Briefe, Auslegungen und Predigten von H.F. Kohlbrügge

Nur für Gläubige, die die fünf Punkte des Arminianismus ablehnen

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Matze7443
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Briefe, Auslegungen und Predigten von H.F. Kohlbrügge

Beitragvon Matze7443 » 11.03.2017 12:25

Hermann Friedrich Kohlbrügge. Drei Predigten; 1. Predigt. Gehalten am 6. Oktober 1850
Meine geliebte Gemeine!
Das ist der Trost des Evangeliums, daß Christus uns Alles hat wiedergebracht, was wir in Adam
verloren haben. Es ist uns ein neues Paradies von Gott, dem Herrn, gepflanzt worden. Durch den
Geist des Glaubens, den Geist der Wiedergeburt, werden wir am Glauben umgeschaffen, um als
eine neue Kreatur in diesem neuen Paradiese zu wohnen. Wie aber Adam in den Garten gestellt
wurde, denselben zu bebauen und zu bewahren, so sind wir auch in den neuen Garten gestellt, den-
selben zu bebauen und zu bewahren, aber mit dem Unterschied, daß das Bleiben darin damals von
Adams Gehorsam abhing, nunmehr aber uns zugesichert ist im Glauben an Christi Gehorsam.

Das Evangelium eröffnet dieses neue Paradies allen Elenden und dasselbe Evangelium, so wie auch die
heiligen Sakramente künden es uns an, machen uns des gewiß, daß wir in diesem neuen Paradies
ein ewiges Bleiben haben aus Gnaden, ohne Werk des Gesetzes unsrerseits.
Durch die Spendung ewiger Gnade haben wir heute Bedienung der heiligen Taufe und am näch-
sten Tage des Herrn Bedienung des heiligen Abendmahles. Die heilige Taufe kündet uns kraft des
Wortes, welches mit dem Wasser über uns hergeht, an, vergewissert es uns, daß wir, die da glauben,
mit unsern Kindern in Christi Tod und Auferstehung, mit Christo aus dem ewigen Tod ins ewige Leben sind übergegangen, daß wir in Christo neugeschaffen sind, ein königliches und priesterliches
Volk, zugerüstet zu allem guten Werk. Das heilige Abendmahl kündet uns kraft des Wortes, welches
mit dem Wein und Brot ist, an, vergewissert es uns, daß Christus unser Baum des Lebens ist und
daß wir in seinem Fleisch und Blut wahrhaftige Stärkung und Nahrung grade dazu haben, um das
neue Paradies zu bebauen und zu bewahren. Beide Sakramente vergewissern uns also die vollkom-
mene Vergebung von Sünden im Blute Christi; beide sagen es uns, daß wir als eine neue Kreatur in
Christo, im Paradiese unseres Gottes dastehen; beide sollen uns guten Muts machen, den neuen
Garten zu bebauen und zu bewahren trotz allem, was uns widersteht.
Ich habe Ursache zu bezweifeln, daß ihr das alle recht versteht. Die Eigenliebe meint, Gott tue
Alles um unseretwillen, während doch der Sohn Alles um des Vaters und der Vater Alles um seines
Christi willen tut. Es ist ausgemacht, daß der Mensch gerecht wird am Glauben, ohne Werk des Ge-
setzes. Nachdem aber Christus das Werk vollbracht hat auf Erden, das der Vater ihm zu tun gege-
ben, nachdem Christus den Rechtsgrund unserer Seligkeit vor dem Vater gelegt hat ohne unser Zu-
tun, und wir also ohne unser Zutun eben so gewiß selig werden, als wir ohne unser Zutun geboren
werden: so sollt ihr es doch auch für euch selbst wissen, daß Gott um seines Christi willen, durch
seinen heiligen Geist sein Volk in allen Gott gefälligen Werken sich bewegen und einhergehen läßt,
so gewiß als er es in Christo in einem Stande guter Werke geschaffen hat.
Etliche von euch wissen dies, werden aber sehr entmutigt, weil sie es anerkennen, aber damit
nicht vorankönnen; etliche dagegen, die es wissen, erkennen es nicht an, werden darum auch nicht
entmutigt, und meinen doch genug zu haben, um sich in der Entscheidungsstunde vor dem Herrn zu
verantworten. Wohlan, ich will in dieser Stunde in kurzem eine Parabel behandeln, jenen zum Troste, diesen zur Warnung.

Matthäus 25,14-30
Gleichwie ein Mensch, der über Land zog, rief seine Knechte und tat ihnen seine Güter aus. Und
einem gab er fünf Zentner, dem andern zwei, dem dritten einen, einem Jeden nach seinem Vermö-
gen; und zog bald hinweg. Da ging der hin, der fünf Zentner empfangen hatte, und handelte mit
denselben und gewann andere fünf Zentner. Desgleichen auch der zwei Zentner empfangen hatte,
gewann auch zwei andere. Der aber Einen empfangen hatte, ging hin und machte eine Grube in die
Erde und verbarg seines Herrn Geld. Über eine lange Zeit kam der Herr dieser Knechte und hielt
Rechenschaft mit ihnen. Da trat herzu, der fünf Zentner empfangen hatte, und legte andere fünf
Zentner dar und sprach: Herr, du hast mir fünf Zentner getan; siehe da, ich habe damit andere fünf
Zentner gewonnen. Da sprach sein Herr zu ihm: Ei du frommer und getreuer Knecht, du bist über
wenigem getreu gewesen, ich will dich über viel setzen, gehe ein zu deines Herrn Freude. Da trat
auch herzu, der zwei Zentner empfangen hatte, und sprach: Herr, du hast mir zwei Zentner getan;
siehe da, ich habe mit denselben zwei andere gewonnen. Sein Herr sprach zu ihm: Ei du frommer
und getreuer Knecht, du bist über wenigem getreu gewesen, ich will dich über viel setzen, gehe ein
zu deines Herrn Freude. Da trat auch herzu, der einen Zentner empfangen hatte, und sprach: Herr,
ich wußte, daß du ein harter Mann bist; du schneidest, wo du nicht gesät hast, und sammelst, da du
nicht gestreuet hast; und fürchtete mich, ging hin und verbarg deinen Zentner in die Erde. Siehe, da
hast du das Deine. Sein Herr aber antwortete und sprach zu ihm: Du Schalk und fauler Knecht!
Wußtest du, daß ich schneide, da ich nicht gesät habe, und sammle, da ich nicht gestreuet habe: So
solltest du mein Geld zu den Wechslern getan haben, und wenn ich gekommen wäre, hätte ich das
Meine zu mir genommen mit Wucher. Darum nehmet von ihm den Zentner und gebet es dem, der
zehn Zentner hat. Denn wer da hat, dem wird gegeben werden, und wird die Fülle haben; wer aber
nicht hat, dem wird auch, das er hat, genommen werden. Und den unnützen Knecht werfet in die
äußerste Finsternis hinaus, da wird sein Heulen und Zähneklappern.


Wir finden diese Parabel auch im Evangelio Lukä am 19. Die Erzählung ist daselbst etwas ver-
schieden. Hier steht sie in unmittelbarer Verbindung mit der Parabel von den zehn Jungfrauen und
mit den Worten: „Darum wachet, denn ihr wisset weder Tag noch Stunde, in welcher des Menschen
Sohn kommen wird“; dort folgt sie auf die Mutmaßung Etlicher, daß das Reich der Himmel wohl
bald würde offenbar werden, und steht in Verbindung mit der Vorstellung: „Seine Bürger aber waren
ihm feind und schickten Botschaft ihm nach und ließen ihm sagen: Wir wollen nicht, daß dieser
über uns herrsche.“ Hier bekommt Einer fünf Zentner und gewinnt damit fünf Zentner, der Andere
zwei und gewinnt damit zwei, und Einer empfängt Einen Zentner und begräbt ihn in die Erde. Dort
bekommt Jeder Einen Zentner, der Eine gewinnt damit zehn, der Andere fünf, der Dritte verbirgt
seinen Zentner in einem Schweißtuch. Dort wird dem Ersteren gesagt: „Du sollst Macht haben über
zehn Städte“, dem Andern: „und du sollst sein über fünf Städte“. Hier wird den beiden Ersten ge-
sagt: „Ich will dich über viel setzen, gehe ein zu deines Herrn Freude.“
Es hat dem heiligen Geiste gefallen, dieselbe Parabel uns hier so und beim Evangelisten Lukas
etwas anders mitzuteilen, uns zum Guten, je nach dem wir stehen.
Wir wollen die Verschiedenheit der Vorstellung berücksichtigen, indem wir die Parabel auslegen.
Der Zweck der Parabel ist dieser: daß wir sorgen, daß wir haben. Haben? Was? Öl in den Lam-
pen; mit andern Worten, daß wir im Stande guter Werke erfunden werden auf des Herrn Tag. Darum
sagt der Herr: „Wer da hat, dem wird gegeben werden, daß er die Fülle habe; wer aber nicht hat,
dem wird auch, das er hat, genommen werden“. Zum Beispiel: die klugen Jungfrauen nahmen Öl
mit in ihren Lampen, da wurde es ihnen auch gegeben, daß sie mit eingingen in die Freude des
Herrn; dagegen hatten die törichten Jungfrauen nichts, weil sie kein Öl in ihren Lampen hatten, – so
waren sie denn nicht bereit. Welche bereit waren, gingen mit hinein zur Hochzeit, – und den törich-
ten Jungfrauen wurde das Eingehen genommen: die Tür ward verschlossen.
Ihr wisset es Alle, daß namentlich der Apostel Paulus uns den Tag Christi vorhält, den Tag des
jüngsten Gerichts, daß er darum so gewaltig den Glauben predigt, auf daß wir an jenem Tage erfül-
let seien mit Früchten der Gerechtigkeit, durch Jesum Christum. Denket nur an 2. Korinther 5, na-
mentlich Vers 10, 15, 17, 20, 21 und 1. Thessalonicher 5, Vers 23. Ihr wisset es Alle, daß der Apo-
stel darum auch so viel vom Gerüstet-sein und vom Wachen und Beten ohne Unterlaß schreibt. Sol-
che Predigt hat er von des Herrn Geist gelernt, der uns diese Parabel vorhält, auf daß wir wachen,
das ist: sorgen, daß wir mit allem dem versehen seien, womit wir versehen sein müssen an seinem
Tage, daß wir uns mit freudigem Mute zu seinem Königreiche und Dienst bekennen, ihn als unsern
König bekennen und ob seinen Reichsbefehlen treulich halten, mitten in einem verdrehten und bö-
sen Geschlecht, das von Seiner königlichen Herrschaft und von wahrer Treue gegen ihn nichts wissen will.

Das ist nun die Bedeutung der Parabel:
Der Mensch, der Edle, der über Land oder fern in ein Land zieht, ein Reich einzunehmen, ist der
Sohn Gottes, unser hochgelobter Heiland und König, Jesus Christus. Das ferne Land ist der Him-
mel. Mit dem baldigen Ziehen dahin meint der Herr sein Leiden und Sterben, sein Begrabenwerden,
seine Auferstehung und seine Himmelfahrt.
Das Reich, das er einzunehmen geht, ist das Reich der Gnade und der Herrlichkeit, welches er
von dem Vater empfangen als Lohn für die Arbeit seiner Seele. Seine Knechte, die er vor der Hin-
reise zusammenruft, sind alle diejenigen, die sich zu seinem Namen bekennen und in seinen Dienst
freiwillig übergegangen sind. Diese Knechte bekommen nach Lukas, zehn an der Zahl, alle ein
Pfund, das will sagen, daß ihnen allen dieselbe Gnade der Berufung zuteil wird. Nach Matthäus be-
kommt ein Teil fünf Pfund, ein anderer Teil zwei, ein dritter ein Pfund. Daß es daselbst heißt, daß
der Dritte so viel weniger bekommt, ist nach der Redensart der Selbstentschuldigung solcher Men-
schen, die da vorgeben: „Ich habe auch so viel Gnade, ich habe solchen Glauben, wie dieser oder je-
ner da nicht bekommen“, – und ist eine Zurechtweisung: „Ich suche bei dir nicht viel; was hast du
mit dem Wenigen gemacht, das dir gegeben wurde?“
Die Pfunde selbst sind nicht Gaben, wie man gewöhnlich von Gaben spricht, sondern es sind die
guten Worte Gottes, welche einem Jeglichen anvertraut werden. Das Gewinnen mit den Pfunden be-
deutet: das sich Benehmen nach diesen Worten, ein Jeglicher in seinem Kreise, wohinein ihn Gott
gestellt hat. Daß der Herr einem Jeglichen „nach seinem Vermögen“ gibt und das Anvertraute „we-
nig“ nennt, will sagen: daß er Niemanden Übermenschliches auferlegt, von uns keine sonderlichen
Wagstücke fordert, auch alle Verhältnisse und Umstände so ordnet für einen Jeden, daß er mit den
anvertrauten Worten Gottes sich durchschlagen kann. Die Bestimmung des Lohnes von zehn Städ-
ten und fünf Städten, bei Lukas, hat man als Schmuck der Parabel und nicht so zu verstehen, als
gäbe es mehr als einen Himmel der Seligkeit, als sollte der Eine demnach einen seligeren Himmel
haben, als der Andere, oder als hätten die Vollendeten Einfluß auf die irdischen Geschicke; denn in
dieser Beziehung heißt es: „Abraham weiß von uns nicht und Israel kennet uns nicht“, und es gilt allen Gläubigen: „wir werden ihm gleich sein, denn wir werden Ihn sehen, wie er ist.“ – Es will sa-
gen, daß ein Jeglicher je nach seiner Treue aus dem Ozean der Vollkommenheiten des vollseligen
Gottes im Himmel genießen wird. Denn in Gott ist ein Ozean der Seligkeit; je nach dem die Treue
ist, schöpft man daraus. – Daß derjenige, der zehn Pfund hat, auch noch das eine des faulen Knech-
tes bekommt, deutet des Herrn Freimacht an; und zeigt die Einrede: „Herr, er hat zehn Pfund“ wie
schwer alle Geschöpfe diese Freimacht verstehen. Hinwiederum wird einem Jeglichen die Krone
vorgehalten. Ihr wisset, was Paulus schreibt, 1. Kor. 9,24-27. Das Kleinod aber ist die Freude die
man schmeckt, daß der Herr König geblieben und seine Ehre gefördert ist. Zu den beiden Ersteren
spricht indes der Herr ein und dasselbe: „Gehe ein zu der Freude deines Herrn.“ – Das Wiederkom-
men des Herrn war am Tage der Zerstörung Jerusalems, ist fortwährend in allerlei Gerichten, ist am
Sterbetage eines Jeglichen von uns und wird völlig offenbar am Tage des jüngsten Gerichts. – Daß
der Eine zehn, der Andere fünf, oder der Eine fünf, der Andere zwei Pfund gewinnt, hat man zu ver-
stehen, wie von dem Samen, der in die gute Erde fiel, wovon Etliches hundert-, Etliches sechzig-,
Etliches dreißigfältig trug. – Wenn die treuen Knechte bei Lukas sagen: „Dein Pfund hat zehn“
„Dein Pfund hat fünf Pfund gewonnen“, so bekennen sie, daß des Herrn Pfund es getan und nicht
sie; und wenn sie bei Matthäus sagen: „Mit deinem Pfund habe ich so und so viel gewonnen“, so
bekennen sie es eben so, wo der Gewinn herkommt. Sie sagen es aber mit Freudigkeit aus, daß sie
es mit des Herrn Pfunden gewonnen haben, in dem Sinne, wie Paulus bezeugte: „Ich habe mehr ge-
arbeitet denn sie alle, nicht aber ich, sondern die Gnade Gottes mit mir“, und wie wir es mit der 86.
Antwort unseres Katechismus bekennen: „Danach auch, daß wir bei uns selbst unseres Glaubens
aus seinen Früchten gewiß seien.“ Denn die Aufrichtigen dulden die Verleumdung der Welt, aber
gerade aus der Anfechtung heraus sagen sie es mit Hiob: „Ich weiß, daß ich gerecht bin“ und mit
David: „Ich wasche meine Hände in Unschuld und gehe um deinen Altar.“ „Der Herr vergilt mir
nach meiner Gerechtigkeit, nach der Reinigkeit meiner Hände, die bei mir ist.“ – Und sie sehen mit
Moses an „die Belohnung“.

Der dritte Knecht ist eben so wohl ein Knecht des Herrn, als die beiden vorigen. Nach Lukas hat
er eben dasselbe von des Herrn Gütern empfangen, was die ersteren empfangen haben; nach Mat-
thäus hat er nicht zu viel und nicht zu wenig. Er hat auch empfangen nach seinem Vermögen. Daß
er eine Grube in die Erde macht und seines Herrn Geld verbirgt oder in ein Schweißtuch legt, will
sagen: daß er die ihm anvertrauten Worte des Herrn bei sich aufbewahrt, indes gar nicht danach
handelt in seinem Kreise und in seinem Beruf, wohinein ihn der Herr gestellt. Er weiß seines Herrn
Willen wohl, aber er tut ihn nicht. Weil er die Ehre der Menschen lieber hat, als die Ehre Gottes,
oder seinen Bauch zu seinem Gott gemacht hat und sich überhaupt von seiner Eigenliebe, von der
Luft, von der Welt und von dem Sichtbaren knechten läßt: hält er die Wahrheit in Ungerechtigkeit
so oft nieder, als er nach den ihm anvertrauten Worten Gottes zu handeln hätte, aber das Seine und
sich selbst nicht dran geben will. Daß er ebenso freimütig herzutritt, als die Übrigen, gibt seine un-
glückselige Sicherheit kund, nach welcher er mit den treuen Knechten und Mägden Gottes in Reih
und Glied auftritt. Die Antwort, die er dem Herrn gibt, kommt aus seiner völligen Verblendung her-
vor, er weiß aber besser darum. Was er antwortet geht darauf hinaus: „Ich wußte, daß du Alles hast
bestimmt nach einem mir unbekannten Rat; wagte ich es mit dem Anvertrauten und ginge es nicht
gut, so würdest du mich strafen; ginge es gut, so wußte ich nicht, ob ich nicht, hie oder da, doch
nicht recht gehandelt und ob es wohl zu deiner ganzen Zufriedenheit würde gewesen sein. Machte
ich es so, so war es möglich, daß ich nicht wohl getan, und machte ich es anders, so war es möglich,
daß es auch nicht wohlgetan war; ich habe es darum für das Beste befunden, nichts zu tun. Was du
mir indes anvertraut hast, habe ich ehrlich bewahrt, da hast du es wieder; willst du etwas damit
getan haben, so tue es selbst, denn wer kann aus dir klug werden? Ich war bange vor deinem Zorn,
wenn ich es etwa nicht gut gemacht haben würde, darum überlasse ich dir die ganze Geschichte;
kommt man mit Werken, so sprichst du vom Glauben, kommt man mit Glauben, so willst du Werke.“

In Summa: ein fauler Knecht ist unter dem Gesetz, obschon er unter dem Evangelio zu leben
scheint und von der Gnade spricht. Wie er aber unter dem Gesetz ist, so will er fortwährend voller
Bosheit demjenigen nacheifern, der in Wahrheit die Werke hat. Er ist Gottes, des Herrn, Affe und al-
ler Aufrichtigen Affe. Er sieht den Aufrichtigen nach den Händen; wie die es tun, will er es auch
tun. So ist er immer am Nachäffen, aber Ohren und Herz sind ihm unbeschnitten. Gerade das, was
er tun soll, wie es ihm sein Gewissen sagt, läßt er bleiben. So bewahrt er sein Pfund in dem Schrank
und gleißt fortwährend äußerlich; das weiß er selbst wohl. Der Herr ist indes kein harter Herr und
der Aufrichtige ist auch nicht hart, aber der Faule ist hart wie Stein, setzt seine Lust durch und will
doch fromm heißen.
Daß der Herr ihn aus seinem Munde richtet, will sagen: daß der Schalk und Faule eben daraus
gerichtet wird, womit er sich zu entschuldigen sucht, und daß ihm keine Gelegenheit gegeben wird,
alle die Werke hervorzubringen, in welchen er sich hat abgemüht mit Hintansetzung eben desjeni-
gen, was ihm als der gute, wohlgefällige und vollkommene Wille Gottes bekannt war. Mit den Wor-
ten: „so solltest du mein Geld den Wechslern gegeben haben“ meint der Herr, so solltest du denn die
Sache denen in die Hände gelegt haben, welche den Wert meiner anvertrauten Worte erkennend, für
dich danach handeln wollen, und solltest ihnen nicht die Möglichkeit genommen haben, mit dem
Meinen, was ich dir anvertraut, zu wuchern. Wer einen harten Herrn hat, soll eben deswegen um so
fleißiger sein in seiner Pflicht.
Wollt ihr Namen, die es am klarsten bezeichnen, wie wahr die Aussage ist: „Wer da hat, dem
wird gegeben, und wird die Fülle haben; wer aber nicht hat, von dem wird auch genommen, was er
hat“, so nenne ich euch bloß David und Saul.

„Die äußerste Finsternis“ aber ist erstens: die Beraubung alles Lichtes der Erkenntnis der Gnade,
so daß der heilige Geist mit seiner Wirkung von dem Menschen weicht, und zweitens: das ewige
Verstoßensein von dem Angesichte Gottes in die Hölle. Da ist Heulen aus zu später Reue, daß man
dem heiligen Geiste widerstanden, und Zähneklappern vor Ärger, daß man das Zeitliche und das
„Ich“ hat vorgezogen und sich selbst nicht hat verleugnen wollen.
Es würde uns zu weit führen, wollten wir mit der Anwendung der Parabel auf allerlei Einzelhei-
ten eingehen. Wir wollen uns für diesmal kurz fassen. Die Parabel bei Lukas sagt mehr im Großen
und Ganzen, daß von der Zeit an, da Christus gen Himmel gefahren ist, bis daß er wiederkommt,
die Gemeine durch allerlei Drangsale hindurch muß. Bis daß der Herr wiederkommt, ist den Seinen
der Kampfplatz angewiesen. Der Herr hat den Seinen das Wort der Gerechtigkeit des Glaubens an-
vertraut, dieses Wort schafft Frucht. Da ist es nun die Aufgabe für Alle, die den Namen des Herrn
anrufen: abzustehen von aller Ungerechtigkeit; die Aufgabe: sich mit dem Worte vom Glauben
durchzuschlagen; die Aufgabe: darüber zu wachen, daß sie bei diesem Worte beharren bis ans Ende,
auf daß die Frucht des Geistes bei ihnen gefunden werde am Tage der Erscheinung unseres großen
Gottes und Seligmachers. Der Endzweck des Gebots nun ist: Liebe von reinem Herzen und von gu-
tem Gewissen und von ungefärbtem Glauben. Solches versteht der faule Knecht nicht. Was er ant-
wortet, wird er eigentlich dem Herrn nicht so antworten, aber seine Denkungsart ist so, daß es bei
ihm heißt: „Ich kann es ihm doch nicht gut machen, darum gehe ich meinen eigenen Weg, ich glau-
be und so werde ich selig.“ Er stützt sich auf selbst gewählte Werke, aber mit dem Worte es zu wa-
gen, fällt ihm nicht ein, denn das kostet Selbstverleugnung, Verleugnung seiner Gelüste, des Haltens ob dem Sichtbaren, ob Geld, Gut, Amt und Ehre bei Menschen, ob dem äußerlichen Frieden und
dem Ruhm, daß er’s getan habe.

Bei Matthäus greift die Parabel noch mehr ins Besondere hinein. – Und nun höret! Unser Herr
Jesus, der gen Himmel aufgenommen wurde, wird also wiederkommen auf den Wolken mit seinen
heiligen Engeln, zu richten die Lebendigen und die Toten, da wird er denn seine Frucht haben wol-
len. Ihr seid nun Alle Dienstknechte und Dienstmägde des Herrn, er hat euch seine Güter ausgeteilt,
er hat euch die gesunde Lehre anvertraut. Ihr selbst wisset es, daß der wahre Glaube kein toter ist,
sondern daß der wahre Glaube die Werke hat; so wird denn der Herr, wenn er kommt, nach den
Früchten fragen, danach fragen, was ein Jeglicher von euch mit seinem Pfund gewonnen hat. Wollt
ihr den Markt kennen, wo mit dem Pfunde gewonnen wird? Der Markt ist für euch, Ehemänner:
eure Frauen; für euch, Ehefrauen: eure Männer; für euch, Eltern: eure Kinder; für euch, Kinder:
eure Eltern; für euch, Herrn und Frauen: eure Hausknechte und Hausmägde; für euch, Hausknechte
und Hausmägde: eure Herren und Frauen; für euch, die ihr ledigen Standes seid: euer lediger Stand.
Der Markt ist für einen Jeglichen von euch: sein Beruf, wozu Gott ihn berufen; der Markt ist für
einen Jeglichen von euch: sein Kreis, sein Geschäft, sein Amt, sein Erwerb, sein Haus, sein Gesin-
de, sein Nächster, womit Gott ihn zusammenbringt. Hier müssen die euch anvertrauten Worte ins
Leben übergegangen sein, daß es keine gehörten Worte seien, sondern daß nach denselben getan sei
von einem Jeglichen in seinem Kreise und also auch der Nächste dem Herrn gewonnen sei dadurch,
daß ihr es selbst auch tut, was ihr lehrt und wovon ihr wollt, daß die Anderen es tun. Da sind wir!
Wer ist hier der treue Knecht, der es mit gutem Gewissen im heiligen Geiste weiß, daß er für den
Herrn gewinnt mit dem anvertrauten Pfunde? Er sei doch guten Muts, obschon er mit Tränen säen
muß, und er beachte des Herrn Wort, das er dereinst vernehmen wird aus seinem Munde: „Gehe ein
in deines Herrn Freude.“ Sein Rufen: „komm, Herr Jesus,“ wird so wenig vergeblich sein, als sein
Säen unter hartem Kampf.

Aber wer ist hier der faule und unnütze Knecht, von dem auch genommen werden wird das, was
er hat, und der in die ewige Finsternis wird geworfen werden? O, daß ein Jeder von uns es lese und
höre mit Zittern und Beben! Ich weiß es wohl, daß Niemand von uns es sein will, aber ein Jeder sei
gewarnt und wisse auch, daß, wer sich selbst richtet und sich bekehrt, am allerersten außer Gefahr
ist, vom Herrn mit dem unnützen Knecht verdammt zu werden. Wer wissen will, ob er ein fauler
und unnützer Knecht ist oder nicht, der prüfe sich selbst, wie er es macht, ein Jeder in seinem Krei-
se, wo ihn Gott hingestellt: ob er da im Geist und in der Wahrheit mit den Seinen lebt und handelt,
ob er im Geist und in der Wahrheit mit seinem Nächsten umgeht, ob er es im Ganzen so macht, daß
die gesunde, ihm anvertraute Lehre bei ihm kein leeres Wort, sondern Tat und Kraft sei! Ein unnüt-
zer und fauler Knecht meint den guten Glauben und das gute Bekenntnis bei sich selbst zu bewah-
ren, aber das, was er weiß, daß er tun soll, tut er nicht; dagegen bietet er Alles auf, um sich ange -
nehm zu machen mit Werken, die ihm einfallen, und die er anbringt, wo er es nicht tun soll. – Das
macht die Eigenliebe, die sich selbst behaupten, nie aber sich selbst verurteilen und Gott recht ge-
ben will und darum auch nie durchbricht, sondern stets mit beflecktem Gewissen beim guten Vorha-
ben und bei ihrer guten Meinung von sich bleibt. Man tut oft über die Maßen mit Laufen und Wol-
len seine vermeinte Schuldigkeit, aber nie seines Herrn Willen. Man sieht nach den Menschen; der
Hals, der Bauch, die eigene Lust laufen Gefahr, oder man hat dabei ein Stückchen Geld weniger in
Aussicht: da lenkt man ein, will doch für den Herrn sein, man gibt nach, und das anvertraute Wort
liegt in einem Schweißtuch, liegt begraben in der Erde; dort bewahrt man seinen Schatz gut, denn
man hat keinen im Himmel.

Wollt ihr der Gefahr entronnen sein, als unnütze Knechte vom Herrn verdammt zu werden, so tut
das, wozu ihr nach Gottes Wort berufen seid, wie es euch euer eigen Gewissen sagt. Beginnt es aber
so, daß ihr euch vor dem Herrn demütiget, die Schuld bei euch selbst sucht, euch selbst verdammt
und des Herrn Gerechtigkeit und Stärke ergreift. Denn das macht einen faulen und unnützen
Knecht, daß man nicht aus Glauben will gerecht sein. Was aus Glauben gerecht ist, verwirft immer-
dar sich selbst, verleugnet sich selbst und glaubt Gottes Gerechtigkeit, es hält sich an das, was nicht
gesehen wird; darum ist die Liebe da, welche die Erfüllung des Gesetzes ist. Was aus Glauben ge-
recht ist, glaubt, daß es Gottes Geschöpf ist, geschaffen in Christo Jesu zu guten Werken; gerade für
solche sind darum auch die heilige Taufe und das heilige Abendmahl Zeichen und Siegel, daß sie
gegen alle ihre Ohnmacht aus des Herrn Fülle genommen haben Gnade um Gnade und also Alles
vermögen in dem sie mächtig machenden Christo.
Indem ich einen Jeglichen von euch warne vor dem Grundsatz: „was geht mich mein Nächster
an, daß ich bei ihm meine Pflicht tun sollte; ich glaube für mich selbst und mein Nächster hat sich
nach mir zu fügen; so werde ich selig“, und indem ich es euch einschärfe, daß der Herr die Früchte
der Gerechtigkeit des Glaubens ohne Werke bei uns suchen wird, nämlich Liebe Gottes und des
Nächsten, schließe ich diese Predigt mit der Bemerkung, daß der Herr nie und nimmer schneidet,
wo er nicht gesät hat, nie und nimmer sammelt, wo er nicht gestreuet hat. Solches sage ich den An-
gefochtenen zum Trost, die mit dem Apostel klagen: „Er hat mir einen Pfahl ins Fleisch gegeben,
einen Satans-Engel, der mich mit Fäusten schlägt“.
Der Geist aus der Höhe, der von unserm Herrn erworbene Geist, mache einen Jeden von euch bei
der Bedienung der Sakramente, heute und über acht Tage darauf aufmerksam, wie diese Sakramente
es uns vergewissern, daß wir volle Vergebung aller unserer Sünden und das Recht auf das ewige Le-
ben haben und geschaffen sind in Christo in einem Stande guter Werke; und wie der treue Erbarmer
uns in demselben befestigen und erhalten will bis an des Herrn Tag, auf daß es von Niemanden von
uns dermaleinst heiße: „Den unnützen Knecht werfet in die äußerste Finsternis hinaus, da wird sein
Heulen und Zähneklappern“. Amen
Gruß Matze

Quelle:http://www.licht-und-recht.de/
Hier die Pdf zum runterladen: http://www.licht-und-recht.de/kohlbrueg ... gten_1.pdf
Zuletzt geändert von Matze7443 am 18.03.2017 16:14, insgesamt 2-mal geändert.
Befleißige dich, dich selbst Gott bewährt darzustellen als einen Arbeiter, der
sich nicht zu schämen hat, der das Wort der Wahrheit recht teilt. 2. Tim. 2:15

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Re: Briefe, Auslegungen und Predigten von H.F. Kohlbrügge

Beitragvon Matze7443 » 11.03.2017 12:33

Etwas über Kohlbrügge

Hermann Friedrich Kohlbrügge (* 15. August 1803 in Amsterdam; † 5. März 1875 in Elberfeld) war ein niederländischer reformierter Theologe. Er war Pastor an der Niederländisch reformierten Gemeinde in Elberfeld.

Leben und Wirken

In Amsterdam besuchte Kohlbrügge von 1819 bis 1821 eine Schule für Latein und später das Athenaeum. Er widmete sich dem Studium des Heidelberger Katechismus, der Philosophie, der Theologie und den orientalischen Sprachen. Nebenbei arbeitete er bei seinem Vater in einer Seifensiederei. 1825 beendete er in Utrecht ein theologisches Examen und wurde 1826 in der Gemeinde Amsterdam Hilfsprediger.

1833, nach dem Tode seiner Ehefrau, reiste Kohlbrügge für eine Kur in das Rheinland und predigte in Elberfeld. Nachdem er in die Niederlande zurückgekehrt war, heiratete er 1834 erneut. Ab 1856 predigte Kohlbrügge in verschiedenen niederländischen Kirchen und reiste 1864 nach Böhmen und Mähren, um auch dort zu predigen. Seine Theologie war unter anderem stark von Martin Luther geprägt. „In einer Predigt über Röm 7,14 wies K. auf die Radikalität der Sünde des Menschen auch und gerade in seinem Bemühen um Heiligung hin und betonte, dass Gott Gottlose und nicht Heilige gerecht macht.“[1] Kohlbrügge bemühte sich erfolgreich um den Domprediger der evangelisch-reformierten Hallenser Dom- und Schlosskirche Adolf Johannes Cleophas Zahn, dass dieser von 1877 bis 1880 2. Pastor der niederländisch-reformierten (Kohlbrüggeschen) Gemeinde in Elberfeld wurde.[2] Nach dem Tode des Hallenser Theologieprofessors Wichelhaus besuchte Kohlbrügge auf Einladung des Dompredigers Neuenhaus die Saalestadt. Am 25. April 1858 hielt der Pastor der niederländisch reformierten Elberfelder freien Gemeinde sogar eine Predigt in der Domkirche, was „… für Kohlbrügge ein Ereignis von großer Bedeutung (war), denn seit dem Jahre 1834 hatte er keine Kanzel in der Landeskirche Preußens betreten“, wie sein späterer Pastorenkollege Adolf Zahn festhielt.[3]

In seinen Predigten stellte Kohlbrügge während der Kriegszeiten von 1866 und 1870/1871 Preußen als Schutzmacht gegen den Unglauben dar.

Werke (Auswahl)

Drei Gastpredigten über Römer 7, 14. Psalm 65, 5 und Psalm 45, 14-16. Gehalten im Jahre 1833. Verlag der niederländisch-reformierten Gemeinde, Wuppertal-Elberfeld 1936.
Das siebente Kapitel des Briefes Pauli an die Römer in ausführlicher Umschreibung, 1839
Das Wort ward Fleisch, Betrachtungen über das erste Kapitel des Ev. nach Matth., 1844
Wozu das AT? Anleitung zur richtigen Schätzung der Bücher Mosis und der Propheten, T. 1: Das AT nach seinem wahren Sinne gewürdigt aus den Schriften der Evangelisten u. Apostel, 1846
Die zehn Gebote, ein feuriges Gesetz, Predigt über Dtn 33,2, 1851
Der verheißene Christus, sieben Predigten, 1853
Predigten über die erste Epistel des Apostels Petrus. Das vierte Capitel. Verlag der niederländisch-reformierten Gemeinde, Elberfeld 1855.
Zwanzig Predigten, im Jahre 1846 gehalten, 1857
Der einzige Trost im Leben und Sterben, sechs Predigten über die erste Frage und Antwort des Heidelberger Katechismus, 1879
Die Lehre des Heils in Fragen und Antworten. Zum 100. Geburtstag des Heimgegangenen als Manuskript gedruckt. Elberfeld: Verlag der niederländ. reform. Gemeine in Elberfeld, 1903.
Acht Predigten über Evangelium Johannis Kap. 3. V. 1-21 nebst einer Schluß-Predigt über Römer 8. V. 32. Verlag der niederländisch-reformierten Gemeinde, Wuppertal-Elberfeld 1936.

Quelle Wikipedia
Befleißige dich, dich selbst Gott bewährt darzustellen als einen Arbeiter, der
sich nicht zu schämen hat, der das Wort der Wahrheit recht teilt. 2. Tim. 2:15

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Re: Briefe, Auslegungen und Predigten von H.F. Kohlbrügge

Beitragvon Matze7443 » 18.03.2017 16:12

Hallo Geschwister
Die 2. Predigt für euch. Eine Info noch. Die Predigten von H.F. Kohlbrügge, bekommt ihr auf Licht und Recht.

Hermann Friedrich Kohlbrügge. Drei Predigten; 2. Predigt. Gehalten am 20. Oktober 1850

Der Hirte und seine Schafe.

Johannes 10,27-30
„Meine Schafe hören meine Stimme, und ich kenne sie und sie folgen mir.
Und ich gebe ihnen das ewige Leben und sie werden nimmermehr umkommen und Niemand wird
sie aus meiner Hand reißen.
Mein Vater, der sie mir gegeben hat, ist größer, denn Alles; und Niemand kann sie aus meines
Vaters Hand reißen. Ich und der Vater sind Eins. –“


Es hat unserm Herrn gefallen, sich selbst und seine Gemeine unter allerlei Bildern uns vorzuführen.
Ein tröstliches Bild ist das eines Hirten und seiner Schafe und ihrer gegenseitigen Beziehung
zueinander. Nicht allein haben wir davon Mehreres in den Psalmen und in den Propheten, sondern
auch in den Evangelien. Dieses Bild tritt in dem ganzen Umfange seines Trostes und seiner Herrlichkeit
nirgend mehr hervor, als in den verlesenen Worten. Indem wir dieselben erwägen, bitte ich
einen Jeglichen, sich selbst genau zu prüfen, ob ihn diese Worte angehen; denn Anlaß zu solchen
starken Äußerungen, wie wir hier vorfinden, gab das, was der Herr zuvor zu den Juden sagte: „Ihr
glaubet nicht, denn ihr seid meine Schafe nicht“.


Diese Selbstuntersuchung tut uns um so mehr not, als es Derjenigen gar zu viele gibt, die sich
selbst betrügen mit einem gestohlenen Trost und die keine geistliche Unruhe darüber empfinden, ob
sie wirklich zu den Schafen des Herrn gehören werden, oder ob sie nicht Böcke sind.

„Schafe“ sind hier Menschen, die der Herr die Seinen nennt, wie er sagt: meine Schafe; wie sind
sie Seine?

Erstlich hat der Vater sie ihm gegeben, wie er selbst sagt in dem 29. Verse: „der Vater, der sie mir
gegeben hat“
und an einer andern Stelle: „Niemand kann zu mir kommen, es sei denn, daß der Vater,
der mich gesandt hat, ihn ziehe.“
Zweitens sind sie Seine, weil er sein Leben für sie gelassen,
das ist, sich dieselben zum Eigentume erkauft hat mit seinem teuren Blute. Solche, welche der Vater
ihm gegeben und welche er sich zum Eigentume erkauft hat, sucht auch dieser treue Hirte zur Zeit
der Gnaden auf und hat weder Ruhe noch Rast, bis er sie gefunden hat. So lange er sie noch nicht
gefunden und ergriffen hat, gehen sie in der Irre und sind recht verlorene Schafe: sobald er sich aber
ans Suchen gibt, ruft er sie mit Namen, und sie blöken nach ihm, ohne ihn gesehen zu haben, und es
verlangt sie nach ihm, weil es ihn nach ihnen verlangt. Sobald er sie gefunden hat und sie ergriffen,
mitten aus der Welt und aus dem Rachen des Todes und des Verderbens hinweg, legt er sie auf seine
Achseln und trägt sie in seinen Stall mit Freuden und da gibt er ihnen das Bewußtsein im heiligen
Geiste, daß er ihr Hirte ist, und daß sie seine Schafe sind.

Niemand kann ein solches Schaf aus eigenem Wollen oder Laufen werden. Es hängt Alles davon
ab, ob Gott ihm gnädig sein will, und ob Jesus Christus ihm diese Barmherzigkeit erweisen will.
Diejenigen aber, welche zu der Herde hinzugetan werden, deren Hirte Christus ist, bekommen die
wahrhaftige Überzeugung, daß sie in sich selbst verloren sind und nur errettet werden können
durch die Gnade, in der Erlösung Jesu Christi, und tragen nur nach dem Einen Verlangen, daß sie
es wissen mögen, sie seien auf dem rechten Wege, sie seien gefunden von dem Hirten der Seelen,
der allein auch ihre Seelen erretten und zum Frieden bei Gott bringen kann.

Diese Schafe nun hören nur die Stimme Jesu Christi, es sei bei Anfang oder Fortgang, wie unser
Herr hier sagt: Meine Schafe hören meine Stimme“ und in diesem selben Kapitel: „Die Schafe hö-
ren (des Hirten) Stimme, und er ruft seine Schafe mit Namen und führet sie aus, und wenn er seine
Schafe hat ausgelassen, gehet er vor ihnen hin, und die Schafe folgen ihm nach, denn sie kennen
seine Stimme. Einem Fremden aber folgen sie nicht, sondern fliehen vor ihm, denn sie kennen des
Fremden Stimme nicht.“
– Wie solches im Natürlichen buchstäblich wahr ist von dem Hirten und
den Schafen, so noch vielmehr im Geistlichen. Das ist es, was Petrus einmal sagte auf des Herrn
Frage: „Wollet ihr auch weggehen?“ „Herr, wohin sollen wir gehen? du allein hast Worte des ewigen
Lebens.“


Die Bedürfnisse der Schafe des Herrn bringen es mit sich, daß sie nur Seine Stimme hören. Worte
des ewigen Lebens sind die Speise, welche ihnen tagtäglich not tut. Worte des Lebens mag es genug
geben, Worte des vergänglichen Wohllebens, des üppigen, des sündlichen, des eitlen, wollüstigen
Lebens, auch Worte eines falschen geistlichen Lebens, des eigengerechten Lebens, des Lebens
des selbsterwählten Werks, aber in diesen allen steckt keine Ewigkeit, keine ewige Seligkeit, und sie
müssen ewige Seligkeit haben. Sie, die sich durch ihre Sünden und ihren Tod ewig von dem vollseligen
Gott geschieden gefühlt, können nur darin Ruhe finden, daß sie bestimmt wissen: sie werden
bei dem vollseligen Gott so ewig einwohnen, daß er in seinem Rechte ist und ihre Sünde, Schuld
und Strafe für ewig aus dem Mittel getan, daß sie keinen Zorn zu erwarten, sondern einen geräumigen
Eingang in die ewige Herrlichkeit, wenn sie heimfahren. Dafür müssen sie gelehrt werden, welches
der rechte Weg sei; und das nicht allein, sondern sie müssen auch in der Lehre den rechten
Weg haben, daß sie sich daran halten können. Nun, solche Lehre erteilt allein der ewige Hirte der
Seelen, und in der Lehre hat er auch den Weg bereitet, welcher hineinführt in das ewige, selige Heiligtum,
wo die ewige Güte ihren Thron hat, wie er auch selbst sagt: „Ich weiß mit den Müden ein
Wort zur rechten Zeit zu reden.“


Darum tue ich auch als Türhüter dem Hirten der Schafe auf, auf daß ihr, Schafe seiner Weide, die
ihr Menschen seid, seine Stimme vernehmet.

Sehet, die Schafe der Weide des Herrn sind an und für sich arme Sünder, denen es bange ist vor
dem Zorn; da sagt ihnen dieser Hirte: „Haltet euch an mich, ich vertrete euch und werde euch hindurch
tragen“
; da hält er es ihnen, so oft es ihnen um Trost bange ist, so freundlich, mit solcher
Macht der Liebe vor: „Mein Vater ist euer Vater, mein Gott euer Gott, und ihr seid meine Brüder“;
da erzählt er ihnen allerlei von diesem Vater im Himmel und welchen Bund er mit ihm gemacht hat:
daß seine Schafe auch sein sollen, wo er ist, und mit ihm ewig weiden in dem Lichte der seligen
Ewigkeit; – so macht er ihnen Mut, wenn ihre Sünden sie mutlos machen, hält ihnen, ohne müde
oder matt zu werden, die Vergebung ihrer Sünden, die ewige, durch ihn erworbene Gnade vor, bedeckt
sie auch damit; – und so oft ihre Wolle schwarz vor Schmutz ist, wirft er sie in den Teich seines
Blutes und seiner Tränen, seiner Gerechtigkeit und seines Geistes, da spricht und macht er sie
rein, und sie hüpfen vor Freude, daß er sie so zu reinigen wußte, wo sie nichts konnten, als sich nur
immer unreiner machen. Darum hören die Schafe der Weide des Herrn nur seine Stimme, und o wie
gerne! – aber vor einem Fremden fliehen sie, denn sie merken alsbald den Stab des Treibers, und
Schafe sind schwache Tiere, sie können nur aufkommen unter des Hirten Geduld.

Das ist es auch, was der Hirte sagt: „Und ich kenne sie.“ Denn das ist ein Kennen in Geduld und
Liebe, wie auch der Herr bei Ezechiel sagt: „Ihr nun, ihr Schafe, ihr Schafe meiner Weide, ihr seid
Menschen, aber ich bin euer Gott, spricht der Herr Herr.“
In gleicher Meinung spricht unser Herr im
14. und 15. Verse unseres Kapitels: „Ich bin ein guter Hirte und erkenne die Meinen und bin bekannt
den Meinen. Wie mich mein Vater kennet und ich kenne den Vater. Und ich lasse mein Leben
für die Schafe.“
Der Herr will sagen, daß der Vater ihn kennet als den treuen David, der seine Schafe
nicht von den Löwen und Bären wird zerreißen lassen, sondern Bürge für seine Schafe wird und
sein Leben willig für sie einsetzt, und daß er den Vater kennet als einen solchen, der ihn als den
großen Hirten der Schafe aus dem Tode herausführen wird, – sodann, daß die Schafe ihn kennen als
ihren einzigen Erretter, und daß er seine Schafe kennet als solche, die in sich selbst ganz machtlos
sind.

Da Esau zu Jakob sprach: „Ich will mit dir ziehen“, antwortete er: „Wenn sie einen Tag übertrieben
würden, würde mir die ganze Herde sterben. Ich will gemächlich hintennach treiben, danach
das Vieh und die Kinder gehen können.“
Das heißt seine Schafe kennen in ihrer Schwachheit. So
kennt uns der Herr und fügt sich danach, denn er mußte, wollte und will ein barmherziger Hoherpriester
und Führer sein. – Die Schafe können schlecht voran, darum geht er langsam vor. Darüber
kann allein der starke Teufel die Geduld verlieren, aber nicht der Herr, der mit seinen Schafen
schwach sein will. Das ist es was geschrieben stehet in den Psalmen: „Er weiß, was Gemächte wir
sind.“


Was können diese Schafe anders, als solchem guten, treuen, gnädigen und geduldigen Hirten folgen?
Ja, so ist’s, wie der Herr spricht: „sie folgen mir“. Wie lange folgen sie ihm? So lange als er
ihnen vorgeht. Wie lange geht er ihnen vor? „Siehe, ich bin bei euch alle Tage bis ans Ende der
Welt“ und „Ich will euch nicht verlassen, noch versäumen“ spricht er; also daß wir dürfen sagen:
„Der Herr ist mein Helfer, und will mich nicht fürchten. Was sollte mir ein Mensch tun?“ Er, der sie
kräftiglich berufen und ergriffen hat, hat sie dazu berufen und dazu sind sie von ihm gefunden, daß
sie mit ihm hinüberkommen in die ewige Herrlichkeit. Sie haben Heimweh, daher können sie nicht
anders, als ihm folgen, der sie allein heimführen kann. Sie sind geboren auf den Würzbergen, dahin
müssen sie wieder; und wer wird sie führen, wenn nicht Er, und wer läßt sie ein- und ausgehen,
Weide finden und volle Genüge haben, so wie Er? Darum sind sie auch nicht von ihm abzuhalten
und abzutreiben. Außerdem wissen sie nichts von dem Wege, noch wo das grüne Gras steht, Er muß
sie führen. Darum folgen sie ihm, wo er auch hingeht, durch besäte und unbesäte Lande. – Daran
haben wir uns nun zu prüfen, ob wir zu des Herrn Schafen gehören. Denn das ist das Kennzeichen:
so wir ihm folgen. Er führt, obschon am Ende herrlich, dennoch wunderlich; da geht’s nicht, wie
Fleisch und Blut wohl möchte, sondern durch Kreuz, Trübsal und allerlei Leiden, durch allerlei
wahre Selbstverleugnung, durch allerlei Demütigungen, durch vielfachen Tod, durch Blut und Trä-
nen, durch heftiges Feuer und tiefe Wasser hindurch. Denn das ist ihm folgen: daß man seine Gebote
bewahre; und wo man das tut, da gibt’s Kreuz. Wer da nicht sein Schaf ist, kehrt wieder um zu
den Fleischtöpfen Ägyptens und gewinnt mit Demas die Welt wieder lieb. Seine Schafe verlieren
aber sich selbst und alle ihre Wolle gerne, nur daß sie bei ihm bleiben, ihm folgen mögen, und dafür
ist ihnen auch ein großer Lohn beschieden. Höret nur:

„Und ich gebe ihnen das ewige Leben.“ Das ist die herrliche Frucht, welche man davon hat, daß
man diesem treuen Hirten folgt. Darum ist es wohl wahr, was der Apostel schreibt: „Leiden wir mit,
so werden wir auch mit zur Herrlichkeit erhoben werden.“
Wie des Herrn Schafe zum ewigen Leben
ergriffen sind, so ist auch in ihnen der Zug nach dem ewigen Leben. Darum folgen sie dem
Fremden nicht, denn sie sind dem Schwert kaum entronnen, das sie abschlachten wollte. Sie wissen
es, daß nirgendwo ewiges Leben ist, als bei dem Herrn, und daß sie ohne ihn oder fern von ihm nur
ewigen Tod und Verderben finden. Darum handeln die wohl töricht, die den Verführern folgen, welcher
die Welt die Menge hat; und sind die übel daran, die der Welt Hohn und Schmach scheuen und
darum einem gemalten Christo nachfolgen, wie ihn die Welt hat; und werden die sich ewig darüber
zu beklagen haben, die dem zeitlichen Genuß der Sünde nachgehend, sich zurückziehen, wo es
drum geht dem Herrn in seinem Tode ähnlich gemacht zu werden: denn die Alle werden nicht finden,
was sie suchen oder hoffen, sondern ihnen ist das ewige Verderben bereitet. Sie dagegen, die
dem Herrn folgen, werden ihn treu finden, sie werden es erfahren, daß er das gibt, was er verheißt;
sie werden es mit ihren Augen sehen, daß die von ihm erwählten Wege, wie sehr sie auch durch die
Tiefe hindurch gehen, die geeignetsten sind zur ewigen Freude und Herrlichkeit.

Freilich sieht es auf diesen Wegen manchmal nicht anders aus, als müßten die Schafe umkommen,
und ist es ihnen auch manchmal so, daß sie mit David in ihrem Herzen gedenken: „Ich werde
eines Tages Saul in die Hände fallen.“


Er aber, der gesagt hat: „Auch gebe ich ihnen ein ewiges Leben“, gibt hier seinen Schafen einen
starken Trost, daß solches nie geschehen wird, weshalb er auch hinzufügt:

„Sie werden nimmermehr umkommen.“ Manches von ihnen mag umkommen, wie Geld, Gut,
Ehre, äußerlicher Friede, daß es wohl wahr werde, was sie klagen müssen: „Wir werden um deinetwillen
den ganzen Tag getötet und sind geachtet wie Schlachtschafe“; ja es mag der Teufel wohl
einmal Urlaub bekommen, ihnen den Leib anzutasten, ihnen in die Seele hineinzugreifen und das
Herz mit seinen Klauen gleichsam zu zerreißen und zu zerbrechen, indem er sie mit allerlei Sünden,
Zweifeln, Verzagen, ja Gotteslästerungen überschüttet; auch hat die Welt immerdar den Galgen bereit,
hat immerdar die Bittschrift in der Tasche, sie aufhängen zu dürfen, – aber was von dem Samen
der Juden ist, ist eine unvertilgbare Pflanze, läßt sich nicht ausrotten, – und wer in diesem Kampfe
seine Seele verliert um seines Hirten willen, der behält sie am Leben. Er, der in uns ist, ist mächtiger,
als die wider uns sind; „in diesem Allen überwinden wir weit“ sagen die Schafe des Herrn. Es
wirkt Alles mit zur Bewährung und Verherrlichung der Schöpfung der freien Gnade, Alles mit zu
der Schafe ewigen Erhaltung.

Traun, sie sind in guten Händen, diese armen Tiere! So spricht der Herr:

„Niemand wird sie mir aus meiner Hand reißen.“ Unter der Obhut, unter der Macht der Gnade
dieses Hirten sind sie ganz sicher. Zwar lauern die Feinde von allen Seiten, wie auch der Apostel
Petrus bezeugte: „Der Teufel geht umher, wie ein brüllender Löwe, und suchet welchen er verschlinge.“
Des Herrn Schafe sind an sich dumme Schafe, sie lägen bald in der Grube, es ist in ihnen
weder Argwohn, noch Falsch, auch sind sie wehrlos, haben gar nichts in oder an sich, um den Feind
von sich abzuwehren oder sich zu verteidigen, und Alles ist ihnen böse, weil sie gute Wolle tragen.
So ist denn die Welt mit aller Gewalt immerdar auf sie aus, greift sie bei den Ohren, bei den Füßen,
daß sie nicht wissen, wie sie wieder los kommen. Ach, mit welchen Schrecken werden sie manchmal
überschüttet, welchen Gefahren sind sie ausgesetzt! Einerseits werden sie mit Untergang bedroht,
andererseits bietet der Teufel Alles auf, sie zu verlocken und zu verstricken durch die Sünde,
die in ihnen wohnt; so lassen Sünde, Teufel und Welt nicht nach, Alles zu versuchen, um sie aus der
Hand des Herrn zu reißen. Aber diese Worte des Herrn werden wohl wahr bleiben, denn, hat Niemand
dem David seine Schafe aus der Hand reißen können, wie viel weniger wird es Jemand diesem
Herrn, der sich sein Eigentum nicht nehmen läßt! Darum auch blöken die Schafe getrosten Mutes:
„Nichts wird uns scheiden von der Liebe Gottes, die da ist in Christo Jesu.“ Denn so liegt der
Grund, wie unser Herr und treuer Hirte ihn aufdeckt: „Der Vater, der sie mir gegeben hat, ist grö-
ßer, denn Alle, und Niemand kann sie reißen aus der Hand meines Vaters. Ich und der Vater sind
Eins.“
In sich haben die Schafe Nichts, an und um sich Nichts, was nicht geeignet wäre für den
Tod, so daß Teufel und Welt sie wohl tagtäglich würden verschlingen können. Das Einzige, was sie
haben, ist ein sonderbarer Tritt, so daß sie Alles zertreten, was unter ihre Füße gebracht wird. Mit
diesen Worten bringt der Herr uns, die wir seine Schafe sind, Alles unter die Füße. Warum wird
Niemand uns reißen aus seiner Macht? Die Macht unsers treuen Hirten wird in Kraft gehalten durch
eine andere Macht: Die Macht des Vaters. Die, welche Gott erwählt, haben durch Jesum Christum
an ihm einen Vater. Der Vater gab seine Erwählten seinem Sohne zur ewigen Errettung und schwur
ihm, daß, wenn er das Lösegeld ihrer Seelen würde gebracht haben, er sein und seiner Schafe
Freund und seiner und seiner Schafe Feinde Feind sein würde, auch, daß er ihn und seine Schafe
schützen würde in der erworbenen Herrlichkeit und sie erhalten in seiner Seligkeit. Nun, dieser Vater
ist doch wahrlich größer, als Teufel und Welt, denn Himmel und Erde sind sein, und seinem Willen
kann Nichts widerstehen, vielmehr muß Alles diesem Willen gehorchen, Alles dem Rate seines
Wohlgefallens an seinem Gesalbten und an den Seinen dienen, darum wird Niemand uns reißen
können aus der Hand des Vaters unseres Herrn Jesu Christi. – „So Gott für uns ist, wer mag wider
uns sein!“


Auf daß den Schafen der Weide des Herrn der mächtigste Trost nicht fehle, fügt der Herr hinzu:

„Ich und der Vater sind Eins.“ – Er sagt nicht: „der Vater und ich sind Eins“ sondern „ich und
der Vater sind Eins.“
Der Sohn sagt es hier aus, daß er gleichen Wesens mit dem Vater ist, und wie
gleichen Wesens, so auch gleichen Willens, gleicher Macht, die Schafe zur ewigen Herrlichkeit zu
bringen. Was der Teufel bei dem Sohne nicht ausrichtet, richtet er auch bei dem Vater nicht aus. Was
der Sohn errettet haben will, will der Vater auch errettet haben, indem er es eben darum dem Sohne
gab, auf daß er es errettete.

Welch ein Trost für uns, die wir die Stimme des Herrn hören und ihm folgen! So wie es uns der
Herr sagt auf Erden, so ist es auch wahr dort oben, – und wie der Sohn lieb hat, so hat auch der Vater
lieb, – und der Vater wird um seines Sohnes willen es nicht zulassen, daß eins seiner Schafe ihm
aus der Hand gerissen werde oder umkomme, sondern es sollen ins ewige Leben hinein Alle, denen
der Sohn dieses Leben verheißen hat. –

Selig sind, die nicht sehen und doch glauben, denn was der Herr ihnen verheißen, geht gewiß in
Erfüllung, hat es auch den Anschein, daß sie umkommen.

Selig sind die, welche die Stimme dieses Hirten hören und ihm folgen; sie sollen doch alle
Furcht ablegen, als stünde es oben im Himmel für sie nicht Alles so, wie es der Herr ihnen zusichert.
Selig sind die, denen es ins Herz gegeben wurde, diesem Hirten nachzublöken, bis sie von
ihm gefunden und ergriffen sind; geben sie auch manchmal alle Hoffnung auf, als würden sie am
Ende nicht zurecht kommen: – dieser Hirte wird nicht ruhen, bis er das verlorene Schaf in seinem
Stall hat, denn so ist es der Wille des Vaters, und Er will nur den Willen des Vaters.

Wehe aber denen, die die Stimme des Hirten kennen, aber das Ohr der Welt, der Eigenliebe, der
Schmeichelei des Fleisches und der Verlockung des Vergänglichen leihen und also nicht beharren,
dem Lamme zu folgen durch besäte und unbesäte Lande. Für sie ist es nicht, das teure Wort: „Ich
kenne sie“
, sondern ihnen wird dermaleinst gesagt werden: „Ich kenne euch nicht, von wannen ihr
seid“.


O ihr Schafe, ihr Schafe der Weide des Herrn! tröstet euch mit den Worten des Herrn, harret, laßt
den Mut nicht sinken, noch ein wenig und er kommt und führt uns an seiner Hand in das ewige
Licht; er ist herrlich, heilig, treu und gerecht. Amen.
Gruß Matze

Quelle: http://www.licht-und-recht.de/
Hier die Pdf zum runterladen: http://www.licht-und-recht.de/kohlbrueg ... gten_2.pdf
Befleißige dich, dich selbst Gott bewährt darzustellen als einen Arbeiter, der
sich nicht zu schämen hat, der das Wort der Wahrheit recht teilt. 2. Tim. 2:15

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Matze7443
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Re: Briefe, Auslegungen und Predigten von H.F. Kohlbrügge

Beitragvon Matze7443 » 24.03.2017 21:58

Hallo zusammen

Hier habe ich die 3. Predigt für euch, die am 28. Oktober 1850 gehalten wurde.

Diesmal habe ich den Text formatiert.
Das hatte ich bei der ersten und zweiten nicht gemacht, da ich zur Zeit alles über mein Smartphone mache. Ich hoffe das ich es bei der 3 besser gemacht habe.

Liebe grüße Matze

Das hochzeitliche Kleid.
Matthäus 22,1-14
Und Jesus antwortete und redete abermals durch Gleichnisse zu ihnen und sprach: – Das Himmelreich ist gleich einem Könige, der seinem Sohne Hochzeit machte und sandte seine Knechte aus, daß sie die Gäste zur Hochzeit riefen; und sie wollten nicht kommen. – Abermals sandte er andere Knechte aus und sprach: Saget den Gästen: Siehe, meine Mahlzeit habe ich bereitet, meine Ochsen und mein Mastvieh ist geschlachtet, und alles bereit; kommt zur Hochzeit. – Aber sie verachteten das und gingen hin, einer auf seinen Acker, der andere zu seiner Hantierung. – Etliche aber griffen seine Knechte, höhnten und töteten sie. – Da das der König hörte, ward er zornig und schickte seine Heere aus und brachte diese Mörder um und zündete ihre Stadt an. – Da sprach er zu seinen Knechten: Die Hochzeit ist zwar bereitet, aber die Gäste waren es nicht wert. – Darum gehet hin auf die Straßen und ladet zur Hochzeit, wen ihr findet. – Und die Knechte gingen aus auf die Straßen und brachten zusammen, wen sie fanden, Böse und Gute. Und die Tische wurden alle voll. – Da ging der König hinein die Gäste zu besehen; und sah allda einen Menschen, der hatte kein hochzeitliches Kleid an und sprach zu ihm: Freund, wie bist du hereingekommen und hast doch kein hochzeitliches Kleid an? Er aber verstummte. – Da sprach der König zu seinen Dienern: Bindet ihm Hände und Füße, und werfet ihn in die äußerste Finsternis hinaus, da wird sein Heulen und Zähneklappern; – Denn Viele sind berufen, aber Wenige sind auserwählt.

Ich behandle dieses Gleichnis ganz absichtlich, dem Einen zum Troste, aber dem Andern, auf daß er gewarnt und aufgeschreckt werde. Ihr seid ja einesteils ein armes und geringes Volk, das auf den Herrn hofft; doch ist andernteils mehr als Einer unter euch, dessen Handlungsweise und Benehmen ihm nichts Gutes vorhersagt. Was der Herr damals mit dem Gleichnis meinte, liegt auf der Hand: Er hält es den Schriftgelehrten und Pharisäern, die danach trachteten, wie sie ihn griffen, in diesem Gleichnis nochmals vor, daß Gott gerecht sei, wie er sie und das ganze jüdische Volk nach seinen Verheißungen durch die Apostel, durch die Siebzig, ja durch ihn, den Knecht des Vaters, vorzugsweise zur Hochzeit seines Sohnes gerufen, wie sie aber nicht gewollt. Er weissagt es ihnen, daß Gott in erneuter Liebe sie und das ganze jüdische Volk in noch mächtigerer Offenbarung seiner Güte, durch die Apostel nochmals zu laden vorhabe, daß das jüdische Volk dies indes abermals nicht beachten würde, daß das Volk, so wie die Priester, sich vielmehr durch Augenlust, Fleischeslust und hoffärtiges Wesen gänzlich von der Wahrheit würde fern halten lassen, daß es je länger, je ärger sein würde, indem sie den Aposteln und treuen Zeugen des Herrn die Predigt des Wortes Gottes wehren, ja sie selbst verhöhnen und sogar töten würden. Aber so würden sie sich selbst den Zorn häufen auf den Tag des Zorns und der Offenbarung des gerechten Gerichtes Gottes; der König würde seine Heere ausschicken, die Mörder umbringen und ihre Stadt anzünden. Wie es denn auch wirklich gekommen ist, da die Römer unter Kaiser Vespasianus und Titus Jerusalem eingenommen haben und viele Tausende Juden jämmerlich umgekommen sind.

Sodann weissagt der Herr, der im vorigen Kapitel gesagt: „das Reich Gottes wird von euch genommen und den Heiden gegeben werden“, wie und in wie großer Zahl diese Heiden würden berufen werden; er setzt aber zur Warnung für diese hinzu, wie Einer von ihnen, da der König kam, um die Gäste zu besehen, kein hochzeitliches Kleid angehabt und wie ihm deshalb mitten in dem lichthellen Saale Hände und Füße gebunden, und er in die äußerste Finsternis geworfen wurde. Und damit Niemand denke, das sei nur ein Einzelner, den so etwas treffen würde, schließt er das Gleichnis mit den bedeutungsvollen Worten: „Denn Viele sind berufen, aber Wenige sind auserwählt.“

Das sind nun Alles Sachen, die ein Kind wohl verstehen kann, sie sind in Erfüllung gegangen, sie gehen annoch in Erfüllung und werden in Erfüllung gehen. – Wer von uns aber hat je dieses Gleichnis gelesen, ohne daß seine Aufmerksamkeit sich besonders auf den Mann gerichtet, der kein hochzeitliches Kleid an hatte? Dieser Teil ist in dem Gleichnisse so hervorragend, daß ich mit demselben beginne. Ich halte euch Tod und Leben, den Fluch und den Segen vor; wählet, die ihr bis dahin keine aufrichtige Wahl getan!

Wir befinden uns alle in dem großen Hochzeitssaale, in welchem das Fest gefeiert wird des Bräutigams, Jesu Christi und seiner Braut, der Kirche. Oder befinden wir uns nicht Alle darin? Ich möchte doch wissen, wer von uns es verneinen kann, daß er unter der Predigt des Evangelium lebt! Die Gnade Gottes ist erschienen allen Menschen, bezeugt der Apostel Paulus. Daß wir früher auf den Straßen, das ist, tot in Sünden und Übertretungen, im Elende also, darniederlagen, weiß fast ein Jeder von uns zu erzählen; auch, wie er durch das apostolische Wort geladen, ja gedrängt wurde hineinzukommen. Die Tische sind das Wort Gottes; und sie sind alle voll geworden, denn ein Jeglicher von uns weiß so viel davon, daß er einem Andern sagen kann, wie man selig wird, nämlich aus Gnaden, durch den Glauben an Jesum Christum und nicht aus Werken eines Gesetzes. Daß auf diesem Tisch „Ochsen und Mastvieh“ aufgetragen und „Alles bereitet“ ist, sieht ein Jeder mit Augen. Oder wer von uns weiß es nicht, daß Alles, was Jesus Christus getan und erworben hat, ja er selbst die Speise der Seele zum ewigen Leben ist? Und wer von uns weiß es nicht, daß uns Alles, was uns zu unserer ewigen Seligkeit vonnöten ist, von Gott, dem Vater bereitet ist, so daß wir solches Alles von Gottes wegen in Christo Jesu haben? Wir sind aber nicht Alle mit einerlei Erwartung hineingekommen: „sie brachten zusammen, wen sie fanden, Böse und Gute“ heißt es in dem Gleichnis. Die Guten sind die, welche, bevor sie hineingekommen, das hochzeitliche Kleid angezogen haben; die Bösen aber sind dem Manne gleich, der das hochzeitliche Kleid nicht an hatte, sondern in seiner eigenen Kleidung am Tische saß.

Hier nun zuerst eine Bemerkung über die Sitte des Morgenlandes und sodann ein Wort an euch. Die Bemerkung ist diese: Im Morgenlande kommt man erst in einen Vorsaal oder Vorhalle, bevor man in den Hochzeitssaal eintritt. In diesem Vorsaal stehen große prächtige Schränke, diese Schränke sind angefüllt mit duftenden Hochzeitskleidern. Ein jeder Gast darf eins dieser Kleider anziehen, ja er ist gehalten, es zu tun. Der König hat seine Freude dran, seine Gäste so aus seinen Schätzen mit königlicher Milde zu bekleiden. Ja, der Sohn des Königs nimmt selbst aus diesen Schränken seine Kleider, wie wir denn lesen in dem 45. Psalm: „Alle deine Kleider sind (durchduftet von) Aloe, Kezia und Myrrhe aus den elfenbeinernen Schränken; sie machen dir Freude, (indem du sie) daher (nimmst)“.

Und nun das Wort an euch, nehmet es zu Herzen! Wir sitzen nun Alle an den Tischen, aber der König ist vor der Türe, er kommt bald, uns, seine Gäste, zu besehen. Wer von uns nun kein hochzeitliches Kleid an hat, der ist hier gewarnt, und ich rate ihm, daß er sich schnell aufmache in den Vorsaal und sich dasselbe geben und anziehen lasse. Wo nicht, so sitzt er zwar annoch in dem vollen Lichte des Hochzeitssaales, aber es wird nicht lange mehr währen. Es mag sich der Eine und Andere annoch schmeicheln, daß der König ihn in Güte übersehen wird; aber der König hat scharfe Augen, er sieht mit einem Mal Alle.

Was, wenn er mit der Frage auf einen zukommt: „Freund, wie bist du hereingekommen und hast doch kein hochzeitliches Kleid an?“ meinst du, der du dieses Kleid nicht an hast, alsdann eine Antwort geben zu können? Verstummen wirst du, wie hier geschrieben steht: „er aber verstummte“. Und was dann? Alsdann hat es ein Ende mit dem Lichte, worin du annoch das Kleid dir holen kannst, ein Ende mit der Gelegenheit, das Kleid anzuziehen; und das wird dein Los sein: Auf Befehl Gottes wirst du den Teufeln übergeben und auf ewig entfernt von dem Lichte, das du annoch hast, von dem Lichte der Gnade Gottes in die ewige Verdammnis geworfen; – und daselbst hilft keine Reue, sondern es ist da Heulen über die Anmaßung, und Zähneklappern, daß man sich nicht bekehrt hat von seinen goldenen, silbernen, steinernen und hölzernen Götzen! Gräßliches Ende, nachdem man berufen worden ist, nachdem man in dem glänzenden Hochzeitssaale als Gast bewirtet worden und an dem Festmahl mit teilgenommen hat! Da wird man dann hoch über sich die ewige Freude derer vernehmen, die das hochzeitliche Kleid an hatten, sich selbst aber, ferne von ihnen, mit allen Teufeln gebunden fühlen mit ewigen Ketten der Finsternis.

Wer Ohren hat zu hören, der höre!

Es ist aber vielleicht nur ein Einzelner von uns, den dieses Los treffen wird? Es wird Vielen so ergehen, sagt unser Herr, denn „Wenige sind auserwählt“.

„Wohlan“ wird der Eine und der Andere denken, „gehöre ich nicht zu den wenigen Auserwählten, so wird mir doch Alles nichts helfen, was ich auch tue“. Ich antworte: es heißt hier nicht: „Freund, wie bist du hereingekommen und bist nicht auserwählt“, sondern: „wie bist du hereingekommen und hast kein hochzeitliches Kleid an“.

Aber was ist das hochzeitliche Kleid? Ist es der Glaube? Ist es die Liebe? Sind es die Werke? Ach, wenn ich darauf „ja“ sagte, wie bald würde sich der Schalk aus Allem hinwegwinden: von dem Glauben sagen, daß er ihn habe; von der Liebe, daß er sie übe; von den Werken, daß er sie tue! – Es verhält sich mit diesem Kleide, wie mit dem Öl, das die klugen Jungfrauen in ihren Lampen mitnahmen: die klugen Jungfrauen waren mehr davon erfüllt, daß der Bräutigam Licht haben müsse, als davon, daß sie zur Hochzeitsfreude gingen. So geht’s denjenigen, die das hochzeitliche Kleid anziehen, mehr darum, daß sie tun, was dem Könige gefällt, als daß sie zur Hochzeit kommen. Des Königs Wille und Gefallen geht ihnen über Alles, ist ihnen Hauptsache. Es geht ihnen demnach um Gerechtigkeit, um Gottes Willen. – „Wohlan“ wird mancher sagen „Gottes Wille ist der, daß ich in seinem Hochzeitssaale, an seinem Tische nicht in meiner Gerechtigkeit, die aus dem Gesetze ist, sondern in der Gerechtigkeit, welche vor Gott gilt und welche durch Jesum Christum ist, erfunden werde“. Ohne Zweifel. „So ist denn das hochzeitliche Kleid die vollkommene Genugtuung, Gerechtigkeit und Heiligkeit Christi?“ Ja, das ist das Kleid. „Gottlob“ denkt mancher, „da ist mir ein Stein vom Herzen gewälzt und die Angst, die ich noch so eben hatte, ist von mir genommen“. Wenn das nur bei dir Wahrheit ist; die wahre Wahrheit steckt nicht im Gehirn, sie wohnt im Herzen, sie ist tätig im Leben. Ist dir die vollkommene Genugtuung, Gerechtigkeit und Heiligkeit Christi wirklich von Gott geschenkt und zugerechnet? Wahrlich, dann geht es dir um Gerechtigkeit in allen Stücken, dann bist du heilig in allem deinem Wandel. „Was, ich? ich bin ein armer Sünder, wenn ich nicht durch Gnade hinein komme, so komme ich nicht hinein.“ Ich antworte: wenn du nicht im hochzeitlichen Kleide vom Könige erfunden wirst, so bleibst du nicht drinnen. Ich kenne die Redensarten: „ich bin ein armer Sünder, ich bin ein unnützer Knecht, wenn ich nicht aus Gnaden selig werde, so werde ich nicht selig“. Wäre es einem nur Ernst damit! Man kann es behaupten, daß man die vollkommene Genugtuung, Gerechtigkeit und Heiligkeit Christi hat, ohne daß es einem um Gerechtigkeit zu tun ist. Derjenige aber, dem diese vollkommene Genugtuung, Gerechtigkeit und Heiligkeit Christi von Gott geschenkt und zugerechnet ist, schwindet auch hin vor den Worten: „Wer den Namen Jesu Christi nennt, er habe abgestanden von aller Ungerechtigkeit“; er weiß es, daß Gott nicht die Worte sucht, sondern die Kraft. Da ist es nicht ein stetes Hören und Gleißnerei, nicht ein sich Ergeben der Augenlust, der Fleischeslust und dem hoffärtigen Wesen, sondern ein hungriges Lauschen nach dem Worte der Gerechtigkeit mit Zittern und Beben, eine wahrhaftige Reue und eine wahrhaftige Bekehrung mit stetem Zufluchtnehmen zu der Gnade im Glauben an Jesum Christum durch den heiligen Geist.

Die am Tische des Worts im Hochzeitssaal sitzen, wissen Alle von nichts anderem, als davon, daß die Sünder sind und daß nur durch Gnade Erlösung ist. Diejenigen von ihnen, denen es um Gerechtigkeit zu tun ist, ziehen das hochzeitliche Kleid an, denn es ist ihnen um den Willen des Königs zu tun; die Übrigen aber bleiben in ihren eigenen Kleidern, bleiben in ihren Sünden sitzen und meinen, sie kämen so durch, weil sie sich gemeinschaftlich mit den Andern am Tische des Wortes und im Saale befinden. Hier vernehmen sie aber, daß sie dermaleinst sich getäuscht finden werden.

Gott gebe durch seine allmächtige Gnade, daß ein Jeder von euch dies zu Herzen nehme. Es sitzt mancher am Tische ohne hochzeitliches Kleid. Er weiß es. Warum bleibt er so sitzen? Die Hände sind auf Ungerechtigkeit aus, aber bald werden sie gebunden; die Füße sind auf verkehrten Wegen, aber bald stecken sie in Ketten; die Augen sind auf die Lust aus, aber bald schwimmen sie in Tränen; die Zähne sind auf vergängliche Speise aus, aber bald klappern sie, – bald liegen alle Glieder gekrümmt in der ewigen Verdammnis!

Menschenkind, der du dich getroffen fühlst, ziehe das hochzeitliche Kleid an, bevor der König hereinkommt, dich zu besehen! Zu den Schränken hin!

An der Erwählung liegt es nicht. Der König hat seinem Sohne Hochzeit gemacht, nicht dir. Sieh’ einmal, ob du nicht mit deinem Ich, das den Bräutigam nicht achtet, der Erwählung entgegen bist. Mit der Einwendung, daß du kein Gast sein solltest, kommst du nicht durch; du hast die Beispiele vor dir: die Gäste sind geladen, sie haben nicht gewollt. Und du, warum gehst du dem Teufel zur Hochzeit und nicht dem Herrn? Die Gäste sind abermals geladen und mit welchen leutseligen Worten! Da siehe, ob nicht dein eigener Acker, deine Hantierung, dein Stand, dein Amt, die Menschen, deine eigene Gerechtigkeit, dein Ehrgeiz, deine Geldgier, dein Wohlleben, der Genuß, die Lust dich so gefesselt haben, daß du die Einladung in den Wind schlägst, – ja zuletzt das Zeugnis unter deinen Händen so zunichte machst, daß es gar nicht mehr bei dir zeugen kann! Ach, es geht im Christentum noch nicht anders her, als bei den Juden: das Volk läßt sich durch die Lust der Welt knechten, die Führer lassen sich durch Ehrgeiz und Geiz des Tempels und Hoffnung des Palastes festhalten. Beide bleiben sitzen in ihrem Dünkel und morden was sie können, aus Bosheit, Eigengerechtigkeit und Haß der Wahrheit. Aber: Wehe, wehe der großen Stadt, des prächtigen Babylons, worin man reich ist an Augenlust, Fleischeslust und üppigem Leben, reich an allerlei Erbärmlichkeit und so arm an unvergänglichen Schätzen. Welche Heere werden bereits auf sie losgeschickt! Wie geht sie bereits in Flammen auf! Wie ist sie in einer Stunde verwüstet!

Aber zu dir zurück. Ich sage, an der Einladung liegt die Schuld nicht. „Ladet, wen ihr findet“ spricht der König. Die Knechte brachten zusammen, wen sie fanden, Böse und Gute. Bist du böse: du bist deshalb nicht zurückgestoßen worden.

Von Gott bist du geladen, auf seinen Befehl bist du eingelassen worden in den Saal, auf seinen Willen sitzest du am Tische. Wohlan, als „Böser“ bist du hereingelassen, du wurdest hereingelassen in deinen Kleidern, welche du auf den Straßen getragen; bist du eingelassen, um böse zu bleiben? Wo hast du das hochzeitliche Kleid, das doch die übrigen Gäste anhaben?

Wer schwindet hinweg vor den Worten: „Er brachte diese Mörder um und zündete ihre Stadt an“, vor den Worten: „Bindet ihm Hände und Füße“, vor den Worten: „Viele sind berufen, aber Wenige auserwählt“? Wer ist hier ratlos, verlegen, bekümmert, ob er zu den wenigen Auserwählten gehören wird? Der höre: Gott, der Vater, ist der große König, und sein Sohn, Jesus Christus, ist an unserer Statt Mensch geworden, hat an unsrer Statt diesem großen Könige die Versöhnung unserer Empörung gebracht, hat für uns die Gnade des Königs verdient.

Da hat nun der König an diesem einzigen Menschen in Gnade, der unser Bruder hat werden wollen, an seinem Sohne, als an unserm Stellvertreter, ein so außerordentliches Wohlgefallen, daß er ihm eine Hochzeit macht. Will er nun nicht, daß wir kommen? Wiederholt er seine Einladung nicht? Verkündet er es nicht, daß er nichts Mageres, sondern des Fetten die Fülle geben will? Hat er es nicht Alles bereitet, er allein? Treibt er uns nicht mit seiner Einladung von den Straßen zusammen? Ob wir Böse, ob wir Gute seien, fragt er etwas danach? Läßt er durch sein Evangelium nicht Alle auf einen Haufen bringen? Ist etwa Gottes Auge böse? „Es ist noch Raum da“ heißt es bei Lukas. Dem Schlimmsten, dem Erbärmlichsten, dem Elendesten, dem Bettelvolke wird die Tür weit offen getan. Nur Eins verlangt er: daß wir zur Hochzeit kommen. Ist das nicht königlich? Gnade, ist das nicht königliche Erbarmung? Und wiederum verlangt er nur Eins: daß wir im hochzeitlichen Kleide am Tische sitzen. Ist das nicht Gerechtigkeit? Müssen wir das Kleid anfertigen? Wem geht’s drum? Dort liegen sie in den Schränken, – für Jeden eins! Wer will eins haben? Der ziehe es an über seinen Leib, der Leib mag sein, wie er sei. Das ist eben der Wille der königlichen Wahl.

Ist es denn nun der Glaube, oder sind die Werke das Kleid? Ist es die vollkommene Genugtuung, Gerechtigkeit und Heiligkeit Christi, oder ist es die Frucht des Geistes, die Dankbarkeit? Ich habe gesagt, daß diese Kleider durchduftet sind, – durchduftet von Myrrhe, Aloe und Kezia. Wer den Herrn Jesum Christum angezogen hat, hat der denn einen toten Mann angezogen, oder einen, der da auferstanden ist von den Toten? So wird der denn Gerechtigkeit finden, dem es um Gerechtigkeit zu tun ist, und auf sein Schreien: „Elender Mensch ich, wer wird mich erlösen von dem Leibe dieses Todes“ wird er folgen lassen: „Ich sage Gott Dank durch Jesum Christum.“ So zieht man das hochzeitliche Kleid an. – Wie Jesus Christus mächtiglich erwiesen ist ein Sohn Gottes nach dem Geist der Heiligung dadurch, daß er von den Toten auferstanden, so wird er sich auch als solchen in der Macht seiner Auferstehung erweisen allen, die zu ihm die Zuflucht genommen haben.

„Möchte ich doch Jemanden auf Erden finden, der es mir untrüglich sagen könnte, ob ich das hochzeitliche Kleid an habe!“ Lieber, nur der Geist Gottes versiegelt einen, nur Er gibt das untrügliche Zeugnis, daß man ein Kind Gottes ist.

Wie ist’s aber den wenigen Auserwählten zu Mute vor der Einladung? Sie befinden sich auf den Straßen, in Sünden und Missetaten und fühlen sich verloren. Es ist indes eine Sehnsucht in ihnen nach dem Könige und seiner Gnade. Sie wissen es: Rebellen sind sie und haben seinen Zorn verdient. Wird der König sich noch nach ihnen umsehen? O, wenn er sie noch mit einem huldreichen Blick ansähe, wie glücklich, wie ewig glücklich würden sie sich fühlen, wie gerne alsdann sterben wollen. Ist aber die Möglichkeit für so etwas noch für sie da? Gewiß, was sie kaum hoffen durften, es geschieht. In ihren Herzen ertönt es mit einem mal: „Gnade, Gnade, auch für dich ist noch Errettung.“ Es strahlt das Licht ewiger Erbarmung in ihre Nacht hinein, so rein, so klar, so golden! In ihren Ohren erschallt der Boten Stimme: Kommet, kommet, der König ladet, Alles ist bereit! – O wie ist ihnen mit einemmal Alles neu geworden! Sie glauben der Stimme, sie können nicht anders. Da kommen sie weinend, schluchzend, zerknirscht, dennoch voller Gottesfreude. Sie sind lahm, sie sind Krüppel, sie sind blind, dennoch hüpfen sie, wie ein Hirsch und ist ihnen Alles Licht. Da treten sie in die Vorhalle hinein! Was lebt in ihnen? Der König und sein Wohlgefallen. Sie sehen es, sievernehmen es, wie einem Jeden hier das hochzeitliche Kleid dargereicht wird. „Das bedeckt dich ganz“ heißt es, „es bedeckt deine ganze Armut, dein ganzes Elend, – das ziehe an, so gefällst du dem Könige. Der Bräutigam hat’s für dich erworben und trägt selbst kein anderes.“ Die Glücklichen! werden sie wohl Ruhe und Rast haben, ehe sie mit diesem Kleide bedeckt sind?

Wohlan, dieses Kleid ist die vollkommene Genugtuung, Gerechtigkeit und Heiligkeit Christi. Haben die Auserwählten daran genug für diese Zeit oder verlangen sie es ewig zu tragen? Wenn ewig, so hat dieses Kleid auch seine Wirkung heute, morgen, bis an den Tod und über den Tod hinaus. Hier ist das Fleisch nichts nütze; in der vollkommenen Genugtuung, Gerechtigkeit und Heiligkeit Christi stecken Geist und Leben. Was bedeutet denn dieses Kleid noch mehr? Dieses, daß man zwar ein Mensch ist durch und durch, aber in dem Menschen Christo Jesu sein Fleisch und Blut im Himmel hat, also mit ihm auferstanden und in das himmlische Wesen versetzt ist; daß man daselbst in ihm gesegnet ist mit allem geistlichem Segen in himmlischen Gütern, gesegnet mit der vollen Frucht des Geistes; daß man in Christo und mit ihm wohl verwahrt ist im Glauben, bekleidet mit des Allerhöchsten Glückseligkeit, auch herrlich beschützt und bedeckt gegen alle Feinde; daß man mit ihm Alles ererbt und im Glauben die Überwindung hat über die Welt. Und was bedeutet es, daß dieses Kleid so durchduftet ist von Myrrhe, Aloe und Kezia? Was anders, als den kostbaren Schatz des uns von Christo erworbenen und erteilten Geistes; was anders, als den Wohlgeruch des ganzen Wesens dessen, den der Geist treibt, als das Beständige und vor Verwesung Bewahrende der Gnade dieses Geistes, als stete Genesung aller verborgenen Wunden und Gegengift gegen das Gift der Pfeile des Bösewichts, als das zwar Bittere für den Mund, aber für das Herz Gesunde und wirklich Süße des Ähnlich-werdens dem Tode Christi unter allerlei Trübsal, Kreuz, Leiden, Hohn, Schmach und Anfechtung von Seiten der Welt und des Teufels? So trägt man denn in diesem Kleide den Sieg über die Welt davon. Und wer hier meint, sich entschuldigen zu können mit seiner Ohnmacht, den frage ich: ob man, getraut in Gütergemeinschaft mit einem reichen Könige, noch arm sein kann? Freilich ist man arm in sich selbst, und wollte die Hausfrau zu ihrer Armut hingehen, die sie von Haus aus mitgebracht, sie würde nichts finden. Wo aber der König sich selbst gegeben, sein Herz, sein Leben, sein ganzes Vertrauen, alle seine Güter und die Schlüssel dazu: kann da die Frau die Rechnungen nicht bezahlen, welche vor und nach kommen? Kann sie da nicht jeden Feind von sich abhalten mit des Königes Macht, da er ihr doch Liebe und Treue geschworen, geschworen sie nimmermehr zu verlassen, sie treulich zu ernähren und zu schützen? Diese Gemeinschaft gibt Einigkeit. Seien wir nur nichts. Mit unserer Kraft ist nichts getan. Seien wir eine Null und er die Eins davor, so gibt es eine Macht, und diese Macht wird immer mächtiger, je mehr wir mit unsern Nullen uns zu Ihm, der einzigen Eins, fügen. Nur ihm Alles bekannt, nur bei ihm geblieben, er ist den Armen gut, und wenn kein Bann in Israel ist, jagt Einer Tausend. In seiner Gemeinschaft, in seiner Bekleidung, in dem hochzeitlichen Kleide wird die Welt überwunden. Wer die Welt nicht überwindet, wird nicht in dem hochzeitlichen Kleid erfunden. Die wenigen Auserwählten aber überwinden die Welt, darum heißt es von ihnen: „Und es ward ihr gegeben, sich anzutun mit reiner und schöner Seide.“ (Die Seide aber ist die Gerechtigkeit der Heiligen: eine Gerechtigkeit, welche sie bedeckt, eine Gerechtigkeit, die Gerechtigkeit nicht dranzugeben, eine Gerechtigkeit, in Gerechtigkeit erfunden zu werden vor ihm an seinem Tage.) Die wenigen Auserwählten wissen es, daß Fleisch den Himmel nicht sehen wird, darum haben sie der Welt Valet gegeben, gehen im Geiste einher und warten nur auf die Offenbarung des großen Gottes und Erretters, Jesu Christi.

So sind die wenigen Auserwählten, und das ist also das Kennzeichen, welches sie an sich tragen: daß es ihnen durch den Geist Christi um Gerechtigkeit zu tun ist; darum würden sie sich auch nicht hinein wagen in den Hochzeitssaal, ohne das hochzeitliche Kleid anzutun, denn der Wille und die Gnade des Königs ist ihnen mehr, als ihr Hineingekommensein in den Saal. Arm und elend sind sie in sich selbst und in ihren eignen Kleidern dürfen sie nicht erscheinen, das wissen sie; aber eben deswegen ziehen sie auch das Kleid an, in welchem allein sie dem Könige gefallen können, und welches umsonst dargereicht wird. Sie sind vor Andern allerlei Sünden und Versuchungen des Teufels ausgesetzt, haben aber nicht Rast, bis sie so gekleidet sind, wie der König es will, daß er Gefallen an seinen Gästen haben könne.

O, ihr Alle, deren Herz zu Gottes Geboten geneigt ist, zu den Schränken hin, und wiederum und wiederum: zu den Schränken hin!

Wie schaudererregend dieses Gleichnis auch sei, so kann es doch denen von euch nur Mut machen, die da immerdar nach Gerechtigkeit hungern und dursten. Betrachten wir den König, so mögen wir ausrufen: Lobe den Herrn, meine Seele! Er hat ein Gefallen an der Wahl seines Sohnes, der zur Braut erwählt, die eine Teufelsbraut war, Er hat Gefallen an der Gnade dieses Sohnes, der aus freier Liebe sich die Braut in seinem Tode, seiner Auferstehung und Erteilung seines Geistes hat umgeschaffen und schön und herrlich gemacht, daß sie ohne Runzel und Flecken dastehe vor Gott, dem Vater. Vernehmen wir seine Einladung: wie kühn muß sie uns machen, zu kommen, was auch der Teufel dagegen raune. Mit welchem Drange der Liebe, wie wohlgemeint geschieht sie! Gott, der Vater ladet, er ladet in der größten Langmut von neuem. Er, der allgenugsam ist in sich selbst, lobt dazu vor den Gästen eine Speise, wie sie die Engel nie bekommen! Welche königliche, fette, herrliche, überflüssige Speise hat er aufgetischt, das Beste, was er hat, auf daß seine hungrigen Gäste essen und die Fülle haben! Ja, wer kann sich von der Welt noch festhalten lassen, wenn er vernimmt, daß ein solcher König so viele gute, freundliche, leutselige Worte erschallen läßt, um nur viele Gäste zu bekommen an seinen Tisch, daß sie mit seinem Sohne und mit ihm sich freuen? O, ist es nicht für dich, für dich, wenn du siehst, wie er nicht müde, noch matt wird, nachdem die eigentlichen Gäste sein Mahl verschmäht haben, von den Straßen nunmehr herbeizurufen, was nur gefunden wird und was sein Lebtage solche Gerichte nicht gekostet hat, damit der Spruch erfüllet sei: „Die Elenden sollen essen, daß sie satt werden“?

O, diese königliche Milde und Güte, daß er alles, alles bereitet hat, daß er das hochzeitliche Kleid auch nicht will mitgebracht wissen, sondern es für einen Jeden, der herein tritt, fertig hat und es umsonst gibt, daß man, ein Bettler in sich selbst, in des Königs Kleidern prangen darf. Ist es nicht, um in Anbetung hinzusinken?

Ihr, vom Herrn Auserwählte! Freuet euch in eurem Könige, der bald selbst kommen wird, euch zu besehen. Und ihr, die ihr im Vorsaal vor den Schränken stehet, ziehet an die herzliche Erbarmung Gottes, ziehet an den Herrn Jesum Christum; in diesem Kleide steckt alle Heiligkeit, welche unsre Unreinigkeit bedeckt. Das ist die Wahrheit, und in ihr ist die Überwindung, wo es Wahrheit ist; Wahrheit des Glaubens aber. Amen.
Befleißige dich, dich selbst Gott bewährt darzustellen als einen Arbeiter, der
sich nicht zu schämen hat, der das Wort der Wahrheit recht teilt. 2. Tim. 2:15

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Matze7443
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Re: Briefe, Auslegungen und Predigten von H.F. Kohlbrügge

Beitragvon Matze7443 » 27.03.2017 19:20

Hallo liebe Geschwister.

Da wir nun die drei Predigten gelesen hatten, kommt nun etwas aus der Reihe "Licht und Recht".
Diese Reihe enthält 12 Hefte, die wiederum 6-7 Predigten enthalten. Ich möchte mir die Mühe machen und sie euch nach und nach zeigen. Ich möchte mich bei Joschie bedanken, daß er mich beim formatieren der Texte unterstützt. An dieser Stelle danke ich dir Joschie. Ich möchte mich auch bei dem Betreiber der Seite "Licht und Recht" bedanken, daß soviel Arbeit aufgenommen wurde, diese Predigten zu erhalten, auch dafür vielen vielen dank.

Nun hier ist die erste.

Hermann Friedrich Kohlbrügge
Licht und Recht (Heft 1); 1. Predigt
Geschrieben den 9. August 1846


Psalm51.8
Siehe, du verlangst nach Wahrheit im Innersten: so laß mich im Verborgenen Weisheit erkennen!

Es gibt wohl nichts Unerträglicheres als Lüge und Heuchelei, und es gibt wohl nichts Erfreulicheres als Aufrichtigkeit. Es gibt eine Heuchelei, welcher die Absichten, die sie mit ihrer Verstellung hat, bekannt sind. Es gibt eine Heuchelei, welche nur weiß, dass sie heuchelt, aber nicht weiß, weshalb sie solches tut. Es gibt auch eine Heuchelei, welche so lange gehegt worden ist, dass sie zu guter Letzt meint, es gehe ihr um Wahrheit. Die Kinder heucheln manchmal vor den Eltern und vor gewissen Personen, als wären sie etwas, was sie doch wiederum bei andern nicht sind; und die Erwachsenen heucheln sich und andern etwas vor, was sie im Verborgenen ganz und gar nicht sind. Der Grund aller Heuchelei, wie sie im menschlichen Herzen steckt, ist Eigengerechtigkeit und Hochmut; Eigengerechtigkeit, welche sich nicht will aufdecken lassen, dass sie Ungerechtigkeit ist, und Hochmut, infolge dessen man nicht wissen will, dass man gerade darauf aus ist, worauf man aus ist, nämlich: seinen eigenen Willen durchzusetzen, anstatt zu tun, was dem Gesetz gemäß, was nach Gottes Willen ist. Nichts ist dem Heiligen Geiste wohl mehr zuwider, und mit nichts beraubt man sich mehr des Trostes des Heiligen Geistes, als dadurch daß man zwar die Wahrheit kennt und sich nur der Wahrheit beugt, aber nur auf daß einem das Verborgene des Herzens nicht aufgedeckt werde. Und wer das tut, der wird sich auch immerdar zu guter Letzt gegen die Stimme des Geistes verhärten, wenn diese ihm ganz aufdeckt, was er ist, und es so ganz offenbar wird, was er treibt.

Es gibt wohl keinen Menschen, der nicht die Heuchelei für das abscheulichste Laster hält, und wiederum gibt es keinen, der heuchelt und der nicht zugleich doch als aufrichtig gelten will und auch für Aufrichtigkeit eifert. Kein Mensch auf der ganzen Welt will ein Heuchler sein, und dennoch gibt es keinen Menschen, der nicht von Hause aus ein Heuchler ist. Es gibt auch Leute, die es eingestehen, dass es alles Heuchelei ist, was sie treiben, und die sich dennoch damit schmeicheln, dass sie aufrichtig seien; sie sagen, dass alles Heuchelei ist, weil sie selbst wohl fühlen, wie das, was sie treiben, aller Wahrheit entgegen ist. Es gibt aber auch solche, die es von sich anerkennen, dass in ihnen gar keine Wahrheit ist, und dennoch ist alles Wahrheit, was an ihnen ist.

Es ist alles Wahrheit an denen, welchen es um Gerechtigkeit geht; und wenn sie sich auch getäuscht und von sich etwas behauptet haben, wovon sie später erfahren, dass es doch so nicht bei ihnen gewesen, sobald sie es einsehen, bekennen sie es auf der Stelle dem, der ihnen die Wahrheit vorgehalten hatte. Sie sind nicht trotzig, eben deswegen weil es ihnen darum geht, nicht sich selbst zu behaupten, sondern dass einem jeglichen gegeben sei, was ihm gebührt.

Der König David ist uns davon ein Beispiel. Ihm ging es um Gerechtigkeit. Mochte er nun auch einmal infolge des Eigendünkels, dass er etwas sei, in Ungerechtigkeit erfunden werden, sobald er erkannte, was er denn doch eigentlich war, nämlich ein solcher, für den er sich selbst bis dahin nicht gehalten, so schüttete er auch sein ganzes Herz vor dem Herrn aus und verhehlte es nicht, was alles bei ihm vorgegangen.

Den entsprechendsten Beweis davon haben wir in dem 51.Psalm; hier lesen wir in dem achten Vers: Siehe, du hast Lust zur Wahrheit, die im Verborgenen liegt; du läßt mich wissen die heimliche Weisheit;

oder genauer nach dem Grundtext:

"Siehe, du hast Lust zur Wahrheit im Verborgenen, und im Geheimen machst du mir Weisheit bekannt."

Wir wollen diese Worte zum Gegenstand unserer heutigen Betrachtung nehmen und dabei folgende Fragen beantworten:

1. Wozu hat der Mensch Lust?
2. Wozu hat Gott Lust?
3. Wie hat Gott bewiesen, dass er Lust zur Wahrheit hat.
4. Was ist das für eine Weisheit, welche Gott im Geheimen lehrt?


-1-
Wozu hat der Mensch Lust? Seine Blöße zu bedecken, nachdem er gesehen, dass er nackt ist, und sich zu diesem Zweck Feigenblätter zusammen zu flechten; sodann sich zu verstecken, wenn er die Stimme des Herrn seines Gottes hört; endlich die Schuld zu bemänteln, sie auf die Sünde zu werfen, auf die Gelegenheit, auf den Nächsten, auf seine eigene Schwachheit, auf seinen Leib, auf das was er den „alten Menschen“ nennt, auf die Umstände, worin er sich befindet, – auf den Teufel, auf Gott. Dazu hat der Mensch Lust.

Sich selbst aber anzuklagen und Gott zu rechtfertigen in seinen Worten und Gerichten, dazu hat er keine Lust. Dazu hat der Mensch Lust: sich allerlei Mittel zu erdenken, um nicht davon überführt zu werden, dass er der Sünde dient und dass er, er selbst, der Sünder ist.

Wir sehen es an Nikodemus. Nachdem er von dem Herrn bereits so vieles gehört, was ihm seinen ganzen von ihm so hoch gehaltenen Stand mochte zu Boden geworfen haben – wollte er dem Herrn nicht aufrichtig gestehen: „Meister, dass ich zur ungelegenen Stunde zu dir komme, geschieht aus Furcht vor den Juden; aber seitdem die Leute mir so vieles von dir erzählt haben, muss ich dir bekennen, dass ich von der Sache Gottes nichts weiß, und dass ich gar keinen Frieden mehr habe, sondern wie die Meereswellen hin und her geworfen werde“. Ach nein, er tat vor dem Herrn, als wüsste er, was es heißt „von Gott gekommen zu sein“. Und da der Herr ihm nun vorhielt, dass, wenn er nicht von neuem geboren würde, er die Dinge des Reiches Gottes nicht mal sehen könnte, da wich er der Zurechtweisung wieder aus. Anstatt anzuerkennen, dass er selbst die Bestrafung schon in sich trage: „du musst ein ganz anderer Mann werden; denn obschon du der Lehrer Israels bist, so lehrst du wohl andere, tust es aber selbst nicht; du bist schlimmer als ein Heide“, – kam er mit einer Frage, von welcher er selbst wohl wusste, wie albern sie sei, da er nach seiner theologischen Kenntnis sehr gut wissen konnte, dass der Herr ihm keine Lehre vorhalte, die ihm fremd war. Aber er wollte nicht daran; er, der die verborgene Bestrafung in sich trug: „Es taugt nicht mit dir“, er wollte, als es Ernst galt, im Verborgenen lieber ein Heide bleiben, als dass er im Offenbaren vor Gott und Menschen bekannt hätte: „Nein, ich bin kein wahrer Israelit“; und doch wird nur auf diesem Weg ein Jude im Verborgenen, d. i. ein Jude vor Gott gezeugt, welcher der Beschneidung des Herzens teilhaftig ist (Röm. 2,29). Wohl ihm, dass er es nachher gezeigt, wie er sich vor der Wahrheit gebeugt hat, da er, der Lehrer Israels, sich nicht des Gekreuzigten schämte, sondern ihn von dem Kreuz herabnehmen half, und zwar in einem Augenblick, da er in einem ganz andern Sinne vom Reich der Himmel nichts sehen konnte.

Der Mensch will bleiben, was er ist; das ist die ganze Sache. Er will in der alten Haut stecken bleiben; an dem alten Stamm, und wäre es auch nur mit einer Faser, will er hangen bleiben. Dazu hat er Lust. Nicht sterben will er, er will leben, und Gott soll aus dem Weg geschafft werden. Gott soll, dass ich so sage, getötet werden, oder dann muß Gott ihm das Leben in eigener Hand lassen, den Trug und die Lüge, welche er auch so zu übergolden weiß, dass es fast die erste und zweite Probe bestehen kann. Glücklich für ihn und für die Wahrheit, dass alles was nicht die Probe hält, zu guter Letzt sich selbst offenbar macht, so oft Gott mit dem Schmelztiegel kommt.

Es ist kaum glaublich und dennoch wahr, dass fast alle menschlichen Bemühungen auf dem religiösen Gebiet lediglich darin ihren Grund haben und auch von jeher gehabt haben, daß der Mensch nur Lust hat sich zu halten an dem alten Stamm Adam und nicht hinübergehen will in die Herrschaft der Gnade, wobei nach der Verheißung die Sünde nicht mehr des Menschen Herr ist. Denn nach der Sünde steht dein Verlangen, o Mensch, und nicht nach der Gerechtigkeit. Im Kirchlichen soll deshalb alles rein sein; ob aber bei dir im Häuslichen alles rein ist, danach fragst du nicht so sehr. Die Lehre soll durchaus unverfälscht sein; ob aber dein Benehmen mit den Deinen und mit deinem Nächsten auch so ist, wie es vor Gott sein soll, das macht dir wenig Kummer. Ein anderer soll ehrlich sein und Gott und dem Nächsten das Seine zukommen lassen; ob du aber ein Herz hast dem andern das Seine zu geben, deine eigenen Schulden zu bezahlen, und ob im Falle des Unvermögens bei dir ein Rufen zu Gott da sei um Segen, ein Schreien zu Gott, und ein solcher Wandel, dass ein jeder dadurch überzeugt wird: der meint es redlich und ehrlich, – das macht dir keine Sorge. Und du willst dich vor der Stimme der Wahrheit für fromm ausgeben? willst behaupten, du seist unschuldig und rein?

Ach, wozu hat der Mensch Lust? Um selig zu werden? Das lügt sich der Mensch vor! Ja, um den Strafen der Sünde zu entgehen, um die Sünde in der Hand zu halten und sein Herz zu verführen mit der Bibel vor den Augen, mit allerlei Sprüchlein, mit Predigten, aus denen man dann herausnimmt, was das strafende Gewissen stillt, wobei man doch im Verborgenen und Offenbaren auf seinen Hefen ruhen bleibt –: das ist es, was dem Menschen gefällt. Sich in einen gestohlenen Mantel der Wahrheit zu hüllen, damit vor Gott zu kommen, und denselben heute so, morgen wieder anders zu falten, genau darauf acht zu geben, wie man nach Gerechtigkeit gekleidet sein soll, solches nachzumachen, und dann zu fragen: bin ich nun nicht gerecht? und morgen wieder zu kommen mit der Frage: aber was sagst du denn jetzt von mir? – dazu hat der Mensch Lust. Mit einem Wort, der Mensch will sich fromm gebärden und die Gerechtigkeit so lange lieb und wert halten, bis sie ihm persönlich mit ihrem ganzen Ernst entgegentritt; dann aber auch sie verhöhnen, sie verscheuchen mit der Schrift, sie töten mit dem Gesetz Gottes in der Hand, oder sich der Verzweiflung ergeben.

-2-
Fragen wir nun: Wozu hat Gott Lust? Gott hat Lust zur Wahrheit, sagt David. Zu welcher Wahrheit? Zu dieser Wahrheit, welche David in dem vorhergehenden Vers ausgesprochen hat: „Siehe, ich bin in Verdrehtheit gezeugt, und in Sünde hat mich meine Mutter empfangen“.1 Das ist es, wozu Gott Lust hat: zu einem aufrichtigen Eingeständnis dessen, was man ist. Siehe, David hatte es gewagt, es vor Gott jetzt einmal auszusprechen, was er denn doch eigentlich sei. Er sagt nicht: ach Gott, ich bin ein Ehebrecher, ich bin ein Mörder, sondern er kommt auf den Grund der Sünde. Er kommt auf den Grund dessen, was er ist, nicht dessen, was er durch die Sünde mit Bathseba geworden war, als hätte er dadurch eine Unschuld, die er früher gehabt, verloren. Nein, er hat es beim Licht des Geistes eingesehen, was er war, was er von seiner Jugend auf war, – was er war, nicht durch seine Taten, sondern was er war. bevor er weder Gutes noch Böses getan hatte. Ich sage, was er war von seiner Jugend auf, von seinem Entstehen an. Nicht dass er damit die Schuld auf seine Eltern oder auf seine Geburt wirft; nein, er sagt es, um vor Gottes Angesicht zu bezeugen, dass jetzt jeder Gedanke bei ihm ausgerottet sei, als ob er jemals in irgend welcher Weise fromm oder gerecht gewesen, oder als wolle er von nun an fromm oder gerecht vor Gott sein. Zur Ausmerzung jedes eigenen Stolzes, der doch immer hoch fährt in Selbstschmeichelei und den Mönch und den Heuchler nährt, legt er sich so vor Gott hin, wie er sich nunmehr vor Gott hat kennen gelernt. Er hatte es gewagt, sich so ganz vor Gott auszuschütten, und sobald er es getan, ruft er: „Siehe, du hast Lust zur Wahrheit!“ als wollte er sagen: „Siehe, warum sollte ich es dir verhehlen, du kennst mich ja, und wie könnte es dir missfallen, dass ich mich so nackt vor dir ausschütte, wie ich mich finde?“ Er hatte es gewagt, sage ich; denn das ist keine leichte Aufgabe, sich vor Gott so hinzuwerfen. Ach, es wird in der Dogmatik, in der Lehre, so was nachgeplappert; aber wer macht sich dieses Bekenntnis in Wahrheit zu eigen? wer meint nicht: „Das habe ich schon längst hinter dem Rücken, das geht meine erste Jugend an“? Wer, der eine Missetat auf dem Gewissen hat, denkt nicht in der Regel nur an die Tat, oder an die Taten, welche er verübt? Welcher Mensch denkt nicht manchmal noch dabei, dass er alles, alles Gott sagen und klagen dürfe, nur nicht diese oder jene Sünde; die behält er für sich, davon will er sich selbst heilen, die werde er durch diese oder jene Mittel selbstausgedachter Gottseligkeit endlich wohl unter seine Füße kriegen?

Es sollte doch der Mensch auf den Grund gehen, weshalb er so ist, wie er sich kennen gelernt hat. Da wird er mit dem Äußerlichen nicht mehr so viel zu schaffen haben, da wird er finden, woher es alles kommt, was er Sünde zu nennen pflegt, – da wird er die Sünde finden, welche alles zur Sünde macht, selbst dann wenn er mit Obadja sagen könnte: „Dein Knecht fürchtet den Herrn von seiner Jugend an“.

Leider ist das so eines jeden Menschen Weise, dass er mit dem Hund auf den Stein beißt, aber nicht sieht auf den, der denselben wirft. Die Sünde, die Sünde wird angeklagt. Ader klage du vielmehr dich selbst an, o Mensch, und nicht die Sünde. Du hasst die Sünde, wie du meinst, aber du liebst dich selbst, den Sünder. Die Sünde soll ausgerottet werden, aber du willst bleiben. Wider die Sünde willst du den Kampf aufnehmen, gegen sie streiten bis aufs Blut, und du schonst des eigentlichen Feindes, wie Saul des Agag. Du bittest, du schreist zu Gott, du wendest auch alle Mittel an, um der Sünde Meister zu werden, du protestierst wider die Sünde und willst mit ihr keine Gemeinschaft haben, und du verstehst nicht, dass du dich lediglich deshalb zerarbeitest, weil du nicht wissen willst, was du selbst bist; weil du nicht das tun willst, wozu Gott Lust hat, das ist, dass du dich selbst anklagst und vor Gott bekennst, wer du selbst bist. Du klagst dich wohl mal an, ja du kannst keine Ausdrücke finden, die stark genug wären, um zu beschreiben, wer du bist; aber du bedienst dich aller dieser Ausdrücke nur im Hinblick auf die Tat oder die Taten, die du verübst oder verübt hast, indem du stets nur auf das siehst, was aus dir hervorgeht; aber niemals fällt es dir ein, zu erforschen, woran es doch eigentlich liegt, dass du so sündigst, dass du solche Begierden nährst, welche dir so viel zu schaffen machen.

Nun höre, das ganze verkehrte Wesen hat darin seinen Grund, dass wir nicht wissen wollen, dass alle Sünden herrühren von unserer Gesinnung gegen Gott, auch nicht wissen wollen, dass diese Gesinnung verdreht und verkehrt ist von Mutterleib an. So meinen wir denn auch wohl mal, wir wollten die Heiligkeit, Gott aber wolle sie nicht. Und solchen Gedanken hängen wir wohl mal so nach, dass wir uns selbst für solche Leute halten, die das Gute herzensgerne wollen, weil wir es aber nicht fertig bringen können, so werfen wir die Schuld auf Gott, dass Er nicht wolle, dass er zornig auf uns sei, dass er nicht gewillt sei uns zu helfen, oder wir suchen die Ursache etwa in irgend einer anderen Sünde, dass wir z. B. die Sünde wider den Heiligen Geist oder etwas ähnliches begangen; oder dass wir Gott zu sehr getrotzt haben, wie sehr er uns auch gewarnt, dass wir also zu mutwillig gesündigt haben, und dass deshalb kein Opfer mehr für uns da sei. So sind wir denn bemüht, uns mit Hilfe des Teufels das teure Gnadenwort so auszulegen, dass wir den Wespen ähnlich sind, die aus dem Inhalt der süßen Blumen nur Gift zu bereiten wissen. Es werden deshalb denn auch allerlei Kennzeichen der Gnade aufgesucht, und weil keins mehr gefunden wird, soll es mit der Gnade aus sein. Und in solcher Stimmung können wir den 51. Psalm lesen, in einem sogenannten Bußkampf, und wir verstehen gar nichts von den Worten: „An dir, an dir allein habe ich gesündigt“; nichts von den Worten: „Siehe, ich bin in Verdrehtheit gezeugt, und in Sünde hat mich meine Mutter empfangen" nichts von den Worten: „Siehe, du hast Lust zur Wahrheit“.

„Ja, so ist’s, so verhält es sich“, höre ich manchen sagen. Aber hast du solche Wege durchgemacht, so frage ich dich: verstehst du denn jetzt diese Worte: „Siehe, du hast Lust zur Wahrheit“? Hast du sie gestern verstanden? Der Kirchenvater Augustinus, der, wie er ein Klostermann ohne gleichen gewesen ist und wohl viele harte Bußkämpfe wird durchgemacht haben, verstand es so: dass Gott, obwohl er gnädig war, seine Wahrheit habe retten und deshalb die Sünde strafen müssen. So fand er wenigstens einen Sinn in diesen Worten. Er hat aber auch nicht gewusst, dass es um ihn selbst ging, er meinte, es gehe um die Sünde; deshalb verstand er diesen Spruch so, deshalb war er auch ein eifriger Klostermann und Klostererbauer; und so legt es mancher nach seiner Art ans, weil er nicht auf den Grund geht.

Ob aber auch einer Bußkämpfe durchgemacht oder nicht durchgemacht hat, das mag wohl einerlei sein, er soll vielmehr wissen und verstehen, wie es mit seiner Gesinnung gegen Gott aussieht; und diese ist immerdar eine solche, dass ein Menschenkind dessen so selten, oder gar nicht eingedenk ist, wie es mit dieser Gesinnung aussieht, und dass er es deshalb in äußerer Betrachtung seiner Pflichten, in Werken, in äußerlicher Heiligung sucht und unaufhörlich sich bestrebt, Mittel zur Hand zu haben, um den kranken Leib zu retten, indem er nicht wissen will, dass er innerlich tot ist in Bezug auf Gott, und dass sein Leben lediglich in Christus Jesus ist.

Wenn auch niemand dieses wissen will, wenn vielmehr ein jeder immerdar meint, er müsse das Leben in sich selbst haben, so dass er es besehen könne, so wird er, wenn es ihm sonst um Wahrheit geht, die Erfahrung machen, welche auch David gemacht, nämlich: dass man sich aufs Dach begeben kann, als steige man gen Himmel, und ohne dass man es ahnt, stürzt man plötzlich in den tiefsten Abgrund der Begierde hinab.

„Auf dass du Recht behältst in deinen Worten, und rein bleibst, wenn du gerichtet wirst“, so sprach David. O glückliches Kind, das, nachdem es die Warnung des Vaters, die Lehre der Mutter in den Wind geschlagen, in der Meinung: „Was sollte die unbedeutende Sache mir schaden? was steckt denn da drin? ich bin alt und weise genug; was meint der Vater, was denkt denn die Mutter von mir!“ ich sage, glückliches Kind, das, nachdem es nun durch Schaden und Schande belehrt, eingesehen hat, dass der Vater es gut gemeint, dass die Mutter richtig geurteilt, nun nicht trotzig wird, sondern es eingesteht: „Vater, Mutter, ihr habt Recht gehabt“. Wohl dem Menschen, der bei der täglichen Erfahrung, wie verkehrt es ist, Gott in Verdacht zu nehmen, zu trotzen gegen sein gutes Wort, ihm vielmehr Recht gibt, sich selbst anklagt, und die Heiligkeit und Reinheit des Wortes Gottes und seines Gesetzes anerkennt! Ein solcher wird nicht bei seiner Sünde, bei seinen äußerlichen Taten stehen bleiben, sondern das wird er bekennen: „Gegen dich, gegen dich allein habe ich gesündigt“. Bekennen wird er, dass in seinem Dünkel, in seiner Einbildung, er sei etwas, in seiner Hoffart, der Hoffart seines Ich, in seiner Eigenweisheit der Grund liege, dass es zu dieser oder jener Sünde bei ihm gekommen ist, und er wird nicht wegen seiner Tat, sondern wegen seiner Gesinnung es anerkennen, dass er gesündigt. Meine Sünde, so wird er bekennen, besteht gerade darin, dass, nachdem du mir gesagt, wer ich sei, ich es nicht habe glauben wollen. Wohl dem Menschen, der, wo Gott ihm sagt: „Du bist ein Sünder“, nicht darauf besteht: „Ich bin ein Heiliger“; – wo Gott ihm sagt: „Du weißt nichts von meiner Gerechtigkeit“, – nicht darauf besteht, Gott dies doch beweisen zu wollen und Gott so den Mund zu stopfen; – wo Gott ihm sagt: „Du taugst nicht“, in seinem Herzen nicht denkt: „So will ich es denn gut machen, was nicht taugt. “

Hier der Link zur Pdf zum Downloaden.
http://www.licht-und-recht.de/kohlbrueg ... ht_1.1.pdf
Befleißige dich, dich selbst Gott bewährt darzustellen als einen Arbeiter, der
sich nicht zu schämen hat, der das Wort der Wahrheit recht teilt. 2. Tim. 2:15

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Matze7443
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Re: Briefe, Auslegungen und Predigten von H.F. Kohlbrügge

Beitragvon Matze7443 » 03.04.2017 19:10

2. Predigt
Geschrieben den 1. November 1846


„Und der Herr sprach zu Mose: Du sollst zu ihm (Pharao) sagen: So sagt der Herr: Israel ist mein erstgeborener Sohn; und ich gebiete dir, daß du meinen Sohn ziehen läßt, daß er mir diene. Wirst du dich des weigern, so will ich deinen erstgeborenen Sohn erwürgen“ (2. Mo. 4,22.23)

Das waren feierliche Worte des Herrn zu Pharao und sagten dasselbe als: „Erkenne meinen Christus an, oder du verlierst das Beste, was du hast; gib ihm die Ehre, oder du bist verloren“. Die unumgängliche Notwendigkeit, Christus nicht halb, sondern ganz anzuerkennen, oder wo nicht, den Zorn Gottes über sich herabkommen sehen zu müssen, mag Mose wohl selbst noch nicht so eingeleuchtet haben; wenigstens traf bei ihm selbst ein, was er dem Pharao zu predigen und zu weissagen, auch anzudrohen hatte. Als Moses gen Ägypten zog und unterwegs in der Herberge war, kam ihm der Herr entgegen und wollte ihn töten. Daß er dem Herrn Ursache gegeben, ihn zu töten, ersehen wir daraus, daß Zipora ein steinernes Messer nahm und ihrem und Mosis erstgeborenem Sohn die Vorhaut beschnitt. Es ist sehr wahrscheinlich, daß Moses seiner Frau bereits bevor sie den erstgebornen bekommen, die Wahrheit und die Notwendigkeit der Beschneidung zu wiederholten malen vorgehalten hat, daß aber Zipora immerdar sich dagegen gesträubt, weil ihr, daß ich mich dieses Wortes hier bediene, „die Bluttheologie“ in ihrem ganzen Umfang, in ihrer Bedeutung und Anwendung auf sie selbst, zuwider war. Man darf auch als gewiß annehmen, daß Moses seiner Zipora nachgegeben hat. Das konnte aber so nicht bleiben. Wurde die Wahrheit Jesu in Mosis eigenem Haus nicht gehandhabt, wie würde er dann den Namen des Herrn vor Pharao handhaben können! Er selbst mußte mit seiner Zipora fühlen, wie sehr der Zorn Gottes zu fürchten ist, auf daß er ohne Scheu es auch dem Pharao predigen könnte: „Willst du nicht umkommen, so tue den Willen des Herrn, – so glaube!

Deshalb kam der Herr dem Mose in der Herberge entgegen und brachte ihn in eine plötzliche Todesgefahr. Dies sah das den Mann liebende Weib. Schon lange hatte sie die Bestrafung des Heiligen Geistes in sich herumgetragen; lange genug hatte sie der Wahrheit Gottes Widerstand geleistet. Sie versteht es jetzt, was es damit auf sich hat, wenn man sich der Gnade widersetzt und das Blut der Erlösung nicht in seiner ganzen Gültigkeit anerkennen will. Sie wird gehorsam, wiewohl mit Sträuben; sie beschneidet ihren Erstgeborenen und rührt mit dessen Vorhaut die Füße des sterbenden Moses an. Da läßt der Herr von ihm ab, da verläßt ihn der Tod, – und sie ruft aus: „So habe ich dich denn wieder, wie damals, da ich dich zum ersten mal bekam, und das durch Blut. Du bist mir ein Blutbräutigam!“ Das ist alles, was die Frau noch hervorbringen kann, göttlich überrascht durch eine so schnelle Wiederherstellung, durch eine solche Umkehr aus dem Tod zum Leben, während sie in der Beschneidung das Ablegen und den Tod des alten Menschen und zugleich das Schuldversöhnende und Lebenschaffende des Blutes Christi als in einem Gleichnis vor sich sah.

Möge es uns nicht befremden, daß Zipora sich so lange in ihrem Innern gegen eine Wahrheit hat sträuben können, welche sie doch oft von Mose vernommen. Im Grunde sind wir alle dieser Wahrheit abhold, wenn die Anwendung derselben auf uns gemacht werden soll. Wir alle suchen das Leben in eigener Hand zu halten, wir wollen es demnach nicht gerne anerkennen, daß es bei uns eine abgeschnittene Sache ist; wir gefallen uns in unserer Erkenntnis, schmeicheln uns damit und fühlen uns dabei recht behaglich; deshalb sind uns auch die einfachsten Wahrheiten manchmal so unklar; denn daß es bei uns aus ist, und daß nur so bei Gott in Christus Leben für uns da ist und Gnade, und zwar in Gottes Gerechtigkeit, – das will nie auf die Dauer bei uns haften.

Wie es nun bei uns Menschen aus ist, und daß lediglich in dem Blut Christi Leben in Gerechtigkeit für uns da ist, so wie auch, daß und wie wir dieses zu wissen und anzuerkennen haben, – solches wünsche ich euch, meine Geliebten, in dieser Stunde ganz besonders vorzuhalten; wenn ich es auch schon das eine und andere mal getan, so halte ich dies doch für um so notwendiger, als ich wohl wahrgenommen habe, daß viele von euch darüber noch sehr im unklaren sind.

1. Johannes 1,7b Das Blut Jesu Christi, seines Sohnes, macht uns rein von aller Sünde.
Der Apostel spricht:

I.Von einem Blut, welches rein macht.

II.Er sagt, daß dies das Blut Jesu Christi, des Sohnes Gottes, ist.

III.Er bezeugt, daß dieses Blut rein macht von aller Sünde.

1. Der Apostel spricht von einem Blut, welches rein macht. Wie haben wir dies zu verstehen? Meint der Apostel es etwa so, daß wir dabei an etwas anderes zu denken haben, z. B. an Gehorsam, oder Tod, und daß wir es uns demnach so erklären müssen, als wollte der Apostel sagen: Sein Gehorsam macht uns zu Gehorsamen, oder: bedeckt unseren Ungehorsam, oder: sein Tod ist der Tod unseres Todes und nimmt unseren Tod von uns? Wenn dies auch Wahrheiten sind, welche wir anderwärts bei den Aposteln ausgesprochen finden, so kann es ihnen doch wohl nicht gleichgültig gewesen sein, ob sie „Gehorsam“, oder „Tod“, oder „Blut“ geschrieben haben. Der Heilige Geist, ein Geist aller Wahrheit und Gerechtigkeit, hat die Apostel notwendig immer solche Worte schreiben lassen, welche am rechten Platz waren, so daß eben das damit ausgesprochen wurde, was dieser Geist zum Trost der Gemeine gesagt wissen wollte. Wenn unser Herr beim Abendmahl sagt: „Das ist der Kelch, das neue Testament in meinem Blut, das für euch vergossen wird“, wenn die Apostel sich so aussprechen: „So habet nun acht auf die ganze Herde, unter welche euch der Heilige Geist gesetzt hat zu Bischöfen, zu weiden die Gemeine Gottes, welche er durch sein eigenes Blut erworben hat“, – und wiederum: „In ihm haben wir die Erlösung durch sein Blut, nämlich die Vergebung der Sünden“, – und wiederum: „Ihr seid nahe geworden durch das Blut Christi“, – und wiederum: „Ihr seid nicht mit vergänglichem Silber oder Gold erlöst von eurem eitlen Wandel, der euch von den Vätern überliefert wurde, sondern mit dem teuren Blut Christi, als eines unschuldigen und unbefleckten Lammes“; – wenn wir im Hebräer Brief lesen: „Er ist durch sein eigen Blut einmal in das Heilige eingegangen und hat eine ewige Erlösung gefunden“; und bei Johannes in dem Buch der Offenbarung: „Der uns geliebt hat und gewaschen von den Sünden mit seinem Blut“, und an einer anderen Stelle: „Du hast uns Gott erkauft mit deinem Blut“, – und wiederum: „Sie haben ihre Kleider gewaschen und haben ihre Kleider helle gemacht im Blut des Lammes; darum sind sie vordem Stuhl Gottes und dienen ihm Tag und Nacht in seinem Tempel“, – und abermals: „Sie haben ihn überwunden durch das Blut des Lammes“; – wenn er, des Vaters ewiges Wort, selbst vorgestellt wurde als angetan mit einem Kleid, das mit Blut besprengt war, so sind das keine hohlen Phrasen, und es kann damit nicht dasselbe gesagt sein, was mit den Worten „Gehorsam“ oder „Tod“ zu verstehen gegeben wird, sondern es muß solches höher und tiefer liegen.

2. Sollen wir vielen Auslegern der Schrift glauben, so sind diese Bezeichnungen von Blut aus den Büchern Mosis hergenommen, so daß die Apostel den Ausdruck „Blut“ und „waschen, rein ma-chen und heiligen im Blut“ aus jenen Büchern in ihre Schriften herübergenommen hätten. Freilich wurde unter der ersten Haushaltung, wie ein Apostel schreibt, fast alles durch Blut gereinigt, nach dem Gesetz. Nun fragen wir aber: Beruhte denn dieses auf Willkür? Hatte Gott es dem Mose nicht geheißen, daß fast alles durch Blut sollte gereinigt werden? Ging dies selbst nicht so weit, daß, nachdem das ganze Haus Gottes in der Wüste fertig war, es alles samt und sonders durch Blut mußte gereinigt werden? Darf man behaupten, daß der heilige Gott dieses alles angeordnet, ohne daß solches eine Bedeutung hatte? Hatte nicht der Herr zu Mose gesagt: „Siehe zu, daß du alles machst nach dem Bilde, das dir auf dem Berg gezeigt ist“? Darf man von Gott behaupten, daß er mit Menschen und mit Tieren gleichsam spielen würde? Nein, es muß durchaus ein Grund vorhanden sein in Gottes Gerechtigkeit, weshalb er solches angeordnet, daß alles durch Blut gereinigt werden mußte. Sollte es allein den Tod bedeuten, so brauchte der Heilige Geist nicht zu befehlen, daß man alles Blut am Altar ausdrücken und ausgießen sollte; dann wäre keine Notwendigkeit vorhanden gewesen, daß der Hohepriester alljährlich mit Blut ins Heiligtum ging, um damit die Bundeslade und den Gnadenstuhl sogar siebenmal zu besprengen. Dann wäre es genug gewesen, den Befehl zu erteilen, daß die Tiere einfach sollten getötet oder geschlachtet werden. Da nun aber dabei ausdrücklich befohlen wurde, daß der Tiere Blut entweder am Altar ausgegossen oder in das Heiligtum getragen werden mußte, so hat der Heilige Geist damit angezeigt, daß dieses Ausgießen des Blutes vor dem Angesicht des Herrn, dieses Reinmachen durch Blut, dies Erscheinen vor Gottes Angesicht mit Blut eine Notwendigkeit war, welche teils in dem Zustand, worin der Mensch sich befand, teils in dem Wesen Gottes und in der Beschaffenheit seines Gesetzes lag, so daß diese Anordnung, nach welcher fast alles mit Blut gereinigt werden mußte, nach einem ewigen Geist erteilt wurde. Es war also keineswegs ein willkürlich gewähltes Bild, so daß z. B. der Herr eben so gut das Ausgießen von Wasser hätte befehlen können, sondern das Bild mußte dem entsprechen, was im Himmel zu tun war und was auch geschah für alles Volk in Israel.

3. Es muß dieses uns um so mehr einleuchten, wenn wir in Betracht ziehen, daß das Blut der Tiere, welche als Sünd und Brandopfer, oder wie es nach dem Hebräischen genauer heißt: für die Sünde und zum Aufgang in die Höhe geschlachtet wurden, rein machte, dagegen das Blut des Menschen den Menschen selbst unrein machte. Machte nicht das Blut der Wöchnerinnen sie sieben Tage unrein? Mußten sie nicht nach diesen sieben Tagen dreiunddreißig Tage in dem Blut ihrer Reinigung bleiben? Mußte nicht, was des Leibes Blutfluß hatte, sieben Tage als unrein beiseite getan werden? Wurde nicht in solchem Zustand durch das Blut alles unrein gemacht, worauf man lag und was man berührte? Mußten nicht sodann zwei Turteltauben gebracht werden, eine für die Sünde und eine zum Aufgang in den Flammen, – das ist: als Sünd- und als Brandopfer, auf daß man gnädiglich bedeckt oder versöhnt würde vor dem Herrn? Sagt der Herr nicht dabei ausdrücklich: „So sollt ihr die Kinder Israels absondern von ihrer Unreinigkeit, daß sie nicht sterben in ihrer Unreinigkeit, indem sie meine Wohnung, welche in ihrer Mitte ist, verunreinigen würden“? Man sieht daraus: das Blut eines Menschen macht ihn unrein, er bleibt in dieser Unreinigkeit bis an den Abend, das ist, bis daß sein Tag dahin ist, und Gottes neuer Tag hervorleuchtet; oder bis an den achten Tag, das ist, bis an den ersten Tag, den Tag der Auferstehung und der neuen Schöpfung; oder sogar nach den sieben Tagen noch dreiunddreißig Tage für einen Sohn, jeden Tag genommen für ein Lebensjahr unseres Herrn hier im Fleisch, und das doppelte für eine Tochter, weil dem schwächeren und schwächsten Teil für seine zwiefache Schuld auch zwiefach das Heil von der Hand des Herrn bereitet ist. Und wiederum sieht man auch hier: die Reinigung von dem Blut geschieht durch fremdes Blut, das an dem Altar ausgedrückt wurde.

4. Wenn wir nun dieses und anderes, was ich hier nicht alles aus dem dritten Buch Mosis anführen kann, denn die Zeit würde mir zu kurz sein, in heiliger Andacht erwägen, so müssen wir völlig davon überzeugt sein, daß es eine Notwendigkeit war, welche in dem Zustand der Menschen und nicht minder auch in dem Wesen des Gesetzes Gottes begründet war, daß alles mit Blut gereinigt wurde; und daß wir also die Worte des Herrn wie auch der Apostel, daß Christi Blut für uns ausgegossen oder vergossen ist, oder daß wir in demselben Vergebung oder Reinigung von Sünde haben, nicht als ein bloßes Bild, sondern nach dem wahrhaftigen und eigentlichen Sinne des Wortes „Blut“ zu verstehen haben. Die Frage ist nunmehr: Wie haben wir es zu verstehen, daß es notwendig war, daß solche Reinigung im Blut geschehe?

So steht geschrieben 1. Mo. 9,4: „Allein eßt das Fleisch nicht in seiner Seele, d. i. in seinem Blut“; und 3. Mo. 3,16.17: „Alles Fett ist des Herrn; das sei eine ewige Sitte bei euren Nachkommen, daß ihr kein Fett, noch Blut eßt“; und 3. Mo. 17,14: „Das Blut ist die Seele alles Fleisches, dasselbe Blut ist für seine Seele, darum habe ich den Kindern Israels gesagt: Ihr sollt keines Fleisches Blut essen, denn die Seele alles Fleisches ist sein Blut; wer es ißt, der soll ausgerottet werden“.

Ist demnach die Seele alles Fleisches sein Blut, und ist das Blut für seine Seele, so ist auch unsere Seele unser Blut, und es ist unser Blut für unsere Seele. Verunreinigte nach dem Gesetz der Blutfluß den Menschen und alles was er berührte, so hatte dieses notwendig diese Bedeutung, daß, da das Blut seine Seele ist, alles was aus seiner Seele und aus seinem Seelenleben hervorkam, ihn verunreinigte, und daß demnach sein ganzes innerstes Sein, seine Seele und sein Seelenleben, unrein war. Da nun alles, was geschrieben ist, uns zur Lehre geschrieben wurde, so müssen wir daraus folgern, daß unsere Seele, unser ganzes innerstes Sein, unser Seelenleben, ganz und gar unrein ist. Mußte nun fremdes Blut, das Blut eines Lammes, einer Taube oder eines anderen Vogels dargebracht und vergossen werden, um das unreine Blut, das unreine Seelenleben gnädiglich zu bedecken, so hatte dieses, indem das Darbringen der Vögel und der Opfertiere eine Predigt von Christus war, notwendig die Bedeutung: daß das Blut Christi uns von unserem unreinen Blut rein mache. War das Blut der Opfertiere für das Blut des Sünders, und mußte der Hohepriester mit einem Teil desselben in das Heiligtum gehen, um vor des Herrn Angesicht zu erscheinen, und mußte das übrige Blut am Fuß des Altars ausgegossen werden, so hatte dieses notwendig die Bedeutung: daß Christi Blut für unser Blut war, daß dasselbe teils ausgegossen wurde für unser Blut, teils vor des Herrn Angesicht gesprengt wurde statt unseres Blutes.

5. Aus dem Vorhergehenden wird es uns nunmehr klar sein, daß allen solchen Anordnungen und Befehlen Gottes keine Willkür zugrunde lag, sondern eine innere Notwendigkeit, welche hervorgerufen wurde durch das Wesen Gottes und durch das ewig Gültige seines Gesetzes in Verbindung mit unserer Sünde.

Das Gesetz Gottes geht immerdar auf die Ursache ein. Ist die Ursache aufgehoben, sodann auch die Wirkung. Es wird nie so sehr mit der Frucht sich abgeben als mit dem Baum. Wäre das Gesetz eine menschliche Erfindung nach fleischlichen Gedanken von Reinigung, so würde es vorgeschrieben haben, daß z. B. nicht die Gebärerin, sondern die Frucht, welche aus ihr hervorgekommen, zu reinigen wäre; so wie der Mensch gewöhnlich sich derjenigen Sünden anklagt, welche bei ihm in die Erscheinung treten, und selten von diesen Sünden aus einen Schluß zieht auf seinen eigentlichen inneren Zustand. Bei der Gebärerin war ihr innerstes Ich, ihr eigenes Seelenleben, welches in dem Blut war, in Wirkung gekommen und hatte hervorgebracht – was? Das was des Todes war. Eine unreine Seele, ein unreines Blut trage aber seine Strafe dafür, daß es etwas hat hervorbringen wollen. Es bekenne da der Mensch, daß er vor dem Gesetz verflucht ist, daß er nichts anderes verdient hat, als daß seine Seele zur Erde ausgegossen werde; er bekenne seine Reinigung in dem fremden Blut und bringe seine Frucht, sein Werk, sein Tun vor Gott, um anzuerkennen, daß es mit allem, was er hervorgebracht hat, eine abgeschnittene Sache ist.

6. Hat nicht Gott gesagt: „An dem Tag, an welchem du davon ißt, wirst du des Todes sterben“? Wer ist unser Leben, wenn nicht Gott? Haben wir nicht dieses unser Leben durch mutwilligen Ungehorsam drangegeben? Was sind wir denn aber noch, wenn wir auch von Gott zu einer lebendigen Seele gemacht worden sind? (1. Kor. 15,45, nach dem Griechischen). Was ist unsere Seele, abgeschieden von Gott, der das höchste Gut ist? Was wird unsere Seele, was unser innerstes Ich noch anfangen, wo alles, was in uns ist, derartig geworden ist, daß lauter Tod und Verderben darin steckt, und demnach nur, was des Todes und was verdorben ist, daraus hervorkommen kann? Ist das nicht nach allen Gesetzen der Reinigung, daß, wo ihr ein Gefäß mit gutem Getränk anfüllen wollt, ihr zuvor alles ausschüttet, was in dem Gefäß verdorbenes ist? Werdet ihr nicht nach allen Gesetzen der Reinigkeit handeln, wenn ihr sogar das Gefäß zerbrecht, falls es selbst durch den verdorbenen Inhalt bis in den Grund verdorben ist, – und nun ein anderes Gefäß nehmt? Wenn nun unser Blut, unsere Seele, unser Leben, unser innerstes Ich, – nicht wie uns Gott geschaffen, sondern wie wir durch mutwillige Übertretung geworden sind, – ganz verdorben, allem wahrhaftigen Leben entfremdet, dem Tod anheimgefallen ist, ist es denn da nicht den ewigen Gesetzen entsprechend, daß dieses unser Blut, worin unsere Seele ist, dieses unser innerstes Ich, ausgegossen sei zur Erde, auf daß wir gar kein eigenes Sein und Bestehen mehr haben? Wie aber nach dem Gesetz das Ausgießen fremden Blutes für das Blut des Sünders geschah, auf daß das seine nicht ausgegossen, sondern er von demselben gereinigt würde, so leuchtete ja darin Gottes Wesen und das ewig Gültige seines Gesetzes, sodann die ewige Gnade um so herrlicher hervor.

II.

1. Sehen wir nun, was der Apostel zeugt von dem Blut Jesu Christi, des Sohnes Gottes. – So schreibt der Apostel im dritten Kapitel unseres Briefes, V. 16: „Daran haben wir erkannt die Liebe, daß er sein Leben für uns gelassen“ (griechisch: seine Seele für uns gestellt hat). Und von unserem Herrn selbst lesen wir, daß er gesagt, Ev. Joh. Kap. 10: „Ich lasse mein Leben, das ist: meine Seele, für die Schafe“; und wiederum: „Darum liebt mich mein Vater, daß ich meine Seele lasse, auf daß ich sie wieder nehme“. Und abermals, Mt. 20,28: „Des Menschen Sohn ist nicht gekommen, daß er ihm dienen lasse, sondern daß er diene und seine Seele gebe zum Lösegeld für viele“; und wiederum: „Das ist mein Blut, das Blut des neuen Testaments, das für viele vergossen wird zur Vergebung der Sünden“.

Mich däucht, wir müssen es aus dem letzten Worte „das vergossen, – oder ausgegossen wird“, verstehen, wie es in dem Wesen Gottes lag, wie es seinem Gesetz gemäß war, wie demnach Gott darin verherrlicht wurde, wie seine Gerechtigkeit sich darin offenbarte, – daß unseres Herrn Jesu Christi Blut für uns vergossen ward.

Denn wenn wir in Betracht ziehen, wessen Blut es ist, wovon der Apostel spricht, welch einen Namen er trägt, der sein Blut für uns vergossen, so liegt der Beweis für die Notwendigkeit des Blutvergießens zur Austilgung unserer Sünden schon hinlänglich darin, daß ein solcher, der einen solchen Namen trägt, sein Blut für uns vergossen.

Und zwar eine Notwendigkeit von Seiten Gottes. Nicht aber eine solche Notwendigkeit von Seiten Gottes, als habe er durchaus Blut sehen wollen, um eben Blut zu sehen, nämlich um darin seine Rache oder Abkühlung seines Zornes zu haben, wie sich Menschen leider gewöhnlich rächen; auch nicht eine derartige Notwendigkeit, nach welcher unser Herr, hochgelobt in Ewigkeit, gehalten, verbunden und verpflichtet gewesen wäre, sein Blut zu vergießen, als wäre es für ihn ein Zwang gewesen, sondern diese Notwendigkeit lag in dem Wesen Gottes und in seinem Gesetz, in Verbindung mit unserem von Gott abgekommenen Zustand, und hatte ihren Grund in Gottes ewiger Barmherzigkeit und in dem Vorsatz seiner Gnade.

2. Denn nach solcher Barmherzigkeit und nach dem Vorsatz seiner Gnade gefiel es ihm, uns, die tot waren in Sünden und Übertretungen, aus Gnaden selig zu machen, uns lebendig zu machen, – uns, wie wir da lagen in unserem Blut, zuzurufen: Du sollst leben, ja du sollst leben14. Nach dem Vorsatz seiner Gnade hat es ihm gefallen, uns unsträflich wieder vor sich hinzustellen in dem Leben Christi. Gott aber – möchten wir es nur mehr verstehen! – ist in allen seinen Wegen gerecht. Er kann nicht so ohne Genugtuung Sünden vergeben, nicht so ohne weiteres denen das Leben schenken, die ihr Leben selbst durch eigenen Mutwillen verlassen und drangegeben, auch ihm alles, was sie von ihm hatten und durch ihn waren, ins Angesicht geworfen haben, – wie wir denn solches getan haben. Wäre das möglich, so hätte die ganze Veranstaltung des Blutvergießens der Böcke und Stiere zur Austilgung der Sünden nicht statt gehabt, so würde Gott solches nicht angeordnet haben als Schatten der zukünftigen Dinge, so würde er auch nicht so darauf bestanden haben, daß man sich in solchem Blut reinigen lasse; so würde er, auf daß sie doch ja solche Reinigung in dem Blut nicht verachten sollten, ihnen nicht angekündigt haben: „Ich bin der Herr, euer Gott, darum sollt ihr euch heiligen, auf daß ihr heilig seid, denn ich bin heilig“. Wahrlich, ein Gott, der mit solchen hehren Worten „auf daß ihr heilig seid, denn ich bin heilig“ bei einem Volk darauf dringt, daß sie sich von ihrer Unreinigkeit in dem Blut, das für die Unreinigkeit ausgegossen wurde, reinigen sollten, und von dem wir solche fürchterliche Drohungen hören, sofern man dieses Blut gemein achtete, so daß er solches mit Ausrottung von seinem Angesicht strafen ließ, – der muß eine solche Reinigung durch Blut aufgrund seiner ewigen Gerechtigkeit angeordnet haben.

3. Meint man etwa, daß der heilige Gott sich mit dem Unreinen und Unheiligen befassen könne, ohne daß sein gerechter Zorn oder Unwille gegen die Unreinigkeit rege wird? Meint man wirklich, daß er sie ausstehen könne? Oder können wir denn selbst mit dem Reinigen aufhören? Ja reinigen wir nicht, so viel wir vermögen, unsere Kranken, ja sogar unsere Toten?

Und was ist nun wohl unreiner in den Augen Gottes als unser Leben, unsere Seele, unser innerstes Ich? Kann sich das Leben mit dem Tod vereinigen, die Gerechtigkeit mit der Ungerechtigkeit? Indem wir von Gott gänzlich abgekommen sind, so daß auch nicht ein Tröpflein des Lebens Gottes, kein Hauch des Lebens seines Geistes, des Lebens in seiner Gerechtigkeit, in uns gefunden wird, – wie wäre das in Einklang zu bringen mit dem Leben Gottes, daß wir, so wie wir sind, so ohne weiteres wieder in sein Leben aufgenommen würden? Das mag glauben wer da will, aber solche Behauptungen widerstreben dem tiefen Gefühl von dem, was recht und nach Gerechtigkeit ist. Nein, daß wir wieder zu Gott gebracht würden, es konnte in keinem anderen Weg geschehen, als in einem solchen, welcher der Gerechtigkeit und Heiligkeit Gottes entspricht.

4. Und der völlige Ausdruck dieser Gerechtigkeit und Heiligkeit, er liegt in dem ewigen und unvergänglichen Gesetz Gottes vor. Das Gesetz kann nie gebrochen werden, und zerbrechen wir es, so haben wir wieder zwei andere Tafeln zu suchen, auf daß uns dieselben Worte von neuem darauf geschrieben werden (2. Mo. Kap. 34). Das Gesetz Gottes will mehr als den Tod des Menschen, wenn er durch seine Übertretung gestorben ist. Es kann mit diesem Tod nicht einmal zufrieden sein, es will das vorige Leben wieder haben, wie es bei Gott und aus Gott ist. Das Gesetz bezweckt durchaus die Handhabung ewiger Gerechtigkeit und Heiligkeit, es bezweckt die Ehre und Herrlichkeit Gottes. Würde das Gesetz diesen seinen Zweck erreicht haben, wenn wir ohne weiteres bei Gott angenommen, wieder in sein Leben aufgenommen würden, falls nicht das, was nunmehr das Unsere ist, unser innerstes Ich, unser Leben, unsere Seele, unser Blut, worin dieses innerste, Gott und seiner Gerechtigkeit feindselige Ich ist, ausgegossen würde zur Erde, so daß nicht ein Tröpflein mehr davon in uns zu finden sei?

Das konnte aber bei uns nicht stattfinden ohne unsere völlige Vernichtung, ja selbst so konnte es nicht einmal statt finden.

Auge um Auge, Zahn um Zahn, Seele um Seele, Blut für Blut, – das sind die ewigen Grundzüge dessen, was gerecht und billig ist. Wer Blut vergießt, – ein Mensch für einen Menschen – des Blut soll vergossen werden; denn im Bilde Gottes hat Er den Menschen gemacht. So steht es geschrieben. (1. Mo. 9,6.)

Der ewige Gott, der sein Werk nicht will zerstört haben, wird auch seine ewige Gerechtigkeit, die Heiligkeit seines Gesetzes zu handhaben wissen. Das, was er in seinem Bilde geschaffen, das muß er auch in seinem Bilde wieder haben.

5. Laßt uns demnach die Barmherzigkeit Gottes anerkennen und ihn für seine Erbarmung loben, daß er es sich selbst in dem Geliebten dargestellt, was unserseits unsere ewige Schuldigkeit war wieder herzustellen.

Das Leben Gottes konnte in uns nicht walten, und wir nicht in demselben, wenn nicht unser Leben, wenn nicht unser Blut, worin unsere Seele, unser innerstes Ich ist, ausgegossen wurde. Da hätte uns Gott aber zerstören müssen; doch eine Seele läßt sich nicht zerstören; oder Gott hätte andere Menschen machen müssen, und wir blieben vernichtet. Da hat es aber dem Gott aller Erbarmung gefallen, indem es bei ihm auf ein Glaubensleben abgesehen war, einen Menschen kommen zu lassen für uns Menschen, des Name „Jesus“ ist, einen Gerechten für Ungerechte, und er hat denselben gesalbt mit seinem Heiligen Geist. Dieser hat für uns Gott sein Blut, seine Seele, sein innerstes Ich ausgegossen. Also lieb hat Gott eine Welt gehabt; er gab sein Bestes, was er hatte, dafür hin, sein heiliges Kind Jesus, seinen eingeborenen Sohn. Was wir nicht vermochten, das tat der Sohn Gottes selbst für uns; er gab seine Seele, sein Blut für uns dahin, er ließ es ausgießen zur Erde, und in diesem Blut wurde unser innerstes Ich, unsere Seele, unser Blut betrachtet als von der Erde weggenommen, als von dem Angesicht Gottes hinweg und aus dem Mittel getan.

III.

1. Der Apostel bezeugt, daß dieses Blut, das Blut Jesu Christi, des Sohnes Gottes, uns rein macht von aller Sünde. Wir haben so eben vernommen, daß unser innerstes Ich, unsere Seele, unser Blut von Gott betrachtet wird als von der Erde weggenommen, als aus dem Mittel getan, und zwar deshalb, weil das Blut Christi für uns ausgegossen wurde. Weil wir aber, so lange wir noch hier sind, Fleisch und Blut mit uns herumtragen, so tragen mir auch das, was und wie wir sind, nämlich dieses innerste Ich, dieses heillose Seelenleben, alles was aus uns hervorgeht und was unser Leben ausmacht, noch mit uns herum. Dieses aber ist fortwährend ganz anders beschäftigt, als die neue Schöpfung, worin Gott in Christus alles wohlgemacht hat, es mit sich bringt. Es steht fortwährend Gott im Weg. Unser Leben ist immerdar ganz das Entgegengesetzte von dem Leben Gottes. Unser innerstes Ich sträubt sich fortwährend gegen das Ich Jehovas; immerdar will es in allem ganz anders handeln, als Gott handelt nach seinem Rat. Von dem Rat Gottes kann dieses Ich nichts verstehen; sein Verstand beurteilt alles nach dem ganz engen Gesichtskreise, in welchem es um sich sehen kann. Es kann nichts sehen von der Herrlichkeit Gottes, kennt keine andere Herrlichkeit als die vermeintliche Herrlichkeit des Sichtbaren. Was es sehen, was es tasten kann, das glaubt es; zu glauben, wo nichts gesehen wird, das fällt ihm nicht ein. Von Gerechtigkeit hat es keine weiteren Begriffe als die, welche mit der Selbstsucht in Verbindung stehen. Von Heiligkeit weiß es nichts weiter, als was bei ihm heilig sein soll. Will Gott Gerechtigkeit, so will es durchaus eigene Gerechtigkeit behaupten. Immerdar herrscht in unserem innersten Ich eine so arge Verdrehtheit und Verkehrtheit, daß man ihr kaum einen Namen geben kann. Unser Ich lebt in den sichtbaren Dingen, bewegt sich in denselben und hat für die unsichtbaren Dinge Gottes kein Organ. Soll Mut da sein, so ist Mutlosigkeit da, und wenn man seine Mutlosigkeit anerkennen sollte, dann ist Mut vorhanden. Soll Glaube da sein, so glaubt man nichts und lacht Gott ins Angesicht; hingegen hat man einen großen Glauben, wo ein Glaube wie ein Senfkorn weit größer wäre als unser allergrößter Glaube. Soll Geduld da sein, so will man das Gewünschte auf der Stelle haben; und wenn man’s haben kann, so will man’s nicht, weil man dabei nicht selbst verherrlicht wird. Wo man Liebe haben soll, da ist das Herz zugeschlossen; und wo man totschlagen sollte, da läßt man leben. Immerdar beschäftigt mit andern, ist man immerdar heilig, wo andere „Sünder“ sind; und wo man sich in Wahrheit als Sünder anerkennen sollte, da möchte man seine vermeintliche Heiligkeit festhalten.

2. Das sind so etliche Sünden, wovon uns das Blut Jesu Christi rein macht. Wer kann alle seine Übertretungen zählen? „Vergib mir meine verborgenen Sünden!“ betet David; und wiederum: „So du, Herr, willst Sünde zurechnen, Herr, wer wird bestehen?“ Wir brauchen nicht lange bei uns selbst in das eigene Herz hineinzuschauen, um mit Schrecken inne zu werden, wie es mit unserem innersten Ich, wie es in unserer Seele aussieht. Ich brauche hierbei nicht die Sünden herzuzählen, welche in die äußere Erscheinung treten. Gäben wir genauer auf uns selbst acht, so würden wir es nicht machen, wie diejenigen, die böse Geschwüre haben. Was nach außen hervortritt, sollte uns dahin bringen, anzuerkennen, was unser innerstes Ich gegen Gott ist; welch eine Feindschaft darin steckt gegen Gottes Gnade, welch ein schrecklicher Tod darin steckt gegen Gottes Leben, gegen das Schalten, Walten und Regieren seines gnädigen, allein guten und weisen Willens, gegen das Erprobte seines heiligen Wortes, gegen das Herrliche und Treue aller seiner Wege. Genug für uns, daß der Apostel keine Sünde ausgeschlossen, sondern mit einem Federstrich geschrieben hat: von aller Sünde macht dieses Blut uns rein.

3. Wie macht denn aber das Blut Jesu Christi, des Sohnes Gottes, uns davon rein? Wenn auch dieses Blut solches ein für allemal getan, da es für uns vergossen wurde; wenn auch unser Leben betrachtet wird als ausgeschüttet vor dem Angesicht Gottes, da Christus, hochgelobt in Ewigkeit, seine Seele für uns ließ, sein innerstes Ich für uns Gott dahingab; wenn es auch eine ewige Wahrheit ist, daß wir mit Christus durch das Blut seines Kreuzes ein für allemal von unserem Blut, von unserem Leben, und von dem was da heraus in die Erscheinung getreten, gereinigt und geheiligt worden sind, so verhält sich dieses doch wiederum nicht so, als ob wir durch unsere tagtäglichen Sünden, wie ich deren oben etliche genannt, nicht Gott fortwährend Ursache gäben, über uns zu zürnen. Das haben alle Heiligen Gottes, die je gewesen sind, wohl anders gefühlt. Wie manchmal lesen wir in den Psalmen: „Sei mir gnädig, o Gott, sei mir gnädig!“ Nein, dieses „Sei mir gnädig“ sollen wir nicht etwa dann allein beten, wenn wir uns äußerliche Vergehungen, und zwar nach unsern Begriffen große und schwere, haben zu Schulden kommen lassen, sondern es soll bei uns ein stetes Bewußtsein im Heiligen Geist da sein, daß wir wahrlich nach unserem innersten Wesen, nach unserem Seelenleben uns tagtäglich jeder Gnade, jeder Erweisung der Gunst Gottes völlig unwert machen, auf daß wir nicht einhergehen als solche, die sich brüsten, weil sie etwas geworden sind, sondern als solche die in steter Demut wandeln mit ihrem Gott, und es anerkennen, daß wir wahrhaftig vom Kopf bis zu den Füßen immerdar aussätzig sind, die, sobald wir einem unserer Nächsten begegnen, zu rufen haben: „Unrein bin ich, unrein!“ Bei solcher Anerkennung dessen, was wir nach unserem innersten Ich vor Gott sind, werden wir es auch anerkennen, daß Gott in seinem Recht wäre, wenn vor den Füßen seiner Heiligkeit unser ganzes Leben mit allem, was darin und daran ist, ausgedrückt und ausgeschüttet würde, so daß mir umkämen seiner Wahrheit und Gerechtigkeit wegen. Dabei werden wir denn auch bekennen und uns von Herzen im Heiligen Geist darüber freuen, daß Gott, der heilige Gott, nach seiner Barmherzigkeit das Blut seines eigenen Sohnes für uns hat ausgießen lassen zur Vergebung aller unserer greulichen und schweren Sünden, die täglich aus unserem innersten Ich hervorkommen, und mit welchen wir uns verunreinigen. Da werden wir denn auch wissen und verstehen, daß das ein für allemal ausgegossene Blut des Sohnes Gottes eine fortwährende Wirkung hat, uns rein zu waschen von all unserem unreinen Blut und uns rein zu bewahren vor dem Angesicht des Vaters.

4. Für wen ist nun aber eine solche Reinigung von allen Sünden im Blut des Sohnes Gottes da? Etwa für alle Menschen ohne Unterschied? Das sagt der Apostel nicht, vielmehr spricht er: „So wir im Licht wandeln, wie Er im Licht ist“. Also dann, ja dann, und auch nur dann allein. Aber was ist das denn „im Licht wandeln“? Fragen wir erst, was es sei, daß Gott im Licht ist. Ja, was wissen wir davon? Wer hat das Licht gesehen, worin Gott wohnt? Das brauchen wir auch nicht zu sehen. Das lehrt uns der Heilige Geist wohl, der alle straft der Sünde, der Gerechtigkeit und des Gerichtes wegen. Der Apostel spricht nicht von einem Licht, das unsere Begriffe übersteigen würde. Er spricht von einem Licht, das denjenigen tröstet, der das Schreckliche der Macht der Finsternis kennt. Der Apostel spricht von einem Licht, wie wenn der Psalmist sagt: „Dem Gerechten muß das Licht immer wieder aufgehen von dem gnädigen und barmherzigen und gerechten Gott“; und wie die Gemeine bittet: „Laß dein Angesicht über uns leuchten“. Dort in der Stiftshütte, – wohnte nicht Gott da in einem steten Dunkel? War dieses Dunkel ein Dunkel, oder nicht vielmehr Licht, Licht von der Liebe Gottes für das zerschlagene und zerbrochene Gemüt, welches durch des Hohenpriesters Segensspruch, nachdem er von der Bundeslade und dem Gnadenstuhl zurückkehrte, geheilt wurde, indem der Name des Herrn und seine Herrlichkeit von dem Gnadenstuhl herab auf ein solches Gemüt gelegt ward? War für ein solches Gemüt, bei allem Dunkel, in diesem Dunkel nicht lauter Licht auf und um den Gnadenstuhl her? Von einem solchen Licht spricht hier der Apostel. Und welche wandeln nun in dem Licht, so wie Gott in dem Licht wohnt? Schlagt Jesaja Kap. 1 auf und 2. Tim. 3,15. Nein, da wandelt man nicht in dem Licht, wo man sich selbst feiert, sich selbst schmeichelt, als wäre man etwas, was man doch nicht ist; nein, da wandelt man nicht in dem Licht, wo man im Grunde doch nur sich selbst sucht und nicht das, was des Nächsten ist, eigene Ehre statt der Ehre Gottes, eigene Frömmigkeit statt Gerechtigkeit Gottes, die Welt und den Hochmut des Fleisches statt der unvergänglichen Güter. Aber da wandelt man in dem Licht, wo man nicht auf eigene Gerechtigkeit besteht, sondern in allem dem Herrn die Ehre gibt, daß er es allein alles in seiner Hand hat, und daß sein allein die Heiligkeit ist. Wer dem Herrn nicht die Ehre gibt, dessen Blut ist auf ihm selbst. Wer unseren Herrn Jesus Christus nicht lieb hat, dessen Blut ist auf seinem Kopf. Wer aber von sich anerkennt, daß er selbst ein totes Aas ist, dagegen alles Fett dem Herrn zukommt, dessen Blut ist von ihm ab und auf dem Herrn, daß er ihn in seinem Blut rein gemacht habe. Und wer solches von sich anerkennt, in dem ist das Leben des Sohnes Gottes wahrhaftig, und sein Leben ist in dem Sohn.

Meine geliebten Brüder und Schwestern! Ein jeder von euch prüfe sich selbst. Wer seine Seele lieb hat und dieselbe in eigenem Fett, das ist, in eigener Heiligkeit, erhalten will, der wird sie verlieren und sich selbst ins Verderben gestürzt haben. Wer es aber versteht, was es mit der Sünde auf sich hat, wie es mit seinem innersten Ich aussieht, und demnach von sich selbst nicht anders weiß, als daß er ein Unreiner von einer Unreinen ist, auch solches von Herzen vor Gott bekennt, und es geht ihm um Gerechtigkeit, der gebe alle eigene Gerechtigkeit freudig dran. Liege er auch wie verzehrt danieder, wo er den Zorn Gottes und seine Hand tagtäglich schwer auf sich fühlt, er wird sich selbst fahren lassen und hinschwinden vor dem Anblick dessen, der umsonst in Gerechtigkeit hinstellt, – hinschwinden wird er beim Anschauen des Lammes, das geschlachtet wurde für unsere Sünde. Ein solcher bekennt, daß er tagtäglich und immerdar gereinigt wird und gereinigt werden muß in dem Blut Christi von seinem unreinen Blut, und er versteht die Sprache: „Ich lebe, nicht aber mehr ich, sondern Christus lebt in mir, und was ich nun lebe im Fleisch das lebe ich im Glauben an den Sohn Gottes, der mich geliebt und sich selbst für mich dahingegeben hat.“ So sei auch euer Leben, – ihr habt es umsonst; – denn nur so ist uns das Leben Christus und das Sterben ein Gewinn.

Amen
Befleißige dich, dich selbst Gott bewährt darzustellen als einen Arbeiter, der
sich nicht zu schämen hat, der das Wort der Wahrheit recht teilt. 2. Tim. 2:15

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Matze7443
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Re: Briefe, Auslegungen und Predigten von H.F. Kohlbrügge

Beitragvon Matze7443 » 05.04.2017 18:09

Hier die Teile 3 und 4 von der Predigt von Kohlbrügge

http://www.licht-und-recht.de/kohlbrueg ... ht_1.1.pdf

3.
Fragen wir nun weiter: „Wie hat Gott bewiesen, dass er Lust zur Wahrheit im Verborgenen hat“, so liegt die Antwort zunächst wohl im Herzen eines jeglichen. Weshalb schlugen denn die Menschen an die Brust, welche die Zeichen am Kreuz Jesu sahen? War dies nicht ein Beweis, dass in ihnen eine Stimme gesprochen, welche sie in ihrer Herzenshärtigkeit übertäubt hatten, – die Stimme: „Ich allein bin dein Heil“? Ja, da im Verborgenen, im Herzen spricht eine gewaltige Stimme, die dem Menschen nicht Ruhe noch Rast lässt, weder Tag noch Nacht, so lange er nicht in Wahrheit Frieden bei Gott hat. Und Frieden bei Gott lässt sich nicht vereinigen mit Vorstellungen, welche sich der Mensch von sich selbst macht. Der Heilige Geist lässt sich nicht täuschen. Die Stimme, die mächtige Stimme, wie auch manchmal gestillt durch Werke, die einen Schein haben, gestillt und übertäubt durch die sichtbaren Dinge, womit man die innere Unruhe verscheucht, gestillt und übertäubt durch allerlei Art Andacht, sie lässt sich doch immer von neuem hören. Da, im Verborgenen, im Herzen lebt eine Wahrheit und ruft: „Menschenkind, ergib dich mir, so wie du bist; du taugst nicht; Mensch bist du, aber ich will dein Gott sein!“ und abermals ruft sie: „Du verstehst nichts von der Gerechtigkeit, aber ergebe dich mir, so wie du bist, und horche auf mich, ich will dich leiten, mein Auge wird auf dich sein“.2 Diese Wahrheit war es, welche dem Petrus die heißen Tränen auspresste, nachdem er erfahren, dass er so wenig treu, dass er so lieblos gegen den Herrn war wie kein anderer. Auch er meinte zuerst, dass er etwas sei, daß er alles, ja sein Leben für den Herrn drangeben würde, wiewohl ihm die Stimme der Wahrheit vorgehalten: „Der Hahn wird nicht krähen, bevor du mich dreimal wirst verleugnet haben“. Diese Wahrheit, welche so mächtig in dem Innern spricht, war es, zu welcher sich auch David bekannte, da er diesen Psalm gemacht. Ja, im Verborgenen, im Herzen macht Gott bei einem jeglichen die Wahrheit deutlich, zu welcher Gott allein Lust hat. Zu dieser Wahrheit wurde auch der Apostel Paulus herumgeholt, nachdem er lange und hart genug dagegen gestritten, – zu dieser Wahrheit: „Mit dem Menschen, und wäre er auch ein Eichbaum in der Gerechtigkeit, wie fromm auch, wie gottselig auch, wie auch herangewachsen in allerlei Kenntnis des Reiches Gottes, mit dem Menschen ist es aus, und alles Fleisch ist wie eine Blume des Grases“. Siehe, ich bin in Verdrehtheit gezeugt, und in Sünde hat mich meine Mutter empfangen. Das ist eine Wahrheit, welche im Verborgenen, im Herzen spricht, und zu welcher Gott Lust hat. Nicht: „Die Sünde hat mich besessen“, nicht: „Ich bin ganz und gar vom Teufel beherrscht“, nicht: „Ich tauge zu nichts“; denn damit geht der Mensch mit seinem Ich doch nach immer frei aus, sondern: „Ich selbst tauge nicht, und Gott allein ist gut“. Es geht um das Ich, ob Gottes Ich oder unser Ich gelten soll. Es geht um die Gerechtigkeit, ob unsere Gerechtigkeit oder Gottes Gerechtigkeit gelten soll. „In Verdrehtheit bin ich gezeugt“, das erkannte David; das war es, was David schon lange gefühlt, zu dessen voller Erkenntnis er aber nicht hat kommen wollen, so wie kein Mensch dazu kommen will.

„In Verdrehtheit bin ich gezeugt“, dieses Bekenntnis war es, was Gott gefiel. Nicht wahr, wenn Gott ein Menschenkind gerecht haben will, wie will er ihn denn gerecht haben? in Seiner Gerechtigkeit oder in der des Menschen? Die Schrift sagt: im Herrn Herrn ist unsere Gerechtigkeit. So 2 Psalm 32,8 nach dem Grundtext. lange nun der Mensch denkt: „Ich bin nicht verdreht, ich bin zwar verdreht gewesen, aber ich bin jetzt gerecht gemacht“, – wird er dabei Frieden haben? wird er es nicht mit seinem Benehmen beweisen, dass es nicht wahr ist? Muss er nicht selbst, wo er in peinlicher Weise es erfährt, was er ist, seinem gesunden Verstand Gewalt antun, wenn er behauptet, dass er zwar noch nicht ganz gerade, dass er noch halb verdreht sei, dass er sich aber bemühe, auch diese Verdrehtheit zu überwinden, und dass, wenn es ihm nicht ganz gelinge, das übrige für den Himmel aufbewahrt bleibe.

„Siehe, ich bin in Verdrehtheit gezeugt“. Dieses Bekenntnis ist eine Wahrheit im Verborgenen, im Innern, zu welcher Gott Lust hat. „Krumm kann nicht schlecht werden, noch der Fehl gezählt werden“, hat der weise Mann gesagt (Pred. 1,15). Und ein anderer weiser Mann sagt einem ganzen Volk: „Ich und mein Haus, wir werden dem Herrn dienen; aber ihr werdet ihm nicht dienen können; denn er ist ein heiliger Gott, ein eifriger Gott, der eurer Übertretung und Sünde nicht schonen wird“ (Josua 24). Wie? Was ist das? Konnte Josua sagen, dass er und sein Haus dem Herrn dienen könne, warum konnte dann das Volk ihm nicht auch dienen? Wie? war denn Gott nicht eben sowohl ein heiliger, ein eifriger Gott bei Josua wie bei den übrigen? Wie? würde er denn etwa Josuas Sünde und Übertretung schonen? War das keine Anmaßung von Josua, dass er dem Volk sagte: „Dient dem Gott, dem eure Väter gedient jenseits des Wassers, dem Moloch und dem Remphan, oder dient dem Gott der Amoriter, aber ich werde dem Herrn dienen mit meinem Haus“? Es sieht so aus; aber Josua hatte etwas von sich anerkannt, was das Volk nicht von sich anerkannt hatte. Das Volk wollte durchaus Gott dienen, um von ihren Sünden oder vielmehr von deren Strafe frei zu werden; sie wollten aber nicht wissen, was sie waren; sie meinten, sie hätten ein beschnittenes Herz und Ohren um zu hören, das alles hätte ihnen Gott gegeben, und deshalb seien sie andere Leute geworden. Aber Moses hatte ihnen schon früher gesagt, dass der Herr ihnen bis dahin kein beschnittenes Herz, noch Ohren um zu hören, gegeben habe. Josua dagegen hatte ein beschnittenes Herz; das hatte das Volk noch nicht; und wer kein beschnittenes Herz hat, der mag Gott dienen wollen, er tut aber besser, wenn er es bleiben lässt, er tut besser, wenn er dem einen oder dem andern Götzen dient; dann hat er doch davon noch den einen oder andern Genuss. Wer aber Gott dienen will und hat kein beschnittenes Herz, der wird eben deshalb, weil kein Herz zu diesem Dienst da ist, erfahren müssen, dass, er mache es, wie er wolle, sein Dienst niemals taugen wird, und anstatt des erwarteten Lohnes hat er für alle seine Religiosität und für alle seine Werke nur Strafe zu gewärtigen. Denn wie würde Gott mit einer verdorbenen Arbeit zufrieden sein können, er, – der etwas Ganzes haben will! Wie würde er mit einem unreinen Heiligen vorlieb nehmen können, er, – der heilig ist! Wie würde er seine Ehre mit dem Geschöpf teilen können, er, – der wahrhaftig ist! Entweder Werk und sodann Lohn, oder kein Werk und sodann alles umsonst. Entweder Er, der Gott, der alles darstellt, oder das Geschöpf muss es alles darstellen.

Aber was war denn das beschnittene Herz, das Josua hatte, so dass er mit seinem Haus dem Herrn dienen konnte? Es war eben dasselbe, was David sagt: „Siehe, ich bin in Ungerechtigkeit gezeugt“. Da Gott Abraham beschnitt, da glaubte Abraham noch nicht, dass ein Sohn der Verheißung nicht aus männlicher Kraft, nicht aus menschlichem Willen, sondern aus Gott geboren wird. Denn was hat Verheißung mit dem zu tun, was aus dem Menschen hervorkommt? Da hieß ihn Gott sich beschneiden, und so hatte er denn ein Zeichen an seinem Fleisch, dass es bei Gott besiegelt war: bei Abraham ist es eine abgeschnittene Sache, bei ihm ist es ein Erstorbensein, und nun werde ich kommen und meine Verheißung bei ihm erfüllen. Verstanden? Und wer noch ein unbeschnittenes Herz hat, der bringt wohl Früchte, aber am Ende dem Tod. Er zeugt aus der Magd und nicht aus der Freien, und die Frucht heißt wohl Ismael, ist aber nicht Isaak. Diese Frucht ist in eigenem Willen und eigener Weisheit gezeugt; deshalb kann ein Mensch auch hingehen und sie zur Schau tragen, aber des Isaak schämt er sich manchmal selbst, und doch ist dies allein die wahre Frucht, wie lächerlich sich diese Sache auch ansehen lasse.

Ein beschnittenes Herz hat keine Haut mehr, es liegt nackt und offen vor seinem Schöpfer; in solchem Herzen wohnt nach dem Bewusstsein dessen, der es hat, weder Tugend noch Heiligkeit, weder Macht noch Willen, weder Weisheit noch Geschicklichkeit; eines nur wohnt darin, das stete Gefühl: Hier nichts, dort mein Alles! und es atmet zu Gott auf und lebt lediglich aus Seiner Gerechtigkeit.

So sieht es aus mit dem Bekenntnis: „Siehe, ich bin in Verdrehtheit gezeugt, und in Sünde hat mich meine Mutter empfangen“.

Wohl dem, welcher dies von sich anerkennt, – welcher der Wahrheit, die in seinem Innern spricht, und wozu Gott allein Lust hat, Raum gibt! Der wird Gott dienen können; denn er wird die Sünde nicht begehen, woraus alle anderen Sünden hervorkommen: dass er sich vor Gott als etwas darstellt, was er doch im Innern nicht ist; er wird die Ungerechtigkeit nicht begehen, welche die Quelle aller Ungerechtigkeit ist: dass er sich das anmaßt, was allein Gott zukommt; – sondern er wird mit Daniel sagen: „Dein, o Herr, ist die Gerechtigkeit, unser aber die Beschämung des Angesichts“; und: „Wir liegen vor dir mit unserem Gebet, nicht auf unsere Gerechtigkeit, sondern auf deine große Barmherzigkeit“.

Wie wird es nun geschehen, dass wir dem Herrn so dienen, dass es nach Gottes Willen ist, und wie will Gott, dass ihm gedient werde? – ja, das rate einmal. O, das Herz Gottes! Er will uns dienen und dient uns mit Gut und Blut. Er hat uns gedient damit, dass er seines eigenen Sohnes nicht verschont, sondern ihn für uns alle dahin gegeben hat; er dient uns damit, dass er uns mit diesem Sohn alle Dinge schenkt. Und indem er sie uns schenkt, sagt er uns zugleich, dass wir ihm einen Dienst erweisen, wenn wir uns bekleiden lassen mit den Kleidern seines Heils, – wenn wir aus den Reichtümern seiner Gnade nehmen Gnade um Gnade; wie er denn gesagt hat: „Tue deinen Mund weit auf, ich will ihn füllen“.

O welch ein Gott ist Gott! Vor seiner Gnade werden wir am meisten zunichte. Vor dem Licht seines Antlitzes, das über uns leuchtet, schwinden wir dahin, und gerade so fühlen wir uns gestärkt und auf die Füße gestellt. Das ist wohl um zu sagen: „Unser ist die Beschämung des Angesichts“.

4.
Ich kann nach allem, was ich bisher gesagt, mich kurz fassen bei der Beantwortung der Frage: „Was ist das für eine Weisheit, welche Gott im Geheimen lehrt?“

Ich denke, ihr wisst es alle, was Torheit ist, und wenn ihr es nicht wisst, so will ich es euch sagen. Das ist Torheit: dass man es dem Heiligen Geist nicht will gewonnen geben, wenn er uns sagt: „Lieber, lass es stehen, du taugst nicht für dieses schwere Werk, dazu bist du nicht geboren, sieh mal deine schwache Gestalt an; Einer ist da, der wird es für dich tun und hat es auch für dich auf sich genommen“. Das ist Torheit: dass man trotz dieser Ermahnung und Wahrheit dennoch allerlei Versuche macht, um es selbst fertig zu bringen, und dass man, wenn alle diese Versuche fehlgeschlagen, dann den Mitteln die Schuld gibt, dass diese nicht taugen, und es von neuem versuchen will. Das ist Torheit: dass man, nachdem man sich lange zerarbeitet hat und sich mit keinen Kennzeichen der Gnade mehr trösten kann, dennoch neue Kennzeichen für sich aufsucht, und wo diese nun auch nicht mehr zu finden sind, mutlos und ratlos neben der Last, mit der man nicht mehr voran kann, sitzen bleibt, und nur auf seine Sünden hinstarrt. Das ist Torheit: dass man es für sich in Zweifel zieht, ob Jesus Christus in die Welt gekommen ist, um Sünder selig zu machen; ob er gekommen ist, zu suchen und selig zu machen, was verloren ist; eben als ob man selbst nicht verloren, als ob man kein Sünder wäre. Das ist Torheit: dass man sagt: „Ich bin ein Kain, ich bin ein Saul“, und: „Meine Sünde ist zu groß, als dass sie mir vergeben werden könnte“; – und dass man Heiligkeit haben will, statt Sündenerlass. Das ist Torheit: dass, da Gott gesagt: „Berge werden weichen und Hügel hinfallen, aber meine Gnade wird nicht von dir weichen, und der Bund meines Friedens wird nicht hinfallen“, – dass man da auf die gewichenen Berge und hingefallenen Hügel sieht, anstatt auf des Herrn Gnade, welche nicht weichen kann, wenn sie auch eine Zeit lang verborgen bleibt, – und auf seinen Bund, der wohl stehen bleiben wird, – auf den Bund, der gemacht ist ohne irgend eine Bedingung.

Das ist Torheit: dass man sich vom Teufel Angst einjagen lässt, als wäre es eine unverzeihliche Sünde, dass man vor Gott sein Herz ausschüttet, ihm alles, alles bekennt und nichts verhehlt, anstatt sich am Wort der Erbarmung fest zu klammern, wenn auch Gott sagen sollte: „Das Brot ist für die Kinder, ich lass mich mit Hunden nicht ein“.

Das ist Torheit: dass man nicht wissen will, was man ist, wo man doch bis ins einzelnste davon überzeugt wurde, wie wahrhaftig die Worte des Weisen sind: „Was auch von einem Menschen möge genannt werden, es ist bereits bekannt, daß er ein Mensch ist“ (Pred. 6,10, nach dem Grundtext).

Das ist Torheit: dass man bei seinen Sünden und bei seinem Elend stehen bleibt, wie die Kinder Israel bei der Leiche Asahels; und das ist aller Torheiten größte: daß man bei dem Klagen über Sünde und Elend und Ohnmacht sich doch so wohl befinden kann, ja sich gleichsam damit sättigen kann und sich Bilder von zukünftiger Heiligung vorzaubern lässt, wo doch die wahrhaftige Heiligung vor den Füßen liegt.

Dagegen ist das eine Weisheit, welche Gott bekannt macht: dass man einen Strich mache durch das eigene Ich, durch Tun und Lassen, durch Sünde und Heiligkeit, durch Tugend und Untugend, durch großes Verbrechen und geringes Vergehen, in Summa, durch alles, was man tut oder getan hat, es sei gut oder böse, – durch alles, was man gewesen oder nicht gewesen, ob wahres Werk oder nicht wahres Werk, ob aufrichtig gemeint oder nicht aufrichtig gemeint, und dass man sich durch seine große schwere Sünde nicht abhalten lasse, stracks zu dem Herzen Gottes sich aufzumachen und zu sagen: „Mache mich zu Sünde in Ysop, so werde ich rein sein“ (Psalm 51,9 nach dem Hebräischen). Was soll dieser Ysop? Es ging mal ein Würgengel durch Ägypten. Durch Ägypten? nein, auch durch das Land Gosen. Dieser Engel sollte alle Erstgeburt töten, die Erstgeburt aller Ägypter, ja, und warum mussten die Kinder Israel das Blut des Osterlammes nehmen, den heilbringenden Ysop in dieses Blut tauchen und damit die Oberschwelle und die Pfosten an den Türen ihrer Häuser bestreichen? Wußte denn der Würgengel nicht, wo ein Ägypter und wo ein Kind Israels wohnte? Ach, vor diesem Engel sind wir alle des Todes, wir heißen Ägypter oder Kinder Israels. Aber in ihrer Herzenshärtigkeit waren die Ägypter samt ihrem König in ihren eigenen, Augen Heilige und wollten nicht zu Sündern gemacht sein; Moses aber hieß das Volk sich zu Sündern machen mit dem Ysop.3 So waren sie aber nicht Sünder des Teufels, sondern Gottes Sünder, zu denen Gott sagen konnte: „Deine Sünde ist meine Sünde, die nehme ich aus meine Rechnung, bleibe du davon ab“. So wurden die Kinder Israels mittelst des Ysop besprengt mit dem Blut des Osterlammes; sie wurden samt allem, was sie hatten oder nicht hatten, zu Sündern gemacht; und wer so zum Sünder gemacht wird, in dessen Wohnung lebt der erstgeborene Sohn Gottes, der Erstgeborene aus den Toten. Das ist gewisslich wahr.

Das heißt: sie sollten, indem sie das Blut nahmen, dadurch erklären, dass sie Sünden hätten und Sünder waren, und also der Vergebung ihrer Sünden bedurften. Des Ysops bediente man sich auch bei den Aussätzigen. Da wurde ein Vogel genommen und Scharlachwolle ihr kennt diese herrliche rote Farbe – in dessen Blut getaucht; sodann nahm der Priester einen Zedernstab und band um ihn den Ysop, damit ein Sprengwedel daraus würde; dieser ward ins Blut getaucht, und mit dem Ysop wurde der Aussätzige siebenmal besprengt, so war er von seinem Aussatz rein. Also mit einem Kind des Todes, und nicht mit einem Bekehrten, der so in etwa zu Fall gekommen ist, – mit einem Aussätzigen, und nicht mit einem Heiligen, dem aber aus Schuld des alten Menschen – etwas von seiner Heiligkeit verloren gegangen ist, vergleicht sich David, wenn er bittet: „Mache mich zum Sünder mit Ysop, und ich werde rein sein“.

Das war also und das ist die Weisheit, von welcher David sagt, dass der Herr sie ihn im Geheimen wissen ließ. Denn das ist auch wahrlich ein Geheimnis, das man einem anderen nicht mitteilen kann. Der Herr tut es auch so im Geheimen, dass glücklicherweise kein Teufel weiß, wie das hergeht, dass ein Menschenkind, statt bei der Tat, die er verübt hat, stehen zu bleiben, statt angesichts derselben sich der Hoffnungslosigkeit zu ergeben, vielmehr so auf den Grund aller seiner Sünden kommt, dass er nicht sowohl seine Sünden, sondern sich selbst über Bord wirft, und da, in dem Abgrund seiner Verlorenheit, wo es radikal mit ihm aus und vorbei ist, diesen Fund macht, dass er betet: Mache mich zum Sünder in Ysop. – Wohl dem, der durch die Predigt, die er gehört, auch diesen Fund gemacht hat. Seine Ruhe ist in Christus, fest und ewig.
Amen
Befleißige dich, dich selbst Gott bewährt darzustellen als einen Arbeiter, der
sich nicht zu schämen hat, der das Wort der Wahrheit recht teilt. 2. Tim. 2:15

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Re: Briefe, Auslegungen und Predigten von H.F. Kohlbrügge

Beitragvon Matze7443 » 22.04.2017 16:34

Dies ist nun die 3. Predigt aus der Reihe von Licht und Recht, aus dem erstem Heft. Ich werde sie nun immer in zwei Teile zeigen, weil sie schon recht lang sind.

Hier nun von der 3. Predigt die Kohlbrügge am 6. September 1846 gehalten hatte, den ersten Teil.


http://www.licht-und-recht.de/kohlbrueg ... ht_1.3.pdf

Teil I
Ich bringe diesmal einen vielbezeichnenden Spruch vor eure Andacht. Er stammt von den Höflingen Benhadads, des Königs von Syrien. Ihr wollt denselben lesen im 1. Buch der Könige, Kap. 20,31. Benhadad war geschlagen worden vor dem König Israels, welchem Gott dieses Heil hatte widerfahren lassen, weil die Syrer gesagt hatten, daß Gott wohl ein Gott der Berge, aber nicht auch ein Gott der Gründe wäre. Da nun Benhadad in die Stadt floh, von einer Kammer in die andere, da sprachen seine Knechte zu ihm: „Siehe, wir haben gehört, daß die Könige des Hauses Israel barmherzige Könige sind. So laßt uns Säcke um unsere Lenden tun und Stricke um unsere Häupter, und zum König Israels hinausgehen“. Wie sind sie doch auf diesen Einfall gekommen? Es mag euch dies klar werden, wenn ich bemerke, daß so etwas im Morgenland unter den Drusen, einer Nation im Libanon, annoch Sitte ist. Wenn nämlich unter ihnen ein Totschläger sich dessen bewußt ist, daß er und alle, die ihm nahe stehen, zu schwach sind, um sich gegen die Blutsverwandten des durch ihn Erschlagenen zu verteidigen, dann legt er sich einen Strick um den Hals, geht so zu dem nächsten Blutsfreund des Ermordeten und erkennt demselben, nachdem er ihm mitgeteilt, weshalb er den Totschlag begangen, unter vielen Bezeugungen von dessen Verpflichtung zur Rache, die volle Freiheit zu, auch ihm das Leben zu nehmen. Der Blutsfreund des Erschlagenen wird ihm in diesem Fall entweder seine Missetat vergeben, oder er wird unbarmherzig gegen ihn sein.

Was bezwecke ich nun aber mit dieser Bemerkung in Verband mit dem Spruch aus 1. Kö. 20? Ich wollte eine Wahrheit daraus hernehmen, daß es nämlich noch heute einen König gibt, der in Wahrheit der König Israels ist, – und da möchte ich euch die Kunde bringen, daß dieser König noch eine andere Barmherzigkeit hat als alle Menschen zusammen, und daß diese Barmherzigkeit demjenigen zugute kommt, der mit dem Strick um den Hals, mit einem „komm ich um, so komm ich um“ (vgl. Esther 4,16), sich ihm auf Leben und Tod ergibt, so daß ein solcher nicht allein weiß, daß ihm Barmherzigkeit widerfahren ist, sondern daß er auch für diese Barmherzigkeit so gewonnen ist, daß er fortan für dieselbe allein lebt, um nur sie hoch zu preisen. Wer nun diese Barmherzigkeit erfährt, der kann auch von dem barmherzigen König Israels weissagen, daß sein Walten und sein Reich wohl ewig bleiben wird, wie ich euch zu dieser Stunde eine Weissagung davon zu erklären gedenke.

Bevor ich diese Weissagung anführe, habe ich aber noch einen anderen Spruch, welcher aus dem Munde Seres, des Weibes Hamans, kam, und der mir von meiner Jugend an so besonders gefallen hat. Er lautet also: „Ist Mardachai vom Samen der Juden, so vermagst du nichts an ihm, sondern du wirst vor ihm fallen“ (Esther 6,13). Ha, was man doch gut geborgen ist, wenn man ein Mitgenosse des Reiches Christi und, wie es dann wohl nicht anders sein kann, ein Mitgenosse seiner Trübsal ist! Welch eine Herrlichkeit liegt doch darin, daß in diesem Reich Hoffen und Harren nicht zu Schanden wird; und welch ein Trost liegt in diesem Spruch: daß Gottes Berufung und Wahl, die Wahl seiner Gnade, ewig fest steht! Darin macht es der große Gott doch ganz wunderbar, daß er für die Seinen dieses Königreich, und seinem Gesalbten die ihm immerdar bestrittene Krone behauptet. Von dieser Behauptung haben wir eine Weissagung, welche reichen Stoff darbieten wird zu unserer heutigen Betrachtung.

Micha 4,8
Und du, Turm Eder, eine Feste der Tochter Zion, es wird deine goldene Rose kommen, die vorige Herrschaft, das Königreich der Tochter Jerusalem.

Der Prophet Micha, von dem diese Worte sind, ist ein Zeitgenosse des Propheten Jesaja gewesen. Sein Geburtsort war entweder die Stadt Maresa an den Westgrenzen von Juda, oder Moreschet, ein Dorf in der Nähe derselben Stadt. Micha hat deshalb häufig als Knabe das Schlachtfeld betreten können, wo einhundert und mehrere Jahre früher Serah, der Mohr, mit seinen tausendmal tausend Streitern und mit seinen dreihundert Wagen, welche an den Achsen mit scharfen Sensen versehen waren, vor dem Herrn und vor seinem Heerlager gänzlich geschlagen worden war. Michas Vater wird ihm, wenn sie über dieses Schlachtfeld gingen, davon wohl vieles erzählt haben, auch von dem Gebet, das damals der König Assa nebst Juda gebetet hat: „Herr, es ist bei dir kein Unterschied, helfen unter vielen, oder da keine Kraft ist. Herr, unser Gott, wider dich vermag kein Mensch etwas“.

Der Name des Propheten, welchen ihm sein Vater beigelegt, bedeutet: wer ist wie Gott? und aus diesem Namen scheint der Prophet selbst allen Trost geschöpft zu haben; denn seine Worte Kap. 7,18: „Wo ist ein solcher Gott wie du!“ sind lediglich eine Umschreibung des Wortes oder Namens Micha.

Es ist noch ein Prophet dieses Namens gewesen zur Zeit Ahabs und Josaphats, der von Ahab in den Kerker geworfen wurde, weil er dem König nicht etwas vorlügen wollte, was damals alle Propheten, bei vierhundert an der Zahl, nicht Anstand nahmen zu tun. Von unserem Micha lesen wir noch ein Zeugnis bei Jeremia Kap. 26,18, wo es heißt: „Zu der Zeit Hiskia, des Königs Juda, war ein Prophet, Micha von Maresa, und sprach zum ganzen Volk Juda: So spricht der Zerr Zebaoth: Zion soll wie ein Acker gepflügt werden, und Jerusalem ein Steinhaufen werden, und der Berg des Hauses (des Herrn) zum wilden Wald“.

Dieser unser Prophet schilt und droht und predigt ganz gewaltig, mit hohem Ernst, und dennoch ganz lieblich, so daß er auch wohl der evangelische Prophet heißen könnte; denn es ist immerdar die Lehre und Rede Christi, welche er dem Volk vorhält. Er macht gleichsam alles zu Trümmern und wirft alles zu Boden, um dem Herrn, unserem Gott und Heiland, Bahn zu machen in den Herzen des Volkes, und zu preisen die Gnade und Barmherzigkeit Gottes, seine Treue und Wahrheit, den Übriggebliebenen zum Trost, zum Trost aller derjenigen, die sich unter das Wort Christi beugen würden. Denn das ist der Hauptinhalt seines Zeugnisses: Wer verloren ist, der komme herbei, denn das Heil kommt, und sollte auch alles dem Anschein nach verloren und vergeblich sein. Christus wird obsiegen, und seine Feinde werden es sehen müssen und vergehen.

Deshalb sagt er in dem zweiten Kapitel, V. 12 u. 13: „Ich will aber dich, Jakob, versammeln ganz, und die Übrigen in Israel zu Hauf bringen; ich will sie wie eine Herde miteinander in einen festen Stall tun, und wie eine Herde in seine Hürden, daß es von Menschen tönen soll. Es wird ein Durchbrecher vor ihnen herauffahren; sie werden durchbrechen, und zum Tor aus- und einziehen, und ihr König wird vor ihnen hergehen, und der Herr vorne an“. Deshalb in dem vierten Kap. V. 1: „In den letzten Tagen aber wird der Berg, darauf des Herrn Haus steht, gewiß sein höher denn alle Berge und über die Hügel erhaben sein“. V. 4: „Ein jeglicher wird unter seinem Weinstock und Feigenbaum wohnen ohne Scheu“. V. 7: „Und der Herr wird König über sie sein auf dem Berg Zion, von nun an bis in Ewigkeit“. Ferner Kap. 5, V. 1 u. 3: „Und du Bethlehem Ephrata, die du klein bist unter den Tausenden in Juda, aus dir soll mir der kommen, der in Israel Herr sei, welches Ausgang von Anfang und von Ewigkeit her gewesen ist. Er wird auftreten und weiden in Kraft des Herrn und im Sieg des Namens seines Gottes. Und sie werden wohnen; denn es wird zu derselben Zeit herrlich werden, so weit die Welt ist“. Deshalb endlich Kap. 7, V. 15, 19 u. 20: „Ich will sie Wunder sehen lassen, gleichwie zu der Zeit, da sie aus Ägyptenland zogen. Er wird sich unser wieder erbarmen, unsere Missetat dämpfen und alle unsere Sünden in die Tiefe des Meeres werfen. Du wirst dem Jakob die Treue, und Abraham die Gnade halten, wie du unseren Vätern vorlängst geschworen hast“. Und sodann auch in unseren Textworten: „Und du, Turm Eder, eine Feste der Tochter Zion, es wird deine goldene Rose kommen, die vorige Herrschaft, das Königreich der Tochter Jerusalem“.

Diese letzten Worte sind solche gute, reichhaltige, tröstliche Worte, daß ich mir vorgenommen habe, euch zu dieser Stunde davon das eine und andere mitzuteilen.

Die Hauptwahrheit aus denselben ist wohl diese:
„Dem Lamm die Ehre und die Herrschaft, und sein Königreich kommt, das Königreich der Seinen, sehe man auch nichts davon“.
Betrachten wir
I. Die Weissagung von dem Turm Eder und seine Bedeutung.
II. Die Weissagung von der Herrschaft des Turmes Eder, dem Königreich der Tochter Jerusalem.
Und machen wir
III. Eine Anwendung dieser Weissagung auf uns selbst.

I.

Der Turm Eder und seine Bedeutung.
1. Wir wissen aus dem Eingang des Buches Micha, daß zur Zeit Jothams, Ahas und Hiskia das Wort des Herrn zu Micha geschehen ist, daß er also unter diesen Königen von Christus gezeugt hat. Es ist uns aus den Büchern der Könige (2. Kön. 16) und der Chroniken (2. Chron. 28), so wie auch aus Jesaja Kap. 7 bekannt, wie besonders der König Ahas allerlei Gottlosigkeit und Abgölterei unter das Volk gebracht. Nun stand der Turm Eder dem vordersten Teil des Tempels gegenüber. Es war ein Turm mit einem Tor; dieses Tor hieß das Schaftor und war von allen Toren das erste, welches der Hohepriester Eljasib (welches bedeutet: Gott wird machen, daß wir wieder zurückkehren) unter Nehemia (Neh. 3,1) mit seinen Brüdern, den Priestern, wieder aufbaute. Durch dieses Tor ging alles Vieh; denn bei demselben war der Viehmarkt. Da kauften sich dann die gläubigen Israeliten die Schafe und das Rindvieh, das sie hinauf zum Tempel brachten, wenn sie entweder aus den anderen Städten dreimal jährlich zusammen hinaufgezogen waren gen Jerusalem und das Lied anstimmten: „Unsere Füße stehen in deinen Toren, o du Stadt Gottes“, oder auch wenn sie sonst als Bürger der Stadt ihre Opfergaben für ihre Sünde brachten.

2. Ihr könnt es euch leicht vorstellen, welch ein Leben und Treiben um dieses Tor her gewesen sein muß, wenn nicht ein abgöttischer, sondern ein König, der tat, was in den Augen des Herrn recht war, das Zepter führte. Dann sah man ganze Herden der Lämmer Gottes, Böcke und Farren bei tausenden, mit ihren Begleitern von den Bergen herunterkommen, und alles, alles drängte sich unter dem Turm Eder oder dem Schafstor hindurch, um bald danach für die Sünde und Ungerechtigkeit als Opfer von dem Altar zu Gott hinaufzusteigen. Ein solches Gedränge durch dieses Tor hindurch mußte sich natürlich bei den drei hohen Festen noch bedeutend vermehren.

War ein König da, der den Herrn fürchtete, und ein treuer Hoherpriester und willige Leviten, so wurde auch die Lehre gehandhabt, so daß das Volk das Gesetz verstand, und die Gläubigen sich ungemein freuen, und ihre Freude voll werden mußte, wenn sie mit Augen sahen, wie angenehm Gott ein solches Opfern war, das im Glauben geschah.

3. Es konnte wohl nicht anders sein, als daß ein jeder, dem die Ehre Gottes und die Handhabung seiner Wahrheit lieb war, einen solchen Turm und ein solches Tor mit Liebe anschauen mußte, nicht allein weil es das prächtigste Tor der Stadt war, sondern auch und vielmehr, weil es gleichsam die Tür war, wodurch der verheißene Messias in einem Bild zu Gott hinaufging mit den Sünden des Volkes.

Nun wissen wir, daß wir manchmal eine Sache von reichem Inhalt mit einem Namen belegen, welcher nur einen Teil des Ganzen ausdrückt.

Wenn sie demnach den Turm Eder oder den Schafsturm erblickten, so dachten sie zu gleicher Zeit an das Opfervieh, das durch das Tor dieses Turms hindurchzog; auch zu gleicher Zeit an das Opfern selbst, an dessen Bedeutung, an den verheißenen Messias, an Jehovah, und alles Glück, welches ihnen in seiner Güte und Wahrheit zuteil wurde.

Es konnte demzufolge der Prophet Micha, wenn er an diesen Turm dachte, wohl nicht an etwas anderes denken als an Christus und seine Wohltat, oder an dessen Leiden und Auferstehung und an alles, was in ihm den Gläubigen zuteil geworden ist.

4. Diesen Turm nennt er nun: die Feste der Tochter Zion. Mehrere Übersetzungen haben nach dem Hebräischen: du Ophel der Tochter Zion.

Dieses Ophel, was deutsch „Hügel“ heißt, war der niedrigere Teil des Berges Zion, welcher Teil mit einer Mauer umgeben war, an welcher Mauer der König Jotham und später Manasse viel bauen ließen.

Wenn demnach der Prophet sagt, daß der Turm Eder oder der Schafsturm die Feste oder das Ophel der Tochter Zion war, so hat er damit gemeint, daß, wie die Bewohner des Berges Zion den schwächeren Teil ihres Berges mit einer Mauer stark befestigt hatten und sich darauf verließen, so für die gläubigen Zioniten der Schafsturm, oder wie ich gesagt habe, die ganze Einrichtung der Opfer in ihrer wahren Bedeutung, ein Ophel, eine Feste, war, worauf diese sich verließen.

Ja, es liegt noch mehr in diesen Worten. Auf dem Hause Davids ruhte des Volkes Hoffnung und Vertrauen. Dieses Haus Davids war aber damals fast ganz von dem Herrn abgefallen. Dennoch lag noch ein verborgenes Reis, ein zerknicktes Rohr, ein zu Boden getretener Zweig in diesem Haus. Dieser sah aus wie Ophel, das ist, ganz niedrig im Vergleich mit den großen Bergen. Dieser niedrige Hügel war nach prophetischer Redeweise ein Sinnbild des letzten und dennoch höchsten Sohnes Davids, d. i. Christi. Demnach war die ganze Bedeutung der prophetischen Worte diese: daß die Einrichtung der Opfer das Schwache Gottes war, worauf die gläubigen Zioniten als auf eine Feste Gottes alle ihre Hoffnung gründeten.

5. Stellen wir uns nun vor, daß der Prophet manchmal von Bethanien oder von dem Ölberg kam. Da sah er dann die Stadt Gottes vor sich liegen. Ach, wie war sie zu einer Hure geworden. Da sah er den prächtigen Tempel, das Haus, wo des Herrn Name sollte angerufen werden. Ach, was war dieser Tempel, wenn die Herrlichkeit des Herrn bereits auf der Schwelle stand und das Haus zu verlassen drohte, das man mit Feier und Laster zugleich anfüllte. Da fielen seine Augen auf den prächtigen Turm Eder, und er weinte, da er den Turm ansah, und wurde voll der Rache und des Eifers seines Gottes. Und trat er in das Schafstor, – ach, wie so gar kein Gedränge mehr, kein Jubel mehr wie früher. Keine Hallelujas mehr auf den Bergen, von den Hügeln tönten keine Psalmen mehr herab; zwischen den Mauern des Hauses Gottes kein fürstlicher Posaunenklang Jakobs mehr, kein Jauchzen Gottes mehr! Kein Lamm sah er mehr, in heißer Liebe gebraten, im Feuer Gottes hinauffahren zu dem, von dem alle Gnade ist. Und auch in dem Tor nur magere Farren, blinde und verkrüppelte Lämmer, und etwa ein einzelnes Lamm am Teich Bethesda. Und nun in der Stadt selbst fast alle Angesichter nach dem Irdischen schauend, nach dem Vergänglichen, nach dem Eitlen, und alles voll Verwirrung, Angst und Not. – Die Herrschaft der Tochter Zion, das Königreich der Tochter Jerusalem, – wo war es? Vielleicht drohte Pekah, der Sohn Remaljahs, ihr das hohepriesterliche Kleid von der Schulter zu reißen. Die Krone wankte bereits auf ihrem Haupt, krampfhaft hielt sie sich noch an dem Altar fest; aber ihre Weissagung, ihr Licht und Recht antworteten nur noch schwach; ihr Königreich, es war dahin!

6. Und der Prophet, – wie muß es in seinem Innern geglüht haben, was ihm sein Vater einst erzählt, wie Jehovah vormals durch das Gebet seiner Elenden tausendmal tausend schwarze Teufel, welche Juda fressen wollten, vernichtet hatte! Wie muß es in seinem Innern geglüht haben: Wo ist ein solcher Gott wie du! War er doch seines eigenen Elends inne geworden! Was unterschied ihn? Hatte er es doch erfahren, wie tief, wie tief ein Mensch versunken liegt in seinem Tod, wie so gar keine Faser in ihm ist, seinen Gott zu verherrlichen. Hatte er doch erfahren, wie da, wo er unter dem Zorn Gottes hinweggesunken da lag und er sich gestützt hatte auf das Lamm, das seine Sünde nach Gottes heiligem Gesetz auf sich nahm, – wie da, wo das Lamm in dem Feuer hinauffuhr, es ihm war, als ob alle seine Sünden in die Tiefe des Meeres geworfen wären, so daß er gerechtfertigt nach Hause ging und Friede bei Gott hatte durch das Lamm! Nicht sein eigenes Erlöstsein, nicht seine Sünde, nicht der Tempel, sondern das Lamm, das seine Sünde getragen hatte, dessen Gnade und die Liebe Gottes, das war es, wovon er voll war. Welch reicher Trost muß sein Herz erfüllt haben, wenn er durch das Schafstor ging; – und dieses Lamm, sollte das die Ehre nicht wieder bekommen? Ja, bei mir hat es sich erwiesen: so verloren kann die Verlorenheit nicht sein, daß Gottes Dennoch sich nicht würde zu behaupten wissen. Ja, tobt ihr Feinde alle, so viel ihr wollt, ihr werdet zu Schanden werden mit euren Lügen. Die Wahrheit, das Heil, die Wohltat Christi, sie wird doch bestehen. Wenn ihr es aufs äußerste getrieben, so daß aller Rat dahin ist, so wird Er noch Rat wissen. Wenn ihr alles in Finsternis gestürzt habt, so wird Er dennoch hervorbrechen in seinem Licht; – und sei es jetzt auch noch so leer beim Turm Eder, so wird es dennoch wieder von Menschen wimmeln und vom Lamm ertönen! Mut, Mut, ihr Lahmen und ihr Verstoßenen! – Warum haben dich die Wehen überfallen wie eine in Kindesnöten? Liebe, leide doch solche Wehen und krächze, du Tochter Zion; denn du mußt zwar zur Stadt hinaus und auf dem Feld wohnen, ja gen Babel kommen, aber doch wirst du von dannen wieder errettet werden. Daselbst wird dich der Herr erlösen von deinen Feinden (Micha 4,9 u. 10). Wer wird dem Lamm seine Krone, seine Herrschaft rauben? wer ihm das Königreich nehmen, das er mit seinen Erlösten eingenommen hat? – Kein Teufel, kein Vater der Lüge, mit allen seinen Trabanten, mit seiner ganzen schwarzen Heeresmacht! Nein, du Turm Eder, du Schafstor, du Feste der Tochter Zion, deine goldene Rose kommt!

II.

Die Herrschaft des Turmes Eder, das Königreich der Tochter Jerusalem.
1. Wir sehen es aus der Geschichte Juda: so lange gottlose Könige regierten, lag der ganze Opferdienst zu Boden. Jehovah, der Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs, der Hirte Israels, der wahre König David, der verheißene Sohn, wurde von dem Volk nicht anerkannt. Es war kein Glaube da.

Man zog es vor, durch Selbstquälerei, durch Werke, die Gott nie geboten, sich zu reinigen und zu heiligen, anstatt die Reinigung und Heiligung lediglich anzuerkennen in dem Blut Christi, welches durch die Einrichtung der Opfer vorbedeutet wurde. Also auch Juda regierte nicht mehr mit seinem Gott. Sie sagten ihrem König Jehovah den Gehorsam auf, gaben nicht ihm die Ehre. Sie schrieben ihre Seligkeit den durch ihre Vernunft ersonnenen und durch die falsche Feder der Schriftgelehrten vorgezeichneten Götzen zu. So setzten sie ihn, Jehovah, ihren König gleichsam ab; denn sie wollten nicht mehr ihn zum König haben; so konnte er denn auch mit seinem Wort und Geist nicht mehr unter ihnen regieren. Und da sie nun ihren König und Hort drangegeben, da war es auch bald mit ihrer Herrschaft aus. Sie wurden die Beute der benachbarten Völker und Herrscher. Diese flogen ihnen auf die Schulter und auf den Rücken und traten sie bald in den Staub; so wurden sie denn ganz mit einem mal in Dienstbarkeit gebracht, geknechtet von allerlei fremden Herren – sie, die Königskinder!

2. So stand es auch zur Zeit Michas. Er aber mußte aus der Geschichte, wie in früherer Zeit, wenn die Könige und das Volk sich an den Verheißenen hielten und ihre Reinigung und Heiligung nach dem Befehl des ewigen Gottes in dem Blut dieses Verheißenen suchten, wenn sie ihm, dem Verheißenen, alle Ehre gaben, seine Lehre als die einzige Lehre der Seligkeit bewahrten, sein Priestertum als das ewige Priestertum anerkannten, und ihm als ihrem ewigen König huldigten und ihn anbeteten, – er wußte es, wie glücklich sie alsdann waren, und wie sie von Sieg zu Sieg gingen, ja, wie das Wort von Tag zu Tag in Erfüllung ging: „Jehovah hat gesagt zu meinem Herrn: Sitze zu meiner Rechten, bis ich deine Feinde gelegt habe zum Schemel deiner Füße“. Ein einzelner konnte tausend jagen, und zehn zehntausend; ja geistlich und buchstäblich wurde es an ihnen erfüllt, was wir lesen: Von den Kindern Israels machte Salomo nicht Knechte zu seiner Arbeit, sondern ließ sie Kriegsleute, seine Minister und Fürsten und Ritter sein, und setzte sie über seine Wagen und Reuter. So waren sie denn alle frei und nicht Dienstknechte unter solcher Herrschaft.

Indem nun der Prophet dieses alles wußte, so kam dazu seine eigene Erfahrung: wie er von der Sünde frei geworden war, und wie die Gnade des Verheißenen bei ihm Herrschaft ausgeübt hatte und ausübte, ob es auch manchmal bei ihm drunter und drüber gegangen. Und indem er auf Gottes Wahrheit bestand, wie alle Propheten darauf bestanden haben, so war er des gewiß, daß, wie greulich es auch in dem Land aussehen mochte, Gottes Rat dennoch bestehen, daß demnach der Verheißene gewißlich kommen würde, und es also dennoch ganz und völlig als Wahrheit würde erfahren werden: daß, wo die Sünde mächtig geworden war, die Gnade doch viel mächtiger werden würde.

Das war also seine Weissagung: das Blut des Lammes wird wieder zu Ehren kommen, so daß man sagen wird: in ihm ist alle Gerechtigkeit und Stärke! Er ist der König der Könige! Und unter seiner Herrschaft wird die Tochter Jerusalem als eine wahre Fürstin in seiner Herrlichkeit prangen; mit ihm regieren wird sie, sei sie jetzt auch noch so geknechtet.

3. Daß nun dem Lamm alle Ehre würde wiedergebracht werden, das drückt Luthers Übersetzung so aus: es wird deine goldene Rose kommen. Die andern Übersetzungen, wie z. B. die Holländische Staatenbibel, haben folgendes: „Und du Schafsturm, du Ophel der Tochter Zion, zu dir wird kommen, ja, es wird kommen die vorige Herrschaft, das Königreich der Tochter Jerusalem“.

men, ja, es wird kommen die vorige Herrschaft, das Königreich der Tochter Jerusalem“. Die Worte „zu dir“ hat Luther so gelesen, daß es „dein Schmuck“ bedeuten soll. Woher er nun aber das Wort „goldene Rose“ hat, bekenne ich nicht zu wissen. Ich vermute aber, daß der Grund folgender ist:
Die Päpste haben die Gewohnheit, Fürsten und Fürstinnen, die sich um die Ausbreitung der römischen Kirche besonders bemüht haben, eine kostbare silberne oder goldene Rose, reich mit Edelsteinen eingefaßt, als Geschenk zukommen zu lassen. So etwas hat Luther zu seiner Zeit auch vernommen.1 Da mag er manchmal gedacht haben: Lieber Herr Christe, was doch Menschen einander für Geschenke zukommen lassen, dafür daß sie die Kirche gebaut haben sollen! Das hast du doch allein getan in deinem teuren Blut, und du baust deine Kirche auch allein und erntest dafür nichts als Hohn und Schmach, als Spott und Verfolgung! Sollte man dir doch alle goldene Rosen geben. Du wirst aber deine goldene Rose auch haben, so wahrhaftig du mein lieber, treuer Heiland und einziger Erretter bist.

So mag es wohl sein, und so versteht man die Stelle recht gut.

Nehmen wir die Worte nach den anderen Übersetzungen: zu dir wird kommen, ja, es wird kommen die vorige Herrschaft, so sagt es doch am Ende fast dasselbe, nämlich: du, o Lamm Gottes, wirst die Krone und die Herrschaft haben; das ist gewißlich wahr.

1. Und nun ganz ohne Bildersprache. Welch eine liebliche, teure Weissagung des Propheten Micha ist dies, und wie herrlich ist sie erfüllt worden; wie herrlich ist dem Blut des Sohnes Gottes die Herrschaft wieder zuteil geworden, gleichwie es früher schon die Herrschaft gehabt. Dieses Blut hat die Herrschaft ausgeübt, bei Adam, bei Abel, bei Abraham, bei David, bei allen Propheten, Heiligen und Gläubigen, so viele ihrer die Verheißung von ferne gesehen und geglaubt haben; es hat die Herrschaft bei ihnen so ausgeübt, daß es sie von Zorn und Fluch, von Tod und Teufel und von allen Sünden errettet, auch sie vor allen ihren Feinden geschützt hat. Dieses Blut hat die Herrschaft auch darin ausgeübt, daß es immerdar gesprochen: „Tastet meine Gesalbten nicht an und tut meinen Propheten nichts zuleide“. Zu Ehren hat es gebracht beide, klein und groß, die sich darauf verlassen haben, die geglaubt haben: darin allein ist unsere Reinigung, darin allein das Tun des Willens Gottes.

2. Und wie viel herrlicher noch ist dieses Blut zur Herrschaft gekommen in diesen letzten Zeiten, in welchen auch wir geboren sind.

Könnt ihr es glauben? Es ist dennoch wahrhaftig. Die ganze Erde mit ihren fünf Weltteilen, mit ihren Völkern und Sprachen und Zungen, mit ihren Königreichen samt aller ihrer Macht und Herrlichkeit, es ist alles das Eigentum des Blutes des Lammes; – alle die Seelen auf dem großen Erdball, alle die Geister, sie sind seines Blutes Eigentum. Dieses Blut tut mit ihnen alles, was es will, es tut auch mit den Sünden, was es will, mit dem Teufel, was es will, so wie mit all den finsteren Mächten der Hölle und mit dem Tod, was es will. Alles muß ihm die goldene Rose bringen, bewußt oder unbewußt, willig oder nicht willig; denn so steht geschrieben: „Darum daß seine Seele gearbeitet hat, wird er seine Lust sehen und die Fülle haben. Ich will ihm große Menge zur Beute geben, und er soll die Starken zum Raub haben; darum daß er sein Leben in den Tod gegeben hat“. Jes. 53. Und wiederum: „Heische von mir, so will ich dir die Heiden zum Erbe geben und der Welt Ende zum Eigentum“ Ps. 2. Und wiederum: „Mir ist gegeben alle Gewalt im Himmel und auf Erden“. Das ist seine Herrschaft. Und noch einmal: „Darum hat ihn Gott erhöht und hat ihm einen Namen gegeben, der über alle Namen ist, daß in dem Namen Jesus sich beugen aller derer Knie, die im Himmel und auf Erden und unter der Erde sind, und alle Zungen bekennen sollen, daß Jesus Christus der Herr sei zur Ehre Gottes des Vaters“ Phil. 2.

3. Und diese Herrschaft des Blutes, sie ist das Königreich der Tochter Jerusalem; denn darin besteht der Gläubigen Königreich, daß sie mit dem Lamm, nach der Verheißung, als Könige herrschen auf Erden. So war kraft dieses Blutes Abraham ein Fürst Gottes; denn dieses mächtige Blut bedeckt sie und ist ihr Schirm vor allen Gefahren, ihre Zuflucht in aller Angst, der Boden, worauf sie stehen, ihr Schwert in allem Streit. Die Sünde kann und darf über sie nicht mehr herrschen, denn sie sind eines teuren Blutes Eigentum, welches sie auch von allen Sünden reinigt; überdies haben sie Freiheit, zu nehmen Gnade um Gnade. Hineingeleitet und gebracht in des Königs Palast, neben ihm sitzend auf seinem Thron, erhalten sie aus seiner Fülle die Fülle aller Gerechtigkeit. Der Teufel darf mit seiner Anklage nicht über sie herrschen, denn sie sind aus seinem Gebiet hinaus- und hinübergenommen in ewigen Frieden. Der Tod darf über sie nicht herrschen, noch Qual noch Angst, noch Verzweiflung, noch irgend welche Not Leibes und der Seele; denn sie leben in allen diesen Dingen nicht, sondern ihr Leben ist in dem, was das Blut des Lammes spricht. Das Wort Christi, das ist ihr Gesetzbuch, welches sie handhaben. Mit diesem Wort behaupten sie ihre Freiheit und ihre Erlösung von allem, und machen die Erfahrung, wie dieses Wort sich und sie behauptet in dem Reich der Gnade, und wie vor diesem Wort aller Zeug zusammenbricht, welcher sich gegen dasselbe auflehnt oder es anfeindet. Der Geist Christi ist ihr Schutz, ihre Waffe, ihr Kriegsvorrat, ihr Aufblühen. Und kraft dieses Wortes und in diesem Geist haben sie zu fordern und zu bitten, was sie nur wollen. Sie schließen den Himmel auf und den Himmel zu mit ihrem Zeugnis und mit dem Geist des Herrn Herrn, und wie sie es ankündigen, so steht es da. Wunderbar geht es her, dennoch ist es wahrhaftig. Bringe du dem Lamm die goldene Rose, gib ihm die Ehre, und du bist mit ihm ein König auf Erden, – eine Königin, du Tochter Jerusalem!
Befleißige dich, dich selbst Gott bewährt darzustellen als einen Arbeiter, der
sich nicht zu schämen hat, der das Wort der Wahrheit recht teilt. 2. Tim. 2:15

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Matze7443
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Re: Briefe, Auslegungen und Predigten von H.F. Kohlbrügge

Beitragvon Matze7443 » 24.04.2017 19:11

Teil 2 von der 3. Predigt aus Heft 1

Teil II

III.

Machen wir nun eine nähere Anwendung dieser Weissagung auf uns selbst.

1. Ich weiß es, wer dem Anschein nach auf dieser Welt regiert. Der Teufel regiert anstatt Christus, und er stellt sich noch fortwährend mit den armen Seelen auf geistliche Höhen, läßt sie erst alles überblicken und teilt sodann, nach seiner Macht, welche er zu besitzen vorgibt, dem einen und dem andern in großer Menge ein schönes Stück Fleisch, ein schönes Gebäude, ein Stückchen Gold und Silber und eine Hand voll Ehre zu, wofür man ihn denn freilich anbeten muß. Ich weiß es, wie viele Seelen er in seiner vorgegebenen Macht mit allerlei verborgener Lust umgarnt und umstrickt, lediglich in der Absicht, dieselben von der Gnade abzuwehren und in einem Gebiet religiöser Schwärmerei und Selbstheiligung festzuhalten. Ich weiß es auch, welche Sekten und Rotten er anstiftet, um die wahrhaftige Freiheit, womit Christus uns freigemacht hat, in üblen Ruf zu bringen. Ich weiß es, welch ein Heer von Lüge und Verleumdung, von List und Gewalt er mit sich führt, um allerwärts das Königreich des Gesalbten und seiner Heiligen, Berufenen und Gläubigen zu stürzen; – aber ich weiß auch, und das sollt ihr alle wissen, daß Er, der im Himmel wohnt, um seiner Wahrheit willen, die Wahrheit der Erfüllung einer so köstlichen Weissagung, wie ich sie euch vorgelegt habe, zu behaupten wissen wird.

2. Denn auf welchem Grund steht die Herrschaft Christi, steht das Königreich seiner Heiligen und Erwählten da? Muß ich es euch sagen? Ach ja, das Herz ist dieser Dinge so selten eingedenk. Es steht da auf dem Grund der Liebe Gottes. Ihr kennt ja den teuren Spruch, daß Gott sich die Gemeine erworben hat durch sein eigenes Blut. Hat Gott noch Wertvolleres zu verwenden? Heißt das nicht: sein Bestes ließ er’s sich kosten? Hat er wohl ein Herz für dieses Lösegeld, das er dafür gegeben? Hat er auch ein Herz für das, was er sich für solch einen Preis erworben? Ich versichere euch, sein Blut ist von unendlichem Wert, und mehr hat er nicht hingeben können als seinen eigenen Sohn, den Alleingeborenen, seinen Geliebten. Und Gott selbst hat sich verbürgt mit einem Eid, wobei er bei sich selbst geschworen, daß dieses Blut allein Geltung und Herrschaft haben soll, wie es denn auch dieses allein hat im Himmel und auf Erden, und daß es die Pforten der Hölle, samt allem dem, was darin geratschlagt wird, kraftlos gemacht und all ihre Herrschaft vernichtet hat.

3. O, welch eine teure Wahrheit! Ja, es ist ganz und gar aus mit dem Menschen, es ist aus mit dem Fleisch; alle seine Gerechtigkeit gilt nichts mehr; alle diese seine Sünden haben nichts mehr zu sagen. Es ist ganz und gar aus mit dem Teufel und mit seiner Macht, dem Tod; und alle seine List und Gewalt, sein Wüten und Morden kann nichts mehr ausrichten, wird auch gar nicht mehr in Anschlag gebracht bei einer ewigen Herrlichkeit; denn der große und allmächtige, der starke Gott hat seine Ehre wieder, hat seine Wahrheit, den Glauben an ihn verherrlicht. Unser Leben, unser Tun und Treiben hat gar keine Geltung mehr. Alles, alles im Himmel und auf Erden und in den Abgründen der Hölle, alle Mächte hier und in der Luft und dort oben, es muß sich alles bewegen nach den Befehlen, welche das Blut erteilt zum Wohl aller seiner Erretteten und Gläubigen. Denn nachdem dieses Blut ausgegossen worden ist, steht alles ganz anders im Himmel und auf Erden, als es zuvor stand. Hatte der Teufel mit dem Menschen alles, was Gott gemacht hat, verdreht, verdorben und gleichsam vernichtet, – neu geschaffen, ganz wieder hergestellt, in Richtigkeit gebracht nach ewigem Geist, dies alles, alles hat das Blut getan an dem Holz des Kreuzes, – und aus ist es mit unserm Blut, mit unserer Seele und innerstem Mark, mit unserem ganzen Leben. Dem Blut die goldene Rose, dem Lamm die ewige Herrschaft, das Leben, die Krone. In ihm ist unser Leben, unsere Gerechtigkeit, in ihm ein ganzes Königreich für uns, – ein Königreich, das mehr bedeutet denn alle Macht auf Erden und in der Hölle; denn es zerstört und zermalmt alle goldenen Bilder, welche die Völker der Erde anbeten.

4. Und nun, wozu alle jene Grübeleien, alle Beschwerden, wobei der Mensch immerdar auf sich selbst sieht und auf seine Sünden, und mit dem Gesetz unterhandelt, um heute zu glauben und morgen mit Werken umzugehen? Menschenkind, vernimm Gottes Wort! Was zerplagst du dich immerdar mit deinen Sünden, mit deinem Grübeln, nur um dich zu behaupten, als wolltest du etwas für Gott sein, für ihn etwas tun oder darstellen; nur um dich zu behaupten, als ginge dir Gottes Gerechtigkeit zu Herzen? Schaue hinauf nach dem Unsichtbaren, und sollte es dennoch Nacht um dich herum bleiben, verliere den Mut nicht, um anzuhalten, bis Gott das ganze Füllhorn seiner Gnade mit allerlei Art von Bedeckung auf und in dein Herz ausschüttet! Ist es aber das Blut allein, was macht denn deine Heiligkeit oder deine Sünde dir Sorge? Laß dem Blut seine Geltung, dem Lamm seine Herrschaft, und du wirst rein sein in einer Reinheit, wovon die Engel in der Weise nichts verstehen.

5. Daß aber keiner sich erhebe in Selbsterhebung. Wer es im Heiligen Geist, von ganzem Herzen also und von ganzer Seele, so ausspricht, daß diese Wahrheit um sein Herz herum gleichsam ein Meer von Güte Gottes wird: „Dir, o Lamm Gottes, dir, o Herr Christe, die goldene Rose, ja, du sollst sie haben, sagten auch alle Teufel „nein“, und machte die Welt auch immerdar goldene Rosen dem Teufel zu lieb“, – der hat Elend gesehen, der hat sein Verderben kennen gelernt, der war getötet und lag versunken in dem untersten Schlamm; der hat erfahren, daß nur eines ihn hat retten können, eines aber ihn auch völlig errettet hat: Gott mit seinem Blut.

6. Und seine Herrschaft in solcher Gerechtigkeit, sein Königreich, – wie wird es verwaltet? Mit einem Herzen, das sich an der ewigen Erbarmung hält, mit dem Gebet Gottes, welches Sonne und Mond auf ihren Bahnen stille stehen heißt, und mit einem Wort, dessen Weg in tiefen Wassern ist, und das erst dann wieder glänzend hervorkommt, wenn wir meinen, daß es ertrunken sei.

Meine Brüder und Schwestern! Tod hier, Kampf hier, alte Sünden, neue Not hier, Tränen hier und allerlei Trübsal hier, viel Gebets hier und allerlei Anfechtung, ob es wohl wahr sei, aber dennoch: das Kreuz hat die goldene Rose, um welche alle Engel knien, vor welcher alle Teufel fliehen. Und die dem Lamm die Rose bringen, welche sind sie? Sünder, dennoch Gerechte; Elende, dennoch Herrliche; wehrlose Schafe inmitten der Wölfe. Wo kommen sie her? Aus dem Herzen Gottes. Dahin, dahin! Kommt mit, kommt mit! Denn der Tag des ewigen Rosenfestes erglüht bereits auf den Gipfeln der Berge! Wehe dem Fürsten dieser Welt mit seinem Schlangensamen, aber wohl uns, die Seiner harren!

Amen!
Befleißige dich, dich selbst Gott bewährt darzustellen als einen Arbeiter, der
sich nicht zu schämen hat, der das Wort der Wahrheit recht teilt. 2. Tim. 2:15


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