Predigten,Andachten und Briefe von Johannes Calvin

Nur für Gläubige, die die fünf Punkte des Arminianismus ablehnen

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Joschie
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Beitragvon Joschie » 13.03.2010 18:22

Okuli: Lukas 9,57-62 - die Hand an den Pflug legen und nicht zurücksehen
von Johannes Calvin
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''... Man sagt von solchen Menschen, „sie schauen zurück“, die sich in die Sorgen der Welt verwickeln und dadurch vom rechten Weg abbringen lassen, besonders aber von denen, die in solchen Dingen untertauchen, die sie zur Nachfolge Christi untüchtig machen.''


Lukas 9,57-62


57 Es begab sich aber, da sie auf dem Wege waren, sprach einer zu ihm: Ich will dir folgen, wo du hingehst. 58 Und Jesus sprach zu ihm: Die Füchse haben Gruben, und die Vögel unter dem Himmel haben Nester; aber des Menschen Sohn hat nicht, wo er sein Haupt hinlege. 59 Und er sprach zu einem andern: Folge mir nach! Der sprach aber: Erlaube mir, daß ich zuvor hingehe und meinen Vater begrabe. 60 Aber Jesus sprach zu ihm: Laß die Toten ihre Toten begraben; gehe du aber hin und verkündige das Reich Gottes! 61 Und ein andrer sprach: Herr, ich will dir nachfolgen; aber erlaube mit zuvor, daß ich Abschied nehme von denen, die in meinem Hause sind. 62 Jesus aber sprach zu ihm: Wer seine Hand an den Pflug legt und sieht zurück, der ist nicht geschickt zum Reich Gottes.

Matth. 8,19. „Und es trat zu ihm ein Schriftgelehrter.“ Matthäus stellt uns hier zwei Männer vor, Lukas dagegen drei. Alle sind bereit, Christus nachzufolgern doch empfangen sie unterschiedliche Antworten, weil sie durch verschiedene Fehler vom rechten Weg zurückgehalten werden. Auf den ersten Blick mag es jedoch als widersinnig erscheinen, daß Christus den, der sich sofort und ohne Zögern anbietet, ihm zu folgen, wegschickt und nicht in seine Begleiterschaft aufnimmt, den andern dagegen, der sich durch seine Bitte um Aufschub als langsamer und weniger bereit erweist, bei sich zurückhält. Aber in beiden Fällen weiß (Christus) genau, was er tut. Denn diese Bereitwilligkeit des Schriftgelehrten, sich unverzüglich zur Begleitung Christi anzuschicken, kam nur daher, daß er sich in keiner Weise klarmachte, wie hart und erbärmlich die Lebensumstände der Begleiter Christi sein würden. Man muß bedenken, daß er als Schriftgelehrter ein ruhiges, bequemes Leben und Ehre gewohnt war; er hätte die Schande, den Mangel, die Verfolgungen und das Kreuz gar nicht ertragen. Er will hier zwar Christus folgen, aber er erträumt sich ein ruhiges, angenehmes Leben und gastliche Aufnahme, die sie mit allen guten Dingen versehen würde, wo doch Christi Jünger durch Dornen gehen und unter beständiger Mühsal auf das Kreuz zuwandern müssen. Je mehr er sich darum beeilt, desto weniger bereit ist er. Er benimmt sich nämlich, wie wenn er im Schatten und unter Genüssen ohne Schweiß und Staub außer Schußweite kämpfen wolle. Es ist kein Wunder, daß Christus solche Leute abweist; denn ebenso wie sie ohne Überlegung bereit sind mitzumachen, so brechen sie auch unter der ersten Beschwernis zusammen, weichen beim ersten Kampf entmutigt zurück und verlassen ihren Posten auf schmähliche Weise. Dazu kommt, daß jener Schriftgelehrte bei Christus möglicherweise eine Stelle suchte, wo er an seinem Tisch umsonst und vortrefflich genährt würde, ohne dafür einen Finger zu rühren. Darum sollen wir wissen, daß in seiner Person wir alle gewarnt werden, uns nicht unbedacht und ruhig als Christi Jünger anzusehen, ohne Kreuz und Drangsal zu bedenken. Lieber sollen wir rechtzeitig überlegen, welche Lage uns erwartet. Denn dies ist das erste Probestück, mit dem Christus uns in seine Schule nimmt, daß wir uns selbst verleugnen und unser Kreuz auf uns nehmen.

Matth. 8, 20. „Die Füchse haben Gruben.“ Damit beschreibt der Sohn Gottes seine Lebenslage, während er auf Erden lebte; darüber hinaus hält er seinen Jüngern vor, auf welche Lebensweise sie sich gefaßt machen müßten. Es ist jedoch seltsam, daß Christus behauptet, er habe keinen Fußbreit Erde, wohin er sein Haupt legen könne, während es viele fromme und freundliche Menschen gab, die ihm gern Gastfreundschaft gewährten. Aber man muß beachten, daß dies zur Warnung gesagt ist, damit der Schriftgelehrte nicht von einem gewissermaßen begüterten Herrn einen reichen, stattlichen Lohn erwartet, während der Herr selbst als Gast in fremden Häusern lebt.

Matth. 8, 21. „Daß ich... meinen Vater begrabe.“ Wir haben gesagt, Christus habe den Schriftgelehrten als Begleiter abgewiesen, weil er sich eine bequeme Art von Leben vorstellte und sich ohne Überlegung aufdrängte. Dieser jedoch, den Christus zurückhält, litt am entgegengesetzten Fehler: denn seine Schwachheit war schuld daran, daß er Christus, der ihn rief, nicht auf der Stelle folgte. Es kam ihn hart an, seinen Vater zu verlassen, und man muß annehmen, daß dieser unter Alterserscheinungen litt, wenn er sagt: erlaube, daß ich ihn begrabe. Denn diese Redeweise zeigt, daß (sein Vater) nicht mehr lange zu leben hatte.

Lukas erzählt, Christus habe ihm befohlen zu folgen; dafür sagt Matthäus, er sei einer von den Jüngern gewesen. Er verweigert nun zwar den Ruf nicht; aber er erbittet sich einen Aufschub, bis er an seinem Vater den Liebesdienst getan hätte. Denn seine Entschuldigung geht dahin, daß er nicht frei sei, solange der Vater lebe. An Christi Antwort erkennen wir, daß die Anhänglichkeit der Kinder gegen ihre Eltern so zu pflegen sei, daß sie, immer wenn Gott uns zu anderen Aufgaben ruft, zurückgestellt wird, damit sein Auftrag den ersten Rang einnimmt. Was immer wir den Menschen an Liebesdienst schulden, muß zurücktreten, wenn Gott uns an eine Aufgabe ruft. Nun muß jeder einzelne sehen, was Gott von ihm fordert und was der Beruf verlangt, dem er sich gewidmet hat, damit nicht etwa die irdischen Eltern im Weg stehen, wenn dem höchsten und einzigen Vater aller sein ungeschmälertes Recht werden muß.

Matth. 8, 22. „Laß die Toten ihre Toten begraben.“ Mit diesen Worten verurteilt Christus nicht die Pflicht zur Bestattung; es wäre nämlich gräßlich und unmenschlich, die Leichname der Verstorbenen unbegraben beiseite zu werfen, zumal wir wissen, daß uns Menschen der Brauch der Bestattung von Gott verordnet und bei den Heiligen geübt wurde, um die Hoffnung auf die letzte Auferstehung zu befestigen. Er wollte nur so viel sagen: Was immer uns vom rechten Weg abbringt oder uns (beim Fortschreiten) aufhält, gehört in den Bereich des Todes. Oder: nur die sind wirklich lebendig, die ihr Sinnen und Trachten und alle Bezirke ihres Lebens an den Gehorsam gegenüber Gott aufgeben; die aber in der Welt hängenbleiben und den Menschen zu Willen sind, übergehen Gott und sind wie Tote, die sich mit der Sorge um die Toten vergeblich und unnütz beschäftigen.

Luk. 9, 60. „Geh du aber hin und verkündige.“ Matthäus schreibt nur: Folge mir; Lukas aber drückt deutlicher aus, wozu er berufen wurde, nämlich Diener am Evangelium und Herold zu sein. Denn wenn er nur sein persönliches Leben hätte aufgeben sollen, hätte ihn keine Notwendigkeit gezwungen, seinen Vater zu verlassen, solange er nicht um des Vaters willen vom Evangelium abfiel. Aber da die Verkündigung des Evangeliums nicht zuließ, daß er zu Hause wohnen blieb, trennt Christus ihn mit Recht von seinem Vater. Wie übrigens darin die wunderbare Güte Christi aufleuchtet, daß er einen bis dahin schwachen Mann einer so ehrenvollen Aufgabe würdigt, so ist es der Mühe wert, zu beachten, daß der Fehler, der bis dahin an ihm haftete, zurechtgestellt und nicht mit Nachsicht übergangen wird.

Luk. 9, 61. „Und ein anderer sprach.“ Diesen dritten erwähnt Matthäus nicht. Er war anscheinend auch der Welt zu sehr verhaftet, als daß er frei und bereit gewesen wäre, Christus zu folgen. Er bietet sich zwar Christus zum Begleiter an, aber unter der Bedingung, daß er vorher von seinen Hausgenossen Abschied nehmen, das heißt seine häuslichen Angelegenheiten ordnen, wolle, wie man zu tun pflegt, wenn man zu einer Reise rüstet. Das ist der Grund, warum ihn Christus so hart anfährt; denn er hatte sich mit seinem Wort dazu verpflichtet, Christi Begleiter zu werden, und wandte ihm den Rücken, bis er seine irdischen Geschäfte erledigt hätte. Wenn nun Christus behauptet, zum Reich Gottes sei nicht geeignet, wer zurückschaue, so ist aufmerksam zu fragen, was er damit sagen will. Man sagt von solchen Menschen, „sie schauen zurück“, die sich in die Sorgen der Welt verwickeln und dadurch vom rechten Weg abbringen lassen, besonders aber von denen, die in solchen Dingen untertauchen, die sie zur Nachfolge Christi untüchtig machen.



Aus: Calvin, Auslegung der Heiligen Schrift, Die Evangelienharmonie 2. Teil, Neunkirchener Verlag 1974, S. 255ff.
Tod, wo ist dein Stachel? Totenreich, wo ist dein Sieg? 1Kor 15,55

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Joschie
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Beitragvon Joschie » 20.03.2010 10:23

Laetare: Johannes 12,20-26 – die Schmach des Todes steht Christi Herrlichkeit nicht im Wege
von Johannes Calvin
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''Man darf nicht an Christi Tode haften bleiben, sondern muß die Frucht, die die Auferstehung mit sich brachte, zugleich betrachten.''


Johannes 12, 20-26

20 Es waren aber etliche Griechen unter denen, die hinausgekommen waren, daß sie anbeteten auf dem Fest. 21 Die traten zu Philippus, der von Bethsaida aus Galiläa war, baten ihn und sprachen: Herr, wir wollen Jesus gerne sehen. 22 Philippus kommt und sagt`s Andreas, und Phillipus und Andreas sagten`s Jesus weiter. 23 Jesus aber antwortete ihnen und sprach: Die Zeit ist gekommen, daß des Menschen Sohn verherrlicht werde. 24 Wahrlich, wahrlich ich sage euch: Wenn das Weizenkorn nicht in die Erde fällt und erstirbt, so bleibt`s allein; wenn es aber erstirbt, so bringt es viel Frucht. 25 Wer sein Leben liebhat, der wird`s verlieren; und wer sein Leben auf dieser Welt hasst, der wird`s erhalten zum ewigen Leben. 26 Wer mir dienen will, der folge mit nach; und wo ich bin, da soll mein Diener auch sein. Und wer mir dienen wird, den wird mein Vater ehren.

V. 20. „Es waren aber etliche Griechen. . .“ Ich glaube nicht, daß es sich dabei um heidnische oder unbeschnittene Griechen gehandelt hat, da ja kurz danach folgt, sie seien gekommen, um anzubeten. Auch war das durch die Gesetze der Römer streng verboten. Die Statthalter und anderen Beamten gingen unnachsichtig vor, wenn man erfuhr, daß einer seine angestammte Religion aufgab und zum Judentum übertrat. Die Juden aber, die über Vorderasien und Griechenland verstreut waren, durften über das Meer fahren, um im Tempel zu opfern. Sodann hätten die Juden niemals geduldet, daß Heiden am feierlichen Gottesdienst teilnahmen, weil sie glaubten, auf diese Weise verunreinigten sie sich selbst, den Tempel und die Opferhandlung. Wenn diese Griechen aber auch jüdischer Herkunft waren, so ist es doch kein Wunder, da sie weit jenseits des Meeres wohnten, wenn der Evangelist sie als Fremde einführt, die von all dem nichts wußten, was damals in Jerusalem und dem umliegenden Lande geschah. Der Sinn ist also: Christus ist nicht nur von denen, die aus den Dörfern und Städten zum Fest zusammengekommen waren, als König empfangen worden, sondern auch zu den Menschen aus Übersee, die aus weit entfernten Ländern gekommen waren, ist sein Ruhm gedrungen.

„Daß sie anbeteten auf dem Fest.“ Anbeten konnten sie zwar auch daheim, aber Johannes meint hier den feierlichen, mit Opfern verbundenen Gottesdienst. Obwohl nämlich Religion und Frömmigkeit nicht nur an den Tempel gebunden waren, so war es doch nicht erlaubt, Gott anderswo zu opfern, und sie hatten nirgend anderswo eine Bundeslade, die das Zeichen für die Gegenwart Gottes war. Im Geist verehrte ein jeder Gott täglich zu Hause. Doch mußten die Heiligen unter dem Gesetz zugleich ein äußeres Bekenntnis zu ihrem Gottesdienst leisten, nach der Vorschrift des Mose; sie mußten nämlich im Tempel offen vor das Angesicht ihres Herrn treten. Dazu waren die Festtage bestimmt. Wenn man aber damals eine so lange Reise unter großen Kosten und noch größeren Unannehmlichkeiten und Gefahren unternahm, um es nicht zu versäumen, auch nach außen hin ein Bekenntnis seiner Frömmigkeit abzulegen, wie könnte man da heute eine Entschuldigung dafür finden, wenn wir nicht einmal bei uns zu Hause bezeugen, daß wir dem wahren Gott dienen? Der Gottesdienst nach dem Gesetz hat zwar aufgehört, aber der Herr hat die Taufe, das heilige Abendmahl und eine öffentlich geübte Form des Gebets seiner Kirche hinerterlassen, worin die Gläubigen sich üben sollen. Wenn wir also daran nicht teilnehmen, verraten wir, daß der Eifer unserer Frömmigkeit allzusehr erkaltet ist.

V. 21. „Die traten zu Philippus ...“ Es ist ein Zeichen von Ehrerbietung, daß sie Christus nicht belästigen wollen, sondern nur wünschen, Philippus möchte ihnen einen Zugang zu ihm verschaffen. Ehrfurcht ruft ja immer Bescheidenheit hervor.

V. 23. „Jesus aber antwortete ... Die Zeit ist gekommen ...“ Viele deuten das auf Christi Tod, weil durch ihn seine Herrlichkeit erschienen ist. Nach ihrer Auffassung verkündet Christus, nunmehr sei die Zeit seines Todes gekommen. Ich aber beziehe das lieber auf die öffentliche Verkündigung des Evangeliums, als hätte er gesagt, die Kenntnis von ihm werde sich bald in alle Weltgegenden verbreiten. So wollte er der Erschütterung entgegenarbeiten, in die sein Tod die Jünger stürzen konnte. Er zeigt nämlich, es gebe keinen Grund dafür, den Mut zu verlieren, weil die Lehre des Evangeliums sich trotzdem durch die ganze Welt verbreiten werde. Damit nun die Erinnerung an seine Herrlichkeit nicht bald darauf sich verflüchtige, wenn er zum Tode verurteilt, ans Kreuz geschlagen und dann gar beerdigt würde, nimmt er das rechtzeitig vorweg und erinnert daran, die Schmach seine Todes stehe seiner Herrlichkeit durchaus nicht im Wege. Dafür bedient er sich eines sehr treffenden Vergleichs. Er sagt, wenn ein Weizenkorn nicht sterbe oder verfaule, bleibe es dürr und unfruchtbar; der Tod des Samenkorns aber mache es nur lebenskräftiger, so daß es dann Frucht bringen könne. Mit der Saat also vergleicht Christus seinen Tod, der die Ursache eines weitaus reicheren Lebens ist, während er zum Vergehen des Weizenkorns zu führen scheint.

Obwohl aber für den Augenblick diese Mahnung besonders notwendig war, hat sie in der Kirche doch auch ihren dauernden Sinn. Man muß zwar zunächst beim Haupt beginnen. Schrecklich war das Bild der Schmach und der Schande, das sich mit Christi Tod bot; es verdunkelte nicht nur seine Herrlichkeit, sondern beseitigte sie aus unserem Gesichtskreis. Man darf daher nicht an seinem Tode haften bleiben, sondern muß die Frucht, die die Auferstehung mit sich brachte, zugleich betrachten. So wird nichts hindernd im Wege stehen, daß seine Herrlichkeit allenthalben aufleuchtet. Dann müssen wir zu den Gliedern übergehen:
wir glauben ja nicht erst mit dem Tode zu enden, sondern auch unser Leben ist gleichsam schon ein dauerndes Sterben (Kol. 3, 3). Es wird also um uns geschehen sein, wenn uns nicht der Trost zu Hilfe kommt, mit dem Paulus (2. Kor. 4, 16) uns aufrichtet: wenn unser äußerer Mensch verdirbt, erneuert sich der innere von Tag zu Tag. So sollen also die Frommen immer bedenken: wenn verschiedene Leiden uns plagen, wenn Ängste uns umstricken, wenn wir Hunger, Blöße und Krankheiten leiden, wenn wir in manchen Augenblicken fast vom Tode dahingerafft werden, so ist dies die Saat, die zu ihrer Zeit Frucht bringen wird.

V. 25. „Wer sein Leben liebhat...“ Christus knüpft an die Lehre eine Ermahnung. Denn wenn wir sterben müssen, um Frucht zu bringen, müssen wir es geduldig hinnehmen, wenn Gott uns sterben läßt. Aber weil er die Liebe zum Leben und den Haß darauf einander gegenüberstellt, müssen wir festhalten, was das ist: sein Leben liebhaben oder hassen. Wer, von maßloser Lebenslust erfüllt nur unter Zwang die Welt verläßt, von dem heißt es, er liebe das Leben. Wer aber voll Verachtung dieses Lebens getrosten Mutes dem Tod entgegengeht, von dem sagt man, daß er es haßt. Man soll nicht einfach das Leben überhaupt hassen, denn es gehört mit Recht zu den größten Wohltaten Gottes. Aber die Gläubigen müssen es gern von sich tun, wenn es sie auf ihrem Weg zu Christus aufhält, wie einer eine lästige und unbequeme Last von den Schultern wirft, sobald er schnell an ein Ziel gelangen will. Also ist es nicht an und für sich Sünde, das Leben zu lieben, sofern wir in ihm nur als Pilger wandern, die stets ihr Ziel im Auge halten. Denn das rechte Maß der Liebe zum Leben ist, wenn wir in ihm bleiben solange es dem Herrn gefällt, und nach seinem Willen auch sofort bereit sind es zu verlassen, oder, um es kurz zu sagen, wenn wir es gleichsam auf unseren Händen Gott zum Opfer darbieten. Wer dein Leben hier zu sehr verhaftet ist, richtet sein Leben zugrunde, das heißt, er stürzt in den ewigen Tod. Sein Leben zugrunde richten bedeutet nämlich nicht einfach, es verlieren, wie man einen teuren Gegenstand verliert, sondern es der Vernichtung überlassen. Es ist ganz gebräuchlich, den Ausdruck „Seele“ für Leben zu setzen. Einige verstehen Seele an dieser Stelle als Sitz der Empfindungen, als hätte Christus sagen wollen, wer den fleischlichen Wünschen zu sehr nachgibt, richtet seine Seele zugrunde. Aber das ist allzu künstlich, das andere ist einfacher, weil erst der die beste Aussicht auf beständigen Lebensgenuß besitzt, der sein Leben geringschätzt. Damit ferner der Sinn klarer ist, muß man die Wendung auf dieser Welt, die nur einmal gebraucht wird, noch einmal wiederholen, so daß der Sinn lautet: nur schlecht sorgen die für ihr Leben, die es in der Welt lieben. Andererseits verstehen die wirklich, wie man sein Leben erhalten kann, die es hier verachten. Und gewiß, wer an der Welt haftet, beraubt sich obendrein noch des himmlischen Lebens, dessen Erben wir nur sein können, wenn wir Gäste und Fremdlinge in der Welt sind. Deshalb ist es ein tierischer Trieb, der in allen Ungläubigen herrscht, wenn sie in dem Begehren zu leben ihr Dasein auf die Welt beschränken. Daher kommt es, daß man sich dem Reich Gottes, das heißt aber dem wahren Leben, um so mehr entfremdet, je mehr man um sein Heil besorgt ist.

„Wer sein Leben auf dieser Welt hasset...“ Ich habe schon darauf hingewiesen, daß dies nur vergleichsweise gemeint ist: wir müssen das Leben geringachten, sooft es uns hindert, für Gott zu leben. Denn wenn in unseren Herzen der Gedanke an das himmlische Leben überwöge, könnte uns die Welt keinen Augenblick festhalten. Von hieraus löst sich auch die Frage, die man einwerfen könnte: viele geben sich aus Verzweiflung oder aus anderen Gründen, ganz besonders aber aus Lebensüberdruß selbst den Tod, und doch können wir da nicht behaupten, sie seien um ihr Seelenheil besorgt. Andere reißt der Ehrgeiz in den Tod und damit zugleich ins ewige Verderben. Aber hier weist Christus ausdrücklich nur auf den Haß oder die Verachtung unseres hinfälligen Lebens, welche die Gläubigen aus ihrem Wissen um ein besseres Leben ergreift. Wer seine Blicke nicht zum Himmel richtet, hat noch nicht gelernt, wie man sein Leben bewahren soll. Ferner hat Christus dies zweite Glied hinzugefügt, um all denen einen Schrecken einzujagen, die allzu großes Verlangen nach dem irdischen Leben in sich tragen. Denn wenn wir so in Weltliebe versunken sind, daß wir sie gar nicht vergessen können, kommen wir unmöglich auf dem Weg zum Himmel voran. Aber da uns Christus so heftig wachrüttelt, wäre es allzu töricht, den verderblichen Schlaf weiterzuschlafen.

V. 26. „Wer mir dienen will...“ Damit der Tod um so weniger bitter und beschwerlich sei, lädt uns Christus durch sein eigenes Beispiel dazu ein, ihn gern auf uns zu nehmen. Sicher werden wir uns schämen, die große Ehre, seine Jünger zu sein, zurückzuweisen. Und doch kann er uns nicht anders zur Zahl der Seinigen zulassen, als wenn wir auch den Weg gehen, den er uns zeigt. Er ist aber unser Führer auf dem Weg in den Tod. Es mildert also die Bitternis des Todes und macht sie gewissermaßen süß, indem wir die Bestimmung, ihn auf uns zu nehmen, mit dem Sohn Gottes gemeinsam haben. Seines Kreuzestodes wegen dürfen wir uns also nicht etwa von Christus fernhalten lassen, sondern müssen uns vielmehr aus Dankbarkeit dafür nach dem Tode sehnen. Genau darauf bezieht sich auch das folgende:

„Und wo ich bin, da soll mein Diener auch sein ...“ Er fordert nämlich, seine Diener sollten sich nicht weigern, den Tod zu erleiden, in den sie ihn selbst vorangehen sehen. Denn es ist nicht richtig, daß der Diener ein Vorrecht vor dem Herrn hat. Die Zukunft drückt nach hebräischem Sprachgebrauch zugleich eine Aufforderung aus. Andere meinen, es sei ein Trost, als verspräche Christus, seine Jünger, die nicht gezögert hätten, mit ihm zu sterben, sollten an seiner Auferstehung teilhaben; aber meine Deutung ist wahrscheinlicher. Danach nämlich erst folgt der Trost, der Vater werde es an Lohn für Christi Diener nicht fehlen lassen, die wie im Leben, so auch im Tode seine unzertrennlichen Begleiter gewesen seien.



Aus: Calvin, Auslegung der Heiligen Schrift, Das Johannesevangelium, Neukirchener Verlag 1964, S. 313ff.
Tod, wo ist dein Stachel? Totenreich, wo ist dein Sieg? 1Kor 15,55

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Beitragvon Joschie » 27.03.2010 09:12

Palmarum - Johannes 12,12-19: Hosianna!
von Johannes Calvin
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''Übrigens besteht der Ruf Hosianna aus zwei hebräischen Worten und bedeutet soviel wie „Errette" oder „Heile doch bitte". Mit Absicht aber behielten die Evangelisten, obwohl sie doch Griechisch schrieben, das hebräische Wort bei, um deutlicher zu machen, daß die Menge sich einer feierlichen Gebetsformel bedient habe, die zuerst von David überliefert und in ununterbrochener Folge der Geschlechter vom Volke Gottes übernommen war ...''


12 Des anderen Tages, da viel Volks, das aufs Fest gekommen war, hörte, daß Jesus käme nach Jerusalem, 13 nahmen sie Palmzweige und gingen hinaus ihm entgegen und schrieen: Hosianna! Gelobt sei, der da kommt im Namen des Herrn, der König von Israel! 14 Jesus aber fand ein Eselsfüllen und ritt darauf; wie denn geschrieben steht (Sach. 9, 9): 15 Fürchte dich nicht, du Tochter Zion! Siehe, dein König kommt, reitend auf einem Eselsfüllen.
16 Solches aber verstanden seine Jünger zuerst nicht; aber als Jesus verherrlicht ward, da dachten sie daran, daß solches von ihm geschrieben war und man solches ihm getan hatte. 17 Das Volk aber, das mit ihm war, als er Lazarus aus dem Grabe rief und von den Toten auferweckte, rühmte die Tat. 18 Darum ging ihm auch das Volk entgegen, da sie hörten, er hätte solches Zeichen getan. 19 Die Pharisäer aber sprachen untereinander: Ihr sehet, daß ihr nichts ausrichtet; siehe, alle Welt läuft ihm nach!

V. 12. „Des anderen Tages...“ Diesen Einzug Christi erzählen die übrigen Evangelisten ausführlicher, dennoch aber enthält die Darstellung unseres Evangelisten den ganzen Sinn. Zunächst ist aber festzuhalten: Christi Absicht ist es, aus freien Stücken nach Jerusalem zu kommen, um sich dem Tode darzubieten. Denn sein Tod mußte freiwillig sein, weil nur durch ein Opfer im Gehorsam Gottes Zorn gegen uns gestillt werden konnte. Er kannte sein Ende wohl. Doch bevor er sich zum Kreuzestode schleppen ließ, wollte er sich in feierlicher Weise

wie ein König vom Volk empfangen lassen. Ja, er erklärt offen, er nehme seine Königsherrschaft dadurch ein, daß er in den Tod gehe. Wenn aber auch eine große Volksmenge seine Ankunft feiert, bleibt er seinen Feinden doch unbekannt, bis er durch Erfüllung der Weissagungen, die wir später an ihrem Ort betrachten wollen, bestätigt hat, daß er der wahre Messias ist. Er wollte nämlich nichts auslassen, was zur Festigung unseres Glaubens dienen könnte.

„Viel Volks, das aufs Fest gekommen war ...“ Die Fremden also, die zum Fest nach Jerusalem gekommen waren, fanden sich viel eher dazu bereit, dem Sohne Gottes fromme Verehrung zu zollen, als die Bürger von Jerusalem, die doch für alle hätten ein Vorbild sein müssen. Denn täglich fanden hier Opfer statt, den Tempel hatten sie stets vor Augen, der ihre Herzen hätte dazu entflammen müssen, mit Eifer Gott zu suchen; hier lebten die bedeutendsten Lehrer der Gemeinde, hier war das Heiligtum des göttlichen Lichts. Gar zu abscheulich ist also ihre Undankbarkeit, daß sie, obschon von Kind auf mit solchen Dingen vertraut, doch den ihnen verheißenen Erlöser entweder verschmähen oder übersehen. Aber dieser Fehler ist fast allen Jahrhunderten gemeinsam, daß die Menschen um so frecher Gott verachten, je näher und vertrauter er sich ihnen darbietet. Die anderen aber, die ihre Heimat verlassen haben und zusammengekommen sind, das Fest zu feiern, beseelt ein viel stärkeres Verlangen, sorgsam nach Christus zu forschen; und als sie hören, er komme in die Stadt, gehen sie ihm entgegen, um ihn mit ihren Segenswünschen zu empfangen. Aber zweifellos hat sie ein geheimer Trieb des Geistes zu diesem Gang veranlaßt. Wir lesen nicht, daß so etwas sich früher schon einmal zugetragen habe. Aber wie mit Trompetenschall und Heroldsrufen die irdischen Fürsten ihre Untertanen herbeiholen, wenn sie von ihrer Herrschaft Besitz ergreifen, so versammelte Christus durch den Antrieb seines Geistes die Volksmenge, damit sie ihn als König begrüße. Als ihn die Scharen in der Wüste hatten zum König wählen wollen, da entzog er sich ihnen heimlich ins Gebirge; denn ihnen schwebte damals ein Reich vor, in dem es sich gut leben ließe, nicht anders als Vieh auf guter Weide. Ihrem törichten und verkehrten Wunsch also konnte Christus damals nicht willfahren, ohne sich selbst zu verleugnen und seine ihm vom Vater aufgetragene Aufgabe zu verraten. Aber jetzt nimmt er von dem Reich Besitz, das er vom Vater empfangen hatte. Ich gebe allerdings zu, daß die Art seines Reiches auch der Volksmenge, die ihm vor die Stadt entgegenging, nicht wirklich bekannt war; aber Christus schaut auf die Nachwelt. Jedoch läßt er nichts geschehen, was nicht zu einem geistlichen Reich gepaßt hätte.

V. 13. „Nahmen sie Palmzweige ...“ Die Palme war bei den Alten das Sinnbild des Sieges und des Friedens. Aber sie bedienten sich auch gewöhnlich der Palmzweige, wenn sie jemandem die Herrschaft übertragen wollten oder bittflehend dem Sieger nahten. Doch scheinen diese Leute hier Palmzweige in Händen gehalten zu haben als Zeichen ihrer Festfreude, da sie einen neuen König empfingen.

„Und schrieen: Hosianna! ...“ Mit diesem Ruf bezeugten sie, daß sie in Jesus jenen Messias erkannt hatten, der einst den Vätern verheißen war und von dem man Erlösung und Heil erwarten mußte. Denn Psalm 118,25, dem dieser Ruf entnommen wurde, war über den Messias zu dem Zweck gedichtet worden, daß alle Heiligen in dauernden Gebeten brennend um sein Kommen bitten und ihn mit höchster Ehrfurcht empfangen sollten, wenn er erschiene. Es ist also wahrscheinlich, ja, man kann es als sicher annehmen, daß diese Bitte allenthalben bei den Juden verbreitet und in aller Munde war. Da die Worte also vom Geist eingegeben waren, war das Gebet gut, mit dem diese Menschen Christus anbeteten, und er hatte sie als seine Herolde ausgewählt, die das Kommen des Messias bezeugen sollten. Übrigens besteht der Ruf Hosianna aus zwei hebräischen Worten und bedeutet soviel wie „Errette" oder „Heile doch bitte". Mit Absicht aber behielten die Evangelisten, obwohl sie doch Griechisch schrieben, das hebräische Wort bei, um deutlicher zu machen, daß die Menge sich einer feierlichen Gebetsformel bedient habe, die zuerst von David überliefert und in ununterbrochener Folge der Geschlechter vom Volke Gottes übernommen und vor allem dazu geheiligt war, um das Reich des Messias zu begrüßen. Dasselbe bezweckt das gleich darauf Folgende: „Gelobt sei, der da kommt in dem Namen des Herrn, der König von Israel!“ Auch das ist nämlich ein Segenswunsch für den glücklichen und frohen Fortbestand jenes Reiches, von dem die Aufrichtung und das Glück der Gemeinde Gottes abhing. Doch weil es so scheint, als spreche David in diesem Psalm eher von sich als von Christus, muß man erst einmal diesen Knoten auflösen. Es ist nicht schwer. Wir wissen ja, zu welchem Zweck das Reich bei David und seinen Nachkommen gefestigt worden ist: es sollte gleichsam ein Vorspiel jenes ewigen Königreiches sein, das zu seiner Zeit erscheinen sollte. Auch David durfte nicht nur bei sich verweilen, und der Herr wandte aller Frommen Augen bald darauf durch die Propheten auf ein anderes Ziel. Was also David von sich sang, überträgt man mit Recht auf jenen König, der gemäß der Verheißung als der Erlöser aus Davids Samen kommen sollte. Übrigens sollen wir daraus eine nützliche Mahnung entnehmen. Denn wenn wir Glieder der Gemeinde sind, dann erregt der Herr auch heute noch in uns dasselbe Verlangen, von dem die Gläubigen unter dem Gesetz erfüllt sein sollten. Wir sollen nämlich von ganzem Herzen wünschen, daß Christi Reich blühe und gedeihe. Und nicht nur das, unsere Gebete sollen ein Zeugnis für dieses Verlangen sein; und es ist zu beachten, daß uns diese Worte von ihm diktiert werden, damit wir mehr Mut zum Beten haben. Weh also unserer Trägheit, wenn wir jene Glut, die Gott entfacht, entweder durch unsere Kälte zum Erlöschen bringen oder durch unsere Lauheit ersticken. Indessen sollen wir wissen, daß unsere Gebete nicht vergeblich sind, die wir unter Gottes Leitung und nach seiner Weisung sprechen. Sofern wir nur nicht nachlässig oder müde werden im Gebet, wird er der treue Hüter dieses Reiches sein, so daß er es mit seiner nie besiegten Kraft schirmt und schützt. Zwar wird seine Hoheit auch fest bestehen bleiben, wenn wir abfallen, aber daß sein Reich oft nicht so großartig in Blüte steht, ja sogar verfällt, so wie wir heute seine schreckliche Spaltung und Verheerung sehen, kommt sicher durch unsere Sünden. Daß aber seine Wiedererrichtung nur geringe, ja fast keine Fortschritte macht, jedenfalls nur langsam von der Stelle kommt, das müssen wir unserer Lauheit zuschreiben. Täglich bitten wir Gott: „Dein Reich komme“, aber von hundert kaum einer ernstlich. Mit Recht also nimmt uns Gott seinen Segen, um den zu bitten uns lästig ist. Dies Wort lehrt uns auch, daß es Gott allein ist, der die Kirche bewahrt und schützt; denn er nimmt nur das für sich in Anspruch, was sein Eigentum ist. Wenn wir also nach seiner Unterweisung bitten, er möge Christi Reich bewahren, bekennen wir, Gott selbst sei der einzige Geber des Heils, so daß durch ihn allein dies Reich bestehen bleibe. Er bedient sich zwar der Hilfe der Menschen, aber solcher, die seine Hand dazu geschickt gemacht hat. Sodann verwendet er die Menschen so zur Förderung oder Bewahrung des Reiches Christi, daß er selbst alles allein mit der Kraft seines Geistes durch sie anfängt und vollendet.

„Der da kommt in dem Namen des Herrn ...“ Zuerst muß man festhalten, was diese Redewendung bedeuten soll: im Namen Gottes kommt der, der sich nicht selbst unbesonnen vordrängt und sich nicht zu Unrecht Ehre anmaßt, sondern nach ordnungsgemäßer Berufung Gott zum Leiter und Urheber seiner Taten hat. Diese Ehre kommt allen wahren Dienern Gottes zu. In Gottes Namen kommt der Prophet, der, geleitet vom Heiligen Geist, rein und unverfälscht die Lehre, die er vom Himmel empfing, dem Menschen weitergibt. In demselben Namen kommt der König, durch dessen Hand Gott sein Volk regiert. Aber da auf Christus der Geist des Herrn ruhte und er aller Haupt ist und alle, die je zur Leitung der Gemeinde bestimmt waren, seiner Macht unterstellt sind, heißt es von ihm ganz eigentlich, er sei gekommen in dem Namen des Herrn. Aber nicht nur durch den Grad seiner Macht zeichnet er sich vor den anderen aus, sondern weil sich Gott uns in ihm ganz offenbart. Denn wie Paulus (Kol. 2,9) sagt: in ihm wohnte die Fülle der Gottheit leibhaftig, er ist das lebendige Abbild Gottes, schließlich: er ist der wahre Immanuel. Daher heißt es mit wahrlich einzigartiger Berechtigung, er sei in dem Namen des Herrn gekommen, weil sich Gott durch ihn nicht nur teilweise, wie vorher durch die Propheten, sondern vollkommen offenbart hat. Bei ihm also müssen wir beginnen als bei dem Haupte, wenn wir Gottes Diener preisen wollen. Da jetzt falsche Propheten sich mit Gottes Namen brüsten und unter diesem trügerischen Vorgeben sich anpreisen, obwohl sie doch vom Teufel getrieben werden, muß man den Gegensatz mithören, nämlich daß Gott sie zerstreuen und zunichte machen wird.

V. 14. „Jesus aber fand ein Eselsfüllen ...“ Diesen Teil der Geschichte berichten die anderen Evangelisten etwas genauer, nämlich Christus habe zwei seiner Jünger ausgesandt, die ihm einen Esel bringen sollten. Da Johannes als letzter aller Evangelisten schrieb, genügte es ihm, von den Ereignissen, welche die anderen schon berichtet hatten, nur das Wichtigste kurz aufzuzeichnen; so kommt es, daß er viele Nebenumstände beiseite läßt. Der scheinbare Widerspruch aber, der die meisten verwirrt, läßt sich leicht beseitigen. Daß Matthäus sagt, Christus habe auf einer Eselin gesessen und auf ihrem Füllen, muß man als zusammenfassenden Begriff nehmen. Einige stellten es sich so vor, er habe zuerst auf der Eselin gesessen und dann auf ihrem Füllen, und sie entnehmen aus dieser Vorstellung eine sinnbildliche Handlung: zuerst habe er auf dem jüdischen Volk gesessen, das durch die Last des Gesetzes schon längst an das Joch gewöhnt war, später habe er seine Last auch den Heiden auferlegt wie einem noch nicht gezähmten jungen Esel. Aber in Wahrheit ist es ganz einfach so: Christus ritt auf einem Esel, der ihm zusammen mit dem Muttertier gebracht worden war. Damit stimmen die Worte des Propheten zusammen, bei denen es sich um eine den Juden ganz geläufige Wiederholung handelte, die mit verschiedenen Worten zweimal dasselbe ausdrückt. Er hat gesagt: auf einem Esel und auf dem Füllen des Lasttieres. In seinem Streben nach Kürze läßt unser Evangelist einfach das erste Glied aus und führt nur das zweite an. Ferner sehen sich auch die Juden selbst genötigt, die Weissagung des Sacharja (9,9), die sich damals erfüllt hat, auf den Messias zu deuten; indessen verlachen sie uns doch, weil wir, vom Schattenbild eines Esels genarrt, dem Sohne der Maria die Ehre erweisen, der Messias gewesen zu sein. Doch unser Glaube stützt sich auf weit andere Zeugnisse. Wenn wir sagen, Jesus sei der Messias, steht für uns nicht am Anfang, daß er auf einem Esel sitzend in Jerusalem einzog. In ihm nämlich wurde die Herrlichkeit Gottes sichtbar, wie sie dem Sohne Gottes zukam, so wie wir es im ersten Kapitel gelesen haben. Vor allem aber leuchtete sein göttliches Wesen bei der Auferstehung auf. Aber auch diese Bestätigung ist nicht zu verachten, die Gott in seiner wunderbaren Vorsehung bei jenem Einzug wie auf einer Schaubühne als erfüllte Weissagung des Sacharja vor uns hingestellt hat.

„Fürchte dich nicht ...“ Bei diesem Wort des Propheten, wie es der Evangelist wiedergibt, ist zuerst zu beachten, daß es für uns keine andere Ruhe gibt, daß uns Furcht und Zittern nicht anders verlassen können, als wenn wir wissen, Christus herrscht unter uns. Die Worte des Propheten lauten allerdings anders, nämlich sie mahnen uns, die Gläubigen, sich zu freuen und zu jubeln. Aber unser Evangelist bringt zum Ausdruck, wie es uns möglich ist, in begründeter Freude zu jauchzen: Es muß zuvor die Furcht beseitigt werden, die uns alle quälen muß, bevor wir, versöhnt mit Gott, jenen Frieden haben, der nur aus dem Glauben erwächst (Rom. 5, 1). Zu diesem Glück gelangen wir durch Christus, weil er uns von Satans Herrschaft befreit, das Joch der Sünde zerbricht, von der Schuld erlöst und den Tod besiegt. Dann können wir uns in Sicherheit rühmen, im Vertrauen auf den Schutz unseres Königs, denn die unter seinem Schutze stehen, haben nichts zu fürchten. Wir sind nun zwar nicht frei von Furcht, solange wir auf Erden leben; aber das Vertrauen, das auf Christus gründet, ist aller Furcht überlegen. Obwohl Christus bisher noch fern war, forderte der Prophet dennoch schon die Frommen seiner Zeit auf, heiter und fröhlich zu sein, weil er einmal kommen sollte. Siehe, sagte er, dein König wird kommen, also fürchte dich nicht.

Jetzt, seit er da ist, so daß wir seine Gegenwart genießen, müssen wir um so tapferer mit der Furcht ringen, daß wir, sicher vor unseren Feinden, freudig und unbeschwert unseren König verehren. Zu seiner Zeit sprach der Prophet zu Zion, weil dort Wohnung und Sitz der Gemeinde war. Jetzt hat sich Gott freilich aus der ganzen Welt eine Gemeinde gesammelt; doch ist diese Verheißung ganz besonders an die Gläubigen gerichtet, die sich Christus unterstellen, so daß er in ihnen herrschen kann. Daß der Messias, nach dem Evangelisten, auf einem Esel reitet, bedeutet: sein Reich soll allem Prunk und Glanz der Welt fern sein, all ihrem Reichtum und ihrer Macht. Das mußte an seiner äußeren Erscheinung deutlich werden, damit alle klar erkennen könnten, daß sein Reich geistlicher Art ist.

V. 16. „Solches aber verstanden seine Jünger zuerst nicht ...“ Wie ein Samenkorn nicht sofort keimt, wenn es in die Erde gelegt ist, so zeigt sich auch nicht auf der Stelle die Frucht der Werke Gottes. Die Helfer Gottes bei der Erfüllung der Weissagungen sind die Apostel, aber sie erkennen, was sie da tun, noch nicht. Sie hören zwar die Rufe der Menge, kein wirres Durcheinander, sondern sie begrüßten klar und deutlich Christus als König. Dennoch begreifen sie nicht, wohin das zielt und was es für sie bedeutet. Es ist also für sie ein leeres Schauspiel, bis der Herr ihnen die Augen öffnet. Wenn es heißt, sie hätten sich schließlich daran erinnert, daß dies von ihm geschrieben stand, so wird damit die Ursache ihrer großen Unkenntnis genannt, die ihrer Erkenntnis voranging: sie hatten eben damals noch nicht die Schrift zum Führer und Lehrmeister, der ihren Sinn auf die rechte und reine Betrachtung der Ereignisse hätte lenken können. Auch wir sind ja blind, wenn Gottes Wort uns nicht voranleuchtet. Indessen genügt auch das freilich nicht, daß Gottes Wort uns leuchte, wenn uns nicht zugleich der Geist die Augen öffnet, die sonst auch bei vollem Licht blind blieben. Dieser Gnade hat Christus seine Jünger erst nach seiner Auferstehung gewürdigt, weil jetzt noch nicht der rechte Augenblick gekommen war, die Schätze seines Geistes gleichsam mit freigebiger Hand auszustreuen, wie er es dann nach seiner Aufnahme in die himmlische Herrlichkeit tat (Joh. 7, 39). Uns aber soll dieses Beispiel darüber belehren, unser Urteil über alles, was sich an Schriftstellen auf Christus bezieht, nicht nach dem Eigensinn unseres Fleisches zu fällen. Sodann wollen wir festhalten, es ist eine besondere Gnade des Geistes, daß er uns im Laufe der Zeit dazu erzieht, nicht stumpf zu sein, wenn wir die Taten Gottes bedenken. Den Teil des Verses: „daß solches von ihm geschrieben war und man solches ihm getan hatte“, erkläre ich so: damals ist den Jüngern zuerst aufgegangen, das sei Christus nicht von ungefähr geschehen und diese Menschen Hätten damals nicht ein sinnloses Spiel getrieben. Sie erkannten vielmehr, dieser ganze Vorgang war durch Gottes Führung so geschehen, weil sich erfüllen mußte, was geschrieben stand.

V. 17. „Das Volk aber ... rühmte die Tat.“ Er wiederholt noch einmal, was er schon gesagt hatte: viele gingen, erregt durch den Bericht von einem so großen Wunder, Christus entgegen. Deshalb nämlich gehen sie scharenweise hinaus, weil sich das Gerücht von Lazarus Auferweckung allenthalben verbreitet hatte. Sie hatten also einen guten Grund, dem Sohn der Maria messianische Ehren zu zollen, da seine gewaltige Kraft ihnen bekannt war.

V. 19. „Ihr sehet, daß ihr nichts ausrichtet...“ Mit diesen Worten stacheln sich die Pharisäer zu noch größerer Wut auf. Sie werfen sich damit nämlich gewissermaßen Untätigkeit vor, als wenn sie sagten, das Volk fiele deshalb Christus zu, weil sie selber zu langsam und unentschlossen seien. So reden verzweifelte Menschen, wenn sie sich zum Äußersten bereit machen. Wenn aber die Feinde Gottes ihr böses Ziel so hartnäckig verfolgen, müssen wir noch viel standhafter auf dem rechten Wege bleiben.

Foto: renelutz, „Palme“, CC-Lizenz (BY 2.0), www.piqs.de

Aus: Calvin, Auslegung der Heiligen Schrift, Das Johannesevangelium, Neukirchener Verlag 1964
Tod, wo ist dein Stachel? Totenreich, wo ist dein Sieg? 1Kor 15,55

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Beitragvon Joschie » 01.04.2010 07:58

Karfreitag: Johannes 19,16-30: Vorsehung Gottes, die dem Pilatus den Griffel führte
von Johannes Calvin
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Getragenes Kreuz
"Daraus lernen wir: alle Frommen, die mit Christus sterben, können ihre Seele ohne Sorge unter Gottes Schutz stellen. Denn Gott ist treu und läßt nichts zugrunde gehen, was er in seine Obhut genommen hat..."


V. 16. „Da überantwortete er ihnen Jesus ...“ Zwar sah Pilatus sich durch die Unverschämtheit jener Leute dazu gezwungen, Christus auszuliefern, doch war diese Auslieferung nicht mit Unruhen verbunden. Vielmehr wurde Christus feierlich verurteilt; denn gleichzeitig wurden zwei Mörder nach einem ordentlichen Gerichtsverfahren zum Kreuzestod verdammt. Jedoch sollen die Worte des Johannes nur noch deutlicher hervorheben, daß Christus dem von unversöhnlicher Wut getriebenen Volk übergeben wurde, obwohl er keines Vergehens überführt war.

Sie nahmen ihn aber, 17 und er trug sein Kreuz und ging hinaus zur Stätte, die da heißt Schädelstätte, welche heißt auf hebräisch Golgatha. 18 Allda kreuzigten sie ihn und mit ihm zwei andere zu beiden Seiten, Jesus aber mitten inne. 19 Pilatus schrieb eine Überschrift und setzte sie auf das Kreuz; und war geschrieben: Jesus von Nazaret, der König der Juden. 20 Diese Überschrift lasen viele Juden, denn die Stätte, da Jesus gekreuzigt ward, war nahe bei der Stadt. Und es war geschrieben in hebräischer, lateinischer und griechischer Sprache. 21 Da sprachen die Hohepriester zu Pilatus: Schreibe nicht: Der König der Juden, sondern daß er gesagt habe: Ich bin der Juden König. 22 Pilatus antwortete: Was ich geschrieben habe, das habe ich geschrieben.

V. 17. „Und er trug sein Kreuz ...“ Die hier erwähnten Umstände sind nicht nur für die Zuverlässigkeit dieses Berichtes, sondern auch für unseren Glauben von größter Bedeutung. Gerechtigkeit können wir nur in der von Christus vollzogenen Sühne finden. Um daher zu beweisen, er sei das Sühnopfer für unsere Sünden, wollte er aus der Stadt herausgeführt und auch noch am Kreuz aufgehängt werden. Denn Opfertiere, deren Blut für die Sünde vergossen wurde, führte man gewöhnlich, wie das Gesetz es vorschrieb, aus dem Lager heraus, und dasselbe Gesetz erklärt einen jeden für verflucht, der am Holze hängt (3. Mose 6,30; 16,27; 5. Mose 21,33). Beides ist in Christus erfüllt, damit wir ganz sicher sein können: unsere Sünden sind durch das Opfer seines Todes gesühnt; er wurde der Verfluchung preisgegeben, um uns vom Fluch des Gesetzes zu erlösen (Gal. 3,13); er wurde zur Sünde gemacht, damit wir in ihm Gerechtigkeit Gottes seien (2. Kor. 5,21); er wurde aus der Stadt geführt, um zugleich mit sich selbst auch all unseren Unrat zu beseitigen, der auf ihn gelegt wurde (Hebr. 13,12). Dahin gehört auch, was später von den Mördern berichtet wird. Als genüge diese gräßliche Hinrichtung noch nicht, wird Christus ja zwischen zwei Mördern aufgehängt, als sei er nicht ein Verbrecher unter anderen, sondern der allerschändlichste. Man rufe sich immer wieder ins Gedächtnis: die gottlosen Henker Christi taten nichts, was Gottes Hand und Ratschluß nicht festgesetzt hatte. Denn Gott hat seinen Sohn nicht der Willkür jener Leute ausgesetzt, sondern es war sein eigener, unabänderlicher Wille, Christus solle ihm wie ein Opfertier geopfert werden. Nun hat Gott alle diese Leiden, die sein Sohn nach seinem Willen erdulden sollte, nicht ohne guten Grund verhängt. Dann müssen wir aus diesem Leiden aber zweierlei entnehmen: einmal, wie unerbittlich sein Zorn gegen die Sünde ist; andererseits aber auch, wie unermeßlich groß seine Güte gegen uns ist. Anders ließ sich unser aller Schuld nicht lügen, als daß Gott uns alle reinigte. Wir sehen, wie man ihn, als sei er mit allen möglichen Verbrechen befleckt, an einen Ort der Schande führt, damit er dort vor Gott und den Menschen als Verfluchter dastehe. Es überschritte sicher jedes Maß, wenn wir in jenem Spiegel nicht sähen, wie sehr Gott Sünden verabscheut. Unser Herz wäre wahrhaftig härter als Stein, erbebte es nicht bei diesem Urteil Gottes. Auf der anderen Seite aber erklärt Gott, unser Heil sei ihm so wichtig gewesen, daß er seinen einzigen Sohn nicht geschont habe. Welch eine verschwenderische Fülle von Güte und Gnade wird uns da sichtbar! Wir sollen also eingehend die Ursachen von Christi Tod und den Nutzen erwägen, der uns aus ihm erwächst. Dann wird die Lehre niemandem eine Torheit sein - wie den Griechen - noch ein Ärgernis - wie den Juden (1.Kor. 1,23) -, sondern vielmehr ein unschätzbares Beispiel göttlicher Kraft, Weisheit, Gerechtigkeit und Güte. - Wenn Johannes den Namen des Ortes mit Golgatha angibt, so entnimmt er diese Bezeichnung der chaldäischen oder syrischen Sprache (dem Aramäischen). Dieser Name ist von einem Wort abgeleitet, das „rollen" bedeutet; ein Schädel ist ja rund wie ein Ball oder eine Kugel.
V. 19. „Pilatus aber schrieb eine Überschrift .. .“ Der Evangelist teilt hier einen bemerkenswerten Vorgang mit, der sich nach der Verurteilung Jesu durch Pilatus zugetragen hat. Zwar brachte man gewöhnlich eine Inschrift an, wenn Übeltäter bestraft wurden, um zur Abschreckung den Grund der Bestrafung allen bekanntzumachen. Bei Christus aber hat es damit etwas Besonderes auf sich: die angebrachte Inschrift enthält keine Beschimpfung. Pilatus verfolgte nämlich einen Plan, mit dem er sich versteckt an den Juden rächen wollte, die ihm mit ihrer Hartnäckigkeit ein ungerechtes Todesurteil gegen einen Unschuldigen abgerungen hatten: in der Person Christi wollte er dessen ganzes Volk verurteilen. So nimmt er davon Abstand, Christus das Schandmal einer von ihm persönlich begangenen Untat aufzuprägen. Viel weiter in die Zukunft aber blickte die Vorsehung Gottes, die dem Pilatus den Griffel führte. Pilatus kam es nicht in den Sinn, Christus zu verherrlichen als den Urheber des Heils, den Nazarener Gottes und den König des erwählten Volkes. Trotzdem hat Gott ihm diese Verkündigung des Evangeliums diktiert, ohne daß Pilatus wußte, was er schrieb. Ebenso bewirkte der verborgene Einfluß des Geistes, daß er die Inschrift in drei Sprachen schreiben ließ. Davon ist nämlich nicht anzunehmen, es sei allgemein üblich gewesen. Vielmehr deutete der Herr durch dieses Vorspiel an, die Zeit sei nahe, in der der Name seines Sohnes überall bekannt werden sollte.
V. 21. „Da sprachen die Hohenpriester . ..“ Diese Inschrift, sie spüren es, stellt einen heftigen Angriff auf sie dar. Deshalb wünschen sie sie derart geändert, daß sie nicht mehr das Volk verhöhnt, sondern nur Christus beschuldigt. Daneben aber lassen sie deutlich erkennen, wie tief ihr Haß gegen die Wahrheit ist: nicht einmal die geringste Spur davon können sie ertragen. So ist der Satan stets dabei, seine Diener anzuspornen: sobald auch nur ein Funke göttlichen Lichtes aufleuchtet, müssen sie versuchen, ihn mit ihrer Finsternis zu bedecken oder gänzlich einzudämmen. Die Festigkeit des Pilatus aber ist göttlicher Eingebung zuzuschreiben. Denn zweifellos versuchten sie manches, um ihn gefügig zu machen. Seien wir also überzeugt, daß Gott ihn festhielt, so daß er unbeugsam blieb. Pilatus gab den Bitten der Priester nicht nach und ließ sich nicht von ihnen verführen; vielmehr hat durch seinen Mund Gott bezeugt, wie unerschütterlich die Herrschaft seines Sohnes sei. Die Inschrift des Pilatus zeigte also, die Herrschaft Christi sei fester, als daß die Machenschaften seiner Feinde sie erschüttern könnten. Wie muß man dann erst von dem Zeugnis der Propheten denken, deren Mund und Hände Gott sich geheiligt hatte? Das Beispiel des Pilatus erinnert uns auch an unsere Aufgabe, im Kampfe für die Wahrheit nicht wankend zu werden. Der Heide nimmt nicht zurück, was er wahrheitsgemäß, wenn auch unbewußt und unbeabsichtigt, von Christus schrieb. Welche Schande ist es da für uns, wenn wir uns von Drohungen und Gefahren schrecken lassen und die Lehre nicht bekennen, die Gott durch seinen Geist in unser Herz geschrieben hat!

23 Die Kriegsknechte aber, da sie Jesus gekreuzigt hatten, nahmen sie seine Kleider und machten vier Teile, einem jeglichen Kriegsknecht einen Teil, dazu auch den Rock. Der Rock aber war ungenäht, von obenan gewebt durch und durch. 24 Da sprachen sie untereinander: Lasset uns den nicht zerteilen, sondern darum losen, wes er sein soll, - auf daß erfüllt würde die Schrift (Psalm 22, Vers 19): Sie haben meine Kleider unter sich geteilt und über meinen Rock das Los geworfen. Solches taten die Kriegsknechte.

V. 23. „Die Kriegsknechte aber ...“ Die Aufteilung der Kleider Christi unter die Soldaten erwähnen auch die anderen Evangelisten. Vier Soldaten waren es, die die Kleider unter sich teilten, die noch vorhanden waren. Nun war nur noch der ungenähte Rock da, der sich nicht teilen ließ und den man darum verloste. Unablässig lenken die Evangelisten unsere Aufmerksamkeit auf den Ratschluß Gottes; darum erwähnen sie auch bei dieser Gelegenheit, die Schrift sei erfüllt worden. Doch scheint die angeführte Stelle, Ps. 22,19, im vorliegenden Fall gar nicht zu passen. Denn dort klagt David, er sei Feinden in die Hände gefallen, und will, wenn er in übertragenem Sinn Kleider sagt, darunter seine ganze Habe verstanden wissen. Dafür hätte er ganz kurz sagen können, Übeltäter hätten ihn bis aufs Hemd ausgeplündert. Diese bildliche Ausdrucksweise berücksichtigen die Evangelisten nicht und entfernen sich dadurch vom ursprünglichen Sinn der Psalmstelle. Hier ist nun aber zunächst einmal zu beachten: die Aussagen des Psalms dürfen nicht allein auf David bezogen werden. Das geht aus mehr als einem Satz hervor, besonders aber aus diesem: Ich werde deinen Namen verherrlichen unter den Heiden. Das kann doch nur im Blick auf Christus gesagt sein. Es ist wahrhaftig kein Wunder, wenn sich in David nur undeutlich ankündigte, was in Christus dann deutlicher zu erkennen ist: muß doch die Wahrheit klarer sein als ihr schattenhaftes Vorbild! - Noch eine weitere Erkenntnis wollen wir aus dieser Stelle gewinnen: Christus wurden seine Kleider genommen, damit er uns mit seiner Gerechtigkeit bekleiden könnte; sein nackter Leib wurde den Beschimpfungen der Leute preisgegeben, damit wir mit Ruhm bedeckt vor dem Richterstuhl Gottes erscheinen könnten. Einige Ausleger beziehen diese Stelle in allegorischer Deutung gewaltsam auf die Schrift, die von den Häretikern zerfleischt werde. Diese Auslegung ist aber allzu gezwungen. Doch ist der Vergleich ganz treffend: wie einst heidnische Soldaten Christi Kleider zerteilten, so sind heute böse Menschen dabei, durch Einführung fremder, erdichteter Lehren die ganze Schrift zu zerstückeln, mit der Christus sich bekleidet, um sich uns sichtbar anzubieten.

25 Es stand aber bei dem Kreuze Jesu seine Mutter und seiner Mutter Schwester, Maria, des Kleophas Frau, und Maria Magdalena. 26 Da nun Jesus seine Mutter sah und den Jünger dabeistehen, den er liebhatte, spricht er zu seiner Mutter: Weib, siehe, das ist dein Sohn! 27 Danach spricht er zu dem Jünger: Siehe, das ist deine Mutter! Und von der Stunde an nahm sie der Jünger zu sich.

V. 25. „Es stand ...“ Hier erzählt der Evangelist nebenbei, Christus habe bei seinem Gehorsam gegen Gott den Vater doch auch die Menschenpflicht der Ehrerbietung gegenüber seiner Mutter nicht vernachlässigt. Auf sich selbst zwar nahm er keine Rücksicht und ebensowenig auf alles andere, sofern es nötig war, wenn er seinem Vater gehorsam sein wollte; aber als er diesen Gehorsam geleistet hatte, wollte er auch die Pflicht erfüllen, die er seiner Mutter gegenüber hatte. So lernen wir, wie man Frömmigkeit gegen Gott und Ehrerbietung gegen Menschen miteinander verbinden soll. Oft ruft Gott in eine Richtung und rufen Eltern, Weib und Kind uns in eine andere, so daß wir nicht imstande sind, allen gleichmäßig zu gehorchen. Stellen wir dann die Menschen auf eine Stufe mir Gott, so handeln wir verkehrt. Gottes Gebot und seine Verehrung müssen den Vorrang haben; erst in zweiter Linie sollen wir auch die Menschen zu ihrem Rechte kommen lassen. Doch treten die Gebote der ersten und zweiten Tafel des Gesetzes niemals in Gegensatz zueinander, wie es auf den ersten Klick erscheint; vielmehr müssen wir mit der Verehrung Gottes anfangen, erst dann dürfen wir an unsere Pflichten gegenüber Menschen denken. Darauf beziehen sich Aussprudle wie dieser: Wer nicht haßt seinen Vater und seine Mutter um meinetwillen, ist mein nicht wert (Mt. 10, 37; Luk. 14,26). Auf unsere Pflichten gegen Menschen dürfen wir also nur dann Rücksicht nehmen, wenn sie uns auch nicht im geringsten an der Verehrung Gottes und am Gehorsam gegen ihn hindern. Wenn wir Gott gehorsam sind, denken wir auch richtig über Eltern, Weib und Kind. So sorgt Christus zwar für seine Mutter, aber vom Kreuze aus, an das der Wille des Vaters ihn gerufen hatte. Übrigens verdient Christi ehrerbietige Liebe zu seiner Mutter Bewunderung, wenn wir Ort und Zeit in Betracht ziehen. Ich will gar nicht von den entsetzlichen Qualen und den Schmähungen reden. Aber gräßliche Gotteslästerungen erfüllten ihn mit unsäglicher Trauer, und er mußte einen grauenvollen Kampf mit dem ewigen Tod und dem Teufel bestehen; doch hält das alles ihn nicht davon ab, sich Sorgen um seine Mutter zu machen. Auch aus dieser Stelle kann man ersehen, welcher Art die Ehre ist, die wir nach Gottes Gesetz den Eltern erweisen sollen. Christus setzt einen Jünger an seine Stelle und überträgt ihm die Fürsorge für seine Mutter. Daraus geht hervor: die den Eltern geschuldete Ehre besteht nicht in Äußerlichkeiten, sondern darin, daß man alles für sie tut, was nötig ist. - Nun müssen wir aber auch über die Treue der Frauen nachdenken. Es war freilich keine gewöhnliche Liebe, die sie Christus bis zum Kreuz folgen ließ; vielmehr wären sie nie imstande gewesen, einem solchen Schauspiel beizuwohnen, wenn sie nicht geglaubt hätten. Über Johannes selbst können wir aus dieser Stelle entnehmen, daß sein Glaube für kurze Zeit geschwächt, aber nicht völlig erloschen war. Wir heute sollten uns schämen, wenn die Furcht vor dem Kreuz uns davon abhält, Christus zu folgen. Denn wir haben doch auch noch die Herrlichkeit der Auferstehung vor Augen, während jene Frauen nur Fluch und Schande erblickten. - Jene Maria ist nach den Worten des Evangelisten des Kleophas Frau oder „Tochter"; das letztere ist mir wahrscheinlicher. Diese Frau nennt er „Schwester der Mutter Jesu". Das entspricht hebräischem Sprachgebrauch, wonach alle Blutsverwandten als Brüder bezeichnet werden. Maria Magdalena wurde, wie wir sehen, nicht umsonst von den sieben bösen Geistern befreit; bis ans Ende erwies sie sich als eine treue Jüngerin Christi.
V. 26. „Da nun Jesus seine Mutter sah . .. spricht er ... siehe, das ist dein Sohn!“ Er sagt mit andern Worten: Von nun an werde ich nicht mehr auf der Erde weilen und die Pflichten des Sohnes gegen dich erfüllen können. Darum soll dieser Mann meine Stelle einnehmen und mich vertreten. - Dieselbe Bedeutung hat es, daß er zu Johannes sagt: Siehe, das ist deine Mutter! (V. 27) Damit gibt er ihm den Auftrag, sie als seine Mutter anzusehen und für sie zu sorgen wie für eine Mutter. Er sagt Weib, statt die Anrede „Mutter" zu gebrauchen. Einige Ausleger führen das darauf zurück, daß er ihren Schmerz nicht noch größer machen wollte, und ich habe gegen diese Erklärung nichts einzuwenden. Doch hat eine andere Vermutung ebensoviel für sich: Christus wollte zeigen, er habe die Bahn des menschlichen Lebens durchmessen; nun streife er die Bedingungen ab, unter denen er gelebt habe, und gehe ins Himmelreich ein, wo er über Engel und Menschen herrschen solle. Wie wir wissen, hielt Christus nämlich die Menschen stets dazu an, nicht auf sein Fleisch zu schauen. Das aber war bei seinem Tode besonders nötig.
V. 27. „Danach spricht er . . . Siehe, das ist deine Mutter! . . .“ Der Gehorsam des Jüngers gegen den Meister zeigt sich darin, daß Johannes dem Befehl Christi Folge leistet. Wie aus dieser Stelle außerdem deutlich wird, hatten die Apostel Familien. Johannes hätte ja Christi Mutter weder bei sich aufnehmen noch behalten können, wenn er nicht ein Haus gehabt und ein geregeltes Leben geführt hätte. Darum ist es albern zu glauben, die Apostel hätten ihren früheren Lebensstand aufgegeben und seien mit leeren Händen zu Christus gekommen. Aber nicht nur töricht, sondern verrückt wäre es, im Betteln den Gipfel der Vollkommenheit zu sehen.

28 Danach, da Jesus wußte, daß schon alles vollbracht war, auf daß die Schrift erfüllt würde, spricht er: Mich dürstet! 29 Da stand ein Gefäß voll Essig. Sie aber füllten einen Schwamm mit Essig und steckten ihn auf einen Ysop und hielten es ihm dar zum Munde. 30 Da nun Jesus den Essig genommen hatte, sprach er: Es ist vollbracht! und neigte das Haupt und verschied.

V. 28. „Danach, da Jesus wußte, daß schon alles vollbracht war ...“ Johannes übergeht mit Absicht vieles, was die drei andern Evangelisten berichten. Jetzt beschreibt er das letzte Geschehnis, das von großer Bedeutung war. Er sagt, man habe dort ein Gefäß bereitgestellt, und nach der Art, wie er davon spricht, ist daraus zu schließen, es sei so üblich gewesen. Ich nehme an, die Darreichung dieses Trankes sollte den Tod schneller herbeiführen, wenn die Unglücklichen sich lange genug gequält hatten. Doch verlangte Christus den Trank nicht eher, als bis alles erfüllt war. Damit machte er seine übergroße Liebe zu uns sichtbar und den unfaßlichen Eifer, mit dem er sich für unser Heil einsetzte. Kein Wort vermag es auszusprechen, wie bittere Schmerzen er erduldete; trotzdem will er sich davon nicht freikaufen, bevor nicht Gottes Richterspruch Genüge geschehen und die Sühne voll und ganz geleistet ist. Was soll aber heißen, alles sei vollbracht? Die Hauptsache, der Tod nämlich, fehlte doch noch! Und trägt nicht weiterhin auch die Auferstehung dazu bei, unser Heil zu vollenden? Ich antworte: Johannes faßt hier zusammen, was wenig später folgen sollte. Noch war Christus nicht gestorben, noch war er nicht auferstanden; aber er sah, daß nichts mehr seinem Tode und seiner Auferstehung im Wege stehe. So lehrt Christus uns durch sein eigenes Beispiel unerschütterlichen Gehorsam; es darf uns nicht schwerfallen, nach seinem Willen zu leben, auch wenn wir kraftlos die größten Schmerzen erdulden müßten.
„Auf daß die Schrift erfüllt würde ...“ Aus den andern Evangelisten läßt sich ohne weiteres entnehmen, daß Ps. 69,22 gemeint ist: ,Und sie geben mir Galle zu essen und Essig zu trinken in meinem großen Durst.' Dies ist allerdings eine bildliche Ausdrucksweise. David gibt damit zu verstehen, man verweigere ihm nicht nur die nötige Hilfe, sondern verdoppele voller Grausamkeit seine Leiden. Jedoch ist es keineswegs unpassend, wenn bei Christus deutlicher sichtbar wird, was sich bei David erst ganz schwach andeutete; denn der Unterschied zwischen vorläufigem Bild und endgültiger Wahrheit wird uns deutlicher, wenn an Christus offen und untrüglich sichtbar wird, was David nur andeutungsweise erlitt. Christus wollte also zeigen, er sei derjenige, dessen Rolle David übernommen hatte. Deshalb wollte er sich mit Essig tränken lassen, und zwar sollte das zur Stärkung unseres Glaubens dienen. - Manche Ausleger verstehen dürsten in übertragenem Sinne. Die sind aber mehr auf Spitzfindigkeiten als auf wahre Erbauung bedacht. Auch werden sie durch den Evangelisten offen widerlegt. Denn seinem Bericht zufolge bat Christus um den Essig, als er dem Tode zueilte. - Wenn Johannes sagt, ein Schwamm sei um einen Ysop gelegt worden, dann ist das so zu verstehen: aus einem Gebüsch holte man einen Stock; daran befestigte man den Schwamm, um ihn Christus zum Munde führen zu können.
V. 30. „Da nun Jesus den Essig genommen hatte, sprach er: Es ist vollbracht ...“ Er gebraucht hier noch einmal das Wort, das schon vorher gefallen war. Übrigens ist dieser Ausruf Christi besonders bemerkenswert; denn er lehrt, in seinem Tode sei die ganze Fülle unseres Heils in jeder Hinsicht beschlossen. Wir sagten schon, die Auferstehung sei nicht vom Tode zu trennen. Aber Christus beabsichtigt einzig dies: er will unsern Glauben bei sich allein festhalten, damit er sich nicht bald auf diesen, bald auf jenen Gegenstand richtet. Der Sinn ist also: alles, was zum Heil der Menschen beiträgt, ist in Christus allein zu finden und nirgends sonst. Oder, was dasselbe ist: das vollkommene Heil liegt in ihm beschlossen. Diese Worte richten sich nun aber, ohne daß es ausgesprochen ist, gegen eine bestimmte Anschauung. Christus stellt seinen Tod ja allen früheren Opfern und hindeutenden Vorbildern entgegen. Insofern ist der Sinn seiner Worte: alles, was unter dem Gesetz üblich war, hatte für sich genommen keine Kraft, die Sünden zu sühnen, Gottes Zorn zu beschwichtigen und Gerechtigkeit zu erlangen. Erst jetzt ist der Welt das wahre Heil offenbart worden. Mit dieser Lehre verbunden ist die Abschaffung aller äußerlichen Bräuche, die das Gesetz vorschrieb, denn es wäre unangebracht, noch Schattenbildern nachzujagen, seit wir in Christus die leibhaftige Wirklichkeit haben. Finden wir aber in diesem Ausruf Christi unsere Ruhe, dann muß uns auch sein Tod zum Heil genug sein, dann dürfen wir uns nirgendwo sonst Hilfe holen. Gerade das aber ist das Merkmal, das der ganzen Religion des Papsttums ihr eigentliches Gepräge gibt: Menschen ersinnen zahllose Möglichkeiten, das Heil zu finden.
Und neigte das Haupt und verschied (gab seinen Geist auf). Alle Evangelisten berichten mit Nachdruck von Christi Tod. Das hat seinen guten Grund: daraufhin können wir auf Leben hoffen, daraufhin können wir auch ohne Sorge uns dem Tode gegenüber rühmen, weil Gottes Sohn ihn an unserer Stelle auf sich genommen hat und im Kampfe mit ihm Sieger geblieben ist. Bemerkenswert ist aber die Art, wie Johannes sich ausdrückt. Daraus lernen wir: alle Frommen, die mit Christus sterben, können ihre Seele ohne Sorge unter Gottes Schutz stellen. Denn Gott ist treu und läßt nichts zugrunde gehen, was er in seine Obhut genommen hat. Der Tod der Kinder Gottes unterscheidet sich also von dem der Verworfenen: diese lassen ihre Seele von sich, ohne ihr weiteres Schicksal zu kennen; jene aber vertrauen sie wie einen Gegenstand von hohem Wert dem Schutze Gottes an, der sie treu bewahren wird bis zum Tage der Auferstehung. Geist bedeutet hier - es bedarf wohl kaum eines Wortes - „die unsterbliche Seele".

Aus: Johannes Calvin, Auslegung der Heiligen Schrift. Bd. 13. Die Evangelienharmonie, 2. Teil, hrg. Otto Weber, Neukirchener Verlag, 1974, S. 450-457.
Tod, wo ist dein Stachel? Totenreich, wo ist dein Sieg? 1Kor 15,55

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Ostersonntag - Mk 16,1-8:

Beitragvon Joschie » 02.04.2010 07:34

Ostersonntag - Mk 16,1-8: Der letzte Punkt unserer Erlösung
von Johannes Calvin
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"Nun sind wir an den letzten Punkt unserer Erlösung gekommen. Denn die lebendige Zuversicht, daß wir mit Gott versöhnt sind, entspringt daraus, daß Christus als der Überwinder des Todes aus dem Totenreich wiederauftauchte, um zu zeigen, daß er die Macht über das neue Leben besitzt."


Matthäus 28,1-7
1 Als aber der Sabbat um war un der erste Tag der Woche anbrach, kam Maria Magdalena und die andere Maria, das Grab zu besehen. 2 Und siehe, es geschah ein großes Erdbeben. Denn ein Engel des Herrn kam vom Himmel herab, trat hinzu und wälzte den Stein ab und setzte sich darauf. 3 Und seine Erscheinung war wie der Blitz und sein Kleid weiß wie Schnee. 4 Die Hüter aber erschraken vor Furcht und wurden, als wären sie tot. 5 Aber der Engel hob an und sprach zu den Frauen: Fürchtet euch nicht! Ich weiß, dass ihr Jesus, den Gekreuzigten, sucht. 6 Er ist nicht hier; er ist auferstanden, wie er gesagt hat. Kommt her und seht die Stätte, da er gelegen hat; 7 und geht eilend hin und sagt es seinen Jüngern, dass er auferstanden sei von den Toten. Und siehe, er wird vor euch hingehen nach Galiläa; da werdet ihr ihn sehen. Siehe, ich habe es euch gesagt.

Markus 16,1-7
1 Und da der Sabbat vergangen war, kauften Maria Magdalena und Maria, des Jakobus Mutter, und Salome Spezerei, auf dass sie kämen und salbten ihn. 2 Und sie kamen zum Grab am ersten Tag der Woche sehr früh, als die Sonne aufging. 3 Und sie sprachen untereinander: Wer wälzt uns den Stein von des Grabes Tür? 4 Und sie sahen auf und wurden gewahr, dass der Stein abgewälzt war; denn er war sehr groß. 5 Und sie gingen hinein in das Grab und sahen einen Jüngling zur rechten Hand sitzen, der hatte ein langes weißes Kleid an, und sie entsetzten sich. 6 Er aber sprach zu ihnen: Entsetzet euch nicht! Ihr sucht Jesus von Nazareth, den Gekreuzigten. Er ist auferstanden, er ist nicht hier. Siehe da die Stätte, wo sie ihn hinlegten! 7Geht aber hin und sagt seinen Jüngern und Petrus, dass er vor euch hingehen wird nach Galiläa; da werdet ihr ihn sehen, wie er euch gesagt hat.

Nun sind wir an den letzten Punkt unserer Erlösung gekommen. Denn die lebendige Zuversicht, daß wir mit Gott versöhnt sind, entspringt daraus, daß Christus als der Überwinder des Todes aus dem Totenreich wiederauftauchte, um zu zeigen, daß er die Macht über das neue Leben besitzt. Darum sagt Paulus mit Recht (1. Kor. 15,14), es gäbe keine frohe Botschaft mehr und die Hoffnung auf unsere Rettung sei eitel und hinfällig, wenn wir nicht festhalten, daß Christus von den Toten auferstanden ist. Denn erst dadurch wurde uns die Gerechtigkeit erworben, der Zugang zum Himmel erschlossen und unsere Kindschaft unverbrüchlich gemacht, daß Christus in seiner Auferstehung die Macht seines Geistes entfaltet und sich als der Sohn Gottes erwiesen hat. Obwohl er aber seine Auferstehung anders, als es sich unser fleischliches Empfinden gewünscht hätte, geoffenbart hat, muß doch gerade die Art, die ihm gefiel, auch uns als die beste erscheinen. Er ist ohne Zeugen aus seinem Grab gestiegen, damit die verlassene Grabstätte als erste seine Auferstehung anzeigte; dann ließ er den Frauen durch Engel verkündigen, daß er lebe; kurz darauf erschien er ihnen, dann auch den Aposteln, und zwar öfters. So führte er die Seinen, und zwar jeden, wie es für ihn gut war, zu immer vollerer Erkenntnis. Daß er aber mit den Frauen den Anfang macht und sich von ihnen nicht nur sehen läßt, sondern ihnen sogar die Verkündigung der frohen Botschaft an die Apostel aufträgt, so daß sie gewissermaßen die Lehrerinnen für sie wurden, stellt eine Strafe für die Schlaffheit der Apostel dar, die vor Entsetzen beinahe wie tot dalagen, während die Frauen eifrig zum Grab liefen und dort in dieser besonderen Weise belohnt wurden. Denn wenn auch ihr Plan, Christus zu salben, als ob er noch tot wäre, seine Fehler hatte, verzieh er ihnen doch ihre Schwachheit und würdigte sie dieser einzigartigen Ehre, daß er den Männern das Apostelamt nahm und es ihnen für kurze Zeit übertrug. Damit hat er ein Beispiel dafür gegeben, was Paulus (1. Kor. 1,27) so ausdrückt, daß er erwählt, was töricht und schwach ist vor der Welt, um die Größe des Fleisches zu demütigen. Und auch wir werden dieses Hauptstück unseres Glaubens nicht anders lernen können, als daß wir allen Hochmut ablegen und uns lernbegierig dem Zeugnis dieser Frauen unterwerfen; nicht, daß unser Glaube in so engen Grenzen bleiben müßte, aber weil der Herr zur Erprobung unseres Gehorsams will, daß wir zuvor töricht werden, ehe er uns zur volleren Erkenntnis seiner Geheimnisse zuläßt. Was nun den Verlauf der Geschichte betrifft, so sagt Matthäus nur, die beiden Marien seien gekommen, das Grab anzusehen; Markus, der als dritte Salome einführt, berichtet, sie hätten Spezerei gekauft, um den Leichnam zu salben; aus Lukas aber geht hervor, daß nicht nur zwei oder drei, sondern mehrere gekommen waren. Wir wissen jedoch, daß die heiligen Schriftsteller auch sonst wohl aus einer großen Zahl nur einige wenige hervorhoben. Die Vermutung hat viel für sich, daß Maria Magdalena mit ihrer Begleiterin, sei es, daß sie vorausgeschickt wurde, sei es, daß sie von selbst vorausgelaufen war, das Grab vor den anderen erreichte. Das scheinen auch die Worte des Matthäus anzudeuten, diese beiden seien gekommen, um das Grab anzusehen; denn nur nach einer Besichtigung konnte man an die Salbung gehen. Daß die Frauen aber diesen Liebesdienst planten, erwähnt Matthäus nicht; er hatte eben nur das eine Anliegen, nämlich von der Auferstehung zu berichten. Es fragt sich jedoch, wie dieser Eifer der Frauen, der doch nicht ohne Aberglaube war, Gott gefallen konnte. Ich hege keinen Zweifel, daß sie die von den Vätern überkommene Sitte, die Toten zu salben, auf ihren ursprünglichen Zweck zurückführten, nämlich in der Traurigkeit des Todes Trost in der Hoffnung auf das zukünftige Leben zu schöpfen. Allerdings gebe ich zu, daß sie darin unrecht taten, daß sie ihre Herzen nicht sofort zu der Verheißung erhoben, die sie aus dem Munde des Meisters gehört hatten. Da sie aber an dem allgemeinen Grundsatz einer letzten Auferstehung festhielten, wird ihnen dieser Fehler verziehen, der sonst mit Recht ihr ganzes Tun verdorben hätte. So nimmt Gott in seiner väterlichen Nachsicht oft die Dienste der Heiligen an, die ohne solche Verzeihung ihm nicht nur nicht gefallen könnten, sondern mit Recht sogar mit Schimpf und Schande von ihm abgewiesen werden müßten. Darin leuchtet also Christi wunderbare Güte auf, daß er den Frauen gnädig und freundlich als der Lebendige begegnet, obwohl sie ihn verkehrterweise noch unter den Toten suchten. Wenn er also nicht zuließ, daß jene Frauen nicht vergeblich zu seinem Grab kamen, so dürfen wir daraus folgern, daß niemand sich je getäuscht sehen wird, der sich heute Christus im Glauben entgegenstreckt; denn der räumliche Abstand wird die Gläubigen nicht daran hindern, den zu besitzen, der Himmel und Erde mit der Kraft seines Geistes erfüllt.
Mark. 16,1. „Und da der Sabbat vergangen war.“ Das bedeutet dasselbe, wie wenn Matthäus und Lukas mit etwas anderen Worten sagen: Als aber der Sabbat um war und der erste Tag der Woche anbrach, bzw. aber am ersten Tag der Woche. Denn da wir wissen, daß die Juden den Tag mit Beginn der Nacht anfingen, versteht jeder, daß die Frauen nach Ende des Sabbats beschlossen, das Grab zu besuchen, und zwar bereits vor Sonnenaufgang. Was den Kauf der Salben betrifft, weicht Markus etwas von dem Bericht des Lukas ab; denn dort (Luk. 23,56) heißt es, daß die Frauen schon am Begräbnistag in die Stadt zurückgekehrt seien, um die Salben zu bereiten, und dann nach der Vorschrift des Gesetzes einen Tag lang warteten, bevor sie sich auf den Weg machten. Markus berichtet jedoch nur die zwei verschiedenen Vorgänge in einem, die Lukas zeitlich genauer auseinanderhält. In der Sache selbst stimmen beide Evangelisten jedoch aufs beste überein, daß die Frauen nämlich nach still verbrachtem Sabbat noch in der Nacht von zu Hause weggingen, um in der ersten Morgendämmerung beim Grab einzutreffen. Nicht zu vergessen ist, was ich vorhin erwähnte, daß die Juden zwar die Sitte, die Toten zu salben, mit vielen heidnischen Völkern teilten, daß sie aber allein bei ihnen ihre Berechtigung hatte, da sie ihnen von den Vätern überliefert war, um sie im Glauben an die Auferstehung zu üben. Denn einen starren Leichnam ohne diese Hoffnung einzubalsamieren, wäre nur ein sehr frostiger, leerer Trost gewesen, wie wir es von den Ägyptern wissen, daß sie sich in dieser Hinsicht ängstlich abmühten ohne irgendeinen Nutzen. Gott aber stellte den Juden mit diesem heiligen Zeichen im Tode ein Bild des Lebens vor Augen, damit sie darauf hofften, daß sie aus Verwesung und Staub neue Kraft empfangen würden. Christi Auferstehung hat nun wie mit einem lebendigmachenden Duft alle Gräber durchdrungen und den Toten Leben eingehaucht; damit haben sich alle diese äußerlichen Zeremonien erledigt. Nicht also Christus selbst, sondern der Unverstand dieser Frauen brauchte diese Hilfsmittel, weil sie es noch nicht recht erfaßt hatten, daß Christus über alle Verwesung erhaben war.
Mark. 16,3. „Wer wälzt uns den Stein von des Grabes Tür?“ Von diesen Bedenken berichtet nur Markus; da aber auch die andern beiden erzählen, der Stein sei von einem Engel weggewälzt worden, so ist daraus leicht zu entnehmen, daß die Frauen furchtsam und ratlos waren, bis ihnen der Zugang zum Grab durch Gottes Hand geöffnet wurde. Übrigens können wir daraus erkennen, daß sie in ihrem Eifer diesen Weg ziemlich planlos angetreten haben. Sie hatten doch gesehen, wie das Grab mit einem Stein verschlossen wurde, um jedermann den Eintritt zu verwehren; zu Hause aber dachten sie nicht mehr ruhig darüber nach, weil sie vor Furcht und Verwirrung nicht mehr überlegen und sich nidn mehr erinnern konnten. Da sie aber aus lauter frommem Eifer so blind waren, rechnet Gott ihnen diesen Fehler nicht an.
Matth. 28,2. „Und siehe, es geschah ein großes Erdbeben.“ Durch mehrfache Zeichen erweist der Herr die Gegenwart seiner Herrlichkeit, um die Herzen der heiligen Frauen noch mehr mit Ehrfurcht zu erfüllen. Denn weil es eine sehr wichtige Sache ist, zu wissen, daß uns durch den Sohn Gottes der Sieg über den Tod errungen wurde, worin das Hauptstück unserer Rettung besteht, mußten alle Bedenken beseitigt werden dadurch, daß die göttliche Majestät sich ihnen offen und nicht im geheimen vor Augen stellte. Darum berichtet Matthäus von dem großen Erdbeben, weil diese himmlische Macht darin spürbar wurde. Durch dieses Wunder mußten auch die Frauen aufwachen, so daß sie an nichts Menschliches oder Irdisches mehr denken konnten, sondern ihre Herzen zu dem neuen und keineswegs unerwarteten Werk Gottes erhoben. Auch in der Kleidung und Gestalt des Engels ergoß sich der Glanz der Gottheit wie in Strahlen, damit sie merkten, daß der, der in Menschengestalt so nahe bei ihnen stand, doch kein sterblicher Mensch war. Denn wenn auch nichts die unendliche Herrlichkeit Gottes erreichen kann, weder der Glanz des Lichtes noch die Weißheit des Schnees, ja, wenn man sich gar keine Farbe vorstellen kann, die Gott wirklich darstellen könnte, so deutet er uns doch durch äußere Zeichen seine Nähe an und lädt uns dadurch nach der Schwäche unseres Fassungsvermögens zu sich ein. Wir müssen nur wissen, daß diese sichtbaren Zeichen seiner Gegenwart uns nur gegeben werden, damit unsere Herzen ihn, den Unsichtbaren, selbst ergreifen; unter körperlichen Formen wird uns ein Gespür für sein geistliches Wesen gegeben, damit wir dieses im Geist suchen. Doch war ohne Zweifel mit den äußerlichen Zeichen eine gewisse innerliche Wirkung verbunden, die den Herzen der Frauen das Gefühl für die Gottheit einprägen sollte. Denn wenn sie auch anfangs bestürzt waren, geht doch aus dem weiteren Verlauf hervor, daß sie, nachdem sie sich gefaßt hatten, Schritt für Schritt dahin geführt wurden, Gottes Hand als gegenwärtig zu verspüren. Da sich unsere drei Evangelisten um Kürze bemühen, übergehen sie, wie wir es bei ihnen ja schon gewohnt sind, das, was Johannes (20, 1ff.) ausführlicher erzählt. Audi liegt darin ein Unterschied, daß bei Matthäus und Markus nur ein Engel erwähnt wird, während Lukas und Johannes von zweien berichten. Doch wird auch dieser scheinbare Widerspruch leicht behoben, da wir ja wissen, wie häufig in der Schrift ein Teil statt des Ganzen oder umgekehrt gesetzt wird. Es wurden also zwei Engel gesehen, zuerst von Maria, dann auch von den andern Begleiterinnen. Da aber der eine, der das Wort führte, ihre Aufmerksamkeit besonders auf sich zog, genügte es Matthäus und Markus, nur von der Sendung dieses einen zu erzählen.
Matth. 28,4. "Die Hüter aber erschraken vor Furcht.“ Der Herr erschreckte die Hüter, als ob er ihren Gewissen ein Brandmal aufdrücken wollte, indem er sie gegen ihren Willen zwang, seine göttliche Kraft zu fühlen; jedenfalls machte dieser Schrecken es ihnen unmöglich, ruhig an dem Gerücht, das bald über die Auferstehung in Umlauf kam, vorüberzugehen. Denn wenn sie sich auch nicht geschämt haben, ihre käuflichen Zungen dazu herzugeben, so wurden sie doch gezwungen, ob sie wollten oder nicht, innerlich das als Wahrheit anzuerkennen, was sie vor den Leuten gottloserweise leugneten. Sicher haben sie sich auch untereinander, wo sie freier reden konnten, gegenseitig zugegeben, was sie, da sie mit Geld bestochen waren, nicht wagten öffentlich zu behaupten. Bemerkenswert ist auch, wie verschieden die Evangelisten den Schrecken beschreiben, von dem einerseits die Wächter und andererseits die Frauen ergriffen wurden. Die an mancherlei Tumult gewöhnten Soldaten überfiel der Schrecken so, daß sie wie halbtot niederfielen; und als sie einmal lagen, richtete keine Kraft sie wieder auf. Ähnlich groß war sicher auch das Entsetzen der Frauen; aber der bald darauf folgende Trost hat ihre verwirrten Gemüter wieder so aufgerichtet, daß sie wenigstens begannen, wieder etwas Besseres zu hoffen. Und sicher ist es ganz in der Ordnung, daß Gottes Majestät den Frommen wie den Gottlosen Schrecken und Furcht einflößt, damit vor seinem Angesicht alles Fleisch zum Schweigen kommt. Aber sobald der Herr seine Auserwählten gedemütigt und sich unterworfen hat, nimmt er ihnen ihr Grausen, damit sie nicht am Boden liegenbleiben.
Aber nicht das allein, sondern er heilt auch durch die Süße seiner Gnade die ihnen geschlagenen Wunden. Die Gottlosen jedoch tötet er sozusagen mit einem panischen Schrecken oder läßt sie unter langsamen Qualen vergehen. Denn was diese Soldaten betrifft, waren sie zwar wie Tote geworden, aber doch ohne nachhaltige Wirkung; denn wie von Sinnen entsetzen sie sich zwar für einen Augenblick und vergessen doch gleich darauf wieder, daß sie sich gefürchtet hatten. Mag vielleicht die Erinnerung an diesen Schrecken nicht völlig geschwunden sein, so verflog doch jenes lebendige mächtige Ergriffensein von der Kraft Gottes, der sie wenigstens für einen Augenblick hatten weichen müssen. Das aber ist besonders festzuhalten, daß, obwohl sie sich genauso fürchteten wie die Frauen, ihnen das Heilmittel nicht geschenkt wurde, das ihre Furcht lindern konnte. Denn nur zu den Frauen sagte der Engel: „Fürchtet euch nicht!“ (28,5), womit er ihnen Anlaß zur Freude und Sorglosigkeit durch Christi Auferstehung gab. Bei Lukas (24,5) wird der Vorwurf hinzugefügt: „Was sucht ihr den Lebendigen bei den Toten?“ Damit zupft der Engel die Frauen gewissermaßen am Ohr, damit sie sich nicht noch tiefer ihrer stumpfen Verzweiflung hingeben.
Matth. 28,7. „Und geht eilend hin und sagt es seinen Jüngern.“ Hier beschenkt Gott die Frauen durch den Engel mit der ganz besonderen Ehre, daß er ihnen auftragen läßt, das wichtigste Stück unserer Erlösung den Aposteln selbst bekanntzumachen. Bei Markus (16,7) wird ihnen noch besonders aufgetragen, diese Botschaft Petrus zu bringen, nicht weil er damals eine besondere Würde besessen hätte, sondern weil sein abscheulicher Abfall einen besonderen Trost brauchte, damit er wüßte, er sei trotz seines schändlichen, verruchten Fehltritts nicht von Christus getrennt. Zwar war er schon in das Grab hineingegangen und hatte die Spuren der Auferstehung Christi betrachtet (vgl. Joh. 20,6); aber die Ehre hat ihm Gott versagt, die er kurz darauf den Frauen zuteil werden ließ, aus des Engels Mund zu hören, daß Christus auferstanden sei. Und daß er damals noch bei stummer Verwunderung hängenblieb, geht besonders deutlich daraus hervor, daß er zitternd wieder in seinen Schlupfwinkel floh, als ob er nichts gesehen hätte, während Maria weinend am Grab saß. Darum haben sicher sie und ihre Begleiterinnen in dem Anblick des Engels den Lohn für ihre Ausdauer bekommen. Daß der Engel die Jünger nach Galiläa ruft, ist, glaube ich, darum geschehen, damit Christus sich mehreren offenbare; denn wir wissen, daß er sich längere Zeit in Galiläa aufgehalten hat. Und er wollte den Seinen auch einen größeren Zeitraum gewähren, damit sie sich nach und nach in der Zurückgezogenheit wieder fangen konnten. Dann half auch die Vertrautheit der Orte ihnen dazu mit, ihren Meister wirklich sicher wiederzuerkennen. So sollten sie auf alle mögliche Weise gestärkt werden, damit ihnen nichts zur Gewißheit ihres Glaubens fehlte.
„Siehe, ich habe es euch gesagt.“ Mit dieser Ausdrucksweise besiegelt der Engel die Wahrheit seiner Aussage. Diese bringt er jedoch nicht aus sich hervor, als ob er selbst auf diesen Gedanken gekommen wäre, sondern er gibt damit nur die Verheißung Christi weiter. Darum erinnert er bei Markus die Frauen nur an die Worte Christi. Bei Lukas (24, 7) geht die Rede des Engels noch etwas weiter und erinnert daran, daß die Jünger ausdrücklich von Christus darauf hingewiesen wurden, daß er selbst gekreuzigt werden müsse usw. (vgl. Matth. 17,22 f.), doch in dem gleichen Sinn, daß er seine Auferstehung in einem Atem mit seinem Tod vorausgesagt hatte. Dann wird auch hinzugefügt (Luk. 24, 8): Und sie gedachten an seine Worte. Daraus lernen wir, daß, wie wenig Fortschritte sie auch in der Lehre Christi gemacht hatten, diese doch nicht ganz an ihnen vorübergegangen, sondern nur etwas unterdrückt war, bis die Zeit dazu reifte, um einen Keim hervorzubringen.

Matthäus 28,8-10
8 Und sie gingen eilend vom Grab mit Furcht und großer Freude und liefen, dass sie es seinen Jüngern verkündigten. 9 Und siehe, da begegnete ihnen Jesus und sprach: Seid gegrüßt! Und sie traten zu ihm und um fassten seine Füße und fielen vor ihm nieder. 10 Da sprach Jesus zu ihnen: Fürchtet euch nicht! Geht hin und verkündigt es meinen Brüdern, dass sie gehen nach Galiläa; daselbst werden sie mich sehen.

Markus 16,8
Und sie gingen hinaus und flohen von dem Grab; denn es war sie Zittern und Entsetzen angekommen. Und sie sagten niemand etwas; denn sie fürchteten sich.

Matth. 28,8. „Und sie gingen eilend vom Grab.“ Die drei Evangelisten übergehen, was Johannes (20,2 ff.) von Maria Magdalena erzählt, daß sie nämlich, bevor sie die Engel gesehen habe, in die Stadt zurückgekehrt sei und unter Tränen darüber geklagt habe, daß der Leichnam Christi entfernt worden sei. Hier ist nur von ihrer zweiten Rückkehr in die Stadt die Rede, wo sie und ihre Begleiterinnen den Jüngern die Auferstehung Christi verkündigten, die sie sowohl aus dem Zeugnis des Engels wie aus dem Anblick Christi selbst erfahren hatten.
Bevor Christus sich ihnen zeigte, liefen sie schon zu den Jüngern, wie ihnen der Engel es aufgetragen hatte; unterwegs empfingen sie die zweite Bestätigung, damit sie noch bedenkenloser die Auferstehung des Herrn bezeugen konnten. Matthäus sagt, sie seien mit Furcht und großer Freude weggegangen, womit er meint, sie seien wohl durch das Wort des Engels erfreut worden, zugleich aber hätten sie noch unter ihrer Furcht gelitten, so daß sie zwischen Freude und Ängstlichkeit hin und her gerissen wurden. So beherrschen manchmal entgegengesetzte Gefühle die Herzen der Gläubigen und treiben sie um, bis endlich der Friede des Heiligen Geistes sie Ruhe finden läßt. Denn wenn ihr Glaube in ihnen fest gewesen wäre, hätte er wohl alle Furcht überwunden und sie völlig beruhigt; nun aber beweist die mit Freude gemischte Furcht, daß sie sich durch das Zeugnis des Engels noch nicht recht hatten beruhigen lassen. Hier aber gab Christus einen besonderen Beweis seiner Barmherzigkeit, indem er den auf diese Weise schwankenden und zitternden Frauen begegnet, um ihnen auch den letzten Rest von Zweifeln zu nehmen. Trotzdem weichen davon die Worte des Markus (16, 8) etwas ab, es sei sie Zittern und Entsetzen angekommen, so daß sie aus Furcht stumm wurden. Doch ist es gar nicht so schwierig, das mit den beiden andern Evangelisten zu vereinbaren: Obwohl sie die Absicht hatten, dem Engel zu gehorchen, fehlte ihnen die Kraft dazu, wenn nicht der Herr selbst das Schweigen gebrochen hätte. Das Folgende scheint einander jedoch mehr zu widersprechen. Denn Markus (16,9) sagt nicht, daß Christus ihnen allen begegnet, sondern nur, daß er frühe, das heißt in der ersten Morgendämmerung, Maria Magdalena erschienen sei, und Lukas erwähnt diese Erscheinung überhaupt nicht. Aber eine solche Auslassung, wie sie für Evangelisten keineswegs ungewöhnlich ist, darf uns nicht verwirren. Denn was den Unterschied zwischen den Worten des Matthäus und Markus angeht, kann es wohl sein, daß Maria Magdalena vor den andern einer solchen Erscheinung gewürdigt wurde und daß Matthäus dann dieses Erlebnis auf alle ausdehnte, was eigentlich nur dieser einen widerfuhr. Dennoch ist es wahrscheinlicher, daß sie allein von Markus genannt wird, weil sie Christus als erste sehen durfte, und zwar in dieser besonderen Weise vor den andern, ihre Begleiterinnen jedoch Christus dann der Reihe nach gesehen haben; und deshalb wird das bei Matthäus von allen zusammen berichtet. Christus gab damit einen wunderbaren Beweis seiner Güte, daß er seine himmlische Herrlichkeit einer armen Frau geoffenbart hat, die von sieben Dämonen besessen gewesen war, und daß er, indem er das Licht des neuen ewigen Lebens hervorbrechen lassen wollte, dort anfing, wo es für Menschenaugen nur Grund für Verachtung und Schmach gab. Damit hat Christus aber den Beweis gegeben, wie freundlich er seine Gnade uns gegenüber weitergehen läßt, wenn er sie einmal an uns entfaltet hat, und gleichzeitig hat er damit allen Stolz des Fleisches gedemütigt.
Matth. 28,9. „Und umfaßten seine Füße.“ Das scheint mit dem Bericht des Johannes (20,17) nicht übereinzustimmen, wo es Maria geradezu verboten wurde, Christus zu berühren. Der Ausgleich ist jedoch nicht schwer: Als der Herr sah, daß Maria zu sehr darauf aus war, seine Füße zu umfassen und zu küssen, hieß er sie zurücktreten, um ihren Aberglauben zurechtzuweisen und ihr den Zweck seiner Auferstehung klarzumachen, den Maria teils in irdischem grobem Empfinden, teils in törichtem Eifer aus dem Auge verloren hatte. Beim ersten Zusammentreffen jedoch ließ der Herr die Berührung seiner Füße geschehen, damit eine völlige Gewißheit zustande käme. Darum fügt Matthäus sofort hinzu: Und fielen vor ihm nieder, das heißt, sie beteten ihn an, was ein Zeichen einer festen Überzeugung war.
Matth. 28,10. „Da sprach Jesus zu ihnen: Fürchtet euch nicht!“ Die Furcht, von der Christus sie nun wieder befreit, war offensichtlich fehl am Platz; denn wenn sie auch aus der Verwunderung kam, ließ sie sich doch mit einem stillen Vertrauen nicht vereinbaren. Damit sie also zu Christus als dem Überwinder des Todes aufblicken, heißt er sie, fröhlich zu sein; daraus erkennen wir, daß wir dann erst die Auferstehung des Herrn richtig erfassen, wenn wir uns in getroster Zuversicht zu rühmen wagen, daß wir Teilhaber an dem gleichen Leben geworden sind. Und genau dahin muß unser Glaube gelangen, damit uns die Furcht nicht unterkriegt.
Wenn Christus die Frauen nun anweist, das den Jüngern zu verkündigen, so sammelt er durch diese Sendung seine zerstreute Gemeinde aufs neue und richtet sie aus ihrer Niedergeschlagenheit wieder auf. Denn wie uns heute besonders der Glaube an seine Auferstehung lebendig macht, so mußte auch damals den Jüngern das Leben wiedergegeben werden, das sie verloren hatten. Auch dabei müssen wir auf die unglaubliche Freundlichkeit Christi achten, daß er die Flüchtlinge, die ihn schmählich verlassen hatten, als seine Brüder bezeichnet. Ohne Zweifel wollte er von sich aus mit dieser freundlichen Benennung die Traurigkeit lindern, von der er sie schwer bedrängt wußte. Da aber die Anrede „Brüder" über den Kreis der Apostel weit hinausreicht, dürfen wir wissen, daß diese Botschaft auf Christi Geheiß verkündigt wurde, damit sie auch noch zu uns gelange. Wir sollen darum nicht unbeteiligt die Geschichte von seiner Auferstehung hören; denn Christus lädt uns aufgrund seines Bruderverhältnisses mit eigenem Mund freundlich ein, ihre Frucht zu ergreifen. Die Behauptung einiger Ausleger, Christus habe mit den „Brüdern" seine Blutsverwandten gemeint, wird durch den Zusammenhang deutlich genug als Irrtum widerlegt; denn Johannes (20,18) sagt ausdrücklich, Maria sei zu den Jüngern gekommen, und bei Lukas (24,10) heißt es kurz danach, daß die Frauen zu den Aposteln gegangen seien. Damit stimmt Markus (16,10) überein, wenn er schreibt: „Maria verkündigte es denen, die mit ihm gewesen waren, die da Leid trugen und weinten.“
Aus: Otto Weber, Johannes Calvins Auslegung der Heiligen Schrift. 13. Band. Die Evangelienharmonie 2. Teil, Neukirchener Verlag, 1974, S. 409ff.
Ich wünsche allen ein Gesegnetes Osterfest
Gruß Joschie
Tod, wo ist dein Stachel? Totenreich, wo ist dein Sieg? 1Kor 15,55

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Beitragvon Joschie » 07.04.2010 18:01

Ostermontag - Lukas 24,13-35: Und fing an bei Mose
von Johannes Calvin
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"Darum müssen auch heute noch Mose und die Propheten als Vorläufer für uns wichtig sein, damit Christus uns durchs Evangelium offenbar wird. Es ist wichtig, die Leser daran zu erinnern, damit sie nicht Schwärmern ihr Ohr leihen, die durch Beiseitelassen von Gesetz und Propheten das Evangelium in gottloser Weise verstümmeln."


13 Und siehe, zwei von ihnen gingen an demselben Tag in einen Ort, der lag von Jerusalem bei zwei Stunden Wegs; des Name heißt Emmaus. 14 Und sie redeten miteinander von allen diesen Geschichten. 15 Und es geschah, da sie so redeten und besprachen sich miteinander, da nahte sich Jesus selbst und ging mit ihnen. 16 Aber ihre Augen wurden gehalten, dass sie ihn nicht erkannten. 17 Er sprach aber zu ihnen: Was sind das für Reden, die ihr zwischen euch handelt unterwegs? Da blieben sie traurig stehen. 18 Und der eine, mit Namen Kleopas, antwortete und sprach zu ihm: Bist du allein unter den Fremdlingen zu Jerusalem, der nicht wisse, was in diesen Tagen darin geschehen ist? 19 Und er sprach zu ihnen: Was denn? Sie aber sprachen zu ihm: Das von Jesus von Nazareth, welcher war ein Prophet, mächtig von Taten und Worten vor Gott und allem Volk, 20 wie ihn unsere Hohepriester und Obersten überantwortet haben zur Verdammnis des Todes und gekreuzigt. 21 Wir aber hofften, er sei es, der Israel erlösen würde. Und über das alles ist heute der dritte Tag, dass solches geschehen ist. 22 Auch haben uns erschreckt etliche Frauen aus unserer Mitte; die sind frühe bei dem Grab gewesen, 23 haben sein Leib nicht g3funden, kommen und sagen, sie haben eine Erscheinung von Engeln gesehen, welche sagen, er lebe. 24 Und etliche unter uns gingen hin zum Grab und fanden`s so, wie die Frauen sagten; aber ihn sahen sie nicht. 25 Und er sprach zu ihnen: O ihr Toren und trägen Herzens, zu glauben alle dem, was die Propheten geredet haben! 26 Mußte nicht Ch5ristus solches leiden und zu seiner Herrlichkeit eingehen? 27 Und fing an bei Mose und allen Propheten und legte ihnen die ganze Schrift aus, was darin von ihm gesagt war. 28 Und sie kamen nahe zu dem Ort, da sie hingingen. 29 Und sie nötigten ihn und sprachen: Bleibe bei uns; denn es will Abend werden, und der Tag hat sich geneigt. Und er ging hinein, bei ihnen zu bleiben.30 Und es geschah, da er mit ihnen zu Tische saß, nahm er das Brot, dankte, brach`s und gab`s ihnen.

Luk. 24,13. „Und siehe, zwei von ihnen.“ Obwohl Markus diese Geschichte nur kurz berührt, Matthäus und Johannes aber sie mit keinem Wort erwähnen, berichtet Lukas sie nicht umsonst so ausführlich, da ihre Kenntnis besonders nützlich ist und die Geschichte es wert war, daß man sich daran erinnerte. Ich habe schon öfter darauf hingewiesen, daß der Geist Gottes den einzelnen Evangelisten ihre Aufgabe gut zugeteilt hat, damit wir, was in einem oder zweien nicht steht, aus den andern lernen können. Denn es werden auch mehrere Er-scheinungen, die Johannes erwähnt, bei unseren drei Evangelisten mit Stillschweigen übergangen. Bevor ich jedoch auf die Einzelheiten eingehe, wird es sich lohnen, im allgemeinen vorauszuschicken, daß diese beiden vom Herrn zu Zeugen erwählt wurden, nicht um die Apostel zu überzeugen, daß er auferstanden sei, sondern um ihnen ihre eigene Trägheit zu beweisen. Aber wenn sie auch zuerst mit ihrem Zeugnis nichts ausgerichtet haben, so erhielt es doch, nachdem andere Umstände mit dazu beitrugen, bei den Aposteln später sein gebührendes Gewicht. Wer sie jedoch gewesen sind, bleibt unsicher, außer daß man aus dem Namen des einen, den Lukas gleich darauf Kleopas nennt, schließen darf, daß sie nicht zu den Elfen gehört haben. Emmaus war ein altes, nicht unberühmtes Städtchen, das die Römer später Nikopolis nannten; es war nicht weit von Jerusalem entfernt, da sechzig Stadien nur 7400 Doppelschritte (etwa 11 km) ausmachen. Doch wird dieser Ort von Lukas nicht wegen seiner Berühmtheit, sondern als Bestätigung für die Begebenheit angegeben.
Luk. 24,14. „Und sie redeten miteinander.“ Es bedeutete ein Zeichen ihrer Frömmigkeit, daß sie ihren Glauben an Christus, wie schwach und gering er auch gewesen sein mag, irgendwie zu stärken versuchten; denn darauf lief ihr Gespräch doch hinaus, daß sie der Anstößigkeit des Kreuzes die Verehrung für den Meister wie einen Schild entgegenhalten wollten. Obgleich sie jedoch in ihrer Unterhaltung und dem Gespräch eine tadelnswerte Unwissenheit an den Tag legen - denn sie sind, obwohl sie vorher von der kommenden Auferstehung Christi unterrichtet worden waren, bei der Kunde davon völlig bestürzt -, bot ihre Lernbereitschaft Christus doch einen Weg, ihren Irrtum auszuräumen. Denn viele erheben unter viel Aufwand Fragen, weil es ihr Ziel ist, die Wahrheit mutwillig zu verachten; Menschen aber, denen es am Herzen liegt, die Wahrheit willig anzunehmen, verschafft ihre fromme Lernbereitschaft bei Gott die Gnade - mögen sie auch bei den geringsten Einwürfen noch schwanken und sich bei leichten Bedenken noch aufhalten -, daß Gott gewissermaßen seine Hand ausstreckt und sie zur festen Gewißheit führt, daß sie aufhören zu zweifeln. Jedenfalls ist immer festzuhalten, wenn wir Fragen über Christus stellen: Geschieht es in demütiger Bereitwilligkeit zu lernen, dann stellt ihm die Tür offen, uns zu helfen, ja, wir ziehen ihn sozusagen selbst als unseren Lehrer herbei, während unheilige Menschen mit ihrem unreinen Gerede ihn weit von sich wegtreiben.
Luk. 24,10. „Aber ihre Augen wurden gehalten.“ Das bezeugt der Evangelist ausdrücklich darum, damit nicht jemand auf die Idee komme, die Gestalt des Leibes Christi habe sich verändert. Wie sehr also Christus der alte blieb, wurde er trotzdem nicht erkannt, weil die Augen derer, die ihn sahen, befangen waren; damit schwindet jeder Verdacht einer Sinnestäuschung oder Einbildung. Wir lernen jedoch daraus, wie schwach all unsere Sinne in uns sind, daß Augen und Ohren ihre Dienste versagen, wenn ihnen ihre Fälligkeit nicht beständig vom Himmel her verliehen wird. Zwar sind unsere Glieder von Natur mit ihren Gaben ausgestattet; damit wir aber besser verstehen, daß sie uns nur auf Widerruf gewährt sind, behält Gott die Fähigkeit, sie auszunutzen, in seiner Hand, so daß wir selbst das Hören unserer Ohren und das Sehen unserer Augen zu seinen täglichen Wohltaten rechnen müssen; denn wenn er nicht jeden Augenblick unsere Sinne lebendig erhält, wird ihre ganze Kraft bald dahin sein. Ich gebe zwar zu, daß unsere Sinne oft nicht so gehalten werden, wie es damals geschah, daß sie sich angesichts einer Gestalt so grob täuschen; aber an diesem einen Beispiel zeigt Gott, daß es bei ihm steht, alle Fähigkeiten zu leiten, die er dem Menschen verliehen hat, damit wir wissen, daß unsere ganze Natur seinem Willen unterworfen ist. Wenn schon unsere leiblichen Augen, die doch nun wirklich zum Sehen da sind, immer, wenn es Gott gefällt, so gehalten werden, daß sie vor ihnen stehende Gestalten nicht erkennen, hätten unsere geistigen Sinne wohl auch keine größere Sehschärfe, selbst wenn sie noch ihre ursprüngliche Kraft besäßen; nun sind sie jedoch in jener elenden Verderbnis, nachdem sie ihr Licht verloren haben, zahllosen Täuschungen unterworfen und mit solcher groben Schwäche belastet, daß sie nichts als irren können, wie das ja auch immer wieder geschieht. Wenn wir aber jemals Wahrheit und Lüge richtig unterscheiden können, so stammt das nicht aus der Klarheit unseres Verstandes, sondern aus der Weisheit des Heiligen Geistes. Vor allem aber zeigt sich unsere Schwäche beim Anschauen himmlischer Dinge, denn dort halten wir nicht nur falschen Schein für die Wahrheit, sondern wir verkehren auch das helle Licht in Finsternis.
Luk. 24,17. „Was sind das für Reden, die ihr zwischen euch handelt?“ Wir spüren, daß Christus das, was er dort vor aller Augen getan hat, im verborgenen noch täglich an uns tut, daß er sich nämlich von sich aus zu unserer Unterweisung anbietet. Aus der Antwort des Kleopas wird übrigens noch deutlicher, was ich vorhin sagte, nämlich, wie bekümmert und bestürzt die beiden Jünger wegen der Auferstehung Christi waren, dachten sie doch mit Ehrfurcht an seine Lehre; sie standen also keineswegs in Gefahr abzufallen. Denn sie warten nicht ab, bis Christus ihnen mit seiner Offenbarung zuvorkommt oder bis jener Wanderer, wer er auch sein mag, ehrenvoll von ihm spricht, sondern Kleopas schenkt vielmehr auch diesem unbekannten Mann einige Strahlen von dem schwachen spärlichen Licht, die das Herz dieses Wanderers auch etwas hätten erleuchten können, wenn er überhaupt nichts von den Vorgängen gewußt hätte. Christi Name war damals so verhaßt und überall berüchtigt, daß es nicht geraten war, ehrenvoll von ihm zu reden. Er aber achtet nicht auf den Haß, sondern nennt ihn einen Propheten Gottes und bekennt sich als einen seiner Jünger. Wenn auch dieser Titel „Prophet" weit hinter der göttlichen Majestät Christi zurückbleibt, verdient doch auch diese geringe Ehrung Lob, da Kleopas doch nur Jünger für Christus werben will, die sich seinem Evangelium unterwerfen. Fraglich ist jedoch, ob Kleopas aus eigener Unwissenheit weniger ehrenvoll von Christus sprach, als es sich gehört hätte, oder ob er mit bekannteren Anfangsgründen beginnen wollte, um nachher Schritt für Schritt weiterzugehen. Jedenfalls rechnet er kurz darauf Christus nicht mehr nur noch einfach zu den Propheten, sondern sagt, er und andere hätten an ihn als an den Erlöser geglaubt.
Luk. 24,19. „Ein Prophet, mächtig von Taten und Worten.“ Fast die gleichen Worte legt Lukas (vgl. Apg. 7,22) Stephanus in den Mund, als dieser Mose preist und sagt: „Er war mäduig in Worten und Werken." Hier aber fragt sich, ob Christus „mächtig an Taten" genannt wird wegen seiner Wunder, was dann etwa heißen würde, er war mit göttlichen Kräften ausgerüstet, die ihn als einen Gesandten vom Himmel erwiesen, oder ob der Sinn allgemeiner gehalten ist: er war hervorragend sowohl durch seine Fähigkeit zu lehren als durch die Heiligkeit seines Lebens und seine herrlichen Gaben. Mir sagt diese letztere Auffassung mehr zu. Auch der Zusatz vor Gott und allem Volk ist nicht überflüssig; denn er bedeutet, Christi Besonderheit sei den Menschen so deutlich bezeugt und von ihnen durch klare Beweise so gut erkannt worden, daß man dabei nicht mehr an Täuschung und leeres Gepränge denken konnte. Und hieraus können wir entnehmen, was man sich unter einem wahren Propheten vorstellte, nämlich wer mit seinen Worten auch kraftvolle Werke verband und nicht nur begehrte, unter den Menschen hervorzuragen, sondern auch vor Gottes Augen aufrichtig zu leben.
Luk. 24,21. „Wir aber hofften, er sei es, der Israel erlösen würde.“ Aus dem Zusammenhang wird sich noch ergeben, daß die Hoffnung, die sie auf Christus gesetzt hatten, doch nicht ganz erloschen war, obgleich diese Worte zunächst so zu klingen scheinen. Das kommt daher, daß Kleopas gerade von der Verurteilung Christi durch die Obersten der Gemeinde erzählt hatte, was einen Menschen, der noch keine Ahnung vom Evangelium hatte, befremden mußte; dieser Anstößigkeit stellt Kleopas nun die Hoffnung auf die Erlösung gegenüber. Und wenn auch die folgenden Worte zeigen, daß er nur noch zaghaft und schwankend an dieser Hoffnung festhält, trägt er doch eifrig alles zusammen, was diese Hoffnung stützen könnte. Denn daß heute der dritte Tag ist, erwähnt er doch offenbar nur darum, weil der Herr verheißen hatte, er werde nach drei Tagen auferstehen. Wenn er darauf (24,22 ff.) erzählt, die Frauen hätten den Leib Christi nicht gefunden, aber ein Gesicht von Engeln gehabt, und auch, was die Frauen vom leeren Grab berichtet hätten, sei durch das Zeugnis der Männer bestätigt worden, so läuft das im Ganzen auf die Aussage hinaus, daß Christus auferstanden sei. So sucht der fromme, zwischen Glauben und Furcht schwankende Mann alle Trostgründe zusammen und kämpft, so männlich er kann, gegen seine Furcht.
Luk. 24,23. „Und er sprach zu ihnen: O ihr Toren und trägen Herzens.“ Dieser Vorwurf scheint für einen schwachen Menschen zu scharf und hart zu sein; wer aber alle Umstände recht bedenkt, wird leicht einsehen, daß der Herr die Jünger, auf die er seine tägliche Mühe so übel und beinahe ohne Ergebnis verwandt hatte, nicht ohne Grund so rauh anfährt. Denn wir müssen beachten, daß das, was hier gesagt wird, nicht nur diesen beiden gilt, sondern daß Christus ihnen den gemeinsamen Fehler vorhält, damit später auch die übrigen Anhänger es aus ihrem Munde vernehmen. Immer wenn Christus früher von seinem Tod zu ihnen gesprochen hatte, hatte er auch von dem neuen geistlichen Leben geredet und seine Lehre durch die Weissagungen der Propheten gefestigt; aber er hatte wie zu tauben Leuten, ja, besser noch, wie zu Klötzen und Steinen gesprochen: von tödlichem Schrecken getroffen, wenden sie sich in alle Himmelsrichtungen. Dieses Schwanken schreibt er also mit Recht ihrer Torheit zu, und als deren Ursache nennt er ihre Trägheit, daß sie nicht bereitwilliger waren zu glauben. Aber nicht nur das wirft er ihnen vor, daß sie, obwohl er ihnen doch ein ausgezeichneter Lehrmeister war, zu träge zum Lernen waren, sondern auch, daß sie auf die Aussprüche der Propheten nicht geachtet haben. Ihr Stumpfsinn sei also nicht zu entschuldigen, sondern es liege ganz allein an ihnen, da die Lehre der Propheten sowohl an sich schon klar und ihnen außerdem noch gründlich ausgelegt worden sei. So tragen auch heute noch die meisten Menschen die Schuld für ihre Unwissenheit selbst, weil sie ungelehrig und störrisch sind. Beachten wir, daß Christus, um seine allzu schläfrigen Jünger aufzuwecken, mit dem Tadel beginnt. Denn so müssen Leute angetrieben werden, die sich als steif und träge erweisen.
Luk. 24,26. „Mußte nicht Christus solches leiden?“ Zweifellos sprach der Herr jetzt von dem Amt des Messias, wie es die Propheten beschrieben haben, damit den Jüngern der Tod am Kreuz nicht anstößig vorkäme; und auf dem drei bis vierstündigen Weg war Zeit genug zu einer ausführlichen Auslegung. Er hat also nicht nur mit drei Worten versichert, daß Christus habe leiden müssen, sondern er hat ausführlich dargelegt, daß er dazu gesandt wurde, um durch das Opfer seines Todes die Sünden der Welt zu versöhnen und ein Fluchopfer zu werden, um den Fluch wegzunehmen und durch seine Verurteilung die Unreinheit anderer abzuwaschen. Lukas bringt diesen Ausspruch in Form einer Frage, um ihm mehr Nachdruck zu verleihen, woraus folgt, daß die Notwendigkeit seines Todes mit Gründen aufgezeigt wurde. Kurz, die Jünger lassen sich verkehrterweise durch den Tod ihres Meisters verwirren, ohne den er das Amt des Christus nicht erfüllen konnte, da das Hauptstück seines Erlösungswerkes seine Opferung war; auf diese Weise verschließt man Christus nämlich die Tür, in seine Königsherrschaft einzutreten. Das ist sorgfältig zu beachten. Denn da man Christus seine Ehre vorenthält, wenn man ihn nicht als das Opfer für unsere Sünden anerkennt, so war jene Entäußerung (Phil. 2, 7), aus der der Erlöser aufstieg, für ihn der einzige Weg zu seiner Herrlichkeit. Audi heute noch beobachten wir viele unter uns, die diese Reihenfolge nicht einsehen und sich an Christus versündigen; denn aus der Menge derer, die Christus ehrenvoll als ihren König preisen und ihn in den Himmel erheben, denkt kaum der zehnte Teil an die Gnade, die er uns durch seinen Tod erwiesen hat.
Luk. 24,27. „Und fing an bei Mose.“ Diese Stelle zeigt, auf welche Weise sich Christus uns durchs Evangelium offenbart, nämlich so, daß die Kenntnis von ihm durch das Gesetz und die Propheten beleuchtet wird. Denn niemals gab es einen geschickteren und besseren Lehrer des Evangeliums als den Herrn selbst, und ihn sehen wir den Beweis für seine Lehre aus dem Gesetz und den Propheten entnehmen. Die Behauptung, Christus habe nur mit den Anfangsgründen begonnen, um seine Jünger allmählich zum vollkommenen Evangelium hinüberzuleiten und dann die Propheten beiseite zu schieben, läßt sich leicht widerlegen: Kurz darauf heißt es (24, 45), daß Christus allen Aposteln das Verständnis öffnete, daß sie die Schrift verstünden, jedoch nicht, daß sie ohne die Hilfe des Gesetzes einsichtig würden. Darum müssen auch heute noch Mose und die Propheten als Vorläufer für uns wichtig sein, damit Christus uns durchs Evangelium offenbar wird. Es ist wichtig, die Leser daran zu erinnern, damit sie nicht Schwärmern ihr Ohr leihen, die durch Beiseitelassen von Gesetz und Propheten das Evangelium in gottloser Weise verstümmeln. Gott will, daß alles herangezogen wird, was jemals über seinen Sohn bezeugt wurde. Wie aber das, was überall im Gesetz und den Propheten über Christus steht, auf ihn zu beziehen ist, das auseinanderzusetzen ist hier nicht der Ort. Es genügt, kurz festzustellen, daß Christus nicht umsonst das Ende des Gesetzes (Röm. 10,4) genannt wird. Denn wie dunkel auch und von ferne Mose ihn mehr als einen Schattenriß als ein klares Bild gezeichnet hat, so ist doch unbestreitbar, daß der Bund, den Gott mit den heiligen Vätern geschlossen hat, vergehen und ungültig werden muß, wenn nicht in dem Geschlecht Abrahams ein Haupt hervorragt, unter dem das Volk zu einem Leib zusammenwachsen soll. Weiter, wenn Gott befohlen hat, die Stiftshütte und die Zeremonien nach dem himmlischen Vorbild (vgl. Ex. 25,8.9) einzurichten, so folgt daraus, daß die Opfer und alle Tempelriten ein leeres nutzloses Spiel wären, wenn ihnen nicht von anderswoher Wahrheit zukäme. Das wird im Hebräerbrief (vgl. 9,1 ff.) näher ausgeführt, wo es heißt, die sichtbaren Zeremonien des Gesetzes seien Schattenbilder geistlicher Dinge und in dem ganzen gesetzlichen Priestertum, in den Opfern und in der Form des Heiligtums sei Christus zu suchen. Sehr klug hat Bucer irgendwo die Vermutung geäußert, die Juden hätten in dieser Unabgeschlossenheit eine sichere Methode gehabt, die Schrift darzulegen, wie sie ihnen von den Vätern überkommen war. Ich will jedoch nicht unsicheren Annahmen folgen, sondern begnüge mich mit den klaren einfachen Überlegungen, wie sie überall bei den Propheten angestellt werden, die besonders geeignete Ausleger des Gesetzes waren. Man findet darum Christus mit Recht im Gesetz, wenn man bedenkt, daß der von Gott mit den Vätern geschlossene Bund einen Mittler zur Grundlage hat, daß das Heiligtum, in dem Gott die Gegenwart seiner Gnade bezeugte, mit Blut geheiligt worden war, daß das Gesetz selbst mit seinen Verheißungen durch Besprengung mit Blut als unverletzlich dargestellt worden war, daß es nur einen aus dem ganzen Volk erwählten Hohenpriester gab, der in aller Namen vor Gottes Angesicht hintreten sollte, nicht als irgendeiner von den Sterblichen, sondern in heiligem Gewand, und daß es für die Menschen keine Hoffnung auf Versöhnung mit Gott gab als durch Darbringung eines Opfertieres. Dahin gehört auch die sehr bedeutsame Weissagung von der beständigen Fortdauer der Königsherrschaft im Stamm Juda (vgl. Gen. 49,10). Die Propheten ihrerseits haben, wie schon erwähnt, den Mittler sehr viel deutlicher abgebildet, selbst jedoch ihre erste Kenntnis von ihm aus Mose gezogen; denn ihnen war keine andere Aufgabe gestellt, als die Erinnerung an den Bund zu erneuern, den geistlichen Gottesdienst deutlicher aufzuzeigen, die Hoffnung auf Errettung auf den Mittler Zu gründen und auch die Art und Weise der Versöhnung deutlicher zu machen. Da es jedoch Gott gefallen hatte, die volle Offenbarung bis zum Kommen seines Sohnes aufzuschieben, wurde eine Auslegung nicht überflüssig.
Luk. 24,28. „Und sie kamen nahe zu dem Ort.“ Warum einige Ausleger hier an einen andern Ort denken als Emmaus, ist nicht einzusehen; denn der Weg dorthin war nicht so lang, daß man in einem näher gelegenen Rasthaus hätte ausruhen müssen. Wir wissen, daß man 7000 Doppelschritte (ungefähr 11 km), auch wenn man sehr langsam geht, in gut vier Stunden zurücklegen kann. Darum bin ich sicher, daß Christus bis Emmaus mitgegangen ist. Wenn man fragt, ob denn zu dem, der die ewige Wahrheit Gottes darstellt, eine Verstellung paßt, antworte ich: Der Sohn Gottes war nicht dazu verpflichtet, alle seine Absichten offen darzulegen. Da aber Verstellung eine Art von Lüge ist, ist der Knoten noch nicht gelöst, zumal sich viele zur Gestattung einer Lüge besonders auf dieses Beispiel beziehen. Ich aber antworte, daß es sich hier genauso wenig um eine Lüge handelt, wenn Christus den Anschein erweckt, als wolle er weitergehen, wie wenn er überhaupt in der Gestalt eines Wanderers auftritt; beides steht auf gleicher Stufe. Wie Christus die Augen derer, mit denen er redete, eine Zeitlang verhüllte, so daß sie ihn in der Gestalt einer fremden Person als einen gewöhnlichen Wanderer ansahen, so tat er einen Augenblick lang so, als wolle er weitergehen, nicht um etwas anderes vorzugeben, als er wirklich plante, sondern um die Art seines Weggangs zu verbergen. Denn niemand wird leugnen, daß er weitergegangen ist, weil er sich damals ganz allgemein dem Verkehr mit Menschen entzog. So hat er duch dieses Vorgeben seine Jünger nicht getäuscht, sondern sie nur ein wenig hingehalten, bis die rechte Zeit dazu da war, sich ihnen zu offenbaren. Darum ist völlig auf dem Holzweg, wer Christus zum Patron der Lüge macht; es ist uns ebensowenig erlaubt, unter Berufung auf sein Beispiel etwas zu erdichten, wie wir seine göttliche Kraft nachäffen können, indem wir die Augen von sehenden Menschen verschließen. Darum ist es am sichersten, auf dem vorgeschriebenen Weg zu bleiben und wahrheitsgemäß und aufrichtig zu reden; nicht als ob der Herr selbst jemals vom Gesetz seines Vaters abgewichen wäre, wohl aber trug er, ohne buchstäblich Vorschriften zu brauchen, die richtige Auffassung des Gesetzes in sich; die Schwachheit unseres Verständnisses jedoch braucht einen äußeren Zügel.
Luk. 24,30. „Nahm er das Brot.“ Augustin und mit ihm sehr viele andere haben gemeint, Christus habe das Brot nicht als Speise weitergereicht, sondern als heiliges Symbol seines Leibes. Und mit dieser Auffassung wird es verständlich, daß der Herr erst bei dem geistlichen Verstehen des Mahles erkannt wurde, denn solange die Jünger ihn mit ihren leiblichen Augen anschauten, hielten sie ihn für den Fremden. Aber da diese Vermutung von keinerlei Wahrscheinlichkeit gestützt wird, fasse ich die Worte des Lukas einfacher auf, nämlich daß Christus das Brot in seine Hände nahm und in seiner Weise dafür dankte. Offenbar aber hatte er eine besondere Art zu beten, und er wußte, daß seine Jünger durch den Umgang mit ihm daran gewöhnt waren, so daß sie bei diesem Erkennungszeichen aufwachen mußten. Wir wollen indessen aus dem Beispiel des Meisters lernen, immer wenn wir Brot essen, dem Urheber des Lebens selbst Dank dafür zu bringen, was uns von den ungläubigen Menschen unterscheidet.

31 Da wurden ihre Augen geöffnet, und sie erkannten ihn. Und er verschwand vor ihnen. 32 Und sie sprachen untereinander: Brannte nicht unser Herz in uns, da er mit uns redete auf dem Wege, als er uns die Schrift öffnete? 33 Und sie standen auf zu derselben Stunde, kehrten wieder nach Jerusalem und fanden die elf versammelt und die bei ihnen waren, 34 welche sprachen: Der Herr ist wahrhaftig auferstanden und Simon erschienen. 35 Und sie erzählten ihnen, was auf dem Wege geschehen war und wie er von ihnen erkannt wäre, als er das Brot brach.

Luk. 24,31. „Da wurden ihre Augen geöffnet.“ Aus diesen Worten sehen wir, daß an Christus keine Verwandlung stattgefunden hatte, so daß er etwa durch Veränderung seiner Gestalt die Augen der Menschen getäuscht hätte, wie sich die Dichter etwa den Proteus vorstellen, sondern es täuschten sich vielmehr die Augen derer, die ihn sahen, weil sie wie verschleiert waren. So verschwand er gleich darauf nicht darum vor ihren Augen, weil etwa sein Leib an und für sich unsichtbar geworden wäre, sondern weil Gott ihren Augen seine unterstützende Kraft entzog und sie darum ihre Schärfe verloren. Es ist aber gar nicht verwunderlich, daß Christus, sobald er erkannt war, sofort verschwand, weil sein längerer Anblick den Jüngern in keiner Weise genutzt hätte, ja, sie vielleicht, da sie mit ihren Gedanken allzusehr an der Erde hingen, auf den Wunsch verfallen wären, ihn wieder in das irdische Leben niederzuziehen. Soweit es also zur Bezeugung seiner Auferstehung nötig war, ließ Christus sich von seinen Jüngern sehen; durch sein plötzliches Verschwinden klärte er sie dann darüber auf, daß man ihn jetzt anderswo als in der Welt suchen müsse; denn die Vollendung seines neuen Lebens geschah erst in seiner Aufnahme in den Himmel.
Luk. 24,32. „Brannte nicht unser Herz?“ Daß die Jünger Christus erkannten, hatte nun auch die Folge, daß sie einen lebendigen Eindruck von der zwar vorher schon empfangenen, aber noch verborgenen und schlummernden Gnadengabe des Geistes bekamen. Denn so wirkt Gott manchmal in den Seinen, daß sie die Kraft des Heiligen Geistes, obwohl sie sie nicht entbehren, zeitweilig nicht verstehen oder wenigstens sie nicht klar erkennen, sondern sie nur ungewiß verspüren. So hatten die Jünger vorher zwar, ohne es besonders zu beachten, ein Brennen verspürt, an das sie sich jetzt erinnern: nun aber, nachdem Christus von ihnen erkannt wurde, beginnen sie, über seine Gnade nachzudenken, die sie vorher ohne Verständnis genossen hatten, und merken, wie verständnislos sie gewesen sind. Jetzt klagen sie sich selbst wegen ihrer Empfindungslosigkeit an; denn genau das wollen ihre Worte sagen: Wie war es nur möglich, daß wir ihn nicht erkannten, als er mit uns redete? Denn als er so in unsere Herzen drang, hätten wir doch merken müssen, um wen es sich handelte! Aber sie schließen nicht einfach aus diesem nackten Zeichen, daß es Christus war, weil seine Worte ihre Herzen so mächtig entzündet hatten, sondern weil er, und damit geben sie ihm die schuldige Ehre, als er mit seinem Mund sprach, zugleich auch durch die Glut seines Geistes ihre Herzen innerlich entfachte. Zwar rühmt sich auch Paulus, ihm sei das Amt des Geistes gegeben (vgl. 2. Kor. 3,8), und oft gebraucht die Schrift von den Dienern am Wort die ehrenvolle Wendung, daß sie die Herzen bekehren, den Verstand erleuchten, die Menschen erneuern, so daß sie dem Herrn reine heilige Dankopfer werden; aber damit wird nicht bezeichnet, was die Prediger selbst durch eigene Kraft leisten, sondern vielmehr, was der Herr durch sie wirkt. Bei Christus allein jedoch trifft beides zu: er redet mit seinem Mund und formt dabei die Herzen machtvoll zum Gehorsam des Glaubens. Zweifellos hat er damals den Herzen der beiden Männer ein besonderes Merkmal eingeprägt, so daß sie endlich spürten, daß seinen Worten göttliches Feuer entströmt war. Denn obwohl das Wort des Herrn immer Feuer ist (vgl. Luk. 3,16), hat sich doch damals in den Worten Christi dieses Feuer in einer eigenartigen ungewöhnlichen Weise gezeigt, so daß es ein leuchtendes Zeugnis von seiner göttlichen Macht gab; denn er allein ist es, der mit dem Heiligen Geist und mit Feuer tauft. Doch dürfen wir behalten, daß eine wirkliche Frucht der himmlischen Verkündigung, wer auch immer der Prediger sein mag, ist, daß sie das Feuer des Heiligen Geistes in den Herzen entzündet, das ebenso die Bestrebungen des Fleisches ausschmilzt und läutert, ja, geradezu ausbrennt, wie es eine brennende Liebe zu Gott entfacht und den ganzen Menschen gleichsam in seiner Flamme zum Himmel reißt.
Luk. 24,33. „Und sie standen auf zu derselben Stunde.“ Da es immerhin Nacht war und die beiden Männer sich in einiger Entfernung von Jerusalem befanden, wird daraus klar, wie sehr sie darauf brannten, ihren Mitjüngern diese Botschaft zu überbringen. Da sie die Herberge erst gegen Abend betraten, hat sich der Herr ihnen wahrscheinlich nicht vor Einbruch der Nacht offenbart. Obwohl nun ein Marsch in der Nacht durchaus nicht angenehm war, stehen sie doch im gleichen Augenblick auf und laufen schnell nach Jerusalem zurück. Und wenn sie nun erst am folgenden Tag gegangen wären, hätte ihr Zögern sicher Mißtrauen erweckt; nun aber, da sie lieber ihre Nachtruhe darangeben, um die Apostel möglichst schnell an ihrer Freude teilhaben zu lassen, trägt diese Eile zur Glaubwürdigkeit ihres Berichtes nur bei. Wenn nun Lukas sagt, sie seien zu derselben Stunde aufgestanden, so sind sie wahrscheinlich gegen Mitternacht bei den Jüngern angekommen. Derselbe Lukas bezeugt nun auch, daß diese zu der gleichen Zeit im Gespräch beieinander saßen. Daraus erkennen wir ihre Sorge und ihren glühenden Eifer, daß sie fast die ganze Nacht aufblieben und sich überall erkundigten, bis die Auferstehung Christi durch mehrfaches Zeugnis bestätigt war.
Luk. 24,34. „Welche sprachen: Der Herr ist wahrhaftig auferstanden.“ Damit deutet Lukas an, daß eben die Männer, die den Aposteln die frohe Botschaft brachten, um sie zu stärken, dafür nun von einer anderen Erscheinung Kenntnis erhielten. Ohne Zweifel hat Gott den Jüngern diese gegenseitige Stärkung als Belohnung für ihren frommen Eifer gewährt. Aus den Zeitangaben kann man entnehmen, daß Petrus nach seiner Rückkehr vom Grab bekümmert darauf gebrannt haben mag, daß Christus auch ihm sich zeige und daß der Herr ihm an demselben Tag, an dem er das Grab aufgesucht hatte, seinen Wunsch erfüllte. Darum also jener Freudengruß der Elf, man dürfe nun nicht mehr zweifeln, weil der Herr Simon erschienen sei. Das scheint jedoch mit den Worten des Markus (16,13) nicht übereinzustimmen, wonach die Elf nicht einmal diesen beiden Jüngern geglaubt hätten. Denn wie war es möglich, daß Menschen, die schon gewiß waren, nun diese neuen Zeugen verwerfen und in ihre alten Zweifel zurückfallen? Denn die Worte: „Der Herr ist wahrhaftig auferstanden" klingen doch so, als gäbe es für sie darüber gar keine Diskussion mehr. Dazu ist erstens zu sagen, daß der Evangelist hier wohl verallgemeinert: einige mögen etwas hartnäckiger oder weniger bereit zu glauben gewesen sein, und Thomas war noch widerspenstiger als die übrigen. Auch läßt sich leicht annehmen, daß ihre Überzeugung so aussah, wie sie bei aufgeregten Menschen zu sein pflegt, daß sie sich nämlich noch nicht ganz auf ruhiger Überlegung aufbaute; in einem solchen Fall stellen sich dann erfahrungsgemäß nur zu bald wieder alle möglichen Zweifel ein. Wie dem auch sei, nach Lukas steht fest, daß der größere Teil der Jünger fast wie in einer Verzückung nicht nur gern aufgenommen hat, was ihm gesagt wurde, sondern auch gegen den eigenen Unglauben ankämpfte. Denn mit dem Wörtchen wahrhaftig nehmen sie sich selbst jeden Anlaß zum Zweifeln. Gleich werden wir allerdings sehen, wie sie vor Staunen und Verwunderung zum zweiten und dritten Mal wieder Bedenken bekommen.Aus: Otto Weber, Johannes Calvins Auslegung der Heiligen Schrift. 13. Band. Die Evangelienharmonie 2. Teil, Neukirchener Verlag, 1974, S. 420ff.
Tod, wo ist dein Stachel? Totenreich, wo ist dein Sieg? 1Kor 15,55

Gast

Beitragvon Gast » 07.04.2010 21:06

Gott hat uns erwält vor grundlegung der welt,das wir seine kinder heisen sollen.Op woll das wort allen gebredigt wird ,wiergt gott den glauben nur bei wenigten

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Joschie
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Quasimodogeniti - Johannes 20,19-31

Beitragvon Joschie » 10.04.2010 17:12

Quasimodogeniti - Johannes 20,19-31: Der einzige Lehrer der Kirche
von Johannes Calvin
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"Wenn Christus übrigens die Apostel an seine Stelle treten lässt, so bedeutet das nicht seinen Verzicht auf das oberste Lehramt: er allein sollte es nach dem Willen des Vaters innehaben. Persönlich bleibt er der einzige Lehrer der Kirche und wird es ewig bleiben..."


19 Am Abend aber desselben ersten Tages der Woche, da die Jünger versammelt und die Türen verschlossen waren aus Furcht vor den Juden, kam Jesus und trat mitten ein spricht zu ihnen: Friede sei mit euch! 20 Und als er das gesagt hatte, zeigte er ihnen die Hände und seine Seite. Da wurden die Jünger froh, dass sie den Herrn sahen. 21 Da sprach Jesus abermals zu ihnen: Friede sei mit euch! Gleichwie mich der Vater gesandt hat, so sende ich euch. 22 Und da er das gesagt hatte, blies er sie an und spricht zu ihnen: Nehmet hin den Heiligen Geist! 23 Welchen ihr die Sünde erlasset, denen sind sie erlassen; und welchen ihr sie behaltet, denen sind sie behalten.

V. 19. „Am Abend aber desselben ersten Tages der Woche . . .“ Nun berichtet der Evangelist, der Anblick Christi habe die Jünger von seiner Auferstehung überzeugt. Gottes Vorsehung war es, die sie sich alle an einem Orte hatte ver­sammeln lassen. Das Ereignis sollte unbedingt glaubhaft und kein Zweifel daran möglich sein. Dabei wollen wir beachten, wie freundlich Christus sie behandelte: nur bis zum Abend ließ er sie im ungewissen. Dazu kommt auch, daß er ihnen erschien und ihnen das Unterpfand des neuen Lebens brachte gerade in dem Augenblick, in dem die Welt sich in Finsternis hüllte. Daß sie sich versammelt hatten, war ein Zeichen von Glauben oder wenigstens von frommer Liebe. Wenn sie sich hinter verschlossenen Türen verborgen hielten, so erkennen wir daran, wie schwach sie waren. Zwar sind auch solche Menschen, die im allge­meinen heldenhaften Mut und unerschütterliche Festigkeit zeigen, nicht immer ganz ohne Furcht. Die Apostel aber waren, wie man leicht sehen kann, damals in solcher Angst, daß sie deutlich erkennen ließen, wie schwach ihr Glaube war. Man sollte sich ihr Beispiel stets vor Augen halten. Denn obgleich sie nicht so mutig sind, wie sie sollten, erliegen sie ihrer Schwäche nicht. Zwar suchen sie sich ein Versteck, um der Gefahr zu entgehen. Trotzdem sind sie so gefaßt, daß sie zusammenbleiben. Sonst wären sie nach allen Seiten auseinandergelaufen, und niemand hätte gewagt, einen anderen anzublicken. So sollen auch wir mit der Schwäche unseres Fleisches kämpfen und die Furcht bezähmen, die uns dahin bringt, von Christus abzufallen. Christus segnet ja auch ihren Eifer, indem er ihnen erscheint; und Thomas bleibt zu Recht ohne die Gnade, die allen seinen Brüdern zuteil geworden war, weil er sich wie ein flüchtiger Soldat von seiner Einheit entfernt hatte. Wer zu ängstlich ist, lerne also daraus, sich selbst zur Überwindung seiner fleischlichen Furcht anzuspornen! Vor allem aber muß man es vermeiden, vor Furcht auseinanderzulaufen.
„Und die Türen verschlossen . ..“ Dieser Umstand wurde ausdrücklich hinzu­gesetzt, weil mit ihm ein deutlicher Beweis von Christi göttlicher Macht ver­bunden ist. Zwar glauben einige Ausleger, jemand habe ihm die Tür geöffnet und er sei wie ein gewöhnlicher Mensch eingetreten. Aber das steht in klarem Widerspruch zur Meinung des Evangelisten. Die Stelle ist deshalb so zu ver­stehen: Christus trat ein, um seinen Jüngern einen Beweis seiner Gottheit zu liefern und sie dadurch aufmerksam zu machen. Doch kann ich auf keinen Fall zugeben, Christi Leib sei durch die verschlossene Tür gedrungen, wie die Papisten versichern. Wozu behaupten sie das? Sie wollen seinen Auferstehungsleib als dem Geist ähnlich erscheinen lassen; darüber hinaus wollen sie deutlich machen, er sei unermeßlich groß und kein Raum könne ihn fassen. Aber davon lassen die Worte nichts verlauten. Der Evangelist sagt nicht, Christus sei durch verschlossene Türen gegangen; vielmehr, er habe plötzlich mitten unter den Jüngern gestanden, obwohl die Türen verschlossen waren und kein Mensch ihm geöffnet hatte. Petrus entkam, wie wir wissen, aus einem verschlossenen Kerker. Müssen wir da nun etwa sagen, er sei mitten durch Holz und Eisen gegangen (Apg. 5,19)? Uns mag genügen: Christus wollte durch ein auffallendes Wunder den Glauben an seine Auferstehung bei seinen Jüngern festigen.
„Friede sei mit euch!“ Das ist der übliche Gruß der Hebräer: „Friede“ bedeutet bei ihnen alles Günstige, was man sich für ein glückliches Leben zu wünschen pflegt. Dieser Ausdruck bedeutet also etwa: Möge es euch gut gehen! Ich betone das darum, weil einige Ausleger hier ohne Grund von Frieden und Eintracht reden. Dabei wollte Christus nichts anderes als seinen Jüngern das Beste wünschen.
V. 20. „Und als er das gesagt hatte, zeigte er ihnen die Hände und seine Seite.“ Diese Bestätigung brauchten sie noch, um in jeder Hinsicht davon überzeugt zu sein, Christus sei auferstanden. Daß Christus noch nach seiner Auferstehung Wunden hat, könnte unwürdig und unpassend erscheinen. Man bedenke aber: Christus ist nicht so sehr für sich selbst als für uns auferstanden; außerdem kann nichts ihn schänden, was zu unserem Heil dient. Wenn er sich eine Zeitlang erniedrigt, so hat das seiner Majestät durchaus keinen Abbruch getan. Wenn die Wunden, um die es hier geht, gar den Glauben an seine Auferstehung stärken, so trüben sie nicht im geringsten den Glanz seiner Herrlichkeit. Lächerlich wäre es allerdings, wollte jemand daraus schließen, Christi Seite sei noch immer durch­stochen, seine Hände seien noch immer durchbohrt. Gewiß waren die Wunden nur für kurze Zeit von Nutzen: bis nämlich die Apostel fest davon überzeugt waren, Christus sei vom Tod erstanden. - Dann sagt Johannes noch, die Jünger hätten sich beim Anblick des Herrn gefreut. Damit verdeutlicht er, das neue Leben mache alle Trauer zunichte, mit der Christi Tod sie erfüllt hatte.
V. 21. „Da sprach Jesus abermals zu ihnen: Friede sei mit euch! . . .“ Mit dieser nochmaligen Begrüßung will der Herr sich wohl lediglich die Aufmerk­samkeit sichern, die der großen Bedeutung dessen angemessen war, was er sagen wollte.
„Gleichwie mich der Vater gesandt hat, so sende ich euch.“ Mit diesen Worten weiht Christus seine Apostel gewissermaßen in das Amt ein, zu dem er sie schon vorher bestimmt hatte. Zwar hatte er sie bereits früher durch Judäa gesandt. Damals aber waren sie nur Herolde gewesen, die auf den höchsten Lehrer hin­weisen, und nicht Apostel, die das Lehramt für immer übernehmen sollten. Jetzt aber macht der Herr sie zu seinen Gesandten, die sein Reich in der Welt auf­richten sollen. Niemand möge darum bezweifeln: erst in diesem Augenblick sind die Apostel als ordentliche Diener des Evangeliums eingesetzt worden. Der Sinn seiner Worte ließe sich auch so wiedergeben: bisher habe Christus das Amt des Lehrers ausgeübt; nun aber habe er die Bahn seines Lebens durchmessen und vertraue jenes Amt ihnen an. Der Vater habe ihn, will Christus sagen, nicht für immer zum Lehrer erwählt. Er sollte den anderen eine Zeitlang vorangehen und sie dann an seine Stelle treten lassen, die sie in seiner Abwesenheit ein­nehmen sollten. In diesem Sinne sagt auch Paulus (Eph. 4,11), Christus habe die einen zu Aposteln, andere zu Evangelisten, wieder andere zu Hirten gemacht, damit sie die Kirche bis zum Ende der Welt leiteten. Das erste, was Christus sagt, ist darum dies: er selbst habe das Lehramt zwar nur eine Zeitlang inne­gehabt; die Predigt des Evangeliums aber solle nicht kurze Zeit, sondern ewig währen. Zweitens soll die Lehre im Munde der Apostel dasselbe Gewicht haben, das sein eigenes Lehren hatte. Deshalb läßt er sie in dasselbe Amt eintreten, das er vom Vater erhalten hatte, dieselbe Aufgabe erlegt er ihnen auf, verleiht ihnen dieselben Rechte. Ihrem Dienst so feste Grundlagen zu geben war ein Gebot der Notwendigkeit. Sie waren ja unbekannte, gewöhnliche Menschen. Und selbst wenn sie im Glänze der höchsten Würde erstrahlt wären, so wissen wir: das reicht bei weitem nicht aus, um die Leute zum Glauben zu bringen. Nicht überflüssig teilte Christus daher die vom Vater empfangene Würde mit den Aposteln. Das soll nämlich deutlich machen, die Predigt des Evangeliums sei ihnen nicht von Menschen, nein, von Gottes Befehl her aufgegeben. Wenn er übrigens die Apostel an seine Stelle treten läßt, so bedeutet das nicht seinen Verzicht auf das oberste Lehramt: er allein sollte es nach dem Willen des Vaters innehaben. Persönlich bleibt er der einzige Lehrer der Kirche und wird es ewig bleiben. Zu seinen Erdenzeiten, das ist der Unterschied, hat er selbst geredet; jetzt aber spricht er durch die Apostel. Mit der Nachfolge der Apostel wird also Christus nichts genommen, sein Recht nicht angetastet, seine Ehre nicht ge­schmälert. Denn unbedingte Gültigkeit hat das Gebot, das uns befiehlt, auf ihn und nicht auf andere zu hören (Matth. 17,5). Christus wollte hier also keine Menschen auszeichnen, sondern die Lehre des Evangeliums. Man beachte außer­dem: nur von der Predigt des Evangeliums ist hier die Rede. Christus sandte die Apostel nämlich nicht mit dem Auftrage, mit dem ihn der Vater gesandt hatte: die Sünden der Welt zu sühnen und die Gerechtigkeit zu schaffen. Seinen beson­deren Auftrag aber berührt er an dieser Stelle nicht. Er setzt lediglich Diener und Hirten ein zur Lenkung der Kirche. Und auch das tut er nur unter dem Vorbehalt, allein die wirkliche Gewalt in Händen zu halten: sie dürfen nur dienen.
V. 22. „Und da er das gesagt, blies er sie an . . .“ Jener schwierigen Aufgabe ist kein einziger Mensch gewachsen. Deshalb setzt Christus Apostel ein, indem er sie mit der Gnadengabe seines Geistes beschenkt. Und wirklich übersteigt es die Kraft eines Menschen bei weitem, wenn er die Kirche Gottes regieren, die Botschaft vom ewigen Heil ausrichten, das Reich Gottes auf Erden erbauen und Menschen zum Himmel emporheben soll. Kein Wunder darum, wenn keiner dazu geeignet ist, den nicht der Hauch des Heiligen Geistes berührt hat. Denn niemand kann auch nur ein Wort über Christus sagen, dem nicht der Geist die Zunge lenkt (1. Kor. I2,3). Wieviel weniger dürfte da jemand imstande sein, diese erhabene Aufgabe in allen ihren Teilen wirklich zu erfüllen? Übrigens hat Christus das herrliche Vorrecht, die Männer, die er als Lehrer an die Spitze seiner Kirche stellt, für dieses Amt zuzubereiten. Dazu nämlich hat sich die ganze Fülle des Geistes in ihn ergossen, damit er jedem einzelnen ein bestimmtes Maß davon zuteilt. Ferner bleibt er ja der einzige Hirte der Kirche und muß darum in den Dienern, die ihm behilflich sind, die Kraft seines Geistes sichtbar werden lassen. Auch durch ein äußerliches Zeichen hat er es verdeutlicht, als er die Apostel anhauchte. Das nämlich ist nur dann passend, wenn der Geist von ihm ausgeht. Außerdem teilt Christus mit seinen Jüngern nicht nur den Geist, den er empfangen hat, sondern er spendet ihnen gleichsam seinen eigenen, weil er ihn nämlich mit dem Vater gemeinsam hat. Daher maßen sich alle die gött­liche Herrlichkeit an, die behaupten, durch ihren Anhauch den Geist zu geben. Christus, das muß man vor allem beachten, stattet diejenigen, die er zu einem Hirtenamt beruft, auch mit den nötigen Gaben aus, damit sie ihrer Aufgabe gewachsen sind oder doch wenigstens nicht ganz unvorbereitet darangehen. Hier wird uns eine feste Regel an die Hand gegeben, mit deren Hilfe wir die Menschen erkennen können, die Gott wirklich zur Leitung seiner Kirche berufen hat: wir müssen zusehen, ob sie mit dein Heiligen Geist begabt sind. Vor allem aber wollte Christus die Würde des Apostelstandes geltend machen. Die Menschen, die in erster Linie zur Predigt des Evangeliums bestimmt waren, sollten - das war nur billig - auch ein einzigartiges Ansehen genießen. Wenn aber Christus damals den Aposteln durch seinen Anhauch den Geist verlieh, sind dann nicht die später folgende Ausgießung des Heiligen Geistes überflüssig? Ich antworte: An der vorliegenden Stelle wird den Aposteln der Geist in der Weise gegeben, daß sie nur gerade durch seine Gnade berührt, nicht aber mit seiner vollen Kraft erfüllt wurden. Gänzlich erneuert wurden sie erst, als der Geist in Gestalt feuriger Zungen sichtbar wurde, die sich auf sie setzten. In der Tat macht er sie nicht in dem Sinne zu Verkündern des Evangeliums, daß er sie sofort aussendet, damit sie seine Werke beginnen; vielmehr befiehlt er ihnen, ruhig zu sein, wie wir an anderer Stelle (Lk. 24,49) lesen. Und wenn wir alles recht bedenken, dann ist es eigentlich gar nicht so, daß er sie augenblicklich mit den nötigen Gaben ausstattet. Vielmehr bestimmt er sie für die Zukunft zu Werkzeugen seines Geistes. Darum ist dieser Anhauch im wesentlichen jener so oft verheißenen, herrlichen Ausgießung des Geistes zuzurechnen. Ferner hätte Christus auch gern durch verborgene Eingebung den Jüngern seine Gnade verleihen können. Weil er sie aber stärken wollte, mochte er nicht auf den sicht­baren Anhauch verzichten. Dieses Zeichen aber wählte Christus darum, weil die Schrift häufig Geist und Wind vergleicht. Von diesem Vergleich habe ich oben im dritten Kapitel kurz gesprochen. Doch beachte der Leser, daß sich mit dem äußerlichen, sichtbaren Bild das Wort verbindet. Daraus ziehen nämlich auch die Sakramente ihre Kraft. Das ist nicht so gemeint, als sei die Wirksamkeit des Geistes in die Stimme eingeschlossen, die ans Ohr schallt, sondern vom Zeugnis des Wortes hängt die Frucht alles dessen ab, was die Gläubigen in den Sakramen­ten empfangen. Christus blies die Apostel an. Diese empfangen nicht nur den Hauch, sondern auch den Geist. Warum? Nur darum, weil Christus ihnen den verheißt. Ähnlich ziehen wir in der Taufe Christus an, werden wir durch sein Blut rein gewaschen und wird unser alter Mensch gekreuzigt, damit Gottes Gerechtigkeit in uns herrsche. Im heiligen Mahl werden wir geistlich durch Christi Fleisch und Blut gespeist. Woher sonst kommt eine solche Kraft, wenn nicht aus der Verheißung Christi? Er wirkt und leistet durch seinen Geist, was er durch sein Wort kundtut. Seien wir uns also darüber klar: alle Sakramente, die die Menschen sich ausgedacht haben, sind reiner Hohn oder abgeschmackter Spott; denn die Wahrheit beruht nie auf den Zeichen; das Wort des Herrn muß gegenwärtig sein. Treibt man aber mit Heiligem solchen Spott, so ist das in jedem Fall eine ruchlose Schmähung Gottes und zieht das Verderben der Seele nach sich. Christus hat mit den Aposteln nicht gesprochen, um ein für alle Zeiten gültiges Sakrament einzusetzen. Vielmehr wollte er ein für allemal kundtun, was wir kürzlich sagten: daß der Geist von ihm allein ausgehe. Außerdem will er zeigen, nie erlege er seinen Dienern eine Pflicht auf, ohne ihnen zugleich die dazu nötigen Kräfte und Fähigkeiten zu verleihen.
V. 23. „Welchen ihr die Sünden erlasset ...“ Ohne Zweifel hat der Herr hier das ganze Evangelium zusammengefaßt. Die Macht nämlich, Sünden zu vergeben, ist nicht vom Lehramt zu trennen; vielmehr ist sie durch einen festen Zusammenhang mit ihm verbunden. Kurz zuvor hatte Christus gesagt: „Wie mich der lebendige Vater gesandt hat, so sende ich euch.“ Dann schob er lediglich ein, er gebe ihnen „den Heiligen Geist“. Das war nötig, um sie davor zu warnen, etwas von sich aus zu tun. Jetzt aber erklärt er den Zweck jener Aussendung. Das Ziel der Verkündigung des Evangeliums ist also, die Menschen mit Gott zu ver­söhnen, wie es durch die bedingungslose Vergebung der Sünden geschieht. So lehrt auch Paulus (2. Kor. 5,18), als er das Evangelium als „Amt der Versöh­nung" bezeichnet. Das Evangelium enthält zwar noch vieles andere; das Wich­tigste aber ist, daß Gott die Menschen wieder in seine Gnade aufnimmt, indem er ihnen ihre Sünden nicht anrechnet. Wollen wir uns darum als treue Diener des Evangeliums zeigen, so müssen wir vor allem auf die Sündenvergebung achten, denn das Evangelium unterscheidet sich von der heidnischen Philosophie vor allem dadurch, daß es das Heil der Menschen auf die bedingungslose Vergebung der Sünden gründet. Daraus fließen dann nämlich die anderen Wohltaten Got­tes: daß er uns durch seinen Geist erleuchtet und von neuem geboren werden läßt; daß er uns wieder nach seinem Bilde gestaltet; und daß er uns mit unbezwinglichem Mut gegen die Welt und gegen den Satan wappnet. Deshalb hat die ganze Lehre der Frömmigkeit und das geistliche Haus der Kirche dies zur Grund­lage: Gott macht uns von allen Sünden frei und nimmt uns, ohne eine Bedingung zu stellen, als seine Kinder an. Wir sollen recht verstehen, in welchem Sinne Christus den Aposteln den Auftrag gibt, „Sünden zu erlassen“. Keineswegs über­trägt er damit auf sie, was nur ihm zukommt. Ganz allein er hat das Vorrecht, Sünden zu vergeben. Diese ihm selbst zustehende Ehre weist er den Jüngern nicht zu. Ihnen gebietet er vielmehr, in seinem Namen die Vergebung der Sünden zu bezeugen, um dadurch die Menschen mit Gott zu versöhnen. Genaugenom­men ist er allein es, der durch seine Apostel Sünden vergibt. Trotzdem könnte man fragen: Wenn er sie nur zu Zeugen oder Herolden seiner Wohltat macht, warum hebt er ihre Macht dann mit solchem Nachdruck hervor? Ich antworte: Das sollte zur Festigung unseres Glaubens dienen. Nichts ist für uns von größerer Bedeutung, als wenn wir ganz sicher sein dürfen: Gott denkt nicht mehr an unsere Sünden. Zacharias nennt das (Luk. 1,77) „Erkenntnis des Heils". Um diese Erkenntnis zu wecken, nimmt Gott das Zeugnis von Menschen zu Hilfe. Nie­mals wird darum das Gewissen Ruhe finden, wenn es nicht in diesen Menschen Gott selbst reden hört. Deshalb sagt Paulus (2. Kor. 5,20): Als beschwöre euch Christus durch uns, so ermahnen wir euch: Laßt euch versöhnen mit Gott! Jetzt sehen wir, warum Christus den Dienst, den er den Aposteln auferlegt, mit so erhabenen Worten verherrlicht: die Gläubigen sollen ganz sicher sein, alles sei gültig, was sie von der Vergebung der Sünden hören; sie sollen die Versöhnung, deren Angebot sie aus Menschenmund vernehmen, nicht geringer schätzen, als strecke Gott selbst ihnen aus dem Himmel die Hand entgegen. Die schönste Frucht dieser Lehre aber erntet Tag für Tag die Kirche, wenn sie sieht, daß ihre Hirten von Gott zu Bürgen des ewigen Heils eingesetzt sind und daß man die Vergebung der Sünden nicht in weiter Ferne zu suchen braucht, weil sie bei Menschen zu haben ist. Doch dürfen wir diesen unvergleichlichen Schatz nicht etwa darum geringschätzen, weil er nur in irdenen Gefäßen dargeboten wird. Vielmehr haben wir Grund, Gott zu danken: hat er die Menschen doch der hohen Ehre gewürdigt, die Vergebung der Sünden kundtun und damit in seinem und seines Sohnes Namen handeln zu dürfen.
„Welchen ihr sie behaltet ...“ Diesen zweiten Satz fügt Christus hinzu, um die Verächter des Evangeliums zu schrecken. Sie sollen wissen, ihr Hochmut bleibe nicht ohne Strafe. Einerseits wird also den Aposteln die Botschaft vom Heil und vom ewigen Leben aufgetragen, andererseits sollten sie alle Gottlosen strafen, die das ihnen angebotene Heil verschmähen, wie Paulus (2. Kor. 10,6) lehrt. An zweiter Stelle steht dieser Auftrag darum, weil zunächst ihre wahre und eigentliche Aufgabe, nämlich die Predigt des Evangeliums, sichtbar gemacht werden mußte. Rechter Sinn des Evangeliums ist, daß wir mit Gott versöhnt werden. Daß die Ungläubigen dem ewigen Tode verfallen, ist nur etwas Zu­sätzliches. Wo Paulus darum, wie eben erwähnt, den Ungläubigen ihre Bestra­fung ankündigt, läßt er sofort die Worte folgen: nachdem euer Gehorsam er­füllt ist. Damit deutet er an: die eigentliche Absicht des Evangeliums ist, alle zum Heil einzuladen; daß es einige ins Verderben stürzt, kommt lediglich hinzu. Trotzdem ist zu beachten: wer immer die Stimme des Evangeliums hört, ohne die dort verheißene Sündenvergebung anzunehmen, wird schuldig und zieht sich die ewige Verdammnis zu. Denn wie das Evangelium für Kinder Gottes ein Duft ist, der lebendig macht, so ist es für die, die zugrunde gehen, ein Duft des Todes zum Tode (2. Kor. 2,16). Das soll nicht heißen, die Predigt des Evange­liums sei nötig, um die Bösen zu verdammen. Wir alle sind ja von Natur ver­worfen, und ganz abgesehen von dem ererbten Fluch sorgt schon ein jeder selbst dafür, daß es an Gründen nicht fehlt, die seinen Tod rechtfertigen würden. Leute jedoch, die mit Wissen und Willen Gottes Sohn verschmähen, verdienen eine noch viel schwerere Strafe.

24 Thomas aber, der Zwölfe einer, der da heißt Zwilling, war nicht bei ihnen, als Jesus kam. 25 Da sagten die andern Jünger zu ihm: Wir haben den Herrn gesehen. Er aber sprach zu ihnen: Wenn ich nicht in seinen Händen sehe die Nägelmale und lege meinen Finger in die Nägelmale und lege meine Hand in seine Seite, kann ich`s nicht glauben. 26 Und über acht Tage waren abermals seine Jünger drinnen und Thomas mit ihnen. Kommt Jesus, da die Türen verschlossen waren, und tritt mitten ein und spricht: Friede sei mit euch! 27 Danach spricht er zu Thomas: Reiche deinen Finger her und siehe meine Hände und reiche deine Hand her und lege sie in meine Seite und sei nicht ungläubig, sondern gläubig! 28 Thomas antwortete und sprach zu ihm: Mein Herr und mein Gott! 29 Spricht Jesus zu ihm: Weil du mich gesehen hast, Thomas, so glaubst du. Selig sind, die nicht sehen, und doch glauben!

V. 24. „Thomas aber ...“ Wenn hier vom Unglauben des Thomas berichtet wird, so soll das den Glauben der Frommen stärken. Daß er nur langsam und schwer zum Glauben kommt, ist noch nicht das Schlimmste. Aber er ist auch noch trotzig. Seine Verhärtung ließ es dahin kommen, daß Christus sich noch einmal in derselben Gestalt sehen und berühren ließ. So ist nicht nur ihm, sondern auch uns Christi Auferstehung ein weiteres Mal bezeugt worden. Im übrigen kann man am Starrsinn des Thomas ablesen, welche Bosheit fast allen Menschen an­geboren ist: wenn ihnen der Zugang zum Glauben geöffnet ist, stehen sie sich selbst im Wege.
V. 25. „Da sagten die andern... Er aber sprach ... Wenn ich nicht ...“ Hier wird die Quelle genannt, aus der diese Bosheit fließt: jeder will aus sich selber weise sein und läßt sich zu sehr von seinem eigenen Gutdünken leiten. Diese Worte haben nicht das geringste mit dem Glauben zu tun, sondern in ihnen spricht sich sozusagen ein empfindungsmäßiges Urteil aus. So ergeht es allen, die sich selbst verfallen sind: sie lassen dem Wort Gottes keinen Raum. Es ist gleich­gültig, ob man Mal, „Form" oder „Spur" der Nägel liest. Es ist ja denkbar, daß die Abschreiber die entsprechenden griechischen Worte vertauscht haben. Darum sei die Wahl zwischen den verschiedenen Möglichkeiten dem Leser freigestellt.
V. 26. „Und über acht Tage ...“ Von Christi Eintritt und Gruß sprachen wir schon. Jetzt gewährt Christus dem Thomas also ohne weiteres seine unberechtigte Bitte, ja, er lädt ihn selbst ein, seine Hände zu berühren und die Wunde in seiner Seite zu betasten. Daraus können wir entnehmen, wie sehr er für den Glauben des Thomas und zugleich für den unsern sorgte. Nicht nur an Thomas nämlich, sondern auch an uns dachte er, und an nichts wollte er es fehlen lassen, was un­sern Glauben stärken könnte. Sehr merkwürdig berührt der Starrsinn des Tho­mas: weil der einfache Anblick Christi ihm noch nicht genug war, sollten ihm auch die Hände noch dessen Auferstehung bezeugen. Er bewies also nicht nur Trotz; darüber hinaus war er hochmütig und schmähte Christus. Als er Christus vor sich sah, hätte ihn wenigstens die Scham überwältigen, hätte er erschrecken müssen. Aber dreist und unbekümmert legt er die Hand in die Wunde, als sei er sich keiner Schuld bewußt. Wie man nämlich aus den Worten des Evangelisten ohne weiteres entnehmen kann, kam Thomas erst dann wieder zu Verstand, als die Berührung der Wunde ihn überzeugt hatte. So ergeht es auch uns, wenn wir dem Wort des Herrn nicht die gebührende Ehre erweisen: allmählich, ohne daß wir es merken, beschleicht uns ein niedriger Starrsinn, der Verachtung des göttlichen Wortes mit sich bringt und uns jede Ehrfurcht vor ihm nimmt. Wollen wir darum unseren Mutwillen bezähmen, so muß sich ein jeder vor allem darum bemühen, die Kraft seines Widerstandes nicht zu überschätzen. Er würde sonst seine Frömmigkeit auslöschen und versperrte sich selbst den Zugang zum Glauben.
V. 28. „Thomas antwortete ... Mein Herr und mein Gott!“ Endlich, wenn auch spät, wacht Thomas auf. Wie einer, der nach einer Ohnmacht wieder zu sich kommt, ruft er voller Bewunderung aus: „Mein Herr und mein Gott!“ Gerade in seiner abgerissenen Kürze spiegelt dieser Ausruf die tiefe Erregung des Thomas wider. Ohne Zweifel ließ ihn die Scham diese Worte hervorstoßen, und er wollte damit seine Trägheit verurteilen. Außerdem zeigt dieser plötzliche Ruf: sein Glaube war zwar sehr geschwächt, aber noch nicht gänzlich erloschen. Denn selbst mit den Händen kann er Christi göttliches Wesen in seiner Seitenwunde nicht fühlen: er entnimmt aus jenen Wundmalen viel mehr, als sie zeigen. Wie sollte man das anders erklären als so, daß er aus dem Schlaf der Vergessenheit plötzlich wieder zu sich kommt? Offenbar ist es also richtig, was ich schon sagte: sein Glaube, der bereits zerstört schien, war tief in seinem Herzen verborgen. Das geschieht mitunter auch vielen anderen: eine Zeitlang werfen sie gleichsam die Gottesfurcht von sich und lassen ihrem Mutwillen freien Lauf, so daß schein­bar gar kein Glaube mehr in ihnen ist; züchtigt Gott sie dann aber mit irgend­einer Rute, so machen sie dem wilden Treiben ihres Fleisches ein Ende und kommen wieder zur Besinnung. Kummer allein genügte sicher nicht, die Fröm­migkeit zu lehren. Wir entnehmen daraus, daß zwar erst die Hindernisse beseitigt sein müssen, dann aber der gute Same aufgeht, der niedergedrückt im Boden lag. Ein deutliches Beispiel dafür lieferte David. Wir sehen nämlich, wie er anfangs seiner Begierde freien Lauf läßt. Jeder mußte da denken, der Glaube sei aus seinem Herzen geschwunden. Aber bald darauf ruft die Mahnung des Propheten ihn ganz plötzlich auf den rechten Weg zurück. Wie man daraus leicht ersehen kann, hatte sich, wenn auch verborgen, ein Funke in seinem Herzen erhalten, der schnell zur Flamme werden sollte. Die Menschen an sich sind ebenso schuldig, als hätten sie sich vom Glauben und der Gnadengabe des Heiligen Geistes völlig losgesagt. Die unermeßliche Güte Gottes jedoch bewahrt die Er­wählten vor solchem Abfall. Darum müssen wir uns ängstlich davor hüten, vom Glauben abzulassen. Trotzdem - daran ist festzuhalten - bewahrt Gott seine Er­wählten auf geheimnisvolle Weise davor, ins Verderben zu stürzen. Durch ein Wunder läßt er in ihren Herzen stets irgendwelche Funken des Glaubens erhalten bleiben. Diese entfacht er später, wenn es ihm gefällt, durch einen neuen Hauch seines Geistes zu heller Flamme. - Übrigens besteht dies Bekenntnis aus zwei Teilen. Thomas bekennt, Christus sei sein „Herr“. Dann geht er noch weiter und nennt ihn „Gott“. Wir wissen, in welchem Sinne die Schrift Christus als „Herrn" bezeichnet: weil er vom Vater als höchster Herrscher eingesetzt ist, unter dessen Herrschaft alles steht, vor dem alle Kräfte sich beugen und der in der Lenkung der Welt des Vaters Stellvertreter ist. So trifft der Titel „Herr“ genau auf ihn zu sofern er der im Fleisch offenbarte Mittler und das Haupt der Kirche ist. Aber nachdem Thomas ihn als Herrn anerkannt hat, schwingt er sich sogleich zu seiner Gottheit empor. Und das aus gutem Grunde: denn zu seiner und des Vaters göttlicher Herrlichkeit wollte Christus uns erheben. Dazu stieg er zu uns herab, hat sich zuerst erniedrigt, dann sich zur Rechten des Vaters gesetzt und die Herr­schaft über Himmel und Erde in die Hand genommen. Damit deshalb unser Glaube zur ewigen Gottheit Christi gelangen kann, müssen wir mit der Erkenntnis beginnen, die näher liegt und leichter zu gewinnen ist. So haben einige Aus­leger mit Recht gesagt, von dem Menschen Christus würden wir zu dem Gott geführt. Schritt für Schritt bewegt sich unser Glaube vorwärts: erst erfaßt er den irdischen Christus, der im Stall geboren und ans Kreuz gehängt wurde; dann geht er zu seiner herrlichen Auferstehung über; von dort gelangt er schließlich zu seinem ewigen Leben und seiner ewigen Macht, in der sich seine göttliche Majestät widerspiegelt. Außerdem müssen wir im Auge behalten: wir können Christus nicht richtig als Herrn erkennen, ohne daß dem alsbald die Erkenntnis seiner Gottheit folgt. Dies Bekenntnis des Thomas muß nun aber zu demjenigen aller Frommen werden. Wir sehen ja, Christus billigt es. Gewiß hätte er es nie zugelassen, daß man dem Vater seine Ehre geraubt und fälschlich auf ihn über­tragen hätte. Die Huldigung des Thomas aber sieht er offenbar als berechtigt an. Deshalb reicht diese eine Stelle vollkommen aus, die unsinnige Lehre des Arius zu widerlegen. An zwei Götter darf man nämlich nicht glauben. Außerdem kommt hier zum Ausdruck, Christus sei Mensch und Gott in einer Person. Er wird ja „Gott und Herr“ zugleich genannt. Mit Nachdruck sagt Thomas: „Mein Herr und mein Gott“. Damit macht er deutlich, daß seine Worte aus lebendigem, ernstem Glauben kommen.
V. 29. „Spricht Jesus zu ihm ... weil du mich gesehen hast ... so glaubst du.“ Nur eines hat Christus an Thomas auszusetzen: er fand sich so langsam zum Glauben bereit, daß er gewaltsam durch die Erfahrung der Sinne dazu genötigt werden mußte. Das aber steht in klarem Widerspruch zum Wesen des Glaubens. Hier wird man vielleicht sogar einwenden, Thomas sei überhaupt nicht zum Glauben gekommen. Denn eine durch Fühlen und Sehen gewonnene Überzeu­gung könne man unmöglich„Glauben nennen. Thomas aber wurde nicht nur durch Fühlen und Sehen veranlaßt zu glauben, Christus sei der Herr. Vielmehr rief er sich, als er erwacht war, die Lehre wieder ins Gedächtnis, die ihm schon fast entschwunden war. Unmöglich kann der Glaube aus bloßer Erfahrung entstehen: nur aus dem Worte Gottes kann er entspringen. Weshalb also rügt Christus den Thomas? Weil er seinem Wort nicht die gebührende Ehre erwies, den Glauben von anderen Sinnen abhängig machte, obwohl er aus dem Hören entsteht und ganz und gar auf das Wort ausgerichtet sein muß.
„Selig sind, die nicht sehen und doch glauben!“ Hier preist Christus den Glau­ben, der sich mit dem einfachen Wort zufriedengibt und vom Fühlen und Den­ken des Fleisches völlig unabhängig ist. Er umschreibt also mit kurzen Worten das Wesen des Glaubens: er gründet sich nicht auf den Anblick dessen, was vor Augen ist, sondern er dringt bis zum Himmel vor und glaubt, was den Sinnen des Menschen verborgen bleibt. Und sicher sollen wir Gott die Ehre erweisen, daß wir es seiner Wahrheit zutrauen, sich selbst Glauben zu verschaffen. Der Glaube schaut zwar auch, doch bleibt sein Blick nicht an der Welt und an irdi­schen Gegenständen haften. Aus diesem Grunde wird der Glaube (Hebr. 11,1) als „Beweis des Unsichtbaren" bezeichnet. Paulus aber stellt ihn (2. Kor. 5,7) dem Schauen gegenüber und deutet damit an, er halte sich nicht dabei auf zu betrachten, was vor Augen ist, noch schaue er sich um nach dem, was man in der Welt sehen kann. Der Glaube hängt vielmehr an Gottes Mund und überwindet im Vertrauen auf Gottes Wort die ganze Welt, um im Himmel seinen Anker auszuwerfen. Es gibt also keinen rechten Glauben, der nicht in Gottes Wort begründet wäre und zu Gottes unsichtbarem Reich emporstiege, so daß er also aller menschlichen Erkenntnis überlegen ist. Hier könnte man einwenden, dieser Ausspruch Christi widerspreche einem andern. Denn Matth. 13, 16 erkläre er, die Augen seien selig, die ihn vor sich sähen. Ich antworte: Christus spricht dort nicht, wie hier, nur vom Anblick seiner leibhaftigen Person, sondern von der Offenbarung, die allen Frommen zuteil wird, seit Christus sich der Welt als ihr Erlöser zeigte, Bei Matthäus vergleich er die Apostel mit den heiligen Königen und Propheten, die unter den dunklen Schatten des mosaischen Gesetzes fest­gehalten waren; jetzt, sagt er, sei das Los der Gläubigen besser: ihnen leuchte ein helleres Licht, ja, ihnen habe sich die volle Wahrheit offenbart, auf die jene Vorbilder hinwiesen. Viele Gottlose sahen Christus damals mit den Augen des Fleisches und waren darum doch um nichts glücklicher. Wir aber, die wir Christus nie gesehen haben, genießen die Seligkeit, von der Christus hier spricht. Selig also werden die Augen genannt, die in geistlicher Weise das an ihm sehen, was himmlisch und göttlich ist. Denn heute sehen wir Christus ebenso deutlich im Evangelium, als stünde er leibhaftig vor uns. In diesem Sinne sagt Paulus (Gal. 3,1), Christus werde vor unseren Augen gekreuzigt. Wollen wir darum in Christus sehen, was uns selig macht, so wollen wir glauben lernen, ohne zu sehen. Zu diesen Worten Christi paßt, was wir 1. Petr. 1,8 lesen. Dort werden die Gläubigen gelobt, die Christus nicht gesehen haben und doch lieben und die in unaussprechlicher Freude frohlocken, obwohl sie ihn nicht vor Augen haben. Christus hat nichts weniger gewollt, als den Glauben menschlichen Erfindungen auszuliefern. Wenn er die Grenzen, die durch das Wort gezogen sind, auch nur um Haaresbreite überschreitet, hört er sofort auf, Glaube zu sein. Wenn man alles glauben soll, was man nicht sieht, dann werden wir alle Wunder glauben müssen, die Menschen sich ausdenken, und alle Märchen, die sie erzählen. Soll dieser Ausspruch Christi also seine Gültigkeit behalten, so ist vor allem erforder­lich, jede zweifelhafte Behauptung aus Gottes Wort zu beweisen.

30 Noch viele andere Zeichen tat Jesus vor den Jüngern, die nicht geschrieben sind in diesem Buch. 31 Diese aber sind geschrieben, daß ihr glaubet, Jesus sei der Christus, der Sohn Gottes, und dass ihr durch den Glauben das Leben habet in seinem Namen.


V. 30. „Noch viele andere Zeichen tat Jesus ...“ Hätte Johannes die Worte „viele“ nicht hinzugesetzt, so hätten seine Leser glauben müssen, er habe keines der von Christus vollbrachten Wunder ausgelassen und sie hätten einen lückenlosen Bericht vor sich. Zunächst einmal erklärt Johannes also, er habe nur einige von vielen Wundern beschrieben. Das soll nicht heißen, andere hätten es nicht verdient gehabt, mitgeteilt zu werden. Aber die hier berichteten genügten schon, um Glauben zu wecken. Daraus folgt jedoch nicht, Christus habe jene anderen umsonst getan. Für die Menschen damals hatten sie alle ihren Nutzen. - Ein zweites kommt hinzu: wir Heutigen wissen nicht, welcher Art diese anderen Wunder waren; das gibt uns aber nicht das geringste Recht, ihnen gar keine Bedeutung beizumessen. Denn sie geben uns die Gewißheit, das Evangelium sei durch zahlreiche Wunder besiegelt.
V. 31. „Diese aber sind geschrieben, daß ihr glaubet ...“ Damit gibt er zu ver­stehen, wir müßten mit dem zufrieden sein, was er geschrieben habe. Das näm­lich reiche vollkommen aus, unseren Glauben zu stärken. So wollte er der Neu­gier der Leute entgegentreten, die unersättlich und allzu unbeherrscht ist. Außer­dem war Johannes wohlbekannt, was die anderen Evangelisten geschrieben hat­ten. Nun lag ihm aber nichts ferner, als ihre Schriften zu verdrängen. Zweifellos sollte man also neben seiner Schrift auch die ihren lesen. Trotzdem scheint es unpassend, den Glauben auf Wunder zu gründen, wo er doch ganz und gar auf Gottes Verheißungen und sein Wort zurückgeführt werden muß. Tch meine dazu: die Wunder sind für Johannes lediglich Stützen für den Glauben. Sie dienen nämlich dazu, die Menschen darauf vorzubereiten, dem Worte Gottes größere Ehrerbietung zu bezeigen. Wie matt und schwach ist doch unsere Auf­merksamkeit, wenn sie nicht auf andere Weise gereizt wird! Aber die Wunder haben auch dann noch ihre Bedeutung, wenn die Menschen die Lehre schon ange­nommen haben. Denn sie gewinnt nicht wenig an Gewicht, wenn Gott seine mächtige Hand aus dem Himmel ausstreckt, um sie zu stützen. So heißt es auch Markus 16, 20: als die Apostel gelehrt hätten, habe Gott mitgewirkt und ihre Rede durch Wunderzeichen bekräftigt, die er ihr folgen ließ. Strenggenommen also ruht der Glaube auf dem Wort und schaut nur auf das Wort. Trotzdem wird er durch Wunder wohl gestärkt, sofern sie nur auf das Wort bezogen werden und dem Glauben die Richtung auf das Wort geben.
„Jesus sei der Christus ...“ Mit „Christus“ ist der gemeint, der im Gesetz und den Propheten verheißen worden war: der Mittler zwischen Gott und den Menschen, der höchste Gesandte des Vaters, der einzige Erneuerer der Welt und Urheber der vollkommenen Seligkeit. Denn Johannes hat keinen nichtssagenden Titel gewählt, Gottes Sohn damit zu schmücken; im Namen „Christus“ hat er alles zu­sammengefaßt, was die Propheten von ihm aussagen. Deshalb müssen wir uns Gedanken darüber machen, wie er dort beschrieben wird. Dadurch wird nur noch deutlicher, was eben schon gesagt wurde: der Glaube hafte nicht an Wundern, sondern richte sich unmittelbar auf das Wort. Dies besagt: durch die Wunder sei bewiesen worden, was einst die Propheten durchs Wort gelehrt hätten. Und wirklich sehen wir die Evangelisten selbst nicht einfach bei der Darstellung der Wunder stehenbleiben. Vielmehr legen sie das Hauptgewicht auf die Verkündigung, weil die Wunder, für sich genommen, nur wirres Staunen hervorrufen würden. Dennoch ist der Sinn dieser Worte folgender: dies sei geschrieben, damit wir glauben - soweit Wunderzeichen dem Glauben überhaupt förderlich sein konnten. – „Sohn Gottes“ setzt er hinzu. Von gewöhnlichen Menschen wäre keiner imstande gewesen, derartiges zu vollbringen: uns einen gnädigen Gott zu geben, die Sünden der Welt zu sühnen, den Tod zunichte zu machen, Satans Reich zu zerstören, uns wahre Gerechtigkeit und Seligkeit zu bringen. Wenn übrigens die Bezeichnung „Sohn“ nur auf Christus zutrifft, so ist er folglich kein angenommener, sondern natürlicher Sohn. Darum behauptet der Evangelist die ewige Gottheit Christi, wenn er ihm diesen Namen beilegt. Und wirklich müßte jeder auf Grund der klaren Bekundungen, die das Evangelium liefert, aner­kennen, Christus sei Gott. Wer es nicht tut, ist blind, obwohl helles Licht ihn umstrahlt, und verdient es darum auch nicht, Sonne und Erde zu sehen.
„Daß ihr durch den Glauben das ewige Leben habet in seinem Namen.“ Hier ist nun noch von der Wirkung des Glaubens die Rede. Auch das soll die Leute davon abhalten, mehr wissen zu wollen, als genug ist, um das Leben zu erlangen. Denn welche Unverschämtheit wäre es, wenn einer, nicht zufrieden mit dem ewigen Heil, die Grenzen des Himmelreiches überschreiten wollte? Übrigens trägt Johannes hier noch einmal das Hauptstück seiner Lehre vor: Das ewige Leben erlangen wir durch Glauben, weil wir außerhalb Christi tot sind und allein durch seine Gnade uns das Leben wiedergegeben wird. Statt Christus sagt er „der Name Christi“. Der Grund dafür wurde in der Erklärung zu Kap. 1,12 dar­gelegt.

Aus: Otto Weber, Johannes Calvins Auslegung der Heiligen Schrift. Das Johannesevangelium, 1974, Neukirchener Verlag, S. 473-485.
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Beitragvon Joschie » 15.04.2010 08:29

Genuss des Weins
Wenn einer bei wohlschmeckendem Wein bereits Bedenken hat, so wird er bald nicht einmal gemeinen Krätzer mit gutem Frieden seines Gewissens trinken können, und am Ende wird er nicht einmal mehr wagen, Wasser anzurühren. Kurz, er wird schließlich dahin kommen, dass er es für Sünde hält, über einen quer im Wege liegenden Grashalm zu gehen.
(
Institutio III 19,7)
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Beitragvon Gast » 16.04.2010 18:45

Geht mall auf licht und recht da sind vielle reformatorische schrieften von adolph zahn ein reformierter und von hermann friedrich kohlbrügge ein reformieter liest es mall

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Beitragvon Joschie » 17.04.2010 12:57

Hallo Stephan
Ich kenne Licht und Recht aber was hat es mit den Schriften von J.Calvin zu tun :?:
Gruß Joschie
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Beitragvon Joschie » 17.04.2010 13:02

Misericordias Domini: Joh 10,11-16 – Vom guten Hirten und vom „Kern des Bundes“, den Juden
von Johannes Calvin
- -

Calvin fragt, wie die Heiden zu Gottes Bund herzugeführt werden konnten, ''so daß sie sich den Juden zugesellen konnten. Denn weder durften ja die Juden den Bund, den Gott mit dem Volk geschlossen hatte, verlassen, um Christus die Ehre zu geben, noch mußten andererseits die Heiden das Joch des Gesetzes auf sich nehmen''.

11 Ich bin der gute Hirte. Der gute Hirte läßt sein Leben für die Schafe. 12 Der Mietling aber, der nicht Hirte ist, des die Schafe nicht eigen sind, sieht den Wolf kommen und verläßt die Schafe und flieht; und der Wolf erhascht und zerstreut die Schafe. 13 Der Mietling flieht; denn er ist ein Mietling und achtet die Schafe nicht. 14 Ich bin der gute Hirte und kenne die Meinen und bin bekannt den Meinen, 15 wie mich mein Vater kennt und ich kenne den Vater. Und ich lasse mein Leben für die Schafe.

V.11. „Ich bin der gute Hirte. Der gute Hirte läßt sein Leben für die Schafe.“ Seine einzigartige Liebe zu den Schafen beweist, daß er in Wahrheit ihr Hirte ist; denn ihr Heil liegt ihm so am Herzen, daß er dafür sogar sein eigenes Leben einsetzt. Daraus folgt, daß die mehr als undankbar, ja hundertfältigen Verderbens würdig sind, die eine so gütige und liebevolle Hut ihres Hirten verächtlich zurückweisen. Sie setzen sich dadurch verdientermaßen jeder Art von Schaden aus. Ferner erinnert Augustin sehr zu Recht daran, daß an dieser Stelle deutlich gesagt werde, was man von der Leitung der Kirche erwarten müsse, was zu meiden und was erträglich sei. Nichts ist wünschenswerter, als daß die Kirche von rechtschaffenen und eifrigen Hirten geleitet wird. Christus verkündet, er sei allein der gute Hirte, der vornehmlich in eigener Person und dann auch durch seine Werkzeuge die Gemeinde gesund und unversehrt erhält. Wo also ihre Verhältnisse gut geordnet sind und geeignete Menschen an der Spitze stehen, dort ist Christus in Wahrheit der Hirte. Aber zahlreich sind Wölfe und Diebe, die unter der Maske von Hirten ruchlos die Gemeinde zerstreuen. Christus verkündet, solche müsse man meiden, mit was für Namen sie sich auch schmücken. Wenn die Gemeinde von Mietlingen gesäubert werden könnte, wäre ihr Zustand besser; aber da der Herr auf diese Weise die Geduld seiner Gläubigen üben will und wir zugleich auch einer solch einzigartigen Gnade unwürdig sind, daß Christus uns nur in der Person untadeliger Hirten erscheint, sind sie zu ertragen, wenn wir sie auch nicht gutheißen und sie uns mit Recht mißfallen. Unter Mietlingen versteht man solche, die die reine Lehre beibehalten und die mehr zufällig, wie Paulus (Phil. l, 15) sagt, als mit rechtem Eifer die Wahrheit verkünden. Auf solche müssen wir hören, auch wenn sie Christus nicht treu dienen.

Denn wie Christus wollte, daß man die Pharisäer höre, da sie auf Moses' Stuhl saßen (Matth. 23, 3), so müssen wir dem Evangelium solche Ehrerbietung zollen, daß wir auch seine weniger guten Diener nicht verachten. Da aber jeder geringste Anstoß uns das Evangelium verleiden kann, soll uns, damit uns solche Kleinigkeiten nicht beirren, immer vor Augen stehen, was ich schon früher berührt habe: wenn in den Dienern Christi Geist nicht so mächtig wirkt, daß er sich in ihnen als der wahre Hirt offenbart, so werden wir dadurch für unsere Fehler bestraft, und indessen wird unser Gehorsam auf die Probe gestellt.

V. 12. „Der Mietling aber, der nicht Hirte ist. . .“ Obwohl Christus den Hirtennamen für sidi allein in Anspruch nimmt, läßt er dennoch stillschweigend mit einfließen, daß er ihm und zugleich auch seinen Werkzeugen, in denen er handelt, gemeinsam gehört. Wir wissen ja, wie viele nach Christus nicht gesäumt haben, ihr Blut für die Gemeinde zu vergießen, und auch die Propheten hatten vor seinem Kommen ihr Leben nicht geschont. Aber in seiner Person stellt er ein verbindliches Beispiel auf, um seinen Dienern eine Richtschnur zu geben. Wie abscheulich und schändlich nämlich ist unsere Lauheit, wenn uns unser Leben kostbarer ist als das Heil der Gemeinde, hinter dem Christus sein eigenes Leben hat zurücktreten lassen! Was er hier von der Hingabe des Lebens für die Schafe sagt, das ist gleichsam das gewisse und hervorstechende Merkmal väterlicher Liebe. Christus wollte einmal ein Zeugnis hinterlassen, was für einen einzigartigen Beweis seiner Liebe zu uns er gegeben hat, und dann wollte er alle seine Diener dazu aufrufen, seinem Beispiel zu folgen. Doch besteht ein Unterschied zwischen diesen und ihm: denn er hat sein Leben als Preis für unsere Rechtfertigung gegeben, sein Blut vergossen, um unsere Seelen zu reinigen, seinen Leib zum Sühneopfer dargebracht, um den Vater mit uns zu versöhnen. Bei den Dienern des Evangeliums aber ist nichts dergleichen möglich, sie bedürfen selbst alle der Reinigung, und allein durch sein Opfer werden sie entsühnt und mit Gott in Ordnung gebracht. Aber hier spricht Christus nicht von der besonderen Wirkung oder Frucht seines Todes, um sich mit anderen zu vergleichen, sondern um zu beweisen, wie tief seine Liebe zu uns war. Und dann will er auch andere einladen, ihm zu folgen. Kurz, wie es Christi eigentliche Aufgabe war, durch seinen Tod uns das Leben zu gewinnen und uns das zu geben, was das Evangelium enthält, so ist es die gemeinsame Pflicht aller Hirten, die Lehre, die sie verkünden, mit dem Einsatz ihres Lebens zu verteidigen und dadurch, daß sie die Lehre des Evangeliums mit ihrem Blut besiegeln, zu bezeugen, daß sie nicht mit bloßen Worten lehren, Christus habe für sie und die anderen Menschen das Heil erworben. Doch kann man hier fragen, ob man den für einen Mietling halten darf, der dem Angriff der Wölfe aus irgendeinem Grunde ausweicht. Diese Frage war einst gleichsam ganz brennend, als nämlich die Tyrannen grausam gegen die Kirche wüteten. Tertullian und ähnliche Leute waren meines Erachtens darin allzu streng. Die maßvolle Auffassung Augustins ist viel besser. Er erlaubt den Hirten dann zu fliehen, wenn sie durch ihre Flucht das allgemeine Beste mehr fördern und nicht etwa die ihnen anvertraute Herde im Stich lassen und verraten. Das aber geschieht nach seinen Worten, wenn die Gemeinde keinen Mangel an geeigneten Dienern hat und die Feinde dem Hirten aus so persönlichen Gründen nach dem Leben trachten, daß seine Abwesenheit ihre Wut besänftigen kann. Wenn aber eine allgemeine Gefahr droht und mehr zu fürchten ist, daß man glauben müßte, der Hirte fliehe aus Furcht vor dem Sterben und nicht mit dem Willen zur Fürsorge für die Gemeinde, dann darf er keinesfalls fliehen, denn das Beispiel seiner Flucht wird dann mehr schaden, als sein Leben in Zukunft noch nützen könnte. Allein das gilt es festzuhalten, dem Hirten soll seine Herde, ja sogar einzelne Schafe sollen ihm teurer sein als sein eignes Leben.

„Des die Schafe nicht eigen sind ...“ Hier scheint Christus alle ohne Ausnahme als Mietlinge anzusehen im Unterschied zu sich selbst. Denn da er der einzige Hirte ist, darf keiner von uns die Schafe, die er weidet, seine eigenen Schafe nennen. Aber wir wollen daran denken: Wer von Christi Geist geleitet wird, der hält das Eigentum des Hauptes der Gemeinde auch für sein Eigentum, und zwar nicht, um sich Macht anzumaßen, sondern um treu zu bewahren, was ihm anvertraut ist. Denn wer Christus wirklich verbunden ist, sieht nichts, was diesem so teuer ist, für etwas an, das ihn selbst nichts angeht. Deshalb sagt er gleich:

V. 13. „Der Mietling flieht...“, weil er kein Herz für die Schafe hat, so als wollte er sagen, ihn berühre die Zerstreuung der Schafe gar nicht, weil er nicht glaubt, daß es ihn etwas anginge. Denn wer nur auf den Lohn sieht, nicht auf die Herde, über den mag man sich wohl täuschen, solange die Gemeinde in Ruhe und Frieden lebt; sobald er aber schließlich einmal kämpfen müßte, wird er seine Untreue beweisen.

V. 14. „Ich bin der gute Hirte und kenne die Meinen . . .“ Erst betont Christus nochmals seine Liebe zu uns. Erkenntnis eines Menschen kommt aus der Liebe und zieht Fürsorge nach sich. Zugleich aber macht er deutlich, um alle die kümmere er sich nicht, die dem Evangelium nicht gehorchen, wie er im zweiten Teil des Verses wiederholt; und er bekräftigt noch einmal, was er schon früher gesagt hatte, auch ihn seinerseits erkennen seine Schafe.

V. 15. „Wie mich mein Vater kennt...“ Nichts zwingt dazu, ja es ist nicht einmal von Nutzen, in jene spitzfindigen Tüfteleien einzutreten, wie denn der Vater seine eigene Weisheit erkennen könne. Christus stellt sich hier einfach in die Mitte zwischen ihn und uns, wie er ja das Band ist, das uns mit Gott verbindet, als wollte er sagen, genauso wenig könne er unser vergessen, wie der Vater ihn zurückweise oder übersehe. Indessen fordert er auch von uns, daß wir unsererseits dem entsprechen; denn wie er alle Macht, die er vom Vater empfangen hat, zu unserem Schutze anwendet, so will er auch, daß wir ihm gehorchen und uns ihm unterordnen, wie er selbst ganz Eigentum des Vaters ist und alles ihm anheimstellt.

16 Und ich habe noch andere Schafe, die sind nicht aus diesem Stelle; und auch diese muß ich herführen, und sie werden meine Stimme hören und wird eine Herde und ein Hirte werden.

V. 16. „Und ich habe noch andere Schafe...“ Obwohl einige Erklärer das Wort sowohl auf die Juden als auch auf die Heiden beziehen, die noch nicht Christi Jünger waren, besteht für mich doch kein Zweifel darüber, daß Christus dabei nur an die Berufung von Jüngern aus den Heiden gedacht hat. Stall nämlich nennt er die Sammlung des alten Gottesvolkes, in der es von den übrigen Völkern der Welt abgesondert zu Gottes Eigentum und einem einzigen Leibe zusammengewachsen war. So nämlich hatte Gott sich die Juden auserwählt, daß er ihre gottesdienstlichen Bräuche gleichsam wie Zäune um sie herumstellte, damit sie sich nicht mit den Ungläubigen vermischten, da der Eingang zum Stall der in Christus geschlossene Gnadenbund zum ewigen Leben war. Deshalb nennt er auch andere Schafe diejenigen, die nicht dasselbe Kennzeichen besaßen, sondern anderer Herkunft waren. Der ganze Sinn ist der: Christi Hirtenamt liegt nicht allein in dem kleinen Weltwinkel des Landes Juda beschlossen, sondern hat weit größeren Umfang. Wahr ist freilich, was Augustin hier sagt: Wie es innerhalb der Gemeinde viele Wölfe gibt, so außerhalb viele Schafe; aber doch paßt es zu der vorliegenden Stelle nicht ganz, wo es sich doch nur um die äußere Gestalt der Gemeinde handelt; denn die Heiden, die zur Zeit noch außen standen, sind ja später in Gottes Reich zugleich mit den Juden aufgenommen worden. Doch gebe ich zu, daß es insofern paßt, daß Christus mit Schafen auch die Ungläubigen bezeichnet, die man damals für alles andere als seine Schafe halten konnte. Doch bezeichnet er mit diesem Namen nicht nur solche Menschen, die in Zukunft Schafe sein sollten, sondern vielmehr bezieht sich dieses Wort auch auf die verborgene Wahl des Vaters; wir sind ja für Gott schon Schafe, bevor wir merken, daß er unser Hirte ist. So heißt es an anderer Stelle, wir waren noch seine Feinde, während er uns schon liebte, wie Paulus auch Röm. 5, 10; Gal. 4, 9) sagt: wir waren Gott bekannt, bevor wir ihn kannten.

„Und auch diese muß ich herführen...“ Er macht deutlich, daß die Wahl Gottes zum Ziele komme, damit nichts verlorengehe, was er gerettet wissen zollte. Denn den verborgenen Plan Gottes, durch den die Menschen zum Leben bestimmt sind, offenbart endlich zur rechten Zeit die Berufung. Und zwar wird sie wirksam, indem Gott durch seinen Geist die zu seinen Kindern macht, die zuvor aus Fleisch und Blut geboren waren. Doch ist die Frage, wie die Heiden denn herzugeführt werden sollten, so daß sie sich den Juden zugesellen konnten. Denn weder durften ja die Juden den Bund, den Gott mit dem Volk geschlossen hatte, verlassen, um Christus die Ehre zu geben, noch mußten andererseits die Heiden das Joch des Gesetzes auf sich nehmen, um in Christus sich mit den Juden zu vereinigen. Hier muß man sorgsam zwischen dem Kern des Bundes und dem, was von außen hinzukommt, unterscheiden. Denn anders konnten die Heiden nicht zum Glauben an Christus kommen als dadurch, daß sie jenen ewigen Bund annahmen, in dem das Heil der Welt gegründet war. Auf diese Weise waren die Weissagungen erfüllt: Reden werden die Fremden die Sprache Kanaans (Jes. 19, 18). Ebenso: Sieben Heiden werden den Mantel eines Juden fassen und sagen: wir wollen mit euch gehen (Sach. 8, 23), und: kommen werden sie aus fernen Weltteilen und hinaufsteigen zum Berge Zion. Deshalb ist auch Abraham Vater vieler Völker genannt worden; denn vom Osten und Westen werden die kommen, die mit ihm im Reiche Gottes zu Tische sitzen sollen (Matth. 8, 11). Was aber die feierlichen gottesdienstlichen Handlungen angeht, so handelt es sich da um jene Scheidewand, von der Paulus (Ep. 2, 14) lehrt, sie sei eingerissen. So sind wir in der Einheit des Glaubens als dem Kern des Bundes mit den Juden vereint. Die feierlichen Handlungen aber sind abgeschafft, damit sie die Heiden nicht hindern, uns die Hand hinzustrecken.

„Und wird eine Herde und ein Hirte werden...“ Alle Kinder Gottes sollen zu einem Leibe zusammenwachsen. Wie wir bekennen, daß eine heilige Kirche sei, muß ja auch ein Haupt einen einzigen Leib haben. Ein Gott, sagt Paulus (Eph. 4, 4), ein Glaube, eine Taufe. Daher müssen auch wir eins sein, so wie wir zu einer Hoffnung berufen sind. Obwohl aber diese Herde in verschiedene Hürden verteilt zu sein scheint, sind die Gläubigen, die allenthalben in der Welt zerstreut sind, doch in einem gemeinsamen Gehege beschlossen; denn ihnen allen wird dasselbe Wort gepredigt, sie haben dieselben Sakramente, dieselbe Art zu beten und was sich als Bekenntnis des Glaubens sonst findet. Man beachte nun die Art und Weise, wie Gott diese Herde sammelt: dadurch nämlich, daß ein Hirte für alle da ist und man auf seine Stimme hört. Diese Worte bedeuten, wo die Kirche allein Christus Untertan ist, seinem Gebot gehorcht und auf seine Lehre hört, da erst ist ihr Zustand recht geordnet. Wenn die Anhänger des Papstes uns beweisen können, bei ihnen herrsche ein solcher Zustand, mögen sie die Bezeichnung „allgemeine Kirche" führen, mit dem sie jetzt nur großtun; wenn aber Christus dort nicht zu Wort kommt, seine Majestät mit Füßen getreten wird, seine heiligen Ordnungen zum Spott dienen, was ist dann ihre Einheit weiter als eine teuflische Verschwörung, die schlimmer und verfluchter ist als jede Zerstreuung? Daher wollen wir immer daran denken, daß wir beim Haupt beginnen müssen. So nennen auch die Propheten, wenn sie die Erneuerung der Gemeinde beschreiben, immer den König David und Gott gemeinsam, als wenn sie sagen wollten, es gäbe nur eine Gemeinde, wo Gott herrsche, und es bestehe das Reich Gottes nur da, wo die Ehre, der Hirte zu sein, Christus übertragen wird.

27 Meine Schafe hören meine Stimme, und ich kenne sie, und sie folgen mir, 28 und ich gebe ihnen das ewige Leben, und sie werden nimmermehr umkommen, und niemand wird sie aus meiner Hand reißen. 29 Der Vater, der sie mir gegeben hat, ist größer als alles, und niemand kann sie aus meines Vaters Hand reißen. 30 Ich und der Vater sind eins.

V. 27. „Meine Schafe hören meine Stimme...“ Daß sie nicht seine Schafe sind, weil sie nicht auf das Evangelium hören, beweist er mit Hilfe des Gegenteils. Welche nämlich Gott erwählt hat, auf die wirkt sein Ruf; so weist der Glaube sie als Christi Schafe aus. Gewiß wird die Bezeichnung Schafe deshalb auf die Gläubigen übertragen, weil sie sich Gott zur Leitung durch die Hand des höchsten Hirten übergeben, ihre frühere Wildheit abgelegt haben und sich fügsam und willfährig zeigen. Audi das ist kein geringer Trost für fromme Lehrer, daß Christus seine Schafe hat, die er kennt und die ihrerseits ihn erkennen, wenn auch der größere Teil der Welt nicht auf ihn hört. Soviel an ihnen ist, sollen sie sich bemühen, die ganze Welt in Christi Hürde zu versammeln, aber wenn es nicht nach Wunsch geht, sollen sie allein damit zufrieden sein, daß mit ihrer Hilfe die sich sammeln, die seine Schafe sind.

V. 28. 29. ... „Sie werden nimmermehr umkommen ...“ Das ist eine unvergleichliche Frucht des Glaubens, daß Christus uns gewiß und sorglos sein heißt, wenn wir im Glauben zu seiner Herde versammelt sind. Aber zugleich muß man darauf achten, worauf diese Gewißheit sich stützt; er selbst nämlich will der treue Wächter unseres Heils sein, denn er bezeugt, es liege in seiner Hand. Wenn aber das noch nicht genügen sollte, so fügt er hinzu, durch Gottes Kraft sei das Heil sicher aufgehoben. Das ist eine bedeutende Stelle! Sie belehrt uns darüber, daß das Heil der Auserwählten genauso gewiß ist wie die unüberwindliche Macht Gottes selbst. Ferner wollte Christus dieses Wort nicht in den Wind reden, sondern es den Seinen als Verheißung geben, damit es tief in ihren Herzen hafte. Wir schließen also: Christi Wort hat den Sinn, daß für die Erwählten die Heilsgewißheit unumstößlich sei. Wir sind zwar von mächtigen Feinden umgeben, und unsere Schwachheit ist so groß, daß wir manchmal dicht am Rande des Todes stehen; da aber der, der unser ihm anvertrautes Heil bewahrt, größer oder mächtiger ist als alle, so gibt es keinen Grund, zu zagen, als wäre unser Leben in Gefahr. Auch können wir weiter daraus sehen, wie unsinnig das Selbstvertrauen der Römischen ist, das auf dem freien Willen, der eigenen Tüchtigkeit und auf den Verdiensten aus ihren Werken beruht. Ganz anders hat Christus die Seinen unterrichtet. Sie sollen sich daran erinnern, daß sie in dieser Welt wie in einem tiefen Wald unter zahllosen Räubern leben. Und abgesehen davon, daß sie ohne Waffen eine leichte Beute sind, sollen sie erkennen, die Ursache des Todes liege tief in ihrem eigenen Innern, so daß sie allein im Vertrauen auf Gottes Hut ihren Weg sicher gehen können. Kurz, das Heil ist uns deshalb gewiß, weil es in Gottes Hand liegt; denn unser Glaube ist schwach, und wir wanken allzu leicht. Gott aber, der uns in seine Hand genommen hat, ist stark genug, durch einen einzigen Hauch alle Machenschaften unserer Feinde zu vereiteln. Hierauf sein Augenmerk zu richten ist nötig, damit nicht die Furcht vor Anfechtungen uns erschrecke. Denn auch Christus wollte uns darauf hinweisen, wie seine Schafe unbesorgt unter Wölfen zu leben vermögen.

„Und niemand kann sie aus meiner Hand reißen.“ Und hat hier die Bedeutung von »deshalb«. Aus der unbezwingbaren Macht Gottes schließt Christus, das Heil der Frommen hänge nicht von der Willkür der Feinde ab, weil sie sonst ja erst Gott überwinden müßten, der uns unter dem Schutz seiner Hände hat.

V. 30. „Ich und der Vater sind eins.“ Damit wollte er dem Gespött der Gottlosen entgegentreten. Sie konnten ja höhnisch behaupten, er habe mit der Macht Gottes nichts zu tun. Wie könne er seinen Jüngern seinen sicheren Schutz verheißen! Er bezeugt also, seine und des Vaters Pläne stimmten so überein, daß dessen Hilfe ihm und seinen Schafen niemals fehlen werde. Die alten Ausleger haben diese Stelle fälschlich dazu verwandt, zu beweisen, Christus sei mit dem Vater eines Wesens. Doch Christus spricht hier nicht von seiner Wesenseinheit mit Gott, sondern von der Obereinstimmung zwischen ihm und dem Vater: alle seine Taten werden von der Macht des Vaters bestätigt.










Aus: Otto Weber, Johannes Calvins Auslegung der Heiligen Schrift. Das Johannesevangelium, 1964, S. 265ff
Tod, wo ist dein Stachel? Totenreich, wo ist dein Sieg? 1Kor 15,55

Gast

Beitragvon Gast » 18.04.2010 18:55

Hallo joschi wolte nur sagen das licht und recht eine gute seite ist das hat nichst mit calvin das wei ich

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Beitragvon Joschie » 02.05.2010 08:04

Jubilate: Johannes 15,1-8 - Reben im Weinstock Christi
von Johannes Calvin
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''Ohne Zweifel zeigt die Schrift (...), wir seien unnützes, trocknes Holz, solange wir nicht in ihm sind.''



1 Ich bin der rechte Weinstock, und mein Vater der Weingärtner. 2 Eine jegliche Rebe an mir, die nicht Frucht bringt, wird er wegnehmen; und eine jegliche, die da Frucht bringt, wird er reinigen, daß sie mehr Frucht bringe. 3 Ihr seid schon rein um des Wortes willen, daß ich zu euch geredet habe. 4 Bleibet in mir und ich in euch. Gleichwie die Rebe kann keine Frucht bringen von sich selber, sie bleibe denn am Weinstock, so auch ihr nicht, ihr bleibet denn in mir. 5 Ich bin der Weinstock, ihr seid die Reben. Wer in mir bleibt und ich in ihm, der bringt viel Frucht; denn ohne mich könnt ihr nichts tun. 6 Wer nicht in mir bleibt, der wird weggeworfen wie eine Rebe und verdorrt, und man sammelt sie und wirft sie ins Feuer, und müssen brennen.

V. 1. „Ich bin der rechte Weinstock ...“ Der Sinn dieses Gleichnisses läßt sich so zusammenfassen: wir sind von Natur unfruchtbar und dürr, sofern wir nicht in Christus eingepflanzt sind und aus ihm neue Kraft schöpfen, die nicht aus uns selbst erwächst. — Gleich hier am Anfang wollen wir uns die Regel einprägen, die bei allen Gleichnissen zu beachten ist: man darf nicht nach den einzelnen Eigenschaften des Weinstockes fragen; vielmehr ist im allgemeinen zu beachten, zu welchem Zwecke Christus jenes Gleichnis verwendet. Da sind nun drei Hauptpunkte zu nennen: daß wir nicht die Fähigkeit haben, gut zu handeln, wenn er sie uns nicht verleiht; daß wir in ihm unsere Wurzel haben und der Vater uns reinigt und großzieht; daß er die unfruchtbaren Reben wegwirft, damit sie im Feuer verbrennen. Lasst alle schämen sich zu leugnen, daß sie alles von Gott haben, was an ihnen gut ist. Aber dann stellen sie die Behauptung auf, die allgemeine Gnade sei ihnen in der Weise gegeben, daß sie ihnen von Natur angeboren sei. Christus aber besteht mit Nachdruck darauf, der Lebenssaft gehe von ihm allein aus. Daraus folgt: die menschliche Natur ist unfruchtbar, und es ist nichts Gutes an ihr. Denn an der Natur des Weinstockes hat niemand Anteil, bevor er nicht in ihn eingepflanzt ist. Das aber wird allein den Erwählten durch eine besondere Gnade zuteil. Der erste Schöpfer alles Guten ist also der Vater, der uns mit eigener Hand pflanzt; unser Leben aber nimmt in Christus seinen Anfang in dem Augenblick, in dem wir in ihm Wurzel zu schlagen beginnen. Wenn er sich den rechten Weinstock nennt, so ist es dasselbe, als hätte er gesagt: Ich bin wirklich der Weinstock; deshalb mühen die Menschen sich vergeblich, anderswo Lebenskraft zu finden. Gute Frucht wird nur von Reben kommen, die aus mir hervorgewachsen sind.

V. 2. „Eine jegliche Rebe ...“ Gottes Gnade wird von den einen um ihre Kraft gebracht, von anderen aus Bosheit in ihrer Wirkung gehemmt, von wieder anderen aus Trägheit erstickt. Deshalb ruft er Unruhe hervor, wenn er mit diesen Worten ankündigt, alle unfruchtbaren Reben müßten weggeworfen werden. Doch erhebt sich die Frage, ob denn einer ohne Frucht bleiben kann. Meine Antwort: nach Ansicht der Menschen gehören viele zum Weinstock, die in Wirklichkeit gar nicht in ihm wurzeln. So bezeichnet der Herr bei den Propheten als seinen Weinberg das Volk Israel, das sich selbst „Gemeinde" nannte.

„Und eine jegliche, die da Frucht bringt...“ Er lehrt mit diesen Worten, die Gläubigen bedürften ständiger Pflege, wenn sie nicht entarten sollten, und brächten keine gute Frucht, wenn nicht Gott sich immer wieder mit ihnen abgäbe. Denn es genügt nicht, daß wir einmal der Sohnschaft teilhaftig geworden sind: Gott muß seine Gnade auch weiterhin in uns wirken lassen. Von Beschneiden spricht er, weil unser Fleisch an überflüssigen und schädlichen Fehlern überreich und in dieser Hinsicht nur zu fruchtbar ist. Diese Fehler sprossen ohne Ende üppig empor, wenn Gott uns nicht mit seiner Hand reinigt. Wenn er sagt, die Weinstöcke würden beschnitten, um mehr Frucht zu bringen, so gibt er damit zu verstehen, welche Fortschritte die Frommen machen sollen.

V. 3. „Ihr seid schon rein um des Wortes willen...“ Er weist sie darauf hin, daß sie schon an sich selbst erfahren hätten, was er gesagt hatte. Sie seien ja nicht nur in ihn eingepflanzt, sondern gleichzeitig auch gereinigt worden. Er weist auf die Art der Reinigung hin, nämlich die Lehre. Ohne Zweifel spricht er von der äußeren Predigt, wenn er ausdrücklich auf die Rede hinweist, die sie aus seinem Munde gehört hatten. Solche Kraft hat die menschliche Stimme nicht an sich, sondern weil Christus im Herzen durch den Geist wirksam ist. Die Stimme ist das Werkzeug der Reinigung. Allerdings meint Christus nicht, die Apostel seien ohne Fehler. Vielmehr hält er ihnen eine Erfahrung vor Augen, aus der sie lernen sollen, wie nötig die dauernde Einwirkung der Gnade ist. Außerdem empfiehlt er ihnen die Lehre des Evangeliums durch den Hinweis auf ihre Frucht, um sie noch kräftiger anzuspornen, beständig über diese Lehre nachzudenken. Denn sie ist gleichsam das Messer des Weingärtners, mit dem er die Weinstöcke reinigt.

V. 4. „Bleibet in mir...“ Wieder mahnt er sie, die Gnade, mit der sie begabt sind, mit sorgendem Eifer festzuhalten. Das Fleisch kann gar nicht oft genug aus seiner Sicherheit aufgerüttelt werden. Ohne Zweifel hat Christus nichts anderes im Sinn, als uns bei sich festzuhalten - wie eine Glucke ihre Küchlein unter ihren Flügeln hält -, damit wir nicht aus Leichtsinn in unser Verderben von ihm forteilen. Er hat das Werk unseres Heils nicht begonnen, um auf halbem Wege damit aufzuhören. Um das zu beweisen, verspricht er, sein Geist werde stets in uns wirksam sein. Nur dürften wir selbst ihn nicht hindern. Bleibet in mir, sagt er, denn ich bin bereit, in euch zu bleiben; ebenso: Wer in mir bleibt, der bringt viel Frucht. Mit diesen Worten erklärt er, daß alle, die in ihm lebendig Wurzel geschlagen haben, fruchttragende Reben sind.

V. 5. „Ich bin der Weinstock ...“ Diese Worte enthalten den Abschluß und die Anwendung des ganzen Gleichnisses. Solange wir nicht in Christus sind, bringen wir keine gute und Gott wohlgefällige Frucht, weil uns jede Eignung fehlt, das Gute zu tun. Diesen Satz schwächen die Papisten nicht nur ab, sondern nehmen ihm seinen eigentlichen Nerv; ja, sie treiben ihren Spott mit ihm: sie geben zwar dem Wortlaut nach zu, daß wir ohne Christus nichts vermögen. Trotzdem träumen sie davon, eine gewisse Kraft stehe uns zu Gebote. Für sich allein reiche sie zwar nicht aus, um das Heil zu erlangen; wenn aber Gottes Gnade sie unterstütze, könne sie mit dieser zusammenwirken. Es ist ihnen nämlich unerträglich, den Menschen so erniedrigt zu sehen, daß er von sich aus auch nicht das Geringste zu seinem Heil beiträgt. Aber Christi Worte sind so klar, daß es nicht so einfach ist, mit ihnen Spott zu treiben. Die erdachte Behauptung der Papisten lautet: Ohne Christus vermögen wir nichts; trotzdem können wir, wenn er uns beisteht, etwas Eigenes vorweisen, das neben seiner Gnade steht. Christus dagegen verkündet, daß wir nichts aus uns selbst vermögen. Er sagt, die Rebe bringe von sich aus keine Frucht. Er hebt hier also nicht nur die Hilfe und Mitwirkung seiner Gnade hervor, sondern spricht uns ganz und gar jegliche Kraft ab außer der, die er selbst uns verleiht. Also müssen die Worte „ohne mich“ usw. so verstanden werden: einzig aus mir. Dann liefern sie noch eine Probe ihrer Spitzfindigkeit: Die Rebe, behaupten sie, habe eine natürliche Befähigung; wenn man einen anderen unfruchtbaren Zweig auf den Weinstock pfropfe, bringe er keine Frucht. Aber dieser Einwand läßt sich mühelos entkräften: Christus spricht nicht von den angeborenen Eigenschaften, die die Rebe schon vor ihrer Verbindung mit dem Weinstock hat. Vielmehr gibt er zu verstehen, daß wir erst dann anfangen, Reben zu werden, wenn wir mit ihm zusammengewachsen sind. Ohne Zweifel zeigt die Schrift an anderer Stelle, wir seien unnützes, trocknes Holz, solange wir nicht in ihm sind.

V. 6. „Wer nicht in mir bleibt. . .“ Wieder stellt er ihnen die Strafe vor Augen, die Undankbarkeit nach sich zöge, und spornt sie dadurch zur Beharrlichkeit an. Diese ist zwar ein Geschenk Gottes; aber die Mahnung zur Furcht ist darum nicht überflüssig: soll sie doch verhindern, daß unser Fleisch in seiner Zügellosigkeit uns aus unserem Wurzelboden herausreißt. Nach diesen Worten vertrocknen wie abgestorbene Reben diejenigen, die von Christus abgeschnitten sind. Denn ihre Lebenskraft muß wie am Anfang so auch auf die Dauer von ihm kommen. Nicht als ob einer der Erwählten jemals abgeschnitten werden könnte! Aber es gibt viele Heuchler, die jetzt anscheinend grünen und blühen, später aber, wenn sie Frucht bringen sollen, die Erwartungen des Herrn enttäuschen.

7 Wenn ihr in mir bleibet und meine Worte in euch bleiben, werdet ihr bitten, was ihr wollt, und es wird euch widerfahren. 8 Darin wird mein Vater verherrlicht, daß ihr viel Frucht bringet und werdet meine Jünger.

V. 7. „Wenn ihr in mir bleibet...“ Oft meinen die Gläubigen, sie seien Bettler und fern von jenem fetten Boden, der dazu befähigt, reiche Frucht zu bringen. Deshalb wird hier ausdrücklich hinzugesetzt: was immer denen fehle, die in Christus sind, ihrem Mangel werde abgeholfen, sobald sie Gott darum bäten. Diese Mahnung ist von großem Nutzen: um uns im Gebetseifer zu üben, läßt Gott uns häufig hungern. Wenn wir aber unsere Zuflucht zu ihm nehmen, wird er sich unseren Gebeten nie verschließen, sondern aus seiner unerschöpflichen Fülle geben, was uns nötig ist (1. Kor. l, 5). Indem er sagt: Wenn meine Worte in euch bleiben, gibt er zu verstehen: es ist der Glaube, durch den wir in ihm Wurzel schlagen. Sobald man nämlich von der Lehre des Evangeliums abweicht, sucht man Christus dort, wo er nicht ist. Zwar verheißt er uns, alle unsere Wünsche würden erfüllt; aber damit räumt er uns nicht etwa die Freiheit ein, uns alles mögliche zu wünschen. Denn Gott erwiese unserem Heil einen schlechten Dienst, ließe er uns gegenüber eine derartige Nachgiebigkeit und Willfährigkeit walten. Es ist ja hinlänglich bekannt, was für verkehrte Wünsche die Menschen in ihrer Zügellosigkeit meistens haben. An unserer Stelle aber gibt er eine Weisung, die zeigt, wie man richtig beten soll, und die alle unsere Leidenschaften Gottes Willen unterwirft. Das wird durch den Zusammenhang bestätigt. Wie er zu verstehen gibt, wollen die Seinen keine Reichtümer, Ehre oder dergleichen, sondern die Lebenskraft des Heiligen Geistes, der es ihnen möglich macht, Frucht zu bringen.

V. 8. „Darin wird mein Vater verherrlicht...“ Das ist eine Bekräftigung des vorigen Satzes. Denn er sagt, man dürfe nicht den geringsten Zweifel daran hegen, daß Gott die Gebete der Seinen erhört, wenn sie danach begehren, fruchtbar zu werden. Nichts trägt nämlich so sehr zu seinem Ruhme bei wie dies. Dieses Ziel oder diese Wirkung dient ihm aber gleichzeitig dazu, den Eifer, das Gute zu tun, in ihnen zu entfachen. Denn nichts darf uns wichtiger sein, als daß Gottes Name durch uns verherrlicht wird. Denselben Sinn hat auch der später folgende Teil des Satzes und werdet meine Jünger. Denn er verkündet, zu seiner Herde gehöre nur, wer zur Ehre Gottes Frucht bringt.


Aus: Otto Weber, Johannes Calvins Auslegung der Heiligen Schrift. Das Johannesevangelium, Neukirchener Verlag, 1964, S. 369ff.
Tod, wo ist dein Stachel? Totenreich, wo ist dein Sieg? 1Kor 15,55

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Beitragvon Joschie » 09.05.2010 08:43

Kantate: Matthäus 11,25-30 - Gott preisen, mit seinem Ratschluss einverstanden sein
Von Johannes Calvin
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''Ich preise dich, Vater.'' Mit diesen Worten bezeugt er, daß er mit jenem Beschluß des Vaters einverstanden sei, der doch von unserem menschlichen Urteil so weit abweicht. Denn diesem Lob, das er an den Vater richtet, liegt zwischen den Zeilen der Gegensatz zugrunde; es fällt dadurch Licht auf die böswilligen Störversuche und auch auf das unverschämte Bellen der Welt.


Matthäus 11, 25-30

25 Zu der Zeit antwortete Jesus und sprach: Ich preise dich, Vater und Herr Himmels und der Erde, daß du solches den Weisen und Klugen verborgen hast und hast es den Unmündigen offenbart. 26 Ja, Vater; denn es ist also wohlgefällig gewesen vor dir. 27 Alle Dinge sind mir übergeben von meinem Vater; und niemand kennt den Sohn denn nur der Vater; und niemand kennt den Vater denn nur der Sohn und wem es der Sohn will offenbaren. 28 Kommet her zu mir alle, die ihr mühselig und beladen seid; ich will euch erquicken. 29 Nehmet auf euch mein Joch und lernet von mir; denn ich bin sanftmütig und von Herzen demütig; so werdet ihr Ruhe finden für eure Seelen. 30 Denn mein Joch ist sanft, und meine Last ist leicht.

Matth. 11, 25. „Zu der Zeit antwortete Jesus.“ Obgleich das Wort „antworten“ den Hebräern vertraut ist, wenn eine Rede beginnen soll, so meine ich doch, daß auf dieser Stelle eine Betonung liege, daß Christus nämlich von der verhandelten Sache her die Gelegenheit ergreift, so zu reden. Das bestätigen die Worte des Lukas noch besser, wenn er sagt, Christus habe zu jener Stunde „im heiligen Geist frohlockt“. Woher kam denn dieses Frohlocken, wenn nicht daher, daß ihm die Gemeinde, die aus niedrigen und verachteten Menschen zusammengelesen war, nicht weniger lieb und kostbar war, als wenn der Adel und die Würde der ganzen Welt in ihr geprangt hätte? Seine Rede hat um so mehr Gewicht, als er sich an den Vater wendet und nicht mit den Jüngern redet. Er sagt sicher jedoch auch mit Rücksicht auf sie und um ihretwillen dem Vater Dank, damit ihnen die niedrige und unedle Form der Gemeinde nicht zum Anstoß werde. Denn wir verlangen immer Glanz; und es scheint nichts dem himmlischen Reich des Sohnes Gottes, dessen Herrlichkeit die Propheten in so großartiger Weise rühmen, weniger angemessen, als daß es aus dem Abschaum des Volkes und aus Gelichter besteht. Doch ist dies der wunderbare Ratschluß Gottes, daß er, wo er doch den ganzen Erdkreis in seiner Hand hat, sich das Volk zum Eigentum lieber aus dem verachteten Pöbel erwählt als aus den Vornehmen, die mit ihrer Würde den Namen Christi besser geziert hätten. Aber hier bringt Christus seine Jünger von einer stolzen und allzu hochfahrenden Gesinnung ab, daß sie es nicht wagten, die niedrige und unbekannte Stellung der Gemeinde zu verachten, an der er sein Wohlgefallen hat und für die er freudig dankt. Um im übrigen die Neugier, die zuweilen die menschlichen Überlegungen beschleicht, kräftiger zu beschneiden, erhebt er sich selbst über die Welt und schaut zu dem geheimen Ratschluß Gottes auf, damit er durch sein Beispiel zugleich die andern dazu bewege, diesen Ratschluß zu bewundern. Und obwohl es nun sicher ist, daß diese Anordnung Gottes mit unserem Empfinden in Widerspruch steht, gebärdet sich doch der Hochmut bei unserer Verblendung allzu unsinnig, wenn wir uns gegen sie auflehnen, während Christus, unser Haupt, sie ehrerbietig feiert. Aber wir müssen nun den einzelnen Worten nachgehen.

„Ich preise dich, Vater.“ Mit diesen Worten bezeugt er, daß er mit jenem Beschluß des Vaters einverstanden sei, der doch von unserem menschlichen Urteil so weit abweicht. Denn diesem Lob, das er an den Vater richtet, liegt zwischen den Zeilen der Gegensatz zugrunde; es fällt dadurch Licht auf die böswilligen Störversuche und auch auf das unverschämte Bellen der Welt. Nun ist zu sehen, aus welchem Grund er den Vater preist: er ist Herr über die ganze Erde und stellt die Kleinen und Einfältigen den Weisen voran. Denn wie die Dinge liegen, hat nicht wenig Gewicht, daß er den Vater „Herr Himmels und der Erde“ nennt; denn auf diese Weise gibt er deutlich zu erkennen, daß die Scheidung allein von dem Beschluß Gottes abhänge, wenn die Weisen sich verblenden, die Unerfahrenen und Ungebildeten jedoch die Geheimnisse des Evangeliums verstehen. Es gibt viele andere Stellen dieser Art, an denen der Herr zeigt, daß alle, die zum Heil gelangen, ohne ihr Zutun von ihm erwählt wurden, da er der Bildner und Schöpfer der Welt ist und alle Völker sein sind. Darum lehrt uns diese Aussage ein Doppeltes: es liegt nicht an Gottes Ohnmacht, daß nicht alle dem Evangelium Gehorsam leisten, denn es ist ihm ein leichtes, alle Geschöpfe seiner Herrschaft zu unterwerfen; zum andern erkennen wir, daß es auf Grund seiner freien Erwählung geschieht, wenn die einen zum Glauben kommen, die andern aber taub und verschlossen bleiben; denn indem er die einen zu sich zieht und dabei an den andern vorübergeht, vollzieht er allein diese Scheidung zwischen den Menschen, die von Natur aus alle gleich beschaffen sind. Wenn er sich aber die Geringen eher erwählt als die Weisen, so tut er das um seiner Herrlichkeit willen. Denn wie sich das Fleisch nur allzu begierig zum Hochmut versteigen würde, wenn die scharfsinnigen und gelehrten Menschen den Vorrang hätten, so würde sofort jene Oberzeugung herrschen, daß man den Glauben durch menschliche Gewandtheit, durch Heiß und Gelehrsamkeit erringe. Darum kann die Barmherzigkeit Gottes nicht anders offenkundig werden, wie sie es verdient, als dadurch, daß eine solche Auswahl stattgefunden hat, und es wird daraus klar, daß es nichts mit dem ist, was die Menschen von sich aus dazutun. Deshalb wird die menschliche Weisheit mit Recht aus ihrer Stellung verdrängt, damit sie das Lob der göttlichen Herrlichkeit nicht verdunkeln möchte. Man fragt jedoch, wer nun bei Christus „weise“ und wer „klein“ heißt. Denn die Erfahrung lehrt doch offensichtlich, daß nicht alle Einfältigen und Ungebildeten zum Glauben erleuchtet werden und nicht alle Klugen und Gebildeten in ihrer Blindheit verbleiben. Deshalb bestimmt man die Klugen und Weisen als solche, die, von teuflischem Hochmut strotzend, sich weigern, Christus anzuhören, der aus der Höhe zu ihnen spricht. Doch ist dies gar nicht einmal durchgängig, daß von Gott verworfen wird, wer sich mehr gefällt als ihm zukommt; das erkennen wir am Beispiel des Paulus, dessen Trotz Christus gebrochen hat. Wenn wir aber an das ungebildete Volk denken, wie die Bosheit der meisten von ihnen zum Himmel schreit, so sehen wir sie ohne Unterschied zusammen mit den Edlen und Großen an ihrem Verderben hängenbleiben. Ich gebe zwar zu, daß alle Ungläubigen einem falschen Selbstvertrauen huldigen, sei es, daß sie ihr Herz an die Weisheit, an ihren guten Ruf, an Ehrenstellungen und ihren Reichtum hängen; ich meine jedoch, daß Christus hier einfach alle die darunter versteht, deren Stärke die Begabung und Gelehrsamkeit ist, ohne das als Fehler zu bezeichnen, wie er auf der anderen Seite es nicht für eine Tugend hält, wenn jemand ein Geringer ist. Denn wenn Christus auch der Meister der Niedrigen ist und dies als der erste Grundsatz des Glaubens gilt, damit sich nicht einer weise dünke, so handelt es sich hier doch nicht um ein Geringsein, zu dem wir uns freiwillig bequemen, sondern Christus steigert die Herrlichkeit des Vaters unter diesem Blickwinkel, daß er sich nicht zu gut war, bis in den tiefsten Schmutz hinabzusteigen, um die Armen aus dem Kot heraus aufzurichten. Aber hier taucht die Frage auf: Wenn die Klugheit eine Gabe Gottes ist, wie geht es an, daß gerade sie uns zum Hindernis wird, Gottes Licht zu erkennen, das im Evangelium aufstrahlt? Wir müssen uns an das erinnern, was ich schon gesagt habe, daß die Ungläubigen alles, was ihnen an Klugheit gegeben ist, verderben und ihnen darum ihre trefflichen Begabungen oft zum Hindernis werden, weil sie sich nicht dazu herablassen können, etwas bereitwillig anzunehmen. Aber was die vorliegende Stelle betrifft, lautet meine Antwort so: Obwohl der Scharfsinn (an sich) den Klugen nichts in den Weg stellt, so kann ihnen doch das Licht des Evangeliums verlorengehen. Denn wo alle in der gleichen bzw. unterschiedslosen Lage sind, warum darf Gott nach seinem Wohlgefallen nicht die einen oder die anderen annehmen? Warum er jedoch den Weisen und Großen den Vorrang abspricht, das zeigt Paulus in 1. Kor. 1, 27, daß Gott nämlich erwählte, was schwach und töricht vor der Welt ist, um den Ruhm des Fleisches zunichte zu machen. Im übrigen schließen wir daraus auch, daß Christus nicht allgemein spricht, wenn er sagt, die Geheimnisse des Evangeliums seien vor den Weisen verborgen. Denn wenn von fünf Weisen vier das Evangelium verachten, einer es aber annimmt, und von ebenso vielen Einfältigen zwei oder drei Christi Jünger werden, so beweist der Satz bereits seine Richtigkeit. Das erhärtet auch jene Stelle bei Paulus, die ich oben angeführt habe, denn es werden nicht alle Weisen und Edlen und Mächtigen vom Reich Gottes ausgeschlossen, sondern er macht nur darauf aufmerksam, daß es nicht viele sind (die hineinkommen). Nun ist die Frage gelöst: Nicht die Klugheit wird hier verurteilt, insofern sie Gottes Gabe ist, sondern Christus erklärt lediglich, sie sei ohne Belang, wenn es gelte, zum Glauben zu kommen; wie er auf der anderen Seite nicht die Unwissenheit lobt, als ob sie Gott geneigt mache, sondern nur bestreitet, daß sie für seine Barmherzigkeit ein Hindernis sei, auch einfache, ungebildete Menschen mit der himmlischen Weisheit zu erleuchten. Nun bleibt noch zu sagen übrig, was offenbaren und verbergen bedeutet. Christus spricht nicht von der äußeren Verkündigung; das ersieht man deutlich daraus, daß er allen ohne Unterschied als Lehrer begegnete und daß er seinen Aposteln den gleichen Auftrag gab. Deshalb ist die Meinung, daß niemand durch eigenen Scharfsinn, sondern nur durch die geheime Erleuchtung des Geistes den Glauben erlangt.

Matth. 11, 26. „Ja, Vater.“ Dieser Schlußsatz entzieht der ungezügelten Lust zum Fragenstellen, die uns zuweilen kitzelt, den Boden. Denn nichts entwindet Gott uns schwerer, als daß wir seinen Willen als höchste Weisheit und Gerechtigkeit anerkennen. Er schärft uns an vielen Stellen ein, daß sein Ratschluß ein tiefer Abgrund ist; wir jedoch wollen in ihn hinabtauchen und im Sturm in ihn eindringen, und wenn sich uns etwas nicht erschließt, dann knirschen wir gegen ihn mit den Zähnen oder murren. Viele lassen sich auch zu offener Schmähung hinreißen. Da schreibt uns der Herr nun dies als Regel vor: Wir sollen fest vertrauen, daß alles, was Gott gefällt, das Rechte ist. Denn erst das heißt, auf nüchterne Art weise sein, wenn wir den einen Beschluß Gottes an Stelle von tausend Vernunftgründen gutheißen. Christus hätte sicherlich Gründe für die Unterscheidung anführen können, wenn es welche gäbe; aber da er sich in den Willen Gottes fügt, forscht er nicht weiter nach, warum er die Geringen lieber zum Heil ruft als andere und sich sein Reich aus einem unbekannten Schwärm errichtet. Es geht daraus hervor, daß es Auflehnung gegen Christus bedeutet, wenn Menschen, wo sie doch hören, daß nach dem Wohlgefallen Gottes die einen unverdientermaßen erwählt und die andern verworfen werden, dagegen aufbegehren, weil es ihnen unbequem ist, sich Gott zu fügen.

Matth. 11, 27. „Alle Dinge sind mir übergeben.“ Die Ausleger verknüpfen in verkehrter Weise diesen Satz mit dem vorangehenden, wenn sie meinen, Christus wolle die Zuversicht der Jünger mehren und sie dadurch bestärken, das Evangelium zu verkündigen. Ich bin dagegen der Meinung, daß Christus aus einem andern Grund und mit einem andern Ziel so gesprochen hat. Denn wie er vorher klargemacht hat, daß sich die Gemeinde aus dem verborgenen Quell der unverdienten Erwählung Gottes herleite, so zeigt er jetzt, auf welchem Weg die Gnade des Heils zu den Menschen gelangt. Denn viele geraten, sobald sie hören, daß nur die das ewige Leben ererben, die Gott vor Grundlegung der Welt dazu erwählt hat, in ängstliches Fragen, an welchem Zeichen sie denn des geheimen Beschlusses Gottes sicher sein könnten. So stürzen sie sich in ein Labyrinth, für das sie keinen Ausgang mehr finden. Christus dagegen heißt uns geradewegs auf ihn zugehen, um bei ihm die Gewißheit des Heils zu suchen. Der Sinn ist demnach, daß uns eben in Christus das Leben zugänglich geworden ist und deshalb niemand seiner teilhaftig wird, der nicht durch die Tür des Glaubens dahin eingeht. Wir verstehen jetzt, daß er den Glauben mit der ewigen Erwählung Gottes verbindet, die die Menschen in törichter und verkehrter Weise gleichsam in Gegensatz zueinander bringen. Denn wenn unser Heil auch immer bei Gott verborgen war, so ist Christus doch die Rinne, durch die es uns zufloß, und im Glauben wird es von uns empfangen, damit es in unseren Herzen fest und gültig werde. Darum dürfen wir unsere Orientierung nirgends sonst als an Christus suchen, es sei denn, wir wollen das Heil zurückweisen, das uns dargeboten wird.

„Niemand kennt den Sohn.“ Dies sagt er darum, daß seine Majestät nicht fälschlich nach dem Urteil der Menschen eingeschätzt wird. Der Sinn ist also, daß wir uns auf das Zeugnis des Vaters verlassen müssen, um zu erfahren, wer Christus ist. Der Vater allein kann uns richtig und zuverlässig angeben, was er ihm übertragen hat. Und wenn wir ihn uns so vorstellen, wie wir ihn nach dem Maßstab unseres Verstandes begreifen können, dann berauben wir ihn auf jeden Fall eines großen Teiles seiner Macht. Darum erkennen wir ihn auf rechte Weise nur durch das Wort des Vaters, obgleich nun auch das Wort wieder nicht ausreicht ohne die Weisung des Geistes. Denn die Macht Christi ist erhabener und tiefer verborgen, als daß die Menschen in sie eindringen könnten, bevor sie vom Vater dazu erleuchtet sind. Darum sollen wir begreifen, daß der Vater nicht für sich erkennt, sondern für uns, damit er ihn uns offenbart. Dennoch scheint die Ausführung nicht vollkommen zu sein, da sich die beiden Satzglieder nicht entsprechen. Vom Sohn heißt es, niemand erkenne den Vater außer ihm und dem er es habe offenbaren wollen. Vom Vater heißt es nur, daß er allein den Sohn kenne; von einer Offenbarung ist keine Rede. Meine Antwort darauf ist, daß eine Wiederholung dessen, was er bereits gesagt hatte, überflüssig war. Denn was sonst drückt die vorangegangene Danksagung aus, als daß der Vater den Sohn offenbar gemacht hat vor den Menschen, für die er es so gewollt hatte? Wenn nun also hinzugefügt wird, er allein kenne den Sohn, so ist das aus der Rückschau gleichsam eine Begründung des Behaupteten. Denn es konnte sich die Überlegung einschleichen, warum der Vater denn den Sohn erst offenbar machen mußte, wo er doch öffentlich auftrat, so daß man ihn genau in Augenschein nahm. Wir begreifen jetzt, aus welchem Anlaß gesagt wird, der Sohn werde allein vom Vater erkannt. Nun bleibt das zweite Satzglied zu bedenken: „Niemand kennt den Vater denn nur der Sohn ...“ Dieses Erkennen ist nun ganz anders als das eben besprochene. Denn es heißt nicht, daß der Sohn den Vater kenne, weil er ihn mit seinem Geist offenbar macht, sondern weil er ihn, insofern er sein lebendiges Ebenbild ist, gleichsam in seiner Person sichtbar darstellt. Ich schließe dabei den Geist nun nicht aus, aber ich beziehe die Offenbarung, um die es sich hier handelt, auf die Art und Weise der Erkenntnis. Und so schließt sich die Rede vorzüglich zu einem Zusammenhang. Denn Christus erhärtet, was er vorher gesagt hat, es sei ihm alles von seinem Vater übergeben, damit wir erkennen, daß in ihm die Fülle der Gottheit wohnt. Das ganze Stück will darauf hinaus, daß es eine Gabe des Vaters sei, wenn man den Sohn erkennt, weil er uns mit seinem Geist die Augen des Verstandes öffnet, damit uns durch sie die Herrlichkeit Christi aufgeht, die uns sonst verborgen wäre. Der Vater aber, der in einem Licht wohnt, da niemand zukommen kann, und der in sich unfaßbar ist, wird uns vom Sohn offenbart, der sein lebendiges Ebenbild ist, so daß man anderwärts vergeblich nach ihm sucht.

Matth. 11, 28. „Kommet her zu mir alle.“ Nun lädt er in gütiger Weise zu sich ein, von denen er weiß, daß sie taugliche Jünger werden würden. Denn obwohl er bereit ist, den Vater allen offenbar zu machen, so hält es doch ein gut Teil darum nicht für nötig zu kommen, weil ihm das Gespür für seine Notlage fehlt. Um Christus kümmern sich nicht die Heuchler, weil sie von der eigenen Gerechtigkeit gesättigt sind und nicht nach seiner Gnade hungern und dürsten. Und die der Welt zugetan sind, denen bedeutet das himmlische Leben rein nichts. Deshalb ruft Christus beide Gruppen von Menschen vergeblich zu sich. Er wendet sich darum an die Elenden und Bedrängten. Dabei nennt er nun die mühselig, die unter einer Last seufzen. Er meint nicht allgemein jeden, der von Leid und Drangsal bedrückt wird, sondern alle die Menschen, die durch ihre Sünden in Verwirrung geraten und aus Furcht vor dem Zorn Gottes mutlos gemacht sind und unter einer solchen Last leiden. Zwar demütigt Gott seine Erwählten auf unterschiedliche Weisen; aber da die meisten von Unglück Betroffenen trotzdem eigensinnig und trotzig bleiben, so meint Christus mit „Mühseligen und Beladenen“ solche Menschen, deren Gewissen angefochten ist, weil sie sich des ewigen Todes schuldig wissen; so setzt ihnen ihr Unglück innerlich hart zu, und sie werden dabei mutlos. Aber gerade diese Mutlosigkeit macht uns empfänglich, seine Gnade anzunehmen. Es ist wirklich so, als ob er gesagt hätte, seine Gnade werde deshalb von dem Großteil verachtet, weil nur wenige ihre Not überhaupt spüren. Es geht jedoch nicht an, daß ihr Stolz oder ihre Gleichgültigkeit die bedrängten Herzen zurückhält, die sich nach dem Heilmittel sehnen. Darum wollen wir ruhig alle die gewähren lassen, die die Gaukeleien Satans behexen oder die für sich überzeugt sind, sie hätten die Gerechtigkeit außerhalb von Christus, oder auch meinen, sie seien in dieser Welt glücklich. Uns treibt unsere Not dazu, Christus aufzusuchen. Und da Christus nur die in den Genuß seines Friedens kommen läßt, die unter der Last ermatten, sollen wir lernen, daß es kein verderblicheres Gift gibt als jene Gleichgültigkeit, die in uns den falschen und trügenden Wahn von der irdischen Glückseligkeit oder der eigenen Gerechtigkeit und dem eigenen Verdienst heraufbeschwört. Darum soll sich jeder von uns unaufhörlich wachhalten und eifrig darauf bedacht sein, einmal die Verlockungen der Welt von sich abzuschütteln, und zum andern jegliches falsche Selbstvertrauen abzustreifen. Obwohl übrigens diese Vorbereitung auf den Empfang der Gnade die Menschen völlig entmutigt, ist doch zu beachten, daß sie ein Geschenk des Heiligen Geistes darstellt, da sie der Anfang der Buße ist, nach der es niemanden aus eigenem Antrieb verlangt. Natürlich wollte Christus nicht lehren, was der Mensch von sich aus könne, sondern er wollte nur zeigen, wie die gesinnt sein müßten, die zu ihm kommen. Wer die Mühsal und Last, von denen Christus spricht, auf die Zeremonien des Gesetzes beschränkt, gibt der Aussage Christi einen allzu kleinen Geltungsbereich. Ich gebe zwar zu, daß die Last des Gesetzes unerträglich war und die Herzen erdrückte. Aber wir müssen uns doch daran erinnern, was ich schon gesagt habe, daß nämlich Christus allen Bedrängten die Hand reicht, um zwischen den Jüngern und den Verächtern des Evangeliums eine Trennungslinie zu ziehen. Die allgemeine Partikel „alle" ist beachtenswert: danach nimmt Christus nämlich alle, die mühselig und beladen sind, ausnahmslos an, damit nicht ein falscher Zweifel einem den Weg verstelle. Und dennoch sind diese „alle" nur gering an Zahl, weil aus der zahllosen Masse der ins Verderben Laufenden nur wenige merken, daß sie verlorengehen. Die Erquickung, die er verspricht, besteht in der unverdienten Vergebung der Sünden, die allein uns zum Frieden zu bringen vermag.

Matth. 11, 29. „Nehmet auf euch mein Joch.“ Da wir viele beim Mißbrauch der Gnade Christi beobachten, wie sie sie in die Nachsicht gegen das Fleisch verkehren, macht Christus, nachdem er den erbärmlich belasteten Gewissen eine heitere Ruhe versprochen hat, zugleich darauf aufmerksam, er sei der Befreier nur unter der Bedingung, daß man sein Joch auf sich nehme. Er wollte also sagen, er vergebe ihnen die Sünden nicht dazu, daß sie, nachdem Gott mit ihnen versöhnt sei, daraus sich die Freiheit zum Sündigen anmaßten, sondern dazu, daß sie, die sie durch die Gnade aufgerichtet wurden, zugleich auch sein Joch auf sich nehmen und als solche, die nach dem Geist frei sind, auch den Mutwillen ihres Fleisches in Fesseln schlagen. Daraus ergibt sich das Verständnis jener Ruhe, von der er gesprochen hatte: denn Christus entnimmt seine Jünger in keiner Weise dem Kriegsdienst unter dem Kreuz, damit sie ein bequemes, genußreiches Leben führen, sondern er übt sie unter der Last der Zucht und zügelt sie unter seinem Joch.

„Lernet von mir.“ Meiner Meinung nach täuscht sich, wer meint, Christus führe hier seine Sanftmut an, damit die Jünger nicht angesichts seiner göttlichen Herrlichkeit die Flucht ergreifen (wie ein Auftritt der Mächtigen einen in Schrecken zu versetzen pflegt). Denn er leitet uns vielmehr dazu an, es ihm gleichzutun, weil uns nach dem Starrsinn unseres Fleisches sein Joch hart und beschwerlich dünkt und wir es darum fliehen. Er sagt ein wenig später, sein Joch sei sanft. Woher sonst kommt das nun, daß einer gern und ruhig seinen Nacken beugt, als einzig daher, daß er sich in die Sanftmut Christi gekleidet hat und ihm gleich wird? Da Jesus seine Jünger ermahnt, sein Joch auf sich zu nehmen, bestätigt sich diese Bedeutung der Worte. Denn damit sie die Beschwernis nicht erschrecke, fügt er anschließend hinzu: „Lernet von mir.“ Dadurch deutet er an, daß uns jenes Joch nicht zur Last werden wird, sobald wir uns nach seinem Beispiel an Milde und Sanftmut gewöhnt haben werden. Genau das sagt auch die Zufügung: „So werdet ihr Ruhe finden.“ Denn solange unser Fleisch sich widersetzt, begehren wir auf; und die das Joch Christi von sich weisen, versuchen Gott auf andere Weise zu versöhnen, doch sie mühen und schinden sich vergeblich. Genauso beobachten wir, wie die Papisten sich erbärmlich martern und die grausame Tyrannei, unter der sie sich quälen lassen, schweigend ertragen, damit sie nicht unter das Joch Christi müssen.




Aus: Otto Weber, Johannes Calvins Auslegung der Heiligen Schrift. Zwölfter Band: Die Evangelienharmonie 1. Teil, Neukirchener Verlag, 1966, S. 339ff.
Tod, wo ist dein Stachel? Totenreich, wo ist dein Sieg? 1Kor 15,55


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