Predigten,Andachten und Briefe von Johannes Calvin

Nur für Gläubige, die die fünf Punkte des Arminianismus ablehnen

Moderatoren: Der Pilgrim, Leo_Sibbing

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Beitragvon Joschie » 25.12.2009 08:43

Überheblichkeit
"Die Menschen in ihrer Überheblichkeit sind wie die umherspringenden Frösche; aber sie können nicht so weit springen, als dass sie Gott zu verletzen vermöchten. Sie wollen ihre Flügel ausbreiten, aber sie sind nur wie große Schnecken."
(zu Psalm 119,20; Freudenberg, Calvin-Brevier, 32)
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Beitragvon Joschie » 29.12.2009 15:20

Güte und Wahrheit – Gottes Erbarmen
„Mit der Güte ist die Wahrheit verbunden und mit gutem Grunde, es ist so der Brauch der Schrift. Denn so wie die Verheißungen Gottes auf die reine Gnade gegründet sind, so geht ihre Sicherheit aus seiner Wahrheit hervor. Auch unter Menschen kann man’s ja oft erleben, dass einer gern Versprechungen macht, weil er freundlich und gütig ist. Aber oft kommt dann auch etwas dazwischen und dann gibt’s kein Halten. So ist’s bei Gott nicht. Auch er verspricht gern, aber hat ers dann einmal gesagt, dann geschieht’s. So sehen wir, warum die beiden Worte, Güte und Wahrheit verbunden sind. Sein reines Erbarmen trieb ihn, uns Verheißungen zu geben, aber wie er gut ist und gern gibt, so ist er auch treu und beharrlich und ändert seine Meinung nicht.“
(Predigt zu Psalm 115,1-2, gehalten November 1545 (Mühlhaupt, 13))
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Beitragvon Joschie » 30.12.2009 09:15

Den Glauben nähren
„Es genügt eben nicht, dass der Glaube einmal in uns angefangen hat, wenn es nicht dauernd genährt wird; er soll von Tag zu Tag wachsen. Um ihn zu nähren, zu stärken und zu fördern, hat daher der Herr die Sakramente eingesetzt. Gerade dies meint Paulus, wenn er ihre Bedeutung darin sieht, die Verheißungen Gottes zu versiegeln (Röm 4,11).“
(Genfer Katechismus von 1545 – Antwort auf Frage 319 / Studienausgabe)
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Beitragvon Joschie » 31.12.2009 09:52

"Ja, unser Glaube muss von Gottes Verheißungen wie von Flügeln getragen mitten durch alle Hindernisse hindurch bis zum Himmel hinauf dringen."
zu Römer 8,35
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Beitragvon Joschie » 01.01.2010 11:10

Gott mehr zutrauen
"Welche Unehre tun wir Gott an, wenn wir ihm nur so viel zutrauen, wie unsere Vorstellungen fassen!"
(Calvins Auslegung der Genesis zu 1. Mose 22,7)
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Beitragvon Joschie » 02.01.2010 12:16

Wer will uns verklagen?
Röm 8,33-34
33 Wer wird gegen Gottes Auserwählte Anklage erheben? Gott ist es, der rechtfertigt.
34 Wer ist, der verdamme? Christus Jesus ist es, der gestorben, ja noch mehr,
der auferweckt, der auch zur Rechten Gottes ist, der sich auch für uns verwendet.“

Das bedeutet doch das gleiche, als wenn er sagte:
Wer will die verklagen, die Gott losgesprochen hat?
Wer will die verdammen, die Christus mit seinem Schutz verteidigt?

Rechtfertigen bedeutet also nichts anderes, als einen Menschen,
der unter Anklage stand, gleichsam auf Grund erwiesener Unschuld
von der Schuld loszusprechen.

Wenn uns nun Gott auf Grund des Eintretens Christi für uns rechtfertigt,
so spricht er uns nicht in Anerkennung unserer eigenen Unschuld los,
sondern durch Zurechnung der Gerechtigkeit:
wir werden also in Christus für gerecht gehalten,
obwohl wir es in uns nicht sind.

- Johannes Calvin, Institutio, III,11,3
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Beitragvon Joschie » 04.01.2010 10:46

Fest bleiben im Glauben
„Denn wie uns Nebel den noch so klaren Anblick der Sonne verdunkeln, ohne uns doch ihren Glanz ganz und gar zu entziehen, so schickt uns Gott im Unglück durch alles Dunkel hindurch Strahlen seiner Gnade, damit uns keinerlei Anfechtung in Verzweiflung stürzen kann.“
(zu Römer 8,35 / Studienausgabe)
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Beitragvon Joschie » 29.01.2010 20:41

Über die Ungläubigen
„Wenn Gott die Ungläubigen in ihren Bestrebungen ließe, ist es sicher, dass die Welt nicht drei Tage andauern würde, bis alles vor ihnen ruiniert würde …“
(CO 28, 374 / Thiel, Schule, 303)
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Beitragvon Joschie » 17.02.2010 19:06

Hirn und Herz
"Dann muß aber das, was der Verstand aufgenommen hat, auch in das Herz selbst überfließen. Denn Gottes Wort ist nicht schon dann im Glauben erfaßt, wenn man es ganz oben im Hirn sich bewegen läßt, sondern erst dann, wenn es im innersten Herzen Wurzel geschlagen hat, um ein unbesiegliches Bollwerk zu werden, das alle Sturmwerkzeuge der Anfechtung aushalten und zurückwerfen kann! Wenn es wahr ist, daß das wirkliche Begreifen unseres Verstandes die Erleuchtung durch Gottes Geist ist, so tritt seine Kraft noch viel deutlicher in dieser Stärkung des Herzens in die Erscheinung; die Vertrauenslosigkeit des Herzens ist ja auch soviel größer als die Blindheit des Verstandes, und es ist viel schwieriger, dem Herzen Gewißheit zu verleihen, als den Verstand mit Erkenntnis zu erfüllen. Deshalb ist der Heilige Geist wie ein Siegel: er soll in unserem Herzen die gleichen Verheißungen versiegeln, deren Gewißheit er zuvor unserem Verstande eingeprägt hat."
(Institutio III,2,36)
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Beitragvon Joschie » 18.02.2010 09:36

„… es ist nötig, dass wir erkennen, wenn die Welt so verwirrt ist, dass es einen geheimen Zügel von oben gibt, dass die Dinge niemals so konfus sind, dass sie nicht Gott doch von oben anordnet, wie es ihm gut scheint.“
--48. Hiob-Predigt 1554 (CO 33, S. 593 / Thiel, Erziehung)
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Beitragvon Joschie » 19.02.2010 09:27

Der Geist Gottes, der in unseren Herzen wohnt, bewirkt, dass wir die Kraft Christi fühlen. Dass wir Christi
Wohltaten mit dem Verstand erfassen, wird von der Erleuchtung durch den heiligen Geist bewirkt. Seine
Überzeugungskraft bewirkt, dass sie in unseren Herzen versiegelt werden. Er allein schafft dafür in uns Raum.
Er bewirkt unsere Wiedergeburt und macht uns zu neuen Geschöpfen.
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Beitragvon Joschie » 21.02.2010 21:14

An Veit Dietrich, Pfarrer in Nürnberg.
Veit Dietrich, bekannt als Luthers Famulus auf der Koburg, gab Luthers Kommentar zum 1. Buch Mose heraus. Von Luthers Tod am 18. Februar 1546 hat Calvin noch nichts erfahren.

Von Calvins Werken und dem Abendmahlsstreit.
Dein Brief war mir umso angenehmer, als ich gar nicht gewagt hätte, auf einen zu hoffen. Denn es war doch an mir, zuerst zu schreiben und so erst den deinen zu veranlassen. Dass du so ohne Aufforderung mir zuvorgekommen bist, ist mir ein Beweis großen Wohlwollens. Willst du aber wissen, warum ich dir nie geschrieben, so ist es eher aus Scheu als aus Trägheit unterblieben. Die Lauterkeit deiner Gesinnung glaube ich freilich durch und durch zu kennen. Auch hätte mir Melanchthons Zeugnis ganz genügend Vertrauen gemacht. Wo aber nicht ganz nahe Bekanntschaft dazukommt, da machen mich die bösen Zeiten etwas ängstlich. Umso mehr Dank bin ich dir schuldig, dass du mir nun jedes Bedenken genommen hast. Dass dir auch mein Büchlein vom Abendmahl nicht missfallen hat, freut mich gewaltig. Es wurde vor zehn Jahren auf Französisch abgefasst. Da es ohne mein Wissen schon von zwei Leuten ins Lateinische übersetzt worden ist, habe ich endlich erlaubt, es so herauszugeben, natürlich um zu verhüten, dass nicht eine schlechtere Übersetzung an deren Stelle trete. Die einfache, populäre, für ungelehrte Leute berechnete Schreibart zeigt, was anfänglich meine Absicht war. Denn für Lateiner pflege ich sorgfältiger zu schreiben. Doch habe ich mich bestrebt, meine Meinung nicht nur treulich darzustellen und in kurze Zusammenfassung zu bringen, sondern auch sie klar und unverhüllt zu erläutern. Gleichzeitig ging die von mir durchgesehene Institutio zum zweiten Mal in die Öffentlichkeit. Darin habe ich dieselbe Lehre in anderer Schreibart und, wenn ich mich nicht täusche, klarer dargestellt und fester begründet. Schließlich habe ich auch noch einen Katechismus veröffentlicht, der ein zuverlässiges gutes Zeugnis davon ablegt, in welcher Lehre die Gemeinde von mir unterwiesen wird. Wollten doch, wie du sagst, die Zürcher diesem Bekenntnis anschließen! Ich denke, Luther würde dann auch nicht so unnachgiebig sein, dass nicht eine Einigung leicht zu bewerkstelligen wäre. Doch wagen die Zürcher wenigstens nicht, meine Ansichten zu tadeln. Mir offen beizupflichten, dem steht für sie hauptsächlich das im Wege, dass sie, ganz eingenommen von ihrer einmal und zwar längst vor gefassten Meinung, so auf den bei ihnen gebräuchlichen Ausdrücken beharren, dass sie nichts Neues zulassen wollen. Beachtest du aber, wie herrlich gewisse Leute von der Gegenpartei die ganze Welt zur Anerkennung nicht nur aller ihrer Meinungen, sondern auch ihrer Worte zwingen wollen, wie grob sie schimpfen, welchen Lärm sie machen, so wirst du in deiner angeborenen Billigkeit und Rechtlichkeit die Zürcher wegen ihrer falschen Sache nicht schärfer verurteilen, als ihre Gegner wegen ihres verkehrten Handelns. Der Herr erziehe uns alle durch seinen Geist zum rechten Maßhalten. Du weißt, ich klage nicht umsonst. Ich zweifle auch nicht, dass du in deiner besondern Frömmigkeit das ebenso stillschweigend beklagst, da du es nicht ändern kannst. Übrigens, was du mir versprichst, dessen darfst du deinerseits auch von mir aus versichert sein, nämlich, dass ich dir ein wirklicher Freund und Bruder bin und stets sein werde. Nun will ich samt vielen andern dich noch darum bitten, dass du nicht aufhörst, eifrig zu arbeiten, bis du uns die Genesisauslegung fertig vorlegen kannst. Denn wie sich Luther wahrhaftig Glück wünschen darf, dass er einen solchen Künstler gefunden hat zur Ausarbeitung seiner Werke, so spüren es auch andere, wie fruchtbringend für die Öffentlichkeit diese Arbeit ist. Doch möchte ich wünschen, du wärest sparsamer mit dem Ausdruck Sakramentierer, weil ich sehe, dass manche Leute [gerade dadurch] so erbittert werden, von denen man sonst wohl hoffen dürfte, sie wären für eine gewisse Einigung zu gewinnen. Doch stehts bei dir, zu erwägen, was gut ist. Mir ists genug, wenn du meine Mahnung gut aufnimmst, auch wenn du sie nicht befolgst.

Das Regensburger Gespräch wird natürlich nur Rauch geben, den der Herr bald auseinander blasen wird. Hier haben wir Ruhe, wenn uns nicht etwa der Kaiser bedrängen wird. Manche vermuten, er trachte nach Burgund, um von dort aus Frankreich zu bedrohen, während er die Provence durch den jüngern Savoyer angreifen und von der anderen Seite die Engländer ins Land rücken lasse. Ich halte mich allein an Gottes Schutz, wenn ich sehe, dass uns große Gefahr nahe bevorsteht. Lebwohl, hochberühmter Mann und bester Freund. Der Herr Jesus leite dich stets mit seinem Geiste und segne dich in jedem frommen Werk. Meine Kollegen lassen dich angelegentlich grüßen. Den deinigen viele Grüße von mir und ihnen.

Genf, 17. März 1546.
Dein
Johannes Calvin.


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Beitragvon Joschie » 22.02.2010 20:46

An Simon Grynäus in Basel.
Dedikationsbrief des Kommentars zum Römerbrief, den Calvin dem Grynäus wohl als Dank für die in Basel erfahrene Gastfreundschaft widmete.

Vom Prinzip der exegetischen Arbeit.
Ich erinnere mich, dass, als wir vor drei Jahren einmal vertraulich über die beste Art der Schrifterklärung miteinander sprachen, die Weise, die dir am meisten gefiel, auch mir besser als alle andern vorkam. Denn wir beide fanden, die vornehmste Tugend eines Auslegers sei durchsichtige Knappheit. Und gewiss, wenn es fast seine einzige Pflicht ist, den Gedanken des Schriftstellers, den er erklären will, wirklich deutlich zu machen, so ist jedes Ablenken des Lesers von diesem Gedanken auch ein Abweichen von seiner, des Auslegers, Absicht oder Abschweifen von seinem Gebiete. So wünschen wir beide, es möchte unter der Zahl der Gelehrten, die sich heutzutage bestreben, die Theologie auf diesem Gebiet zu fördern, einen geben, dessen Ziel die Leichtverständlichkeit wäre, und der zugleich sich Mühe gäbe, die Studierenden nicht mit zu weitschweifigen Erklärungen übers Maß in Anspruch zu nehmen. Obgleich ich nun weiß, dass nicht Alle diese Meinung haben, und dass auch diese Gegner aus guten Gründen zu ihrem Urteil gekommen sind, so bin ich doch von meiner Vorliebe für kurze Kompendien nicht abzubringen. Da nun aber die angeborene Verschiedenheit der menschlichen Geistesart es mit sich bringt, dass dem Einen dies, dem Andern jenes besser zusagt, so darf jeder gewiss seine eigene Meinung haben, nur soll er nicht alle Andern seiner Ansicht unterwerfen wollen. So kommts dann, dass wir, denen die Kürze besser gefällt, die Arbeit der Männer nicht verschmähen oder verachten, die in ihrer Erklärung der heiligen Schrift ausführlicher und weitschweifiger sind, und dass sie ihrerseits uns ertragen, auch wenn sie uns für kurz und knapp halten. Ich konnte mir nun den Versuch nicht versagen, ob hier meine Arbeit der Kirche Gottes wohl auch Nutzen bringen könne. Freilich habe ich nicht das Zutrauen, unser damaliges Ideal erreicht zu haben, noch machte ich mir überhaupt beim Beginn der Arbeit Hoffnung, es zu erreichen. Doch versuchte ich, so zu schreiben, dass man sehen könne, ich halte wenigstens mein Vorbild im Auge. Wie weit es mir gelungen ist, darüber steht mir das Urteil nicht zu, und ich überlasse dir und deinesgleichen, es abzuschätzen. Dass ich aber den gefährlichen Versuch gerade an diesem Briefe des Paulus wagte, wird mich wohl dem Tadel mancher Leute aussetzen. Denn da schon so viele hervorragende Gelehrte sich früher mit seiner Erklärung beschäftigten, scheint es unglaublich, dass auch Andere noch etwas Besseres beibringen können. Ich muss gestehen, wenn ich mir auch von meiner Arbeit einigen Nutzen versprach, so hat doch anfänglich die Überlegung mich auch abgeschreckt, ich könnte in den Ruf der Unverschämtheit kommen, wenn ich nach der Arbeit so vortrefflicher Arbeiter auch noch Hand anlegen wolle. Es existieren zu diesem Brief viele Kommentare der Alten, viele von neuern Gelehrten. Sicher konnten sie ihren Fleiß nirgends besser anwenden; denn wer diesen Brief versteht, dem ist der Zugang offen zum Verständnis der ganzen heiligen Schrift. Von den Alten will ich schweigen: ihre Gewissenhaftigkeit, Gelehrsamkeit, Heiligkeit und zuletzt ihr Alter verleihen ihnen solches Ansehen, dass wir nichts, was sie vorbringen, verachten dürfen. Aber auch die heute Lebenden mit Namen aufzuzählen, hat keinen Wert. Über die, die besonders Vorzügliches geleistet haben, will ich meine Meinung sagen. Philipp Melanchthon hat, entsprechend seinem außerordentlichen Wissen, seinem Fleiß und seiner Gewandtheit, die ihn auf jedem Arbeitsgebiet auszeichnen, vor allen Andern, die vor ihm an die Öffentlichkeit traten, sehr viel Licht auf den Stoff geworfen. Da es aber augenscheinlich sein Vorsatz war, nur zu behandeln, was in erster Linie beachtenswert ist, so hat er, während er dabei verweilt, absichtlich Vieles übergangen, was den Geist der Mehrzahl der Leser etwas ermüden würde. Auf ihn folgt Bullinger, der auch mit vollem Recht viel Lob errungen hat. Denn mit Gelehrsamkeit verbindet er Leichtverständlichkeit, in der er sich sehr bewährt hat. Butzer hat schließlich durch Veröffentlichung seiner Studien gleichsam den Schlussstein gesetzt. Dieser Mann, der, wie du weißt, an tiefer Bildung und reicher Kenntnis verschiedener Wissenszweige, an durchdringenden Geist, großer Belesenheit und vielen anderen Tugenden heutzutage kaum von irgendjemand übertroffen wird, mit ganz Wenigen zu vergleichen ist, die Meisten weit überragt, verdient vor allem das als sein eigenstes Lob, dass keiner, soweit man sich besinnen kann, mit sorgfältigerem Fleiß sich mit Schriftauslegung befasst hat. Mit solchen Männer in Wettbewerb treten zu wollen, das wäre, ich muss es gestehen, zuviel unrechter Ehrgeiz, und ist mir nie in den Sinn gekommen, ebenso wenig, ihnen nur ein bisschen von ihrem Ruhme nehmen zu wollen. Unangetastet bleibe die Gunst und das Ansehen, die sie nach dem Geständnis aller tüchtigen Leute verdient haben. Nur das wird mir hoffentlich zugegeben werden, dass nichts Menschliches so vollkommen ist, dass nicht auch dem Fleiß der Spätern etwas übrig bliebe, sei es auszuarbeiten, sei es zu schmücken oder zu erläutern. Von mir wage ich nichts Anderes zu sagen, als dass ich glaubte, ganz unnütz werde die Arbeit nicht sein, zu der mich wirklich nichts Anderes veranlasst, als das Bestreben, dem Allgemeinwohl der Kirche zu dienen. Deshalb hoffte ich, dass mich bei meiner ganz andern Schreibart der Vorwurf des Ehrgeizes nicht treffe, wie ich anfänglich fürchten musste. Denn Melanchthon hat sein Ziel erreicht, die wichtigsten Kapitel zu erklären. Damit vor Allem beschäftigt, hat er Manches bei Seite gelassen, was auch nicht vernachlässigt werden darf, und wollte Andere nicht hindern, auch das zu behandeln. Butzer ist zu ausführlich, als dass ihn auch Solche, die von andern Aufgaben in Beschlag genommen sind, rasch lesen könnten, und zu hoch, als dass einfache und nicht sehr aufmerksame Leute ihn leicht verstehen könnten. Denn was er auch behandeln wollte, so bot sich ihm auch der unglaublichen Reichhaltigkeit seines Geistes solche Fülle von Stoff dar, dass er die Hand unmöglich davon lassen konnte. Da also der Eine nicht Alles durchnimmt, der Andere es zu ausführlich durchnimmt, als dass man es in kurzer Zeit lesen kann, so kommts mir vor, habe mein Vorhaben den Schein ehrgeiziger Konkurrenz nicht. Freilich fragte ich mich eine Zeitlang, ob es nicht besser wäre, nur eine Art Nachlese nach ihnen und andern zu halten, um das zu sammeln, was ich glaubte, auch mit mittelmäßiger Begabung erreichen zu können, als einen fortlaufenden Kommentar zu schreiben, in dem notwendig Vieles wiederholt werden muss, was sie Alle oder wenigstens Einzelne von ihnen schon gesagt haben. Da sie aber unter sich nicht selten verschiedener Meinung sind, und das weniger scharfsinnigen Lesern viel Schwierigkeit macht, weil sie nicht wissen, welcher Meinung sie nun zustimmen sollen, glaubte ich, ich dürfe mich die Arbeit nicht reuen lassen, durch den Hinweis auf die beste Auslegung die schwierige Aufgabe der Entscheidung denen zu erleichtern, die nicht fest genug sind in ihrem selbständigem Urteil. Besonders da ich mir vornahm, Alles so zusammengefasst anzuführen, dass die Leser ohne großen Zeitverlust bei mir lesen könnten, was in den Werken der Andern enthalten ist. Kurz, ich gab mir Mühe, dass sich Niemand beklagen könne, es finde sich viel Überflüssiges in meinem Buch. Vom Nutzen will ich nicht reden. Doch werden vielleicht Leute, die mir nicht übel wollen, nach dem Lesen gestehen, dass sie mehr Nutzen davon gehabt haben, als ich jetzt in Worten bescheiden zu versprechen wage. Dass ich zuweilen von den Andern abweiche, oder doch sicher etwas verschiedener Auffassung bin, darin darf ich wohl für entschuldigt gelten. Zwar muss das Wort Gottes bei uns in solchem Ansehen stehen, dass möglichst wenig daran auseinander gezerrt wird durch verschiedene Auslegung. Denn dadurch wird seiner Majestät immer in gewisser Weise Abbruch getan. Besonders wenn es nicht in großer Vorsicht in der Wahl und mit großer Nüchternheit geschieht. Ja wie es für Sünde gilt, etwas Gottgeweihtes zu beschmutzen, so ist gewiss Einer, der die allerheiligste Sache auf Erden mit unreinen oder auch mit nicht richtig vorbereiteten Händen antastet, unerträglich. So ist es auch eine Kühnheit, die an Heiligtumsschändung grenzt, die Schrift hierhin, dorthin zu wenden, und wie an einem Spielzeug seinen Spaß daran zu haben, wie es von Alters her von Vielen geschehen. Aber man muss doch auch immer darauf achten, dass selbst die Leute, denen weder frommer Eifer, noch Gewissenhaftigkeit und Nüchternheit zur Behandlung der göttlichen Geheimnisse fehlten, nicht immer unter sich einer Meinung waren. Denn solcher Wohltat hat Gott seine Knechte nie gewürdigt, dass er Einem von ihnen volle und vollkommene Einsicht in allen Dingen verliehen hätte. Und das ohne Zweifel deshalb, weil er uns erstens in der Demut, zweitens in gemeinschaftlichem, brüderlichem Streben festhalten will. Da wir deshalb in diesem Leben nicht hoffen dürfen, was freilich sehr zu wünschen wäre, dass es einmal im Verständnis aller Schriftstellen eine bleibende Übereinstimmung unter uns gäbe, so müssen wir uns Mühe geben, nicht von Neuerungssucht uns reizen zu lassen, nicht uns treiben zu lassen von der Lust scharfer Polemik, uns von keiner Gehässigkeit aufstacheln, von keinem Ehrgeiz kitzeln zu lassen, sondern wirklich nur der Notwendigkeit gehorchend, und in keiner anderen Absicht als zu nützen, von der Meinung früherer Ausleger abzuweichen. Ferner soll das wohl in der Schriftauslegung so sein, in der Dogmatik aber, wo Gott vor allem wünscht, dass die Seinen übereinstimmen, soll diese Freiheit weniger in Anspruch genommen werden. Dass das Beides mein Bestreben war, werden die Leser leicht merken. Da es mir aber nicht ziemt, über mich selbst ein Urteil zu fällen und auszusprechen, so überlasse ich dir gern die Prüfung. Weil alle mit Recht deinem Urteil sehr viel zutrauen, so muss auch ich ihm nicht wenig zutrauen. Dabei muss man wissen, dass ich dich aus freundschaftlichem Umgang wohl kenne. Das lässt Andere im Ansehen leicht etwas sinken, deines aber, das auch sonst bei allen Gelehrten berühmt ist, gewinnt dadurch beträchtlich.

Lebe wohl.
Straßburg, 18. Oktober 1539.


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Beitragvon Joschie » 01.03.2010 16:53

An Florian Susliga.
Wo sich der edle Pole aufhielt (vgl. 278), an dessen Ehrlichkeit damals bereits Zweifel wach wurden, die Calvin aber noch nicht teilte, ist unbekannt.

Über die drei Hauptpunkte der Sakramentslehre.
Du schreibst, mein Consensus mit den Zürchern werde von vielen missbilligt, weil ich um der Zürcher willen von der rechten Ansicht abgewichen sei. Wer so redet, zeigt, dass er entweder meine Schriften noch nie gelesen oder nicht verstanden hat, was ich lehre. Sie sollen alles emsig durchforschen; wenn sie mir eine Silbe zeigen können, die nur den Schein bietet, ich nehme etwas zurück, will ich bekennen, Unrecht getan zu haben. Sie sollen also entweder hier etwas finden, was zu meiner frühern Lehre nicht stimmt, oder aufhören, sich grundlos zu verwundern. Butzer hat auf jeden Fall so wenig Anstoß daran genommen, dass er mir vielmehr herzlich Glück wünschte. Mich weiter zu entschuldigen, halte ich für überflüssig, besonders bei dir, der du durch eigenes Vergleichen wohl weißt, dass ich mit mir selbst übereinstimme. Was andere verlangen, überlasse ich ihrer Betrachtung; mir genügen folgende drei Punkte vollkommen:

1. Die Sakramente sind nicht nur äußere Zeichen oder Sinnbilder unseres Bekenntnisses, sondern auch Pfänder der göttlichen Gnade, Hilfsmittel zur Erhaltung und Förderung des Glaubens, Siegel zur Bestätigung der Verheißungen Gottes.

2. Ferner sind sie in der Weise Zeugnisse und Pfänder der geistlichen Gerechtigkeit und des ewigen Lebens, dass ihre Bedeutung nicht leere Phantasie ist, und dass sie nicht für Augen und Sinne etwas anderes darstellen, als was Gott durch die Kraft seines Geistes innerlich auch wirkt. So sind sie Werkzeuge, durch die er die Kraft seines Geistes wirksam macht in seinen Erwählten.

3. Sie haben den Zweck, uns zum Teilhaben an Christo einzuladen. Sind diese drei Punkte festgesetzt und einleuchtend erklärt, so halte ich gern, auch wenns niemand begehrt, alles Widersinnige und die falschen Wahnvorstellungen, durch die sie [meine Tadler] mit bösem Aberglauben den Geist der Menschen beschweren, fern. Das glaube ich hier [im Consensus] getan zu haben. Lebwohl, trefflicher Mann und im Herrn hochverehrter Bruder.

Genf, 4. März 1550.
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Beitragvon Joschie » 12.03.2010 11:45

Im dritten Buch seines Hauptwerks Unterricht in der christlichen Religion (Kapitel 20) spricht Johannes Calvin über das Gebet. Er erwähnt vier Regeln, die unser Gebet leiten sollten. Ich möchte diese Gedanken des Genfer Reformators einfach so wiedergeben, obwohl uns der damalige Stil ein wenig fremd erscheinen mag. Beachten wir, wie sehr sich diese Auffassung von vielen heutigen Meinungen unterscheidet, die oft das Gespräch mit Gott auf eine Art Kumpelgespräch reduzieren.
1. Die erste Regel, um unser Gebet recht und wohl zu gestalten, soll nun die sein: Wir sollen nach Gemüt und Herz so beschaffen sein, wie es Leuten geziemt, die sich aufmachen, um mit Gott ein Gespräch zu haben…
Wir haben es hier mit zwei Erfordernissen zu tun, die beide äußerst beachtenswert sind. Zunächst: Wer sich zum Beten anschickt, der soll auch all sein Sinnen und Trachten darauf richten und sich nicht – wie das gewöhnlich geschieht – von flatternden Gedanken hin- und herziehen lassen. Denn der Ehrfurcht vor Gott ist nichts so sehr zuwider wie solche Leichtfertigkeit, die ja nur einen Mutwillen bezeugt, der sich gar zu sehr gehen läßt und von aller Furcht gelöst ist…
Zum Zweiten haben wir dann auch festgestellt, daß wir nur soviel erbitten sollen, wie Gott uns erlaubt. Er gebietet uns allerdings, unser Herz vor ihm auszuschütten (Ps. 62,9)…
Um nun dieser unserer Schwachheit zu Hilfe zu kommen, gibt uns Gott bei unseren Bitten den Heiligen Geist zum Lehrmeister: er sagt uns vor, was recht ist, und er bringt unsere Regungen ins richtige Maß.

2. Jetzt die zweite Regel: Wir sollen bei unserem Beten stets unseren Mangel wahrhaft empfinden, ernstlich bedenken, daß uns alles das fehlt, was wir erbitten, und dementsprechend auch eine ernstliche, ja brennende Sehnsucht, es zu erlangen, mit unserem Gebet verbinden. Viele Leute plappern geschäftsmäßig ihre Gebete nach festen Formeln daher, als ob sie Gott einen festgesetzten Dienst ableisteten. Sie bekennen zwar, dies sei für ihre Nöte ein notwendiges Heilmittel, weil es ja Verderben brächte, die Hilfe Gottes zu missen, um die sie beteten. Aber es wird doch offenkundig, daß sie hier bloß um der Gewohnheit willen eine solche Pflicht erfüllen; denn ihr Herz ist unterdessen kalt und erwägt gar nicht, was es bittet!

3. Dazu kommtdie dritte Regel: Wenn einer sich vor Gott hinstellt, um zu beten, so soll er sich jedes Gedankens an eigenen Ruhm entschlagen, soll jeden Wahn eigener Würdigkeit ablegen, kurz, alle Zuversicht auf sich selber fahren lassen und in solcher Verwerfung seiner selbst alle Ehre Gott allein geben. Wir würden ja sonst, wenn wir uns selbst etwas beimessen wollten, und sei es auch noch so gering, mit unserer eitlen Aufgeblasenheit vor seinem Angesicht zuschanden werden.

4. Nun zum Schluß die vierte Regel: Wir sollen gewiß in dieser Weise in wahrer Demut zu Boden geworfen und erniedrigt sein, uns aber nichtsdestoweniger von der sicheren Hoffnung auf Erhörung zum Beten ermuntern lassen. Es ist dem Anschein nach freilich ein Widerspruch, wenn man mit dem Empfinden der gerechten Strafvergeltung Gottes die gewisse Zuversicht auf seine Gnade verbindet. Aber dies beides kommt doch vollkommen überein, sofern Gottes Güte die aufrichtet, die unter ihren eigenen Sünden erdrückt werden. Ich habe oben bereits dargelegt, wie Buße und Glaube Bundesgenossen sind, die durch ein unzertrennliches Band miteinander verflochten sind; und das, obwohl uns die Buße erschreckt, der Glaube uns aber mit Freude erfüllt; dementsprechend müssen sie nun beim Beten beide einander begegnen!
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