Tägliche Lesung aus der Dogmatik von Eduard Böhl

Nur für Gläubige, die die fünf Punkte des Arminianismus ablehnen

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Jörg
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Die Verherlichung

Beitragvon Jörg » 14.06.2016 16:31

§72.Die Verherlichung

A. Die Heiligung

Auf den richterlichen Akt der Rechtfertigung des Sünders folgt sofort als ein neuer besonderer Akt die Verherrlichung oder „Großmachung“ (287) desselben nach Röm 8,30. Die Verherrlichung gibt uns Anteil an der neuen Schöpfung in Christus, welche herrlicher ist, als die erste in Adam. Man kann von ihr sagen: sie ist geschehen, sie geschieht, und wird geschehen. Sie ist prinzipiell oder ratschlussmäßig geschehen am Kreuz.- (288 ) Sie geschieht - denn Gott will, dass diese Herrlichkeit schon jetzt in den Auserwählten leuchte. Sie wird geschehen – im Jenseits. In ihrer Anwendung auf uns zerfällt die Verherrlichung in zwei Teile, sofern sie sich

1. auf den irdischen Lebenslauf und

2. auf die Vollendung im Jenseits bezieht. Der erstere Teil wird gewöhnlich sanctificatio „Heiligung“ genannt; der zweite heißt glorificatio, d.h. Verherrlichung im engeren Sinn.

Diese Verherrlichung folgt auf die Rechtfertigung in der Weise, dass dem Gerechtfertigten die δόξα oder Herrlichkeit, zu der Christus ihm ein für allemal verholfen hat, geschenkt wird. Eph 2,5.6. Das Endziel der Wege Gottes ist nicht die Rechtfertigung, sondern die Verherrlichung seines Volkes; m. a. W. daß Christus sich darstelle eine Gemeinde, die da herrlich sei – heilig und unsträflich, Lk 1,74.75; vgl. Eph 1,4.6; 5,27. Nun diese Verherrlichung wird im unmittelbaren Anschluss an die Rechtfertigung dem Sünder zuteil, wie nach 1.Mose 1,26 die Gleichheit Gottes mit dem rechten Stande, dem Stande im Bilde Gottes, gegeben war. Die Tochter des Königs ist ganz herrlich inwendig (Psalm 45,14). Dahin gehört ferner der Lobpreis der Braut im Hohenliede (1,5; 4,1). Und zwar steht die Verherrlichung nicht ausschließlich erst am Ende der Christenlaufbahn, sondern bereits am Anfang und folgt der Rechtfertigung auf dem Fuße nach. Es wird auch am Ende der Laufbahn des Christen keine andere Beurteilung des Gerechtfertigten und Geheiligten Platz greifen, als am Anfang, nämlich diese: dass er in Christus und um seines Verdienstes willen heilig sei – nicht aber durch seine Werke, die er etwa hinzugetan hätte. Es heißt nach 1.Kor 1,30 (289) von dem Christen nicht bloß, dass er in Verbindung mit Christus Gerechtigkeit, sondern auch Heiligung und Erlösung in Person sei. Die Heiligung und Erlösung entsprechend dem Ausdruck „Verherrlichung.“ Der durch das Rechtfertigungsurteil in das Bild Gottes versetzte Mensch geht nicht von dem Richterstuhl Gottes hinweg, ohne auch der Herrlichkeit, als eines ihm von Christus erworbenen Gutes, bereits teilhaftig zu werden, m.a.W.: der Anfangs von Adam besessenen Gleichheit mit Gott (s. 1.Mose 1,26). Das speziell die Heiligung der Zweck unserer Berufung sei, beweist 1.Thess 4,7; vgl. Röm 6,22; Eph 5,27. Die Verherrlichung ist eine einmalige, momentane, ganz wie die Rechtfertigung. Die Gott gerechtfertigt hat, die hat er auch verherrlicht, sagt Röm 8,30; der Aoristus bezeichnet eine konzentrierte, momentane Tätigkeit Gottes, die gerade so momentan ist, wie das Rechtfertigen und Berufen. Vgl. Kühner, Griech. Grammatik I, 560 und Winer, Gramm. 6. Aufl. S. 248. Vom gleichen Geheiligtsein als einer abgemachten Sache redet 1.Kor 6,11: ihr seid geheiligt – durch den Geist unsres Gottes. Wenn also der betreffende Mensch gleich nach seiner Bekehrung, oder aber nach diesem dreifachen Wirken Gottes auf ihn, stürbe, so wäre er mit einem Schlage fertig; wie das z.B. der Schächer war: er hat das Ziel erreicht, er ist ein Berufener, Gerechtfertigter und Verherrlichter.
zu.287. Dieses Wort wählte der Lehrer Luthers, Staupitz, in seinen der Reformation vorarbeitenden Schriften – besonders in der Schrift: De praedestinatione. Man könnte auch sagen: zu Ehren bringen.
zu.288. Hebr 1,3 heißt es, dass der Sohn Gottes die Reinigung unsrer Sünden vor seiner Himmelfahrt vollbracht
zu.289. Wir folgen der von Valckenar, Selecta a. h. 1., vertretenen Fassung: Dei beneficio vos fuistis iustificati et sanctificati et redempti per Christum Jesum (s. auch Meyer im exeg. Handbuch).
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Jörg
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Die Verherlichung

Beitragvon Jörg » 21.06.2016 16:06

Anders verhält es sich nun mit der Sache, wenn der Christ sein Leben weiter fortführt. In diesem Fall tritt jener einmalige Akt der Verherrlichung bei ihm in Wirkung und kommt fort und fort im Leben zur Geltung. Und zwar ist es der heilige Geist, der auf allen Umwegen, die der Gerechtfertigte und in Christus Verherrlichte fortan auch macht, dafür sorgt, dass jene einmalige Verherrlichung, die unmittelbar im Anschluss an die Gerechterklärung stattfand, fort und fort zur Geltung komme, ja selbst durch blutrote Sünden (die Gott nicht länger im Wege stehen) wieder hindurchbreche und also bewirkt werde, das der Mensch schließlich doch wieder fleckenlos dazustehen komme. Jes 1,18. Mit anderen Worten: Gottes Geist ist hier der Pädagoge (vgl. Röm 8,14 avgwgh,); von ihm hängt die avgwgh, der Kinder Gottes (ihre Pädagogie) allein ab. Er ist es, der Sorge dafür trägt, dass wir Christus gleichförmig gemacht werden, auf das er wahrhaft ein Erstgeborner unter vielen Brüdern sei, Röm 8,29. Von einem allmählichen Prozess der Heiligung im Wege eines grad- und stufenweisen Fortschreitens oder Eingiessens guter Qualitäten kann dabei keine Rede sein: denn das würde uns wieder unter ein Gesetz (und System) bringen, wogegen Röm 6,14 Einspruch erhebt. Es würde dies zu einem Vertrauen auf die propria novitas, quam Deus efficit, führen, was an Osiander von Melanchthon getadelt wird (ad Coloss. C. 2,23). So aber verläuft hier alles unter des Geistes Führung; und dieser schlägt mit dem einen diesen, mit dem anderen jenen Weg ein. Und zwar verläuft die Sache unsrer Heiligung nicht nach einem Gesetz der Werke oder nach ethischen Vorschriften, so das es doch wieder nach Fleisches Art geschähe, wovor Röm 8,1 warnt, sondern gemäß der Anordnung des heiligen Geistes. Die größten Vorbilder des Glaubens, ein Abraham, ein David, gingen nicht einen methodischen Weg der Heiligung; sie wurden vielmehr durch den Abgrund der Sünde und über die Klippen des Zweifels hingeführt zur Vollendung. Alles handelt sich darum, das man jene einmal erhaltene Berufung, Rechtfertigung und Verherrlichung nicht im Unglauben wegwerfe, sondern stets wieder zu der Gewißheit des Heiles im Glauben hindurchdringe. Das diese Gewissheit uns stets wiederum zuteil werde, dafür sorgt der heilige Geist selbst, in dessen Schule wir uns befinden. Röm 8,16; Gal 4,6.
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Beitragvon Jörg » 28.06.2016 15:51

So behandeln denn auch Mose und die Propheten das Volk (sofern sie dabei auf die Erwählung Gottes blicken) als heilig, 2.Mose 19,6; Jes 6,13; 62,12; Sach 14,20. Ebenso behandeln die Apostel ihre gläubigen Gemeinden nicht immer als Anfänger, sondern sie weisen dieselben meist auf ihren reichen Besitz hin, den sie schon haben. (290 ) So heißen sie Apg 9,32.41 kurzweg Heilige. Dasselbe findet statt in den Überschriften vieler Briefe (auch Hebr 13,24.) Die Apostel sehen dabei nicht auf die Menschen an sich, sondern auf ihr Haupt, das zu dem Vater gesagt Joh 17,22: Ich habe ihnen die δόξα gegeben – die du mir gegeben hast. So verfährt auch Paulus Kol 3,9.10; Eph 4,22-24. Als solche, die ausgezogen haben den alten, und angezogen haben den neuen Menschen, ermahnt er die Kolosser und Epheser. An die Fülle der Güter, die sie besitzen, erinnert er sie mittelst mehrerer Aoriste, welche die Tatsache der Ausziehung des alten und Anziehung des neuen Menschen in den einen Moment verlegen, wo Gott das Urteil sprach, daß sie gerecht und in Verbindung damit heilig seien in Christus. Unsere Glieder, unseren ganzen Organismus, haben wir Gott oder der Gerechtigkeit in den Dienst begeben. Röm 6,18.22. Als mit Christus bereits Auferweckte haben wir nur noch einen Sinn, den Sinn für das, was Christi ist, was er liebt. Kol 3,1.2. Wir sind gestorben und unser Leben (das geistliche Leben in seiner ganzen Fülle) ist verborgen mit Christus in Gott; es ist dort, wo Christus ist, also im Himmel; dort wird unser Leben aus Gott in seiner ganzen Fülle bewahrt und aufgehoben für uns. Kol 3,3.4. In gleicher Weise ruft der Apostel den Korinthern in Erinnerung, nachdem er angedeutet, was für Leute sie vormals gewesen: ihr seid abgewaschen; ihr seid geheiligt; ihr seid gerechtfertigt in dem Namen des Herrn Jesus und kraft des Geistes unseres Gottes. (1.Kor 6,11). Teilhaber göttlicher Natur nennt Petrus die Christen, d.h. Teilhaber an solchen göttlichen Tugenden und derjenigen Vollkommenheit, wie er sie selbst aufzählt. 2.Petr 1,3-8. Und zwar ist dies nicht im Sinne einer unio mystica und Zeugung aus dem Gottmenschen zu fassen (gegen Frank, System II, S. 364), wie denn überhaupt diese ganze unio mystica leicht in eine Übertreibung des richtigen Gedankens ausartet, daß Gott in uns wohnt: 2.Kor 6,16; Joh, 14,23; 17,23.26: ein Gedanke, der sich gänzlich in den nötigen Schranken hält, die dadurch gezogen sind, daß der Schöpfer sich mit einem Wurm verbindet. Kraft der Salbung mit dem heiligen Geist wissen die Christen alles, sagt Johannes im 1. Brief (2,20.27); diese Salbung lehrt sie alles. Ebenso sagt Jesus von den Seinen: sie seien rein um des Wortes willen, das Jesus zu ihnen gesagt, und das nun die Christen mit der Herrlichkeit Jesus belehnt. Das Wort steht hier für das ins Wort gefaßte und verkündete Verdienst Christi zu unserer Errettung, Joh 15,3; 17,22.24. Paulus redet von den Christen als „Vollkommenen“ Phil 3,14; 1.Kor 2,6; und meint damit freilich keine sogenannte sittliche Vollkommenheit, sondern eine in diesem bestimmten Punkt sich erweisende Vollkommenheit; wie man etwa von „Wissenden“ redet, im Gegensatz zu solchen, die nicht um diese spezielle Sache wissen. Und in der Tat ist 1.Kor 2,6 der Gegensatz zu den weltlich Weisen sehr markant. Und so muß denn der Christ sich einer ihm geschenkten Heiligkeit getrösten; er ist heilig durch den Glauben an die Gabe Gottes in Christus und kraft derselbigen, Röm 8,29; 1.Kor 1,30; Hebr 9,13.14; 10,10.14; 13,12. Der Christ hat nur noch nötig, in Werken, die Gott im voraus bereitet hat, zu wandeln. Eph 2,10. So ist denn, wenn wir auf Gott sehen, alles eine abgemachte Sache. Der Christ ist fertig um und um und geht als Geschöpf Gottes, neu in Christus, aus der Hand Gottes hervor, Eph 2,10. Inwiefern nun bei diesem Fertigsein doch noch eine Reinigung nötig ist (1.Joh 3,3; Joh 15,2) darüber reden wir in einem anderen §.
zu.290. Bucer in der Schrift „De baptismate infantium“ am Schluß weist treffend darauf hin, wie Paulus, indem er auf Christum sehe, stets perfectisch rede und das Heil als vollendet
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Beitragvon Jörg » 06.07.2016 16:32

In der Heiligung betätigt sich also an den Christen die gleiche erlösende Liebe des Vaters, die gleiche Gnade Jesus Christi und die gleiche heiligende Gemeinschaft des Geistes Gottes, die wir schon bei der Berufung und Rechtfertigung wirksam gesehen. Das Mittel, durch das auch die Heiligung uns zuteil wird, ist der Glaube, Apg 15,9. So müssen wir denn bei der Betrachtung der wahren Heiligung oder der Verherrlichung im engeren Sinne auf Gott unser Absehen haben, und nicht auf uns selbst; wir müssen blicken auf die Verheißung Gottes und nicht auf das Gesetz oder auf eine evangelische Sittenlehre. Die Heiligung ist nicht eine Art von Nachtrag zur Rechtfertigung, den der Mensch, wenn auch mit Hilfe der Gnade, selber zu liefern hätte zum Beweis dafür, daß das rechtfertigende Urteil Gottes an ihm vollzogen sei. (291) Vielmehr ist die Heiligung ebenso etwas, das aus Gott in Christus durch Wirkung des heiligen Geistes in uns zustande kommt, wie die Rechtfertigung. Täglich, immerdar müssen wir uns im Gebet nach den Heiligkeitsgütern Christi, dieser vollen uns ein für allemal zugesicherten Ernte, ausstrecken; als die Kranken müssen wir uns ausstrecken nach der Gesundheit in Christus, als die Nackten begehren nach der Bedeckung in Christus, als die Gesetzlosen nach der Erfüllung des Gesetzes, die in Christus vorliegt. In dieser Weise kommt es zu einer täglichen Erneuerung, von welcher Paulus redet in 2.Kor 4,16. In welcher Weise also vollzieht sich die Sache unserer Heiligung in der Praxis? Kommen wir dieser Frage auf den Grund, so liegt die Sache also : Von Gott, durch Christus, im Weg der Mitteilung seitens des heiligen Geistes kommt die Verherrlichung der Christen zustande; Gott wirkt in ihnen das Wollen und das Vollbringen; (292) von ihm erwarten wir unsere guten Regungen, Gedanken und Werke heute, morgen und immerdar. Er hat sich unser einmal angenommen, hat seinen Namen schon in der Taufe auf uns gelegt; hat uns berufen und gerechtfertigt, und so wird er uns denn auch verherrlichen, d.h. mit Ehren durchbringen durch dieses Leben bis ins Jenseits hinein, Röm 8,30. Er wird das einmal angefangene Werk vollenden, uns zurichten, ja wird selber in uns tun das, was vor ihm wohlgefällig ist, durch Jesus Christus, Hebr 13,21; Phil 1,6; 2,13; 2.Kor 3,5; vgl. insbesondere Hes 36,27: Ich will bewirken, daß ihr wandelt in meinen Geboten (durch den Geist Gottes).

zu.292. Phil 2,18; womit zu vgl. 1,6.
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Beitragvon Jörg » 12.07.2016 18:16

Wo das nun feststeht – da ist es nur Pflicht der Dankbarkeit, wenn wir auf allen unseren Wegen, bei all unserem Wirken Gott, den gnädigen Vater und versöhnten Wohltäter, wie nicht minder Christus im Gedächtnis behalten und immer dort wieder um die Heiligung nachsuchen, wo wir einmal sie gefunden. Wir dürfen also nie vergessen, wozu wir Christen da sind, nämlich um zu verkündigen die Tugenden dessen, der uns berufen hat: 1.Petr 2,9, oder zum Lobe der Herrlichkeit seiner Gnade zu dienen (Eph 1,6.12). Seine Macht, kraft deren er alles wiederhergestellt, uns aus der Finsternis zu reißen gewußt und uns zu einem Gefäße der Ehren zu machen verstanden hat – diese seine Macht, und nicht die unsere, sollen wir, auch wo es sich um die Heiligung handelt, allein verkündigen. Wir dürfen ferner nie vergessen, daß wir einmal durch Gottes Gnade umgeschaffen und mit Christus auferweckt sind, und zwar dazu, daß wir unser Leben, auch unsere Heiligung fortan nur suchen bei dem, der alles für uns erworben hat und aufbewahrt im Himmel. Kol 3,1ff. Kurz das ganze Leben soll ein Leben des Glaubens in Christus Jesus und dessen ganzes Verdienst sein.(293) Von ihm, dem Haupte, fließt die Kraft zu allem Guten, Kol 2,19. Aber freilich die Kraft bleibt in ihm; sie wird uns selbst nicht immanent, sondern vermittelt wird sie täglich und immerdar durch das Gebet.
zu.291. Trefflich bemerkt in dieser Beziehung Calvin, Inst. III,18,1: Operandi vocabulum (das den Wiedergebornen z.B. Joh 6,27 beigelegt wird) nequaquam opponi gratiae, sed referri ad studium: ac proinde non sequitur, vel fideles ipsos esse salutis suae autores, vel ab ipsorum operibus eam emanare. Quid ergo? Simulatque per evangelii notitiam et Spiritus sancti illuminationem adsciti sunt in Christi consortium, inchoata est in illis aeterna vita. Jam „quod in illis bonum opus inchoavit Deus, et perfici oportet usque in diem Domini Jesu.“ Perficitur porro quum iustitia et sanctitate referentes Patrem coelestem, se filios eius non degeneres esse probant; d.h. wenn sie das Bild ihres himmlischen Vaters durch Heiligkeit und Gerechtigkeit reflektieren und so sich als seine legitimen Kinder erweisen.
zu.292. Phil 2,18; womit zu vgl. 1,6.
zu.293. Vgl. Calvin, Inst. IV,15.12.

Das Gebet ist ein Eintreten bei Gott für uns und alle unsere Angelegenheiten, ein stetiges Hintreten zu Gott, unter Vorhaltung seiner Verheißungen; es ist ein fortwährendes Seufzen um Licht und um Luft, damit man weiter leben möge vor dem Angesicht Gottes. Das Gebet ist ein Schreien, ein Seufzen, ein Fragen, dann wieder ein Anbeten, ein Danken oder ein Jauchzen, und zwar immerdar vor dem Angesichte Gottes, wobei die Zunge oftmals ganz schweigt, aber wobei das Herz desto mehr in Bewegung ist. Daraus erklärt sich denn auch des Apostels Forderung: betet ohne Unterlaß, 1.Thess 5,17; 2,13. Zwar ist uns in Christus alles bereitet, die Fülle ist da in Christus, ja, derselbe vertritt uns bei dem Vater. Dennoch aber ist Christi Verdienst nicht ein Ruhekissen für unsere Trägheit, sondern er macht unserem Gebete im Himmel Bahn und gibt uns Freimut, nicht das wir fortan in Stumpfsinn versinken, sondern damit wir nun, da es die rechte Zeit ist, 2.Kor 6,2, zu dem Vater im Himmel uns wenden und aus der Fülle Christi schöpfen, und zwar Gnade um Gnade, Joh 1,16. Dieses unser Gebet, wo es rechter Art ist, nämlich vom heiligen Geiste gewirkt, besteht dann oft nur aus Seufzern, die nicht unter Worte zu bringen sind, die Gott aber dennoch hört, da er die Meinung des heiligen Geistes versteht, Röm 8,26.27.
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Beitragvon Jörg » 19.07.2016 16:01

In unseren Gebeten aber, wo sie rechter Art sind, werden wir Gott im Glauben als Vater anrufen um alles, was nötig ist für die geistliche und leibliche Wohlfahrt, und um was zu bitten wir von Gott selber angewiesen sind. Jak 1,5.6; Mt 6,6-9; 7,7-11; Lk 18,1-8; Phil 4,6; Eph 6,18.8 (294)Zweitens werden wir unser eigenes Elend und unsere Sünde vor dem Angesichte Gottes gründlich anerkennen und uns darob vor ihm demütigen; Lk 18,13; Ps 51,3-7. – Drittens endlich werden wir beim Beten auf diesem festen Grunde stehen, dass Gott unser Gebet, obschon wir dessen unwürdig sind, doch um des Verdienstes Christi willen gewiß wolle erhören wie er solches in seinem Worte verheißen: Joh 16,23-27; 15,7; Hebr 13,15; 7,25. Vgl. Heid. Kat. 117.
zu.294. Solche Gebete s. in Ps 119,80; 51,12ff. 1.Kön, 8,57f.; 2.Thes 3,5.


So offenbart sich denn im Gebet allernächst der Glaube. Weiter offenbart sich im Gebet die Liebe. Es wird offenbar, daß die Liebe, mit welcher Gott uns zuerst geliebt, 1.Joh 4,19; Röm 5,5, von unserer Seite erwidert wird. Wir können nicht anders, als zu dem Gegenstand unserer Liebe uns hinwenden, besonders in Not und Anfechtung. Dabei hat die Liebe des Christen zu Gott die heilige Furcht nicht ausgezogen, die der Weisheit Anfang ist. Diese Liebe schwelgt nicht in sogenannten Gefühlen der Gottesnähe, wobei ja Glauben zum Schauen würde, sondern sie erwartet das Schauen Gottes erst im Jenseits, 1.Joh 3,2. Inzwischen aber erweist sich die Liebe zu Gott im heißen Gebet zu ihm. Im Gebet offenbart sich endlich auch die Hoffnung. Der Glaube vermittelt uns die unsichtbaren Güter in der Weise, daß wir sie als gegenwärtig an unseren Herzen empfinden. Die Hoffnung dagegen hat ein weiter gestecktes Ziel; sie streckt ihre Fühlhörner weiter hinaus als der Glaube. Der Hoffende wartet auf das endliche Eintreten der Verheißungen Gottes, wenn er auch nichts davon sieht und fühlt.(295) Diese Hoffnung betätigt sich im Gebet, wodurch man im Leiden der Gegenwart sich beschwichtigt und auf die Zukunft vertröstet im Vertrauen auf Christus und nicht auf das eigene Verdienst. Außer Zusammenhang mit dem Gebet wäre dieses Zuwarten der Hoffnung aber bald gebrochen, sie würde unlebendig, stoisch; erst das Gebet gibt der Hoffnung fortwährend zu erfahren, daß Gott, auf den man hofft, lebt und ein Erhörer ist. Röm 8,23-25.
zu.295. Vgl. Calvin III. 2, § 42, 43.
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Beitragvon Jörg » 26.07.2016 16:28

Ein Kompendium dessen, was wir von Gott zu erbitten haben, liegt vor im „Unser Vater“, auf dessen vorzügliche Auslegung im Heidelberger Katechismus von Frage 118-129 zu verweisen ist. Im Gebet also nehmen wir alles das in uns herüber, was Gott zu unserer Heiligung oder Verherrlichung in Bereitschaft hält. Es macht uns das Gebet ferner auch, wie wir gleich sehen werden, die himmlische Herrlichkeit und das ewige Leben gegenwärtig, ja in ihm genießen wir das ewige Leben dem Anfange nach. Denn es ist ein bereits hienieden stattfindendes Reden mit Gott und ein Nehmen aus seiner Fülle, wie wir es dort im Jenseits ewiglich tun werden.

Was nun schließlich die Dauer, oder Kontinuität dieser Heiligung des Gerechtfertigten betrifft, so ist sie als eine von vornherein uns geschenkte Gnadengabe (vgl. evdo,xase in Röm 8,30) auch eine unaufhörliche oder unverlierbare. Dies liegt zunächst darin begründet, daß der heiligende Geist „Gott“ ist und sein einmal angefangenes Werk in uns, die wir ihm nicht entgegenkamen und nichts boten, auch vollführen wird bis auf den Tag Christi, trotz unserer Sünde und unseres Widerstandes: Phil 1,6. Er ist Gott, und so sind seine Wirkungen von ewiger Dauer. Auf diese Unverbrüchlichkeit des Gnadenstandes oder auf die perseverantia sanctorum führen auch noch Stellen wie Mt 24,22.24; Mk 13,22; Joh 10,28.29; 17,12; 1.Kor 1,8; 2.Tim 1,12 ; 1.Petr 1,5. Röm 8,35-39 heißt es u.a., daß weder Gegenwärtiges noch Zukünftiges noch irgend eine Kreatur uns – die Gerechtfertigten und Verherrlichten (Geheiligten) – würde trennen können von der in Christus uns zuteil gewordenen Liebe Gottes. Verbürgt wird uns diese perseverantia durch das Fürbitteramt Christi im Himmel, wovon schon der Heiland auf Erden ein so herrliches Abbild uns gegeben in Joh 17 und in seiner Bitte für Petrus, Lk 22,31f. (vgl. Joh 18,9). Ferner heißt es, daß die Gerufenen kraft des Todes Christi ein ewiges Erbe zu erwarten haben. Hebr 9,15. Ferner besteht (1.Joh 3,9) der Charakter des aus Gott Geborenen darin, daß er nicht Sünde tut, denn sein Same – der Same der Wiedergeburt bleibt in ihm, und er kann nicht sündigen: denn er ist aus Gott geboren. „Er kann nicht sündigen“ hat in diesem Zusammenhang die Bedeutung, daß er nicht wieder auf den einmal verlassenen Weg zurückkehrt, wo man neben der Gerechtigkeit aus dem Glauben Gerechtigkeit aus Werken eines Gesetzes suchte, wo man den Jesus verkannte, der im Fleische gekommen, um die volle Genugtuung zu erwirken, wo man von der rechten brüderlichen Gemeinschaft sich fern hielt aus Furcht vor Einbuße an zeitlichen, irdischen Vorteilen und aus Liebe zu der Welt. (Vgl. den ganzen ersten Johannesbrief). Endlich liegt es in der ganzen Art und Beschaffenheit des Gnadenbundes, dass er alles Zeitliche und Ephemere abgestreift hat und nicht abermals auf das „Tun“ der Kreatur abgestellt, sondern ewig ist, wie derjenige, der ihn in Christus mit uns geschlossen hat. (s. Jer 31,33-37; 32,40; Hes 36,27ff.; Hebr 10,14-17).

Das diese Lehre von der perseverantia von den berühmtesten Vätern im Streit mit den Pelagianern behauptet wurde, ist bekannt (vgl. die Stellen bei Forbesius, Instruct. theol. l. VIII, Kap 19-22; ferner Calvin II,3,11; II,5,3; Heppe a. a. O. Loc. XXIII). Erst die römisch-trident. Lehre verwirft dieselbe als eine eitle Anmaßung, vgl. Bellarmin, de iustific. 1,4; 3,14 ss.
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Beitragvon Jörg » 02.08.2016 15:42

B. Die Verherrlichung im engeren Sinne

Es folgt jetzt der zweite Teil der Verherrlichung, der sich auf das Jenseits bezieht. Die Hauptmomente sind die Gabe des ewigen Lebens, die Auferstehung des Fleisches und die Verklärung des Leibes. Verherrlichen hat nämlich auch den Sinn, dass jemand wieder zu Ehren gebracht werde. Durch Adams Fall ging der Mensch aller Ehren verlustig; er ermangelte der δόξα θεοῦ, der Herrlichkeit Gottes(296) Röm 3,23. Und dessen bedarf ja der gefallene Mensch nicht bloß der Seele, sondern auch dem Leibe nach. Es soll beides wieder zu Ehren kommen bei den Gerechtfertigten. Da besteht nun die Verherrlichung der Seele darin, daß sie das ewige Leben vor Gottes Angesicht genießt und aus diesem Anblick eine Fülle der Freude entnimmt (Ps 17,15, vgl. Ps 16,11)(297); daß sie, durch den Glauben der Heilsverdienste Christi hiernieden teilhaftig geworden, nunmehr Frieden mit Gott hat, von ihm nicht mehr gerichtet wird, und somit ein Leben nur fortsetzt, dessen Anfang schon hier auf Erden geschmeckt wurde: Joh 5,24; 3,36; 6,40; vgl. Röm 5,1f. Dieses Leben besitzt die Seele aber hiernieden in der Hoffnung, Röm 8,24; das Eigentliche beginnt für die Gerechten erst mit dem Tode. 2.Kor 5,8. Die Verherrlichung des Leibes beginnt mit der Auferstehung am jüngsten Tage und der darauffolgenden Verklärung der Leibesgestalt, wodurch sie ähnlich wird dem Leibe Christi in der Herrlichkeit. Phil 3,21. Damit erreicht die Herrichtung des ganzen Menschen nach dem Bilde Christi, die nach Röm 8,29 von Gott von Anfang an bezweckt war, ihr Ziel. Auch auf diese Herrlichkeit, als auf ein letztes Äußerstes, hoffen wir hier auf Erden schon – unter vielem Seufzen: Röm 8,23.
zu.296. S. o. S. 188.
zu.297. Zu Ps 17,15 und dessen Deutung auf das ewige Leben, vgl. Hofmann, Schriftbeweis II, 2,S. 494.

Angehoben hat jene Zubereitung der Christen nach Maßgabe des Bildes Christi mit der Heiligung auf Erden; fortgesetzt wird sie bei der Erlangung des ewigen Lebens in der Gemeinschaft mit Gott; vollendet wird sie mit der Auferstehung und der Verklärung des Leibes. Alle drei Momente sind aber nur Bestandteile einer und derselben Verherrlichung, die dem Gerechtfertigten zufolge Röm 8,30 ein für allemal gegeben wird, aber also, dass sie zur Geltung kommt in einer gewissen Ordnung, die Gott ihr gesetzt hat.

In welcher Weise Gott die Verherrlichung des Gerechtfertigten schließlich zur Geltung kommen lässt, das werden wir näher in der Eschatologie, dem letzten Teile der Dogmatik, untersuchen.
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§ 73. Der Mensch an und für sich nach der Bekehrung

Beitragvon Jörg » 09.08.2016 15:58

§ 73. Der Mensch an und für sich nach der Bekehrung


Wir verfahren hier ganz wie oben in der Anthropologie § 33 und 34, wo wir auch zuerst das Bild Gottes und die Gleichheit Gottes betrachteten und sodann den Menschen nach den verschiedenen Momenten seines Wesens.



Wir haben in den drei letzten Paragraphen die Berufung, Rechtfertigung und Verherrlichung des Menschen betrachtet, und der Zusammenhang mit den § 33-34 ist evident. Der Mensch hatte durch die aversio a Deo die iustitia originalis verloren und verharrt nun im Zustande des Todes, der sich äußert in der Übertretung der zwei Tafeln des Gesetzes, bis er gratis iustificatus propter Christum die verlorene Stellung wiedererlangt hat, um sodann heilig und untadelig zu sein vor ihm, Eph 1,4, d.h. Gott zu fürchten und, in dem Dienst gegen seinen Nächsten, zugleich Gott zu dienen und über die Welt, Tod und Teufel zu herrschen. Es hat Gott seine erste Absicht, die er mit dem Menschen laut 1.Mose 1,26 hatte, trotz Adams Fall, in Christus vollkommen realisiert. Nun könnte es jedoch scheinen, als ob von dem Wesen des Menschen, das er an und für sich besitzt, keine Erwähnung mehr zu geschehen hätte. Ist denn nicht der Mensch schon über alles hinweggesetzt und Bürger des Himmelreiches; könnte da noch von etwas Eigenem, von etwas, das nicht göttlich wäre, bei ihm die Rede sein? In der Tat ist er, als ein Christus durch den Glauben Einverleibter, eine neue Kreatur; das Alte ist vergangen und alles neu geworden: 2.Kor 5,17; Gal 6,15. Und in Gottes Augen, der ja eben von vornherein auf Christus und sein Heilsverdienst geblickt und deshalb unsere Sünden, ja unsere ganze sündige Art gnädiglich bedeckt, ist auch kein Fluch, kein Verdammungsurteil und kein Zorn mehr vorhanden. Denen gegenüber, welche er gerechtgesprochen um Christi willen; vgl. z.B. Röm 5,1; 8,1. Ja vielmehr, in Gottes Augen folgte, wie wir gesehen, auf die Rechtfertigung aus dem Glauben nexu individuo (sofort), wenn auch nicht als in eins mit ihr zusammenfallend zu denken – die Verherrlichung (resp. die Heiligung). Mit ihr aber trat jene große Änderung ein, daß nunmehr der heilige Geist uns erleuchtete Augen des Verständnisses gibt, womit wir die Hofffnung unsrer Berufung und den Reichtum unsres Erbteils erkennen und jener Kraft an uns im Leben inne werden, die Gott gewirkt in der Auferstehung Jesu Christi, Eph 1,18ff.; Phil 3,10f.
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§ 73. Der Mensch an und für sich nach der Bekehrung

Beitragvon Jörg » 16.08.2016 15:49

Das 6. Kapitel des Römerbriefes zeigt uns, daß die Sünde für den Gläubigen abgetan ist, und zwar nicht in jener hölzernen Weise, in der alte Dogmatiker wohl von der Rechtfertigung reden als etwas, das im weiten Umkreis um uns her sich abspielte, so daß wir nur ganz vereinzelt von dem Notiz zu nehmen hätten, was in der Peripherie geschah. Nein, gleich V.1 begegnet der Apostel der ängstlichen Frage der Gläubigen: ob wir in der Sünde beharren würden, mit einem energischen: Das sei ferne! Und sofort läßt er den Edelstein der Genugtuung Christi von allen Seiten vor ihren Augen funkeln. Er verwertet zuvörderst die Taufe, um zu zeigen, wie sie kraft derselben in Gemeinschaft mit dem Tode und der Auferstehung Christi getreten, so daß ihr alter Mensch mit Christus, dem Haupte, gekreuzigt sei, und sie also nicht mehr der Sünde dienen würden (V.3-6). Denn wer gestorben – auf den habe die Sünde kein Recht mehr (V.7).

Ja vielmehr, leben würden sie nunmehr mit dem Haupte, Christus (V.8), in der Gewißheit, daß dieses Haupt fortan nicht stirbt, sondern des Todes ledig ist (V.9). Denn einmal starb er, und das tat er eben jener Sünde wegen, – ihr die Kraft zu nehmen, uns zu verdammen und in uns zu herrschen, wozu ihr Gottes Zorn das Recht verlieh. Und zwar starb er so, daß es für immer genug war, zu einem Mal – fortan lebt er aber Gott. Und ebenso nun, wie Christus, das Haupt, in bezug auf die Sünde tot und nur Gotte lebendig ist – also betrachtet auch ihr (die Glieder) euch als der Sünde tot und nur Gott lebendig in Christus Jesus, unsrem Herrn (V.11). Von V.12-23 variiert der Apostel unter Anwendung verschiedener Bilder den segensreichen Satz, daß die Sünde aus dem Zentrum gerückt sei und nicht über uns zu regieren habe, sintemal (nach V.14) wir nicht mehr unter Gesetz – das heißt gemäß eigenwilliger Deutung und Handhabung desselben – sondern unter Gnade sind. Unter diesem neuen Regime, das Christus uns in der früher beschriebenen Weise erworben, erfährt der Gläubige so gewiß die volle Instandsetzung zum Fruchtbringen bis ins ewige Leben hinein (V.22), wie er zuvor eine eminente Befähigung darin gezeigt, um dem Tode Früchte zu zeitigen (V.21). Daß dies geschieht, liegt an dem veränderten Standpunkt, wonach der Gläubige nicht mehr unter Gesetz, welches Sünde und Tod nur steigert, sondern unter der neuen lebendig machenden und lebendig erhaltenden Herrschaft der Gnade steht (V.14).
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Jörg
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§ 73. Der Mensch an und für sich nach der Bekehrung

Beitragvon Jörg » 23.08.2016 16:22

Aber dennoch, trotz solcher Zusagen, wie Römer 6 sie gibt, bleibt der Mensch – Mensch und verliert seine Art nicht. In der Wiedergeburt wird die Substanz des Menschen nicht geändert. Eine Eingießung neuer Kräfte, religiöser Qualitäten und Dispositionen findet keineswegs statt. Das ist Osiandrisch und römisch.(298 ) Die Kraft der Auferstehung Christi erweist sich zwar an uns, die wir glauben, aber sie fließt nie auf uns über, sondern verbleibt in Christus, dem Haupte, und wird dann den Gläubigen im Leben zugewendet – durch den heiligen Geist. Unter die Herrschaft der Gnade ist der Christ zwar gestellt, aber als Mensch, als immerdar noch im Fleisch Lebender, Röm 7,14. Der Schwerpunkt wird in der nun anhebenden neuen Ordnung der Dinge nicht verrückt. In Christus und seinem Verdienst liegt dieser Schwerpunkt; es soll Christus allein der Mittler sein und bleiben. Der Mensch dagegen mit allem seinem Wirken soll nie in Betracht kommen können an und für sich, und als ob er etwas vor Gott geworden wäre (qualitas inhaerens), oder irgend Ruhm vor ihm hätte. Christus ist und bleibt die Achse, um die unser ganzes Heil sich dreht. Gal 2,20.21. Es gibt ja nämlich schon seit dem Protevangelium kein Gesetz mehr, das Gott dem Menschen auferlegt hätte zu dem Zweck, daß er durch dasselbe gerecht würde; Gott hat das Evangelium von Christus gegeben, und durch den Glauben an dasselbe fällt uns alles zu, auch die Erfüllung dessen, was das Gesetz als sein Recht fordert: Gal 3,22; Röm 8,3.4. Wofern aber der Mensch nach der Rechtfertigung eine Heiligung sich selbst erwerben wollte durch eigenes Wirken – so hörte Gnade auf, Gnade zu sein, Röm 11,6, vgl. 4,4. Wo immer der Mensch auch nur Miene macht, etwas vor Gott zu gelten, oder mit Hilfe Christi, der ihm als Hebel dient, eine Stufe erstiegen zu haben vor Gott, oder auch nur Miene macht, etwas zu wollen als aus sich selbst: da wäre die Gnade in ihrer alleinigen Wirksamkeit abgeschafft und Christus umsonst gestorben: Gal 2,21. Der Mensch wäre wieder unter ein Gesetz (Regime) geraten, aus dem er doch befreit worden. – Dem ist nun entgegenzuhalten das Wort: Er muss wachsen – ich aber muss abnehmen (Joh 3,30), und zwar ist dies eine beständige Regel im Reiche Christi.(299)

zu,298. Luther fügt zu Melanchthons bekanntem Brief an Brenz (Corp. Ref Il, 502) bei: auch er stelle sich die Sache – von der Rechtfertigung vor Gott – so vor, als ob gar keine Qualität in seinem Herzen sei, die Glaube oder Liebe heiße, sondern an die Stelle hiervon setze er Christum und spreche: haec est iustitia mea, ipse est qualitas et formalis, ut vocant, iustitia mea, ut sic me liberem ab intuitu legis et operum. – Sic dicit: Ego sum via, veritas et vita. Non dicit: ego do tibi viam, veritatem et vitam, quasi extra me positus operetur in me. Talia in me debet esse, manere et vivere, loqui non per me, an (seu?) eivj evme, 2.Kor 5, ut essemus iustitia in illo, non: in dilectione aut donis sequentibus. Von dieser Position Luthers ist auch bei der Heiligung nicht abzugehen, sonst würde ja in dieser Lehre alles bei der Rechtfertigung gesagte wieder zurückgenommen.

zu.299. Sehr treffend spricht Melanchthon in seinen klassischen Ausführungen in der Apologie 84 von diese Fortschritt im Rückschritt, wo er vom Herabziehen der Decke Moses spricht (2.Kor 3,15): Tunc autem detrahitur nobis hoc velamen, quando Deus ostendit cordibus nostris immunditiem nostram et magnitudinem peccati. Ibi primum videmus nos longe abesse ab impletione legis. Ibi agnoscimus, quomodo caro secura atque otiosa non timeat Deum, nec vere statuat nos respici a Deo. – Ibi experimur, nos non credere, quod Deus ignoscat et exaudiat. Quum autem audito evangelio et remissione peccatorum fide erigimur, concipimus Spiritum sanctum, ut iam recte de Deo sentire possimus, et timere Deum et credere ei. Ex his apparet, non posse legem sine Christo et sine Spiritu sancto fieri. – Und ibid.p.84. 11: Quare uon potest lex vere fieri nisi accepto Spiritu sancto per fidem. – Dieses Sachverhältnis ändert sich niemals; der heilige Geist ist stets und bleibt die alleinige Garantie, daß wir sowohl in der Demut fortschreiten, als auch daß das Gesetz trotzdem von uns erfüllt wird. Ebenso zeigt Melanchthon, Apologie 134, daß seine Gegner nichts Rechtes von den Fortschritten, die der Glaube auf Erden macht, wüßten. Haec fides, de qua loquimur, existit in poenitentia, et inter bona opera, inter tentationes et pericula comfirmari et crescere debet, ut subinde certius apud nos statuamus, quod Deus propter Christum respiciat nos, ignoscat nobis, exaudiat nos. Haec non discuntur sine magnis et multis certaminibus – ubi testatur experientia, quam difficilis res sit fides. Et dum inter terrores (conscientiae) erigimur et consolationem concipimus, simul crescunt alii motus spirituales, notitia Dei, timor Dei, spes, dilectio Dei, et regeneramur, ut ait Paulus (Kol 3,10; vgl. 2.Kor 3,18), ad agnitiollem Dei, et intuentes gloriam Domini transformamur in eandem imaginem, id est, concipimus veram notitiam Dei, ut vere timeamus eum, vere confidamus, nos respici, nos exaudiri. Haec regeneratio est quasi inchoatio aeternae vitae, ut Paulus ait Rom. 8,10: Si Christus in vobis est, spiritus vivit, corpus autem mortuum est etc. – Ex his candidus lector iudicare potest, nos maxime requirere bona opera, siquidem hanc fidem docemus in poenitentia existere et debere subinde crescere in poenitentia. Et in his rebus perfectionem christianam et spiritualem ponimus, si simul crescant poenitentia et fides in poenitentia. Haec intelligi melius a piis possunt, quam quae de contemplatione aut perfectione apud adversarios docentur
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§ 73. Der Mensch an und für sich nach der Bekehrung

Beitragvon Jörg » 30.08.2016 16:15

Daraus folgt dann, daß es der Mensch an und für sich zu nichts bringt; der Bekehrte trägt so wenig eine ihm inhärierende Heiligkeit, als eine eingegossene Gerechtigkeit (iustitia infusa) mit sich herum – keine natura divina Osianders. Nein, der Mensch bleibt an und für sich, auch im Stande der Bekehrung, Fleisch, Röm 7,14. So hat der Weingärtner (Gott) auch einen jeden, der da Frucht bringt, immer wieder zu reinigen, dass er mehr Frucht bringe (Joh 15,2); d.h. er hat dasjenige wegzunehmen, was der Wirkung des heiligen Geistes im Wege steht; m. a. W. das Fleisch muss beständig getötet werden. Der Mensch wird nie durch eigene gute Werke das göttliche Wohlgefallen erwerben können, sondern nur, was die Hand des Glaubens von dem Verdienste Christi in der Kraft des heiligen Geistes ergreift, bewirkt zunächst – wie wir bei der Rechtfertigung sahen – dass der Gottlose bestehen kann in Gottes Gericht. Röm 4,5. Das neue Leben nun in Heiligkeit und nach dem Willen Gottes, das in dem Menschen alsdann durch den heiligen Geist beginnt, ist nicht aus einem in den Menschen verlegten sogenannten Prinzip (300) des neuen Lebens, sondern aus der Quelle, die Christus in persona ist, geflossen und auch fort und fort abzuleiten. In diesem Sinne befiehlt der Apostel (301) den Christen, sich für solche zu achten, die da Tote seien der Sünde gegenüber, so daß also der Verband, in dem sie früher mit der Sünde standen, zerrissen ist (V.10) – dagegen sollen sie sich achten als solche, die Gott lebend seien in Christus. Röm 6,11. So sagt er a. a. O.: unser Organismus sei tot, aber der uns einwohnende (heilige) Geist sei Leben (Röm 8,10); er sagt Kol 3,5: getötet sollt ihr haben (Aorist) eure Glieder, die auf Erden sind, Hurerei, Unreinigkeit, böse Leidenschaft, böse Lust und den Geiz. Ein allmähliches Absterbenlassen dieser Glieder würde auf Möncherei führen. Es teilt also der Apostel unserem alten Menschen die einzelnen Sünden als ebenso viele Glieder oder als Organe seiner Betätigung zu und verlangt, dass wir diesen ganzen Organismus in dem Tode belassen sollen, in welchem er liegt, sofern wir ja nach der Auseinandersetzung in V.3 und Kap 2,11.12.20 gestorben sind mit Christus an seinem Kreuze und begraben mit ihm.
zu.300. Melanchthon in ep. ad Rom. zu Kap 6,1 bemerkt u.a.: Nec significat novitas cogitationes et motus rationis sine Spiritu sancto, nec significat Spiritus „rationem“, sed tertiam personam Divinitatis, quam aeternus Pater dat per Filium in corda nostra. – Der heilige Geist trennt sich nicht von seinen Gaben, sagen wir.
zu.301. Behufs der richtigeren Auffassung von Röm 6 vgl. besonders Beza, Annotationes zu V 3-5 und 10-11.
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§ 73. Der Mensch an und für sich nach der Bekehrung

Beitragvon Jörg » 19.09.2016 15:05

Um das Wesen des Menschen an sich nach der Berufung, Rechtfertigung und Glorifikation zu begreifen, ist besonders Röm 7 von großem Gewicht. Dieses Kapitel redet von dem Wiedergebornen. (302) Ich weiß, sagt Paulus 7,18, und zwar von der Gegenwart – ich weiß, daß in mir, das ist in meinem Fleisch, wohnt nichts Gutes. Durch die nähere Bestimmung „in meinem Fleisch“, die zu dem „ἐγώ“ hinzutritt, will Paulus sein Ich nicht etwa teilweise reinigen und entschuldigen,(303) sondern er will nur offen lassen: dass außerdem ja der heilige Geist auf sein inneres Leben Einfluß hat und insofern in ihm dennoch Gutes gewirkt werde. Sein „Ich“ selber preist er hier nicht, sondern stellt es vielmehl sehr bloß. Das Ich hat völlig die Direktive verloren; es ist gleichsam völlig aus dem Sattel gehoben; es kann durchaus nicht, was es will, Röm 7,20; der Sünde ist die Herrschaft eingeräumt, und dieselbe wird nur durch den heiligen Geist ihr entrissen. Fleisch und heiliger Geist sind nach Gal 5,17 in den Gläubigen in einem derartigen beständigen Konflikt, dass diese gar nicht imstande sind, zu tun, was sie wohl wollten (vgl. Röm 7,19). Dem Fleisch ist durch Christi Tod zwar die Herrschaft aufgekündigt; der heilige Geist macht seine Herrschaft geltend im Menschen; ein anderes Gesetz – das Gesetz des Geistes des Lebens in Christus – hat uns befreit vom Gesetz der Sünde und des Todes (Röm 8,2); aber des Menschen Ich ist leider zwischen beiderlei Gesetz zu sehr geteilt, als daß es einen und denselben Weg stets einhielte und also dem heiligen Geist Recht zu geben im Stande wäre aus sich selber.
zu.302. Daß dies Kapitel nicht von den Erfahrungen des Unwiedergeborenen redet, steht außer Frage. Den Unwiedergebornen Worte in den Mund zu legen, wie: „Wollen habe ich wohl, aber vollbringen das Gute finde ich nicht“ – wäre für einen Mann wie Paulus unleidlich: das hieße Christus nur zum Hebel für das Vollbringen des Guten machen. Erst im Munde des Wiedergeborenen, der solche Worte in tiefstem Schmerz ausspricht, haben die Worte des Paulus in Röm 7,14ff. einen guten Sinn. Vgl. auch, was auf S. 253 über die richtige Auslegung von Röm 7 gesagt wurde. Die alte reformierte Erklärung dieses Kapitels hat, wie Tholuck (zu Röm 7,7) sehr mit Recht hervorhebt, einen beredten Verteidiger gefunden in Dr. Kohlbrügge, Das 7. Kapitel des Briefes Pauli an die Römer, 1839, dritte Auflage 1855.
zu.303. Er will auch nicht etwa zwei Ich aufstellen, ein wiedergeborenes und ein sündiges Ich – ein altes Ich im Fleische und ein anderes des neuen Menschen – solches würde die Einheitlichkeit der Person aufheben und die Zurechnung der Sünde einerseits, der Gerechtigkeit Christi andrerseits unmöglich machen.
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Beitragvon Jörg » 27.09.2016 15:59

Es meldet sich beständig das Gesetz in unseren Gliedern, welches da widerstreitet dem Gesetz in unserem Gemüt und nimmt uns gefangen unter das Gesetz der Sünde, das in unseren Gliedern ist. Es steht hier Gesetz gegen Gesetz, Regime gegen Regime – und das Ich kann sich aus sich selbst für keines der beiden entscheiden. Das Fleisch des Menschen, in dem nichts Gutes wohnt, kann nur noch getötet, nimmermehr jedoch geheiligt und ein heiliges Fleisch werden. Gal 5,24. Darum handelt es sich auch allein, dass der Christ stets im Glauben dies anerkenne und festhalte: dass das Fleisch nach Gal 5,24 gekreuzigt; oder der Leib des Fleisches nach Kol 2,11 ausgezogen und dadurch seine Kraft gebrochen ist (vgl. Heid. Kat. 43). Darum handelt es sich, dass der Christ stets anerkenne, dass aus ihm, das ist aus seinem Fleische, nichts vor Gott Gutes mehr hervorkommen könne, sondern dass dies nur geschehe, wenn der Geist Gottes in ihm selber das Gute vollbringt. Es gilt also lediglich, dass ein Kampf des Glaubens da sei,(304) wonach man mitten im vollen Bewußtsein, daß man fleischlich gesinnt ist, und trotz alles Widerstrebens des Fleisches, dennoch an der Hand des heiligen Geistes einherwandelt (Gal 5,16) und also des Geistes Früchte hervorbringt. Gal 5,16.18.22f. Diesen Kampf des Glaubens,(305 )wobei man nie der Meinung ist, Heiligkeit bereits in sich zu tragen, sondern wobei man stets bedacht ist, ein großes Ziel im Wettlauf zu erlangen und nur das himmlische Tribunal, wohin Gott in Christus Jesus uns ruft, um den Kampfpreis zu erteilen, vor Augen hat – lernen wir kennen aus Phil 3,13- 16. Der Glaubende bringt es also nicht zu einer Veredelung und Heiligung seines Fleisches, zu einem allmählichen Absterben des alten Menschen und einer in dem gleichen Verhältnis statthabenden Zunahme des neuen Menschen. Es verhält sich nicht so, dass etwa die eine Hälfte der Seele wiedergeboren – die andere noch nicht wiedergeboren wäre bei dem Gläubigen (306). Nicht stufenweise oder allmählich – nach Weise einer allmählichen Verschiebung der Grenzen zwischen dem alten und neuen Menschen gelangt der Gläubige endlich zur Vollkommenheit, daß er sie, abgesehen von Christus, tatsächlich in seinen Besitz brächte, sondern es bleibt am Ende gleichwie am Anfang dabei(307), daß wir an und für uns leer, jedoch in Christus vollkommen sind, in welchem Gott alle Fülle der Gottheit für uns wohnen lassen wollte. Es bleibt dabei, daß wir in ihm, im Glauben an seinen Erwerb für uns, mit allem erfüllt sind, was das Gesetz von uns fordert, Röm 8,4;(308) Kol 2,9.10, vgl. 4,12.

zu.304. Von demselben geben uns die Psalmen vielfache Beispiele; vor allem Psalm 119.
zu.305. Die oben gegebene Darstellung weicht nicht eigentlich ab von derjenigen unserer alten Theologen, wenn sie davon reden, daß die Erfüllung des göttlichen Gesetzes inchoative – einen geringen Anfang haben, nach Heidelb. Kat. 114, die Allerheiligsten – sed non perfecte bei den Wiedergeborenen stattfinde. Fragt man nämlich bei ihnen nach, wann denn die sanctificatio perfecte eintritt, so weisen sie auf die Zeit nach dem Tode und trösten uns also damit, daß auch die Heiligung lediglich ein Werk des im Glauben ergriffenen Christi und nicht unser Werk sei (Calvin Inst. III, 14,12; 3,9; IV,15.11. a. E.; Gerhard Loc. 13, § 192; Luther, Catech. maior. p. 501, 58; Melanchthon, in ep. ad Romanos zu Kap 6,1).
zu.306. Von solchem wiedergeborenen und unwiedergebornen Teil der Seele reden zwar hie und da auch unsre alten Theologen, ohne doch irgendwie die Sache damit zur Klarheit gebracht zu haben. Bezas Auslegung von Römer Kap 6 zeigt das Schwanken der Alten in der Lehre vom alten und neuen Menschen, gibt aber zugleich die rechten Fingerzeige aus dem Texte an. Die Neueren sind in völliger Unklarheit über diese Sache.
zu.307. Treffend sagt Melanchthon, in ep. ad Rom. zu Kap 6,1: At in hac vita dem homo renatus est vetus et novus, i. e. Paulus est novus, quia in eo habitat Deus et illustrat eum Verbo suo et sanctificat Spiritu sancto – sed nondum in hac vita natura Pauli est sine peccato et sine morte; eatenus est vetus homo, sed haec vetustas mortificatur, non regnat.
zu.308. Zu dem Ausdruck δικαίωμα τοῦ νόμον beachte man LXX zu 1. Sam. 8,11: τὸ δικαίωμα τοῦ βασιλέως.
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Beitragvon Jörg » 04.10.2016 16:41

So müssen wir denn immerdar zur Quelle zurück, und zwar unter den gleichen Symptomen und Erscheinungen, wie bei der erstmaligen Bekehrung, weil eben die Hindernisse immerdar die gleichen bleiben. Im Wege des Glaubens und der Reue müssen wir stets wieder zu Gott zurückkehren; der alte Mensch muß immerdar sterben, daß der neue auferstehe, vgl.2.Kor 4,16.(309) Und so ist denn die Bekehrung etwas, das sich wiederholt im Leben. Es bedarf des Geistes der Gnade und des Gebets, um den Rest Israels zur Erkenntnis seiner Sünde, die in der Verleugnung des Messias bestand, zu bringen.(310) In diesem Sinne wird von Petrus eine Bekehrung ausgesagt, Lk 22,32, und um diese Bekehrung bittet auch Jeremia in den Klageliedern 5,21. Wir haben auch bei der wiederholten Bekehrung die Heiligkeit stets außerhalb von uns in Christus zu suchen; wir haben diese Bekehrung (nach Sach 12,10) mit Israel immer wieder von einer neuen Ausgießung des Geistes zu erwarten und bekommen keine unserem Fleische anklebende Heiligkeit. Von Anfang bis zu Ende wird die Botschaft von Christus dem Glaubenden gepredigt werden müssen, auf dass aus Gott, in Christus, unter des Geistes Leitung alles da sei, was wir aus uns selber dem Gesetze Gottes nicht bringen können. Alles zusammenfassend sagen wir: unsere ganze Heiligung ist Gott in die Hände zu geben, daß er in uns tue, was vor ihm gefällig ist, durch Christum, im Wege der uns bewahrenden Gemeinschaft des heiligen Geistes: Hebr.13,21; 2.Kor.3,5; Phil. 2,13; Eph 2,10. Und Gott tut es auch: dieser Zuversicht leiht die Hebräerstelle (13,21) beredten Ausdruck. „Der Gott des Friedens – habe euch zugerüstet für jedes gute Werk, zu tun seinen Willen – in euch verrichtend, was vor ihm gefällig ist, durch Jesus Christus.“ Hier wird nicht nur die volle Zurüstung und Instandsetzung der Christen Gott beigelegt, sondern das Tun des Guten Gott unmittelbar in die Hand gegeben; ähnlich wie Hes.36,27 („Ich will machen, daß ihr in meinen Geboten wandelt“). Wir dürfen das Gleiche entnehmen aus der Fürbitte des Apostels: „Er aber selbst, der Gott des Friedens, heilige (311) euch durch und durch, und euer Geist, ganz, samt der Seele und Leib, müsse untadelig bewahrt werden auf die Zukunft unsres Herrn Jesus Christus“: 1.Thess 5,23.
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