Tägliche Lesung aus der Dogmatik von Eduard Böhl

Nur für Gläubige, die die fünf Punkte des Arminianismus ablehnen

Moderatoren: Der Pilgrim, Leo_Sibbing

Benutzeravatar
Joschie
Moderator
Beiträge: 5612
Registriert: 28.02.2007 20:18
Wohnort: Hamburg

Streifzüge durch das Gebiet der reformierten Dogmatik

Beitragvon Joschie » 19.01.2018 13:02

Streifzüge durch das Gebiet der reformierten Dogmatik

Die berühmten ökumenischen Konzilien setzten auch nur die notdürftigsten Grenzpfähle wider die ärgsten Ketzereien fest, und menschlich genug ging es auf ihnen her. Der Geist des Kaisers, und nicht der heilige Geist, tat Wunder. Auch diese Konzilien vermochten nicht die Kirche auf neue Bahnen zu bringen, wie es die Reformation tat. Die äußerliche Kirche zog, wie einst Israel, in dem Maße, als sie zur Herrschaft gelangte, es vor, sich auf Menschensatzungen zu stützen. Ihren Mittel und Schwerpunkt, den sie in der heiligen Schrift besaß, verkannte sie mehr und mehr; Krücken und abermals Krücken wurden gesucht, um den empfindlichen Ausfall der biblischen Wahrheiten zu ersetzen. Statt des lebendigen Hauptes Christi suchte man sichtbare Häupter aufzustellen, statt des einigen Mittlers und Fürsprechers, Christus, stellte man andere Mittelspersonen zwischen Gott und den Menschen auf, die Heiligen. Zu dem Blute Jesu Christi, in welchem allein wir Gerechtigkeit vor Gott haben, das allein unsere Sünden abwäscht, kamen allerlei andere Reinigungsmittel hinzu, so z.B. seit Gregor dem Großen das Fegefeuer nebst allem, was dasselbe im Gefolge hat. Der Kultus verdrängte den colendus. Und in dieser Richtung ging es weiter, bis dass die römische Kirche fertig war und der Greuel der Verwüstung an heiliger Stätte stand. Als nun die Kirche sich also bereichert hatte, da verschwand die Schrift immer mehr aus dem Herzen und dem Gedächtnis der Christen; sie musste ihren Ehrenplatz in der Kirche teilen mit der Tradition, dem sogenannten mündlichen Wort der Apostel, einem Gespinst aus Lügen und etlichen Wahrheiten. Das Illegitime wurde legitim. Der Pharisäismus war auf den Thron gehoben; Christus der Allgegenwärtige hatte einen Statthalter; und da ging es denn nach dem treffenden Satze: „Christus ist überall, nur dort nicht, wo er seinen Statthalter hat.“ Das einige Haupt hatte ein zweites Haupt neben sich erhalten. Das Lebensblut der Kirche floss nicht mehr durch lebendige Glieder herab von dem einigen Haupte Christus, sondern von dem Vize-Haupte in Rom floß unreines, vergiftetes Blut durch die gelähmten Glieder der veräußerlichten Kirche. Schein trat an die Stelle der Wahrheit, lügenhafte Tradition an die Stelle der durch das Wort Gottes vermittelten Überlieferung. Die Kirche war ein Feld voll toter Gebeine. Dieser Zustand trat ein, weil die Kirche vom Worte Gottes sich lossagte. Nur Ein Weg blieb übrig, wenn es zu einer Erneuerung derselben kommen sollte; dieser war, dass die Kirche wieder ihren Mittel- und Schwerpunkt in der heiligen Schrift suchte. Derartige Bewegungen nach ihrem Mittelpunkte hin haben bereits mehrere vor der Reformation stattgefunden. Die Waldenser(2), Wicleff und Hus haben der Reformation vorgearbeitet. Besonders durch den frommen, freimütigen Glaubenshelden Hus brach in Böhmen das göttliche Wort hervor und leuchtete in die weiteste Ferne. Er gab den ersten Anstoß zur Bildung neuer Gemeinschaften, die mehr oder minder sich von Rom freimachten, und von denen die böhmischen Brüder eine bewunderungswürdige Zucht unter sich herausbildeten, die Luthers Neid und Calvins Lob erregte. Auf diese klare, helle Morgenröte folgte ein herrlicher Tag. Die so tief unter dem Schutt von Menschenmeinungen begrabene heilige Schrift wurde wiedergefunden.
zu.2 Die an den Namen der Waldenser geknüpfte Opposition gegen die römisch-katholischen Irrtümer reicht, wie neuerdings in der Revue des deux mondes gezeigt wurde, bis in die frühesten Zeiten des reinen Christentums zurück. In Mailand erhielt sich durch und seit Ambrosius eine reine Liturgie und der Zugang zur heiligen Schrift war hier ein freierer, als anderswo. Als diese älteste protestantische Richtung aus der norditalischen Ebene verdrängt ward, zog sie sich in die Täler (vauds) zurück und evangelisierte von hier aus durch ihre Sendboten die umliegenden Länder. Von jener Lokalität stammt der Name Waldenser. Peter von Lyon (Waldus) gab dieser Richtung nur einen neuen Anstoß.
Tod, wo ist dein Stachel? Totenreich, wo ist dein Sieg? 1Kor 15,55

Benutzeravatar
Joschie
Moderator
Beiträge: 5612
Registriert: 28.02.2007 20:18
Wohnort: Hamburg

Streifzüge durch das Gebiet der reformierten Dogmatik

Beitragvon Joschie » 29.01.2018 08:24

Und wie einst das wieder aufgefundene Gesetzbuch (2. Chron. 34,15 ff.), so ward auch jetzt das Wort des HErrn zu Königen und Propheten im Reiche Gottes gebracht. Spalatin und Wittenbach vertraten die Stelle jenes Hilkia. Ein solcher König und Prophet war Luther, ein anderer Zwingli, ein dritter Calvin. Und gleich wie Josia seine Kleider zerriss bei dem Vernehmen des göttlichen Wortes, also zerrissen diese Männer Gottes ihre Herzen und begannen nach des göttlichen Wortes Vorschrift zu lehren und zu leben. An sie schlossen sich erst Einzelne, dann ganze Gemeinden und Länder an. Auch sie mussten zur heiligen Schrift zurück, sonst gab es kein Heil für sie. So ist also nach geschichtlichem Zeugnis das Wort Gottes einziges Prinzip des Protestantismus und insbesondere unserer reformierten Kirche, welcher letzteren der Ruhm gebührt, vor anderen rein bei diesem Prinzip ausgeharrt zu haben.

Man hat vielfach ein doppeltes Prinzip für die Reformation nachweisen wollen, ein Formal- und ein Materialprinzip. Das ist aber eine durchaus abstrakte, durch die Geschichte nicht zu belegende Trennung. Wo anders hat sich das Dogma von der Rechtfertigung entzündet, als an der heiligen Schrift? Luther las die Briefe Pauli im Kloster zu Erfurt, und der Spruch: „der Gerechte wird seines Glaubens leben“, ging ihm auf seiner römischen Reise beständig nach. Schon vor dem Jahre 1517 schrieb Luther an den Propst von Lissa: „das Wichtigste sei, um zum Glauben zu gelangen, dass man Tag und Nacht mit dem Evangelium umgehe; dadurch würden wir aus Gott geboren; als aus Gott Geborene sündigten wir nicht, und genössen als solche fröhlich des Sieges.“ (Vgl. Val. Löscher, Reform.-Acten, Bd. I. S. 231.)

Zwingli hat Wesen und Hauptinhalt des Evangeliums nicht von Luther gelernt, den man neuerdings wohl als den Erfinder der neuen religiösen Anschauung feiern will, sondern er hat das Wesen der christlichen Lehre durch das Lesen des Johannes-Evangeliums und durch fleißiges Studieren der griechischen Briefe Pauli erlernt, die er schon anno 1516 abschrieb. Dadurch hat sich dem Zwingli auf ganz selbständige Weise, bevor er noch von Luther gehört, der Glaubensgrund gebildet, welcher bald dem römischen Unwesen gegenüber siegreich geltend machen sollte. Es ist also beiden Reformatoren ergangen wie den Propheten und dem alten Gottesvolk überhaupt. Als die Schrift wieder zur Geltung gelangte im Lande, als Christus durch sein Wort und seinen Geist verherrlicht wurde, da sprosste ein neues Leben hervor, vor welchem die Finsternis des falschen Gottesdienstes und des Unglaubens weichen musste.

Vergleichen wir beide Reformatoren, so müssen wie ihre Verdienste also bestimmen: Luther hatte das hohe Verdienst, dass er, im Geiste Gottes und umgürtet mit der Kraft von Oben, öffentlich dem Riesen der Tradition und Werkheiligkeit entgegentrat und als der Erste diesen gewaltigen Goliath tödlich verwundete. Ihm war es von Gott gegeben, die erste große Bresche in die alte Traditionskirche zu schießen, was nicht durch Geltendmachung eines sogenannten Materialprinzips, heiße dasselbe auch Rechtfertigung aus dem Glauben, geschah, sondern durch alleiniges Hervorheben der heiligen Schrift. Luther hat kein neues Losungswort, keine neue religiöse Anschauung entdeckt, vielmehr hat er die im Staube vergrabene heilige Schrift wieder hervorgeholt, hat ihre Worte mit dem Herzen geglaubt und mit dem Munde bekannt, kurz, er hat das Seinige redlich getan, damit die heilige Schrift allem Volke durch seine Übersetzung und seine Auslegung wieder zugänglich werde. Durch das Mittel einer energischen Schriftforschung, nicht aber durch Verfolgung eines obersten Lehrsatzes, bildete sich die Glaubenssumme, die nachmals symbolisch fixiert wurde. Eins aber hatte dieser Reformator vor seinen Mitstreitern und Nachfolgern in Deutschland voraus, dass er nämlich mit innerem Bedürfnis und mit einem erschrockenen Gewissen, gleich den Heiligen aller Zeiten, die Schrift erforschte und nunmehr, unterstützt durch seine großen Geistesgaben und gedrängt durch die schreienden Bedürfnisse der Zeit, eine große Fülle von Wahrheiten aus dem Schachte der heiligen Schrift zu Tage förderte.
Tod, wo ist dein Stachel? Totenreich, wo ist dein Sieg? 1Kor 15,55

Benutzeravatar
Joschie
Moderator
Beiträge: 5612
Registriert: 28.02.2007 20:18
Wohnort: Hamburg

Beitragvon Joschie » 07.02.2018 11:32

In gleicher Weise wie Luther ging auch Zwingli zur Werke, nur langsamer, behutsamer und je nach dem Maße der ihm verliehenen Gaben. Man vergleiche seine Biographie von Christoffel und dann Zwinglis sämtliche Schriften im Auszuge von Usteri und Vögelin (1819), Wir bemerken, auf Gott gewartet und von der Wirkung des göttlichen Wortes alles erwartet zu haben, das ist das besondere Kennzeichen des Züricher Reformators gewesen. Schon im Sommer 1516 ging Zwingli nach Einsiedeln und begann hier seine reformatorische Wirksamkeit. Dorthin begleitete ihn schon die felsenfeste Überzeugung:
1) dass das Wort Gottes die einzige Richtschnur ist für Glauben und Leben, und 2) dass Christus unser einziges Heil sei. So war bereits im Keime alles vorhanden, was zu gegebener Zeit zu einer Reformation führen musste. Dass es nun in der Schweiz mit der Durchführung der Reformation langsamer ging als in Wittenberg, das lag in Gottes Fügung. Bald wurde ein Elia und Jesaja, bald ein Elisa und Jeremia dem Volke Gottes gegeben. Im Reiche Gottes regiert nicht die Uniformität. Und überhaupt: eigenwillig ergreifen, laufen, wo man nicht gesandt ist, das heiße man nicht die Kennzeichen eines Reformators. So genügte es denn unserm Zwingli anfänglich, den Sauerteig der biblischen Lehre in die Herzen seiner Zuhörer zu senken und im Übrigen den Segen Gottes zu erwarten. In Zürich wurden ganz allmählich die Hemmnisse der evangelischen Wahrheit hinweggeräumt; durch das Wort der evangelischen Predigt hielt Zwingli den Ablaßkrämer Samson von Zürich fern. Das Wort Gottes allein verdrängte auch den Söldnerdienst, welchen die Züricher fremden Potentaten leisteten, und wodurch die städtischen Sitten so sehr verdorben wurden. Endlich, die gesamte Abänderung des Gottesdienstes ging vor sich nach dem göttlichen Worte.
Seit 1523 nahm Zwingli, im Einvernehmen mit der Obrigkeit, weitgreifende Reformen vor, nachdem er zuvor die Gegner in Zürich auf den Mund geschlagen hatte. Die vornehmste Änderung bestand in der Einrichtung der täglichen öffentlichen Schriftauslegung. Die Bilder wurden behutsam aus den Kirchen getragen, die Messe abgeschafft, die Klöster aufgehoben, sodann eine Kirchenzucht und eine Synode eingerichtet, und so ist Zürich reformiert worden.
Wir sehen, die großen dramatischen Effekte der sächsischen Reformation fehlen hier; alles bereitet sich langsam und allmählich vor und kommt organisch, nicht stoßweise zur Ausführung. Alles geschieht überdies nicht über den Köpfen der Gemeinde, sondern die erweckte christliche Gemeinde und deren bürgerliche Obrigkeit reformierte sich eigentlich selbst. Im Stillen, sauerteigartig, darum aber um so sicherer und wahrhaft volkstümlich, setzte sich die Reformation in der Schweiz fest. Nichts wurde übereilt, sondern es reifte alles unter beständigem Aufblick des Reformators zu Gott und trotz aller sich entgegenstellenden Hindernisse. Aber eben darum, weil nichts im Sturm erobert war, sondern jeder Fußbreit Landes dem Feinde abgerungen wurde, ließ man sich auch nicht herbei, mit dem Feinde zu paktieren, oder um seine Anerkennung verlegen zu sein. Es war in Zürich das Gefühl vorherrschend, dass Gott sie zu solchen Dingen berufen habe, dass nicht ihre Kräfte solches ausgerichtet, sondern Gott. (5. Mo. 8,17.18.) Im Vergleich hiermit tritt uns in Wittenberg doch mehr menschlicher Kraftaufwand entgegen. Demut und Bescheidenheit charakterisieren Zwingli bis zu seinem Tode in der Cappeler Schlacht; er hielt seine Person nicht für zu wertvoll, um etwa in der Stadt oder hinter der Schlachtlinie sich verborgen zu halten. Er ging in den Kampf wider die feindlichen Kantone, wie das sein Beruf erforderte, und starb mitten in seinem Berufe, den er als Feldprediger ausübte, als Bürger seiner Stadt: er zeigte sich nicht als ein feiger Mönch.
Tod, wo ist dein Stachel? Totenreich, wo ist dein Sieg? 1Kor 15,55


Zurück zu „Austausch für »reformatorisch« eingestellte Christen“

Wer ist online?

Mitglieder in diesem Forum: Google [Bot] und 3 Gäste