei, sondern unsichtbar bei den Seinen bliebe. Als ob die Engel an dieser Stelle eine doppelte Gegenwart Christi eindrängten und nicht einfach die Jünger zu Augenzeugen seiner Auffahrt machten, damit kein Zweifel mehr übrigbleibt! Es ist doch, als ob sie sagten: Vor euren Blicken ist er in den Himmel aufgenommen und hat er sich das himmlische Reich angeeignet; jetzt bleibt noch dies, daß ihr geduldig wartet, bis er als der Richter der Welt wiederkommt; denn wenn er jetzt in den Himmel eingegangen ist, so ist das nicht geschehen, damit er ihn allein in Besitz hat, sondern damit er euch und alle Frommen mit sich vereine!
Simon W.

Der Pilgrim
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Beitragvon Der Pilgrim » 08.02.2012 13:03

IV,17,28

Da sich aber die Verteidiger dieser falschen Lehre nicht scheuen, sie mit zustimmenden Zeugnissen der alten Kirchenlehrer und vor allem des Augustin zu verzieren, so will ich mit wenigen Worten darlegen, wie verkehrt dies Unterfangen ist. Da nämlich die Zeugnisse der Alten von gelehrten und frommen Männern zusammengestellt worden sind, so will ich eine erledigte Sache nicht abermals verhandeln – wer will, mag sie aus ihren Arbeiten entnehmen! Nicht einmal aus Augustin will ich alles sammeln, was zu dieser Sache beiträgt, sondern ich will mich damit begnügen, mit wenigen Worten zu zeigen, daß er unstreitig voll und ganz auf unserer Seite steht. Unsere Widersacher schützen freilich, um ihn uns aus der Hand zu winden, vor, in seinen Büchern begegne einem immer wieder die Wendung, im Abendmahl werde Fleisch und Blut Christi ausgeteilt, nämlich das Opfer, das einmal am Kreuze dargebracht worden sei. Aber das ist ein schwacher Vorwand; denn zugleich nennt er das Abendmahl ein Mahl der Danksagung (eucharistia) und das Sakrament des Leibes (Christi). Im übrigen ist es nicht notwendig, auf einem langen Umweg danach zu forschen, in welchem Sinne er die Ausdrücke „Fleisch“ und „Blut“ verwendet; denn er legt sich selbst aus, indem er sagt, die Sakramente empfingen ihren Namen auf Grund der Gleichheit mit den Dingen, die sie bezeichnen, und deshalb sei in einer bestimmten Weise das Sakrament des Leibes der Leib (Brief 98,9; an Bonifacius). Damit steht eine andere genugsam bekannte Stelle im Einklang: „Als der Herr das Zeichen (seines Leibes) gab, da trug er kein Bedenken zu sagen: ‚Das ist mein Leib’“ (Gegen Adimantus 12). Fernerhin machen unsere Widersacher den Einwand, Augustin schreibe doch ausdrücklich, daß der Leib Christi auf die Erde falle und in den Mund eingehe,– das geschieht (so entgegne ich) eben in dem gleichen Sinne, in dem er behauptet, er werde verzehrt; denn er verbindet beides miteinander. Dem steht auch nicht entgegen, daß er sagt, nach dem Vollzug des Geheimnisses (Sakraments) werde das Brot verzehrt (Von der Dreieinigkeit III,10,19); denn kurz vorher hatte er gesagt: „Da dies den Menschen bekannt ist, weil es ja durch Menschen vollzogen wird, so kann es als etwas Heiliges Ehre empfangen, aber nicht als etwas Wunderbares“ (ebenda 10,20). Keinen anderen Sinn hat auch ein weiteres Wort, das unsere Widersacher gar zu unbedacht zu sich herüberziehen, nämlich Christus habe sich gewissermaßen selbst in den Händen getragen, als er das Brot des Sakraments seinen Jüngern darreichte (zu Psalm 33; 1,10). Denn Augustin macht doch einen Zusatz, der einen Vergleich andeutet („gewissermaßen“), und gibt damit genugsam zu verstehen, daß Christus nicht in Wahrheit und Wirklichkeit (non vere nec realiter) unter dem Brote verschlossen war (vgl. auch ebenda 2,2). Das ist nicht zu verwundern; denn an anderer Stelle behauptet er offen, daß Leiber, wenn der räumliche Abstand von ihnen weggenommen wird, nirgendwo mehr bestehen, und weil sie nirgendwo mehr sind, eben überhaupt nicht mehr da sind (Brief 187; an Dardanus). Inhaltlos ist die Ausflucht, es handle sich an dieser Stelle nicht um das Abendmahl, in dem Gott eine besondere Kraft wirksam sein lasse. Denn es war die Frage nach dem Fleisch Christi erhoben worden, und da gab der heilige Mann mit voller Überlegung seine Antwort und sagte: „Christus hat seinem Fleische Unsterblichkeit verliehen, hat ihm aber seine Natur nicht weggenommen. Man darf nicht dafür halten, daß er nach dieser Gestalt allenthalben verstreut sei; denn wir müssen uns hüten, die Gottheit des Menschen (Christus) dergestalt aufzurichten, daß wir ihm die Wahrheit seines Leibes wegnehmen. Und es ist keine richtige Folgerung, wenn man meint, das, was in Gott ist, sei allenthalben wie Gott“ (ebenda 3,10). Die Ursache dafür läßt Augustin bald folgen: „Denn diese eine Person ist Gott und Mensch, und der eine Christus ist beides: allenthalben ist er dadurch, daß er Gott ist, und im Himmel ist er dadurch, daß er Mensch ist“ (ebenda). Wenn nun beim Abendmahl etwas vorhanden gewesen wäre, das der Lehre, die er behandelt hatte, zuwiderlief – was wäre es dann für eine Nachlässigkeit gewesen, dies Sakrament nicht (ausdrücklich) auszunehmen, wo es doch eine so ernste und wichtige Sache ist! Und doch, wenn jemand aufmerksam liest, was kurz nachher folgt, so wird er finden, daß auch das Abendmahl mit unter die allgemeine Lehre beschlossen ist: Christus, der der eingeborene Sohn Gottes und auch wiederum der Sohn des Menschen sei, sei allenthalben ganz gegenwärtig, sofern er Gott sei; im Tempel Gottes, das heißt in der Kirche, sei er als der darin wohnende Gott anwesend, und andererseits sei er an einer bestimmten Stelle des Himmels um der Bestehensweise seines wahrhaftigen Leibes willen (ebenda 2-6). Wir sehen, wie er, um Christus mit der Kirche zu einen, seinen Leib nicht aus dem Himmel hervorholt; und das hätte er doch sicherlich getan, wenn der Leib Christi nur dann in Wahrheit eine Speise für uns wäre, wenn er unter dem Brote eingeschlossen wäre. An anderer Stelle legt er dar, in welcher Weise die Gläubigen jetzt Christus besitzen, und da sagt er: „Du hast ihn durch das Zeichen des Kreuzes, durch das Sakrament der Taufe und durch die Speise und den Trank am Altar“ (Predigten zum Johannesevangelium 50,12). Ich will keine Erörterung darüber anstellen, wieweit er Recht damit hat, einen abergläubischen Brauch (das „Zeichen des Kreuzes“) unter die Merkzeichen der Gegenwart Christi zu rechnen; aber wenn einer die Gegenwart des Fleisches (Christi) mit dem Zeichen des Kreuzes vergleicht, so zeigt er damit genugsam, daß er sich Christus nicht zweileibig ausdenkt, so daß er also sichtbar im Himmel seinen Sitz hätte und zugleich verborgen unter dem Brote läge. Bedarf das einer Erläuterung, so sei darauf hingewiesen, daß es unmittelbar darauf heißt, nach der Gegenwart seiner Majestät hätten wir Christus allezeit, nach der Gegenwart seines Fleisches aber heiße es mit Recht: „Mich habt ihr nicht allezeit“ (Matth. 26,11; ebenda, 13). Unsere Widersacher behaupten demgegenüber, zugleich werde doch auch hinzugesetzt: „Nach seiner unaussprechlichen und unsichtbaren Gnade geht in Erfüllung, was von ihm gesagt ist: ‚Ich bin bei euch alle Tage bis an der Welt Ende’ (Matth. 28,20)“ (ebenda). Aber das bringt ihnen keinerlei Vorteil; denn es wird ausschließlich auf die Majestät beschränkt, die stets dem Leibe gegenübergestellt wird, auch wird ausdrücklich das Fleisch von der Gnade und Kraft unterschieden. In der gleichen Weise bekommt man bei Augustin an anderer Stelle die nämliche Gegenüberstellung zu lesen, wenn es heißt, Christus habe seine Jünger nach seiner leiblichen Gegenwart verlassen, um in geistlicher Gegenwart bei ihnen zu sein; da ist es deutlich, daß das Wesen des Fleisches von der Kraft des Geistes unterschieden wird, die uns mit Christus verbindet, während wir sonst um des räumlichen Abstandes willen weit von ihm entfernt wären. Die nämliche Sprechweise wendet Augustin häufiger an; so, wenn er sagt: „Nach der Regel des Glaubens und nach der gesunden Lehre wird er einst in der gleichen Weise in leiblicher Gegenwart zu den Lebendigen und den Toten kommen; denn in geistlicher Gegenwärtigkeit sollte er sicherlich (ohnehin) zu ihnen kommen und bei der ganzen Kirche in der Welt sein bis zum Ende der Zeiten (Augustin bezieht sich auf Joh. 17,12). Diese Worte sind also auf die Gläubigen gerichtet, die er in seiner leiblichen Gegenwart bereits selig zu machen angefangen hatte, dann aber in leiblicher Abwesenheit verlassen sollte, um sie zusammen mit dem Vater in geistlicher Gegenwart selig zu machen“ (Predigten zum Johannesevangelium 106,2). Wenn man hier den Ausdruck „leiblich“ im Sinne von „sichtbar“ versteht, so ist das dummes Zeug; denn erstens stellt Augustin den Leib der göttlichen Macht gegenüber, und zweitens bringt er auch durch den Zusatz: „Zusammen mit dem Vater selig zu machen …“ klar zum Ausdruck, daß Christus seine Gnade vom Himmel her durch den Geist auf uns ausgießt.



IV,17,29

Da nun unsere Widersacher so große Zuversicht auf diesen Schlupfwinkel der „unsichtbaren Gegenwärtigkeit“ (Christi) setzen, wohlan, so wollen wir zusehen, wie trefflich sie sich darin verstecken! Zunächst: sie bringen nicht eine einzige Silbe aus der Schrift vor, um damit zu beweisen, daß Christus unsichtbar sei; nein, sie nehmen als ausgemacht an, was ihnen doch kein gesunddenkender Mensch zugeben wird, nämlich daß Christi Leib im Abendmahl nicht anders dargereicht werden könne als von der Larve des Brotes bedeckt. Das ist nun eben der Punkt, um den sie mit uns streiten – es kann also keine Rede davon sein, daß er etwa die Stelle eines (beiderseits anerkannten) Grundsatzes einnähme. Während sie nun solchermaßen schwatzen, werden sie genötigt, einen zwiefachen Leib Christi zu denken; denn nach ihrer Meinung ist der Leib Christi in sich selbst sichtbar im Himmel, im Abendmahl dagegen durch eine bestimmte Art der Anordnung unsichtbar. Wie „trefflich“ sich das aber zusammenreimt, darüber läßt sich neben anderen Schriftstellen auch aus einem Zeugnis des Petrus leicht ein Urteil gewinnen. Petrus sagt, daß Christus vom Himmel umfaßt oder auch umschlossen werden muß, bis er abermals kommt (Apg. 3,21; anders als der Luther, text). Unsere Widersacher dagegen behaupten, Christus sei an allen Orten, aber ohne Gestalt. Sie erklären, es sei unbillig, die Natur des verklärten Leibes den Gesetzen der allgemeinen Natur zu unterwerfen. Diese Antwort zieht nun aber jene aberwitzige Meinung des Servet nach sich, die allen Frommen mit Recht widerwärtig ist, nämlich der Leib (Christi) sei von seiner Gottheit verschlungen. Ich behaupte nicht, daß unsere Widersacher dieser Ansicht sind; aber wenn zu den Gaben des verklärten Leibes auch dies gezählt wird, daß er auf unsichtbare Weise alles erfüllt, so liegt es auf der Hand, daß damit die leibliche Substanz zunichte gemacht und kein Unterschied zwischen Christi Gottheit und seiner menschlichen Natur mehr übriggelassen wird. Und dann: wenn der Leib Christi derart vielgestaltig und verschiedenartig ist, daß er an der einen Stelle in die Erscheinung tritt, an der anderen aber unsichtbar ist – wo bleibt dann eben die Natur des Leibes, der doch seine bestimmten Abmessungen besitzt? Und wo bleibt die Einheit? Weit richtiger urteilt Tertullian, der behauptet, Christi Leib sei ein wahrer und natürlicher Leib gewesen, weil uns im Geheimnis (Sakrament) des Abendmahls sein Bild als Unterpfand und zur Vergewisserung des geistlichen Lebens vor Augen gehalten werde (Gegen Marcion IV,40). Und es bezog sich jedenfalls auf den verklärten Leib, als Christus sagte: „Fühlet mich an und sehet; denn ein Geist hat nicht Fleisch und Bein“ (Luk. 24,39). Da sieht man, wie aus Christi eigenem Munde die Wahrheit seines Fleisches bewiesen wird, und zwar eben daraus, daß man ihn betasten und sehen kann; nimmt man diese beiden Eigenschaften weg, so hört es sogleich auf, Fleisch zu sein. Unsere Widersacher nehmen ihre Zuflucht nun immerfort zu dem Schlupfwinkel der (besonderen) „Anordnung“ (dispensatio), die sie sich zurechtgemacht haben. Nun ist es aber unsere Pflicht, das, was Christus ausdrücklich sagt, dergestalt anzunehmen, daß das, was er bezeugen will, bei uns ohne Einschränkung seine Gültigkeit hat. Er beweist, daß er kein Gespenst ist, und zwar, weil er in seinem Fleische sichtbar ist. Wird nun das aufgehoben, was er der Natur seines Leibes als eigen zuspricht, so muß doch unzweifelhaft eine neue Begriffsbestimmung des „Leibes“ ausgedacht werden! Aber wie sie sich auch im Kreise drehen mögen, so hat ihre ersonnene „Anordnung“ jedenfalls keinen Raum bei jener Paulusstelle, an der der Apostel sagt, daß wir vom Himmel her unseren Heiland erwarten, „welcher unseren nichtigen Leib verklären wird, daß er ähnlich werde seinem verklärten Leibe“ (Phil.3,20f.). Denn wir sollen danach keine Gleichgestaltung mit jenen Eigenschaften erwarten, die unsere Widersacher Christus andichten, so daß jeder einen unsichtbaren und unermeßlichen Leib bekäme! Es wird sich auch keiner finden, der so dumm wäre, daß sie ihn von einem derartigen Widersinn überzeugen könnten. Also sollen sie dem verklärten Leibe Christi auch nicht die Gabe zuschreiben, daß er an vielen Orten zugleich sei und keinerlei räumliche Begrenzung habe. Kurz, sie sollen entweder die Auferstehung des Fleisches offen abstreiten oder aber zugeben, daß Christus bei seiner Bekleidung mit himmlischer Herrlichkeit das Fleisch nicht abgelegt hat: er wird uns doch in unserem Fleische zu Teilgenossen und Mitgesellen der nämlichen Herrlichkeit machen, da wir die Auferstehung einst mit ihm gemeinsam haben sollen. Denn was lehrt die ganze Schrift deutlicher, als daß Christus, wie er unser wahrhaftiges Fleisch angenommen hat, als er von der Jungfrau geboren wurde, und in unserem wahrhaftigen Fleische gelitten hat, als er für uns Genugtuung leistete, so auch bei seiner Auferstehung das nämliche wahrhaftige Fleisch angenommen und in den Himmel hinauf getragen hat? Denn das ist für uns die Hoffnung auf unsere Auferstehung und unsere Auffahrt gen Himmel, daß Christus auferstanden und aufgefahren ist und, wie Tertullian sagt, das Unterpfand unserer Auferstehung mit sich in die Himmel genommen hat (Von der Auferstehung des Fleisches 51). Wie schwach und gebrechlich würde nun aber diese Hoffnung sein, wenn nicht eben dies unser Fleisch selbst in Christus wahrhaftig auferweckt worden und in das Himmelreich eingegangen wäre? Nun ist es aber die dem Leibe eigene Wahrheit, daß er seine räumliche Begrenzung, seine bestimmten Abmessungen und seine Gestalt besitzt. Fort also mit diesem törichten Hirngespinst, das sowohl die Sinne der Menschen als auch Christus selber an das Brot heftet! Denn was soll diese „verborgene Gegenwart Christi unter dem Brote“ für einen Sinn haben, als daß die, welche begehren, daß Christus mit ihnen verbunden sei, nun bei jenem Merkzeichen stehenbleiben? Der Herr aber hat nicht nur unsere Augen, sondern alle unsere Sinne von der Erde weg leiten wollen, als er es abschlug, sich von den Frauen berühren zu lassen, ehe er zu seinem Vater aufgefahren sei (Joh. 20,17). Er sah doch Maria im frommen Eifer der Ehrerbietung herbeieilen, um seine Füße zu küssen, und wenn er nun diese Berührung mißbilligte und verhinderte, bevor er in den Himmel aufgenommen sei, so bestand dazu keine andere Ursache, als daß er eben nirgendwo anders gesucht werden will (als im Himmel). Unsere Widersacher machen hier freilich den Einwurf, Christus sei doch hernach von Stephanus gesehen worden (Apg. 7,55); aber darauf ist leicht zu antworten: denn Christus hatte es zu diesem Zweck nicht nötig, seinen Ort zu wechseln, weil er den Augen seines Knechtes einen Scharfblick zu verleihen vermochte, der auch bis in die Himmel drang. Das gleiche ist von Paulus zu sagen (dem Christus erschienen ist; Apg. 9,4). Weiterhin machen sie den Einwand, Christus sei doch aus dem verschlossenen Grabe hervorgegangen (Matth. 28,6) und durch verschlossene Türen zu seinen Jüngern hereingekommen (Joh. 20,19); aber auch diese Tatsachen tun ihrem Irrtum ebensowenig Beistand. Denn wie das Wasser gleich einem festen Estrich wurde und so Christus bei seinem Wandeln über den See einen Weg bot (Matth. 14,25), so ist es auch kein Wunder, daß sich die Härte des Steins bei seinem Nahen zur Seite bog. Allerdings ist es eher anzunehmen, daß der Stein auf seinen Befehl aus dem Wege gegangen und dann bald, nachdem er den Durchgang freigegeben hatte, wieder an seinen Platz zurückgekehrt ist. Und wenn Christus durch verschlossene Türen gegangen ist, so bedeutet das nicht soviel, als ob er durch den festen Stoff hindurchgedrungen wäre, sondern es will besagen, daß er sich vermöge göttlicher Kraft den Zugang eröffnet hat, so daß er plötzlich unter seinen Jüngern stand, und zwar auf eine völlig wundersame Weise, da die Türen verriegelt waren. Dann führen unsere Widersacher auch noch aus Lukas an, Christus sei plötzlich vor den Augen der Jünger, mit denen er nach Emmaus gewandert war, verschwunden (Luk. 24,31); aber das hilft ihnen nichts und gewährt uns Beistand! Denn um ihnen seinen Anblick zu entziehen, ist er nicht unsichtbar geworden, sondern bloß verschwunden. Ebenso hat er doch, wie der nämliche Lukas bezeugt, als er mit den beiden Jüngern des Weges ging, nicht eine neue Gestalt angenommen, um nicht erkannt zu werden, sondern er hat vielmehr „ ihre Augen gehalten“ (Luk. 24,16). Unsere Gegner aber geben Christus nicht nur eine andere Gestalt, damit er sich auf Erden bewege, sondern bilden sich ein, daß er hier ein anderer ist als dort und sich selber ungleich wird. Kurz, indem sie dergestalt Possenzeug reden, machen sie –zwar nicht mit einem (ausdrücklichen) Wort, sondern in umschreibender Redeweise – aus dem Fleisch Christi einen Geist und, damit nicht zufrieden, umkleiden es auch mit völlig entgegengesetzten Eigenschaften. Daraus ergibt sich dann notwendig, daß es zwiefältig ist.
Simon W.

Der Pilgrim
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Beitragvon Der Pilgrim » 09.02.2012 11:01

IV,17,30

Aber wenn wir ihnen nun auch zugeben, was sie von der unsichtbaren Gegenwart (des Leibes Christi) schwatzen, so ist damit noch nicht seine Unermeßlichkeit erwiesen, ohne die ihr Versuch, Christus unter das Brot zu verschließen, vergeblich sein muß. Wenn Christi Leib nicht ohne alle räumliche Umgrenzung an jeglichem Orte zugleich sein kann, so wird es nicht glaubhaft sein, daß er unter dem Brote im Abendmahl verborgen liegt. Aus dieser Nötigung heraus haben sie dann die ungeheuerliche „Allgegenwärtigkeit“ (ubiquitas, Allenthalbenheit) aufgebracht. Nun haben wir aber auf Grund von sicheren und klaren Zeugnissen der Schrift erwiesen, daß Christi Leib nach dem Maß eines menschlichen Leibes seine Grenzen hat, und ferner, daß er durch seine Auffahrt zum Himmel offenkundig gemacht hat, daß er nicht an allen Orten ist, sondern, indem er an den einen sich begibt, den anderen verläßt. Auch ist die Verheißung, die unsere Widersacher anführen: „Ich bin bei euch alle Tage bis an der Welt Ende“ (Matth. 28,20) – nicht auf seinen Leib zu beziehen. Zunächst würde sonst die immerwährende Verbindung (Christi mit uns, von der dort die Rede ist) keinen Bestand haben, wofern Christus nicht auch außerhalb der Übung des Abendmahls leiblich in uns wohnte; deshalb besteht also gar kein rechter Grund, weshalb sie so heftig um die Worte Christi streiten, um Christus (bloß) im Abendmahl unter das Brot zu verschließen. Ferner beweist der Zusammenhang der Stelle, daß Christus nichts weniger tut, als von seinem Fleisch zu sprechen, sondern daß er vielmehr seinen Jüngern unbesiegbaren Beistand verheißt, um sie gegen alle Anläufe des Satans und der Welt zu schützen und zu erhalten. Denn er übertrug ihnen eine schwere Aufgabe, und damit sie nun keine Bedenken haben sollten, sie in die Hand zu nehmen, und sie auch nicht unter Furcht und Zittern auf sich nähmen, so stärkte er sie mit der Zuversicht auf seine Gegenwart, als wenn er gesagt hätte, es solle ihnen sein Schutz, der doch unüberwindlich sein wird, nicht abgehen. Hätten unsere Widersacher nicht, wofern sie nicht alles durcheinanderwerfen wollen, die Art und Weise solcher Gegenwart Christi genau bestimmen müssen? Wahrhaftig, es gibt manche, die lieber unter großer Schande ihre Unkenntnis an den Tag legen wollen als auch nur im mindesten von ihrem Irrtum weichen. Ich rede nicht von den Papisten; denn deren Lehre ist erträglicher oder wenigstens bescheidener; nein, manche lassen sich vom Streit dermaßen hinreißen, daß sie behaupten, um der in Christus geeinten Naturen willen sei überall, wo die Gottheit Christi sei, auch sein Fleisch, das von ihr nicht getrennt werden könne. Als ob nun jene Einung aus den zwei Naturen ich weiß nicht was für ein Mittelding zusammengeschmiedet hätte, das weder Gott noch Mensch wäre! So hat allerdings Eutyches gelehrt und nach ihm Servet. Aus der Schrift aber ergibt sich klar, daß die einige Person Christi dergestalt aus zwei Naturen besteht, daß doch jede ihre Eigenart unverkürzt behält. Diese Leute werden sich nun schämen zu leugnen, daß Eutyches mit Recht verurteilt worden ist; verwunderlich ist nur, daß sie nicht auf die Ursache dieser Verurteilung achten, die doch darin bestand, daß Eutyches den Unterschied zwischen den beiden Naturen aufhob, auf der Einheit der Person scharf bestand und dadurch aus Gott einen Menschen und aus dem Menschen Gott machte. Was für eine Torheit bezeugt es also, wenn man lieber Himmel und Erde miteinander vermengt, als daß man darauf verzichtet, Christi Leib aus dem himmlischen Heiligtum herauszuziehen! Sie führen freilich Schriftzeugnisse für sich an; so das Wort: „Niemand fährt gen Himmel, denn der vom Himmel herniedergekommen ist, nämlich des Menschen Sohn, der im Himmel ist“ (Joh. 3,13), oder auch: „Der eingeborene Sohn, der in des Vaters Schoß ist, der hat es uns verkündigt“ (Joh. 1,18). Aber darin zeigt sich die nämliche Torheit, wie wenn man das gemeinsame Teilhaben an den Eigenschaften (idiomatum koinonian) verachtet, eine Lehre, die einst nicht umsonst von den heiligen Vätern aufgebracht worden ist. Jedenfalls ist es doch so: wenn es heißt, „der Herr der Herrlichkeit“ sei „gekreuzigt“ worden (1. Kor. 2,8), so meint Paulus damit nicht, daß Christus in seiner Gottheit irgend etwas erlitten hätte, nein, er redet so, weil Christus, der als ein Verworfener und Verachteter im Fleische gelitten hat, doch zugleich Gott war und der Herr der Herrlichkeit. In diesem Sinne war auch „des Menschen Sohn im Himmel“ (Joh. 3,13): es war eben der nämliche Christus selber, der nach dem Fleische als des Menschen Sohn auf Erden wohnte, zugleich Gott im Himmel. Aus diesem Grunde heißt es an der nämlichen Stelle auch, er sei nach seiner Gottheit „herniedergekommen“ – nicht daß die Gottheit den Himmel verlassen hätte, um sich in dem Knechthaus des Leibes zu verbergen, sondern weil sie, obwohl sie alles erfüllte, doch eben in der Menschheit Christi leiblich, und das heißt: natürlich, und auf eine unaussprechliche Weise wohnte. In den Schulen besteht eine gebräuchliche Unterscheidung, die ich mich nicht schäme wiederzugeben. Obgleich der ganze Christus allenthalben ist, so ist doch nicht all das, was in ihm ist, allenthalben. Und ich möchte wünschen, daß die Schultheologen (Scholastiker) selbst die Bedeutung dieses Satzes recht erwogen hätten; denn dann wäre man dem törichten Hirngespinst von der leiblichen Gegegenwart Christi (im Abendmahl) entgegengetreten. Da also unser Mittler ganz allenthalben ist, so ist er stets bei den Seinen gegenwärtig und erweist sich im Abendmahl auf besondere Weise als anwesend – aber doch so, daß er als Person ganz (totus) gegenwärtig ist, nicht aber nach seinen beiden Naturen (totum); denn, wie gesagt, in seinem Fleische wird er vom Himmel umschlossen, bis er zum Gericht erscheint.


IV,17,31

Schwer täuschen sich aber diejenigen, die beim Abendmahl keinerlei Gegenwart des Fleisches Christi annehmen, wofern sie nicht an das Brot gebunden ist. Denn damit lassen sie dem verborgenen Wirken des Geistes, das Christus selber mit uns eint, nichts übrig. Christus scheint diesen Leuten nur dann gegenwärtig zu sein, wenn er zu uns herniedersteigt. Als ob wir nun seine Gegenwart nicht gleichermaßen ergriffen, wenn er uns zu sich emporführt! Die Frage geht also nur um die Art und Weise (solcher Gegenwart Christi): unsere Widersacher denken Christus im Brote räumlich anwesend, wir dagegen meinen, daß es uns nicht erlaubt ist, ihn aus dem Himmel hervorzuziehen. Nun mögen die Leser darüber urteilen, was richtiger ist. Fort jedoch mit jener Schmähung, Christus werde aus seinem Abendmahl weggenommen, wenn er nicht unter der Hülle des Brotes ver borgen liege. Denn da dieses Geheimnis (Sakrament) himmlisch ist, so besteht keine Notwendigkeit, Christus auf die Erde zu holen, damit er mit uns verbunden sei!



IV,17,32

Wenn mich nun jemand nach der Art und Weise (solcher Gegenwart Christi) fragt, so gebe ich ungescheut zu, daß dies Geheimnis zu erhaben ist, um mit meinem Verstand erfaßt oder mit Worten ausgedrückt zu werden, und, um es offenbar zu sagen: ich erfahre es mehr, als daß ich es begreife! Deshalb nehme ich hier die Wahrheit Gottes, auf die man sich sicher verlassen kann, ohne Widerrede an. Christus spricht es aus, daß sein Fleisch die Speise für meine Seele ist und sein Blut der Trank (Joh. 6,53ff.). So biete ich ihm denn meine Seele dar, daß er sie mit solcher Nahrung speise: In seinem heiligen Abendmahl gebietet er mir, unter den Merkzeichen von Brot und Wein seinen Leib und sein Blut zu empfangen, zu essen und zu trinken. So zweifle ich denn nicht daran, daß er sie mir in Wahrheit darreicht und ich sie in Wahrheit empfange. Ich verwerfe nur widersinnige Anschauungen, die entweder der himmlischen Majestät Christi offenkundig unwürdig sind oder offenbar zu der Wahrheit seiner menschlichen Natur im Widerspruch stehen; denn diese Anschauungen stehen auch notwendig im Gegensatz zum Worte Gottes, das einerseits lehrt, wie Christus dergestalt in die Herrlichkeit des Himmelreiches ausgenommen ist (Luk. 24,26), daß er damit weit über allen Zuständigkeiten der Welt steht, und das andererseits nicht weniger nachdrücklich an seiner menschlichen Natur das preist, was der wahren Menschheit eigen ist. Es darf auch nicht den Anschein haben, als ob das unglaubwürdig sei oder im Gegensatz zur Vernunft stünde; denn wie das ganze Reich Christi geistlich ist, so darf auch alles, was er an seiner Kirche wirkt, durchaus nicht nach der Weise dieser Welt bemessen werden. Oder, um Augustins Worte zu gebrauchen: dies Geheimnis (Sakrament) wird, wie die übrigen, durch den Menschen verwaltet, aber von Gott aus, es wird auf der Erde verwaltet, aber vom Himmel her. Diese Gegenwart des Leibes (Christi), sage ich, ist so beschaffen, wie sie die Art des Sakraments erfordert, und sie tritt, so behaupten wir, dabei mit solcher Kraft und Wirkgewalt hervor, daß sie nicht nur unseren Seelen eine dem Zweifel entnommene Zuversicht auf das ewige Leben verschafft, sondern uns auch der Unsterblichkeit unseres Fleisches gewiß macht. Denn unser Fleisch wird doch bereits von seinem unsterblichen Fleische lebendig gemacht und es nimmt gewissermaßen an seiner Unsterblichkeit Anteil (vgl. Irenäus, Gegen die Ketzereien IV,18,5). Wer in seinen Übertreibungen darüber hinausgeht, der tut nichts anderes, als daß er mit solchen Verhüllungen die schlichte und deutliche Wahrheit verdunkelt. Wenn jemand noch nicht befriedigt ist, so möchte ich, er würde ein wenig mit mir erwägen, daß hier von einem Sakrament die Rede ist und daß alles, was dazu gehört, auf den Glauben bezogen werden muß. Den Glauben aber nähren wir mit dem von uns dargelegten Anteilhaben am Leibe (Christi) nicht weniger köstlich und reichlich als jene, die Christus selbst vom Himmel herunterziehen. Indessen gebe ich freimütig zu, daß ich die Vermischung des Fleisches Christi mit unserer Seele oder das Überfließen, wie es unsere Widersacher lehren, verwerfe; denn es genügt uns, daß Christus aus der Substanz seines Fleisches heraus unseren Seelen das Leben einhaucht, ja, daß er sein eigenes Leben in uns überfließen läßt – wenn auch das Fleisch Christi selbst nicht in uns übergeht. Zudem unterliegt es auch keinem Zweifel, daß das Entsprechungsmaß des Glaubens (fidei analogia), nach dem Paulus jegliche Auslegung der Schrift zu richten gebietet (Röm. 12,3), mir in diesem Stück herrlich zur Seite steht. Wer der so deutlich sichtbaren Wahrheit widerspricht, der mag zusehen, nach welchem Maß des Glaubens er sich richte. Wer „nicht bekennt, daß Jesus Christus ist in das Fleisch gekommen, der ist nicht von Gott“ (1. Joh. 4,3)! Unsere Widersacher

aber rauben Christus sein Fleisch – ob sie es sich auch verhehlen oder nicht darauf achten.
Simon W.

Der Pilgrim
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Beitragvon Der Pilgrim » 11.02.2012 14:13

IV,17,33

In der gleichen Weise ist über das Teilhaben (an Christus) zu urteilen. Unsere Gegner erkennen ein solches nicht an, wofern sie das Fleisch Christi nicht unter (mit) dem Brote herunterschlucken. Nun geschieht aber dem Heiligen Geiste kein geringes Unrecht, wenn wir nicht glauben, dass es durch seine unbegreifliche Kraft bewirkt wird, daß wir mit Christi Fleisch und Blut Gemeinschaft haben. Ja, wenn man die Kraft des Geheimnisses (Sakraments), wie sie von uns gelehrt wird und wie sie der Alten Kirche in den ersten vierhundert Jahren bekannt war, nach Gebühr erwogen hätte, so hätten wir mehr als genug Grund, uns zufriedenzugeben. Dann wäre auch zahlreichen greulichen Irrtümern die Tür verschlossen worden, an denen sich furchtbare Zwistigkeiten entzündet haben, von denen in alter Zeit wie auch in unseren Tagen die Kirche elend gequält worden ist. Haben doch vorwitzige Menschen eine übertriebene Art von Gegenwart (des Leibes Christi) durchsetzen wollen, wie sie die Schrift nie und nimmer aufzeigt. Und diese Menschen machen um solch töricht und unbesonnen erdachter Sache willen einen derartigen Aufruhr, als ob das Eingeschlossensein Christi unter dem Brote Kern und Stern der Frömmigkeit wäre, wie man sagt. Es kam doch in erster Linie darauf an, daß man wußte, wie Christi Leib, wie er einmal für uns dahingegeben worden ist, unser eigen wird, und wie wir des Blutes teilhaftig werden, das er vergossen hat; denn das heißt ja den ganzen gekreuzigten Christus besitzen, damit wir aller seiner Güter genießen. Nun aber läßt man diese Fragen, die doch so große Bedeutung haben, beiseite, ja man übergeht sie und läßt sie schier begraben sein – und hat nur an der einen spitzfindigen Frage seine Freude, wieso denn unter dem Brote oder unter der „Gestalt“ des Brotes der Leib Christi verborgen sei! Es ist falsch, wenn solche Leute behaupten, alles, was wir über das geistliche Essen lehren, das stehe im Gegensatz zu dem wahrhaftigen und wesenhaften, wie sie es nennen. Denn wir haben dabei ausschließlich die Art und Weise im Auge, und die ist bei ihnen fleischlich, indem sie Christus in das Brot einschließen, nach unserer Anschauung aber geistlich, weil die verborgene Kraft des Heiligen Geistes das Band ist, das uns mit Christus verbunden sein läßt. Ebensowenig wahrheitsgemäß ist auch der andere Einwurf, wir deuteten bloß die Frucht oder die Wirkung an, die den Gläubigen aus dem Essen des Fleisches Christi zuteil würde. Denn wir haben oben bereits gesagt, daß Christus selbst die zugrunde liegende Wirkursache (materia) des Abendmahls ist und daß dann daraus die Wirkung folgt, daß wir durch das Opfer seines Todes die Reinigung von unseren Sünden, durch sein Blut die Abwaschung empfangen und durch seine Auferstehung zur Hoffnung auf das himmlische Leben aufgerichtet werden. Nein, ihre Sinne werden von jener törichten Einbildung verdreht, deren Urheber der Lombarde ist, indem sie nämlich meinen, das Essen des Fleisches Christi sei das Sakrament. Denn Petrus Lombardus sagt: „Das Sakrament ohne die Sache ist die Gestalt des Brotes und Weines; das Sakrament zusammen mit der (in ihm gegebenen) Sache, das ist das Fleisch und Blut Christi; die Sache ohne das Sakrament, das ist sein verborgenes Fleisch“ (Sentenzen IV,8,4). Und kurz danach heißt es ebenso: „Die Sache, die (im Sakrament) zeichenhaft veranschaulicht und zugleich enthalten ist, das ist Christi eigenes Fleisch; die Sache aber, die zwar zeichenhaft veranschaulicht, aber nicht darin enthalten ist, das ist Christi geheimnisvoller Leib“ (ebenda, aber etwas vorher). Daß er zwischen dem Fleisch Christi und der ihm verliehenen Wirkkraft zur Nahrung unterscheidet, bejahe ich; daß er aber so tut, als ob dies Fleisch das Sakrament wäre, und zwar unter dem Brote enthalten, das ist ein untragbarer Irrtum. Daraus ist dann eine falsche Deutung des „Essens beim Sakrament“ (sacramentalis manducatio) erwachsen: man hat nämlich gemeint, auch die Gottlosen und Lasterhaften genössen den Leib Christi, wie fremd sie ihm auch sein mochten. Tatsächlich aber ist doch das Fleisch Christi im Geheimnis (Sakrament) des Abendmahls eine nicht weniger geistliche Sache als die ewige Seligkeit. Daraus ziehen wir die Folgerung, daß alle, die des Geistes Christi ledig sind, das Fleisch Christi ebensowenig zu essen vermögen, wie sie Wein trinken können, der nicht zugleich auch Geschmack hätte. Jedenfalls wird Christus gar zu unwürdig in Stücke zerrissen, wenn sein Leib als etwas Totes und Kraftloses den Ungläubigen preisgegeben wird. Auch stehen dazu Christi ausdrückliche Worte im Widerspruch: „Wer mein Fleisch isset und trinket mein Blut, der bleibt in mir und ich in ihm“ (Joh. 6,56). Unsere Widersacher behaupten demgegenüber, es handle sich an dieser Stelle nicht um das Essen im Sakrament. Das gebe ich meinerseits zu – wenn sie nur nicht immer wieder an den nämlichen Stein stießen (und behaupteten), das Fleisch Christi werde (in solchem Falle) ohne jegliche Frucht genossen (was abzulehnen wäre)! Ich möchte nun aber gern von ihnen erfahren, wie lange sie dies „Fleisch“ in sich behalten, wenn sie es gegessen haben. Hier werden sie nach meinem Dafürhalten keinen Ausweg finden. Sie machen aber den Einwand, durch die Undankbarkeit der Menschen könne der Zuverlässigkeit der Verheißungen Gottes keinerlei Eintrag oder Abbruch geschehen. Das gebe ich allerdings zu, und ich behaupte, daß die Kraft des Geheimnisses (Sakraments) unverkürzt erhalten bleibt, so sehr auch die Gottlosen, soviel an ihnen ist, bemüht sind, sie zunichte zu machen. Aber es ist etwas anderes, ob etwas angeboten oder ob es angenommen wird! Christus reicht diese geistliche Speise allen dar, allen bietet er diesen geistlichen Trank. Die einen nehmen sie mit heißem Verlangen in sich auf, die anderen weisen sie hoffärtig von sich. Soll nun die Zurückweisung, die solche Leute üben, etwa die Wirkung haben, daß Speise und Trank ihre Natur verlieren? Unsere Gegner werden sagen, dieser Vergleich diene ihrer Ansicht als Stütze, nämlich daß Christi Fleisch, auch wenn es seinen Geschmack verlöre, nichtsdestoweniger Fleisch sei. Ich behaupte jedoch, daß es nicht ohne das Schmecken des Glaubens genossen werden kann, oder – wenn ich lieber mit Augustins Worten reden soll – ich bestreite, daß der Mensch aus dem Sakrament mehr bekommt, als er mit dem Gefäß des Glaubens aufnimmt. So geschieht dem Sakrament keinerlei Abbruch, nein, seine Wahrheit und Wirkkraft bleibt unverkürzt, mögen auch die Gottlosen von dem äußerlichen Teilhaben an ihm leer davongehen. Sie machen aber wiederum den Einwand: wenn die Gottlosen (beim Abendmahl) bloß verderbliches Brot empfingen und sonst nichts, so werde damit dem Worte Eintrag getan: „Das ist mein Leib.“ Da liegt aber die Antwort schon bereit: Nicht im Empfangen will Gott als wahrhaftig erkannt werden, sondern in der Beständigkeit seiner Güte, in der er bereit ist, Unwürdigen zu geben, was sie doch verwerfen, ja, in der er es ihnen freigebig darreicht. Und das ist die Unverkürztheit des Sakraments, die die ganze Welt nicht zu verletzen vermag: daß Christi Fleisch und Blut den Unwürdigen nicht weniger wahrhaftig gegeben wird als den auserwählten Gläubigen Gottes. Zugleich aber ist doch auch dies wahr: wie der Regen, der auf einen harten Felsen niederströmt, sich verläuft, weil ihm kein Weg offensteht, um in das Gestein einzudringen, so stoßen die Gottlosen in ihrer Härtigkeit die Gnade Gottes von sich, so daß sie nicht zu ihnen dringt. Zudem ist es ebensowenig sinngemäß, daß Christus ohne den Glauben empfangen würde, wie daß Samen im Feuer keimt. Sie fragen nun, wieso denn Christus manchen Menschen zur Verdammnis gekommen sein sollte, wenn sie ihn eben nicht unwürdig aufgenommen hätten; aber das ist ohne Inhalt; denn wir lesen nirgendwo, daß sich die Menschen den Tod zuziehen, indem sie Christus unwürdig in sich aufnehmen, das geschieht vielmehr dadurch, daß sie ihn verwerfen. Nichts hilft ihnen auch das Gleichnis Christi, in dem er sagt, der Same gehe unter den Dornen auf, werde dann aber erstickt und verderbe (Matth. 13,7); denn Christus spricht hier davon, was für einen Wert der zeitweilige Glaube hat – und die Leute, die in diesem Stück den Judas auf einer Stufe zum Mitgesellen des Petrus machen, sind ja nicht der Ansicht, daß (auch nur) ein solcher Glaube erforderlich sei, um Christi Fleisch zu essen und sein Blut zu trinken. Ja, das nämliche Gleichnis dient vielmehr zur Widerlegung ihres Irrtums, wenn Christus da sagt, der eine Same falle auf den Weg, der andere auf steiniges Land, und keiner von beiden treibe Wurzeln (Matth. 13,4f.). Daraus ergibt sich doch, daß die Ungläubigen durch ihre Härtigkeit daran gehindert werden, daß Christus zu ihnen kommt. Wer auch immer begehrt, daß unser Heil durch dies Geheimnis (Sakrament) eine Stütze empfange, der wird nichts Angemesseneres finden, als daß die Gläubigen zu dem Brunnquell geleitet werden und das Leben schöpfen aus dem Sohne Gottes. Die Würde dieses Sakraments wird aber herrlich genug gepriesen, wenn wir daran festhalten, daß es ein Hilfsmittel ist, vermöge dessen wir in den Leib Christi eingefügt werden oder als solche, die in ihn eingeleibt sind, mehr und mehr mit ihm zusammenwachsen, bis er uns im himmlischen Leben voll und ganz mit sich eint. Unsere Widersacher aber werfen ein, Paulus hätte doch jene Menschen (in Korinth) nicht für „schuldig an dem Leib und Blut des Herrn“ erklären dürfen (1. Kor. 11,27), wenn sie deren gar nicht teilhaftig geworden wären. Da antworte ich aber: sie werden gar nicht verurteilt, weil sie gegessen haben, sondern nur, weil sie das Geheimnis (Sakrament) entweiht haben, indem sie das Unterpfand unserer heiligen Verbindung mit Gott, das sie in Ehrfurcht hätten empfangen müssen, mit Füßen traten.
Simon W.

Der Pilgrim
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Beitragvon Der Pilgrim » 12.02.2012 12:50

IV,17,34

Da nun aber unter, den alten Schriftstellern vor allem Augustin jenes Lehrstück verteidigt hat, daß durch den Unglauben und die Bosheit der Menschen den Sakramenten kein Eintrag geschieht und die Gnade, die sie veranschaulichen, dadurch nicht entleert wird, so wird es von Nutzen sein, aus seinen Worten deutlich nachzuweisen, wie töricht und verkehrt es ist, wenn Leute, die Christi Leib den Hunden zum Fressen vorwerfen, jenes Lehrstück auf die hier verhandelte Sache beziehen. Das Essen beim Sakrament (sacramentalis manducatio) ist nach ihrer Meinung von der Art, daß damit die Gottlosen ohne die Kraft des Heiligen Geistes und ohne jegliche Wirkung der Gnade Leib und Blut Christi empfangen. Anders Augustin; er erwägt weislich die Worte: „Wer mein Fleisch isset und trinket mein Blut, der wird nicht sterben in Ewigkeit“ (Joh. 6,50.54; ungenau) und sagt: „(Das ist) eben der, der die Kraft des Sakraments genießt, nicht nur das sichtbare Sakrament, und zwar innerlich, nicht äußerlich, der es mit dem Herzen genießt und nicht der, der es zwischen den Zähnen zerdrückt“ (Predigten zum Johannesevangelium 26,12). Von da aus kommt er schließlich zu dem Ergebnis, das Sakrament (als Zeichen) dieser Sache, das heißt der Einheit des Leibes und Blutes Christi, werde im Herrnmahl dargegeben, und zwar einigen zum Leben, anderen zum Verderben, – die Sache selber aber, die das Sakrament darstellt, werde allen, sofern sie ihrer teilhaftig würden, zum Leben, niemandem aber zum Verderben gegeben (ebenda 26,15). Damit nun hier niemand die Ausflucht macht, als „Sache“ werde dabei nicht der Leib (des Herrn), sondern vielmehr die Gnade des Heiligen Geistes bezeichnet, die sich von dem Leibe trennen lasse, so werden diese Nebelwolken durch die Gegenüberstellung der Beiwörter „sichtbar“ und „unsichtbar“ zerstreut, denn unter dem ersteren kann nicht der Leib Christi verstanden werden (ebenda 26,11f.). Daraus ergibt sich, daß die Ungläubigen allein an dem sichtbaren Merkzeichen Anteil haben. Und um den Zweifel desto besser zu beheben, sagt er zunächst, dies Brot suche den Hunger des inwendigen Menschen, und fährt dann fort: „Mose, Aaron und Pinehas und viele andere, die das Manna aßen, haben Gottes Wohlgefallen gehabt (Ex. 16,14ff.). Warum? Weil sie die sichtbare Speise geistlich verstanden, geistlich nach ihr gehungert, geistlich von ihr gekostet haben, um geistlich gesättigt zu werden. Denn auch wir haben heute eine sichtbare Speise empfangen, aber etwas anderes ist das Sakrament und etwas anderes die Kraft des Sakraments“ (ebenda 26,11). Kurz danach heißt es: „Und daher kommt es, daß der, der nicht in Christus bleibt und in dem Christus nicht bleibt, unzweifelhaft auch nicht geistlich sein Fleisch genießt und sein Blut trinkt, mag er das Merkzeichen des Leibes und Blutes auch fleischlich und sichtbar zwischen den Zähnen zerdrücken“ (ebenda 26,19). Da hören wir, wie er abermals das sichtbare Zeichen und das geistliche Essen einander gegenüberstellt. Damit wird jener Irrtum widerlegt, wonach der unsichtbare Leib Christi in sakramentaler Weise wirklich gegessen wird, wenn auch nicht geistlich. Wir hören ebenfalls, wie den Unheiligen und Unreinen nichts zugestanden wird als das sichtbare Empfangen des Zeichens. Daher kommt sein berühmtes Wort, die übrigen Jünger hätten das Brot und damit den Herrn gegessen, Judas dagegen (bloß) das Brot des Herrn (Predigten zum Johannesevangelium 59,1). Damit schließt er die Ungläubigen klar und deutlich vom Teilhaben an Fleisch und Blut (Christi) aus. Den gleichen Sinn hat es, wenn er an anderer Stelle sagt: „Was verwunderst du dich, wenn dem Judas das Brot Christi gegeben worden ist, durch das er an den Teufel verknechtet werden sollte, wo du doch siehst, daß auf der anderen Seite dem Paulus ein Engel des Teufels gegeben worden ist, damit er durch diesen in Christus vollkommen gemacht würde;“ (2. Kor. 12,7; Augustin, Predigten zum Johannesevangelium 62,1). Er sagt freilich an anderer Stelle, für jene Menschen, zu denen Paulus sagte: „Welcher unwürdig isset und trinket, der isset und trinket sich selber zum Gericht“ (1. Kor. 11,29), sei das Brot des Abendmahls der Leib Christi gewesen, und sie hätten deshalb, weil sie es übel empfangen hätten, nicht etwa nichts empfangen (Von der Taufe gegen die Donatisten V,8,9). Aber in welchem Sinne er das meint, das setzt er ausführlicher an einer anderen Stelle auseinander. Da macht er sich daran, mit Überlegung festzustellen, in welcher Weise die Bösen und Lasterhaften, die den christlichen Glauben mit dem Munde bekennen, aber mit ihren Taten ableugnen, den Leib Christi genießen, und zwar redet er da gegen die Meinung einiger Leute, die der Ansicht waren, solche Menschen äßen nicht nur im Sakrament, sondern in Wirklichkeit (den Leib Christi), und dabei sagt er: „aber auch von diesen Menschen darf man nicht sagen, daß sie den Leib Christi genießen; denn sie sind nicht zu den Gliedern Christi zu zählen. Um nämlich von anderem zu schweigen, können sie nicht zugleich Glieder Christi und Glieder einer Hure sein (1. Kor. 6,15). Und schließlich sagt der Herr doch selbst: ‚Wer mein Fleisch isset und trinket mein Blut, der bleibt in mir und ich in ihm’ (Joh. 6,56), und damit zeigt er, was es heißt, nicht nur im Bezug auf das Sakrament, sondern in Wirklichkeit den Leib Christi zu essen: das heißt nämlich, daß einer in Christus bleibt, damit Christus in ihm bleibt. Denn der Herr hat das so gesagt, als wenn er sich ausdrückte: Wer nicht in mir bleibt und in wem ich nicht bleibe, der soll nicht sagen oder meinen, er äße meinen Leib oder tränke mein Blut“ (Vom Gottesstaat XXI,25). Der Leser möge die Gegenüberstellung bedenken: „mit Bezug auf das Sakrament“ und „in Wirklichkeit“ – dann wird kein Zweifel mehr übrigbleiben. Das gleiche bekräftigt Augustin nicht weniger deutlich mit den Worten: „Bereitet nicht euren Schlund, sondern euer Herz; denn um seinetwilIen ist uns dies Abendmahl anbefohlen. Siehe, wir glauben an Christus, und dabei empfangen wir ihn im Glauben; über unserem Empfangen wissen wir, was wir bedenken, wir empfangen ein wenig und werden (doch) in unserem Herzen satt gemacht: also nährt uns nicht das, was gesehen, sondern das, was geglaubt wird“ (Predigt 112,5). Auch hier beschränkt er das, was die Gottlosen empfangen, auf das sichtbare Zeichen und lehrt, daß man Christus nicht anders empfängt als im Glauben. So geschieht es ebenfalls an einer anderen Stelle: da erklärt er ausdrücklich, daß Gute und Böse an den Zeichen Anteil haben, schließt aber die letzteren von dem wahren Genuß des Fleisches Christi aus (Gegen den Manichäer Faustus XIII,16). Wenn sie nämlich die Sache selbst empfingen, so würde er nicht voll und ganz davon schweigen; denn zu seiner Sache hätte es (anders) besser gepaßt. Auch an einer anderen Stelle, wo er von dem Essen und von dessen Frucht redet, kommt er zu folgendem Ergebnis: „Christi Fleisch und Blut wird dann für einen jeglichen das Leben sein, wenn das, was im Sakrament sichtbar genommen wird, in Wahrheit geistlich gegessen und geistlich getrunken wird“ (Predigt 131,1). Wollen also die, welche die Ungläubigen des Fleisches und Blutes teilhaftig machen, mit Augustin übereinkommen, so sollen sie uns den sichtbaren Leib Christi vorweisen; denn nach Augustin ist die ganze Wahrheit geistlich. Und es ergibt sich aus seinen Worten mit Sicherheit der Schluß, daß das Essen im Sakrament, wo der Unglaube der Wahrheit den Zutritt versperrt, ebensoviel bedeutet wie das sichtbare und äußerliche Essen. Anderwärts lehrt er: „Nicht diesen Leib, den ihr seht, werdet ihr essen, und nicht das Blut, das die vergießen, die mich kreuzigen, werdet ihr trinken. Ein Sakrament habe ich euch anbefohlen, und wenn ihr es geistlich versteht, so wird es euch lebendig machen“ (zu Psalm 98,9). Was sollten diese Worte wohl für einen Sinn haben, wenn der Leib Christi in Wahrheit, aber (zugleich) doch nicht geistlich genossen werden könnte? Er hat sicherlich nicht bestreiten wollen, daß der nämliche Leib, den Christus zum Opfer dargebracht hat, im Abendmahl gereicht wird, sondern er hat die Art und Weise solchen Essens gekennzeichnet, insofern uns nämlich der Leib, in die himmlische Herrlichkeit aufgenommen, in der verborgenen Kraft des Heiligen Geistes das Leben einhaucht. Ich gebe zwar zu, daß bei Augustin mehrfach die Redeweise vorkommt, der Leib Christi werde von den Ungläubigen gegessen; aber er legt selbst aus, was er meint, indem er zufügt: „Im Sakrament“ (Predigten zum Johannesevangelium 27,11). Und an anderer Stelle beschreibt er die geistliche Nießung dergestalt, daß in ihr unsere Bisse nicht etwa die Gnade verzehren (Predigten zum Johannesevangelium 27,3). Damit nun unsere Widersacher nicht sagen, ich führte meinen Streit (nur) mit der großen Menge (der Zeugnisse), so möchte ich gerne wissen, wieso sie sich jenem einen Ausspruch des Augustin entwinden wollen, wo es heißt, die Sakramente bewirkten das, was sie veranschaulichten, allein in den Auserwählten. Unzweifelhaft werden sie nicht zu leugnen wagen, daß bei dem Abendmahl das Brot den Leib Christi darstellt. Daraus ergibt sich, daß die Verworfenen vom Teilhaben an diesem ferngehalten werden. Auch Cyrill hat nicht anders geurteilt; das geben uns seine Worte zu erkennen: „Wenn man in flüssig gewordenes Wachs anderes Wachs hineingießt, so vermengt man beide völlig miteinander; genau so ist es, wenn jemand Fleisch und Blut des Herrn empfängt: er wird notwendig mit ihm verbunden, so daß Christus in ihm und er in Christus erfunden wird“ (zu Joh. 6,57). Aus diesen Worten geht nach meinem Dafürhalten deutlich hervor, daß diejenigen, welche den Leib Christi bloß in der Weise des Sakramentsgenusses essen, der wahren und wirklichen Nießung verlustig sind, weil Christi Leib von seiner Kraft nicht zu scheiden ist; zugleich ergibt sich, daß dadurch die Zuverlässigkeit der Verheißungen Gottes nicht ins Wanken gerät, der ja nicht aufhört, vom Himmel herab regnen zu lassen, mögen auch die Steine und Felsen die Feuchtigkeit solchen Regens nicht in sich aufnehmen.


IV,17,35

Diese Einsicht wird uns auch leicht von der fleischlichen Anbetung abbringen, die manche Leute in verkehrter Unbesonnenheit bei dem Sakrament aufgebracht haben, und zwar, weil sie in ihrem Herzen die Überlegung anstellten: ist das hier der Leib Christi, dann sind also zusammen mit dem Leibe auch seine Seele und seine Gottheit vorhanden, die nicht mehr von ihm getrennt werden können; daher ist Christus im Sakrament anzubeten. Zunächst: was wollen diese Leute machen, wenn man ihnen ihr „stetes Beieinandersein“ (concomitantia), das sie als Vorwand brauchen, bestreitet? Denn sie mögen noch so scharf darauf dringen, es sei ein Widersinn, wenn man Christi Leib von seiner Seele und Gottheit trennte, so möchte ich doch wissen, welcher gesundsinnige und nüchterne Mensch sich weismachen lassen sollte, Christi Leib sei Christus! Sie meinen zwar, sie brächten das mit ihren Schlußfolgerungen trefflich zuwege. Nun redet aber Christus von seinem Leib und Blut in unterschiedlicher Weise und beschreibt die Art der Gegenwärtigkeit nicht – wie sollen sie nun auf Grund einer unentschiedenen Sache mit Sicherheit beweisen, was sie wollen? Wieso nun – werden sie nicht etwa, wenn es ihnen einmal zustoßen sollte, daß ihr Gewissen von einem ernsteren Empfinden gequält würde, alsbald mit ihren Schlußfolgerungen zergehen und zerschmelzen? Das wird nämlich dann geschehen, wenn sie sehen, daß ihnen das gewisse Wort Gottes mangelt, kraft dessen allein unsere Seelen standfest sind, wenn sie zur Rechenschaft gerufen werden, und ohne das sie gleich im ersten Augenblick zu wanken beginnen, es wird geschehen, wenn sie bedenken, daß ihnen die Lehre wie auch das Vorbild der Apostel entgegenstehen und daß sie ihre Sache aus sich allein heraus angefangen haben. Zu solchen Anstößen werden dann auch noch andere, nicht geringe Stachel kommen. Wieso – war es denn etwa eine so bedeutungslose Sache, Gott in dieser Gestalt anzubeten, daß uns nichts dergleichen vorgeschrieben ist? Durfte man etwa, wo es sich doch um die wahre Verehrung Gottes handelte, mit solcher Leichtfertigkeit etwas unternehmen, worüber man nirgendwo ein Wort zu lesen bekam? Nein, wenn sie mit der gebührenden Demut alle ihre Gedanken unter dem Worte Gottes gehalten hätten, dann hätten sie unzweifelhaft darauf gehört, was er selber gesagt hat: „Nehmet … Esset … Trinket“ – und sie hätten diesem Gebot Gehorsam geleistet, in dem er uns aufgibt, das Sakrament zu empfangen, nicht aber es anzubeten! Wer aber, wie es von Gott geboten ist, das Sakrament ohne Anbetung nimmt, der ist sicher, daß er von Gottes Anweisung nicht abweicht – und wenn wir uns irgendein Werk vornehmen, so ist nichts besser als solche Sicherheit. Wer so handelt, der hat das Vorbild der Apostel (für sich), von denen wir nicht lesen, daß sie niedergefallen sind und angebetet haben, sondern daß sie, wie sie bei Tische saßen, das Sakrament empfangen und gegessen haben. Er hat die Gepflogenheit der apostolischen Kirche (für sich); denn da haben die Gläubigen, wie Lukas berichtet, nicht in der Anbetung, sondern im Brechen des Brotes Gemeinschaft gehalten (Apg. 2,42). Er hat die apostolische Lehre (für sich), vermöge deren Paulus die Kirche der Korinther unterwiesen hat, wobei er bezeugt: „Ich habe es von dem Herrn empfangen, das ich euch gegeben habe“ (1. Kor. 11,23).
Simon W.

Der Pilgrim
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Beitragvon Der Pilgrim » 14.02.2012 12:11

IV,17,36

Diese Ausführungen haben nun den Zweck, daß der fromme Leser erwägen möge, wie gefährlich es ist, in so schwierigen Dingen von Gottes einfältigem Worte (abzugehen und) nach den Träumereien unseres Hirns umherzulaufen. Und was oben dargelegt wurde, das muß uns hierbei von jeglichem Bedenken freimachen. Denn damit die frommen Seelen Christus im Abendmahl recht ergreifen, müssen sie zum Himmel emporgerichtet werden. Ist es doch das Amt dieses Sakraments, dem Verstand des Menschen, der sonst schwach ist, Hilfe zu bieten, damit er emporsteigt, um die Höhe der geistlichen Geheimnisse zu begreifen; wenn es aber so ist, dann irren die, welche bei dem äußeren Zeichen stehenbleiben, von dem rechten Wege, Christus zu suchen, ab. Wieso – wollen wir etwa leugnen, daß es eine abergläubische Verehrung ist, wenn sich Menschen vor dem Brote niederwerfen, um Christus darin anzubeten? Diesem falschen Tun hat unzweifelhaft die Synode von Nicäa entgegentreten wollen, als sie verbot, daß wir den uns vorgelegten Merkzeichen in Demut unsere Andacht zuwendeten. Und keine andere Ursache lag auch für die in alter Zeit bestehende Ordnung vor, daß das Volk vor der Weihe (Konsekration) mit lauter Stimme dazu ermahnt wurde, das Herz aufwärts zu richten (sursum corda!). Und auch die Schrift selber berichtet uns einerseits mit Fleiß von Christi Himmelfahrt, durch die er die Gegenwärtigkeit seines Leibes unserem Blick und dem Verkehr mit uns entzogen hat, außerdem aber will sie uns alles fleischliche Denken über ihn austreiben und gebietet deshalb allemal, wenn sie seiner Erwähnung tut, unseren Sinnen, sich nach oben zu richten und ihn im Himmel zu suchen, wo er zur Rechten des Vaters sitzt (Kol. 3,2). Nach dieser Regel hätte man ihn vielmehr geistlich in der himmlischen Herrlichkeit anbeten sollen, als sich diese so gefährliche Art von Anbetung auszudenken, die von einer fleischlichen, groben Meinung über Gott erfüllt ist. Daher haben die, welche sich diese Anbetung des Sakraments ausgedacht haben, sie nicht nur aus sich selbst heraus erträumt, ohne die Schrift, in der sich keine Erwähnung derselben nachweisen läßt – und wenn dergleichen Gott wohlgefällig wäre, so wäre es doch nicht ausgelassen worden! –, nein, sie haben sich auch gegen den Widerspruch der Schrift nach ihrem eigenen willkürlichen Gutdünken einen Gott zurechtgemacht und dabei den lebendigen Gott verlassen. Denn was ist Abgötterei, wenn nicht dies, daß man die Gaben statt des Gebers selbst verehrt? Man hat sich also hier in zwiefacher Weise vergangen: einerseits hat man Gott die Ehre geraubt und sie auf die Kreatur übertragen, und andererseits hat man auch seine Wohltat befleckt und entheiligt und ihn dadurch entehrt, indem man aus seinem heiligen Sakrament einen widerlichen Abgott gemacht hat. Wir wollen demgegenüber, um nicht in die nämliche Fallgrube zu stürzen, unsere Augen, Ohren, Herzen, Sinne und Zungen voll und ganz an Gottes heilige Lehre geheftet sein lassen. Denn sie ist die Schule des besten Lehrmeisters, des Heiligen Geistes, in welcher man dergestalt Fortschritte macht, daß man von anderswoher nichts herbeizuholen braucht und mit Freuden nicht weiß, was in ihr nicht gelehrt wird.



IV,17,37

Aber, wie ja der Aberglaube, wenn er einmal die rechten Grenzen überschritten hat, mit Sündigen kein Ende macht, so ist man noch wesentlich weiter gegangen: man hat sich Gebräuche ausgedacht, die mit der Einsetzung des Abendmahls schlechterdings nichts zu tun haben, und zwar einzig zu dem Zweck, um dem Zeichen göttliche Ehren zu erweisen. Man sagt zwar: wir erweisen doch Christus diese Verehrung. Da antworte ich aber erstens: wenn das wirklich beim Abendmahl geschähe, so würde ich behaupten, daß nur die Anbetung rechtmäßig ist, die nicht bei dem Zeichen stehenbleibt, sondern sich auf Christus richtet, der im Himmel seinen Sitz hat. Unter welchem Vorwand behaupten sie nun aber, in diesem Brote Christus zu ehren, wo sie doch keine Verheißung darüber besitzen? Sie weihen die Hostie, wie sie sie nennen, um sie mit Prunk (in der Prozession) umherzutragen und um sie zum Beschauen, Verehren und Anrufen in öffentlichem Schauspiel auszustellen. Ich frage, vermöge welcher Kraft denn diese Hostie nach ihrer Meinung rechtmäßig geweiht ist. Sie werden dann allerdings die Worte vorbringen: „Das ist mein Leib.“ Demgegenüber aber mache ich den Einwand, daß doch zugleich auch gesagt ist: „Nehmet hin und esset.“ Und das tue ich nicht ohne Sinn; denn die Verheißung ist mit dem Gebot verbunden, und ich behaupte, daß sie dergestalt in das Gebot eingeschlossen ist, daß sie bei ihrer Ablösung davon völlig zu nichts wird. Das wird durch ein ähnliches Beispiel deutlicher werden. Gott gab ein Gebot, als er sprach: „Rufe mich an“, und er fügte die Verheißung hinzu, „so will ich dich erhören“ (Ps. 50,15; Schluß nicht Luthertext). Wenn nun jemand den Petrus oder Paulus anriefe und sich dann dieser Verheißung rühmte – würden dann nicht alle Leute laut erklären, daß er verkehrt handelte? Was tun nun die Menschen anderes, so frage ich, die das Gebot, in dem uns das Essen befohlen wird, beiseite lassen und dann die verstümmelte Verheißung herausreißen: „Das ist mein Leib“, um sie für Gebräuche zu mißbrauchen, die mit Christi Stiftung nichts zu tun haben? Wir wollen also bedenken, daß diese Verheißung solchen gegeben ist, die das mit ihr verbundene Gebot halten, daß aber die, welche von dem Sakrament einen anderen Gebrauch machen, jeglichen Wortes ermangeln. Oben haben wir davon gesprochen, in welcher Weise das Geheimnis (Sakrament) des heiligen Abendmahls (1.) unserem Glauben vor Gott dienlich ist. Wenn uns aber der Herr hier den Reichtum seiner Güte in der Fülle, die wir oben dargelegt haben, nicht nur ins Gedächtnis zurückruft, sondern sie gleichsam aus seiner Hand in unsere legt und uns ermuntert, sie zu erkennen, so ermahnt er uns damit zugleich (2.), solcher überströmenden Wohltätigkeit gegenüber nicht undankbar zu sein, sondern sie vielmehr mit dem ihr billig zukommenden Lob zu preisen und mit Danksagung zu verherrlichen. Als er daher den Aposteln die Stiftung dieses Sakraments übergab, da lehrte er sie: „Das tut zu meinem Gedächtnis“ (Luk. 22,19). Und Paulus legt das so aus, sie sollten „des Herrn Tod verkündigen“ (1. Kor. 11,26). Das bedeutet aber, daß wir alle öffentlich und aus einem Munde vor aller Welt bekennen, daß für uns die ganze Zuversicht auf Leben und Seligkeit auf dem Tode des Herrn beruht, damit wir ihn mit unserem Bekenntnis verherrlichen und andere durch unser Beispiel dazu ermuntern, ihm die Ehre zu geben. Hier wird wiederum deutlich, wo der Richtpunkt des Sakraments liegt: es soll uns in dem Gedächtnis des Todes Christi üben. Wenn uns aber Paulus gebietet, „des Herrn Tod zu verkündigen“, „bis daß er“ zum Gericht „kommt“ (1. Kor. 11,26), so bedeutet das nichts anderes, als daß wir mit dem Bekenntnis unseres Mundes aussprechen sollen, was unser Glaube im Sakrament erkannt hat, nämlich daß Christi Tod unser Leben ist. Das ist die zweite Wirkweise (usus) des Sakraments, die sich auf das äußere Bekenntnis bezieht.



IV,17,38

(3.) Zum dritten soll uns das Abendmahl nach dem Willen des Herrn auch als Ermahnung dienen, und es gibt keine andere, durch die wir kräftiger zur Reinheit und Heiligkeit unseres Lebens wie auch zur Liebe, zum Frieden und zur Eintracht ermuntert und entflammt werden könnten. Denn der Herr gibt uns im Abendmahl dergestalt Anteil an seinem Leibe, daß er mit uns ganz eins wird und wir mit ihm. Wie nun er nur einen Leib hat, dessen er uns alle teilhaftig macht, so müssen auch notwendig wir alle durch solches Teilhaben zu einem Leibe werden. Diese Einheit veranschaulicht das Brot, das uns im Sakrament dargereicht wird: es setzt sich gleichsam aus vielen Körnern zusammen, die unter sich dermaßen vermengt sind, daß man keines mehr von dem anderen unterscheiden kann; auf die gleiche Weise gebührt es sich auch, daß wir in solcher Herzenseintracht verbunden und vereinigt sind, daß keinerlei Zwietracht oder Entzweiung dazwischentritt. Das will ich lieber mit den Worten des Paulus auseinandersetzen; er sagt: „Der gesegnete Kelch, welchen wir segnen, ist der nicht die Gemeinschaft des Blutes Christi? Das Brot, das wir brechen, ist das nicht die Gemeinschaft des Leibes Christi? … So sind wir viele ein Leib, dieweil wir alle eines Brotes teilhaftig sind“ (1. Kor. 10,16f.). Wir haben aber dann beim Sakrament herrlich viel gelernt, wenn in unseren Herzen der Gedanke festgeprägt und eingegraben ist: wir können keinen unter unseren Brüdern verletzen, verachten, von uns stoßen, schmählich behandeln oder auf irgendeine Weise kränken, ohne daß wir zugleich in ihm Christus mit unseren Ungerechtigkeiten verletzen, verachten und schmählich behandeln, wir können nicht mit unseren Brüdern in Zwietracht leben, ohne zugleich mit Christus in Zwietracht zu sein, wir können Christus nicht lieben, ohne daß wir ihn in unseren Brüdern lieben; die Sorge, die wir um unseren Leib tragen, müssen wir auch an unsere Brüder wenden, die doch Glieder an unserem Leibe sind, und wie kein Stück unseres Leibes von irgendeinem Schmerzempfinden berührt wird, das sich nicht zugleich auf alle anderen übertrüge, so können wir es auch nicht ertragen, daß ein Bruder von irgendeinem Übel befallen wird, das wir nicht auch selbst mit ihm durchlitten. Daher ist es nicht ohne Sinn, daß Augustin dies Sakrament so oft als Band der Liebe bezeichnet. Denn was könnte wohl für ein schärferer Ansporn angewendet werden, um unter uns die gegenseitige Liebe zu erwecken, als daß Christus sich selbst für uns hingibt und uns damit nicht nur durch sein Vorbild dazu auffordert, uns einander zu weihen und hinzugeben, sondern auch, insofern er sich allen gemein macht, dahin wirkt, daß wir alle eins sind in ihm?



IV,17,39

Hierdurch erfährt aber das, was ich anderwärts ausgeführt habe, nämlich daß die rechte Verwaltung des Sakraments nicht ohne das Wort besteht, eine treffliche Bekräftigung. Denn jeglicher Nutzen, der uns aus dem Abendmahl erwächst, erfordert das Wort: ob wir im Glauben gestärkt, im Bekenntnis geübt oder zum Dienst ermuntert werden sollen – immer bedarf es der Predigt! Darum kann beim Abendmahl nichts verkehrteres geschehen, als daß man es in eine stumme Verrichtung umwandelt, wie man das unter der Tyrannei des Papstes getan hat. Nach dem Willen der Papisten soll nämlich die ganze Kraft der Weihe (Konsekration) von dem Vorsatz des Priesters abhängen – als ob das das Volk nichts anginge, wo doch gerade ihm dies Geheimnis hätte ausgelegt werden müssen. Daraus ist dann der Irrtum erwachsen, daß sie nicht darauf achteten, daß jene Verheißungen, auf Grund deren die Weihe geschieht, nicht für die Elemente selbst bestimmt sind, sondern für die, welche sie empfangen. Nun redet aber doch Christus nicht das Brot an, daß es sein Leib werden solle, sondern er gebietet den Jüngern zu essen, und verheißt ihnen das Teilhaben an seinem Leib und Blut. Und auch Paulus lehrt keine andere Ordnung, als daß den Gläubigen zusammen mit Brot und Kelch die Verheißungen dargeboten werden sollen. So ist es ohne Zweifel. Denn wir sollen uns hier nicht irgendeine Zauberbeschwörung ersinnen, so daß es genug wäre, die Worte dahergemurmelt zu haben, als ob sie von den Elementen gehört würden, nein, wir sollen begreifen, daß jene Worte eine lebendige Predigt sind, die die Hörer erbauen, innerlich in ihre Herzen dringen, den Herzen eingeprägt werden und darin haften soll, und die ihre Wirkkraft in der Erfüllung dessen beweisen soll, was sie verheißt. Aus diesen Erwägungen geht klar hervor, daß das Weglegen des Sakraments, wie es manche verlangen, damit es außerhalb der Ordnung an die Kranken ausgeteilt werden könnte, unnütz ist. Denn die Kranken werden es dann entweder ohne Anführung der Einsetzung(sworte) Christi empfangen, oder der Diener wird mit dem Zeichen zugleich eine wahre Auslegung des Geheimnisses verbinden. Die stillschweigende Austeilung (also der erste Fall) aber bedeutet einen Mißbrauch und Fehler. Werden dagegen die Verheißungen genannt und wird das Geheimnis (Sakrament) ausgelegt, so daß die, welche es nehmen sollen, es mit Frucht empfangen, so besteht kein Grund zu bezweifeln, daß dies die wahre Weihe ist. Was soll also jene andere für einen Sinn haben, deren Kraft nicht bis zu den Kranken hingelangt? Ja, wird man sagen, aber wer so handelt, der hat das Beispiel der Alten Kirche für sich! Das gebe ich zu; aber bei einer Sache, die so große Bedeutung hat und bei der man nicht ohne große Gefahr in Irrtum fällt, ist nichts sicherer, als daß man der Wahrheit selber folgt!
Simon W.

Der Pilgrim
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Beitragvon Der Pilgrim » 16.02.2012 11:54

IV,17,40

Wie wir nun sehen, daß dies heilige Brot beim Abendmahl des Herrn eine geistliche Speise ist, süß und köstlich nicht weniger als heilbringend für Gottes fromme Diener, die durch das Kosten solchen Brotes empfinden, daß Christus ihr Leben ist, durch dies Brot zur Danksagung ermuntert werden und in ihm eine Ermahnung zur gegenseitigen Liebe untereinander haben, – so verwandelt es sich auf der anderen Seite für alle, deren Glauben es nicht nährt und festigt und die es nicht zum Bekenntnis seines Lobes und zur Liebe erweckt, in das verderblichste Gift. Denn wie eine leibliche Speise, wenn sie in einen Leib gerät, der mit schlechten Säften erfüllt ist, auch selbst schlecht gemacht und verdorben wird und deshalb mehr schadet als nährt, so ist es auch mit dieser geistlichen Speise: trifft sie auf eine Seele, die mit Bosheit und Nichtswürdigkeit befleckt ist, so stürzt sie diese nur mit um so schlimmerem Zusammenbruch ins Verderben, und zwar nicht durch einen ihr selbst anhaftenden Fehler, sondern weil „den Unreinen und Ungläubigen nichts rein“ ist (Tit. 1,15), wie sehr es auch sonst durch den Segen des Herrn geheiligt sein mag. „Denn“, wie Paulus sagt, „welcher unwürdig isset und trinket, der ist schuldig an dem Leib und Blut des Herrn und isset und trinket sich selber zum Gericht, damit, daß er nicht unterscheidet den Leib des Herrn“ (1. Kor. 11,29; Zwischenstück aus Vers 27). Denn diese Art Menschen, die ohne jedes Fünklein Glauben, ohne allen Eifer der Liebe gleich Säuen herbeilaufen, um das Abendmahl des Herrn zu nehmen, die unterscheiden den Leib des Herrn eben durchaus nicht. Insofern sie nämlich nicht glauben, daß dieser Leib ihr Leben ist, behandeln sie ihn, soviel sie es vermögen, mit Schmach, indem sie ihn aller seiner Würde berauben; und indem sie ihn schließlich in solcher Gesinnung empfangen, entheiligen und besudeln sie ihn. Insofern sie aber von ihren Brüdern entfremdet sind, mit ihnen in Zwietracht leben und es dann wagen, das heilige Merkzeichen des Leibes Christi mit ihrer Zwietracht zu vermengen, liegt es nicht an ihnen, wenn Christi Leib nicht zerstückt und Glied für Glied auseinander gerissen wird. Daher sind sie nicht unverdient „schuldig am Leib und Blut des Herrn“, weil sie sie eben in heiligtumsschänderischer Gottlosigkeit so ekelhaft beflecken. Durch diesen unwürdigen Genuß des Sakraments ziehen sie sich also ihre Verdammnis zu. Denn obwohl sie keinen Glauben haben, der auf Christus ruhte, bekennen sie doch durch den Empfang des Sakraments, daß ihr Heil nirgendwo anders liege als in ihm, und schwören sie alle andere Zuversicht ab. Daher sind sie ihre eigenen Verkläger, legen sie selber Zeugnis gegen sich ab und versiegeln sie sich selbst ihre Verdammnis. Und dann ferner: obwohl sie durch Haß und Böswilligkeit von ihren Brüdern, das heißt von Christi Gliedern, geschieden und mit ihnen entzweit sind und daher keinen Anteil an Christus haben, bezeugen sie doch (durch den Empfang des Sakraments), daß das Heil allein darin bestehe, Christi teilhaftig und mit ihm geeint zu sein (wodurch sie sich also abermals selbst verklagen)! Daher gebietet Paulus: „Der Mensch prüfe sich selbst, und also esse er von diesem Brot und trinke von diesem Kelch“ (1. Kor. 11,28). Damit hat er, jedenfalls wie ich es auslege, sagen wollen, es solle jeder einzelne in sich selbst hinabsteigen und bei sich bedenken, ob er sich mit innerlichem Vertrauen seines Herzens auf das Heil verläßt, das Christus uns erworben, und es mit dem Bekenntnis seines Mundes anerkennt, ferner, ob er im eifrigen Trachten nach Unschuld und Heiligkeit nach Christi Nachfolge strebt, ob er bereit ist, sich nach Christi Beispiel den Brüdern hinzugeben und sich denen zuteil zu geben, mit denen er Christus gemeinsam hat, ob er, wie er von Christus als sein Glied angesehen wird, so auch seinerseits alle Brüder für Glieder seines Leibes gelten läßt, und ob er danach trachtet, sie wie seine Glieder zu fördern, zu schützen und zu unterstützen. Nicht daß diese Leistungen des Glaubens und der Liebe schon jetzt bei uns vollkommen sein könnten, sondern daß wir uns darum mühen und mit allem Begehren danach streben sollen, den angefangenen Glauben von Tag zu Tag je mehr und mehr zunehmen zu lassen!



IV,17,41

Im allgemeinen hat man die armen Gewissen, wenn man die Menschen auf solchen würdigen Genuß des Abendmahls vorbereiten wollte, in grausamer Weise gepeinigt und gequält, aber nichts von dem vorgebracht, was zur Sache dienlich war. Man hat gesagt, diejenigen übten den würdigen Genuß des Abendmahls, die im Stande der Gnade seien. Dies „im Stande der Gnade sein“ hat man dann so ausgelegt, es hieße von aller Sünde sauber und gereinigt sein. Durch diese Lehre wurden alle Menschen, soviel ihrer je auf Erden gewesen sind oder noch sind, von dem Gebrauch dieses Sakraments ausgeschlossen. Denn wenn es darum geht, daß wir unsere Würdigkeit von uns selbst her nehmen sollen, dann ist es um uns geschehen – nur Verzweiflung und tödliches Zusammenbrechen warten unser! Wir mögen uns mit allen Kräften anstrengen, so werden wir doch nichts anderes erreichen, als daß wir gerade dann, wenn wir uns am meisten darum gemüht haben, solche Würdigkeit zu suchen, am allerunwürdigsten sein werden. Um diese Wunde zu heilen, hat man sich eine Art und Weise ausgedacht, wie wir solche Würdigkeit erlangen sollen: wir sollen uns, soviel wir es vermögen, prüfen, sollen uns über alles, was wir getan haben, Rechenschaft ablegen und dann durch Zerknirschung, Bekenntnis und Genugtuung für unsere Unwürdigkeit Sühne leisten – was für eine Art von Sühneleistung das ist, das haben wir an einer zur Besprechung dieser Dinge passenderen Stelle dargelegt. Soweit es mit unserer jetzigen Erörterung zu tun hat, behaupte ich, daß dergleichen Dinge für solche Gewissen, die niedergeschlagen sind und am Boden liegen und von der Sündenangst durchbohrt sind, ein gar zu inhaltloser, nichtiger Trost sind. Denn wenn der Herr durch jenes Verbot niemanden zum Teilhaben an seinem Abendmahl zuläßt, der nicht gerecht und unschuldig wäre, so ist keine geringe Gewährleistung erforderlich, damit einer dadurch seiner Gerechtigkeit gewiß werde, die, wie er es vernimmt, Gott von ihm verlangt. Woher sollen wir aber eine Bekräftigung der „Gewißheit“ bekommen, daß die, welche „getan haben, was sie vermögen“, vor Gott ihre Schuldigkeit getan hätten? Und selbst wenn es so wäre, so bleibt doch zu fragen: wann darf wohl einer wagen, sich die Zusage zu geben, er habe getan, was er vermochte? Da uns also (in dieser Weise!) keine gewisse Sicherheit von unserer Würdigkeit zuteil wird, so muß uns der Zugang allezeit verschlossen bleiben, vermöge jenes furchtbaren Verbots, in dem verordnet wird: „Welcher unwürdig isset und trinket, der isset und trinket sich selber zum Gericht“ (1. Kor. 11,29).



IV,17,42

Jetzt läßt sich leicht ein Urteil darüber gewinnen, von welcher Art die im Papsttum herrschende Lehre ist und von welchem Urheber sie ihren Ausgang genommen hat: das ist eine Lehre, welche die armen und von Angst und Traurigkeit angefochtenen Sünder durch ihre maßlose Härte des Trosts dieses Sakraments verlustig gehen läßt und beraubt, während ihnen doch in ihm alle Köstlichkeiten des Evangeliums vor Augen gestellt wurden. Ohne Zweifel konnte der Teufel die Menschen auf keinem kürzeren Wege ins Verderben bringen, als daß er sie dermaßen betörte, daß sie von jener Speise, mit der sie der himmlische Vater in seiner großen Güte hatte nähren wollen, nichts kosteten und keinen Geschmack von ihr bekamen. Damit wir also nicht in solchen Abgrund hineinrennen, wollen wir bedenken, daß dies heilige Mahl eine Arznei für die Kranken, ein Trost für die Sünder und ein reiches Geschenk für die Armen ist, während es für Gesunde, Gerechte und Reiche, sofern welche zu finden wären, nichts bringt, was (für sie) einigen Wert hätte. Denn da uns in diesem Mahl Christus zur Speise gegeben wird, so erkennen wir, daß wir ohne ihn dahinschwinden, verrinnen und ermatten, wie auch die Kraft des Leibes beim Mangel an Nahrung zunichte wird. Und ferner: er wird uns doch zum Leben gegeben, und daran erkennen wir, daß wir ohne ihn in uns selber völlig tot sind. Daher besteht jene Würdigkeit, die wir Gott als einzige und beste bringen können, darin, daß wir unsere Niedrigkeit und sozusagen unsere Unwürdigkeit vor ihn tragen, damit er uns durch seine Barmherzigkeit seiner würdig mache, sie besteht darin, daß wir in uns selber alle Hoffnung aufgeben, um uns in ihm zu trösten, daß wir uns erniedrigen, um von ihm aufgerichtet, daß wir uns verklagen, um von ihm gerechtfertigt zu werden, sie besteht weiterhin darin, daß wir nach der Einheit streben, die er uns in seinem Abendmahl anbefiehlt, und, wie er uns alle in sich selber eins macht, so auch wünschen, daß wir alle voll und ganz eine Seele, ein Herz und eine Zunge haben. Wenn wir das erwogen und bedacht haben, so werden uns wohl solche Gedanken kommen können: Wie sollen denn wir, die wir arm und nackt sind an allem Guten, wie sollen wir, die wir von dem Schmutz der Sünde besudelt, wir, die wir halb tot sind, wie sollen wir den Leib des Herrn würdig genießen? Aber solche Gedanken werden uns dann zwar vielleicht erschüttern, aber nie und nimmer zu Boden werfen. Nein, wir werden dann vielmehr bedenken, daß wir als Arme zu einem gütigen Geber, als Kranke zu einem Arzt, als Sünder zu dem Wirker der Gerechtigkeit und schließlich als Tote zu dem kommen, der da lebendig macht, wir werden erwägen, daß die Würdigkeit, die von Gott geboten wird, vor allen Dingen in dem Glauben besteht, der alles bei Christus findet und nichts bei uns selbst, und alsdann auch in der Liebe, und zwar in einer solchen, die wir Gott in all ihrer Unvollkommenheit darbieten dürfen, damit er sie bessere und mehre, sintemal wir eine vollkommene nicht zu leisten vermögen. Es gibt manche, die mit uns in der Ansicht übereinstimmen, daß jene Würdigkeit selbst in Glaube und Liebe besteht, aber dann in der Art und Weise dieser Würdigkeit weit abgeirrt sind, indem sie eine Vollkommenheit des Glaubens fordern, zu der überhaupt nichts mehr hinzukommen kann, und eine Liebe, die der gleich sein soll, die Christus uns gegenüber zu erkennen gegeben hat. Damit aber weisen sie, genau wie die obengenannten Leute (nämlich die Papisten), alle Menschen vom Zugang zu diesem heiligen Mahle weg. Denn wenn ihre Meinung Gültigkeit hätte, so würde jeder das Sakrament unwürdig empfangen; denn alle ohne Ausnahme wären ihrer Unvollkommenheit schuldig und überführt. Auch wäre es doch wahrlich ein Zeichen von gar zu großer Unverständigkeit, ja Dummheit, wenn man beim Empfang des Sakraments eine Vollkommenheit forderte, die das Sakrament selbst wirkungslos und überflüssig machte; denn es ist nicht für die vollkommenen gestiftet, sondern für die Schwachen und Gebrechlichen, um die Gesinnung des Glaubens und der Liebe anzustacheln, zu erwecken, anzuspornen und zu üben und um den Mangel an Glauben und Liebe zu beheben.



IV,17,43

Was nun den äußerlichen Brauch bei der Übung des Sakraments betrifft, so macht es nichts aus, ob die Gläubigen das Brot in die Hand nehmen oder nicht, ob sie es untereinander verteilen oder ob jeder ißt, was man ihm gegeben hat, ob sie den Kelch dem Diakon in die Hand geben oder an den Nächsten weiterreichen, ob das Brot gesäuert oder ungesäuert ist, und ob der Wein rot oder weiß ist. Dies sind Dinge ohne entscheidende Bedeutung, die in der freien Entschließung der Kirche stehen. Allerdings ist es sicher, daß es der Brauch der Alten Kirche gewesen ist, daß alle das Brot in die Hand empfingen. Auch hat Christus gesagt: „Teilet ihn (den Kelch) unter euch“ (Luk. 22,17). Nach dem Bericht der Geschichtsbücher hat man vor der Zeit des Bischofs Alexander von Rom gesäuertes, gewöhnliches Brot genommen; Alexander (I.) ist der erste gewesen, der an ungesäuertem Brot Gefallen gefunden hat, aus welchem Grunde, sehe ich nicht, einzig wollte er wohl die Augen des Volkes mit einem neuen Schaubild zur Bewunderung hinreißen, statt sein Herz in rechter Ehrfurcht zu unterweisen. Ich beschwöre alle, die auch nur von einem geringen Eifer um die Frömmigkeit erfaßt sind, ob sie nicht klar durchschauen, wieviel herrlicher Gottes Ehre hier leuchtet und wieviel reichlicher hier die Köstlichkeit des geistlichen Trostes ist, die den Frommen erwächst, als bei jenen frostigen und schauspielerhaften Possen, die keinen anderen Nutzen bringen, als den Sinn des verblüfften Volkes zu täuschen! Das heißen sie „das Volk bei der innerlichen Ehrfurcht erhalten“, wenn es vom Aberglauben dumm und betört ist und sich überall hinziehen läßt. Will jemand dergleichen Fündlein mit ihrem Alter verteidigen, so weiß auch ich sehr wohl, wie alt bei der Taufe die Übung der Salbung und des Anblasens ist, und wie kurz nach der Zeit der Apostel das Abendmahl des Herrn vom Rost befallen worden ist; aber das ist eben die Frechheit des menschlichen Selbstvertrauens, daß es sich nicht enthalten kann, in Gottes Geheimnissen allezeit sein Spiel und seine Ausgelassenheit zu treiben. Wir aber wollen bedenken: Gott legt auf den Gehorsam gegen sein Wort so großes Gewicht, daß er den Willen hat, daß wir sowohl seine Engel als auch den ganzen Erdkreis nach diesem seinem Worte beurteilen sollen. Nachdem wir nun einem so großen Haufen von Zeremonien Valet gesagt haben, könnte das Abendmahl am schicklichsten so verwaltet werden, daß es recht häufig und mindestens einmal in der Woche der Kirche vorgelegt würde. Am Anfang sollten dann öffentliche Gebete stehen, dann sollte die Predigt gehalten werden, danach sollte der Diener, nachdem Brot und Wein auf den Lisch gestellt sind, von der Stiftung des Abendmahls berichten und weiterhin die Verheißungen darlegen, die uns in ihm hinterlassen sind; zugleich sollte er alle mit dem Bann belegen, die durch das Verbot des Herrn vom Abendmahl ausgeschlossen sind. Danach sollte man darum beten, daß der Herr uns kraft seiner Güte, in der er uns diese heilige Nahrung gewährt hat, auch zu ihrem Empfang mit Glauben und herzlicher Dankbarkeit unterweisen und erziehen und uns, da wir es aus uns selbst heraus nicht sind, in seiner Barmherzigkeit solchen Mahles würdig machen möge. Dann sollte man Psalmen singen oder etwas verlesen und die Gläubigen sollten in gebührender Ordnung an dem heiligen Mahle teilhaben, wobei die Diener das Brot brächen und den Kelch reichten. Nach Beendigung des Abendmahles sollte eine Ermahnung stattfinden zu aufrichtigem Glauben und zum Bekenntnis des Glaubens, zur Liebe und zu einem der Christen würdigen Wandel. Zum Schluß sollte man die Danksagung sprechen und Gott Lob singen. Nach dem allem sollte die Kirche im Frieden entlassen werden.
Simon W.


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