Predigten,Andachten und Briefe von Johannes Calvin

Nur für Gläubige, die die fünf Punkte des Arminianismus ablehnen

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Joschie
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Himmelfahrt: Lukas 24,44-53 - die Majestät Christi erstrahlt

Beitragvon Joschie » 13.05.2010 09:24

Himmelfahrt: Lukas 24,44-53 - die Majestät Christi erstrahlt für alle
von Johannes Calvin
„Sie aber kehrten wieder nach Jerusalem mit großer Freude.“ Endlich war bei den Aposteln aller Zweifel ausgeräumt, da jetzt die Majestät Christi für alle erstrahlte und so seine Auferstehung zur völligen Gewißheit werden mußte.


44 Er sprach aber zu ihnen: Das ist`s, was ich zu euch sagte, als ich noch bei euch war: es muß alles erfüllt werden, was von mir geschrieben ist im Gesetz des Mose, in den Propheten und in den Psalmen.

Luk. 24, 44. „Das ist's, was ich zu euch sagte.“ Obwohl sich gleich aus Matthäus und Markus ergeben wird, daß der Herr in Galiläa ganz ähnlich geredet hat, glaube ich doch, daß Lukas hier etwas erzählt, was am Tag nach der Auferstehung geschehen ist. Denn was Johannes (20, 22) von jenem Tag berichtet, daß der Herr seine Jünger angeblasen habe, um ihnen den Heiligen Geist mitzuteilen, stimmt mit den gleich bei Lukas folgenden Worten (24, 45) überein: „Er öffnete ihnen das Verständnis, daß sie die Schrift verstanden." Mit diesen Worten wirft Christus ihnen insgeheim ihre grobe, träge Vergeßlichkeit vor, daß sie, obwohl sie in vertrautem Kreis längst über seine Auferstehung unterrichtet worden waren, so erstaunt sind, als ob sie noch niemals etwas Derartiges gehört hätten. Was stutzt ihr, will Christus sagen, wie über etwas ganz Neues und Unerwartetes, wo ich doch im voraus so oft darüber gesprochen habe? Warum denkt ihr nicht lieber an meine Worte? Denn wenn ihr mich bisher für wahrhaftig gehalten habt, hätte euch das doch von meiner Unterweisung her bekannt genug sein müssen, bevor es sich überhaupt ereignete. Kurz, der Herr beklagt sich im stillen darüber, daß seine auf die Apostel verwandte Mühe so vergeblich gewesen war, da ihnen seine Lehre völlig aus dem Gedächtnis entschwunden sei. Schärfer noch trifft er ihre Trägheit, wenn er sagt, er habe überhaupt nichts Neues vorgebracht, sondern sie nur an das Zeugnis im Gesetz und in den Propheten erinnert, mit dem sie schon von Kind auf vertraut sein müßten. Wenn sie aber auch von der gesamten Lehre der Frömmigkeit nichts gewußt hätten, war doch nichts unsinniger, als nicht ganz und gar das anzunehmen, von dessen Ursprung aus Gott sie doch überzeugt waren. Denn im ganzen Volk war man sich darin einig, daß nur die in Gesetz und Propheten enthaltene Lehre die wahre Religion sei. Übrigens werden hier als Teile der Schrift außer dem Gesetz und den Propheten an dritter Stelle noch die Psalmen genannt, die, obwohl man sie mit Recht auch den Propheten zuordnen könnte, doch ihre eigene und besondere Art haben. Die zweiteilige Gliederung jedoch, die wir an anderen Stellen finden (z. B. Matth. 5, 17), umfaßt genauso die ganze Schrift.

50 Er führte sie aber hinaus bis nach Bethanien und hob die Hände auf und segnete sie. 51 Und es geschah, da er sie segnete, schied er von ihnen und fuhr auf gen Himmel. 52 Sie aber kehrten wieder nach Jerusalem mit großer Freude 53 und waren allewege im Tempel und priesen Gott.

Mk. 16,19 „Und der Herr.“ Da Matthäus bereits die Herrschaft Christi so herrlich weit über die ganze Welt erhoben hatte, redet er von seiner Himmelfahrt nicht noch einmal besonders. Auch Markus sagt über die näheren Umstände nichts Genaueres, nur Lukas berichtet davon ausführlich. Er sagt nämlich (24, 50), daß Christus die Jünger „hinaus bis nach Bethanien“ geführt habe, so daß er also von demselben Ölberg, von dem er aufgebrochen war, um die Schmach des Kreuzes auf sich zu nehmen, seinen himmlischen Thron bestieg. Wie er nämlich nicht von allen unterschiedslos als der Auferstandene gesehen werden wollte, so ließ er auch nicht jenen als Zeugen seiner Himmelfahrt zu, weil er wünschte, daß dieses Geheimnis des Glaubens mehr aus dem Zeugnis des Evangeliums als mit den Augen erkannt würde. Bei Lukas folgt: „er hob die Hände auf und segnete sie“. Damit zeigte er, daß das Amt des Segnens, das unter dem Gesetz den Hohenpriestern übertragen war, in Wahrheit und eigentlich sein Amt sei. Wenn Menschen einander segnen, so bedeutet das nichts anderes als eine Fürbitte. Gottes Weise aber ist eine andere; er läßt sich unsere Wünsche nicht nur angelegen sein, sondern durch einen Wink allein gewährt er uns, was immer für uns wünschenswert ist. Da er aber der einzige Ursprung jeglicher Segnung ist, wollte er von Anfang an, daß die Priester als Mittler in seinem Namen segnen sollten, um seine Gnade allen mitzuteilen. So hat Melchisedek Abraham gesegnet (Gen. 14, 18 ff.), und Num. 6, 23 ff. wird die regelmäßige Form des Segnens überliefert. Darauf bezieht sich auch die Stelle in Ps. 118, 26: „Wir segnen euch, die ihr vom Hause des Herrn seid." Und der Apostel sagt (Hebr. 7, 7), daß, wer andere segne, damit einen Beweis seiner überragenden Würde gebe. Denn, so heißt es dort, „das Geringere wird von dem Höheren gesegnet". Nun, so Christus, der wahre Melchisedek und ewige Hohepriester, ans Licht getreten ist, mußte in ihm völlig erfüllt werden, was in den Vorbildern des Gesetzes nur schattenhaft vorhanden war. So sagt auch Paulus (Eph. 1, 3), daß wir in Christus von Gott Vater gesegnet werden, damit wir reich seien an allen himmlischen Gütern. Darum hat der Herr einmal vor aller Augen und in feierlicher Form die Apostel gesegnet, damit die Gläubigen sich unmittelbar an ihn selbst wenden, wenn sie Gottes Gnade gewinnen wollen. Daß aber Christus die Hände beim Segnen aufhebt, entspricht der alten hohenpriesterlichen Form.

Luk. 24, 52. „Sie aber kehrten wieder nach Jerusalem mit großer Freude.“ Endlich war bei den Aposteln aller Zweifel ausgeräumt, da jetzt die Majestät Christi für alle erstrahlte und so seine Auferstehung zur völligen Gewißheit werden mußte. Aus ebendiesem Grunde fingen die Jünger jetzt auch an, ihn mit größerer Ehrfurcht zu verehren, als das während seiner Erdenzeit der Fall war. Denn die Verehrung, um die es sich jetzt handelt, wird ihm nicht nur als dem Meister und Propheten, auch nicht nur als dem Messias, als den sie ihn doch nur erst zur Hälfte kannten, erwiesen, sondern als dem König der Herrlichkeit und dem Richter der Welt. Da aber Lukas beabsichtigte, seine Geschichte noch weiterzuführen, sagt er nur kurz, was die Apostel während der zehn Tage getan haben. Und das war in der Hauptsache: In überschwenglicher Freude brachen sie öffentlich in das Lob Gottes aus und waren beständig im Tempel (vgl. 24, 53); nicht, daß sie Tag und Nacht dort zugebracht hätten, sondern sie besuchten alle Versammlungen und waren zu den bestimmten Feierstunden dort, um Gott zu danken. Dieser Eifer steht im Gegensatz zu der Furcht, die sie vorher hinter verschlossenen Türen zu Haus versteckt hielt.

Aus: Otto Weber, Johannes Calvins Auslegung der Heiligen Schrift. Dreizehnter Band: Die Evangelien-Harmonie 2. Teil, Neukirchener Verlag, 1974, S. 435.447ff.
Tod, wo ist dein Stachel? Totenreich, wo ist dein Sieg? 1Kor 15,55

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Joschie
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Beitragvon Joschie » 16.05.2010 07:30

Rogate: Johannes 16,23-33 – Gott ist bereit, aus der Fülle seiner Güter reich zu machen
von Johannes Calvin

''Die Worte scheinen zu besagen, daß Gott uns erst dann zu lieben beginnt, wenn wir Christus liebgewonnen haben. Daraus aber würde folgen, daß wir selbst den Anfang unseres Heils wirken, weil wir der Gnade Gottes zuvorkommen. Diesem Satz widersprechen aber sehr viele Zeugnisse der Schrift. Gottes Verheißung lautet: Ich werde bewirken, daß sie mich lieben. Und Johannes sagt: Nicht, als ob wir ihn zuerst geliebt hätten (1. Joh. 4, 10) … nichts ist gewisser als diese Lehre: daß Gott ruft, was nicht ist; daß er Tote auferweckt; daß er Menschen, die ihm fernstehen, an sich bindet; daß er aus steinernen Herzen fleischerne macht, daß er denen erscheint, die ihn nicht suchen.''


23 Und an demselben Tage werdet ihr mich nichts fragen, Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Wenn ihr den Vater um etwas bitten werdet, so wird er`s euch geben in meinem Namen. 24 Bisher habt ihr nichts gebeten in meinem Namen. Bittet, so werdet ihr nehmen, daß eure Freude vollkommen sei.

V. 23. „Und an demselben Tage ...“ Christus hat also seinen Jüngern Freude verheißen, die aus unbezwinglicher Tapferkeit und Festigkeit erwächst. Nun verkündet er als zweite Gnade des Geistes, mit der sie beschenkt werden sollten, solche Fülle der Erkenntnis, daß sie bis zu himmlischen Geheimnissen vordringen würden. Damals waren sie so schwerfällig, daß sie an jeder noch so unbedeutenden Schwierigkeit hängen blieben. Wie nämlich ABC-Schützen nicht imstande sind, auch nur einen einzigen Vers zu lesen, ohne viele Pausen zu machen, so war auch fast in jedem einzelnen der Worte Christi irgendein Anstoß, der die Jünger daran hinderte weiterzukommen. Bald darauf aber erleuchtete sie der Heilige Geist. So vermieden sie auf dem Wege zur Erkenntnis der Weisheit Gottes jeden weiteren Aufenthalt, so daß sie in ungehindertem Lauf in der Erkenntnis der Geheimnisse Gottes fortschritten. Zwar haben die Apostel auch auf der höchsten Stufe der Weisheit nicht aufgehört, Christus selbst zu befragen; doch hier wird nur der Zustand vor und nach der Verleihung des Geistes verglichen. Christus sagt mit anderen Worten, ihrer Unreife solle abgeholfen werden, und während sie jetzt bei den kleinsten Kleinigkeiten sich aufhielten, würden sie dann ohne Mühe in die tiefsten Geheimnisse eindringen. Das besagt auch das Wort bei Jeremia 31, 34: Erkenne den Herrn, denn alle, vom Kleinsten bis zum Größten, spricht der Herr, werden mich erkennen. Damit schafft der Prophet gewiß nicht die Lehre ab, die im Reiche Christi die größte Bedeutung haben muß. Aber er sagt, es werde keine vollständige Unwissenheit mehr geben, die die Menschen in ihrer Gewalt hält, bis Christus, die Sonne der Gerechtigkeit, sie mit ihren Strahlen erleuchtet und sie so alle von Gott belehrt sind. Ferner unterschieden sich die Apostel ehedem in nichts von Kindern, ja, sie glichen einem Stück Holz mehr als Menschen. Was für Männer sie aber plötzlich wurden, als der Geist sie belehrte, ist hinlänglich bekannt.

„Wenn ihr den Vater etwas bitten werdet...“ Er erklärt, woher sie diese neuen Fähigkeiten erhalten sollen: sie werden aus Gott, dem Quell der Weisheit, soviel wie nötig in vollen Zügen schöpfen dürfen. Er sagt etwa: Ihr braucht nicht zu befürchten, daß ihr die Gabe der Erkenntnis entbehren müßt. Der Vater steht bereit, euch mit der ganzen Fülle seiner Güter reich zu machen, und zwar aufs freigebigste. Im übrigen will er damit sagen: Der Geist wird nicht dazu verheißen, daß die, denen er zugesagt ist, ihn untätig und sozusagen im tiefen Schlaf erwarten. Vielmehr sollen sie eifrig um die Gnade bitten, die ihnen angeboten wird. Er verkündet also, wie er als Mittler wirken wird; freigebig wird er vom Vater für sie alles erlangen, worum sie bitten, und mehr als das. Doch hier erhebt sich die schwierige Frage, ob erst damals die Anrufung Gottes im Namen Christi ihren Anfang nahm. Nie konnte er ja den Menschen anders gnädig sein als um des Mittlers willen. Christus weist auf eine künftige Zeit hin, in der der himmlische Vater den Jüngern alles geben wird, was sie in seinem - Christi -Namen bitten. Wenn das eine neue und ungewöhnliche Gnade ist, so kann man wohl daraus folgern: zur Zeit seines Erdenlebens hat er noch nicht als Beistand der Gläubigen gewirkt, damit deren Bitten Gott angenehm wären um seinetwillen. Das spricht er wenig später auch deutlicher aus, indem er sagt: Bis jetzt habt ihr in meinem Namen noch nichts gebeten. Und doch haben die Apostel sich wahrscheinlich an die Richtschnur gehalten, die das Gesetz für das Gebet an die Hand gibt. Wir wissen aber, daß die Väter nicht ohne Mittler zu beten pflegten; durch zahlreiche Übungen gewöhnte Gott sie daran, auf solche Art zu beten. Sie sahen den Hohenpriester im Namen des ganzen Volkes in das Heiligtum gehen, sahen, wie täglich Tiere geopfert wurden, damit die Gebete der Gemeinde bei Gott wirksam wären. Einer der Grundsätze des Glaubens war es also, es sei sinnlos, Gott ohne Mittler anzurufen. Vollends hatte Christus seinen Jüngern oft genug bezeugt, er sei dieser Mittler. Trotzdem war ihre Erkenntnis so unsicher, daß sie nicht imstande waren, ihren Gebeten die Gestalt zu geben, die seinem Namen entsprochen hätte. Einerseits haben sie also im Vertrauen auf einen Mittler zu Gott gebetet, wie das Gesetz es vorschrieb; andererseits haben sie doch nicht klar und deutlich erkannt, was das eigentlich bedeute. Aber darin liegt durchaus kein unauflöslicher Widerspruch. Der Vorhang im Tempel war noch ausgespannt, Gottes Majestät noch unter dem Schatten der Cherubim verborgen; der wahre Priester war noch nicht in das Heiligtum des Himmels eingegangen, um für die Seinen einzutreten, hatte den Weg noch nicht mit seinem Blute geweiht. Kein Wunder daher, wenn man den Mittler damals nicht so erkannt hat wie heute, seitdem er, uns zugute, im Himmel beim Vater sichtbar ist. Dort versöhnt er ihn durch sein Opfer mit uns, so daß wir elenden Menschen es wagen können, uns vertrauensvoll dorthin zu wenden. Denn ohne Zweifel wurde Christus, nachdem er die Sünden der Menschheit gesühnt hatte, in den Himmel aufgenommen und gibt sich seitdem offen als Mittler zu erkennen. Im übrigen beachte man die häufige Wiederholung dieser Forderung, wir müßten im Namen Christi beten. Es ist nämlich - das sollen wir daraus entnehmen -eine ruchlose Entheiligung des Namens Gottes, wenn wir Christus übergehen und uns so vor den Richterstuhl Gottes zu stellen wagen. Wenn aber diese Mahnung sich unserem Herzen tief einprägt, so wird Gott uns gern und reichlich geben, was immer wir ihn im Namen des Sohnes bitten. Wir werden nicht verschiedene Schutzpatrone um Hilfe anrufen, sondern mit jenem einen zufrieden sein, der uns so oft und gütig seine Dienste anbietet. Ferner kann man auch dann sagen, wir bitten in Christi Namen, wenn wir ihn zu unserm Beistand nehmen, der uns die Gunst des Vaters gewinnen soll, auch wenn unser Mund seinen Namen gar nicht nennt.

V. 24. „Bisher habt ihr nichts gebeten in meinem Namen ...“ Das gilt für die Zeit der Offenbarung, die wenig später kommen sollte. Um so weniger sind heutzutage die zu entschuldigen, die diesen Teil der Lehre dadurch verdunkeln, daß sie sich fälschlich im Schutze der Heiligen sicher glauben. Das alte Volk tat recht daran, die Augen auf seine Priester und seine Opfertiere - beides schattenhafte Vorbilder des Künftigen - zu heften, sooft es beten wollte. Wir aber sind mehr als undankbar, wenn wir nicht alle Sinne fest auf den wahren Priester richten. Er hat sich uns ja als der Versöhner zu erkennen gegeben, durch den wir einen ungehinderten Zugang zum Thron der Herrlichkeit Gottes haben. - Abschließend sagt er noch: „daß eure Freude vollkommen sei“. Das soll heißen: zur Fülle aller Güter und alles dessen, was man nur wünschen kann, zu einem Zustand der Ruhe, in dem uns kein Verlangen mehr quält, wird uns nichts fehlen, wenn wir nur in Christi Namen von Gott erbitten, was wir brauchen.

25 Solches habe ich zu euch in Sprüchen und Bildern geredet. Es kommt aber die Zeit, daß ich nicht mehr in Bildern mit euch reden werde, sondern euch frei heraus verkündigen von meinem Vater. 26 An demselben Tage werdet ihr bitten in meinem Namen. Und ich sage euch nicht, daß ich den Vater für euch bitten will; 27 denn er selbst, der Vater, hat euch lieb, weil ihr mich liebet und glaubet, daß ich von Gott gegangen bin. 28 Ich bin vom Vater ausgegangen und gekommen in die Welt; wiederum verlasse ich die Welt und gehe zum Vater.

V. 25. „Solches ...“ Christus will den Jüngern Mut machen. Sie sollen hoffen, daß sie weiter fortschreiten, und die Belehrung, die sie vernehmen, nicht für nutzlos halten, mögen sie auch nicht viel davon verstehen. Es hätte ihnen nämlich sonst der Verdacht kommen können, Christus wolle nicht verstanden werden und lasse sie absichtlich ungewiß. Er kündigt ihnen darum an, sie würden schon bald die Frucht dieser Belehrung wahrnehmen. Andernfalls hätten sie dieser Lehre wegen ihrer Unverständlichkeit überdrüssig werden können. Der entsprechende hebräische Ausdruck bedeutet mitunter „Sprichwort“. Da aber in Sprichwörtern die Worte meistens im übertragenen Sinne gebraucht werden, bezeichnen die Hebräer auch ,Rätsel' und bedeutungsschwere Sätze mit diesem Wort. Der Sinn ist also: Jetzt rede ich, wie es scheint, in bildlichen Ausdrücken mit euch und nicht in einfachen, klaren Worten. Bald aber werde ich vertrauter mit euch reden, so daß euch kein Punkt meiner Lehre mehr verwickelt oder schwierig vorkommt. Nun sehen wir, was ich schon andeutete: die Jünger werden ermutigt, auf größere Fortschritte zu hoffen; sie sollen nicht etwa die Lehre von sich weisen, weil sie sie noch nicht verstehen. Wenn uns nämlich nicht die Hoffnung auf bessere Erkenntnis anspornt, bleibt der Lerneifer unvermeidlich aus. Übrigens läßt der Sachverhalt deutlich erkennen, daß Christus vor seinen Jüngern nicht in Rätselworten, sondern leicht faßlich, ja geradezu unmißverständlich geredet hat; aber sie waren so unreif, daß sie wie betäubt seinen Worten lauschten. Die erwähnte Dunkelheit war darum nicht so sehr seiner Lehre als ihrem Geist eigen. Ohne Zweifel geschieht uns heute dasselbe. Denn nicht ohne Grund schmückt der Ehrentitel, unser Licht zu sein, das Wort Gottes; vielmehr ist es die uns beherrschende Finsternis, die seinen Glanz so sehr verdunkelt, daß wir lauter Bildreden zu hören glauben. Er droht ja im Propheten Jesaja (Jes. 28, 11), den Ungläubigen und Bösen als ein Fremder, als ein Mann mit stammelnden Lippen zu begegnen; und Paulus sagt, das Evangelium sei solchen Leuten verborgen, weil der Satan ihren Sinn verfinstert habe (2. Kor. 4, 3). So klingt auch den Schwachen und Unreifen etwas, was sie hören, wirr und unverständlich. Denn wenn der Geist auch nicht gänzlich verfinstert ist wie bei den Ungläubigen, so ist er doch sozusagen in Nebel gehüllt. Der Herr läßt uns zeitweise in einen derartigen Stumpfsinn verfallen, um uns durch das Gefühl unseres eigenen Unvermögens zu demütigen. Die er aber durch seinen Geist erleuchtet, läßt er so weit kommen, daß ihnen jenes Wort aufs innigste vertraut wird. Das ist der Sinn der folgenden Worte: „Es kommt aber die Zeit;“ das soll nämlich heißen: die Stunde wird bald kommen, wo ich mit euch nicht mehr bildlich reden werde. Ganz sicher hat der Geist die Apostel nichts anderes gelehrt, als was sie aus dem Munde Christi selber vernommen hatten. Aber mit den Strahlen, die er ihnen ins Herz sandte, vertrieb er die Finsternis, so daß sie Christus gleichsam auf eine neue, andere Weise reden hörten und den Sinn seiner Worte mit leichter Mühe erfaßten. Wenn er sagt, er werde „vom Vater verkündigen“, so gibt er damit das Hauptstück seiner Lehre an: er will uns zu Gott führen, auf dem alles Glück beruht, das beständig ist. Doch bleibt noch eine Frage: Wieso sagt er an anderer Stelle, den Jüngern sei es gegeben, die Geheimnisse des Reiches Gottes zu kennen, während er hier behauptet, er habe in Rätselworten zu ihnen geredet? Dort, Matthäus 13, 11, unterscheidet er zwischen ihnen und dem Volk, weil er vor dem Volke in Gleichnissen rede. Ich antworte: So unreif waren die Jünger nun auch nicht, daß sie nicht wenigstens von ferne bemerkt hätten, was der Meister wollte. Er nimmt sie durchaus nicht ohne Grund aus der Schar der Blinden heraus. Jetzt sagt er zwar, er habe bis dahin bildlich zu ihnen geredet; doch gilt das im Vergleich mit der strahlenden Helle der Einsicht, die er ihnen bald darauf durch die Gnade seines Geistes schenken wollte. Also war beides wahr: bei weitem überragten sie die, denen das Wort des Evangeliums unverständlich war, und doch waren sie noch Anfänger im Hinblick auf die neue Weisheit, die ihnen der Geist brachte.

V. 26. „An demselben Tage ...“ Noch einmal sagt er, weshalb sich in jener Zeit die himmlischen Schatzkammern so frei auftun werden: weil die Jünger im Namen Christi um alles bitten werden, was sie brauchen. Gott aber wird ihnen nichts vorenthalten, um das sie ihn im Namen seines Sohnes bitten. Doch scheint ein Widerspruch in den Worten zu liegen. Denn gleich anschließend sagt Christus, es werde gar nicht nötig sein, daß er den Vater bitte. Welchen Sinn hätte es aber, in seinem Namen zu bitten, wenn er das Amt des Fürsprechers gar nicht übernimmt? Dabei nennt Johannes ihn doch an anderer Stelle unseren Beistand (1. Joh. 2, 1). Auch Paulus bezeugt, jetzt trete er für uns ein (Röm. 8, 34); der Verfasser des Hebräerbriefes bestätigt es (Hebr. 7, 25). Ich antworte: Christus sagt an dieser Stelle nicht einfach, er trete nicht für die Jünger ein, sondern er will nur sagen, der Vater werde den Jüngern so geneigt sein, daß er ihnen ohne irgendeine Schwierigkeit von selbst geben will, was sie ihn bitten. Er sagt: Der Vater wird euch entgegenkommen und wird in seiner unendlichen Liebe zu euch dem Fürsprecher, der sonst für euch redete, zuvorkommen. Wenn es übrigens heißt, Christus trete beim Vater für uns ein, so wollen wir uns keine fleischliche Vorstellung von ihm machen, als wolle er dem Vater zu Füßen fallen und bestürme ihn mit flehentlichen Bitten. Vielmehr besteht sein unaufhörliches Eintreten für uns in der Kraft seines Opfers, durch das er einmal Gott mit uns versöhnt hat, in seinem Blut, durch das er unsere Sünden sühnte, und in dem Gehorsam, den er leistete. Diese Stelle lehrt uns besonders deutlich, daß wir Gott ans Herz greifen, sobald wir ihm den Namen des Sohnes entgegenhalten.

V. 27. „Denn er selbst...“ Diese Worte nennen uns das einzige Band, das uns mit Gott verbindet: die Gemeinschaft mit Christus. Mit ihm aber verbindet uns ein Glaube, der nicht geheuchelt ist, sondern aus einer aufrichtigen Empfindung erwächst, die er als „Lieben“ bezeichnet. Denn reinen Glauben an Christus hat nur, wer ihn ganz ins Herz schließt. Darum hat er mit diesem Wort Kraft und Wesen des Glaubens treffend ausgedrückt. - Die Worte scheinen zu besagen, daß Gott uns erst dann zu lieben beginnt, wenn wir Christus liebgewonnen haben. Daraus aber würde folgen, daß wir selbst den Anfang unseres Heils wirken, weil wir der Gnade Gottes zuvorkommen. Diesem Satz widersprechen aber sehr viele Zeugnisse der Schrift. Gottes Verheißung lautet: Ich werde bewirken, daß sie mich lieben. Und Johannes sagt: Nicht, als ob wir ihn zuerst geliebt hätten (1. Joh. 4, 10). Es wäre überflüssig, noch mehr Stellen zusammenzutragen, denn nichts ist gewisser als diese Lehre: daß Gott ruft, was nicht ist; daß er Tote auferweckt; daß er Menschen, die ihm fernstehen, an sich bindet; daß er aus steinernen Herzen fleischerne macht, daß er denen erscheint, die ihn nicht suchen. - Ich möchte den Widerspruch folgendermaßen auflösen: Die Menschen, die zu den Erwählten gehören, werden vor ihrer Berufung von Gott auf verborgene Weise geliebt, der ja all die Seinen liebt, bevor sie geschaffen worden sind; da sie aber noch nicht versöhnt sind, gelten sie mit Recht als Feinde Gottes, wie auch Paulus (Röm. 5, 10) sagt. - Dementsprechend heißt es hier, Gott liebe uns, wenn wir Christus lieben. In Christus nämlich haben wir ein Pfand für die Väterliche dessen, in dem wir vorher mit Schaudern den uns feindlich gesinnten Richter sahen.

V. 28. „Ich bin vom Vater ausgegangen ...“ Diese Worte weisen uns auf die göttliche Kraft hin, die in Christus wirksam ist. Denn der Glaube an ihn hätte keinen festen Bestand, wenn er sich nicht auf seine göttliche Macht richtete. Sein Tod und seine Auferstehung hülfen uns nichts, wohnte ihnen nicht eine himmlische Kraft inne. Nun aber wissen wir genau, wie wir Christus ehren sollen: nämlich so, daß unser Glaube die Weisheit und die Kraft Gottes bedenkt, dessen Hand uns ebendiesen Glauben darbietet. Man soll es nicht unbeteiligt hinnehmen, daß er von Gott ausgegangen ist, sondern soll gleichzeitig festhalten, weshalb oder zu welchem Zweck er es getan hat: um Weisheit, Heiligung, Gerechtigkeit und Erlösung für uns zu sein (1. Kor. l, 30). Im zweiten Teil des Satzes, den Christus alsbald folgen läßt, ist von der beständigen Dauer dieser Kraft die Rede. Die Jünger hätten nämlich denken können, die Sendung eines Erlösers für die Welt sei nur eine Wohltat von begrenzter Dauer. Das war es also, weshalb er sagte, er kehre zum Vater zurück: sie sollten zu der festen Oberzeugung kommen, ihnen gehe keines der von ihm gebrachten Güter durch sein Hinscheiden verloren, weil er aus seiner himmlischen Herrlichkeit Kraft und Wirkung seines Todes und seiner Auferstehung sich in die Welt ergießen lasse. Er ließ also zwar die Welt hinter sich, als er, unsere Schwachheiten hinter sich lassend, in den Himmel aufgenommen wurde; trotzdem ist seine Gnade zu uns noch lebendig, weil er zur Rechten des Vaters sitzt, um die Herrschaft über die ganze Well in die Hand zu nehmen.

32 Siehe, es kommt die Stunde und ist schon gekommen, daß ihr zerstreut werdet, ein jeglicher in das Seine, und mich allein lasset. Aber ich bin nicht allein, denn der Vater ist bei mir. 33 Solches habe ich mit euch geredet, daß ihr in mir Frieden habet. In der Welt habt ihr Angst; aber seid getrost, ich habe die Welt überwunden.

V. 32. „Siehe, es kommt...“ Diese Richtigstellung soll uns wissen lassen: Christus wird nichts entzogen, wenn die Menschen ihn verlassen. Seine Wahrheit und Herrlichkeit haben in ihm selbst ihren Grund, und Christus hängt nicht vom Glauben der Welt ab; wenn sie ihn etwa ganz im Stich lassen sollte, bleibt er trotz allem unberührt: Gott bedarf keiner fremden Hilfe. „Denn der Vater ist bei mir“, heißt nichts anderes, als daß Gott auf Christi Seite stehen wolle. Er wird es daher nicht nötig haben, irgend etwas von den Menschen zu nehmen. Wer dies recht bedenkt, wird auch dann fest stehen, wenn die ganze Welt ins Wanken gerät; auch wenn alle anderen abfallen, wird das seinen Glauben nicht erschüttern. Denn wir erweisen Gott nicht die schuldige Verehrung, wenn wir uns nicht an ihm allein genügen lassen.

V. 33. „Solches habe ich mit euch geredet...“ Wieder einmal prägt er ihnen ein, wie nötig der Trost ist, den er ihnen zugesprochen hatte. Er beweist damit, daß in der Welt sehr viel Trübsal und Versuchung auf sie wartet. Zu beachten ist also erstens die Mahnung, alle Frommen sollten sich darauf gefaßt machen, daß sie viel Leid erdulden müßten: sie sollen sich an Geduld gewöhnen. Wenn die Welt uns daher wie ein sturmgepeitschtes Meer umbrandet, werden wir nur in Christus wahren Frieden finden. - Ferner ist zu beachten, wie wir - nach seinen Worten - diesen Frieden genießen sollen. Er sagt, sie würden Frieden haben, wenn sie in seiner Lehre weiter verharrten. Liegt uns also daran, inmitten von Anfechtungen ein ruhiges und sorgenfreies Herz zu haben, dann wollen wir aufmerksam dieser Rede Christi lauschen, die uns den Frieden bringt, der in ihm liegt.

„Aber seid getrost...“ Zwar soll durch mannigfache Anfechtungen unsere Schlaffheit beseitigt werden, sollen wir aufwachen, um nach einem Mittel gegen das Böse zu suchen. Aber der Herr will nicht etwa, daß wir den Mut verlieren, sondern daß wir eifrig kämpfen. Das ist aber nur dann möglich, wenn wir gewiß sind, daß das Ende gut ist. Denn in einem Kampf, dessen Ausgang ungewiß ist, wird unser Eifer bald ganz erlahmen. Wenn Christus uns darum zum Kampf ruft, so erfüllt er uns mit fester Siegeszuversicht, obwohl wir jetzt noch alle Kräfte anspannen müssen. Weil wir ferner stets zur Ängstlichkeit neigen, belehrt er uns: wir müßten deshalb Vertrauen haben, weil er nicht für sich selbst, sondern um unsertwillen die Welt besiegt habe. Der Anblick seiner erhabenen Herrlichkeit, zu der wir unser Haupt erhoben haben, will uns fast überwältigen. Darum werden wir alles Böse, das auf uns eindringt, in gelassener Sicherheit verachten können. Wenn wir daher Christen sein wollen, dürfen wir nicht danach trachten, daß uns das Kreuz erspart bleibt. Vielmehr wollen wir uns damit begnügen, auch mitten im Kampf außer Gefahr zu sein, weil wir unter Christi Führung kämpfen. Unter Welt faßt Christus hier alles zusammen, was dem Heil der Frommen im Wege ist. Das sind insbesondere alle Versuchungen, die der Satan dazu mißbraucht, uns nachzustellen.

Aus: Otto Weber, Johannes Calvins Auslegung der Heiligen Schrift. Vierzehnter Band: Das Johannes Evangelium, Neukirchener Verlag, 1964, S. 400ff.
Tod, wo ist dein Stachel? Totenreich, wo ist dein Sieg? 1Kor 15,55

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Beitragvon Joschie » 23.05.2010 07:37

Pfingstsonntag: Johannes 14,23-27 - täglich mehr durch Gottes Gaben bereichert werden
von Johannes Calvin
''Wir müssen also festhalten, was Christus vorhat: er selbst und der Vater werden kommen, um die Gläubigen in ihrem dauernden Vertrauen auf die Gnade zu stärken.''


Johannes 14,23-27

23 Jesus antwortete und sprach zu ihm: Wer mich liebt, der wird mein Wort halten; und mein Vater wird ihn lieben, und wir werden zu ihm kommen und Wohnung bei ihm machen. 24 Wer aber mich nicht liebt, der hält meine Worte nicht. Und das Wort, das ihr höret, ist nicht mein, sondern des Vaters, der mich gesandt hat.

V. 23. „Jesus antwortete und sprach zu ihm: Wer mich liebt...“ Schon vorher haben wir dargelegt, daß Gottes Liebe nicht auf den zweiten Rang verwiesen wird, als folge sie unserer Frömmigkeit und habe in dieser ihren Grund. Sondern die Gläubigen sollen den festen Glauben haben, daß der Gehorsam, den sie dem Evangelium leisten, Gott angenehm ist, und sie sollen eine wiederholte Zunahme der ihnen gewordenen Gaben von ihm erwarten. Wir werden zu ihm kommen. D. h.: zu dem, der mich liebt; er wird fühlen, wie Gottes Gnade sich auf ihm niederläßt, und wird täglich mehr durch Gottes Gaben bereichert werden. Er spricht also nicht von jener ewigen Liebe, die er uns schon vor unserer Geburt, ja vor der Erschaffung der Welt zuwandte, sondern von der Liebe, die er in unser Herz gibt, indem er uns zu seinen Söhnen macht. Und nicht einmal an die erste Erleuchtung denkt er, sondern an die Schritte des Glaubens, in denen die Gläubigen beständig vorwärtsgehen sollen, nach dem Wort: Wer da hat, dem wird gegeben werden. - Zu Unrecht also finden die Papisten in dieser Stelle eine doppelte Liebe ausgedrückt, die wir Gott erweisen. Sie stellen es so hin, daß wir Gott von Natur aus lieben, bevor er uns durch seinen Geist von neuem geboren werden läßt, und daß wir durch diese Vorbereitung auch die Gnade der Wiedergeburt verdienen. Dabei lehrt die Schrift doch überall, ruft doch auch die Erfahrung uns vernehmlich zu, daß wir erbitterte Feinde Gottes und von unversöhnlichem Haß gegen ihn erfüllt sind, bis er unser Herz verwandelt. Wir müssen also festhalten, was Christus vorhat: er selbst und der Vater werden kommen, um die Gläubigen in ihrem dauernden Vertrauen auf die Gnade zu stärken.

V. 24. „Wer aber mich nicht liebt ...“ Die Gläubigen leben in der Welt, unter den Ungläubigen, und es ist nicht zu vermeiden, daß sie wie auf unruhiger See hin und her geworfen werden. Darum stärkt Christus sie wieder durch diese Mahnung, damit sie sich nicht durch schlechte Beispiele auf Abwege bringen lassen. Mit andern Worten sagt er: Schaut nicht auf die Welt und macht euch nicht abhängig von ihr! Denn es wird immer Menschen geben, die mich und meine Lehre verachten. Ihr aber haltet an der Gnade, die ihr einmal ergriffen habt, bis zum Ende standhaft fest! - Außerdem macht er deutlich, daß die Welt, wenn sie m ihrer Blindheit zugrunde geht, die verdiente Strafe für ihre Undankbarkeit erhält. Durch ihre Verachtung der wahren Gerechtigkeit gibt sie ja einen ruchlosen Haß gegen Christus zu erkennen.

„Und das Wort, das ihr höret . ..“ Der Starrsinn der Welt soll die Jünger nicht wankend machen. Deshalb gibt Christus seiner Lehre wieder Gewicht, indem er bezeugt, sie stamme von Gott und sei nicht von Menschen auf der Erde ersonnen. Die Unerschütterlichkeit unseres Glaubens beruht auf unserem Wissen darum, daß Gott unser Führer ist und wir nirgendwo sonst als in seiner ewigen Wahrheit unseren Grund haben. Mag die Welt in ihrer Dreistigkeit sich noch so unsinnig gebärden, wir wollen der Lehre Christi folgen, die Himmel und Erde weit überragt. Wenn er sagt, die Hede sei nicht die seine, so stellt er sich damit auf eine Stufe mit seinen Jüngern, als sage er, sie sei nicht menschlicher Art, weil er getreulich weitergebe, was der Vater ihm aufgetragen habe. Wir wissen jedoch: insofern er die ewige Weisheit Gottes ist, stellt er die einzige Quelle aller Lehre dar, und durch seinen Geist haben alle Propheten von Anfang an geredet.

25 Solches habe ich zu euch geredet, während ich bei euch gewesen bin. 26 Aber der Tröster, der Heilige Geist, welchen mein Vater senden wird in meinem Namen, der wird euch alles lehren und euch erinnern alles des, was ich euch gesagt habe. 27 Den Frieden lasse ich euch, meinen Frieden gebe ich euch. Nicht gebe ich euch, wie die Welt gibt. Euer Herz erschrecke nicht und fürchte sich nicht.

V. 25. „Solches habe ich zu euch geredet ...“ Diese Worte läßt er deshalb folgen, damit sie nicht den Mut verlieren, mögen sie auch nicht so weit gekommen sein, wie es zu wünschen wäre. Denn damals streute er den Samen der Lehre aus, der eine Zeitlang leblos in den Jüngern verborgen lag. So ermahnte er sie voller Hoffnung zu sein, bis die Lehre Frucht bringe, obwohl sie im Augenblick hätte nutzlos erscheinen können. Er erklärt also, in der Lehre, die Sie gehört hatten, stehe ihnen reicher Trost in Fülle offen, und sie sollten nirgends sonst danach suchen. Wenn ihnen das nicht gleich jetzt deutlich sei, sollten sie guten Mutes bleiben, bis der Geist sie von innen her belehre und ihnen in ihrem Kerzen dasselbe sage. Diese Mahnung ist für uns alle von großem Nutzen. Denn wenn wir nicht sofort alles begreifen, was Christus lehrt, dann beschleicht uns ein Gefühl des Überdrusses, und wir sind nicht gewillt, in einer so undurchsichtigen Angelegenheit uns eine Mühe zu machen, die zu nichts führt. Dabei müssen wir doch die Bereitschaft mitbringen, uns belehren zu lassen, müssen die Ohren aufmachen und beständig aufmerksam sein, wenn wir in Gottes Schule recht vorankommen wollen. Vor allem aber ist Geduld vonnöten, bis uns der Geist die Bedeutung der Dinge eröffnet, die wir allem Anschein nach so oft gelesen oder gehört haben. Darum soll unser Lerneifer nicht erschlaffen, wollen wir nicht in Verzweiflung geraten; wenn wir nicht sofort den Sinn der Worte Christi verstehen, sollen wir dessen gewiß sein, daß uns allen die Worte gelten: Der Geist wird euch schließlich erklären, was ich gesagt habe. - Zwar kündigt Jesaja den Ungläubigen als Strafe an, das Wort Gottes solle ihnen gleichsam ein verschlossenes Buch sein. Doch demütigt der Herr auch die Seinen meistens auf diese Weise. Deshalb müssen wir geduldig und still die Zeit der Offenbarung abwarten und dürfen nicht etwa deswegen das Wort verschmähen. Wenn Christus übrigens erklärt, es sei die eigentliche Aufgabe des Heiligen Geistes, die Apostel zu lehren, was sie schon aus seinem eigenen Mund erfahren hatten, so folgt daraus: die äußere Predigt wird ohne den geringsten Erfolg bleiben, wenn nicht die Belehrung durch den Geist hinzutritt. Gott lehrt also auf zweifache Weise. Einerseits spricht er unser Ohr durch Menschenmund an, andererseits redet er innerlich durch seinen Geist zu uns. Und beides tut er bald in ein und demselben Augenblick, bald zu verschiedenen Zeiten, je nachdem es ihm richtig erscheint. Man beachte aber, worum es sich bei allen diesen Dingen handelt, über die uns der Geist nach der Verheißung Christi belehren wird: Er wird euch erklären, spricht er, oder ins Gedächtnis zurückrufen, was immer ich gesagt habe. Der Geist wird also keine neuen Offenbarungen bringen. Mit diesem einen Wort kann man all die Erfindungen widerlegen, die der Satan unter dem Deckmantel des Geistes von Anfang an hat in die Kirche eindringen lassen. Mohammed und der Papst sind sich einig in dem Grundsatze, nicht die ganze Lehre sei in der Schrift enthalten, sondern der Geist habe noch etwas Höheres offenbart. Aus derselben Quelle haben zu unserer Zeit die Wiedertäufer und Libertinisten ihren Unsinn bezogen. Und doch steht es so, daß jeder, der ein Phantasiegebilde von außen heranträgt, das dem Evangelium fremd ist, zwar nicht Christus, wohl aber den Geist betrügt. Denn Christus verheißt einen Geist, der die Lehre des Evangeliums gleichsam durch seine Unterschrift bestätigt. Was es heißt, der Geist werde vom Vater in Christi Namen ausgesandt, habe ich oben ausgeführt.

V. 27. „Den Frieden lasse ich euch ...“ Unter Frieden versteht Christus glückliches Ergehen, wie die Menschen es sich zu wünschen pflegen, wenn sie sich treffen oder auseinandergehen. Denn das bedeutet Friede im Hebräischen. Er spielt also auf den Brauch seines Volkes an, als sagte er: Ich lasse euch meinen Abschiedsgruß zurück. Aber bald darauf sagt er, dieser Friede bedeute viel mehr als gewöhnlich unter den Menschen. Diese nämlich führen den Frieden meistens ganz gedankenlos und nur, weil es so üblich ist, im Munde; und selbst wenn sie ihn jemandem ernstlich wünschen, können sie ihn doch nicht schenken. Christus aber behauptet, sein Friede sei nicht nur Inhalt eines leeren, nichtigen Wunsches, sondern dieser Wunsch sei mit der Erfüllung verknüpft. Er gehe zwar leiblich von ihnen, aber sein Friede bleibe; das heißt, durch seinen Segen sollten sie stets glücklich sein.

„Euer Herz erschrecke nicht ...“ Wieder tritt er der Angst entgegen, die seine Jünger infolge seines drohenden Hinscheidens befallen hatte. Er behauptet, es sei kein Grund zur Angst vorhanden. Nur den Anblick seiner leiblichen Gestalt müßten sie entbehren, kämen aber durch den Geist in den Genuß seiner wirklichen Gegenwart. Auch wir wollen lernen, uns mit dieser Form seiner Gegenwart zu begnügen, und nicht dem Fleisch nachgeben, das Gott immer an die äußerlichen Gebilde der eigenen Phantasie bindet.

Aus: Otto Weber, Johannes Calvins Auslegung der Heiligen Schrift. Vierzehnter Band: Das Johannes-Evangelium, Neukirchener Verlag, 1964, S. 363ff.
Tod, wo ist dein Stachel? Totenreich, wo ist dein Sieg? 1Kor 15,55

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Joschie
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Beitragvon Joschie » 24.05.2010 09:13

Pfingstmontag: Matthäus 16,13-19 - außer Christus kein Grund der Gemeinde
von Johannes Calvin
''So erinnert auch Augustin sehr klug daran, daß nicht petra, der Fels, von Petrus abgeleitet wurde, sondern daß Petrus von petra herkommt, so wie wir Christen alle unseren Namen von Christus haben. Um mich kurz zu fassen: Wir halten uns unbeirrt an das Wort des Paulus (1. Kor. 3, 11), daß die Gemeinde außer Christus allein keinen andern Grund haben kann''.


Matthäus 16,13-19

13 Da kam Jesus in die Gegend von Cäsarea Philippi und fragte seine Jünger und sprach: Wer sagen die Leute, daß des Menschen Sohn sei? 14 Sie sprachen: Etliche sagen, du seiest Johannes der Täufer; andere du seiest Elia, wieder andere, du seiest Jeremia oder der Propheten einer. 15 Er sprach zu ihnen: Wer sagt denn ihr, daß ich sei? 16 Da antwortete Simon Petrus und sprach: Du bist Christus, des lebendigen Gottes Sohn! 17 Und Jesus antwortete und sprach zu ihm: Selig bist du, Simon, Jonas Sohn; denn Fleisch und Blut hat dir das nicht offenbart, sondern mein Vater im Himmel. 18 Und ich sage dir auch: Du bist Petrus, und auf diesen Fels will ich bauen meine Gemeinde, und die Pforten der Hölle sollen sie nicht überwältigen. 19 Ich will dir des Himmelreichs Schlüssel geben, und alles, was du auf Erden lösen wirst, soll auch im Himmel los sein.

Matth. 16, 13. „In die Gegend von Cäsarea Philippi.“ Nach Markus hat sich dieses Gespräch auf dem Weg abgespielt, nach Lukas dagegen, während Christus betete und niemand bei ihm war außer seinen Jüngern. Matthäus gibt die Zeit nicht so genau an. Es steht jedoch fest, daß die drei die gleiche Geschichte berichten, und es ist möglich, daß Christus bei einer Wanderung, nachdem er bei irgendeiner Raststelle gebetet hatte, diese Frage an die Jünger richtete. Da es zwei Cäsarea gab, das alte und vornehmere, das früher Turm des Strato hieß, und das hier gemeinte, das am Fuß des Libanon lag, nicht weit vom Jordan entfernt, ist der Zusatz zur Unterscheidung hinzugefügt. Einige meinen zwar, es sei an derselben Stelle aufgebaut, wo einst die Stadt Dan war; doch weil der Vierfürst Philippus es kürzlich aufgebaut hatte, hieß es nach ihm.

„Wer sagen die Leute, daß des Menschen Sohn sei?“ Der Sinn dieser Frage könnte so aussehen: Was redet man im Volk über den Erlöser, der Menschensohn geworden ist? Doch ist die Frage gerade umgekehrt gemeint: Was denken die Leute über Jesus, den Sohn der Maria? Dabei gebraucht Christus nach seiner Gewohnheit den Namen Menschensohn, als wenn er sagen wollte: Wie lautet das Urteil über mich, der ich nun Fleisch geworden bin und auf der Erde weile, ganz wie einer von den Menschen? Wie wir gleich sehen werden, war es Christi Absicht, seine Jünger in einem gewissen Glauben zu verankern, damit sie nicht bei den mancherlei Gerüchten über ihn hin und her schwankten.

Matth. 16, 14. „Etliche sagen, du seiest Johannes.“ Hier handelt es sich nicht um ausgesprochene Feinde Christi, auch nicht um gottlose Verächter, sondern um den noch gesünderen und weniger verdorbenen Teil des Volkes, gewissermaßen die auserlesene Blüte der Gemeinde. Denn die Jünger erwähnen nur solche, die mit Ehrerbietung über Christus sprechen. Und obwohl ihnen nun doch die Wahrheit vorgehalten wurde, trifft keiner von ihnen ins Schwarze, sondern sie verlieren sich alle in eigenen törichten Gedanken. Wir sehen daraus, wie beschränkt der menschliche Geist doch ist, daß er nicht nur von sich aus nichts Richtiges und Wahres erkennen kann, sondern auch noch wahre Grundsätze zu Irrtümern verdreht. Obwohl Christus das einige Zeichen für die Eintracht und den Frieden ist, durch das Gott die ganze Welt zu sich versammelt, nehmen viele das doch gerade zum Anlaß, um sich erst recht darüber zu streiten. Auch für die Juden konnte die Einheit des Glaubens nur in Christus bestehen. Aber gerade hier trennen sich nun die Ansichten, die doch früher einigermaßen übereinzustimmen schienen. Wir sehen auch, wie ein Irrtum den nächsten erzeugt: Da sich im Herzen des Volkes die Meinung festgesetzt hatte, daß die Seelen nach dem Tod des Menschen in einen anderen Körper übergingen, konnten sie überhaupt nur auf diese falschen Vorstellungen über Christus kommen. Doch wie zwiespältig die Juden auch durch das Kommen Christi unter sich wurden, den Frommen sollte das Gewirr der Meinungen nicht zum Hindernis werden, nach der wahren Erkenntnis über ihn zu streben. Denn wenn sich jemand unter einem solchen Vorwand der Trägheit hingibt und versäumt, nach Christus zu fragen, gibt es für ihn keine Entschuldigung. Um so weniger wird einer dem Gericht Gottes entkommen, wenn er wegen solcher Spaltungen vor Christus zurückschrickt und sich die falschen Ansichten der Leute zum Grund für seine Geringschätzung werden läßt, so daß er es gar nicht erst für der Mühe wert hält, sich Christus anzuschließen.

Matth. 16, 15. „Wer sagt denn ihr, daß ich sei?“ Hier nimmt Christus seine Jünger vom übrigen Volk aus, damit es noch deutlicher wird, wie unsinnig es ist, wenn wir uns von der Einheit des Glaubens abbringen lassen, mögen die andern auch noch so sehr unter sich gespalten sein. Denn alle, die sich Christus aufrichtig ergeben und niemals versuchen, aus ihrem Kopf etwas zu dem Evangelium dazuzuerfinden, wird das helle Licht keinen Augenblick verlassen. Doch dazu braucht man gespannte Wachsamkeit, um beständig an Christus festzuhalten, wenn die ganze Welt zu ihren falschen Erfindungen abfällt. Da Satan den Juden nicht nehmen konnte, was ihnen über das Kommen Christi im Gesetz und den Propheten zugesagt war, veränderte er den Christus und zerschnitt ihn gewissermaßen in Teile; auf diese Weise hielt er ihnen eine Reihe falscher Christusgestalten vor, damit der wahre Erlöser darunter verschwinde. Er hat auch später nicht aufgehört, Christus zu entstellen oder ihm eine ganz fremde Gestalt zu geben. Darum soll unter den unklaren, verworrenen Stimmen der Welt immer dieses Wort Christi an unser Ohr dringen, das uns von den schwankenden, irrenden Menschen trennt, damit wir nicht auch zu der großen Mehrheit gehören und unser Glaube den verschiedenen Meinungsströmungen ausgesetzt ist.

Matth. 16, 16. „Du bist Christus.“ Es ist ein kurzes Bekenntnis, aber es schließt die ganze Fülle unseres Heils in sich. Denn unter dem Namen „Christus" wird sein ewiges Königreich und Priestertum zusammengefaßt, wodurch er uns mit Gott versöhnt, mit seinem Sühnopfer die vollkommene Gerechtigkeit für unsere Sünden erlangt und uns, die wir in seinen Frieden und seinen Schutz aufgenommen sind, auch dabei bewahrt, uns verherrlicht und durch alle Arten seines Segens reich macht. Markus hat nur: „Du bist der Christus“, Lukas darüber hinaus: „Der Christus Gottes“. Der Sinn ist jedoch der gleiche. Denn als Gesalbten Gottes, und das heißt ja Christus, bezeichnete man einst auch die Könige, die von Gott gesalbt worden waren. Denselben Ausdruck hat Lukas (vgl. 2, 26) gebraucht, als er erzählte, Simeon sei eine Antwort vom Himmel gegeben worden, daß er nicht sterben sollte, bevor er den Christus des Herrn gesehen hätte. Denn die Erlösung, die Gott durch seinen Sohn darbot, war ein durch und durch göttliches Werk. Darum mußte der zukünftige Erlöser durch die Salbung Gottes ausgezeichnet sein und vom Himmel kommen. Bei Matthäus ist der Ausruf noch klarer: „Sohn des lebendigen Gottes“. Denn wenn Petrus vielleicht auch noch nicht so genau begriff, inwiefern Christus von Gott abstammte, so hielt er ihn doch für so einzigartig, daß sein Ursprung bei Gott sein mußte, und zwar nicht in der Form wie die anderen Menschen, sondern damit in seinem Fleisch die lebendige, wahre Gottheit wohne. Wenn Gott der „Lebendige" genannt wird, so wird damit unterschieden zwischen ihm und den toten Götzen, die ein Nichts sind.

Matth. 16, 17. „Selig bist du, Simon.“ Wenn das ewige Leben so aussieht, daß man den einigen Gott erkennt und den, den er gesandt hat, Jesus Christus, so nennt Christus Petrus mit vollem Recht selig, weil er das von ganzem Herzen bekannt hat. Doch sagte er das nicht nur für Petrus allein, sondern er wollte damit zeigen, wo die einzige Glückseligkeit für die ganze Welt liegt. Damit jeder einzelne mit um so größerer Sehnsucht nach Christus verlangt, muß man zuerst betonen, daß alle von Natur aus elend und verdammt sind, bis sie in Christus Heilung finden. Dazu kommt, daß dem, der von Christus ergriffen ist, gar nichts mehr zur vollkommenen Seligkeit fehlt, da man ja nichts Besseres wünschen kann als die ewige Herrlichkeit Gottes, zu deren Besitz uns Christus hinführt.

„Fleisch und Blut hat dir das nicht offenbart.“ Anhand der Gestalt dieses einen Menschen erinnert Christus alle daran, daß der Glaube von seinem Vater erbeten werden muß und daß er allein der Gnade Gottes zuzuschreiben ist. Denn „Fleisch und Blut" wird hier der besonderen Erleuchtung durch Gott gegenübergestellt. Wir sehen daraus, daß dem menschlichen Geist die Fähigkeit fehlt, die Geheimnisse der himmlischen Weisheit, die in Christus verborgen sind, zu erfassen. Ja, alle menschlichen Sinne versagen in dieser Beziehung, bis uns Gott die Augen öffnet, damit wir seine Herrlichkeit in Christus erkennen. Niemand soll sich darum auf seinen Verstand verlassen und sich stolz hervortun, sondern wir sollen uns demütig von dem Vater des Lichts innerlich darüber belehren lassen, daß allein sein Geist unsere Finsternis erhellen kann. Wem aber der Glaube bereits geschenkt ist, möge sich an seine eigene Blindheit erinnern und, dankbar für das Empfangene, lernen, Gott zu geben, was Gottes ist.

Matth. 16, 18. „Und ich sage dir auch.“ Mit diesen Worten erklärt Christus, wie sehr ihm das Bekenntnis des Petrus gefällt; darum schenkt er ihm auch eine so reiche Belohnung. Denn obwohl er seinem Jünger Simon bereits den Beinamen Petrus gegeben und ihn aus freier Gnade zu seinem Apostel bestimmt hatte, tut er doch so, als wären diese Gnadengaben eine Belohnung für den Glauben, wie es in der Schrift des öfteren geschieht. Zudem wird Petrus einer doppelten Ehre gewürdigt: Die erste Aussage betrifft sein persönliches Heil, die zweite meint sein Apostelamt. Wenn Christus sagt: „Du bist Petrus“, so bestätigt er damit, daß er ihm diesen Beinamen damals nicht von ungefähr gegeben hat; denn er soll ein lebendiger Stein am Tempel Gottes sein und dauerhaft darin bleiben. Obwohl das auch für alle Gläubigen gilt, von denen jeder einzelne ein Tempel Gottes ist und die, im Glauben vereinigt, zusammen den einen Tempel Gottes bilden (vgl. Eph. 2, 20), wird doch Petrus unter den andern mit einer besonderen Betonung genannt, so wie ja jeder an seiner Stelle nach dem Maß der Gabe Christi mehr oder weniger empfängt.

„Auf diesen Felsen will ich bauen meine Gemeinde.“ Hier wird klar, inwiefern der Name „Fels“ (Petrus) sowohl für Simon wie dann auch für die andern Gläubigen gedacht ist. Denn sie sind alle auf den Glauben an Christus gegründet und fügen sich in heiliger Einmütigkeit zur geistlichen Behausung zusammen, so daß Gott mitten unter ihnen wohnt. Christus erklärt, das sei das gemeinsame Fundament für die ganze Gemeinde und er wolle damit alle Gläubigen, die es in Zukunft in der Welt geben werde, Petrus zugesellen. Er hätte auch sagen können: Ihr seid zwar nur ein kleines Häuflein von Menschen, und darum fällt dieses euer Bekenntnis im Augenblick nur wenig ins Gewicht, aber bald wird die Zeit kommen, wo es großartig herauskommt und sich weit verbreitet. Das trug viel dazu bei, die Jünger in ihrer Standhaftigkeit zu bestärken; denn obgleich ihr Glaube noch unbekannt und von den andern verachtet war, waren sie doch die vom Herrn Erwählten, gewissermaßen Erstlinge, damit aus dem geringgeachteten Anfang endlich einmal die neue Gemeinde entstehe, die siegreich bleiben sollte gegenüber allen Angriffen der Hölle. Die weitere Zusage: „Die Pforten der Hölle sollen sie nicht überwältigen“, verheißt den Jüngern, daß die Gemeinde in ihrer Festigkeit von aller Macht des Satans nicht überwältigt werden wird; denn die Wahrheit Gottes, auf die sich ihr Glaube stützt, wird in Ewigkeit unerschütterlich bestehen. Diesem Satz entspricht auch die Stelle 1. Joh. 5, 4: „Unser Glaube ist der Sieg, der die Welt überwunden hat." Diese herrliche Verheißung ist besonders zu beachten: Alle in Christus Vereinten, die ihn als den Christus und Mittler anerkennen, werden bis zum Ende vor jeglichem Schaden bewahrt bleiben. Denn was von dem ganzen Leib gesagt wird, gilt auch für jedes einzelne seiner Glieder, sofern sie in Christus eins sind. Wir werden hier jedoch auch daran erinnert, daß die Gemeinde, solange sie auf der Erde als Fremdling weilt, keine Ruhe haben, sondern vielen Anfeindungen ausgesetzt sein wird. Denn Christus erklärt darum, der Satan werde unterliegen, weil dieser als beständiger Feind der Gemeinde auftreten wird. Wie wir uns also im Vertrauen auf dieses Wort Christi getrost gegenüber dem Satan rühmen können und bereits im Glauben über alle seine Anschläge triumphieren, müssen wir auf der anderen Seite auch wissen, daß uns gewissermaßen das Signal geblasen ist, daß wir immer gerüstet und bereit sind, den Kampf aufzunehmen. Der Ausdruck „Pforten" soll zweifellos die Macht und das starke Bollwerk der Hölle bezeichnen.

Matth. 16, 19. „Ich will dir des Heimmelreichs Schlüssel geben.“ Hier beginnt Christus mit einer Auseinandersetzung über das öffentliche Amt der Apostel, dessen Würde mit einem doppelten Lob versehen wird. Christus nennt die Diener am Evangelium Türhüter des Himmelreichs, weil sie über seine Schlüssel verfügen. Und dann fügt er hinzu, sie hätten die Macht, zu binden und zu lösen, und zwar sei das auch im Himmel wirksam. Das Bild der Schlüssel paßt sehr gut auf das Lehramt. Luk. 11, 52 sagt Christus ja auch von den Schriftgelehrten und Pharisäern, sie hätten gleichsam die Schlüssel zum Himmelreich in der Hand, weil sie Ausleger des Gesetzes waren. Wir wissen ja, daß nur das Wort Gottes uns die Tür zum Leben auftun kann. Daraus folgt, daß den Dienern am Wort der Schlüssel gewissermaßen in die Hand gegeben ist. Daß von Schlüsseln in der Mehrzahl die Rede ist, erklären manche Ausleger damit, daß die Apostel ja nicht nur den Auftrag haben zu öffnen, sondern auch zu schließen. Das klingt ganz glaubwürdig, wenn man es aber weniger scharfsinnig auffassen möchte, verfehlt man auch nicht den Sinn. Man muß jedoch fragen, warum der Herr erst jetzt verheißt, daß er Petrus die Schlüssel geben werde, wo es doch früher so schien, als habe er sie ihm mit der Wahl zum Apostel bereits anvertraut. Die Antwort habe ich schon in Matth. 10 gegeben, wo ich gesagt habe, daß jene zwölf anfänglich nur Herolde auf Zeit waren. Als sie dann zu Christus zurückkehrten, hatten sie ihren Auftrag erfüllt. Erst nachdem Christus von den Toten auferstanden war, begann ihre Tätigkeit als ordentliche Lehrer der Gemeinde. Im Blick auf diese kommende Zeit wird ihnen diese Ehre hier übertragen.

„Was du auf Erden binden wirst.“ Das zweite Bild oder Gleichnis gibt im eigentlichen das Vergeben der Sünden wieder. Denn Christus, der uns durch sein Evangelium von der Strafe des ewigen Todes befreit, löst die Fesseln der Verdammung, mit denen wir gebunden sind. Er bezeugt hier also, daß die Predigt des Evangeliums dazu bestimmt ist, unsere Bande zu lösen, so daß wir, wenn wir durch das Wort und das Zeugnis von Menschen gelöst sind, tatsächlich auch im Himmel los sind. Aber da sehr viele nicht nur die dargebotene Erlösung in gottloser Weise verschmähen, sondern sich durch ihren Trotz ein noch schwereres Urteil zuziehen, wird den Dienern am Evangelium auch die Vollmacht und der Auftrag zum Binden gegeben. Doch muß man beachten, daß das eigentlich etwas dem Evangelium Fremdes und gewissermaßen gegen seine Natur ist. So schreibt auch Paulus, als er über die Strafe spricht, die er für alle Ungläubigen und Aufrührer bereit hat, im Anschluß daran sofort: „wenn euer Gehorsam völlig geworden ist" (2. Kor. 10, 6). Denn wenn die Verworfenen nicht durch ihre Schuld das Leben in Tod verkehren würden, wäre das Evangelium für alle eine Kraft Gottes zur Seligkeit. Da jedoch beim Hören des Evangeliums die Gottlosigkeit vieler Menschen erst so richtig hervorbricht und den Zorn Gottes nur noch mehr herausfordert, muß das Evangelium für solche Leute ein Geruch des Todes werden. Christus will also mit seiner Verheißung die Seinen in dem Heil bestärken, das im Evangelium verheißen wird, daß sie es ebenso zuversichtlich erwarten, als wenn er selbst als Zeuge vom Himmel herabkäme. Umgekehrt will er aber auch den Verächtern des Evangeliums einen Schrecken einjagen, damit sie nicht glauben, sie könnten mit den Dienern am Wort ungestraft ihren Spott treiben. Beides war sehr nötig: Denn da uns der unvergleichliche Schatz des Lebens in zerbrechlichen Gefäßen angeboten wird (vgl. 2. Kor. 4, 7), würde das Vertrauen darauf jeden Augenblick ins Wanken geraten, wenn uns nicht auf diese Weise die Vollmacht der ewigen Verkündigung verbrieft würde. Auf der anderen Seite führen sich die Gottlosen so frech und übermütig auf, weil sie meinen, sie hätten es nur mit Menschen zu tun. Darum erklärt Christus, daß durch die Verkündigung des Evangeliums auf der Erde enthüllt werde, wie das himmlische Urteil Gottes einmal aussehen wird, und daß von nirgend anders her die Gewißheit über Leben und Tod zu erhoffen sei. Es ist dann eine große Ehre, daß wir Boten Gottes sind, um der Welt ihr Heil zu bezeugen. Das Herrlichste am Evangelium ist, daß es die Botschaft der gegenseitigen Versöhnung zwischen Gott und Menschen genannt wird. Und das ist dann ein wunderbarer Trost für die frommen Herzen, daß sie wissen, die Botschaft des Heils, die ihnen so ein sterbliches Menschlein bringt, hat Gültigkeit vor Gott. Inzwischen mögen die Gottlosen über die Botschaft, die im Auftrag Gottes verkündigt wird, spotten, solange es ihnen Spaß macht. Irgendwann einmal werden sie dann doch merken, wie wahr und wie ernst Gott ihnen durch den Mund von Menschen gedroht hat. Mit dieser Zuversicht gewappnet, können dann die frommen Lehrer für sich und für andere furchtlose Bürgen für die lebendig machende Gnade Gottes sein und genauso beherzt gegen die schroffen Verächter ihrer Verkündigung ihre Blitze schleudern. Nachdem ich nun den wahren Sinn dieser Worte deutlich auseinandergesetzt habe, dürfte alles klar sein, wenn nicht der römische Antichrist diese Stelle als Vorwand benutzte, um seine Tyrannei zu rechtfertigen, und es wagte, sie ebenso gottlos wie unverschämt von Grund aus zu verdrehen. Obgleich ebendieses Licht der richtigen Auslegung, mit dem ich gearbeitet habe, zu genügen scheint, um die Finsternis dieser Stelle zu erhellen, will ich die faulen Verdrehungen aufzeigen, nur kurz, damit fromme Leser nicht lange damit aufgehalten werden. Zunächst wird behauptet, Petrus heiße das Fundament der Gemeinde. Wer sieht jedoch nicht, daß das, was der Papst auf die Person eines Menschen bezieht, vom Glauben des Petrus an Christus gesagt ist? Ich gebe zu, daß im Griechischen der Name Petrus soviel bedeutet wie petra, der Fels. Nur ist der Eigenname attischer Herkunft, während das zweite Wort aus der Umgangssprache stammt. Aber diese beiden unterschiedlichen Formen hat Matthäus nicht unüberlegt gesetzt, damit man einfach nach Belieben das Geschlecht der beiden Worte vertauschen kann, sondern er wollte damit etwas anderes ausdrücken: Ich glaube, daß Christus in seiner Sprache damit einen Unterschied hervorhob. So erinnert auch Augustin sehr klug daran, daß nicht petra, der Fels, von Petrus abgeleitet wurde, sondern daß Petrus von petra herkommt, so wie wir Christen alle unseren Namen von Christus haben. Um mich kurz zu fassen: Wir halten uns unbeirrt an das Wort des Paulus (1. Kor. 3, 11), daß die Gemeinde außer Christus allein keinen andern Grund haben kann, und es ist eine Gotteslästerung, wenn der Papst ein anderes Fundament erfunden hat. Schon aus diesem einen Grund müssen wir die Tyrannei des Papsttums verachten. Es fehlen einem einfach die Worte, wenn man sieht, daß der Papst zu seinen Gunsten der Gemeinde das Fundament entzogen hat, damit der offene Schlund der Hölle die armen Seelen verschlinge. Dazu kommt, daß dieses Wort: „auf diesen Felsen“, noch gar nicht das öffentliche Amt des Petrus im Blick hat, sondern daß ihm damit nur unter den andern heiligen Steinen am Tempel Gottes eine von den besonderen Stellen zugeteilt wird. Was dann an ehrenden Worten folgt, bezieht sich allerdings auf das Apostelamt. Daraus folgt, daß Petrus nichts gesagt wird, was nicht auch für seine übrigen Kollegen zuträfe. Denn wenn sie die Apostelwürde gemeinsam haben, muß ihnen auch gemeinsam sein, was damit verbunden ist. Christus redet nun Petrus allein mit Namen an: Nun, wie er allein im Namen aller bekannte, daß Christus Gottes Sohn sei, so richtet Christus sein Wort nun auch an ihn allein; es trifft in gleicher Weise jedoch auch für die andern zu. Beachtenswert ist auch der Grund, den Cyprian und andere Ausleger anführen, daß Christus alle unter einer Person angeredet habe, um ihnen damit die Einheit der Kirche ans Herz zu legen. Man behauptet, Petrus würde allen anderen vorangestellt, weil ihm das ganz allein gesagt wurde. Damit erklärt man aber, er sei in höherem Maß Apostel gewesen als seine Amtsbrüder. Die Vollmacht, zu binden und zu lösen, läßt sich aber vom Lehr- und Apostelamt genauso wenig trennen wie die Wärme oder das Licht von der Sonne. Zugegeben aber, Petrus wäre ein wenig mehr zugestanden worden als den übrigen Aposteln, so daß er unter ihnen eine hervorragende Stelle eingenommen hätte, so ist es jedoch töricht, wenn die Papisten das dazu aufbauschen, daß ihm damit die erste Stelle, der Primat, gegeben sei und er das allgemeine Haupt der ganzen Kirche sei. Denn zwischen Würde und Herrschaft ist doch noch ein Unterschied, und es ist noch etwas anderes, unter einigen wenigen die höchste Ehrenstellung zu haben, als die ganze Welt unter seine Ellenbogen zu drücken. Und sicher hat Christus Petrus keine größere Last auferlegt, als er tragen konnte. Es ist ihm aufgetragen, der Türhüter des Himmelreichs zu sein, er soll durch Binden und Lösen die Gnade Gottes verwalten, und er soll Gottes Urteil auf der Erde vollstrecken; natürlich all das nur, soweit die Fähigkeit eines sterblichen Menschen zureicht. Was ihm also gegeben wurde, ist auf das Maß der Gnade zu beschränken, mit der er zum Aufbau der Gemeinde beschenkt wurde. So fallt also die unermeßliche Herrschaft, die die Papisten ihm zusprechen, dahin. Aber vorausgesetzt, über Petrus gäbe es überhaupt nichts zu streiten, so folgt daraus doch gar nichts für die Tyrannei des Papstes. Denn kein vernünftiger Mensch wird den Papisten zugestehen, daß das Sonderrecht, das sie an sich gerissen haben, Petrus hier dazu gegeben wurde, damit er es wie ein rechtmäßiges Erbe dann seinen Nachfolgern weitergebe. Es wird ihm gar nicht zugestanden, seinen Nachfolgern irgend etwas zu erlauben. So machen die Papisten aus einem ihnen fernstehenden Petrus einen sehr freigebigen Petrus. Endlich, wenn es auch eine apostolische Sukzession gäbe, kann der Papst doch nichts damit anstellen, solange er sich nicht als der rechtmäßige Nachfolger des Petrus erwiesen hat. Woher aber nimmt er den Beweis? Etwa weil Petrus in Rom gestorben ist? Dann wäre Rom ja durch den ruchlosen Mord des Apostels zu dieser Vorrangstellung gekommen! Aber die Papisten behaupten auch, er wäre dort Bischof gewesen. Daß das ein Märchen ist, habe ich ausführlich in meiner Institutio (Unterricht in der christlichen Religion) gezeigt, und ich halte es für besser, wenn man dort die völlige Behandlung dieses Arguments nachschlägt, als daß ich meine Leser hier mit Wiederholungen nur langweile. Hier sei zum Schluß nur noch kurz hinzugefügt: Wenn der römische Bischof auch zu Recht der Nachfolger des Petrus gewesen wäre, würde ihm doch das, was Christus den Nachfolgern des Petrus übertragen hat, nichts helfen, weil er sich durch seine Untreue diese Würde verscherzt hat. Daß der Hof des Papstes in Rom ist, weiß jeder; aber man kann dort keinen Anhaltspunkt für eine Kirche finden. Vor dem rechten Hirtenamt hat er ebensolchen Abscheu, wie er begierig für seine Vorherrschaft kämpft. Auf jeden Fall muß man das sagen: Wenn Christus auch nichts unterlassen hätte, die Erben des Petrus auszuzeichnen, so verschwenderisch wäre er nicht gewesen, daß er die ihm gebührende Ehre auf Abtrünnige übertragen hätte.

Aus: Otto Weber, Johannes Calvins Auslegung der Heiligen Schrift. Dreizehnter Band: Die Evangelien-Harmonie 2. Teil, Neukirchener Verlag, 1974, S. 58ff.
Tod, wo ist dein Stachel? Totenreich, wo ist dein Sieg? 1Kor 15,55

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Beitragvon Joschie » 30.05.2010 07:23

Exaudi: Johannes 15,26-16,4
von Johannes Calvin

„Und wenn die ganze Welt lärmt und tobt, besteht unser einziger Schutz ohne Zweifel darin, daß durch den Heiligen Geist Gottes Wahrheit in unsere Herzen gesenkt ist und verächtlich auf alles herabschaut, was der Welt angehört.“


Johannes 15,26-16,4

26 Wenn aber der Tröster kommen wird, welchen ich euch senden werde vom Vater, der Geist der Wahrheit, der vom Vater ausgeht, der wird zeugen von mir. 27 Und auch ihr werdet meine Zeugen sein, denn ihr seid von Anfang bei mir gewesen.

V. 26. „Wenn aber der Tröster kommen wird ...“ Christus hat zunächst einmal die Apostel darauf hingewiesen, sie dürften das Evangelium nicht darum verachten, weil es sogar in der Kirche viele Feinde habe. Jetzt stellt er dem gottlosen Wüten dieser Feinde das Zeugnis des Geistes entgegen: darauf soll das Gewissen der Apostel sich stützen, um so niemals ins Wanken zu geraten. Er sagt mit anderen Worten: Zwar wird die Welt sich wie rasend gegen mich gebärden: die einen werden eure Lehre verspotten, die anderen sie verfluchen. Aber keine Erschütterung wird stark genug sein, euch in eurem Glauben wankend zu machen, wenn euch erst der Heilige Geist gegeben ist, der euch durch sein Zeugnis stärken soll. Und wenn die ganze Welt lärmt und tobt, besteht unser einziger Schutz ohne Zweifel darin, daß durch den Heiligen Geist Gottes Wahrheit in unsere Herzen gesenkt ist und verächtlich auf alles herabschaut, was der Welt angehört. Denn wenn Gottes Wahrheit menschlichem Urteil unterstände, verlören wir hundertmal am Tag unsern Glauben. Es ist also genau darauf zu achten, wo wir inmitten so vieler Anfechtungen festen Stand gewinnen sollen: darin, daß wir nicht den Geist dieser Welt empfangen haben, sondern den Geist aus Gott, damit wir wissen, was Gott uns geschenkt hat (1. Kor. 2, 12). Dieser eine Zeuge zerschmettert, zersprengt und zerstört mit mächtiger Hand, was immer von dieser Welt hochgehalten wird, um Gottes Wahrheit zu verdunkeln oder zugrunde zu richten. Von den Menschen, die diesen Geist haben werden, ist nicht zu befürchten, daß sie über den Haß und die Verachtung der Welt in Verzweiflung geraten. Im Gegenteil: jeder einzelne von ihnen wird der ganzen Welt überlegen sein. Außerdem müssen wir uns davor hüten, auf Menschen zu sehen. Denn wenn der Glaube derart ziellos umherfährt, ja, schon wenn er nur erst das Heiligtum Gottes verlassen hat, verfällt er unausweichlich in klägliche Unsicherheit. Er wende sich also wieder dem verborgenen inneren Zeugnis des Geistes zu, das, wie die Gläubigen wissen, ihnen vom Himmel her gegeben ist. Daß aber der Geist von Christus zeugt, wird darum gesagt, weil er will, daß unser Glaube allein an Christus festen Halt findet und wir nirgends sonst auch nur den kleinsten Teil unseres Heils suchen. Er spricht wieder vom Tröster, damit wir im Vertrauen auf seinen Schutz uns niemals ängstigen. Denn Christus wollte durch dieses Wort unseren Glauben stärken und davor bewahren, irgendwelchen Anfechtungen zu erliegen. Im Sinnzusammenhang dieser Stelle liegt es auch begründet, daß er vom „Geist der Wahrheit“ spricht. Der unausgesprochene Gegensatz ist, daß ohne diesen Zeugen die Menschen bald hierhin, bald dorthin treiben, ohne irgendwo wirklich zur Ruhe zu kommen. Wo er aber redet, da macht er die Menschen frei von allem Zweifel und von jeder Furcht vor Täuschung. Daß er ihn vom Vater her senden werde, und alsdann wieder, daß er „vom Vater ausgehe“, sagt er, damit man dem Geiste größere Bedeutung beimesse. Denn gegen den kräftigen Spott, gegen die zahlreichen heftigen Angriffe würde das Zeugnis des Geistes uns keinen hinlänglichen Schutz bieten, wenn wir nicht davon überzeugt wären, er sei von Gott ausgegangen. Daher ist es Christus, der den Geist sendet, doch tut er es auf Grund seiner himmlischen Herrlichkeit. Der Geist ist darum keine menschliche Gabe, sondern das sichere Unterpfand der göttlichen Gnade. Daraus wird deutlich, wie abgeschmackt die Spitzfindigkeit der Griechen war, die ja diese Worte zum Vorwand dafür nahmen, zu leugnen, daß der Geist vom Sohn ausgehe. Denn wie es seine Art ist, spricht Christus hier deshalb vom Vater, um unsere Augen zum Anblick seiner Gottheit emporzuheben.

V. 27. „Und auch ihr werdet meine Zeugen sein ...“ Christus sagt, sie sollten das Zeugnis des Geistes nicht für sich behalten und nur sich selbst an ihm erfreuen, sondern durch ihre Vermittlung solle es sich weiter ausbreiten. Sie sollten nämlich Werkzeuge des Geistes sein, und er hat ja auch durch ihren Mund geredet. Wir sehen jetzt, wie sehr der Glaube aus dem Hören kommt und doch seine Gewißheit aus dem Geist erhält, der sein Siegel und Unterpfand ist. Wem die Verfinsterung des Menschengeistes nicht hinlänglich bekannt ist, der meint, der Glaube entstehe mit Naturnotwendigkeit aus der Predigt allein. Dagegen ist den meisten Schwärmern die Predigt verächtlich: sie prahlen mit geheimen Offenbarungen und Verzückungen. Christus aber sehen wir beides miteinander verbinden. Zwar kommt es nicht zum Glauben, bevor nicht Gottes Geist unsern Sinn erleuchtet und unserem Herzen sein Siegel aufprägt. Trotzdem darf man nicht danach streben, daß einem aus den Wolken heraus Erscheinungen oder Weissagungen zuteil werden. Vielmehr soll das Wort, das uns nahe, das in unserem Munde und in unserem Herzen ist, über alle unsere Sinne vollkommen Herr sein (5. Mose 30, 14; Röm. 10, 8), wie Jesaja 59, 21 trefflich sagt: Das ist mein Bund, spricht der Herr, mein Geist, den ich auf dich gelegt, und meine Worte, die ich in deinen Mund gegeben habe, werden nicht vergehen usw. Die Worte „ihr seid von Anfang bei mir gewesen“ sind angefügt, um uns wissen zu lassen: die Apostel verdienten besonders viel Glauben. Sie waren ja Zeugen, die mit eigenen Augen gesehen hatten, was sie verkündeten. So sagt Johannes (1. Joh. 1, 1): Was wir gehört und gesehen, was unsere Hände betastet haben ... Auf jede Weise wollte Gott für uns sorgen: der Beweis für die Wahrheit des Evangeliums sollte unumstößlich sein.

1 Solches habe ich zu euch geredet, damit ihr nicht Ärgernis nehmt. 2 Sie werden euch in den Bann tun. Ja, es kommt die Stunde, daß, wer euch tötet, wird meinen, er tue Gott einen Dienst damit. 3 Solches werden sie darum tun, weil sie weder meinen Vater noch mich erkennen. 4 Aber solches habe ich zu euch geredet, damit, wenn die Stunde kommen wird, ihr daran gedenkt, daß ich`s euch gesagt habe.

V. 1. „Solches habe ich zu euch geredet...“ Noch einmal sagt Jesus, keines seiner Worte sei überflüssig. Denn da sie Kampf und Streit zu erwarten hätten, müßten sie schon vorher mit den richtigen Waffen ausgerüstet sein. Außerdem erklärt er, sie wären zum Widerstände fähig, wenn sie diese Lehre wohl erwogen hätten. Doch wollen wir bedenken: auch uns gilt, was er damals zu den Aposteln sprach. Als erstes ist festzuhalten: Christus schickt die Seinen nicht ohne Waffen in den Kampf, und wenn in diesem Streit jemand den Mut sinken läßt, so ist seine eigene Trägheit daran schuld. Man darf aber nicht warten, bis es soweit ist, sondern muß sich alle Mühe geben, mit diesen Worten Christi ganz vertraut zu werden und so den Kampf aufnehmen zu können, wenn es soweit ist. Solange wir diese Worte Christi im Herzen tragen, dürfen wir an unserem Sieg nicht zweifeln. Mit den Worten: „damit ihr nicht Ärgernis nehmt“, sagt er, es bestehe keinerlei Gefahr, daß irgend etwas uns vom rechten Wege abbringen könne. Aber hier sieht man, wie wenige diese Lehre richtig aufnehmen. Die meisten glauben, sie im Gedächtnis zu haben, solange keine Gefahr droht. Wird es aber ernst, so versagen sie, als sei diese Lehre ihnen gänzlich unbekannt. So wollen denn wir diese Waffen anlegen, damit sie uns nie fehlen.

V. 2. „Sie werden euch in den Bann tun ...“ Es war kein geringes Ärgernis und mußte die Jünger sehr beunruhigen, daß sie wie Verbrecher ausgeschlossen werden sollten aus der Gemeinschaft der Frommen - oder wenigstens derer, die sich damit brüsteten, sie seien das Volk Gottes, und sich mit dem Ehrennamen „Gemeinde" schmückten. Nicht nur Verfolgungen, auch Schimpf und Schande sind die Gläubigen preisgegeben, wie Paulus (1. Kor. 4, 11) sagt. Trotzdem befiehlt Christus, auch diesem Spott gegenüber festzubleiben. Werden sie auch aus den Synagogen ausgeschlossen, so bleiben sie doch im Reiche Gottes. Wir dürfen uns also nicht von den verkehrten Urteilen der Menschen erschüttern lassen; tapfer sollen wir die Schande des Kreuzes Christi auf uns nehmen und uns damit begnügen, daß unsere Sache, die die Menschen zu Unrecht und fälschlich verurteilen, Gott wohlgefällig ist. Noch einen weiteren Schluß ziehen wir hieraus: die Diener des Evangeliums werden nicht nur von den erklärten Feinden des Glaubens schlecht behandelt; mitunter erleiden sie auch von denen größte Schmach, die Glieder, ja Säulen der Kirche zu sein scheinen. Schriftgelehrte und Priester, von denen die Apostel verurteilt wurden, rühmten sich, von Gott zu Richtern der Kirche eingesetzt zu sein. Und ohne Zweifel lag die ordnungsgemäße Leitung der Kirche in ihrer Hand, stammte das Richteramt von Gott, nicht von Menschen. Aber mit ihrer Gewaltherrschaft hatten sie die von Gott eingesetzte Ordnung verdorben. So kam es, daß die ihnen zum Zwecke der Erbauung überlassene Macht zu nichts anderem diente als zur maßlosen Unterdrückung der Knechte Gottes; daß die Ausstoßung, die ein Mittel zur Reinigung der Gemeinde hatte sein sollen, im Gegenteil dazu diente, die Frömmigkeit aus ihr zu vertreiben. Weil die Apostel das schon zu ihrer Zeit erfahren haben, besteht für uns heute kein Grund, die Bannflüche des Papstes besonders zu fürchten, die er um des Zeugnisses für das Evangelium willen gegen uns schleudert. Es steht nämlich nicht zu befürchten, daß sie uns mehr schaden als jene alten den Aposteln. Vielmehr muß unser sehnlichster Wunsch sein, der Gemeinschaft nicht anzugehören, aus der Christus verbannt ist. Allerdings wollen wir festhalten, daß dieser krasse Mißbrauch der Ausschließung nicht die Abschaffung dieser Einrichtung zur Folge hatte, mit der Gott seine Kirche von Anfang an ausgestattet hat. Denn der Satan verwendet zwar seine ganze Kraft darauf, jede Stiftung Gottes zu verfälschen; trotzdem darf man ihm nicht etwa zugestehen, es werde etwas, das Gott für immer festgesetzt hat, wegen seiner Verderbnis beseitigt. Darum muß die Ausstoßung ebenso wie die Taufe und das Herrenmahl von ihren Verfälschungen befreit und in ihrer reinen und rechtmäßigen Form wiederhergestellt werden.

„Ja, es kommt die Stunde ...“ Jetzt spricht Christus von einem weiteren Ärgernis: voller Anmaßung fühlen die Feinde des Evangeliums sich im Recht und glauben, Gott heilige Opfer darzubringen, wenn sie die Gläubigen töten. Es ist schon hart genug, wenn Unschuldige grausam gequält werden. Viel bitterer ist es aber, wenn Unrecht, das Gottlose den Kindern Gottes zufügen, als gerechte Strafe gilt, die ihren Vergehen angemessen sein soll. Doch muß unser reines Gewissen uns so viel Schutz bieten, daß wir eine zeitweilige Bedrängnis geduldig ertragen, bis vom Himmel her Christus als Rächer unserer und seiner Sache erscheint. Merkwürdig ist, daß die Feinde der Wahrheit zwar ein schlechtes Gewissen haben, aber trotzdem den Menschen nicht nur etwas vormachen, sondern auch von Gott für ihr ungerechtfertigtes Wüten Ruhm beanspruchen. Ich antworte: Die Heuchler bieten stets schmeichelhafte Scheingründe auf, mit denen sie sich über ihre Schuld hinwegtäuschen, mag ihr Gewissen sie auch noch so unwiderlegbar überführen. Sie sind ehrgeizig, grausam und hochmütig. Aber alle diese Fehler verbergen sie unter dem Deckmantel des Eifers, um ihrer Willkür ungestraft freien Lauf lassen zu können. Dazu gesellt sich noch eine Art trunkene Raserei, wenn sie erst einmal Märtyrerblut getrunken haben.

V. 3. „Und solches werden sie darum tun ...“ Nicht ohne Ursache weist Christus die Apostel wiederholt darauf hin, daß die Ungläubigen nur aus einem einzigen Grunde gegen sie wüten: weil sie Gott nicht kennen. Dennoch sollen sie damit nicht entschuldigt werden, sondern die Apostel sollen ihre blinde Wut hochgemut verachten. Denn das Ansehen, das die Gottlosen genießen, und der Glanz, der von ihnen ausgeht, machen auf bescheidene und fromme Gemüter oft einen tiefen Eindruck. Dagegen befiehlt Christus den Seinen, sich mit heiligem Hochmut zu erheben und die Gegner zu verachten, deren Triebfedern nur Blindheit und Irrtum sind. Das ist unsere eherne Mauer: wenn wir fest davon überzeugt sind, Gott stehe auf unserer Seite, unsere Widersacher aber seien ohne alle Vernunft. Außerdem zeigen die Worte uns, welch ein schwerwiegendes Übel mangelnde Erkenntnis Gottes ist, die selbst Mörder noch Ruhm und Beifall für ihre Verbrechen heischen läßt.

V. 4. „Aber solches habe ich zu euch geredet...“ Er wiederholt, was er schon gesagt hatte: seine Worte seien keine wesenlose Philosophie: sie müßten auf das wirkliche Leben angewandt werden; er rede jetzt darüber, damit sie durch ihr Verhalten zeigen könnten, sie seien nicht vergeblich von ihm belehrt. Mit den Worten: damit ihr daran gedenket gebietet er ihnen erst einmal, das Gehörte sich unauslöschlich einzuprägen, dann im Notfall sich daran zu erinnern. Schließlich weist er auf die Bedeutung der Tatsache hin, daß er Weissagungen über künftige Geschehnisse vortrage.

„Habe ich euch von Anfang nicht gesagt ...“ Da die Apostel noch ohne Kraft und Widerstandsfähigkeit waren, solange Christus im Fleisch bei ihnen weilte, schonte er sie als der beste und nachsichtigste Meister und ließ sie nicht über ihre Kräfte bedrängen. Deshalb hatten sie in jener Zeit Ermutigung nicht besonders nötig, weil ihnen ein ruhiges, von Verfolgungen freies Dasein gewährt wurde. Jetzt erklärt er ihnen, ihre Lage müsse sich ändern, und da ein neues Los sie erwartet, fordert er sie gleichzeitig auf, sich zum Kampf bereit zu machen.

Aus: Otto Weber, Johannes Calvins Auslegung der Heiligen Schrift. Vierzehnter Band: Das Johannes-Evangelium, Neukirchener Verlag, 1964, S. 385ff.
Tod, wo ist dein Stachel? Totenreich, wo ist dein Sieg? 1Kor 15,55

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Beitragvon Joschie » 06.06.2010 07:46

Trinitatis: Joh 3,1-8 - Nikodemus
von Johannes Calvin

"In der Person des Nikodemus stellt uns jetzt der Evangelist vor Augen, wie flüchtig und hinfällig der Glaube der Leute war, die der Wunder wegen plötzlich Christus die Ehre gegeben hatten."


1 Es war aber ein Mensch unter den Pharisäern mit dem Namen Nikodemus, ein Oberster unter den Juden. 2 Der kam zu Jesus bei der Nacht und sprach zu ihm: Meister, wir wissen, daß du bist ein Lehrer von Gott gekommen; denn niemand kann Zeichen tun, die du tust, es sei denn Gott mit ihm. 3 Jesus antwortete und sprach zu ihm: Wahrlich, wahrlich, ich sage dir: Es sei denn, daß jemand von neuem geboren werde, so kann er das Reich Gottes nicht sehen. 4 Nikodemus spricht zu ihm: Wie kann ein Mensch geboren werden, wenn er alt ist? 5 Jesus antwortete: Wahrlich, wahrlich, ich sage dir: Es sei denn, daß jemand geboren werde aus Wasser und Geist, so kann er nicht in das Reich Gottes kommen. 6 Was vom Fleisch geboren wird, das ist Fleisch; und was vom Geist geboren wird, das ist Geist.

V. 1. „Es war aber ein Mensch unter den Pharisäern mit Namen Nikodemus...“ In der Person des Nikodemus stellt uns jetzt der Evangelist vor Augen, wie flüchtig und hinfällig der Glaube der Leute war, die der Wunder wegen plötzlich Christus die Ehre gegeben hatten. Da Nikodemus zu den Pharisäern gehörte und zu den führenden Männern seines Volkes, hätte er hoch über den anderen stehen müssen. Im Volke herrscht ja meist Oberflächlichkeit. Wer aber hätte nicht geglaubt, daß dieser besonders gelehrte und erfahrene Mann ein ernster und beständiger Mensch sei? Und doch wird aus Christi Antwort deutlich, daß er keineswegs mit der Bereitschaft gekommen war, die Anfangsgründe der Frömmigkeit zu lernen. Wenn aber einer der Ersten unter den Erwachsenen weniger weiß als ein Kind, was kann man da vom gewöhnlichen Volk erwarten? Obwohl uns aber der Evangelist wie in einem Spiegel zeigen wollte, wie wenige wirklich in Jerusalem dazu imstande waren, das Evangelium aufzunehmen, ist diese Geschichte doch auch noch aus anderen Gründen für uns besonders wichtig; denn in ihr werden wir vor allem über die verderbte Natur des Menschengeschlechtes belehrt und darüber, wie man sich richtig in Christi Schule begibt und wie wir nach rechtem Anfang fortschreiten müssen in der himmlischen Lehre. Das Ergebnis des Gesprächs besteht darin: wir müssen neue Menschen werden, um Christi wahre Jünger zu sein. Bevor wir aber weitergehen, müssen wir aus den Umständen, die der Evangelist hier berichtet, ausführlich darlegen, welche Hindernisse Nikodemus im Wege standen, sich Christus ganz hinzugeben. Der Umstand, daß Nikodemus Pharisäer war, ehrte ihn in den Augen der Seinen; aber der Evangelist sagt das von ihm nicht um der Ehre willen; vielmehr erkennt er darin ein Hindernis, freimütig und vorurteilslos zu Christus zu kommen. So werden wir daran gemahnt, daß gerade die Großen der Welt mit den stärksten und verderblichsten Banden gefesselt sind; ja, wir sehen, viele haben sich so verstrickt, daß sie ihr ganzes Leben lang auch nicht das geringste Verlangen nach dem Himmel haben. - Die Pharisäer rühmten sich, die alleinigen Ausleger des Gesetzes zu sein, so als ob sie das tiefste Geheimnis der Heiligen Schrift kennten. Den Essenern trug zwar ihr strengerer Lebenswandel den Ruf der Heiligkeit ein, da sie wie Einsiedler sich von den allgemeinen Lebensgewohnheiten ausschlössen; aber die Sekte der Pharisäer stand doch in größerem Ansehen.
V. 2. „Der kam zu Jesus bei der Nacht ...“ Aus seinem nächtlichen Besuch erkennen wir seine allzu große Ängstlichkeit. Seine Augen waren gleichsam von seinem eigenen Glänze geblendet. Auch schämte er sich wohl, wie ehrsüchtige Menschen ja glauben, es sei um ihren Ruf geschehen, wenn sie einmal vom hohen Katheder herabsteigen und sich unter die Lernenden einreihen. Es besteht gar kein Zweifel daran, daß ihn eine törichte Überzeugung von seiner eigenen Weisheit erfüllte. Da er sich groß dünkte, wollte er sich nichts vergeben. Und doch trug er in sich ein kleines Samenkorn der Frömmigkeit; denn als er hörte, ein Prophet Gottes sei erschienen, mißachtete er diese vom Himmel gesandte Nachricht nicht, sondern ihn erfaßte ein Verlangen danach, und dieser Drang stammte nur aus seiner Ehrerbietung und Gottesfurcht. Viele kitzelt bloße Begierde, Neuigkeiten nachzugehen; aber Nikodemus trieben ohne Zweifel heilige Scheu und gewissensmäßiges Empfinden zu dem Wunsche, Christus kennenzulernen. Obwohl jenes Samenkorn lange wie tot im Verborgenen ruhte, brachte es doch nach Christi Tode Frucht, wie niemand sie je erwartet hätte. Die Worte „Meister, wir wissen, daß du bist ein Lehrer von Gott gekommen“, bedeuten soviel, als wenn er gesagt hätte: „Lehrer, wir wissen, daß du als Lehrer gekommen bist." Nun wurden damals Schriftkundige allgemein als Lehrer angeredet. Also gibt Nikodemus Christus diesen üblichen Titel zuerst als die gewöhnliche Grußanrede; darauf aber versichert er, er sei von Gott gesandt, das Lehramt auszuüben. Und hierauf gründet jedes Ansehen der Lehrer in der Kirche. Denn da wir allein aus Gottes Wort unser Wissen nehmen müssen, darf man nur auf die hören, durch deren Mund Gott redet. Obwohl bei den Juden die Religion sehr verderbt und nahezu zerstört war, muß man beachten, daß sie an dem Grundsatz immer festhielten: nur der war ein echter Lehrer, der von Gott kam. Doch da gerade die falschen Propheten sich besonders stolz und selbstsicher mit einem Auftrage von Gott brüsten, so tut hier die Kraft der Unterscheidung not, um mit ihr die Geister zu prüfen. Daher fügt Nikodemus hinzu, es stehe ganz fest, daß Christus von Gott gesandt sei; Gott offenbare ja seine Kraft in ihm so machtvoll, daß man nicht leugnen könne, er sei mit ihm. Er nimmt es also für gewiß, daß Gott durch seine Diener Wunder zu wirken pflege, um so dem Amt, das er ihnen auferlegt habe, sein Siegel aufzudrücken. Das ist keineswegs eine leere Vermutung, da nach dem Willen des Herrn Wunder immer die Bestätigung seiner Lehre waren. Mit Recht auch macht Nikodemus Gott zum einzigen Urheber der Wunder, indem er sagt, niemand könne ohne Gottes Beistand diese Zeichen tun. Das ist dasselbe wie die Versicherung, kein Mensch tue das, sondern hier herrsche und offenbare sich die Kraft Gottes. Die Frucht der Wunder ist also doppelt: einmal bereiten sie dem Glauben den Weg, zum andern stärken sie ihn, nachdem er aus Gottes Wort empfangen ist. Das erste traf für Nikodemus zu; denn er erkannte auf Grund der Wunder Christus als wahren Propheten Gottes. Doch scheint solche Erkenntnis keine hinreichende Festigkeit zu enthalten. Wenn einmal falsche Propheten unerfahrene Leute mit ihrem Trug dadurch irreführen wollen, daß sie ebensolche Wunder tun wie die, wodurch Gottes Diener sich ausweisen, wie soll man dann zwischen Trug und Wahrheit unterscheiden können, wenn der Glaube auf nichts ruht als auf Wundern? Mose verkündet 5. Mose 13, 3 mit beredten Worten, so würden wir auf die Probe gestellt, ob wir Gott wahrhaft liebten. Bekannt sind auch die Mahnungen Christi und des Paulus, die Gläubigen sollten sich vor lügnerischen Zeichen hüten, mit denen der Antichrist vieler Augen verblende (Matth. 24, 24). Ich sage dazu: Gott hat allerdings in seiner Gerechtigkeit die Erlaubnis gegeben, daß durch Satans Blendwerk die getäuscht werden, die es verdienen. Aber ich behaupte, dies sei kein Hindernis, daß Gottes Kraft seinen Auserwählten in Wundern sich offenbare und daß sie für diese einen nicht zu verachtenden Beweis der wahren und reinen Lehre darstellen. So rühmt sich Paulus 2. Korinther 12, 12, sein Apostelamt sei durch machtvolle Zeichen bestätigt worden. Wie sehr also Satan im Finstern sich als Affe Gottes brüstet, wenn die Augen offen sind und das Licht des Geistes und seiner Klugheit aufleuchtet, so bezeugen Wunder die Gegenwart Gottes deutlich genug, wie Nikodemus hier rühmend verkündet.
V. 3. „Jesus antwortete und sprach zu ihm ...“ Jesus wiederholt „wahrlich“, um die Aufmerksamkeit des Nikodemus zu erregen. Er will jetzt über die weitaus ernsteste und wichtigste aller Fragen sprechen, und da muß er Nikodemus unbedingt zum genauesten Aufmerken veranlassen; sonst hätte er vielleicht dem Gespräch keine besondere Beachtung geschenkt. Darauf zielt also die nachdrückliche Wiederholung des wahrlich. Obwohl übrigens diese Äußerung Christi weit abgelegen und beinahe ganz ohne Zusammenhang mit den Worten des Nikodemus scheint, ist dieser Beginn doch äußerst passend. Besagen will er: so wie man in einen unbearbeiteten Acker vergeblich Samenkörner streut, wird auch die Lehre des Evangeliums fruchtlos verbreitet, wenn die Herzen der Hörer nicht vorher aufgelockert und zum richtigen Hören und Lernen bereit sind. Christus sah, daß das Herz des Nikodemus voller Unkraut und Dornen war, so daß es kaum Raum gab für die Belehrung des Heiligen Geistes. Diese Mahnung war also gleichsam das Pflügen des Ackers, um ihn zu reinigen, damit nichts die Wirkung der Lehre hindere. Deshalb wollen wir daran denken, daß Gottes Sohn dies einmal zu diesem einen sprach, um uns alle täglich mit demselben Worte anzutreiben. Wer von uns nämlich kann sagen, er sei von unreinen Leidenschaften frei, so daß er solche Reinigung nicht nötig habe? Wenn wir also redlich und mit Nutzen bei Christus in die Schule gehen wollen, müssen wir lernen, hier zu beginnen.
„Es sei denn, daß jemand von neuem geboren werde ...“ Christus spricht von der Wiedergeburt, als wenn er damit sagen wollte: solange du nicht hast, was für das Reich Gottes die Hauptsache ist, halte ich es nicht für wichtig, daß du mich als Lehrer anerkennst. Nur ein neuer Mensch kann den ersten Schritt in das Reich Gottes tun. Da aber dieser Satz so besonders bedeutungsvoll ist, müssen wir seine einzelnen Bestandteile näher untersuchen. Das Reich Gottes sehen bedeutet dasselbe wie „in dieses Reich eintreten"; so wird es bald aus dem Zusammenhang deutlich werden. Aber die unter dem Reich Gottes den Himmel verstehen, sind im Irrtum. Vielmehr bezeichnet es das geistliche Leben, das durch den Glauben schon in dieser Welt beginnt und von Tag zu Tag kräftiger wird gemäß dem Fortschreiten im Glauben. Also hat der Satz den Sinn: niemand kann sich in Wahrheit zur Gemeinde gesellen und zu den Kindern Gottes zählen, der nicht vorher neu geworden ist. So wird hier kurz gezeigt, wie der Anfang des Christseins überhaupt beschaffen ist. Zugleich werden wir durch dieses Wort belehrt, daß wir durch unsere leibliche Geburt als Fremdlinge außerhalb des Reiches Gottes stehen und für immer von ihm getrennt bleiben, solange die Wiedergeburt uns nicht ändert. Dieser Satz gilt allgemein und umfaßt alle Menschen ohne Ausnahme. Wenn Christus das nur zu einem einzigen oder wenigen gesagt hätte, sie könnten nicht in den Himmel kommen, ohne zuerst neu geboren zu werden, so könnten wir annehmen, er meine nur einen bestimmten Personenkreis; aber er spricht von allen ohne Ausnahme. Er braucht nämlich das unbestimmte Fürwort, das heißt aber soviel wie die allgemeingültige Aussage „wer auch immer" oder „alle, die nicht von neuem geboren sind". Weiter bezeichnet das Wort „von neuem geboren werden“ nicht eine nur teilweise Änderung, sondern die völlige Erneuerung des ganzen Wesens. Daraus folgt, daß wir durch und durch verkehrt sind. Denn wenn eine ganz umfassende Erneuerung notwendig ist, muß das bedeuten, daß wir völlig verderbt sind. Darüber wird bald noch ausführlicher zu sprechen sein. - Erasmus folgt der Deutung den Cyrillus und übersetzt das griechische Wort nicht mit „von neuem", sondern mit „von oben her". Nun gebe ich zwar zu, daß der griechische Ausdruck hier doppeldeutig ist; aber wir wissen ja, daß Christus mit Nikodemus hebräisch (aramäisch) gesprochen hat. Außerdem wäre für zweideutige Aussagen in diesem Gespräch kein Platz gewesen. Nikodemus entnahm also nichts anderes aus Christi Wort, als daß der Mensch noch einmal geboren werden müsse, bevor er zum Reiche Gottes gehören könne.
V. 4. „Nikodemus spricht zu ihm...“ Zwar steht die Wendung von neuem geboren werden, deren Christus sich hier bedient, nicht genauso im Gesetz und in den Propheten; aber allenthalben in der Schrift wird doch von der Erneuerung als einer der Grundlagen des Glaubens gesprochen. So wird deutlich, wie fruchtlos die Schriftgelehrten damals die Schrift gelesen haben. Sicher war es nicht nur der Fehler eines einzigen, nicht zu wissen, was die Gnade der Wiedergeburt für ihn bedeute. Da fast alle sich mit wertlosen Spitzfindigkeiten beschäftigten, vernachlässigte man gerade das, was für die Unterweisung in der Frömmigkeit die Hauptsache ist. Ein solches Beispiel bietet uns heute die Papstkirche in ihren Theologen. Denn da sie sich ihr ganzes Leben mit abseitigen Hirngespinsten abmühen, so wissen sie darüber, was eigentlich zum Gottesdienst, zum Glauben an unsere Erlösung und zur Übung in der Frömmigkeit gehört, nicht ein bißchen mehr als ein Schuster oder Ochsentreiber über die Bahnen der Sterne. Ja es geht sogar so weit, daß sie sich in fremdartigen Geheimlehren gefallen, die echte Schriftgelehrsamkeit aber eingestandenermaßen verachten, als sei sie ihrer Hochgelehrtheit unwürdig. Wir dürfen uns also nicht wundern, daß Nikodemus hier sozusagen über einen Halm stolpert. Die gerechte Strafe Gottes nämlich ist, daß diejenigen, die sich selbst wie die hervorragendsten und größten Gelehrten vorkommen, mit den einfachsten Tatsachen der Lehre nicht Bescheid wissen, da ihnen deren allgemeinverständliche Einfalt zu billig und gering ist.
V. 5. „Jesus antwortete...“ Diese Stelle ist verschieden ausgelegt worden. Einige glaubten, daß zwei Stufen der Wiedergeburt zu unterscheiden seien. Nach ihrer Ansicht ist mit „Wasser“ die Ablegung des alten Menschen gemeint, mit Geist aber das neue Leben. Andere meinen, es sei in diesen Worten ein unausgesprochener Gegensatz enthalten: dem Wasser und dem Geist als den reinen und klaren Elementen stelle Christus die irdische und grobe Natur der Menschen gegenüber! Also nehmen sie das Wort im übertragenen Sinne, als fordere Christus uns auf die schwere, drückende Last unserer fleischlichen Natur abzulegen und ähnlich zu werden dem Wasser und der Luft, damit wir uns nach oben strecken können oder doch wenigstens durch unsere Last nicht so sehr ins Irdische hinabgezogen werden. Aber beide Meinungen scheinen mir dem fernzuliegen, was Christus hier meint. Chrysostomus, dem der größere Teil der Erklärer folgt, bezieht das Wort „Wasser“ auf die Taufe. So wäre der Sinn, daß wir durch die Taufe in das Reich Gottes eingehen, weil durch sie der Geist Gottes uns neu schaffe. Dadurch ist es geschehen, daß die Taufe als unbedingt notwendige Vorrausetzung für die Hoffnung auf das ewige Leben angesehen werden muss. Und doch darf man, auch wenn man zugäbe, daß Christus hier von der Taufe spricht, die Worte nicht so pressen, daß er das Heil mit äußeren Zeichen dafür unlöslich verbindet. Vielmehr deshalb spricht er von „Wasser“ und „Geist“, weil Gott durch jenes sichtbare Zeichen das neue Leben bezeugt und besiegelt, das er allein durch seinen Geist bewirkt. Wahr ist freilich, daß wir durch die Verachtung der Taufe uns von unserem Heil ausschließen, und ich gebe zu, daß sie in diesem Sinne notwendig ist; aber falsch wäre es, den Glauben an unser Heil auf ein äußeres Zeichen zu gründen. Was also diese Stelle angeht, so lasse ich mich keinesfalls davon überzeugen, daß Christus hier von Taufe spricht; es wäre gar nicht der richtige Zeitpunkt. Wir müssen doch immer die Absicht Christi im Auge behalten, die wir oben erläutert haben: er wollte ja Nikodemus auffordern, ein neues Leben anzufangen, weil er nicht dazu fähig wäre, das Evangelium aufzunehmen, bis er ein anderer Mensch zu werden begönne. Seine einfache und schlichte Meinung ist: wir müssen von neuem geboren werden, um Gottes Kinder zu sein, und der Urheber dieser zweiten Geburt ist der Heilige Geist. Nikodemus nun stellt sich unter Wiedergeburt so etwas vor wie die Seelenwanderung der Pythagoräer. Um ihm diesen Irrtum zu nehmen, fügt Christus als Erklärung hinzu, es handle sich dabei nicht um eine zweite leibliche Geburt, um eine Wiederverkörperung, sondern um eine Erneuerung von Herz und Sinn durch die Gnade des Heiligen Geistes. So stellt bei ihm Geist und Wasser für dasselbe; das darf uns nicht hart und gezwungen anmuten. In der Schrift ist es eine ganz geläufige Ausdrucksweise, daß sie, wenn vom Geist die Rede ist, Wasser oder Feuer hinzufügt, um seine Gewalt zu verdeutlichen. Es ist unwichtig, daß er hier zuerst vom Wasser spricht. Ja, diese Redewendung ist glatter als die andere, weil erst der bildliche Ausdruck steht und dann der klare, lautere Begriff folgt. Es ist so, als wollte Christus sagen, niemand könne ein Kind Gottes sein, bevor er nicht durch Wasser neugeworden sei; das Wasscr aber sei der Geist, der uns rein macht, seine Krall in uns eingießt und im:, MI das neue Leben vom Himmel einhaucht, während wir von Natur ganz welk sind. Mit voller Absicht verwandelt Christus die in der Schrift gebräuchliche Wendung, um dem Nikodemus seine Unwissenheit zu beweisen. Nikodemus hätte doch endlich erkennen müssen, daß Christi Wort der allgemeinen Lehre der Propheten entnommen war (Hes. 36, 25). Also ist „Wasser“ nur ein Bild für die im Inneren wirkende, reinigende und lebenspendende Kraft des Heiligen Geistes. Hinzu kommt, daß bei einer Verbindung von zwei Begriffen gewöhnlich der zweite die Erläuterung des ersten bietet. Meine Auffassung wird außerdem auch durch den Zusammenhang gestützt; denn als Christus bald darauf den Grund dafür angibt, warum wir „von neuem geboren“ werden müssen, erwähnt er das Wasser gar nicht, sondern lehrt, nur der Heilige Geist schaffe das neue Leben; daraus folgt: daß man Wasser und Geist nicht trennen darf und sie ein und dasselbe sind.
V. 6. „Was vom Fleisch geboren wird, das ist Fleisch ...“ Aus dem Gegensatz von Fleisch und Geist beweist er, uns allen sei das Reich Gottes verschlossen, wenn uns der Eingang nicht durch die Wiedergeburt eröffnet würde. Er nimmt als Voraussetzung an, daß wir nur dann in das Reich Gottes eingehen können, wenn wir geistlich sind. Vom Mutterleibe her haben wir nur eine fleischliche Natur. Daraus folgt, daß wir alle von Natur außen vor dem Reiche Gottes stehen und, des himmlischen Lebens beraubt, unter der Knechtschaft des Todes bleiben. Da Christus ferner hier den Schluß zieht, die Menschen müßten wiedergeboren werden, weil sie nur Heisch sind, so versteht er ohne Zweifel den ganzen Menschen unter „Fleisch“. Es bedeutet also hier nicht nur soviel wie Leib, sondern zugleich die Seele, und zwar jeden einzelnen ihrer Teile. Denn unsinnig ist es, wie die falschen päpstlichen Theologen „Fleisch“ einzuschränken auf die sinnliche Seite des Menschen. Auf diese Weise wäre die Behauptung Christi von der Notwendigkeit einer zweiten Geburt gegenstandslos. Wenn er aber das Fleisch dem Geist gegenüberstellt wie etwa das Verdorbene dem Gesunden, das Verkehrte dem Richtigen, das Besudelte dem Heiligen, das Schmutzige dem Reinen, so muß man selbstverständlich daraus schließen, die ganze menschliche Natur werde damit gerichtet. Christus verkündet: unser Sinn und Verstand sind sündig, weil sie fleischlich sind; alle Leidenschaften und Begierden des Herzens sind verkehrt und widergöttlich, weil gerade auch sie fleischlich sind. Aber hier wird der Einwand erhoben: da die Seele nicht menschlichen Ursprungs ist, wird ja der wichtigste Teil unseres Wesens nicht vom Fleische geboren. Daher glaubten viele, nicht nur dem Leibe nach stammten wir von unseren Eltern ab, sondern zugleich kämen auch unsere Seelen von ihnen wie die Rebe vom Weinstock. Es schien nämlich abwegig, daß die Erbsünde, die ihren eigentlichen Sitz in der Seele hat, von einem einzigen Menschen sich auf alle Nachkommen übertragen haben sollte, wenn nicht alle Seelen aus der Seele jenes einen geflossen seien. Gewiß scheinen auf den ersten Blick die Worte Christi darauf hinzudeuten: wir seien deshalb Fleisch, weil wir vom Heisch geboren werden. Meine Antwort auf alle diese Fragen lautet: Der Sinn der Worte Christi kann nur sein, daß wir alle von Geburt fleischlich sind; und insofern wir in diese Welt als sterbliche Menschen eintreten, kann unsere Natur nur Fleischliches erkennen. Er unterscheidet hier nämlich einfach zwischen Natur und übernatürlicher Gabe. Denn daß in der Person des einen Adam das ganze Menschengeschlecht verdorben worden ist, kommt nicht so sehr aus der leiblichen Abstammung von ihm als aus der von Gott getroffenen Bestimmung. Wie er in einem Menschen uns alle ausgezeichnet hatte, hat er uns mm seine Gaben genommen. So erbt jeder einzelne nicht so sehr Sündigkeil und Verderben von seinen Eltern, als daß wir gleichzeitig alle mit Adam ins Verderben geraten sind; sofort nach dem Abfall hat Gott dem Menschengeschlechte die haben wieder genommen, die er ihm gegeben hatte. Es erhebt sich noch eine andere Frage. Sicher ist es ja, daß auch in dieser entarteten, sündigen Natur doch etwas von den Gaben Gottes erhalten geblieben ist. Daraus folgt, daß wir nicht ganz und gar entartet sind. Die Lösung dieser Frage ist leicht: die Gaben, die Gott uns nach dem Fall Adams gelassen hat, sind, für sich betrachtet, gewiß löblich und gut. Aber da das Böse alles vergiftet, findet sich in uns nichts, was rein und frei wäre von jeder Verunreinigung. Wohl ist uns eine gewisse Erkenntnis Gottes angeboren; in unser Gewissen ist das Unterscheidungsvermögen zwischen Gut und Böse tief eingegraben; durch unsere Geistesgaben vermögen wir das gegenwärtige Leben zu schützen; schließlich stehen wir in jeder Hinsicht hoch über dem stumpfen Vieh. Das aber ist so, wie es von Gott stammt, gut und vortrefflich; in uns jedoch ist alles das völlig entstellt; der edle Wein wurde in ein schmutziges Gefäß gefüllt und hat dadurch seinen guten Geschmack gänzlich verloren, ja, er ist bitter und schädlich geworden. Die Gotteserkenntnis, die jetzt den Menschen bleibt, ist nichts weiter als eine schauderhafte Quelle des Götzendienstes und allen Aberglaubens; unser Urteilsvermögen bei der Auswahl und Unterscheidung der Dinge ist teils blind und verkehrt, teils verstümmelt und verworren; was wir mit Eifer betreiben, wird zu leerem Getriebe und zerrinnt in Nichtigkelten; unser Wille aber vollends stützt sich mit rasender Geschwindigkeit ganz und gar in sein Verderben; so ist: in unserm ganzen Wesen nichts zu finden, was völlig gerade und in Ordnung wäre. Daraus ist deutlich: wir müssen durch eine zweite Geburt für das Reich Gottes bereitet werden. Und das wollen Christi Worte sagen: da der Mensch vom Mutterleibe nur als fleischliches Wesen geboren wird, muß er durch den Heiligen Geist neu geboren werden, um damit beginnen zu können, geistlich zu leben. „Geist“ hat hier eine doppelte Bedeutung: er ist ja der Ursprung und das Ergebnis der Gnade zugleich; denn zuvor lehrt Christus, der Geist Gottes sei der einzige Urheber eines reinen und rechten Wesens; danach gibt er zu erkennen, wir seien geistliche Wesen, seit wir durch seine Kraft neugeworden sind.

7 Laß dich`s nicht wundern, daß ich dir gesagt habe: Ihr müsset von neuem geboren werden. 8 Der Wind bläst, wo er will, und du hörst sein Rufen wohl; aber du weißt nicht, woher er kommt und wohin er fährt. So ist ein jeglicher, der aus dem Geist geboren wird.

V. 7. „Laß dich's nicht wundern ...“ Die Erklärer deuten diese Stelle verschieden. Einige meinen, sie beziehe sich auf die geistige Schwerfälligkeit des Nikodemus und ähnlicher Leute, als wenn Christus sagen wollte, es sei kein Wunder, wenn sie jenes Geheimnis der himmlischen Wiedergeburt nicht fassen könnten, da sie ja doch nicht einmal innerhalb der natürlichen Ordnung von dem, was im Bereich der Sinneswahrnehmung liegt, Erkenntnis erlangen. Andere deuten die Stelle zwar sehr scharfsinnig, doch zu gewaltsam, folgendermaßen: so wie das Wirken des Windes frei ist, würden wir durch die geistliche Geburt wieder in den Stand der Freiheit gesetzt, so daß wir, los vorn Joch der Sünden, aus freien Stücken hin zu Gott eilten. Auch die Deutung des Augustinus trifft ganz und gar nicht, was Christus meint, als solle es hier heißen, der Geist Gottes werde ganz nach eigenem Gutdünken wirksam. Besser steht es um die Auslegung des Chrysostomus und Cyrill; auch sie sehen in dem Wehen des Geistes einen Vergleich mit dem Wind und deuten die Stelle so: obwohl man die Kraft des Geistes spürt, sind seine Ursache und Herkunft verborgen; ich nun weiche nicht von ihrer Ansicht ab, will aber versuchen, den Sinn der Stelle noch klarer und genauer darzulegen. Ich gehe auch davon aus, daß Christus seinen Vergleich der Ordnung der Natur entnimmt. Nikodemus hielt für unglaubhaft, was er von der Wiedergeburt und dem neuen Leben gehört hatte, weil die Art dieser Wiedergeburt sein Fassungsvermögen überstieg. Um ihm derartige Zweifel zu nehmen, erklärt Christus ihm, daß auch in der Körperwelt eine wunderbare Kraft vorhanden sei, deren Art verborgen ist. Alle Wesen schöpfen ja unsichtbar ihren Lebenshauch aus der Luft. Die Luftbewegung spüren wir ganz deutlich; woher sie aber kommt und wohin sie geht, wissen wir nicht. Wenn in diesem hinfälligen, flüchtigen Leben Gott so mächtig wirkt, daß wir seine Macht bewundern müssen, wie verkehrt wäre es da, im himmlischen und übernatürlichen Leben sein geheimnisvolles Wirken an unserer Auffassungsgabe messen zu wollen und nur das zu glauben, was sichtbar erscheint. So geht Paulus 1. Kor. 15, 36 und 37 heftig gegen diejenigen vor, welche die Lehre von der Auferstehung deshalb verwerfen, weil es unmöglich scheint, daß der Leib, der jetzt der Verwesung anheimfällt, zu seliger Unsterblichkeit auferstehe, wenn er in Staub und Nichts zerfallen sei. Er wirft ihnen Unachtsamkeit vor, weil sie im Weizenkorn nicht die entsprechende Kraft Gottes erkennen könnten. Denn auch das Samenkorn keimt nicht erst, wenn es verwest ist. Das ist jene wunderbare Weisheit, die David im Psalm 104, 24 laut rühmt. Allzu stumpfen Sinnes sind also dir Menschen, die sich nicht zu der Erkenntnis aufschwingen können, daß Gottes Hand im geistlichen Reiche Christi noch viel mächtiger wirkt, obwohl sie durch die allgemeine Ordnung der Natur daran gemahnt werden. Wenn Christus aber sagt, man solle sich nicht wundern, muß man es nicht so verstehen, als wolle er Gottes herrliche und bewundernswerte Werke in unseren Augen herabsetzen; er will nur nicht, daß unsere Verwunderung uns am Glauben hindere. Viele nämlich weisen als Hirngespinst all das zurück, was ihnen allzu hoch und schwer erscheint. Ich fasse zusammen: wir sollen nicht daran zweifeln, daß wir durch den Geist Gottes neue Menschen werden, wenn auch die Art reines Wirkens im verborgenen bleibt.
V. 8. „Der Wind bläst, wo er will. . .“ Der Wind weht nicht deshalb, wohin er will, weil in seinem Wehen ein eigener Wille läge, sondern weil seine Bewegung freischweifend und verschiedenartig ist; die Luft nämlich strömt bald hierhin, bald dorthin. Gerade diese Eigentümlichkeit macht aber die Ähnlichkeit aus; denn wenn er wie das Wasser in gleichmäßigem Strom dahinflutete, wäre an ihm weniger Wunderbares.
„So ist ein jeglicher. . .“ Christus erklärt, bei der Neuwerdung des Menschen könne man die Bewegung und die Tätigkeit des Geistes Gottes genauso wahrnehmen wie die des Windes hier in unserem irdischen Leben; aber seine Weise sei verborgen. Es sei undankbar und böswillig von uns, die unbegreifliche Macht Gottes im himmlischen Leben nicht zu verehren, von der er uns ein so deutliches Abbild in dieser Welt vor Augen führt, und wenn wir ihm bei der Wiederherstellung des Heils der Seele weniger Kraft zutrauen, als er uns täglich bei der Bewahrung unseres leiblichen Lebens beweist. Diese Gedankenverbindung wird ein wenig klarer, wenn man den Satz so übersetzt: von dieser Art sind die Macht und die Wirkung des Heiligen Geistes in einem wiedergeborenen Menschen!
Aus: Otto Weber, Calvins Auslegung der Heiligen Schrift. Vierzehnter Band: Das Johannes-Evangelium, Neukirchener Verlag, 1964, S. 59ff.
Tod, wo ist dein Stachel? Totenreich, wo ist dein Sieg? 1Kor 15,55

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Beitragvon Joschie » 12.06.2010 20:10

1. Sonntag nach Trinitatis: Lukas 16,19-31 - noch nicht einmal von den Hunden Barmherzigkeit gelernt
von Johannes Calvin

"Es ist nicht so, daß jeglicher feiner Geschmack in der Kleidung, jeglicher Schmuck Gott zuwider sei oder daß man eine gepflegte Lebenshaltung verurteilen müsse. Aber es kommt doch selten vor, daß in diesen Dingen Maß gehalten wird."

19 Es war aber ein reicher Mann, der kleidete sich mit Purpur und köstlicher Leinwand und lebte alle Tage herrlich und in Freuden. 20 Es war aber ein Armer mit Namen Lazarus, der lag vor seiner Tür voller Schwären 21 und begehrte, sich zu sättigen von dem, was von des Reichen Tische fiel; doch kamen die Hunde und leckten ihm seine Schwären. 22 Es begab sich aber, daß der Arme starb und ward getragen von den Engeln in Abrahams Schoß. Der Reiche aber starb auch und ward begraben. 23 Als er nun bei den Toten war, hob er seine Augen auf in seiner Qual und sah Abraham von ferne und Lazarus in seinem Schoß. 24 Und er rief und sprach: Vater Abraham, erbarme dich mein und sende Lazarus, daß er das Äußerste seines Fingers ins Wasser tauche und kühle meine Zunge; denn ich leide Pein in dieser Flamme. 25 Abraham aber sprach: Gedenke, Sohn, daß du dein Gutes empfangen hast in deinem Leben, Lazarus dagegen hat Böses empfangen; nun wird er hier getröstet, und du wirst gepeinigt. 26 Und über das alles ist zwischen uns und euch eine große Kluft befestigt, daß, die da wollten von hier hinüberfahren zu euch, könnten nicht, und auch nicht die von dort zu uns herüber können. 27 Da sprach er: So bitte ich dich, Vater, daß du ihn sendest in meines Vaters Haus; 28 denn ich habe noch fünf Brüder, daß er sie warne, auf daß sie nicht auch kommen an diesen Ort der Qual. 29 Abraham sprach: Sie haben Mose und die Propheten; laß sie dieselben hören. 30 Er aber sprach: Nein, Vater Abraham, sondern wenn einer von den Toten zu ihnen ginge, so würden sie Buße tun. 31 Er sprach zu ihm: Hören sie Mose und die Propheten nicht, so werden sie auch nicht glauben, wenn jemand von den Toten auferstünde.

Obgleich Lukas noch ein paar Verse (V. 16-18) einschiebt, so kann doch kein Zweifel bestehen, daß Christus anhand dieses Beispiels seine eben behandelten Worte bekräftigen will. Denn er zeigt, wie es denen geht, die die Fürsorge an den Annen hintansetzen und sich ganz an ihrem Vergnügen berauschen. Sie haben sich der Unmäßigkeil und der Wollust ergeben und lassen ihre Nächsten elend verdursten, ja, sie lassen sie grausam Hungers sterben, wo sie ihnen doch hätten Hilfe bringen sollen, soweit es in ihrem Vermögen stand. Obwohl einigen das einfach ein Gleichnis zu sein scheint, so glaube ich doch, daß der Name Lazarus dafür spricht, daß es sich hier eher um ein Ereignis handelt, das wirklich geschehen ist. Im Übrigen hat das wenig Gewicht, wenn die Leser nur begreifen, was die Geschichte sagen will. Zunächst wird der Reiche eingeführt: Er ist in Purpur und köstliche Leinwand gekleidet und huldigt tagtäglich einem glänzenden Luxus. Die Worte deuten auf ein besonders üppiges Leben, das nur Ausschweifung und Gepränge kannte. Es ist nicht so, daß jeglicher feiner Geschmack in der Kleidung, jeglicher Schmuck Gott zuwider sei oder daß man eine gepflegte Lebenshaltung verurteilen müsse. Aber es kommt doch selten vor, daß in diesen Dingen Maß gehalten wird. Denn wer eine prächtige Kleidung anstrebt, wird seinen Kleiderstaat durch immer neue Zutaten vermehren, und wer üppige, reich gedeckte Tafeln liebt, muß wohl am Ende in Unmäßigkeit verfallen. Doch wird an dem Reichen besonders seine Grausamkeit verurteilt, mit der er den armen Lazarus, der dazu noch mit Geschwüren bedeckt war, draußen vor seiner Tür liegenließ. Denn Christus stellt diese zwei Gegensätze einander gegenüber: Da ist der Reiche, der der Unmäßigkeit und dem Gepränge ergeben ist, wie ein unersättlicher Schlund, der ungeheure Mengen hinunterschlingt und der doch durch die Not und das Elend des Lazarus nicht gerührt wurde, sondern ihn mit Wissen und Wollen vor Hunger, vor Kälte und im Gestank seiner Geschwüre verschmachten ließ. Genauso wirft auch Ezechiel (16, 49) Sodom vor, daß es in seiner Sattheit von Brot und Wein nicht dem Notleidenden die Hand zur Hilfe biete. Das besonders feine Gewebe, das die Orientalen Byssus nannten, pflegten sie bekanntermaßen bei prunkvollen Festen zu gebrauchen. Diese Sitte haben die Päpstlichen für ihre sogenannten Meßbüschel nachgemacht, wenn sie die Messe zelebrieren.
Luk. 16, 21. „Doch kamen die Hunde.“ Jetzt kommt die eherne Roheit des Reichen genügend deutlich zutage daran, daß auch dieser erbärmliche Anblick ihn nicht zum Mitleid bewegen konnte. Denn wenn er auch nur einen Tropfen von Menschlichkeit in sich gehabt hätte, so hätte er doch wenigstens befohlen, daß man dem elenden Mann etwas von den Resten in der Küche gebe, aber hier kommt es zur Spitze der gottlosen und mehr als tierischen Grausamkeit, daß er noch nicht einmal von den Hunden Barmherzigkeit gelernt hat. Zweifellos sind diese Hunde von dem verborgenen Beschluß Gottes so geleitet worden, damit sie ihn durch ihre Tat verdammten. Christus ruft sie sicherlich hier als Zeugen auf, um die verfluchenswerte Härte dieses Mannes aufzudecken. Denn es gibt doch nichts Unnatürlicheres, als daß ein Mensch von Hunden gepflegt wird, weil sein Nächster sich nicht um ihn kümmert. Ja, der Hungrige bekommt nicht einmal Brosamen, während die Hunde ihn mit ihren Zungen belecken, um ihn dadurch zu heilen. Immer also, wenn Fremde oder sogar unvernünftige Tiere an unsere Stelle treten, um einen Dienst zu tun, der von uns verlangt war, sollen wir wissen, daß sie alle uns von Gott dann auch zu Zeugen und Richtern bestellt werden, um unser Vergehen deutlicher an den Tag zu bringen.
Luk. 16, 22. „Es begab sich aber, daß der Arme starb.“ Hier zeigt Christus, wie sehr sich die Lage der beiden nach ihrem Tod veränderte. Den Tod mußten sie zwar beide erleiden; doch nach dem Tod von den Engeln in Abrahams Schoß getragen zu werden ist ein erstrebenswerteres Glück als alle Reiche der Welt. Aber der ewigen Qual übergeben zu werden ist schrecklich, und man würde hundert Leben geben, um sich davon freizukaufen, wenn es nur möglich wäre. Nun wird uns an der Person des Lazarus ein deutlicher Fall dafür vor Augen geführt, daß wir nicht meinen dürfen, einer sei von Gott verflucht, weil er als Kranker sein Leben unter fortwährender Trübsal und Mühseligkeit verbrachte. Denn an Lazarus war Gottes Gnade so verborgen und von seinem häßlichen Leiden und seiner Schmach so verschüttet, daß das Auge des Fleisches nichts als Verfluchung wahrnehmen kann. Doch sehen wir, was für eine kostbare Seele in diesem häßlichen, verfallenen Leib verborgen war, wenn sie von den Engeln in ein glückliches Leben geholt wird. Darum hat es ihm nichts geschadet, daß er allein und verachtet war, von allem menschlichen Trost im Stich gelassen, da ihn doch die himmlischen Geister für würdig befinden, ihm sofort zu Diensten zu stehen, als er den Kerker seines Fleisches verläßt. Auf der andern Seite erkennt man an dem Reichen wie in einem klaren Spiegel, daß zeitliches Glück nicht erstrebenswert ist, wenn man es durch das ewige Verderben erkauft hat. Doch muß man darauf achten, daß Christus nur von einem Begräbnis spricht und verschweigt, was man mit dem Lazarus gemacht hat. Es wird nicht so gewesen sein, daß sein Leichnam den wilden Tieren vorgeworfen wurde und unter freiem Himmel liegenblieb; aber er wurde doch wohl verächtlich und ohne Ehrenbezeigungen in eine Grube geworfen (denn aus dem Gegensatz zu dem Begräbnis des Reichen kann man leicht schließen, daß man dem Toten nicht mehr Liebe erzeigte als dem Lebenden). Dagegen empfängt der Reiche, der mit dem seinen Schätzen entsprechenden Aufwand begraben wurde, noch einen letzten Rest seiner vergangenen Lebenshaltung. Denn in dieser Hinsicht beobachten wir, daß gottlose Menschen sich irgendwie ihrem natürlichen Schicksal widersetzen, indem sie mit einem prächtigen Begräbnis und einer prunkvollen Leichenfeier wenigstens ihr Glück überleben lassen wollen. Wie töricht und lächerlich im übrigen dieser Ehrgeiz ist, zeigen sie selbst dadurch, daß ihre Seelen sich in der Unterwelt wiederfinden. Wenn es heißt, Lazarus sei weggetragen worden, so ist das nicht wörtlich zu verstehen. Denn da die Seele der wichtigere Teil des Menschen ist, gebraucht Christus hier mit Recht den Namen des ganzen Menschen für seine Seele. Den Engeln weist Christus dieses Amt nicht von ungefähr zu; denn wir wissen, daß sie den Gläubigen als Diener gegeben sind, damit sie ihr ganzes Sinnen und flachten auf deren Heil richten.
„In Abrahams Schoß.“ Es ist nicht nötig, daß wir uns über den Schoß Abrahams, über den sich schon viele Ausleger der Schrift in mannigfacher Weise Gedanken gemacht haben, länger ergehen, es bringt uns nach meiner Ansicht nicht einmal weiter. Es genügt festzuhalten, was der Leser, der sich gut in der Schrift auskennt, als den ursprünglichen Sinn erkennen wird. Denn wie Abraham darum der Vater der Gläubigen genannt wird, weil ihm der Bund des ewigen Lebens anvertraut wurde, der zunächst in seiner treuen Hut für seine Nachkommen bewahrt wurde und dann an alle Völker weiterging, so daß alle, die die Erben dieser Verheißung sind, seine Söhne genannt werden, so heißt es von denen, die zusammen mit ihm die Frucht des Glaubens empfangen, daß sie nach dem Tode in seinem Schoß versammelt werden. Das Bild des Vaters ist aus dem Familienleben aufgegriffen, wo die Kinder sich gleichsam im Schoß des Vaters zusammenfinden, wenn sie sich abends nach der Tagesarbeit zu Hause versammeln. Während also die Kinder Gottes in dieser Welt verstreut und in der Fremdlingschaft sind, aber doch dem Glauben ihres Vaters Abraham folgen, so finden sie, wenn sie gestorben sind, Erquickung in der seligen Ruhe, in der er sie erwartet. Man braucht sich jedoch nicht einen bestimmten Ort vorzustellen, sondern es wird hier, wie gesagt, nur jene Versammlung der Kinder Abrahams bezeichnet. Die Gläubigen sollen nämlich an diesem Ausdruck erkennen, daß sie nicht vergeblich unter dem Banner des Glaubens Abrahams gekämpft haben, denn sie genießen im Himmel eine entsprechende Ruhstatt. Wenn man fragt, ob heute die Frommen nach ihrem Tode noch in derselben Lage sind oder ob Christus sie kraft seiner Auferstehung in seinen Schoß nimmt, in dem sowohl Abraham selbst wie alle Frommen Ruhe finden, so kann ich kurz antworten: Wie uns die Gnade Gottes durch das Evangelium strahlender aufgegangen ist und Christus selbst als die Sonne der Gerechtigkeit uns das Heil gebracht hat, das die Väter nur von ferne unter dunklen Schatten anschauen durften, so besteht kein Zweifel mehr, daß die Verstorbenen dem Genuß des himmlischen Lebens nähergerückt sind. Doch müssen wir dabei festhalten, daß die volle Herrlichkeit bis zum Jüngsten Tag unserer Erlösung aussteht. Was den Ausdruck betrifft, so kann jener stille Hafen, der die Gläubigen nach ihrer Seefahrt in diesem Leben aufnimmt, Schoß Abrahams wie auch Schoß Christi genannt werden. Da wir aber im übrigen weiter vorangeschritten sind als die Väter unter dem Gesetz, wird dieser Unterschied deutlicher bezeichnet, wenn wir sagen, daß die Glieder Christi zu ihrem Haupt versammelt werden. So wird das Bild vom Schoß Abrahams verblassen, wie der Glanz der Sonne bei ihrem Aufgang alle Sterne erbleichen läßt. Doch läßt sich aus dieser Redeweise, wie Christus sie hier anwendet, erschließen, daß die Väter unter dem Gesetz zu ihren Lebzeiten das Erbe des ewigen Lebens im Glauben ergriffen haben, in das sie nach ihrem Tod aufgenommen wurden.
Luk. 16, 23. „Als er nun bei den Toten war, hob er seine Augen auf.“ Wenn Christus hier auch eine Geschichte erzählt, so schildert er doch geistliche Dinge anhand von Bildern, von denen er weiß, daß sie unserem Verständnis entgegenkommen. Denn die Seelen haben weder Finger noch Augen, noch leiden sie Durst, noch führen sie Gespräche untereinander, wie es hier zwischen Abraham und dem Schlemmer beschrieben wird, sondern der Herr entwirft liier ein Bild, das die Verhältnisse im zukünftigen Leben nach dem bescheidenen Maß unseres Verstehens wiedergibt. Das Ganze will sagen: Nachdem die Seelen der Gläubigen von ihren Leibern Abschied genommen haben, führen sie außerhalb der Welt ein fröhliches, seliges Leben, auf die Verworfenen jedoch warten schreckliche Qualen, die unsere Sinne sich genauso wenig vorstellen können wie die unermeßliche Herrlichkeit des Himmels. Denn wie wir, je nachdem uns der Geist Gottes erleuchtet hat, nur zu einem winzigen Teil kraft der Hoffnung einen Vorschmack der uns verheißenen Herrlichkeit haben, die all unsere Sinne weit übersteigt, so genügt es, wenn wir die unendliche Strafe Gottes, die den Gottlosen bleibt, nur undeutlich erkennen, um von ihr mit Entsetzen erfüllt zu werden. So ist den Worten Christi nur eine schwache Vorstellung von diesen Dingen zu entnehmen, die zudem unsere Neugier zähmen soll: Die Gottlosen leiden gräßlich unter dem Gefühl ihres Elends; sie ersehnen sich irgendeinen Trost, doch die Aussichtslosigkeit auf Hoffnung bereitet ihnen doppelte Qual. Noch mehr werden sie gepeinigt, wenn sie gezwungen werden, sich an ihre Vergehen zu erinnern und die Seligkeit der Gläubigen vor ihren Augen mit ihrer elenden und verlorenen Lage zu vergleichen. Dahin zielt die Schilderung des Gespräches, als ob wirklich eins zwischen ihnen stattgefunden hätte, wo sie doch keinerlei Austausch mehr miteinander haben. Auch darin, daß der Reiche Abraham „Vater" nennt, äußert sich eine andere Seite seiner Qual: er spürt zu spät, daß er sich von der Zahl der Söhne Abrahams losgesagt hat.
Luk. 16, 25. „Gedenke, Sohn.“ Das Wort „Sohn“ scheint ironisch gemeint zu sein als ein scharfer Tadel, der den Reichen treffen mußte, der fälschlich rühmt, im Leben einer von den Söhnen Abrahams gewesen zu sein. Denn als ob seiner Seele ein Brenneisen aufgedrückt würde, so wird sie verwundet, wenn ihr ihre Heuchelei und ihr lügnerisches Vertrauen vor Augen geführt werden. Wenn es jedoch heißt, daß bei den Toten gepeinigt werde, wer sein Gutes schon in der Welt empfangen habe, dann darf man das nicht so auffassen, als ob auf all die das ewige Verderben warte, die in dieser Welt gut und glücklich gelebt haben. Ja, Augustin bemerkt in kluger Weise, der arme Lazarus sei darum in den Schoß des reichen Abraham getragen worden, damit wir erkennen, daß Reichtum niemandem die Pforte zum Himmelreich verschließt, sondern daß sie allen in gleicher Weise offensteht, denen, die sich in Maßen ihres Reichtums bedient, und denen, die ihn geduldig entbehrt haben. Der Sinn ist lediglich: Da er durch die Lockungen des irdischen Lebens ganz in die Vergnügungen der Knie untergetaucht ist und Gott und sein Reich verachtet hat, erwarten ihn jetzt die Strafen für seine Gleichgültigkeit. Darum ist das Fürwort dein betont, als ob Abraham gesagt hätte: Während du zum ewigen Leben geschaffen warst und das Gesetz Gottes dich zur Betrachtung des himmlischen Lebens hätte erheben sollen, hast du einen so großartigen Besitz aus den Augen gelassen und bist lieber wie ein Schwein oder ein Hund geworden. Darum empfängst du nun den angemessenen Lohn für deine stumpfsinnigen Lüste. Wenn es auf der anderen Seite von Lazarus heißt, er werde getröstet, weil er in der Welt viel Schmach erlitten hat, so tut einer albern daran, wenn er das nun auf alle Elenden bezieht, denen ihre Leiden nicht zum Nutzen ausschlagen, sondern sie noch mehr in die äußerste Strafe treiben. An Lazarus wird dagegen das Tragen des Kreuzes gerühmt, das immer aus dem Glauben und einer aufrichtigen Gottesfurcht entspringt. Denn nicht der, der trotzig dem Übel widersteht und unbändig in seinem Eigensinn verharrt, verdient ein Lob für seine Ausdauer, so daß ihm Gott sein Leiden mit seinem Trost vergälte. Darum will das Ganze soviel sagen: Wer geduldig die Last des Kreuzes trägt, die ihm auferlegt ist, und sich nicht gegen das Joch und die Zuchtrute Gottes verhärtet, sondern durch die fortwährenden Schmähungen hindurch der Hoffnung auf ein besseres Leben zustrebt, dem ist im Himmel eine Ruhstatt bereitet, wenn er die Zeit seines Kriegsdienstes abgedient hat. Auf die heidnischen Verächter Gottes dagegen, die sich in die Freuden des Fleisches stürzen und gewissermaßen unter dem Rausch ihrer Sinne alles Trachten nach Frömmigkeit ersticken, warten sofort nach dem Tod die Qualen, die die eitlen Vergnügungen vertreiben. Weiter müssen wir im Gedächtnis behalten, daß dieser Trost, den die Kinder Gottes genießen, darin liegt, daß sie die Krone der Herrlichkeit, die ihnen bereitet ist, vor Augen haben und Frieden finden, wenn sie sie fröhlich anschauen.
So quält auf der anderen Seite die Gottlosen ihre Ahnung von dem kommenden Gericht, das sie bedrohlich vor sich sehen.
Luk. 16, 26. „Zwischen uns und euch ist eine große Kluft befestigt.“ Diese Worte machen deutlich, daß die Lage im kommenden Leben unveränderlich bleibt; er hätte auch sagen können: Die Grenzen, die die Verworfenen von den Erwählten trennen, können niemals durchbrochen werden. So werden wir ermahnt, schleunigst und solange es Zeit ist, auf den Weg zurückzukehren und uns nicht kopfüber in jenen Abgrund zu stürzen, aus dem es kein Auftauchen mehr gibt. Im übrigen darf man nicht wörtlich nehmen, wenn es heißt, dei Durchgang sei dem verwehrt, der vom Himmel zu den Toten hinabsteigen wolle; denn es ist doch klar, daß niemanden von den Frommen ein solches Verlangen ankommen wird.
Luk. 16, 27. „So bitte ich dich, Vater.“ Um die Geschichte unserem Verständnis noch besser zugänglich zu machen, nennt Christus die Bitte des Reichen, daß seine Brüder, die er noch hätte, von Lazarus gewarnt würden. Hier haben die Papisten alberne Beweise geführt, um glaublich zu machen, daß sich die Verstorbenen um die Lebenden kümmern. Es gibt nichts Fauleres als diesen Winkelzug. Denn unter dem gleichen Vorwand bringe ich heraus, daß die Gläubigen mit ihrem Los nicht zufrieden sind, wenn sie nicht die beständige Kluft zu den Toten vor dem Verlangen bewahrt, da hinübergehen zu wollen. Wenn diesen Unsinn niemand anerkennt, dann gibt es auch keinen Grund, daß sich die Papisten so viel auf den andern Einfall einbilden. Doch habe ich nicht vor, streitsüchtig der einen oder der anderen Seite das Wort zu reifen, sondern ich wollte nur beiläufig bemerken, mit welch fadenscheinigen Beweisgründen sie sich vorstellen, daß die Verstorbenen bei Gott Fürsprache für uns einlegen. Ich komme nun zu dem einfachen, echten Sinn dieser Stelle zurück: Christus weist uns anhand des Reichen und des Abraham darauf hin, daß wir auf keinen Fall erwarten dürfen, daß die Verstorbenen auferstehen, um uns zu lehren und zu ermahnen, wo uns die gewisse Regel für unser Leben längst übergeben ist. Denn als Mose und die Propheten lebten, waren sie so zu Lehrern ihrer Zeitgenossen bestellt, daß aus ihren Schriften die gleiche Frucht auch ihren Nachfahren zukomme. Wenn Gott uns auf diese Art zum rechten Leben anweisen wollte, gibt es keinen Anlaß, warum er die Verstorbenen schicken sollte, um über die Belohnungen und Strafen des kommenden Lebens Zeugnis abzulegen. Sie werden ihre Gleichgültigkeit nicht entschuldigen können, weil sie sich unter dem Vorwand gehenlassen, daß sie ja nicht wissen, was außerhalb der Welt getrieben wird. Wir kennen das ruchlose Wort, das bei gottlosen Menschen sein Wesen treibt, oder - besser - dieses Grunzen von Schweinen, daß es töricht sei, sich mit einer ungewissen Furcht zu martern, weil noch nie jemand als Bote aus der Totenwelt zurückgekehrt sei. Uni uns von diesen Betörungen Satans zu heilen, ruft uns Christus zum Gesetz und den Propheten zurück. Es geht nach dem Zeugnis des Mose (Deut. 30, 11 ff.): „Denn das Gebot, das ich dir heute gebiete, ist dir nicht zu hoch und nicht zu fern. Es ist nicht im Himmel, daß du sagen müßtest: Wer will für uns in den Himmel fahren und es uns holen, daß wir's hören und tun? Es ist auch nicht jenseits des Meeres, daß du sagen müßtest: Wer will für uns über das Meer fahren und es uns holen, daß wir's hören und tun? Denn es ist das Wort ganz nahe bei dir in deinem Munde und in deinem Herzen, daß du es tust." Wer darum als Märchen verlacht, was die Schrift von dem zukünftigen Gericht bezeugt, wird es einst noch an sich verspüren, denn jene Gottlosigkeit ist einfach nicht tragbar, die den heiligen Versprechungen Gottes die Glaubwürdigkeit entzieht. Im übrigen scheucht Christus die Seinen aus dieser Schläfrigkeit auf, damit sie sich nicht in der Hoffnung auf straflosen Ausgang täuschen und die Zeit zur Buße verpasssen. Dahin zielt auch die Antwort des Abraham: Da Gott durch Mose und die Propheten seinem Volk die Lehre vom Heil deutlich genug übergeben hat, bleibt nichts weiter übrig, als daß sich alle an ihr genügen lassen. Da das Menschengeschlecht von der schlimmen Krankheit der Neugier tief durchdrungen ist, lechzen die meisten Menschen nach immer wieder neuen Offenbarungen. Da Gott aber nichts mehr zuwider ist, als wenn die Menschen so lüstern ihre Grenzen überschreiten, verwehrt er ihnen, bei Zauberern und Wahrsagern die Wahrheit zu erforschen und nach der Heiden Art trügerische Orakel aufzusuchen. Um aber zugleich ihr Verlangen zu besänftigen, verheißt er ihnen Propheten, bei denen »las Volk lernen soll, was zum Heil nützlich ist (vgl. Deut. 18, 10ff.). Wenn die Propheten nun zu diesem Zweck gesandt wurden, damit Gott sein Volk unter der Zucht seines Wortes halle, so wird jemand, dem diese Erklärung nicht genügt, nicht von Lerneifer getrieben, sondern den kitzelt ein gottloser Mutwille. Darum beklagt sich Gott darüber, daß ihm Unrecht geschehe, wenn die Lebenden nicht ihn allein hören, sondern die Toten befragen (vgl. Jes. 8, 19). Wenn Abraham das Wort Gottes in das Gesetz und die Propheten teilt, so bezieht er sich damit auf die Zeit des Allen Bundes. Jetzt, da die klarere Deutung des Evangeliums gekommen ist, ist unsere Gottlosigkeit um so weniger tragbar, wenn wir uns in Verachtung seiner Verkündigung hierhin und dorthin reißen lassen oder, kurz gesagt, wenn wir uns nicht vom Wort Gottes leiten lassen. Hieraus sieht man auch, wie festgefahren der Glaube der Papisten an das Fegefeuer und derlei dummes Zeug ist, der sich doch nur auf leeren Wahn stützen kann.
Luk. 16, 30. „Nein, Vater Abraham.“ Wieder handelt es sich hier um eine bildliche Vorstellung, in der mehr die Gefühle der Lebenden ausgedrückt werden als die Besorgnisse der Verstorbenen. Denn die Lehre des Gesetzes findet keine Beachtung in der Welt, die Weissagungen liegen brach, und niemand unterzieht sich der Mühe, Gott anzuhören, der in seiner Weise zu uns redet. Die einen wünschen sich, daß Engel vom Himmel herniedersteigen, die andern, daß die Verstorbenen aus den Gräbern aufstehen, die dritten wollen durch immer wieder neue Wunderzeichen bestätigt sehen, was sie hören, die vierten möchten, daß Stimmen aus der Luft ertönen. Auch wenn Gott übrigens all diesen verschrobenen Wünschen nachgekommen wäre, so hätte das doch kein Weiterkommen bedeutet. Denn einmal hat Gott bereits in seinem Wort all das zusammengefaßt, was uns nützlich zu wissen war, und zum andern ist die Glaubwürdigkeit dieses Wortes durch rechtmäßige Zeichen bezeugt und bestätigt worden. Ferner hängt der Glaube ja nicht an Wunderzeichen oder an irgendwelchen Ungeheuerlichkeiten, sondern er ist ein besonderes Geschenk des Geistes und wird aus dem Wort geboren. Schließlich ist es das ausschließliche Werk Gottes, wenn er uns zu sich zieht, und er will durch sein Wort wirksam und tätig sein. Darum dürfen wir auf keinen Fall hoffen, daß uns Mittel etwas nützen könnten, die uns doch nur von dem Gehorsam gegenüber dem Wort abziehen. Ich gehe zwar zu, daß es nichts Schlüpfrigeres gibt, als wenn das Fleisch auf nichtige Offenbarungen lauscht; und wir sehen, wie leidenschaftlich sich die in die Schlingen des Satans stürzen, die die gesamte Schrift verachten. Hieraus entspringt die Totenbefragung und ähnliches Blendwerk, die die Welt nicht nur gierig aufgreift, sondern auch mit unvernünftigem Eifer weiter betreibt. Hier stellt Christus lediglich fest, daß die vor der Lehre des Gesetzes Tauben und Widerspenstigen auch von den Verstorbenen nicht zurechtgewiesen oder zu einer vernünftigen Haltung zurückgebracht werden können.
Aus: Otto Weber, Calvins Auslegung der Heiligen Schrift. Zwölfter Band: Die Evangelien-Harmonie 1. Teil, Neukirchener Verlag, 1966, S. 440ff.
Tod, wo ist dein Stachel? Totenreich, wo ist dein Sieg? 1Kor 15,55

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Beitragvon Joschie » 19.06.2010 20:58

Ein Abschied mit Stil
Wenige Wochen vor seinem Tod im Mai 1564 setzt Calvin ein Testament auf. Darin blickt er noch einmal zurück auf seinen Lebensweg und erklärt sodann, wie er seine persönlichen Dinge geordnet hat.


„Ich, Johannes Calvin, Diener an Gottes Wort in der Kirche von Genf, fühle mich von verschiedenen Krankheiten so zerschlagen, dass ich nicht anders denken kann, als dass Gott mich bald aus dieser Welt heimholen will, und habe mich deshalb entschlossen, ein Testament und eine Äußerung meines Letzten Willens schriftlich aufsetzen zu lassen in folgender Form: ... Gott hat seine Gnade an mir so weit gehen lassen, dass er mich und meine Arbeit zur Förderung und Verkündigung der Wahrheit seines Evangeliums brauchte. So erkläre ich, dass ich leben und sterben will in diesem Glauben und keine andere Hoffnung und Zuversicht habe als darauf, dass er mich aus Gnaden angenommen hat, worauf all meine Seligkeit beruht. …Ich erkläre auch, dass ich nach dem Maß der Gnade, die er mir verliehen hat, mich bemüht habe, sein Wort rein zu lehren in Predigten und Schriften und die Heilige Schrift getreulich auszulegen. Auch habe ich in allen Streitigkeiten, die ich mit den Feinden der Wahrheit durchzufechten hatte, nie Hinterlist noch Sophisterei gebraucht, sondern bin stets ehrlich vorgegangen in der Verteidigung seiner Sache. ... Im Übrigen ist mein Wunsch, dass mein Leib nach meinem Tod begraben werde auf die gewöhnliche Weise, und so will ich auf den Tag der seligen Auferstehung warten. Was nun die Anordnungen über das bisschen Hab und Gut betrifft, das mir Gott gegeben hat, so ernenne und setze ich ein als meinen einzigen Erben meinen herzlich geliebten Bruder, Antoine Calvin. … Danach vermache ich der Akademie zehn Taler und der Stipendienstiftung für arme Fremde ebensoviel. Ebenso der Jeanne, Tochter des Charles Costan und meiner Stiefschwester von väterlicher Seite, die Summe von zehn Talern. Dann den Söhnen meines oben genannten Bruders, Samuel und Jean, meinen Neffen, jedem vierzig Taler. Und meinen Nichten Anne, Susanne und Dorothee jeder dreißig Taler. Dagegen meinem Neffen David, ihrem Bruder, vermache ich, weil er leichtsinnig und flatterhaft gewesen ist, nur fünfundzwanzig Taler als Strafe. Das ist im Ganzen alles Gut, das mir Gott gegeben hat, nach dem, wie ich es bestimmen und schätzen konnte nach dem Wert meiner Bücher sowie der Möbel, des Hausrats und alles übrigen. Wenn sich jedoch noch mehr fände, so soll es unter meine genannten Neffen und Nichten verteilt werden, wobei David nicht ausgeschlossen sein soll, wenn ihm Gott die Gnade gibt, fortan sich maßvoller und gesetzter zu benehmen.“

Wenige Tage, nachdem Calvin dies in seinem Testament bestimmt hat, bittet er seine Kollegen im Pfarramt an sein Krankenbett und verabschiedet sich von ihnen mit Dank, Selbstkritik und dem Bewusstsein, nach bestem Wissen und Gewissen im Sinne des Evangeliums gehandelt zu haben.

„Ich habe viele Schwächen gehabt, die Ihr ertragen musstet, und all das, was ich getan habe, ist im Grunde nichts wert. Die schlechten Menschen werden diesen Ausspruch gewiss aus­schlachten. Aber ich sage noch einmal, dass all mein Tun nichts wert ist und ich eine elende Kreatur bin. Ich kann allerdings wohl von mir sagen, dass ich das Gute gewollt habe, dass mir meine Fehler immer missfallen haben und dass die Wurzel der Gottesfurcht in meinem Herzen gewesen ist. Und Ihr könntet sagen, dass mein Bestreben gut gewesen ist. Darum bitte ich Euch, dass Ihr mir das Schlechte verzeiht. Wenn es aber auch etwas Gutes gegeben hat, so richtet Euch danach und folgt ihm nach. ... Achtet weiter darauf, dass kein Streit und keine bösen Worte zwischen Euch aufkom­men, wie Ihr Euch manchmal schon gegenseitig mit beißendem Spott überzogen habt. ... Darum sollte man sich davor hüten und stattdessen in gutem Einvernehmen und in aufrichtiger Freund­schaft mit­einander leben.

Es ist ein Abschied mit Stil, in dem Calvin Töne der Bescheidenheit anschlägt und deutlich macht, dass sein Wirken dem Evangelium galt, damit es Frucht bringt unter den Menschen. Calvins Erkenntnis, dass Gott seinem Leben eine Grenze gesetzt hat, mündet nicht in Resignation, sondern in das Vertrauen auf diesen Gott, dem er sich im Leben und im Sterben anvertraut. Für dieses Vertrauen, dass Gott am Anfang und am Ende des Lebens, aber auch am Ende des Tages und am Anfang der Nacht seine Menschen gnädig behütet, hat Calvin ein Leben lang geworben und es seiner Gemeinde in einem Abendgebet einmal so vorgesprochen:

„Herr Gott, es hat dir bei der Schöpfung gefallen, die Nacht für die Ruhe des Menschen und den Tag für seine Arbeit zu bestimmen. Erweise mir die Gnade, in dieser Nacht den Leib so ruhen zu lassen, dass meine Seele immer zu dir wacht und mein Herz sich zu dir in Liebe erhebt. So möchte ich mich von aller irdischen Sorge lösen und mich, wie es angesichts meiner Schwäche nötig ist, stärken, ohne dich zu vergessen. Lass die Erinnerung an deine Güte und Gnade immer in meinem Gedächtnis wohnen und gib damit meinem Gewissen ebenso seine geistliche Ruhe wie dem Leib die seine. Ferner möge mein Schlaf sich nicht über die Maßen ausdehnen, damit er sich nicht der Bequemlichkeit meines Leibes in übertriebener Weise hingibt, sondern er soll sich nach der Schwäche meiner Natur richten und nur solange dauern, dass ich wieder in der Lage bin, dir zu dienen. Auch möge es dir recht sein, mich an Leib und Seele unbeschadet zu erhalten und mich vor allen Gefahren zu bewahren, so dass selbst mein Schlaf deinen Namen verherrlicht. Und da dieser Tag nicht vergangen ist, ohne dass ich armer Sünder dich vielfach zornig gemacht habe, wollest du durch deine Barmherzigkeit all meine Schuld begraben, so wie jetzt die von dir auf die Erde gesandte Finsternis alles verbirgt. Verwirf mich um [deiner Barmherzigkeit willen] nicht von deinem Angesicht! Erhöre mich, mein Gott, mein Vater, mein Heiland, durch unseren Herrn Jesus Christus! Amen.“
Tod, wo ist dein Stachel? Totenreich, wo ist dein Sieg? 1Kor 15,55

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Beitragvon Joschie » 26.06.2010 20:06

3. Sonntag nach Trinitatis: Lukas 15,1-3.11-32 – die Heimkehr des verlorenen Sohn
von Johannes Calvin
Wir sollen die „Schwachen“ „nicht nach dem Wert ihrer Tugenden beurteilen, sondern nach der Gnade Christi“.


Lukas 15,1-3
1 Es nahten aber zu ihm allerlei Zöllner und Sünder, daß sie ihn hörten. 2 Und die Pharisäer und Schriftgelehrten murrten und sprachen: Dieser nimmt die Sünder an und ißt mit ihnen. 3 Er aber sagte zu ihnen dieses Gleichnis und sprach: (...).

Matth. 18, 11. „Denn des Menschen Sohn ist gekommen ...“ Nun ermahnt Christus noch an seinem eigenen Beispiel, auch die schwachen und verachteten Brüder in Ehren zu halten. Denn er kam ja als Erlöser vom Himmel, um nicht nur diese Schwachen zu retten, sondern sogar die Toten, die bereits verloren waren. Darum ist es mehr als ungehörig, wenn wir in unserem Hochmut auf Leute herabsehen, die Gottes Sohn so hoch geachtet hat. Auch dann, wenn die Schwachen an Fehlern leiden, die uns zur Verachtung führen könnten, ist unser Hochmut nicht zu entschuldigen. Denn wir sollen sie nicht nach dem Wert ihrer Tugenden beurteilen, sondern nach der Gnade Christi. Wer sich nicht nach seinem Beispiel richtet, beweist damit nur, wie furchtbar eigensinnig und hochfahrend er ist.

Matth. 18, 12. „Was meint ihr?“ Lukas nennt den Anlaß zu diesem Gleichnis genauer: Die Schriftgelehrten und Pharisäer murrten gegen den Herrn, weil sie ihn täglich mit Sündern verkehren sahen. Christus wollte darum zeigen, daß sich ein guter Lehrer genauso bemühen muß, Verlorenes wiederzugewinnen, wie das zu bewahren, das sich schon in seiner Hand befindet. Matthäus zieht das Gleichnis noch weiter aus: Die Jünger Christi sind nicht nur freundlich zu hegen, sondern auch in ihren Fehlern zu ertragen; wir sollen uns bemühen, Irregehende auf den rechten Weg zurückzubringen. Denn auch die Schafe, denen Gott seinen Sohn zum Hirten gegeben hat, verlaufen sich manchmal. Sic müssen aus der Zerstreuung wieder gesammelt werden, und es ist einfach unmöglich, sie lieblos zu verjagen, Christus will mit seinen Worten davor warnen, zu verderben, was Gott gerettet wissen will. Der Bericht des Lukas verfolgt ein etwas anderes Ziel. Da alle Menschen Gottes Eigentum sind, müssen alle, die sich entfremdet haben, wieder gesammelt werden; und wenn die Verlorenen auf gute Wege zurückkehren, ist genauso Anlaß zur Freude, wie wenn einer wider Erwarten etwas zurückgewinnt, dessen Verlust er schon betrauerte.

Luk. 15, 10. „Also wird Freude sein vor den Engeln Gottes.“ Wenn sich die Engel im Himmel beglückwünschen, wenn sie sehen, daß Verlorenes wieder zur Herde zurückgebracht ist, so sollten wir an ihrer Freude teilnehmen, da wir ebensoviel Grund dazu haben wie sie. Doch wieso freuen sich die Engel über die Buße eines gottlosen Menschen mehr als über die Beständigkeit vieler Gerechten, wo sie doch an nichts mehr ihre Freude haben als an einem ununterbrochenen, gleichmäßigen Wandel in der Gerechtigkeit? Natürlich würde es dem Willen der Engel mehr entsprechen und wäre auch mehr zu wünschen, daß die Menschen immer in völliger Reinheit leben; da Gottes Erbarmen jedoch bei der Errettung eines Sünders, der schon auf seinen Untergang zuging und bereits wie ein totes Glied vom Leib abgeschnitten war, besonders klar wird, schreibt Christus den Engeln eine ähnliche Freude zu, wie sie ein Mensch bei unverhofftem Glück hat. Übrigens bezieht sich hier das Wort Buße ganz speziell auf die Bekehrung derer, die sich völlig von Gott abgewandt hatten und nun vom Tod zum Leben auferstehen. Denn sonst soll sich ja das Üben der Buße durch unser ganzes Leben hinziehen, und niemand ist von dieser Notwendigkeit befreit; denn jeden treiben seine Fehler zu einem täglichen Wachsen in der Buße. Doch bedeutet es etwas anderes, wenn man unter Ärgernissen, Fehltritten oder Verirrungen zum Ziel strebt und dabei schon auf dem richtigen Weg ist oder wenn man erst von einem völlig verkehrten Irrweg umkehren oder den rechten Weg aus dem Gefängnis heraus anfangen muß. Wer schon damit begonnen hat, sein Leben nach der Regel des göttlichen Gebotes zu richten, so daß er bereits den Anfang eines heiligen frommen Lebens hat, braucht eine solche Buße nicht, obwohl auch er noch unter den Schwachheiten seines Fleisches seufzen und sich bemühen muß, sie loszuwerden.

Lukas 15,11-22
11 Und er sprach: Ein Mensch hatte zwei Söhne. 12 Und der Jüngere unter ihnen sprach zu dem Vater: Gib mir, Vater, das Teil der Güter, das mir gehört. Und er teilte ihnen das Gut. 13 Und nicht lange danach sammelte der jüngere Sohn alles zusammen und zog ferne über Land; Land; und daselbst brachte er sein Gut um mit Prassen. 14 Als er nun all das Seine verzehrt hatte, wurde eine große Teuerung durch dasselbe das ganze Land, und er fing an zu darben 15 und ging hin und hängte sich an einen Bürger desselben Landes; der schickte ihn auf seinen Acker, die Säue zu hüten. 16 Und er begehrte, seinen Bauch zu füllen mit Trebern, die die Säue aßen; und niemand gab sie ihm. 17 Da schlug er in sich und sprach: Wie viel Tagelöhner hat mein Vater, die Brot in Fülle haben, und ich verderbe vor Hunger! 18 Ich will mich aufmachen und zu meinem Vater gehen und zu ihm sagen: Vater, ich habe gesündigt gegen den Himmel und vor dir. 19 Ich bin hin nicht mehr wert, daß ich dein Sohn heiße; mache mich zu einem deiner Tagelöhner! 20 Und er machte sich auf und kam zu seinem Vater. Da er aber noch ferne von dannen war, sah ihn sein Vater, und es jammerte ihn, lief und viel ihm seinen Hals und küßte ihn. 21 Der Sohn aber sprach zu ihm: Vater, ich habe gesündigt gegen den Himmel und vor dir; ich bin hinfort nicht mehr wert, daß ich dein Sohn heiße. 22 Aber der Vater sprach zu seinen Knechten: Bringt schnell das beste Kleid hervor und tut es ihm an und gebt ihm einen Fingerreif an seine Hand und Schuhe an seine Füße...

Dieses Gleichnis ist nur die Bestätigung der vorangegangenen Lehren. Und zwar wird uns im ersten Teil gezeigt, wie Gott willig und bereit ist, unseren Sünden Vergebung zu gewähren; im zweiten Teil dagegen, den wir noch später besprechen werden, kommt heraus, wie böse und töricht die handeln, die sich seiner Barmherzigkeit in den Weg stellen. Unter der Gestalt eines leichtsinnigen jungen Mannes, der durch Luxus und hemmungslose Verschwendung in tiefstes Elend gerät, dann aber, um Hilfe flehend, zu seinem Vater zurückkehrt, gegen den er sich zuvor nur ungerecht und widerspenstig benommen hatte, beschreibt Christus alle Sünder, die ihre Torheit einsehen und sich zu Gottes Gnade flüchten. Mit dem gütigen Vater, der nidn nur die Fehler seines Sohnes verzeiht, sondern aus freien Stücken dem Heimkommenden entgegenläuft, vergleicht er Gott, dem es nicht genug ist, den um Verzeihung Bittenden zu vergeben, sondern der ihnen in seiner väterlichen Nachsicht noch zuvorkommt. Nun wollen wir das Gleichnis im einzelnen auslegen.

Luk. 15, 12. „Und der Jüngere unter ihnen sprach.“ Zur Kennzeichnung der Gottlosigkeit und Eigenwilligkeit des jungen Mannes wird uns zunächst beschrieben, wie er sich von seinem Vater zu trennen wünscht und sein Glück nur darin sieht, wenn er der Herrschaft seines Vaters davonläuft, um ungestraft seinen Gelüsten nachzugehen. Dazu kommt seine Undankbarkeit, daß er seinen alten Vater im Stich läßt und ihm damit nicht nur die gebührenden Dienstleistungen entzieht, sondern noch das elterliche Vermögen schädigt und verringert. Darauf folgt dann seine maßlose Verschwendung und sein unverantwortlicher Leichtsinn, womit er sein gesamtes Vermögen durchbringt. Mit so vielen Vergehen hätte er verdient, daß der Vater sich ihm unversöhnlich erwiesen hätte. Aber ohne Zweifel wird uns in diesem Bild die unermeßliche Güte Gottes und seine unvergleichliche Nachsicht vor Augen gemalt, damit uns auch die schlimmsten Verbrechen nicht die Hoffnung nehmen, daß wir bei ihm Vergebung erlangen. Man könnte das Gleichnis auch dahin deuten, daß der Mensch einem törichten, leichtsinnigen jungen Mann gleicht, der bei Gott die Fülle der Güter genießen kann und der doch von einer blinden, wahnsinnigen Begierde getrieben wird, mit Gott teilen zu wollen, damit er von ihm unabhängig ist. Als überträfe es nicht den Wert aller Königreiche, wenn man unter der väterlichen Fürsorge und Leitung Gottes leben darf! Aber ich fürchte, daß diese Ausdeutung zu weit geht; ich will mich darum mit dem buchstäblichen Sinn begnügen. Nicht weil es mir mißfiele, daß unter einer solchen Sinngebung der Wahnsinn derer angegangen würde, die meinen, sie machten ihr Glück, wenn sie erst einmal etwas für stell allein haben, so daß die Güter ohne den himmlischen Vater genossen werden, sondern weil ich mich nun in den Grenzen eines Auslegers halten will. Christus schildert hier also, wie es jungen Menschen zu gehen pflegt, wenn sie sich von ihrem eigenen Verstand leiten lassen. Denn da sie ohne Einsicht und voll heißer Triebe in keiner Weise geeignet sind, sich selbst zu führen, müssen sie notwendig dahin geraten, wohin sie ihre Begierde treibt, und mit Schimpf und Schande in Not geraten, falls nicht Furcht und Scham sie noch von diesem Weg zurückhalten. Dann beschreibt Christus die Strafe, die in der Hegel solche treulosen Verschwender trifft: Nachdem sie ihre Güter auf üble Weise verpraßt haben, leiden sie schlimmen Hunger und nehmen mit Eicheln und Schoten vorlieb, da sie den Überfluß des besten Brotes nicht wirtschaftlich nutzen konnten. Sic gesellen sich schließlich den Schweinen zu und fühlen sich menschlicher Nahrung unwürdig. Denn solche Gefräßigkeit haben nur Schweine an sich, daß sie so schlecht einteilen, was ihnen zum Unterhalt ihres Lebens zur Verfügung steht. Wenn einige das Gleichnis scharfsinniger ausdeuten, nämlich dies sei die gerechte Strafe für gottlosen Hochmut, daß die, die das ehrbare Brot in der Familie ihres himmlischen Vaters verachtet haben, als Hungerleider zu Schoten ihre Zuflucht nehmen müssen, so ist das zwar richtig und nützlich zu sagen, und keinerlei Bedenken steht im Wege, das Gleichnis so auszulegen. Trotzdem müssen wir immer bedenken, daß sich eine solche Ausziehung der Einzelzüge vom ursprünglichen Sinn entfernt.

Luk. 15, 16. „Und er begehrte, seinen Bauch zu füllen ...“ Das zeigt uns, daß der junge Mann vor lauter Hunger nicht mehr an die früheren Leckerbissen gedacht hat, sondern gierig die Schalen von Früchten verschlang. Denn diese Art Nahrung hatte er zur Verfügung, da er sie selbst den Schweinen füttern mußte. Wir kennen den Anspruch des Kyros, der, hungrig von langer Flucht, sich an gewöhnlichem schwarzem Brot ein wenig erquickte und dann meinte, er habe noch nie so schmackhaftes Brot gegessen. So zwang die Not diesen jungen Mann hier, seinen Appetit auf Fruchtschoten zu richten. Es wird angegeben: Niemand gab ihm. Meiner Ansicht nach soll damit ein Grund bezeichnet werden. Doch wird damit nicht von den Schoten gesprochen, die er ja zur Verfügung hatte, sondern es soll gesagt werden: niemand hat sich seiner Notlage erbarmt. Denn solchen Verschwendern, die wahllos ihre Habe verschleudern, fühlt sich niemand schuldig. Ja, da sie ja gewohnt waren, alles durchzubringen, scheint es nicht notwendig, ihnen noch etwas zu spenden.

Luk. 15, 17. „Da schlug er in sich.“ Hier wird uns die Weise beschrieben, mit der Gott die Menschen zur Buße einlädt. Wenn sie freiwillig zur Einsicht kämen und sich williger zeigten, würde er sie freundlicher zu sich ziehen. Da sie sich jedoch nur zum Gehorsam herablassen, wenn sie mit Ruten gezähmt werden, züchtigt er sie härter. Darum war für den jungen Mann, den sein Überfluß unbändig und zuchtlos gemacht hatte, der Hunger der beste Lehrmeister. Wir sollen also nicht meinen, Gott verfahre grausam mit uns, wenn er uns ein schwereres Geschick auflädt; denn er will auf diese Weise die Widerspenstigen und vor Ausgelassenheit Trunkenen zum Gehorsam erziehen. So ist schließlich alles, was wir an Unglück durchmachen, eine heilsame Aufforderung zur Umkehr. Da wir jedoch träge sind, nehmen wir meistens erst dann Verstand an, wenn uns die äußerste Not dazu zwingt. Denn solange uns nicht von allen Seiten Engpässe bedrohen und uns die Verzweiflung lähmt, triumphiert immer das Fleisch, oder es will sich wenigstens nicht fügen. Es ist also kein Wunder, wenn Gott sich bemüht, mit heftigen, oft wiederholten Schlägen unseren Trotz zu brechen, und auf einen harten Klotz einen groben Keil setzt, wie es im Sprichwort heißt. Zu bemerken ist auch, daß die Hoffnung auf ein besseres Los, wenn er erst zum Vater zurückgekehrt wäre, dem jungen Mann Mut macht umzukehren. Denn keine noch so harte Strafe wird unseren Trotz erweichen oder bewirken, daß wir unsere Sünden einsehen, wenn sich uns nicht irgendein rettender Ausweg zeigt. Wie also dieser junge Mann durch das Vertrauen auf die väterliche Milde ermutigt wird, um Versöhnung zu bitten, so muß uns die Kenntnis von der göttlichen Barmherzigkeit, die uns zu guter Hoffnung erweckt, der Anfang zur Umkehr sein.

Luk. 15, 20. „Da er aber noch ferne von dannen war ...“ Hier liegt der Kern unseres Gleichnisses: Wenn schon Menschen, die von Natur rachsüchtig sind und nur zu gern auf ihrem Recht bestehen, durch die Vaterliebe so beeinflußt werden, daß sie ihren Kindern gütig verzeihen und die erbärmlich Gestrandeten aus freien Stücken wieder aufnehmen, so wird Gott, dessen unermeßliche Güte jede Vaterliebe übersteigt, auf keinen Fall härter mit uns verfahren. Nichts, was hier über den irdischen Vater berichtet wird, verheißt Gott nicht auch von sich selbst: „Ehe sie rufen, werde ich hören" (Jes. 65, 24). Bekannt ist auch die Psalmstelle (32, 5): „Ich sprach: Ich will dem Herrn meine Übertretung bekennen. Da vergabst du mir die Missetat meiner Sünde." Wie der Vater hier sich nicht nur von den Bitten seines Sohnes erweichen läßt, sondern dem Heimkommenden noch entgegenläuft und, bevor er überhaupt nur ein Wort vernommen, sein schmutziges, entstelltes Kind in die Arme nimmt, so erwartet Gott keine langen Entschuldigungen, sondern kommt uns von sich aus entgegen, sobald sich der Sünder vorgenommen hat, seine Schuld zu gestehen. Eine faule Ausflucht, wenn man hier herausliest, die Gnade Gottes sei den Sündern nicht eher zugänglich, als bis sie selbst ihr mit ihrer Buße zuvorkommen. Der Vater hier sei wohl willig zu verzeihen, aber erst nachdem der Sohn angefangen habe, zu ihm zurückzukehren. Gott schaue also nur die an und würdige nur die seiner Gnade, die damit begonnen haben, sie zu suchen. Es ist zwar richtig, daß der Sünder Schmerz in seinem Gewissen empfinden und sich selbst mißfallen muß, damit er Vergebung erlangen kann. Aber es ist falsch, daraus zu schließen, daß die Buße, die Gottes Geschenk ist, von den Menschen aus eigenem Antrieb ihres Herzens dargeboten werden muß. In dieser Hinsicht kann man einen sterblichen Menschen nicht mit Gott vergleichen. Denn es liegt nicht in der Macht des irdischen Vaters, durch die geheimnisvolle Bewegung des Geistes das verkehrte Herz seines Sohnes zu erneuern, so wie Gott aus steinernen Herzen lebendige macht. Schließlich handelt es sich hier auch gar nicht darum, ob ein Mensch sich von sich aus bekehren und zu Gott zurückfinden kann, sondern es soll hier nur unter der Gestalt eines Menschen die väterliche Geduld Gottes und seine Bereitschaft zu vergeben gepriesen werden.

Luk. 15, 21. „Vater, ich habe gesündigt gegen den Himmel ...“ Hier wird der andere Teil der Buße gezeigt, nämlich das Gefühl für die Sünde, das mit Traurigkeit und Scham verbunden ist. Denn wen seine Sünde nicht schmerzt, so daß er sich seine Schuld nicht vor Augen stellt, wird an alles andere lieber als daran denken, sich zu bessern. Der Buße muß also notwendig die Unzufriedenheit mit sich selbst vorausgehen. Es heißt nachdrücklich, daß der junge Mann „in sich schlug", so also, daß er wieder zu sich kam, nachdem er sich auf den krummen Wegen seiner Leidenschaften selbst vergessen hatte. So führen diese Aufwallungen des Fleisches in die Irre, so daß der, der sich ihnen überläßt, sich selbst verliert und vergeht. Darum werden die Übertreter angewiesen, in ihr Herz zu gehen (vgl. Jes. 46, 8). Dann folgt das Bekenntnis, nicht so, wie es sich der Papst ausgedacht hat, sondern so, daß der Sohn darin den verletzten Vater mit sich versöhnt. Denn eine solche Demütigung ist nötig, um die Beleidigung völlig aus dem Weg zu räumen. Der Ausdruck: „Ich habe gesündigt gegen den Himmel und vor dir“ bedeutet, daß in der Person des irdischen Vaters Gott verletzt wurde. Schon das natürliche Empfinden sagt uns ja, daß der, der sich gegen seinen Vater auflehnt, sich auch frevelhaft gegen Gott erhebt, der die Kinder ihren Eltern untergeordnet hat.

Luk. 15, 22. „Bringt schnell das beste Kleid hervor.“ Obwohl es, wie schon oft gesagt, albern ist, die Einzelzüge eines Gleichnisses zu pressen, ist es hier doch keine Buchstabenklauberei, wenn wir sagen: der himmlische Vater verzeiht unsere Sünden nicht nur so, daß er die Erinnerung an sie begräbt, sondern er schenkt uns auch die verlorengegangenen Güter wieder zurück, wie er andererseits unsere Undankbarkeit bestraft, indem er sie uns wegnimmt, um uns durch die Schande und Schmach zur Scham zu zwingen.

Lukas 15, 25-32
25 Aber der ältere Sohn war auf dem Felde. Und als er nahe zum Hause kam, hörte er das Singen und den Reigen 26 und rief zu sich der Knechte einen und fragte, was das wäre. 27 Der aber sagte ihm: Dein Bruder ist gekommen, und dein Vater hat das gemästete Kalb geschlachtet, weil er ihn gesund wieder hat. 28 Da wurde er zornig und wollte nicht hineingehen. Da ging sein Vater heraus und bat ihn. 29 Er aber antwortete und sprach zum Vater: Siehe, so viele Jahre diene ich dir und habe dein Gebot noch nie übertreten; und du hast mir nie einen Bock gegeben, daß ich mit meinen Freunden fröhlich wäre. 30 Nun aber dieser dein Sohn gekommen ist, der dein Gut mit Dirnen verpraßt hat, hast du ihm das gemästete Kalb geschlachtet. 31 Er aber sprach zu ihm: Mein Sohn, du bist allezeit bei mir, und alles, was mein ist, das ist dein. 32 Du solltest aber fröhlich und guten Mutes sein; denn dieser dein Bruder war tot und ist wieder lebendig geworden, er war verloren und ist wieder gefunden.

Dieser zweite Teil des Gleichnisses klagt die der Unbarmherzigkeit an, die Gottes Gnade böswillig einschränken wollen, gerade als ob sie die armen Sünder um ihr Heil beneideten. Der Hochmut der Schriftgelehrten wird hier angegangen, die meinten, der ihren Verdiensten entsprechende Lohn käme nicht voll zur Geltung, wenn Christus die Zöllner und das gewöhnliche Volk an der Hoffnung auf das unvergängliche Erbe mit teilnehmen ließe. Das Ganze soll bedeuten: Wenn wir wünschen, als Kinder Gottes angesehen zu werden, so müssen wir die Fehler der Brüder, die er selbst väterlich vergibt, auch brüderlich verzeihen. Die Annahme, mit dem ältesten Sohn sei das jüdische Volk beschrieben, hat zwar einiges Recht für sich, scheint mir jedoch nicht genügend auf den ganzen Zusammenhang zu achten. Denn die Ansprache Christi war durch das Murren der Schriftgelehrten veranlaßt worden, denen die Freundlichkeit Christi gegen die Elenden und nicht ganz Einwandfreien ein Dorn im Auge war. Er vergleicht also die von ihrem Hochmut aufgeblasenen Schriftgelehrten mit den biederen, rechtschaffenen Leuten, die durch ein immer ehrbares, sparsames Leben ihren Haushalt gut zusammengehalten haben, oder sogar mit gehorsamen Söhnen, die ihr ganzes Leben lang geduldig die Herrschaft ihres Vaters ertragen haben. Obgleich sie dieses Lob ganz und gar nicht verdienten, geht Christus doch auf ihre Gedanken ein und macht ihnen das Zugeständnis, ihre eingebildete Heiligkeit sei eine wirkliche Tugend. Er hatte auch sagen können: Auch wenn ich euch zugestehen wollte, wessen ihr euch fälschlich rühmt, daß ihr nämlich immer Gottes gehorsame Söhne gewesen wärt, so dürft ihr doch die Brüder, die sich von einem verkommenen Leben auf ein Besseres besonnen haben, nicht so stolz und grausam zurückstoßen.

Luk. 15, 28. „Da ging sein Vater heraus.“ Mit diesen Worten wird der unerträgliche Hochmut der Heuchler gerichtet, die sich erst vom Vater bitten lassen müssen, ihren Brüdern das Erbarmen nicht zu mißgönnen. Allerdings bittet Gott nicht, sondern er ermahnt uns durch sein Beispiel, die Fehler der Brüder zu ertragen. Um dieser übertriebenen Härte jegliche Entschuldigung abzuschneiden, führt Christus nicht nur die Heuchler als Redende ein, deren falsches Prahlen leicht aufgedeckt werden konnte, sondern er will uns klarmachen, daß auch der, der alle Pflichten der Frömmigkeit gegenüber dem Vater in vollkommener Weise erledigt hat, sich nicht beklagen darf, wenn dem Bruder verziehen wird. Die wahren Anbeter Gottes werden ohnehin immer rein und frei von solch einer bösen Gesinnung sein; aber Christi Absicht ist, daß der, der seinem Bruder die empfangene Gnade mißgönnt, ungerecht ist, mag er auch sonst an Heiligkeit den Engeln nicht nachstehen.

Luk. 15, 31. „Mein Sohn, du bist allezeit bei mir.“ Diese Antwort will zwei Dinge hervorheben: Zunächst, daß es für den Erstgeborenen keinen Grund zum Zorn gibt, weil er ja keinen Schaden davon hat, wenn sein Bruder wieder freundlich aufgenommen wird, und dann, daß er, ohne auch nur an das Glück seines Bruders zu denken, wegen der Freude über dessen Rückkehr traurig wird. Alles, was mein ist, das ist dein, sagt der Vater. Das bedeutet: Du hast zwar aus meinem Hause bisher nichts fortgetragen; aber es ist dir auch nichts daraus verlorengegangen, weil dir alles unversehrt verbleibt. Was kränkt dich also unsere Freude, an der du teilnehmen solltest? Es wäre doch nur recht, dem Bruder, den wir für verloren gehalten haben, zu gratulieren, daß er gesund wieder zurückgekommen ist. Diese beiden Gesichtspunkte sind also wichtig für uns: Erstens, daß uns nichts abgeht, wenn Gott Menschen, die sich durch ihre Sünden von ihm losgesagt hatten, gütig in Gnaden annimmt, und zweitens, daß es gottlose Härte ist, wenn wir uns nicht freuen beim Anblick der vom Tode wieder zum Leben gekommenen Brüder.


Aus: Otto Weber, Calvins Auslegung der Heiligen Schrift. Dreizehnter Band: Die Evangelien-Harmonie 2. Teil, Neukirchener Verlag, 1974, S. 95ff.
Tod, wo ist dein Stachel? Totenreich, wo ist dein Sieg? 1Kor 15,55

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Beitragvon Joschie » 03.07.2010 18:54

4. Sonntag nach Trinitatis: Lukas 6,36-42 – Richtet nicht!
von Johannes Calvin


''Die Gläubigen brauchen nicht blind zu sein, daß sie keine Unterschiede kennen; sie sollen sich nur (so weit) beherrschen, daß sie nicht eifriger kritisieren, als billig ist.''



Lukas 6,36-42
36 Seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist.

Matth. 5, 48. „Darum sollt ihr vollkommen sein.“ Diese „Vollkommenheit" meint nicht Gleichheit, sondern kann nur auf Ähnlichkeit gedeutet werden. Wie breit auch der Graben zwischen uns und Gott sein mag, so wird uns doch befohlen, vollkommen zu sein wie er, wenn wir nur nach ebendem Ziel streben, das er uns in seiner Person vorhält. Mag jemand eine andere Deutung vorziehen; doch geschieht hier kein Vergleich zwischen Gott und uns. Vollkommenheit Gottes heißt einmal: uneigennützige, lautere Gesinnung, die nicht durch Gewinnsucht beeinträchtigt wird, zum andern: unvergleichliche Güte, die mit der menschlichen Bosheit und Undankbarkeit im Streit liegt. Das geht besser aus den Worten des Lukas hervor: „Darum seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist“. Denn Barmherzigkeit ist einem Diener um Lohn zuwider, der um seinen persönlichen Vorteil bemüht ist.

37 Und richtet nicht, so werdet ihr auch nicht gerichtet. Verdammt nicht, so werdet ihr nicht verdammt. Vergebet, so wird euch vergeben! 38 Gebet, so wird euch gegeben. Ein voll, gedrückt, gerüttelt und überfließend Maß wird man in euern Schoß geben; denn eben mit dem Maß, mit dem ihr meßt, wird man euch wieder messen.

(...)

41 Was siehst du aber den Splitter in deines Bruders Auge, und des Balkens in deinem Auge wirst du nicht gewahr? 42 Wie kannst du sagen zu deinem Bruder: Halt still Bruder, ich will den Splitter aus deinem Auge ziehen, und du siehst selbst nicht en Balken in deinem Auge?

Matth. 7, 1. „Richtet nicht.“ Mit diesen Worten verbot Christus nicht das Richten überhaupt, sondern er wollte eine fast allen gemeinsame Krankheit heilen. Wir sehen nämlich, daß jeder den andern ein scharfer Kritiker ist, gegen sich selbst aber Nachsicht übt. Die Lust dieses Fehlers ist es, daß er fast niemanden nicht mit der Begierde kitzelt, fremde Fehler aufzuspüren. Freilich geben alle zu, es sei ein unerträgliches Übel, sich so boshaft gegen die Brüder zu benehmen und sich seine eigenen Fehler zu verzeihen. Das verurteilten einst auch die Heiden in vielen Sprich Wörtern; doch alle Zeiten krankten daran, und wir heute sind nicht ausgenommen. Es kommt sogar noch eine andere, schlimmere Seuche hinzu, daß ein guter Teil (der Menschen) sich anmaßt, andere für ihre ungehemmten Sünden zu verurteilen. Diese schlimme Lust, durchzuhecheln, zu verspotten, zu schmälern, tadelt Christus, wenn er sagt: „Richtet nicht!" Die Gläubigen brauchen nicht blind zu sein, daß sie keine Unterschiede kennen; sie sollen sich nur (so weit) beherrschen, daß sie nicht eifriger kritisieren, als billig ist. Denn wer nach Verurteilung der Brüder verlangt, wird das Maß der Strenge immer übersteigen. Dahin geht das Wort bei Jakobus (vgl. 3, 1): „Werfe sich nicht ein jeder zum Lehrer auf." Er schreckt die Gläubigen nicht ab oder hält sie davon fern, teilweise Zurechtweisung zu üben, nur sollen sie (dabei) nicht ehrsüchtig nach Ruhm streben. Richten bedeutet hier soviel wie „seine Nase in fremde Angelegenheiten stecken". Diese Krankheit zieht einmal beständig die Ungerechtigkeit nach sich, daß wir aus einem leichten Vergehen das schwerste Verbrechen machen; danach weitet sie sich in die schurkische Kühnheit aus, daß wir dünkelhaft über irgendeine Sache ein unheilvolles Urteil fällen, wenn man sie auch zum Guten hätte wenden können. Wir sehen jetzt, worauf Christus hinaus will: wir sollen nicht übermäßig lüstern, pedantisch oder mißgünstig sein oder auch nicht mit allzu großer Freude über den Nächsten herfallen. Wer sich nämlich nach Gottes Wort und Gesetz richtet und sein Urteil an der Liebe mißt, wird immer bei sich selbst mit der Kritik beginnen und dadurch das richtige Maß und die rechte Linie bei seinen. Urteil einhalten. Wie falsch wird darum dieses Zeugnis mißbraucht, wenn man unter dem Vorwand dieser uns von Christus anbefohlenen Mäßigung den Unterschied zwischen Gut und Böse aufheben will! Es ist uns nicht nur freigestellt, alle Sünden zu verdammen, sondern wir müssen es sogar tun, wenn wir nicht Gott selbst widerstreben, seine Gebote verleugnen, sein Urteil ungültig machen und seinen Richterstuhl umstürzen wollen. Er will nämlich, daß wir Herolde dieses Urteilsspruches seien, der die Taten der Menschen öffentlich anzeigt. Nur wollen wir untereinander so viel Bescheidenheit pflegen, daß er selbst unser einziger Gesetzgeber und Richter bleibt.

„Auf daß ihr nicht gerichtet werdet.“ Er kündigt die Strafe für jene Richter an, die so sehr begehren, die Fehler anderer abzuschießen. Die Zeit wird kommen, wo sie ebenso unmenschlich von anderen behandelt weiden, wo sie die Strenge, die sie gegen andere übten, am eigenen Leib zu spüren bekommen. Wie uns nichts lieber und kostbarer ist als unser Ruf, so empfinden wir es als besonders bitter, mit den Schmähungen der Leute und einem üblen Ruf belegt zu werden. Aber durch unsere Schuld ziehen wir eben das auf uns herab, vor dein wir uns mit Haut und Haar so sehr fürchten. Wer untersuchte nämlich nicht (gern) die Angelegenheiten anderer genauer, als ihm zukommt? Wer zürnt nicht allzu ausdauernd über leichte Vergehen? Wer mißbilligte nicht pedantisch, was an sich schon Mittelpunkt (des Geredes) war? Was ist das sonst als Gott durch unser Benehmen zur Rache herausfordern, daß er Gleiches mit Gleichem vergelte? Wenn auch die gerechte Strafe Gottes sich vollzieht, indem entsprechend die geschädigt werden, die andere richteten, so ist es doch der Herr, der durch Menschen die Rache vollstreckt. Denn daß Chrysostomus und einige andere die Strafe auf das zukünftige Leben beschränken, ist erzwungen. Wie Jesaja (33, 1) droht, daß man Räuber auch berauben werde, so meint Christus, die Rächer werden nicht ausbleiben, die ungerechte und schmähsüchtige Menschen mit der gleichen giftigen Zunge, mit der gleichen Strenge bestrafen. Wenn die Menschen, die allzu gierig darauf gerichtet waren, die Brüder zu verurteilen, in der Welt auch der Strafe zu entkommen suchen, so entfliehen sie doch nicht dem Gericht Gottes.

Bei Lukas wird noch die Verheißung hinzugesetzt: „Vergebet, so wird euch vergeben. Gebet, so wird euch gegeben“. Wer sich also den Brüdern freundlich menschlich und wohlwollend erzeigt hat, dem wird Gott schenken, daß er die gleiche Milde anderer an sich fühlt, daß er gütig und liebevoll von ihnen behandelt wird. Zwar kommt es oft vor, daß die Kinder Gottes einen sehr üblen Lohn empfangen und mit vielen ungerechten Vorwürfen belastet werden; doch widerstreitet das dem Ausspruch Christi nicht. Denn von den Verheißungen, die sich auf das gegenwärtige Leben beziehen, wissen wir, daß sie nicht durchgängig und ausnahmslos gelten. Wenn auch der Herr zeitweise zuläßt, daß die Seinen in Unschuld schmachvoll bedrückt und fast zugrunde gerietet werden, erfüllt er doch zugleich, was er an anderer Stelle sagt, nämlich daß ihre Lauterkeit leuchtet wie das Morgenrot (vgl. Jes. 58, 8). So ist sein Segen immer stärker als ungerechte Schmähreden. Wenn er die Gläubigen unwürdigen Vorwürfen aussetzt, so will er sie damit demütigen, um endlich dennoch ihre gute Sache ans Licht zu bringen Auch wenn die Gläubigen selbst trotz ihres Bemühens, ihren Brüdern wohlwollend zu begegnen, sich gegen Brüder und Unschuldige, die keine Strafe verdienen, zu maßloser Härte hinreißen lassen, fordern sie durch eigene Schuld das gleiche Urteil gegen sich heraus. Sicherlich empfangen sie (für ihre Wohltaten) nicht ein volles, überlaufendes Maß zurück; das ist der Undankbarkeit der Welt zuzuschreiben, doch sind sie zu einem Teil auch selbst schuld, weil es niemanden gibt, der so großzügig, wie er sollte, mit den Brüdern umgeht

Matth. 7, 3. „Was siebst du aber den Splitter...“ Er legt ausdrücklich, den Finger auf ein Gebrechen, unter dem die Heuchler allgemein leiden. Denn sie sind scharfsichtig genug, die Fehler anderer zu erkennen, und das nicht nur in strenger Weise, sondern sie weiten sie fast grausig aus, während sie ihre eigenen hinter sich werfen. Sie sind sogar so geschickt, diese zu verdünnen, damit auch das gröbste Verbrechen verzeihlich erscheinen möchte. Beide Übel greift Christus darum an, die aus Mangel an Liebe übertriebene Scharfsichtigkeit, mit der wir allzu hartherzig die Fehler der Brüder aufspüren, und die Nachsicht, mit der wir unsere Sünden bedecken und hegen.

40 Der Jünger ist nicht über seinen Meister; wenn der Jünger vollkommen ist, so ist er wie sein Meister.

Matth. 10, 24. „Der Jünger ist nicht über seinen Meister.“ Nun ermuntert er sie durch sein Beispiel zur Geduld, und dieser Trost ist wahrlich so geartet, daß er alle Trauer aufschluckt, solange wir nur finden, daß der Sohn Gottes das gleiche Geschick mit uns teilt. Damit uns dennoch um so mehr Ehrfurcht ankomme, entlehnt er ein doppeltes Gleichnis aus menschlicher Gepflogenheit. Der Jünger rechnet sich zur Ehre an, wenn er dem Meister gleichgestellt wird; mehr Auszeichnung wagt er freilich nicht zu begehren. Ferner, was die Herren sich unnachgiebig an Zumutung auferlegen, dem unterziehen sich willig auch die Knechte. Da in beiden Fällen der Sohn Gottes über uns gestellt ist, weil ihm der Vater das gewaltigste Reich übergeben und dabei die Rolle des Meisters eingeschlossen hat, sollten wir uns schämen, etwas zu fliehen, was er um unsertwillen gern auf sich nahm. Aber dies bedarf mehr des Nachdenkens als der Erklärung; denn an sich ist es klar. Lukas bringt im 6. Kapitel diesen Ausspruch zwischen anderen Predigtstücken völlig unvermittelt und ohne Zusammenhang; da aber Matthäus bei dieser Stelle trefflich zeigt, worauf sie abzielt, konnte er sie nach meiner Schätzung nirgends besser unterbringen als hier. Übrigens darf man in der Übersetzung weder nach Erasmus noch nach einem alten Ausleger gehen, aus folgendem Grund: das griechische Wort für „vollkommen" bedeutet soviel wie: „tauglich", „der Sache entsprechend". Da Christus außerdem hier über das Gleichnis, nicht über die Vollkommenheit spricht, etwa so, daß nichts natürlicher sei, als daß der Jünger dem Vorbild des Meisters nacheifere, scheint die letztere Bedeutung eher zuzutreffen.

Aus: Otto Weber, Calvins Auslegung der Heiligen Schrift. Zwölfter Band: Die Evangelien-Harmonie 1. Teil, Neukirchener Verlag, 1966, S. 198ff, 226ff und 302ff.
Tod, wo ist dein Stachel? Totenreich, wo ist dein Sieg? 1Kor 15,55

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Beitragvon Joschie » 10.07.2010 19:42

5. Sonntag nach Trinitatis: Lukas 5,1-11 - Von nun an wirst du Menschen fangen
von Johannes Calvin


''Christus erwählte sich schwerfällige, einfältige Leute, die genauso wenig gebildet wie in der Verkündigung erfahren waren. Er wollte sie ausbilden, ja, er wollte ihren Geist mit seiner Gnade erneuern, damit sie allen Weisen der Welt überlegen wären. Denn auf diese Art wollte er den Hochmut des Fleisches demütigen und an ihnen ein besonderes Beispiel für die geistliche Gnade geben''



Lukas 5,1-11
1 Es begab sich aber, da sich das Volk zu ihm drängte, zu hören das Wort Gottes, daß er stand am See Genezareth 2 und sah zwei Schiffe am See liegen; die Fischer aber waren ausgestiegen und wuschen ihre Netze. 3 Da trat er in der Schiffe eines, welches Simons war, und bat ihn, daß er`s ein wenig vom Lande führte. Und er setzte sich und lehrte das Volk aus dem Schiff. 4 Und als er hatte aufgehört zu reden, sprach er zu Simon: Fahret auf die Höhe und werfet eure Netze aus, daß ihr einen Zug tut! 5 Und Simon antwortete und sprach zu ihm: Meister, wir haben die ganze Nacht gearbeitet und nichts gefangen; aber auf dein Wort will ich das Netz auswerfen. 6 Und da sie das taten, fingen sie eine große Meine Fische, und ihre Netze begannen zu reißen. 7 Und sie winkten ihre Gesellen, die im andern Schiff waren, daß sie kämen und hülfen ihnen ziehen. Und sie kamen und füllten beide Schiffe voll, also daß sie sanken. 8 Da das Simon Petrus sah, fiel er Jesus zu Füßen und sprach: Herr, gehe von mir hinaus! Ich bin ein sündiger Mensch. 9 Denn es war ihm ein Schrecken angekommen und alle, die mit ihm waren, über diesen Fischzug, den sie miteinander getan hatten; 10 desgleichen auch Jakobus und Johannes, die Söhne des Zebedäus, Simons Gesellen. Und Jesus sprach zu Simon: Fürchte dich nicht! denn von nun an wirst du Menschen fangen. 11 Und sie führten die Schiffe zu Lande und verließen alles und folgten ihm nach.

Matth. 4, 18. „Als nun Jesus an dem Galiläischen Meer ging.“ Da diese Geschichte, wie wir noch sehen werden, bei Lukas auf zwei Wunder folgt, hat sich die allgemeine Ansicht durchgesetzt, das von ihm erzählte Wunder habe sich kurze Zeit, nachdem Christus die Fischer berufen hatte, ereignet. Aber diese Annahme hat nur wenig Gewicht; denn die Evangelisten hatten nicht die Absicht, eine Chronik in genauer, klarer Zeitabfolge zusammenzustellen. So kommt es, daß sie die Reihenfolge der Tage nicht weiter beachten und sich daran genügen lassen, von den Taten Christi die wichtigsten kurz zusammenzufassen. Die Jahre dagegen spielen bei ihnen eine Rolle, damit es den Lesern deutlich werde, wie Christus die drei Jahre von Beginn seiner Verkündigung bis zu seinem Tod verbracht hat. Aber Wunder, die ungefähr in die gleiche Zeit fallen, ordnen sie nach freiem Ermessen zusammen. Das wird roch an einer Reihe von Beispielen deutlicher werden. Es steht aus mehreren Gründen fest, daß hier die gleiche Geschichte von den dreien erzählt wird. Einer der Gründe müßte genügen, wenn es die Leser nicht auf Streit angelegt haben: Alle drei berichten einmütig, Petrus, Andreas, Jakobus und Johannes seien zu Aposteln erwählt worden. Wenn sie schon früher berufen worden wären, würde sich ergeben, daß sie inzwischen abgefallen wären, den Meister verlassen hätten, ihre Berufung in den Wind geschlagen hätten und zu ihrer alten Lebensweise zurückgekehrt wären. Es gibt nur einen Unterschied zwischen Lukas und den beiden andern, daß er allein von dem Wunder erzählt, das die beiden andern auslassen. Aber auch das ist bei den Evangelisten nichts Ungewöhnliches, daß sie nur auf einen Teil einer Tat zu sprechen kommen und dabei viele Umstände übergehen. Darum hat es nichts Unsinniges an sich, wenn wir sagen, von zweien wurde das Wunder beiseite gelassen, das von einem berichtet wird. Wir müssen uns an das erinnern, was Johannes sagt (vgl. Joh. 20, 30 f.), aus der Unzahl von Wundern Christi sei nur ein gewisser Teil ausgewählt worden, der gerügte, um die göttliche Macht Christi zu erweisen und unsern Glauben an ihn zu bestärken. Es ist also nichts Besonderes, wenn Matthäus und Markus die Berufung der vier Apostel sparsamer ausschöpfen, während Lukas sie zum Anlaß einer breiteren Ausführung nimmt.

Luk. 5, 1. „Er stand am See Genezareth.“ Matthäus und Markus nennen den See nach einer gebräuchlichen Ausdrucksweise ihrer Sprache das Galiläische Meer. Das Wort Genezareth kommt von einem verderbten und dann abgewandelten hebräischen Wort, das ähnlich klang. Die weltlichen Schriftsteller nennen den See den Genesarischen; zu dem Teil, der sich nach Galiläa hin erstreckt, sagten auch sie Galiläisches Meer. Das benachbarte Ufer Liberias bekam seine Bezeichnung von der gleichnamigen Stadt. Es ist günstiger, wenn wir über die Ausdehnung und Lage des Sees an einer anderen Stelle sprechen; wir wollen jetzt zur Sache selbst kommen. Lukas erzählt, Christus habe das Schiff des Petrus bestiegen und sei ein wenig vom Lande abgefahren, um die Menge so besser lehren zu können; die Leute waren aus den verschiedensten Gebieten zusammengeströmt, weil sie ihn zu hören wünschten. Nachdem er sein Amt zu lehren verrichtet hatte, gab er in dem Wunder ein Zeichen seiner göttlichen Kraft. Denn obwohl die Fischer daran gewöhnt waren, daß sie viele vergebliche Züge taten und dann durch einen glücklichen Fang alle erfolglose Arbeit entschädigt wurde, war dieses Wunder doch durch den einen Umstand etwas ganz Besonderes, daß, obwohl sie die ganze Nacht nichts gefangen hatten (die Macht ist günstiger für den Fischfang), sich in ihren Netzen plötzlich eine ungeheure Menge Fische zusammenfand, die ihre Schiffe füllte, Petrus und seine Gefährten erkennen schnell, daß ihnen eine solche Beute, die das Maß überschritt, nicht von ungefähr zugekommen, sondern ihnen von Gott geschenkt worden war.

Luk. 5, 5. „Meister, wir haben die ganze Nacht gearbeitet.“ Zweifellos kannte Petrus Christus bereits als Lehrer und nennt ihn aus Ehrfurcht „Meister". Doch ist er noch nicht so weit gekommen, daß er es verdient, unter seine Jünger gerechnet zu werden. Denn es genügt nicht, ehrerbietig von Christus zu denken; wir müssen seine Lehre im Gehorsam des Glaubens annehmen und verstehen, was er von uns will. Wenn Petrus auch keinen oder nur einen schwachen Geschmack vom Evangelium hat, zeigt er doch, wieviel er Christus zutraut, wenn er von neuem beginnt, obwohl er von der unnützen Arbeit ermüdet war, die er vergeblich unternommen hatte. Man kann nicht leugnen, daß er Christus hoch schätzte und sein Ansehen sehr viel bei ihm galt. Aber doch machte dieses teilweise Vertrauen, das Petrus nur zu dem einen Befehl Christi hatte, und zwar in einem gewöhnlichen, irdischen Unternehmen, ihn bei weitem noch nicht zu einem Christen, noch verschaffte es ihm einen Platz unter den Kindern Gottes. Er wurde erst dann zu einem Christen, als er von diesem Anfang von Fügsamkeit endlich zu dem vollem Gehorsam geführt worden war. Da Petrus im übrigen so schnell bereit war, dem Auftrag Christi zu gehorchen, von dem er noch nicht wußte daß er ein Prophet oder der Sohn Gottes war, so gibt es für unser schändliches Verhalten keine Entschuldigung mehr, daß wir ihn zwar unsern Herrn, König und Richter nennen, aber nicht einen Finger rühren, obwohl er uns so und so oft befohlen hat, unsere Pflicht zu tun.

Luk. 5, 6. „Fingen sie eine große Menge Fische.“ Das Ziel dieses Wunders war, daß Petrus und die andern Christi Gottheit erkannten und sich ihm zu Jüngern hingaben. Allgemein werden wir durch dieses Beispiel gelehrt, daß wir uns in keiner Weise zu sorgen brauchen, daß unserer Arbeit der Segen Gottes oder der erwünschte Erfolg versagt bleibt, wenn wir unter dem Befehl und der Leitung Christi die Hand ans Werk legen. Im übrigen war die Menge der Fische so gewaltig, daß die Schiffe sanken und die Herzen der Zuschauer zur Bewunderung erhoben wurden. Denn die göttliche Herrlichkeit Christi mußte durch dieses Wunder offenbar werden, damit seine Vollmacht deutlich zutage käme.

Luk. 5, 8. „Herr, gehe von mir hinaus!“ Obwohl sich die Menschen in fleißigem Gebet die Gegenwart Gottes erbitten, müssen sie doch beim Erscheinen Gottes notwendig von Furcht getroffen werden; ja, sie werden vor Angst und Zittern aus der Fassung gebracht, bis er ihnen Trost schenkt. Der beste Grund dafür, daß sie Gott so begierig herbeirufen, ist, daß sie sich in seiner Abwesenheit als elend erkennen müssen. Seine Gegenwart jedoch ist ihnen darum so schrecklich, weil sie dann anfangen zu fühlen, daß sie nichts sind, ja, daß sie voll sind von einer Unmenge von Bösem. Auf diese Art verehrt Petrus Christus in dem Wunder so, daß er durch seine Majestät heftig erschreckt wird und, soviel an ihm liegt, zu fliehen sucht. Das widerfährt nicht allein dem Petrus, wie wir aus dem Zusammenhang schließen, sondern alle kam Furcht an. Daraus sehen wir, daß dieses Gefühl allen angeboren ist, daß sie sich vor Gottes Gegenwart entsetzen. Das ist uns nur nützlich, denn so wird alles niedergeschlagen, was an törichtem Selbstvertrauen und Hochmut in uns steckt; nur muß dann bald der Trost kommen, der uns wieder aufrichten soll. Darum stärkt Christus den Petrus mit einer freundlichen Antwort und untersagt ihm, sich weiterhin zu fürchten. So zieht der Herr die Seinen ins Grab hinab, um sie hernach wieder lebendig zu machen.

Luk. 5, 10. „Von nun an wirst du Menschen fangen.“ Dafür haben Matthäus und Markus: „Ich will euch zu Menschenfischern machen.“ An diesen Worten wird uns gezeigt, daß Petrus und die drei andern nicht nur zu Jüngern Christi angenommen wurden, sondern auch zu Aposteln bestimmt, oder daß sie wenigstens zur Hoffnung auf das Apostelamt erwählt wurden. Hier wird also nicht nur eine allgemeine Berufung zum Glauben geschildert, sondern der besondere Ruf zu einem bestimmten Amt. Ich gebe jedoch zu, daß die einzelnen Teile des Lehramtes ihnen noch nicht übertragen wurden, aber doch erwählt Christus sie sich für seinen Umgang und zieht sie in seine Gesellschaft, um sie für das Lehramt auszubilden. Dabei ist weislich zu bedenken, daß nicht allen vorgeschrieben wird, ihre Eltern und ihre frühere Lebensweise zu verlassen und Christus zu Fuß nachzufolgen, sondern bei den einen ist der Herr damit zufrieden, sie in seiner Herde und Gemeinde zu haben, den andern hat er einen besonderen Posten zugewiesen. Die Leute, denen ein öffentliches Amt übertragen ist, sollen also wissen, daß von ihnen etwas mehr verlangt wird als von irgendeiner Privatperson. So verändert Christus damit nicht das allgemeine Leben der andern, wenn er diese vier Jünger von ihrem Handwerk, von dem sie bislang gelebt haben, abzieht, um ihre Arbeit zu einer größeren Aufgabe zu gebrauchen. Christus erwählte sich schwerfällige, einfältige Leute, die genauso wenig gebildet wie in der Verkündigung erfahren waren. Er wollte sie ausbilden, ja, er wollte ihren Geist mit seiner Gnade erneuern, damit sie allen Weisen der Welt überlegen wären. Denn auf diese Art wollte er den Hochmut des Fleisches demütigen und an ihnen ein besonderes Beispiel für die geistliche Gnade geben, damit wir lernen, das Licht des Glaubens vom Himmel zu erbitten, und wissen, daß es nicht in eigenem Fleiß errungen werden kann. Doch erwählte er die Ungebildeten und Schwerfälligen nicht dazu, daß sie immer so blieben. Wir dürfen auf keinen Fall sein Handeln zum Beispiel ausweiten. Denn sonst müßte man auch heute Pastoren in ihr Amt einführen und ihnen erst dann die Ausbildung geben, um sie für ihr Amt zuzurüsten. Denn wir kennen die Regel, die er uns durch den Mund des Paulus vorschreibt, daß nur solche Leute zum Lehramt zu berufen seien, die sich als geeignet erwiesen (vgl. 1. Tim. 3, 2). Christus erwählte solche Leute nicht darum, weil er die Unwissenheit der Bildung vorgezogen hätte. So gefallen sich einige Wahnsinnige in ihrer Unkenntnis und glauben sich den Aposteln um so näher, je mehr sie die Wissenschaft verabscheuen. Zwar wollte er zu Anfang verachtete Leute auswählen, um den Hochmut derer niederzuschlagen, die meinten, der Himmel stünde nur den Gelehrten offen. Doch stellte Christus den Fischern hernach als Amtsgenossen Paulus an die Seite, der von Kind an fleißig studiert hatte. Wenn es auch nichts austrägt, die bildliche Redeform tiefsinniger zu erörtern, da sie aus dem vorliegenden Geschehen aufgegriffen wurde, so spielte Christus doch sehr geschickt auf den Fischfang an, als er über die Predigt des Evangeliums sprach. Denn die Menschen, die in der Welt umherschweifen und umherirren wie in einem weiten uferlosen Meer, werden durch das Evangelium gesammelt. Im übrigen hat die Geschichte, die in Joh. 1 berichtet wird, mit dieser nichts zu tun. Denn Andreas war einer von den Jüngern des Johannes, der ihn Christus übergab. Andreas hat dann seinen Bruder mitgebracht. Zwar nahmen sie ihn damals schon als ihren Meister an, doch wurden sie erst später auf eine höhere Stufe gehoben.

Aus: Otto Weber, Calvins Auslegung der Heiligen Schrift. Zwölfter Band: Die Evangelien-Harmonie 1. Teil, Neukirchener Verlag, 1966, S. 155ff.
Tod, wo ist dein Stachel? Totenreich, wo ist dein Sieg? 1Kor 15,55

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Beitragvon Joschie » 18.07.2010 08:07

6. Sonntag nach Trinitatis: Matthäus 28,16-20 - Tauft auf den Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes!
von Johannes Calvin
''Wie uns Gott aber mit diesem Siegel seine Gnade bestätigt, so geloben andererseits alle, die sich taufen lassen, ihm wie mit ihrer Unterschrift Glauben und Treue.''


Matthäus 28,16-20
16 Aber die elf Jünger gingen nach Galiläa auf den Berg, wohin Jesus sie beschieden hatte. 17 Und da sie ihn sahen, fielen sie vor ihm nieder; etliche aber zweifelten. 18 Und Jesus trat zu ihnen, redete mit ihnen und sprach: Mir ist gegeben alle Gewalt im Himmel und auf Erden. 19 Darum geht hin und macht zu Jüngern alle Völker: tauft sie auf den Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes 20 und lehrt sie halten alles, was ich euch befohlen habe. Und siehe, ich bin bei euch alle Tage bis an der Welt Ende.

Matth. 28, 16. „Aber die elf Jünger gingen nach Galiläa.“ Matthäus übergeht, was wir nach den drei anderen Evangelien gehört haben, und berichtet nur, wo die elf Jünger zum Apostelamt berufen worden sind. Denn wie wir schon öfter gesehen haben, lag es nicht im Sinn der Evangelisten, jedes einzelne Stück der Geschichte aufzuzählen; sondern dem Heiligen Geist, der ihre Feder führte, schien es zu genügen, daß sich das Ganze aus der Vereinigung ihrer Wiedergaben erkennen lasse. Darum wählt Matthäus das aus, was auch uns am wichtigsten ist, nämlich daß Christus, als er seinen Jüngern erschien, sie gleichzeitig zu seinen Aposteln gemacht hat, die die Botschaft vom ewigen Leben in alle Teile der Welt bringen sollten. Wenn übrigens in der früheren Anweisung (vgl. 28, 7) von einem Berg noch keine Rede war, muß Maria doch dieser Ort in Galiläa bekannt gewesen sein. Nicht zu verstehen ist jedoch, daß einige, obwohl sie Christus schon zweimal gesehen hatten, immer noch zweifelten. Will man das lieber auf die erste Offenbarung beziehen, so ist dagegen nichts einzuwenden, da die Evangelisten die Begebenheiten zuweilen zeitlich durcheinander bringen. Aber es würde auch passen, daß ein Rest Furcht einige wieder ins Wanken gebracht hat. Wir wissen ja, daß die Jünger, immer wenn Christus ihnen erschien, von Furcht und Entsetzen geschüttelt wurden, bis sich ihre Herzen beruhigt und sie sich an seinen Anblick gewöhnt hatten. Darum ist meiner Ansicht nach der Sinn der, daß einige anfänglich gezweifelt haben, bis Christus näher und vertraulicher zu ihnen herantrat; als sie ihn aber wirklich und sicher erkannten, fielen sie vor ihm nieder, um ihn anzubeten, weil sie den Glanz seiner göttlichen Herrlichkeit sahen. Und vielleicht war ebendas der Grund, der sie plötzlich wieder in Zweifel stürzte, dann aber zur Anbetung trieb, daß der Herr seine Knechtsgestalt abgelegt hatte und jetzt nur noch in himmlischer Weise auf sie zutrat.

Matth. 28, 18. „Und Jesus trat zu ihnen, redete mit ihnen und sprach.“ Zweifellos hat dieses Hinzutreten bei den Jüngern alle Bedenken weggewischt. Ehe Matthäus jedoch davon berichtet, wie den Jüngern das Predigtamt übertragen wurde, erzählt er, daß Christus mit einem Hinweis auf seine Macht begann. Das hat seinen guten Grund. Eine gewöhnliche Autorität hätte hier nicht genügt; der, der den Auftrag gibt, in seinem Namen das ewige Leben zu verheißen, den ganzen Weltkreis ihm zu Füßen zu legen und eine Predigt zu verkündigen, die allen Hochmut unter sich zwingt und die ganze Menschheit demütigt, mußte die höchste und wahrhaft göttliche Macht besitzen; und mit diesem Eingangswort hat Christus die Apostel nicht nur ermutigt, in getroster Zuversicht ihr Amt auszuführen, sondern er hat damit auch die Glaubwürdigkeit seines Evangeliums für alle Zeiten festgesetzt. Denn niemals wären die Apostel so bedenkenlos an ein so schwieriges Amt gegangen, wenn sie nicht gewußt hätten, daß ihr Beschützer im Himmel sitzt und daß ihm alle Gewalt gegeben wurde; denn ohne einen solchen Schutz wäre es unmöglich gewesen, irgend etwas überhaupt auszurichten. Sobald sie aber vernehmen, daß der, für den sie wirken, der Herr des Himmels und der Erde ist, sind sie damit mehr als hinreichend gewappnet, alle Hindernisse zu überwinden. Die Hörer aber, deren Glaube sich etwa durch die verächtliche Erscheinung der Männer, die das Evangelium verkündigen, bedrückt und behindert fühlt, sollen lernen, ihre Augen aufwärts zu dem Urheber selbst zu erheben; denn von seiner Macht her maß die Majestät des Evangeliums beurteilt werden. Dann wird man nicht wagen, den zu verachten, der durch seine Diener redet. Ausdrücklich sagt Christus von sich, er sei der Herr und König „im Himmel und auf Erden“; denn auf der Erde begründet er seine Königsherrschaft, indem er durch die Predigt des Evangeliums Menschen unter seinen Gehorsam bringt; indem er aber den Seinen die Wiedergeburt zu einem neuen Leben schenkt und sie zur Hoffnung auf das Heil einlädt, öffnet er denen die sich vorher nicht nur müde durch die Welt schleppten, sondern schon in den Abgrund des Todes eingetaucht waren, den Himmel und die selige Unsterblichkeit in der Gemeinschaft der Engel. Wir wollen dabei jedoch immer daran denken, daß das, was Christus hier in unserem Fleisch oder genauer geredet, in der Person des Mittlers verliehen wurde, er rechtmäßigerweise immer bei seinem Vater besaß. Und zwar rühmt Christus hier nicht die ewige Macht, die er schon vor der Erschaffung der Welt besaß, sondern die, die ihm jetzt gegeben wurde als er zum Richter der Welt eingesetzt wurde. Es ist jedoch zu beachten, daß diese Macht erst dann klar erkennbar wurde, als er von den Toten auferstand, weil er dann erst mit den Würdezeichen des höchsten Königs geschmückt hervortrat. Darauf bezieht sich auch das Wort des Paulus (Phil. 2, 9): „Er erniedrigte sich selbst. Darum hat ihn auch Gott erhöht und hat ihm den Namen gegeben der über alle Namen ist." Obgleich jedoch andere Schriftstellen das Sitzen zur Rechten des Vaters im Himmel erst aus der Himmelfahrt ableiten, als ob es der Folge nach erst danach kommen könne, kann doch Christus auch jetzt schon mit Recht so herrlich von seiner Macht reden, da Ja Auferstehung und Himmelfahrt unlöslich miteinander verbunden sind.

Matth 28 , 19. „Darum geht hin.“ Obwohl Markus (16, 14f.) mit dem Bericht von der Erscheinung Christi bei den elf Jüngern sofort den Auftrag verbindet, das Evangelium zu verkündigen, hängt doch beides nicht unmittelbar miteinander zusammen; denn aus dem Zusammenhang bei Matthäus geht hervor, daß Christus ihnen diesen Auftrag erst in Galiläa gab. Die Hauptsache jedoch ist: sie sollen das Evangelium überall verkündigen und alle Völker zum Gehorsam des Glaubens bringen und außerdem ihre Predigt mit den Zeichen des Evangeliums versiegeln und bestätigen. Bei Matthäus wird ihnen einfach aufgetragen zu predigen bei Markus (16, 15) jedoch wird die Art dieser Predigt näher bezeichnet nämlich sie sollen das Evangelium predigen. Und kurz darauf wird auch bei Matthaus die Einschränkung hinzugefügt, sie sollen all das zu halten lehren was der Herr ihnen befohlen habe. Wir wollen daraus lernen, daß das Apostelamt nicht ein leerer Ehrentitel, sondern ein mühevolles Amt ist, und daß daher nichts törichter und unerträglicher ist, als wenn sich unaufrichtige Menschen diese Ehre anmaßen, die wohl in aller Bequemlichkeit herrschen wollen, die Aufgabe des Predigens aber von sich weisen. Der römische Papst und seine Genossen rühmen sich stolz, in der Nachfolge der Apostel zu stehen, als ob sie gewissermaßen mit Petrus und seinen Gefährten ein und dieselbe Person wären; dagegen liegt ihnen die Verkündigung nicht mehr am Herzen als den Priestern irgendwelcher heidnischer Religionen. Welche Stirn haben sie, sich an die Stelle derer zu setzen, von denen sie hören, daß sie zu Herolden des Evangeliums gemacht wurden! Aber wenn es ihnen auch nichts ausmacht, ihre Schamlosigkeit so an den Tag zu legen, so muß doch für jeden vernünftigen Leser ihre ganze fadenscheinige Hierarchie mit diesem einen Wort zu Boden fallen; denn niemand kann ein Nachfolger der Apostel sein, der nicht seine ganze Kraft Christus für die Predigt des Evangeliums weiht. Wer aber das Amt eines Lehrers nicht erfüllt, lügt, wenn er sich Apostel nennt; im Gegenteil, das Priesteramt des Neuen Testaments besteht gerade darin, mit dem geistlichen Schwert des Wortes die Menschen Gott zum Opfer darzubringen. Wer also ein Opferpriester sein will und dabei den Dienst des Predigers vernachlässigt, muß als Abtrünniger und Lügner gelten.

„Macht zu Jüngern alle Völker.“ Hier hebt Christus den Unterschied zwischen Heiden und Juden auf und läßt beide in gleicher Weise zur Gemeinschaft des Bundes zu. Darauf zielt auch das Wort geht hin; denn unter dem Gesetz waren die Propheten an die Grenzen Judäas gebunden; nun aber, wo der Zaun eingerissen ist, heißt der Herr die Diener des Evangeliums in die Ferne hinausgehen, um die Lehre vom Heil in allen Teilen der Welt zu verbreiten. Denn obwohl, wie kürzlich erwähnt, die Würde der Erstgeburt den Juden darin verblieb, daß bei ihnen der Anfang gemacht wurde, so bekamen nun doch auch die Heiden den gleichen Anteil an dem Erbe des Lebens. So wurde jene Weissagung des Jesaja (49, 6) zusammen mit ähnlichen erfüllt, daß Gott seinen Christus zum Licht der Heiden machen wolle, damit er sein Heil sei bis an die Enden der Erde. Das versteht Markus unter aller „Kreatur“; denn nachdem der Friede den Hausgenossen bekanntgemacht worden war, gelangte dieselbe Botschaft auch zu denen, die weiter entfernt und draußen standen. Wie nötig es aber war, die Apostel ausdrücklich auf die Berufung der Heiden hinzuweisen, geht daraus hervor, daß ihnen auch nach Empfang dieses Auftrags davor graute, an die Heiden heranzutreten, als würden sie damit sich und ihre Lehre verunreinigen (Vgl. Apg. 10, 14.28).

„Tauft sie.“ Zu taufen befiehlt Christus die, die das Evangelium annehmen und sich als seine Jünger bekennen, damit ihnen die Taufe vor Gott wie ein Unterpfand des ewigen Lebens sei und gleichzeitig vor den Menschen als äußerliches Zeichen für ihren Glauben diene. Denn mit diesem Zeichen bezeugt uns Gott seine Gnade, daß wir von Gott zu Kindern angenommen sind, weil er uns damit in den Leib seines Sohnes einfügt und uns zu seiner Herde zählt. Daher bedeutet sie für uns auch soviel wie eine geistliche Abwaschung, in der Gott uns wieder mit sich versöhnt, und ein Zeichen der neuen Gerechtigkeit. Wie uns Gott aber mit diesem Siegel seine Gnade bestätigt, so geloben andererseits alle, die sich taufen lassen, ihm wie mit ihrer Unterschrift Glauben und Treue. Daraus aber, daß die Taufe den Aposteln ausdrücklich im Zusammenhang mit der Predigt des Evangeliums aufgetragen wurde, folgt, daß nur der Diener die Taufe rechtmäßig verwalten kann, der zugleich auch die Predigt damit verbindet. Wenn daher Leuten ohne Amt, ja, sogar Frauen die Erlaubnis zu taufen gegeben wurde, so vertrug sich das mit der Einsetzung Christi in keiner Weise und war nichts anderes als reine Entweihung. Wenn außerdem der Predigt hier die erste Stelle zugewiesen wird, so besteht ein wesentlicher Unterschied zwischen dieser heiligen Handlung und den unechten Riten der Heiden, mit denen sie sich in ihre Heiligtümer einweihen; denn solange Gott nicht mit seinem Wort das irdische Zeichen lebendig macht, wird es uns nie zum Sakrament. Wie der Aberglaube alle Werke Gottes nachäfft, so machen sich törichte Leute nach ihrem Belieben mancherlei Sakramente zurecht; aber weil das Wort als die Seele nicht darin lebt, sind es nur leere, trügerische Schatten. Darum wollen wir festhalten: Erst durch die Kraft der Verkündigung empfangen die Zeichen ein neues Wesen, und so wird auch die äußere Abwaschung des Leibes für uns ein Unterpfand unserer geistlichen Wiedergeburt, wenn die Verkündigung des Evangeliums vorangegangen ist; und das ist die rechte Weise der Vorbereitung, an deren Stelle das Papsttum magische Teufelsaustreibungen eingeführt hat. (...)

Matth. 28, 20. „Und lehrt sie halten alles, was ich euch befohlen habe.“ Indem Christus den Aposteln diese Anweisung mit auf den Weg gibt, zeigt er, wie wir schon sagten, daß er ihnen sein Amt nicht so völlig abtritt, als wollte er aufhören, der Lehrer seiner Gemeinde zu sein. Denn er sendet seine Apostel mit der Auflage aus, daß sie den Leuten nicht eigene Einfälle aufdrängen, sondern sie sollen nur das, was er ihnen auftrug, wie von Hand zu Hand treulich weitergeben. Dieser Regel sollte einmal der Anspruch, den der Papst sich anmaßt, unterworfen werden; wir wollten ihn nämlich gern als den Nachfolger des Petrus und Paulus anerkennen, wenn er nur nicht so tyrannisch über die Seelen herrschte! Da er aber das Lehramt Christi beseitigt hat und die Gemeinde mit seinen faulen Lügen vergiftet, geht daraus zur Genüge hervor, wie weit er sich von dem Amt der Apostel entfernt hat. Halten wir das als Hauptsache fest, daß mit diesen Worten der Gemeinde Lehrer vorgesetzt werden, die nicht vorbringen, was ihnen gut dünkt, sondern die selbst am Mund des einzigen Lehrers hängen, um für ihn und nicht für sich Jünger zu sammeln.

„Und siehe, ich bin bei euch.“ Da Christus den Aposteln ein Amt übertrug, das sie im Vertrauen auf bloß menschliche Kraft unmöglich ausrichten konnten, macht er ihnen Mut mit der Zuversicht auf seinen himmlischen Schutz. Denn vor seiner Verheißung, er werde bei ihnen sein, steht der Hinweis darauf, daß er als der König des Himmels und der Erde mit seiner Hand und Herrschaft alles regiert. Das Wörtchen ich ist darum nachdrücklich zu betonen; er hätte auch sagen können: Wenn die Apostel ihr Amt kraftvoll ausführen wollen, dürfen sie nicht darauf achten, was sie selbst können, sondern sie müssen sich auf die ihnen verliehene Macht des Herrn stützen, unter dessen Banner sie kämpfen. Die Art der Gegenwart jedoch, die der Herr den Seinen verheißt, muß geistlich verstanden werden; um uns zu Hilfe zu kommen, braucht er nicht vom Himmel herabzusteigen, da er uns durch die Gnade seines Geistes wie mit vom Himmel ausgestreckter Hand helfen kann. Denn der, der seinem Leib nach unermeßlich weit von uns entfernt ist, ergießt die Wirksamkeit seines Geistes nicht nur über die ganze Welt, sondern wohnt in Wahrheit auch in uns. Zu beachten ist außerdem, daß das nicht den Aposteln allein gesagt wird; denn der Herr verheißt seine Hilfe nicht nur für einen Zeitabschnitt, sondern bis ans Ende der Welt. Diese Worte bedeuten also soviel wie: Die Diener am Evangelium mögen noch so schwach sein und an allem Mangel leiden, Christus wird doch ihr Beschützer sein, so daß sie aus allen Zusammenstößen mit der Welt als Sieger hervorgehen. So lehrt uns auch heute die Erfahrung deutlich, wie Christus im verborgenen wunderbar wirkt, so daß das Evangelium unzählige Hindernisse überwindet. Im so unerträglicher ist die Unverschämtheit des päpstlichen Klerus, der unter diesem Vorwand seine frevelhafte' Gewaltherrschaft eingeführt hat. Sie behaupten, die Kirche könne nicht irren, weil sie von Christus regiert werde; als ob Christus wie irgendein gewöhnlicher Soldatenführer anderen Führern seine Rechte abgetreten hätte und nicht im Gegenteil die Autorität selbst fest in der Hand behielt und bezeugt, daß er der Beschützer seiner Predigt sein werde, damit ihre Diener darauf vertrauen können, daß sie gegenüber der ganzen Welt siegreich sein werden.



Aus: Otto Weber, Calvins Auslegung der Heiligen Schrift. Dreizehnter Band: Die Evangelien-Harmonie 2. Teil, Neukirchener Verlag, 1974, S. 439ff.
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Beitragvon Joschie » 24.07.2010 20:03

7. Sonntag nach Trinitatis: Johannes 6,1-15 – Fünf Brote und zwei Fische
von Johannes Calvin

''Christus hat es ganz deutlich gemacht, daß er der Welt nicht nur das geistliche Leben bringt, sondern vom Vater auch dazu bestimmt ist, den Leib zu erhalten.''



Johannes 6,1-15

1 Danach fuhr Jesus weg über das Galiläische Meer, daran die Stadt Tiberias liegt. 2 Und es zog ihm viel Volks nach, darum, daß sie die Zeichen sahen, die er an den Kranken tat. 3 Jesus aber ging hinauf auf den Berg und setzte sich daselbst mit seinen Jüngern. 4 Es war aber nahe Ostern, der Juden Fest. 5 Da hob Jesus seine Augen auf und sieht, daß viel Volks zu ihm kommt, und spricht zu Philippus: Wo kaufen wir Brot, daß diese essen? 6 Das sagte er aber, ihn zu prüfen; denn er wußte wohl, was er wollte. 7 Philippus antwortete ihm: Für zweihundert Silbergroschen Brot ist nicht genug unter sie, daß ein jeglicher davon nehme. 8 Spricht zu ihm einer seiner Jünger, Andreas, der Bruder des Simon Petrus: 9 Es ist ein Knabe hier, der hat fünf Gerstenbrote und zwei Fische; aber was ist das unter so viele? 10 Jesus aber sprach: Schaffet, daß sich das Volk lagere. Es war aber viel Gras an dem Ort. Da lagerten sich bei fünftausend Mann. 11 Jesus aber nahm die Brote, dankte und gab sie denen, die sich gelagert hatten; desgleichen auch von den Fischen, wieviel sie wollten. 12 Da sie aber satt waren, sprach er zu seinen Jüngern: Sammelt die übrigen Brocken, daß nichts umkomme. 13 Da sammelten sie und füllten von den fünf Gerstenbroten zwölf Körbe mit Brocken, die übrigblieben denen, die gespeist worden.

V. 1. „Danach fuhr Jesus weg...“ Während sonst der Evangelist die Taten und Worte Christi zu sammeln pflegt, die die andern drei Evangelisten übergangen hatten, wiederholt er hier gegen seine Gewohnheit die Geschichte eines Wunders, das auch von ihnen erzählt worden ist. Das tut er aber mit der Absicht, um von da aus auf Christi Rede überzugehen, die er am Tage darauf in Kapernaum hielt; denn sie hing mit dem Wunder zusammen. Obwohl also diese Erzählung auch bei den drei anderen Evangelisten steht, hat sie hier doch etwas Besonderes, weil sie ein anderes Ziel hat, wie wir sehen werden. Einige sagen, sie habe sich bald nach dem Tode Johannes des Täufers zugetragen. Dieses Ereignis sei der Grund für das Ausweichen Christi gewesen. Denn sobald sich Tyrannen einmal mit dem Blute der Frommen befleckt haben, entbrennen sie zu schlimmerem Wüten, nicht anders als maßloses Trinken den Trunkenen immer stärkeren Durst macht. Es ist so, als wollte Christus durch seinen Weggang die Wut lies Hemdes verrauchen lassen. Das Galilaische Meer steht für den „See Genezareth". Indem er hinzufügt, er habe der „See von Tiberias" geheißen, bczeichnete er den Ort deutlicher, an den Christus sich begab; denn nicht der ganze See hatte diesen Namen, sondern nur der Teil, an dem Tiberias lag.

V. 2. „Und es zog ihm viel Volks nach . . .“ Der Eifer, Christus nachzufolgen, ist daher so brennend, weil das Volk nach dem Anblick seiner Kraft bei den Wunderheilungen davon überzeugt war, er sei ein großer Prophet und von Gott gesandt. Übrigens läßt der Evangelist hier beiseite, was die drei anderen berichten, nämlich daß unter Lehren und Krankenheilungen ein Teil des Tages bereits vergangen war und die Jünger, als der Tag sich schon neigte, ihn darum gebeten hätten, die Scharen gehen zu lassen. Es genügte ihm, die Hauptsache kurz zu streifen, um uns bei dieser Gelegenheit zu dem hinzuführen, was gleich folgt. Übrigens sehen wir hier vor allem, welch brennender Eifer das Volk beseelte, Christus zu hören. Keiner nämlich denkt weiter an sich; in aller Ruhe erwarten sie alle in einer ganz verlassenen Gegend die Nacht. Um so weniger Entschuldigung haben wir für unsere Trägheit oder, besser, Gleichgültigkeit; denn wir räumen der himmlischen Lehre Christi so wenig den Vorrang vor der Sorge um unser leibliches Wohl ein, daß uns schon die geringsten Zerstreuungen von dem Gedanken an das ewige Leben ablenken, ja, es nur ganz selten vorkommt, daß Christus uns frei und los von weltlichen Behinderungen findet. Ihm gar auf einen einsamen Berg zu folgen, dazu wäre keiner geneigt; kaum jeder zehnte fände sich bereit, ihn aufzunehmen, selbst wenn er bei ihm daheim unter allen Bequemlichkeiten erschiene. Wie sehr aber auch diese Krankheit fast in der ganzen Welt verbreitet ist, so steht doch fest: Niemand ist für das Reich Gottes geeignet, der nicht gelernt hat, all solche Bequemlichkeit abzuschütteln und begieriger nadi der Speise für die Seele zu verlangen, als sich durch seinen Bauch hindern zu lassen. Aber da uns unser Fleisch immer zwingt, seinen Bedürfnissen zu dienen, muß man auch wiederum beachten, daß Christus aus freien Studien die Sorge für diejenigen auf sich nimmt, die sich selbst verleugnen. Denn er wartet nicht, bis die Hungrigen rufen, sie gingen vor Hunger zugrunde und es sei nicht ausreichend Nahrung da, sondern er gibt ihnen Speise, ohne gebeten zu sein. Es könnte einer sagen, das sei nicht immer so; oft sähen wir die Frommen, während sie sich dem Reiche Gottes verschrieben hätten, doch von Hunger erschöpft beinahe dahinschwinden. Darauf antworte ich: Wenn Christus auch auf diese Weise unsern Glauben und unsere Standhaftigkeit auf die Probe stellen wollte, so sieht er vom Himmel her unsere Not und sorgt sich darum, sie zu erleichtern, soweit es uns nützt. Daß er aber nicht sofort hilft, geschieht aus gutem, wenn auch uns verborgenem Grunde.

V. 3. „Jesus aber ging hinauf auf den Berg ...“ Ohne Zweifel suchte Christus die Einsamkeit zum Passahfest. Deshalb heißt es, er habe sich mit seinen Jüngern auf einem Berge niedergelassen. Doch war das seine Absicht nur als Mensch; Gottes Absicht indessen war anders, und ihr gehorchte er gern. Obwohl er daher dem Anblick der Menschen zu entfliehen suchte, läßt Gottes Hand ihn doch wie auf einem ruhmvollen Schauplatz auftreten. Die Menschenmenge nämlich war auf dem einsamen Berge größer als in irgendeiner volkreichen Stadt; auch ging so von seinem Wunder ein viel größerer Ruhm aus, als wenn er mitten auf dem Markt von Tiberias gestanden hätte. Deshalb lehrt uns dieses Beispiel, unsere Pläne so zu fassen, daß wir ohne Bedauern Gottes Überlegenheit anerkennen, der alles nach seinem Willen lenkt, auch wenn etwas anders ausgeht, als wir gedacht hatten.

V. 5. „Da hob Jesus seine Augen auf ... und spricht zu Philippus ...“ Was wir hier als ein Wort an Philippus allein lesen, hat er nach der sonstigen Überlieferung zu allen gesagt. Das ist nicht weiter sonderbar; denn wahrscheinlich ist es, daß Philippus die Meinung aller ausgesprochen hatte; daher antwortet Christus ihm besonders. So läßt er gleich danach Andreas als Sprecher auftreten, wo die anderen Evangelisten berichten, er habe alle in gleicher Weise angeredet. Er versucht in der Person des Philippus die Jünger alle, ob sie wohl ein Wunder erwarteten, wie sie es bald sehen sollten. Als er bemerkt, daß sie keine außergewöhnliche Hilfe vermuten, weckt er ihre gleichsam schlafende Aufmerksamkeit, damit sie wenigstens den gegenwärtigen Augenblick mit wachen Sinnen wahrnehmen. Der einzige Zweck aber aller ihrer Worte ist es, Christus dazu zu bringen, das Volk wegzuschicken. Vielleicht denken sie dabei auch an sich persönlich, daß nämlich nicht ein Teil der unbequemen Aufgabe ihnen zufalle. Deshalb verfolgt Christus sein Beginnen weiter, ohne auf ihre Einwürfe zu achten.

V. 7. „Philippus antwortete ihm ...“ Da die Jünger arm waren und nur sehr wenig Geld besaßen, wollte Andreas Christus mit der Größe der Summe, die für die Verpflegung der Menge notwendig war, abschrecken, als wenn er sagen wollte, ihre Mittel reichten zur Ernährung der Volksmenge nicht aus.

V. 10. „Jesus aber sprach...“ Daß die Jünger nicht schneller merkten, ihr Meister wolle ihnen Hoffnung machen, und es ihnen nicht in den Sinn kam, zu seiner Macht so viel Zutrauen zu haben, wie ihr gebührte, ist zwar zu tadeln, doch verdient es auch nicht geringes Lob, daß sie seinen Auftrag jetzt so schnell ausführten, obwohl sie nicht wußten, was er selbst vorhatte und wozu sie das taten, was sie jetzt tun sollten. Auch das Volk gehorcht so schnell; denn ohne zu wissen weshalb, lagern sich alle auf ein einziges Wort hin. Das ist der Beweis für den wahren Glauben, wenn Gott die Menschen wie im Finstern wandeln läßt. Dazu sollen wir lernen, daß wir für unsere Person zwar gar nichts wissen können, aber nichtsdestoweniger auch in einer verworrenen Lage auf einen guten Ausgang hoffen sollen, indem wir Gottes Führung folgen, der die Seinen niemals im Stiche läßt.

V. 11. „Jesus aber nahm die Brote ...“ Nicht nur einmal hat Christus uns durch sein Beispiel ermahnt, jede Mahlzeit mit einem Gebet zu beginnen. Alles, was Gott für unseren Gebrauch bestimmt hat, fordert uns als ein Zeichen seiner unendlichen Güte und väterlichen Liebe gegen uns dazu auf, ihn zu preisen. Die Danksagung ist, wie Paulus (1. Tim. 4, 4) lehrt, gewissermaßen eine Heiligung, so daß wir dadurch beginnen, einen reinen Gebrauch von dem zu machen, was wir genießen. Daraus folgt, daß diejenigen, die ohne an Gott zu denken, seine Gaben hinunterschlingen, sie gottlos herabwürdigen. - Um so mehr ist diese Mahnung zu beherzigen, als wir sehen, wie heutzutage ein großer Teil der Welt sich wie die Tiere mästet. Jesus wollte das Brot, das er den Jüngern gab, unter ihren Händen wachsen lassen. Daraus entnehmen wir die Lehre, daß Gott unsere Arbeit segnet, wenn wir uns gegenseitig Dienste erweisen. Wir wollen jetzt den Sinn des ganzen Wunders zusammenfassen: es hat mit den andern gemein, daß Christus in ihm seine Macht in Verbindung mit seiner Güte offenbart hat. Es liegt für uns darin auch eine Bestärkung der Überzeugung, daß uns nach seiner Verheißung alles andere zufallen wird, wenn wir seiner Mahnung folgen und das Reich Gottes suchen. Denn wenn er die Sorge für die übernommen hat, die nur infolge eines plötzlichen Verlangens zu ihm gekommen waren, wie sollte er dann für uns nicht dasein, wenn wir beständigen Herzens ihn suchen? Mag er es zwar bisweilen zulassen, wie ich schon sagte, daß die Seinen Mangel leiden, wird doch seine Hilfe sie niemals im Stich lassen. Wenn er uns nur in der äußersten Not hilft, hat er dafür die besten Gründe. Man bedenke auch: Christus hat es ganz deutlich gemacht, daß er der Welt nicht nur das geistliche Leben bringt, sondern vom Vater auch dazu bestimmt ist, den Leib zu erhalten. Der Überfluß an allen Gütern ist ihm in die Hände gelegt, daß er sie in Strömen unter uns ausgieße: er ist die lebendige Quelle, die aus dem ewigen Vater strömt.

Daher bittet Paulus (1. Kor. 1, 3) ihn und den Vater gemeinsam um alle Güter. Und an anderer Stelle (Eph. 5, 20) lehrt er, daß wir in allem durch ihn Gott danken müssen. Und diese Gabe eignet nicht nur seiner ewigen Gottheit, sondern auch in seiner menschlichen Gestalt hat der himmlische Vater ihn uns zum Hausvater eingesetzt, um uns durch seine Hand zu sättigen. Wenn wir aber auch nicht Tag für Tag mit unsern eigenen Augen Wunder sehen, so offenbart Christus seine Macht doch nicht weniger darin, daß er uns reichlich ernährt. Und gewiß lesen wir nichts davon, daß er jedesmal, wenn er die Seinen speisen wollte, sich neuartiger Mittel dazu bediente. Daher wäre es ein falsches Gebet, wenn einer verlangen wollte, Christus mochte ihm irgendwie ungewöhnlich Speise und Trank zukommen lassen. Man muß hinnehmen, daß Christus dem Volke keine großartigen Mahlzeiten zubereitete; mit Gerstenbrot und getrocknetem Fisch mußten die Leute zufrieden sein, die bei jener Mahlzeit seine wunderbare Macht unverhüllt sehen Konnten. Wenn er nun aber auch heute nicht fünftausend Menschen mit fünf Hinten sattmacht, so hört er doch nicht auf, die ganze Welt wunderbar zu erhalten. Freilich ist es ein Widerspruch für uns, daß der Mensch nicht von Brot allein lebe, sondern von dem Wort, das aus Gottes Munde kommt (Deut. 8, 3). Wir sind nämlich den von außen kommenden Mitteln zur Erhaltung unseres Daseins so sehr verhaftet, daß uns nichts schwerer wird, als nur von Gottes Fürsorge abzuhängen. Daher stammt unsere große Unruhe, sobald einmal kein Brot zur Hand ist. Wenn aber einer alles richtig gegeneinander abwägt, dann müßte er in all unserer Nahrung Gottes Güte erkennen. Aber die Wunder der Natur scheinen uns durch alltägliche Gewohnheit selbstverständlich. Doch steht uns darin nicht so sehr nur unsere Trägheit im Wege als vielmehr unser verkehrter Sinn. Wen nämlich gibt es, der nicht lieber hundertmal im irrenden Schweifen seiner Gedanken Himmel und Knie absuchte, als seine Augen auf Gott zu richten, der sich ihm darbietet?

V. 13. „Da sammelten sie und füllten... zwölf Körbe...“ Als viertausend Menschen von sieben Broten satt geworden waren, wie Matthäus (15, 37) schreibt, gibt er die gleiche Zahl von Körben Brot an, die nach der Mahlzeit übrig waren, wie die Zahl der Brote betragen hatte. Da also für eine größere Menschenmenge weniger Brote ebenfalls genügten und fast doppelt soviel übrigblieb, erkennen wir daraus noch besser, wie kraftvoll der Segen Gottes ist, vor dessen Anblick wir unsererseits einfach die Augen schließen. Man muß auch noch auf folgendes achten: obwohl Christus, um das Wunder recht deutlich zu machen, befiehlt, die Reste in Körbe zu füllen, mahnt er zugleich die Seinen mit den Worten zur Sparsamkeit: sammelt es, damit nichts umkomme. Die Freigebigkeit Gottes darf kein Anlaß zu Verschwendung werden. Wer also Überfluß hat, soll daran denken, daß er einst Rechenschaft über seinen maßlosen Reichtum ablegen muß, wenn er nicht eifrig und treu für gute und Gott wohlgefällige Zwecke einsetzt, was ihm zugeflossen ist.

14 Da nun die Menschen das Zeichen sahen, das Jesus tat, sprachen sie: Das ist wahrlich der Prophet, der in die Welt kommen soll. 15 Da Jesus nun merkte, daß sie kommen würden und ihn greifen, damit sie ihn zum König machten, entwich er abermals auf den Berg, er selbst allein.

V. 14. „Da nun die Menschen . . .“ Das Wunder scheint den Erfolg gehabt zu haben, daß sie seinen Urheber als Messias anerkennen; das war das Ziel, das Christus verfolgte. Aber diese Kenntnis von Christus setzen sie bald für einen verkehrten Zweck ein. Es ist der häufigste Fehler der Leute: sobald Gott sich ihnen offenbart, verderben sie seine Wahrheit mit ihren Irrtümern und verkehren sie ins Gegenteil. Ja, wenn sie den rechten Weg eingeschlagen zu haben scheinen, verfehlen sie ihn durch eigene Schuld doch bald wieder.

V. 15. „Da Jesus nun merkte . . .“ Daß die Leute Christus den Ehrentitel König übertragen wollten, war nicht unbegründet; darin aber fehlten sie sehr, sich die Freiheit zu nehmen, ihn zum König zu wählen. Denn die Schrift behält das Gott allein vor, wie es im Psalm 2, 6 heißt: „Ich habe meinen König eingesetzt." Und was für ein Königreich sinnen sie ihm an? Natürlich ein irdisches, und das liegt seiner Rolle völlig fern. Hieraus wollen wir lernen, wie gefährlich es ist, in göttlichen Dingen Gottes Wort nicht zu beachten und unseren eigenen Gedanken zu folgen. Es gibt nämlich nichts, was unser falscher Scharfsinn nicht verderben könnte. Und was hilft der Vorwand lies Eifers, wenn wir durch unsere falsche Verehrung Gott größere Schmach antun, als wenn einer absichtlich seinen Ruhm bekämpfen wollte? Wir wissen, mit welcher Wut die Feinde versuchten, Christi Ruhm auszulöschen. Jener Augenblick, als er zur Kreuzigung geführt wurde, war gewiß der Höhepunkt ihrer Macht. Und doch ist so der Welt das Heil gebracht worden, und Christus selbst hat über Tod und Hölle einen herrlichen Triumph gefeiert. Wenn er es nun geduldet hätte, zum König gewählt zu werden, wäre es um sein geistliches Königreich geschehen gewesen, das Evangelium wäre mit ewiger Schande gebrandmarkt und die Hoffnung auf das Heil gänzlich vernichtet worden. Nur das erreichen schließlich die angeblichen Ehren und Verehrungen, die unbedacht von Menschen ersonnen worden sind, daß sie Gott seine wahre Ehre nehmen und ihn dafür mit Schande beladen. Zu bemerken ist auch der Ausdruck „greifen“. Sie wollten Christus „greifen“, sagt der Evangelist, das heißt, sie wollten ihn mit Gewalt, auch wenn er noch so sehr dagegen gewesen wäre, „zum König machen“. Wenn wir deshalb wünschen, dem zu gefallen, dem wir eine Ehre übertragen, müssen wir immer darauf sehen, was er selbst verlangt. Wer Gott selbsterfundene Ehren aufnötigt, tut ihm gewissermaßen Gewalt an und legt Hand an ihn, während Gehorsam die Grundlage rechter Gottesverehrung ist. Außerdem lernen wir hieraus, wie ehrfürchtig wir beim reinen und einfachen Wort Gottes bleiben müssen, weil die Wahrheit, sobald wir auch nur ganz wenig von ihr abweichen, von unserer Verderbtheit befallen wird, so daß sie schon aufhört, sich selbst ähnlich zu sein. Sie wußten es aus Gottes Wort, daß der verheißene Erlöser ein König sein sollte; aber nach ihrem Verständnis dachten sie nur an ein weltliches Königreich und trugen ihm gegen Gottes Wort die Königsherrschaft an. Sooft wir so dem Worte Gottes unsere eigenen Gedanken beimischen, entartet der Glaube zu leichtfertigen Vermutungen. Also sollen sich die Gläubigen an Bescheidenheit gewöhnen, daß nicht Satan sie zu verkehrtem Feuereifer hinreiße und sie nicht wie die Riesen der Sage auf Gott losstürmen, der doch nur dann richtig verehrt wird, wenn wir ihn so umfassen, wie er sich uns anbietet. Sonderbar aber ist es, daß in fünftausend Menschen eine so rasende Verwegenheit aufkam, daß sie kein Bedenken trugen, durch die Wald eines neuen Königs die Wallen des Pilatus und die Macht des Römischen Reiches gegen sich herauszufordern. Sicher hätten sie sich niemals so weit vorgewagt, wenn sie nicht im Vertrauen auf die Verheißungen der Propheten gehofft hätten, Gott stehe auf ihrer Seite und sie blieben so Sieger. Indessen irrten sie in ihren Gedanken an ein Königreich; dazu hatten die Propheten nirgends ermutigt. So fern lag es also, daß sie bei ihrem Versuch Unterstützung durch die Hand Gottes finden konnten; und deshalb entzog sich Christus ihnen lieber.




Aus: Otto Weber, Calvins Auslegung der Heiligen Schrift. Vierzehnter Band: Das Johannes-Evangelium, Neukirchener Verlag, 1964, S. 144ff
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Beitragvon Joschie » 31.07.2010 17:58

8. Sonntag nach Trinitatis: Matthäus 5,13-16 – Ihr seid das Licht der Welt
von Johannes Calvin


''… so wird hier deutlich, daß ohne offene, grobe Beleidigung Gottes der freie Wille nicht gepriesen werden kann; als ob seine Tugend die guten Werke ganz oder teilweise hervorbrächte. Andererseits ist zu beachten, wie wohlwollend Gott mit uns handelt: er nennt unsere Werke gut, wo doch von Rechts wegen alles Lob ihm gebührt.''


Matthäus 5,13-16
13 Ihr seid das Salz der Erde. Wenn nun das Salz kraftlos wird, womit soll man`s salzen? Es ist zu nichts hinfort nütze, denn daß man es hinausschütte und lasse es die Leute zertreten. 14 Ihr seid das Licht der Welt. Es kann die Stadt, die auf einem Berge liegt, nicht verborgen sein. 15 Man zündet auch nicht ein Licht an und setzt es unter einen Scheffel, sondern auf einen Leuchter; so leuchtet es allen, die im Hause sind. 16 So soll euer Licht leuchten vor den Leuten, daß sie eure guten Werke sehen und euren Vater im Himmel preisen.


Matth. 5, 13. „Ihr seid das Salz der Erde.“ Was der Lehre eigentümlich ist, wird hier auf die Menschen übertragen, denen die Verwaltung des Wortes anvertraut ist. Wenn Christus die Apostel „Salz der Erde" nennt, meint er, ihre Aufgabe sei es, die Erde zu salzen; denn die Menschen wären sonst nur wie ungenießbare Speise, solange sie nicht mit dem Salz der himmlischen Lehre gewürzt würden. Nachdem er sie zu ihrer Berufung ermuntert hat, kündigt er ihnen schweres, schreckliches Gericht an, wenn sie ihrer Aufgabe nicht nachkämen. Und er zeigt, daß die ihnen anvertraute Lehre so eng mit einem guten Gewissen und einem frommen gerechten Leben verbunden ist, daß, was bei anderen noch an Verderbtheit zu ertragen sei, bei ihnen abscheulich und für eine Mißgeburt zu halten wäre. Er will sagen: Mögen vor Gott die übrigen Menschen fade sein, euch wird das Salz gegeben, das ihnen Geschmack beibringen soll. Wenn ihr aber selbst ohne Geschmack seid, woher wollt ihr das Mittel nehmen, das ihr andern weitergeben solltet? Der Herr führt sein Bild wirklich sehr geschickt aus, wenn er sagt: Andere Dinge, die verderben, lassen sich doch wenigstens noch auf andere Weise gebrauchen; verdorbenes Salz aber ist schädlich genug, selbst Mistgruben mit Unfruchtbarkeit zu belegen. Kurz, es ist eine unheilbare Krankheit, wenn Diener und Lehrer des Wortes sich selbst verführen und als kraftlos herausstellen, während sie doch die übrige Welt mit ihrem Salz würzen sollten. Doch nicht nur den Predigern ist diese Mahnung nützlich, sondern der ganzen Gemeinde Christi. Denn wenn Gott will, daß die Erde mit seinem Wort gesalzen werde, so gilt folglich als fade und töricht vor ihm, wem dies Salz mangelt, mag er vor Menschen auch Weisheit besitzen. Deshalb nehmen wir am besten dieses Gewürz an, das allein unsere Torheit heilt. Indessen mögen die zum Salzen Beauftragten darauf achten, daß sie die Welt nicht in ihrer Albernheit bestärken; und noch mehr, daß sie sie nicht durch einen schlechten und mangelhaften Geschmack vergiften. Darum ist die Unredlichkeit der Papisten kaum zu ertragen. Als ob Christus wirklich beabsichtigt hätte, seinen Aposteln eine zügellose Willkür zu erlauben und sie zu Tyrannen über die Seelen einzusetzen. Er hat sie vielmehr an ihre Pflicht gemahnt, nicht von der rechten Linie abzuweichen. Christus verkündet, wie nach seinem Willen die Lehrer der Kirche sein sollen. Die sich ohne jedes Recht als Apostel empfehlen, bedecken mit diesem Deckmantel, was ihnen an Greueltaten beliebt. Wohl hat Christus Petrus und seine Gefährten Salz der Erde genannt; indessen müssen sie doch die schwere Drohung bedenken, daß sie die Schlimmsten von allen werden, wenn sie sich als salzlos herausstellen. Bei Lukas steht dieser Satz gleichsam unvermittelt, aber zu demselben Zweck, so daß es einer eigenen Erklärung nicht bedarf.

Matth. 5, 14. „Ihr seid das Licht der Welt.“ Obwohl wir alle Kinder des Lichtes sind, nachdem uns der Glaube erleuchtet hat, wird uns darüber hinaus aufgetragen, brennende Lampen in Händen zu halten, damit wir in der Finsternis nicht irregehen und sogar anderen noch den Weg zum Leben zeigen. Weil vornehmlich den Aposteln die Verkündigung des Evangeliums aufgetragen war, wie heute den Hirten der Gemeinde, richtete Christus dieses Wort besonders an sie; also so: eure Stellung nehmt ihr dazu ein, damit ihr allen gleichsam von einem erhöhten Standort aus leuchtet. Daran fügt er zwei Gleichnisse: es könne eine Stadt, die auf einem Berge liegt, nicht verborgen sein, und ein brennendes Licht pflege man nicht zu verbergen. Mit solchen Worten deutet er an, sie müßten so leben, als ob sie den Augen aller Menschen ausgesetzt wären. Je mehr einer hervorragt, desto schwerer schadet er zweifellos durch sein übles Vorbild, wenn er sich unrecht aufführt. Darum will Christus, daß seine Apostel mit größerem Eifer sich um ein frommes und heiliges Leben bemühen als sonst irgendwelche unbekannten Leute aus der Menge, denn auf sie seien die Augen aller gerichtet wie auf Leuchter. Völlig unerträglich sei es, wenn Frömmigkeit und Reinheit in ihrem Leben nicht der Lehre entspreche, deren Diener sie sind. Bei Markus, und Lukas scheint dies Gleichnis anders angewandt zu werden; denn dort, warnt Christus im allgemeinen davor, daß nicht einer meint, sündigen zu dürfen, weil er sich darauf verläßt, daß ihn keiner sieht. Denn was zur Zeit noch verborgen ist, wird einmal ans Licht kommen. Vielleicht aber trug er beide Bilder für sich und ohne Zusammenhang vor.

Matth. 5, 16. „Also lasset euer Licht leuchten vor den Leuten.“ Nachdem Christus aufgezeigt hat, die Apostel ständen auf jener Höhe, damit ihre Fehler wie ihre Tugenden weit in die Ferne leuchteten zum guten und schlechten Beispiel, befiehlt er ihnen jetzt, ihr Leben so zu gestalten, daß sie alle zum Ruhm Gottes anfeuerten. „Die Menschen sollen eure guten Werke sehen", sagt er, weil, wie Paulus bezeugt (2. Kor. 8, 12), die Gläubigen nicht nur vor Gott, sondern auch vor den Menschen verantwortlich sind. Denn sein Gebot ein wenig später, die guten Werke möglichst in der Verborgenheit und Abgeschiedenheit zu tun, will nur den Ehrgeiz zurechtweisen. Nun wahrlich geht es ihm um ein ganz anderes Ziel, um die Ehre des einigen Gottes. Wenn man nun aber den Ruhm der guten Werke Gott nicht in der gebührenden Weise zuteil werden läßt und das Lob ihm nicht darbringt als dem einzigen Urheber, so wird hier deutlich, daß ohne offene, grobe Beleidigung Gottes der freie Wille nicht gepriesen werden kann; als ob seine Tugend die guten Werke ganz oder teilweise hervorbrächte. Andererseits ist zu beachten, wie wohlwollend Gott mit uns handelt: er nennt unsere Werke gut, wo doch von Rechts wegen alles Lob ihm gebührt.



Aus: Otto Weber, Calvins Auslegung der Heiligen Schrift. Zwölfter Band: Die Evangelien-Harmonie 1. Teil, Neukirchener Verlag, 1966, S. 176ff.
Tod, wo ist dein Stachel? Totenreich, wo ist dein Sieg? 1Kor 15,55

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Beitragvon Joschie » 07.08.2010 06:39

9. Sonntag nach Trinitatis: Matthäus 25,14-30 – das Leben der Frommen wie das eines Kaufmannes
von Johannes Calvin
''Denn wenn Gott auch durch unsere Taten nicht bereichert wird und nicht zunimmt, so heißt es doch von uns, daß wir Gott selbst Frucht und Gewinn bringen, wenn wir unseren Brüdern soviel wie möglich nützen und alle Gaben, die wir von Gott empfangen haben, gut zu ihrem Heil anlegen.''


Matthäus 25,14-30
14 Gleichwie ein Mensch, der über Land zog, rief seine Knechte und vertraute ihnen seine Habe an; 15 und einem gab er fünf Zentner Silber, dam anderen zwei, dem dritten einen, einem jeden nach seiner Tüchtigkeit, und zog hinweg. 16 Alsbald ging der hin, der die fünf Zentner empfangen hatte, und handelte mit denselben und gewann andere fünf. 17 Desgleichen, der die zwei Zentner empfangen hatte, gewann zwei andere. 18 Der aber den einen empfangen hatte, ging hin und machte einen Grube in die Erde und verbarg seines Herrn Geld. 19 Über eine lange Zeit kam der Herr dieser Knechte und hielt Rechenschaft mit ihnen. 20 Da trat herzu, der die fünf Zentner empfangen hatte, und legte andere fünf Zentner dazu und sprach: Herr, du hast mir fünf Zentner anvertraut; siehe da, ich habe damit andere fünf Zentner gewonnen. 21 Da sprach sein Herr zu ihm: Ei, die frommer und getreuer Knecht, du bist über weitem getreu gewesen, ich will dich über viele setzten; gehe ein zu deines Herrn Freude! 22 Da trat auch herzu, der die zwei Zentner empfangen hatte, und sprach: Herr, du hast mir zwei Zentner anvertraut; siehe da, ich habe mit denselben zwei andere gewonnen. 23 Sein Herr sprach zu ihm: Ei, du frommer und getreuer Knecht, du bist über wenigem getreu gewesen, ich will dich über viel setzten; gehe ein zu deines Herrn Freude! 24 Da trat auch herzu, der einen Zentner empfangen hatte, und sprach: Herr, ich wußte, daß du ein harter Mann bist: du schneidest, wo du nicht gesät hast, und sammelst, wo du nicht ausgestreut hast; 25 und ich fürchtete mich, ging hin und verbarg deinen Zentner in der Erde. Siehe, da hast du das Deine. 26 Sein Herr aber antwortete und sprach zu ihm: Du böser und fauler Knecht! Wußtest du, das ich schneide, wo ich nicht gesät habe, und sammle, wo ich nicht ausgestreut habe, 27 so solltest du mein Geld zu den Wechslern getan haben, und wenn ich gekommen wäre, hätte ich das meine zu mir genommen mit Zinsen. 28 Darum nehmt von ihm den Zentner und gebt dem, der die zehn Zentner hat. 29 Denn wer da hat, dem wird gegeben werden, und er wird die Fülle haben; wer aber nicht hat, dem wird auch, was er hat, genommen werden. 30 Und den unnützen Knecht werft in die Finsternis hinaus; da wird sein Heulen und Zähneklappern.

Matth. 25, 15. „Einem jeden nach seiner Tüchtigkeit.“ Mit diesem Wort unterscheidet Christus nicht etwa die natürlichen Gaben von denen des Heiligen Geistes; denn es gibt keine Fähigkeit oder Geschicklichkeit, die wir nicht als von Gott empfangen betrachten müßten. Wer also zwischen sich und Gott als dem Urheber seiner Fähigkeiten teilen wollte, würde völlig leer ausgehen. Was soll das jedoch heißen, daß der Hausvater dem einen mehr, dem anderen weniger anvertraut, je nach der Tüchtigkeit des einzelnen? So wie Gott einen jeden befähigt und mit natürlichen Gaben ausgestattet hat, so trägt er ihm auch dies oder das auf, er übt ihn bei seinen Handlungen, er führt ihn von seiner Tätigkeit zur andern und gibt ihm Gelegenheit und deutlichen Anlaß zum Handeln. Wieder einmal machen sich die Papisten lächerlich, wenn sie hier herauslesen, Gott teile jedem seine Gaben nach dem Maß seines Verdienstes zu. Denn wenn ein alter Ausleger hier auch das Wort „Tugend" gebrauchte, meinte er damit doch nicht, die Menschen würden von Gott geehrt, je nachdem sie sich aufgeführt und das Lob einer Tugend verdient haben, sondern nur insoweit, wie der Familienvater sie für geeignet hält. Und wir wissen, daß niemand von Gott aufgrund seiner Taten als geeignet befunden wird.

Matth. 25, 20. „Da trat herzu, der die fünf Zentner empfangen hatte.“ Wer die Gaben nützlich anwendet, die Gott ihm übergeben hat, wird hier ein Händler genannt. Es ist sehr geschickt, das Leben der Frommen mit dem eines Kaufmanns zu vergleichen; denn sie sind auf Gemeinschaft untereinander angewiesen. Der Fleiß jedoch, mit dem jeder das ihm aufgetragene Werk ausführt, der Beruf selbst, die Möglichkeit, Gutes zu tun, und alle übrigen Gaben werden mit den Waren verglichen, weil sie den Zweck haben, den gegenseitigen Verkehr unter den Menschen zu fördern. Der Gewinn, den Christus erwähnt, ist der allgemeine Nutzen, der zur Verherrlichung Gottes beiträgt. Denn wenn Gott auch durch unsere Taten nicht bereichert wird und nicht zunimmt, so heißt es doch von uns, daß wir Gott selbst Frucht und Gewinn bringen, wenn wir unseren Brüdern soviel wie möglich nützen und alle Gaben, die wir von Gott empfangen haben, gut zu ihrem Heil anlegen. Denn der himmlische Vater schätzt das Heil der Menschen so hoch, daß er alles, was dafür verwandt wird, ansieht, als wäre es für ihn geschehen. Damit wir nun nicht müde werden, Gutes zu tun, erklärt Christus, daß keiner umsonst arbeitet, der seinen Beruf treulich ausübt. Bei Lukas (19, 19) heißt es, daß der, der fünf Pfund gewonnen hat, über fünf Städte gesetzt wird. Damit drückt Christus aus, daß die Herrlichkeit seines Reiches bei seinem endgültigen Kommen völlig anders sein werde, als sie jetzt erscheint. Denn jetzt besorgen wir fleißig gewissermaßen die Geschäfte eines Abwesenden, dann aber wird er eine reiche und mannigfache Fülle an Ehren zur Verfügung haben, mit der er uns herrlich auszeichnet. Bei Matthäus (25, 21 usw.) ist der Ausdruck einfacher: „Gehe ein zu deines Herrn Freude“. Das bedeutet, daß die treuen Knechte, deren Dienste ihm gefallen haben, mit ihm an der seligen Fülle aller Güter teilnehmen werden. Nun fragt sich, was der Zusatz (Matth. 25, 28) heißen soll: „Nehmt von ihm den Zentner und gebt ihn dem, der die zehn Zentner hat“. Denn das widerspricht doch jeglicher Geschäftsregel. Wir müssen uns daran erinnern, worauf ich immer wieder hingewiesen habe, daß man nicht pedantisch am einzelnen Buchstaben kleben darf. Der wahre Sinn ist der: Obgleich jetzt auch träge und untaugliche Knechte mit den Gaben des Geistes ausgerüstet sind, so werden sie am Ende doch aller Gaben verlustig gehen, so daß ihnen anstelle der herrlichen Güter nur Mangel und schmachvolle Dürftigkeit bleibt. Christus sagt, diese trägen Knechte vergrüben ihren Zentner oder ihr Pfund in die Erde, da sie nur ihrem Müßiggang und Vergnügen nachgehen und keinerlei Mühe auf sich nehmen wollen. Und so beobachten wir es tatsächlich an vielen, die nur sich selbst und ihrer eigenen Bequemlichkeit zugetan sind, dafür aber alle Aufgaben der Liebe umgehen und keinerlei Interesse haben an der allgemeinen Auferbauung. Wenn es heißt, daß der Hausvater nach seiner Rückkehr die Knechte vor sich gerufen habe, damit sie Rechenschaft ablegten, so sollen die Guten daraus Mut schöpfen, wenn sie erkennen, daß sie ihre Arbeit nicht vergeblich tun; den Faulen und Vergnügungssüchtigen jedoch soll es einen gehörigen Schrecken einjagen. Wir müssen also lernen, täglich uns selbst anzuspornen, bevor der Herr kommt und Abrechnung mit uns hält.

Matth. 25, 24. „Ich wußte, daß du ein harter Mann bist.“ Dieses Wort über die Härte des Herrn gehört nicht zum Hauptgedanken des Gleichnisses. Und es ist nutzlose Grübelei, wenn man hier erörtert, wie streng und hart Gott mit den Seinen verfährt. Denn Christus wollte hier genausowenig eine Aussage über Gottes Härte machen wie er den Wucher empfehlen will, wenn er den Hausvater sagen läßt, daß sie sein Geld hätten auf die Bank bringen sollen, damit es wenigstens um die Zinsen zugenommen hätte. Christus will nur andeuten, daß keiner eine Entschuldigung für seine Trägheit hat, der Gottes Gaben unterdrückt und sein Leben in Müßiggang verbringt. Daraus ersehen wir auch, daß Gott nichts mehr gefällt, als wenn einer sein Leben zum Wohl und Nutzen der menschlichen Gemeinschaft einsetzt. Der Satz (25, 29): „Wer da hat, dem wird gegeben werden“, wurde schon in Kapitel 13 erklärt. Auch was die „Finsternis“ (25, 30) bedeutet, haben wir schon zu Matth. 8 « erklärt: es ist einfach der Gegensatz zu dem erleuchteten Haus. Im Altertum fanden die Mahlzeiten oft nachts statt, und es wurden dazu viele Fackeln und Lampen entzündet. Darum spricht Christus davon, daß die, die im Reich Gottes keinen Einlaß finden, in die Finsternis hinausgeworfen werden.


Aus: Otto Weber, Calvins Auslegung der Heiligen Schrift. Dreizehnter Band: Die Evangelien-Harmonie 2. Teil, Neukirchener Verlag, 1974, S. 164ff.
Tod, wo ist dein Stachel? Totenreich, wo ist dein Sieg? 1Kor 15,55


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