Die Institutio in einem Jahr lesen

Nur für Gläubige, die die fünf Punkte des Arminianismus ablehnen

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Der Pilgrim
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Beitragvon Der Pilgrim » 06.12.2011 11:54

IV,12,13

Dabei empfiehlt Augustin von allem dies eine: wenn die Menge von einer Sünde wie von einer ansteckenden Krankheit befallen ist, so ist die strenge Barmherzigkeit einer kräftigen Zucht vonnöten. „Denn die Ratschläge zur Abscheidung“, sagt er, „sind eitel, verderblich und frevlerisch; sie werden nämlich gottlos und hoffärtig und bewirken eher eine Verwirrung der schwachen Guten, als eine Besserung der beherzten Bösen“ (Ebenda III,2,14). Und was er an dieser Stelle anderen vorschreibt, das hat er selbst treulich befolgt. Denn in einem Schreiben
an den Bischof Aurelius von Karthago beklagt er es, daß in Afrika die Prunksucht ungestraft um sich greife, obwohl sie doch in der Schrift so scharf verurteilt werde, und rät, man solle ein Konzil der Bischöfe einberufen und ein Mittel dagegen schaffen (Brief 22,1,4). Dann fährt er fort: „Solche Dinge behebt man meines Erachtens nicht mit Härte, nicht mit Schärfe, nicht in gebieterischer Weise, sondern mehr durch Unterweisung als durch Weisung, mehr durch Mahnen als durch Drohen. Denn so muß man mit dem großen Haufen derer, die sich vergehen, verfahren. Strenge dagegen muß man gegen die Sünde weniger walten lassen“ (Ebenda 1,5). Trotzdem ist er dabei, wie er selbst nachher auseinandersetzt, nicht der Meinung, daß die Bischöfe deshalb durch die Finger sehen oder schweigen müßten, weil sie nicht in der Lage wären, öffentliche Schandtaten strenger zu bestrafen (Gegen den Brief des Parmenian, III,2,15). Nein, er will, daß man bei der Art und Weise der Strafe solche Mäßigung walten läßt, daß man dem Leibe, soweit es möglich ist, Gesundheit schafft statt Verderben (Ebenda). Und deshalb kommt er schließlich zu folgendem Ergebnis: „Wir dürfen also einerseits die Weisung des Apostels, die Bösen abzusondern, in keinem Betracht vernachlässigen, wenn das ohne die Gefahr einer Verletzung des Friedens vor sich gehen kann; denn nur in dieser Weise wollte er, daß es geschähe. Andererseits aber müssen wir auch darauf halten, daß wir durch gegenseitiges Ertragen danach trachten, ‚zu halten die Einigkeit im Geist durch das Band des Friedens’“ (Ebenda III,2,16; 1. Kor. 5,3-7; Eph. 4.2.3).



IV,12,14

Der übrige Teil der Zucht, der nicht eigentlich unter die Schlüsselgewalt fällt, besteht darin, daß die Hirten das Volk (die Gemeinde), je nach Erfordernis der Zeit, zum Fasten, zu feierlichen Gebeten oder zu anderen Übungen der Demut, der Buße und des Glaubens ermahnen sollen, deren Zeit, Art und Form im Worte Gottes nicht vorgeschrieben, sondern dem Urteil der Kirche überlassen wird. Die Übung auch dieses Stücks der Kirchenzucht ist segensreich, und sie ist dementsprechend in der Alten Kirche schon seit der Zeit der Apostel stets gebräuchlich gewesen. Allerdings haben nicht einmal die Apostel den ersten Anfang damit gemacht, sondern sie haben das Vorbild dazu aus dem Gesetz und den Propheten entnommen. Denn wie wir da lesen, wurde jedesmal, wenn sich ein ernsterer Fall ereignete, das Volk zusammengerufen, und dann wurden öffentliche Gebete und Fasten angesetzt. Die Apostel haben sich also einem Brauch angeschlossen, der dem Volke Gottes nicht neu war und von dem sie vorhersahen, daß er sich segensreich auswirken werde. Ähnlich ist es mit den anderen Übungen bestellt, durch die das Volk zu seiner Pflicht ermuntert oder bei Pflicht und Gehorsam erhalten werden kann. Beispiele dafür treten uns in den heiligen Geschichten immer wieder entgegen, und es ist nicht nötig, sie aufzuzählen. Zusammenfassend müssen wir festhalten: jedesmal, wenn sich ein Streit über Religionsfragen erhebt, der von einer Synode oder einem kirchlichen Gericht entschieden werden muß, wenn es darum geht, einen Diener zu wählen, kurz, wenn eine schwierige oder bedeutungsvolle Sache vorliegt oder wenn umgekehrt die Zorngerichte des Herrn, wie Pestilenz, Krieg oder Hungersnot, in die Erscheinung treten, dann ist es eine heilige und für alle Zeiten heilbringende Ordnung, daß die Hirten das Volk zu öffentlichen Fasten und außerordentlichen Gebeten ermahnen. Wenn jemand die Beispiele, die man aus dem Alten Testament vorbringen kann, nicht annimmt, weil sie nach seiner Meinung auf die christliche Kirche weniger paßten, so steht es jedenfalls fest, daß auch die Apostel so gehandelt haben. Freilich wird sich meiner Ansicht nach schwerlich jemand finden, der wegen der Gebete Bedenken erhebt. Wir wollen also einiges über das Fasten sagen; denn es gibt sehr viele Leute, die nicht begreifen, welchen Nutzen es hat, und die deshalb der Meinung sind, es sei nicht so nötig, ferner sind andere da, die es als etwas überflüssiges gänzlich verwerfen, und endlich verfällt man, wenn man die Übung des Fastens nicht richtig versteht, leicht in Aberglauben.



IV,12,15

Ein heiliges und rechtmäßiges Fasten hat nun einen dreifachen Zweck. Denn wir wenden es an, (1.) um das Fleisch zu zähmen und zu unterwerfen, damit es sich nicht ungebunden gehen läßt, oder (2.), um zu Gebeten und heiligen Betrachtungen besser bereitet zu sein, oder endlich (3), um ein Zeichen unserer Demütigung vor Gott zu geben, wenn wir unsere Schuld vor ihm bekennen wollen. Der erstgenannte Zweck kommt bei dem öffentlichen Fasten nicht besonders häufig in Betracht, weil nicht alle Leute von gleicher leiblicher Verfassung und Kraft sind; dieser Zweck paßt also mehr für das persönliche Fasten des einzelnen. Der zweite Zweck findet sich beim öffentlichen wie beim privaten Fasten; denn die gesamte Kirche hat solche Bereitung zum Beten ebenso nötig wie jeder einzelne unter den Gläubigen für sich allein. Auch von dem dritten Zweck gilt Ähnliches. Denn es wird zuweilen vorkommen, daß Gott ein bestimmtes Volk mit Krieg, Pestilenz oder irgendwelcher Not schlägt. Unter solch gemeinsamer Züchtigung soll sich das ganze Volk als schuldig anerkennen und auch seine Schuld bekennen. Trifft aber die Hand des Herrn einen einzelnen Menschen, so soll er allein oder mit seiner Hausgenossenschaft das gleiche tun. Nun beruht solches Anerkennen und Bekennen der Schuld zwar vornehmlich auf der inneren Regung des Herzens. Aber wo das Herz die rechte Empfindung hat, da kann das kaum geschehen, ohne daß es auch in eine äußere Beteuerung ausbricht, und zwar namentlich dann, wenn es zur allgemeinen Erbauung dient, daß alle miteinander durch öffentliches Bekenntnis ihrer Sünde Gott den Lobpreis der Gerechtigkeit zollen und jeder den anderen durch sein Beispiel dazu ermuntert.
Simon W.

Der Pilgrim
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Beitragvon Der Pilgrim » 08.12.2011 11:30

IV,12,16

Daher findet das Fasten, weil es ein Zeichen der Demütigung ist, im öffentlichen Leben häufiger Anwendung als bei den einzelnen Menschen – obwohl es, wie gesagt, in beiden Fällen im Gebrauch steht. Was also die Zucht betrifft, um die es sich ja hier handelt, so wird es wohl, sooft es gilt, wegen eines wichtigen Anliegens zu Gott zu beten, angezeigt sein, mit dem Gebet zusammen auch ein Fasten anzusetzen. So geschah es, als die Antiochener dem Paulus und dem Barnabas die Hände auflegten: um den Dienst dieser Männer, der von so großer Bedeutung war, Gott desto besser ans Herz zu legen, verbanden sie mit ihrem Gebet das Fasten (Apg. 13,3). Ebenso haben diese beiden Männer nachher, als sie für die Kirchen hin und her Diener einsetzten, die Gewohnheit gehabt, unter Fasten zu beten (Apg. 14,23). Mit dieser Art von Fasten verfolgten sie keinen anderen Zweck, als eifriger und freier zum Beten zu werden. Denn wir machen ja unzweifelhaft die Erfahrung, daß bei vollem Bauche der Geist nicht derart zu Gott emporgerichtet ist, daß er von ernstlicher, heißer Empfindung zum Gebet getrieben werden und in ihm verharren könnte. So ist es auch zu verstehen, wenn Lukas von der Hanna berichtet, sie habe dem Herrn „mit Fasten und Beten gedient“ (Luk. 2,37). Denn damit macht er das Fasten nicht etwa zu einem Bestandteil des Gottesdienstes, sondern gibt nur zu verstehen, daß die heilige Frau sich auf diese Weise zu beständigem Eifer im Gebet geübt habe. Von dieser Art war auch das Fasten des Nehemia, als er Gott mit gespanntem Eifer um die Befreiung seines Volkes bat (Neh. 1,4). Aus diesem Grunde sagt Paulus, die Gläubigen täten recht daran, wenn sie sich zeitweilig des ehelichen Umgangs enthielten, um desto freier „zum Fasten und Beten Muße zu haben“ (1. Kor. 7,5); er verbindet hier das Fasten als ein Hilfsmittel mit dem Gebet und macht dadurch darauf aufmerksam, daß es an und für sich nur soweit Bedeutung hat, als es diesem Zweck dienstbar ist. Außerdem gibt er an dieser Stelle (Vers 3) den Eheleuten die Weisung, sich gegenseitig „die schuldige Freundschaft“ zu leisten (d.h.: was in Vers 5 gesagt ist, stellt eine Ausnahme dar!), und daraus ergibt sich deutlich, daß er (Vers 5) nicht von den täglichen Gebeten redet, sondern von solchen, die eine besonders ernste Aufmerksamkeit erfordern.



IV,12,17

Auf der anderen Seite: wenn Pestilenz oder Hungersnot oder Krieg zu wüten beginnen oder wenn sonst einem Land oder Volk ein Verderben zu drohen scheint, so ist es auch in solchem Falle die Amtspflicht der Hirten, die Kirche zum Fasten zu ermahnen, um den Herrn demütig um Abwendung seines Zorns zu bitten. Denn wenn er eine Gefahr auftreten laßt, so kündigt er damit an, daß er sich zur Strafe bereitet und gleichsam wappnet. Wie sich also früher die Angeklagten mit lang herabhängendem Barte, mit ungeschorenem Haupthaar und im Trauergewand demütig vor ihrem Richter niederzuwerfen pflegten, um von ihm Barmherzigkeit zu erlangen, so ist es sowohl der Ehre Gottes und der allgemeinen Erbauung dienlich als auch für uns selbst nützlich und heilsam, daß wir ihn in erbarmungswürdiger Haltung um Abwendung seiner Strenge bitten, wenn wir vor seinem Richterstuhl als Angeklagte erscheinen. Und daß dies im Volke Israel gebräuchlich gewesen ist, das läßt sich leicht aus den Worten des Joel entnehmen; denn wenn er gebietet, man solle mit Posaunen blasen, die Gemeinde zusammenrufen, ein Fasten ausschreiben und so weiter (Joel 2,15f.), so spricht er wie von Dingen, die durch allgemeine Übung in Aufnahme gekommen waren. Kurz vorher hatte er gesagt, über die Schandtaten des Volkes solle jetzt Untersuchung gehalten werden, er hatte auch angekündigt, daß der Tag des Gerichtes bereits bevorstehe, und er hatte die Schuldigen zur Rechenschaft gerufen (Joel 2,1). Und dann ruft er laut, das Volk solle zu Sack und Asche, zu Weinen und Fasten eilen, das heißt: es solle sich auch mit äußeren Zeichen vor dem Herrn niederwerfen (Joel 2,12). Nun paßten Asche und Sack vielleicht mehr für jene Zeiten; aber die Zusammenberufung des Volkes, das Weinen und das Fasten und was sonst dergleichen ist, das gehört unzweifelhaft in gleicher Weise auch in unsere Zeit, und zwar jedesmal, wenn es die Lage unserer Verhältnisse erfordert. Denn es ist doch eine heilige Übung zur Demütigung der Menschen wie auch zum Bekenntnis solcher Demut – und weshalb sollten wir es da weniger anwenden als die Alten in gleicher Not? Wir lesen doch, daß nicht nur die israelitische Kirche, die nach Gottes Wort gestaltet und eingerichtet war, zum Zeichen der Trauer gefastet hat (1. Sam. 7,6; 31,13; 2. Sam. 1,12), sondern daß auch die Einwohner von Ninive das gleiche getan haben, die doch keine andere Unterweisung besaßen als allein die Predigt des Jona (Jona 3,5). Was für ein Grund besteht also, daß wir nicht dasselbe tun sollten? Aber, so könnte man einwenden, es handelt sich doch hier um eine äußerliche Zeremonie, die mit den anderen zusammen in Christus ihr Ende gefunden hat! Nein, das Fasten ist, wie es das stets gewesen ist, für die Gläubigen auch heute noch ein sehr gutes Hilfsmittel und eine segensreiche Mahnung, sich selber aufzumuntern, damit sie Gott in ihrer allzu großen Sorglosigkeit und Lässigkeit nicht mehr und mehr reizen, wenn sie von seinen Geißeln gezüchtigt werden. Deshalb sagt Christus, als er seine Apostel wegen ihrer Unterlassung des Fastens entschuldigt, auch nicht etwa, das Fasten sei abgeschafft, sondern er bestimmt es für notvolle Zeiten und verbindet es mit der Trauer; „es wird die Zeit kommen“, sagt er, „daß der Bräutigam von ihnen genommen wird“ (Matth. 9,15; Luk. 5,34f.).



IV,12,18

Damit aber an dem Namen kein Irrtum entsteht, so wollen wir bestimmen, was Fasten bedeutet. Denn unter Fasten verstehen wir nicht etwa einfach Enthaltsamkeit im Essen und Trinken, sondern etwas anderes. Gewiß soll das Leben der Frommen dermaßen von Einfachheit und Schlichtheit regiert werden, daß es, soweit das möglich ist, in seinem ganzen Verlauf eine bestimmte Art von Fasten an den Tag legt. Aber es gibt außerdem noch ein anderes, zeitliches Fasten, wobei wir uns etwas von der gewohnten Lebensweise abziehen, und zwar entweder für einen Tag oder für bestimmte Zeit, und wobei wir uns im Essen und Trinken eine Enthaltsamkeit auferlegen, die schärfer und strenger ist als die sonst gewöhnliche. Dies Fasten besteht nun in drei Stücken: in der Zeit, in der Art der Speisen und in der Einschränkung (bezüglich der Menge). Unter der „Zeit“ verstehe ich dies, daß wir die Handlungen, um derentwillen das Fasten verordnet wird, nüchtern vollbringen. So zum Beispiel: wenn jemand um des öffentlichen Gebets willen fastet, so soll er sich dazu einfinden, ohne gegessen zu haben. Die „Art“ besteht darin, daß wir alle Leckereien beiseite lassen und, mit gewöhnlicher, einfacher Nahrung zufrieden, unseren Gaumen nicht mit köstlicher Speise reizen. Das (sparsame) Bedachtnehmen auf das „Maß“ bedeutet, daß wir uns spärlicher und leichter ernähren, als wir es sonst gewohnt sind, und unsere Nahrung nur der Notdurft, nicht aber zugleich dem Ergötzen dienen lassen.



IV,12,19

Stets aber müssen wir uns in erster Linie davor hüten, daß sich irgendwelcher Aberglaube einschleicht, wie das vor unserer Zeit zum großen Schaden der Kirche eingetreten ist. Denn es wäre viel besser, wenn überhaupt keinerlei Fasten geübt würde, als wenn man es zwar fleißig übt, aber unterdessen mit falschen und schädlichen Vorstellungen verdirbt, in die die Welt leicht hineingleitet, wenn die Hirten nicht mit größter Treue und Vorsicht dagegen auftreten. Zuerst haben sie die Pflicht, stets darauf zu dringen, was Joel lehrt: „Zerreißet eure Herzen und nicht eure Kleider“ (Joel 2,13). Das bedeutet: sie müssen das Volk darauf aufmerksam machen, daß Gott dem Fasten an und für sich keinen großen Wert beimißt, wenn nicht eine innerliche, Regung des Herzens dabei ist, ein wahres Mißfallen an der Sünde und an sich selbst wahre Demütigung und wahrer Schmerz, wie er aus der Furcht Gottes entsteht. Ja, sie müssen darauf hinweisen, daß das Fasten aus keinem anderen Grunde von Nutzen ist, als weil es als untergeordnetes Hilfsmittel zu jenen inneren Empfindungen hinzutritt. Denn Gott verabscheut nichts mehr, als wenn ihm die Menschen Zeichen und einen äußeren Schein statt der Unschuld des Herzens vorhalten und ihn dadurch zu betrügen versuchen. Deshalb fährt Jesaja mit äußerster Schärfe gegen die Heuchelei los, daß die Juden meinten, Gott sei schon Genüge geschehen, sobald sie bloß gefastet hätten, so sehr sie auch Gottlosigkeit und unreine Gedanken in ihrem Herzen nährten. „Sollte das ein Fasten sein“, sagt er, „das der Herr erwählt hat …?” (Jes. 58,5; ungenau). Solch heuchlerisches Fasten ist also nicht nur eine nutzlose und überflüssige Bemühung, sondern der furchtbarste Greuel. Noch vor einem zweiten Übel, das mit diesem ersten verwandt ist, müssen wir uns aufs höchste in acht nehmen, nämlich, daß das Fasten nicht etwa für ein verdienstliches Werk oder für eine Erscheinungsform des Gottesdienstes gehalten werde. Denn es ist doch an und für sich ein Mittelding und hat keinerlei Bedeutung als allein um der Zwecke willen, auf die es sich beziehen soll, und deshalb ist es der verderblichste Aberglaube, wenn man es mit den Werken durcheinandermengt, die Gott geboten hat und die an und für sich, nicht erst im Blick auf etwas anderes, notwendig sind. Von dieser Art war einst der Aberwitz der Manichäer, und bei ihrer Widerlegung setzt Augustin deutlich genug auseinander, daß das Fasten einzig und allein von den oben genannten Zwecken her beurteilt werden darf und daß es von Gott nur dann gutgeheißen wird, wenn es sich auf diese bezieht (Von den Gebräuchen der Manichäer II,13; Gegen den Manichäer Faustus XXX,5).
Der dritte Irrtum ist zwar nicht gar so gottlos, aber trotzdem gefährlich. Er besteht darin, daß man das Fasten als eine der wichtigsten Pflichten ansieht und es dann gar zu hartnäckig und streng fordert und mit maßlosen Lobsprüchen derart erhebt, daß die Menschen meinen, sie hätten etwas ganz Hervorragendes getan, wenn sie gefastet hätten. In diesem Stück wage ich die Alten nicht völlig zu entschuldigen (und zu behaupten), daß sie nicht gewisse Samenkörner des Aberglaubens ausgestreut und der hernach aufgekommenen Tyrannei eine Gelegenheit gegeben hätten. Freilich begegnen uns zuweilen auch gesunde und verständige Aussagen über das Fasten, aber später findet man dann von Zeit zu Zeit maßlose Lobsprüche darüber, die es unter die vornehmsten Tugenden erheben.
Simon W.

Der Pilgrim
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Beitragvon Der Pilgrim » 09.12.2011 14:14

IV,12,20

Und dann hat sich allenthalben das abergläubische Halten des vierzigtägigen Fastens durchgesetzt (also ein Fasten während der Passionszeit, vierzig Tage vor Ostern), weil einerseits das Volk der Meinung war, Gott damit einen ganz besonders hervorragenden Gehorsam zu leisten, und weil es andererseits von den Hirten als heilige Nachfolge Christi empfohlen wurde. Und dabei liegt es doch auf der Hand, daß Christus nicht in der Absicht gefastet hat, um anderen ein Beispiel vorzuzeichnen, sondern um dadurch, daß er die Predigt des Evangeliums damit (d.h. mit einem vierzigtägigen Fasten) begann, durch die Tat zu beweisen, daß dies Evangelium nicht eine menschliche Lehre darstellte, sondern vom Himmel ausgegangen war (Matth. 4,2). Es ist auch ein Wunder, daß sich eine solch grobe Phantasterei bei Leuten mit scharfem Urteil einschleichen konnte, obwohl sie mit so vielen und so klaren Gründen widerlegt wird. Denn Christus fastet nicht häufiger – und das hätte doch geschehen müssen, wenn er ein Gesetz für solch ein jährlich wiederkehrendes Fasten hätte erlassen wollen -, sondern nur ein einziges Mal, als er sich zur Verkündigung des Evangeliums rüstet. Auch fastet er nicht nach menschlicher Weise, was er doch billigerweise hätte tun müssen, wenn er Menschen zur Nachahmung hätte auffordern wollen, sondern er läßt vielmehr ein Werk sichtbar werden, mit dem er alle Menschen zur Bewunderung fortreißt, statt sie zum Trachten nach Nacheiferung anzureizen. Und schließlich ist es mit diesem Fasten nicht anders bestellt als mit jenem, das Mose geübt hat, als er aus der Hand des Herrn das Gesetz empfing (Ex. 24,18; 34,28). Denn da jenes Wunder an der Person des Mose dazu gegeben war, die Autorität des Gesetzes zu bekräftigen, so konnte es bei Christus nicht unterbleiben, damit nicht Eindruck entstünde, als stehe das Evangelium hinter dem Gesetz zurück. Von jener Zeit an aber ist es nie jemandem in den Sinn gekommen, unter dem Vorwand einer Nachahmung des Mose eine solche Form des Fastens (wie er sie geübt) im Volke Israel einzuführen. Auch hat sich unter den heiligen Propheten und Vätern kein einziger diesem Fasten des Mose angeschlossen, obgleich sie doch zu allen frommen Übungen Neigung und Eifer genug hatten. Denn was von Elia berichtet wird, nämlich er habe vierzig Tage ohne Speise und Trank zugebracht (1. Kön. 19,8), das diente keinem anderen Zweck, als daß das Volk erkennen sollte, daß er zum Schützer des Gesetzes erweckt war, von dem gemeinhin das ganze Israel abgewichen war. Es war also lauter verkehrte, abergläubische Nachahmung, daß man dies Fasten mit dem Titel und der Deckfarbe der Nachfolge Christi schmückte. Allerdings bestand dazumal in der Art und Weise des („vierzigtägigen“) Fastens eine außerordentliche Verschiedenheit, wie Cassiodor im neunten Buche seiner (Kirchen-) Geschichte (Historia tripartita IX,38) auf Grund des Socrates berichtet. Denn die Römer hatten, so sagt er, bloß drei (Fast-) Wochen, aber in diesen fasteten sie ununterbrochen mit Ausnahme des Sonntags und des Samstags. Die Illyrer und Griechen hatten sechs Wochen, andere wieder sieben, aber dann wurde das Fasten durch Zwischenzeiten unterbrochen. Nicht weniger groß war die Verschiedenheit im Bezug auf die Unterscheidung der Speisen: die einen nährten sich (in der Fastenzeit) ausschließlich von Brot und Wasser, andere setzten Gemüse hinzu, wieder andere verschmähten auch Fisch und Geflügel nicht, wieder andere machten überhaupt keinen Unterschied in den Speisen. Diese Verschiedenheit erwähnt auch Augustin in seinem zweiten (tatsächlich im ersten) Brief an Januarius (Brief 54).



IV,12,21

Dann sind schlimmere Zeiten gekommen, und zu dem unangebrachten Eifer des Volkes gesellte sich einerseits die Unwissenheit und mangelnde Bildung der Bischöfe, andererseits ihre Herrschsucht und tyrannische Härte. Man hat gottlose Gesetze erlassen, die die Gewissen mit verderblichen Fesseln binden. So hat man das Essen von Fleisch verboten, als ob es den Menschen befleckte. Eine frevlerische Meinung wurde an die andere gereiht, bis man in einen Abgrund aller Irrtümer geraten ist. Und um nun ja keine Schlechtigkeit ungeschehen zu lassen, hat man angefangen, unter dem völlig albernen Vorwand der Enthaltsamkeit mit Gott seinen Spott zu treiben. Denn man sucht den Ruhm des Fastens in den ausgesuchtesten Leckerbissen, keine Köstlichkeiten sind dann genug, nie ist die Fülle, die Vielfältigkeit und der Wohlgeschmack der Speisen größer (als ausgerechnet in der Fastenzeit). Mit solchem kostbaren Aufwand meint man dann Gott recht zu dienen! Ich schweige noch davon, daß sich Leute, die als die Allerheiligsten angesehen werden wollen, nie schmählicher überladen (als beim „Fasten“). Kurzum, diese Leute halten es für den höchsten Gottesdienst, sich (in der Fastenzeit) des Fleisches zu enthalten – und dann mit dessen Ausnahme an Leckereien aller Art Überfluß zu haben! Und umgekehrt gilt es ihnen als die schlimmste Gottlosigkeit, die kaum mit dem Tode gesühnt werden kann, wenn jemand zu seinem Schwarzbrot auch nur ein kleines Stücklein Speck oder altes Fleisch genießt. Hieronymus erzählt, daß es schon zu seiner Zeit einige Leute gegeben hat, die durch dergleichen Albernheiten mit Gott ihren Spott trieben: das waren Leute, die nur ja kein Öl zu ihrer Nahrung gebrauchen wollten, sich aber eben deshalb von allen Seiten die kostbarsten Speisen zubringen ließen, ja, die sich, um der Natur Gewalt anzutun, des Wassertrinkens enthielten, aber dafür sorgten, daß sie wohlschmeckende, köstliche Tränklein bekamen, die sie dann nicht aus einem Becher, sondern aus einer Muschel tranken (Brief 52,12; an Nepotian). Dieser Mißstand herrschte dazumal nur bei einigen wenigen Menschen, heutzutage ist er bei allen reichen Leuten üblich: sie fasten allein zu dem einen Zweck, dabei um so köstlicher und glänzender zu schmausen! Aber ich will an diesen Gegenstand, der nicht eben mit Ungewißheit beladen ist, nicht viel Worte verschwenden. Ich behaupte nur dies: weder bei dem Fasten noch bei den anderen Teilen der Zucht besitzen die Papisten etwas Rechtschaffenes, Aufrichtiges oder recht Gestaltetes und Geordnetes, so daß sie etwa einen Anlaß zu hoffärtigem Selbstruhm hätten, als ob bei ihnen etwas übrig wäre, das Lob verdiente.



IV,12,22

Jetzt folgt der zweite Teil der Zucht, der sich in besonderer Weise auf den „Klerus“ bezieht. Dieser Teil ist in den „Canones“ (Regeln) enthalten, welche die alten Bischöfe sich selbst und ihrem Stande (d.h. dem Klerus) auferlegt haben. So etwa: ein Kleriker darf sich nicht der Jagd widmen, auch nicht dem Würfelspiel, er darf nicht an Zechgelagen teilnehmen, kein Kleriker darf Geldgeschäfte und Kaufmannschaft betreiben, keiner darf bei ausgelassenen Tänzen zugegen sein, und dergleichen mehr. Zu diesen Regeln fügte man dann auch Strafen hinzu, durch welche die Autorität der „Canones“ ihre Sicherung erfuhr, damit sie niemand ungestraft verletzte. Zu diesem Zweck wurde nun jedem einzelnen Bischof die Leitung seines Klerus anvertraut: er sollte die ihm unterstellten Kleriker nach diesen „Canones“ regieren und bei ihrer Amtspflicht halten. Zu diesem Zweck waren auch jährliche Aufsichtsbesuche (inspectiones, Visitationen) und Synoden eingerichtet: wenn jemand in seiner Pflicht nachlässig war, so sollte er vermahnt werden, und wenn sich jemand vergangen hatte, so sollte man ihn nach dem Maß seines Vergehens strafen. Auch die Bischöfe selbst hatten Jahr für Jahr ihre Provinzialsynode, in alter Zeit sogar jährlich zwei, und auf diesen Synoden wurde über sie Gericht gehalten, wenn sie etwas gegen ihre Pflicht unternommen hatten. Denn wenn ein Bischof gegen seinen Klerus zu hart oder zu gewalttätig war, so bestand für diesen das Recht, sich auf jene Synode zu berufen, und zwar auch dann, wenn sich nur ein einziger beschwerte. Die strengste Strafe bestand darin, daß der, der sich vergangen hatte, seines Amtes entsetzt und eine Zeitlang vom Abendmahl ausgeschlossen wurde. Bei diesen Synoden handelte es sich um eine dauernde Ordnung, und deshalb pflegte man nie eine auseinandergehen zu lassen, ohne Ort und Zeit der folgenden festzusetzen. Ein allgemeines Konzil einzuberufen war nämlich allein Sache des Kaisers, wie alle alten Ausschreibungen bezeugen. Solange diese Strenge in Kraft blieb, verlangten die Kleriker mit dem Wort nicht mehr vom Volke, als sie mit eigenem Beispiel und Werk leisteten. Ja, sie waren gegen sich selbst viel schärfer als gegen den gemeinen Mann. Und in der Tat gehört es sich so, daß das Volk mit milderer und sozusagen loserer Zucht regiert wird, die Kleriker dagegen untereinander schärfere Strafen üben und sich selbst viel weniger durch die Finger sehen als anderen. Wie nun das alles in Abgang gekommen ist, das brauche ich nicht zu berichten; denn heutzutage kann man sich nichts Zügelloseres und Ungezogeneres denken als den Klerikerstand, und er ist in eine solche Ungebundenheit geraten, daß das ganze Erdenrund darüber schreit. Damit man nun aber nicht den Eindruck gewinnt, als sei bei ihnen das ganze alte Wesen begraben, so täuschen sie, das gebe ich zu, die Augen einfältiger Leute mit Schattenbildern, die aber mit den alten Sitten ebensowenig zu tun haben wie die Nachahmung, die die Affen treiben, mit dem, was Menschen mit Verstand und Bedacht tun. Es gibt bei Xenophon eine denkwürdige Stelle, an der er lehrt, daß die Perser, obwohl sie von den Einrichtungen ihrer Vorfahren schmählich abgekommen und von der harten Lebensweise in Weichheit und Vergnügungen verfallen waren, dennoch die früheren Gebräuche eifrig bewahrten, um jene Schande zu verdecken. Während sich nämlich zur Zeit des Kyrus die Enthaltsamkeit und Mäßigkeit so weit auswirkte, daß es nicht nötig war und auch als Schande galt, auszuschneuzen, erhielt sich bei den Späteren zwar die heilige Scheu, die es verbot, die Nase zu schneuzen, aber unterdessen galt es als erlaubt, den stinkenden Speichel, den sie von ihrer Völlerei bekommen hatten, herunterzuschlucken und bis zum Verfaulen in sich zu behalten. Ebenso betrachteten sie es auf Grund alter Vorschrift als unschicklich, Krüge an den Tisch zu bringen, dagegen hielten sie es für erträglich, sich dermaßen an Wein zu überladen, daß man sie betrunken von dannen tragen mußte. Die Vorschrift besagte, daß man einmal (am Tage) essen durfte, und das hatten diese braven Nachfolger auch nicht abgeschafft – nur so, daß sie nun ihre Gelage vom Mittag bis zur Mitternacht durchgehen ließen! Einen Tagesmarsch nüchtern zu machen, das galt bei ihnen als dauernde Gepflogenheit – aber, um Ermüdung zu vermeiden, so nahmen sie sich aus gewohnter Übung die Freiheit und den Brauch, den Marsch nicht über zwei Stunden auszudehnen! (Xenophon, Cyropaedia, VIII, 8). Wenn nun die Papisten ihre entarteten Regeln zum Vorwand nehmen, um den Nachweis zu erbringen, daß sie mit den heiligen Vätern verwandt wären, so wird dies Beispiel jedesmal ihre lächerliche Nachahmung genugsam an den Tag kommen lassen, so daß kein Maler in der Lage wäre, sie lebenswahrer zum Ausdruck zu bringen.



IV,12,23

In einer einzigen Sache sind die Papisten mehr als hart und unerbittlich, nämlich darin, daß sie den Priestern die Ehe nicht gestatten wollen. Was für eine straflose Freiheit zur Hurerei sich bei ihnen breitmacht, das brauche ich nicht zu sagen. Sie sind im Vertrauen auf ihren stinkigen „Zölibat“ auch für alle Schandtaten gefühllos geworden. Dies Verbot aber zeigt deutlich, wie verderbenbringend alle Menschensatzungen sind; denn es hat nicht nur die Kirche der rechtschaffenen und brauchbaren Hirten beraubt, sondern eine greuliche Schmutzflut von Freveltaten herbeigeführt und viele Seelen in den Schlund der Verzweiflung gestürzt. Auf jeden Fall ist das Verbot der Priesterehe aus gottloser Tyrannei erfolgt, nicht nur im Gegensatz zum Worte Gottes, sondern auch gegen jegliche Billigkeit. Zunächst war es den Menschen in keiner Weise erlaubt, zu verbieten, was der Herr frei gelassen hatte. Und dann: es ist so klar, daß es eines langen Nachweises nicht bedarf, daß Gott in seinem Wort Vorsorge gegen jeden Bruch dieser Freiheit getroffen hat. Ich übergehe es, daß Paulus an mehreren Stellen den Willen äußert, daß ein Bischof „eines Weibes Mann“ sei (1. Tim. 3,2; Tit. 1,6). Aber was hätte Nachdrücklicheres gesagt werden können, als wenn er auf Antrieb des Heiligen Geistes ankündigt, „in den letzten Zeiten“ würden gottlose Menschen auftreten, „die da gebieten, nicht ehelich zu werden“, und wenn er diese Menschen nicht nur „verführerisch“, sondern „Teufel“ nennt (1. Tim. 4,1.3)? Es ist also eine Weissagung, es ist ein heiliges Offenbarungswort des Heiligen Geistes, mit dem er die Kirche von Anfang an gegen solche Gefahren wappnen wollte, daß das Verbot der Ehe eine Teufelslehre ist! Die Papisten aber meinen, sie wären fein säuberlich entkommen, indem sie diesen Spruch verdrehen und auf Montanus, die Nachfolger des Tatian, die Enkratiten und andere Ketzer der Alten Kirche beziehen. Nur diese, so sagen sie, haben den Ehestand verdammt, wir dagegen verdammen ihn durchaus nicht, sondern halten nur den „kirchlichen Stand“ von ihm fern, weil wir der Meinung sind, daß er sich für diesen nicht recht gehört. Als ob diese Weissagung sich nicht selbst dann, wenn sie in jenen Ketzern erfüllt wäre, auch auf diese Leute bezöge! Und als ob diese kindische Spitzfindigkeit, daß sie erklären, sie träfen ja gar kein Verbot, weil sie es eben nicht für alle treffen, auch nur wert wäre, angehört zu werden! Denn das ist doch genau so, als wenn ein Tyrann von einem seiner Gesetze behaupten wollte, es sei gar nicht unbillig, weil es in seiner Unbilligkeit eben nur einen Teil der Bürgerschaft bedrückte!
Simon W.

Der Pilgrim
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Beitragvon Der Pilgrim » 12.12.2011 00:27

IV,12,24

Sie machen nun den Einwurf, es müsse doch irgend ein Kennzeichen geben, an dem sich der Priester von dem Volke unterscheide. Als ob der Herr nicht auch vorgesehen hätte, mit welcherlei Zierat die Priester sich auszeichnen sollten! Damit beschuldigen sie doch den Apostel, er habe den kirchlichen Stand in Verwirrung gebracht und die kirchliche Ehre verletzt, indem er es wagte, bei dem Umriß, in dem er uns das vollkommene Bild eines Bischofs gezeichnet hat, unter den anderen Gaben, die er bei einem Bischof fordert, auch den Ehestand zu nennen. Ich weiß, in welcher Weise die Papisten diese Stellen (1. Tim. 3,2; Tit. 1,6) auslegen; nämlich so: man dürfe einen Mann, der eine zweite Frau gehabt habe, nicht zum Bischof wählen. Ich gebe auch zu, daß diese Auslegung nicht neu ist. Aber daß sie falsch ist, das ergibt sich bereits aus dem Zusammenhang mit aller Klarheit. Denn Paulus gibt gleich darauf eine Vorschrift, von welcher Art die Ehefrauen der Bischöfe und Diakonen sein sollten (1. Tim. 3,11). Paulus nennt unter den Tugenden eines Bischofs auch die Ehe – die Papisten erklären sie beim kirchlichen Stande für ein unerträgliches Laster! Und zudem geben sie sich, mit Gottes Gunst zu reden, mit solcher allgemeinen Herabsetzung der Ehe nicht zufrieden, sondern nennen sie in ihren Rechtssatzungen auch eine „Unreinigkeit“ und „Befleckung“ (So Siricius, Brief 1, an Himerius; Decretum Gratiani I, 82,3f.)! Nun möge jeder bei sich selbst erwägen, aus was für einer Werkstatt das stammt! Christus würdigt den Ehestand solcher Ehre, daß er nach seinem Willen ein Ebenbild seiner heiligen Verbindung mit der Kirche ist. Was hätte wohl Herrlicheres gesagt werden können, um die Würde des Ehestandes zu preisen? Mit welcher Frechheit will man also einen Stand „unrein“ und „befleckt“ nennen, in dem ein Gleichnis der geistlichen Gnade Christi hervorleuchtet?



IV,12,25

Obwohl nun aber ihr (Ehe-) Verbot so deutlich zu Gottes Wort im Widerspruch steht, finden sie doch in der Schrift etwas, um es zu verteidigen. Die levitischen Priester, so sagen sie, mußten sich doch, sooft die Reihe des Dienstes an sie kam, ihrer Frauen enthalten, um die heiligen Handlungen rein und unbefleckt zu verrichten. Da nun aber unsere heiligen Handlungen viel edler sind und zudem alle Tage stattfinden, so wäre es sehr ungebührlich, wenn sie von Verheirateten verrichtet würden. Als ob der Dienst am Evangelium die gleiche Stellung hätte wie einst das levitische Priestertum! Denn die levitischen Priester waren gleichsam ein Abbild und sollten Christus bedeuten, der als der Mittler zwischen Gott und den Menschen (1. Tim. 2,5) einst durch seine vollkommene Reinheit den Vater mit uns versöhnen sollte. Da sie aber als sündige Menschen das Bild seiner Heiligkeit nicht in jeder Hinsicht zur Darstellung bringen konnten, so erhielten sie, um es doch wenigstens mit einigen Umrissen nachzubilden, das Gebot, sich über die Sitten der Menschen hinaus zu reinigen, wenn sie in das Heiligtum eingingen; denn dann stellten sie ja im eigentlichen Sinne ein Abbild Christi dar, weil sie, gleichsam als Friedensbringer, zur Versöhnung des Volkes mit Gott in der „Hütte“ erschienen, die ein Gleichnis des himmlischen Richterstuhls war. Diese Stellung haben die Kirchenhirten heutzutage nicht, und deshalb ist es vergebens, wenn man sie mit jenen Priestern vergleicht. Deshalb erklärt der Apostel, ohne eine Ausnahme zu machen, die Ehe sei bei allen etwas „Ehrliches“, der Hurer und Ehebrecher aber warte Gottes Gericht (Hebr. 13,4). Und die Apostel haben es selbst durch ihr Beispiel erhärtet, daß der Heiligkeit keiner auch noch so hervorragenden Amtsstellung durch die Ehe Eintrag geschieht. Denn, wie Paulus bezeugt, haben sie nicht nur ihre Frauen behalten, sondern sie auch mit sich umhergeführt (1. Kor. 9,5).



IV,12,26

Ferner war es auch eine verwunderliche Schamlosigkeit, daß sie jene (äußerliche) Schicklichkeit eines keuschen Lebens als etwas Notwendiges ausgaben – zu höchster Schmähung der Alten Kirche, die überreich war an herrlicher Erkenntnis Gottes, aber doch noch mehr durch ihre Heiligkeit hervorragte. Denn wenn sie sich schon nicht um die Apostel kümmern – sie pflegen sie ja zuweilen wacker zu verachten -, so möchte ich doch immerhin gern wissen, was sie mit all den Vätern der Alten Kirche machen wollen, die ohne Zweifel beim Stande der Bischöfe die Ehe nicht nur geduldet, sondern sogar gebilligt haben. Die haben dann wohl eine „schnöde Entweihung“ der heiligen Handlungen gefördert; denn die Geheimnisse des Herrn empfingen ja bei ihnen nicht die „rechte“ Verehrung! Man hat zwar auf der Synode von Nicäa darüber verhandelt, den Zölibat vorzuschreiben – wie es ja nie an abergläubischen Leutchen fehlt, die sich stets etwas Neues erdenken, um sich dadurch Bewunderung zu verschaffen. Aber was hat man in Nicäa beschlossen? Nun, man ist der Meinung des Paphnutius beigetreten, der erklärte, Keuschheit sei der Umgang mit der eigenen Frau (Historia tripartita II,14). Es blieb also der heilige Ehestand bei ihnen bestehen, und das hat ihnen keine Schande gebracht, auch hat man nicht geglaubt, daß dadurch ihr Amt mit irgendeinem Makel behaftet würde.



IV,12,27

Hernach sind Zeiten gekommen, in denen eine gar zu abergläubische Bewunderung des Zölibats mehr und mehr zugenommen hat. Daher rührten auch die immer neu und ohne Maß hergesungenen Lobsprüche über die Jungfräulichkeit, die soweit gingen, daß man allgemein der Überzeugung war, es gäbe keine andere Tugend, die mit ihr zu vergleichen wäre. Und obwohl der Ehestand nicht als Unreinheit verdammt wurde, so hat man seine Würde doch dermaßen herabgesetzt und seine Heiligkeit derart verdunkelt, daß einer, der sich der Ehe nicht enthielt, nicht mit genügend wackerem Willen zur Vollkommenheit zu streben schien. Daher kommen dann auch jene Kirchensatzungen, in denen man zunächst untersagte, daß die, die den Rang eines Priesters erreicht hatten, die Ehe eingingen, und dann auch verordnete, daß in den Priesterstand nur Ehelose aufgenommen wurden oder aber solche, die zusammen mit ihrer Frau auf den ehelichen Umgang verzichteten. Das ist, wie ich gestehe, auch in alter Zeit mit großem Beifall aufgenommen worden, weil es dem priesterlichen Stande Ehrfurcht zu verschaffen schien. Wenn mir aber unsere Widersacher die alte Zeit vorhalten, so antworte ich erstens, daß sowohl unter den Aposteln als auch einige Jahrhunderte nach ihnen die Freiheit bestanden hat, daß die Bischöfe verheiratet waren, von dieser Freiheit, so antworte ich ferner, haben die Apostel selbst und auch andere Hirten von erstrangiger Autorität, die später ihre Stelle einnahmen, ohne Schwierigkeiten Gebrauch gemacht. Das Beispiel der älteren Kirche aber, so sage ich weiter, muß bei uns verdientermaßen mehr gelten, als daß wir das, was damals mit Lob angenommen und im Gebrauch war, für uns als unerlaubt oder unschicklich ansehen könnten. Zweitens gebe ich unseren Widersachern zur Antwort: jene Zeit, die aus maßloser Hochschätzung der Jungfräulichkeit den Ehestand recht unbillig zu behandeln begann, hat den Priestern das Gesetz des Zölibats doch nicht dergestalt auferlegt, als ob es etwas an und für sich Notwendiges wäre, sondern sie hat es getan, weil sie die Ehelosen über die Verheirateten stellte. Und schließlich sage ich: man hat den Zölibat nicht so gefordert, daß man solche, die nicht in der Lage waren, Enthaltsamkeit zu üben, mit Zwang oder Gewalt dazu genötigt hätte. Denn obwohl man die Hurerei mit den strengsten Gesetzen strafte, traf man für die, welche die Ehe eingingen, nur die Bestimmung, sie sollten ihr Amt niederlegen.



IV,12,28

Sooft also die Verteidiger dieser neuen Tyrannei zum Schutz für ihren Zölibat die alte Zeit als Vorwand zu benutzen suchen, muß man ihnen die Forderung entgegenhalten, sie sollten bei ihren Priestern die alte Keuschheit wiederherstellen und die Ehebrecher und Hurer entfernen, sollten es auch nicht geschehen lassen, daß die Leute, bei denen sie einen ehrbaren und keuschen Gebrauch des ehelichen Verkehrs nicht zugeben wollen, sich nun ungestraft in Zuchtlosigkeit jeder Art hineinstürzen. Man muß ihnen sagen, sie sollten jene in Abgang geratene Zucht wiederherstellen, durch die aller Ausschweifung gesteuert wird, und sie sollten die Kirche von jener so schmachvollen Schandbarkeit befreien, von der sie nun schon lange entstellt ist. Haben sie das zugestanden, so muß man sie wiederum daran mahnen, nicht eine Sache als notwendig auszugeben, die an und für sich frei ist und vom Nutzen für die Kirche abhängt. Ich sage das nun aber nicht etwa, weil ich der Meinung wäre, man sollte überhaupt unter irgendwelcher Bedingung jenen Kirchensatzungen Raum geben, die dem Kirchenstande das Joch des Zölibats auf den Hals legen, sondern ich sage es, damit verständigere Leute erkennen, mit welcher Frechheit unsere Feinde den heiligen Ehestand bei den Priestern in Verruf bringen, und das, indem sie den Namen der Alten Kirche als Vorwand brauchen! Was nun die Kirchenväter betrifft, so haben auch diese, wenn sie auf Grund ihres eigenen Urteils reden, die Ehrbarkeit des Ehestandes nicht in solcher Boshaftigkeit herabgesetzt, mit Ausnahme des Hieronymus. Wir wollen uns mit einem einzigen Wort des Chrysostomus begnügen; denn er war ja der vornehmste Bewunderer der Jungfräulichkeit, und es ist deshalb nicht anzunehmen, daß er in Lobeserhebungen des Ehestandes verschwenderischer gewesen wäre als andere. Er sagt nun: „Die erste Stufe der Keuschheit ist reine Jungfräulichkeit, die zweite eine treue Ehe. Keusche eheliche Liebe ist also eine zweite Gestalt der Jungfräulichkeit“ (Predigt über die Auffindung des Kreuzes).
Simon W.

Der Pilgrim
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Beitragvon Der Pilgrim » 13.12.2011 00:29

Dreizehntes Kapitel: Von den Gelübden, durch deren unbesonnenes Aussprechen sich jedermann jämmerlich in Stricke gelegt hat



IV,13,1

Es ist zwar eine beklagenswerte Sache, daß die Kirche, der doch um den unschätzbaren Preis des Blutes Christi die Freiheit erkauft worden ist, dermaßen von grausamer Tyrannei unterdrückt ist und unter einem gewaltigen Haufen von Menschensatzungen fast verschüttet liegt. Jedoch zeigt unterdessen auch der persönliche Aberwitz jedes einzelnen, daß Gott dem Satan und seinen Dienern nicht ohne gerechteste Ursache soweit die Zügel hat schießen lassen. Denn es war noch nicht genug, daß man (allgemein) unter Außerachtlassung der Herrschaft Christi alle und jegliche Lasten ertrug, die einem von falschen Lehrern auferlegt wurden, nein, es hat sich auch jeder einzelne noch seine eigenen Lasten obendrein verschafft und sich so, indem er sich selber eine Grube aushob, nur noch tiefer sinken lassen. Das ist geschehen, indem man sich um die Wette Gelübde ausdenkt, so daß von diesen her zu den alle gemeinsam umschlingenden Fesseln auch noch eine größere und härtere Verpflichtung tritt. Da wir nun dargelegt haben, daß durch die Vermessenheit derer, die in der Kirche unter dem Namen von „Hirten“ die Herrschaft ausgeübt haben, die Verehrung Gottes verdorben worden ist, indem sie die armen Seelen mit ihren unbilligen Gesetzen in Stricke gelegt haben, wird es nicht unangebracht sein, hier einen ähnlich gearteten Mißstand anzufügen, damit es offenbar wird, daß die Welt in der Bosheit ihres Wesens mit allen ihr zur Verfügung stehenden Widerständen allezeit die Hilfsmittel von sich gestoßen hat, mit denen sie hätte zu Gott geführt werden sollen. Damit es nun deutlicher zutage tritt, daß sich aus den Gelübden ein sehr schlimmer Schaden ergeben hat, muß der Leser die bereits oben aufgestellten Grundsätze festhalten. Wir haben nämlich erstens dargelegt, daß alles, was man für eine fromme und heilige Gestaltung des Lebens (an Anweisungen) verlangen mag, im Gesetz zusammengefaßt ist. Zweitens haben wir gelehrt, daß der Herr, um uns desto besser davon abzuhalten, uns neue „Werke“ zu ersinnen, alles Lob der Gerechtigkeit in dem schlichten Gehorsam gegen seinen Willen beschlossen hat. Ist das aber wahr, so ist damit unmittelbar das Urteil gegeben, daß aller ersonnene Gottesdienst, den wir uns selbst zusammendichten, um uns bei Gott ein Verdienst zu erwerben, ihm durchaus nicht wohlgefällig ist, so sehr wir auch unsere Lust daran haben mögen. Und fürwahr, der Herr verwirft diesen „Gottesdienst“ nicht nur klar und deutlich an vielen Stellen, sondern er ist ihm ernstlich ein Greuel. Hieraus ergibt sich nun mit Bezug auf die Gelübde, die außerhalb des ausdrücklichen Wortes Gottes geschehen, die Frage, welche Stellung ihnen beizumessen ist, ob ein Christenmensch sie rechtmäßig leisten kann und wie weit er an sie gebunden ist. Denn was unter den Menschen ein „Versprechen“ heißt, das nennt man im Blick auf Gott ein Gelübde. Menschen versprechen wir nun das, was ihnen nach unserem Dafürhalten angenehm sein wird oder was wir ihnen pflichtmäßig zu leisten schuldig sind. Es gehört sich also, daß wir bei den Gelübden eine noch viel größere Aufmerksamkeit walten lassen, weil sie sich ja an Gott selber richten, mit dem wir doch in höchstem Ernste zu verkehren haben. Hier hat sich nun zu allen Zeiten der Aberglaube auf wunderliche Weise breitgemacht, so daß die Menschen ohne Urteil und ohne Unterschied alles, was ihnen in den Sinn oder auch in den Mund kam, sogleich Gott gelobten. Daher kommen jene albernen Gelübde, ja, jene ungeheuerlichen Widersinnigkeiten bei den Heiden, mit denen sie auf gar zu freche Weise mit ihren Göttern Spott getrieben haben. Und



IV,13,2

Wenn wir nun bei unserem Urteil darüber, welche Gelübde rechtmäßig und welche verkehrt sind, nicht in die Irre geraten wollen, so müssen wir drei Fragen erwägen. (1.) Wer ist der, dem wir solch Gelübde leisten? (2.) Wer sind wir, die wir ein Gelübde tun? (3.) In welcher Gesinnung sprechen wir ein Gelübde aus? Die erste Frage will uns darauf hinweisen, daß wir es mit Gott zu tun haben, der solches Wohlgefallen an unserem Gehorsam hat, daß er alle „selbsterwählte Geistlichkeit“, so köstlich und glanzvoll sie auch in den Augen der Menschen sein mag, für verflucht erklärt (Kol. 2,23). Wenn aller eigenwillige Gottesdienst, den wir uns selbst ohne Gottes Gebot ausdenken, vor ihm ein Greuel ist, so ergibt sich daraus, daß ihm kein anderer Gottesdienst wohlgefällig sein kann als der, den sein Wort gutheißt. Deshalb wollen wir uns nicht soviel willkürliche Freiheit herausnehmen, daß wir es wagen, Gott etwas zu geloben, das kein Zeugnis darüber besitzt, wie es von ihm beurteilt wird. Denn wenn das Wort des Paulus: „Was … nicht aus dem Glauben geht, das ist Sünde“ (Röm. 14,23), sich auf alle und jegliche Werke erstreckt, so hat es jedenfalls in besonderer Weise seine Bedeutung, wo man seine Gedanken geraden Weges auf Gott selber richtet. Ja, wenn wir auch bei den geringsten Dingen – Paulus redet ja an jener Stelle von der Unterscheidung der Speisen – zu Fall kommen und in die Irre geraten, wo uns die Gewißheit des Glaubens nicht voranleuchtet, wieviel Bescheidenheit müssen wir dann erst walten lassen, wo wir an eine Sache von allerhöchster Wichtigkeit herantreten? Denn es gebührt sich doch, daß uns nichts ernster am Herzen liegt als die Pflichten der Religion. Wir müssen also bei unseren Gelübden in erster Linie behutsam darauf achten, daß wir uns niemals daran geben, etwas zu geloben, ohne daß unser Gewissen zunächst sicher davon überzeugt ist, daß es keinen unbesonnenen Schritt tut. vor der Gefahr der Unbesonnenheit wird es aber dann sicher sein, wenn es Gott den sein läßt, der ihm vorangeht und ihm gleichsam aus seinem Wort heraus eingibt, was gut oder was unnütz ist zu tun.



IV,13,3

Bei dem zweiten Punkt, den wir nach unseren obigen Ausführungen hier zu erwägen haben, geht es darum, daß wir (1.) unsere Kräfte messen, (2.) unseren Beruf im Auge behalten und (3.) das Gnadengeschenk der Freiheit, das uns Gott gewährt hat, nicht beiseite lassen. Denn wer etwas gelobt, das nicht in seinem Vermögen steht oder das seinem Beruf widerspricht, der ist vorwitzig, und wer Gottes Freundlichkeit verachtet, die ihn zum Herrn über alle Dinge einsetzt, der ist undankbar. Wenn ich so rede, so meine ich damit nicht, es wäre irgend etwas dergestalt in unsere Hand gelegt, daß wir es, gestützt auf das Vertrauen zu unserer eigenen Kraft, Gott zu geloben vermöchten. Denn es war in höchstem Maße wahrheitsgemäß, wenn man auf dem Konzil zu Orange (529) den Beschluß faßte, wir könnten Gott nichts rechtmäßig geloben, als was wir aus seiner Hand empfangen hätten, weil ja alles, was wir ihm darbrächten, seine reine Gabe sei (Kap. 11). Aber da uns das eine aus Gottes Freundlichkeit gegeben, das andere aus seiner Billigkeit verweigert ist, so soll jeder nach der Weisung des Paulus das Maß der ihm gewährten Gnade berücksichtigen (Röm. 12,3; 1. Kor. 12,11).

(1.) Ich habe also hier nichts anderes im Sinn, als daß man seine Gelübde dem Maß angleicht, das einem Gott durch sein Geschenk vorgezeichnet hat, damit man nicht mehr wagt, als er zugestanden hat, und dabei ins Verderben rennt, indem man sich gar zu viel anmaßt. Ich will es an einem Beispiel deutlich machen. Bei Lukas werden Meuchelmörder erwähnt, die ein Gelübde taten, keine Speise zu sich zu nehmen, ehe sie den Paulus umgebracht hätten (Apg. 23,12). Selbst wenn es sich hier nun nicht um einen frevelhaften Ratschlag gehandelt hätte, so wäre doch der Vorwitz dieser Männer in keiner Weise zu ertragen, weil sie ja Leben und Tod eines Menschen ihrer eigenen Gewalt unterstellten. Ebenso wurde auch Jephthah für seine Torheit bestraft, als er in überstürztem Eifer ein unbedachtes Gelübde tat (Richt. 11,30f.). Bei dieser Gruppe von Gelübden steht der Zölibat in wahnwitziger Vermessenheit an oberster Stelle. Denn die Priester, Mönche und Nonnen vergessen ihre Schwachheit und trauen sich zu, sie seien in der Lage, den Zölibat innezuhalten. Welches Offenbarungswort aber hat die denn gelehrt, sie sollten ihr ganzes Leben in beständiger Keuschheit verbringen, wie sie ja solche Keuschheit bis zum Ende ihres Lebens geloben? Sie vernehmen doch über den allgemeinen Zustand der Menschen Gottes Stimme, die da spricht: „Es ist nicht gut, daß der Mensch allein sei“ (Gen. 2, 18)! Sie erkennen es, und wollte Gott, sie erführen es nicht auch, daß die Sünde, die in uns bleibt, nicht ohne sehr scharfe Stacheln ist. Woher nehmen sie denn die Zuversicht, jenen allgemeinen Beruf (der uns in die Ehe weist) für ihr ganzes Leben von sich zu werfen? Und das, wo doch die Gabe der Enthaltsamkeit zumeist nur für bestimmte Zeit gewährt wird, je, wie es die Gelegenheit erfordert! Sie sollen nicht erwarten, daß ihnen Gott in solcher Halsstarrigkeit als Helfer zur Seite stehen werde, nein, sie sollen sich lieber an das Wort erinnern: „Du sollst den Herrn, deinen Gott, nicht versuchen“ (Deut. 6,16; Luthertext richtig: Einzahl). Das aber heißt Gott versuchen, wenn man sich gegen die Natur stemmt, die er uns eingegeben hat, und wenn man seine gegenwärtigen Gaben verachtet, als hätten sie mit uns nichts zu tun. Die Papisten aber tun nicht nur dies, sondern sie wagen es auch noch, die Ehe eine Befleckung zu nennen, obwohl es Gott nicht im Widerspruch zu seiner Majestät befunden hat, sie einzurichten, obwohl er sie bei allen für ehrbar erklärt hat (Hebr. 13,4), obwohl Christus, unser Herr, sie mit seiner Gegenwart geheiligt und sich herbeigelassen hat, sie mit seinem erstem Wunder zu ehren (Joh. 2,2.6-11). Und jene entehrende Bezeichnung für die Ehe brauchen die Papisten nur, um mit wunderlichen Lobreden jedweden Zölibat zu erheben. Als ob sie nicht selbst mit ihrem Lebenswandel einen deutlichen Beweis dafür erbrächten, daß Zölibat und Jungfräulichkeit zwei verschiedene Dinge sind! Trotzdem nennen sie ihr Leben in höchster Unverschämtheit „engelgleich“. Damit tun sie den Engeln ganz sicher furchtbares Unrecht an, indem sie Hurer, Ehebrecher und noch etwas viel Schlimmeres und Gemeineres mit ihnen vergleichen. Hier bedarf es nun in der Tat durchaus keines Beweises, da sie durch die Sache selbst klar und deutlich überführt werden. Denn wir sehen es offen vor uns, mit was für furchtbaren Strafen der Herr allerorten solche Anmaßung und solche aus gar zu großem Selbstvertrauen stammende Verachtung seiner Gaben ahndet. Dabei will ich aus Schamgefühl die verborgeneren Dinge noch mit Schonung übergehen; denn schon das, was man von ihnen weiß, geht zu weit.

(2.) Unzweifelhaft dürfen wir nichts geloben, was uns daran hindern könnte, unserem Beruf zu dienen. Das wäre z.B. der Fall, wenn ein Hausvater das Gelübde täte, Weib und Kind zu verlassen und andere Lasten auf sich zu nehmen, oder wenn einer, der geschickt ist, ein obrigkeitliches Amt zu führen, und auch dazu erwählt wird, das Gelübde tun wollte, amtlos zu bleiben.

(3.) Wir sprachen dann auch davon, daß wir unsere Freiheit nicht verachten sollen. Was das bedeutet, ist einigermaßen schwierig, wenn es nicht näher entfaltet wird. Hierüber möge man also folgende kurze Ausführungen vernehmen. Da uns Gott zu Herren über alle Dinge gesetzt und sie uns dergestalt Untertan gemacht hat, daß wir sie alle zu unserem Vorteil gebrauchen sollen, so haben wir keinen Anlaß zu der Erwartung, es werde ein Gott wohlgefälliger Dienst sein, wenn wir uns zu Knechten der äußeren Dinge machen, die uns doch als Hilfen dienen sollen. Das sage ich deshalb, weil manche Leute das Lob der Demut daraus zu erlangen trachten, daß sie sich in die strenge Innehaltung vieler Satzungen verstricken, von denen wir doch nach Gottes nicht grundlosem Willen frei und ledig sein sollen. Wollen wir also dieser Gefahr entgehen, so müssen wir stets bedenken, daß wir von der Ordnung, die der Herr in der christlichen Kirche eingerichtet hat, in keiner Weise abweichen dürfen.
Simon W.

Der Pilgrim
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Beitragvon Der Pilgrim » 14.12.2011 11:41

IV,13,4

Jetzt komme ich auf das zu sprechen, was ich oben an dritter Stelle nannte: es kommt sehr darauf an, in welcher Gesinnung man ein Gelübde tut, wenn anders man wünscht, daß es Gott wohlgefällig sei. Denn der Herr sieht das Herz an und nicht die äußere Erscheinung, und daher kommt es, daß ihm die gleiche Sache bei verändertem Vorsatz unseres Herzens bald gefällt und angenehm ist, bald auch heftig mißfällt. Wenn man ein Gelübde leistet, keinen Wein zu trinken, und dabei so tut, als ob darin irgendwelche Heiligkeit läge, so ist man ein abergläubischer Mensch; hat man aber bei solchem Gelübde einen anderen, nicht verkehrten Zweck im Auge, so kann es niemand mißbilligen. Es gibt nun, soweit ich zu beurteilen vermag, vier Zwecke, auf die unsere Gelübde rechtmäßig gerichtet sein können; zwei von ihnen beziehe ich zu besserer Unterweisung auf die Vergangenheit, die beiden übrigen auf die Zukunft. Auf die Vergangenheit beziehen sich erstens die Gelübde, mit denen wir unsere Dankbarkeit gegen Gott für empfangene Wohltaten bezeugen, zweitens solche, mit denen wir um begangener Missetaten willen an uns selber Strafe üben, um Gottes Zorn abzubitten. Die Gelübde der ersten Art wollen wir, wenn man will, als Übungen der Dankbarkeit (Dankgelübde) bezeichnen, die der zweiten Art als Übungen der Buße (Bußgelübde). Ein Beispiel für die erste Gruppe haben wir in dem Zehnten, den Jakob gelobte, wenn der Herr ihn wohlbehalten aus der Verbannung in die Heimat zurückführen würde (Gen. 28,20.22). Ein weiteres Beispiel bieten uns die Friedensopfer des Alten Bundes, wie sie fromme Könige und Feldherrn, die im Begriff standen, einen gerechten Krieg zu führen, darzubringen gelobten, wenn sie den Sieg erlangen würden, oder jedenfalls, wie sie sie unter dem Druck einer größeren Not gelobten, wenn der Herr sie frei machen würde. In diesem Sinne müssen wir alle Stellen in den Psalmen verstehen, die von Gelübden handeln (Ps. 22,26; 56,13; 116,14.18). Derartige Gelübde können auch heutzutage bei uns in Übung stehen, sooft uns der Herr aus einer Niederlage oder aus einer schweren Krankheit oder aus irgendeiner anderen Gefahr errettet hat. Denn dann steht es nicht im Widerspruch zu der Pflicht eines frommen Menschen, Gott ein Gelübdeopfer als feierliches Zeichen seiner Dankbarkeit zu weihen, um seiner Freundlichkeit gegenüber nicht undankbar zu erscheinen. Um zu zeigen, von welcher Art die Gelübde der zweiten Gruppe sind, wird ein einziges bekanntes Beispiel genügen. Wenn jemand durch seine Schlemmerei in eine Schandtat geraten ist, so besteht kein Hindernis dagegen, daß er sich zur Strafe für seine Unmäßigkeit eine Zeitlang alle Leckerbissen versagen könnte und das dann auch unter Anwendung eines Gelübdes täte, um sich dadurch mit einem festeren Bande zu verpflichten. Damit stelle ich aber für solche, die sich in solcher Weise vergangen haben, kein bleibendes Gesetz auf, sondern ich zeige nur, was diejenigen tun dürfen, die zu der Überzeugung gekommen sind, daß ihnen ein derartiges Gelübde von Nutzen sei. Ich sehe also ein solches Gelübde als erlaubt an, jedoch so, daß ich es unterdessen frei bleiben lasse.



IV,13,5

Die Gelübde, die sich auf die Zukunft beziehen, haben teilweise (1.), wie gesagt, den Zweck, daß wir vorsichtiger werden, teilweise (2.) sollen sie uns auch gleichsam als Ansporn dienen, um uns zu unserer Pflicht aufzumuntern.

(1.) Wenn jemand sieht, daß er zu einem bestimmten Laster dermaßen geneigt ist, daß er sich bei einer sonst nicht schlechten Sache nicht im Zaum zu halten vermag, sondern gleich in etwas Böses gerät, so tut er nichts Widersinniges, wenn er sich durch ein Gelübde den Gebrauch dieser Sache für eine Zeitlang entzieht. Wenn also zum Beispiel jemand erkennt, daß ihm dieser oder jener leibliche Zierat gefährlich ist, und wenn er dann doch, von der Gier verlockt, heftig danach verlangt, was könnte der Besseres tun, als daß er sich einen Zaum anlegt, das heißt: sich den Zwang zum Verzicht auferlegt und sich dadurch von allen Bedenken befreit?

(2.) Oder ebenso: wenn jemand vergeßlich oder träge ist zur Erfüllung der notwendigen Pflichten der Frömmigkeit, weshalb soll der nicht ein Gelübde tun und dadurch sein Gedächtnis auffrischen und seine Faulheit austreiben? In diesen beiden Arten von Gelübden, das gebe ich zu, kommt eine Art Kindererziehung zum Vorschein; aber eben deshalb, weil sie Stützen für die Schwachheit sind, werden sie von Unerfahrenen und Unvollkommenen nicht ohne Nutzen angewandt. Wir werden also sagen, daß Gelübde, die einem unter diesen Zwecken dienen, vor allem in äußerlichen Dingen, rechtmäßig sind, wenn sie nur auf Gottes Billigung gestützt sind, zu unserem Beruf passen und nach dem Vermögen begrenzt sind, das uns die von Gott uns dargereichte Gnade verleiht.



IV,13,6

Nun ist es auch nicht schwer, aus dem Obigen zu entnehmen, was wir allgemein von den Gelübden zu halten haben. Ein Gelübde ist allen Gläubigen gemeinsam: das ist bei der Taufe gesprochen, und es wird von uns bekräftigt und gleichsam unverbrüchlich verbürgt, wenn wir den Katechismus lernen (daraufhin unseren Glauben bekennen) und das Abendmahl empfangen. Denn die Sakramente sind gleichsam Verschreibungen, in denen der Herr uns seine Barmherzigkeit und daraus das ewige Leben schenkt und wir ihm wiederum Gehorsam versprechen. Die Formel oder jedenfalls der Hauptinhalt dieses Gelübdes sieht so aus: wir schwören dem Satan ab und begeben uns Gott zu Knechten, um seinen heiligen Geboten zu gehorchen, nicht aber den bösen Gelüsten unseres Fleisches zu folgen. Da dieses Gelübde ein Zeugnis von der Schrift her besitzt, ja, von allen Kindern Gottes gefordert wird, so darf man nicht daran zweifeln, daß es heilig und heilsam ist. Dem steht auch nicht entgegen, daß niemand in diesem Leben den vollkommenen Gehorsam gegen das Gesetz leistet, den Gott von uns verlangt. Denn dieses Gelübde ist in den Gnadenbund mit eingeschlossen, in dem auch die Vergebung der Sünden und die Heiligung des Geistes enthalten ist, und deshalb ist das versprechen, das wir dabei ablegen, mit dem Flehen um Vergebung und dem Verlangen nach Hilfe verbunden. Bei der Beurteilung der besonderen Gelübde ist es erforderlich, die drei oben genannten Regeln im Gedächtnis zu behalten; von daher wird man mit Sicherheit entscheiden können, von welcher Art jedes einzelne Gelübde ist. Trotzdem aber soll man nicht meinen, ich wollte die Gelübde, von denen ich behaupte, daß sie heilig sind, dergestalt anempfehlen, daß ich den Wunsch hätte, sie geschähen alle Tage. Denn obwohl ich es nicht wage, eine Vorschrift über Zahl oder Zeit der Gelübde zu geben, so wird man doch, wenn man meinem Rate folgt, solche Gelübde nur in mäßiger Zurückhaltung und zeitlicher Begrenzung leisten. Denn wenn man immer wieder dazu übergeht, zahlreiche Gelübde zu tun, dann wird eben durch solche fortgesetzte Wiederholung die ganze Religion gemein werden, und man wird sehr leicht in Aberglauben verfallen. Bindet man sich durch ein fortwährendes Gelübde, so wird man es entweder (bloß) mit viel Beschwernis und Ärger ableisten oder auch, durch die lange Dauer ermüdet, von Zeit zu Zeit zu durchbrechen wagen.



IV,13,7

Nun ist es nicht verborgen, mit was für einem großen Aberglauben sich die Welt in diesem Stück manche hundert Jahre lang herumgeschlagen hat. Der eine tat das Gelübde, keinen Wein mehr zu trinken, als ob der Verzicht auf den Wein einen Gottesdienst darstellte, der Gott an und für sich wohlgefällig wäre. Der andere verpflichtete sich für bestimmte Tage zum Fasten oder zum Verzicht auf Fleisch, weil er sich in eitlem Wahn vormachte, in diesen Dingen läge mehr als in anderen ein einzigartiger Gottesdienst. Manche Gelübde tat man auch, die noch viel kindischer waren – wenn es auch nicht Kinder waren, die sie leisteten! Man hielt es nämlich für große Weisheit, auf ein Gelübde hin Wallfahrten zu heiligen Stätten zu unternehmen und zuweilen auch die Reise zu Fuß oder mit halbnacktem Leibe zurückzulegen, um sich mit der Ermüdung desto mehr Verdienst zu erwerben. Wenn wir solche und ähnliche Gelübde, um welche die Welt eine Zeitlang mit unglaublichem Eifer entbrannt war, nach den oben aufgestellten Regeln prüfen, so werden sie nicht nur sinnlos und läppisch befunden werden, sondern auch erfüllt von offenkundiger Gottlosigkeit. Denn wie das Fleisch auch urteilen mag, so ist vor Gott doch nichts mehr ein Greuel als selbstersonnener Gottesdienst. Dazu kommen dann noch jene verderblichen und verfluchten Wahnmeinungen, daß die Heuchler, sobald sie solch Possenzeug fertiggebracht haben, nun des Glaubens sind, sie hätten sich eine ungewöhnliche Gerechtigkeit erworben, den wesentlichen Bestand der Frömmigkeit in dem Einhalten solch äußerlicher Dinge erblicken und alle anderen Menschen verachten, die sich anscheinend um dergleichen Sachen weniger Mühe geben.



IV,13,8

Die einzelnen Formen (solcher falschen Gelübde) aufzuzählen wäre ohne Belang. Da nun aber die Klostergelübde eine höhere Wertschätzung genießen, weil es den Anschein hat, sie wären durch das öffentliche Urteil der Kirche gebilligt, so muß ich auf sie doch noch kurz eingehen. Zunächst: damit niemand das Mönchtum, wie es heute ist, unter dem Vorwand alter Herkunft verteidigt, so muß ich darauf hinweisen, daß früher in den Klöstern eine wesentlich andere Lebensweise geherrscht hat. In die Klöster begaben sich solche Leute, die sich zu höchster Strenge und Geduld üben wollten. Denn eben solche Zucht, wie sie nach unseren Berichten bei den Lakedämoniern unter den Gesetzen des Lykurg bestanden haben soll, herrschte auch unter den Mönchen, ja, eine noch viel strengere. Sie schliefen auf dem Erdboden, tranken nur Wasser, aßen Brot, Kräuter und Wurzeln, ihre vornehmsten Leckerbissen bestanden in Öl und Erbsen. Auf alle köstlicheren Lebensmittel und auf alle feinere Wartung des Leibes verzichteten sie. Diese Schilderung könnte übertrieben erscheinen, wenn es nicht von Zeugen so berichtet würde, die es gesehen und erfahren haben, nämlich von Gregor von Nazianz, Basilius und Chrysostomus. Was ich nun eben berichtete, das waren aber nur die Anfängerübungen, mit denen sich die Mönche zu wichtigeren Aufgaben vorbereiteten. Denn die Mönchsgenossenschaften waren damals gleichsam Pflanzstätten des kirchlichen Standes (d.h. des „Klerus“). Ein hinreichend deutlicher Beweis dafür sind einerseits die oben genannten Männer (Gregor, Basilius, Chrysostomus) – denn sie sind allesamt in Klöstern erzogen und dann von da aus in das Bischofsamt berufen worden -, andererseits aber auch zahlreiche andere bedeutende und hervorragende Männer ihrer Zeit. Und Augustin bezeugt, daß es auch zu seiner Zeit üblich gewesen ist, daß die Klöster der Kirche ihre Kleriker lieferten; denn er redet die Mönche von der Insel Capraria folgendermaßen an: „Euch aber, ihr Brüder, ermahnen wir in dem Herrn, daß ihr eurem Vorsatz treu bleibet und bis ans Ende dabei beharret; und wenn einst eure Mutter, die Kirche, eures Dienstes begehren wird, so übernehmt ihn nicht in herrschsüchtiger Überheblichkeit und verschmäht ihn auch nicht in schmeichlerischer Bequemlichkeit, sondern leistet Gott mit sanftmütigem Herzen Gehorsam. Stellet auch nicht eure Muße über die Erfordernisse der Kirche; denn wenn es keine guten Leute gegeben hätte, die ihr in ihren Geburtswehen hätten dienend beistehen wollen, so hättet ihr auch keine Möglichkeit gehabt, zur Welt zu kommen“ (Brief 48; an Eudoxius). Er spricht hier nämlich von dem Amt, durch das die Gläubigen geistlich wiedergeboren werden. Ebenso schreibt er an Aurelius: „Wenn Leute das Kloster verlassen und man dann solche zum Kriegsdienst des Klerikeramtes erwählt, so bietet man ihnen selbst Gelegenheit zum Fall und läßt dem Stande der Kleriker empörendstes Unrecht widerfahren. Denn wir pflegen doch aus dem Kreise derer, die im Kloster bleiben, nur die besterprobten und tüchtigsten in den Klerus aufzunehmen. Sonst müßte es schon zugehen, wie der Volksmund sagt: ‚Ein schlechter Pfeifer ist ein guter Musikant in der Kapelle’, und man müßte von uns spottend sagen: ‚Ein schlechter Mönch ist ein guter Kleriker’. Es wäre doch gar zu beklagenswert, wenn wir die Mönche zu einer so verderbenbringenden Hoffart wollten emporsteigen lassen und die Kleriker einer so harten Schmähung für würdig erachteten. Denn manchmal gibt auch ein guter Mönch kaum einen guten Kleriker, nämlich wenn er zwar genügend Enthaltsamkeit besitzt, aber es doch an der notwendigen Gelehrsamkeit fehlen läßt“ (Brief 60; an Aurelius). Aus diesen Stellen ergibt sich deutlich, daß sich fromme Männer unter der klösterlichen Zucht auf die Leitung der Kirche vorzubereiten pflegten, um dann mit besserer Eignung und besserer Bildung solch wichtiges Amt zu übernehmen. Nicht, daß alle zu diesem Ziel gelangt wären oder auch nur hätten gelangen wollen – denn die Mönche waren zum größeren Teil wissenschaftlich ungebildete Leute -, sondern es wurden diejenigen ausgewählt, die dazu geeignet waren.
Simon W.

Der Pilgrim
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Beitragvon Der Pilgrim » 15.12.2011 21:11

IV,13,9

Es gibt aber vor allem zwei Stellen, an denen Augustin die Gestalt des alten Klosterlebens schildert. Das geschieht einmal in seinem Buche „Von den Sitten der katholischen Kirche“, in welchem er den Schmähungen der Manichäer die Heiligkeit des Mönchsberufs entgegenstellt, und dann zum anderen in einem weiteren Buch, dem er den Titel „Von dem Werk der Mönche“ gegeben hat und in dem er gegen einige entartete Mönche, die diese Einrichtung zu verderben begannen, scharf losfährt. Ich will also hier den wesentlichen Inhalt der von ihm uns gebotenen Berichte wiedergeben, und zwar so, daß ich dabei auch, soweit es angeht, seine eigenen Worte gebrauche. Er sagt: „Unter Verachtung der Lockungen dieser Welt schließen sich die Mönche zu einem gemeinsamen Leben von höchster Keuschheit und Heiligkeit zusammen, sie führen ihr Dasein nun miteinander, leben in Gebeten, Lesungen und Lehrgesprächen, sind von keiner Hoffart aufgeblasen, von keiner Halsstarrigkeit aufrührerisch und von keinem Neid scheelsüchtig. Keiner hat irgendwelchen eigenen Besitz, keiner fällt irgend jemand zur Last. Mit den Händen erarbeiten sie sich, was dazu dient, ihren Leib zu erhalten, und was ihren Geist doch nicht von Gott fernhalten kann. Ihr Werk stellen sie unter die Leitung von solchen, die sie ‚Dekane’ nennen. Diese ‚Dekane’ aber ordnen alles mit großer Sorgfalt an und geben wiederum einem Manne Rechenschaft, den sie als ‚Vater’ bezeichnen. Diese ‚Väter’ sind nun nicht nur von höchster Heiligkeit in ihren Sitten, sondern auch von hervorragender Kenntnis der göttlichen Lehre und ausgezeichnet in allen Dingen; sie sorgen ohne jeglichen Hochmut für die anderen, die sie ‚Söhne’ nennen, und zwar durch ihre große Autorität im Gebieten und durch deren große Willigkeit im Gehorchen. Gegen Ende des Tages – und das ist eine Zeit, wo sie noch nichts zu sich genommen haben! – kommen sie nun zusammen, jeder aus seiner Behausung, um den Worten jener ‚Väter’ zu lauschen, und es versammeln sich bei jedem ‚Vater’ dreitausend oder wenigstens tausend Menschen – Augustin redet vornehmlich von Ägypten und vom Osten. Danach stärken sie dann den Leib, soweit es für Wohlergehen und Gesundheit erforderlich ist, und dabei hält jeder einzelne seine Begehrlichkeit im Zaum, um sich auch bei den spärlichen und äußerst schlichten Nahrungsmitteln nicht gehen zu lassen, die zur Verfügung stehen. So verzichten sie nicht nur auf Fleisch und Wein, um ausreichend in der Lage zu sein, ihre Begierden zu bändigen, sondern auch auf solche Dinge, die um so mehr dazu dienen, den Magen und den Gaumen zu heftiger Begehrlichkeit zu reizen, je mehr sie manchem als rein erscheinen. Denn unter diesem Namen („rein“) pflegt man ja die schmählichste Begierde nach auserlesenen Speisen lächerlich und schändlich zu verteidigen, weil sie doch mit dem Fleischgenuß nichts zu tun habe. Was über den notwendigen Lebensunterhalt hinaus vorhanden ist – und es bleibt bei ihrer Hände Arbeit und bei ihrer Einschränkung im Essen sehr viel übrig -, das wird mit einer Sorgfalt an die Bedürftigen ausgeteilt, die noch größer ist als jene, mit der es die, welche diese Verteilung vornehmen, erworben haben. Denn es kommt ihnen nicht entscheidend darauf an, daß sie an solchen Dingen Überfluß haben, sondern sie mühen sich in jeder Weise darum, daß das, woran sie Überfluß haben, nicht bei ihnen verbleibt“ (Von den Sitten der katholischen Kirche 31,67). Dann erwähnt er die Strenge der Mönche, für die er selbst in Mailand und an anderen Orten Beispiele zu sehen bekommen hatte, und sagt: „Unterdessen wird niemand zu harten Übungen gedrängt, die er nicht zu ertragen vermag, keinem wird etwas auferlegt, dessen er sich weigert, es wird auch keiner von den anderen verdammt, weil er bekennt, nicht in der Lage zu sein, um es ihnen gleichzutun; denn sie bedenken, wie sehr uns die Liebe anempfohlen wird, sie behalten im Gedächtnis, daß dem Reinen alles rein ist … (Tit. 1,15). All ihren Fleiß verwenden sie wachsam darauf, nicht etwa bestimmte Arten von Speisen zu verwerfen, als ob sie befleckt wären, sondern die Gier zu bändigen und die brüderliche Liebe zu erhalten. Sie gedenken an das Wort: ‚Die Speise dem Bauche und der Bauch der Speise …’ (1. Kor. 6,13). Jedoch üben viele Starke die Enthaltsamkeit um der Schwachen willen. Viele haben keine Ursache, dergleichen zu tun; (sie tun es aber) weil es ihnen gefällt, sich mit recht einfacher und ganz billiger Speise zu erhalten. So kommt es, daß die gleichen Leute, die bei voller Gesundheit Enthaltsamkeit üben, die betreffenden Speisen im Falle der Krankheit ohne Bedenken annehmen, wenn es ihr Gesundheitszustand erfordert. Viele trinken keinen Wein; aber sie meinen nicht, sich damit zu beflecken; denn sie sorgen in größter Freundlichkeit dafür, daß den Schwachen und denen, die ohne ihn die Gesundheit ihres Leibes nicht zu erhalten vermögen, Wein gereicht wird; auch ermahnen sie manche Leute, die den Wein töricht ablehnen, in brüderlicher Weise, sie sollten nicht durch eitlen Aberglauben eher schwächer als heiliger werden. So wenden sie allen Fleiß daran, Frömmigkeit zu üben, und dabei wissen sie, daß sich die Übung des Leibes nur auf kurze Zeit erstreckt. Vor allem aber wird die Liebe gewahrt; der Liebe wird der Lebensunterhalt, der Liebe das Reden, der Liebe die Kleidung und der Liebe der Gesichtsausdruck dienstbar gemacht. Zu einer Liebe kommt man zusammen, und zu einer Liebe verschwört man sich; sie zu verletzen, das gilt als Frevel, wie wenn man Gott selber schändete, wer sich ihr widersetzt, der wird ausgestoßen und gemieden, wer sie bricht, der darf nicht einen einzigen Tag mehr bei ihnen bleiben“ (Ebenda 33,70-73). Mit diesen Worten scheint mir jener heilige Mann wie in einem Bilde den einstigen Zustand des Klosterlebens dargestellt zu haben, und deshalb hat es mich nicht verdrossen, sie hier trotz ihrer erheblichen Ausführlichkeit einzufügen; denn ich habe bemerkt, daß ich trotz meines Strebens nach kurzer Zusammenfassung noch mehr ins Weite geraten würde, wenn ich diese Mitteilungen aus verschiedenen Schriftstellern zusammentragen wollte.



IV,13,10

Ich habe nun hier die Absicht, nicht etwa diesen ganzen Fragenkreis durchzusprechen, sondern nur im Vorbeigehen aufzuzeigen, was für Mönche die Alte Kirche besessen hat, und auch, wie damals der Mönchsberuf ausgesehen hat, damit verständige Leser auf Grund des Vergleichs ein Urteil darüber gewinnen können, wie frech die Leute handeln, die zur Stützung des gegenwärtigen Mönchtums auf die alte Zeit verweisen. Bei der Schilderung, die uns Augustin von dem heiligen und rechtmäßigen Mönchtum entwirft, hat er den Willen, daß alles scharfe Fordern solcher Dinge fernbleibt, die uns von dem Worte des Herrn frei überlassen werden. Nun gibt es aber nichts, was heutzutage mit größerer Strenge verlangt würde. Denn man hält es für eine unsühnbare Freveltat, wenn jemand in der Farbe oder dem Aussehen des Gewandes, in der Art der Speisen oder in anderen wertlosen und unbedeutenden Zeremonien auch nur im mindesten von der Vorschrift abweicht. Augustin betont mit Nachdruck, daß die Mönche nicht das Recht haben, von anderer Leute Gut ein müßiges Leben zu führen. Er erklärt, daß ein solcher Fall zu seiner Zeit in keinem wohlgeordneten Kloster vorgekommen sei (Von dem Werk der Mönche 23,27). Unsere heutigen Mönche dagegen sehen das wichtigste Stück ihrer Heiligkeit im Müßiggang! Denn wenn man ihnen den Müßiggang wegnimmt – wo soll dann jenes „beschauliche Leben“ (contemplativa vita) bleiben, vermöge dessen sie, wie sie sich rühmen, alle anderen Menschen übertreffen und näher an die Engel herankommen? Und schließlich: Augustin fordert ein Mönchtum, das nichts anderes sein soll als eine Übung und eine Stütze für die (Erfüllung der) Verpflichtungen der Frömmigkeit, die allen Christenmenschen ans Herz gelegt werden. Er erklärt doch die Liebe für die höchste, ja, geradezu für die einzige Regel des Mönchslebens, und wieso können wir nun da annehmen, er würde eine Rotterei loben, in der sich einige wenige Menschen miteinander verbinden und sich dadurch von dem gesamten Leibe der Kirche absondern? Nein, im Gegenteil: er will doch, daß die Mönche den übrigen Christen mit ihrem Beispiel voranleuchten, um die Einheit der Kirche zu bewahren! In beiden Stücken ist unser gegenwärtiges Mönchtum dermaßen anders geartet, daß man kaum etwas Verschiedeneres, um nicht zu sagen: Widersprechenderes, finden wird. Denn unsere Mönche geben sich nicht mit jener Frömmigkeit zufrieden, nach der Christi Jünger auf seinen Befehl hin in beständigem Streben allein trachten sollen, und ersinnen sich ich weiß nicht was für eine neue, um im Trachten nach ihr vollkommener zu sein als alle anderen.



IV,13,11

Wenn sie das bestreiten, so möchte ich gern von ihnen wissen, warum sie denn allein ihren Stand für würdig erachten, als „vollkommen“ bezeichnet zu werden, und warum sie diesen Ehrentitel allen anderen Berufungen Gottes absprechen. Es ist mir auch jene sophistische Antwort nicht unbekannt, man nenne das Mönchtum nicht darum so, weil es die Vollkommenheit in sich beschlösse, sondern weil es von allen der beste Stand sei, um die Vollkommenheit zu erlangen. Wenn sich die Mönche beim Volke rühmen wollen, wenn sie unkundige und unwissende junge Menschlein in ihre Stricke ziehen, ihre Vorrechte verteidigen und ihre Würde zur Unehre anderer Leute emporheben wollen, dann erklären sie rühmend, sie seien im Stande der Vollkommenheit! Wenn man ihnen dann so nahe zusetzt, daß sie diese eitle Anmaßung nicht mehr aufrechterhalten können, dann nehmen sie ihre Zuflucht zu dem Schutzgraben (d.h. zu der Hilfsbehauptung), sie hätten allerdings die Vollkommenheit noch nicht erreicht, lebten aber in dem Stande, in dem sie mehr als andere Leute nach ihr trachteten. Währenddessen aber bleibt im Volke jene Bewunderung bestehen, als ob allein das Klosterleben engelgleich, vollkommen und von allen Gebrechen gereinigt sei! Unter diesem Vorwand treiben sie den gewinnsüchtigsten Handel – und jene Einschränkung (ihrer Ansprüche) bleibt unterdessen in einigen wenigen Büchern begraben! Wer bemerkt nicht, daß dies ein unerträglicher Spott ist? Aber wir wollen mit ihnen so verfahren, als ob sie ihrem Beruf nicht mehr zusprächen, als sie es dann tun, wenn sie ihn den Stand zur Erlangung der Vollkommenheit nennen. Denn wenn sie ihm diesen Namen geben, so unterscheiden sie ihn doch damit unzweifelhaft wie mit einem besonderen Kennzeichen von jeder anderen Art der Lebensführung. Und wer will es dulden, daß diese große Ehre einer Einrichtung beigelegt wird, die nirgendwo auch nur mit einer einzigen Silbe gutgeheißen ist, und daß man der nämlichen Ehre alle Berufungen Gottes unwürdig erachtet, die doch mit seinem heiligen Munde nicht nur geboten, sondern auch mit den herrlichsten Lobsprüchen ausgezeichnet sind? Und dann, das möchte ich doch fragen, was geschieht doch Gott für ein schlimmes Unrecht, wenn man allen Arten der Lebensgestaltung, die von ihm angeordnet und durch sein Zeugnis gepriesen sind, ich weiß nicht was für eine erdichtete vorzieht?



IV,12,12

Nun, sie mögen sagen, was ich eben vorgebracht habe, nämlich daß sie sich mit der von Gott vorgeschriebenen Regel nicht zufriedengeben, das sei eine Lästerung. Aber selbst wenn ich schweige, so klagen sie sich doch selber mehr als genug an. Denn sie lehren doch offen, sie nähmen eine größere Last auf sich, als sie Christus den Seinen auferlegt habe, weil sie nämlich gelobten, die „evangelischen Ratschläge“ zu halten, nämlich daß wir unsere Feinde lieben, keine Vergeltung begehren, nicht schwören sollten und so fort (Matth. 5,33ff.) – und an diese „evangelischen Ratschläge“ seien doch die Christen nicht allesamt gebunden! Was für eine „alte Zeit“ wollen sie uns nun hierbei als Vorwand zeigen? Denn dergleichen ist niemals einem von den Alten in den Sinn gekommen; sie erklären doch alle wie aus einem Munde, daß Christus nicht ein einziges Wort gesprochen hat, dem wir nicht notwendig zu gehorchen hätten! Und daß nun namentlich jene Worte, die nach dem Geschwätz dieser wackeren Ausleger bloß Ratschläge Christi darstellen sollen, tatsächlich Weisungen seien, das lehren die Alten allenthalben ohne jegliches Bedenken. Aber weil ich schon oben dargelegt habe, daß es sich hier um einen höchst verderbenbringenden Irrtum handelt, so mag es hier genug sein, kurz angedeutet zu haben, daß sich das Mönchtum, so wie es heute ist, auf eine Meinung gründet, die allen Frommen verdientermaßen ein Greuel sein muß, nämlich darauf, daß man sich einbildet, es gäbe irgendeine vollkommenere Lebensregel als jene allgemeine, die Gott der gesamten Kirche vorgeschrieben hat. Alles, was auf dieses Fundament gebaut wird, das kann nicht anders als abscheulich sein.
Simon W.

Der Pilgrim
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Beitragvon Der Pilgrim » 19.12.2011 00:44

IV,13,13

Aber sie bringen noch einen anderen Beweis für ihre Vollkommenheit herbei und meinen, der sei nun ganz stark. Denn der Herr hat doch dem Jüngling, der ihn nach der vollkommenen Gerechtigkeit fragte, die Antwort gegeben: „Willst du vollkommen sein, so gehe hin, verkaufe alles, was du hast, und gib’s den Armen“ (Matth. 19,21). Ob sie das nun selber tun, das will ich noch nicht zur Erörterung stellen – wir wollen es ihnen für den Augenblick zugeben! Sie erheben also den Anspruch, sie seien vollkommen geworden, indem sie all ihren Besitz verließen. Wenn nun darin die Hauptsumme der Vollkommenheit liegt – was hat es dann zu bedeuten, daß Paulus lehrt, wenn einer „alle seine Habe den Armen gäbe“ „und hätte der Liebe nicht“, so sei er nichts (1. Kor. 13,3)? Was ist das für eine Vollkommenheit, die, wenn die Liebe nicht dabei ist, mit dem Menschen zusammen zu nichts wird? Hier müssen sie nun notwendig antworten, dies sei zwar das höchste, aber nicht das einzige Werk der Vollkommenheit. Aber auch hier erhebt der Apostel Einspruch, indem er ohne Zögern die Liebe für das „Band der Vollkommenheit“ erklärt – auch ohne solchen Verzicht auf die irdischen Güter (Kol. 3,14)! Wenn es nun sicher ist, daß zwischen dem Meister und seinem Jünger kein Gegensatz besteht, und wenn der letztere offen bestreitet, daß die Vollkommenheit des Menschen darin bestehe, daß er auf all seine Güter verzichtet, und auf der anderen Seite behauptet, daß sie ohne solchen Verzicht Bestand hat, so müssen wir zusehen, in welchem Sinne das Wort Christi zu verstehen ist: „Willst du vollkommen sein, so verkaufe alles, was du hast…” (Matth. 19,21). Der Sinn wird durchaus klarwerden, wenn wir – was bei allen Reden Christi stets beachtet werden muß – erwägen, an wen sich diese Worte richten. Der Jüngling stellt doch die Frage, mit welchen Werken er in das ewige Leben eingehen könnte (Luk. 10,25; eigentlich Matth. 19,16). Weil Christus damit nach den Werken befragt wird, so verweist er ihn an das Gesetz. Und das mit Recht; denn das Gesetz ist, wenn man es an und für sich betrachtet, der Weg zum ewigen Leben, und es ist nur deshalb untüchtig, uns das Heil zu verschaffen, weil wir böse sind. Mit dieser Antwort machte Christus deutlich, daß er keine andere Art und Weise der Lebensgestaltung lehrte als die, die einst im Gesetz des Herrn gegeben worden war. Damit gab er dem göttlichen Gesetz das Zeugnis, daß es die Lehre der vollkommenen Gerechtigkeit darstellte, und trat zugleich den Lästerungen entgegen: es sollte nicht den Anschein haben, als ob er das Volk durch irgendeine neue Lebensregel zum Abfall vom Gesetz aufreizte. Nun gab der Jüngling, der zwar nicht übler Gesinnung, aber von eitlem Selbstvertrauen aufgeblasen war, zur Antwort, er habe alle Gebote des Gesetzes von Jugend auf gehalten (Matth. 19,20). Es ist mehr als gewiß, daß er von dem Ziel, das er schon erreicht zu haben sich rühmte, noch durch einen unermeßlichen Abstand getrennt war. Wenn nun sein Rühmen wahrheitsgemäß gewesen wäre, so hätte ihm nichts zur höchsten Vollkommenheit gemangelt. Denn es wurde oben nachgewiesen, daß das Gesetz die vollkommene Gerechtigkeit in sich beschließt, und das gleiche geht auch deutlich daraus hervor, daß ja seine Innehaltung als Weg zur ewigen Seligkeit bezeichnet wird. Um ihn nun darüber zu belehren, wie wenig weit er es in der Gerechtigkeit gebracht hatte, deren Erfüllung er in seiner Antwort allzu kühnlich behauptete, war es erforderlich, das ihm persönlich anhängende Gebrechen näher auszubreiten. Er war nun aber ein sehr reicher Mann, und deshalb hatte er sein Herz an den Reichtum gehängt. Weil er also diese verborgene Wunde nicht fühlte, so stach ihm Christus hinein. „Geh hin“, sagte er zu ihm, „und verkaufe alles, was du hast.“ Wenn er das Gesetz nun so gut gehalten hätte, wie er meinte, dann wäre er, als er dies Wort gehört hatte, nicht traurig davon gegangen (Matth. 19,22)! Denn wer Gott von ganzem Herzen liebt, der hält alles, was zur Liebe zu Gott im Widerspruch steht, nicht nur für Dreck, sondern verabscheut es als etwas Verderbliches. Wenn also Christus diesem reichen Geizhals befiehlt, alles zu verlassen, was er hat, so ist das genau dasselbe, als wenn er einem ehrsüchtigen Menschen die Weisung gäbe, auf alle Ehren, einem vergnügungssüchtigen, auf alle Genüsse, und einem Unkeuschen, auf alle Werkzeuge seiner Lust zu verzichten. So müssen die Gewissen, die sich von keinem Empfinden einer allgemeinen Ermahnung berühren lassen, zu dem besonderen Empfinden der eigenen Sünde gebracht werden. Es ist also vergebens, wenn die Papisten aus diesem Sonderfall eine allgemeine Auslegung machen, als ob Christus die Vollkommenheit eines Menschen im Verzicht auf den Besitz gesehen hätte, während er doch mit diesem Ausspruch nichts anderes wollte, als den Jüngling, der an sich selbst über die Maßen Gefallen hatte, zum Empfinden seiner Wunde zu führen, damit er erkennen sollte, daß er noch durch einen weiten Abstand von jenem vollkommenen Gehorsam gegen das Gesetz entfernt war, den er sich sonst zu Unrecht zusprach. Ich gebe zu, daß diese Stelle von einigen unter den (Kirchen-) Vätern unrichtig verstanden worden und daß daraus jene Vorliebe für die freiwillige Armut erwachsen ist, in der man nur solche Leute für selig hielt, die auf alle irdischen Güter verzichtet hatten und sich Christus nackt angelobten. Ich bin aber der Zuversicht, daß alle gutwilligen und nicht streitsüchtigen Leser sich mit dieser meiner Erläuterung zufriedengeben werden, so daß sie sich über die Absicht Christi in keinem Zweifel befinden.



IV,13,14

Allerdings haben die Väter an nichts weniger gedacht als daran, solch eine „Vollkommenheit“ zu bekräftigen, wie sie dann hernach kuttentragende Klüglinge zusammengeschmiedet haben, um auf diese Weise ein zwiefaches Christentum aufzurichten. Denn damals war jene heiligtumsschänderische Lehre noch nicht aufgekommen, die das Klostergelübde mit der Taufe vergleicht, ja, sogar offen behauptet, es sei eine Art von zweiter Taufe. Wer will daran zweifeln, daß die (Kirchen-) Väter eine solche Lästerung von ganzem Herzen verabscheut haben? Was aber die letzte Eigentümlichkeit der alten Mönche betrifft, von der Augustin berichtet, nämlich daß sie sich voll und ganz nach der Liebe richteten – wozu ist es nötig, mit Worten aufzuweisen, daß diese mit der neuartigen Gestalt des Mönchsberufs rein nichts zu tun hat? Die Tatsachen selbst sprechen es aus, daß alle, die sich in die Klöster begeben, eine Absonderung von der Kirche vornehmen. Wieso denn – scheiden sie sich etwa nicht von der rechtmäßigen Gemeinschaft der Gläubigen ab, indem sie sich ein besonderes (kirchliches) Amt und eine gesonderte Austeilung der Sakramente zulegen? Wenn das nicht heißt, die Gemeinschaft der Kirche auseinanderzureißen – was dann? Und weiter – um die oben begonnene Vergleichung fortzusetzen und einmal abzuschließen -: was haben sie in diesem Stück für Ähnlichkeit mit den alten Mönchen? Diese wohnten zwar gesondert von den anderen, aber eine besondere Kirche hatten sie trotzdem nicht, sie teilten die Sakramente mit den anderen, stellten sich zu den öffentlichen Versammlungen ein und waren dabei ein Teil des Volks (d.h. der Gemeinde). Die heutigen Mönche aber haben sich einen eigenen, gesonderten Altar errichtet – und was haben sie damit anders getan als das Band der Einheit zerrissen? Denn sie haben sich aus dem gesamten Leibe der Kirche ausgeschlossen und das geordnete Amt verachtet, durch das nach dem Willen des Herrn Friede und Liebe unter den Seinen aufrechterhalten werden sollen. Ich behaupte also: soviel Klöster es heute gibt, soviel Rotten von Abtrünnigen (Schismatikern) gibt es, die die kirchliche Ordnung gestört und sich von der rechtmäßigen Gemeinschaft der Gläubigen abgeschnitten haben. Und damit ihre Abscheidung nicht verborgen bleibt, haben sie sich vielartige Parteinamen zugelegt. Auch haben sie sich nicht geschämt, sich dessen zu rühmen, was Paulus, so sehr verabscheut, daß er es gar nicht scharf genug ausdrücken kann (1. Kor. 1,12f.; 3,4). Wir müßten sonst schon der Meinung sein, von den Korinthern zwar sei Christus „zerteilt“ worden, weil sich der eine Lehrer hochmütig über den anderen stellte, jetzt aber könne es ohne jede Beleidigung Christi zugehen, daß wir es zu hören bekommen, wie die einen Benediktiner, die anderen Franziskaner, wieder andere Dominikaner heißen statt Christen, und zwar so, daß sie selbst, indem sie danach haschen, von der großen Menge der Christen unterschieden zu werden, solche Titel geradezu als Bekenntnis der Religion hochmütig an sich reißen!



IV,13,15

Diese Unterschiede zwischen den alten Mönchen und denen unserer Zeit, wie ich sie bis hierher aufgeführt habe, liegen nicht in den Sitten, sondern in dem Beruf selbst. Der Leser möge also bedenken, daß ich eher vom Mönchtum als von den Mönchen gesprochen und dabei auf solche Laster hingewiesen habe, die nicht dem Lebenswandel einiger weniger ankleben, sondern sich von der herrschenden Lebensordnung selbst nicht trennen lassen. Was hat es nun aber für einen Zweck, im einzelnen darzulegen, was für ein großer Gegensatz in den Sitten besteht? Das steht fest, daß es keine Gruppe von Menschen gibt, die schlimmer von aller Schandbarkeit der Laster besudelt wäre. Nirgendwo wogen Parteiungen, Haß, Rottereisucht und Ehrsucht schlimmer als bei den Mönchen. Gewiß, in einigen wenigen Klöstern lebt man noch keusch – wenn man unter Keuschheit etwas verstehen will, wobei man die Gier soweit zurückdrängt, daß sie nicht öffentlich ruchbar wird. Aber man wird kaum ein Kloster unter zehn finden, das nicht eher ein Hurenhaus als ein Heiligtum der Keuschheit wäre! Und wie sieht es mit der Einfachheit im Lebensunterhalt aus? Jedenfalls werden die Schweine im Koben nicht anders gemästet! Aber damit sie sich nicht beklagen, sie würden von mir allzu rauh angepackt, will ich nicht weitermachen. Allerdings wird jeder, der die Verhältnisse selbst kennt, mir zugeben, daß von dem wenigen, das ich berührt habe, nichts im (übertreibenden) Anklageton geredet ist. Obwohl sich nach Augustins Zeugnis die Mönche (seiner Zeit) durch so große Keuschheit auszeichneten, so klagt er doch, daß sich unter ihnen zahlreiche Landstreicher befänden, die den einfältigeren Leuten mit bösen Kunstgriffen und Betrügereien das Geld aus der Tasche zögen, mit dem Herumtragen der Reliquien von Märtyrern schnöden Handel trieben, ja, die Gebeine irgendwelcher Verstorbenen als Reliquien von Märtyrern verkauften und durch viele andere Freveltaten ihrem Stande ein Schandmal aufbrennten (Von dem Werk der Mönche 28,36). Und wie er auf der einen Seite erklärt, er hätte keine besseren Menschen gesehen als die, die in den Klöstern Fortschritte gemacht hätten, so beklagt er es auf der anderen Seite, keine übleren gesehen zu haben als solche, die in den Klöstern auf Abwege geraten seien (Brief 78). Was würde er wohl sagen, wenn er heutzutage fast alle Klöster von so vielen und so heillosen Lastern überfließen, ja, schier bersten sähe? Ich sage nichts, als was allen Leuten durchaus bekannt ist! Trotzdem bezieht sich dieser Tadel nicht auf alle Mönche ohne jegliche Ausnahme. Denn wie die Regel und Zucht zu einem heiligen Lebenswandel in den Klöstern niemals so gut eingerichtet war, daß es nicht auch einige Drohnen dabei gegeben hätte, die den anderen recht unähnlich waren, so behaupte ich, daß die Mönche heutzutage nicht so sehr von der heiligen Art der alten Zeit abgekommen sind, daß sie in ihrer Schar nicht auch einige Gute hätten. Aber diese Guten sind wenige an der Zahl, sie sind zerstreut und bleiben unter jener gewaltigen Menge von Bösen und Nichtsnutzigen verborgen, auch werden sie nicht allein verachtet, sondern auch unverschämt geschmäht, zuweilen auch von den anderen grausam behandelt, die – wie ein Sprichwort der Leute von Milet besagt – der Meinung sind, es dürfe kein Guter bei ihnen einen Platz haben!
Simon W.

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Beitragvon Der Pilgrim » 20.12.2011 12:16

IV,13,16

Mit diesem Vergleich zwischen dem alten und dem heutigen Mönchtum hoffe ich erreicht zu haben, was ich wollte, nämlich daß es offenbar wird, daß unsere heutigen Kuttenträger zur Verteidigung ihres Berufs zu Unrecht das Beispiel der ursprünglichen Kirche zum Vorwand nehmen; denn sie sind doch von jenen alten Mönchen nicht weniger verschieden als Affen von Menschen. Indessen will ich nicht verschweigen, daß sich auch in jener ursprünglichen Form des Mönchtums, die Augustin so preist, manches findet, das mir sehr wenig gefallen will. Ich gebe zwar zu, daß sie bei den äußerlichen Übungen ihrer recht strengen Zucht nicht abergläubisch gewesen sind, aber ich behaupte doch, daß es dabei nicht ohne maßlose Künstelei und falsche Nachahmung abgegangen ist. Es war schön, auf alles Vermögen zu verzichten und dann aller irdischen Sorge ledig zu gehen, aber höher gilt vor Gott die Sorge um ein frommes Hausregiment, wo es sich ein heiliger Hausvater, von allem Geiz, aller Ehrsucht und allen Begierden des Fleisches gelöst und frei, zum Vorsatz genommen hat, in einem bestimmten Berufe Gott zu dienen! Es ist schön, in der Einsamkeit, fern von dem Verkehr mit den Menschen, zu philosophieren, aber es ist kein Zeichen von christlicher Sanftmut, sich gleichsam aus allgemeinem Menschenhaß in die Wüste und die Einsamkeit zurückzuziehen und damit zugleich jene Pflichten zu verlassen, die uns der Herr in erster Linie aufgetragen hat. Selbst wenn wir zugeben wollten, daß es im Mönchsberuf sonst keinen Mißstand gegeben hätte, so war das jedenfalls kein geringes Übel, daß er ein nutzloses und gefährliches Beispiel in die Kirche einführte.



IV,13,17

Nun wollen wir also zusehen, was das für Gelübde sind, mit denen heutzutage die Mönche in diesen „herrlichen“ Stand eingeweiht werden. Erstens: da sie im Sinne haben, einen neuen und selbsterdachten Gottesdienst einzurichten, um sich damit bei Gott ein Verdienst zu erwerben, so schließe ich aus dem oben Dargelegten, daß alles, was sie geloben, vor Gott ein Greuel ist. Und dann: weil sie ihren Blick durchaus nicht auf Gottes Berufung und auf seine Billigung richten, sondern sich eine Lebensart nach ihrem eigenen Gutdünken ersinnen, so behaupte ich, daß dies ein vorwitziges und deshalb unstatthaftes Wagnis ist, da ihr Gewissen keinen Grund hat, auf den es sich vor Gott stützen könnte, und da alles, was nicht aus dem Glauben kommt, Sünde ist (Röm. 14,23). Und da sie sich außerdem zugleich zu zahlreichen verkehrten und gottlosen „Gottesdiensten“ verpflichten, wie sie das heutige Mönchtum in sich begreift, so behaupte ich, daß sie nicht Gott, sondern dem Teufel geweiht werden. Die Propheten durften sagen, die Kinder Israels hätten ihre Söhne den Teufeln und nicht Gott geopfert (Deut. 32,17; Ps. 106,37), und zwar allein aus dem Grunde, daß sie die wahre Verehrung Gottes mit ihren unheiligen Zeremonien verdorben hatten – weshalb sollte man nun von den Mönchen nicht das gleiche sagen dürfen, die sich zugleich mit der Kutte die Verstrickung in tausend gottlose, abergläubische Gebräuche umlegen? Und wie sehen nun die Gelübde aus? Sie versprechen Gott die fortwährende Jungfräulichkeit – als ob sie zuvor mit ihm vertraglich vereinbart hätten, daß er sie von der Notwendigkeit der Ehe befreite! Sie haben auch keinen Anlaß zu dem Einwand, dieses Gelübde täten sie allein im Vertrauen auf die Gnade Gottes. Denn er erklärt doch selbst, daß diese Gnade nicht allen gegeben wird (Matth. 19,11f.), und deshalb steht es uns nicht zu, im Blick auf diese besondere Gnadengabe Vertrauen zu fassen. Die sie besitzen, die sollen von ihr Gebrauch machen, und wenn sie einmal empfinden, daß sie von ihrem Fleisch beunruhigt werden, so sollen sie ihre Zuflucht zur Hilfe dessen nehmen, in dessen Kraft allein sie widerstehen können. Kommen sie nicht vorwärts, so sollen sie die Arznei, die ihnen dargeboten wird, nicht verachten. Jedenfalls nämlich werden die, denen das Vermögen zur Enthaltsamkeit nicht gewährt wird, durch ein unzweifelhaftes Wort Gottes zur Ehe aufgerufen (1. Kor. 7,9). Enthaltsamkeit nenne ich nicht das, wodurch allein der Leib von der Hurerei rein erhalten wird, sondern das, worin die Gesinnung unbefleckte Keuschheit bewahrt. Denn wir sollen uns nach der Weisung des Paulus nicht nur vor der äußerlichen Zuchtlosigkeit hüten, sondern auch vor dem Brand unseres Herzens. Ja, sagen sie, man hat es aber doch seit unvordenklichen Zeiten so gehalten, daß sich die, welche sich dem Herrn ganz weihen wollten, an das Gelübde der Enthaltsamkeit banden. Ich gebe allerdings zu, daß diese Gepflogenheit auch von alters her im Schwang gewesen ist, aber ich kann es nicht anerkennen, daß jene Zeit so sehr von allen Gebrechen frei gewesen wäre, daß man alles, was damals gemacht worden ist, für eine Regel halten könnte. Auch hat sich (erst) nach und nach jene unerbittliche Strenge eingeschlichen, daß nach Ablegung des Gelübdes keine Möglichkeit zur Zurücknahme mehr bestand. Das geht aus den Worten des Cyprian hervor: „Wenn sich Jungfrauen aus dem Glauben heraus Christus geweiht haben, so sollen sie keusch und züchtig, ohne alles Gerede dabei verharren. So sollen sie wacker und standhaft den Lohn ihrer Jungfrauschaft erwarten. Wenn sie aber nicht dabei beharren wollen oder können, so ist es besser, sie freien, als daß sie mit ihren Missetaten ins Feuer stürzen“ (Brief 4,2). Mit was für Vorwürfen würden sie wohl heute einen Mann quälen, der mit solcher Billigkeit das Gelübde der Enthaltsamkeit mildern wollte? Man ist also heute von jener alten Sitte weit abgewichen, indem man nicht nur keinerlei Milderung oder Nachsicht walten lassen will, wenn jemand untüchtig befunden wird, sein Gelübde zu halten, sondern gar ohne jede Scham erklärt, es sei eine schlimmere Sünde, wenn er ein Weib nähme, um die Ungezügeltheit seines Fleisches zu heilen, als wenn er Leib und Seele mit Hurerei besudelte!



IV,13,18

Aber sie lassen noch nicht locker und suchen nachzuweisen, daß auch unter den Aposteln ein derartiges Gelübde gebräuchlich gewesen sei, weil ja Paulus von den Witwen, die wieder in die Ehe traten, nachdem sie einmal in das öffentliche Amt (der Gemeinde) aufgenommen waren, die Behauptung aufstellt, sie hätten „den ersten Glauben gebrochen“ (1. Tim. 5,12). Ich bestreite ihnen nun durchaus nicht, daß die Witwen, die sich und ihren Dienst der Kirche zur Verfügung stellten, einmal das Gesetz dauernder Ehelosigkeit auf sich genommen hatten, und zwar nicht, weil sie darin irgendwelchen Gottesdienst sahen, wie man das später zu tun angefangen hat, sondern weil sie ihrer Amtsaufgabe nur zu genügen vermochten, wenn sie ihre eigenen Herren und frei vom ehelichen Joch waren. Wenn sie sich nun aber nach ihrem Treugelöbnis nach einer neuen Ehe umsahen, – was war das anders, als daß sie Gottes Berufung von sich warfen? Es ist daher kein Wunder, daß Paulus sagt, sie seien mit solchem Verlangen „geil geworden wider Christum“ (1. Tim. 5,11). Nachher aber fügt er dann zur stärkeren Betonung hinzu, sie hielten ihr der Kirche gegebenes Versprechen so gar nicht ein, daß sie damit zugleich auch ihre erste Treuzusage, die sie bei der Taufe gegeben hätten, verletzten und ungültig machten, jene Treuzusage, zu der es doch auch gehört, daß sich jeder seinem Beruf entsprechend verhält. Andernfalls müßte man es schon lieber so verstehen wollen, daß sie, gleichsam nach Verlust jedes Schamgefühls, hernach auch alles Trachten nach einem ehrbaren Wandel von sich abgeworfen, sich aller und jeder Ungebundenheit und Leichtfertigkeit hingegeben und durch ihren zügellosen und unordentlichen Lebenswandel nichts weniger an den Tag gelegt hätten als die Art von christlichen Frauen. Diese Deutung gefällt mir sehr. Wir geben also (auf jenen Einwand) folgende Antwort: die Witwen, die damals in den öffentlichen Dienst (der Kirche) aufgenommen wurden, haben sich die Bestimmung auferlegt, dauernd ehelos zu bleiben; wenn sie nun nachher freiten, so ist es, wie wir leicht begreifen, zu dem gekommen, was Paulus sagt, nämlich daß sie alle Scham von sich warfen und mutwilliger wurden, als es christlichen Frauen geziemt; so haben sie denn nicht nur dadurch gesündigt, daß sie das Wort brachen, das sie der Kirche gegeben hatten, sondern sie sind ja auch von dem gemeinsamen Gesetz abgewichen, das für alle frommen Frauen gilt. Aber ich bestreite zunächst, daß sie die Ehelosigkeit aus einem anderen Grunde gelobt hätten als allein deshalb, weil sich die Ehe mit der Aufgabe, die sie übernahmen, durchaus nicht vertrug, auch leugne ich, daß sie sich zur Ehelosigkeit irgendwie anders verpflichtet hätten, als allein soweit es die Notwendigkeit ihres Berufs mit sich brachte. Zum Zweiten gebe ich nicht zu, daß sie derart gebunden gewesen sind, daß es nicht auch dann noch besser für sie gewesen wäre, in die Ehe zu treten, als von den Stacheln des Fleisches gemartert zu werden oder in irgendwelche Unsittlichkeit zu verfallen. Zum Dritten behaupte ich, daß Paulus in seiner Vorschrift ein Lebensalter festsetzt, das im allgemeinen außerhalb der Gefahr steht (nämlich sechzig Jahre 1. Tim. 5,9), vor allem, wo er gebietet, nur solche zu wählen, die mit einer einzigen Ehe zufrieden gewesen sind und schon vorher einen Beweis ihrer Enthaltsamkeit geliefert haben. Wir verwerfen aber das Gelübde der Ehelosigkeit nur deshalb, weil man es fälschlich für einen Gottesdienst hält und weil es vorwitzig von solchen abgelegt wird, denen das Vermögen zur Enthaltsamkeit nicht zuteil geworden ist.



IV,13,19

Woher hat man aber das Recht genommen, die Paulusstelle auf die Nonnen zu beziehen? Denn die dienenden Witwen (diaconissae) wählte man nicht, damit sie Gott mit Gesängen und unverstandenem Geplärr schmeichelten und die übrige Zeit der Muße lebten, sondern damit sie den öffentlichen Dienst der Kirche an den Armen verrichteten und mit allem Eifer, aller Sorgfalt und allem Fleiß den Pflichten der Liebe oblägen. Sie gelobten die Ehelosigkeit nicht, um mit ihrem Verzicht auf die Ehe Gott irgendeinen Dienst zu erzeigen, sondern nur, um zur Ausübung ihres Amtes freier zu sein. Und schließlich gelobten sie die Ehelosigkeit nicht in der Frühzeit ihrer Jungfrauschaft, auch noch nicht mitten in der Blüte ihrer Jahre, um dann nachher zu spät aus Erfahrung zu lernen, in was für einen Abgrund sie sich begeben hatten; nein, wenn sie alle Gefahr überstanden zu haben schienen, dann legten sie ihr ebenso gefahrloses wie heiliges Gelübde ab. Aber – um auf die beiden ersten Punkte nicht scharf zu drängen – ich behaupte, daß es ein Frevel ist, Frauen vor ihrem sechzigsten Lebensjahr zum Gelübde der Enthaltsamkeit zuzulassen, da Paulus allein die sechzigjährigen zuläßt, den jüngeren dagegen gebietet, sie sollten freien und Kinder zur Welt bringen (1. Tim. 5,9.14). Daher läßt sich die Herabsetzung des Zulassungsalters zunächst um zwölf, dann um zwanzig und schließlich um dreißig Jahre auf keinerlei Weise entschuldigen, und noch viel weniger ist es zu ertragen, daß man arme Mägdlein, ehe sie sich ihres Alters halben selber kennen oder von sich selbst irgendwelche Erfahrung haben können, nicht nur mit Betrug dazu verführt, sondern mit Gewalt und Drohungen dazu zwingt, sich in diese verfluchten Stricke hineinzubegeben. Auf die Ablehnung der beiden anderen Gelübde (Armut, Gehorsam) will ich mich nicht einlassen. Ich sage nur dies: abgesehen davon, daß sie, wie die Dinge heute liegen, in nicht wenig Aberglauben verwickelt sind, scheinen sie dazu gemacht zu sein, daß die, welche sie leisten, mit Gott und Menschen ihren Spott treiben. Aber damit es nicht den Anschein hat, als wollten wir jedes einzelne Stückchen gar zu boshaft aufscheuchen, so wollen wir uns mit der oben gegebenen allgemeinen Widerlegung begnügen.
Simon W.

Der Pilgrim
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Beitragvon Der Pilgrim » 21.12.2011 10:58

IV,13,20

Welcherlei Gelübde rechtmäßig und Gott wohlgefällig sind, das ist nach meiner Ansicht jetzt hinreichend dargelegt. Nun gibt es aber zuweilen unkundige und furchtsame Gewissen, die sich auch da, wo ihnen ein Gelübde mißfällt oder sie es ablehnen, nichtsdestoweniger über seine Verbindlichkeit Bedenken hingeben und sich furchtbar martern, weil sie einerseits davor zurückschrecken, das Gott gegebene Wort zu brechen, und andererseits befürchten, sich durch das Halten des Gelübdes noch mehr zu versündigen. Diesen muß also hier Hilfe geschafft werden, damit sie sich aus dieser Schwierigkeit herausreißen können. Um aber mit einem Schlag jegliches Bedenken zu beheben, so sage ich dies: vor Gott sind alle unerlaubten und unrechtmäßig geleisteten Gelübde nichtig, und ebenso müssen sie also auch für uns ungültig sein. Wenn uns nämlich bei menschlichen Verträgen nur solche Zusagen binden, an die uns unser Vertragspartner gebunden halten will, so ist es widersinnig, daß wir gezwungen werden, etwas zu leisten, was Gott keineswegs von uns verlangt, vor allem, wo doch unsere Werke nur dann recht sind, wenn sie Gottes Wohlgefallen finden und das Zeugnis unseres Gewissens besitzen, daß sie es tun. Denn es bleibt fest bestehen: „Was … nicht aus dem Glauben geht, das ist Sünde“ (Röm. 14,23). Damit meint Paulus: ein Werk, das wir unter Bedenken angreifen, ist deshalb sündig, weil der Glaube die Wurzel aller guten Werke ist, der Glaube, in dem wir die Gewissheit haben, daß diese Werke Gott wohlgefällig sind. Wenn also ein Christenmensch nichts ohne diese Gewißheit anpacken darf, weshalb soll er dann nicht, wenn er aus Unwissenheit etwas unbesonnen übernommen hat, hernach davon Abstand nehmen, wenn er von seinem Irrtum frei geworden ist? Da nun aber die unbedacht geleisteten Gelübde von dieser Art sind, so tragen sie nicht nur keinerlei Verbindlichkeit an sich, sondern sind notwendig zu brechen! Was sollen wir aber erst sagen, wenn wir daran denken, daß sie vor Gott nicht nur für nichts geachtet werden, sondern auch ein Greuel sind, wie ich oben nachgewiesen habe? Es ist überflüssig, über eine unnötige Sache weiter zu reden. Um die frommen Gewissen zu beruhigen und von allen Bedenken zu befreien, scheint mir dieser eine Beweisgrund vollauf zu genügen: alle Werke, die nicht aus einer reinen Quelle hervorfließen und nach einem rechtmäßigen Ziele ausgerichtet sind, werden von Gott verworfen, und zwar so verworfen, daß er uns nicht weniger verbietet, in ihnen fortzufahren, als sie zu beginnen. Daraus nämlich ergibt sich die Folgerung: Gelübde, die aus Irrtum und Aberglauben hervorgegangen sind, haben bei Gott gar keine Bedeutung und müssen dementsprechend auch von uns beiseite gelassen werden.



IV,13,21

Wer diese Antwort festhält, der wird außerdem auch die Möglichkeit haben, solche Menschen gegen die Schmähungen nichtsnutziger Leute zu verteidigen, die das Mönchtum verlassen und sich in eine ehrbare Lebensweise begeben. Man beschuldigt sie heftig, sie hätten ihr Wort gebrochen und wären Meineidige, weil sie das nach allgemeiner Ansicht unlösbare Band zerrissen hätten, mit dem sie Gott und der Kirche verpflichtet waren. Ich behaupte dagegen, daß gar kein „Band“ bestanden hat, wo doch Gott (in diesem Fall) für nichtig erklärt, was der Mensch in Kraft setzt. Und dann: wenn wir selbst zugeben, sie seien verpflichtet gewesen, als sie von der Unkenntnis Gottes und dem Irrtum in Banden gehalten wurden, so behaupte ich doch, daß sie jetzt, nachdem sie von der Erkenntnis der Wahrheit erleuchtet sind, zugleich durch Christi Gnade frei sind. Denn wenn das Kreuz Christi solche Wirkkraft hat, daß es uns von dem Fluch des göttlichen Gesetzes frei macht, von dem wir in Banden gehalten wurden (Gal. 3,13), wieviel mehr wird es uns dann aus solchen fremden Fesseln herausreißen, die doch nichts anderes sind, als Fangnetze des Teufels! Es steht also außer Zweifel, daß Christus alle, denen er durch das Licht seines Evangeliums strahlend erscheint, von allen Stricken losmacht, in die sie sich aus Aberglauben verwickelt haben. Freilich fehlt es ihnen, wenn sie nicht in der Lage waren, den Zölibat zu halten, auch nicht an einem weiteren Verteidigungsmittel. Denn ein unerfüllbares Gelübde bedeutet das sichere Verderben der Seele, und Gott will doch, daß sie erhalten bleibt und nicht verlorengeht. Daraus ergibt sich, daß man in solch einem Gelübde durchaus nicht verharren soll. Wie unerfüllbar aber das Gelübde der Enthaltsamkeit für solche ist, die mit der besonderen Gabe (Matth. 19,11f.) nicht ausgerüstet sind, das habe ich oben dargelegt, und die Erfahrung bezeugt es, auch wenn ich schweige; denn es ist sehr wohl bekannt, von wieviel Unsittlichkeit fast alle Klöster übervoll sind. Und wenn einige Klöster ehrbarer und sittsamer zu sein scheinen als andere, so sind sie doch nicht deshalb keusch, weil sie das Übel der Unkeuschheit im Inneren unterdrücken und niederhalten! So ahndet eben Gott mit schrecklichen Strafexempeln die Vermessenheit der Menschen, wenn sie nicht an ihre Schwachheit denken und gegen den Widerstand der Natur nach etwas trachten, das ihnen verwehrt ist, und wenn sie unter Verachtung der Heilmittel, die ihnen der Herr an die Hand gegeben hatte, die Zuversicht haben, sie könnten durch Trotz und Eigensinn das Gebrechen ihrer Ungezügeltheit überwinden. Denn wie sollen wir es anders als Trotz nennen, wenn jemand darauf aufmerksam gemacht ist, daß er die Ehe nötig hat und daß sie ihm von dem Herrn als Heilmittel gegeben wird, und sie dann trotzdem nicht nur verachtet, sondern sich noch durch einen Eid zur Verachtung verpflichtet?



Vierzehntes Kapitel: Von den Sakramenten

IV,14,1

Mit der Predigt des Evangeliums ist noch ein anderes Hilfsmittel für unseren Glauben verwandt: es liegt in den Sakramenten. Es ist uns nun hoch vonnöten, daß hierüber eine klare und bestimmte Unterweisung gegeben wird, aus der wir dann lernen können, zu welchem Zweck die Sakramente eingerichtet sind und in welcher Weise man sie heute gebraucht. Zunächst ist es angebracht, darauf achtzuhaben, was ein Sakrament ist. Ich habe nun den Eindruck, daß es eine einfache und sachgemäße Begriffsbestimmung ist, wenn wir sagen: ein Sakrament ist ein äußeres Merkzeichen (symbolum), mit dem der Herr unserem Gewissen die Verheißungen seiner Freundlichkeit gegen uns versiegelt, um der Schwachheit unseres Glaubens eine Stütze zu bieten, und mit dem wiederum wir unsere Frömmigkeit gegen ihn sowohl vor seinem und der Engel Angesicht als auch vor den Menschen bezeugen. Man kann auch eine noch kürzer zusammenfassende Begriffsbestimmung geben: Sakrament heißt ein mit einem äußeren Zeichen bekräftigtes Zeugnis der göttlichen Gnade gegen uns, bei dem zugleich auf der anderen Seite eine Bezeugung unserer Frömmigkeit Gott gegenüber stattfindet. Welche von diesen beiden Begriffsbestimmungen man nun aber auch wählen mag, so sind beide dem Sinne nach von der des Augustin nicht verschieden, wenn er erklärt, Sakrament sei ein sichtbares Zeichen einer heiligen Sache, oder auch: es sei die sichtbare Gestalt der unsichtbaren Gnade. Jedoch bringen unsere Begriffsbestimmungen die Sache selbst besser und bestimmter zur Aussage. Denn da in solcher Kürze (wie sie Augustin walten läßt) eine gewisse Dunkelheit liegt, die dann vielen weniger Kundigen den Anlaß zu Träumereien bietet, so habe ich mit vielen Worten eine vollständigere Darlegung geben wollen, damit keine Unklarheit übrigbleibt.



IV,14,2

Aus welchem Grunde die Alten das Wort „Sakrament“ in dem hier vorliegenden Sinne angewandt haben, ist leicht ersichtlich. Denn der alte Übersetzer (der Bibel ins Lateinische) hat überall, wo er das griechische Wort „mysterion“ (Geheimnis) wiedergeben wollte, besonders, wo es sich um göttliche Dinge handelte, die Übersetzung „Sakrament“ (sacramentum) gebraucht. So geschieht es zum Beispiel im Briefe an die Epheser, wenn es heißt: „… um uns das Geheimnis (sacramentum) seines Willens kundzumachen“ (Eph. 1,9; nicht Luthertext). Oder ebenso: „Wie ihr ja gehört habt von dem Amt der Gnade Gottes, die mir an euch gegeben ist, daß mir ist kundgeworden dieses Geheimnis (sacramentum) durch Offenbarung …“ (Eph. 3,2f.). Ähnlich geschieht es im Kolosserbrief: „Das Geheimnis (sacramentum), das verborgen gewesen ist von der Welt her und von den Zeiten her, nun aber ist es offenbart seinen Heiligen, denen Gott gewollt hat kundtun, welches da sei der herrliche Reichtum dieses Geheimnisses (sacramentum) …“ (Kol. 1,26f.). Ebenso im (ersten) Brief an Timotheus, wo es heißt: „Kündlich groß ist das gottselige Geheimnis (sacramentum): Gott ist offenbart im Fleisch …“ (1. Tim. 3,16). Der Übersetzer wollte nun nicht das (verwandte) Wort „arcanum“ (Verborgenes) gebrauchen, um nicht den Eindruck zu erwecken, als sagte er etwas, das hinter der Größe der Dinge zurückblieb, und deshalb setzte er für „Verborgenheit“, und zwar für die Verborgenheit einer heiligen Sache, das Wort „Sakrament“. In dieser Bedeutung kommt das Wort bei den kirchlichen Schriftstellern immer wieder vor. Auch ist es genugsam bekannt, daß das, was die Lateiner „Sakrament“ nennen, bei den Griechen „Mysterion“ heißt, und diese Sinngleichheit der beiden Wörter macht allem Streit ein Ende. Von hier aus ist es dann dazu gekommen, daß das Wort „Sakrament“ auf solche Zeichen übertragen wurde; die eine erhabene Darstellung hoher und geistlicher Dinge boten. Das bemerkt auch Augustin an einer Stelle. Er sagt: „Es würde zu weit führen, wenn wir die Verschiedenheit der Zeichen erörtern wollten, die, wenn sie sich auf göttliche Dinge beziehen, Sakramente genannt werden“ (Brief 136,1,7; an Marcellinus).



IV,14,3

Aus der damit aufgestellten Begriffsbestimmung ersehen wir nun weiter, daß ein Sakrament nie ohne eine vorausgehende Verheißung ist, sondern daß es der Verheißung vielmehr gleichsam als Anhängsel zugefügt wird. Dies geschieht zu dem Zweck, daß es die Verheißung selbst bekräftigt und versiegelt und sie für uns besser bezeugt, ja, gewissermaßen gültig sein läßt. Denn Gott sieht vor, daß es zum ersten für unsere Unwissenheit und Trägheit, zum zweiten aber auch für unsere Schwachheit dergestalt erforderlich ist. Dabei hat es aber Gott – um im eigentlichen Sinne zu reden – nicht sowohl nötig, sein heiliges Wort zu bekräftigen, als vielmehr uns im Glauben an sein Wort zu stärken. Denn Gottes Wahrheit ist aus sich selbst heraus fest und sicher genug, und sie kann von anderswoher keine bessere Bekräftigung empfangen als von sich selbst. Da aber unser Glaube gering und schwach ist, so muß er von allen Seiten gestützt und auf allerlei Weise tragfest gemacht werden; sonst gerät er alsbald in Erschütterung, in Schwanken und Wanken, ja, er bricht zusammen. Und hier paßt sich nun der barmherzige Herr in seiner unermeßlichen Güte unserem Fassungsvermögen an. Da wir aber irdische Wesen sind und als solche, allezeit am Boden kriechend und am Fleische hängend, nichts Geistliches zu denken und es nicht einmal aufzufassen vermögen, so macht er es so, daß er keine Beschwernis darin findet, uns auch mit solchen irdischen Elementen zu sich hin zu führen und uns im Fleische selbst einen Spiegel der geistlichen Güter vorzuhalten. Wenn wir nämlich, wie Chrysostomus sagt, unleibhaft wären, so würde uns der Herr diese Güter auch nackt und unleibhaft darreichen. Nun aber, da wir eine Seele haben, die in den Leib eingesenkt ist, so gibt er uns das Geistliche durch das Sichtbare hindurch (Predigt 60 an das Volk). Das kommt nicht etwa daher, daß solche Gaben, die uns in den Sakramenten dargegeben werden, in der Natur der Dinge lägen; nein, sie sind eben von Gott bezeichnet, um diese Bedeutung zu haben.
Simon W.

Der Pilgrim
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Beitragvon Der Pilgrim » 22.12.2011 11:52

IV,14,4

Dies ist nun der Sinn der gebräuchlichen Redeweise, das Sakrament bestehe aus dem Wort und dem äußeren Zeichen. Wenn wir vom „Wort“ sprechen, so dürfen wir nämlich darunter nicht ein solches verstehen, das, ohne Sinn und ohne Glauben dahergeflüstert, allein durch seinen Klang die Kraft hätte, das „Element“ zu heiligen – wie wenn es sich hier um eine Zauberbeschwörung handelte –; nein, wir müssen hier vielmehr an das Wort denken, das gepredigt wird und uns dadurch erkennen läßt, was das sichtbare Zeichen für einen Sinn hat. Was also (in dieser Beziehung) unter der Tyrannei des Papstes geschehen ist, das ist nicht ohne eine ungeheuerliche Entheiligung der Geheimnisse (Sakramente) abgegangen: da meinte man nämlich, es sei genug, wenn der Priester unter der starren Verblüffung des Volkes, das von der Sache nichts verstand, die Weiheformel (consecrationis formula) dahermurmelte. Ja, man hat unter dem Papst mit Absicht dafür gesorgt, daß dem Volke aus dieser Handlung nur ja keine Unterweisung zukam, indem man nämlich vor Leuten ohne wissenschaftliche Bildung alles in lateinischer Sprache redete. Hernach ist der Aberglaube soweit gegangen, daß man meinte, die Weihe (Konsekration) werde nur dann nach Gebühr vorgenommen, wenn sie mit einem heiseren Gemurmel geschah, das bloß wenige vernahmen. Weit anders dagegen lehrt Augustin über das Wort, das beim Sakrament gesprochen wird (verbum sacramentalis). Er sagt: „Es trete das Wort zu dem Element, so wird daraus ein Sakrament. Denn woher kommt diese gewaltige Kraft des Wassers, daß es den Leib berührt und das Herz rein wäscht, anders als aus der Wirkung des Wortes? Und zwar nicht darum, weil es gesprochen, sondern weil es geglaubt wird! Denn auch bei dem Wort selbst ist der verklingende Laut etwas anderes als die bleibende Kraft. ‚Dies ist das Wort vom Glauben, das wir predigen’, sagt der Apostel (Röm. 10,8). Daher heißt es in der Apostelgeschichte: ‚Und reinigte ihre Herzen durch den Glauben …’ (Apg. 15,9). Und der Apostel Petrus sagt: So macht uns auch die Taufe selig, die nicht das Abtun des Unflats am Fleische ist, sondern die Verantwortung eines guten Gewissens’ (1. Petr. 3,21; nicht Luthertext; Calvin selbst übersetzt statt „Verantwortung“ in Sekt. 24: das Zeugnis …). Es ist das Wort vom Glauben, das wir predigen, durch das ohne jeglichen Zweifel auch die Taufe geweiht wird, so daß sie zu reinigen vermag“ (Predigten zum Johannesevangelium 80,3). Man sieht hier, wie Augustin die Predigt fordert, damit aus ihr der Glaube erwachse. Es besteht auch kein Anlaß, daß wir uns damit abmühen, dies zu beweisen; denn es ist deutlich genug, was Christus getan, was er uns zu tun befohlen hat, was die Apostel befolgt haben und was die reinere Kirche innegehalten hat. Ja, es ist bekannt, daß seit Anbeginn der Welt, sooft Gott den heiligen Vätern irgendein Zeichen gegeben hat, damit unzertrennlich auch das Wort verbunden war, ohne das unsere Sinne durch das bloße (d.h. hüllenlose) Anschauen in Verwirrung geraten würden. Wenn wir also das bei dem Sakrament gesprochene Wort (verbum sacramentalis) erwähnen hören, so wollen wir darunter die Verheißung verstehen, die, vom Diener (am Wort) mit klarer Stimme gepredigt, das Volk bei der Hand nimmt und dahin leitet, worauf sich das Zeichen richtet und wohin es uns lenkt.



IV,14,5

Man darf auch nicht auf die Leute hören, die hiergegen mit einem Entweder-Oder anzukämpfen suchen, das mehr scharfsinnig als stichhaltig ist. Sie sagen: Entweder wir wissen, daß Gottes Wort, wie es dem Sakrament voraufgeht, Gottes wahrhaftiger Wille ist, oder wir wissen es nicht. Wenn wir es wissen, so lernen wir aus dem dann folgenden Sakrament nichts Neues. Wissen wir es aber nicht, so wird es uns auch das Sakrament nicht lehren, weil seine Kraft ja voll und ganz im Worte liegt. Hierauf will ich kurz antworten. Die Siegel, die man an Amtsurkunden und anderen öffentlichen Schriftstücken befestigt, sind an und für sich betrachtet nichts, weil sie ja vergebens daran aufgehängt wären, wenn auf dem Pergament nichts geschrieben stünde; und doch ist es so, daß sie das Geschriebene bekräftigen und versiegeln, wenn sie solchen Schriftstücken zugefügt werden. Jene Leute können auch nicht behaupten, dies Gleichnis sei erst neuerdings von uns aufgebracht; denn Paulus hat es selbst gebraucht, indem er die Beschneidung ein „Siegel“ nennt (Röm. 4,11). An dieser Stelle behauptet er mit voller Absicht, die Beschneidung des Abraham sei nicht zwecks Erwerb der Gerechtigkeit geschehen, sondern sie stelle vielmehr ein Siegel des Bundes dar, an den Abraham geglaubt hat, so daß er in diesem Glauben gerechtfertigt war. Und ich möchte doch wissen, was für ein Anlaß dazu bestehen soll, daß jemand gewaltig daran Anstoß nimmt, wenn wir lehren, daß die Verheißung durch die Sakramente versiegelt wird – wo doch aus den Verheißungen selbst klar hervorgeht, daß eine durch die andere ihre Bekräftigung erfährt! Denn je deutlicher eine Verheißung ist, desto geeigneter ist sie auch, um dem Glauben eine Stütze zu bieten. Die Sakramente aber tragen uns die deutlichsten Verheißungen zu und haben außerdem vor dem Worte noch den besonderen Vorzug, daß sie diese Verheißungen wie in einem Bilde abmalen und sie uns dergestalt lebenswahr vergegenwärtigen. Man pflegt nun freilich einen Unterschied zwischen den Sakramenten und den an die Urkunden gehängten Siegeln anzuführen, indem man sagt: beide bestehen aus den fleischlichen Elementen dieser Welt, und deshalb können also die Sakramente nicht ausreichen und nicht in der Lage sein, die Verheißungen Gottes, die geistlich und ewig sind, derart zu versiegeln, wie die Anhängung von Siegeln zur Bekräftigung von fürstlichen Verordnungen zu dienen pflegt, die sich auf unbeständige und vergängliche Dinge beziehen, von diesem Einwand sollen wir uns nun aber nicht irremachen lassen. Denn wenn einem gläubigem Manne die Sakramente vor die Augen treten, so bleibt er nicht an jenem fleischlichen Schaubild hängen, sondern steigt auf den oben dargelegten Stufen der Entsprechung (analogia – zwischen der geistlichen Bedeutung und dem sichtbaren Zeichen) in frommer Betrachtung zu den erhabenen Geheimnissen empor, die in den Sakramenten verborgen liegen.



IV,14,6

Da nun der Herr seine Verheißungen Bündnisse nennt (Gen. 6,18; 9,9; 17,2) und die Sakramente Zeichen dieser Bündnisse, so läßt sich eben aus den Bündnissen der Menschen ein Gleichnis anführen. Denn was sollte wohl die Schlachtung einer Sau für eine Wirkung haben, wenn nicht Worte dazukämen, ja, wenn sie nicht vorausgingen? Gar oft werden doch Säue geschlachtet, ohne daß dabei ein tieferes oder erhabeneres Geheimnis obwaltet. Was soll der Handschlag (an und für sich) für eine Wirkung haben, wo man doch nicht selten auch im feindlichen Sinne miteinander „handgemein“ wird? Wo aber Worte vorangegangen sind, da werden unzweifelhaft durch solche Zeichen die Bündnisbedingungen bekräftigt, obwohl sie schon zuvor mit Worten abgefaßt, festgestellt und beschlossen sind. Die Sakramente sind also Übungen, die uns das Wort Gottes gewisser verbürgen, und weil wir fleischlich sind, so werden sie unter fleischlichen Dingen dargeboten, um uns dergestalt nach dem Auffassungsvermögen unserer trägen Art zu erziehen und uns, wie die Lehrmeister mit Kindern zu tun pflegen, bei der Hand zu leiten. In diesem Sinne bezeichnet Augustin das Sakrament als „sichtbares Wort“ (Predigten zum Johannesevangelium 80,3; Gegen den Manichäer Faustus 19,16), weil es uns ja Gottes Verheißungen wie auf einem Bilde dargestellt vergegenwärtigt und sie uns in gemaltem und bildhaftem Ausdruck vor Augen stellt. Es lassen sich auch noch andere Gleichnisse vorbringen, die dazu dienen, die Sakramente deutlicher zu bestimmen. So geschieht es zum Beispiel, wenn wir sie als Säulen unseres Glaubens bezeichnen. Denn wie ein Bauwerk zwar auf seinem Fundament errichtet ist und ruht, aber durch die Untersetzung von Säulen noch sicherer gestützt wird, so ruht der Glaube auf dem Worte Gottes als auf seinem Fundament, aber wenn die Sakramente hinzukommen, so wirken diese obendrein noch wie Säulen, auf die er sich fester stützt. Ein ähnliches Gleichnis haben wir auch, wenn wir die Sakramente als „Spiegel“ bezeichnen, in denen sich die Reichtümer der Gnade Gottes anschauen lassen, die er uns gewährt. Denn in den Sakramenten offenbart er sich uns, wie bereits dargetan, so weit, als es unserer Kurzsichtigkeit gegeben ist, ihn zu erkennen, und in ihnen bezeugt er sein Wohlwollen und seine Liebe gegen uns deutlicher, als es im Worte geschieht.
Simon W.

Der Pilgrim
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Beitragvon Der Pilgrim » 25.12.2011 00:19

IV,14,7

Es ist auch keine hinreichend angemessene Beweisführung, wenn die obengenannten Theologen behaupten, die Sakramente seien keine Zeugnisse der Gnade Gottes, und zwar darum nicht, weil sie ja auch Gottlosen dargereicht würden. Tatsächlich ist es doch so, daß die Gottlosen auf Grund der Sakramente keineswegs zu dem Empfinden kommen, Gott sei ihnen in höherem Maße gnädig, sondern sich vielmehr eine um so ernstere Verdammnis zuziehen. Denn nach dem gleichen Beweis wäre ja auch das Evangelium kein Zeugnis der Gnade Gottes, weil es von vielen gehört und verachtet wird. Ja, auch Christus selber wäre dann kein Zeugnis der Gnade Gottes; denn er ist doch von sehr vielen Leuten gesehen und gekannt worden, unter denen nur sehr wenige waren, die ihn annahmen. Ähnliches läßt sich auch an den Urkunden beobachten. Denn jenes Siegel, das den Urheber beglaubigen soll, wird von sehr vielen Leuten aus der großen Menge verlacht und verspottet, obwohl sie wissen, daß es von dem Fürsten zur Versiegelung seines Willens ausgegangen ist; andere messen ihm keinerlei Bedeutung bei, als ob es eine Sache wäre, die sie nichts anginge, andere gibt es, die es verfluchen! Sakramente und Siegel unterliegen also völlig gleichen Bedingungen, und wenn wir das sehen, so muß uns das weiter oben von uns angewandte Gleichnis mehr und mehr einleuchten. Es ist also gewiß, daß uns der Herr seine Barmherzigkeit und ein Unterpfand seiner Gnade sowohl durch sein Wort darbietet als auch durch die Sakramente. Beides wird aber nur von solchen ergriffen, die das Wort und die Sakramente mit gewissem Glauben annehmen, wie ja auch Christus vom Vater allen zum Heil dargeboten und vor Augen gestellt, aber doch nicht von allen erkannt und angenommen worden ist. In der Absicht, dies darzulegen, hat Augustin an einer Stelle den Satz ausgesprochen: „Die Wirkkraft des Wortes wird im Sakrament zum Vorschein gebracht, und zwar nicht, weil das Wort geredet, sondern weil es geglaubt wird“ (Predigten zum Johannesevangelium 80,3). Daher kommt es, daß Paulus, wenn er zu Gläubigen spricht, in der Weise von den Sakramenten redet, daß er die Gemeinschaft mit Christus in sie einschließt. So tut er es zum Beispiel, wenn er sagt: „Denn wieviel euer … getauft sind, die haben Christum angezogen“ (Gal. 3,27). Oder ebenso, indem er schreibt: „Ein Leib und ein Geist sind wir alle, die wir in Christus getauft sind“ (1. Kor. 12,12f.; nicht Luthertext). Redet er dagegen von dem verkehrten Gebrauch der Sakramente, so gibt er ihnen keinen anderen Wert als bedeutungslosen und inhaltsleeren Abbildern. Damit gibt er zu verstehen: so sehr auch die Gottlosen und Heuchler in ihrer Verkehrtheit die Wirkung der Sakramente unterdrücken, verdunkeln oder behindern mögen, so steht doch nichts dawider, daß diese Sakramente, wo und sooft es Gott gefällt, ein wahrhaftes Zeugnis von der Gemeinschaft mit Christus liefern und der Geist Gottes auch eben das darreicht, was die Sakramente verheißen. Wir stellen also fest, daß es der Wahrheit entspricht, wenn die Sakramente als Zeugnisse der Gnade Gottes und gleichsam als Siegel der Freundlichkeit bezeichnet werden, die Gott gegen uns im Herzen trägt, als Siegel, die uns solche Freundlichkeit Gottes versiegeln und dadurch unseren Glauben stützen, erhalten, festigen und mehren. Die Gründe aber, die manche Leute gegen diesen Satz beibringen, sind völlig unbedeutend und kraftlos. Sie sagen, wenn unser Glaube gut sei, so könne er eben nicht besser werden; denn er sei doch nur dann Glaube, wenn er sich unerschüttert, fest und unabbringbar auf Gottes Barmherzigkeit stütze. Wer so redet, der hätte besser daran getan, mit den Aposteln darum zu beten, der Herr möge ihm den Glauben mehren (Luk. 17,5), als unbekümmert eine solche Vollkommenheit des Glaubens zu behaupten, wie sie nie einer von den Menschenkindern erreicht hat und auch niemand in diesem Leben erreichen wird. Sie sollen mir doch sagen, was für einen Glauben denn nach ihrer Meinung jener Mann gehabt hat, der da sprach: „Ich glaube, lieber Herr, hilf meinem Unglauben“ (Mark. 9,24). Denn obwohl der Glaube dieses Mannes noch gar in den Anfängen steckte, so war er doch gut und konnte durch Behebung des Unglaubens besser werden. Aber zur Widerlegung dieser Leute gibt es keinen kräftigeren Beweis als ihr eigenes Gewissen; denn wenn sie bekennen, daß sie Sünder sind – und das können sie doch nicht leugnen, ob sie nun wollen oder nicht –, so müssen sie eben diese Tatsache unumgänglich der Unvollkommenheit ihres Glaubens zuschreiben!



IV,14,8

Ja, sagen sie, aber Philippus hat doch dem „Kämmerer“ die Antwort gegeben, er könne getauft werden, wenn er von ganzem Herzen glaube (Apg. 8,37)! Was soll nun die Bestärkung (des Glaubens) durch die Taufe hier noch für einen Platz finden, wo doch der Glaube das ganze Herz erfüllt? Ich möchte sie nun aber meinerseits fragen, ob sie es denn nicht merken, daß ein großer Teil ihres Herzens noch leer ist an Glauben, und ob sie denn nicht erkennen, daß der Glaube tagtäglich aufs neue wächst. Es war doch einst einer, der sich rühmte, er würde über seinem Lernen zum alten Manne. Wenn wir Christen also alte Leute würden, ohne unterdessen vorwärtszukommen, so wären wir dreifach elendige Menschen, wo doch unser Glaube durch alle Altersstufen hindurch fortschreiten muß, bis er zu einem Dasein als „vollkommener Mann“ erwächst (Eph. 4,13). Wenn es also an jener Stelle heißt (Apg. 8,37): „von ganzem Herzen glauben“ so bedeutet das nicht: vollkommen an Christus glauben, sondern nur: ihn von Herzen und mit aufrichtigem Gemüte annehmen; es bedeutet nicht, daß man von ihm gesättigt ist, sondern daß man in glühendem Eifer hungert, dürstet und sich nach ihm sehnt. Die Schrift hat ja die Gepflogenheit, daß sie davon spricht, es geschehe etwas „von ganzem Herzen“, wenn sie zu verstehen geben will, daß es aufrichtig und mit rechtem Willen geschieht. In diesem Sinne heißt es: „Ich suche dich von ganzem Herzen“ (Ps. 119,10), oder: „Ich danke dem Herrn von ganzem Herzen“ (Ps. 111,1; 138,1), oder ähnlich. In der nämlichen Weise pflegt die Schrift, wo sie Betrüger oder Lügner tadelt, solchen Menschen den Vorwurf zu machen, sie hätten ein doppeltes (Luther: uneiniges) Herz (Ps. 12,3). Die obengenannten Leute sagen nun aber weiter so: wenn der Glaube durch die Sakramente eine Mehrung erfährt, so ist der Heilige Geist umsonst gegeben; denn es ist doch seine Kraft und sein Werk, den Glauben anzufangen, zu erhalten und zu vollenden! Ich gebe ihnen nun allerdings zu, daß der Glaube das eigentliche und vollkömmliche Werk des Heiligen Geistes ist: sind wir von ihm erleuchtet, so erkennen wir Gott und die Schätze seiner Güte, ohne sein Licht aber ist unser Verstand derart blind, daß er von den geistlichen Dingen nichts erschauen, und derart stumpf, daß er von ihnen nicht einmal einen Geruch empfangen kann. Jedoch ziehen wir statt der einen Wohltat Gottes, die jene Theologen predigen, ihrer drei in Betracht. Denn erstens lehrt und unterweist uns der Herr durch sein Wort, zweitens stärkt er uns durch die Sakramente, und endlich erleuchtet er unseren Verstand durch das Licht seines Heiligen Geistes und eröffnet durch ihn dem Wort und den Sakramenten den Zugang zu unserem Herzen; andernfalls nämlich würden sie bloß an unser Ohr klingen oder uns vor die Augen gestellt werden, aber das Innere in keiner Weise berühren.



IV,14,9

Wenn ich nun von einer Stärkung und Mehrung des Glaubens durch die Sakramente spreche, so möchte ich also, daß sich der Leser – wie ich es bereits mit sehr klaren Worten ausgesprochen zu haben hoffe – auf folgendes aufmerksam machen läßt: schreibe ich den Sakramenten diesen Dienst zu, so ist es nicht so, als ob ich der Meinung wäre, es wohnte ihnen fortdauernd ich weiß nicht was für eine verborgene Kraft inne, durch die sie in der Lage wären, den Glauben aus sich heraus zu fördern und zu stärken; nein, dieser Dienst begründet sich darauf, daß die Sakramente von dem Herrn dazu eingesetzt sind, zur Festigung und Mehrung des Glaubens zu dienen. Im übrigen vollbringen sie ihr Amt nur dann recht, wenn jener innerliche Lehrmeister, der Heilige Geist, hinzutritt, von dessen Kraft allein die Herzen durchdrungen und die Empfindungen bewegt werden und den Sakramenten ein Zugang zu unserer Seele offensteht. Ist der Heilige Geist nicht dabei, so können die Sakramente unseren Herzen nicht mehr schenken, als wenn der Glanz der Sonne blinden Augen erstrahlt oder eine Stimme an taube Ohren klingt. Zwischen dem Geist und den Sakramenten teile ich also dergestalt, daß bei dem Geist die Kraft zum Wirken liegt, den Sakramenten aber ausschließlich der Dienst überlassen bleibt, und zwar der Dienst, der ohne die Wirkung des Geistes leer und wesenlos bleibt, aber von großer Kraft erfüllt ist, wenn der Geist im Inneren am Werke ist und seine Kraft offenbart. Jetzt ist es deutlich, in welcher Weise nach der hier vorgetragenen Auffassung ein frommes Herz durch die Sakramente im Glauben gestärkt wird: das geschieht eben in der Weise, wie auch die Augen durch den Glanz der Sonne sehen und die Ohren beim Klang einer Stimme hören. Nun würden aber die Augen von keinerlei Licht irgendwie berührt, wenn sie nicht eine ihnen innewohnende Sehkraft besäßen, die nun von selbst das Licht erfaßt, und die Ohren würden vergeblich von irgendwelchem Klang getroffen, wenn sie nicht zum Hören geboren und zubereitet wären. Das, was nun in unseren Augen die Sehkraft bewirkt, die uns in den Stand setzt, das Licht zu erfassen, und was in unseren Ohren das Gehör schafft, das uns fähig macht, eine Stimme zu vernehmen, das ist in unseren Herzen das Werk des Heiligen Geistes, das sich darin auswirkt, den Glauben anzufangen, zu stützen, zu erhalten und zu festigen. Wenn dies nun wahr ist – und es sollte für uns ein für allemal feststehen –, dann ergibt sich daraus ebenso auch folgende doppelte Tatsache: einerseits richten die Sakramente ohne die Kraft des Heiligen Geistes nicht das mindeste aus, und andererseits steht nichts dawider, daß sie in unserem Herzen, das schon vorher von jenem Lehrmeister (d.h. dem Heiligen Geiste) unterwiesen ist, den Glauben kräftiger und größer machen. Dabei besteht nur ein Unterschied: das Vermögen zum Hören und Sehen ist unseren Ohren und Augen von Natur mitgegeben, während Christus dagegen in besonderer Gnade, über das Maß der Natur hinaus, solche Wirkung in unserem Herzen hervorbringt.



IV,14,10

Damit werden zugleich auch manche Einwände widerlegt, wie sie viele Menschen in Angst halten. So sagt man: wenn wir behaupteten, daß Kreaturen zum Wachstum und zur Bekräftigung des Glaubens dienen könnten, so geschehe damit dem Geiste Gottes Unehre; denn man müsse doch ihn allein als den Geber solchen Wachstums und solcher Bekräftigung anerkennen. (Dieser Einwand erledigt sich.) Denn wenn wir so reden, so nehmen wir doch damit dem Heiligen Geiste das Lob, daß er unseren Glauben festige und wachsen lasse, keineswegs fort; nein, wir behaupten vielmehr, daß eben dies Werk der Mehrung und Festigung unseres Glaubens nichts anderes ist, als daß er mit der von ihm gewirkten innerlichen Erleuchtung unsere Herzen zubereitet, damit sie jene Kräftigung empfangen, die uns von den Sakramenten an die Hand gegeben wird. Was etwa an dem bisher Ausgeführten noch gar zu dunkel war, das wird durch das folgende Gleichnis, das ich jetzt anführen will, völlig klarwerden. Wenn du dir vornimmst, einen Menschen mit Worten dazu zu überreden, daß er irgend etwas tut, dann wirst du dir alle Gründe überlegen, durch die er zu deiner Ansicht herübergezogen und geradezu genötigt werden könnte, deinem Rate willfährig zu sein. Aber alle Mühe ist vergebens, wenn er nicht seinerseits von durchschauendem, scharfem Urteilsvermögen ist, um damit zu der Erwägung befähigt zu sein, welches Gewicht deinen Gründen beizumessen ist; alle Mühe wird umsonst sein, wenn er nicht seinem Wesen nach belehrbar und zum Anhören einer Unterweisung bereit ist – und wenn er schließlich von deiner Zuverlässigkeit und Klugheit nicht jene Meinung hat, die für ihn gleichsam ein vorläufiges Urteil bilden könnte, das ihn dazu brächte, zu allem seine Zustimmung zu geben. Denn es gibt sehr viele hartköpfige Menschen, die du nie mit irgendwelchen Gründen wirst lenken können; und wo deine Zuverlässigkeit in Verdacht gezogen, wo deine Autorität verachtet ist, da wird sich auch bei belehrbaren Leuten wenig ausrichten lassen. Auf der anderen Seite: wo die genannten Voraussetzungen alle vorliegen, da werden sie sicherlich die Wirkung haben, daß sich der Mann, dem du deine Ratschläge zu Gehör bringst, auf sie verläßt, während er sie im anderen Falle verlacht haben würde. Eben dies Werk tut bei uns der Heilige Geist: damit nämlich das Wort nicht vergebens an unsere Ohren klingt und die Sakramente nicht umsonst vor unsere Augen treten, so weist er darauf hin, daß es Gott ist, der darin mit uns redet, er erweicht die Widerspenstigkeit unseres Herzens und bereitet es zu dem Gehorsam zu, der dem Worte des Herrn gebührt. Kurz, er trägt jene äußerlichen Worte und Sakramente von den Ohren in die Seele hinein. Das Wort wie auch die Sakramente bekräftigen also unseren Glauben, indem sie uns den guten Willen des himmlischen Vaters gegen uns vor Augen stellen, durch dessen Erkenntnis die ganze Festigkeit unseres Glaubens Bestand gewinnt und seine Kraft zunimmt. Der Geist dagegen bekräftigt unseren Glauben, indem er solche (durch Wort und Sakramente gewirkte) Bekräftigung in unsere Herzen eingräbt und sie dadurch wirksam macht. Indessen kann man dem Vater des Lichts nicht verbieten, daß er, wie er unsere leiblichen Augen mit den Strahlen der Sonne hell macht, so auch unsere Herzen durch die Sakramente erleuchtet, gleichsam wie durch einen vermittelnden Lichtschein.
Simon W.

Der Pilgrim
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Beitragvon Der Pilgrim » 25.12.2011 23:48

IV,14,11

Daß dem äußeren Worte diese Eigenschaft (unseren Glauben zu kräftigen und zu mehren) innewohnt, das hat der Herr dargetan, indem er es als „Samen“ bezeichnete (Matth. 13,3-23; Luk. 8,5-15). Denn wenn ein Samenkorn in ein wüst liegendes und vernachlässigtes Stück Land gefallen ist, so kann es nicht anders als ersterben; hat man es aber in ein gehörig bearbeitetes und gepflegtes Saatfeld geworfen, so wird es mit bestem Gewinn seine Frucht hervorbringen. Ebenso bleibt das Wort Gottes, wenn es auf irgendeinen harten Nacken fällt, ohne Frucht, wie wenn es gleichsam auf den Sand geworfen wäre; trifft es aber eine Seele an, die von der Hand des Geistes vom Himmel unter den Pflug genommen ist, so wird es reichste Frucht tragen. Wenn es nun aber um den Samen und um das Wort ganz gleich bestellt ist, und ferner das Korn aus dem Samen geboren wird, wächst und zur Reife kommt, – weshalb sollen wir dann nicht ebenso sagen, daß der Glaube aus dem Worte Ursprung, Wachstum und Vollendung empfängt? Beides setzt Paulus an verschiedenen Stellen trefflich auseinander. Er will den Korinthern ins Gedächtnis zurückrufen, wie wirksam Gott seinen Dienst benutzt habe (1. Kor. 2,4), und zu diesem Zweck rühmt er sich, das „Amt des Geistes“ innezuhaben (2. Kor. 3,6), gleich als ob mit seiner Predigt durch ein unlösbares Band die Kraft des Heiligen Geistes verbunden wäre, um das Herz innerlich zu erleuchten und zu bewegen. An anderer Stelle aber will er darauf aufmerksam machen, was das vom Menschen gepredigte Wort aus sich selbst heraus für eine Kraft hat, und dazu vergleicht er die Diener (d.h. die Prediger) mit Ackerleuten, die ihre Arbeit und ihren Fleiß daran wenden, das Land zu bebauen, aber dann weiter nichts zu tun haben. Was würde auch Pflügen und Säen und Begießen nützen, wenn das Gesäte nicht durch himmlische Wohltat fruchtbar gemacht würde? Von hier aus kommt Paulus zu dem Ergebnis, daß sowohl der, der da pflanzt, als auch der, der da begießt, nichts ist, sondern alles Gott zugeschrieben werden muß, der allein das Gedeihen gibt (1. Kor. 3,6-9). Die Apostel machen also in ihrer Predigt die Macht des Geistes offenbar, soweit Gott die von ihm verordneten Werkzeuge zur Entfaltung seiner geistlichen Gnade benutzt. Und doch müssen wir jenen Unterschied festhalten, daß wir bedenken, was der Mensch aus sich selbst heraus vermag, und was Gott eigen ist.



IV,14,12

Was nun die Sakramente betrifft, so sind sie in solchem Maße Bekräftigung unseres Glaubens, daß der Herr manchmal, wenn er die Zuversicht auf die Dinge wegnehmen will, die er in den Sakramenten verheißen hat, die Sakramente selbst wegnimmt. Als er dem Adam die Gabe der Unsterblichkeit nimmt und ihn daraus verstößt, da sagt er: „… daß er nicht … breche von der Frucht des Lebens und lebe ewiglich“ (Gen. 3,22). Was hören wir nun hier? War denn etwa diese „Frucht“ imstande, dem Adam die Unsterblichkeit wiederzugeben, die er bereits verloren hatte? Nein, durchaus nicht! Aber es ist so, als ob Gott gesagt hätte: damit Adam kein eitles Vertrauen in sich nährt, wenn er noch das Merkzeichen meiner Verheißung besitzt, so soll ihm weggenommen werden, was ihm einige Hoffnung auf Unsterblichkeit bereiten könnte. In diesem Sinne spricht sich auch Paulus aus; er ermahnt die Epheser, sie sollten sich daran erinnern, daß sie Fremdlinge gewesen seien gegenüber den Verheißungen, „außer der Bürgerschaft Israels“, ohne Gott, ohne Christus (Eph. 2,12), und dabei sagt er auch, sie seien der Beschreibung nicht teilhaftig gewesen (Eph. 2,11). Damit gibt er durch Einsetzung des einen Begriffs für einen Verwandten (metonymice) zu verstehen, daß sie, indem sie das Unterpfand der Verheißung nicht empfangen hatten, auch von der Verheißung selbst ausgeschlossen waren. Die obengenannten Theologen machen nun, wie gesagt (vgl. Anfang der Sektion 10), noch einen weiteren Einwand. Sie meinen, unsere Ansicht übertrage die Ehre Gottes auf Kreaturen: diese bekämen soviel Kraft zugesprochen, und damit geschehe der Ehre Gottes im gleichen Maße Eintrag. Hierauf ist leicht zu antworten: wir legen in die Kreaturen überhaupt keine Kraft hinein: Nur dies sagen wir: Gott benutzt Mittel und Werkzeuge, von denen er selbst voraussteht, daß sie nützlich sind; es soll seiner Ehre alles dienstbar sein, da er selbst ja Herr und Lenker über alles ist. Wie er also durch Brot und andere Speisen unseren Leib erhält, wie er durch die Sonne die Welt hell macht, wie er sie durch das Feuer erwärmt, – und wie doch weder das Brot noch die Sonne, noch das Feuer etwas sind, als allein insofern er durch Vermittlung dieser Werkzeuge seine Segnungen an uns austeilt, so nährt er auch geistlich unseren Glauben durch die Sakramente, deren einziges Amt es ist, uns seine Verheißungen sichtbar vor Augen zu stellen, ja, ihre Unterpfänder für uns zu sein. Und wie es unsere Pflicht ist, an die übrigen Kreaturen, die durch Gottes Wohltätigkeit für unseren Gebrauch bestimmt sind und durch deren Dienst er uns die Geschenke seiner Güte zukommen läßt, keinerlei Vertrauen zu heften und sie nicht als Ursachen unseres Wohlergehens zu bewundern und zu preisen, so darf unser Vertrauen sich auch nicht an die Sakramente hängen, und Gottes Ehre darf nicht auf sie übertragen werden, sondern unser Glaube und unser Bekenntnis müssen das alles beiseite lassen und zu dem Geber selbst, der uns die Sakramente wie auch alle Dinge geschenkt hat, emporsteigen!



IV,14,13

Endlich gibt es manche Leute, die (zur Bekräftigung der hier abgelehnten Ansicht) einen Beweis vorbringen, der sich auf das Wort „Sakrament“ gründet. Aber dieser Beweis ist nicht stichhaltig. Dies Wort, so sagen sie, hat bei den anerkannten (römischen) Schriftstellern vielerlei Bedeutungen; aber darunter ist nur eine, die zu den Zeichen paßt: das ist nämlich jene, bei der „Sakrament“ einen feierlichen Eidschwur bedeutet, wie ihn der Soldat dem Feldherrn leistet, wenn er in den Kriegsdienst eintritt. Denn wie die neu eintretenden Soldaten mit diesem Kriegseid ihre Treue an den Feldherrn binden und das Bekenntnis ablegen, daß sie nun Soldaten sein wollen, so bekennen wir mit unseren Zeichen Christus als unseren Feldhauptmann und bezeugen, daß wir unter seinen Zeichen Kriegsdienst tun. Jene Theologen fügen hier auch noch Gleichnisse an, um damit die Sache klarer zu machen. Wie die Toga, so sagen sie, die Römer von den Griechen unterschied, die ihren griechischen Mantel trugen, und wie sich zu Rom die Stände untereinander durch die ihnen eigenen Zeichen unterschieden, der Angehörige einer senatorischen Familie von dem Ritter durch den Purpur und die sichelförmige Verzierung an den Schuhen, der Ritter wiederum von dem Mann aus dem gewöhnlichen Volke durch den Ring – so tragen auch wir unsere Merkzeichen, die uns von den Weltleuten unterscheiden sollen. Nun geht es aber aus unserer obigen Darlegung mehr als deutlich hervor, daß die Alten (d.h. die Kirchenväter), die den Zeichen den Namen „Sakramente“ beilegten, dabei durchaus keinen Bedacht darauf genommen haben, in welchem Sinne die (nicht kirchlichen) lateinischen Schriftsteller dieses Wort gebrauchten, sondern daß sie, wie es ihnen zuträglich erschien, diese neue Bedeutung an das Wort geheftet haben, um mit ihm einfach auf die heiligen Zeichen hinzuweisen. Wollen wir unseren Scharfsinn tiefer dringen lassen, so läßt es sich vielleicht so ansehen: wenn die Kirchenväter den Begriff „Sakrament“ so gewendet haben, daß er die genannte Bedeutung bekam, so sind sie dabei genau entsprechend verfahren wie auch bei dem Wort „Glaube“ (fides), so daß es den Sinn bekam, in dem es heute gebraucht wird; denn „Glaube“ bedeutet eigentlich die „Wahrheit“ (= Wahrhaftigkeit) in der Erfüllung von Zusagen; trotzdem aber haben die Alten unter Glauben die Gewißheit oder die sichere Überzeugung verstanden, die man der Wahrheit selbst entgegenbrachte. In der gleichen Weise ist es mit dem Wort „Sakrament“ zugegangen: obwohl es eigentlich den Eidschwur bedeutet, mit dem sich der Soldat seinem Feldherrn angelobt, hat man daraus einen Schwur des Feldherrn gemacht, kraft dessen er die Soldaten in seine Schar aufnimmt. Denn durch die Sakramente verheißt der Herr, er wolle unser Gott sein und wir sollten sein Volk sein. Aber wir lassen solch spitzfindige Untersuchungen beiseite, da ich mit zureichend deutlichen Gründen bewiesen zu haben glaube, daß die Alten mit ihrer Verwendung von „Sakrament“ nichts anderes im Auge gehabt haben, als zum Ausdruck zu bringen, daß die Sakramente Zeichen von heiligen und geistlichen Dingen sind. Die Gleichnisse von den äußeren Standeszeichen, die jene Leute vorbringen, lassen wir zwar gelten, aber wir dulden es nicht, daß sie das, was bei den Sakramenten an untergeordneter Stelle steht, zum Ersten oder Einzigen an ihnen machen. Das Erste an den Sakramenten aber ist doch das, daß sie unserem Glauben vor Gott dienen, und das Untergeordnete, daß sie unser Bekenntnis vor den Menschen bezeugen. In dem zuletzt genannten Sinne haben die angeführten Gleichnisse ihre Geltung. Unterdessen aber soll jenes erste bestehen bleiben; denn die Sakramente würden, wie wir sahen, sonst bedeutungslos werden, wenn sie nicht Hilfsmittel für unseren Glauben wären und Anhängsel an die Lehre, die dem gleichen Gebrauch und Zweck dienstbar sein sollen (wie diese).



IV,14,14

Umgekehrt müssen wir aber auf folgendes aufmerksam gemacht werden: wie die zuletzt genannten Leute die Kraft der Sakramente schwächen und ihren Gebrauch voll und ganz abschaffen, so stehen auf der entgegengesetzten Seite andere, die den Sakramenten ich weiß nicht was für verborgene Kräfte andichten, von denen man nirgendwo zu lesen bekommt, daß sie von Gott in sie hineingelegt wären. Durch diesen Irrtum werden einfältige und unerfahrene Leute gefährlich betrogen, indem man sie einerseits Gottes Gaben zu suchen lehrt, wo sie durchaus nicht zu finden sind, und sie andererseits nach und nach von Gott abzieht, so daß sie statt seiner Wahrheit lauter Eitelkeit annehmen. So haben nämlich die Schulen der Klüglinge (der Scholastiker) in großer Einmütigkeit die Lehre vertreten, die Sakramente des „neuen Gesetzes“, das heißt die Sakramente, die heutzutage bei der christlichen Kirche in Übung stehen, verschafften uns die Rechtfertigung und gewährten uns die Gnade, wofern wir nicht eine „Todsünde“ begingen und dadurch ihrer Wirkung einen Riegel vorschöben. Wie todbringend und verderblich diese Meinung ist, das läßt sich gar nicht in Worte fassen, und zwar um so mehr, als sie sich schon vor vielen Jahrhunderten unter großem Schaden für die Kirche in einem wesentlichen Teil des Erdkreises durchgesetzt hat. Jedenfalls ist sie entschieden teuflisch; denn indem sie eine Gerechtigkeit ohne den Glauben verspricht, stürzt sie die Seelen kopfüber ins Verderben hinein, und da sie ferner die Ursache der Gerechtigkeit von den Sakramenten herleitet, so verstrickt sie die armen Menschenseelen, die schon an und für sich mehr als genug auf die Erde gerichtet sind, in den Aberglauben, daß sie sich auf den Anblick einer leiblichen Sache statt auf Gott selbst verlassen. Wollte Gott, daß wir dies beides nicht so genau aus Erfahrung wüßten! So wenig kann jedenfalls die Rede davon sein, daß es etwa eines ausführlichen Beweises bedürfte! Was ist denn ein Sakrament, das man ohne den Glauben empfängt, anders als das völlig sichere verderben der Kirche? Denn von dem Sakrament her ist doch nichts außerhalb der Verheißung zu erwarten, und die Verheißung droht den Ungläubigen nicht weniger den Zorn an, als sie den Gläubigen die Gnade darreicht. Wer also meint, es würde ihm durch die Sakramente mehr zuteil, als was ihm im Worte Gottes dargeboten wird und was er dann mit wahrem Glauben ergreift, der betrügt sich selbst. Daraus ergibt sich dann auch ein Zweites: die Zuversicht auf das Heil hängt nicht von der Teilnahme am Sakrament ab, als ob darin die Rechtfertigung läge; denn wir wissen, daß die Rechtfertigung allein in Christus beruht und uns nicht weniger durch die Predigt des Evangeliums als durch die Versiegelung mitgeteilt wird, die uns die Sakramente gewähren, und daß sie auch ohne solche Versiegelung vollkömmlich bestehen kann. Insoweit ist es wahr, was auch Augustin schreibt: „Die unsichtbare Heiligung kann ohne das sichtbare Zeichen sein, und auf der anderen Seite kann das sichtbare Zeichen ohne die wahre Heiligung sein“ (Fragen zum Heptateuch III, 84). „Denn die Menschen ziehen“, wie Augustin ebenfalls an anderer Stelle sagt, „Christus bisweilen soweit an, daß sie die Sakramente empfangen, bisweilen auch soweit, daß ihr Leben geheiligt wird. Das erstere kann nun Guten und Bösen gemeinsam sein; das letztere dagegen ist den Guten und Frommen (allein) eigen“ (Von der Taufe gegen die Donatisten V,24,34).
Simon W.

Der Pilgrim
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Beitragvon Der Pilgrim » 27.12.2011 10:21

IV,14,15

Daher kommt auch – wenn man sie recht versteht – die von dem nämlichen Augustin häufig vermerkte Unterscheidung zwischen dem Sakrament und der von dem Sakrament bezeichneten Sache (res sacramenti). Denn diese gibt nicht nur zu verstehen, daß Bild und Wahrheit vom Sakrament miteinander umschlossen werden, sondern auch, daß sie nicht so sehr miteinander zusammenhängen, daß sie nicht getrennt werden könnten, und daß auch in der Verbundenheit selbst stets die Sache von dem Zeichen unterschieden werden muß, damit wir nicht auf das eine übertragen, was dem anderen eigen ist. Von der Trennung (von Zeichen und Sache) spricht er, wenn er schreibt, die Sakramente bewirkten das, was sie abbilden, allein in den Auserwählten. Ebenso spricht er von der Trennung, indem er sich über die Juden folgendermaßen ausläßt: „Obgleich die Sakramente allen gemeinsam waren, so war doch die Gnade nicht allen gemein – und sie ist doch die Kraft der Sakramente! Ebenso ist auch heute das Bad der Wiedergeburt (Tit. 3,5) allen gemeinsam; aber die Gnade selbst, vermöge deren die Glieder Christi mit ihrem Haupte wiedergeboren werden, ist nicht allein gemeinsam“ (zu Ps. 77,2). Wiederum schreibt er an anderer Stelle über das Abendmahl des Herrn: „Auch wir empfangen heute eine sichtbare Speise; aber das Sakrament ist etwas anderes als die Kraft des Sakraments. Wie kommt es, daß viele das Sakrament vom Altar empfangen und doch sterben, ja, daß sie durch den Empfang des Sakraments sterben? Denn auch der Bissen, den der Herr dem Judas gab, wurde diesem zum Gift, und zwar nicht, weil Judas etwas Böses erhalten hätte, sondern weil er als Böser das Gute übel empfing“ (Predigten zum Johannesevangelium 26,11). Etwas nachher schreibt er: „Das Sakrament, das diese Sache meint, nämlich die Einheit am Leibe und Blute Christi, wird mancherorten alle Tage, mancherorten auch in bestimmten Zeitabständen auf dem Tisch des Herrn bereitet, und vom Tisch empfangen es einige zum Leben, andere zum Verderben. Die Sache selbst aber, deren Sakrament (und Zeichen) es ist, gereicht allen, die ihrer teilhaftig geworden sind, zum Leben und keinem zum Verderben“ (Predigten zum Johannesevangelium 26,15). Etwas vorher hatte er gesagt: „Wer davon gegessen hat, der wird nicht sterben – das ist aber der, der zu der Kraft des Sakraments gehört, nicht zum sichtbaren Sakrament, der es innerlich ißt, nicht äußerlich, der es mit dem Herzen ißt, und nicht der, der es mit den Zähnen zerdrückt“ (Predigten zum Johannesevangelium 26,12). Hier bekommen wir allenthalben zu hören: das Sakrament wird durch die Unwürdigkeit dessen, der es empfängt, dergestalt von seiner Wahrheit abgetrennt, daß nichts übrigbleibt als ein leeres und nutzloses Bild. Damit man nun nicht ein Zeichen hat, das der Wahrheit entledigt ist, sondern vielmehr die Sache mitsamt dem Zeichen, muß man das Wort, das darin eingeschlossen ist, im Glauben ergreifen. In dem Maße also, als man durch die Sakramente in der Gemeinschaft mit Christus weiterkommt, wird man aus ihnen Nutzen ziehen.



IV,14,16

Wenn diese Darlegungen um ihrer Kürze willen noch zu unklar sind, so will ich sie noch mit mehr Worten ausführen. Ich behaupte: Christus ist die Materie oder, wenn man es so lieber will, die Substanz aller Sakramente; denn all ihren Bestand haben sie in ihm, und außer ihm verheißen sie nichts. Um so weniger ist der Irrtum des Petrus Lombardus zu ertragen, der die Sakramente ausdrücklich für die Ursache der Gerechtigkeit und Seligkeit erklärt, von denen sie (doch tatsächlich) Teile sind (Sentenzen IV,1,5). Wir sollen daher billigerweise alle Ursachen fahrenlassen, die sich der Verstand des Menschen erdichtet, und uns bei dieser einzigen (nämlich bei Christus) festhalten lassen. Soweit uns also der Dienst der Sakramente dazu verhilft, daß einerseits die wahre Erkenntnis Christi in uns erhalten, gefestigt und gemehrt werde, und wir andererseits ihn völliger besitzen und seine Reichtümer genießen, soweit geht ihre Wirkung an uns. Das geschieht aber, wenn wir das, was uns in den Sakramenten dargeboten wird, in wahrem Glauben annehmen. Bringen es nun also die Gottlosen, so wird man fragen, mit ihrer Undankbarkeit fertig, daß Gottes Anordnung ihre Geltung einbüßt und zunichte wird? Ich antworte darauf: was ich gesagt habe, ist nicht so zu verstehen, als ob die Kraft oder die Wahrheit des Sakraments von dem Zustand oder auch von dem Gutdünken dessen abhängig wäre, der es empfängt. Denn was Gott eingerichtet hat, das bleibt fest bestehen und behält seine Natur bei, wie sehr sich auch die Menschen verändern mögen. Aber Anbieten und Annehmen sind zwei verschiedene Dinge, und deshalb steht dem nichts entgegen, daß das Merkzeichen, das durch das Wort des Herrn geheiligt ist, mit der Tat ist, was es dem Namen nach sein soll, und daß es seine Kraft behält – während doch aus ihm für einen nichtsnutzigen und gottlosen Menschen keinerlei Nutzen erwächst. Aber diese Frage löst Augustin mit wenigen Worten tadellos; er sagt: „Wenn du es fleischlich empfängst, so hört es nicht auf, geistlich zu sein – aber für dich ist es nicht geistlich.“ Wie er aber an den oben angegebenen Stellen darlegt, daß das Sakrament eine Sache ohne jeglichen Belang ist, wenn es von seiner Wahrheit getrennt wird (vgl. Predigten zum Johannesevangelium 26,11f.15; vorige Sektion), so macht er anderwärts darauf aufmerksam, daß auch bei der Verbindung von Zeichen und Sache eine Unterscheidung notwendig ist, damit wir an dem äußeren Zeichen nicht allzu fest hängen bleiben. „Wie es von knechtischer Schwäche zeugt“, sagt er, „dem Buchstaben anzuhängen und Zeichen für die Dinge zu nehmen, so ist es auch ein Zeichen von übel umschweifendem Irrtum, die Zeichen nutzlos auszulegen“ (Von der christlichen Unterweisung III,9). Er nennt zwei Fehler, die es zu vermeiden gilt; der eine besteht darin, daß wir die Zeichen so auffassen, als ob sie umsonst gegeben wären, und dann in unserer Bosheit ihre verborgenen Bedeutungen verkleinern oder herabsetzen und dadurch bewirken, daß sie uns keine Frucht zutragen; den anderen Fehler begehen wir dann, wenn wir unsere Sinne nicht über das sichtbare Zeichen hinaus in die Höhe erheben und damit auf das Zeichen den Lobpreis für die Güter übertragen, die uns einzig und allein von Christus gewährt werden, und zwar durch den Heiligen Geist, der uns Christi selbst teilhaftig macht. Dies Werk (des Heiligen Geistes) geschieht nun unter Beihilfe der äußeren Zeichen; werden diese aber, wo sie uns doch zu Christus einladen, in eine andere Richtung gedreht, so wird ihr gesamter Nutzen schmachvoll abgeschafft.



IV,14,17

Deshalb muß es fest stehen bleiben, daß die Sakramente keine andere Aufgabe haben als das Wort Gottes. Diese Aufgabe besteht darin, uns Christus darzubieten und vor Augen zu stellen und in ihm alle Schätze der himmlischen Gnade. Die Sakramente gewähren und nutzen uns aber nichts, wenn sie nicht im Glauben empfangen werden. Ich will ein Beispiel bilden: man kann Wein oder Wasser oder sonst irgendeine Flüssigkeit reichlich ausgießen, so wird doch alles verfließen und verlorengehen, wenn die Mündung des Gefäßes nicht offen ist, und das Gefäß selbst wird dann wohl um und um übergossen sein, aber doch leer und hohl bleiben. Außerdem müssen wir uns noch hüten, nicht in einen anderen Irrtum zu verfallen, der dem eben genannten ähnlich ist: dazu könnten uns nämlich die ein wenig zu großartigen Äußerungen verführen, die bei den Alten geschrieben stehen, um die Würde der Sakramente zu verherrlichen. Dieser Irrtum würde darin bestehen, daß wir der Meinung wären, an die Sakramente sei irgendeine verborgene Kraft geknüpft oder angeheftet, vermöge deren sie uns aus sich selbst heraus die Gnadengaben des Heiligen Geistes zuteil werden lassen könnten, so wie man Wein im Milchkrug reicht. Tatsächlich aber ist ihnen von Gott nur dies eine Amt aufgetragen worden, uns Gottes Freundlichkeit gegen uns zu bezeugen und zu bekräftigen, und sie können uns nicht weiter von Nutzen sein als allein, wenn der Heilige Geist hinzutritt, der unseren Verstand und unser Herz öffnet und für solches Zeugnis auffassungsfähig macht. Da leuchten dann auch die mannigfaltigen und verschiedenen Gaben Gottes strahlend auf. Denn die Sakramente sind, wie ich bereits oben andeutete, für uns von Gott her das, was von den Menschen her die Boten fröhlicher Geschehnisse sind oder die Pfänder bei der Bekräftigung von Bündnissen; denn sie gewähren uns zwar aus sich selbst heraus nicht irgendwelche Gnade, sondern machen das, was uns aus Gottes Freigebigkeit geschenkt ist, bekannt, weisen darauf hin und, da sie ja Pfänder und Kennzeichen sind, bekräftigen sie es bei uns. Der Heilige Geist, den die Sakramente nicht etwa unterschiedslos allen zutragen, sondern den der Herr den Seinen insonderheit zuteil werden läßt, der ist es, der Gottes Gnadengaben mit sich bringt, der den Sakramenten in uns Raum schafft, und der es bewirkt, daß sie Frucht tragen. Freilich leugnen wir nicht, daß Gott selbst mit der wirksamsten Kraft seines Geistes seiner Stiftung zur Seite steht, damit die von ihm verordnete Austeilung der Sakramente nicht unfruchtbar und eitel ist. Aber wir behaupten doch, daß die innerliche Gnade des Geistes, die ja von dem äußerlichen Amt unterschieden ist, dementsprechend auch für sich beachtet und bedacht werden muß. Gott gewährt also in Wahrheit alles, was er in den Zeichen verheißt und bildlich darstellt, und die Zeichen bleiben nicht ohne Wirkung, damit es sich erweist, daß ihr Geber wahrhaftig und treu ist. Es geht hier nur um die Frage, ob Gott aus seiner eigenen oder, wie man sagt, aus der ihm innewohnenden Kraft heraus wirkt – oder ob er den äußeren Merkzeichen seine Stellvertretung überläßt. Wir behaupten nun aber, daß er, welche Werkzeuge er auch anwenden mag, doch von seinem alles begründenden Wirken keineswegs Abstand nimmt. Wenn man in dieser Weise über die Sakramente lehrt, dann wird ihre Würde herrlich gepriesen, ihr Gebrauch deutlich angezeigt, ihr Nutzen überreich verherrlicht – und zugleich bei dem allem das beste Maß innegehalten, so daß ihnen nichts beigelegt wird, das ihnen nicht billig zukommt, und ihnen auch andererseits nichts abgesprochen wird, was ihnen gehört. Damit wird auch jenes Hirngespinst abgetan, bei dem die Ursache der Rechtfertigung und die Kraft des Heiligen Geistes in die Elemente wie in Gefäße oder Wagen eingeschlossen wird – und es wird zugleich jene vornehmste Kraft der Sakramente, die andere Leute beiseite gelassen haben, ausdrücklich dargelegt. Hier müssen wir auch noch bemerken, daß das, was der Diener (am Wort) in seiner äußerlichen Handlung abbildet und bezeugt, von Gott selbst im Inneren gewirkt wird, damit nicht das, was er sich für sich allein vorbehält, auf einen sterblichen Menschen übertragen werde. Darauf macht in verständiger Weise auch Augustin aufmerksam; er sagt: „Wie kann es kommen, daß Mose heiligt – und auch Gott? Mose tut es nicht an Gottes Statt. Nein, er handelt mit sichtbaren Sakramenten durch seinen Dienst, Gott aber in unsichtbarer Gnade durch den Heiligen Geist, und darin liegt auch die ganze Frucht der sichtbaren Sakramente. Denn was sollen die wohl nützen ohne solche Heiligung durch die unsichtbare Gnade?“ (Fragen zum Heptateuch III,84).
Simon W.

Der Pilgrim
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Beitragvon Der Pilgrim » 29.12.2011 14:05

IV,14,18

Der Begriff „Sakrament“ umfaßt in dem Sinne, wie wir ihn bisher dargelegt haben, allgemein sämtliche Zeichen, die Gott je den Menschen aufgetragen hat, um sie der Wahrheit seiner Verheißungen gewiß und sicher zu machen. Zuweilen haben diese Zeichen nun nach seinem Willen in natürlichen Dingen bestanden, zuweilen hat er sie auch in Wundern an den Tag gebracht. Beispiele für die erste Art sind unter anderem folgende Geschehnisse. Gott gab dem Adam und der Eva den „Baum des Lebens“ zum Unterpfand der Unsterblichkeit, damit sie sich auf solche Unsterblichkeit unbekümmert Hoffnung machten, solange sie von der Frucht dieses Baumes aßen (Gen. 2,9; 3,22). Für Noah und seine Nachkommen stellte er den Regenbogen als ein Denkzeichen dafür auf, daß er fernerhin die Erde nicht wieder durch eine Sintflut verwüsten wollte (Gen. 9,13). Diese Zeichen sind für Adam und Noah Sakramente gewesen. Nicht, daß der Baum ihnen die Unsterblichkeit gewährt hätte, die er sich doch selbst nicht zu geben vermochte, oder daß der Regenbogen, der bloß ein Widerschein des Sonnenscheins an gegenüberliegenden Wolken ist, in der Lage gewesen wäre, die Wassermassen zurückzuhalten. Nein, es waren Sakramente, weil beide ein Zeichen trugen, das durch Gottes Wort in sie eingegraben war, damit sie Beweise und Siegel der Bundschlüsse Gottes wären. Auch war zuvor der Baum ein Baum und der Bogen ein Bogen; als sie aber von Gottes Wort gezeichnet waren, da wurde ihnen eine neue Gestalt zuteil, so daß sie nun anfingen, etwas zu sein, was sie vorher nicht gewesen waren. Damit nicht jemand meint, dies werde umsonst ausgesprochen, so ist der Bogen auch heute noch, für uns, ein Zeuge des Bundes, den der Herr mit Noah geschlossen hat, und sooft wir ihn anschauen, lesen wir an ihm die Verheißung Gottes, daß die Erde nie durch eine Sintflut untergehen soll. Wenn also irgendein Scheinphilosoph die Einfalt unseres Glaubens verlachen will und dazu die Behauptung aufstellt, daß solche Vielheit von Farben auf natürliche Weise aus dem Widerschein von Strahlen und einer gegenüberliegenden Wolke entstünde, so wollen wir das wohl gelten lassen – aber wir lachen nun unsererseits über seinen Stumpfsinn, der Gott nicht als den Herrn und Lenker der Natur erkennt, der alle Elemente nach seinem Ermessen zur Dienstleistung an seiner Herrlichkeit benutzt. Wenn er der Sonne, den Sternen, der Erde und den Steinen solche Denkzeichen aufgeprägt hätte, dann wären sie alle für uns Sakramente. Denn weshalb ist rohes und gemünztes Silber nicht von gleichem Werte, obgleich es doch (in beiden Fällen) das nämliche Metall ist? Eben deshalb nicht, weil das rohe Silber nichts besitzt als seine Natur, das Silber dagegen, das mit dem amtlichen Prägestempel geschlagen ist, eine Münze wird und eine neue Bewertung empfängt. Und dann sollte Gott nicht in der Lage sein, seine Geschöpfe mit seinem Wort zu zeichnen, so daß sie zu Sakramenten werden, während sie zuvor bloße Elemente waren? Beispiele für die zweite Gruppe von Zeichen waren es, als Gott dem Abraham an einem rauchenden Ofen einen Feuerschein zeigte (Gen. 15,17), als er, um dem Gideon den Sieg zu verheißen, das Fell mit Tau befeuchtete, während die Erde trocken blieb, und wiederum die Erde mit Tau bedeckte, während das Fell unberührt blieb (Richt. 6,37f.), und als er den Schatten der Sonnenuhr zehn Strich rückwärts gehen ließ, um dem Hiskia die Verheißung zu geben, daß er gesund werden sollte (2. Kön. 20,9-11; Jes. 38,7). Da diese Ereignisse geschahen, um der Schwachheit des Glaubens dieser Menschen Hilfe und Festigung zu verleihen, so waren auch sie Sakramente.



IV,14,19

Jedoch ist es die Aufgabe der hier geführten Erörterung, in besonderer Weise auf jene Sakramente einzugehen, die nach dem Willen des Herrn in seiner Kirche in regelmäßigem Gebrauch stehen sollen, um seine Diener und Knechte zu einem Glauben und zum Bekenntnis dieses einen Glaubens heranzufordern. „Denn“ – um Augustins Worte zu gebrauchen – „die Menschen können zu keinerlei Religion, sie sei nun wahr oder falsch, zusammenwachsen, wenn sie nicht durch ein gemeinsames Teilhaben an sichtbaren Zeichen miteinander verbunden werden“ (Gegen den Manichäer Faustus XIX,11). Da unser herrlicher Vater also diese Notwendigkeit vorsah, so hat er seit Anbeginn für seine Knechte bestimmte Übungen der Frömmigkeit eingerichtet. Diese hat dann der Satan auf gottlose und abergläubische Gottesdienste übertragen und damit in vielfältiger Weise entstellt und verdorben. Hierher kommen die Handlungen, mit denen die Heiden in ihre heiligen Dinge eingeweiht wurden, und auch die übrigen entarteten Gebräuche, die zwar von Irrtum und Aberglauben erfüllt, aber doch zugleich auch selbst ein Zeichen dafür waren, daß die Menschen bei dem Bekenntnis einer Religion solcher Zeichen nicht entraten können. Aber weil sich diese Bräuche nicht auf das Wort Gottes stützten und auch keine Beziehung zur Wahrheit fanden, die doch allen Zeichen als Ziel vorschweben muß, so sind sie nicht würdig, Erwähnung zu finden, wo man der heiligen Merkzeichen gedenkt, die von Gott eingerichtet und von ihrem Fundament nicht abgewichen sind, das heißt davon, daß sie Hilfsmittel für die wahre Frömmigkeit darstellen sollten. Diese bestehen nun nicht in einfachen Zeichen, wie es der Regenbogen und der Baum (des Lebens) waren, sondern in Zeremonien; oder, wenn man es so lieber will: die Zeichen, die hier gegeben werden, sind Zeremonien. Und ebenso wie sie nach unserer obigen Darlegung von dem Herrn aus Zeugnisse der Gnade und des Heils sind, so sind sie wiederum von uns aus Merkzeichen unseres Bekenntnisses, mit denen wir öffentlich auf Gottes Namen schwören und unsererseits unsere Treue an ihn binden. Es ist daher treffend, wenn Chrysostomus diese Zeichen an einer Stelle (vertragliche) Versprechungen nennt, in denen uns einerseits Gott mit sich verbündet und wir uns andererseits zur Reinheit und Heiligkeit unseres Lebens verpflichten. Denn es wird ja hier tatsächlich zwischen Gott und uns eine gegenseitige Vertragsbindung aufgerichtet. Wie hier nämlich der Herr verheißt, daß er alles durchstreichen und tilgen will, was wir uns durch unsere Verfehlungen an Schuld und Strafe zugezogen haben, und wie er uns in seinem eingeborenen Sohne mit sich versöhnt, so leisten wir ihm andererseits durch dies Bekenntnis die Verpflichtung zum Trachten nach Frömmigkeit und Unschuld. Man kann also mit gutem Grunde sagen, daß die Sakramente solche Zeremonien sind, durch die Gott sein Volk zum ersten darin üben will, den Glauben im Inneren zu nähren, zu erwecken und zu bekräftigen, und zum zweiten, seine Religion auch vor den Menschen zu bekennen.



IV,14,20

Diese Sakramente waren auch je nach den verschiedenen Zeitumständen verschieden, gemäß der Ordnung, in der es dem Herrn gefallen hat, sich bald auf die eine, bald auf die andere Weise den Menschen kundzugeben. So ist dem Abraham und seiner Nachkommenschaft die Beschneidung aufgetragen worden (Gen. 17,10), und zu ihr kamen dann später Reinigungen, Opfer und andere Gebräuche auf Grund des mosaischen Gesetzes hinzu (Lev. 11-15; Lev. 1-10). Dies waren die Sakramente der Juden bis zum Kommen Christi. Durch das Kommen Christi sind sie abgeschafft worden, und nun wurden zwei Sakramente eingerichtet, die heute bei der christlichen Kirche in Übung stehen, nämlich die Taufe und das Abendmahl des Herrn (Matth. 29,19; 26,26-28). Ich spreche nun hier von den Sakramenten, die dazu eingerichtet sind, von der gesamten Kirche geübt zu werden. Denn ich lasse es zwar nicht ungern gelten, daß man auch die Handauflegung, mit der die Diener der Kirche in ihr Amt eingewiesen werden, als Sakrament bezeichnet, aber ich zähle sie doch nicht zu den ordentlichen Sakramenten. Welche Bedeutung man aber den übrigen „Sakramenten“ geben soll, die man allgemein als solche aufzählt, das werden wir bald sehen. Allerdings bezogen sich auch jene alten Sakramente auf den gleichen Richtpunkt, dem heute die unsrigen dienstbar sind: sie sollten nämlich zu Christus führen und geradezu bei der Hand zu ihm hinleiten, oder besser: sie sollten ihn gleich Bildern vergegenwärtigen und ihn kundmachen, damit er erkannt würde. Denn wir haben ja schon zuvor dargetan, daß die Sakramente gewissermaßen Siegel darstellen, mit denen die Verheißungen Gottes versiegelt werden, und es ist ferner völlig sicher, daß den Menschen nie irgendeine Verheißung Gottes zuteil geworden ist als allein in Christus (2. Kor. 1,20); sollen uns also die Sakramente von irgendeiner Verheißung Gottes Kunde geben, so müssen sie uns notwendig Christus zeigen! Hier ist jenes himmlische Urbild der Hütte und des im Gesetz vorgeschriebenen Gottesdienstes zu nennen, das dem Mose auf dem Berge vor Augen gehalten wurde (Ex. 25,9.40; 26,30). Zwischen den Sakramenten des Alten und denjenigen des Neuen Bundes besteht nur der eine Unterschied, daß jene den verheißenen Christus andeuteten, als er noch erwartet wurde, diese dagegen Christus als den bezeugen, der uns bereits gewährt und offenbart ist.



IV,14,21

Wenn diese Dinge Stück für Stück und in ihren Einzelheiten erklärt sind, so werden sie viel deutlicher werden. Die Beschneidung war für die Juden ein Merkzeichen, das sie darauf aufmerksam machen sollte, daß alles, was aus dem Samen des Menschen hervorgeht, das heißt die gesamte Natur des Menschen, verderbt ist und des Beschneidens bedarf; zudem war sie ein Beweis und ein Erinnerungszeichen, mit dem sie sich in der Verheißung stärken sollten, die dem Abraham gegeben war, der Verheißung von dem gesegneten Samen, in dem „alle Völker auf Erden gesegnet werden“ sollten (Gen. 22,16), und von dem sie ja auch für sich selbst ihren Segen erwarten durften. Dieser heilbringende Same war aber nun, wie wir von Paulus gelehrt werden, Christus (Gal. 3,16), in dem allein sie wiederzuerlangen hofften, was sie in Adam verloren hatten. Die Beschneidung war also für sie das, was sie nach der Lehre des Paulus für Abraham gewesen ist, nämlich ein „Siegel der Gerechtigkeit des Glaubens“ (Röm. 4,11), das heißt: ein Siegel, vermöge dessen sie gewisser darin bestärkt werden sollten, daß ihnen ihr Glaube, mit dem sie jenen Samen erwarteten, von Gott für Gerechtigkeit gerechnet wurde. Wir werden aber den Vergleich zwischen Beschneidung und Taufe an anderer Stelle bei besserer Gelegenheit weiter verfolgen. Waschungen und Reinigungen führten den Menschen des Alten Bundes ihre Unreinheit, Unflätigkeit und Beflecktheit vor Augen, mit der sie in ihrer Natur, besudelt waren; sie sagten ihnen aber auch ein anderes Bad zu, durch das all ihr Schmutz abgewischt und fortgewaschen werden sollte (Hebr. 9,10.14). Dies neue Bad nun war Christus, und durch sein Blut reingewaschen (1. Joh. 1,7; Apk. 1,5) tragen wir seine Reinheit vor Gottes Angesicht, damit es all unsere Befleckung bedeckt. Die Opfer überführten die Alten von ihrer Ungerechtigkeit und lehrten sie zugleich, daß irgendeine Genugtuung erforderlich sei, kraft deren dem Urteil Gottes Genüge geleistet würde. Sie erfuhren hier also, daß ein oberster Priester kommen werde, ein Mittler zwischen Gott und den Menschen, der Gott durch das Vergießen seines Blutes und durch die Darbietung eines Opfers, das zur Vergebung der Sünden hinreichte, Genugtuung verschaffte. Dieser oberste Priester war Christus (Hebr. 4,14; 5,5; 9,11): er vergoß sein eigenes Blut, er war selbst das Opfer; denn er erwies sich dem Vater gehorsam bis in den Tod (Phil. 2,8) und hat durch diesen Gehorsam den Ungehorsam des Menschen abgetan, der Gottes Zorn hervorgerufen hatte (Röm. 5,19).
Simon W.


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