Predigten,Andachten und Briefe von Johannes Calvin

Nur für Gläubige, die die fünf Punkte des Arminianismus ablehnen

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Joschie
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Beitragvon Joschie » 14.08.2010 07:49

10. Sonntag nach Trinitatis: Lukas 19,41-48 – Jesus weint über Jerusalem
von Johannes Calvin

''Wenn es jemandem jedoch befremdlich vorkommt, daß Christus hier über einen Mißstand Schmerz empfindet, dem er hätte abhelfen können, so ist leicht darauf zu antworten. Wie er aus dem Himmel zu uns kam, um in der Gestalt menschlichen Fleisches Zeuge und Diener des göttlichen Heils zu sein, so hat er auch, ganz unsere menschlichen Empfindungen angenommen, soweit das mit dem übernommenen Auftrag zusammenhing.''


Lukas 19,41-44
41 Und als er nahe hinzukam, sah er die Stadt und weinte über sie 42 und sprach: Wenn doch auch du erkenntest zu dieser Zeit, was zu deinem Frieden dient! Aber nun ist`s vor deinen Augen verborgen. 43 Denn es werden über dich die Tage kommen, daß deine Feinde werden um dich und deine Kinder einen Wall aufwerfen, dich belagern und an allen Orten ängstigen; 44 und werden dich schleifen und werden keinen Stein auf dem andern lassen, darum daß du nicht erkannt hast die Zeit, darin du heimgesucht bist.

Luk. 19, 41. Er... weinte über sie. Da Christus nichts mehr wünschte, als das ihm vom Vater aufgetragene Werk auszuführen, und da er genau wußte, daß der Zweck seiner Sendung war, die verlorenen Schafe des Hauses Israel zu sammeln, war es ihm ein Anliegen, daß sein Kommen allen das Heil bringen möge. Das war auch der Grund, warum er, von Erbarmen erfaßt, über den nahen Untergang der Stadt Jerusalem weinte. Denn wenn er bedachte, daß gerade sie von Gott zur heiligen Wohnung erwählt war, in der der Bund des ewigen Heils seine Stätte haben sollte, zum Heiligtum, von dem das Heil für die ganze Welt ausgehen sollte, mußte ihr Untergang ihn schmerzlich treffen. Und wenn er erst sah, wie das Volk, das zur Hoffnung auf das ewige Leben berufen war, durch seinen Undank und seine Bosheit jämmerlich zugrunde ging, dann war es kein Wunder, daß er die Tränen nicht mehr zurückhalten konnte. Wenn es jemandem jedoch befremdlich vorkommt, daß Christus hier über einen Mißstand Schmerz empfindet, dem er hätte abhelfen können, so ist leicht darauf zu antworten. Wie er aus dem Himmel zu uns kam, um in der Gestalt menschlichen Fleisches Zeuge und Diener des göttlichen Heils zu sein, so hat er auch, ganz unsere menschlichen Empfindungen angenommen, soweit das mit dem übernommenen Auftrag zusammenhing. Es ist immer genau darauf zu achten, in welcher Gestalt er vor uns hintritt, wenn er spricht oder sich um das Heil der Menschen bemüht. An dieser Stelle zum Beispiel, muß er, um den Auftrag des Vaters treu auszuführen, sehnlich wünschen, daß die Frucht der Erlösung dem ganzen erwählten Volk zugute komme. Da er also diesem Volk als Diener für sein Heil gegeben war, beklagt er vom Standpunkt seines Amtes aus den Untergang dieses Volkes. Natürlich war auch er Gott; aber immer wenn er in seinem Amt als Lehrer auftrat, verbarg er gewissermaßen seine Gottheit, um nicht seinem Amt als Mittler hinderlich zu sein. Im übrigen beweist Christus mit seinem Weinen, daß er die, um derentwillen er Mensch geworden war, nicht nur wie ein Bruder liebte, sondern daß auch der Geist väterlicher Liebe von Gott in seine menschliche Natur ausgegossen war.

Luk. 19, 42 „Wenn doch auch du erkenntest...“ Die Rede ist bewegt und geht darum in abgebrochenen Sätzen. Wir wissen ja, je mehr wir in heftigen Gefühlen aufwallen, desto weniger können wir ihnen Ausdruck verleihen. Außerdem kommen hier zwei Empfindungen zusammen: Christus beklagt nicht nur den Untergang der Stadt, sondern er hält dem undankbaren Volk auch seinen schlimmsten Fehler vor, daß es das ihm dargebotene Heil abweist und dadurch selbst Gottes furchtbares Gericht auf sich herabzieht. Betont ist das Wörtchen auch, das eingeschoben ist. In Gedanken vergleicht Christus Jerusalem mit den andern Städten Judäas, ja er vergleicht es mit Städten aus der ganzen Welt. Er meint: Wenn doch auch du, die du einen besonderen Vorzug vor der ganzen Welt genießt, wenn du wenigstens, die du ein himmlisches Heiligtum auf der Erde bist, erkennen würdest. Es folgt dann eine zweite Unterscheidung: Zu dieser Zeit. Damit will Christus sagen: Obwohl du dich bisher in deinem Trotz frevlerisch und böse gegen Gott gebärdet hast, wäre es doch wenigstens jetzt an der Zeit, daß du in dich gingest. Damit deutet er an, daß der Tag bereits da sei, der nach dem ewigen Ratschluß Gottes für das Heil Jerusalems bestimmt und von den Propheten angekündigt war (vgl. Jes. 49, 8; 2. Kor. 6, 2; Jes. 55, 6): Jetzt ist die angenehme Zeit; dies ist der Tag es Heils; suchet den Herrn, solange er sich finden läßt, rufet ihn an, denn er ist nahe. Mit dem Wort „Frieden“ bezeichnet die hebräische Sprache alles, was zur Glückseligkeit gehört. Christus behauptet nicht einfach, Jerusalem kenne sein Heil nicht, sondern es erkenne nicht, was zu seinem Heil „dient“. So ist es ja oft, daß die Menschen sich über ihr Glück sehr wohl im klaren sind; aber sie sind durch ihre Bosheit so verblendet, daß sie den Weg und die Mittel dazu nicht erkennen. An der Mischung von Erbarmen und Tadel können wir übrigens erkennen, daß die Menschen um so härtere Strafe verdienen, je herrlicher die Gaben sind, mit denen sie ausgestattet wurden; denn dann kommt zu anderen Sünden noch die frevelhafte Verachtung der göttlichen Gnade. Weiter müssen wir beachten, daß wir, je näher Gott uns das Licht seiner heilsamen Predigt bringt, desto weniger zu entschuldigen sind, wenn wir diese Gelegenheit nicht nutzen. Zwar ist die Tür zum Heil immer offen; aber weil Gott zuweilen auch schweigt, ist es ein ganz besonderes Geschenk, wenn er uns mit lauter Stimme freundlich zu sich einlädt; darum erwartet den Verächter auch eine um so schwerere Strafe.

„Aber nun ist's vor deinen Augen verborgen.“ Das wird nicht gesagt, um die Schuld Jerusalems zu verharmlosen. Im Gegenteil, zur Schande Jerusalems wird sein unnatürlicher Stumpfsinn hervorgehoben, daß es Gott, der vor ihnen steht, nicht erkennt. Zwar kann Gott allein die Augen von Blinden öffnen, und niemand ist fähig, in die Geheimnisse des himmlischen Reiches zu blicken, den Gott nicht im Inneren mit seinem Geist erleuchtet. Das heißt jedoch nicht, daß man die entschuldigen muß, die durch ihre grobe Verblendung untergehen. Christus wollte den Anstoß aufheben, der sonst Ungebildete und Schwache hätte hindern können. Denn da aller Augen an jener Stadt hingen, war ihr Beispiel in guter wie in schlechter Hinsicht von großer Bedeutung. Darum wird sie wegen ihrer gräßlichen Verblendung verurteilt, damit ihr Unglaube und ihre hochmütige Verachtung des Evangeliums niemandem schade.

Luk. 19, 43. „Denn es werden über dich die Tage kommen.“ Nun nimmt Christus gewissermaßen die Gestalt des Richters an und findet noch härtere Worte über Jerusalem. So tun es auch die Propheten. Obwohl sie unter Tränen das Schicksal derer verfolgen, um derentwillen sie in Angst sein müssen, nehmen sie sich doch zusammen, um harte Ankündigungen auszusprechen, weil sie wissen, daß ihnen nicht nur die Sorge für das Heil von Menschen anvertraut ist, sondern daß sie auch zu Herolden des göttlichen Gerichts bestimmt sind. Von diesem Gesichtspunkt aus kündigt Christus Jerusalem schreckliche Strafen an, weil es die Zeit seiner Heimsuchung nicht erkannte, das heißt, weil es den ihnen dargebotenen Erlöser verschmähte und seine Gnade nicht annahm. Die grausame Strafe, die Jerusalem über sich ergehen lassen mußte, soll uns eine Warnung sein, daß wir nicht in unserer Gleichgültigkeit das Licht des Heils ersticken, sondern eifrig darauf aus sind, die Gnade Gottes zu gewinnen, ja, daß wir ihr tatkräftig entgegenlaufen.

Lukas 19,45-48
45 Und er ging in den Tempel und fing an auszutreiben, die da verkauften, 46 und sprach zu ihnen: Es steht geschrieben (Jes. 56, 7): „Mein Haus soll ein Bethaus sein“, ihr aber habt`s gemacht zur Räuberhöhle. 47 Und er lehrte täglich im Tempel. Aber die Hohepriester und Schriftgelehrten und die Vornehmsten im Volk trachteten danach, daß sie ihn umbrächten, 48 und fanden nicht, wie sie es machen sollten; denn alles Volk hing ihm an und hörte ihn.

Die Berichte des Matthäus und Markus über den vertrockneten Feigenbaum Reichen voneinander ab. Matthäus läßt das Ereignis an dem Tag stattfinden, an Christus sich als der König bekannt hatte; Markus scheint es dagegen auf folgenden Tag zu verschieben. Diese Schwierigkeit ist leicht zu lösen; denn die beiden stimmen darin überein, daß Christus den Baum verflucht habe am Tag nach seinem feierlichen Einzug in die Stadt. Nur berichtete Markus noch, was von Matthäus übergangen wurde, daß die Jünger die Sache erst einen Tag später bemerkten. Obwohl Markus also die zeitliche Reihenfolge genauer angibt, enthält er doch nichts Abweichendes. Deutlicher scheint er jedoch sowohl von Matthäus wie von Lukas abzuweichen in der Geschichte von der Zurechtweisung der Tempelhändler. Denn während jeder der beiden andern versichert, Christus habe sofort nach seinem Betreten der Stadt und des Tempels die Verkäufer und Käufer hinausgetrieben, sagt Markus einfach, Christus habe sich alles angesehen; die Austreibung selbst verlegt er dann auf den folgenden Tag. Meine Vermutung geht dahin, daß Markus, nachdem er die Reinigung des Tempels ursprünglich nicht erzählt hatte, sie dann nicht an der richtigen Stelle einfügte. Er berichtet, Christus sei am ersten Tag in den Tempel gegangen und habe sich dort alles angesehen. Wozu aber sollte er sich so sorgfältig umgeschaut haben, wenn er nicht Mißbräuche hätte abstellen wollen? Denn da er nach seiner Gewohnheit den Tempel schon früher häufig aufgesucht hatte, war ihm der Anblick dort nichts Neues mehr. Statt daß nun Markus sofort im Anschluß daran berichtete, daß Christus die Verkäufer und Käufer aus dem Tempel hinauswarf, läßt er Christus die Stadt erst wieder verlassen. Was er jedoch an Erzählenswertem ausgelassen hatte, bringt er später nach. Allerdings könnte man auch mehr der Meinung sein, daß Markus auch bei dieser Geschichte die zeitliche Leihenfolge genau eingehalten hat, die die beiden andern übergingen. Denn wenn sie auch durch ihren Zusammenhang einen fortlaufenden Faden zu spinnen scheinen, ist es doch nicht ganz abwegig, daß man bei ihnen beiden die Geschichten auseinanderzieht, weil sie nämlich keinen bestimmten Tag angeben. Mir sagt jedoch die zuerst genannte Vermutung mehr zu. Denn es ist doch anzunehmen, daß Christus diesen Beweis seiner Vollmacht vor versammelter Volksmenge gegeben hat. Wie man sich übrigens auch entscheiden mag, jedenfalls kann uns diese Verschiedenheit des Berichts nicht mehr stören, wenn wir bedenken, wie wenig die Evangelisten an genauen Zeitangaben interessiert sind.

Matth. 21, 10. „Und als er zu Jerusalem einzog...“ Matthäus erzählt, die ganze Stadt sei bewegt gewesen. Christus hatte also die Sache nicht verstohlen und im geheimen ausgeführt, sondern vor den Augen des gesamten Volkes und mit Wissen der Priester und Schriftgelehrten. Durch die verächtliche Hülle des Fleisches war also die Herrlichkeit des Geistes sichtbar geworden. Denn wieso hätten sonst alle geduldet, daß Christus, trotz der großen Gefahr, die damit verbunden war, in königlicher Pracht in die Stadt einzog, wenn sie von seinem Auftreten nicht geradezu gebannt gewesen wären? Es zeigt sich also, daß sich der Einzug Christi nicht im geheimen abgespielt hat und daß sich seine Feinde nicht deshalb ruhig verhalten haben, weil sie ihn verachteten, sondern weil sie vielmehr von einer geheimen Angst gehalten waren. Gott hatte ihnen den Mut genommen, etwas zu unternehmen. Übrigens wird hier die hochmütige Gleichgültigkeit des Städter getadelt, dergegenüber die Frömmigkeit der Landbevölkerung gelobt wird. Denn mit ihrer Frage, wer denn der Mann sei, der einen solchen Auflauf zustande bringe, beweisen sie, daß sie nicht gerade zu den engsten Begleitern Christi gehören.

Matth. 21, 12. „Und Jesus ging in den Tempel hinein.“ Obwohl Christus öfter zum Tempel hinaufstieg und ihm dieser Mißbrauch immer wieder unter die Augen kam, hat er doch nur zweimal Hand angelegt, ihn abzustellen: einmal, am Anfang seiner Sendung [Calvin denkt an Joh. 2, 13ff.], und nun wieder beinahe am Ende seiner Laufbahn. Aber obgleich sich eine schmähliche, gottlose Unordnung uneingeschränkt durchgesetzt hatte und der Tempel mit seinen Heiligtümern dem Untergang geweiht war, begnügte sich Christus damit, die Schändung des Tempels nur zweimal öffentlich zu brandmarken. Als er begann als von Gott gesandter Lehrer und Prophet, machte er es sich zur Aufgabe, den Tempel zu reinigen, um die Juden aufzuwecken und aufmerksamer zu machen. Jetzt aber, am Ende seiner Laufbahn, gebraucht er seine Macht ein zweites Mal und zeigt den Juden die Entheiligung ihres Tempels, indem er zugleich darauf hinweist, daß eine Erneuerung bevorstehe. Dabei ist jedoch völlig klar, daß Christus sich damit als König und oberster Priester, als Schutzherr des Tempels und Gottesdienstes, bezeugte. Das ist darum so wichtig, damit nicht jeder beliebige auf die Idee kommt, er für seine Person könne sich dasselbe leisten. Der Eifer allerdings, durch den Christus zu dieser Handlung gedrängt wurde, sollte allen Frommen gemeinsam sein. Damit sich aber nicht jemand unter dem Vorwand, Christus nacheifern zu wollen, unüberlegt in eine solche Sache stürzt, ist wohl zu überlegen, was unsere Berufung von uns will und wie weit wir nach Gottes Auftrag gehen dürfen. Wenn ein solcher Unrat in die Gemeinde eingedrungen ist, sollten alle Kinder Gottes darüber traurig sein. Aber da Gott nicht allen die Waffen dazu in die Hand gegeben hat, sollen die Privatleute darüber seufzen, bis Gott Abhilfe schafft. Ich gebe allerdings zu, daß jeder, der bei einer Beschmutzung des Hauses Gottes nicht tiefes Unbehagen empfindet, mehr als stumpfsinnig ist und daß es nicht ausreicht, nur innerlich traurig zu sein, sondern daß man sich selbst von der Verunreinigung fernhalten und bei jeder sich bietenden Gelegenheit laut bezeugen muß, wie sehr man sich nach einer Änderung der Lage zum Besseren sehnt. Wer aber keine öffentliche Befugnis hat, muß sich damit begnügen, die Mängel, die er kraft seiner Vollmacht nicht abschaffen kann, mit der Zunge, die ihm niemand sperren kann, zu bekämpfen. Hier erhebt sich jedoch die Frage, warum Christus, der noch sah, wie der Tempel voll war voll abergläubischen Irrbräuchen, nur einen verhältnismäßig geringen oder doch wenigstens einigermaßen erträglichen Mißstand angegangen ist. Es war nicht Christi Wille, alle heiligen Bräuche auf ihren ursprünglichen Sinn zurückzuführen, und er hat auch keine Betrachtungen darüber angestellt, welche Mißbräuche die größeren oder kleineren seien, sondern seine Absicht war nur, anhand eines sichtbaren Zeichens klarzumachen, daß ihm die Reinigung des Tempels von Gott au getragen und daß der ganze Gottesdienst durch häßliche, handgreifliche Mißbräuche verderbt sei. Jenes Schachern entbehrte zwar nicht eines Scheins des Rechtes; es sollte das Volk der Mühe entheben, sich die Opfer von fern her besorgen zu müssen. Außerdem war es angenehm, wenn man gleich das Geld zur Hand hatte, das man opfern wollte. Außerdem saßen die Wechsler gar nicht innerhalb des Heiligtums selbst, und auch die Opfertiere wurden nicht dort verkauft, sondern nur im Vorhof, den man zuweilen auch unter den Namen „Tempel" einbezieht. Trotzdem bedeutete es eine Entweihung, die man auf keinen Fall dulden durfte; denn nichts schlägt der Majestät des Tempels mehr ins G sieht, als wenn man dort einen Warenmarkt einrichtet und Geldgeschäfte abwickelt. Und Christus ging um so schärfer dagegen an, als es in der Öffentlichkeit bekannt war, daß diese Sitte nur aus der schändlichen Gewinnsucht der Priester entstanden war. Denn wer etwa einen mit mancherlei Waren schön ausgestatteten Laden betritt, läßt sich, obwohl er gar nicht im Sinn hatte, etwas zu kaufen, wohl auch einmal verlocken und ändert seine Absicht. So hatten die Priester ihre Netze ausgespannt, um Opfergaben einzuheimsen und jeden Temelbesucher für sich auszubeuten.

Matth. 21, 13. „Es steht geschrieben.“ Christus führt zwei Zeugnisse aus den Propheten an: Jes. 56, 7 und Jer. 7, 11. Die Stelle aus Jesaja paßte besonders gut auf den vorliegenden Fall: dort wird nämlich die Berufung der Heiden vorausgesagt. Jesaja verheißt also nicht nur, Gott werde dem Tempel seine ursprüngliche Herrlichkeit wieder schenken, sondern auch, daß alle Völker aus allen Richtungen dort zusammenströmen werden und daß der ganze Erdkreis eines Sinnes sein werde in wahrer, aufrichtiger Frömmigkeit. Es ist zwar sicher, daß der Prophet hier bildlich redet; denn wenn die Propheten von dem geistlichen Gottesdienst sprechen, der unter der Herrschaft Christi kommen sollte, bedienen sie sich der Schattenbilder des Gesetzes. Und es ist gewiß auch niemals in Erfüllung gegangen, daß alle Völker nach Jerusalem hinaufstiegen, um dort anzubeten. Wenn Jesaja also ankündigt, der Tempel werde eine Stätte des Gebets für alle Völker sein, hätte er statt dessen auch sagen können, die Heiden sollten zur Gemeinde Gottes versammelt werden, um zusammen mit den Kindern Abrahams einstimmig den wahren Gott anzurufen. Da Jesaja aber nun den Tempel erwähnt, der damals die sichtbare Stätte für die Gottesdienste war, wirft Christus den Juden zu Recht vor, sie hätten den Tempel gegen seine Bestimmung mißbraucht. Der Sinn ist also: Gott wollte den Tempel bis heute erhalten als ein Zeichen, auf das alle seine Anbeter ausgerichtet sein sollen. Wie unwürdig und frevelhaft ist es also, ihn in einen öffentlichen Marktplatz zu verwandeln! Außerdem war zur Zeit Christi dieser Tempel wirklich das Haus des Gebets, da ja das Gesetz mit seinen Schattenbildern noch in Kraft stand. Er wurde dann für alle Völker zum Haus der Anbetung, insofern von dort die Verkündigung des Evangeliums ausging, die den ganzen Erdkreis in Einmütigkeit des Glaubens zusammenschloß. Und obwohl der Tempel kurze Zeit darauf von Grund auf zerstört wurde, steht uns doch bis heute die Erfüllung dieser prophetischen Verheißung vor Augen. Denn da das Gesetz einmal von Zion ausgegangen ist, müssen alle, die richtig beten wollen, auf diesen Anfang zurückschauen. Natürlich gibt es keine besonderen Orte, da der Herr überall angerufen sein will. Aber wie man von den Gläubigen, die sich zu dem Gott Israels bekennen, sagt, sie redeten die Sprache Kanaans, so heißt es von ihnen auch, sie gingen in den Tempel, weil von dort die wahre Gottesoffenbarung kam. Ebendort befand sich auch der Quell der Wasserströme, die in kurzer Zeit so wunderbar gewachsen sind und in reicher Fülle dahinfließen, um denen das Leben zu bringen, die daraus trinken, wie Ezechiel (vgl. 47, 9) sagt, oder die, nach Sacharja (vgl. 14, 8), vom Tempel ausgehen und sich dann vom Aufgang der Sonne bis zu ihrem Niedergang ausbreiten. Obwohl wir heute auch Gotteshäuser für unsere frommen Versammlungen benutzen, liegt die Sache doch etwas anders. Seit Christus offenbart worden ist, braucht uns das Bild seiner Gegenwart nicht mehr äußerlich und schattenhaft vor Augen gestellt zu werden wie einst den Vätern unter dem Gesetz. Wir müssen außerdem beachten, daß der Prophet mit dem Wort „Beten" den gesamten Gottesdienst meint. Denn wie mannigfach auch die Fülle der Zeremonien damals war, so wollte Gott den Juden kurz einprägen, was sie alle eigentlich bedeuteten, nämlich daß er im Geist verehrt sein wolle, wie es noch deutlicher im Ps. 50 ausgedrückt ist. Dort gründet Gott auch alle Übungen der Frömmigkeit auf das Gebet.

„Ihr aber macht eine Räuberhöhle daraus.“ Christus erklärt, die Klage des Jeremia treffe auch auf seine Zeit zu, in der es mit dem Tempel nicht weniger im argen liege. Der Prophet wirft den Heuchlern vor, daß sie sich im Vertrauen auf den in Besitz des Tempels die Freiheit nahmen zu sündigen. Denn während es Gottes Plan war, die Juden durch äußere Zeichen wie durch eine Vorschule zur wahren Frömmigkeit zu erziehen, begnügten sich die Heuchler, wie es unter solchen Leuten üblich ist, mit dem nichtigen Vorwand, den Tempel zu haben, und verkehrten dabei Gottes Wahrheit in Lüge, als ob es ausreichte, seine Aufmerksamkeit nur auf die äußeren Zeremonien zu richten. Demgegenüber behauptet der Prophet, daß Gott in keiner Weise an den Tempel oder die Zeremonien gebunden sei und daß man sich darum bitter täuscht, wenn man sich auf den Tempel etwas zugute tut, den man zu einer Räuberhöhle gemacht hatte. Denn wie die Räuber in ihren Höhlen nur noch frecher sündigen in der Meinung, dort könnten sie es ungestraft tun, so wächst bei den Heuchlern unter dem erlogenen Vorwand, fromm zu sein, die Verwegenheit, daß sie schließlich glauben, Gott gewissermaßen betrügen zu können. Da man das Bild von der Höhle auf alle Arten von Verderbnis beziehen muß, wendet Christus diese Stelle aus dem Propheten sehr passend auf den vorliegenden Fall an. Bei Markus (11, 16) wird noch hinzugefügt, Christus habe verboten, daß jemand ein Gefäß durch den Tempel trage. Das Bedeutet, er habe nicht geduldet, was mit dem Heiligtum nicht in Einklang stand. Mit dem Wort „Gefäß" meint die hebräische Sprache alle Art von Geräten. Kurz: Christus verbot alles, was der Ehrfurcht gegenüber dem Tempel und seiner Herrlichkeit widersprach. (...)

Luk. 19, 47. „Und er lehrte täglich im Tempel.“ Markus und Lukas zeigen zuerst, aus was für einer Art Menschen sich die Gemeinde zusammensetzte: aus der ungebildeten Masse des Volkes. Und dann zeigen sie, welche Feinde Christus gehabt hat, nämlich die Priester und Schriftgelehrten und alle Höhergestellten. Das ist ein Teil der Torheit des Kreuzes, daß Gott das in der Welt Hervorragende übergeht und sich das Törichte, Schwache und Verachtete aussucht. Außerdem erwähnen die Evangelisten, daß jene trefflichen Führer der Gemeinde Gottes eine Gelegenheit suchten, um Christus aus dem Weg zu räumen. Darin enthüllt sich ihre verbrecherische Gottlosigkeit. Denn wenn sie auch eine rechtmäßige Ursache dafür gehabt hätten, Christus nachzustellen, so war es doch keine Art und Weise, wie Räuber und Mörder seine Vernichtung anzustreben oder ihm im geheimen Meuchelmörder zuzutreiben. Als drittes zeigen die Evangelisten, daß ihre gottlose Verschwörung nicht zum Ziel kam, weil Christus nach dem verborgenen Ratschluß Gottes zum Tode am Kreuz bestimmt war.


Aus: Otto Weber, Calvins Auslegung der Heiligen Schrift. Dreizehnter Band: Die Evangelien-Harmonie 2. Teil, Neukirchener Verlag, 1974, S. 174-182. 186.
Tod, wo ist dein Stachel? Totenreich, wo ist dein Sieg? 1Kor 15,55

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Beitragvon Joschie » 21.08.2010 21:53

11. Sonntag nach Trinitatis: Lukas 18,9-14 – vom Pharisäer und Zöllner
von Johannes Calvin

''Doch darf nur das die einzige Stütze unseres Glaubens sein, daß Gott uns angenommen hat, nicht weil wir es so verdient hätten, sondern weil er unsere Sunden nicht anrechnet.''



Lukas 18,9-14
9 Er sagte aber zu etlichen, die sich selbst vermaßen, daß sie fromm wären, und verachteten die anderen, dies Gleichnis: 10 Es gingen zwei Menschen hinauf in den Tempel, zu beten, einer ein Pharisäer, der andere ein Zöllner. 11 Der Pharisäer stand und betete bei sich selbst: Ich danke dir, Gott, daß ich nicht bin wie die andern Leute, Räuber, Ungerechte, Ehebrecher, oder auch wie dieser Zöllner. 12 Ich faste zweimal in der Woche und gebe den Zehnten von allem, was ich einnehme. 13 Und der Zöllner stand von ferne, wollte auch seine Augen nicht aufheben gen Himmel, sondern schlug an seine Brust und sprach: Gott, sei mir Sünder gnädig! 14 Ich sage euch: dieser ging hinab gerechtfertigt in sein Haus, nicht jener. Denn wer sich selbst erhöht, der wird erniedrigt werden; und wer sich selbst erniedrigt, der wird erhöht werden.



Nun belehrt uns Christus über eine andere Tugend, die zum richtigen Beten notwendig ist: Die Gläubigen können nur in Einfalt und Demut vor das Angesicht Gottes kommen. Keine Krankheit ist verderblicher als die Anmaßung, und doch sitzt sie allen so fest in Mark und Bein, daß sie durch kaum ein Heilmittel vertrieben und ausgerottet werden kann. Es ist zwar ein Wunder, daß die Menschen so unsinnig sind, daß sie es wagen, vor Gott einen Federbusch aufzusetzen und vor ihm mit ihren Verdiensten zu prahlen. Denn wenn uns unter Menschen die Ehrsucht betört, so sollten wir doch, wenn wir ins Angesicht Gottes kommen, alles Selbstvertrauen fahrenlassen. Indessen meint jeder, er hätte sich genug gedemütigt, wenn er nur in heuchelnder Weise um Vergebung gebeten hat. Wir merken, daß diese Ermahnung des Herrn nicht überflüssig ist. Christus geißelt zwei Fehler, die er verurteilen wollte: unser falsches Selbstvertrauen und den Hochmut, auf die Brüder hinabzuschauen. Der eine Fehler entsteht aus dem anderen. Denn ein jeder betrügt sich in einem eitlen Selbstvertrauen, und es kann nicht anders sein, als daß er sich dabei über die Brüder erhebt. Kein Wunder! Denn wie sollte einer nicht auf Menschen hinabschauen, die ihm gleichgestellt sind, wenn er sich gegen Gott selbst hochmütig erhebt? Jeder bläst sich im Vertrauen zu sich selbst auf und führt einen offenen Krieg mit Gott, den doch allein unsere Selbstverleugnung mit uns versöhnen kann, nämlich wenn wir ganz klein werden und all unser Vertrauen auf die eigene Tüchtigkeit und Gerechtigkeit in seiner Barmherzigkeit allein begraben.

Luk. 18, 10. „Es gingen zwei Menschen hinauf in den Tempel.“ Christus vergleicht zwei Männer miteinander, die, obwohl sie beide einen frommen Eifer zum Beten an den Tag legen, sich doch weit voneinander unterscheiden. Denn der Pharisäer mit seiner äußerlichen Heiligkeit naht sich Gott, indem er sein Leben rühmt, und er naht sich ihm unter Berufung auf sein Recht, um ihm das Opfer seines Lobes darzubringen. Der Zöllner dagegen ist wie ein Verworfener, weil er weiß, daß er unwürdig ist näherzutreten; unter Zittern macht er ein demütiges Bekenntnis. Christus aber verwirft den Pharisäer und behauptet, die Bitten des Zöllners seien Gott angenehm gewesen. Im weiteren werden noch einmal die beiden Gründe genannt, warum der Pharisäer verworfen werden mußte: Im Vertrauen auf sich selbst hat er sich an der Schande anderer großgemacht. Es wird an ihm gar nicht getadelt, daß er sich gebrüstet hätte, alles aus eigener Kraft zu schaffen, sondern das ist ihm vorzuwerfen, daß er vom Verdienst seiner Werke überzeugt ist und meint, Gott sei ihm gnädig gesinnt. Denn dieser Satz des Dankes, der von ihm berichtet wird, verherrlicht in keiner Weise die eigene Tüchtigkeit, als ob er aus eigener Kraft Gerechtigkeit erlangt oder durch seinen Fleiß irgend etwas verdient hätte. Vielmehr schreibt er der Gnade Gottes zu, daß er gerecht ist. Obgleich er also in seinem Bekenntnis Gott dafür dankt, daß aus Gottes reiner Wohltat herrühre, was immer er an guten Werken hervorbringe, so wird er doch mit seinem Gebet abgewiesen, weil ihm das Vertrauen auf seine Werke eine Stütze geworden ist und er sich damit über die andern erhebt. Daraus ersehen wir, daß sich die Menschen nicht richtig und für die Dauer demütigen, auch wenn sie meinen, daß sie allein nichts vermögen, wenn sie nicht dem Verdienst ihrer Werke das Vertrauen entziehen und ihr Heil ganz unter die gnädige Güte Gottes zu stellen lernen, so daß dort das ganze Vertrauen auf die Werke seinen Grund findet. Die Stelle ist besonders wichtig. Denn einigen scheint es zu genügen, wenn sie dem Menschen den Ruhm der guten Werke wegnehmen, weil sie Gaben des Heiligen Geistes sind. Aber so meinen wir es nicht, wenn wir von der Rechtfertigung aus Gnaden sprechen, denn Gott findet in uns keine Gerechtigkeit, die er nicht selbst in uns gelegt hätte. Doch Christus geht noch einen Schritt weiter: Er schreibt nicht nur die Fähigkeit zum richtigen Handeln der Gnade des Geistes zu, sondern er nimmt uns alles Vertrauen auf die Werke. Denn der Pharisäer wird nicht darin getadelt, daß er sich anmaßt, was Gott zu eigen ist, sondern weil er sich auf sein Verdienst stützt, um einen gnädigen Gott für sich zu haben, wie er ihn verdient hat. Wir sollen also wissen, daß, wie sehr einer Gott auch das Lob für seine guten Werke geben mag, er doch auf Grund einer falschen Anmaßung verurteilt wird, wenn er sich einbildet, die Gerechtigkeit aus den Werken sei der Grund für sein Heil, oder wenn er sich auf sie verläßt. Wichtig ist auch, daß hier gar nicht die prahlerische Ehrsucht getadelt wird, wenn man sich vor Menschen rühmt, während man sonst ein schlechtes Gewissen hat, sondern die versteckte Heuchelei wird verurteilt. Denn es heißt nicht, daß er seine Lobsprüche ausposaunt hätte, sondern er hat still bei sich gebetet. Wenn er im übrigen auch den Ruhm seiner Gerechtigkeit nicht mit lauter Stimme verbreitete, so war doch sein innerer Stolz Gott ein Greuel. Um ein Doppeltes ging sein Rühmen: erstens spricht er sich von dem allgemeinen Schuldzustand der Menschheit frei, und zweitens hebt er seine eigene Tüchtigkeit hervor. Er behauptet, er sei nicht so wie die übrigen, weil er von der Schuld durch ein Vergehen frei sei, die überall auf der Welt laste. Wenn er sich brüstet, er faste zweimal in der Woche und gebe den Zehnten von seinem Vermögen, so hätte er auch sagen können, daß er mehr leiste, als das Gesetz verlange. Genauso preisen die Mönche im Papsttum ihre „überschüssigen" Werke an, als ob es ihnen zuwenig wäre, wenn sie das Gesetz Gottes erfüllten. Obwohl jeder nach dem Maß seiner Fähigkeiten, die ihm Gott gegeben hat, zum Dank gegen den Urheber sogar verpflichtet ist und es fromme Gedanken sind, wenn man überlegt, wieviel ein jeder empfangen hat, damit die Güte Gottes nicht unter Undankbarkeit begraben werde, so ist doch zweierlei zu beachten: Wir dürfen uns nicht im Vertrauen zu uns selbst aufblasen, als ob Gott versöhnt sei, und wir dürfen nicht aus Verachtung der Brüder übermütig werden. In diesen zwei Punkten verging sich der Pharisäer, weil er sich fälschlich der Gerechtigkeit rühmte und dadurch der Barmherzigkeit Gottes keinen Raum ließ und weil er vor lauter Selbstüberhebung alle andern verachtete. Christus hätte seine Danksagung nicht mißbilligt, wenn sie nicht von diesen beiden Fehlern behaftet gewesen wäre. Aber da der stolze Pharisäer bei seinen eigenen Sünden ein Auge zudrückte und einen leeren Schein von einer lauteren, vollkommenen Gerechtigkeit dem Urteil Gottes entgegenstellte, mußte er mit seiner gottlosen, frevlerischen Tollkühnheit notwendig unterliegen. Denn die einzige Hoffnung der Gläubigen, solange sie unter der Schwachheit des Fleisches leiden, ist es, ihre Zuflucht zu der einigen Barmherzigkeit Gottes zu nehmen, sobald sie erkannt haben, was gut für sie ist, und ihr Heil in der Bitte um Vergebung zu suchen. Aber man fragt, wieso der Pharisäer überhaupt solche Heiligkeit haben konnte, wo er doch in gottlosem Hochmut verblendet war. Denn solche Lauterkeit kommt doch nur vom Geist Gottes, der sicherlich bei Heuchlern ganz und gar nicht wirksam ist. Ich antworte: Er hatte sich nur auf eine äußerliche Maske verlassen, als ob die verborgene, innere Lauterkeit des Herzens gar nicht in Betracht käme. Obwohl es darum bei ihm innerlich von bösen Lüsten nur so wimmelte, schützt er ruhig Unschuld vor, weil er nur nach dem Augenschein urteilt. Der Herr wirft ihm zwar nicht leere Prahlerei vor, daß er sich fälschlich etwas zuschreibe, was er gar nicht hat; doch stimmt es, daß niemand von Räuberei, Ungerechtigkeit, Begierde und anderen Fehlern frei ist, ohne vom Geist Gottes geleitet zu werden. Was das zweimalige Fasten in der Woche angeht, so hat Gott seinen Dienern im Gesetz niemals vorgeschrieben, zweimal in der Woche zu fasten; darum waren dieses Fasten und das Geben des Zehnten freiwillige Übungen, die über die Vorschrift des Gesetzes hinausgingen.

Luk. 18, 13. „Und der Zöllner stand von ferne.“ Christus wollte hier nicht eine allgemeingültige Regel weitergeben, als ob es notwendig wäre, immer wenn wir besten, die Augen zu Boden zu schlagen, sondern er nannte das nur als Beispiel für die Demut, die allein er seinen Jüngern empfiehlt. Die Demut besteht nun darin, daß man über seine Sünden nicht hinwegsieht, sondern sich selbst verurteilt und damit dem Urteilsspruch Gottes zuvorkommt; und indem man ein ungeheucheltes Bekenntnis seiner Schuld gibt, versöhnt man sich mit Gott. Dahin geht auch die Scham, die immer die Buße begleitet. Denn sicherlich legt der Herr besonders darauf Gewicht, daß sich der Zöllner ernstlich als elend und verloren erkannte und sich zu Gottes Barmherzigkeit flüchtete. Denn wie groß seine Sünde auch sein mag, er vertraut auf die freie Vergebung und hofft, daß Gott ihm gnädig sein werde. Kurz, um die Gnade zu erlangen, bekennt er sich als ihrer unwürdig. Und wenn allein die Vergebung der Sünden uns Gott versöhnt, müssen wir sicherlich ebenda beginnen, sofern wir wollen, daß unsere Gebete ihm angenehm sind. Wer sich nun als schuldig und überführt bekannt hat und um den Freispruch bittet, läßt das Vertrauen auf die Werke fahren. Und genau das wollte Christus sagen: Gott wird nur die erhören, die unter Zittern zu seiner Barmherzigkeit allein ihre Zuflucht nehmen.

Luk. 18, 14. „Dieser ging hinab gerechtfertigt.“ Im Grunde ist das kein Vergleich. Denn Christus stellt den Zöllner nicht nur gerade eine Stufe höher, als ob sie beide Gerechtigkeit gehabt hätten, sondern er meint, der Zöllner sei von Gott angenommen worden, während der Pharisäer ganz und gar verworfen wurde. Diese Stelle zeigt deutlich, was es eigentlich heißt: Gerechtfertigt werden. Es bedeutet, vor Gott dastehen, als ob wir gerecht wären. Denn Christus sagt nicht, der Zöllner sei darum gerechtfertigt worden, weil er plötzlich eine neue Eigenschaft erworben hätte, sondern weil er nach dem Bekenntnis der Schuld und Beseitigung der Sünden Gnade erlangt hat. Daraus folgt, daß die Gerechtigkeit in der Vergebung der Sünden besteht. Wie darum der Pharisäer mit seinem falschen Selbstvertrauen seine Tugenden entstellte und verunreinigte, so daß seine vor der Welt löbliche Lauterkeit bei Gott wertlos war, so habe der Zöllner kein Verdienst auf Grund der Werke, das ihm helfen konnte, und er erlangte die Gerechtigkeit allein durch die Bitte um Vergebung, denn er hoffte auf nichts sonst als auf die reine Güte Gottes. Aber es scheint unsinnig zu sein, daß nun alle mit dem Zöllner in die gleiche Reihe gebracht werden, wo doch die Reinheit der Heiligen sich weit von der des Zöllners unterscheidet. Ich antworte: Mag einer in der Verehrung Gottes und in der wahrhaften Heiligkeit noch so weit vorangekommen sein, wenn er bedenkt, wieviel ihm noch fehlt, dann kann er auf keine andere Weise gebührend beten, als mit dem Bekenntnis seiner Schuld zu beginnen. Denn alle sind doch gemeinsam schuldig, wenn es die einen auch etwas mehr und die andern etwas weniger sind. Darum gibt Christus hier zweifellos allen eine Regel an die Hand, als wenn er sagen würde: Dann erst ist Gott uns gnädig, wenn wir nicht mehr auf unsere Werke vertrauen und ihn bitten, uns umsonst zu versöhnen. Das müssen sogar die Papisten bis zu einem gewissen Teil zugeben; aber es dauert nicht lange, bis sie diese Lehre durch einen verkehrten Einfall wieder entstellen. Alle räumen ein, daß wir das Heilmittel der Vergebung brauchen, weil niemand vollkommen ist; aber zuvor betören sie die armen Menschen mit dem Vertrauen auf eine, wie sie es nennen, teilweise Gerechtigkeit Dann fugen sie noch Leistungen zur Genugtuung hinzu, die ihre Schuld auslöschen sollen. Doch darf nur das die einzige Stütze unseres Glaubens sein, daß Gott uns angenommen hat, nicht weil wir es so verdient hätten, sondern weil er unsere Sunden nicht anrechnet.
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Beitragvon Joschie » 29.08.2010 07:14

12. Sonntag nach Trinitatis: Markus 7,31-37 – Die Heilung eines Taubstummen
von Johannes Calvin

''Wir wissen ja, daß sich die Evangelisten gar nicht so sehr darum kümmern, was Christus alles getan hat; im Gegenteil, sie sind bei der Erzählung von Wundern so sparsam, daß sie nur auf wenige Beispiele eingehen. Markus hielt darum ein Beispiel für genügend, in dem Christi Macht genauso deutlich wird wie in all den übrigen dieser Art, die wenig später folgten.''



Markus 7,31-37
31 Und da er wieder fortging aus der Gegend von Tyrus, kam er durch Sidon an das Galiläische Meer, mitten in das Gebiet der Zehn Städte. 32 Und sie brachten zu ihm einen, der taub und stumm war, und sie baten ihn, daß er die Hand auf ihn legte. 33 Und er nahm ihn von dem Volk besonders und lege ihm die Finger in die Ohren und berührte mit Speichel seine Zunge 34 und sah auf gen Himmel, seufzte und sprach zu ihm: Hephata! das ist: Tu dich auf! 35 Und alsbald taten sich seine Ohren auf, und das Band seiner Zunge wurde los, und er redete recht. 36 Und er gebot ihnen, sie sollten`s niemand sagen. Je mehr er aber verbot, desto mehr breiteten sie es aus. 37 Und sie wunderten sich über die Maßen und sprachen: Er hat alles wohl gemacht: die Tauben macht er hören und die Sprachlosen reden.

Matth. 15, 28. „Und Jesus ging von dannen.“ Zweifellos erzählen beide, Matthäus und Markus, die Rückkehr Christi aus der Gegend von Sidon. Doch in einigen Punkten unterscheiden sie sich. Daß der eine behauptet, er sei in das Gebiet von Magdala gegangen, der andere aber, in die Gegend von Dalmanutha, erklärt sich leicht. Die beiden Städte lagen nebeneinander oberhalb des Sees Genezareth gegen den Berg Thabor hin. Darum ist es weiter kein Wunder, daß das Gebiet dazwischen nach beiden Städten heißt. Das Gebiet der Zehn Städte hatte seinen Namen von der Anzahl der Städte dort, und da es nahe bei Phönizien und nahe dem Küstenstrich von Galiläa war, mußte Christus dort durch, um von Phönizien in das jüdische Galiläa zurückzukehren. Auch darin liegt ein Unterschied, daß Matthäus erzählt, Christus habe mehrere Kranke geheilt mit den unterschiedlichsten Leiden, und Markus nur einen einzigen Tauben erwähnt. Aber auch das ist leicht zu erklären: Markus hat sich für seine Erzählung ein Wunder ausgesucht, das sich schon auf dem Weg zugetragen hatte und dessen Kunde die Einwohner jenes Landes überall so sehr in Staunen setzte, daß sie Christus noch mehr Kranke brachten. Wir wissen ja, daß sich die Evangelisten gar nicht so sehr darum kümmern, was Christus alles getan hat; im Gegenteil, sie sind bei der Erzählung von Wundern so sparsam, daß sie nur auf wenige Beispiele eingehen. Markus hielt darum ein Beispiel für genügend, in dem Christi Macht genauso deutlich wird wie in all den übrigen dieser Art, die wenig später folgten.

Mark. 7, 32. „Und sie brachten zu ihm einen, der taub und stumm war.“ Warum die Leute Christus baten, daß er die Hand auf den Kranken legte, läßt sich aus vorangegangenen Stellen entnehmen. Das Handauflegen war ein feierliches Zeichen der Weihe, durch das auch die Gaben des Heiligen Geistes mitgeteilt wurden (vgl. z.B. Apg. 13, 3). Sicher hat Christus diese Form oft angewandt, so daß die Leute um nichts Außergewöhnliches baten. Daneben wendet Christus noch andere Zeichen an: Er befeuchtet die Zunge des Stummen mit seinem Speichel und legt ihm den Finger ins Ohr. Zwar wäre das bloße Handauflegen völlig hinreichend gewesen, ja, Christus hätte nicht einmal einen Finger zu rühren brauchen und mit einem bloßen Wink dasselbe vollbringen können; doch er benutzte gern äußere Zeichen, wenn er den Menschen damit dienen konnte. So wollte er jetzt durch das Befeuchten der Zunge mit Speichel zeigen, daß die Fähigkeit zu sprechen allein von ihm ausgeht, und wenn er den Finger in die Ohren legte, so erklärte er damit, daß es sein eigentlicher Auftrag ist, taube Ohren gewissermaßen zu durchbohren. In phantasievolle Ausdeutungen brauchen wir uns dabei gar nicht zu flüchten, zumal wir sehen, welch überaus gelehrtes Spiel damit getrieben wurde, um doch nichts Handfestes beizubringen; im Gegenteil, die Schrift wurde dabei nur zum Gespött. Dem nüchternen Leser wird darum das eine genügen, daß wir auf unser Bitten von Christus Sprache und Gehör bekommen, wenn er mit seiner Kraft unsere Zunge belebt und mit seinem Finger in unsere Ohren dringt. Wenn er den Tauben von dem Volk „besonders" nimmt (vgl. 7, 33), tut er das zum Teil mit der Absicht, den unreifen Leuten, die er noch nicht als seine Zeugen brauchen konnte, die Herrlichkeit seiner Gottheit nur aus der Ferne zu zeigen, zum Teil aber auch, um größere Freiheit zu haben zu inbrünstigem Gebet. Denn das Hinaufblicken zum Himmel und sein Seufzen war ein Zeichen für seine heftige Bewegung. Hier erkennen wir, wie unvergleichlich seine Liebe zu den Menschen sein muß, daß .er an ihren Leiden solchen Anteil nimmt. Wenn er Speichel aus seinem Mund in den Mund des Kranken überträgt und seine Finger in die Ohren einlege, wollte er zweifellos ebendiese Liebe zu den Menschen bezeugen und zum Ausdruck bringen. Zugleich beweist er, daß er die unumschränkte Vollmacht hat, alle Schäden zu heilen und die Gesundheit wiederzugeben, indem er nur befiehlt, Zunge und Ohren sollten sich öffnen. Denn Markus führt das chaldäische Wort „Hephata“ nicht von ungefähr an: es sollte Zeugnis geben von der göttlichen Macht Christi.

Mark. 7, 36. „Und er gebot ihnen, sie sollten's niemand sagen.“ Manche Ausleger meinen, Christus habe durch solche Verbote das Volk zum Gegenteil reizen wollen, er hätte sie also absichtlich dazu angetrieben, die Kunde von dem Wunder zu verbreiten. Ich halte jedoch für natürlicher, was ich anderwärts schon gesagt habe, daß Christus das Bekanntmachen des Wunders nur auf eine spätere, geeignetere und reifere Zeit verschieben wollte. Darum war es sicher nur der unbedachte Eifer der Leute, wenn sie trotz des Verbots nichts Eiligeres zu tun hatten, als das Wunder weiterzuerzählen. Es ist ja bezeichnend, daß Menschen, die an Christi Lehre nicht gewöhnt sind, sich von einem übermäßigen Eifer treiben lassen, der jedoch nicht am Platz ist. Doch was jene Leute in unkluger Weise anfingen, wendet Christus doch zu seinem Ruhm; denn das Wunder wurde bekannt, und jene ganze Gegend nahm sich damit die Entschuldigung, wenn sie den Geber der himmlischen Gaben verschmähte.

Mark. 7, 37. „Er hat alles wohl gemacht.“ Matthäus schließt seinen Bericht über eine ganze Anzahl von Wundern mit der Bemerkung (15, 31), daß die Menge sich wunderte und dem Gott Israels die Ehre gab, der auf wunderbare Weise seine Macht zeigte und damit die Erinnerung an seinen Bund erneuerte. Den Worten des Markus jedoch liegt ein Gegensatz zugrunde: Da verschiedene Gerüchte über Christus in Umlauf waren, zeigt die Menge ihre Ansicht: Wer seine Taten verkleinert, ist gottlos und böswillig; denn seine Werke verdienen das höchste Lob und müssen vor Verleumdungen geschützt werden. Schon dem natürlichen Gefühl erscheint ja nichts ungerechter, als daß ein Mensch für Wohltaten Rügen und Mißgunst erntet.


Aus: Otto Weber, Calvins Auslegung der Heiligen Schrift. Dreizehnter Band: Die Evangelien-Harmonie 2. Teil, Neukirchener Verlag, 1974, S.47ff.
Tod, wo ist dein Stachel? Totenreich, wo ist dein Sieg? 1Kor 15,55

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Beitragvon Joschie » 04.09.2010 17:31

13. Sonntag nach Trinitatis: Lukas 10,25-37 - das vornehmste Gebot / der barmherzige Samariter
von Johannes Calvin

''Christus gibt keine andere Richtschnur für ein frommes gerechtes Leben, als sie im mosaischen Gesetz überliefert worden war.''


Markus 12, 28-34
28 Und es trat zu ihm einer von den Schriftgelehrten, der ihnen zugehört hatte, wie sie miteinander stritten. Und da er merkte, daß er ihnen fein geantwortet hatte, fragte er ihn: Welches ist das vornehmste Gebot von allen? 29 Jesus aber antwortete ihm: Das vornehmste Gebot ist das: „Höre Israel, der Herr unser Gott, ist allein der Herr, 30 und du sollst Gott, deinen Herrn, lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele, von ganzem Gemüte und von allen deinen Kräften“ (Deut. 6, 5) 31 Das andre ist dies: „Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst“ (Lev. 19, 18). Es ist kein anderes Gebot größer als diese. 32 Und der Schriftgelehrte sprach zu ihm: Meister, du hast wahrlich recht geredet. Er ist nur einer und ist kein anderer außer ihm: 33 und ihn lieben von ganzem Herzen, von ganzem Gemüte und von allen Kräften und seinen Nächsten lieben wie sich selbst, das ist mehr als alle Brandopfer und Schlachtopfer. 34 Da Jesus aber sah, daß er verständig antwortete, sprach er zu ihm: Du bist nicht ferne von dem Reich Gottes. Und hinfort wagte niemand mehr, ihn zu fragen.

Lukas 10, 25-37
25 Und siehe, da stand ein Schriftgelehrter auf, versuchte ihn und sprach: Meister, was muß ich tun, daß ich das ewige Leben ererbe? 26 Er aber sprach zu ihm: Was steht im Gesetz geschrieben? Wie liest du? 27 Er antwortete und sprach: „Du sollst Gott, deinen Herrn, lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele, von allen Kräften und von ganzem Gemüte und deinen Nächsten wie dich selbst“ (Deut. 6, 5; Lev. 19, 18). 28 Er aber sprach zu ihm: Du hast recht geantwortet; tue das, so wirst du leben. 29 Er aber wollte sich selbst rechtfertigen und sprach zu Jesus: Wer ist denn mein Nächster? 30 Da antwortete Jesus und sprach: Es war ein Mensch, der ging von Jerusalem hinab nach Jericho und fiel unter die Räuber; die zogen ihn aus und schlugen ihn und gingen davon und ließen ihn halbtot liegen. 31 Es begab sich aber von ungefähr, daß ein Priester dieselbe Straße hinabzog; und da er ihn sah, ging er vorüber. 32 Desgleichen auch ein Levit: da er kam zu der Stätte und sah ihn, ging er vorüber. 33 Ein Samariter aber reiste und kam dahin; und da er ihn sah, jammerte ihn sein, 34 ging zu ihm, goß Öl und Wein auf seine Wunden und verband sie ihm und hob ihn auf sein Tier und führte ihn in eine Herberge und pflegte sein. 35 Des andern Tages zog er heraus zwei Silbergroschen und gab sie dem Wirte und sprach zu ihm: Pflege sein; und so du was mehr wirst dartun, will ich dir`s bezahlen, wenn ich wiederkomme. 36 Welcher dünkt, der unter diesen dreien der Nächste sei gewesen dem, der unter die Räuber gefallen war? 37 Er sprach: Der die Barmherzigkeit an ihm tat. Da sprach Jesus zu ihm: So gehe hin und tue desgleichen.

Zwar scheint der Bericht bei Lukas einige Ähnlichkeit mit dem zu haben, was in Matth. 22 und Mark. 12 erzählt wird; doch handelt es sich nicht um die gleiche Begebenheit. Trotzdem wollte ich diese Berichte gern an einer Stelle miteinander vergleichen, obwohl trotz der Versicherung des Matthäus und Markus, daß dies die letzte Frage gewesen sei, mit der der Herr versucht wurde, Lukas davon nichts erwähnt. Er scheint das jedoch absichtlich zu übergehen, da er es schon anderwärts berichtete. Trotzdem will ich nicht behaupten, daß es sich hier um die gleiche Geschichte handelt, da Lukas von den beiden anderen in einigen Punkten abweicht. Gemeinsam haben alle drei, daß der Schriftgelehrte die Frage stellte, um Christus zu erproben; aber der, der von Matthäus und Markus beschrieben wird, geht schließlich recht angetan von Christus weg. Christi Antwort hat ihn befriedigt, und er zeigt damit, daß er friedlich gesinnt war und willig zu lernen. Außerdem bestätigt Christus ihm ja, daß er nicht weit vom Reich Gottes sei. Lukas dagegen schildert einen rücksichtslosen, aufgeblähten Mann, an dem keine Spur von Einkehr zu beobachten ist. Es wäre nichts Besonderes, daß Christus über die wahrhafte Gerechtigkeit, die Beobachtung des Gesetzes und die Regel zu einem guten Leben öfter befragt wurde. Mag Lukas diese Geschichte schon an einer anderen Stelle berichtet haben oder mochte er diese zweite Frage jetzt übergehen, weil ihm die vorangehende Schilderung, was die Lehre betraf, genügte, die Gleichheit innerhalb der drei Aussagen scheint doch zu fordern, daß ich die drei Evangelisten miteinander vergleiche. Nun müssen wir sehen, was für eine Gelegenheit diesen Schriftgelehrten dazu brachte, Christus zu fragen. Da er ein Ausleger des Gesetzes war, stößt er sich an der Verkündigung des Evangeliums, von der er fürchtet, daß sie dem Ansehen des Mose abträglich ist. Fast noch mehr als der Eifer um das Gesetz jedoch erfüllt ihn die Besorgnis, seine Würde als amtlicher Lehrer könnte darunter leiden. Er sucht darum von Christus zu erfahren, ob er nicht noch etwas mehr aus dem Gesetz herausschlagen kann. Denn wenn er das auch nicht wörtlich sagt, so birgt seine Frage doch eine Falle, um Christus, wenn möglich, dem Haß des Volkes auszusetzen. Nach Matthäus und Markus handelt es sich nicht um die List eines einzelnen Mannes, sondern um eine gemeinsam verabredete Sache. Sie schickten einen Vertreter für die ganze Sekte vor, der sich vor den anderen an Geist und Gelehrsamkeit auszuzeichnen schien. Auch in der Form der Frage weicht Lukas etwas von Matthäus und Markus ab. Bei Lukas fragt der Schriftgelehrte, was die Menschen tun müssen, um das ewige Leben zu erlangen; bei den beiden anderen hingegen, welches das vornehmste Gebot im Gesetz sei. Beides kommt auf das gleiche hinaus: Christus wird in listiger Weise angegriffen, damit man ihn, wenn man aus seinem Mund eine vom Gesetz abweichende Antwort gelockt hätte, gewissermaßen als Abtrünnigen und Anstifter gottlosen Abfalls behandeln könnte.

Luk. 10, 28. „Was steht im Gesetz geschrieben?“ Der Schriftgelehrte bekommt von Christus eine andere Antwort, als er sich erhofft hatte. Denn Christus gibt keine andere Richtschnur für ein frommes gerechtes Leben, als sie im mosaischen Gesetz überliefert worden war. Denn in der vollkommenen Liebe gegen Gott und die Nächsten liegt die höchste Vollendung der Gerechtigkeit. Doch dürfen wir nicht übersehen, daß Christus hier genau nach der Weise, in der er gefragt worden war, über das zu erlangende Heil spricht. Denn er lehrt hier offensichtlich nicht wie an anderen Stellen, wie die Menschen zum ewigen Leben gelangen, sondern wie man leben muß, um vor Gott als gerecht zu gelten. Im Gesetz jedoch wird den Menschen vorgeschrieben, wie sie ihr Leben einrichten sollen, um sich vor Gott das Heil zu verschaffen. Wenn aber das Gesetz nichts anderes kann als verdammen, wenn es bei Paulus sogar eine Lehre zum Tode und eine Vermehrung der Übertretungen genannt wird (vgl. Röm. 7, 13), dann ist das nicht ein Fehler seiner Lehre, sondern es liegt daran, daß es uns unmöglich ist zu erfüllen, was es befiehlt. Obgleich also niemand aus dem Gesetz gerecht wird, enthält das Gesetz selbst doch die vollendete Gerechtigkeit, da es völlig richtig das Heil denen verspricht, die uneingeschränkt dem nachkommen, was es verlangt. Es braucht uns nicht unsinnig vorzukommen, daß Gott zuerst Gerechtigkeit aus den Werken fordert und sie uns dann umsonst ohne Werke anbietet; denn es ist nötig, daß die Menschen zuerst von der Richtigkeit der Verdammung überzeugt werden, damit sie sich dann zur Barmherzigkeit Gottes flüchten. Darum vergleicht Paulus (Röm. 10, 5) beide Arten von Gerechtigkeit miteinander, damit wir erkennen, daß wir darum umsonst von Gott gerechtfertigt werden, weil wir keine eigene Gerechtigkeit haben. Christus stellt sich also in seiner Antwort auf den gesetzeskundigen Schriftgelehrten ein, der nicht gefragt hatte, wo das Heil zu suchen sei, sondern mit was für Werken man es sich verdienen könne.

Matth. 22, 37. „Du sollst lieben Gott, deinen Herrn.“ Markus fügt noch den Vorspruch ein (12, 29): „Höre, Israel, der Herr, unser Gott, ist allein der Herr.“ Mit diesen Worten verleiht Gott dem Gesetz eine besondere Autorität; denn es muß uns ganz besonders zum Eifer antreiben, Gott zu dienen, wenn wir völlig davon überzeugt sind, daß wir den wahren Schöpfer Himmels und der Erden verehren, da ja der Zweifel daran sofort träge macht. Gleichzeitig ist es eine freundliche Einladung, Gott zu lieben, wenn er uns umsonst als sein Volk annimmt. Damit die Juden also nicht, wie es bei zweifelhaften Dingen zu sein pflegt, schwankend seien, hören sie, daß ihnen die Richtschnur zum Leben vom wahren und einigen Gott selbst vorgeschrieben ist. Und damit sie außerdem nicht von Misstrauen aufgehalten werden, nähert Gott sich ihnen wie Vertrauten und erinnert sie an seinen gnädigen Bund mit ihnen. Zugleich trennt er sich jedoch deutlich von allen Göttern, um die Juden allein bei der reinen Verehrung seines Namens festzuhalten. Wenn aber die armen Götzendiener auch die Ungewißheit, in der sie leben müssen, nicht davon abhält, sich ihren Abgöttern in brennender Liebe hinzugeben, welche Entschuldigung bleibt dann den Hörern des Gesetzes, wenn sie vor Gott, der sich ihnen offenbart hat, ihre Ohren verschließen? Was dann folgt, ist eine Zusammenfassung des Gesetzes, wie sie auch bei Mose steht (Deut. 6, 5; Lev. 19, 18). Denn da das Gesetz in zwei Tafeln geteilt ist, von denen sich die erste auf die Verehrung Gottes, die zweite auf die Nächstenliebe bezieht, hat Mose die Grundaussage kurz und klar zusammengefaßt, damit die Juden wissen, was Gott in den einzelnen Geboten will. Natürlich besteht noch ein entscheidender Unterschied zwischen der Liebe zu Gott und der Liebe zu den Menschen. Trotzdem verlangt Gott absichtlich statt Anbetung oder Verehrung Liebe von uns, um uns auf diese Weise zu sagen, daß ihm nur ein freiwilliger Dienst gefällt. Denn nur der gibt sich Gott ganz zum Gehorsam hin, der ihn liebt. Da uns jedoch die bösen, verderbten Triebe des Fleisches vom rechten Weg abziehen, zeigt uns Mose, daß unser Leben erst dann auf dem richtigen Weg ist, wenn die Liebe zu Gott all unser Denken und Tun umfaßt. Die Frömmigkeit beginnt also mit der Liebe zu Gott, weil Gott einen von den Menschen erzwungenen Gehorsam verschmäht und freiwillig und fröhlich verehrt werden will. Wir müssen dabei jedoch beachten, daß mit der Liebe zu Gott die Ehrfurcht gemeint ist, die wir ihm schulden. Bei Mose ist nur die Rede von der Liebe: „von ganzem Herzen, von ganzer Seele und von allen Kräften“. Hier findet sich noch der Zusatz: „von ganzem Gemüte“. Obgleich die Sache in den vier Ausdrücken deutlicher wird, bleibt der Sinn doch derselbe. Denn Mose wollte zusammenfassend lehren, daß wir Gott wahrhaftig lieben sollen und daß darauf alle menschlichen Fähigkeiten ausgerichtet werden müssen. Darauf sollten Herz und Sinn ihre ganze Kraft lenken, damit nichts in uns von der Liebe zu Gott unerfüllt bliebe. Bekanntlich wird bei den Hebräern mit dem Wort Herzen zuweilen auch das Gemüt gemeint, besonders wenn es mit dem Wort Seele verbunden ist. Was nun der genaue Unterschied bei dieser Stelle zwischen „Herz" und „Gemüt" ist, scheint mir weiter nicht wichtig, es sei denn, daß „Gemüt" den Sitz unserer Absichten bezeichnet, aus dem alles Denken und Oberlegen kommt. Weiter ergibt sich aus dieser Zusammenfassung, daß Gott bei den Vorschriften des Gesetzes nicht im Auge hat, was die Menschen können, sondern was sie „sollen“. Denn bei der Schwachheit unseres Fleisches ist es unmöglich, daß wir von der vollkommenen Liebe zu Gott beherrscht werden. Denn wir wissen ja, wie sehr wir mit allen Fasern unseres Herzens auf Nichtigkeiten aus sind. Zuletzt folgern wir aus dieser Stelle, daß Gott nicht bei dem äußeren Schein der Werke stehenbleibt, sondern daß es ihm vor allem auf die innere Einstellung ankommt, damit aus einer guten Wurzel gute Früchte wachsen können.

Matth. 22, 39. „Das andre aber ist dem gleich.“ Den zweiten Platz weist Christus der gegenseitigen Liebe unter den Menschen zu; denn an erster Stelle steht der Dienst vor Gott. Er nennt das Gebot der Nächstenliebe ein dem ersten gleiches, weil es aus ihm hervorgeht. Denn da jeder sich selbst der Nächste ist, wird es nur da eine wirklich starke Liebe zum Nächsten geben, wo die Liebe zu Gott beherrschend ist. Denn die Liebe, mit der die Kinder der Welt einander begegnen, ist käuflich; jeder ist dabei um seinen eigenen Vorteil bemüht. Andererseits kann unmöglich die Liebe zu Gott regieren, ohne daß sie aus sich heraus die brüderliche Liebe unter Menschen erzeugt. Wenn nun Mose befiehlt, seinen Nächsten zu lieben wie sich selbst, so wollte er nicht etwa die Liebe zu sich selbst an die erste Stelle rücken, so daß jeder vor allem sich selbst lieben solle und dann erst die Nächsten, wie das törichte Geschwätz der Sophisten auf der Sorbonne lautet: Mose will uns im Gegenteil von unserer übergroßen Selbstsucht heilen; dazu stellt er den Nächsten mit uns auf die gleiche Stufe. Er hätte auch verbieten können, daß man, rücksichtslos gegen die andern, nur für sich selbst sorgt; denn die Liebe schließt alle zu einem Leib zusammen. Er geht gegen die Eigenliebe an, die die Menschen voneinander trennt, und ruft jeden einzelnen zur Gemeinschaft und zu einem gewissermaßen gegenseitigen liebevollen Umfangen. Daraus sehen wir, daß Paulus mit Recht die Liebe das Band der Vollkommenheit nennt (vgl. Kol. 3, 14) oder die Erfüllung des Gesetzes (vgl. Röm. 13, 10), da alle Gebote der zweiten Tafel auf sie bezogen werden müssen.

Luk. 10, 28. „Tue das, so wirst du leben.“ Kurz zuvor habe ich erklärt, wie diese Verheißung mit der gnädigen Rechtfertigung aus Glauben zusammenstimmt. Denn Gott rechtfertigt uns nicht darum ohne Werke, weil etwa das Gesetz keine vollkommene Gerechtigkeit aufwiese, sondern weil wir alle bei seiner Erfüllung versagen. Und deshalb heißt es, daß wir durch das Gesetz das Leben nicht erlangen können, da es durch unser Fleisch geschwächt ist (vgl. Röm. 8, 3). Also stimmt beides gut zusammen, einmal, daß das Gesetz lehrt, daß sich die Menschen diese Gerechtigkeit durch die Werke verschaffen sollen, und auf der andern Seite, daß niemand durch die Werke gerecht wird, nicht weil der Fehler in der Lehre des Gesetzes läge, sondern bei den Menschen. Zugleich wollte Christus damit die Verleumdung entkräften, die ihm von den Einfältigen und Ungebildeten angehängt wurde, daß er nämlich das Gesetz als beständige Richtschnur für die Gerechtigkeit nicht mehr gelten lasse.

Luk. 10, 29. „Er aber wollte sich selbst rechtfertigen.“ Es könnte so aussehen, als habe diese Frage mit der Rechtfertigung des Menschen nichts zu tun Wenn wir uns jedoch daran erinnern, was ich schon anderwärts sagte, daß sich die Heuchelei besonders gut anhand der zweiten Tafel aufdecken läßt (manche geben nämlich vor, sie seien ausgezeichnete Verehrer Gottes und treten dabei die Liebe zum Nächsten öffentlich mit Füßen), wird uns sofort klar, daß der Pharisäer diese Ausflucht benutze, um nicht ins helle Licht zu geraten und seinen falschen Heiligenschein zu verlieren. Denn da er merkt, daß die Prüfung seiner Liebe sich gegen ihn auswirken würde, versteckte er sich hinter dem Wort „Nächster", um nicht als Übertreter des Gesetzes dazustehen. Bekanntlich war das Gesetz von den Schriftgelehrten dahin umgedeutet worden, daß man nur die für seine Nächsten hielt, die dessen würdig waren. Daraus war dann unter ihnen der Grundsatz herrschend geworden, seine Feinde dürfe man hassen. Denn da die Heuchler fürchten, ihr Leben werde nach dem Maßstab des Gesetzes beurteilt, suchen sie ihre Schuld hinter allen möglichen Ausflüchten zu verbergen.

Luk. 10, 30. „Da antwortete Jesus und sprach.“ Christus hätte einfach sagen können, daß mit dem Wort „Nächster" jeder beliebige Mensch gemeint sei, weil die gesamte Menschheit durch ein heiliges Band der Gemeinschaft verbunden ist. Und gerade darum gebraucht der Herr im Gesetz ja dieses Wort, um uns recht lockend zur gegenseitigen Liebe zu ermuntern. Deutlicher wäre die Anweisung gewesen: Liebe jeden Menschen wie dich selbst. Da aber die Menschen ihr Hochmut blind macht, so daß jeder mit sich selbst zufrieden ist und die andern kaum für gleichwertig hält und ihnen verweigert, wozu er verpflichtet wäre, verkündet der Herr absichtlich, daß jeder Mensch der Nächste sei, damit eine solche Verbundenheit die Menschen einander näherbringe. Die Tatsache also, daß jemand ein Mensch ist, macht ihn für uns bereits zum Nächsten; denn es steht uns nicht zu, die gemeinsame natürliche Verbundenheit aufzuheben. Doch Christus wollte dem Pharisäer eine Antwort entlocken, mit der er sich selbst verurteilte. Denn da bei den Pharisäern die Lehrbestimmung geltend war, daß nur ein Freund auch ein Nächster für uns sei, hätte der Pharisäer niemals zugegeben, daß mit dem Wort „Nächster" alle Menschen gemeint sind, wenn Christus ihn ohne Umschweife gefragt hätte: Wer ist dein Nächster? Zu diesem Bekenntnis zwingt ihn nun das angeführte Gleichnis, das sagen will, jeder Mensch, und sei es der allerunbekannteste, ist für uns Nächster; denn Gott hat alle Menschen miteinander verbunden, damit sie sich gegenseitig helfen. Damit macht Christus den Juden und besonders ihren Priestern einen scharfen Vorwurf, daß sie sich zwar rühmen, Kinder desselben Vaters zu sein und sich durch das Vorrecht der Kindschaft von den andern Völkern zu unterscheiden, um vor ihnen als Gottes heiliges Erbe dazustehen, trotzdem aber grausam und in maßloser Verachtung aufeinander herabsehen, als ob keinerlei Verwandtschaft zwischen ihnen bestünde. Zweifellos gibt Christus hier ein Bild von der Kälte und Lieblosigkeit, deren jene sich selbst bewußt waren. Seine Hauptabsicht bei diesem Gleichnis ist jedoch zu zeigen, daß die Verbundenheit, die uns zu gegenseitigen Gefälligkeiten verpflichtet, nicht auf Freunde oder Blutsverwandte beschränkt werden darf, sondern für die gesamte Menschheit gilt. Um das klarzustellen, vergleicht Christus einen Samariter mit einem Priester und einem Leviten. Es ist genügend bekannt, wie erbittert die Juden die Samariter haßten, so daß trotz ihrer nachbarschaftlichen Wohnlage eine abgrundtiefe Kluft zwischen ihnen herrschte. Nun sagt Christus, daß ein jüdischer Bürger von Jericho auf seiner Reise nach Jerusalem von Räubern verwundet und sowohl von einem Priester wie von einem Leviten liegengelassen worden sei, obwohl sie ihn halbtot angetroffen hatten, daß aber ein Samariter sich seiner freundlich angenommen habe. Und dann fragt Christus, wer von diesen dreien für den Juden der Nächste gewesen ist. Nun konnte der verschlagene Schriftgelehrte nicht mehr entkommen; er mußte dem Samariter den Vorzug vor den beiden andern geben. Hier wird den Schriftgelehrten wie in einem Spiegel die Verbundenheit der Menschen gezeigt, die sie mit ihren verfluchten Spitzfindigkeiten zu leugnen gesucht hatten. Und die Barmherzigkeit, die ein Feind dem Juden gewährt, beweist, daß, nach der Stimme der Natur, der Mensch um des Menschen willen geschaffen ist. Daraus ergibt sich eine gegenseitige Verpflichtung für alle Menschen. Das Sinnbild, das die Verfechter des freien Willens hier zu entdecken glauben, ist zu unsinnig, als daß es einer Widerlegung nur würdig wäre. Der verwundete Mann ist für sie ein Bild für die Lage nach Adams Fall. Da es von ihm heiße, er sei nur halbtot gewesen, könne also auch nicht die Fähigkeit zum guten Handeln in ihm völlig ausgelöscht worden sein. Als ob Christus hier über die Verderbtheit der menschlichen Natur hätte sprechen wollen und darlegen, ob Satan Adam eine tödliche oder heilbare Wunde beigebracht hat. Als ob er nicht klar und ohne Gleichnis an anderer Stelle ausgesprochen hätte, daß alle tot seien, außer denen, die er mit seiner Stimme lebendig macht (vgl. Joh. 5, 25). Die andere sinnbildliche Ausdeutung klingt nicht besser, und doch ist sie so eingeschlagen, daß sie bei allen nahezu als Orakel aufgenommen wurde. Der Samariter soll danach Christus darstellen, weil er unser Beschützer sei. Wein und Öl seien in die Wunde gegossen worden, weil Christus uns mit der Buße und der Verheißung seiner Gnade heile. Als dritte Spitzfindigkeit hatte man sich ausgedacht, daß Christus die Genesung nicht sofort geschenkt habe, sondern die Pflege zu allmählicher Besserung der Kirche als dem Wirt aus dem Gleichnis anvertraut habe. Nichts von alledem ist meiner Meinung nach glaubwürdig. Die Ehrerbietung gegenüber der Schrift ist wahrhaftig höher zu achten, als daß man ihren echten Sinn mit solcher Willkürlichkeit umdeuten dürfte. Es muß doch jedermann deutlich sein, daß diese Spekulationen von müßigen Menschen ganz gegen die Meinung Christi erfunden sind. (...)

Mark. 12, 32. „Meister, du hast wahrlich recht geredet.“ Nur Markus erwähnt, daß der Schriftgelehrte befriedigt gewesen sei. Das ist darum wichtig, weil er Christus böswillig und hinterhältig angegriffen hatte und nun nicht nur stillschweigend der Wahrheit weicht, sondern Christus öffentlich und aufrichtig zustimmt. Er war also keiner von der Art Feinde, deren Hartnäckigkeit unheilbar ist und die, wenn sie auch hundertmal überführt sind, doch nicht aufhören, der Wahrheit auf irgendeine Weise zu widerstehen. Außerdem zeigt uns diese Antwort, daß Christus gar nicht nun genau aus diesen beiden Worten eine Regel für das Leben aufstellen wollte, sondern er ergriff die Gelegenheit und wandte sich gegen die erlogene, geheuchelte Heiligkeit der Schriftgelehrten, die vor lauter Beobachtung der äußerlichen Zeremonien die Anbetung Gottes im Geist beinahe für gar nichts ansahen und die Liebe vollends gar nicht weiter in Betracht zogen. Obwohl nun dieser Schriftgelehrte auch von solchen Fehlern behaftet war, hatte er doch, wie das zuweilen zu gehen pflegt, einen Samen richtiger Erkenntnis aus dem Gesetz in sich aufgenommen, den er in seinem Herzen verschlossen und erstickt hatte. Darum ließ er sich willig von seinem Irrtum zurückbringen. Auffällig ist jedoch, daß der Schriftgelehrte die Opfer hinter die Nächstenliebe stellt, obwohl sie zum Gottesdienst und zur ersten Tafel gehören. Das erklärt sich leicht: Obwohl der Gottesdienst weit über allem steht und höher zu schätzen ist als alle Pflichten eines gerechten Lebens, bedeuten doch die äußerlichen Erfüllungen des Gottesdienstes nicht so viel, daß sie die Liebe verdrängen dürfen. Denn wir wissen, daß die Liebe schon an sich Gott gefällt, während er sich um die Opfer nicht weiter kümmert und sie nicht billigt, es sei denn, sie verfolgen ein höheres Ziel. Außerdem handelt es sich hier nur um nichtige, eitle Opfer, da Christus eine scheinbare Frömmigkeit einem wahren, aufrichtigen Wesen gegenüberstellt. Dieselbe Lehre begegnet uns auch immer wieder bei den Propheten, um den Heuchlern einzuprägen, daß ihre Opfer wertlos sind, wenn sie nicht mit einer geistlichen Wahrhaftigkeit einhergehen, und daß sich Gott nicht mit Tieropfern versöhnen läßt, wo man es an der Liebe fehlen läßt.

Mark. 12, 34. „Da Jesus aber sah, daß er verständig antwortete.“ Ob dieser Schriftgelehrte daraufhin weitere Fortschritte gemacht hat, muß dahingestellt bleiben. Da er sich jedoch empfänglich gezeigt hatte, reicht Christus ihm die Hand und lehrt uns mit seinem Beispiel, denen zu helfen, bei denen sich ein gewisser Anfang von Offenheit oder richtiger Erkenntnis anbahnt. Aus zwei Gründen erklärt Christus, dieser Schriftgelehrte sei nicht fern vom Reich Gottes: einmal hatte er ein offenes Ohr für seine Pflicht, und dann unterscheidet er klug zwischen wirklich notwendigem Dienst und nur äußerlichem Gebaren des Kultes. Die Erklärung Christi, er sei dem Reich Gottes nahe, soll weniger ein Lob als eine Ermunterung sein; und in seiner Person legt er es uns allen ans Herz, unbeirrt auf dem einmal beschrittenen richtigen Weg weiterzugehen. Wir erkennen aber auch aus diesen Worten, daß sich viele, seien sie auch jetzt noch in Irrtümer verstrickt, doch schon dem richtigen Weg nähern, wenn sie ihn auch noch nicht sehen, und daß sie auf diese Weise vorbereitet werden, in der Kampfbahn des Herrn zu laufen, wenn die Zeit dazu da ist. Wenn die Evangelisten sagen, den Gegnern sei der Mund gestopft worden, so daß sie nicht wagen, Christus weiter nachzustellen, so darf man das nicht so auffassen, als hätten sie von ihrer verstockten Hartnäckigkeit abgelassen. Denn innerlich knirschten sie mit den Zähnen, wie es wilde Tiere tun, wenn sie in einen Käfig eingesperrt werden, oder gleich wilden Pferden bissen sie auf ihren Zaum. Aber je eiserner ihre Härte, je unbeugsamer ihre Rebellion war, desto herrlicher erscheint der Triumph Christi über beides. Sein Sieg muß uns ungemein ermutigen, daß wir uns niemals aus der Verteidigung der Wahrheit verdrängen lassen, da wir doch des Erfolges sicher sind. Es mag zwar oft geschehen, daß sich die Feinde bis ans Ende frech gegen uns gebärden; aber endlich wird Gott doch dafür sorgen, daß solcher Zorn auf ihr eigenes Haupt zurückfällt und die Wahrheit trotz alledem siegreich bleibt.




Aus: Otto Weber, Calvins Auslegung der Heiligen Schrift. Dreizehnter Band: Die Evangelien-Harmonie 2. Teil, Neukirchener Verlag, 1974, S. 211ff.
Tod, wo ist dein Stachel? Totenreich, wo ist dein Sieg? 1Kor 15,55

lutz
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Beitragvon lutz » 11.09.2010 20:43


14. Sonntag nach Trinitatis: Lukas 17,11-19 – die zehn Aussätzigen
von Johannes Calvin

Ein Beispiel dafür, wie wir ''Gottes Wohltaten richtig genießen sollen''.


Lukas 17,11-19
11 Und es begab sich, da er reiste nach Jerusalem, zog er zwischen Samarien und Galiläa hin.
12 Und als er in ein Dorf kam, begegneten ihm zehn aussätzige Männer, die standen von ferne
13 und erhoben ihre Stimme und sprachen: Jesu, lieber Meister, erbarme dich unser!
14 Und da er sie sah, sprach er zu ihnen: Gehet hin und zeiget euch den Priestern! Und es geschah, da sie hingingen, wurden sie rein.
15 Einer aber unter ihnen, da er sah, daß er gesund geworden war, kehrte er um und pries Gott mit lauter Stimme
16 und fiel auf sein Angesicht zu Jesu Füßen und dankte ihm. Und das war ein Samariter.
17 Jesus aber antwortete und sprach: Sind ihrer nicht zehn rein geworden? Wo sind aber die neun?

Matthäus und auch die beiden andern Evangelisten haben bereits (Matth. 8, 2; Mark. 1, 49; Luk. 5, 12) erzählt, Christus habe einen (einzigen) Aussätzigen geheilt. Daneben berichtet Lukas, das gleiche Heilungswunder habe sich bei zehn Aussätzigen zugetragen. Diese Geschichte will nun aber etwas anderes erreichen: Hier wird die schmähliche, unglaubliche Undankbarkeit des jüdischen Volkes beschrieben, damit sich niemand darüber wundert, daß bei ihnen so viele Wohltaten und Wunder Christi einfach in Vergessenheit begraben wurden. Dazu kommt noch ein Umstand, der ihre Schande nur noch größer macht. Denn obwohl der Herr neun Juden geheilt hatte, dankte ihm auch nicht einer dafür, sondern sie machten sich heimlich davon, so als ob ihnen nicht die geringste Erinnerung ihrer Krankheit geblieben wäre. Nur ein einziger, ein Samariter, bekannte, was er Christus schuldig war. Auf der einen Seite strahlt hier also die göttliche Macht Christi auf; auf der anderen Seite wird den Juden ihre Gottlosigkeit vorgeworfen, die sie ein so herrliches Wunder kaum beachten ließ.

Luk. 17, 13. „Jesu, lieber Meister, erbarme dich unser!“ Alle diese Männer haben natürlich ein gewisses Maß an Glauben besessen. Denn sie flehen Christus nicht nur um Hilfe an, sie zeichnen ihn auch mit dem Titel „Meister" aus. Sie müssen ehrlich und nicht aus Heuchelei so gesprochen haben; denn sie gehorchten sofort. Obwohl sie bis dahin nichts als schmutzigen Aussatz an ihrem Körper sehen konnten, gehorchten sie doch auf der Stelle und ohne Zögern dem Befehl, sich den Priestern zu zeigen. Zudem wären sie niemals zu den Priestern gegangen, wenn ihr Glaube sie nicht dazu getrieben hätte. Denn es wäre lächerlich gewesen, sich den Sachverständigen für den Aussatz vorzustellen, um ihre Reinheit bestätigen zu lassen, wenn ihnen die Verheißung Christi nicht mehr gegolten hätte als der jetzige Anblick ihrer Krankheit. An ihrem Körper tragen sie zwar den Aussatz noch sichtbar mit sich herum; aber im Vertrauen auf das bloße Wort Christi geben sie sich bedenkenlos als rein aus. Man kann also nicht bestreiten, daß ein gewisser Same von Glauben in ihre Herzen eingesenkt war. Es ist zwar sicher daß sie nicht durch den Geist der Kindschaft wiedergeboren waren, trotzdem ist es nicht unsinnig, ihnen gewisse Anfänge der Frömmigkeit zuzusprechen. Um so mehr müssen wir sorgen, daß nicht auch bei uns einmal die Funken des Glaubens, die in uns glimmen, verlöschen. Ein lebendiger Glaube, der durch den Geist der Wiedergeburt feste Wurzeln geschlagen hat, kann zwar niemals ersterben; doch sehen wir hin und wieder, daß viele einen Glauben auf Zeit fassen, der dann gleich wieder vergeht. Gerade dieser Fehler ist nur allzu verbreitet, daß wir in einer drängenden Notlage uns dazu herbeilassen, Gott zu suchen, ja, der Herr selbst treibt uns dazu durch das verborgene Wirken des Geistes; wenn wir dann aber unsere Wünsche erfüllt sehen, wird diese Regung von Glauben verdrängt durch undankbares Vergessen. So erzeugen Not und Hunger den Glauben, und die Sattheit tötet ihn wieder.

Luk. 17, 14. „Zeiget euch den Priestern.“ Statt dieser Antwort hätte Jesus auch sagen können: Ihr seid rein. Denn wir wissen, daß im Gesetz den Priestern das Urteil über den Aussatz übertragen war, damit sie die Reinen von den Unreinen unterschieden. Christus tastet also ihr Recht nicht an und läßt sie Zeugen und Begutachter seines Wunders sein. Darum sagten wir schon, daß die Männer fromm und ehrerbietig von Christus gedacht haben müssen, wenn sie, die bislang krank waren, auf den bloßen Ausspruch Christi hin sofort Hoffnung auf Heilung faßten. Es ist jedoch unsinnig, wenn die Päpstlichen aus dieser Stelle ihre Ohrenbeichte ableiten. Ich gebe zu, daß die Aussätzigen von Christus zu den Priestern geschickt wurden; aber doch nicht dazu, daß sie ihre Sünden in die Ohren der Priester trompeteten, sondern sie wurden vielmehr dazu geschickt, um nach der Vorschrift des Gesetzes ein Dankopfer darzubringen. Und sie wurden auch nicht hingeschickt, um sich reinigen zu lassen, so wie die Beichte den Papisten Reinheit verschafft, sondern um den Priestern zu zeigen, daß sie schon vorher rein geworden waren. Sie sind doppelt töricht, weil sie nicht bedenken, welch schmählichen Flecken sie damit ihrer Beichte anheften; denn nach ihrer Deutung käme aus der ganzen Schar, die zu den Priestern läuft, nur der zehnte Teil zu Christus, alle übrigen aber würden in gottloser Weise abtrünnig! Sie können nämlich mit ihrem Wort Beichte nicht vorschützen, daß man den Erfolg der Lösung wieder aufheben kann, wenn keiner, der von den Priestern kommt, Gott die Ehre gibt. Im übrigen wollen wir das dumme Zeug, zu dem die Erwähnung der Priester geführt hat, auf sich beruhen lassen.
„Und es geschah, da sie hingingen, wurden sie rein.“ Hier strahlt die göttliche Kraft Christi und die seiner Worte auf, und es zeigt sich, wie sehr Gott am Gehorsam des Glaubens Gefallen hat. Denn diese so plötzliche Heilung kam daher, daß sie sich auf gewisse Hoffnung stützten, als sie sich auf den Befehl Christi hin bedenkenlos auf den Weg machten. Wenn schon dieser vergängliche Glaube, der nur Blattwerk hervorbrachte, weil er keine lebendige Wurzel hatte, von Gott mit so wunderbarem Erfolg beschenkt wird, ein wieviel schönerer Preis wartet auf unseren Glauben, wenn er nur treu und fest in Gott verankert ist! Denn obwohl den neun Aussätzigen die Heilung ihres Körpers nichts zur Seligkeit nützte, sondern ihr schwacher, hinfälliger Glaube ihnen nur ein zeitliches Geschenk einbrachte, wird uns doch an diesem Beispiel gezeigt, welche Wirkung erst ein wahrer Glaube haben muß.

Luk. 17, 15. „Einer aber unter ihnen.“ Es ist nicht recht klar, ob dieser eine mitten auf dem Weg umgekehrt ist, wie es die Worte des Lukas anzudeuten scheinen. Es kommt mir jedoch wahrscheinlicher vor, daß er erst zum Danksagen zurückkam, nachdem er das Urteil des Priesters vernommen hatte. Denn der Priester mußte ihm erst die Erlaubnis geben, wieder mit anderen Menschen verkehren zu dürfen; auch durfte er nicht einfach Christi Befehl übergehen und dem Tempel das Dankopfer gegen Gott entziehen. Aber vielleicht gefällt die andere Vermutung besser, daß er sofort, nachdem er sich als geheilt erkannte und bevor er von den Priestern das Gutachten einholte, gekommen ist, weil er von einem frommen heiligen Feuer für seinen Wohltäter ergriffen worden war. Er hätte dann sein Dankopfer erst nach seiner Danksagung dargebracht.
Im übrigen liegt in den Worten Christi ein Vorwurf gegen das ganze Volk (vgl. 17, 17). Voll Bitterkeit vergleicht er den einen Fremden mit der Mehrzahl der Juden, die es sich zur Gewohnheit gemacht hatten, Gottes Wohltaten ohne eine Regung von Frömmigkeit an sich zu reißen. Und so kam es, daß Christus mit all seinen vielen herrlichen Wundern sich bei ihnen kaum einen Namen machen konnte. Es ist uns jedoch klar, daß diese Anklage ganz allgemein uns alle verdammt, wenn wir Gottes Wohltaten nicht wenigstens so erwidern, daß wir Dankbarkeit dafür zeigen.

Luk. 17, 19. „Dein Glaube hat dir geholfen.“ Einige Ausleger beschränken das Wort „helfen" auf die Reinheit am Körper. Aber wenn das stimmt, obwohl Christus an dem Samariter doch einen lebendigen Glauben lobt, muß man fragen, auf welche Weise dann den andern neun geholfen worden war. Denn sie alle hatten doch ohne Unterschied die Gesundheit wiedererlangt. Folglich muß Christus die Gnadengabe Gottes hier anders angesehen haben, als es die gottlosen Menschen gewöhnlich tun; er muß sie wie ein Zeichen und Unterpfand der göttlichen Liebe betrachtet haben. Die neun Aussätzigen waren auch geheilt. Doch da sie Gottes Gnade in gottloser Weise vergessen hatten, brachte ihre Undankbarkeit einen Makel für ihre neuerworbene Gesundheit, so daß sie keinen rechten Nutzen aus ihr schöpfen konnten. Allein der Glaube heiligt uns also die Gaben Gottes, so daß sie rein sind und uns durch rechten Gebrauch zum Heil ausschlagen. Christus bezeugt mit diesem Wort auch, wie wir Gottes Wohltaten richtig genießen sollen. Wir sehen daraus, daß die ewige Rettung für die Seele mit dem zeitlichen Geschenk eng zusammenhängt. Durch seinen Glauben wurde dem Samariter geholfen. Doch wie? Sicher nicht nur so, daß er von seinem Aussatz geheilt war (denn das hatte er ja mit den andern gemeinsam). Sondern er war unter die Schar der Kinder Gottes aufgenommen worden, um das Pfand der väterlichen Liebe aus seiner Hand zu empfangen.


Aus: Otto Weber, Calvins Auslegung der Heiligen Schrift. Dreizehnter Band: Die Evangelien-Harmonie 2. Teil, Neukirchener Verlag, 1974, S. 5ff.

lutz
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Beitragvon lutz » 18.09.2010 18:43


15. Sonntag nach Trinitatis: Matthäus 6,25-34 - Sorget nicht!
von Johannes Calvin

''Wenn wir Christi Worte richtig verstehen, untersagt er uns nicht jegliche Sorge, sondern nur solche, die aus dem Mißtrauen genährt wird.''


Matthäus 6,25-34
25 Darum sage ich euch: Sorget nicht um euer Leben, was ihr essen und trinken werdet; auch nicht um euren Leib, was ihr anziehen werdet. Ist nicht das Leben mehr als die Speise und der Leib mehr als die Kleidung? 26 Sehet die Vögel unter dem Himmel an: sie säen nicht, sie ernten nicht, sie sammeln nicht in die Scheunen; und euer himmlischer Vater nährt sie doch. Seid ihr denn nicht viel mehr als sie?
27 Wer ist unter euch, der seines Lebens Länge eine Spanne zusetzen kann, ob er gleich darum sorgt?
28 Und warum sorgt ihr für die Kleidung? Schauet die Lilien auf dem Felde, wie sie wachsen: sie arbeiten nicht, auch spinnen sie nicht.
29 Ich sage euch, daß auch Salomo in aller seiner Herrlichkeit nicht bekleidet gewesen ist wie derselben eine.
30 So denn Gott das Gras auf dem Felde also kleidet, das doch heute steht und morgen in den Ofen geworfen wird: sollte er das nicht viel mehr euch tun, o ihr Kleingläubigen?


In diesem ganzen Redeabschnitt tadelt Christus die allzu ängstliche Sorge um Unterhalt und Kleidung, mit der sich die Menschen quälen, und weist zugleich das Mittel an, diese Krankheit zu heilen. Daß er ihnen das Sorgen verbietet, darf man nicht so genau nehmen, als ob er die Seinen aller Sorge enthöbe. Wir wissen, daß die Menschen nun einmal so geboren sind, daß sie irgendeine Sorge mit sich herumtragen. Das ist nicht zuletzt ein Teil des Elends, das Gott uns zur Strafe auferlegte, um uns zu demütigen.

Aber übertriebene Sorge verurteilt er aus zwei Gründen: weil die Menschen sich nämlich vergeblich mit ihr quälen und martern, indem sie sich mehr mühen, als ihre Umstände es erlauben oder ertragen. Darum nehmen sie sich mehr heraus, als ihnen zusteht, und vergessen, im Vertrauen auf ihren eigenen Fleiß, Gott anzurufen. Jene Verheißung bleibt bestehen, daß die Gläubigen um der Gnade Gottes willen ruhig schlafen dürfen, während die Ungläubigen spät zu Bett gehen, früh aufstehen und ihr Brot mit Sorgen essen (vgl. Ps. 127, 2). Mögen die Kinder Gottes auch von Mühe und Sorge nicht frei sein, so kann man sie doch nicht eigentlich um ihren Lebensunterhalt bekümmert nennen, weil sie in der Geborgenheit der göttlichen Fürsorge ruhig leben dürfen.

Hieraus zeigt sich, wie weit die Sorge um den Unterhalt zu treiben ist: jeder von uns soll arbeiten, soweit es sein Beruf erfordert und der Herr es befiehlt, damit das Bedürfnis einen jeden dazu treibt, Gott anzurufen. Solche Sorge hält die Mitte zwischen lässiger Sicherheit und überflüssiger Marter, mit der sich die Ungläubigen aufreiben. Wenn wir Christi Worte richtig verstehen, untersagt er uns nicht jegliche Sorge, sondern nur solche, die aus dem Mißtrauen genährt wird. Ihr sollt euch nicht darum sorgen, sagt er, was ihr essen und trinken werdet. Das ist wahrlich denen eigen, die in Furcht vor Not und Mangel zittern, als ob es ihnen jeden Augenblick an Nahrung fehlen könnte.

Matth. 6, 25. „Ist nicht das Leben mehr...“ Der Schluß geht vom Größeren auf das Geringere. Christus hatte übertriebene Sorge verboten, damit das Leben erträglich würde. Nun fügt er den Grund hinzu: Gott, der das Leben selbst gegeben hat, wird doch bestimmt nicht dulden, daß uns die Mittel zu seiner Erhaltung fehlen. Und sicherlich tun wir Gott kein geringes Unrecht, sooft wir ihm nicht zutrauen, daß er uns mit Nahrung und Kleidung versorgt, als ob er uns nur zufällig in die Welt gesetzt hätte. Wer nämlich fest überzeugt ist, daß Gott, der Schöpfer des Lebens selbst, sehr genau über unsere Lebenslage Bescheid weiß, der wird nicht bezweifeln, daß er in allerbester Weise auch für unsere Nöte sorgt. Sooft uns also irgendeine Sorge oder Unruhe um den Unterhalt ankommen mag, wollen wir daran denken, daß unser Leben Gottes Sorge ist, weil er es uns geschenkt hat.

Matth. 6, 26. „Sehet die Vögel unter dem Himmel an.“ Hier ist nun das Heilmittel: wir sollen lernen, uns in die Fürsorge Gottes einzubetten. Denn der Unglaube ist der Vater aller Sorge, die das Maß übersteigt. Darum ist das einzige Mittel gegen die Habsucht, wir nehmen Gottes Verheißungen an, mit denen er bezeugt, daß er für uns sorgen wolle. Auf diese Art will der Apostel (Hebr. 13, 5) die Gläubigen von der Besitzgier befreien; darum bestätigt er diesen Grundsatz, weil es doch heißt: „Ich will dich nicht verlassen noch versäumen." Im ganzen ermuntert er uns, Gott zu vertrauen, der keinen von den Seinen, wie verachtet er auch sein mag, übersieht. Man muß aufmerksam darauf achten, daß er sagt, der himmlische Vater ernähre die Vögel. Wenn sie sich auch auf wunderbare Weise am Leben erhalten, wer von uns denkt schon daran, daß ihr Leben von der Fürsorge Gottes abhängt, die auch sie gnädig mit umfaßt? Wenn sich nun dies tief in unser Herz senkt, daß Gottes Hand den Vögeln ihre Nahrung darreicht, fällt es uns auch nicht schwer, für uns zu hoffen, die wir nach seinem Bild geschaffen sind und zu seinen Kindern gezählt werden. Wenn er sagt: „Die Vögel ... säen nicht, sie ernten nicht“, will er uns damit keineswegs zu Müßiggang und Faulheit einladen; er meint nur, wenn auch alle Reserven uns im Stich lassen, wird uns allein die Fürsorge Gottes genügen, die den Tieren das Lebensnotwendige im Überfluß schenkt. Lukas setzt für „Vögel" Raben und spielt damit vielleicht auf jene Psalmstelle (147, 9): „Der dem Vieh sein Futter gibt, den jungen Raben, die zu ihm rufen." Manche meinen, David habe deshalb ausdrücklich von Raben gesprochen, weil sie sofort von den Alten verlassen werden und es besonders nötig haben, daß sie durch die Hand Gottes genährt werden. Daraus zeigt sich, daß Christus die Seinen nichts anderes lehren wollte, als ihre Sorge auf Gott zu werfen.

Matth. 6, 27. „Wer ist unter euch, der seines Lebens Länge eine Spanne zusetzen kann?“ Hier verurteilt Christus einen anderen Fehler, der fast immer mit übertriebener Sorge um Lebensunterhalt verbunden ist, nämlich daß der Mensch sich anmaßt, was ihm nicht zukommt, und ohne Bedenken in gottloser Verwegenheit seine Grenzen überschreitet. „Ich weiß, Herr", sagt Jeremia (10, 23), „daß des Menschen Tun nicht in seiner Gewalt steht, und es liegt in niemandes Macht, wie er wandle oder seinen Gang richte. Man findet unter hundert kaum einen Menschen, der sich nicht irgend etwas vom eigenen Fleiß und seiner Tüchtigkeit zu versprechen wagte. Hieraus folgt, daß Gott hintangestellt wird und sie, was immer sie bewerkstelligen, bedenkenlos jeglichen Erfolg sich zuschreiben. Um solche Tollkühnheit zu bändigen, sagt Christus, alles, was zur Erhaltung unseres Lebens diene, hänge allein von Gottes Segen ab; als ob er sagen würde: in törichter Weise reiben sich die Menschen auf, da nun einmal all ihre Mühe überflüssig und vergeblich, ihre Sorge ohne Erfolg ist, solange Gott sie nicht segnet. Das drückt Lukas noch klarer aus, wenn Christus hinzufügt: „So ihr denn das Geringste nicht vermöget, warum sorgt ihr für das andere?" Aus jenen Worten geht deutlich genug hervor, daß mit dem Unglauben zugleich der Hochmut überführt wird, daß die Menschen ihrer Geschicklichkeit mehr zutrauen, als billig ist.

Matth. 6, 29. „Auch Salomo in aller seiner Herrlichkeit...“ Der Sinn ist: Was an Güte aus Gras und Blumen hervorleuchtet, übersteigt weit, was Menschen mit ihrem Reichtum, ihrer Macht oder auf sonstige Weise vermögen. Die Gläubigen sollen fest annehmen, daß ihnen nichts zur vollkommenen Fülle fehlen wird, wenn sie auch keine Hilfsmittel haben und einzig der Segen Gottes kräftig ist.

Matth. 6, 30. „O ihr Kleingläubigen.“ Nicht ohne Grund beklagt sich Christus hier über Mangel und Schwachheit des Glaubens; denn je mehr wir mit unserer kurzsichtigen Vernunft um unser irdisches Leben besorgt sind, desto offenbarer wird der Unglaube, wenn nicht alles nach Wunsch geht. Sehr viele, die in ruhigen Zeiten wenigstens ein erträgliches Maß an Glauben aufzuweisen scheinen, verzweifeln darum, wenn die Gefahr der Armut auf sie zukommt.

31 Darum sollt ihr nicht sorgen und sagen: Was werden wir essen? Was werden wir trinken? Womit werden wir uns kleiden?
32 Nach solchem allem trachten die Heiden. Denn euer himmlischer Vater weiß, daß ihr des alles bedürft.
33 Trachtet am ersten nach dem Reich Gottes und nach seiner Gerechtigkeit, so wird euch solches alles zufallen.
34 Darum sorget nicht für den andern Morgen, denn der morgende Tag wird für das Seine sorgen. Es ist genug, daß ein jeglicher Tag seine eigene Plage habe.


Hier verfolgt er dieselbe Absicht wie oben: die Gläubigen sollen sich der väterlichen Sorge Gottes anvertrauen und von ihm erhoffen, was sie für sich notwendig halten, damit sie sich nicht mit überflüssiger Ängstlichkeit peinigen. Er verbietet das „Sorgen“ oder das „Fragen“, wie es bei Lukas heißt. Er meint damit die Art derer, die hierhin und dorthin spähen und Gott nicht anschauen, auf den allein sie gerichtet sein sollten. Niemals geben sie Ruhe, solange sich unter ihren Augen nicht der Ertrag eines ganzen Jahres häuft. So wenig räumen sie Gott das Amt ein, die Welt zu erhalten, daß sie sich in geschäftiger Unruhe erhitzen und quälen. Wenn er sagt: „nach solchem allem trachten die Heiden", wirft er ihnen allzugrobe Unwissenheit vor, aus der all diese Sorgen fließen. Denn daß die Ungläubigen sich niemals beruhigen können, kommt nur daher, daß sie sich vorstellen, Gott sei müßig und schlafe im Himmel, oder wenigstens, er kümmere sich nicht um ihre menschlichen Angelegenheiten, daß er sie in seiner Treue einhüllt und wie seine Familie ernährt.

Der Vergleich (mit den Heiden) bedeutet: Die haben schlechte Fortschritte gemacht, ja noch nicht einmal die Anfänge der Frömmigkeit erfaßt, die mit den Augen des Glaubens nicht Gottes Hand sehen, die gedrängt voll ist von einer verborgenen Fülle alles Guten, so daß sie gelassen und ruhig von daher ihre Versorgung erwarten dürfen. „Euer himmlischer Vater", sagt er, „weiß, daß ihr des alles bedürft." Er will sagen: Wer allzu ängstlich für sein Leben sorgt, ehrt die väterliche Güte und geheime Fürsorge Gottes nicht mehr als die Ungläubigen.

Luk. 12, 29. „Macht euch keine Unruhe.“ Diese Worte entsprechen dem letzten Satz bei Matthäus: Sorgt nicht für den andern Morgen. Christus tadelt einen neuen Fehler; denn die Menschen umfaßten am liebsten gleich fünf Jahrhunderte mit ihrer Vorsorge. Das griechische Wort, das Lukas gebraucht, heißt eigentlich: „von einer Höhe Ausschau halten", was wir gewöhnlich nennen: „das Auge lange hin und her schweifen lassen". Die Zügellosigkeit unseres Fleisches scheut keine Mühe, Himmel und Erde hundertmal umzuwälzen. Dadurch bleibt für Gottes Fürsorge kein Platz mehr übrig. Deshalb rügt dieser Ausdruck eine übertriebene Wißbegier, weil wir durch sie unnütze Beschwerden auf uns ziehen und uns so selbst vor der Zeit elend machen. Wenn Matthäus sagt: „Es ist genug, daß ein jeglicher Tag seine eigene Plage habe“, meint er, daß die Gläubigen ihre Sorgen so weit mäßigen sollen, daß sie nicht über Gebühr vorsehend sein wollen. Wie gesagt, es wird nicht jegliche Geschäftigkeit verurteilt, sondern nur, was an verstecktem, maßlosem Umfang die Grenzen überschreitet.

Matth. 6, 33. „Trachtet am ersten nach dem Reich Gottes.“ Mit einem weiteren Argument rückt er der übertriebenen Nahrungssorge auf den Leib; er erweist, daß sie auch eine grobe, leichtfertige Vernachlässigung der Seele und des himmlischen Lebens bedeutet. Er gibt zu bedenken, wie falsch es sei, daß die Menschen, zu einem besseren Leben geboren, sich wieder an irdische Dinge hängen. Man kann dem Reich Gottes nur dann den ersten Platz einräumen, wenn man sich in der Mäßigung der Unterhaltssorge übt. Denn was ist geeigneter, den Mutwillen des Fleisches zu zügeln, damit er in diesem Leben nicht über die Stränge schlägt, als die Betrachtung des himmlischen Lebens? Das Wort „Gerechtigkeit“ kann man sowohl auf Gott wie auf sein Reich beziehen. Denn wir wissen, daß das Reich Gottes aus Gerechtigkeit, das heißt aus neugeschaffenem geistlichem Leben, besteht. Wenn er sagt, das Restliche werde dann von selbst zufallen, meint er, alles für das irdische Leben kommt wie eine Beigabe hinzu, die dem Reich Gottes untergeordnet werden muß.


Aus: Otto Weber, Calvins Auslegung der Heiligen Schrift. Zwölfter Band: Die Evangelien-Harmonie 1. Teil, Neukirchener Verlag, 1966, S. 221ff.

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Beitragvon lutz » 25.09.2010 21:31


16. Sonntag nach Trinitatis: Johannes 11,1-27.40-44 - Die Auferweckung des Lazarus

von Johannes Calvin

''Je nachdem, wie Christus sich dem Verständnis der Menschen anpaßt, offenbart er bald seine Gottheit vor aller Augen und nimmt für sich in Anspruch, was Gott zusteht, bald gibt er sich damit zufrieden, als Mensch zu handeln, und überlaßt die ganze Ehre der Gottheit, dem Vater. Beides verbindet der Evangelist hier aufs beste in einem Wort, indem er sagt, Christus werde vom Vater erhört, aber er danke ihm, damit die Menschen wüßten, er sei vom Vater gesandt.''


Johannes 11,1-45
1 Es lag aber einer krank mit dem Namen Lazarus aus Bethanien, dem Dorfe Marias und ihrer Schwester Martha.
2 Maria aber war es, die den Herrn gesalbt hat mir Salbe und seine Füße getrocknet mit ihrem Haar. Deren Bruder Lazarus war krank.
3 Da sandten seine Schwestern zu ihm und ließen sagen: Herr, siehe, den du liebhast, der liegt krank.
4 Da Jesus das hörte, sprach er: Diese Krankheit ist nicht zum Tode, sondern zu Verherrlichung Gottes, dass der Sohn Gottes dadurch verherrlicht werde.


V. 1. „Es lag aber einer krank ...“ Der Evangelist geht zu einer anderen Geschichte über, die ein besonders denkwürdiges Wunder enthält. Abgesehen nämlich davon, daß Christus bei der Erweckung des Lazarus einen einzigartigen Beweis seiner göttlichen Kraft gab, hat er damit zugleich ein lebendiges Abbild unserer zukünftigen Auferstehung uns vor Augen gestellt, und dies war gleichsam der Schlußakt seines Handelns; denn schon nahte die Zeit seines Sterbens. Kein Wunder also, wenn er vornehmlich mit dieser Tat seine Herrlichkeit hat aufleuchten lassen; denn er wollte, die Erinnerung an sie sollte sich am stärksten dem Gedächtnis der Seinen einprägen, so daß sie eine Besiegelung aller früheren sei. Christus hatte schon andere Tote erweckt, aber jetzt zeigte er seine Madit an einem verwesenden Leichnam. Die Umstände aber, die bei diesem Wunder zur Verherrlichung von Gottes Ehre dienen, werden wir an ihrem Ort der Reihe nach berichten. Daß er sagt, Lazarus stamme aus Bethanien, dem Flecken Marias und Marthas, geschieht wahrscheinlich deshalb, weil unter den Gläubigen der Name des Lazarus weniger bekannt war als der seiner Schwestern. Denn jene frommen Frauen pflegten Christus als Gastfreund aufzunehmen, wie es aus Lukas 10, 38 deutlich wird. Es wäre falsch anzunehmen, diese Maria, die Schwester des Lazarus, sei jenes verrufene Weib gewesen, die Lukas 7, 27 erwähnt wird. Der Grund für diesen Irrtum lag in der Salbung. Aber es steht ja fest, daß Christus öfter, und zwar an verschiedenen Orten, gesalbt worden ist. Die Sünderin, von der Lukas berichtet, hat Christus in Jerusalem gesalbt, wo sie auch lebte; Maria aber tat später dasselbe in Bethanien, in ihrem Wohnort. Daß es heißt: sie „salbte“ ihn, darf man zeitlich nicht auf eine Tat beziehen, um die es sich jetzt handelt; sondern die Vergangenheitsform ist bezogen auf die Zeit der Niederschrift, als wollte der Evangelist sagen: es handelt sich um die Maria, die später die Salbe ausgoß, derentwegen sich ein Murren unter den Jüngern erhob (Matth. 26, 7).

V. 3. „... Den du liebhast, der liegt krank.“ Eine kurze Botschaft; aber Christus konnte leicht daraus entnehmen, was die Schwestern von ihm wollten. Denn in diese Klage hüllen sie schüchtern die Bitte, er möge ihnen Hilfe bringen. Wir sollen uns zwar nicht daran hindern lassen, auch längere Bittgebete auszusprechen. Doch der Sinn ist folgender: unsere Sorgen und alles, was uns bedrückt, sollen wir vor Gott bringen, damit er uns Heilung bringen kann. So verfahren diese Frauen auch Christus gegenüber, sie legen ihm ihr persönliches Unglück dar und hoffen danach auf Abhilfe. Zu beachten ist auch, daß sie ihr Zutrauen auf Hilfe aus Christi Liebe schöpfen und daß dies die Richtschnur für rechtes Bitten ist. Wo nämlich Gottes Liebe ist, da ist auch die Rettung gewiß; denn er liebt ja nicht, um die, die er liebt, dann zu verlassen.

V. 4. „... Diese Krankheit ist nicht zum Tode ...“ Mit dieser Antwort wollte er den Jüngern die Sorge nehmen, er kümmere sich nicht um sie, da sie ihn so unbesorgt um die Lebensgefahr eines Freundes sahen. Damit sie sich also inzwischen um das Leben des Lazarus keine Gedanken machten, sagt er, die Krankheit sei nicht tödlich; ja, er verhieß ihnen sogar, daß sie für ihn der Anlaß zu neuer Verherrlichung werden würde. Zwar starb Lazarus ja dann doch, aber weil Christus ihm bald darauf das Leben zurückgab, sagte er in Rücksicht auf diesen Ausgang, die Krankheit sei nicht zum Tode. Das zweite Satzglied: zur Verherrlichung Gottes besagt nicht, daß Gottes Herrlichkeit im Tod der Gottlosen nicht genauso sichtbar würde wie in der Errettung der Frommen; sondern Christus spricht hier ausdrücklich von der Ehre Gottes, wie sie sich mit seinem Amt und Auftrag verbindet. Weiter offenbarte sich in Christi Wundern nicht die furchtbare Macht Gottes, sondern seine Güte und Milde. Wenn er also sagt, es sei keine Todesgefahr vorhanden, wo er seine und des Vaters Herrlichkeit erscheinen lassen will, so muß man überlegen, warum und wozu er vom Vater gesandt worden ist: nämlich um zu erretten, nicht um zu verderben. Große Bedeutung hat die Ausdrucksweise: „zur Verherrlichung Gottes“, damit Gottes Sohn dadurch verherrlicht werde. Daraus können wir nämlich ersehen, daß Gott in der Person seines Sohnes erkannt werden will, so daß auch alle Ehre, die er für sich fordert, dem Sohne zuteil werden soll. Daher haben wir schon oben (Kap. 5, 23) gelesen: Wer den Sohn nicht ehrt, der ehrt auch den Vater nicht. Deshalb mühen sich auch Juden und Türken vergeblich, Gott zu verehren, da sie Christus verschmähen, ja, sie versuchen sogar auf diese Weise, Gott von ihm selbst zu trennen. (...)

17 Da kam Jesus und fand ihn schon vier Tage im Grabe liegen.
18 Bethanien aber war nahe bei Jerusalem, bei einer halben Stunde.
19 Und viele Juden waren zu Martha und Maria gekommen, sie zu trösten über ihren Bruder.
20 Als Martha nun hörte, daß Jesus kommt, ging sie ihm entgegen; Maria aber bliebe daheim sitzen.
21 Da sprach Martha zu Jesus: Herr, wärest du hier gewesen, mein Bruder wäre nicht gestorben.
22 Aber auch jetzt noch weiß ich, daß, was du bittest von Gott, das wird dir Gott geben.
23 Jesus spricht zu ihr: Dein Bruder wird auferstehen.
24 Martha spricht zu ihm: Ich weiß wohl, daß er auferstehen wird in der Auferstehung am Jüngsten Tage.
25 Jesus spricht zu ihr: Ich bin die Auferstehung und das Leben. Wer an mich glaubt, der wird leben, ob er gleich stürbe:
26 und wer da lebet und glaubet an mich, der wird nimmermehr sterben. Glaubst du das?
27 Sie spricht zu ihm: Herr, ja; ich glaube, daß du bist der Christus, der Sohn Gottes, der in die Welt gekommen ist.


V. 18. „Bethanien aber war nahe hei Jerusalem ...“ Mit Eifer trägt der Evangelist alle Züge der Erzählung zusammen, die für ihre Beglaubigung von Bedeutung sind; er berichtet, wie nahe Bethanien bei Jerusalem lag, damit keiner sich wundere, daß viele von ihren Freunden dorthin gekommen waren, um die Schwestern zu trösten. Gott wollte, daß sie alle Zeugen des Wunders sein sollten. Denn wenn auch ihre menschliche Teilnahme sie dorthin geführt hatte, so waren sie doch nach dem verborgenen Plan Gottes zu einem anderen Zweck dort versammelt, nämlich damit die Erweckung des Lazarus nicht unbekannt bliebe oder nur die Hausgenossen zu Zeugen hätte. Hier wird aber auch das Volk seiner böswilligen Undankbarkeit überführt. Denn diesen leuchtenden Beweis göttlicher Kraft, geschehen fast wie auf einer Schaubühne, an einem vielbesuchten Ort, im Beisein vieler Menschen, nahe den Toren der Stadt, verlieren fast alle zugleich wieder aus den Augen. Ja, die Juden schlössen bösen Willens ihre Augen und gaben sich Mühe, das nicht zu sehen, was vor aller Augen war. Aber das ist ja nicht neu oder selten, daß Menschen, die allzu begierig nach Wundern verlangen, bei ihrem Anblick dann völlig stumpf und teilnahmslos sind.

V. 19. „... Sie zu trösten über ihren Bruder.“ Jene wollten nur Trost spenden, aber Gott hatte, wie gesagt, anderes im Sinn. Hier wird deutlich, daß das Haus des Lazarus und seiner Schwestern in hohem Ansehen stand. Da es übrigens ganz natürlich ist, daß der Tod von Angehörigen den Menschen Schmerz und Trauer bringt, muß man diese Beileidsbesuche, die der Evangelist erwähnt, gutheißen. Nur Übertreibungen, die, wie bei anderen Anlässen, auch hier oft herrschen, entstellen eine an sich gute Sitte.

V. 20. „Als Martha nun hörte ...“ Martha verläßt das Dorf, nicht nur, wie wir später sehen werden, um Christus Ehre zu erweisen, sondern um ihn heimlich aufzunehmen; denn die Erinnerung an die Gefahr, in der er geschwebt hatte, war noch frisch, und die Wut seiner Feinde hatte sich noch nicht gelegt. Auf das Gerücht hin, er sei nach Galiläa gegangen, hatte die Wut sich wohl ein wenig gelegt, konnte aber bei seiner Rückkehr nur um so heftiger von neuem losbrechen.

V. 21. „... Herr, wärest du hier gewesen, ...“ Sie beginnt mit einer Klage; indessen gibt sie so nur schüchtern zu verstehen, was sie eigentlich wollte. Es ist nämlich, als sagte sie, du hättest meinen Bruder mit deiner Gegenwart dem Tode entreißen können; aber du kannst es auch jetzt noch, denn Gott wird dir nichts abschlagen. Indem sie so sprach, folgte sie mehr ihrem leidenschaftlichen Schmerz, als daß sie sich an die Richtschnur des Glaubens hielte. Ich gebe zwar zu, daß diese Worte teils ihrem Glauben entsprangen, aber ich behaupte, daß sich in ihr ungeordnete Gefühle vermischten, die sie über das Ziel hinausführten. Denn daß sie sich selbst einredet, ihr Bruder wäre nicht gestorben, wenn Christus dagewesen wäre, woher nimmt sie diesen Glauben? Sicher schöpfte sie ihn nicht aus irgendeiner Verheißung Christi. Es bleibt also die Vermutung, daß sie unbesonnen mehr ihren eigenen Wünschen nachgibt als sich Christus unterstellt. Für ihren Glauben spricht, daß sie Christus Macht und höchste Güte zutraut. Daß sie sich selbst aber etwas einredete, was über Christi Verheißungen hinausging, das ist dem Glauben fremd. Man muß ja immer daran festhalten, daß Gottes Wort und der Glaube zusammengehören, damit der Mensch sich nicht selbst etwas zurechtmacht, was über Gottes Wort hinausgeht. Es kommt hinzu, daß Martha allzusehr an der leiblichen Gegenwart Christi hing. Marthas Glaube ist also mit maßlosen Wünschen vermischt und verquickt, er ist sogar nicht ganz frei von Aberglauben und konnte nicht in reinem Glänze erstrahlen; so leuchten nur Funken des Glaubens in ihren Worten auf.

V. 23. „... Dein Bruder wird auferstehen.“ Wunderbar ist Christi Freundlichkeit, daß er Martha die genannten Fehler verzeiht und ihr viel mehr verspricht, als sie ausdrücklich und offen zu bitten gewagt hatte.

V. 24. „...Ich weiß wohl, daß er auferstehen wird ...“ Hier verrät Martha nun aber eine zu große Ängstlichkeit, denn sie schwächt Christi Worte ab. Eben haben wir gesagt, daß sie sich weiter vorgewagt hatte, als sie durfte, indem sie sich aus ihres Herzens eigenem Empfinden Hoffnung machte. Jetzt verfällt sie in den entgegengesetzten Fehler, da sie Christus, der ihr die Hand hinstreckt, gleichsam ängstlich zagend nicht Folge leistet. Daher müssen wir uns vor beidem hüten: wir dürfen weder über Gottes Wort hinausgehen und leere Hoffnung aus diesem und jenem schöpfen, noch soll andererseits der Herr, wenn er zu uns spricht, unsere Herzen verschlossen oder allzusehr in Angst verstrickt finden. Übrigens wollte Martha mit ihrer Antwort etwas mehr aus Christus herauslocken, als sie auf Grund seiner Worte zu hoffen wagte, als wollte sie sagen: wenn du an die letzte Auferstehung denkst, so zweifle ich nicht, daß mein Bruder am Jüngsten Tage auferweckt werden muß, und dieser Glaube tröstet mich, aber vielleicht willst du mir ja noch etwas Größeres ankündigen.

V. 25. „... Ich bin die Auferstehung und das Leben ...“ Zunächst versichert Christus, er sei die Auferstehung und das Leben, sodann erläutert er jedes Satzglied einzeln und für sich. Zuerst nennt er sich die Auferstehung, weil die Auferweckung zum Leben aus dem Tode in höherem Range steht als das Leben selbst. Das ganze Menschengeschlecht ist ja dem Tode verfallen. Keiner also wird leben, der nicht zuvor vom Tode erstanden ist. So lehrt Christus, er sei des Lebens Anbeginn. Danach aber fügt er hinzu, auch die ewige Dauer des Lebens sei ein Werk seiner Gnade. Daß er ferner vom geistlichen Leben spricht, zeigt klar die Deutung, die gleich darauf folgt: „Wer an mich glaubt, der wird leben, ob er gleich stürbe“. Warum ist Christus also die Auferstehung? Weil er Adams Kinder, die durch ihre Sünden von Gott abgefallen waren, durch seinen Geist wiederbringt, so daß sie ein neues Leben beginnen. Darüber habe ich schon oben (Kap. 5, 21; 5, 24) ausführlicher gesprochen, und Paulus (Eph. 2, 5 und 5, 8) ist der beste Ausleger dieser Stelle. Mögen sich doch die jetzt mit ihrem Geschwätz davonmachen, die behaupten, die Menschen könnten sich aus eigenem Triebe dafür bereitmachen, Gottes Gnade zu empfangen; das ist ja soviel, als wollten sie behaupten, die Toten könnten wandeln. Denn daß die Menschen leben und atmen, daß sie mit Gefühl, Einsicht und Willen begabt sind, das alles zielt nur auf ihren Untergang; denn es gibt keinen Teil und keine Kraft der Seele, die nicht verdorben und vom rechten Wege abgewichen wäre. So kommt es, daß der Tod überall seine Herrschaft behauptet. Der Tod der Seele ist die Entfremdung von Gott. Die also an Christus glauben, beginnen zu leben, auch wenn sie vorher tot waren; denn der Glaube ist die geistliche Auferstehung der Seele, und sie belebt die Seele gewissermaßen selbst, so daß sie für Gott lebt, entsprechend dem Wort (5, 25): Die Toten werden hören die Stimme des Sohnes Gottes, und die sie gehört haben, werden leben. Gewiß eine Verherrlichung des Glaubens, daß er uns vom Tode befreit, indem er Christi Leben in uns einströmen läßt.

V. 26. „Und wer da lebet und glaubet an mich ...“ Dies ist die Auslegung des zweiten Satzgliedes: ... und das Leben. Christus ist eben deshalb das Leben, weil er das Leben, das er einmal gegeben hat, nie wieder vergehen läßt, sondern es bis zum seligen Ende erhält. Was nämlich geschähe bei der großen Anfälligkeit des Fleisches mit den Menschen, wenn man sie sich selbst überließe, nachdem sie einmal das Leben erlangt hätten? Also muß die ganze ununterbrochene Dauer des Lebens in der Kraft desselben Christus begründet sein, damit er vollenden kann, was er begonnen hat. Es heißt aber deshalb, die Gläubigen werden niemals sterben, weil ihre Seelen, aus unvergänglichem Samen wiedergeboren, den Geist Christi für alle Zeit in sich haben, durch den sie auf ewig leben. Denn wenn auch der Leib der Sünde wegen dem Tode verfallen ist, so ist doch der Geist Christi das Leben, weil er gerecht macht (Röm. 8,10). Daß aber der äußere Mensch bei ihnen täglich mehr verfällt, tut doch ihrem wahren Leben so wenig Abbruch, daß es vielmehr sein Wachstum fördert; denn der innere Mensch wird von Tag zu Tag erneuert (2. Kor. 4,16). Ja, der Tod selbst bedeutet für sie die Befreiung von der Knechtschaft des Todes. Auf den ersten Blick scheint Christus vom geistlichen Leben zu sprechen, um die Aufmerksamkeit Marthas von ihrem gegenwärtigen Verlangen abzulenken. Martha wünschte ja, daß ihr Bruder wieder zum Leben erweckt werde. Christus sagt darauf, er sei der Geber eines besseren Lebens, weil er nämlich mit seiner himmlischen Kraft die Seelen zum Leben erwecke. Aber ohne Zweifel wollte Christus ihr doppelte Gnade erweisen; so weist er ganz allgemein auf das geistliche Leben hin, das er den Seinen bringt; aber dann wollte er einen Vorgeschmack seiner Kraft geben, die sich bald darauf durch die Erweckung des Lazarus erweisen sollte.

V. 27. „... Ich glaube, daß du bist der Christus ...“ Um zu beweisen, daß sie das glaube, was sie von Christus gehört hatte, nämlich daß er die Auferstehung und das Leben sei, antwortet Martha, sie glaube, er sei der Christus und der Sohn Gottes; und diese Erkenntnis enthält ganz gewiß das Höchste aller Güter. Man muß nämlich immer festhalten, wozu der Messias gesandt war und welches Amt ihm die Propheten zuwiesen. Indem aber Martha bekennt, er sei, der da kommen sollte, zeigt sie ihren Glauben an die Weissagungen der Propheten. Aus ihnen ergibt sich, daß von ihm die völlige Erneuerung und die gewisse Seligkeit zu erwarten sei. Er war schließlich dazu gesandt, das wahre und vollkommene Reich Gottes zu gründen und zu errichten.

40 Jesus spricht zu ihr: Habe ich dir nicht gesagt: wenn du glaubest, würdest du die Herrlichkeit Gottes sehen?
41 Da hoben sie den Stein weg. Jesus aber hob seine Augen empor und sprach: Vater, ich danke dir, daß du mich erhört hast.
42 Ich wußte wohl, daß du mich allezeit hörst; aber um des Volkes willen, das umhersteht, habe ich geredet, damit sie glauben, daß du mich gesandt hast.
43 Da er das gesagt hatte, rief er mit lauter Stimme: Lazarus, komm heraus!
44 Und der Verstorbene kam heraus, gebunden mit Grabtüchern an Füßen und Händen und sein Angesicht verhüllt mit einem Schweißtuch. Jesus spricht zu ihnen: Löset die Binden und lasset ihn gehen!


V. 40. „... Habe ich dir nicht gesagt...“ Jesus rügt Marthas Kleingläubigkeit, weil sie nicht genug Hoffnung aus der Verheißung geschöpft hatte, die sie vernahm. Es wird aber aus dieser Stelle deutlich, daß Jesus etwas mehr zu Martha gesagt hatte, als Johannes ausdrücklich erwähnt hat. Indessen meinte, wie gesagt, Christus gerade das, als er sich die Auferstehung und das Leben nannte. Er verurteilt also an Martha, daß sie auch jetzt noch nicht irgendeine Tat Gottes erwartet.
„Wenn du glaubtest.“ So heißt es nicht nur deshalb, weil der Glaube uns die Augen öffnet, daß wir Gottes strahlende Herrlichkeit in seinen Werken sehen dürfen, sondern weil unser Glaube der Macht und Güte Gottes den Weg bereitet, so daß sie sich uns offenbart, wie es Psalm 81, 11 heißt: Tue deinen Mund auf, ich werde ihn füllen. So hindert andererseits der Unglaube das Nahen Gottes, und er hält seine Hand gleichsam verschlossen; daher heißt es auch an anderer Stelle (Matth. 13, 58): Jesus konnte dort kein Zeichen tun wegen ihres Unglaubens. Nicht als wäre Gottes Kraft an die Entscheidung der Menschen gebunden, sondern sie halten sie nur, soviel an ihnen ist, durch das Hindernis ihrer Bosheit fern und sind es nicht wert, daß sie sich ihnen offenbare. Manchmal freilich überwindet Gott Hindernisse dieser Art; aber sooft er seine Hand zurückzieht, um den Ungläubigen nicht zu helfen, so geschieht das doch deshalb, weil sie, eingeschlossen in die Enge ihres Unglaubens, seine Hand nicht an sich herankommen lassen.
„So würdest du die Herrlichkeit Gottes sehen.“ Man beachte, wie das Wunder als Herrlichkeit Gottes bezeichnet wird; denn indem Gott darin die Kraft seiner Hand offenbart, verherrlicht er seinen Namen. Nun aber läßt Martha den Stein wegnehmen, da sie sich mit dem zweiten Wort Christi zufriedengibt. Zwar sieht sie noch nichts, aber weil sie hört und glaubt, daß dies nicht grundlos von Gottes Sohn veranlaßt wird, folgt sie seinem Befehl gern.

V. 41 „... Jesus aber hob seine Augen empor ...“ Dies war die Gebärde eines Menschen, der sich wirklich zum Beten gesammelt hatte. Denn wenn man Gott richtig anrufen will, muß man eine Verbindung zu ihm haben. Das kann nur geschehen, wenn man sich über das Irdische erhebt und zum Himmel selbst aufschwingt. Das gelingt freilich nie den Augen der Heuchler, die tief im abgründigen Schmutz des Fleisches haften und mit Augenverdrehen den Himmel zu sich herabzuziehen scheinen; aber was jene nur zu tun vorgeben, das müssen die Kinder Gottes in Wahrheit leisten. Wer aber seine Augen zum Himmel erhebt, muß Gott in seinen Gedanken dort nicht sozusagen einschließen, der doch allenthalben Himmel und Erde erfüllt. Aber da ja des Menschen Sinn sich von groben Vorstellungen nie frei machen kann, sondern immer nur niedere und irdische Vorstellungen von Gott hat, außer wenn sich seine Gedanken über die Erde erheben, ruft uns die Schrift dorthin und bezeugt, der Himmel sei Gottes Sitz (Jes. 66, 1). Dieser Aufblick zum Himmel aber ist keine immer gültige feierliche Gebärde: ohne die kein wahres Gebet möglich wäre. Denn der Zöllner, der mit demütig gesenktem Blick betet, dringt mit seinem Glauben genauso zum Himmel vor. Doch ist es eine nützliche Übung, mit der die Menschen sich wach und bereit machen, Gott zu suchen. Ja, der brennende Wunsch zum Gebet beherrscht den Leib oft so stark, daß die leibliche Gebärde in Einklang mit dem Geist ganz von selbst folgt. Gewiß ist kein Zweifel, daß Christus, als er seine Augen zum Himmel erhob, sich mit ganz besonderem Drang dorthin gezogen fühlte. Dazu kommt daß er ja gleichsam ganz und gar beim Vater weilte, und so wollte er auch andere mit sich zu ihm führen.
„Vater, ich danke dir.“ Er beginnt mit einem Dank, obwohl er noch um gar nichts gebeten hat; aber obwohl der Evangelist nicht ausdrücklich berichtet, daß er eine Bitte ausgesprochen habe, so besteht doch gar kein Zweifel, daß eine solche vorherging, denn anders konnte er ja nicht erhört werden. Man kann auch glauben, Christus habe während jenes „Ergrimmens", das der Evangelist erwähnt, gebetet, da es ein ganz abwegiger Gedanke ist, er sei in seinem Innern wie gewöhnlich die törichten Menschen, völlig verwirrt gewesen. Jetzt dankt er dem Vater, daß er ihm das Leben des Lazarus gegeben hat. Daß er ferner diese Kraft, die er erhalten hat, dem Vater zuschreibt und nicht sich selbst anmaßt, damit bekennt er sich nur als Helfer des Vaters. Denn je nachdem, wie er sich dem Verständnis der Menschen anpaßt, offenbart er bald seine Gottheit vor aller Augen und nimmt für sich in Anspruch, was Gott zusteht, bald gibt er sich damit zufrieden, als Mensch zu handeln, und überlaßt die ganze Ehre der Gottheit, dem Vater. Beides verbindet der Evangelist hier aufs beste in einem Wort, indem er sagt, Christus werde vom Vater erhört, aber er danke ihm, damit die Menschen wüßten, er sei vom Vater gesandt, d.h., daß sie in ihm Gottes Sohn erkennen sollten. Da ja Christi Majestät nicht unmittelbar in ihrer Hoheit erfaßt werden konnte, so brachte die Kraft Gottes, die sich in seinem Fleisch offenbarte, den ungeübten und langsamen Sinn der Menschen Schritt für Schritt zur Erkenntnis jener Hoheit. Denn da er uns ganz gleich sein wollte, so ist es kein Wunder, wenn er sich uns auf verschiedene Weise anpaßt. Ja, da er sich unseretwegen hat seiner Gottheit berauben lassen, so ist es verständlich, daß er sich auch ganz zu uns herabläßt.

V. 42. „Ich wußte wohl, daß du mich allezeit hörst“. Keiner sollte glauben, er stehe beim Vater nicht in solchem Ansehen, daß er ihm nicht sofort die Wunder gewährte, die immer er vollbringen wollte. Er macht also nur deutlich, er stimme so mit dem Vater überein, daß dieser ihm nichts abschlage, ja es bedürfe gar keiner Bitte, da er allein das tue, was der Vater ihm aufgetragen hatte; aber damit vor den Menschen besser bezeugt werde, daß es in Wahrheit ein göttliches Werk sei, deshalb habe er den Namen des Vaters angerufen. Wenn nun jemand einwürfe, warum er denn nicht alle Toten auferweckt habe, ist die Antwort leicht: nach Gottes Ratschluß war das Maß an Wundern begrenzt; es sollten nur so viele sein, wie er wußte, daß sie zur Bestätigung des Evangeliums genügen würden.

V. 43. „... Rief er mit lauter Stimme ...“ Indem er ihn nicht mit der Hand berührt, sondern nur anruft, erweist sich besser seine göttliche Macht; zugleich zeigt er uns die verborgene und wunderbare Wirkung seines Wortes. Wie nämlich gibt Christus den Toten das Leben zurück, wenn nicht durch sein Wort? Deshalb gibt er in der Erweckung des Lazarus ein sichtbares Zeichen für die Gnade des Geistes, die wir täglich im Glauben erfahren, indem er zeigt, daß seine Stimme Leben schafft.

V. 44. „... Gebunden mit Grabtüchern ...“ Sorgfältig vermerkt der Evangelist das Schweißtuch und die Grabtücher, damit wir wissen, Lazarus ist aus dem Grab hervorgegangen, so wie man ihn hineingelegt hatte. Diese Begräbnissitte halten die Juden bis auf den heutigen Tag fest; den Leib bedecken sie mit Leinen, den Kopf umhüllen sie gesondert mit einem Tuch.
„Löset die Binden.“ Übrig blieb noch, die Herrlichkeit des Wunders zu vergrößern, daß die Juden das göttliche Werk, das sie mit eigenen Augen gesehen hatten, nun auch mit Händen greifen konnten. Christus hätte ja auch bewirken können, daß Lazarus die Tücher, mit denen er gebunden war, abschüttelte oder daß sie von selbst abfielen, aber er wollte, daß auch die Hände der Umstehenden ihm Zeugnis geben sollten.


Aus: Otto Weber, Calvins Auslegung der Heiligen Schrift. Vierzehnter Band: Das Johannes-Evangelium, Neukirchener Verlag, 1964, S. 280ff. 286ff. 293ff.

lutz
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Beitragvon lutz » 02.10.2010 22:03


17. Sonntag nach Trinitatis / Erntedank: Lukas 12,13-21 -
Menschen können nicht von ihrem Überfluss leben.

von Johannes Calvin.

''Wir beobachten heute stattliche Beispiele von solcher Überhebung an gottlosen Menschen, die die Masse ihrer Güter wie ein unbezwingbares Bollwerk dem Tod entgegensetzen.''


Lukas 12,13-21
13 Es sprach aber einer aus dem Volk zu ihm: Meiser, sage meinem Bruder daß er mit mir das Erbe teile.
14 Er aber sprach zu ihm: Mensch, wer hat mich zu Richter oder Erbteiler über euch gesetzt?
15 Und er sprach zu ihnen: Gehet zu und hütet euch vor aller Habgier; denn niemand lebt davon, daß er viele Güter hat.
16 Und er sagte ihnen ein Gleichnis und sprach: Es war ein reicher Mensch, des Feld hatte wohl getragen.
17 Und er dachte bei sich selbst und sprach: Was soll ich tun? Ich habe nicht, wo ich meine Früchte hin sammle.
18 Und sprach: Das will ich tun: ich will meine Scheunen abbrechen und größere bauen und will darein sammeln all mein Korn und meine Güter
19 und will sagen zu meiner Seele: Liebe Seele, du hast einen großen Vorrat auf viele Jahre; habe nun Ruhe, iß, trink und habe guten Mut!
20 Aber Gott sprach zu ihm: Du Narr! Diese Nacht wird man deine Seele von dir fordern; und wes wird`s sein, das du bereitet hast?
21 So geht es dem, der sich Schätze sammelt und ist nicht reich für Gott.


Luk. 12, 13. „Sage meinem Bruder, daß er mit mir das Erbe teile.“ Der Herr wird gebeten, den Schiedsrichter bei einer Familienerbschaftssache zu spielen, und verweigert es. Da dies dazu gedient hätte, die brüderliche Eintracht zu erhalten, und es nicht nur Christi Aufgabe war, die Menschen mit Gott zu versöhnen, sondern sie auch zu gegenseitiger Übereinkunft zu bringen, müssen wir nach der Ursache fragen, die ihn daran hinderte, den Streit zwischen den beiden Brüdern aus dem Weg zu räumen. Es scheint in der Hauptsache zwei Gründe zu geben, warum er von dem Amt eines Schiedsrichters Abstand nahm. Er wollte erstens vorsichtig sein, da sich die Juden das Reich des Messias ohnehin als irdisches vorstellten, diesen Irrtum durch ein Beispiel auch noch zu bestärken. Wenn sie ihn gesehen hätten, wie er das Erbe teilte, so wäre die Nachricht von diesem Tun bald verbreitet gewesen. So erhofften sich ja viele eine Befreiung nach dem Fleisch, und sie waren nur allzu begierig auf sie erpicht. Die Gottlosen hätten verbreitet, er wolle neue Dinge in Bewegung setzen und die Lage des Römischen Reiches ins Wanken bringen. Darum gab es nichts Besseres, als diese Antwort zu geben, aus der alle ersehen mußten, daß Christi Reich ein geistliches ist. Darum sollen auch wir lernen, uns in Zucht zu halten, daß wir nicht etwas beginnen, was uns auf einen falschen Weg bringen könnte. Zweitens wollte der Herr zwischen den politischen Reichen dieser Welt und der Herrschaft über seine Gemeinde unterscheiden. Er war nämlich vom Vater zu einem Lehrer gemacht, der mit dem Schwert des Wortes Gedanken und Gesinnungen durchschnitte und in die Herzen der Menschen eindringe, und er war nicht eine Obrigkeit, die Erbschaften teilte. So wird der ränkevolle Anspruch des Papstes und der Seinen verurteilt, die, während sie sich als Hirten der Gemeinde ausgeben, es trotzdem wagen, sich in irdische und weltliche Gerichtsbarkeit einzumischen, die mit ihrem Amt nicht vereinbar ist. Es kann nämlich etwas an sich erlaubt sein und doch nicht für jeden passen. Dazu kommt meinem Urteil nach noch ein dritter, besonderer Grund: Christus sah, wie dieser Mann sich nicht um die Verkündigung kümmerte und sich nur Vergünstigungen für seine häuslichen Angelegenheiten verschaffen wollte. Diese Krankheit ist nun überaus verbreitet, daß viele das Evangelium bekennen und unter seinem Deckmantel es ohne Zögern zur Vermehrung ihres Hausstands mißbrauchen, und dabei muß der Name Christi ihnen für ihren Vorteil dienen. Das ist leicht aus der Tatsache zu erschließen, daß Christus vor der Habgier warnt; denn wenn jener Mann nicht den Namen des Evangeliums zu seinem eigenen Gewinn mißbraucht hätte, wäre kein Anlaß für Christus gewesen, die Habgier zu verurteilen. Darum zeigt der Zusammenhang deutlich genug, daß dieser Mann nur ein Scheinjünger war, der sein Herz an Äcker und Geldbörsen gehängt hatte. Andererseits folgern die Täufer aus dieser Antwort allzu albern, daß es einem Christen nicht erlaubt sei, Erbschaften zu teilen, sich in Rechtsgeschäfte einzumischen oder irgendein bürgerliches Amt zu übernehmen. Denn Christus lehnt hier nicht der Sache wegen ab, sondern seiner Berufung wegen. Denn er war ja vom Vater zu einer anderen Aufgabe bestimmt und behauptet deshalb, er sei kein Richter, weil er keinen solchen Auftrag hat. Darum soll diese Regel bei uns herrschen, daß sich jeder innerhalb der Grenzen seiner göttlichen Berufung hält.

Luk. 12, 15. „Sehet zu und hütet euch vor aller Habgier.“ Erstens warnt Christus die Seinen vor der Habgier; zweitens möchte er unsere Herzen völlig von dieser Krankheit heilen und behauptet darum, unser Leben bestände nicht im Besitz von Überfluß. Mit diesen Worten bezeichnet er die Quelle und den inneren Ursprung, aus denen die unsinnige Begierde fließt, haben zu wollen. Denn man beurteilt im allgemeinen das Lebensglück eines Menschen danach, ob er möglichst viel besitzt, und man stellt sich vor, der Reichtum sei der Grund für ein glückliches Leben. Daher kommt jene maßlose Gier, die wie ein brennendes Feuer ihre Glut ausstrahlt und innerlich nicht mehr zur Ruhe kommt. Wenn wir nämlich davon überzeugt wären, daß Reichtum und alle Fülle an Gütern nur Hilfsmittel für das gegenwärtige Leben sind, die uns die Hand des Herrn darreicht und deren Gebrauch er segnet, so würde dieser eine Gedanke leicht alle falschen Begierden zum Schweigen bringen. Denn das haben die Gläubigen in ihrem Leben wirklich erfahren. Darum können sie in ihren Wünschen ganz still werden und sich von Gott allein abhängig machen, der allein uns mit seiner Kraft erhält und uns auch so viel schenkt, wie wir nötig haben.

Luk. 12, 16. „Und er sagte ihnen ein Gleichnis.“ Dieses Gleichnis hält uns wie in einem Spiegel ein lebendiges Bild für Christi Behauptung vor, daß die Menschen nicht von ihrem Überfluß leben können. Denn da auch dem vermögendsten Menschen sein Leben in einem Augenblick genommen wird, was hilft es dann, sich große Schätze anzuhäufen? Alle werden zugeben, das sei richtig und Christus spreche hier nur lang Erfahrenes und allgemein Bekanntes aus, das in aller Munde ist. Doch wie viele sind es, die es sich wirklich zu Herzen nehmen? Richten sie nicht doch ihr Leben lieber so ein, ordnen sie ihre Pläne und Absichten nicht so, daß sie sich damit so weit wie möglich von Gott entfernen und ihr Leben von der Fülle der irdischen Dinge abhängig machen? Darum haben es alle nötig, sich selbst wach zu machen, damit sie sich nicht auf Grund ihres Reichtums für glücklich halten und sich unterdessen von den Fesseln der Habgier umstricken lassen. Weiter wird uns in diesem Gleichnis die kurze Vergänglichkeit dieses Lebens gezeigt; und außerdem, daß auch der Reichtum das Leben nicht verlängern kann. Dazu kommt ein drittes, das unausgesprochen bleibt, aber aus dem vorigen leicht erschlossen werden kann, daß das beste Heilmittel für die Gläubigen ist, daß sie ihr tägliches Brot vom Herrn erbitten und allein in seiner Fürsorge ruhig werden, ob sie nun reich sind oder arm.

Luk. 12, 17. „Was soll ich tun?“ Weil die Gottlosen den richtigen Gebrauch der Dinge nicht erkannt haben, sind sie so in ihren Plänen gefangen, daß sie für nichts anderes mehr Sinn haben. Ein zweiter Grund ist, daß sie so berauscht sind von ihrem falschen Selbstvertrauen, daß sie darüber sich selbst vergessen. So setzt jener Reiche die Hoffnung seines Lebens auf seine ungeheure Ernte und weist damit den Gedanken an den Tod weit von sich. Und doch geht mit diesem Stolz auch das Mißtrauen einher; denn diese Satten treibt eine unersättliche Gier um, so wie jener Reiche seine Scheunen erweitert, als ob sein Nahrungsbedarf an den alten Scheunen nicht vollauf genug hätte. Doch verurteilt Christus nicht unbedingt das, was ein fleißiger Familienvater nach seiner Pflicht tut, wenn er die Ernte aufbewahrt. Er verurteilt an dem Reichen, daß er in seiner unersättlichen Gier wie ein bodenloser Schlund viele Scheunen verschluckt und sie verschlingt. Daraus folgt, daß er keine Ahnung hat von der richtigen Anwendung einer reichen Ernte. Schon wenn er sich zum Essen und Trinken ermuntert, hat er vergessen, daß er ein Mensch ist, und ist übermütig im Vertrauen auf seine Überfülle. Wir beobachten heute stattliche Beispiele von solcher Überhebung an gottlosen Menschen, die die Masse ihrer Güter wie ein unbezwingbares Bollwerk dem Tod entgegensetzen. Wenn er sagt: Meine Seele, iß und sei guten Muts, so liegt diesen hebräischen Worten eine Betonung zugrunde. Denn so redet man zu sich selbst, und doch bedeutet es auch, daß alles im Überfluß vorhanden ist, was den Wunsch des Herzens und alle Sinne erfüllt.

Luk. 12, 20. „Du Narr! Diese Nacht wird man deine Seele von dir fordern.“ Es liegt eine Anspielung in der Wiederholung des Wortes „Seele". Zuerst spricht der Reiche zu seiner Seele als zu dem Sitz all seiner Gefühle. Jetzt handelt es sich um sein Leben selbst oder seinen Lebensatem. Der Ausdruck „man wird fordern" bedeutet in seiner Unbestimmtheit nichts anderes, als daß ein anderer das Recht über das Leben des Reichen hat, das er in seiner Hand glaubte. Ich weise deshalb darauf hin, weil einige sich hier ohne Grund über die Engel Gedanken machen. Es war einfach Christi Absicht, zu zeigen, daß in jedem einzelnen Augenblick den Menschen ihr Leben entrissen werden kann, das sie unter dem Schutz ihrer Güter so wohl behütet glauben. Aber darin überführt er den Reichen der Torheit, daß er nicht erkannte, daß sein Leben von ganz anderer Stelle abhänge.

Luk. 12, 21. „So geht es dem, der sich Schätze sammelt.“ Da es sich hier deutlich um eine Gegenüberstellung handelt, ist die Erklärung des einen Satzgliedes bei dem andern zu suchen. Wir wollen also klarstellen, was das heißen soll, „reich zu sein in Gott“, ob gemeint ist, gegenüber Gott, oder: in Hinsicht auf Gott. Wer beim Lesen der Schrift nur ein bißchen Erfahrung hat, weiß, daß das Wörtchen „hinein" oft auch für „in" gebraucht wird. Es trägt im übrigen nicht viel aus, auf welche Weise man es auffaßt, weil das Ganze darauf hinausläuft, daß reich im Hinblick auf Gott einer ist, der nicht auf die irdischen Dinge sein Vertrauen setzt, sondern sich von seiner alleinigen Fürsorge abhängig macht. Es spielt dabei keine Rolle, ob einer Überfluß oder Mangel hat, wenn nur beide aufrichtig den Herrn um das tägliche Brot bitten. Denn der Gegensatz hierzu: sich Schätze sammeln heißt soviel wie die Segnung Gottes nicht beachten und ängstlich einen großen Vorrat zusammenscharren, so daß das Vertrauen sich an Scheunen hängt. Daraus ist leicht das Ziel des Gleichnisses zu erschließen: Vergeblich sind die Pläne und lächerlich die Versuche derer, die sich auf den Überfluß ihrer Güter stützen und sich nicht allein auf Gott verlassen; da sie nicht zufrieden sind mit dem, was er ihnen zuteilt, doch offen sind für jegliches „Glück", werden sie schließlich auch die Strafe für ihre Torheit empfangen.

Aus: Otto Weber, Calvins Auslegung der Heiligen Schrift. Zwölfter Band: Die Evangelien-Harmonie 1. Teil, Neukirchener Verlag, 1966, S. 414ff.

lutz
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Beitragvon lutz » 09.10.2010 21:19


18. Sonntag nach Trinitatis: Markus 12, 28-34 – Höre, Israel … oder: das höchste Gebot

von Johannes Calvin.

''Die Erklärung Christi, er sei dem Reich Gottes nahe, soll weniger ein Lob als eine Ermunterung sein; und in seiner Person legt er (der Schriftgelehrte) es uns allen ans Herz, unbeirrt auf dem einmal beschrittenen richtigen Weg weiterzugehen.''


Markus 12, 28-34
28 Und es trat zu ihm einer von den Schriftgelehrten, der ihnen zugehört hatte, wie sie miteinander stritten. Und da er merkte, daß er ihnen fein geantwortet hatte, fragte er ihn: Welches ist das vornehmste Gebot von allen?
29 Jesus aber antwortete ihm: Das vornehmste Gebot ist das: „Höre Israel, der Herr unser Gott, ist allein der Herr,
30 und du sollst Gott, deinen Herrn, lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele, von ganzem Gemüte und von allen deinen Kräften“ (Deut. 6, 5)
31 Das andre ist dies: „Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst“ (Lev. 19, 18). Es ist kein anderes Gebot größer als diese.
32 Und der Schriftgelehrte sprach zu ihm: Meister, du hast wahrlich recht geredet. Er ist nur einer und ist kein anderer außer ihm:
33 und ihn lieben von ganzem Herzen, von ganzem Gemüte und von allen Kräften und seinen Nächsten lieben wie sich selbst, das ist mehr als alle Brandopfer und Schlachtopfer.
34 Da Jesus aber sah, daß er verständig antwortete, sprach er zu ihm: Du bist nicht ferne von dem Reich Gottes. Und hinfort wagte niemand mehr, ihn zu fragen.

Lukas 10, 25-37
25 Und siehe, da stand ein Schriftgelehrter auf, versuchte ihn und sprach: Meister, was muß ich tun, daß ich das ewige Leben ererbe?
26 Er aber sprach zu ihm: Was steht im Gesetz geschrieben? Wie liest du?
27 Er antwortete und sprach: „Du sollst Gott, deinen Herrn, lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele, von allen Kräften und von ganzem Gemüte und deinen Nächsten wie dich selbst“ (Deut. 6, 5; Lev. 19, 18).
28 Er aber sprach zu ihm: Du hast recht geantwortet; tue das, so wirst du leben.
29 Er aber wollte sich selbst rechtfertigen und sprach zu Jesus: Wer ist denn mein Nächster?
30 Da antwortete Jesus und sprach: Es war ein Mensch, der ging von Jerusalem hinab nach Jericho und fiel unter die Räuber; die zogen ihn aus und schlugen ihn und gingen davon und ließen ihn halbtot liegen.
31 Es begab sich aber von ungefähr, daß ein Priester dieselbe Straße hinabzog; und da er ihn sah, ging er vorüber.
32 Desgleichen auch ein Levit: da er kam zu der Stätte und sah ihn, ging er vorüber.
33 Ein Samariter aber reiste und kam dahin; und da er ihn sah, jammerte ihn sein,
34 ging zu ihm, goß Öl und Wein auf seine Wunden und verband sie ihm und hob ihn auf sein Tier und führte ihn in eine Herberge und pflegte sein.
35 Des andern Tages zog er heraus zwei Silbergroschen und gab sie dem Wirte und sprach zu ihm: Pflege sein; und so du was mehr wirst dartun, will ich dir`s bezahlen, wenn ich wiederkomme.
36 Welcher dünkt, der unter diesen dreien der Nächste sei gewesen dem, der unter die Räuber gefallen war?
37 Er sprach: Der die Barmherzigkeit an ihm tat. Da sprach Jesus zu ihm: So gehe hin und tue desgleichen.


Zwar scheint der Bericht bei Lukas einige Ähnlichkeit mit dem zu haben, was in Matth. 22 und Mark. 12 erzählt wird; doch handelt es sich nicht um die gleiche Begebenheit. Trotzdem wollte ich diese Berichte gern an einer Stelle miteinander vergleichen, obwohl trotz der Versicherung des Matthäus und Markus, daß dies die letzte Frage gewesen sei, mit der der Herr versucht wurde, Lukas davon nichts erwähnt. Er scheint das jedoch absichtlich zu übergehen, da er es schon anderwärts berichtete. Trotzdem will ich nicht behaupten, daß es sich hier um die gleiche Geschichte handelt, da Lukas von den beiden anderen in einigen Punkten abweicht. Gemeinsam haben alle drei, daß der Schriftgelehrte die Frage stellte, um Christus zu erproben; aber der, der von Matthäus und Markus beschrieben wird, geht schließlich recht angetan von Christus weg. Christi Antwort hat ihn befriedigt, und er zeigt damit, daß er friedlich gesinnt war und willig zu lernen. Außerdem bestätigt Christus ihm ja, daß er nicht weit vom Reich Gottes sei. Lukas dagegen schildert einen rücksichtslosen, aufgeblähten Mann, an dem keine Spur von Einkehr zu beobachten ist. Es wäre nichts Besonderes, daß Christus über die wahrhafte Gerechtigkeit, die Beobachtung des Gesetzes und die Regel zu einem guten Leben öfter befragt wurde. Mag Lukas diese Geschichte schon an einer anderen Stelle berichtet haben oder mochte er diese zweite Frage jetzt übergehen, weil ihm die vorangehende Schilderung, was die Lehre betraf, genügte, die Gleichheit innerhalb der drei Aussagen scheint doch zu fordern, daß ich die drei Evangelisten miteinander vergleiche. Nun müssen wir sehen, was für eine Gelegenheit diesen Schriftgelehrten dazu brachte, Christus zu fragen. Da er ein Ausleger des Gesetzes war, stößt er sich an der Verkündigung des Evangeliums, von der er fürchtet, daß sie dem Ansehen des Mose abträglich ist. Fast noch mehr als der Eifer um das Gesetz jedoch erfüllt ihn die Besorgnis, seine Würde als amtlicher Lehrer könnte darunter leiden. Er sucht darum von Christus zu erfahren, ob er nicht noch etwas mehr aus dem Gesetz herausschlagen kann. Denn wenn er das auch nicht wörtlich sagt, so birgt seine Frage doch eine Falle, um Christus, wenn möglich, dem Haß des Volkes auszusetzen. Nach Matthäus und Markus handelt es sich nicht um die List eines einzelnen Mannes, sondern um eine gemeinsam verabredete Sache. Sie schickten einen Vertreter für die ganze Sekte vor, der sich vor den anderen an Geist und Gelehrsamkeit auszuzeichnen schien. Auch in der Form der Frage weicht Lukas etwas von Matthäus und Markus ab. Bei Lukas fragt der Schriftgelehrte, was die Menschen tun müssen, um das ewige Leben zu erlangen; bei den beiden anderen hingegen, welches das vornehmste Gebot im Gesetz sei. Beides kommt auf das gleiche hinaus: Christus wird in listiger Weise angegriffen, damit man ihn, wenn man aus seinem Mund eine vom Gesetz abweichende Antwort gelockt hätte, gewissermaßen als Abtrünnigen und Anstifter gottlosen Abfalls behandeln könnte.

Luk. 10, 28. „Was steht im Gesetz geschrieben?“ Der Schriftgelehrte bekommt von Christus eine andere Antwort, als er sich erhofft hatte. Denn Christus gibt keine andere Richtschnur für ein frommes gerechtes Leben, als sie im mosaischen Gesetz überliefert worden war. Denn in der vollkommenen Liebe gegen Gott und die Nächsten liegt die höchste Vollendung der Gerechtigkeit. Doch dürfen wir nicht übersehen, daß Christus hier genau nach der Weise, in der er gefragt worden war, über das zu erlangende Heil spricht. Denn er lehrt hier offensichtlich nicht wie an anderen Stellen, wie die Menschen zum ewigen Leben gelangen, sondern wie man leben muß, um vor Gott als gerecht zu gelten. Im Gesetz jedoch wird den Menschen vorgeschrieben, wie sie ihr Leben einrichten sollen, um sich vor Gott das Heil zu verschaffen. Wenn aber das Gesetz nichts anderes kann als verdammen, wenn es bei Paulus sogar eine Lehre zum Tode und eine Vermehrung der Übertretungen genannt wird (vgl. Röm. 7, 13), dann ist das nicht ein Fehler seiner Lehre, sondern es liegt daran, daß es uns unmöglich ist zu erfüllen, was es befiehlt. Obgleich also niemand aus dem Gesetz gerecht wird, enthält das Gesetz selbst doch die vollendete Gerechtigkeit, da es völlig richtig das Heil denen verspricht, die uneingeschränkt dem nachkommen, was es verlangt. Es braucht uns nicht unsinnig vorzukommen, daß Gott zuerst Gerechtigkeit aus den Werken fordert und sie uns dann umsonst ohne Werke anbietet; denn es ist nötig, daß die Menschen zuerst von der Richtigkeit der Verdammung überzeugt werden, damit sie sich dann zur Barmherzigkeit Gottes flüchten. Darum vergleicht Paulus (Röm. 10, 5) beide Arten von Gerechtigkeit miteinander, damit wir erkennen, daß wir darum umsonst von Gott gerechtfertigt werden, weil wir keine eigene Gerechtigkeit haben. Christus stellt sich also in seiner Antwort auf den gesetzeskundigen Schriftgelchrten ein, der nicht gefragt hatte, wo das Heil zu suchen sei, sondern mit was für Werken man es sich verdienen könne.

Matth. 22, 37. „Du sollst lieben Gott, deinen Herrn.“ Markus fügt noch den Vorspruch ein (12, 29): „Höre, Israel, der Herr, unser Gott, ist allein der Herr.“ Mit diesen Worten verleiht Gott dem Gesetz eine besondere Autorität; denn es muß uns ganz besonders zum Eifer antreiben, Gott zu dienen, wenn wir völlig davon überzeugt sind, daß wir den wahren Schöpfer Himmels und der Erden verehren, da ja der Zweifel daran sofort träge macht. Gleichzeitig ist es eine freundliche Einladung, Gott zu lieben, wenn er uns umsonst als sein Volk annimmt. Damit die Juden also nicht, wie es bei zweifelhaften Dingen zu sein pflegt, schwankend seien, hören sie, daß ihnen die Richtschnur zum Leben vom wahren und einigen Gott selbst vorgeschrieben ist. Und damit sie außerdem nicht von Misstrauen aufgehalten werden, nähert Gott sich ihnen wie Vertrauten und erinnert sie an seinen gnädigen Bund mit ihnen. Zugleich trennt er sich jedoch deutlich von allen Göttern, um die Juden allein bei der reinen Verehrung seines Namens festzuhalten. Wenn aber die armen Götzendiener auch die Ungewißheit, in der sie leben müssen, nicht davon abhält, sich ihren Abgöttern in brennender Liebe hinzugeben, welche Entschuldigung bleibt dann den Hörern des Gesetzes, wenn sie vor Gott, der sich ihnen offenbart hat, ihre Ohren verschließen? Was dann folgt, ist eine Zusammenfassung des Gesetzes, wie sie auch bei Mose steht (Deut. 6, 5; Lev. 19, 18). Denn da das Gesetz in zwei Tafeln geteilt ist, von denen sich die erste auf die Verehrung Gottes, die zweite auf die Nächstenliebe bezieht, hat Mose die Grundaussage kurz und klar zusammengefaßt, damit die Juden wissen, was Gott in den einzelnen Geboten will. Natürlich besteht noch ein entscheidender Unterschied zwischen der Liebe zu Gott und der Liebe zu den Menschen. Trotzdem verlangt Gott absichtlich statt Anbetung oder Verehrung Liebe von uns, um uns auf diese Weise zu sagen, daß ihm nur ein freiwilliger Dienst gefällt. Denn nur der gibt sich Gott ganz zum Gehorsam hin, der ihn liebt. Da uns jedoch die bösen, verderbten Triebe des Fleisches vom rechten Weg abziehen, zeigt uns Mose, daß unser Leben erst dann auf dem richtigen Weg ist, wenn die Liebe zu Gott all unser Denken und Tun umfaßt. Die Frömmigkeit beginnt also mit der Liebe zu Gott, weil Gott einen von den Menschen erzwungenen Gehorsam verschmäht und freiwillig und fröhlich verehrt werden will. Wir müssen dabei jedoch beachten, daß mit der Liebe zu Gott die Ehrfurcht gemeint ist, die wir ihm schulden. Bei Mose ist nur die Rede von der Liebe: „von ganzem Herzen, von ganzer Seele und von allen Kräften“. Hier findet sich noch der Zusatz: „von ganzem Gemüte“. Obgleich die Sache in den vier Ausdrücken deutlicher wird, bleibt der Sinn doch derselbe. Denn Mose wollte zusammenfassend lehren, daß wir Gott wahrhaftig lieben sollen und daß darauf alle menschlichen Fähigkeiten ausgerichtet werden müssen. Darauf sollten Herz und Sinn ihre ganze Kraft lenken, damit nichts in uns von der Liebe zu Gott unerfüllt bliebe. Bekanntlich wird bei den Hebräern mit dem Wort Herzen zuweilen auch das Gemüt gemeint, besonders wenn es mit dem Wort Seele verbunden ist. Was nun der genaue Unterschied bei dieser Stelle zwischen „Herz" und „Gemüt" ist, scheint mir weiter nicht wichtig, es sei denn, daß „Gemüt" den Sitz unserer Absichten bezeichnet, aus dem alles Denken und Oberlegen kommt. Weiter ergibt sich aus dieser Zusammenfassung, daß Gott bei den Vorschriften des Gesetzes nicht im Auge hat, was die Menschen können, sondern was sie „sollen“. Denn bei der Schwachheit unseres Fleisches ist es unmöglich, daß wir von der vollkommenen Liebe zu Gott beherrscht werden. Denn wir wissen ja, wie sehr wir mit allen Fasern unseres Herzens auf Nichtigkeiten aus sind. Zuletzt folgern wir aus dieser Stelle, daß Gott nicht bei dem äußeren Schein der Werke stehenbleibt, sondern daß es ihm vor allem auf die innere Einstellung ankommt, damit aus einer guten Wurzel gute Früchte wachsen können.

Matth. 22, 39. „Das andre aber ist dem gleich.“ Den zweiten Platz weist Christus der gegenseitigen Liebe unter den Menschen zu; denn an erster Stelle steht der Dienst vor Gott. Er nennt das Gebot der Nächstenliebe ein dem ersten gleiches, weil es aus ihm hervorgeht. Denn da jeder sich selbst der Nächste ist, wird es nur da eine wirklich starke Liebe zum Nächsten geben, wo die Liebe zu Gott beherrschend ist. Denn die Liebe, mit der die Kinder der Welt einander begegnen, ist käuflich; jeder ist dabei um seinen eigenen Vorteil bemüht. Andererseits kann unmöglich die Liebe zu Gott regieren, ohne daß sie aus sich heraus die brüderliche Liebe unter Menschen erzeugt. Wenn nun Mose befiehlt, seinen Nächsten zu lieben wie sich selbst, so wollte er nicht etwa die Liebe zu sich selbst an die erste Stelle rücken, so daß jeder vor allem sich selbst lieben solle und dann erst die Nächsten, wie das törichte Geschwätz der Sophisten auf der Sorbonne lautet: Mose will uns im Gegenteil von unserer übergroßen Selbstsucht heilen; dazu stellt er den Nächsten mit uns auf die gleiche Stufe. Er hätte auch verbieten können, daß man, rücksichtslos gegen die andern, nur für sich selbst sorgt; denn die Liebe schließt alle zu einem Leib zusammen. Er geht gegen die Eigenliebe an, die die Menschen voneinander trennt, und ruft jeden einzelnen zur Gemeinschaft und zu einem gewissermaßen gegenseitigen liebevollen Umfangen. Daraus sehen wir, daß Paulus mit Recht die Liebe das Band der Vollkommenheit nennt (vgl. Kol. 3, 14) oder die Erfüllung des Gesetzes (vgl. Röm. 13, 10), da alle Gebote der zweiten Tafel auf sie bezogen werden müssen.

Luk. 10, 28. „Tue das, so wirst du leben.“ Kurz zuvor habe ich erklärt, wie diese Verheißung mit der gnädigen Rechtfertigung aus Glauben zusammenstimmt. Denn Gott rechtfertigt uns nicht darum ohne Werke, weil etwa das Gesetz keine vollkommene Gerechtigkeit aufwiese, sondern weil wir alle bei seiner Erfüllung versagen. Und deshalb heißt es, daß wir durch das Gesetz das Leben nicht erlangen können, da es durch unser Fleisch geschwächt ist (vgl. Röm. 8, 3). Also stimmt beides gut zusammen, einmal, daß das Gesetz lehrt, daß sich die Menschen diese Gerechtigkeit durch die Werke verschaffen sollen, und auf der andern Seite, daß niemand durch die Werke gerecht wird, nicht weil der Fehler in der Lehre des Gesetzes läge, sondern bei den Menschen. Zugleich wollte Christus damit die Verleumdung entkräften, die ihm von den Einfältigen und Ungebildeten angehängt wurde, daß er nämlich das Gesetz als beständige Richtschnur für die Gerechtigkeit nicht mehr gelten lasse.

Luk. 10, 29. „Er aber wollte sich selbst rechtfertigen.“ Es könnte so aussehen, als habe diese Frage mit der Rechtfertigung des Menschen nichts zu tun Wenn wir uns jedoch daran erinnern, was ich schon anderwärts sagte, daß sich die Heuchelei besonders gut anhand der zweiten Tafel aufdecken läßt (manche geben nämlich vor, sie seien ausgezeichnete Verehrer Gottes und treten dabei die Liebe zum Nächsten öffentlich mit Füßen), wird uns sofort klar, daß der Pharisäer diese Ausflucht benutze, um nicht ins helle Licht zu geraten und seinen falschen Heiligenschein zu verlieren. Denn da er merkt, daß die Prüfung seiner Liebe sich gegen ihn auswirken würde, versteckte er sich hinter dem Wort „Nächster", um nicht als Übertreter des Gesetzes dazustehen. Bekanntlich war das Gesetz von den Schriftgelehrten dahin umgedeutet worden, daß man nur die für seine Nächsten hielt, die dessen würdig waren. Daraus war dann unter ihnen der Grundsatz herrschend geworden, seine Feinde dürfe man hassen. Denn da die Heuchler fürchten, ihr Leben werde nach dem Maßstab des Gesetzes beurteilt, suchen sie ihre Schuld hinter allen möglichen Ausflüchten zu verbergen.

Luk. 10, 30. „Da antwortete Jesus und sprach.“ Christus hätte einfach sagen können, daß mit dem Wort „Nächster" jeder beliebige Mensch gemeint sei, weil die gesamte Menschheit durch ein heiliges Band der Gemeinschaft verbunden ist. Und gerade darum gebraucht der Herr im Gesetz ja dieses Wort, um uns recht lockend zur gegenseitigen Liebe zu ermuntern. Deutlicher wäre die Anweisung gewesen: Liebe jeden Menschen wie dich selbst. Da aber die Menschen ihr Hochmut blind macht, so daß jeder mit sich selbst zufrieden ist und die andern kaum für gleichwertig hält und ihnen verweigert, wozu er verpflichtet wäre, verkündet der Herr absichtlich, daß jeder Mensch der Nächste sei, damit eine solche Verbundenheit die Menschen einander näherbringe. Die Tatsache also, daß jemand ein Mensch ist, macht ihn für uns bereits zum Nächsten; denn es steht uns nicht zu, die gemeinsame natürliche Verbundenheit aufzuheben. Doch Christus wollte dem Pharisäer eine Antwort entlocken, mit der er sich selbst verurteilte. Denn da bei den Pharisäern die Lehrbestimmung geltend war, daß nur ein Freund auch ein Nächster für uns sei, hätte der Pharisäer niemals zugegeben, daß mit dem Wort „Nächster" alle Menschen gemeint sind, wenn Christus ihn ohne Umschweife gefragt hätte: Wer ist dein Nächster? Zu diesem Bekenntnis zwingt ihn nun das angeführte Gleichnis, das sagen will, jeder Mensch, und sei es der allerunbekannteste, ist für uns Nächster; denn Gott hat alle Menschen miteinander verbunden, damit sie sich gegenseitig helfen. Damit macht Christus den Juden und besonders ihren Priestern einen scharfen Vorwurf, daß sie sich zwar rühmen, Kinder desselben Vaters zu sein und sich durch das Vorrecht der Kindschaft von den andern Völkern zu unterscheiden, um vor ihnen als Gottes heiliges Erbe dazustehen, trotzdem aber grausam und in maßloser Verachtung aufeinander herabsehen, als ob keinerlei Verwandtschaft zwischen ihnen bestünde. Zweifellos gibt Christus hier ein Bild von der Kälte und Lieblosigkeit, deren jene sich selbst bewußt waren. Seine Hauptabsicht bei diesem Gleichnis ist jedoch zu zeigen, daß die Verbundenheit, die uns zu gegenseitigen Gefälligkeiten verpflichtet, nicht auf Freunde oder Blutsverwandte beschränkt werden darf, sondern für die gesamte Menschheit gilt. Um das klarzustellen, vergleicht Christus einen Samariter mit einem Priester und einem Leviten. Es ist genügend bekannt, wie erbittert die Juden die Samariter haßten, so daß trotz ihrer nachbarschaftlichen Wohnlage eine abgrundtiefe Kluft zwischen ihnen herrschte. Nun sagt Christus, daß ein jüdischer Bürger von Jericho auf seiner Reise nach Jerusalem von Räubern verwundet und sowohl von einem Priester wie von einem Leviten liegengelassen worden sei, obwohl sie ihn halbtot angetroffen hatten, daß aber ein Samariter sich seiner freundlich angenommen habe. Und dann fragt Christus, wer von diesen dreien für den Juden der Nächste gewesen ist. Nun konnte der verschlagene Schriftgelehrte nicht mehr entkommen; er mußte dem Samariter den Vorzug vor den beiden andern geben. Hier wird den Schriftgelehrten wie in einem Spiegel die Verbundenheit der Menschen gezeigt, die sie mit ihren verfluchten Spitzfindigkeiten zu leugnen gesucht hatten. Und die Barmherzigkeit, die ein Feind dem Juden gewährt, beweist, daß, nach der Stimme der Natur, der Mensch um des Menschen willen geschaffen ist. Daraus ergibt sich eine gegenseitige Verpflichtung für alle Menschen. Das Sinnbild, das die Verfechter des freien Willens hier zu entdecken glauben, ist zu unsinnig, als daß es einer Widerlegung nur würdig wäre. Der verwundete Mann ist für sie ein Bild für die Lage nach Adams Fall. Da es von ihm heiße, er sei nur halbtot gewesen, könne also auch nicht die Fähigkeit zum guten Handeln in ihm völlig ausgelöscht worden sein. Als ob Christus hier über die Verderbtheit der menschlichen Natur hätte sprechen wollen und darlegen, ob Satan Adam eine tödliche oder heilbare Wunde beigebracht hat. Als ob er nicht klar und ohne Gleichnis an anderer Stelle ausgesprochen hätte, daß alle tot seien, außer denen, die er mit seiner Stimme lebendig macht (vgl. Joh. 5, 25). Die andere sinnbildliche Ausdeutung klingt nicht besser, und doch ist sie so eingeschlagen, daß sie bei allen nahezu als Orakel aufgenommen wurde. Der Samariter soll danach Christus darstellen, weil er unser Beschützer sei. Wein und Öl seien in die Wunde gegossen worden, weil Christus uns mit der Buße und der Verheißung seiner Gnade heile. Als dritte Spitzfindigkeit hatte man sich ausgedacht, daß Christus die Genesung nicht sofort geschenkt habe, sondern die Pflege zu allmählicher Besserung der Kirche als dem Wirt aus dem Gleichnis anvertraut habe. Nichts von alledem ist meiner Meinung nach glaubwürdig. Die Ehrerbietung gegenüber der Schrift ist wahrhaftig höher zu achten, als daß man ihren echten Sinn mit solcher Willkürlichkeit umdeuten dürfte. Es muß doch jedermann deutlich sein, daß diese Spekulationen von müßigen Menschen ganz gegen die Meinung Christi erfunden sind. (...)

Mark. 12, 32. „Meister, du hast wahrlich recht geredet.“ Nur Markus erwähnt, daß der Schriftgelehrte befriedigt gewesen sei. Das ist darum wichtig, weil er Christus böswillig und hinterhältig angegriffen hatte und nun nicht nur stillschweigend der Wahrheit weicht, sondern Christus öffentlich und aufrichtig zustimmt. Er war also keiner von der Art Feinde, deren Hartnäckigkeit unheilbar ist und die, wenn sie auch hundertmal überführt sind, doch nicht aufhören, der Wahrheit auf irgendeine Weise zu widerstehen. Außerdem zeigt uns diese Antwort, daß Christus gar nicht nun genau aus diesen beiden Worten eine Regel für das Leben aufstellen wollte, sondern er ergriff die Gelegenheit und wandte sich gegen die erlogene, geheuchelte Heiligkeit der Schriftgelehrten, die vor lauter Beobachtung der äußerlichen Zeremonien die Anbetung Gottes im Geist beinahe für gar nichts ansahen und die Liebe vollends gar nicht weiter in Betracht zogen. Obwohl nun dieser Schriftgelehrte auch von solchen Fehlern behaftet war, hatte er doch, wie das zuweilen zu gehen pflegt, einen Samen richtiger Erkenntnis aus dem Gesetz in sich aufgenommen, den er in seinem Herzen verschlossen und erstickt hatte. Darum ließ er sich willig von seinem Irrtum zurückbringen. Auffällig ist jedoch, daß der Schriftgelehrte die Opfer hinter die Nächstenliebe stellt, obwohl sie zum Gottesdienst und zur ersten Tafel gehören. Das erklärt sich leicht: Obwohl der Gottesdienst weit über allem steht und höher zu schätzen ist als alle Pflichten eines gerechten Lebens, bedeuten doch die äußerlichen Erfüllungen des Gottesdienstes nicht so viel, daß sie die Liebe verdrängen dürfen. Denn wir wissen, daß die Liebe schon an sich Gott gefällt, während er sich um die Opfer nicht weiter kümmert und sie nicht billigt, es sei denn, sie verfolgen ein höheres Ziel. Außerdem handelt es sich hier nur um nichtige, eitle Opfer, da Christus eine scheinbare Frömmigkeit einem wahren, aufrichtigen Wesen gegenüberstellt. Dieselbe Lehre begegnet uns auch immer wieder bei den Propheten, um den Heuchlern einzuprägen, daß ihre Opfer wertlos sind, wenn sie nicht mit einer geistlichen Wahrhaftigkeit einhergehen, und daß sich Gott nicht mit Tieropfern versöhnen läßt, wo man es an der Liebe fehlen läßt.

Mark. 12, 34. „Da Jesus aber sah, daß er verständig antwortete.“ Ob dieser Schriftgelehrte daraufhin weitere Fortschritte gemacht hat, muß dahingestellt bleiben. Da er sich jedoch empfänglich gezeigt hatte, reicht Christus ihm die Hand und lehrt uns mit seinem Beispiel, denen zu helfen, bei denen sich ein gewisser Anfang von Offenheit oder richtiger Erkenntnis anbahnt. Aus zwei Gründen erklärt Christus, dieser Schriftgelehrte sei nicht fern vom Reich Gottes: einmal hatte er ein offenes Ohr für seine Pflicht, und dann unterscheidet er klug zwischen wirklich notwendigem Dienst und nur äußerlichem Gebaren des Kultes. Die Erklärung Christi, er sei dem Reich Gottes nahe, soll weniger ein Lob als eine Ermunterung sein; und in seiner Person legt er es uns allen ans Herz, unbeirrt auf dem einmal beschrittenen richtigen Weg weiterzugehen. Wir erkennen aber auch aus diesen Worten, daß sich viele, seien sie auch jetzt noch in Irrtümer verstrickt, doch schon dem richtigen Weg nähern, wenn sie ihn auch noch nicht sehen, und daß sie auf diese Weise vorbereitet werden, in der Kampfbahn des Herrn zu laufen, wenn die Zeit dazu da ist. Wenn die Evangelisten sagen, den Gegnern sei der Mund gestopft worden, so daß sie nicht wagen, Christus weiter nachzustellen, so darf man das nicht so auffassen, als hätten sie von ihrer verstockten Hartnäckigkeit abgelassen. Denn innerlich knirschten sie mit den Zähnen, wie es wilde Tiere tun, wenn sie in einen Käfig eingesperrt werden, oder gleich wilden Pferden bissen sie auf ihren Zaum. Aber je eiserner ihre Härte, je unbeugsamer ihre Rebellion war, desto herrlicher erscheint der Triumph Christi über beides. Sein Sieg muß uns ungemein ermutigen, daß wir uns niemals aus der Verteidigung der Wahrheit verdrängen lassen, da wir doch des Erfolges sicher sind. Es mag zwar oft geschehen, daß sich die Feinde bis ans Ende frech gegen uns gebärden; aber endlich wird Gott doch dafür sorgen, daß solcher Zorn auf ihr eigenes Haupt zurückfällt und die Wahrheit trotz alledem siegreich bleibt.

Aus: Otto Weber, Calvins Auslegung der Heiligen Schrift. Dreizehnter Band: Die Evangelien-Harmonie 2. Teil, Neukirchener Verlag, 1974, S. 211ff.

lutz
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Beitragvon lutz » 16.10.2010 21:54

19. Sonntag nach Trinitatis: Markus 2,1-12 – Die Heilung eines Gichtbrüchigen

von Johannes Calvin

''Wo aber eine gegenseitige Gemeinschaft des Glaubens besteht, ist nur zu bekannt, dass einer dem andern gegenseitig (auf dem Weg) zum Heil hilft.''


Markus 2,1-12
1 Und nach etlichen Tagen ging er wieder nach Kapernaum; und es ward kund, dass er im Hause war.
2 Und es versammelten sich viele, so dass sie nicht Raum hatten, auch nicht draußen vor der Tür; und er predigte ihnen das Wort.
3 Und es kamen etliche zu ihm, die brachten einen Gichtbrüchigen von vieren getragen.
4 Und da sie ihn nicht konnten zu ihm bringen vor dem Volk, deckten sie das Dach auf, da er war, und machten eine Öffnung und ließen das Bett hernieder, darin der Gichtbrüchige lag.
5 Da nun Jesus ihren Glauben sah, sprach er zu dem Gichtbrüchigen: Mein Sohn, deine Sünden sind dir vergeben.
6 Es waren aber etliche Schriftgelehrte, die saßen allda und dachten in ihrem Herzen:
7 Wie redet dieser so? Er lästert Gott! Wer kann Sünden vergeben denn allein Gott?
8 Und Jesus erkannte alsbald in seinem Geist, dass sie so bei sich dachten, und sprach zu ihnen; Was denkt ihr solches in euerem Herzen?
9 Was ist leichter, zu dem Gichtbrüchigen zu sagen: Dir sind deine Sünden vergeben, oder zu sagen: Stehe auf, nimm dein Bett und wandle?
10 Auf dass ihr aber wisset, dass des Menschen Sohn Vollmacht hat, zu vergeben die Sünden auf Erden – sprach er zu dem Gichtbrüchigen:
11 Ich sage dir: stehe auf, nimm dein Bett und gehe heim!
12 Und er stand auf, nahm sein Bett und ging alsbald hinaus vor allen, so dass sich alle entsetzten und Gott priesen und sprachen: Wir haben solches noch nie gesehen.


Matth. 9, 1. „Er kam in seine Stadt.“ Diese Stelle zeigt, dass die Stadt Kapernaum allgemein als Heimatort Christi galt, weil er sie sehr oft besuchte. Denn es ist in keiner Weise zweifelhaft, dass die drei (Evangelisten) dieselbe Geschichte erzählen, obgleich sie in der Schilderung der Umstände unterschiedlich genau sind. Lukas sagt, es seien Schriftgelehrte aus den verschiedenen Teilen Judäas gekommen, vor deren Augen Christus den Gichtbrüchigen heilte; doch unterlegt er, die Gnade Christi habe auch anderen die Gesundheit wiedergeschenkt. Denn bevor er die Geschichte von dem Gichtbrüchigen erzählt, spricht er in der Mehrzahl von solchen, denen dort die Kraft Gottes zugänglich war, so dass sie von ihren Krankheiten geheilt wurden. Die Herrlichkeit dieses Wunders war schon ungewöhnlich, dass ein an allen Gliedern gelähmter Mensch, der auf seinem Bett lag und mit Stricken heruntergelassen wurde, plötzlich gesund und beweglich aufstand. Doch ist es ein anderer, besonderer Grund, warum die Evangelisten auf dieses Wunder größeren Wert legen als auf andere: die Schriftgelehrten fanden es empörend, dass Christus sich das Recht und die Vollmacht herausnahm, Sünden zu vergeben; Jesus dagegen wollte eben seine (Vollmacht) mit einem sichtbaren Zeichen bestätigen und versiegeln.

Matth. 9, 2. „Da nun Jesus ihren Glauben sah.“ Zwar weiß Gott allein um den Glauben, aber diese Männer gaben in jenem mühevollen Unterfangen eine Probe ihres Glaubens. Sie hätten sich niemals solcher Mühsal unterzogen und mit so vielen Widerwärtigkeiten gekämpft, wenn sie nicht von dem gewissen Vertrauen auf Erfolg beseelt gewesen wären. So zeigte sich die Frucht ihres Glaubens darin, dass sie sich trotz des von allen Seiten versperrten Zugangs nicht entmutigen ließen. Denn dass einige (Ausleger) meinen, Christus habe auf Grund göttlicher Eingebung um ihren Glauben gewusst, der in ihrem Innern verborgen war, scheint mir gezwungen. Da nun Christus den Glauben jener (Männer) anerkennt und darauf dem Gichtbrüchigen die Wohltat gewährt, pflegt man an dieser Stelle zu fragen, inwiefern fremder Glaube (anderen) Menschen nütze. Einmal ist sicher, dass der Glaube Abrahams seinen Nachkommen genützt hat, als er den freien Bund des Heils, der ihm und seinem Samen dargeboten wurde, annahm. Genauso darf man bei jedem Gläubigen denken, dass er durch seinen Glauben die Gnade Gottes auf Kinder und Enkel fortpflanzt, schon ehe sie geboren werden. Das ist für die kleinen Kinder wichtig, die in ihrem Alter noch nicht zum Glauben fähig sind. Den Erwachsenen dagegen, denen eigener Glaube fehlt (ganz gleich, ob es Außenstehende oder Verwandte sind), hilft fremder Glaube, was das ewige Heil der Seele betrifft, nur mittelbar. Denn insofern unsere Gebete nicht nutzlos sind, in denen wir Gott bitten, er möchte die Ungläubigen zur Buße bringen, zeigt sich hier, dass ihnen unser Glaube nützt; dennoch gelangen sie nicht zum Heil, bevor sie nicht selbst Gemeinschaft an ebendiesem Glauben erlangt haben. Wo aber eine gegenseitige Gemeinschaft des Glaubens besteht, ist nur zu bekannt, dass einer dem andern gegenseitig (auf dem Weg) zum Heil hilft. Auch das ist unbestreitbar, dass oft Ungläubige um der Frommen willen mit irdischen Wohltaten beschenkt werden. Was die vorliegende Geschichte angeht, konnte der Gichtbrüchige, obwohl Christus durch den Glauben der anderen bewegt worden sein soll, doch nicht die Vergebung der Sünden erlangen, wenn er nicht selbst glaubte. Christus hatte oft Unwürdigen die Gesundheit des Leibes wiedergeschenkt, so wie Gott täglich seine Sonne über Gute und Böse aufgehen lässt; aber der Glaube ist die einzige Weise, wie er sich mit uns versöhnt. Darum ist das Wort ihren nicht auf die Träger des Gichtbrüchigen einzuschränken; denn Christus sah sie so an, dass er zugleich auch seinen Glauben mit im Blick hatte.

„Deine Sünden sind dir vergeben.“ Christus scheint hier dem Gichtbrüchigen etwas anderes zu versprechen, als was er suchte. Aber da er ihm die Gesundheit des Leibes schenken wollte, fängt er damit an, ihn von der Ursache der Krankheit zu befreien, und erinnert zugleich den Gichtbrüchigen daran, woher ihm jene Krankheit gekommen sei und worauf er seine Bitten zu richten habe. Denn die Menschen bedenken gewöhnlich nicht, dass die Beschwerden, denen sie sich unterziehen müssen, Züchtigungen Gottes sind. Sie wünschen nur jegliche Linderung am Fleisch herbei und sind indessen in Bezug auf ihre Sünden sorglos, wie wenn ein Kranker seine Krankheit vergisst und nur ein Heilmittel für den gegenwärtigen Schmerz begehrt. Nun ist die einzige Befreiung von allen Übeln, dass Gott einem gnädig ist. Zwar geschieht es zuweilen, dass Gottlose sich von ihrem Unglück erholen, aber Gott bleibt ihnen trotzdem feindlich. Während sie sich befreit glauben, kehren entweder die gleichen (Übel) wieder, oder es tauchen noch mehr und schlimmere auf, die beweisen, dass es keine Linderung noch ein Ende gibt, bevor Gottes Zorn besänftigt ist. So bezeugt er selbst durch den Propheten Amos (5, 19): „Gleichwie wenn jemand vor dem Löwen flieht und ein Bär begegnet ihm; und er kommt in ein Haus und lehnt sich mit der Hand an die Wand, so sticht ihn eine Schlange!" So wird diese Art zu reden in der Schrift häufig und oft gebraucht, Vergebung der Sünden zu verheißen, wo einer Linderung der Strafe sucht. Uns kommt es zu, in unseren Gebeten auch diese Ordnung einzuhalten, dass wir, wenn wir Schmerzen verspüren, uns an unsere Sünden erinnern lassen und darum besorgt sind, zuerst einmal Vergebung zu erlangen, damit sich Gott mit uns versöhnt und seine strafende Hand abzieht.

Matth. 9, 3. „Und siehe, etliche unter den Schriftgelehrten.“ Sie beschuldigen Christus der Gotteslästerung und des Frevels, weil er sich etwas anmaßt, was Gott zusteht. Denn die andern beiden (Evangelisten) fügen hinzu: wer kann Sünden vergeben denn allein Gott? (Mark. 2, 7; Luk. 5, 21). Andererseits wurden sie ohne Zweifel durch die Lust, ihm entgegenzuarbeiten, zu diesem bösen Urteil getrieben. Wenn sie es für nötig hielten, ihn zu tadeln, warum suchten sie dann nicht nach Beweisen? Christus behauptete nichts anderes, als was Propheten gewöhnlich sagen, die die Gnade Gottes bezeugen; warum missverstehen sie seine Aussage in ihrer Doppeldeutigkeit, da sie sie auch wohlwollender hätten auslegen können? Es steht also fest, dass sie von vornherein von Übelwollen und Schmähsucht erfüllt waren, da sie so begierig die Antwort Christi aufgriffen, um ihn zu verurteilen. Auf der anderen Seite schweigen sie und denken darüber in ihren Herzen nach, um ihn dann in seiner Abwesenheit bei ihresgleichen durchzuhecheln. Es stimmt natürlich, dass Gott als einziger Recht und Macht hat, Sünden zu vergeben; aber sie irren in der Annahme, es stehe Christus nicht zu, wo er doch Gott ist, der sich im Fleisch geoffenbart hat. Sie hätten nachforschen sollen, mit welchem Recht Christus solche Vollmacht für sich in Anspruch nahm; nun sehen sie, ohne der Sache nachzugehen, in ihm fälschlich irgendeinen Menschen aus der Menge und lassen sich dazu hinreißen, ihn blindlings zu verdammen.

Matth. 9, 4. „Da aber Jesus ihre Gedanken merkte.“ Schon dadurch gibt er einen Beweis seiner Gottheit, dass er ihre verborgenen Gedanken ans Licht zieht. „Denn welcher Mensch weiß, was im Menschen ist, als allein der Geist des Menschen, der in ihm ist?" (1. Kor. 2, 11). Darum fügt Markus hinzu, er habe es in seinem Geist erkannt, als ob er sagen wollte: als Mensch konnte Christus nicht erkennen, was in den Herzen verborgen war, aber mit seinem göttlichen Geist drang er bis dahin durch. Er nennt ihre Gedanken böse, nicht weil es sie ärgerte, dass auf einen sterblichen Menschen übertragen wird, was Gott für sich allein in Anspruch nimmt, sondern weil sie Gott, der sich ihnen offen darbot, stolz und böswillig abwiesen.

Matth. 9, 5. „Was ist leichter.“ Das bedeutet: Da es kein bisschen leichter ist, einen erstorbenen Körper mit einem Wort zu beleben als Sünden zu vergeben, darf es nicht seltsam erscheinen, dass er Sünden vergibt, sobald er jenes andere vollbracht hat. Doch scheint Christus nicht ganz schlüssig zu folgern, denn die Seele ist wichtiger als der Leib, und entsprechend geht die Vergebung der Sünden der körperlichen Gesundheit vor. Doch die Lösung ist einfach, denn Christus passt seine Redeweise ihrem Verständnis an; sie waren nun einmal richtige Menschen und ließen sich durch die äußeren Zeichen mehr beeindrucken als durch die ganze geistliche Macht Christi, die zum ewigen Leben führte. So bestätigt er (Joh. 5, 28), die Wirksamkeit des Evangeliums, die Menschen lebendig zu machen, läge darin, dass er am Jüngsten Tag mit seiner Stimme die Toten aus den Gräbern rufen wird. Darum genügt diese Frage völlig, um ihnen unrecht zu geben, denen nichts wichtiger war als ein sichtbares Wunder; sie konnten nun nicht mehr bestreiten, dass er dem Gichtbrüchigen zu Recht die Sünden vergeben habe, da er ihm Kraft und Gesundheit wiederschenkte, denn die Vergebung der Sünden wurde offenkundig an dieser Wirkung.

Matth. 9, 6. „Dass des Menschen Sohn Vollmacht hat, auf Erden die Sünden zu vergeben.“ Diese Vollmacht ist eine ganz andere als die, die den Aposteln übertragen wurde und die heute die Hirten der Gemeinde ausüben. Denn diese vergeben nicht so sehr selbst, als dass sie bezeugen, dass (die Sünden) vergeben sind, und dabei die ihnen aufgetragene Botschaft verkündigen.
Mit diesen Worten jedoch erklärt sich Christus nicht allein für einen Diener und Bezeuger dieser Gnade, sondern auch als ihren Urheber. Aber was meint er mit der Einschränkung „auf Erden“? Denn was wird es uns helfen, wenn wir hier Vergebung erlangt haben, die im Himmel nicht angerechnet wird? Christus wollte sagen: die Vergebung der Sünden ist nicht in der Ferne zu suchen, sondern sie ist in seiner Person für die (Menschen wie mit Händen zu greifen. Denn da wir immer zu Misstrauen neigen, wagen wir nur dann, fest zu glauben, daß Gott barmherzig gegen uns ist, wenn er uns nahe kommt und wie ein Vater mit uns spricht. Da Christus dazu auf die Erde herabstieg, um den Menschen die gegenwärtige Gnade Gottes anzubieten, heißt es, dass er persönlich die Sünden vergebe, weil in ihm und durch ihn Gottes Wille zugänglich wird, der für das Empfinden des Fleisches vorher hinter den Wolken verborgen war.

Matth. 9, 8. „Da das Volk das sah, verwunderte es sich.“ Für die Verwunderung, die Matthäus erwähnt, setzen die beiden anderen Entsetzen; Lukas fügt noch Furcht hinzu. Alle (drei) jedoch wollen zeigen, dass die Macht Gottes nicht einfach nur zur Kenntnis genommen wurde; nein, alle waren erschüttert vor Bewunderung und genötigt, Gott die Ehre zu geben. Die Furcht aber, die der Bewunderung folgt, brachte sie dahin, Christus nicht mehr zu widersprechen, sondern sich ihm ehrerbietig zu fügen als einem Propheten Gottes. Matthäus sagt ausdrücklich, sie hätten Gott gepriesen, der den Menschen solche Macht gegeben hatte. Darin scheinen sie sich einigermaßen getäuscht zu haben. Denn wenn sie auch mit den Augen einen Menschen wahrnahmen, so hätten sie innerlich doch etwas Höheres als einen Menschen in ihm erkennen müssen. Natürlich ist es richtig, wenn sie es preisen, dass die Menschen in Christus zum Wohl des menschlichen Geschlechts so hoch geehrt wurden, aber weil sie noch nicht verstehen, dass Gott sich im Fleisch geoffenbart hat, ist ihr Bekenntnis von allerhand Irrtum durchsetzt. Kurz, es war richtig, dass Gott den Menschen solche Macht gegeben hat; aber sie begriffen die Art und Weise des Gebens noch nicht, weil sie die mit dem Fleisch verbundene Majestät Gottes nicht erkannt hatten.

Aus: Otto Weber, Calvins Auslegung der Heiligen Schrift. Zwölfter Band: Die Evangelien-Harmonie 1. Teil, Neukirchener Verlag, 1966, S. 258ff.

lutz
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Beitragvon lutz » 23.10.2010 22:47

20. Sonntag nach Trinitatis: Markus 10,2-15 - Von der Ehescheidung

von Johannes Calvin

''In zwei Hauptgedanken fasst Christus das ganze Thema zusammen: Die Ordnung der Schöpfung müsse als Gesetz gelten; nach ihr hat ein Mann seiner Ehefrau das ganze Leben Treue zu halten. Die Ehescheidungen aber seien gestattet, nicht weil sie etwa erlaubt wären, sondern weil man es mit einem starrköpfigen, unbelehrbaren Volk zu tun hatte.''


Markus 10,2-15
2 Und es traten Pharisäer zu ihm und fragten ihn, ob ein Mann sich scheiden dürfe von seiner Frau, und versuchten ihn damit.
3 Er antwortete aber und sprach: Was hat euch Mose geboten?
4 Sie sprachen: Mose hat zugelassen, einen Scheidebrief zu schreiben und sich zu scheiden.
5 Jesus aber sprach zu ihnen: Um eures Herzens Härtigkeit willen hat er euch dieses Gebot geschrieben;
6 aber von Anbeginn der Schöpfung hat Gott sie geschaffen als Mann und Weib.
7 Darum wird der Mensch seinen Vater und Mutter verlassen und wird seinem Weibe anhangen,
8 und werden die zwei ein Fleisch sein. So sind sie nun nicht mehr zwei, sondern ein Fleisch.
9 Was denn Gott zusammengefügt hat, soll der Mensch nicht scheiden.
10 Und daheim fragten ihn abermals seine Jünger danach.
11 Und er sprach zu ihnen: Wer sich scheidet von seiner Frau und freit eine andere, der begeht Ehebruch an ihr;
12 und so sich eine Frau scheidet von ihrem Manne und freit einen andern, sie begeht Ehebruch.


Die Pharisäer stellen Christus einen Hinterhalt und nähern sich ihm mit Arglist, um ihn in ihre Fänge zu bekommen; wir aber ziehen den Nutzen aus ihrer Bosheit.
So weiß der Herr wunderbar zum Vorteil der Seinen zu wenden, was die Gottlosen zum Nachteil der wahren Lehre ersonnen haben. Denn bei dieser Gelegenheit wurde eine Frage gelöst, die sich aus der Erlaubnis der Ehescheidung ergeben hatte, und es entstand ein klares Gesetz über das heilige, unlösbare Band der Ehe.
Der Fallstrick bestand darin, dass man sich nach Meinung der Pharisäer bei beiden möglichen Antworten verhasst machen musste. Sie fragen, ob es dem Mann erlaubt sei, sich aus irgendeinem Grunde von seiner Frau zu scheiden. Verneinte Christus, konnten sie boshaft ausschreien, er schaffe das Gesetz ab; bejahte er aber, so konnten sie behaupten, er sei eher ein Kuppler als ein Prophet Gottes, da er die Männer in ihrer Leidenschaft gewähren lasse. So hatten sie es sich ausgedacht. Doch der Sohn Gottes, der die Klugen in ihrer Arglist zu ertappen weiß, enttäuschte sie, indem er den unerlaubten Ehescheidungen entschieden entgegentrat und zugleich doch zeigte, dass er nichts gegen das Gesetz lehrte.
In zwei Hauptgedanken fasst er das ganze Thema zusammen: Die Ordnung der Schöpfung müsse als Gesetz gelten; nach ihr hat ein Mann seiner Ehefrau das ganze Leben Treue zu halten. Die Ehescheidungen aber seien gestattet, nicht weil sie etwa erlaubt wären, sondern weil man es mit einem starrköpfigen, unbelehrbaren Volk zu tun hatte.

Matth. 19, 4. „Habt ihr nicht gelesen?“ Zwar antwortet Christus nicht direkt auf die Frage der Pharisäer; aber mit seiner Gegenfrage lässt er sie nicht im unklaren über seine Meinung.
Es ist genauso, wie wenn einer heutzutage über die Messe befragt wird, dafür jedoch treulich das Geheimnis des heiligen Mahles auseinanderlegt und dann am Ende noch zufügt, jeder, der der reinen Einsetzung des Herrn etwas zuzufügen oder abzustreichen wagte, sei ein Schänder und Verfälscher des Glaubens; damit legt er unmissverständlich dar, dass das Opfer der Messe erlogen ist.
Christus geht von dem Grundsatz aus: Von Anfang an hat Gott den Mann mit der Frau verbunden, so dass erst die zwei den ganzen Menschen ausmachen. Wer sich also von seiner Frau scheide, schneide gewissermaßen eine Hälfte von sich ab. Es geht aber völlig gegen die Natur, dass einer seinen Körper selbst zerreißt.
Der zweite von Christus herangezogene Beweis schließt vom Kleineren auf das Größere: Das Band der Ehe ist heiliger als das, was Kinder mit ihren Eltern verbindet. Wenn nun schon die Ehrerbietung die Kinder ihren Eltern ohne Ende verpflichtet, wie viel weniger kann dann erst ein Mann seine Frau verlassen! Es wird also ein göttliches Band zerrissen, wenn sich ein Mann von seiner Frau scheiden lässt.
Christus will mit seinen Worten sagen: Gott hat als Schöpfer des Menschengeschlechtes einen Mann und eine Frau gemacht, damit jeder mit einer einzigen Frau zufrieden sei und nicht noch nach anderen Ausschau halte. Denn auf der Zweizahl besteht er, und er führt die gleiche Begründung an, wie der Prophet Maleachi (vgl. 2, 14-16), als er gegen die Vielweiberei vorgeht: Gott, dessen Geist einfallsreich genug gewesen wäre, auch mehrere zu schaffen, wenn er gewollt hätte, hat doch nur einen Menschen geschaffen, in der Form nämlich, wie Christus ihn hier beschreibt. Aus der Ordnung der Schöpfung wird also bewiesen, dass die Gemeinschaft des einen Mannes mit der einen Frau untrennbar ist.
Will einer einwenden, es sei dann auch nicht erlaubt, nach dem Tod der ersten Frau eine andere zu heiraten, so lässt sich darauf leicht antworten: Durch den Tod wird nicht nur das Band gelöst, sondern die zweite Gattin wird von Gott an die Stelle der ersten gesetzt, als ob die beiden eine und die gleiche wären.

Matth. 19, 5. „Darum wird ein Mensch Vater und Mutter verlassen.“ Ob Mose hier ein Wort Adams oder Gottes anführt, lässt sich nicht entscheiden. Aber ganz gleich, wie man darüber denkt, es beeinflusst die vorliegende Stelle nicht; denn auch, wenn Adam gesprochen hätte, wäre damit nur der Wille Gottes ausgesagt.
Im Übrigen wird hier nicht einfach angeordnet, dass wer eine Frau nehme, seinen Vater verlassen müsse. Denn dann widerspräche Gott sich selbst, wenn er mit der Verehelichung die Ehrerbietung aufheben würde, die er selbst den Kindern ihren Eltern gegenüber befohlen hat. Aber wenn die beiden Verpflichtungen miteinander verglichen werden sollen, bekommt die Ehefrau den Vorzug gegenüber Vater und Mutter.
Bricht jemand jedoch die Verbindung mit dem Vater ab und schüttelt das Joch von sich, mit dem er ihm verbunden ist, so wird niemand solch unnatürliches Benehmen billigen. Also haben wir noch viel weniger das Recht, die Ehe zu lösen.

„Und werden die zwei ein Fleisch sein.“ Durch dieses Wort wird die Vielweiberei genauso verurteilt wie die bedenkenlose Scheidung der Ehe. Denn wenn die gegenseitige Verbindung zwischen zweien vom Herrn geheiligt wurde, so ist eine Gemeinschaft mit dreien oder vieren Ehebruch. Christus ändert den Gedanken jedoch etwas ab: er meint, dass der sich selbst zerstückelt, der sich von seiner Frau scheiden lässt, da die heilige Ehe die Kraft hat, dass Mann und Frau zu einem Menschen zusammenwachsen.
Christus wollte damit nicht gegen die unreinen, unflätigen Gedanken Platons angehen, sondern er legt voller Hochachtung die von Gott gesetzte Ordnung dar. Der Mann soll also so mit seiner Frau leben, dass einer den andern pflegt wie einen Teil seiner selbst. Der Mann soll so herrschen, dass er das Haupt der Frau, nicht aber ihr Tyrann ist; die Frau soll sich dagegen bescheiden und gehorsam unterordnen.

Matth. 19, 6. „Was nun Gott zusammengefügt hat“. Mit diesem Satz zügelt Christus die Leidenschaft der Männer, dass sie nicht durch die Ehescheidung ein heiliges Band zerreißen. Wie er erklärt, dass es nicht im Belieben des Mannes liege, die Ehe aufzulösen, so gibt er auch allen andern die Regel, durch ihren Einfluss nicht noch unerlaubte Scheidungen zu unterstützen. Denn die Obrigkeit missbraucht ihre Gewalt, wenn sie dem Mann bei seiner Scheidung auch noch behilflich ist.
Doch eigentlich will Christus besonders darauf hinaus, dass jeder für sich die gelobte Treue unverletzt bewahren soll. Wen dann seine Leidenschaft oder eine üble Lust zur Scheidung reizt, der möge sich überlegen: Wer bist du eigentlich, dass du dir die Freiheit nimmst, ein göttliches Band zu zerreißen? Übrigens kann man diese Lehre auch noch weiter ausziehen. Die Papisten, die uns vormachen, die Kirche sei von Christus, ihrem Haupt, abgetrennt worden, hinterlassen uns einen leblosen Rumpf: beim heiligen Mahl wagten sie den Gebrauch des Kelches dem gesamten Volk zu entziehen, obwohl Christus Brot und Wein miteinander verbunden hat. Auch solchen teuflischen Verderbnissen darf man das Wort entgegenstellen: Was Gott zusammengefügt hat, das soll der Mensch nicht scheiden.

Matth. 19, 7. „Warum hat dann Mose geboten?“ Diese verfängliche Frage hatten sich die Pharisäer bereits für den Fall zurechtgelegt, dass Christus, wie es ja auch nur wahrscheinlich war, eine rechtmäßige Begründung für die Ehescheidung fordern sollte. Es scheint ja erlaubt zu sein, was Gott in seinem Gesetz zulässt; denn allein sein Wille entscheidet über Gut und Böse.
Aber durch seine treffende Antwort schlägt Christus ihre Gehässigkeit; er verweist darauf, dass Mose das nur ihres Starrsinns wegen zugelassen, nicht jedoch als erlaubt gebilligt habe. Seinen Ausspruch bekräftigt er mit der schlagenden Begründung (19, 8): „Von Anbeginn ist's nicht so gewesen“. Er stellt es als selbstverständlich hin, dass Gott am Anfang die Ehe einsetzte, um damit ein ewiges Gesetz aufzustellen, das bis zum Ende wirksam sein sollte.
Hat aber nun die Einrichtung der Ehe als unverletzbares Gesetz zu gelten, dann muss alles, was davon abweicht, nicht mit der wahren Natur der Ehe, sondern mit den Fehlern der Menschen zusammenhängen.
Es fragt sich nur, ob Mose etwas erlauben durfte, was an sich böse und fehlerhaft war. Allerdings kann man noch lange nicht behaupten, dass Mose es erlaubt hat, wenn er es nicht ausdrücklich verbot. Denn er hat kein Gesetz über die Ehescheidung gegeben, um sie mit seiner Stimme noch zu unterstützen, sondern da die schlimme Art der Menschen nicht anders gezügelt werden konnte, hat er das Gegenmittel angewandt, das man noch am ehesten ertragen konnte, dass der Mann wenigstens ein Zeugnis über die Unbescholtenheit seiner Frau zu geben habe.
Das Gesetz war also nur zugunsten der Frauen gegeben worden, damit sie nach ihrer ungerechten Verstoßung nicht auch noch Schande erleiden müssten. Wir sehen also, dass das eher eine den Männern auferlegte Strafe als eine gesetzliche Erlaubnis war, die ihre Begierde nur entflammen musste. Dazu kommt, dass staatliche und äußere Ordnung nicht mit geistlicher Herrschaft zu verwechseln ist. Was erlaubt und recht ist, hat der Herr in den Zehn Geboten zusammengefasst. Da nun vieles nicht vor ein menschliches Gericht gezogen werden kann, dessen den einzelnen sein Gewissen anklagt und überführt, ist es kein Wunder, wenn die staatlichen Gesetze in diesen Dingen ein Auge zudrücken. Nehmen wir ein bekanntes Beispiel: Die staatlichen Gesetze geben uns zu Rechtsstreitigkeiten einen weit größeren Raum als das Gebot der Liebe. Warum das? Doch nur, weil dem einzelnen sein Recht nicht werden kann, wenn keine Möglichkeit da ist, es zu suchen. Auf der anderen Seite erklärt aber das uns innewohnende Gesetz Gottes, dass wir den Anweisungen der Liebe folgen sollen. Darum kann keine Behörde ihre Lässigkeit entschuldigen, wenn sie auf eigene Verantwortung die Laster durchgehen lässt oder sonst ihre Pflicht versäumt.
Die Privatleute mögen indessen zusehen, dass sie ihre Fehler nicht mit dem Mantel der Gesetze zudecken und ihre Schuld dadurch nur verdoppeln. Denn hier liegt ja ein versteckter Tadel des Herrn, dass es den Juden nicht genügt, dass Gott ihren Mutwillen ungestraft dahingehen lässt, nein, sie wollen Gott selbst noch für ihre Sünde verantwortlich machen. Wenn schon aus den politischen Gesetzen nicht immer und überall eine Regel für ein reines, frommes Leben zu gewinnen ist, wie viel weniger kann dann die Gewohnheit dazu dienen!

Matth. 19, 9. „Ich aber sage euch.“ Markus (10, 10) berichtet, Christus habe das nur zu seinen Jüngern gesagt, als sie nach Hause gekommen wären. Matthäus erwähnt diesen Umstand nicht und führt die Rede Christi ohne Unterbrechung weiter. So lassen die Evangelisten oft ein Zwischenglied aus und begnügen sich damit, die Hauptsachen zu berichten.
Der ganze Unterschied zwischen beiden besteht darin, dass der eine etwas genauer berichtet als der andere. Das Ganze will sagen: Obgleich das Gesetz die Ehescheidung nicht bestraft, die doch von der ursprünglichen Einrichtung Gottes abweicht, so ist doch jeder, der seine Frau verlässt und eine andere heiratet, ein Ehebrecher. Denn es ist nicht in das Belieben des Menschen gestellt, das eheliche Gelübde zu brechen, das nach dem Willen des Herrn gültig bleiben soll. Und also ist jede eine Mätresse, die das rechtmäßige Bett der Ehefrau einnimmt.
Eine Ausnahme wird angeführt: Ein Mann ist dann von seiner Frau frei, wenn sie Ehebruch treibt; denn dann hat sie sich selbst gewissermaßen als ein faules Glied von ihrem Mann abgetrennt. Wer noch andere Gründe ersinnen und klüger als der himmlische Meister sein will, ist mit Recht zurückzuweisen. So sahen die Rabbinen den Aussatz als berechtigten Grund zur Scheidung an, weil die ansteckende Krankheit nicht nur auf den Mann, sondern auch auf die Kinder übergeht. Ich bin jedoch der Meinung, dass ein frommer Mann mit seiner aussätzigen Frau keinen ehelichen Umgang haben sollte; aber zu scheiden braucht er sich deswegen nicht von ihr. Wenn einer einwendet, dass die Männer, die ohne Frau nicht leben können, ein Heilmittel brauchen, um nicht in Leidenschaft zu entbrennen, so bin ich der Meinung, dass alles, was außerhalb des Wortes Gottes gesucht wird, kein Heilmittel ist. Außerdem wird solchen Leuten niemals die Kraft der Selbstbeherrschung fehlen, wenn sie sich nur der Führung des Herrn überlassen und seinen Anordnungen folgen.
Es gibt auch den Fall, dass jemanden ein Abscheu vor seiner Frau ergreift, dass er es nicht mehr übers Herz bringen kann, mit ihr zusammenzukommen; aber kann man etwa dieses Übel durch die Vielweiberei heilen? Die Frau eines andern mag gelähmt sein oder unter einer andern unheilbaren Krankheit leiden; darf der Mann sie dann etwa verlassen, weil er sich damit entschuldigen kann, dass er enthaltsam sein muss? Wir wissen, dass jeder, der auf den Wegen; des Geistes wandelt, seine Hilfe niemals entbehren muss.
Paulus sagt, dass, um die Hurerei zu vermeiden, jeder seine eigene Frau haben soll (vgl. 1. Kor. 7, 2). Wer also geheiratet hat, hat seine Pflicht getan, mag ihm auch nicht alles nach Wunsch gehen. Fehlt ihm etwas, so wird es ihm mit Gottes Hilfe schon wieder ersetzt werden. Darüber hinauszugehen bedeutet nichts anderes, als Gott zu versuchen. Wenn aber Paulus auch noch sagt (vgl. 1. Kor. 7, 12.15), ein frommer Bruder oder eine gläubige Schwester sei nicht gebunden, falls sie von dem ungläubigen Eheteil um des Glaubens willen zurückgestoßen werden, dann widerstreitet das Christi Standpunkt nicht. Denn es handelt sich hier nicht um einen rechtmäßigen Grund zur Scheidung, sondern nur darum, ob eine Frau an einen ungläubigen Mann gebunden bleiben soll, der sie in frevlerischem Hass gegen Gott verstoßen hat und mit dem sie sich nur dann wieder versöhnen kann, wenn sie selbst Gott verleugnet.
Darum ist es kein Wunder, wenn Paulus lieber mit einem sterblichen Menschen in Zwiespalt leben will, als sich von Gott selbst zu entfremden. Der Ausnahmefall, den Christus annimmt, scheint jedoch überflüssig zu sein. Denn wenn eine Ehebrecherin die Todesstrafe verdiente (vgl. Lev. 20, 10), wozu dann noch über Ehescheidung reden? Da es aber die Sache des Mannes war, den Ehebruch seiner Frau vor Gericht zu verfolgen, um sein Haus von der Schande zu reinigen, so löst Christus den Mann, der seine Frau der Unkeuschheit überführt hat, vom Band der Ehe, mochte nun das Gerichtsurteil ausfallen, wie es wollte. Denn es kann sein, dass bei dem verderbten und entarteten Volk auch dieser Frevel sehr oft ungestraft blieb. So wie heute die falsche Nachsicht der Obrigkeit zur Folge hat, dass Männer unreine Frauen verstoßen müssen, weil Ehebruch nicht geahndet wird. Bemerkenswert ist auch, dass beide Teile das gleiche Recht haben, so wie das eheliche Gelöbnis ja auf Gegenseitigkeit beruht. Denn während in andern Dingen der Mann das entscheidende Wort hat, so wird er, was die eheliche Gemeinschaft betrifft, der Frau gleichgestellt; denn er ist nicht der Herr seines Leibes. Darum ist auch der Frau ihre Freiheit zurückgegeben, wenn ein Mann durch Ehebruch die Ehe zerstört.

„Und freit eine andere, der bricht die Ehe.“ Dieser Satz wurde von vielen Auslegern sehr ungünstig ausgelegt. Allgemein und ganz verworren glaubte man, es werde hier die Ehelosigkeit für alle die Fälle verordnet, in denen eine Scheidung stattgefunden hat.
So wäre etwa beiden Teilen Ehelosigkeit auferlegt, wenn ein Mann sich von einer Ehebrecherin löst. Als ob nun das die Freiheit durch die Scheidung wäre, dass man von seiner Frau getrennt schläft; als ob Christus nicht deutlich zugestanden hätte, in dieser Sache ginge es so zu, wie die Juden sich ganz allgemein angewöhnt hatten, nach ihrem Belieben zu verfahren. Darum war das ein so schlimmer Irrtum. Denn wenn Christus jemanden des Ehebruchs verurteilt, der eine geschiedene Frau heiratet, so bezieht sich das ganz sicher nur auf unerlaubte, gottlose Scheidungen. Darum befiehlt auch Paulus den Leuten, die aus diesem Grunde wieder frei sind, unverheiratet zu bleiben oder sich mit ihren Männern wieder auszusöhnen, weil nämlich durch Zank und Zwiespalt eine Ehe noch nicht aufgehoben ist (vgl. 1. Kor. 7, 11).
Dasselbe ergibt sich auch aus Markus, wo ausdrücklich von der Frau, die sich von ihrem Mann scheidet, die Rede ist. Das bedeutet nicht, dass auch die Frauen die Freiheit hatten, den Männern einen Scheidebrief zu geben, es sei denn, die Juden waren in ihren äußeren Sitten so weit heruntergekommen. Markus wollte betonen, dass die Verderbnis, die damals allgemein um sich gegriffen hatte, vom Herrn gestraft werde. Beide Seiten gingen damals nämlich nach einer willkürlichen Scheidung in eine neue Ehe. Darum erwähnt Markus den Ehebruch als Scheidungsgrund überhaupt nicht.

Aus: Otto Weber, Calvins Auslegung der Heiligen Schrift. Dreizehnter Band: Die Evangelien-Harmonie 2. Teil, Neukirchener Verlag, 1974, S. 121ff.

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Beitragvon Joschie » 31.10.2010 08:56

Reformationsfest: Matthäus 5,1-12 -
von Johannes Calvin


''Zweifellos schätzen alle in ihrem Urteil die Glückseligkeit nach den gegenwärtigen Verhältnissen ein. Christus stellt diese verkehrte Ansicht richtig, als ob die glücklich seien, denen es jetzt, nach dem Fleisch, gut und wunschgemäß geht''


Matthäus 5,1-12
1 Da er aber das Volk sah, ging er auf einen Berg und setzte sich; und seine Jünger traten zu ihm. 2 Und er tat seinen Mund auf, lehrte sie und sprach: 3 Selig, die da geistlich arm sind; denn das Himmelreich ist ihr. 4 Selig sind, die da Leid tragen; denn sie sollen getröstet werden. 5 Selig sind die Sanftmütigen; denn sie werden das Erdreich besitzen. 6 Selig sind, die da hungert und dürstet nach der Gerechtigkeit; denn sie sollen satt werden. 7 Selig sind, die reines Herzens sind; denn sie werden Gott schauen. 9 Selig sind die Friedfertigen; denn sie werden Gottes Kinder heißen. 10 Selig sind, die um Gerechtigkeit willen verfolgt werden; denn das Himmelreich ist ihr. 11 Selig seid ihr, wenn euch die Menschen um meinetwillen schmähen und verfolgen und reden allerlei Übles wider euch, so sie daran lügen. 12 Seid fröhlich und getrost; es wird euch im Himmel wohl belohnt werden. Denn also haben sie verfolgt die Propheten, die vor euch gewesen sind.

Matth. 5, 1. „Er ging auf einen Berg.“ Die Leute, die hier eine andere Predigt Christi annehmen wollen, als die in Luk. 6 überlieferte, lassen sich zu sehr von einem schlüpfrigen und armseligen Argument bewegen? Matthäus erzähle, Christus habe auf einem Berg zu den Jüngern geredet, Lukas aber scheine anzugeben, die Predigt sei in der Ebene gehalten worden. Sie lesen nämlich die Worte des Lukas fälschlicherweise in einem Zusammenhang: Christus sei in eine Ebene hinabgestiegen und habe, indem er die Augen über seine Jünger aufhob, so zu ihnen gesprochen. Beide Evangelisten verfolgten ja den Plan, einmal an einer besonderen Stelle gewisse Hauptstücke der Lehre Christi zusammenzuordnen, die sie als Richtschnur für ein frommes und heiliges Leben betrachteten. Obgleich Lukas also vorher ein Feld erwähnt hatte, verfolgt er dieselbe Geschichte nicht in einer fortlaufenden Kette (von Erzählungen) weiter, sondern geht von den Wundern zu der Lehre über, ohne Zeit und Ort anzugeben. Auch bei Matthäus steht keine Zeitangabe, nur die Bezeichnung eines einzigen Ortes. Überhaupt hat Christus wahrscheinlich nur nach der Berufung der Zwölf so gepredigt. Aber nur um die Zeitfolge einzuhalten, die anscheinend vom Geist Gottes übergangen ist, wollte ich nicht allzu wißbegierig sein. Frommen und bescheidenen Lesern muß es nämlich genügen, daß sie hier eine kurze Zusammenfassung der Lehre Christi vor Augen haben, die aus mehreren und verschiedenen seiner Predigten zusammengestellt ist; in der ersten dieser Reihe erörterte er (sc. Christus) vor den Jüngern die Frage der wahren Glückseligkeit.

Matth. 5, 2. „Und er tat seinen Mund auf...“ Diese überflüssig erscheinende Beifügung spiegelt die hebräische Sprache wider. Denn was in anderen Sprachen ungeschickt wäre, wird bei den Hebräern oft gebraucht: sie können sagen: „er tat den Mund auf“ für: „er fing an zu reden". Indessen halten viele die Aussage für betont, weil es einigermaßen gewichtig und auffallend in die Mitte gerückt ist, mag es in guter oder schlechter Hinsicht sein. Da jedoch einige Schriftstellen dem widersprechen, gefällt mir jene erste Erklärung besser. Was soll außerdem die scharfsinnige Spekulation, Christus habe seine Jünger nur bildlich auf einen Berg geführt, um ihre Gemüter ganz von den irdischen Sorgen und Mühen weg in die Höhe zu entführen! Vielmehr hat er nämlich auf dem Berg die Abgeschiedenheit gesucht, um sich, fern von der Menge, ein wenig mit seinen Jüngern von den Anstrengungen zu erholen. An erster Stelle aber ist zu überlegen, zu welchem Zweck Christus zu seinen Jüngern über die wahre Glückseligkeit sprach. Wir wissen, daß nicht nur der Mann von der Straße, sondern auch der Gebildete in dem Irrtum befangen ist, ein solcher Mensch sei glücklich, der, frei von aller Beschwerde, doch im Besitz der Erfüllung seiner Wünsche, ein vergnügtes und ruhiges Leben führe. Zweifellos schätzen alle in ihrem Urteil die Glückseligkeit nach den gegenwärtigen Verhältnissen ein. Christus stellt diese verkehrte Ansicht richtig, als ob die glücklich seien, denen es jetzt, nach dem Fleisch, gut und wunschgemäß geht; er will ja die Seinen daran gewöhnen, das Kreuz zu erdulden. Die Leute, die fest meinen, Erdulden passe nicht zu einem glücklichen Leben, sind nämlich nicht in der Lage, den Mühsalen und Ungerechtigkeiten, die ertragen werden müssen, ruhig den Nacken zu beugen. Deshalb gibt es einen Trost, womit die Härte des Kreuzes und aller Übel gemildert, ja sogar versüßt wird, solange wir überzeugt sind, daß wir mitten im Elend glücklich sind; denn unser Erdulden wird vom Herrn gesegnet, und bald folgt ein freundlicherer Ausgang. Ich gestehe allerdings, diese Lehre liegt der allgemeinen Ansicht fern; aber so ziemt es sich Christi Jüngern zu denken, daß sie ihre Glückseligkeit außerhalb der Welt und oberhalb der Empfindung des Fleisches ansiedeln. Aber wenn auch die irdische Vernunft niemals dem zustimmt, was Christus hier predigt, so setzt er uns doch kein Phantasiegebilde vor, so wie einst die Stoiker mit ihren Paradoxen spielten, sondern er zeigt an der Sache selbst, warum gerade die wahrhaft glücklich sind, deren Lebensumstände man für elend hält. Denken wir also daran, daß dies das Hauptstück der Rede ist; denn Christus weigert sich, die elend zu nennen, die durch Kränkungen und Unverschämtheiten bedrückt werden und den verschiedensten Drangsalen unterworfen sind. Christus versichert nicht nur nachdrücklich, daß die falsch handelten, die das Glück des Menschen an der Gegenwart bemessen - denn in kurzer Zeit müsse sich das Elend der Frommen zum Besseren wenden -, sondern er ermahnt auch die Seinen zum Dulden, indem er ihnen Hoffnung auf Lohn schenkt.

Matth. 5, 3. „Selig sind, die da geistlich arm sind...“ Bei Lukas steht der Ausdruck ohne den Zusatz da; aber Matthäus drückt den Gedanken Christi klarer aus, weil die Armut vieler verflucht und unglücklich ist. Da also die meisten Menschen unter Widerwärtigkeiten leiden - innerlich aber wuchert ihr Stolz und Trotz unaufhörlich weiter -, erklärt Christus die für glückselig, die sich, nachdem sie die Widerwärtigkeiten gezähmt und bezwungen haben, ganz Gott unterwerfen und, innerlich voll Demut, sich seinem Schutz anvertrauen. Andere erklären die „geistlich Armen“ als solche, die nichts für sich in Anspruch nehmen; und dies in solchem Ausmaß, daß sie, nachdem das Vertrauen auf alles Fleisch geschwunden ist, ihre Armut gar nicht merken. Aber weil der Sinn in den Worten des Matthäus und Lukas notwendig gleichbleiben muß, ist es nahezu ohne Zweifel, daß solche arm genannt werden, die unter Unglück leiden und darin angefochten werden. Dies ist nur wichtig, weil Matthäus durch seine Zufügung die Glückseligkeit auf die allein beschränkt, die gelernt haben, sich unter der Zucht des Kreuzes zu demütigen. Denn das Himmelreich ist ihr. Wir sehen, daß Christus die Seinen nicht mit einer windigen Überredung ermutigt oder auf eisernem Trotz beharrt wie die Stoiker, sondern indem er sie an die Hoffnung auf das ewige Leben erinnert, ermuntert er sie zur Geduld; denn auf diese Weise würden sie in das Reich Gottes eingehen. Es ist wirklich der Mühe wert, zu beachten, daß niemand geistlich arm ist, der sich nicht, bei sich selbst auf das Nichts zurückgeworfen, auf die Barmherzigkeit Gottes verläßt. Denn herrischen und stolzen Geistes sind die, die durch Verzweiflung zerbrochen und erdrückt, dann noch wider Gott murren.

Matth. 5, 4. „Selig sind, die da Leid tragen.“ Dieser Satz ist nicht nur eng verbunden mit dem vorangehenden, sondern wirkt auch wie seine Erweiterung oder Bestätigung. Denn da Unglück die Menschen elend macht, entsteht gewöhnlich das Urteil, es zöge fortlaufend Trauer und Leid nach sich. Nun gibt es keinen größeren Gegensatz zum Glück als die Trauer. Doch bestreitet Christus, daß Trauernde unglücklich seien, und lehrt dazu, daß Trauer zu einem glückseligen Leben verhelfe, da sie zum Empfang der ewigen Freude heranbilde und man auf diese Weise wie mit Stacheln angetrieben werde, nur in Gott wahrhaften Trost zu suchen. So schreibt Paulus Röm. 5, 3ff.: „... wir rühmen uns auch der Trübsale, weil wir wissen, daß Trübsal Geduld bringt; Geduld aber bringt Bewährung; Bewährung aber bringt Hoffnung; Hoffnung aber läßt nicht zuschanden werden."

Matth. 5, 5. „Selig sind die Sanftmütigen.“ Mit „Sanften" und „Milden" meint Christus solche Leute, die bei Ungerechtigkeiten nicht gleich aus der Haut fahren, nicht auf jede Beleidigung empfindlich reagieren, die bereit sind, lieber alles zu ertragen, als es den Gottlosen gleichzutun. Daß Christus gerade solchen den „Besitz des Erdreichs“ verspricht, scheint gar keinen Reim zu geben; denn die Herrschaft eignen sich doch die an, die auf jede Ungerechtigkeit heftig zurückschlagen und bei einer Verletzung schnell mit der Rache bei der Hand sind. Und sicherlich gehen erfahrungsgemäß die Gottlosen nur umso kühner und mutwilliger zu Werk, desto sanftmütiger man sich alles gefallen läßt. Daraus ist das teuflische Sprichwort entstanden, man müsse mit den Wölfen heulen, weil der, der sich zum Schaf mache, bald von den Wölfen zerrissen werde. Aber Christus setzt den eigenen und des Vaters Schutz der Raserei und Gewalttätigkeit der Wütenden entgegen und versichert den Sanften nicht vergeblich, daß sie Herren und Erben der Erde sein werden. Die Kinder dieser Welt halten sich nur dann für sicher, wenn sie tatkräftig rächen, was an Bösem ihnen widerfährt, wenn sie mit Hand und Waffe ihr Leben schützen. Wir aber müssen ganz fest daran glauben, daß Christus der einzige Hüter unseres Lebens ist, und es bleibt uns nichts anderes, als uns unter dem Schatten seiner Flügel zu bergen. Auch müssen wir ja Schafe sein, wenn wir zu seiner Herde gerechnet werden wollen. Wenn einer als Einwand die Erfahrung anführt, die dem ganz widerspreche, so möge er zuerst wohl erwägen, wie unruhig die Zügellosen sind und sich von innen her aufwühlen. Es gilt wirklich von ihrem so unruhigen Leben, daß sie, mögen sie auch hundertmal Herren der Erde sein, mit all ihrer Habe doch nichts besitzen. Für die Kinder Gottes antworte ich: obwohl sie sich niemals fest auf der Erde ansiedeln können, sollen sie sie als Wohnort in Ruhe genießen. Dieser Besitz ist nicht nur zum Schein, weil sie die Erde ja bewohnen, zumal sie wissen, daß sie ihnen durch göttlichen Willen gegeben ist. Darum werden sie gegen die Zügellosigkeit und Raserei der Bösen von der erhobenen Hand Gottes geschützt und, allen Angriffen des Schicksals ausgesetzt, der Frechheit der Bösen preisgegeben, von allen Gefahren umringt, leben sie doch sicher in der Obhut Gottes, so daß sie wenigstens von der Gnade Gottes schon kosten dürfen; und daran lassen sie sich genügen, bis sie am Jüngsten Tag das Erbe der Welt antreten.

Matth. 5, 6. „Selig sind, die da hungert.“ „Hungern" und „dürsten" deute ich als ein Bild für Mangel leiden, unvermeidlicher Notlage preisgegeben sein und um sein Recht betrogen werden. Matthäus setzt „hungern nach der Gerechtigkeit“ als Beispiel für eine Vielzahl von Möglichkeiten. Doch steigert er die Unwürdigkeit der Lage, indem er darauf hinweist, sie sollten ängstlich seufzend nur verlangen, was recht ist; wie wenn er gesagt hätte: glücklich sind, die ihre Wünsche mäßigen, indem sie nur begehren, was billig ist, und trotzdem wie Hungernde schmachten. Wie sehr auch ihre Angst sich auf den Spott richten mag, mit dem sie gequält werden, so gehen sie doch dadurch auf ihr sicheres Glück zu; denn einmal werden sie satt gemacht werden. Einmal wird Gott ihr Seufzen erhören und ihr ehrliches Verlangen stillen, da es sein Amt ist, die Hungrigen mit Gütern zu füllen, wie es im Lied der Jungfrau Maria heißt.

Matth. 5, 7. „Selig sind die Barmherzigen.“ Dies ist auch so ungewöhnlich und wunderbar, daß es menschlicher Ansicht widerspricht. Die Welt nennt die glücklich, die auf ihre sorglose Ruhe bedacht sind und sich fremde Not vom Leib halten; Christus dagegen preist hier die selig, die neben dem eigenen Unglück noch das fremde Mißgeschick bereitwillig auf sich nehmen, den Armen helfen, sich schlechtweg mit den Leidenden zusammengehörig erklären und sich gleichsam in denselben Zustand begeben, um sich desto besser der Hilflosen annehmen zu können. Er fügt hinzu: denn sie werden Barmherzigkeit erlangen, freilich nicht nur bei Gott, sondern auch unter den Menschen selbst, deren Sinne Gott zur Menschenfreundlichkeit lenken wird. Wie undankbar die Welt einstweilen auch sein und wie übel sie den Barmherzigen ihren Dienst belohnen mag, so muß es genügen, daß bei Gott Gnade für die Barmherzigen und Mildtätigen aufbewahrt ist, daß sie ihn also wiederum für sich gnädig und barmherzig finden.

Matth. 5, 8. „Selig sind, die reines Herzens sind.“ Hier führt Christus anscheinend etwas an, was einmal mit dem Urteil der Allgemeinheit übereinstimmt. Lauterkeit des Herzens, so geben alle zu, sei die Mutter aller Tugend. Indessen hält kaum jeder zehnte die Schlauheit nicht für die höchste Tugend. Daher kommt es, daß beim Volk die Talentierten glücklich heißen, die in geschickter Weise Ränke schmieden und ihre Geschäftspartner mit allerlei undurchsichtigen Künsten schlau umgarnen. Diese Verhaltensweise des Fleisches billigt Christus ganz und gar nicht, sondern er preist die selig, die nicht an Schläue ihr Vergnügen haben, sondern lauter unter den Menschen einhergehen und in Wort und Miene die Gedanken ihres Herzens ausdrücken. Da aber die Einfältigen verlacht werden, weil sie nicht umsichtig und entschieden genug Vorsorge für sich treffen, weist Christus sie in die Höhe; denn weil sie nicht scharfsinnig genug sind, auf der Erde zu betrügen, so dürfen sie im Himmel Gottes Anblick genießen.

Matth. 5, 9. „Selig sind die Friedfertigen.“ Er meint die, die nicht allein den Frieden suchen und, soviel an ihnen liegt, Streit meiden, sondern solche, die eifrig Streitigkeiten unter andern schlichten, allen zum Friedensstifter werden und Anlässe zu Haß und Eifersucht entfernen. Das ist nicht unüberlegt gesagt; denn da das Friedenstiften zwischen Streitenden keine leichte Sache ist, machen sich besonnene Menschen, die den Frieden wahren wollten; sehr unbeliebt; sie müssen von beiden Seiten Vorwürfe, Klagen und Beschwerden hören. Denn jede Partei wünscht sich einen Anwalt, der auf ihrer Seite steht. Damit wir darum nicht von Menschengunst abhängig seien, befiehlt uns Christus, das Urteil seines Vaters zu erwarten. Denn er ist ein Gott des Friedens und rechnet uns zu seinen Kindern, solange wir den Frieden suchen, auch wenn wir uns mit unserem Bemühen bei den Menschen unbeliebt machen. Berufen zu sein und (zu seinen Kindern) gerechnet zu werden ist nämlich ebensoviel wert.

Matth. 5, 10. „Selig sind, die verfolgt werden.“ Mit diesem Satz haben Christi Jünger am meisten Schwierigkeiten, und je widerwilliger das Fleisch ihn aufnimmt, desto aufmerksamer muß er bedacht werden. Wir können nämlich unter keinem andern Gesetz für Christus kämpfen, als daß uns der größere Teil der Welt in Feindschaft verfolgt bis zum Tod. Denn Satan, der Fürst der Welt, rüstet die Seinen unablässig mit Kampfeswut aus, damit sie Christi Glieder verhöhnen. Es sieht nämlich diesem Ungetüm ähnlich und liegt außerhalb der (menschlichen) Natur, daß man Leute ohne Schuld feindselig quält, wo sie doch die Gerechtigkeit lieben. Daher sagt Petrus (1. Petr. 3, 13): „... wer ist, der euch schaden könnte, wenn ihr dem Guten nacheifert?" Aber infolge der Verderbtheit einer solch zügellosen Welt beschwört nur allzuoft gerade der Eifer nach guter Gerechtigkeit den Haß der Bösen herauf. Besonders aber ist es geradezu das Los der Christen, bei der Mehrzahl der Menschen verhaßt zu sein. Das Fleisch kann nämlich die Lehre des Evangeliums nicht ertragen; keiner wird gern seiner Fehler überführt. „Um der Gerechtigkeit willen leiden“ bezieht sich auf die Menschen, die dadurch den Haß der Bösen auf sich ziehen und ihre Wut hervorlocken, daß sie sich mit ehrlichem, wohlwollendem Eifer bösen Interessen widersetzen und die guten nach Kräften verteidigen. Auf dieser Seite nimmt allerdings die Wahrheit Gottes mit Recht den ersten Platz ein. So unterscheidet Christus an diesem Kennzeichen seine Zeugen von den Übeltätern und Gottlosen. Ich wiederhole, was ich oben gesagt habe: da alle, die gottselig in Christus leben wollen, der Verfolgung preisgegeben sind, so ist Paulus Zeuge (2. Tim. 3, 12), daß dieses Wort sich allgemein an alle Frommen richtet. Manchmal ist der Herr zwar nachsichtig mit unserer Schwachheit und erlaubt den Gottlosen nicht, uns einfach zum Vergnügen zu quälen. Doch sollten wir über diesen Satz an einem zurückgezogenen und stillen Ort nachdenken, daß wir, sooft es nötig ist, zum Kampf bereit sind und ihn nicht ohne gute Ausrüstung beginnen. Da im übrigen in diesem ganzen Leben die Lage der Frommen ausgesprochen elend ist, ermutigt uns Christus mit Recht, unsere Hoffnung auf das himmlische Leben zu richten. Und darin unterscheidet sich die ungewöhnliche Aussage Christi am meisten von den Erfindungen der Stoiker, die anraten, jeder solle mit seinen Wunschvorstellungen zufrieden sein, so daß er für sich selbst entschiede, was sein Glück sei. Christus hängt die Glückseligkeit nicht an einer leeren Phantasie auf, sondern gründet sie in der Hoffnung auf künftigen Lohn.

Matth. 5, 11. „Wenn sie euch schmähen ...“ Dafür steht in Luk. 6, 22. „Wenn sie euch hassen und euch ausstoßen und schelten euch und verwerfen euren Namen als einen bösen ...“ Mit diesen Worten wollte Christus seine Gläubigen trösten, daß sie nicht den Mut fallen ließen, wenn sie sahen, daß sie der Welt ein Greuel waren. Es bedeutete nämlich keine leichte Anfechtung, gleich Gottlosen und Heiden aus der Gemeinde ausgestoßen zu werden. Er wußte, wie sehr sie den Heuchlern zuwider sein würden, und sah im voraus die Feinde des Evangeliums in wildem Angriff gegen seine winzige, verachtete Herde losbrechen. Darum wollte er sie fest schützen, damit sie nicht unterlägen, wie sehr auch der ungeheure Schwall von Beschimpfungen sie zu erdrücken drohte. Hier zeigt sich auch, daß wir den päpstlichen Kirchenbann nicht zu fürchten brauchen, solange uns jene Tyrannen von ihren Synagogen ausschließen, weil wir uns nicht von Christus scheiden lassen wollen.

Matth. 5, 12. „Seid fröhlich und getrost...“ Das bedeutet: das Heilmittel ist zur Hand, daß wir uns nicht von den ungerechten Vorwürfen zermalmen lassen; denn wir brauchen nur unsere Herzen auf den Himmel zu richten, dort bietet sich überreicher Grund zur Freude, die die Traurigkeit wegschmilzt. Was die Papisten unter dem Namen Lohn vortäuschen - eine solche Schminke läßt sich durch keinen Aufwand abwaschen. Es gibt nämlich kein gegenseitiges Verhältnis zwischen Lohn und Verdienst, wie sie faseln, sondern die Verheißung auf Lohn ist völlig unverdient. Wenn wir daher bedenken, wie verstümmelt und fehlerhaft auch die guten Werke der Besten sind, so wird klar, daß Gott niemals ein Werk des Lohnes würdig findet. Zu beachten sind dagegen diese Zusätze „um meinetwillen“ oder „um des Menschensohnes willen" und ebenso: „wenn sie euch schmähen, so sie daran lügen“. Es soll sich nur nicht gleich als Märtyrer Christi brüsten, wer durch eigene Schuld Verfolgung leidet; einst gaben sich die Donatisten nur mit diesem Titel zufrieden, weil sie die Obrigkeit gegen sich hatten. Und heute bringen die Wiedertäufer das Evangelium in Verruf, wenn sie mit ihren Phantasien die Kirche verwirren; dennoch rühmen sie sich, die Wundmale Christi zu tragen, wo sie doch zu Recht verdammt werden. Aber Christus preist nur die selig, die seine Sache in rechter Weise verteidigen. „Denn also haben sie verfolgt...“ Mit Absicht ist dies zugefügt, damit die Apostel, wenn sie etwa Siege ohne mühevollen Kampf erhofften, in Verfolgung nicht ermatteten. Denn weil überall in der Schrift die Erneuerung aller Dinge unter der Herrschaft Christi verheißen wird, bestand die Gefahr, daß sie sich in einer eitlen Zuversicht wiegten und nicht an ihren Kriegsdienst dachten. Und aus anderen Stellen geht hervor, daß die Vorstellung töricht ist, das Reich Christi sei mit Schätzen und Genüssen angefüllt. Darum erinnert Christus nicht ohne Grund daran, daß ihnen dieselben Kämpfe bevorstünden, wie sie einst die Propheten durchlitten haben, da sie nun einmal an ihre Stelle rückten. Denn nicht nur im Blick auf die Zeit nennt er die Propheten ihre Vorgänger, sondern weil sie derselben Schar angehörten, müßten sie sich an ihrem Beispiel bilden. Was man vor aller Welt als die neun Glückseligkeiten erfunden hat, ist wertlos genug, als daß es einer langen Widerlegung bedürfte.

Aus: Otto Weber, Calvins Auslegung der Heiligen Schrift. Zwölfter Band: Die Evangelien-Harmonie 1. Teil, Neukirchener Verlag, 1966, S. 168ff.
Tod, wo ist dein Stachel? Totenreich, wo ist dein Sieg? 1Kor 15,55

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Beitragvon Joschie » 06.11.2010 21:25

21. Sonntag nach Trinitatis / Allerheiligen: Matthäus 5,38-48 - Vom Vergelten
von Johannes Calvin
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''Wie breit auch der Graben zwischen uns und Gott sein mag, so wird uns doch befohlen, vollkommen zu sein wie er, wenn wir nur nach eben dem Ziel streben, das er uns in seiner Person vorhält.''
Matthäus 5,38-41
38 Ihr habt gehört, daß da gesagt ist: „Auge um Auge, Zahn um Zahn.“ 39 Ich aber sage euch, daß ihr nicht widerstreben sollt dem Übel; sondern wenn dir jemand einen Streich gibt auf deine rechte Backe, dem biet die andere auch dar. 40 Und wenn jemand mit der rechten will und deinen Rock nehmen, dem laß auch den Mantel. 41 Und wenn dich jemand nötigt eine Meile, so gehe mit ihm zwei.

Matth. 5, 38. „Auge um Auge...“ Hier wird ein anderer Irrtum zurechtgestellt. Wohl hatte Gott den Richtern und der Behörde in seinem Gesetz befohlen, Vergehen mit gerechter Strafe zu ahnden, doch maßte sich unter diesem Vorwand jeder die Rache selbst an. So glaubten sie nicht zu sündigen, wenn sie die Oberen gar nicht erst bemühten, sondern Gleiches mit Gleichem vergalten. Dagegen stellt sich Christus mit seiner Ermahnung: Zwar ist den Richtern die allgemeine Rechtfertigung anvertraut, und sie sind dazu bestimmt, die Bösen im Zaum zu halten und ihren Einfluß zu dämmen, doch soll ein jeder erlittenes Unrecht geduldig ertragen.

Matth. 5, 39. „...Daß du nicht widerstreben sollst dem Übel.“ Es gibt zwei Arten zu widerstehen: mit der einen halten wir uns das Unrecht fern, ohne selbst schuldig zu werden, mit der andern wollen wir Vergeltung üben. Obgleich Christus den Seinen nicht erlaubt, Gewalt mit Gewalt zu erwidern, so verbietet er doch nicht, sich unrechtmäßiger Gewalttätigkeit zu entziehen. Diese Stelle kann uns Paulus am besten auslegen, wenn er befiehlt, lieber das Böse mit Gutem zu überwinden, als sich mit Feindseligkeiten zu wappnen (Röm. 12, 21). Man muß den Gegensatz zwischen Fehler und Richtigstellung beachten. Hier handelt es sich um die Vergeltung: ihre Anwendung will er seinen Jüngern fernhalten; darum verbietet er, Böses mit Bösem zu vergelten. Er dehnt das Gebot zur Geduld weiter aus, daß wir nicht nur schweigend erfahrenes Unrecht tragen, sondern darüber hinaus bereit sind, noch mehr zu erdulden. Überhaupt will die ganze Ermahnung, daß die Gläubigen vergessen lernen, was man ihnen Böses angetan hat, daß sie sich nicht wegen einer Kränkung zu Haß und Mißgunst hinreißen lassen oder zu dem Wunsch, umgekehrt Schaden zu stiften; vielmehr sollen sie sich auf noch geduldigeres Ausharren einrichten, wenn die Unverschämtheit und Gier der Bösen wächst und immer erbitterter wird.

„Wenn dir jemand einen Streich gibt...“ Julian und ähnliche Leute bekritteln die Lehre Christi auf geschmacklose Art, als ob er Gesetz und Gerechtigkeit von Grund aus umkehren wolle. Denn wie Augustin geschickt und kundig ausführt (ep. 5), wollte Christus die Gläubigen zu Mäßigung und Billigkeit anleiten, damit sie nicht bei ein paar Beleidigungen gleich den Mut sinken ließen oder verzagten. Und es stimmt, was Augustin sagt: hier wird kein Gesetz für äußere Werke gegeben, man muß es nur richtig auffassen. Ich gestehe zu, Christus hält unsere Hände wie unsere Herzen von der Rache zurück. Aber wo jemand sich und das Seine ohne Rache vor Unrecht schützen kann, so hindern ihn die Worte Christi nicht daran, solange er friedlich und schuldlos einer andrängenden Gewalt ausweicht. Sicherlich will Christus die Seinen nicht auffordern, zur Bosheit derer noch beizutragen, deren Lust, Schaden zu stiften, gerade brennend genug ist. Gibt es ein stärkeres Reizmittel, als die andere Backe noch hinzuhalten? Es ist eines rechten und vernünftigen Auslegers nicht würdig, nach Silben zu haschen, sondern er muß auf den achten, der den Ratschlag erteilt. Und Christi Jüngern ziemt nichts weniger, als mit Wortneckereien zu spielen, wo doch klar ist, was der Meister will. Es ist nicht im geringsten verborgen, worauf Christus abzielt; denn das Ende eines Streites würde der Beginn eines neuen sein, und so müßten sich die Gläubigen ihr ganzes Leben lang einer fortlaufenden Kette von Ungerechtigkeiten unterziehen. Deshalb will er sie, sobald sie einmal verletzt sind, mit dieser Lehre zum Ausharren anweisen, daß sie durch Leiden Geduld lernen.

Matth. 5, 40. „Wenn jemand mit dir rechten will...“ Christus berührt eine andere Art Schaden, daß uns nämlich die Frechen mit ihren Prozessen verfolgen. Er befiehlt uns aber in dieser Sache, zur Geduld bereit zu sein, daß wir, wenn uns der Mantel genommen wird, auch bereitwillig den Rock hinterdrein geben. Es wäre albern, auf den Worten zu bestehen. Soll man lieber den Feinden geben, was sie fordern, als vor Gericht gehen, so würde solche Bereitschaft die Feinde erst recht zu Diebstahl und Raub anfeuern. Sicher war das nicht Christi Absicht. Was aber heißt dann, dem, der es wagt, den Mantel zu rauben, auch den Rock geben? Wenn jemand von einem ungerechten Urteil vernichtet wird, seine Habe verliert und dann noch bereit ist, nötigenfalls auch den Rest hinzuzugeben, verdient er nicht weniger Lob der Geduld als der, der sich zweimal die Kleider rauben läßt, ohne vor Gericht zu laufen. Das Ganze soll also heißen: Sobald jemand die Christen eines Teiles ihrer Güter zu berauben versucht, müssen sie zu vollständiger Ausplünderung bereit sein. Daraus folgt, daß wir andererseits die Richter nicht von einer Rechtfertigung abhalten sollen, wenn Gelegenheit dazu besteht. Denn obwohl wir in einem solchen Fall unser Vermögen nicht preisgeben, so weichen wir doch nicht von der Lehre Christi ab, nach der wir den Verlust unserer Güter geduldig ertragen sollen. Freilich kommt es selten vor, daß jemand gelassen und vorurteilslos den Gerichtssaal betritt, aber weil es möglich ist, daß einer im Eifer für das allgemeine Wohl eine gerechte Sache verficht, besteht kein Recht, die Sache selbst einfach zu verurteilen, solange er über eine aufgebrachte Gemütsverfassung Herr ist. Die verschiedenen Ausdrücke bei Matthäus und Lukas tragen den gleichen Sinn. Ein Rock pflegt mehr wert zu sein als ein Mantel; wenn Matthäus also sagt, man müsse dem Entwender des Mantels noch den Rock geben, so bedeutet das: wenn wir einen kleinen Schaden erlitten haben, sollen wir freiwillig auch einen größeren Verlust ertragen. Die Aussageform des Lukas kommt geradezu auf das alte Sprichwort hinaus: „Das Hemd ist dir näher als der Rock."

Luk. 6, 30. „Wer dich bittet...“ Die gleichen Worte stehen auch bei Matthaus, wie wir ein wenig später noch sehen werden; aus dem Zusammenhang wird deutlich, daß Lukas hier nicht von Bitten spricht, die dringend Hilfe verlangen, sondern von Prozessen, die unverschämte Leute androhen, um andere ihrer Güter zu berauben. „Wer dir das Deine nimmt“, sagt er, „von dem fordere es nicht wieder“. Ich habe nichts dagegen, wenn jemand die beiden Satzhälften lieber getrennt liest: so wird es eine Ermunterung zu bereitwilligem Geben. Zweifellos aber ist die zweite Satzhälfte, in der Christus das unrechtmäßig Genommene zurückzufordern verbietet, die Auslegung des vorangegangenen Satzes, daß man den Verlust der Güter nicht verdrießlich auf sich nehmen soll. Aber es bleibt, was ich schon zu bedenken gab: die Worte dürfen nicht spitzfindig gepreßt werden, als ob es einem frommen Menschen nicht erlaubt wäre seine Habe zurückzugewinnen, wenn sich ihm durch göttliche Fügung ein rechtmäßiger Weg auftut Das Gebot will uns nur Geduld einschärfen, damit wir nicht verlorenen Gütern nachtrauern, sondern ruhig warten, bis Gott selbst von den Beutemachern Rechenschaft fordert.

42 Gib dem, der dich bittet, und wende dich nicht von dem , der dir abborgen will.

Matth. 5, 42. „Gib dem, der dich bittet.“ Obgleich Christi Worte, wie sie Matthäus überliefert, so klingen, als ob er befehle, ohne Auswahl jedem zu geben, ermitteln wir doch aus Lukas einen anderen Sinn, da er die ganze Sache breiter ausführt. Zuerst einmal ist sicher, daß Christus die Absicht hatte, seine Jünger freigebig und nicht verschwenderisch zu machen. Und törichte Verschwendung wäre es, unüberlegt hinauszuschütten, was der Herr gab. Ferner sehen wir, welche Regel für die Wohltätigkeit der Geist an anderen Stellen vortragt. Wir wollen also soviel behalten, daß Christus als erstes seine -Jünger ermuntert, freigebig und wohltätig zu sein. Wieder gilt als Richtschnur, daß sie sich auf keinen Fall am Ziel glauben, wenn sie einigen wenigen geholfen haben, sondern mit Eifer sollen sie allen ihre Wohltätigkeit widmen und darin niemals ermüden, solange ihnen noch eine Möglichkeit zu Gebote steht. Damit nicht einer die Worte des Matthäus für einen Scherz hält, vergleichen wir den Bestand bei Lukas Christus hält alles, was immer wir Gott an Gehorsam darbringen, für unnütz, solange wir bei Verleihen oder anderen Dienstleistungen einen entsprechenden Lohn erwarten. So unterscheidet er die Liebe von der irdischen Freundschaft. Wohl lieben sich gottferne Menschen auch untereinander, aber nicht ohne Schielen auf Gewinn und mit einer gewissermaßen bestochenen Leidenschaft. So kommt es, daß jeder die Liebe, die er dem andern entgegenbringt, auf sich selbst zurückwendet, wie auch Platon weislich erwägt. Christus aber fordert von den Seinen eine uneigennützige Wohltätigkeit, daß sie eifrig den Mittellosen helfen, von denen man keine Gegenleistung erwarten kann. Jetzt verstehen wir, was es heißt, eine offene Hand für Bittende haben: nämlich freigebig allen zur Verfügung stehen, die unsere Hilfe brauchen und die den Freundschaftsdienst nicht ausgleichen können.

43 Ihr habt gehört, daß gesagt ist: „Du sollst deinen Nächsten lieben und deinen Feind hassen.“ 44 Ich aber sage euch: Liebet eure Feinde; segnet, die euch fluchen, tut wohl denen, die euch hassen; bittet für die, so euch beleidigen und verfolgen, 45 auf daß ihr Kibnder seid eures Vaters im Himmen, denn er läßt seine Sonne aufgehen über die Bösen und über die Guten und läßt regnen über Gerechte und Ungerechte. 46 Denn wenn ihr liebt, die euch lieben, was werdet ihr für Lohn haben? Tun nicht dasselbe auch die Zöllner? 47 Und wenn ihr nur zu euren Brüdern freundlich seid, was tut ihr Sonderliches? Tun nicht die Zöllner auch also? 48 Darum sollt ihr vollkommen sein, gleichwie euer Vater im Himmel vollkommen ist.

Matth. 5, 43. „Du sollst deinen Nächsten lieben.“ Seltsam, daß die Schriftgelehrten auf den Unsinn verfielen, den Namen „Nächster“ nur auf ihnen Wohlwollende zu beschränken; obwohl Gott doch klar und deutlich das ganze Menschengeschlecht umfaßt, wenn er von unseren Nächsten spricht. Denn wenn jeder nur sich zugetan ist, sooft die persönlichen Interessen den einen vom andern trennen, wird die natürliche Gemeinschaft untereinander verlassen. Damit er uns in brüderlicher Liebesbeziehung zusammenschließe, bezeugt Gott, wer immer Mensch sei, sei auch Nächster, weil das gemeinsame Wesen uns untereinander verbindet. Sooft ich nämlich den Menschen betrachte, der ja mein Gebern und mein Fleisch ist, muß ich mich selbst wie im Spiegel anschauen. Obgleich in der Regel die meisten diese heilige Gemeinschaft verleugnen wird durch ihren Abfall die natürliche Ordnung doch nicht verletzt, weil Gott ah der große Verbindende zu betrachten ist. Daraus folgt, daß das Gebot der Nächstenliebe allgemein verbindlich ist. Die Schriftgelehrten aber schätzten diese Verbindung nach ihrem Belieben ein und wollten nur den als Nächsten anerkennen, der sich auf Grund seiner Leistungen der Freundschaft würdig erwies oder wenigstens seinerseits Freundespflicht erfüllte. Das entspricht nämlich der allgemeinen Ansicht. Darum haben sich die Kinder der Welt niemals geschämt, ihren Haß offen zu zeigen, sobald sie nur irgendeinen Grund auftreiben konnten. Die Liebe aber, wie sie uns Gott in seinem Gebot ans Herz legt, sieht nicht darauf, was einer verdient hätte, sondern gibt sich an Unwürdige, Schlechte und Undankbare hin. Diesen wahren und echten Sinn (des Gebotes) bringt Christus wieder ans Licht und befreit es von aller Rechtsverdrehung. Nun wird auch klar, was ich oben schon gesagt habe: Christus bringt nicht neue Gesetze, sondern weist die verschrobenen Einfälle der Schriftgelehrten zurecht, die die Reinheit des göttlichen Gesetzes verdorben hatten.

Matth. 5, 44. „Liebet eure Feinde.“ Dieser eine Satz enthalt in sich die ganze oben dargelegte Lehre: Denn wer seine Hasser liebend in sein Herz geschlossen hat, wird sich leicht jeder Rache enthalten, er wird das Übel geduldig ertragen und sich den Elenden, die Hilfe brauchen, um so mehr öffnen. Wieder zeigt Christus zusammenfassend, wie wir dieses Gebot erfüllen sollen: „Du sollst deinen Nächsten Heben wie dich selbst.“ Nur der kann jemals diesem Gebot nachkommen, der ganz seiner Eigenliebe aufsagt oder - besser - sich ganz verleugnet. Für einen solchen sind die Menschen nach Gottes Fugung so sehr Nächste, daß er sie noch liebt, wenn er von ihnen nur Haß empfangt. Auch lernen wir aus diesen Worten, daß die Gläubigen Rache gar nicht kennen sollten, die man von Gott nicht nur nicht erbitten darf, sondern die man auch abweisen und ganz aus den Gedanken tilgen muß, so daß man für die Feinde Fürbitte tut. Indessen hören die Gläubigen nicht auf, ihre Sache Gott anheimzustellen, bis er die Rache an den Bösen ergreift; sie wünschen nämlich, die Bösen nach Kräften auf den rechten Weg zurückzubringen, damit sie nicht zugrunde gehen; so sorgen sie für deren Heil. Dieser Trost lindert ihre Beschwerden, denn sie halten Gott ganz fest für den Rächer hartnäckiger Bosheit, da er doch erklärt hat, sich der Unschuldigen anzunehmen. Dies ist überaus schwierig und der natürlichen Auffassung des Fleisches völlig entgegengesetzt, weil sie nur das Gesetz kennt, Gutes mit Schlechtem zu erwidern. Aber unsere Fehler und unsere Schwachheit sind in keiner Weise Grund zur Entschuldigung, vielmehr ist einfach zu fragen, was das Gebot der Liebe fordert, daß wir, auf die himmlische Kraft des Geistes vertrauend, im Kampf überwinden, was immer an Gefühlen in uns widerstreitet. Mönche und ähnliche Zungendrescher nahmen freilich dies gerade zum Anlaß, auf die Idee zu kommen, es seien nicht Gebote, sondern Ratschläge Christi, die an der Kraft der Menschen bemessen, was diese Gott und dem Gesetz selbst schulden. Indessen schämten sich die Mönche nicht, sich für vollkommen zu halten, wenn sie sich über die zu befolgenden Ratschläge hinaus noch verpflichteten. Wie treu sie sich vorkamen und sich das bis zum Titel hin anmaßten, verzichte ich jetzt zu erzählen. Die Erfindung mit den Ratschlägen ist falsch und ungereimt, weil man nicht, ohne Christus Unrecht zu tun, behaupten kann, er habe seinen Jüngern nur geraten, nicht ernstlich befohlen, was recht ist. Daher ist es mehr als unverschämt, die Liebesdienste freiwillig zu nennen, wo das Gesetz sie doch gebietet. Drittens wird das Wort sagen, das hier soviel wie „erklären", „gebieten" bedeutet, in „raten" verdreht. Vollends bestätigt das folgende eindrücklich, was man notgedrungen einmal zeigen muß, daß sich (diese Erfindung) durch kein Unternehmen aus den Worten Christi ableiten läßt.

Matth. 5,45. „Auf daß ihr Kinder seid eures Vaters ...“ Wenn er ausdrücklich erklärt, man könne nicht Gottes Kind sein, wenn man nicht seine Hasser liebe, wer wagt dann noch zu sagen, keine Verpflichtung zwinge uns, diesem Lehrsatz nachzukommen? Er wollte nämlich sagen, wer ein Christ genannt werden will, soll seine Feinde lieben. Das ist allerdings eine schauerliche Mär, daß die Welt drei oder vier Jahrhunderte lang in solch tiefe Finsternis gehüllt war, daß sie nicht die deutliche Mahnung erkannte, daß wer immer sich nicht darum kümmert, aus der Zahl der Kinder Gottes ausgestrichen wird. Man muß andererseits beachten, daß uns nicht ein Beispiel vorgelegt wird, Gott nachzuahmen - als ob sich für uns schickte, was er tut -, denn er schlägt die Undankbaren, und oft tilgt er die Frevelhaften aus der Welt. Das sollten wir auch nicht teilweise nachahmen, weil uns das Urteil über die Welt nicht zusteht. Das ist sein eigenes Gebiet, uns dagegen möchte er als Nachahmer seiner väterlichen Güte und Freundlichkeit sehen. Nicht nur heidnische Philosophen haben das erkannt, auch einige der leichtfertigsten Verächter der Frömmigkeit; bei ihnen findet sich das Bekenntnis, nirgends seien wir Gott ähnlicher, als wenn wir Gutes tun. Kurz, Christus bezeugt, dieses sei das Zeichen unserer Kindschaft, wenn wir auch Bösen und Unwürdigen uns freundlich erweisen. Nun darf man aber nicht meinen, unsere Mildtätigkeit mache uns schon zu Gottes Kindern, sondern weil eben der Geist, der Zeuge, Pfand und Siegel unserer unverdienten Kindschaft ist, die verderbten Gefühle des Fleisches, die der Liebe widerstreiten, zurechtweist, bestätigt Christus von der Wirkung her, nur solche seien Kinder Gottes, die denselben mit Sanftmut und Milde erwidern. Dafür hat Lukas: Ihr werdet Kinder des Allerhöchsten sein. Nicht, daß sich einer diese Ehre verschaffen oder es von sich aus unternehmen könnte, Gottes Sohn zu werden, weil er die Feinde liebte, sondern weil die Schrift gewöhnlich die unverdienten Wohltaten Gottes anstelle des Lohnes setzt und uns damit zum rechten Handeln ermuntern will. Sie bezieht sich dabei auf das Ziel, zu dem wir berufen sind: wir sollen das erneuerte Ebenbild Gottes in uns tragen und fromm und heilig leben.

„Er läßt seine Sonne aufgehen.“ Christus erinnert an zwei Zeugnisse der göttlichen Wohltat an uns, die nicht nur allen besonders vertraut sind, sondern an denen auch alle teilhaben. Der Besitz gemeinsamen Gutes soll uns ermuntern, uns untereinander wechselseitig verbindlich zu erweisen. Natürlich kann man mit dem Bild auch unzählige andere Beispiele erfassen.

Matth. 5, 46. „Tun nicht dasselbe auch die Zöllner?“ Im gleichen Sinn schreibt Lukas Sünder; er meint leichtfertige und frevelhafte Menschen. Nicht die Beschäftigung an sich wird verurteilt - denn die Zöllner trieben die Steuern ein; Steuern aber darf die Obrigkeit mit Recht vom Volk verlangen -; aber dieser Menschenschlag war meist habsüchtig und raubgierig, sogar unredlich und grausam. Zudem galten sie bei den Juden als Diener der ungerechten Gewaltherrschaft. Wenn man nun von Christi Worten her die Zöllner für die allerverwerflichsten Menschen hält, führt man einen schlechten Beweis; denn Christus redet nur aus der herrschenden Meinung heraus. Er will sagen: Sogar Leute, die fast keine Menschlichkeit haben, üben doch eine gewisse Art gegenseitigen Rechtes untereinander, solange es ihnen zum Vorteil gereicht.

Matth. 5, 48. „Darum sollt ihr vollkommen sein.“ Diese „Vollkommenheit" meint nicht Gleichheit, sondern kann nur auf Ähnlichkeit gedeutet werden. Wie breit auch der Graben zwischen uns und Gott sein mag, so wird uns doch befohlen, vollkommen zu sein wie er, wenn wir nur nach eben dem Ziel streben, das er uns in seiner Person vorhält. Mag jemand eine andere Deutung vorziehen; doch geschieht hier kein Vergleich zwischen Gott und uns. Vollkommenheit Gottes heißt einmal: uneigennützige, lautere Gesinnung, die nicht durch Gewinnsucht beeinträchtigt wird, zum andern: unvergleichliche Güte, die mit der menschlichen Bosheit und Undankbarkeit im Streit liegt. Das geht besser aus den Worten des Lukas hervor: Darum seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist. Denn Barmherzigkeit ist einem Diener um Lohn zuwider, der um seinen persönlichen Vorteil bemüht ist.
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Beitragvon Joschie » 14.11.2010 12:05

Drittletzter Sonntag im Kirchenjahr: Lukas 17,20-30 - Vom Kommen des Reiches Gottes
von Johannes Calvin


''... daß das Evangelium wie ein Blitz im Augenblick seines Aufzuckens von einem Pol der Erde bis zum andern drang; damit beweist Christus nicht von ungefähr seine himmlische Herrlichkeit. Und indem er ein solches Bild von der Größe seines Reiches entwarf, wollte er zeigen, daß auch die Zerstörung Judäas seine Herrschaft nicht zu hindern vermochte.''
Lukas 17,20-30
20 Da er aber gefragt wurde von den Pharisäern: Wann kommt das Reich Gottes?, antwortete er ihnen und sprach: Das Reich Gottes kommt nicht so, daß man`s mit Augen sehen kann; 21 man wird auch nicht sagen: Siehe hier! oder: da! Denn siehe, das Reich Gottes ist mitten unter euch.


Luk. 17, 20. „Da er aber gefragt ward von den Pharisäern.“ Zweifellos war diese Frage der Pharisäer spöttisch gemeint. Denn da Christus ständig vom nahen Reich Gottes redete, ohne daß sich die äußere Lage der Juden änderte, meinten diese unredlichen, boshaften Menschen, das sei ein brauchbarer Vorwand, um ihn zu ärgern. Gerade als ob er über das Reich Gottes nur unnützes, dummes Zeug geschwätzt hätte, fragen sie in beißendem Hohn, wann dieses Reich denn nun endlich komme. Wenn jemand anstelle dieser groben Darlegung dies noch genauer untersuchen möchte und meint, hier werde mehr als nur zum Hohn gefragt, so habe ich nichts dagegen.

„Das Reich Gottes kommt nicht so.“ Diese Antwort richtet Christus meines Erachtens an die Jünger und übergeht diese Speichellecker dabei ganz. Oft hat er ja die Herausforderung der Gottlosen als Anlaß zum Lehren genommen. So verlacht Gott ihre Bosheit, indem die Wahrheit gegen ihre Einwürfe herausgestellt wird und dadurch nur um so heller aufstrahlt. Mit dem Satz: „Das Reich Gottes kommt nicht so, daß man's mit Augen sehen kann", meint Christus, es komme nicht in sichtbarer Herrlichkeit; er möchte bestreiten, daß Gottes Reich schon von ferne an seiner Pracht sichtbar sein würde. Er will sagen, daß sich all die gewaltig täuschen, die das Reich Gottes mit den Augen des Leibes suchen, obwohl es doch nicht im geringsten leiblich oder irdisch ist, da es ja nichts anderes bedeutet als die innere und geistliche Erneuerung des Herzens. Es ist der Natur dieses Reiches zuwider, wenn man hierhin und dorthin späht, um sichtbare Zeichen davon zu entdecken. Er hätte auch sagen können: Im Innern muß man die Erneuerung der Gemeinde suchen, die Gott verheißen hat. In seinen Auserwählten richtet er sein Reich auf, indem er sie zu einem neuen, himmlischen Leben erweckt. Und so tadelt Christus in versteckter Weise die Beschränktheit der Pharisäer, weil sie sich nur etwas Irdisches, Vergängliches erhoffen. Doch ist dabei zu beachten, daß Christus hier nur über die ersten Anfänge des Reiches Gottes spricht: Jetzt fängt der Heilige Geist an, uns zu dem Ebenbild Gottes zu erneuern, damit endlich zu seiner Zeit sich unsere Heimrufung und die der ganzen Welt in vollkommener Weise vollende.

22 Er sprach aber zu den Jüngern: Es wird die Zeit kommen, daß ihr werdet begehren, zu sehen einen der Tage des Menschensohnes, und werdet ihn nicht sehen. 23 Und sie werden zu euch sagen: Siehe da! siehe hier! Geht nicht hin und folgt auch nicht. 24 Denn wie der Blitz oben vom Himmel blitzt und leuchtet über alles, das unter dem Himmel ist, also wird der Menschen Sohn an seinem Tage sein.

Matth. 24, 26. „Siehe, er ist in der Wüste.“ Lukas (17, 20 ff.) bringt dieses Wort Christi im Zusammenhang mit einem andern: auf die Frage der Pharisäer nach dem Kommen des Reiches Gottes antwortete Christus, es werde nicht mit äußeren Gebärden kommen; daran schließt sich bei Lukas die Erklärung an die Jünger, es würden Tage kommen, in denen sie vergeblich wünschen würden, einen Tag des Menschensohnes zu sehen. Mit diesen Worten wollte Christus die Jünger ermahnen, im Licht zu wandeln, bevor sie von der Finsternis der Nacht bedeckt würden. Denn die Ankündigung von den nahenden schweren Umstürzen mußte für sie der stärkste Antrieb sein, aus der Gegenwart soviel zu gewinnen wie möglich. Man kann nicht mehr feststellen, ob Christus zweimal über die gleiche Sache zu den Jüngern gesprochen hat; vermutlich hat Lukas hier wie schon an anderen Stellen Worte, die ursprünglich bei einer anderen Gelegenheit gesprochen waren, in den übergeordneten Zusammenhang des kommenden Reiches Gottes eingeschaltet. Zum Verständnis des ursprünglichen Sinnes müssen wir auf den Gegensatz achten zwischen einem etwaigen Versteck einerseits und der weiten Ausdehnung und Ausbreitung des Reiches Christi, die plötzlich und unerwartet eintritt und deren Weg dem Weg des Blitzes vom Aufgang der Sonne bis zu ihrem Untergang gleicht. Denn die falschen Christusgestalten damals versuchten, wie es der groben, törichten Hoffnung jenes Volkes angemessen war, sich in den Verstecken der Wüste, in Höhlen oder andern Schlupflöchern zu versammeln, um mit Waffengewalt das Joch der römischen Herrschaft von sich abzuschütteln. Der Sinn ist also: Wer seine Kraft in einem verborgenen Winkel sammelt, um mit Waffen die Freiheit des Volkes zurückzugewinnen, der ist ein Lügner, wenn er sich für den Christus ausgibt. Der Erlöser ist dazu gesandt, damit er plötzlich und, ohne daß jemand damit rechnet, seine Gnade in die ganze Welt ausgießt. Denn das schließt sich gegenseitig aus, die Erlösung in irgendeinen Winkel einschließen zu wollen und sie über den ganzen Erdkreis auszugießen. Damit wurden die Jünger also ermahnt, den Erlöser nicht mehr in den Verstecken Judäas zu suchen, da er doch die Grenzen seines Reiches mit einem Mal bis an die äußersten Enden der Erde vorschieben wolle. Wenn wir an die wunderbare Schnelligkeit denken, mit der das Evangelium die ganze Welt durcheilt hat, so haben wir darin ein leuchtendes Zeichen der göttlichen Macht vor uns. Denn das konnte menschlicher Fleiß bewirken, daß das Evangelium wie ein Blitz im Augenblick seines Aufzuckens von einem Pol der Erde bis zum andern drang; damit beweist Christus nicht von ungefähr seine himmlische Herrlichkeit. Und indem er ein solches Bild von der Größe seines Reiches entwarf, wollte er zeigen, daß auch die Zerstörung Judäas seine Herrschaft nicht zu hindern vermochte.

30 Auf diese Weise wird`s auch gehen an dem Tag, wenn des Menschen Sohn wird offenbar werden.

Matth. 24, 37. „Denn wie es in den Tagen Noahs war.“ Nachdem Christus die Seinen vor allzu neugierigem Forschen nach dem Jüngsten Tag gewarnt hat, ermahnt er sie jetzt zur Wachsamkeit, damit sie sich nicht von den Freuden der Welt einschläfern lassen. Sie sollten zwar den Tag seines Kommens nicht kennen; aber trotzdem sollten sie täglich, ja stündlich bereit sein, ihn zu empfangen. Um sie aus ihrem Stumpfsinn aufzurütteln und sie zu noch eifrigerem Wachen anzustacheln, sagt er voraus, daß das Ende die Welt in stumpfer Gleichgültigkeit überraschen werde, ähnlich wie in den Tagen Noahs alle Völker unerwartet von der Flut verschlungen wurden, während sie in irdischen Freuden schwelgten, oder wie etwas später die Bewohner von Sodom von himmlischem Feuer verzehrt wurden, als sie sich gerade ihren Lüsten hingaben, ohne irgend etwas zu fürchten. Wenn die Welt beim Nahen des Jüngsten Tages in solcher Sicherheit dahinlebt, dann ist das noch lange kein Grund, daß die Gläubigen ihrem Beispiel folgen. Um also nicht plötzlich überrannt zu werden, sollen die Gläubigen immer auf dem Posten stehen, da der Tag des Jüngsten Gerichts unvermutet kommen wird. Übrigens findet sich der Hinweis auf Sodom nur bei Lukas, und zwar im 17. Kapitel, wo der Evangelist aus gegebenem Anlaß, ohne Rücksicht auf die Zeitfolge, diese Worte Christi wiedergibt. Es hat jedoch nichts Befremdliches, wenn die beiden andern Evangelisten sich an dem einen Beispiel genügen lassen, obwohl Christus zwei genannt hat; denn beide Beispiele wollen ja nur dasselbe sagen, daß das ganze Menschengeschlecht mit wenigen Ausnahmen mitten in seinen Vergnügungen plötzlich hinweggerafft wird. Wenn es hier heißt: (24, 38): „Sie aßen, sie tranken, sie freiten und ließen sich freien“, als Gott die ganze Welt unter der Flut und Sodom unter den Blitzen umkommen ließ, soll das sagen, daß die Menschen sich so den Annehmlichkeiten und Freuden dieses Lebens hingegeben hatten, als ob nie eine Änderung der Lage zu befürchten sei. Wenn der Herr seinen Jüngern gleich auch befehlen wird, sich vor Unmäßigkeit: und irdischen Sorgen zu hüten, so verurteilt er an dieser Stelle doch nicht unmittelbar die Zügellosigkeit jener Zeit, sondern eher die Verstocktheit, die seine Zeitgenossen die immer wiederholten Drohungen Gottes verachten ließ und sie dem furchtbaren Untergang entgegenführte. Da sie sich vorgaukelten, alles müsse immer so bleiben, beharrten sie sicher und ohne Hemmungen auf ihren gewohnten Wegen. Daß sie für ihre Bedürfnisse sorgten, wäre an und für sich nicht böse und verdammenswert gewesen, wenn sie nicht Gottes Gericht mit stumpfer Lässigkeit aufgenommen und sich blindlings hemmungsloser Sünde ergeben hätten, als ob es keinen Vergelter im Himmel gäbe. So bezeugt uns Christus, daß die Menschen der letzten Zeit völlig in der Sorge um ihr gegenwärtiges Leben aufgehen werden und daß sie sich auf lange Dauer einrichten und bei ihrem gewohnten Leben bleiben werden, so als müsse die Erde immer genauso bestehen, wie sie ist. Die herangezogenen Beispiele sind sehr deutlich: denn wenn wir bedenken, was damals geschah, dann kann uns der Anblick der Welt, wie sie immer nach der gleichen Ordnung weiterzulaufen scheint, nicht so weit täuschen, daß wir glauben, dieser Zustand solle ewig dauern.


Aus: Otto Weber, Calvins Auslegung der Heiligen Schrift. Dreizehnter Band: Die Evangelien-Harmonie 2. Teil, Neukirchener Verlag, 1974, S. 8. 265ff. 279ff.
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Beitragvon Joschie » 18.11.2010 20:22

Buß- und Bettag: Lukas 13,1-9 - Der Turm von Siloah - Das Gleichnis vom Feigenbaum
von Johannes Calvin


''… der Herr (verlängert) den Sündern nicht nur ihr Leben (…), sondern (bearbeitet) sie auch auf die verschiedensten Weisen (…), um ihnen bessere Frucht zu entlocken.''
Lukas 13,1-9


1 Es waren aber zu der Zeit etliche, die verkündeten ihm von den Galiläern, deren Blut Pilatus mit ihrem Opfer vermischt hatte. 2 Und Jesus antwortete und sprach zu ihnen: Meint ihr, daß diese Galiläer mehr als alle andern Galiläer Sünder gewesen sind, weil sie das erlitten haben? 3 Ich sage euch: Nein; sondern wenn ihr nicht Buße tut, werdet ihr alle auch so umkommen. 4 Oder meint ihr, daß die achtzehn, auf welche der Turm in Giloah fiel und erschlug sie, seine schuldiger gewesen als alle anderen Menschen, die zu Jerusalem wohnen? 5 Ich sage euch: Nein; sondern wenn ihr nicht Buße tut, werdet ihr alle auch so umkommen. 6 Er sagte ihnen aber dies Gleichnis: Es hatte einer einen Feigenbaum, der war gepflanzt in seinem Weinberg, und er kam und suchte Frucht darauf und fand sie nicht. 7 Da sprach er zu dem Weingärtner: Siehe, ich bin nun drei Jahre lang alle Jahre gekommen und habe Frucht gesucht auf diesem Feigenbaum und finde sie nicht. Haue ihn ab! Was hindert er das Land? Er aber antwortete und sprach zu ihm: Herr, laß ihn noch dies Jahr, bis daß ich um ihn grabe und bedünge ihn, 9 ob er doch noch wollte Frucht bringen; wo nicht, so haue ihn ab.

Luk. 13, 2. „Meinet ihr, daß diese Galiläer...“ Diese Stelle ist aus dem Grund besonders nützlich, weil beinahe alle von uns von der Krankheit betroffen sind, daß wir bei andern die überaus harten, strengen Richter spielen und uns gleichzeitig in unseren eigenen Fehlern gefallen. So kommt es, daß wir nicht allein die Sünden der Brüder schärfer zurechtweisen, als es billig ist, sondern sie auch in dem Augenblick, in dem ihnen irgendein Unglück zustößt, wie Verbrecher und Gottlose verdammen. Wem indessen die Hand Gottes nicht ständig hart zusetzt, der schläft sicher auf seinen Sünden ein, als ob Gott ihm huldvoll und gnädig gesinnt sei. Darin liegt ein doppelter Fehler. Denn sooft Gott jemanden vor unseren Augen züchtigt, erinnert er uns damit an sein Gericht, damit jeder einzelne von uns sich zu prüfen und zu bedenken lerne, was er verdient hat. Die Güte und Milde, mit der er uns noch eine Zeitlang verschont, soll uns zur Buße auffordern; es liegt überhaupt nicht im Blickfeld, daß sie uns Anlaß zur Trägheit werden. Um also jenes falsche Urteil, mit dem wir feindlich über Unglückliche und Heimgesuchte herzufallen pflegen, zurechtzuweisen und zugleich jeden einzelnen aus seiner selbstgezimmerten Zufriedenheit aufzurütteln, lehrt Christus erstens, daß es nicht die Schlechtesten von allen sind, die härter behandelt werden als die andern. Denn Gott vollstreckt seine Urteile so, wie es ihm nach Ordnung und Art gefällt, so daß die einen sofort zur Strafe gezogen werden und die andern sich in Selbstsicherheit und Zufriedenheit beruhigen. Zweitens macht er deutlich, daß alle Unglücksfälle, die in der Welt geschehen, als Beweise von Gottes Zorn angesehen werden müssen. Daraus ersehen wir, welches Ende uns bleibt, wenn wir dem nicht vorbeugen. Nun war diese Ermahnung dadurch zustande gekommen, daß einige berichteten, Pilatus habe Menschenblut unter die Opfer gemischt, um durch solchen Frevel Abscheu vor den Opfern zu erregen. Da es nun wahrscheinlich ist, daß diese Untat sich an Samaritanern ereignete, die von der reinen Verehrung des Gesetzes abgefallen waren, so waren die Juden schnell bei der Hand, die Samaritaner zu verurteilen und sich selbst zu rühmen. Doch der Herr belehrt sie eines anderen. Denn da bei ihnen die Gottlosigkeit dieses ganzen Volkes verhaßt und verrufen war, fragt er sie, ob sie denn meinen, daß jene Unglücklichen, die Pilatus umgebracht hatte, schlechter als andere gewesen seien. Er hätte auch sagen können: Es ist euch doch sicher völlig klar, daß jenes Land voll von Gottlosen ist und daß viele, die die gleiche Strafe verdient hätten, bis jetzt noch ungeschoren geblieben sind. Darum urteilt einer blind und falsch, wenn er aus den vorliegenden Strafen jeweils die Sünden ablesen will. Denn es wird nicht immer der Schlimmere zuerst zur Strafe gezogen, sondern da Gott beim Strafen wenige unter den vielen aussucht, macht er an ihrem Beispiel den übrigen deutlich, daß er sich rächen werde; damit soll allen ein Schrecken eingejagt werden. Nachdem er von den Samaritanern geredet hat, kommt er nun auf die Juden selbst zu sprechen. Auch von den achtzehn Menschen, die in jenen Tagen beim Einsturz eines Jerusalemer Turms verschüttet worden waren, behauptet er, sie seien nicht besonders großer Untaten schuldig, sondern es solle beim Anblick ihres Unglücks alle der Schrecken ankommen. Denn wenn Gott an ihnen ein Zeichen seines Gerichts gab, dann heißt das doch nicht, daß die andern seiner Hand entfliehen, wenn .sie auch noch eine Zeitlang-nachsichtig behandelt werden. Christus verbietet zwar nicht, daß die Gläubigen aufmerksam auf die Strafurteile Gottes achtgeben, aber er schreibt die Reihenfolge vor: jeder soll bei seinen eigenen Sünden anfangen. Denn das führt zu dem besten Fortschritt, damit wir durch freiwillige Buße der Zuchtrute Gottes zuvorkommen. Das will auch Paulus mit seiner Ermahnung sagen (Eph. 5, 6): „Lasset euch von niemand verführen mit nichtigen Worten; denn um dieser Dinge willen kommt der Zorn Gottes über die Kinder des Ungehorsams."

Luk. 13, 6. „Er sagte ihnen aber dies Gleichnis.“ Im Ganzen will das Gleichnis sagen, daß mit vielen eine Zeitlang nachsichtig verfahren wird, obwohl sie den Tod verdient hätten. Doch schöpfen sie keinen Gewinn aus diesem Aufschub, wenn sie in ihrem Trotz nur fortfahren. Denn diese falsche Selbstschmeichelei, mit der die Heuchler immer verstockter und hartnäckiger werden, kommt daher, daß sie ihre Fehler nicht erkennen, es sei denn, daß sie dazu gezwungen werden. Darum bilden sie sich ein, wenn Gott für kurze Zeit ein Auge zudrückt und seine Züchtigungen unterbricht, sie ständen auf gutem Fuß mit ihm. So werden sie immer nachsichtiger gegen sich selbst, als ob sie mit Tod und Hölle einen Vertrag geschlossen hätten, wie es Jesaja ausdrückt (28, 15). Darum fährt sie auch Paulus im Römerbrief (2, 5) so scharf an, weil sie sich den Zorn Gottes auf den Jüngsten Tag häufen. Wir wissen, daß zuweilen Bäume erhalten bleiben, nicht, weil sie ihren Herren immer Nutzen oder Frucht brächten, sondern weil ein gewissenhafter, fleißiger Landmann nichts unversucht läßt, bevor er seinen Acker oder seinen Weinberg von ihm frei machen will. Hieran wird uns gezeigt, daß der Herr einen guten Grund hat für seine Nachsicht, wenn er sich nicht sofort an den Gottlosen rächt, sondern ihre Strafe aufschiebt. Dann soll aber ja die voreilige Zunge der Menschen still sein, damit nicht einer gegen unser aller höchsten Richter zu murren wagt, wenn er seine Strafurteile nicht immer auf dieselbe Weise vollstreckt. Im übrigen geschieht dieser Vergleich zwischen dem Herrn und seinem Verwalter nicht, weil die Diener Gottes ihn an Milde und Nachsicht übertreffen, sondern weil der Herr den Sündern nicht nur ihr Leben verlängert, sondern sie auch auf die verschiedensten Weisen bearbeitet, um ihnen bessere Frucht zu entlocken.
Tod, wo ist dein Stachel? Totenreich, wo ist dein Sieg? 1Kor 15,55


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