Predigten,Andachten und Briefe von Johannes Calvin

Nur für Gläubige, die die fünf Punkte des Arminianismus ablehnen

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Joschie
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Beitragvon Joschie » 30.07.2009 07:31

Die Schrift
Calvin, Jean


Ehe wir in der Lehre von Gott fortfahren, wird es aber nötig sein, einiges über die Autorität der Schrift zu sagen, nicht bloß um unser Gemüt vorläufig zur Ehrfurcht zu stimmen, sondern um jeden Zweifel zu heben. Wenn es ohne weiteres klar wäre, daß es sich um ein Wort aus Gottes Munde handelt, so würde kein Mensch von gesunden Sinnen die verzweifelte Frechheit aufbringen, den Glauben zu verweigern. Da nun aber nicht täglich Offenbarungssprüche vom Himmel ergehen, und wir allein die Bibel haben, welcher Gott seine Wahrheit zu bleibendem Gedächtnis anvertrauen wollte, so wird dieselbe Autorität bei den Gläubigen nur dann gewinnen können, wenn in ihnen die Überzeugung erwächst, daß sie vom Himmel stammt, und man in ihr lebendige Zusprachen Gottes vernimmt.

… Halten wir den Grundsatz ganz fest, daß nur Leute, welche der heilige Geist innerlich unterwiesen hat, sich klar und sicher auf die Bibel stellen. Die heilige Schrift trägt ihre Beglaubigung in sich selbst und ihre Autorität darf nicht auf vernünftige Schlußfolgerungen gegründet werden, sondern setzt sich selbst kraft des Zeugnisses des heiligen Geistes durch. Gewiß zwingt uns schon der majestätische Eindruck der Bibel zu einer gewissen Ehrfurcht, aber zu voller Überzeugung kommen wir erst, wenn der heilige Geist sein Siegel in unsre Herzen drückt. Wenn dessen Kraft uns erleuchtet, gründen wir den Glauben an den göttlichen Ursprung der Bibel nicht mehr auf unser oder anderer Menschen Urteil, sondern wir bewegen uns auf einer Höhe, die alles Menschenurteil weit überragt. So stellen wir mit vollster Gewißheit fest, daß die heilige Schrift, wenn auch durch den Dienst der Menschen, so doch aus Gottes eigenstem Munde zu uns gekommen ist, und wir sehen in ihr Gott selbst gegenwärtig vor uns stehen. Nicht Beweise oder Wahrscheinlichkeiten suchen wir, auf die wir unser Urteil stützen könnten, sondern wir unterwerfen unser Urteil und unser Denken einer unwidersprechlich gewissen Tatsache. Dieser Vorgang steht in keinem Vergleich mit der Leichtfertigkeit, mit welcher man vielleicht ohne genauere Untersuchung einer Sache zufallt, die man nach gründlicher Prüfung schließlich doch verwerfen muß: vielmehr haben wir die lautere Gewissensüberzeugung, daß wir die unerschütterliche Wahrheit besitzen. Es handelt sich nicht um einen Aberglauben, wie er den elenden Menschenverstand gefangenzunehmen pflegt: vielmehr machen wir die Erfahrung, daß in der Bibel die Kraft des göttlichen Wesens unwidersprechlich webt und waltet. So werden wir zwar mit klarem Wissen und Wollen, aber doch lebendiger und wirksamer als es jemals menschlicher Wille oder Verstand uns abgewinnen könnte, zum Gehorsam gezogen und entzündet.
Tod, wo ist dein Stachel? Totenreich, wo ist dein Sieg? 1Kor 15,55

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Beitragvon Joschie » 31.07.2009 08:34

An Macaire und die Brüder in der Verfolgung in Frankreich
Calvin, Jean

Mein lieber Bruder, sehr geliebter Bruder!

Wenn ich ohne Furcht und Angst dich und deine Amtsbrüder anfeuern wollte, die Kämpfe zu bestehen, die euer warten, so würde mein Gerede euch gewiß kalt, ja unangenehm erscheinen. Da ich aber nun in großer Angst lebe wegen eurer Gefahr und zittere, während ich euch zur Beharrlichkeit und zum Vertrauen aufmuntere, wird dieser Brief, der ein lebendiges Bild meines Herzens ist, wie ich hoffe, nicht weniger zu euch sprechen, als wenn ich selbst gegenwärtig wäre und alle eure Sorgen teilte. Und gewiß, wenn es zum Äußersten kommen sollte, wünschte ich lieber mit euch durch den Tod vereinigt zu werden, als euch zu überleben und einen solchen Verlust für die Sache Christi beweinen zu müssen. Aber mag geschehen, was da will, ihr wißt es auch ohne mich aus den Vorschriften unseres himmlischen Meisters, daß man hundertmal lieber sterben, als den Posten verlassen soll, auf den einen der Herr gestellt hat.

Die schändliche Anklage auf Rebellion, womit diese ruchlosen Menschen nicht allein euch, sondern das Evangelium selbst beschmutzen wollen, verabscheue ich gerade so wie ihr. Da ihr aber ein gutes Gewissen habt und wißt, daß man euch aus Haß so anklagt, müßt ihr diese Verleumdung ruhig und guten Mutes tragen, indem ihr euch stützt auf das Zeugnis eures Gewissens von eurer Unschuld; hat doch der Sohn Gottes selbst der Verleumdung nicht entgehen können.

Und gut ist es, daß die Wahrheit bald aus dem Dunkel hervortreten und die böse Rede eurer Feinde widerlegen wird, wenn ihr auch kein Wort zu eurer Verteidigung sagt; nach kurzer Zeit wird der Lärm ausgetobt haben, und alles wird von selbst hinfallen, und die Urheber jener Anklagen werden vor Scham verstummen. Mag der Teufel alle Macht aufbieten, euch mit Ha0 und Verachtung zu überschütten; er wird es nicht hindern können, daß Gott durch diesen schönen und merkwürdigen Kampf seinen Namen verklären und das Licht seiner Herrlichkeit aus der Finsternis hervorleuchten lassen wird.

Noch nie war ein freies und offenes Bekenntnis des Glaubens zu den Ohren des Königs gedrungen. Wenn das Ende dem Anfang gleichkommt, was wir hoffen, so wird der blutrote Löwe hundertmal erblassen. Seid darum unbesorgt, wenn auch die Herde zittert; widersetzt euch der Zerstörung der Gemeinde mit Ruhe und mit Kraft. Vielleicht schenkt euch Gott einigen Frieden - wider Erwarten. Wenn eure Ausdauer aber nach dem Ratschluß des himmlischen Vaters auf eine härtere Probe gestellt werden sollte, so steht das fest, daß er treu ist, und nicht gestatten wird, daß ihr über eure Kräfte versucht werdet.
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Beitragvon Joschie » 01.08.2009 08:29

Kirche und Welt
Calvin, Jean

Jedoch hat jene Unterscheidung nicht etwa den Sinn, dass wir die ganze Gestaltung des bürgerlichen Lebens für etwas Beflecktes halten, das einen Christenmenschen nichts anginge. Zwar schreien und pochen die Schwarmgeister, die an ungebundener Zügellosigkeit ihre Freude haben, solchermaßen: nachdem wir durch Christus den Elementen dieser Welt gestorben sind und, in Gottes Reich übergegangen, unter den Himmlischen unseren Platz haben, ist es unserer unwürdig und liegt es weit unter unserer hohen Stellung, uns mit jenen unheiligen und unreinen Sorgen zu befassen, die zu Geschäften gehören, die einem Christenmenschen fremd sind. wozu, so sagen sie, soll es denn Gesetze geben ohne Urteile und Gerichtshöfe? Was aber hat ein Christenmensch mit solchen Urteilen zu tun? Ja wenn es nicht erlaubt ist, zu töten was sollen uns dann Gesetze und Urteile? Aber wie wir oben darauf aufmerksam gemacht haben, dass diese weltliche Art des Regiments von einem geistlichen, innerlichen Reiche Christi verschieden ist so müssen wir auch wissen, dass diese beiden in keiner Hinsicht zueinander im Widerspruch stehen. Denn das letztere läßt zwar gewisse Anfänge des himmlischen Reiches schon jetzt auf Erden in uns beginnen und läßt in diesem sterblichen, vergänglichen Leben gewissermaßen die unsterbliche, unvergängliche Seligkeit anfangen. Das bürgerliche Regiment aber hat die Aufgabe, solange wir unter den Menschen leben, die äußere Verehrung Gottes zu fördern und zu schützen, die gesunde Lehre der Frömmigkeit und den (guten) Stand der Kirche zu verteidigen, unser Leben auf die Gemeinschaft der Menschen hin zu gestalten, unsere Sitten zur bürgerlichen Gerechtigkeit heranzubilden, uns miteinander zusammenzubringen und den gemeinen Frieden wie die öffentliche Ruhe zu erhalten. Ich gebe zu: dies alles ist überflüssig, wenn das Reich Gottes, wie es jetzt in uns beschaffen ist, das gegenwärtige Leben auslöscht. Denn wenn sie vorschützen, es müsse eben in der Kirche Gottes eine solche Vollkommenheit herrschen, dass für sie die eigene Selbstregierung an Stelle des Gesetzes ausreichend wäre, so beruht diese Vollkommenheit auf ihrer eigenen, törichten Einbildung, da sie in der Gemeinschaft der Menschen niemals zu finden ist. Denn die Frechheit der Bösen ist so groß, ihre Nichtsnutzigkeit so widerspenstig, dass sie kaum durch große Strenge der Gesetze in Schranken zu halten ist und was würden sie dann wohl nach unserer Meinung tun, wenn sie sähen, dass man ihrer Bosheit ungestraft freien Lauf läßt? Es sind doch Menschen, die nicht einmal mit Gewalt zureichend davon abgehalten werden können, Böses zu tun.

Aber von dem Nutzen der bürgerlichen Ordnung zu sprechen, wird an anderer Stelle passendere Gelegenheit sein. Jetzt wollen wir nun, dass man begreift, dass es eine entsetzliche Barbarei ist, wenn man daran denkt, sie abzuschaffen, ist doch ihr Nutzen unter den Menschen nicht geringer als der von Brot und Wasser, Sonne und Luft, ihre Würde aber noch viel hervorragender. Denn sie dient nicht nur - was jene alle bezwecken - dazu, dass die Menschen atmen, essen, trinken und erwärmt werden: allerdings schließt sie sicherlich das alles in sich, in dem sie ja bewirkt, dass die Menschen miteinander leben, aber trotzdem, sage ich, dient sie nicht allein dazu, nein, sie hat auch den Zweck, dass sich Abgötterei, Frevel gegen Gottes Namen, Lästerungen gegen seine Wahrheit und andere Ärgernisse bezüglich der Religion nicht öffentlich erheben und sich unter dem Volk verbreiten, sie hat den Zweck, dass die bürgerliche Ruhe nicht erschüttert wird, dass jeder das Seine unverkürzt und unversehrt behält, dass die Menschen unbeschadet untereinander Handel treiben können und dass Ehrbarkeit und Bescheidenheit unter ihnen gepflegt werden. Kurz, sie dient dazu, dass unter den Christen die öffentliche Gestalt der Religion zutage tritt und unter den Menschen die Menschlichkeit bestehen bleibt.

Es darf auch niemand stutzig werden, dass ich die Fürsorge für eine rechte Regelung der Religion der bürgerlichen Ordnung der Menschen übertrage, obwohl ich sie doch oben außerhalb des menschlichen Urteils gestellt zu haben scheine. Denn ich überlasse es den Menschen hier ebensowenig wie zuvor, über Religion und Verehrung Gottes nach ihrem eigenen Ermessen Gesetze zu erlassen, wenn ich die bürgerliche Ordnung gutheiße, die darauf dringt, dass die wahre Religion, die in Gottes Gesetz beschlossen liegt, nicht ungestraft öffentlich und mit öffentlichem Frevel geschändet und geschmäht wird.
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Beitragvon Joschie » 02.08.2009 07:43

Joh 8, 11.
„Sie aber sprach: HERR, niemand. Jesus aber sprach: So verdamme ich dich auch nicht; gehe hin und sündige hinfort nicht mehr!“

Hieran können wir merken, worauf die Gnade Christi hinaus will: der mit Gott versöhnte Sünder soll durch ein frommes, heiliges Leben hinfort den, der ihn gerettet hat, ehren. Eben dasselbe Wort, das uns die Verzeihung anbietet, ruft uns zugleich zur Buße. Diese Aufforderung deutet vor allem auf die Zukunft, zugleich aber demütigt sie den Sünder im Blick auf sein früheres Leben.

„Wenn ihr des Menschen Sohn erhöhen werdet, dann werdet ihr erkennen, dass ich es sei und nichts von mir selber tue. Und der mich gesandt hat, ist mit mir. Der Vater lässt mich nicht allein; denn ich tue allezeit, was ihm gefällt.“ Joh 8, 28.29

Und nichts von mir selber tue: Jesus unterfängt sich also nichts zu tun ohne besonderen Auftrag des Vaters. Um das mit einem Beispiel zu belegen, sagt er, er rede nur, was ihn der Vater gelehrt habe. Es sei zu dieser Stelle an das erinnert, was ich schon mehrfach hervorheben musste: wenn Jesus all das Göttliche, das er besitzt, nicht sein eigen nennt, so lässt er sich damit zu der Fassungskraft seiner Hörer herab. Er will damit nur darauf den Finger legen: Haltet meine Worte nicht für Menschenworte; es sind Worte Gottes!

Wohl zu beachten ist hier der Grund, auf welchen Jesus die Tatsache stützt, dass Gott ihm zur Seite steht und ihm seine Hilfe allezeit zuteil werden lässt: denn ich tue allezeit, was ihm gefällt. „Allezeit“, das besagt, dass er nicht bloß bis zu einem gewissen Grade und Maße Gott gehorsam ist, sondern, dass er völlig und ausnahmslos sich dem Gehorsam gegen ihn geweiht hat. Wünschen wir die nämliche Gegenwart Gottes zu erfahren, so haben wir nur unser ganzes Sinnen und Denken auf seine Befehle zu richten. Wollen wir uns nur teilweise auf seinen königlichen Willen einlassen, so wird der Segen Gottes ausbleiben, und alle unsere Bemühungen sind für nichts; und scheint es auch eine Zeit lang, als lächle uns günstiger Erfolg, so wird der Ausgang doch unglücklicher Art sein. Wenn Jesus sagt: der Vater lässt mich nicht allein, so erhebt er damit Klage über die Treulosigkeit seines Volkes, in dem er fast niemanden fand, der ihm die Hand reichte.

Auch zeigt er damit, dass es ihm genug und übergenug ist, wenn er Gott auf seiner Seite hat. Nun, so dürfen auch wir guten Mutes sein: Wir sind nicht allein, und wären wir noch so wenige! Wer dagegen Gott nicht auf seiner Seite hat, der wird vergeblich mit ganzen Menschenmassen prahlen, die zu ihm halten.
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Beitragvon Joschie » 03.08.2009 17:23

Joh 15, 7.
„So ihr in mir bleibet.“


So ihr in mir bleibet. Weil gläubige Christen es gar oft empfinden, dass es ihnen an vielem gebricht, ja dass sie weit entfernt sind von der reichen Vollsaftigkeit, wie sie zu einem schönen Fruchtertrag erforderlich ist, deswegen folgt jetzt dieser ausdrückliche Zusatz: mag den Gliedern Christi auch noch mancherlei fehlen, so liegt doch für sie jegliche Hilfe bereit, sobald sie nur darum bitten. Bist du in Christo, so wisse, - was dir auch fehlen mag, sobald du Gott anflehst, ersetzt seine Hilfe deinen Mangel. Wie nützlich ist doch diese Erinnerung! Um uns in eifrigem Beten zu üben, duldet es der Herr nicht selten, dass wir inneren Mangel haben. Fliehen wir aber zu ihm, so wird er sich niemals unseren Bitten entziehen, wird aus seiner unerschöpflichen Fülle uns darreichen, was uns not tut (1Kor 1, 5). Wenn Jesus sagt: Wenn meine Worte in euch bleiben, so deutet er damit an, dass wir durch den Glauben in ihm Wurzel treiben. Sobald du dich von der Lehre des Evangeliums entfernst, suchst du Christus da, wo er nicht ist. - Wenn Jesus übrigens verheißt: Ihr werdet bitten, was ihr wollt, und es wird euch widerfahren, so räumt er uns damit nicht eine unbegrenzte Bittfreiheit ein. Wie schlecht würde Gott unser wahres Wohl bedenken, wenn er zu allem zu haben wäre und uns jeden Gefallen täte. Bekanntermaßen betreiben die Menschen in zahllosen Fällen eine ganz verkehrte Beterei. Gerade an dieser Stelle bindet Christus das Gebetsleben seiner Jünger an fest abgemessene Schranken: alle ihre Gedanken haben sie dem heiligen Gotteswillen unterzuordnen. Man beachte den ganzen Zusammenhang unserer Stelle. Das „Wollen“, von dem Jesus hier redet, bezieht sich nicht auf Reichtum, irdische Ehren oder dergleichen Dinge, wie sie ein fleischlicher Mensch in seiner Torheit sich ausbitten würde, sondern es bezieht sich auf den Lebenssaft heiligen Geistes, der den Christen zu einer traubenbeladenen Rebe macht.
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Beitragvon Joschie » 04.08.2009 07:36

Vom rechten Gebrauch der irdischen Güter
Calvin, Jean

Es ist eine wichtige Frage, wie man dieses gegenwärtige Leben und das, was dazu gehört, besonders aber die irdischen Güter auf rechte Art genießen und gebrauchen soll. Soll man nämlich leben, so muß man auch von den zu diesem Leben nötigen Dingen Gebrauch machen; wir können zuweilen sogar das nicht vermeiden, was mehr zum Vergnügen als zur Notdurft dienlich zu sein scheint. Darum muß man das rechte Maß halten, damit wir diese Dinge, es sei nun zur Stillung der Not oder es sei zum Vergnügen, mit reinem Gewissen gebrauchen. Ein solches Maß gibt uns der Herr an die Hand, indem er uns in seinem Worte lehrt, daß dieses Leben für die Seinigen eine Pilgerschaft sei, auf der sie zum Himmel dringen. Da wir also durch diese Welt nur wallen sollen, so ist kein Zweifel, daß wir ihre Güter nur insoweit gebrauchen sollen, daß sie unsern Lauf nicht aufhalten, sondern fördern. Daher ermahnt uns Paulus mit gutem Grunde, wir sollten dieser Welt so brauchen, als wenn wir ihrer nicht brauchten, wir sollen ihre Güter mit eben der Gesinnung erwerben, mit der wir sie hergeben. Es ist das aber ein sehr schlüpfriger Ort, auf dem viele gefallen sind - von beiden Seiten.

Wir müssen uns daher befleißigen, hier sichere Tritte zu tun. Einige fromme und heilige Leute haben hier empfohlen, sich allen Besitzes und Genusses irdischer Güter zu enthalten, soweit sie nicht unbedingt zum Leben nötig seien; sie meinen, das sei das einzige Mittel, um die so leicht einreißende Üppigkeit zu bekämpfen. Ihr Rat ist nicht zu verachten, doch geht er über das Maß hinaus und sind jene Menschen strenger als sich ziemt. Sie haben denn auch die Gewissen viel härter geknechtet als Gottes Wort sie bindet. Sie sagten, man solle nur die Notdurft pflegen, und sie verstanden darunter, sich von allem zu enthalten, was man entbehren könne; so durfte man denn nach ihrer Regel kaum Brot essen und Wasser trinken. Heutzutage aber gibt es viele, welche - im Gegensatz zu jenen Asketen - alle Schwelgerei, Geilheit und Üppigkeit verteidigen, indem sie behaupten, man dürfe sich seine Freiheit nicht beschneiden lassen, sondern müsse es dem Gewissen jedes Einzelnen anheimstellen, wieviel er genießen dürfe.

Das bekämpfen wir durchaus. Ich gebe zwar gerne zu, daß es in dieser Frage kein bestimmtes Gewissensgesetz für alle gibt; aber da die Schrift über den rechten Gebrauch des Irdischen eine Regel gibt, müssen wir sie ohne Zweifel beobachten. Das Erste aber, worauf wir sehen müssen, ist dieses, daß wir beim Gebrauch der irdischen Gaben den rechten Zweck verfolgen und erreichen, für den Gott sie uns gegeben hat, und zwar, daß er sie zu unserm Heile, nicht aber zu unserm Verderben bestimmt. Jeder rechte Gebrauch der Gaben Gottes wir diesem Zweck dienlich sein. Wir dürfen aber dabei auch glauben, daß er sie uns nicht nur zur Notdurft, sondern auch zur Freude bereitet hat. Speise und Trank sollen uns nicht nur sättigen, sondern auch erheitern. In der Kleidung hat Gott nicht nur auf den Schutz, sondern auch auf den Schmuck und die Ehrbarkeit Rücksicht genommen. In Baum und Blume sowie den mannigfaltigen Erdfrüchten hat er nicht nur den vielartigen Gebrauch, sondern auch die schöne Gestalt und den lieblichen Geruch im Auge gehabt. Wenn dem nicht so wäre, würde es der Prophet nicht unter die Wohltaten Gottes rechnen, daß der Wein des Menschen Herz erfreut und Öl sein Angesicht schön macht; auch würde die Schrift, um seine Güte zu rühmen, nicht hin und wieder erzählen, daß er solches alles den Menschenkindern gegeben habe. Hinweg darum mit jener unfreundlichen Weltweisheit, welche nur den allernotdürftigsten Gebrauch der Kreatur zulassen will; sie beraubt uns nicht nur des erlaubten Genusses der göttlichen Wohltaten, sondern nimmt auch alle Empfindungen und macht uns zu unempfindlichen Steinklötzen.

Ganz gewiß aber müssen wir uns auf der andern Seite mit der größten Sorgfalt vor der fleischlichen Lust hüten, welche wie ein wilder Strom herausbricht, wenn wir sie nicht im Zaume halten. Alle Dinge sind dazu geschaffen, daß wir den Schöpfer daraus erkennen und ihm für seine Liebe und Vatertreue herzlich danken sollen; wo aber bleibt denn die Erkenntnis Gottes und die Danksagung, wenn du frissest und säufst, so daß du nicht nur in allen Werken der Gottseligkeit, sondern auch des irdischen Berufes ganz unnütz wirst? Wo bleibt sie, wenn du in der Kleidung durch köstlichen Schmuck dich selbst zur Schau stellst, dich und andre dadurch zur Unzucht reizest und mit deinem Herzen an dem äußeren Schmuck hangest? Und gerade so ist es mit allem andern.

„Wartet des Leibes, doch also, daß er nicht geil werde,“ sagt Paulus Römer 13,14. Wer als ein Christ dieses gegenwärtige Leben verachten und nach der himmlischen Unsterblichkeit recht trachten gelernt hat, der wird auch dieser Welt so gebrauchen, als ob er ihrer nicht gebrauchte. Er wird alle Unmäßigkeit im Essen und Trinken, alle Weichlichkeit und Hoffart, alle Künstelei in Möbeln, Gebäuden und Kleidern, ja auch alle Sorge und Angst, die ihn von dem Trachten nach dem himmlischen Leben abführt und ihn am Schmücken seiner Seele hindert, aus seinem Herzen verbannen. Diejenigen, welche sich mit vielen Sorgen um den Leib beschweren, vernachlässigen in der Regel die Seele, und diejenigen, welche vielen Fleiß auf ihren äußerlichen Schmuck verwenden, sind meistens sehr träge und gleichgültig hinsichtlich des Schmuckes ihrer Tugend. Wahre Christen sind gegen sich selbst am wenigsten nachsichtig; sie hüten sich nicht allein von Unmäßigkeit, sondern auch vor aller leeren Pracht und allem unnützen Überfluß; sie wollen nicht, daß ihre Gottseligkeit durch solches gehindert werde, was sie doch fördern soll.

Diejenigen Christen aber, welche arm sind an irdischen Gütern, müssen sich vor einer anderen Gefahr hüten: sie müssen wissen, geduldig Mangel zu leiden und sich nicht von unnützer Gier nach jenen quälen lassen. Wer die Armut mit Ungeduld erleidet, wird - wenn er reich wird - auch den Besitz nicht ertragen können; er wird entweder übermäßig stolz oder ein sinnloser Schwelger werden. Wir müssen, nach dem Beispiel des Apostels, alles können, satt sein und Hunger leiden, Überfluß und Mangel haben. Auch uns lehrt die Schrift, daß alle Gaben Gottes Unterpfänder seiner Gnade sind, von denen wir Rechenschaft ablegen müssen. Darum soll jederzeit diese Stimme in unser Ohr schallen: „Tue Rechnung von deinem Haushalt!“ Und wir sollen denken, daß Gott es ist, der Rechenschaft fordert, er, der uns in seinem Wort befohlen hat, mäßig, nüchtern, mildtätig und maßvoll zu sein, der alle Schwelgerei, Hoffart, Prachtlust und Eitelkeit verflucht, dem kein anderer Gebrauch der irdischen Güter gefällt als daß man sie benutzt zu Werken der Liebe, und der in seinem Wort alle Lüste verdammt hat, die das Gemüt von der Zucht und Reinheit abführen und unsere Sinne verdüstern und abstumpfen.






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Quelle: Der Gärtner
Eine Wochenschrift für Gemeinde und Haus
Organ freier Evangel. Gemeinden in Deutschland und der Schweiz
Verantwortlicher Herausgeber: F. Fries in Witten
17. Jahrgang
Bonn 1909
Verlag: Johannes Schergens G.m.b.H. Bonn a. Rhein Zurück zum Inhaltsverzeichnis
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Beitragvon Joschie » 05.08.2009 08:02

5: Mose 34, 5.
„Also starb Mose, der Knecht des HERRN, daselbst im Lande der Moabiter nach dem Wort des HERRN. Und Er begrub ihn im Tal, im Lande der Moabiter Moabiter gegenüber Beth-Peor.“


Aus dem Brief des Judas ersehen wir, dass es nicht unwichtig war, dass das Grab Moses sich den Augen der Menschen entzog, denn wir hören, es sei darüber ein Streit zwischen dem Engel Michael und dem Satan entstanden. Wenn auch der Grund nicht angegeben wird, weshalb der Leichnam verborgen wurde, so scheint doch Gottes Absicht gewesen zu sein, dem Aberglauben vorzubeugen. Denn es war bei den Juden üblich, wie ihnen auch Christus vorwirft (Mt 23, 29), die Propheten zu töten, aber darnach ihre Gräber zu verehren. Sie wären also geneigt gewesen, um die Erinnerung an ihren Undank auszulöschen, zu Ehren des heiligen Propheten einen sündhaften Kultus einzurichten und dazu seinen Leichnam in das Land zu tragen, von dem er durch Gottes Gericht ausgeschlossen worden war. Es wurde also rechtzeitig dafür gesorgt, dass das Volk nicht in unbedachtem Eifer den Versuch machte, den himmlischen Ratschluss umzustoßen.

Es ist überflüssig, darüber zu streiten, wie Gott den Mose begraben hat - stehen ihm doch alle Elemente zu Diensten. Es genügte, dass er der Erde einen Wink gab, sie solle den Leib des heiligen Mannes in ihren Schoß nehmen
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Beitragvon Joschie » 06.08.2009 07:45

Über die Dankbarkeit für das irdische Leben
Calvin, Jean

Die Geringschätzung des gegenwärtigen Lebens, an welche die Gläubigen sich gewöhnen sollen, darf aber nicht zum Hass und zur Undankbarkeit ausarten. Dieses Leben ist trotz allen Elendes, das es erfüllt, als eine nicht zu verachtende Segnung Gottes zu schätzen. Nehmen wir es nicht als eine Wohltat aus Gottes Händen, so machen wir uns großen Undanks schuldig. Insbesondere den Gläubigen muß es ein Zeugnis göttlichen Wohlwollens sein; denn es ist in seinem ganzen Verlauf dazu bestimmt, ihr Heil zu fördern. Bevor uns Gott das Erbe ewiger Herrlichkeit unverhüllt darbietet, will er sich uns durch geringere Beweise als Vater zeigen. Das sind die guten Gaben, die wir täglich empfangen. Enthüllt uns nun dies Leben Gottes Güte, so dürfen wir es nicht verabscheuen, als enthielte es keinen Funken Gutes. Nicht bloß zahlreiche Zeugnisse der Schrift, sondern die Natur selbst leitet uns an, dem Herrn dafür zu danken, daß er uns in das Licht dieses Lebens gestellt, dass er allerlei zum Gebrauch in unsere Hand gelegt hat, daß er unser Dasein auf alle Weise schützt und erhält. Die Gründe zum Danken mehren sich noch, wenn wir bedenken, daß wir in diesem Leben zur Herrlichkeit des Himmelreichs zubereitet werden sollen. Gott hat es so geordnet, daß erst auf Erden kämpfen muss, wer dereinst im Himmel gekrönt werden soll: niemand darf triumphieren, der nicht die Gefahren des Krieges bestanden und den Sieg gewonnen hat. Des weiteren fangen wir in diesem Leben an, in mancherlei Wohltaten die Süßigkeit der Güte Gottes zu schmecken; dadurch soll unsre Hoffnung und Sehnsucht auf ihre völlige Offenbarung gespannt werden. Darum stellen wir zunächst fest, daß unser irdisches Leben eine Gabe der göttlichen Gnade ist, die uns zu Dank verpflichtet. Dann erst tun wir den weiteren Schritt, den jämmerlichen Zustand dieses Lebens ins Auge zu fassen: dadurch befreien wir uns von einer gar zu gierigen Liebe zu demselben, zu welcher unsere Natur stark neigt.
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Beitragvon Joschie » 14.08.2009 18:50

Gebete
Calvin, Jean

Das Licht der Sonne und des Mondes dürfen wir schauen bei Tag und Nacht, Da gib, o allmächtiger Gott, daß wir lernen unsere Augen noch höher zu erheben. Laß uns nicht den Ungläubigen gleich werden, denen auch Sonne und Mond scheinen. Laß uns schauen auf das Ziel unserer Hoffnung, unser ewiges Heil, in der Gewißheit, daß dieses Heil uns ebensowenig erschüttert werden kann wie deine Treue, deren Unwandelbarkeit du uns sehen läßt an Sonne und Mond, deinen Schöpfungen. Laß uns schauen auf jenes Heil, das sich gründet auf deine unerschütterliche Wahrhaftigkeit und eine Gewißheit schenkt, die alle Dinge umfaßt, bis wir endlich in jenes selige Reich kommen, das uns erworben ist durch das Blut deines eingeborenen Sohnes.
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Beitragvon Joschie » 14.08.2009 18:52

Christus, der Erlöser
Calvin, Jean

Augustin hat recht, wenn er sagt, daß die Ketzer zwar auch den Namen Christi im Munde führen, so ist er doch für sie nicht die Grundlage, wie er für die Frommen ist, sondern die Grundlage ist er nur für die Kirche; denn wenn wir fleißig betrachten, was zu Christus gehört, so werden wir Christus unter ihnen nur dem Namen nach, nicht in Wirklichkeit finden. Wenn der Glaube in Christo vollgenügenden Grund des Heils finden und somit in ihm ausruhen will so möge er sich an den Grundsatz halten, daß das ihm , vom Vater übertragene Amt aus drei Teilen besteht. Christus ist uns zum Propheten, König und Priester gegeben Allerdings können die Namen an sich wenig helfen, wenn unsere Erkenntnis nicht in Zweck und Wirksamkeit dieser Ämter eindringt. Wir führten schon früher aus, daß Gott seinem Volk in ununterbrochener Reibe immer neue Propheten schickte, und es ihnen also nie an der nützlichen und für das Heil ausreichenden Belehrung fehlen ließ: dennoch stand es den Frommen jederzeit fest, daß sie auf ein volles Licht der Erkenntnis erst mit der Ankunft des Messias hoffen dürften… Daher schreibt es sich, daß dem verhießenen Mittler der Ehrentitel des Messias, d.h. des Gesalbten beigelegt wurde. Gewiß geschah dies ganz besonders im Hinblick auf das königliche Amt Aber auch die prophetische und priesterliche Salbung behaupten ihre Stelle und dürfen nicht übersehen werden… Wir sehen, daß der Messias mit dem heiligen Geist gesalbt ward, um als Herold und Zeuge der Gnade des Vaters aufzutreten; dabei wird er über die gemeine Weise emporgehoben und von anderen Lehrern, die eine ähnliche Aufgabe hatten, weit unterschieden. Des weiteren wollen wir uns einprägen, daß er die Salbung nicht nur für sich empfangen hat, um sein Lehramt auszurichten, sondern für seinen ganzen Leib: auch in der fortgesetzten Predigt des Evangeliums offenbart sich das Wirken des Geistes. So bleibt es unerschütterlich wahr, daß die vollkommene Lehre, welche der Messias im Evangelium gebracht hat, allen Weissagungen ein Ende setzt: wer sich mit dem Evangelium nicht zufriedengibt, sondern etwas Fremdes daranflickt, bricht der Autorität Christi etwas ab… Daß Christus mit prophetischer Würde ausgestattet ist, will uns eben dies einprägen, daß seine Lehre den Vollgehalt vollendeter Weisheit umschließt.





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Beitragvon Joschie » 15.08.2009 08:41

Jes 39, 8.
„Und Hiskia sprach zu Jesaja: Das Wort des Herrn ist gut, das du sagst. Und sprach: Es soll ja Friede und Beständigkeit sein, so lange ich lebe.“

Hiskia ist kein unbeugsamer und kein maßlos stolzer Mensch gewesen. Denn die Drohung des Propheten nimmt er in Demut auf. Als er von dem Zorn Gottes hört, da erkennt er seine Schuld und gibt zu, dass er mit Recht gestraft werde. Denn mit den Worten: das Wort des Herrn ist gut - spendet Hiskia nicht nur der Gerechtigkeit des Herrn Lob, sondern nimmt auch geduldig aus seiner Hand hin, was ihm hart und bitter sein musste.

Beachtenswert ist, dass der König nicht einfach sagt: Das Wort des Herrn ist gut - sondern hinzufügt: das du sagest. Es fällt dem Hiskia nicht schwer, ein von einem sterblichen Menschen ihm vorgehaltenes Wort in Ehrfurcht aufzunehmen, weil er dabei auf den schaut, der es eigentlich veranlasst hat. Gewiss konnte dem Könige der Freimut des Jesaja unangenehm und lästig sein; aber er erkennt in ihm Gottes Diener und lässt sich darum zur Ordnung weisen. Umso weniger erträglich ist die Empfindlichkeit der Leute, die, wenn man sie mahnt und tadelt, unwillig werden und dann voller Geringschätzung den Lehrern und Dienern die Frage entgegenschleudern: Seid ihr denn nicht auch Menschen? Als wenn man dem Herrn nur dann gehorchen müsste, wenn er Engel vom Himmel herabschickte oder selber herniederstiege! Freilich sind die wahren Propheten von den falschen zu unterscheiden, die Stimme des Hirten von der Stimme des Mietlings. Aber wir dürfen nicht alle ohne Ausnahme zurückweisen. Wir müssen dieselben anhören, nicht nur wenn sie mahnen und tadeln, sondern auch wenn sie das Urteil sprechen und auf Gottes Geheiß die gerechten Strafen für unsere Sünden ankündigen.

Und sprach: Es soll ja Friede und Beständigkeit sein, so lange ich lebe. Manche Ausleger fassen den Satz als Gebetswunsch: „Es sei nur Friede“ u. s. w. Tatsächlich aber enthält der Satz einen Dank dafür, dass der Herr die verdiente Strafe ermäßigt. - Hiskia will sagen: Gott könnte gleich die Feinde bestimmen, mich aus meinem Königreich zu vertreiben; aber er schont mich und mildert die verdiente Strafe dadurch, dass er sie aufschiebt.

Wohl wurde auch den Gottlosen zuweilen ein Geständnis ihrer Schuld ausgepresst. Doch war dabei ihr Trotz nicht gebrochen; sie murrten dabei gegen ihren Richter. Um also Gottes bittere Drohungen zu versüßen, müssen wir auf seine Barmherzigkeit unsere Hoffnung setzen, sonst schäumt aus unsern Herzen nur herbe Bitterkeit auf. Wer da weiß, dass Gott bei seinen Strafen keineswegs seine väterliche Liebe ablegt, der wird nicht nur bekennen, dass er gerecht ist, der wird auch sanft und still seine zeitweise Härte ertragen. Wenn es uns durch reiche Erfahrung der Gnade Gottes feststeht, dass er unser Vater ist, dann wird es uns auch nicht schwer und bitter, seinem Willen stille zu halten. Denn der Glaube sagt sich, dass uns nichts besser ist, als seine väterliche Züchtigung. So gibt Eli, als er gescholten ward, die demütige Antwort (1Sam 3, 18): „Es ist der Herr; er tue, was ihm wohlgefällt.“ Und zwar ist er nicht nur deshalb still, weil er mit seinem Murren doch nichts ausrichten kann, sondern weil er sich aufrichtig unter Gottes Gericht beugt. Dem äußeren Anschein nach ist so auch das Schweigen des Saul zu deuten, als er vernimmt, dass er seines Königreiches beraubt werden würde (1Sam 13, 14). Was ihn aber innerlich trifft, ist nur die Strafe, nicht das Missfallen an seiner Sünde. Darum ist es nicht zu verwundern, dass es in ihm wild kochte, wenn er auch äußerlich Ruhe zeigte; gern hätte er Widerstand geleistet, aber er konnte es nicht. So bitten und flehen Verbrecher, wenn Ketten und Fußfesseln sie festhalten, vor ihren Richtern. Am liebsten aber möchten sie dieselben von ihrem Richtstuhl herabreißen und mit ihren Füßen zertreten. David aber und Hiskia demütigen sich unter Gottes gewaltige Hand, doch verlieren sie dabei nicht die Hoffnung auf Vergebung. Sie wollen lieber die auferlegten Strafen auf sich nehmen, als der Herrschaft Gottes sich entziehen.

Hiskias Wort ist ein schönes Beispiel von Sanftmut und Gehorsam. Er streitet und hadert nicht mit dem Propheten, sondern ist sanft und demütig. So sollen wir sanftmütigen Geistes auf den Herrn hören nicht nur, wenn er uns aufmuntert und ermahnt, sondern auch wenn er uns erschreckt und verdammt und seine gerechten Strafen ankündigt.
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Beitragvon Joschie » 16.08.2009 07:11

An einen unbekannten Geistlichen, wahrscheinlich in Orleans.


Mahnung zu praktischem Bibel-Studium.

Dein Brief hat mich so gefreut, dass ich meiner Pflicht nicht anders nachkommen zu können glaube, als wenn ich ihn beantworte, als ob er an mich gerichtet gewesen wäre. Zuerst wünsche ich dir von Herzen Glück, weil ich sehe, dass du nicht zu den faulen Dompfaffen gehörst, die in ihrem ganzen Leben so sehr mit Essen und Trinken, Spielen und Schlafen und auch hässlichen Lüsten beschäftigt sind, dass sie an ehrenhaftes Studieren nicht einmal im Traume denken. Ich wundere mich eigentlich nicht, dass du auch jetzt einem solchen Leben fremd bleibst, da ich mich wohl erinnere, wie du schon, ehe dich der Herr erleuchtet hat, infolge deiner ausgezeichnet guten Naturanlage vor solcher Art einen Schauder hattest. Aber du musst bei deinen Studien doch auch darauf achten, dass sie dir nicht bloß zur Unterhaltung, sondern dem Zwecke dienen, einst der Kirche Christi Nutzen zu bringen. Denn die, die von der Wissenschaft nichts anderes wollen, als mit ehrenhafter Beschäftigung die Langeweile des Müßiggangs vertreiben, kommen mir immer vor wie Leute, die ihr ganzes Leben damit zubringen, schöne Gemälde zu betrachten. Und sie sind ihnen sicherlich nicht unähnlich. Denn wohin zielt das, danach allein zu trachten, dass du ein Gelehrter seiest und als solcher geltest? Das ergibt sich aber notwendig für alle, die stets nur bei der Profanliteratur verweilen, geradezu sich darauf verlegen und nichts anderes im Auge haben, als daraus tiefe Gelehrsamkeit zu erwerben. Damit also deine Studien auf das wahre Ziel gehen, so sorge zuerst, dass sie der Art seien, dass sie dein Leben umzugestalten vermögen, und dass du dann auch gebildet und gerüstet seiest, andern zu helfen. Das geschieht, wenn du ein gut Teil deiner Zeit dem Lesen der heiligen Schrift widmest und zum Lesen der Aussprüche Gottes einen solchen Sinn mitbringst, wie ihn der göttliche Lehrer von seinen Schülern verlangt. Anders kannst du nicht glauben, dein Leben sei Gott wohlgefällig, auch wenn du die Menschen hundertmal zufrieden stellst. Denn weder bist du so arm, dass du vorschützen könntest, die Kirche müsse billigerweise deinem Mange abhelfen, noch sind die Geldmittel der Kirche so einfach in Beschlag zu nehmen, dass man sie nicht mit einem bestimmten Rechtstitel verdienen müsste. Ich weiß, den meisten ist diese meine Strenge verhasst. Aber ich bitte dich, was soll ich Euch schmeicheln zu Euerm Verderben? Das wäre nicht einmal menschlich, geschweige denn christlich. Ja, auch wenn ich schwiege, mahnte dich das Beispiel Anderer genug. Denn es gab Viele, die anfänglich das Schönste von sich hoffen ließen; sobald sie sich aber solchem Müßiggang und solcher Sicherheit, besser Sorglosigkeit, überließen, wie wenige waren es da, die nicht, ich kann wohl sagen, in Rauch aufgingen. - -

Lebwohl bester, im Herrn geliebtester Mann. Der Herr Christus stärke dich mit seinem Geiste zu jedem guten Werk.
Straßburg.






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Beitragvon Joschie » 17.08.2009 08:17

Über die Kunst
Calvin, Jean

Ich bin jedoch nicht so kleinlich zu urteilen, daß man überhaupt kein Bild dulden oder ertragen dürfte: aber, je mehr die Kunst des Malens und der Bildhauerei Gottes Gaben sind, um so mehr verlange ich, daß deren Anwendung rein und begründbar gewährleistet ist, damit das, was Gott den Menschen für seinen Ruhm und ihr Wohl gegeben hat, nicht verdreht und durch ungeregelten Mißbrauch beschmutzt wird, und nicht nur das: auch noch in unseren Verfall umschlagen wird […].

Wenn man folgern wollte, daß es keinesfalls zulässig ist, irgendeine Malerei auszuführen, so hieße dies, das Zeugnis Moses schlecht zu vernehmen. Manche sind zu einfältig und sagen: „Es ist überhaupt nicht zulässig, ein Bild anzufertigen.“ Das heißt, kein Bild und keinerlei Portrait zu machen; nun zielt die Heilige Schrift aber nicht darauf ab, wenn gesagt wird, daß es nicht zulässig ist, Gott darzustellen, weil er keinen Körper hat; bei den Menschen hingegen ist das eine andere Sache, denn das, was wir sehen, wird in der Malerei sich abbilden können […].

Es bleibt, daß man nur Sachen malt oder in Stein haut, die man mit dem Auge sieht. So soll die Herrlichkeit Gottes, die zu hoch ist für menschliches Sehen, keinesfalls durch Geister verschlechtert werden, die ihr nicht angemessen sind. Was das angeht, daß man gravieren oder malen darf, so gibt es Geschichten, deren Erinnerung man bewahrt, oder eine Abbildung oder Rundrelief von Tier, Stadt oder Land. Die Geschichten können durch irgendeinen Hinweis oder Erinnerungen vorteilhafter werden, die man ihnen entnimmt, die einen übrigens bewegen; ich weiß nicht, wozu es nützt, zumindest jedoch zum Vergnügen
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Beitragvon Joschie » 18.08.2009 07:52

Gebete

Du hörst nicht auf, uns auch heute noch früh und spät zu dir zu rufen. Du mahnst uns beständig zur Buße und gibst die Verheißung, uns erhören zu wollen, wenn wir die Zuflucht nehmen zu deiner Barmherzigkeit. Da gib, allmächtiger Gott, daß wir diese große Güte nicht verachten und unser Ohr deinem Ruf nicht verschließen. Laß uns deiner gnädigen Erwählung gedenken als der ersten aller Gnadengaben, deren du uns würdigst, und danach trachten, uns so in deinen Dienst zu stellen, daß dein Name durch unser ganzes Leben verherrlicht wird. Und wenn wir dann von dir abweichen, so laß uns bald auf den rechten Pfad zurückkehren und deinem heiligen Ruf gehorsam sein. Laß es sichtbar werden, daß wir von dir erwählt und berufen sind. Wecke in uns die Sehnsucht, fest zu beharren in der Hoffnung auf jenes Heil, zu dem du uns rufst, und das uns bereitet ist im Himmel, durch unsern Herrn Jesus Christus.
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Beitragvon Joschie » 19.08.2009 07:44

Gebete
Mit deinem Urteil, o allmächtiger Gott, stehen und fallen wir. Gib, daß wir uns unserer Schwachheit und Ohnmacht bewußt sind. Laß uns immerdar bedenken, daß unser Leben wie ein Schatten ist, ja, daß wir nichts sind ganz und gar. Laß uns lernen, in dir allein zu ruhen und von dir allein und deinem Wohlgefallen abhängig zu sein. In deiner Hand liegt es, das Werk unseres Heils anzufangen und zu vollenden. Da gib, o Gott, daß wir uns mit Furcht und Zittern dir unterwerfen und deiner Berufung auch fernerhin folgen. Verleihe, daß wir dich stets anrufen und alle unsere Sorge auf dich werfen, bis wir endlich allen Gefahren entronnen sind und zu jener ewigen seligen Ruhe kommen, die uns erworben ist durch das Blut deines eingeborenen Sohnes.





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