Predigten,Andachten und Briefe von Johannes Calvin

Nur für Gläubige, die die fünf Punkte des Arminianismus ablehnen

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Joschie
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Beitragvon Joschie » 24.11.2010 09:30

Matthäus 25,31-46 - Vom Weltgericht
von Johannes Calvin

''Denn wie wir Verheißungen brauchen, die uns zum Eifer um ein gutes Leben antreiben, so brauchen wir auf der andern Seite auch Drohungen, die uns in Zucht und Furcht halten.''


Matthäus 25,31-46
31 Wenn aber des Menschen Sohn kommen wird in seiner Herrlichkeit und alle Engel mit ihm, dann wird er sitzen auf dem Thron seiner Herrlichkeit, 32 und werden vor ihm alle Völker versammelt werden. Und er wird sie voneinander scheiden, gleichwie ein Hirt die Schafe von den Böcken scheidet, 33 und wird die Schafe zu seiner Rechten stellen und die Böcke zur Linken. 34 Da wird das der König sagen zu denen zu seiner Rechten: Kommt her, ihr Gesegneten meines Vaters, ererbt das Reich, das euch bereitet ist von Anbeginn der Welt! 35 Denn ich bin hungrig gewesen, und ihr habt mich gespeist. Ich bin durstig gewesen, und ihr habt mich getränkt. Ich bin ein Fremdling gewesen, und ihr habt mich beherbergt. 36 Ich bin nackt gewesen, und ihr habt mich bekleidet. Ich bin krank gewesen, und ihr habt mich besucht. Ich bin gefangen gewesen, und ihr seid zu mir gekommen. 37 Dann werden ihm die Gerechten antworten und sagen: Herr, wann haben wir dich hungrig gesehen und dich gespeist? oder durstig und haben dich getränkt? 38 Wann haben wir dich als einen Fremdling gesehen und dich beherbergt? oder nackt und haben dich bekleidet? 39 Wann haben wir dich krank oder gefangen gesehen und sind zu dir gekommen? 40 Und der König wird dann antworten und sagen zu ihnen: Wahrlich, ich sage euch: Was ihr getan habt einem unter diesen meinen geringsten Brüdern, das habt ihr mir getan. 41 Dann wird er auch sagen zu denen zur Linken: Geht hin von mir, ihr Verfluchten, in das ewige Feuer, das bereitet ist dem Teufel und seinen Engeln! 42 Ich bin hungrig gewesen, und ihr habt mich nicht gespeist. Ich bin durstig gewesen, und ihr habt mich nicht getränkt. 43 Ich bin ein Fremdling gewesen, und ihr habt mich nicht beherbergt. ich bin nackt gewesen, und ihr habt mich nicht bekleidet. Ich bin krank und gefangen gewesen, und ihr habt mich nicht besucht. 44 Da werden sie ihm auch antworten und sagen: Herr, wann haben wir dich gesehen hungrig und durstig oder als einen Fremdling oder nackt oder krank oder gefangen und haben dir nicht gedient? 45 Dann wird er ihnen antworten und sagen: Wahrlich, ich sage euch: Was ihr nicht getan habt einem unter diesen Geringsten, das habt ihr mir auch nicht getan. 46 Und sie werden in die ewige Pein gehen, aber die Gerechten in das ewige Leben.

Christus ist noch bei derselben Aussage, nur daß er das, was er bisher durch Gleichnisse klarmachte, jetzt ohne Bilder darlegt. Damit sich die Gläubigen zum Eifer für ein heiliges, gutes Leben anspornen, sollen sie mit den Augen des Glaubens auf das himmlische Leben schauen, das zwar jetzt noch verborgen ist, aber bei Christi Kommen einmal offenbar werden wird. Denn wenn er erklärt, er werde dann auf dem Thron seiner Herrlichkeit sitzen, wenn er mit seinen Engeln kommt, so stellt er diese letzte Offenbarung in Gegensatz zu dem Getriebe und der Unruhe des Erdenkampfes. Er hätte auch sagen können, er sei nicht dazu erschienen, um sein Reich sofort aufzurichten; darum brauchten die Jünger Hoffnung und Geduld, damit sie bei dem langen Warten nicht müde würden. Die Jünger sollen ihren Irrtum von einer bereits gegenwärtigen, unvorbereiteten Glückseligkeit aufgeben und ihre Herzen auf das zweite Kommen Christi richten, ohne während seiner Abwesenheit zu erliegen und schwach zu werden. Darum redet er von seiner künftigen Königsherrlichkeit. Denn obwohl er seine Herrschaft bereits auf der Erde begonnen hat und jetzt zur Rechten seines Vaters sitzt, um in der Fülle der Macht Himmel und Erde zu regieren, so ist jener Thron doch noch nicht vor Menschenaugen errichtet, von wo seine göttliche Herrlichkeit am Jüngsten Tag noch ganz anders leuchten wird als jetzt. Dann werden wir erst ganz seine herrliche Macht erkennen, von der wir jetzt durch den Glauben nur einen Vorgeschmack haben. Christus sitzt also jetzt auf dem himmlischen Thron, weil es nötig ist, daß er herrscht, um seine Feinde in Zaum zu halten und seine Gemeinde zu schützen. Einst aber wird er vor aller Augen den Richterstuhl besteigen, um im Himmel und auf der Erde die vollkommene Ordnung herzustellen, seine Feinde zu unterwerfen und seine Getreuen in die Gemeinschaft der ewigen Seligkeit zu versammeln. Dann wird es schon an der Wirkung deutlich werden, wozu der Vater ihm die Herrschaft übertragen hat. Christus verheißt, er werde „in seiner Herrlichkeit“ kommen, denn solange er als sterblicher Mensch auf der Erde war, trug er geringe Knechtsgestalt. Diese seine Herrlichkeit ist dieselbe, die er sonst (vgl. etwa Matth. 16, 27) auch seinem Vater zuschreibt; er meint damit einfach die göttliche Herrlichkeit, die damals allein in dem Vater offen leuchtete, als sie in ihm noch verborgen war.

Matth. 25, 32. „Und werden vor ihm alle Völker versammelt werden“. In hohen Worten preist Christus sein Königtum, um den Jüngern zu zeigen, daß sie auf eine andere Seligkeit hoffen sollen, als sie sich bis jetzt Vorgestellt hatten. Sie dachten nämlich nur an die Befreiung ihres Volkes von seinem Leiden und wünschten, daß einmal klar würde, daß Gott seinen Bund mit Abraham und dessen Nachkommen nicht vergeblich geschlossen habe. Christus dagegen sieht eine größere Frucht der durch ihn gebrachten Erlösung: er will ein Richter der ganzen Welt sein. Um außerdem die Gläubigen zu einem heiligen Leben anzuspornen, räumt er mit der falschen Meinung auf, Gute und Böse hätten in gleichem Maß an der Erlösung teil; jeder werde den ihm gebührenden Lohn empfangen. Dann erst wird nach seinem Zeugnis seine Herrschaft vollendet sein, wenn die Gerechten die Krone der Herrlichkeit erlangt haben und den Gottlosen ihr verdienter Lohn ausgezahlt worden ist. Daß erst am Jüngsten Tag die Schafe von den Böcken geschieden werden sollen, bedeutet, daß jetzt Böse und Gute untereinander in ein und derselben Herde Gottes leben. Der Vergleich klingt an das Prophetenwort an (Hes. 34, 21), wo der Herr sich über die Ausgelassenheit der Bocke beklagt, die die armen Schafe mit ihren Hörnern stoßen, die Weide verderben und das Wasser trüben, und wo er versichert, er werde noch einmal ihr Rächer sein. Das Wort Christi fordert also die Gläubigen auf, sich ihre Lage nicht verdrießen zu lassen, wenn sie jetzt mit den Böcken zusammenleben, ja sich allerhand Angriffe und Schwierigkeiten von ihnen gefallen lassen müssen; sie sollen sich nur hüten, daß sie die Berührung mit deren Sünde nicht ansteckt, und immer daran denken, daß ihr heiliges Leben nicht vergeblich ist, weil endlich einmal sich der Unterschied herausstellen wird.

Matth. 25, 34. „Kommt her, ihr Gesegneten meines Vaters.“ Wir müssen uns noch einmal die Absicht Christi klarmachen: er will, daß sich seine Jünger jetzt an der Hoffnung genügen lassen, um geduldig und gelassen auf die Frucht der himmlischen Herrschaft zu warten; außerdem möchte er, daß sie sich ernstlich anstrengen und auf dem rechten Weg nicht müde werden. Mit Bezug darauf verheißt er das himmlische Erbe nur denen, die in guten Werken um die Siegespalme der himmlischen Berufung kämpfen. Bevor er jedoch von der Belohnung der guten Werke redet, deutet er beiläufig an, daß der Grund des Heils tiefer liege. Denn mit der Bezeichnung Gesegnete des Vaters erinnert er daran, daß ihr Heil aus der freien Gnade Gottes fließt, zumal bei den Hebräern der Ausdruck, ein „Gesegneter Gottes" zu sein, soviel bedeutet wie Gott lieb und teuer zu sein. Außerdem bedienten sich nicht nur Gläubige dieses Ausdrucks, um Gottes Gnade an den Menschen zu preisen, sondern auch Leute, die von der wahren Frömmigkeit längst nichts mehr wissen wollten, behielten diesen Grundsatz noch bei. So sagt z.B. Laban zu dem Knecht Abrahams: Komm herein, du Gesegneter des Herrn! - Indem Christus also das Heil der Frommen beschreibt, weist er zuerst auf die unverdiente Liebe Gottes hin, die alle zum Leben bestimmt hat, die sich in diesem Leben unter der Führung des Geistes nach der Gerechtigkeit sehnen. Dahin gehört auch das gleich folgende Wort, das Reich sei ihnen von „Anbeginn der Welt her“ bereitet worden, in dessen Besitz sie am Jüngsten Tag gesetzt werden. Denn wie nahe der Einwand auch liegt, daß dieses Erbe ein Lohn für ihre Verdienste darstellte, so muß doch jeder, der die Worte nüchtern abwägt, stillschweigend zugeben, daß es hier um das Lob der göttlichen Gnade geht. Christus lädt ja auch die Gläubigen nicht einfach ein, sich jetzt in den Besitz des Reiches zu setzen, als ob sie es sich mit ihren Verdiensten erarbeiten würden, sondern er sagt ausdrücklich, es werde ihnen wie Erben gegeben. Auch müssen wir noch auf die andere Absicht achten, die den Herrn hier leitet. Er bezeugt den Gläubigen, daß anderswo ein Reich für sie bereitet ist, obwohl ihr Leben hier nichts anderes darstellt als ein erbärmliches, trauriges Exil, so daß die Welt sie kaum duldet, und obwohl auf ihnen Not, Schmähungen und andere Beschwernisse lasten. Dieser Trost soll ihnen helfen, tapfer und eifrig diese Hindernisse zu überwinden. Wenn man aber überzeugt ist, daß man nicht vergeblich kämpft, fällt auch die geduldige Ausdauer leichter. Um also von dem Hochmut der Gottlosen, die jetzt ihr Spiel mit uns treiben, nicht entmutigt zu werden und um unter dem Druck des eigenen Elends die Hoffnung nicht zu verlieren, müssen wir immer an das Erbe denken, das im Himmel auf uns wartet; denn dieses Erbe hängt nicht von irgendeinem Zufall ab, sondern es wurde uns von Gott bereitet, bevor es uns überhaupt gab. Zugesagt ist das allen Auserwählten, die Christus hier ja als Gesegnete seines Vaters anredet. Der Ausdruck, das Reich sei bereitet von Anbeginn der Welt, deutet nicht auf einen bestimmten Zeitpunkt, von dem an das Erbe des ewigen Lebens den Kindern Gottes zugewiesen wurde, sondern erinnert uns nur an die väterliche Fürsorge Gottes, mit der er uns umfing, bevor wir geboren waren. Der Ausdruck gibt unserer Hoffnung dadurch feste Gewißheit, daß er unser Leben unabhängig sein läßt von den wechselvollen Ereignissen der Welt.

Matth. 25, 35. „Ich bin hungrig gewesen, und ihr habt mich gespeist.“ Wenn es hier um die Ursache unseres Heils ginge, wäre die römische Kirche vielleicht im Recht mit ihrer Schlußfolgerung, daß wir uns das ewige Leben mit guten Werken verdienen; da aber Christus nichts anderes will als die Seinen ermuntern, mit Eifer richtig und gut zu handeln, so ist es verkehrt, in seinen Worten ein Urteil über die Wirkung und das Verdienst der Werke zu suchen. Wer sie als Ursache des Heils betrachtet, ist auf dem Irrweg, sie sind seine Folge, indem den Gerechten das ewige Leben verheißen wird. Wir leugnen keineswegs, daß den guten Werken ein Lohn verheißen wird; aber dieser Lohn ist ganz unverdient, weil er mit der Kindschaft zusammenhängt. Wenn Paulus sich rühmt (vgl. 2. Tim. 4, 8), ihm sei die Krone der Gerechtigkeit aufbewahrt, so ruht diese Zuversicht einzig darauf, daß er ein Glied Christi ist, der allein der Erbe des himmlischen Königtums ist. Oder wenn er erklärt, jene Krone werde er empfangen von dem gerechten Richter, so erhält er diese Belohnung nur, weil er aus Gnade angenommen und mit der Gerechtigkeit beschenkt ist, die niemand von Natur aus hat. Zwischen den guten Werken und der Berufung der Gläubigen zum Himmelreich besteht also wohl eine Verbindung: aber die Gläubigen nehmen das Reich nicht in Besitz, weil sie es durch die Gerechtigkeit der Werke verdient hätten oder sie selbst das Ganze in die Wege geleitet hätten, sondern weil Gott die rechtfertigt, die er zuvor erwählt hat. Obwohl sie außerdem aus Antrieb des Geistes der Gerechtigkeit nachjagen, erfüllen sie doch niemals Gottes Gesetz vollkommen; darum kann auch niemals von einem Verdienst, sondern muß immer von einem Gnadenlohn die Rede sein. Christus zählt übrigens nicht alle Möglichkeiten auf, die man in einem frommen, heiligen Leben hat, sondern berührt nur als Beispiel einige Pflichten der Liebe, mit denen w bezeugen, daß wir Gott lieben. Zwar steht die Liebe zu Gott über der Nächstenliebe, und Glaube und Gebet sind deshalb wichtiger als Almosen; dennoch hebt Christus mit Recht solche Beweise wahrer Gerechtigkeit hervor, die jedem besser in die Augen fallen. Würde einer Gott verachten und nur gegen die Menschen wohltätig sein, so würde ihm all diese Barmherzigkeit nicht das Wohlgefallen Gottes einbringen, weil er ihn um sein Recht betrog. Christus sieht also das Wichtigste bei der Gerechtigkeit auf keinen Fall in den Almosen; aber er zeigt gewissermaßen an Aushängeschildern, was es bedeutet, fromm und gerecht zu leben. Es genügt eben nicht, wenn die Gläubigen mit dem Mund bekennen, sondern sie sollen an ernstgemeinten Taten zeigen, daß sie Gott wirklich lieben. Fanatische Menschen drehen den Spieß nun wieder herum und entfernen sich unter Berufung auf diese Stelle heimlich vom Hören des Wortes, dem Abendmahl und den übrigen geistlichen Übungen; unter dem gleichen Vorwand wollen sie auch nichts mehr vom Glauben, dem Aushalten unter dem Kreuz, dem Gebet und der Keuschheit wissen. Dabei wollte Christus doch nichts weniger als die Richtschnur zum Leben, die in beiden Gesetzestafeln enthalten ist, allein auf die Beachtung der zweiten Tafel beschränken. Sehr töricht machen sich auch die Mönche und ähnliche Zungendrescher sechs Werke der Barmherzigkeit zurecht, weil Christus nicht noch mehr erwähnt; als ob es nicht schon einem Kind einsichtig wäre, daß in dieser Auswahl alle Pflichten der Liebe gemeint sind. Denn die Trauernden trösten, ungerecht Leidenden zu Hilfe eilen, den Unerfahrenen mit Rat zur Seite stehen und die Unglücklichen dem Rachen der Wölfe zu entreißen ist ein ebenso lobenswerter Barmherzigkeitserweis wie Nackte kleiden und Hungernden zu essen geben. Indem Christus also mit der Anweisung zur Nächstenliebe die Pflichten, die mit dem Gottesdienst zusammenhängen, nicht ausschließt, schärft er hier seinen Jüngern ein, das sei der wirkliche Beweis für ein heiliges Leben, wenn sie sich in der Liebe übten, ähnlich wie in dem Prophetenwort (Hos. 6, 6): „Ich habe Lust an der Liebe und nicht am Opfer." Aus diesem Grund legen auch die Heuchler, wenn sie geizig, grausam, betrügerisch und raubgierig sind, auf eine geordnete Abfolge der Zeremonien solchen Wert, allerdings nur in einem sehr trügerischen Gepränge. Wenn also dem höchsten Richter unser Leben gefallen soll, dürfen wir nicht unseren Hirngespinsten nachgehen, sondern sollen lieber zusehen, was er besonders von uns fordert. Denn wer von seinem Gebot abweicht, mag sich noch so sehr mit selbstersonnenen Werken bemühen, am Jüngsten Tag muß er doch hören: „Wer forderte solches von euren Händen?" (Jes. 1, 12).

Matth. 25, 37. „Dann werden ihm die Gerechten antworten.“ Die Frage der Gerechten lautet so, als wüßten sie nicht, daß Christus alles, was Menschen angetan wird, als ihm selbst geschehen ansieht. So stellt es uns Christus anschaulich dar, weil diese Wahrheit bei uns nicht so fest verwurzelt ist, wie sie es sein sollte. Denn wenn wir so zögernd und säumig im Wohltun sind, so kommt das daher, daß uns jene Verheißung zuwenig gegenwärtig ist, Gott werde uns einmal mit Zinsen vergelten, was wir an den Armen tun. Die Verwunderung der Gerechten, wie sie Christus hier schildert, soll uns daran erinnern, daß hier unser eigener Maßstab nicht ausreicht: immer wenn unglückliche Brüder unser Vertrauen und unsere Hilfe erflehen, darf uns nicht der Anblick eines verachteten Menschen am Wohltun hindern.

Matth. 25, 40. „Wahrlich, ich sage euch.“ Nachdem Christus zuerst in einem Bild gezeigt hat, daß unsere Sinne nicht fassen können, wie sehr er die Taten der Liebe schätzt, bezeugt er nun mit klaren Worten, daß er alles, was wir an den Seinen tun, als ihm selbst getan betrachtet. Wir aber müssen mehr als gleichgültig sein, wenn wir nicht zu tiefstem Mitleid bewegt würden durch die Erklärung, daß Christus vernachlässigt bzw. ihm in der Person der Menschen gedient wird, die unsere Hilfe brauchen. Sooft wir also zu träge sind zum Helfen sollen wir an den Sohn Gottes denken, dem wir nur unter tiefster Verschuldung etwas verweigern können. Zugleich lernen wir aus diesen Worten, daß er nur die Taten anerkennt, die umsonst und ohne Schielen auf Belohnung getan sind. Denn wenn er uns befiehlt, den Hungernden und Nackten, den Fremden und Gefangenen Gutes zu tun, von denen man doch keine Vergeltung erwarten kann, müssen wir auf ihn allein blicken, der sich uns freiwillig zum Schuldner machte und in seine eigene Rechnung stellen läßt, was sonst als Verlust für uns erscheinen könnte. Übrigens legt uns Christus hier allein seine „Brüder“, d. h. die Gläubigen, ans Herz, nicht weil wir die andern völlig übergehen sollten, sondern weil uns der Nächste um so lieber sein muß, je enger er in Gemeinschaft mit Gott lebt. Denn obwohl alle Kinder Adams gemeinschaftlich miteinander verbunden sind, knüpft doch Gottes Kinder ein besonders heiliges Band zusammen. Da nun also die Hausgenossen im Glauben den Außenstehenden vorangehen sollen, hebt Christus sie besonders hervor. Christus will zwar zuerst die Reichen und die, denen Möglichkeiten zur Verfügung stehen, aufrufen, den Brüdern zu helfen; zugleich aber findet sich in seinen Worten auch ein kräftiger Trost für die Armen und Mittellosen: mögen sie auch von der Welt geschmäht und verstoßen sein, der Sohn Gottes hat sie so lieb wie seine eigenen Glieder, ja, indem er sie Brüder nennt, beschenkt er sie mit einer Ehre, die kaum zu fassen ist.

Matth. 25, 41. „Geht hin von mir, ihr Verfluchten.“ Nun wendet Christus sich zu den Verworfenen, die ihr vergängliches Glück so trunken macht, daß sie wähnen, sie müßten für immer glücklich sein. Ihnen bezeugt er, er werde als der Richter kommen, der sie aus ihren Wonnen aufschreckt, in die sie jetzt versunken sind. Dabei meint er nicht, daß dieses Wort von seinem Kommen die Gottlosen erschrecken könnte; denn sie haben gewissermaßen einen Vorhang von Sicherheit um sich gezogen und glauben einen Pakt mit dem Tode zu haben; wohl aber sollen die Gläubigen durch ihr schauerliches Ende gewarnt werden, sie um ihr jetziges Los zu beneiden. Denn wie wir Verheißungen brauchen, die uns zum Eifer um ein gutes Leben antreiben, so brauchen wir auf der andern Seite auch Drohungen, die uns in Zucht und Furcht halten. Es wird uns also gezeigt, wie wichtig die Gemeinschaft mit dem Sohn Gottes für uns ist; denn ewige Qualen warten auf die, die er am Jüngsten Tag von sich weisen wird. Er wird dann befehlen, daß die Gottlosen von ihm weggehen; jetzt stecken nämlich noch viele Heuchler unter den Gerechten, so daß es so aussieht, als hätten auch sie Gemeinschaft mit Christus. Mit dem Feuer wird im Bild ausgedrückt, wie schwer die Strafe sein soll, nämlich daß sie all unser Empfinden übersteigt. Darum ist es überflüssig und spitzfindig, über die Beschaffenheit oder die Form dieses Feuers nachzudenken; denn aus demselben Grund müßte man dann auch über den Wurm sprechen, den Jesaja (vgl. 66, 24; 30, 33) in einem Atemzug mit dem Feuer nennt. Außerdem geht auch aus Jes. 30, 33 hervor, daß das Feuer ein Bild ist: der Geist des Herrn wird dort mit einem Windhauch verglichen, der das Feuer entfacht und Schwefel beimischt. Diese Ausdrücke sollen also das künftige Gericht Gottes über die Gottlosen beschreiben, das uns mehr mit Schrecken erfüllen muß, als wir überhaupt begreifen können. Wichtig ist noch, daß ebenso wie die den Gläubigen verheißene Herrlichkeit auch das Feuer ewig andauern wird.

„Das bereitet ist dem Teufel.“ Christus stellt sich dem Teufel gegenüber gewissermaßen als dem Anführer aller Verworfenen. Denn obwohl alle Teufel abgefallene Engel sind, so wird doch an vielen Stellen der Schrift einer als das Haupt vorgestellt, der unter sich alle Gottlosen gewissermaßen in einen Leib zu ihrem Untergang versammelt, ähnlich wie die Gläubigen unter Christus zusammen in das Leben hineinwachsen, bis sie das Ziel erreichen und durch ihn völlig an Gott gebunden werden. Die Erklärung Christi, dem Teufel sei das ewige Feuer, die Gehenna, bereitet, nimmt den Gottlosen jede Hoffnung auf ein Entkommen, da sie ja mit dem Teufel zu derselben Strafe verdammt sind, der ganz gewiß ohne irgendeine Hoffnung auf Befreiung für die Gehenna bestimmt ist. „Engel des Teufels" sind nach Christi Meinung nicht die bösen Menschen, sondern nur die Dämonen. Auf diese Weise liegt in seinen Worten ein versteckter Vorwurf, daß nämlich Menschen, die durch das Evangelium zur Hoffnung auf das Heil gerufen wurden, es vorziehen, zusammen mit dem Satan unterzugehen, den Bringer des Heils zu verschmähen und sich freiwillig einem solch furchtbaren Schicksal auszuliefern. Es ist nicht so, daß sie weniger dem Verderben geweiht wären als der Teufel; aber in ihrer Sünde tritt deutlich die Ursache ihres Untergangs zutage, nämlich daß sie sich gegen den Ruf der Gnade taub stellten. Obgleich also die Verworfenen schon vor ihrer Geburt durch Gottes verborgenes Gericht für den Tod bestimmt sind, so werden sie doch, solange sie leben, nicht als Erben des Todes oder Satans Genossen angesehen; aber in ihrem Unglauben wird der Fluch deutlich, der im verborgenen auf ihnen lastete.

Matth. 25, 44. „Da werden sie ihm auch antworten.“ Genau wie vorher die Gerechten läßt Christus auch die Ungerechten antworten, und zwar sollen alle Gottlosen wissen, daß ihnen am Jüngsten Tag alle leeren Vorwände nichts mehr nützen, mit denen sie sich jetzt selbst betrügen. Denn ihr grausamer Hochmut gegenüber den Armen hat seinen Grund darin, daß sie meinen, sie ungestraft verachten zu können. Damit sie sich nicht länger selbst belügen, erklärt ihnen der Herr, daß sie eines Tages, allerdings dann aber zu spät, erkennen werden, was sie jetzt der Überlegung nicht für wert halten, daß Christus selbst nämlich die Armen, die jetzt so übergangen scheinen, so hoch schätzt wie seine eigenen Glieder.


Aus: Otto Weber, Calvins Auslegung der Heiligen Schrift. Dreizehnter Band: Die Evangelien-Harmonie 2. Teil, Neukirchener Verlag, 1974, S. 292ff.
Tod, wo ist dein Stachel? Totenreich, wo ist dein Sieg? 1Kor 15,55

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Beitragvon Joschie » 27.11.2010 18:25

1. Advent - Matthäus 21,1-9: Jesu Einzug in Jerusalem auf einem Esel
''Damit also das ärmliche Auftreten Christi nicht zum Hindernis für uns wird, daß wir in diesem Schauspiel seine geistliche Herrschaft erkennen, soll uns diese himmlische Weissagung (Sacharja 9,9) vor Augen stehen, womit Gott seinen Sohn auch in dieser häßlichen Bettlergestalt mehr geschmückt hat, als wenn alle Abzeichen von Königen an ihm geprangt hätten. Ohne diese Würze würde uns diese Geschichte niemals geschmeckt haben.''


Matthäus 21,1-9
1 Da sie nun nahe an Jerusalem kamen, nach Bethphage an den Ölberg, sandte Jesus seiner Jünger zwei 2 und sprach zu ihnen: Geht hin in den Flecken, der vor euch liegt, und alsbald werdet ihr eine Eselin finden angebunden und ein Füllen bei ihr; bindet sie los und führt sie zu mir! 3 Und wenn euch jemand etwas fragen wird fragen, so sprecht: Der Herr bedarf ihrer. Alsbald wird er sie euch lassen. 4 Das geschah aber, auf daß erfüllt würde, was gesagt ist durch den Propheten, der da spricht (Sach. 9,9): 5 „Saget der Tochter Zion: Siehe, dein König kommt zu dir sanftmütig und reitet auf einem Esel und auf einem Füllen der lastbaren Eselin.“ 6 Die Jünger gingen hin und taten, wie ihnen Jesus befohlen hatte, 7 und brachten die Eselin und das Füllen und legten ihre Kleider darauf, und er setzte sich darauf. 8 Aber viel Volks breitete die Kleider auf den Weg; andere hieben Zweige von den Bäumen und streuten sie auf den Weg. 9 Das Volk aber, das ihm voranging und nachfolgte, schrie und sprach: Hosianna dem Sohn Davids! Gelobt sei, der da kommt in dem Namen des Herrn! Hosianna in der Höhe! (übersetzt von Johannes Calvin)


Christus ließ sich den Esel von seinen Jüngern nicht bringen, weil er von dem Fußmarsch ermüdet gewesen wäre, sondern er verfolgte damit einen andern Zweck. Da der Zeitpunkt seines Todes bevorstand, wollte er in einer feierlichen Weise zeigen, von welcher Beschaffenheit sein Reich sei. Zwar hatte er das schon getan von seiner Taufe an; aber am Ende seiner Berufung mußte er noch einmal ein Bild davon geben. Nachdem er bisher auf den Königstitel verzichtet hat, bekennt er sich selbst jetzt öffentlich als König; denn er ist dem Ziel seiner Laufbahn nicht mehr fern. Warum das? Da seine Heimkehr in den Himmel bevorstand, wollte er vor aller Augen seine Herrschaft auf Erden beginnen. Jener ganze Aufwand aber wäre lächerlich gewesen ohne die Weissagung des Sacharja.
Um sich die Ehre eines Königs beizulegen, zieht Christus auf einem Esel in Jerusalem ein. Eine großartige Herrlichkeit! Selbst um den Esel mußte er erst jemanden bitten, und da ihm Reitzeug und die passende Ausstattung fehlten, mußten die Jünger ihre Kleider auf das Tier legen. Ein Zeichen dafür, daß er überhaupt nichts besaß. Er zog zwar ein großes Gefolge nach sich; aber es waren doch nur Menschen, die zufällig aus den umliegenden Dörfern zusammengelaufen waren. Freudige Beifallsrufe erklangen; aber sie kamen aus der Mitte des ärmsten verachteten Volkes. Es könnte fast scheinen, als habe Christus sich absichtlich dem allgemeinen Gespött ausgesetzt. Aber da er zwei Dinge zeigen wollte, die eng zusammengehörten, mußte er so handeln: Er wollte ein klares Bild von seiner Herrschaft geben und dabei zeigen, daß sie nichts mit den irdischen Reichen gemeinsam habe und auch nicht auf den vergänglichen Reichtum dieser Welt gebaut ist. Aber auch das wäre unbeteiligten Menschen noch sehr närrisch vorgekommen, wenn Gott nicht lange davor durch seinen Propheten bezeugt hätte, daß der König, der kommen werde, um seinem Volk das Heil zu bringen, genauso sein werde. Damit also das ärmliche Auftreten Christi nicht zum Hindernis für uns wird, daß wir in diesem Schauspiel seine geistliche Herrschaft erkennen, soll uns diese himmlische Weissagung vor Augen stehen, womit Gott seinen Sohn auch in dieser häßlichen Bettlergestalt mehr geschmückt hat, als wenn alle Abzeichen von Königen an ihm geprangt hätten. Ohne diese Würze würde uns diese Geschichte niemals geschmeckt haben. Darum liegt auf den Worten des Matthäus ein großes Gewicht, wenn er sagt, die Weissagung des Propheten sei damit in Erfüllung gegangen. Denn da er sah, daß an Glanz und Pracht hängende Menschen mit ihrem natürlichen Urteilsvermögen kaum einen Sinn in diese Geschichte bringen können, führt er sie vom Anblick der bloßen Tatsache zur Betrachtung der Weissagung.

Matth. 21,2. „Gebt hin in den Flecken“. Da Jesus bereits in Bethanien war, forderte er den Esel nicht, um sich die Beschwerde des Fußmarsches zu erleichtern. Er hätte den restlichen Weg leicht noch zu Fuß gehen können. Aber wie die Könige ihre Wagen besteigen, damit sie besser gesehen werden, so wollte auch der Herr bei dem Volk auffallen und durch irgendein Zeichen den Beifall seiner Begleiter als berechtigt erscheinen lassen, damit niemand auf den Gedanken komme, daß man ihm die königliche Ehre gegen seinen Willen erweise. Aus welchem Ort er nun die Eselin herbringen ließ, ist unsicher, wenn man nicht einfach annehmen will, daß es irgendein Dorf in der Nähe Jerusalems war. Es ist lächerlich, wenn einige Ausleger den Ort allegorisch auf Jerusalem deuten. Nicht weniger sinnvoll ist die Allegorie, die manche in der Eselin und dem Füllen finden. Die Eselin soll danach das jüdische Volk darstellen, das Gott zuerst unterworfen und mit dem Joch seines Gesetzes gezähmt hatte. Mit dem Füllen jedoch wären die Heiden gemeint, weil auf ihm noch nie jemand geritten ist. Darum hätte Christus sich auch zuerst auf die Eselin gesetzt, denn er sollte ja bei den Juden mit seinem Werk beginnen; dann wäre er auch auf das Füllen gestiegen, da er ja an zweiter Stelle auch über die Heiden gesetzt war. Zwar scheint Matthäus von einem Reiten auf zwei Tieren zu sprechen. Aber da in der Schrift oft Doppelausdrücke vorkommen, ist es nicht weiter verwunderlich, wenn er hier zwei Reittiere statt eines nennt. Übrigens geht ja aus den beiden anderen Evangelisten deutlich hervor, daß Christus nur auf dem Füllen geritten ist. Sacharja selbst (vgl. 9,9) beseitigt schließlich jeglichen Zweifel, da ja auch er nach dem allgemeinen hebräischen Sprachgebrauch die gleiche Sache zweimal bezeichnet.

„Alsbald werdet ihr eine Eselin finden.“ Damit nichts die Jünger in ihrer Bereitschaft zum Gehorsam hindere, kommt der Herr ihren Fragen rechtzeitig zuvor. Zuerst bedeutete er ihnen, daß sie nicht aufs Geratewohl geschickt würden. Denn sie würden das Füllen mit seiner Mutter gleich beim Betreten des Dorfes finden. Außerdem würde niemand etwas dagegen haben, wenn sie es wegführten, sie sollten nur sagen, er brauche es. Auf diese Weise bewies er ihnen seine Gottheit. Denn nur Gott kann etwas einsehen, das nicht vor Augen liegt, und die Herzen der Menschen zur Zustimmung lenken. Natürlich war es möglich, daß der Besitzer des Esels Christus freundlich gesinnt war und gern einwilligte; dennoch stand es nicht im Vermögen eines sterblichen Menschen, zu erraten, ob der Besitzer zu Hause sein werde, ob es ihm dann gerade passen würde oder ob er unbekannten Männern überhaupt Vertrauen schenken würde. Wie Christus die Jünger stärkt, um sie zum Gehorsam willig zu machen, so beobachten wir an ihnen, daß sie sich daraufhin auch willfährig zeigen. Und der Erfolg beweist, daß die ganze Sache von Gottes Hand gelenkt ist.

Matth. 21,5. „Sagt der Tochter Zion“. Das ist nicht wörtlich aus Sacharja übernommen. Aber der Evangelist überträgt das, was Gott einem einzigen Propheten zu predigen aufgetragen hat, klug und passend auf alle frommen Lehrer. Denn die einzige Hoffnung der Kinder Gottes, an der sie sich stützen und aufrechterhalten sollten, war, daß einst der Erlöser kommen werde. Darum bezeugt der Prophet den Gläubigen, das Kommen des Christus sei Grund zu voller, echter Freude. Denn da Gott ihnen nur gnädig ist, wenn ein Mittler für sie eintritt, der Messias aber der Mittler ist, der die Seinen von allem Bösen befreit, was kann es außer ihm noch geben, das die in ihren Sünden verlorenen und vom Elend bedrückten Menschen fröhlich macht? Genauso müssen wir ohne Christus von tiefer Trauer erfüllt sein. Darum erinnert der Prophet die Gläubigen daran, daß sie Anlaß zu wahrer Freude haben, weil der Erlöser für sie da ist. Nun rühmt der Prophet den Christus zwar noch mit anderen Worten, z. B., daß er gerecht sei und mit Heil ausgerüstet; aber Matthäus nimmt nur diese eine Aussage auf, die er seiner Absicht anpaßt, nämlich, daß der Christus arm komme und sanftmütig, also nicht wie irdische Könige, die mit einem prächtigen, glanzvollen Auftritt prunken. Schon daran wird seine Armut gezeigt, daß er auf einem Esel und auf einem Füllen der Eselin reitet; denn zweifellos war das die Weise, wie das arme Volk ritt, und paßt so gar nicht zu königlicher Pracht.

Matth. 21,6. „Die Jünger gingen hin“. Wie gesagt, wird hier gelobt, daß die Jünger so schnell zum Gehorsam bereit waren. Denn Christi Ansehen war nicht so groß, daß sein bloßer Name genügt hätte, unbekannte Menschen zu bewegen; auch mußten die Jünger fürchten, in den Ruf von Dieben zu kommen. Wir sehen also hieraus, wie sehr sie ihrem Herrn ergeben waren, da sie nicht widersprechen, sondern im Vertrauen auf seinen Auftrag und seine Vorhersage eilen, den Befehl auszuführen. Auch wir sollen an ihrem Beispiel lernen, allen Hindernissen zum Trotz dem Herrn den Gehorsam zu erzeigen, den er von uns fordert. Denn er selbst wird die Hindernisse wegräumen, den Weg bahnen und nicht zulassen, daß unsere Anstrengungen vergeblich sind.

Matth. 21,8. „Aber viel Volks breitete die Kleider auf den Weg“. An dieser Stelle erzählen die Evangelisten also, Christus sei vom Volk als König anerkannt worden. Es konnte zwar wie eine Komödie wirken, daß die gemeinsame Masse Zweige abhieb, die Kleider auf den Weg breitete und Christus als König grüßte, ohne daß dieser Titel einen Inhalt für sie haben konnte. Dennoch war ihr Tun ernst gemeint, sie bezeugten damit aus tiefstem Herzen ihre Ehrerbietung; darum hat sie auch Christus als geeignete Herolde seiner Herrschaft angesehen. Wir haben keinen Grund, uns über einen solchen Beginn zu wundern; denn auch heute, wo er zur Rechten des Vaters sitzt, entsendet er von seinem himmlischen Thron geringe Menschen, die seine Herrlichkeit doch nur - für unser Empfinden -in einer verachtenswerten Weise rühmen können. Daß das Abhauen der Palmzweige mit einem alten feierlichen Brauch an diesem Tag zusammenhing, wie einige Ausleger vermuten, scheint mir nicht wahrscheinlich. Eher scheint diese Ehre Christus auf Antrieb des Geistes ganz unvorhergesehen zuteil geworden zu sein, denn die Jünger, denen sich das übrige Volk dann anschloß, hatten nichts dergleichen vorher geplant. Das geht auch aus den Worten des Lukas hervor.

Matth. 21,9. „Hosianna dem Sohn Davids!“ Das ist in Wirklichkeit ein Gebet, und zwar aus dem Ps. 118,25, wo es heißt: „O Herr, hilf! O Herr, laß wohl gelingen!“ Matthäus führt absichtlich die hebräischen Worte an, damit wir erkennen, daß der Beifall Christus nicht unüberlegt gezollt wurde und daß die Bitten, die den Jüngern in den Mund kamen, nicht gedankenlos ausgesprochen wurden. Sie folgen ehrfurchtsvoll der Form des Gebets, die der Heilige Geist durch den Mund des Propheten der ganzen Gemeinde angewiesen hatte. Denn obgleich in dem Psalm vom Reich des David die Rede ist, meint der Dichter doch eigentlich das ewige Reich, das der Herr ihm verheißen hatte, und er will, daß es die andern auch so verstehen. Es sollte für die Gemeinde ein Gebet für alle Zeiten sein, das auch nach dem Sturz der davidischen Königsmacht in Gebrauch war. So war es allgemein Gewohnheit geworden, daß man sich bei der Bitte um die verheißene Erlösung dieser Psalmworte bediente. Matthäus führt, wie gesagt, den berühmten Psalm auf hebräisch an, um zu zeigen, daß Christus von der Menge als der Erlöser anerkannt worden ist. Aber nicht nur dem alten Bundesvolk hat der Geist geboten, täglich um das Kommen des Reiches Christi zu bitten, auch für uns gilt dieselbe Regel. Und da Gott nur durch die Hand seines Sohnes herrschen will, sprechen wir mit der Bitte: „Dein Reich komme“ dasselbe aus, was im Psalm noch deutlicher herauskommt. Wenn wir außerdem Gott bitten, daß er uns seinen Sohn als König erhalten wolle, bekennen wir, daß diese Herrschaft weder durch Menschen aufgerichtet ist noch durch Menschenmacht aufrechterhalten wird, sondern daß sie durch den himmlischen Schutz unbesiegbar dasteht. Es heißt, Christus komme „im Namen des Herrn“, weil er sich nicht selbst einführt, sondern auf Gottes Befehl und Auftrag hin die Herrschaft ergreift. Das geht noch klarer aus Markus hervor, wo noch ein anderer Zuruf genannt wird (11,10): „Gelobt sei das Reich unsers Vaters David, der da kommt!“ So riefen sie im Blick auf die Verheißungen; denn der Herr hatte ja bezeugt, daß sein Volk endlich einen Befreier bekommen solle, und als Mittel dieser Erneuerung hatte er die Herrschaft Davids genannt. Wir sehen also, daß Christus hier als der Mittler geehrt wird, von dem die Wiederherstellung des Heils und überhaupt aller Dinge zu erwarten war. Daraus, daß es nur geringes, ungebildetes Volk war, das die Herrschaft Christi als Reich Davids ausrief, sollen wir erkennen, daß diese Auffassung damals allgemein verbreitet war, die doch heute vielen erzwungen und ungereimt erscheint, weil sie sich in der Schrift zu wenig auskennen. Bei Lukas werden noch einige Worte hinzugefügt (19,38): „Friede sei im Himmel und Ehre in der Höhe!“ Diese Worte wären völlig klar, wenn sie nur ganz mit dem Lobgesang der Engel (vgl. Luk. 2,14) übereinstimmten. Denn dort sprechen die Engel die Ehre Gott im Himmel zu, den Menschen aber den Frieden auf der Erde. Hier werden sowohl Friede wie Ehre auf Gott bezogen. Dem Sinn nach findet sich jedoch kein Unterschied. Zwar geben die Engel den Grund genauer an, warum man Gottes Ehre besingen muß, weil nämlich durch seine Barmherzigkeit die Menschen den Frieden in dieser Welt genießen; aber im Grunde geht das doch nicht über die Worte der Volksmenge hinaus, die den Frieden im Himmel rühmt. Denn wir wissen, daß die armen Seelen in dieser Welt nur Frieden finden, wenn Gott vom Himmel aus sich mit ihnen versöhnt.

Quelle: Johannes Calvins Auslegung der Evangelien-Harmonie. 2. Teil, übersetzt von Hiltrud Stadtland-Neumann und Gertrud Vogelbusch (Johannes Calvins Auslegung der Heiligen Schrift. Neue Reihe, Bd. 13/2), Neukirchen-Vluyn 1974, 169-174
Tod, wo ist dein Stachel? Totenreich, wo ist dein Sieg? 1Kor 15,55

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Beitragvon Joschie » 04.12.2010 21:31

2. Advent - Lukas 21,25-33: Die Erlösung naht nach langem Leiden
von Johannes Calvin


''Wie im Frühling die Bäume lange nicht so stark erscheinen wie im Winter, wenn sie von eisiger Kälte erstarrt sind ... so ist es auch mit der Kirche: mögen Bedrängnisse auch den Anschein haben, als könnten sie sie aufweichen, nichts kann ihrer Kraft Widerstand leisten.''



Lukas 21, 25-33
25 Und es werden Zeichen geschehen an Sonne und Mond und Sterne, und auf Erden wird den Leuten bange sein, und sie werden zagen, denn das Meer und die Wasserbogen werden brausen, 26 und die Menschen werden verschmachten vor Furcht und vor Warten der Dinge, die kommen sollen über die ganze Erde; denn auch der Himmel Kräfte werden ins Wanken kommen. 27 Und alsdann werden sie sehen des Menschen Sohn kommen in einer Wolke mit großer Kraft und Herrlichkeit. 28 Wenn aber dieses anfängt zu geschehen, so seht auf und erhebt eure Häupter darum, daß sich eure Erlösung naht. 29 Und er sagte ihnen ein Gleichnis: Seht an den Feigenbaum und alle Bäume: 30 wenn sie jetzt ausschlagen und ihr seht`s, so wißt ihr selber, daß jetzt der Sommer nahe ist. 31 So auch ihr: Wenn ihr das alles seht angehen, so wißt, daß das Reich Gottes nahe ist. 32 Wahrlich ich sage euch: Dieses Geschlecht wird nicht vergehen, bis daß es alles geschehe. 33 Himmel und Erde werden vergehen; aber meine Worte vergehen nicht
.

Matthäus 24.29-31
29 Bald aber nach der Trübsal jener Zeit werden Sonne und Mond den Schein verlieren, und die Sterne werden vom Himmel fallen, und die Kräfte der Himmel werden ins Wanken kommen. 30 Und alsdann wird erscheinen das Zeichen des Menschensohns am Himmel. Und alsdann werden heilen alle Geschlechter auf Erden und werden kommen sehen des Menschen Sohn in den Wolken des Himmels mit großer Kraft und Herrlichkeit. 31 Und er wird senden seine Engel mit hellen Posaunen, und sie werden sammeln seine Auserwählten von den vier Winden, von einem Ende des Himmels bis zum andern. 32 An dem Feigenbaum lernt ein Gleichnis: wenn sein Zweig jetzt treibt und die Blätter kommen, so wißt ihr, daß der Sommer nahe ist. 33 So auch ihr: wenn ihr das alles sehet, so wißt, daß es nahe vor der Tür ist. 34 Wahrlich, ich sage euch: Dieses Geschlecht wird nicht vergehen, bis daß dieses alles geschehe. 35 Himmel und Erde werden vergehen; aber meine Worte werden nicht vergehen. 36 Von dem Tage aber und von der Stunde weiß niemand, auch die Engel nicht im Himmel, auch nicht der Sohn, sondern allein der Vater.


Hier nun endlich redet Christus von der völligen Offenbarung seines Reiches, nach der man ihn gefragt hatte (vgl. Matth. 24, 3), und verheißt, daß nach dem langen Leidensweg die Erlösung zu ihrer Zeit kommen werde. Es zielt in seiner Antwort vor allem darauf, seine Jünger in lebendiger Hoffnung zu befestigen, damit sie nicht angesichts der Unruhe und Verwirrung den Mut verlören. Er spricht nicht einfach von seiner Wiederkunft, sondern er bedient sich prophetischer Redeformen. Denn je härter der Kampf der Versuchung, um so mehr brauchen wache Kämpfer Klarheit über den Ausgang, um den Kampf zu überstehen. Denn wenn sie an die großen Verheißungen der Propheten dachten, mußte es ihnen als Widerspruch erscheinen, daß das Reich Christi mit Schmach und Verachtung bedeckt, vom Kreuz erdrückt und von allen möglichen Leiden heimgesucht war. Die Frage drängte sich auf: Wo ist denn jene Herrlichkeit, vor der Sonne, Mond und Sterne erblassen, die das ganze Weltgefüge erschüttert und die feste Ordnung der Natur durcheinanderbringt? Diesen Anfechtungen beugt der Herr nun vor und kündigt an, daß alle diese Weissagungen sich, obwohl sie sich im Augenblick noch nicht bestätigten, endlich einmal erfüllten. Was also einst von der merkwürdigen Erschütterung des Himmels und der Erde vorausgesagt wurde, darf nicht auf den Anfang der Erlösung beschränkt werden, da die Propheten deren gesamten Ablauf bis zu ihrem Ziel umfaßten. Nun, da wir die Absicht Christi begreifen, ist das Verständnis der Worte ganz einfach: der Himmel wird sich erst verfinstern, wenn die Leiden der Gemeinde erfüllt sind. Damit ist nicht gesagt, daß von dem Ruhm und der Majestät der Herrschaft Christi vor seinem Kommen nichts sichtbar würde, sondern die Meinung ist, daß dann erst die mit der Auferstehung begonnene Entwicklung zum Abschluß gelangen wird, von der Gott den Seinen bis dahin nur einen Vorgeschmack gibt, um sie länger auf dem Weg der Hoffnung und Geduld zu führen. In diesem Sinn weist Christus die Gläubigen auf den Jüngsten Tag; sie sollen nicht das Zeugnis der Propheten von der zukünftigen Erneuerung für hinfällig halten, weil sie so lange von dem dichten Dunkel der Bedrängnisse verhüllt ist. Der Ausdruck (Matth. 24, 29) „Trübsal jener Zeit“ bezieht sich nicht etwa auf den Untergang Jerusalems, wie einige Ausleger irrtümlich meinen, sondern ist die zusammenfassende Bezeichnung all der Leiden, die Christus vorher entwickelt hatte. Mit dem Hinweis auf den glücklichen Ausgang der Qualen ermuntert er die Jünger zur Geduld. Er hätte auch sagen können: Solange die Gemeinde durch die Welt pilgert, wird es für sie neblig und finster sein; sobald aber das Ende ihrer Leiden kommt, ist auch der Tag da, an dem ihre Majestät sich herrlich offenbaren wird. Wie die Verfinsterung der Sonne sein wird, können wir uns heute noch nicht vorstellen; das Ende selbst wird es erst erweisen. Daß die Sterne vom Himmel fallen, ist nicht wörtlich zu verstehen, vielmehr wird es dem Menschen so scheinen, als fielen sie; darum heißt es auch bei Lukas nur, es würden Zeichen sein an Sonne, Mond und Sternen. Das Ganze soll sagen: So gewaltig wird die Erschütterung des Himmelsgefüges sein, daß sogar die Sterne herunterzufallen scheinen.

Bei Lukas wird dann noch hinzugefügt, daß auch das Meer mächtig brausen wird, so daß die Menschen vor Furcht umkommen. Kurz: alle Geschöpfe in der Höhe und in der Tiefe werden die Boten sein, um die Menschen vor jenen schrecklichen Richterstuhl zu zitieren, in dessen gottloser Verachtung sie sich bis zuletzt gefielen.

Matth. 24, 30. „Und alsdann wird erscheinen das Zeichen des Menschensohnes.“ Hier unterscheidet Christus noch deutlicher zwischen dem gegenwärtigen Zustand seines Reiches und dessen zukünftiger Herrlichkeit. Er gesteht zu: Solange die Finsternis der Anfechtungen währt, ist die Majestät Christi nicht sichtbar, so daß die Menschen die von ihm gebrachte Erlösung noch nicht spüren. Denn die allgemeine Verwirrung verdunkelt unsere Sinne, und verdeckt zugleich die Gnade Christi und läßt sie gewissermaßen aus unseren Augen entschwinden, so daß mindestens das Verständnis des Fleisches das von ihm geschenkte Heil nicht fassen kann. Darum kündigt Christus an, er wolle sich bei seinem letzten Kommen offen zeigen; er werde als der mit himmlischer Macht Ausgerüstete wie ein hoch erhobenes Panier die Augen der ganzen Welt auf sich richten. Da er jedoch wußte, daß die meisten Menschen seine Verkündigung verachten und seinem Reich feindlich gesinnt sein würden, kündigt er zugleich allen Völkern Klage und Weinen an. Denn es ist nur gerecht, daß er durch sein Erscheinen die Empörer niederschlägt, die sein Königtum verachteten, solange sie ihn nicht sehen konnten. Das soll auf der einen Seite die Stolzen und Trotzigen erschrecken und zur Besinnung bringen, auf der andern Seite soll es die Gläubigen stärken mitten im Starrsinn der Welt. Denn es bedeutet keinen geringen Anstoß, wenn man die Lässigkeit der Gottlosen beobachtet; sie scheinen Gott ungestraft zu verspotten. Auch neigen wir nur zu sehr dazu, uns durch ihr Glück blenden zu lassen, so daß wir darüber die Furcht Gottes vergessen. Damit die Gläubigen diese Leute nicht um ihre ausgelassene Freude beneiden, erklärt Christus, daß sie in Heulen und Zähneklappen enden werde. Er spielt meiner Ansicht nach auf die Gerichtsdrohung in Sach. 12, 10 an, wo es heißt, daß in allen Häusern Klage sein werde, wie man klagt beim Begräbnis des einzigen Sohnes. Es ist also unsinnig, die Bekehrung der Welt zu erhoffen; denn sie werden zu spät, und ohne daß es ihnen noch etwas hilft, merken, wen sie durchbohrt haben. Es folgt dann die Erklärung jenes Zeichens: Sie werden den Sohn des Menschen auf den Wolken kommen sehen, er, der damals in verächtlicher Knechtsgestalt auf der Erde lebte. Nun wußten die Jünger, daß die Herrlichkeit seines Reiches eine himmlische Herrlichkeit sein werde, nicht eine irdische, wie sie geträumt hatten.

Matth. 24, 31. „Und er wird senden seine Engel.“ Als Zeichen seiner Macht führt Christus an, daß er seine Engel schicken werde, um seine Erwählten von den äußersten Enden der Welt her zu sammeln. Mögen sie auch zerstreut sein, sie sollen doch wieder zusammengebracht werden, um unter ihrem Haupt zum ewigen Leben zusammenzuwachsen und das erhoffte Erbe zu genießen. Damit wollte Christus seine Jünger trösten, daß sie nicht an der traurigen Zerstreutheit der Gemeinde verzweifelten. Wenn heute die Kunstgriffe Satans die Gemeinde auseinanderbringen, die Grausamkeit der Gottlosen sie zerreißen, Irrlehren sie verwirren oder Stürme sie jagen wollen, dann sollen wir an diese verheißene Sammlung der Gemeinde denken. Damit uns der Glaube daran jedoch nicht zu schwer fällt, werden wir an die Macht der Engel erinnert; auf sie weist Christus hin, damit wir uns nicht an Menschen und ihre Mittel klammern. Denn wie sehr die Gemeinde jetzt auch von menschlicher Bosheit gepeinigt wird, wie unstet sie sich auch von Flucht zu Flucht weiterhilft, wie schwer die Wogen auch sind, die sie zerbrechen und zerreißen wollen, so daß sie keine Sicherheit in der Welt hat, wir dürfen dennoch guter Hoffnung sein, weil der Herr seine Gemeinde zusammenhalten wird, zwar nicht mit menschlichen Mitteln, dafür aber mit seiner himmlischen Macht, die allen Hindernissen weit überlegen sein wird.

Luk. 21, 28. „Wenn aber dieses anfängt zu geschehen.“ Bei Lukas tritt der Trost noch deutlicher heraus, mit dem Christus die Seinen erquickt. Hier steht zwar im Grunde dasselbe wie bei Matthäus; doch lassen die Worte noch besser erkennen, warum die Engel kommen sollen, die Auserwählten zu sammeln. Denn der allgemeinen Traurigkeit und Angst der Welt mußte die Freude der Gläubigen gegenübergestellt und der Unterschied zwischen ihnen und den Gottlosen hervorgehoben werden, damit Christi Kommen ihnen keinen Schrecken einjage. Bekanntlich redet die Schrift nicht nur vom Jüngsten Gericht, sondern von allem, was Gott täglich tut, ganz unterschiedlich, je nachdem ob ihre Worte an Gläubige oder an Ungläubige gerichtet sind. So heißt es bei Amos (5, 18): „Was soll euch der Tag des Herrn? Er ist Finsternis und nicht Licht.“ Dagegen ruft Sacharja (9, 9) die Tochter Zion zur Freude auf über die Ankunft ihres Königs. Derselbe Tag, der den Verworfenen Zorn und Rache bringt, bedeutet für die Gläubigen Gnade und Erlösung (wie es ähnlich auch in Jes. 35, 4 steht). Darum bezeugt Christus, daß mit seinem Kommen für seine Jünger das Licht der Freude aufgehen wird, so daß sie sich des nahen Heiles freuen, während die Gottlosen vor Schrecken zittern. So nennt Paulus (vgl. 1. Kor. 1, 7 und 2. Tim. 4, 8) als Kennzeichen der Gläubigen, daß sie auf den Tag oder das Kommen des Herrn warten. Denn erst an jenem Tag sollen sie die Krone, volle Glückseligkeit und Erquickung empfangen. Darum kann dieser Tag geradezu auch die Erlösung heißen (wie auch in Rom. 8, 23), weil sich an ihm der Freispruch im Gericht, den Christus uns gebracht hat, klar und deutlich zeigen wird. Darum sollen wir unsere Ohren spitzen, ob wir nicht den Klang der Engelsposaune hören, die nicht nur dazu ergeht, um die Gottlosen in Todesfurcht zu versetzen, sondern auch um die Erwählten zum neuen Leben zu erwecken, um also die, die der Herr jetzt durch die Stimme seines Evangeliums lebendig macht, zum vollen Genuß des Lebens zu rufen. Denn es ist das Merkmal des Unglaubens, zu erschrecken, wenn der Sohn Gottes zu unserem Heil erscheint. Christus meint hier nicht nur: Wie das Ausschlagen der Bäume ein Zeichen für den nahenden Sommer ist, so ist die eben erwähnte Verwirrung aller Dinge ein Vorzeichen für sein baldiges Kommen, sondern meiner Ansicht nach wird hier noch mehr ausgesagt: Wie im Frühling die Bäume lange nicht so stark erscheinen wie im Winter, wenn sie von eisiger Kälte erstarrt sind und sich dann sogar spalten, um neue Zweige ausbrechen zu lassen, so ist es auch mit der Kirche: mögen Bedrängnisse auch den Anschein haben, als könnten sie sie aufweichen, nichts kann ihrer Kraft Widerstand leisten. Denn wie der innere Saft den ganzen Baum durchströmt, nachdem einmal der Bann gebrochen ist, und alle Kräfte sammelt, um zu erneuern, was erstorben war, so bringt der Herr aus dem Untergang des äußeren Menschen die völlige Erneuerung der Seinen hervor. Wir dürfen also nie von der Schwäche und Hinfälligkeit der Kirche her auf ihren Untergang schließen, sondern im Gegenteil, wir sollen auf ihre ewige Herrlichkeit hoffen, zu der der Herr die Seinen durch Kreuz und Drangsale zubereitet. Denn was Paulus von den einzelnen Gliedern sagt, gilt auch von dem ganzen Leib (2. Kor. 4, 16): „Ob auch unser äußerlicher Mensch verfällt, so wird doch der innerliche von Tag zu Tag erneuert.“ Während es bei Matthäus (24, 33) und Markus (13, 29) ohne nähere Bestimmung heißt: „Es ist nahe vor der Tür“, lesen wir bei Lukas (21, 31) die genauere Angabe: „Daß das Reich Gottes nahe ist“. Und zwar bedeutet dieser Ausdruck hier nicht den Anbruch des Reiches (wie etwa Matth. 4, 17), sondern seine Vollendung; das geht aus dem ganzen Sinnzusammenhang hervor. Denn Christi Zuhörer hatten jetzt nicht das Reich Gottes vor Augen, wie es im Evangelium verkündigt wird als das Reich des Friedens, der Freude, des Glaubens und der geistlichen Gerechtigkeit, sondern sie suchten jene glückselige Ruhe und Herrlichkeit, die uns als Hoffnung aufbewahrt ist bis zum Jüngsten Tag.

Matth. 24, 34. „Dieses Geschlecht wird nicht vergehen.“ Trotz dieser weitausgreifenden Anmerkung meint Christus nicht, daß alle ihr beschiedenen Leiden die Kirche in allernächster Zeit treffen müssen, sondern er sagt nur, daß noch vor Ablauf eines Menschenalters sein Wort durch die Tatsachen bewiesen sein würde. Denn innerhalb der nächsten fünfzig Jahre wurde die Stadt zerstört, der Tempel niedergerissen, die ganze Umgegend in eine schauerliche Wüste verwandelt, und die Welt begann mit ihrem Trotz gegen Gott. Es entbrannte ein Haß, der die Verkündigung des Heils auslöschen wollte, falsche Lehrer standen auf, die das reine Evangelium mit ihren Lügen entstellten, auf alle mögliche Weise wurde die Religion angegriffen, jegliche Zusammenkunft der Gläubigen wurde jämmerlich verfolgt. Nun haben zwar viele Jahrhunderte später noch die gleichen Bedrängnisse ohne Abschwächung gewütet; doch hatte Christus trotzdem recht mit seinem Wort, die Gläubigen würden vor Ablauf eines Menschenalters am eigenen Leib die Wahrheit seiner Weissagung spüren. Denn die Apostel haben dasselbe erlitten, was wir heute erleben. Es kann Christi Absicht nicht gewesen sein, den Seinen zu versprechen, das Unglück fände innerhalb kurzer Zeit ein Ende - denn das wäre ein Widerspruch zu seiner früheren Aussage, daß das Ende noch nicht da sei -, sondern um sie zum Aushalten zu ermuntern, sagte er ihnen ausdrücklich voraus, daß sie selbst noch damit rechnen müßten. Er meint also, es handle sich nicht um eine Weissagung über Leiden in ferner Zeit, die irgendwann einmal spätere Generationen treffen könnten, sondern um solche, die sich bereits über ihren Köpfen zusammenbrauten, und zwar in einer solchen Dichte, daß die jetzige Generation von allem ein gutes Teil abbekommen würde. Der Herr denkt also gar nicht daran, die folgenden Geschlechter von den Leiden auszunehmen, wenn er sie hier alle auf eine Generation zusammenzieht, sondern er will seine Jünger nur ermahnen, bereit zu sein, alles standhaft zu ertragen.

Matth. 24, 35. „Himmel und Erde werden vergehen.“ Zur Bekräftigung seiner Worte bedient Christus sich eines Vergleichs: sie stehen fester als das ganze Weltgebäude. Dieses Wort deuten die Ausleger auf verschiedene Weise: Die einen beziehen den Untergang von Himmel und Erde auf den Jüngsten Tag, wo ihre Vergänglichkeit aufgehoben wird. Die andern erklären es sich so, daß eher das ganze Weltgebäude untergehen wird als die eben gehörte Weissagung. Da aber Christus zweifellos die Gedanken seiner Jünger mit voller Absicht über den Blick auf diese Welt erheben wollte, so scheinen mir eher die ständigen Veränderungen gemeint zu sein, die in der Welt vor sich gehen. Christus behauptet demnach, an seine Worte dürfe nicht der Maßstab dieser unbeständigen, auf und ab wogenden Welt gelegt werden. Wissen wir doch, wie leicht wir uns von Entwicklungen in der Welt mitreißen lassen. Darum verbietet Christus seinen Jüngern, ihren Blick gebannt auf die Welt zu halten; sie sollen lieber das Schauspiel, das da kommen soll, gewissermaßen von der Höhe der göttlichen Vorsehung aus betrachten. Unsere Stelle lehrt uns also, daß unser Heil, da es in Christi Verheißungen gegründet ist, nicht allen den Bewegungen unterworfen ist, denen die Welt unterliegt, sondern unerschüttert steht - nur soll auch unser Glaube sich über Himmel und Erde erheben und sich bis zu Christus selbst emporschwingen.

Matth. 24, 36. „Von dem Tage aber und von der Stunde weiß niemand.“ Mit dieser Erklärung wollte Christus die Gläubigen zum geduldigen Warten bringen, damit sie ja nicht in einem dummen Einfall behaupteten, dann und dann sei die volle Erlösung da. Wir wissen ja nur zu gut, wie leicht wir zu beeinflussen sind und wie uns die eitle Neugier kitzelt. Auch sah Christus, wie die Jünger zur Neuzeit bereits auf den Triumph zueilen wollten. Wir sollen also nach seinem Willen den Tag seines Kommens so erhoffen und ersehnen, daß dabei niemand es wagt, den genauen Termin zu erforschen. Seine Jünger sollen so im Licht des Glaubens einhergehen, daß sie, ohne den genauen Zeitpunkt zu kennen, geduldig auf die Offenbarung warten. Wir müssen uns also hüten, über Tag und Stunde mehr wissen zu wollen, als der Herr uns darüber sagt. Denn unsere Weisheit besteht vor allen Dingen darin, daß wir uns nüchtern in den Grenzen des Wortes Gottes halten. Damit es den Menschen aber nicht ärgerlich ist, daß sie über jenen Tag nichts wissen, stellt Christus die Engel mit ihnen auf die gleiche Stufe; denn was für ein Hochmut und welche verwerfliche Wißbegier wäre es, wenn wir irdischen Geschöpfe mehr beanspruchen wollten, als den Engeln im Himmel zugestanden wird. Bei Markus (13, 32) findet sich noch der Zusatz: „Auch der Sohn nicht“. Danach wären wir ja doppelt und dreifach unsinnig, wenn wir nicht willig die Unwissenheit trügen, die der Sohn Gottes um unsertwillen ohne Widerspruch auf sich genommen hat. Wenn hier übrigens viele glauben, das ließe sich mit der Würde Christi nicht vereinbaren, so entschärfen sie diesen Satz mit einer Lüge. Das ist allerdings nur wieder ein Gegenschlag zu der böswilligen Behauptung der Ariancr, die von hier aus durchzusetzen versuchten, Christus sei nicht wahrer und einiger Gott. Nach ihnen also kannte Christus den Jüngsten Tag nicht, da er es anderen nicht mitteilen wollte. Aber da Christus offensichtlich sein Nichtwissen mit den Engeln teilt, halten wir uns besser an die Auslegung, die ich gerade vorgetragen habe. Gegen die Einwände der Leute, die meinen, dem Sohn Gottes werde eine Schmach angetan, wenn man von ihm irgendein Nichtwissen behaupte, ist folgendes zu sagen: Zunächst der Einwand, Gott wisse alles. Bekanntlich waren die beiden Naturen in Christus so zu einer Person vereinigt, daß jede von beiden dabei unangetastet blieb. Immer wenn er also in menschlicher Natur sein Mittleramt ausübte, ruhte die Gottheit. Darum ist gar nichts dabei, wenn Christus, obwohl er allwissend war, etwas nach seiner menschlichen Natur nicht wußte. Denn genauso war er ja auch dem Schmerz und der Angst unterworfen und konnte uns ganz gleich sein. Wenn aber nun einige einwerfen, gerade die Unwissenheit, die doch eine Strafe für die Sünde ist, stehe Christus nicht an, dann ist das mehr als unsinnig. Erstens ist es rein erfunden, zu behaupten, die Unwissenheit, die doch auch den Engeln beigelegt wird, komme von der Sünde; aber das zweite ist fast noch schlimmer, daß sie nicht anerkennen wollen, daß Christus darum unser Fleisch angezogen hat, um die durch unsere Sünden verschuldete Strafe auf sich zu nehmen. Wenn Christus also nach seiner menschlichen Natur den Jüngsten Tag nicht kannte, so nimmt das seiner Gottheit nicht mehr von ihrer Würde als die Tatsache, daß er überhaupt ein sterblicher Mensch war. Im übrigen ist ganz klar, daß er auch hier das ihm vom Vater aufgetragene Amt im Blick hat, genau wie vorher, wenn er sagte, solange er unter den Menschen weilte, sei es nicht seine Aufgabe, diesen oder jenen zu seiner Rechten oder Linken zu placieren. Das war einfach nicht sein Auftrag, als er vom Vater gesandt wurde. So meine ich auch hier, daß ihm, solange er als Mittler bei uns war und seinen Auftrag erledigte, noch nicht gegeben war, was er später nach der Auferstehung empfangen sollte: die Gewalt über alles und jedes.




Aus: Johannes Calvins Auslegung der Evangelien-Harmonie. 2. Teil, hrg. Otto Weber, Neukirchener Verlag, 1974, S. 272-279.
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Beitragvon Joschie » 11.12.2010 18:30

3. Advent - Matthäus 11,1-8: Dem Evangelium dienen
Von Johannes Calvin

'' ...wenn (das Evangelium) von einem Großteil der Menschen verschmäht wird, so brauchen wir uns gar nicht darüber zu wundern, denn von hundert gibt es kaum einen, der sich nicht in falschem Selbstvertrauen bespiegelt.''

Matthäus 11,1-8
1 Und es begab sich, da Jesus solch Gebot an seine zwölf Jünger vollendet hatte, ging er von dannen weiter, zu lehren und zu predigen in ihren Städten. 2 Da aber Johannes im Gefängnis die Werke Christi hörte, sandte er seine Jünger 3 und ließ ihn fragen: Bist du, der da kommen soll, oder sollen wir eines anderen warten? 4 Jesus antwortete und sprach zu ihnen: Gehet hin und saget Johannes wieder, was ihr höret und sehet: 5 Blinde sehen und Lahme gehen, Aussätzige werden rein und Taube hören, Tote stehen auf und Armen wird das Evangelium gepredigt; 6 und selig ist, der nicht Ärgernis nimmt an mir. 7 Da sie hingingen, fing Jesus an, zu reden zu dem Volk von Johannes: Was seid ihr hinausgegangen in die Wüste zu sehen? Wolltet ihr ein Rohr sehen, das der Wind hin und her weht? 8 Oder was seid ihr hinausgegangen zu sehen? Wolltet ihr einen Menschen in weichen Kleidern sehen? Siehe, die da weiche Kleider tragen, sind in der Könige Häusern. 9 Oder was seid ihr hinausgegangen? Wolltet ihr einen Propheten sehen? Ja, ich sage euch: Er ist mehr als ein Prophet. 10 Dieser ist`s, von dem geschrieben steht (Mal. 3, 1): „Siehe ich sende meinen Boten vor dir her, der seinen Weg vor dir bereiten soll.“ 11 Wahrlich, ich sage euch: Unter allen, die vom Weibe geboren sind, ist keiner aufgestanden, der größer sei als Johannes der Täufer; der aber der Kleinste ist im Himmelreich, ist größer als er. 12 Aber von den Tagen Johannes des Täufers bis hierher leidet das Himmelreich Gewalt, und die Gewalt tun, reißen es weg. 13 Denn alle Propheten und das Gesetz haben geweissagt bis zur Zeit des Johannes; 14 und so ihr`s wollt annehmen: er ist der Elia, der da kommen soll. 15 Wer Ohren hat, der höre!


Matthäus 11, 1. „Und es begab sich, da Jesus...vollendet hatte.“ Mit dieser Stelle will Matthäus nichts anderes sagen, als daß Christus in keiner Weise seine Tätigkeit abgebrochen habe, während die Apostel nun anderwärts arbeiteten. Sobald er sie mit dem Auftrag entlassen hatte, Judäa zu durchwandern, wirkte er selbst also in Galiläa und lehrte. An dem Wort Gebot hängt einiges Gewicht; Matthäus zeigt, daß er ihnen nicht einen unverbindlichen Auftrag übergeben, sondern vorgeschrieben und angeordnet habe, was sie bekanntmachen und wie sie sich verhalten sollten.

Matthäus 11, 2. “Da aber Johannes ...hörte.“ Die Evangelisten sind nicht der Meinung, Johannes habe sich durch die Wunder dazu bewegen lassen, Christus erst daraufhin als den Mittler anzuerkennen, sondern er hielt, da er sah, daß Christus berühmt wurde, die Zeit für günstig und reif, sich sein Zeugnis über ihn bestätigen zu lassen. Darum schickte er seine Jünger zu ihm. Es ist unsinnig, wenn einige meinen, er habe sie um seiner selbst willen gesandt; als ob er nicht fest überzeugt gewesen wäre und deutlich gesagt hätte, daß dieser der Christus sei. Auch die Berechnung derer trägt nichts aus, die sich vorstellen, der Täufer, dem Tode nah, habe von Christus wissen wollen, ob er gleichsam auf sein Geheiß zu den toten Vätern hinging. Es ist doch ganz offenkundig, daß der heilige Herold Christi, der sich dem Ende seiner Laufbahn nicht mehr fern sah, für seine Jünger, auf deren Belehrung er viel Mühe verwandt hatte und die trotzdem noch unentschieden waren, dieses letzte Hilfsmittel suchte, um ihrer Schwäche aufzuhelfen. Treulich war er darauf bedacht, wie ich oben schon gesagt habe, daß seine Jünger sich ohne Zögern Christus zuwandten. Da er bei eifrigem Bemühen so wenig ausgerichtet hatte, fürchtet er nicht ohne Grund, daß sie sich nach seinem Tod völlig verlieren. Er wollte also ihrer Trägheit ernstlich aufhelfen, wenn er sie zu Christus entsandte. Weiter werden an dieser Stelle die Pastoren der Kirche an ihre Aufgabe erinnert, daß sie nicht darauf bedacht sind, Schüler, die ihnen zugetan und gleichsam an sie gefesselt sind, zu halten, sondern daß sie sie Christus zuführen sollen, der der einzige Lehrer ist. Zu Beginn hatte Johannes bekannt, er sei nicht der Bräutigam. Darum leitet er Christus, wie es sich für einen treuen Brautführer gehört, eine reine, unberührte Braut zu; denn Christus ist der alleinige Bräutigam der Kirche. Dasselbe Bemühen bezeugt Paulus (2. Kor. 11, 2), und allen Dienern am Evangelium wird beider Beispiel zur Nachahmung vor Augen gestellt.

Matth. 11, 3. „Bist du, der da kommen soll?“ Johannes greift als anerkannte Überzeugung auf, was die Jünger von Kind an gelernt hatten. Denn alle Juden wußten um das Elementarstück ihres Glaubens, daß der Christus kommen sollte, um ihnen Heil und die vollkommene Seligkeit zu bringen. Seine Frage berührt darum nicht dieses Hauptstück, sondern er will nur wissen, ob Jesus denn jener verheißene Erlöser sei. Denn nachdem (seine Jünger) der im Gesetz und bei den Propheten verheißenen Erlösung gewiß waren, sollten sie sie, als in der Person Christi offenbar geworden, annehmen. Wenn er fortfährt: „Oder sollen wir eines andern warten?“, so tadelt er mit diesem Sätzchen nebenbei ihre Lässigkeit; denn sie hatten längst gewisse Belehrung empfangen und waren doch so lange zweigeteilten Herzens und schwankend. Zugleich zeigt er auch, was das Wesen und die Kraft des Glaubens ausmacht; er gründet sich auf die Wahrheit Gottes, späht nicht hierhin und dorthin und wird unschlüssig, sondern er läßt sich an Christus allein genügen und wählt keine Seitenwege.

„Gebet hin und saget Johannes wieder.“ Wie Johannes so getan hatte, als ob er durch Fremde in seinem eigenen Namen fragte, so läßt ihm Christus ausrichten, was eigentlich mehr seine Jünger anging. Daß er nicht ohne Umschweife antwortet, geschieht einmal mit der Absicht, die Sache besser für sich selbst sprechen zu lassen; zum andern will er seinem Herold ausgedehnteren Stoff zur Verkündigung übermitteln. Doch gibt er ihm nicht einfach eine nackte, schmucklose Liste von Wundern an die Hand, sondern richtet die Wunder auf ihr Ziel hin aus, wie es die Propheten geweissagt haben. Er benutzt besonders die eine Stelle aus Jes. 35, 5f. und eine andere aus Jes. 61, 1, um den Jüngern des Johannes klarzumachen, daß das „Reich“ Christi, das der Prophet bezeugt, zu seiner Erfüllung und Darstellung gekommen ist. Die erste Stelle gibt eine Beschreibung des Reiches Gottes, in der er verheißt, er werde freigebig und wohltätig sein und Hilfe und Heilmittel für alle Krankheiten bieten. Zweifellos handelt es sich um die geistliche Befreiung von allem Übel und Elend. Und wirklich zeigte Christus unter äußerlichen Bildern, wie oben schon gesagt, daß er gekommen sei, um als geistlicher Arzt die Herzen gesund zu machen. So kam es, daß die Jünger überhaupt nicht verwirrt waren, als sie gingen, denn sie hatten eine klare Antwort, die von keinerlei rätselhaften Andeutungen durchsetzt war. Die zweite Stelle ähnelt der ersten darin, daß sie zeigt, daß alle Schätze der Gnade Gottes der Welt in dem Christus angeboten würden; als Besonderes führt sie an, der Christus komme für die Armen und Bedrückten. Christus führt diese Weissagung mit Bedacht an; er will einmal die Seinen alle an die Rekrutenzeit der Demütigung gewöhnen, zum andern will er den Anstoß aus dem Weg räumen, den das fleischliche Empfinden daran nehmen konnte, daß seine Herde so verachtet war. Denn wie wir von Natur stolz sind, halten wir beinahe nichts für wertvoll was nicht von viel Glanz umstrahlt ist. Aber zur Gemeinde Christi, die ja aus ärmlichen Menschen zusammengelesen ist, paßt nichts weniger als eine prachtvolle großartige Zierde. Von hier aus beschleicht viele die Verachtung des Evangeliums; denn es findet bei allen Großen und bei denen, die viel gelten, keine Anerkennung. Wie verkehrt und ungerecht diese Beurteilung jedoch ist, zeigt Christus am Wesen des Evangeliums selbst auf; es ist ja überhaupt nur für Arme und Ausgestoßene bestimmt. Daraus folgt, daß gar nichts Neues geschieht oder etwas, was uns verwirren müßte, wenn (das Evangelium) von allen Großen verachtet wird, weil sie, voll Stolz auf ihren Reichtum, der Gnade Gottes keinen freien Raum mehr übriglassen; ja, wenn (das Evangelium) von einem Großteil der Menschen verschmäht wird, so brauchen wir uns gar nicht darüber zu wundern denn von hundert gibt es kaum einen, der sich nicht in falschem Selbstvertrauen bespiegelt. So schützt Christus hier sein Evangelium vor der Geringschätzung und erinnert wiederum daran, wer nun eigentlich tauglich sei, die Gnade des Heils, die dort angeboten wird, zu empfangen. Und auf diese Weise ermuntert er unter Locken die armen Sünder zur Hoffnung auf das Heil und ermutigt sie zu einem festen Vertrauen. Denn es ist sicher, daß er „Arme“ die nennt, die in erbärmlicher, verachteter Lebenslage sind und nichts gelten. Wie verworfen darum einer auch sein mag, so kommt es doch nicht in Frage, daß seine Armut ihm Anlaß zur Verzweiflung wird; vielmehr soll er sein Herz in beide Hände nehmen, um Christus zu suchen. Aber wir müssen im Gedächtnis behalten, daß nur die zu den Armen gezählt werden, die vor sich selbst solche sind und die unter der Empfindung und dem Druck ihrer Armut leiden.

Matth. 11, 6. „Und selig ist, der nicht Ärgernis nimmt.“ Mit diesem Schlußsatz wollte Christus darauf hinweisen, daß man, um im Glauben an das Evangelium beständig und fest zu verharren, den Anstößigkeiten widerstehen müsse, die auf uns zukommen, um die Bahn des Glaubens zu stören. Sein Anliegen ist, uns im voraus gegen die Anstößigkeiten zu wappnen, denn niemals wird es uns an Gelegenheit fehlen, ihn zu verleugnen, bevor wir nicht unsere Herzen über alle Hindernisse erhoben haben. Darum ist erstens dies festzuhalten: wir müssen mit den Anstößigkeiten kämpfen, um im Glauben an Christus beständig zu sein. Denn Christus selbst wird nicht ohne Grund Fels des Ärgernisses und Stein des Anstoßes genannt, an dem sich viele stoßen. Zwar geschieht das sicherlich durch unsere Schuld, aber auch diesen Fehler heilt er, wenn er selig nennt, wer an ihm kein Ärgernis nimmt. Wir schließen daraus auch, daß die Ungläubigen keine Entschuldigung haben, wie sehr sie auch unzählige Hindernisse vorschützen. Denn was steht ihnen im Wege, auf Christus zuzugehen? Oder: Was treibt sie dazu, von Christus abzustehen? Er erscheint als Verachteter und als Verunstalteter, mit seinem Kreuz den Schmähungen der Welt ausgesetzt. Er ruft uns zur Gemeinschaft mit seinen Schmerzen. Seine Herrlichkeit und seine Majestät wird von der Welt verachtet, weil sie geistlich ist. Schließlich läßt sich seine Lehre ganz und gar nicht mit unserer Auffassung vereinbaren. Dazu richtet das Geschick Satans viel Verwirrung an, die sowohl Christi Namen wie auch das Evangelium verleumdet und verhaßt macht. Zu guter Lern sei angeführt, daß sich jeder selbst, als ob es ihm darum zu tun sei, einen Wall von Hindernissen zurechtzimmert: denn alle entziehen sich Christus ebenso böswillig wie gern.

Matth. 11, 7. „Da die hingingen.“ Christus preist Johannes vor dem Volk, damit sie sich in Erinnerung rufen, was sie von ihm gehört hatten, und seinem Zeugnis Glauben schenken. Sein Name war beim Volk bekannt, und man sprach ehrerbietig von ihm; seine Lehre aber war weniger geschätzt, ja, es waren nicht viele, die seinem Dienst Beachtung schenkten. Christus macht sie darauf aufmerksam, daß ihr Aufwand zu Spott wurde, wenn sie in die Wüste gezogen waren, um ihn zu sehen, und nicht ehrerbietig ihre Herzen und ihren Eifer auf seine Lehre richteten. Das ist also der Sinn der Worte: „Was seid ihr hinausgegangen in die Wüste?“ Es wäre völlig törichter und lächerlicher Leichtsinn gewesen, wenn eure Unternehmung nicht ein festes Ziel gehabt hätte. Und ihr habt nicht den Prunk der Welt noch andern Tand erwartet, sondern ihr wart gewillt, Gottes Wort aus dem Munde eines Propheten zu hören. Wenn ihr jetzt also die Frucht eures Unternehmens überdenkt, dann soll sich euch fest ins Gedächtnis einprägen, was jener gesagt hat.

Matth. 11, 8. „Wolltet ihr einen Menschen in weichen Kleidern sehen?“ Es täuscht sich, wer meint, Christus hätte mit diesem Wort allen höfischen Luxus verdammt. Es gibt mehrere andere Stellen, wo die Pracht der Kleidung und übermäßige Eleganz zurechtgewiesen wird. Der Sinn dieser Stelle ist dagegen einfacher: Es gab von dem allem nichts in der Wüste, was das Volk von überallher anlocken konnte. Denn dort war alles urwüchsig und ohne Schmuck, so daß man nur Verdruß dabei empfinden konnte. Eine gepflegte Lebensweise, die das Auge erfreut, sieht man sich besser an den Höfen der Könige an.

Matth. 11, 11. „Wahrlich, ich sage euch.“ Diese Worte festigen die Autorität des Johannes nicht nur, sondern sie erheben seine Lehre über alle alten Weissagungen, um das Volk auf das wirkliche Ziel seines Amtes zu verweisen. Denn wenn seine Predigt bei ihnen so gut wie keinen Erfolg zeigte, so kam das daher, daß sie nicht bedachten, wozu er gesandt war. Darum erhebt ihn Christus über die Reihe der Propheten, damit sie einsehen, daß ihm ein einzigartiger und erhabe nerer Auftrag anvertraut war. Wenn er selbst jedoch an anderer Stelle bestreitet, ein Prophet zu sein, so steht das mit diesem Wort Christi nicht in Widerspruch. Zwar war er nicht ein Prophet nach der Axt der andern, die das Gesetz auslegten und die Gott einst seiner Gemeinde als Vermittler seines Willens verordnet hatte. Und trotzdem überragte er die Propheten, weil er die Zeit der Erlösung nicht als fern und dunkel unter Schatten verkündigte, sondern als nah und offenbar und bereits gegenwärtig. Darauf zielt auch die Weissagung des Maleachi, die dann folgt, daß Johannes sie nämlich darin übertreffe, daß er der Herold und der Wegbereiter Christi sei. Denn wenn die alten Propheten auch von seinem Reich gesprochen haben, so standen sie doch nicht wie Johannes in seinem Blickfeld, daß sie es als gegenwärtig aufzeigen konnten. Das übrige mögen die Leser aus Lukas 1 entnehmen.

„Es ist keiner aufgestanden.“ Der Herr geht einen Schritt weiter, (indem er erklärt), die Diener am Evangelium würden Johannes ebensosehr überragen, wie er den Propheten überlegen war. Es reden die Leute allzu ungeschickt ins Blaue hinein, denen es scheint, als vergleiche sich Christus selbst mit Johannes. Es handelt sich hier nämlich gar nicht um die Würde der Person, sondern die Überlegenheit des Amtes wird gepriesen. Das zeigt sich noch deutlicher aus den Worten des Lukas (7, 28): „Es ist kein größerer Prophet als Johannes.“ Denn die Größe leitet sich deutlich aus dem Amt der Verkündigung ab. Kurz, Johannes wird mit solch ehrenvoller Bezeichnung bedacht, damit die Juden die Botschaft, die er gebracht hatte, aufmerksamer bedenken sollten. Dann werden ihm jene vorangestellt, die ihm wenig später als Lehrer folgen sollten, damit klarwerde, daß die Würde des Evangeliums über das Gesetz und jenes vermittelnde Heroldsamt erhaben sei. So wollte Christus die Juden vorbereiten, das Evangelium aufzunehmen, und wir heute sollten dadurch aufwachen, damit wir ehrerbietig zuhören, wenn Christus von dem erhabenen Thron seiner himmlischen Herrlichkeit her mit uns redet. Sonst könnte er unsere Verachtung mit jenem schauerlichen Fluch strafen, den Maleachi an der erwähnten Stelle den Ungläubigen ankündigt. Das „Himmelreich“ und das „Reich Gottes“ bedeutet den neuen Zustand der Gemeinde, denn mit dem Kommen Christi war eine Erneuerung aller Dinge verheißen. Wo ich wiedergegeben habe „der Kleinste“, bietet der griechische Text den Komparativ „der Kleinere“; aber auf diese Weise kommt der Sinn noch klarer heraus, da feststeht, daß alle Diener am Evangelium gemeint sind. Wenn auf der anderen Seite die meisten (von ihnen) nur mit einem bescheidenen Maß an Glauben beschenkt und Johannes darin weit unterlegen sind, so steht dem nicht entgegen, daß ihre Predigt ihn doch überragt, soweit sie Christus verkündigt, der, nachdem er die immerwährende Sühne durch sein einmaliges Opfer vollzogen hat, Sieger über den Tod und Herr über das Leben ist, der, nachdem er den Vorhang weggenommen hat, die Jünger in das himmlische Heiligtum erhebt.


Aus: Johannes Calvins Auslegung der Evangelien-Harmonie. 1. Teil, hrg. Otto Weber, Neukirchener Verlag, 1966, S. 319-324.
Tod, wo ist dein Stachel? Totenreich, wo ist dein Sieg? 1Kor 15,55

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Beitragvon Joschie » 19.12.2010 09:09

4. Advent - Lukas 1,38-45: Zwei Frauen schauen miteinander die ihnen geschenkte Gnade an
Von Johannes Calvin
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... Jetzt begreifen wir, weshalb Maria sagt, Gott stoße die Gewaltigen vom Thron und erhebe die Schwachen. Sie will nämlich zeigen, daß die Welt nicht durch den blinden Drang des Zufalls bewegt werde, sondern daß aller Wechsel, den wir sehen, unter der Vorsehung Gottes steht; daß Gott zu­gleich nach seiner wunderbaren Güte maßhält in seinen Gerichten ...


Lukas 1,38-45
39 Maria aber stand auf in den Tagen und ging auf das Gebirge eilends zu einer Stadt in Juda 40 und kam in das Haus des Zacharias und grüßte Elisabeth. 41 Und es begab sich, als Elisabeth den Gruß Marias hörte, hüpfte das Kind in ihrem Leibe. Und Elisabeth ward des heiligen Geistes so voll 42 und rief laut und sprach: Gebenedeit bist du unter den Weibern, und gebenedeit ist die Frucht deines Leibes. 43 Und woher kommt mir das, daß die Mutter meines Herrn zu mir kommt? 44 Siehe, da ich die Stimme deines Grußes hörte, hüpfte vor Freude das Kind in meinem Leibe. 45 O selig bist du, die du geglaubt hast! Denn es wird vollendet werden, was dir gesagt worden ist von dem Herrn. 46 Und Maria sprach: Meine Seele erhebt den Herrn, 47 und mein Geist freut sich Gottes, meines Heilandes. 48 Denn er hat die Niedrigkeit seiner Magd angesehen. Siehe, von nun an werden mich selig preisen alle Kindeskinder. 49 Denn er hat große Dinge an mir getan, der da mächtig ist. Und heilig ist sein Name. 50 Und seine Barmherzigkeit währet immer für und für bei denen, die ihn fürchten. 51 Er übt Gewalt mit seinem Arm und zerstreut, die hoffärtig sind in ihres Herzens Sinn. 52 Er stößt die Gewaltigen vom Thron und erhebt die Niedrigen. 53 Die Hungrigen füllt er mit Gütern und lässt die Reichen leer. 54 Er denkt der Barmherzigkeit und hilft seinem Diener Israel auf. 55 Wie er geredet hat unseren Vätern, Abraham und seinen Kindern ewiglich. 56 Und Maria blieb bei ihr etwa drei Monate; danach kehrte sie wieder heim.


V. 39. „Maria aber stand auf.“ Diese von Lukas erwähnte Reise beweist, daß Marias Glaube kein Augenblicksglaube war. Der Engel verschwand vor ihren Augen; aber die Verheißung Gottes verflüchtigte sich ihr nicht, sie hatte sich tief ihrem Sinn eingeprägt. Ihre Eile läßt erkennen, wie ernst sie es nahm und wie ihr Herz brannte. Alle anderen Dinge stellte die Jungfrau zurück und erwies der ihr verheißenen Gnade Gottes die geziemende Ehrerbietung. Man möchte jedoch fragen, in welcher Absicht sie die Reise unternommen habe. Gewiß nicht, um nur nachzuforschen, ob die Worte des Engels wahr wären. Denn sie hegte den Sohn Gottes nicht weniger im Glauben in ihrem Herzen, als sie ihn im Leib empfangen hatte. Auch glaube ich nicht, daß sie kam, um Glück zu wünschen. Mir ist am wahrscheinlichsten, daß sie einerseits Mehrung und Stärkung ihres Glaubens suchte und andererseits die ihr und Elisabeth widerfahrene Gnade rühmen wollte. Es ist doch ganz begreiflich, daß sie die Stärkung ihres Glaubens begehrte durch Ansehen des Wunders, das der Engel ihr eben in seiner Absicht vorgehalten hatte. Denn obgleich die Gläubigen zufrieden sind mit dem bloßen Wort des Herrn, so haben sie doch dabei sorgfältig acht auf jedes seiner Werke, das sie als eine kräftige Stütze ihres Glaubens empfinden müssen. Maria mußte sogar die ihr angebotene Hilfe annehmen, wenn sie nicht zurückweisen wollte, was ihr der Herr aus freier Gnade dargereicht hatte. Ferner konnte das gegen­seitige Wiedersehen sie sowohl wie Elisabeth zu größerer Dankbarkeit entzün­den, wie auch aus der weiteren Erzählung deutlich wird. Denn wenn sie beide mit­einander die ihnen geschenkte Gnade anschauten, so wurde ihnen durch den Ver­gleich ihrer beiderseitigen Erfahrung die Kraft Gottes nur noch deutlicher und herrlicher. Der Evangelist nennt den Namen der Stadt nicht, in der Zacharias wohnte; er sagt nur, sie habe zum Stamm Juda gehört und sei auf dem Gebirge gelegen. Es läßt sich also annehmen, daß sie von Nazareth aus noch hinter Jerusalem lag. In diesen und den folgenden Versen ist uns das schöne und denkwürdige Lied der heiligen Jungfrau aufbewahrt, aus dem klar hervorgeht, wie reich die Gnade des Geistes in ihr war. Das Lied ist dreifach gegliedert. Zuerst sagt Maria feier­lich Dank für die erfahrene Barmherzigkeit Gottes; dann rühmt sie die Macht und die Gerichte Gottes überhaupt; und endlich macht sie die Anwendung auf den vorliegenden Fall und redet von der einst der Kirche verheißenen, jetzt erschienenen Erlösung.

V. 46. „Meine Seele erhebt den Herrn.“ Maria verleiht hier ihrer Dankbarkeit Ausdruck. Im Unterschied zu den Heuchlern, die zwar den Mund voll nehmen beim Lob Gottes, aber im Herzen kalt und gleichgültig sind, bezeugt sie, daß ihr ganzes Herz dabei sei, Gott zu preisen. Nur mit der Zunge, aber nicht von Herzen ihn rühmen ist im Grunde nur eine Verunehrung seines heiligen Namens. Die Worte „Seele“ und „Geist“ werden in der Schrift in verschiedenem Sinn gebraucht. Stehen sie nebeneinander, so bezeichnen sie meist zwei Tätigkeiten oder Ver­mögen der Seele. Das Wort „Geist" steht im Sinn von „Verstand", die „Seele" bedeutet den Sitz der Gefühle und Empfindungen. Um die Gedanken Marias recht zu verstehen, müssen wir beachten, daß das zweite Satzglied V. 47 sachlich dem ersten übergeordnet ist. Denn bevor der Wille des Menschen sich zum Lob Gottes anschickt, muß er die Freude des Geistes kennen, wie Jakobus 5, 13 lehrt: „Ist jemand guten Muts, der singe Psalmen." Traurigkeit und Angst bedrücken das Gemüt und schließen zugleich die Lippen, daß sie nicht Gottes Güte ver­kündigen. Weil Maria innerlich vor Freude jauchzt, öffnet sich auch ihr Herz zum Lob Gottes. Um den Grund der herzlichen Freude zu erkennen, von der sie redet, ist es von großer Bedeutung, daß sie ihren Gott „Heiland“ nennt. Solange man ihn nämlich nicht als den Heiland erkennt, wird das Menschenherz nie zu wahrhaftiger Freude befreit, sondern bleibt mit Sorge und Zweifel beladen. Daher vermag allein die Vatergüte Gottes und das aus ihr fließende Heil uns mit Freude zu erfüllen. Somit ist das erste, das die Gläubigen nötig haben, dies, daß sie rühmen können: unser Heil ist bei Gott. Dann kommt auch das andere, daß sie ihm Dank sagen, weil sie ihn als den gnädigen Vater erfahren haben. Der Name Heiland bezeichnet einen, der nicht nur für einmal rettet, sondern Grund und Urheber ewigen Heils ist.

V. 48. „Denn er hat die Niedrigkeit seiner Magd angesehen.“ Maria erklärt, weshalb die Freude ihres Herzens in Gott gegründet ist, weil er sie nämlich gnädig angesehen hat. Indem sie sich selbst niedrig nennt, entsagt sie aller eige­nen Würdigkeit, damit die unverdiente Güte Gottes allein den Ruhm habe. Das Wort „Niedrigkeit“ ist hier nicht in dem Sinn von Demut oder Bescheidenheit gebraucht, sondern bedeutet soviel wie niedrige oder unangesehene Stellung. Die Meinung ist also: daß ich unbekannt und ungenannt in der Welt war, hat Gott nicht abgehalten, nach seiner Gnade auf mich herabzublicken. So sehen wir, wie Maria sich selbst demütigt und Gott allein erhebt. Ihr Bekenntnis entsprang nicht einer gemachten Demut, sondern war die einfache, ungekünstelte Aussprache der Überzeugung ihres Herzens. Denn wie sie in der Welt nichts galt, so hielt sie auch nicht hoch von sich selber.

„Von nun an werden mich selig preisen ...:“ Allen Zeiten, sagt sie, werde diese Wohltat Gottes denkwürdig bleiben. Wenn diese Wohltat aber so groß war, daß sie überall gerühmt werden sollte, dann durfte Maria selbst, an der die gnädige Tat Gottes geschah, am allerwenigsten davon schweigen. Ausdrücklich sei darauf aufmerksam gemacht, daß die Seligkeit Marias in nichts anderem besteht als in der Gabe und Gnade Gottes. Für den Ruhm, den sie zu allen Zeiten haben wird, kennt sie keinen anderen Grund als das an ihr geschehene Werk des Herrn. Sie ist weit davon entfernt, in eigener Kraft und Geschäftigkeit solches Lob zu suchen. Dann aber ist uns sofort klar, wie wenig diese Gesinnung Marias mit der Lehre des Papstes und seiner Nachfolger zu tun hat, die sie mit selbst erdachten eitlen Titeln und Namen schmücken, aber die Güte, die sie von Gott empfangen hat, für nichts achten. Hochfahrende, ja mehr als übermütige Titel tragen sie zur Genüge zusammen: Himmelskönigin, Stern des Heils, Pforte des Lebens, Süßigkeit, Hoffnung und Heil nennen sie sie. Ja, Satan hat sie zu solcher Unverschämtheit und solchem Wahnsinn hingerissen, daß sie ihr die Herrschaft über Christus antragen. So singen sie denn in einem Lied: „Bitte den Vater, befiehl dem Sohn!" Es liegt offen am Tag, daß nichts dergleichen von Gott ausgegangen ist. Und die heilige Jungfrau selbst weist das alles mit einem Wort zurück, indem sie alle ihre Ehre in Gottes Gaben sucht. Denn wenn sie nur in dieser einen Hinsicht gefeiert werden kann, daß nämlich Gott Großes an ihr getan hat, dann bleibt für all die erdichteten Titel, die sich anderswoher einge­schlichen haben, kein Raum mehr. Man denke doch: nichts ist Maria gegenüber frevelhafter, als wenn dem Sohn Gottes entrissen wird, was ihm zusteht, wäh­rend man sie mit der unheiligen Beute umkleidet. Aber ausgerechnet die Papisten waren es, die uns Ungerechtigkeit gegenüber der Mutter Christi vorwarfen, während wir nur Menschenlügen zurückweisen und Gottes Wohltaten an ihr preisen. Aber was an ihr, wie wir zugestehen, am meisten geehrt werden sollte, das verdrehen sie ab ihre verkehrten Verehrer. Wir nehmen sie gern ab unsere Lehrmeisterin und gehorchen ihrer Lehre und ihrem Beispiel. Das aber setzen jene hintenan und verachten es. So verweigern die Papisten ihren Worten den Glauben. Wir aber wollen nicht vergessen, daß beim Loben von Engeln wie von Menschen für uns alle diese eine Regel gilt, daß die Gnade Gottes in ihnen gepriesen werde; nur was aus dieser Quelle stammt, ist doch des Lobes wert. Maria fügt hinzu (V. 49): „Er hat große Dinge an mir getan, der da mächtig ist.“ Das will besagen: Gott habe keiner fremden Hilfe bedurft. Seine Macht allein müsse in allem die Ehre haben. Hier muß man noch einmal bedenken, was sie vorher gesagt hat: daß nämlich Gott sie angesehen hat, obwohl sie gewöhnlich und niedrig war. Folglich ist jedes Lob Marias töricht und verkehrt, das nicht auf die Verherrlichung der Macht und freien Gnade Gottes hinzielt. „Und heilig ist sein Name.“ Mit diesen Worten, die nicht nur als Anhängsel des vorigen Satzes zu lesen sind („dessen Name heilig ist"), beginnt der zweite Teil des Liedes, in dem die Jungfrau Gottes Kraft, Gerechtigkeit und Barmherzigkeit im allgemeinen preist. Maria hatte die erfahrene Gnade gerühmt. Davon ausgehend, nimmt sie jetzt Gelegenheit, laut zu bezeugen: sein Name ist heilig, und „seine Barmherzigkeit währet immer für und für“ (V. 50). Der Name Gottes wird heilig genannt, weil ihm die höchste Ehrerbietung zukommt. Sooft wir von Gott reden, muß uns seine anbetungswürdige Majestät vor Augen stehen. Das nun folgende Lob seiner ewigen Barmherzigkeit ist den feierlichen Worten des Bundes Gottes mit Israel entlehnt (1. Mose 17,5; 5. Mose 7,9): „Ich bin dein Gott und deines Samens nach dir"; „Ich bin der Herr, dein Gott, der Bund und Barmherzigkeit hält in tausend Glieder." In dieser Verheißung erklärt Gott nicht nur, daß er stets derselbe sein werde, sondern er erklärt auch, daß seine Gnade gegen die Seinen ewig währe. Gehen die Alten dahin, so umfängt er die Kinder und Enkel wie die ganze Nach­kommenschaft mit seiner Liebe. So hat er mit nimmermüder Liebe Abrahams Kinder umgeben, weil er ihren Vater Abraham einmal zu Gnaden angenommen und einen ewigen Bund mit ihm aufgerichtet hatte. Da aber nicht alle, die von Abraham kommen, wahre Kinder Abrahams sind, schränkt Maria die Kraft der Verheißung nur auf die rechten Anbeter Gottes ein, wie David sagt: „Die Gnade des Herrn währt von Ewigkeit zu Ewigkeit über die, die ihn fürchten, und seine Gerechtigkeit auf Kindeskind bei denen, die seinen Bund halten" (Ps. 103, 7). Die Verheißung Gottes, die den Kindern der Gläubigen für alle Zeit Heil zusagt, ist also so gehalten, daß die Heuchler sich für ihr eitles Vertrauen nicht darauf berufen können. Entartete und vom Glauben und der Frömmigkeit der Väter abgefallene Kinder rühmen vergebens und ohne Recht, daß Gott ihr Vater sei. Durch die Einschränkung Marias wird daher die Torheit und das Selbstver­trauen solcher zurückgewiesen, die sich mit Unrecht, d. h. ohne wahren Glauben, der Gnade Gottes getrösten. Freilich leidet der Bund Gottes mit dem Samen Abrahams an sich keine Einschränkung; aber wie die vom Regen benetzten Steine doch nicht weich werden, so ist bei den Ungläubigen ihres Herzens Ver­härtung daran schuld, daß die Verheißung der Gerechtigkeit und des Heiles an ihnen keine Kraft beweist. Gort aber hat sich einen Samen übrigbehalten, damit seine Verheißung fest sei und nicht falle. Das gilt bei denen, „die ihn fürchten“. Unter dem Ausdruck wird alles zusammengefaßt, was zur Frömmigkeit, zum Gottesdienst und zum Glauben gehört. Hier liegt der Einwurf nahe: Weshalb wird Gott barmherzig genannt, wenn nur die ihn als solchen kennenlernen, die sich seiner Gnade wert erzeigen? Denn wenn er barmherzig ist über die, die ihn fürchten, so folgt doch daraus, daß die Frömmigkeit und das gute Gewissen der Menschen ihnen die Gnade Gottes erwerben, daß also die Menschen der Gnade Gottes mit ihren Verdiensten zuvorkommen. Indessen, ist das nicht auch Gnade, daß Gott den Kindern der Gläubigen Furcht und Ehrerbietung vor seiner Maje­stät einflößt? Im übrigen handelt es sich an unserer Stelle gar nicht um den Anfang seines Gnadenwerks, als ob er müßig vom Himmel her zusähe, ob einige der Gnade wert wären, sondern es soll nur den Heuchlern ihre falsche Sicherheit ausgetrieben werden, damit sie nicht denken, Gott sei ihnen verpflichtet, weil sie dem Fleisch nach Kinder von Gläubigen sind, während doch der Bund Gottes dahin zielt, immerdar in der Welt ein Volk zu haben, das ihm mit reinem Herzen dient.

V. 51. „Er übt Gewalt mit seinem Arm.“ Der Arm des Herrn steht hier gegen alle anderen Hilfsmittel; ebenso lesen wir Jes. 59, 16: „Er sieht, daß niemand da ist, und verwundert sich, daß niemand ins Mittel tritt. Darum hilft er sich selbst mit seinem Arm, und seine Gerechtigkeit steht ihm bei.“ Maria meint also, Gott habe genug an seiner Kraft, er bedürfe weder eines Gehilfen noch habe er jeman­den zur Hilfe gerufen. Was unmittelbar darauf gesagt ist von den Hoffärtigen, kann aus zwei Gründen hinzugefügt sein: einmal, weil die Stolzen nichts errei­chen, wenn sie sich wie Riesen gegen Gott erheben; dann, weil Gott seinen Arm nur zum Heil der Demütigen offenbart, während er die Hoffärtigen und An­maßenden erniedrigt, ganz in Übereinstimmung mit der Mahnung des Petrus (1. Petrus 5, 6): „Demütigt euch unter die gewaltige Hand Gottes.“ Man beachte die Redewendung: „Er zerstreut, die hoffartig sind“. Da die Hoffart und der Ehrgeiz der Stolzen grenzenlos und ihre Begierde unersättlich ist, entwerfen sie einen stolzen Plan nach dem anderen: sie bauen sozusagen an dem Turm von Babel. Nicht zufrieden damit, dieses oder jenes über ihre Kraft hinaus versucht zu haben, finden sie täglich neue Wege, verwegene Gedanken auszusinnen und auszuführen. Eine Weile schaut Gott schweigend vom Himmel her zu und lacht ihrer großartigen Anstrengungen; dann aber stürzt er ihre ganze Herrlichkeit mit einem Schlag, gerade wie wenn einer ein Haus niederlegt und die vorher fest untereinander verbundenen einzelnen Teile in alle Himmelsrichtungen zerstreut.

V. 52. „Er stößt die Gewaltigen vom Thron.“ Die Mächtigen werden vom Thron gestoßen, damit die Unbekannten und Geringen an ihren Platz kommen. So frohlockt Maria. Sie schreibt also der Vorsehung und den Gerichten Gottes zu, was die Welt Spiel des Zufalls nennt. Daß Gott unbeschränkte Macht besitzt, ist aber, wie wir wissen, nicht in dem Sinn aufzufassen, ab werfe er mit tyrannischer Willkür die Menschenkinder bald hierhin, bald dorthin. Vielmehr ist seine Herrschaft gerecht, und die besten Gründe leiten ihn in seinem Tun, auch wenn sie uns oft verborgen sind. Denn Gott handelt nicht aus Freude an Veränderungen, als höbe er zum Spiel einen Menschen in die Höhe, um ihn gleich nachher wieder fallen zu lassen, sondern die Verkehrtheit der Menschen bringt alles in Verwirrung, weil keiner das Verfügungsrecht Gottes über einen jeglichen anerkennen will. Vollends wer über die anderen hervorragt, behandelt oft nicht nur seinen Nächsten mit Verachtung und Grausamkeit, sondern stellt sich auch trotzig gegen Gott, dem er doch verdankt, was er ist. Damit wir also an Tat­sachen lernen, daß Gott über alles Hohe in der Welt erhaben ist und daß seine Herrschaft sich über die ganze Welt erstreckt, werden die einen hoch zu Ehren gebracht, die anderen aber von ihrem Thron heruntergesetzt oder fallen in jähem Sturz. Wenn wir sehen, wie die Herren dieser Erde in maßloser Selbstverblen­dung sich der Schwelgerei ergeben, wie sie sich im Obermut brüsten und vom Glück trunken sind, wundern wir uns nicht darüber, daß der Herr solche Un­dankbarkeit nicht ertragen kann und daß die, die er in die Höhe gehoben hat, daher meistens nicht lange in der Höhe bleiben. Außerdem blendet der Glanz der Könige und Herren die Augen der Leute, so daß nur wenige bedenken, daß über ihnen noch ein Gott in der Höhe wohnt. Trügen die Fürsten von Geburt an das Zepter und wären die irdischen Reiche von ewiger Dauer, dann möchte die Erkenntnis Gottes und seiner Vorsehung gar bald aus dem Gesichtskreis der Menschen verschwinden. Dadurch, daß der Herr die Demütigen erhöht und den Stolz der Welt zum Spott macht, gewöhnt er die Seinen, still und bescheiden ihren Weg zu gehen. Jetzt begreifen wir, weshalb Maria sagt, Gott stoße die Gewaltigen vom Thron und erhebe die Schwachen. Sie will nämlich zeigen, daß die Welt nicht durch den blinden Drang des Zufalls bewegt werde, sondern daß aller Wechsel, den wir sehen, unter der Vorsehung Gottes steht; daß Gott zu­gleich nach seiner wunderbaren Güte maßhält in seinen Gerichten, wenn wir glauben, daß durch dieselben die ganze Ordnung der Welt umgekehrt werde. Noch deutlicher geht dies aus den folgenden Worten hervor (V. 53): „Die Hungri­gen füllt er mit Gütern und läßt die Reichen leer“. Denn hieraus erkennen wir, daß Gott mit gutem Grund Veränderungen stattfinden läßt, da die Reichen und Mächtigen in ihrer Sattheit sich alles anmaßen und Gott nichts übriglassen. Deshalb müssen wir uns fleißig hüten, in guten Tagen uns nicht zu überheben. Hüten sollen wir uns auch davor, das Fleisch zu sehr zu pflegen, damit uns Gott nicht plötzlich nackt ausziehe. Den Gläubigen aber, die ihrer Bedürftigkeit ein­gedenk wie Hungernde zu Gott seufzen, fließt reicher Trost zu aus dieser Wahr­heit: Er füllt die Hungrigen mit Gütern. V. 54. „Er hilft seinem Diener Israel auf.“ In diesem letzten Teil ihres Liedes wendet Maria das zuvor im allgemeinen Gesagte auf ihre besondere Lage an. Der Gedanke ist, Gott habe jetzt die den Vätern geschehene Heilsverheißung erfüllt. In dem Ausdruck aufhelfen liegt ein schönes Bild: Der Zustand des Vol­kes war so heruntergekommen, daß nach dem äußeren Augenschein keine Hoff­nung auf Wiederherstellung war. Aber ihm wird aufgeholfen, weil Gottes aus­gereckte Hand den am Boden Liegenden aufrichtete. Der Gottesdienst war auf alle mögliche Weise verdorben, die öffentliche Predigt fast in allen Stücken entstellt, die Leitung der Kirche war mehr als unordentlich, schreckliche Roheit führte das Ruder. Die öffentlichen Zustände waren völlig aus den Fugen gegan­gen, Roms Krieger und Herodes hatten den Leib des Volkes wie wilde Tiere zerfleischt. Um so herrlicher war die Erneuerung, die man unter solchen zer­rütteten Verhältnissen doch nicht zu erhoffen wagte. Das Wort, das wir mit „Diener" übersetzen, bedeutet in der Grundsprache auch „Sohn"; doch scheint die entere Bedeutung an unserer Stelle passender zu sein. Israel heißt hier und häufig in der Schrift Gottes Knecht, weil Gott es unter seine Hausgenossen aufgenommen hatte.

„Er denkt der Barmherzigkeit.“ Maria gibt den Grund an, weshalb sich der Herr des dem Untergang nahen Volkes angenommen, oder besser: weshalb er das schon zusammengebrochene Volk aufgerichtet hat: er wollte durch diese Errettung einen Beweis seiner Barmherzigkeit liefern. Ausdrücklich erklärt sie, Gott habe der Barmherzigkeit gedacht, weil es so aussah, als habe er ihrer ver­gessen, da er zugab, daß sein Volk so jämmerlich zerschlagen wurde. In der Schrift werden an verschiedenen Stellen Gott Empfindungen zugeschrieben, wie sie die Menschen aus ihren Erfahrungen glauben entnehmen zu dürfen. So heißt es, daß Gott zürne oder gnädig sei. Weil jedoch der Menschengeist Gottes Erbarmen nur so weit begreift, als er es durch sein Wort bezeugt und anbietet, so erinnert Maria sich und die anderen an die Verheißungen und zeigt, wie Gott dieselben treu und beständig halte (V. 55). Wir könnten seiner väterlichen Güte gar nicht versichert sein, wenn nicht das Wort, durch das er sich uns verbunden hat, unseren Gedanken zu Hilfe käme und gleichsam als Bindeglied unser Heil unauflöslich mit der Güte Gottes verknüpfte: darum wird auch Gott in der Schrift gnädig und wahrhaftig genannt: In den Worten der Maria liegt auch der Gedanke, der Bund Gottes mit den Vätern sei ein Gnadenbund gewesen. Denn die grundlose Barmherzigkeit gilt ihr als Quelle des einst versprochenen Heils. Daraus sehen wir, daß Maria in der Schrift und ihrem rechten Verständnis wohl bewandert war. Wohl war die Erwartung des Messias damals allgemein, aber bei nur wenigen gründete sich der Glaube auf ein so klares Schriftverständnis.

V. 55. „Abraham und seinen Kindern ewiglich.“ Maria will nicht nur angeben, wer jene Väter waren, zu denen Gott geredet hat, sondern sie dehnt die Gültig­keit und Wirkung der Verheißung auf alle Nachkommen aus, soweit sie nur wahrer Same Abrahams sind. Daraus folgt, daß hier von dem feierlichen Bund die Rede ist, der mit Abraham und seinem Haus besonders geschlossen war. Denn die übrigen Verheißungen, die Abraham, Noah und anderen gegeben waren, bezogen: sich auf alle Völker ohne Unterschied. Wie nun viele, die nach dem Fleisch Abrahams Kinder waren, wegen ihres Unglaubens des Erbes beraubt und als entartete Kinder ausgestoßen wurden, so werden wir, die wir weiland Fremde waren, durch den Glauben dem Haus Abrahams eingepflanzt und als wahrer Same gerechnet. Wir lernen also ein Doppeltes: einmal, daß Gott zu den Vätern so geredet hat, daß sich die jenen dargereichte Gnade auch auf die Nach­kommen erstreckt; dann, daß durch den Glauben alle Völker an der Verheißung teilhaben, so daß die, die von Natur nicht vom Haus Abrahams waren, dennoch geistlich seine Kinder sind. Der kurze Inhalt der Geschichte ist, daß Gott die Geburt des Johannes durch mannigfaltige Wunder auszeichnete, die etwas Großes und Außerordentliches von dem Kind in Zukunft erwarten ließen. Denn der Herr wollte ihn von Kin­desbeinen an mit besonderen Kennzeichen versehen, damit er nicht später als ein Unbekannter, ab ein Mensch wie jeder andere, in das Amt des Propheten eintrete. Lukas erzählt zunächst, Maria sei drei Monate bei ihrer Verwandten geblieben, nämlich bis an den Tag der Geburt des Kindes. Sie hat wohl nur deshalb so lange verweilt, damit sie mit ihren Augen die Gnade Gottes sähe, von der der Engel mit ihr zur Stärkung ihres Glaubens gesprochen hatte.




Aus: Johannes Calvins Auslegung der Evangelien-Harmonie. 1. Teil, hrg. Otto Weber, Neukirchener Verlag, 1966, S. 33, 42ff.
Tod, wo ist dein Stachel? Totenreich, wo ist dein Sieg? 1Kor 15,55

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Beitragvon Joschie » 23.12.2010 08:22

Heiligabend - Lukas 2,1-14: Friede auf Erden
von Johannes Calvin
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"...Die Engel reden nicht von dem äußeren Frieden der Men­schen untereinander, sondern dann ist Friede auf Erden, wenn die Menschen mit Gott versöhnt sind und damit in ihrem Herzen Frieden haben."


Lukas 2,1-7
1 Es begab sich aber zu der Zeit, daß ein Gebot von dem Kaiser Augustus ausging, daß alle Welt geschätzt würde. 2 Und diese Schätzung war die allererste und geschah zu der Zeit, da Cyrenius Landpfleger in Syrien war. 3 Und jedermann ging, daß er sich schätzen ließe, ein jeglicher in seine Stadt. 4 Da machte sich Josef aus Galiläa, aus der Stadt Nazareth, in das jüdische Land zur Stadt Davids, die da heißt Bethlehem, darum daß er von dem Hause und Geschlecht Davids war, 5 auf daß er sich schätzen ließe mit Maria, seinem vertrauten Weibe, die war schwanger. 6 Und als sie daselbst waren, kam die Zeit daß sie gebären sollte. 7 Und sie gebar ihren ersten Sohn und wickelte ihn in Windeln und legte ihn in eine Krippe; denn sie hatten sonst keinen Raum in der Herberge.


Lukas erzählt, wie es kam, daß Christus in Bethlehem geboren wurde, obwohl Maria bis kurz vor der Geburt an einem anderen Ort wohnte. Er schließt zu­nächst jede menschliche Überlegung aus, da er sagt, Joseph und Maria hätten ihr Haus verlassen und wären nach Bethlehem gezogen, um sich als Glieder des Hauses David in die Bürgerlisten eintragen zu lassen. Wären sie aber von ihrer Stadt weggezogen zu dem Zweck, daß Maria in Bethlehem gebären sollte, so hätten wir es mit einem Plan von Menschen zu tun; jetzt aber, da sie nichts an­deres bewog als der Gehorsam gegen den Befehl des Augustus, sehen wir deutlich, daß sie wie Blinde von Gottes Hand dahin geleitet wurden, wo Christus geboren werden mußte. Zwar scheint das alles ein Zufall zu sein, wie ja die Ungläubigen alles, was nicht durch den Willen der Menschen bestimmt wird, dem Zufall zuschreiben. Aber wir dürfen nicht nur auf die nackten Tatsachen achten, wir müssen uns vielmehr dabei dessen erinnern, was Jahrhunderte vorher von den Propheten geweissagt ist. Aus der Zusammenstellung der Tatsachen und der Weissagungen wird sich klar ergeben, daß die damalige Volkszählung nicht ohne die wunderbare Vorsehung Gottes von dem Kaiser befohlen wurde und daß Joseph und Maria von Hause fortziehen mußten, um zur rechten Zeit in Bethle­hem zu sein. Aus solchen Fällen erkennen wir, daß Gottes Knechte das Wozu und Warum ihres Weges zuweilen selbst nicht wissen, aber doch auf dem rechten Weg bleiben, weil Gott ihren Fuß regiert. Die wunderbare Vorsehung Gottes tritt nicht weniger darin zutage, daß das Gebot eines Gewaltherrschers Maria von Hause wegtrieb, damit die Verheißung sich erfülle. Gott hatte den Geburtsort seines Sohnes durch den Propheten vorher bezeichnet. Wäre Maria nicht gezwungen worden, hätte sie sicherlich zu Hause das Ereignis abgewartet. Augustus befiehlt, daß in Judäa Volkszählung stattfinde und daß ein jeder sich einschreiben lasse, damit er dem Kaiser die jährliche Abgabe zahle, die sie früher Gott zu geben pflegten. Der heidnische Mann beansprucht also für sich, was Gott immer von seinem Volk gefordert hatte. Es war gerade, als hätte er sich von nun an die Ju­den völlig dienstbar machen und ihnen wehren wollen, forthin als Gottes Volk zu zählen. Da, als die Not aufs höchste gestiegen ist und es den Anschein hat, als sollten die Juden nun völlig der Herrschaft Gottes entzogen werden, sendet Gott nicht nur mit einemmal und gegen aller Erwarten das Heilmittel, sondern er bedient sich sogar dieser heidnischen Gewaltherrschaft, um sein Volk zu erlö­sen. Denn der mit der Ausführung des Befehls betraute kaiserliche Landpfleger ist, ohne es selbst zu ahnen, Gottes Herold, der Maria an den ihr von Gott be­stimmten Ort rufen muß. Alles, was Lukas hier erzählt, soll die Gläubigen erken­nen lehren, daß Christus von Geburt an unter der unmittelbaren Leitung Gottes gestanden hat. Die Gewißheit unseres Glaubens empfängt eine mächtige Stütze dadurch, daß wir sehen, wie Maria, ohne es selbst zu wollen und zu erwarten, nach Bethlehem gebracht wurde, damit von dort der Erretter seinen Ausgang habe, ganz wie einst verheißen war.

V. 1. „Daß alle Welt geschätzt würde.“ Der Ausdruck „alle Welt", der ganze Erdkreis, ist eine bei den römischen Schriftstellern sehr beliebte und gebräuchliche Redewendung, hat also nichts Befremdendes an sich. Die erwähnte Steuer wird alle Provinzen getroffen haben, damit sie eben als allgemeine erträglicher wäre und weniger Haß erregte. Die Art und Höhe der Auflage ist vielleicht verschie­den gewesen. Daß es die erste Schätzung war, erkläre ich so, daß den Juden als völlig Unterworfenen damals ein neues, ungewohntes Joch aufgehalst wurde. Einige Schwierigkeiten bereitet die Angabe des Lukas in V. 2. Der jüdische Schriftsteller Josephus berichtet nämlich, Cyrenius sei nach der Verbannung des Königs Archelaus als Statthalter gesandt worden, um Judäa mit der Provinz Syrien zu vereinigen. Da nun Archelaus nach dem Tod seines Vaters Herodes neun Jahre regiert hat, mußte die Schätzung etwa 13 Jahre nach Christi Geburt stattgefunden haben. An einer anderen Stelle erzählt derselbe Josephus, die Schätzung sei 37 Jahre nach der Schlacht bei Aktium gehalten worden, also etwa im Jahre 5 unserer Zeitrechnung. Für die Bestimmung des Alters Christi würde daraus folgen, daß es acht bis neun Jahre weniger betragen hätte, als sonst be­zeugt wird. Da aber das Lebensalter Christi von jeher feststeht, läßt sich wohl annehmen, daß sich Josephus in diesen Angaben wie auch sonst an manchen Stel­len geirrt hat. Vielleicht läßt sich die Schwierigkeit auch auf eine andere Weise lösen, nämlich durch die Annahme, daß man die Schätzung nicht gleich durchfüh­ren konnte, als sie befohlen war; denn Josephus erzählt, daß der römische Feld­herr Cauponius mit einem Heer ausgeschickt worden sei, die Juden zum Gehor­sam zu zwingen. Die Schätzung wäre dann durch einen Aufruhr des Volks für einige Zeit verhindert worden. Die Worte des Evangelisten vertragen sich ganz wohl mit der Annahme, daß die Schätzung angeordnet wurde zur Zeit der Ge­burt Christi, ausgeführt hingegen wurde sie erst, als die politische Lage Judäas eine andere geworden und das Reich auf die Stufe einer römischen Provinz her­abgedrückt war. Der Satz des V. 2 wäre dann eine gleichsam in Klammern zugefügte Erklärung: diese erste Schätzung fand statt, wurde wirklich durchge­führt, als Cyrenius Statthalter war. Was schließlich die Frage angeht, wozu das Volk in die Steuerlisten eingetragen werden sollte, da es doch dem römischen Kaiser keinen Tribut zahlte, sondern zur Herrschaft des Herodes gehörte, so ist zu antworten, daß Herodes nur ein Knecht des Kaisers war; seine Herrschaft hinderte nicht, daß die Juden dem römischen Reich eine Kopfsteuer als Tribut bezahlten.

V. 7. „Sie hatten sonst keinen Raum in der Herberge.“ Hier sehen wir nicht nur die große Armut Josephs, sondern auch, mit welcher Härte der Befehl ge­handhabt wurde. Keine Entschuldigung wird angenommen: Joseph ist gezwun­gen, unter den ungünstigsten Umständen mit seiner schwangeren Frau zu reisen. Es ist aber auch denkbar, daß Nachkommen des königlichen Geschlechts härter und schlechter behandelt wurden als andere. Joseph müßte ganz gefühllos ge­wesen sein, wenn er nicht um die Gattin besorgt gewesen wäre; er würde gern die Reise unterlassen haben. Aber es ist unmöglich. Daher gehorcht er dem Zwang und befiehlt sich dem Herrn. Zugleich erkennen wir, wie der Eintritt des Sohnes Gottes in die Welt war und welche Wiege ihn umfing. Er ist in solcher Lage ge­boren worden, weil er unser Fleisch annahm, um sich für uns zu erniedrigen. In einen Stall hat man ihn gewiesen und in eine Krippe gelegt; unter den Menschen fand er keine Stätte, damit uns der Himmel offen wäre, nicht nur wie eine Her­berge, wo man im Vorübergehen einkehrt, sondern als unser ewiges Vaterhaus, als unser Erbteil für immerdar, und damit die Engel uns zu ihrer Gemeinschaft den Zugang gäben.

Lukas 2,8-14
8 Und es waren die Hirten in derselben Gebend auf dem Felde bei den Hürden, die hüteten des Nacht ihre Herde. 9 Und siehe, des Herrn Engel trat zu ihnen, und die Klarheit des Herrn leuchtete um sie; und sie fürchteten sich sehr. 10 Und der Engel sprach zu ihnen: Fürchtet euch nicht! Siehe, ich verkündige euch große Freude, die allem Volk widerfahren wird; 11 denn euch ist heute der Heiland geboren, welcher ist Christus, der Herr, in der Stadt Davids. 12 Und das habt zum Zeichen: ihr werdet finden das Kind in Windeln gewickelt und in einer Krippe liegend. 13 Und alsbald war da bei dem Engel die Menge der himmlischen Herrscharen, die lobten Gott und sprachen: 14 Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden und den Menschen ein Wohlgefallen.

V. 8. „Und es waren Hirten...:“ Daß Christus in Bethlehem geboren wurde, mußte der Welt bekannt werden. Die Weise jedoch, wie das geschah, paßt so, wie sie der Evangelist schildert, sehr wenig zu den Ansichten und dem Geschmack der Welt. Zunächst wurde Christus nur einigen wenigen Zeugen offenbar, und zwar in nächtlicher Verborgenheit. Ferner, obwohl Gott viele angesehene und geehrte Zeugen zur Hand hatte, überging er sie alle und erwählte allein die Hirten, die doch wenig Ansehen bei den Leuten besaßen. Hier muß wohl die Vernunft und Weisheit des Fleisches zunichte werden, und wir sollen bekennen, daß die gött­liche Torheit weiser ist, als die Menschen sind (1. Kor. 1,25). Aber auch dies ge­hörte zur Erniedrigung Christi; nicht als ob seine Herrlichkeit dadurch Einbuße erlitten hätte; sie sollte nur eine Zeitlang verborgen bleiben. Es ist eben so, wie Paulus 1. Kor. 2,4 bezeugt, daß das Evangelium dem Fleisch nach unscheinbar und wenig geachtet ist, damit unser Glaube seinen Grund in der Kraft des Geistes habe, nicht in hohen Worten menschlicher Weisheit oder in sichtbarer Herrlich­keit. So hat Gott diesen unvergleichlichen Schatz von Anfang an in irdenen Ge­fäßen verborgen, damit er um so besser den Gehorsam unseres Glaubens er­probte. Wollen wir also zu Christus kommen, darf es uns nicht verdrießen, denen zu folgen, die Gott zur Beschämung menschlichen Hochmuts von den Herden wegnahm und zu Lehrern einsetzte.

V. 9. „Des Herrn Engel trat zu ihnen.“ Lukas erzählt, die Herrlichkeit des Herrn habe die Hirten umleuchtet; daran sollten sie den Engel erkennen. Die von dem Evangelisten berichteten Worte des Engels würden wenig Eindruck auf sie gemacht haben, wenn nicht Gott durch ein sichtbares Zeichen bezeugt hätte, daß das, was sie hörten, von ihm selber ausging. Darum erschien ihnen der Engel nicht in der Gestalt irgendeines Menschen oder in unscheinbarer Hülle, sondern ange­tan mit dem Glanz himmlischer Herrlichkeit, um die Herzen der Hirten zu be­wegen, daß sie die Botschaft geradeso aufnehmen sollten, als hätte Gott sie ihnen mit eigenem Mund verkündigt. Daher überfiel die Hirten Furcht. Durch solche Furcht pflegt Gott Menschenherzen zu demütigen, damit sie seinem Wort Aufmerksamkeit verschaffe.

V. 10. „Fürchtet euch nicht.“ Diese Ermahnung soll die Furcht wegnehmen. So heilsam es für uns ist, von Furcht erfüllt zu werden, damit wir lernen, Gott seine Ehre zu geben, so bedürfen wir doch zugleich des Trostes, damit wir nicht ganz verzweifeln. Denn vor Gottes Majestät muß die ganze Welt verzagen und sich entsetzen, wenn er nicht selbst durch seine Güte ihre schreckenerregende Gewalt lindert. Deshalb stürzen die Gottlosen beim Anblick Gottes besinnungslos zu­sammen, weil sie ihn nur als den Richter erblicken. Der Engel hingegen bezeugt den Hirten zu ihrem Trost, er sei zu einem anderen Zweck zu ihnen gesandt, nämlich als Bote der Barmherzigkeit Gottes. Und dieses eine Wort hören zu dürfen: Gott ist uns gnädig - das richtet Zusammengesunkene wieder auf, ja bringt Verlorene wieder zurecht und ruft vom Tod zurück ins Leben. Der Engel sagt zuerst, er verkündige „große Freude“. Danach gibt er den Gegenstand der Freude an: „Euch ist der Heiland geboren“. Hieraus lernen wir, daß alle unsere Freuden Eitelkeit und Betrug sind, solange wir nicht mit Gott Frieden haben und durch Christi Gnade mit ihm versöhnt sind. Die Ungläubigen zwar jauchzen oft in ihrer trunkenen, ausgelassenen Freude; aber wenn nicht zwischen ihnen und Gott der Friedensstifter stünde, müßten sie von den verborgenen Stacheln des Gewissens elend gepeinigt werden. Ja mehr noch, sie mögen sich noch so sehr in Vergnügen gehenlassen und sich selbst betrügen, so sind doch alle ihre Begier­den für sie ebenso viele Plagen. Das ist aber der Anfang der wahren Freude, die väterliche Liebe Gottes gegen uns zu erkennen, die allein unsere Herzen stillt. Diese Freude erwächst durch den Heiligen Geist, und in ihr besteht das Reich Gottes, wie Paulus Römer 14, 17 zeigt. Die Freude wird „groß“ genannt, damit wir wissen, daß wir uns nicht nur in erster Linie am Heil freuen sollen, das uns in Christus dargereicht ist, sondern daß dieses Gut so groß und unbeschreiblich ist, daß es alle Schmerzen, Beschwerden und Ängste der Gegenwart aufwiegt. Daher müssen wir suchen, an Christus allein so unser Genüge zu haben, daß die Erfah­rung seiner Gnade alle Beschwerden des Fleisches überwindet, ja ihnen schließlich alle Bitterkeit nimmt.
„Die allem Volk widerfahren wird.“ Obgleich der Engel nur die Hirten anredet, gibt er doch zu verstehen, daß seine Heilsbotschaft nicht nur sie angeht, sondern daß auch andere sie hören werden. Dem ganzen Volk widerfuhr Freude, weil sie allen ohne Unterschied angeboten wurde. Denn dem ganzen Samen Abrahams, nicht diesem oder jenem einzelnen, hatte Gott Christus verheißen. Daß aber die Juden in ihrer Mehrzahl der ihnen zugedachten Freude beraubt wurden, geschah wegen ihres Unglaubens. Es ging damals wie heute: Gott lädt alle miteinander durch das Evangelium zum Heil ein, aber die Undankbarkeit der Welt bewirkt, daß nur wenige diese allen angebotene Gnade genießen. Obgleich sich also jene Freude auf wenige beschränkte, ist sie doch, von Gott her gesehen, eine allgemeine Freude. Freilich redet der Engel zunächst lediglich von dem auserwählten Volk, aber nachdem heute die Scheidewand gefallen ist, geht seine Sendung das ganze Menschengeschlecht an. Denn Christus verkündigt Frieden denen, die nahe sind, und denen, die ferne sind, den Fremden und den Hausgenossen (Eph. 2,17). Da jedoch der besondere Bund Gottes mit den Juden bis zur Auferstehung Christi währte, macht der Engel noch einen Unterschied zwischen ihnen und den übrigen Völkern.

V. 11. „Euch ist heute der Heiland geboren.“ Hier wird die Ursache der Freude genannt: der einst verheißene Erlöser ist euch geboren, der Erneuerer der Ge­meinde Gottes. Die Botschaft des Engels betrifft nicht eine neue, unerhörte Sache, sondern er kann sein Wort auf Gesetz und Propheten stützen. Hätte er mit Hei­den zu tun gehabt, wäre es verlorene Mühe gewesen, ihnen zu sagen: Christus, der Herr, ist euch als Heiland geboren. Ebendeshalb erwähnt er auch, er sei „in der Stadt Davids“ geboren. Dies hatte nur dann einen Zweck, wenn er die Erinnerung an die allen Juden bekannten Verheißungen dadurch aufwecken konnte. Kurzum, der Engel paßt sein Wort den Zuhörern an, die mit der verhei­ßenen Erlösung wohlbekannt waren; seine frohe Botschaft knüpft er an die Lehre des Gesetzes und der Propheten. Christus heißt Heiland, weil er in Wahrheit und vollkömmlich Bringer des Heils ist. Auch das „euch“ ist bedeutungsvoll: nur dann hatten die Hörer wirklich etwas von der Kunde: der Urheber des Heils ist ge­boren, wenn jeder dieses auf sich persönlich beziehen durfte. So lesen wir auch Jes. 9,5: „Uns ist ein Kind geboren, ein Sohn ist uns gegeben", und ebenso Sach. 9,9: „Siehe, dein König kommt zu dir."

V. 12. „Und das habt zum Zeichen.“ Der Engel beugt einem Anstoß vor, der dem Glauben der Hirten leicht hätte hinderlich werden können. War es denn nicht wie ein Spott, den in einer Krippe liegen zu sehen, der als König und allei­niger Retter von Gott gesandt war? Damit nun Christi Niedrigkeit und Armut die Hirten im Glauben nicht hindern, sagt ihnen der Engel voraus, was sie er­blicken würden. Das ist eben die Weise, wie der Herr jeden Tag mit uns verfährt, mag auch die menschliche Vernunft sich daran ärgern und darüber lachen. Durch das Wort des Evangeliums vom Himmel her gebietet er uns, den gekreuzigten Christus zu umfassen, und irdische, vergängliche Speise hält er uns vor als Zei­chen der seligen, unvergänglichen Herrlichkeit. Er hat uns eine geistliche Gerech­tigkeit versprochen, und ein wenig Wasser stellt er uns vor Augen; mit einem Stück Brot und einem Tropfen Wein versiegelt er der Seele das verheißene ewige Leben. Wenn also die Hirten sich durch den Stall nicht aufhalten ließen, bei Christus Heil zu suchen und sich der Herrschaft des eben Geborenen zu unterwerfen, dann darf auch heute kein noch so unscheinbares Zeichen uns seine Herr­lichkeit verdunkeln und uns hindern, ihn jetzt, nachdem er in den Himmel auf­gefahren ist und zur Rechten des Vaters sitzt, demütig anzubeten.

V. 13. „Und alsbald war da die Menge der himmlischen Heerscharen.“ Die Hirten hatten bereits an dem einen Engel die Zeichen des göttlichen Glanzes ge­sehen; aber Gott wollte seinen Sohn noch höher ehren, und zwar nicht weniger zu unserer Stärkung als zur Stärkung der Hirten. Bei uns Menschen genügt das Zeugnis zweier oder dreier Zeugen, um alle Bedenken schwinden zu lassen; hier gibt das ganze himmlische Heer einstimmig Zeugnis für den Herrn. Welche Verstocktheit, welcher Trotz würde es sein, wenn wir nicht in den Ruhm der Engel einstimmen wollten, die alle miteinander singen, daß in Christus unser Heil ruht? Wie muß Gott dann aber auch den Unglauben hassen, der diese lieb­liche Harmonie des Himmels und der Erde stört! Wir müßten ja stumpfer und un­empfänglicher sein als Tiere, wenn der Lobgesang, den die Engel uns vorgesungen haben, nicht unseren Glauben befestigte und das eifrige Verlangen entzündete, Gott zu loben! Dies einhellige Lied der himmlischen Heerscharen soll uns endlich ermahnen, die Einheit des Glaubens zu pflegen und mit rechter Einigkeit des Herrn Lob auf Erden zu besingen.

V. 14. „Ehre sei Gott in der Höhe.“ Mit Danksagung, mit Lobpreis Gottes be­ginnen die Engel, wie denn auch die Schrift überall erklärt, wir seien dazu vom Tod erkauft, damit wir durch Wort und Werk unsere Dankbarkeit gegen Gott bezeu­gen. Gott versöhnte uns mit sich durch den eingeborenen Sohn, um durch diese Offenbarung des Reichtums seiner Gnade und Barmherzigkeit seinen Namen zu verherrlichen. In demselben Maß also, wie wir heute aus der Erkenntnis der Gnade die Aufforderung heraushören, Gott zu rühmen, in demselben Maß sind wir gewachsen im Glauben an Christus. Ja sooft unsere Rettung erwähnt wird, sollen wir wissen, daß uns gleichsam ein Zeichen gegeben wird, Gott Dank und Lob zu bringen.
„Friede auf Erden.“ Die Engel reden nicht von dem äußeren Frieden der Men­schen untereinander, sondern dann ist Friede auf Erden, wenn die Menschen mit Gott versöhnt sind und damit in ihrem Herzen Frieden haben. Als Kinder des Zorns werden wir geboren und sind Feinde Gottes von Natur. Solange wir aber Gott gegen uns wissen, müssen wir von schrecklicher Unruhe gepeinigt werden. Die kurze und deutliche Erklärung dessen, was Friede heißt, ergibt sich uns also, wenn wir vom Gegenteil ausgehen, nämlich von dem Zorn Gottes und den Schrecken des Todes. So bezieht sich dieser Friede sowohl auf Gott wie auf die Menschen. Denn nicht eher haben wir Frieden mit Gott, als bis er durch Aus­streichen der Schuld und Nichtanrechnung der Sünde anfängt, uns gnädig zu sein, und bis wir, in seiner Vatergüte ruhend, mit gewisser Zuversicht ihn anrufen und freimütig uns des verheißenen Heils rühmen. Obwohl an anderer Stelle (Hiob 7,10) das Leben des Menschen auf Erden ein beständiger Kriegsdienst genannt wird und die Erfahrung zeigt, daß es nichts Unruhigeres gibt als unser Leben in dieser Welt, so verkünden die Engel doch ausdrücklich das „Friede auf Erden“, um uns zu bezeugen, daß keine Unruhe uns hindern soll, stillen und ruhigen Geistes zu sein, solange wir auf Christi Gnade trauen. Mitten im Sturm der Versuchungen, unter allerlei Gefahren, unter heftigen Erschütterungen, in Kampf und Schrecken behauptet dieser Friede seinen Platz, damit unser Glaube nicht irgendwelchen Schlägen unterliege und ins Wanken gerate.
„Den Menschen ein Wohlgefallen.“ Wenn man der alten Lesart der lateinischen Bibel folgt: Friede auf Erden „an den Menschen des Wohlgefallens", die indes nicht richtig sein dürfte, so darf man doch keinesfalls übersetzen: „an den Men­schen, die guten Willens sind". Das wäre eine vollkommene Entstellung des Sin­nes. Denn ohne Zweifel ist von Gottes Wohlgefallen die Rede, und der Satz gibt die Quelle des Friedens an, von dem die Engel geredet haben, damit wir wissen, daß jener Friede ganz allein aus dem lauteren Erbarmen, aus dem Wohlgefallen Gottes stammt.


Aus: Calvin, Auslegung der Heiligen Schrift, Die Evangelienharmonie 1. Teil, Neunkirchener Verlag 1966, S. 72ff.
Tod, wo ist dein Stachel? Totenreich, wo ist dein Sieg? 1Kor 15,55

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Beitragvon Joschie » 28.12.2010 18:47

1. Weihnachtstag - Lukas 2,1-20: Die wunderbare Vorsehung Gottes
von Johannes Calvin


"... Aber wir dürfen nicht nur auf die nackten Tatsachen achten, wir müssen uns vielmehr dabei dessen erinnern, was Jahrhunderte vorher von den Propheten geweissagt ist."


Lukas 2,1 Es begab sich aber zu der Zeit, daß ein Gebot von dem Kaiser Augustus ausging, daß alle Welt geschätzt würde.

Lukas erzählt, wie es kam, daß Christus in Bethlehem geboren wurde, obwohl Maria bis kurz vor der Geburt an einem anderen Ort wohnte. Er schließt zu­nächst jede menschliche Überlegung aus, da er sagt, Joseph und Maria hätten ihr Haus verlassen und wären nach Bethlehem gezogen, um sich als Glieder des Hauses David in die Bürgerlisten eintragen zu lassen. Wären sie aber von ihrer Stadt weggezogen zu dem Zweck, daß Maria in Bethlehem gebären sollte, so hätten wir es mit einem Plan von Menschen zu tun; jetzt aber, da sie nichts an­deres bewog als der Gehorsam gegen den Befehl des Augustus, sehen wir deutlich, daß sie wie Blinde von Gottes Hand dahin geleitet wurden, wo Christus geboren werden mußte. Zwar scheint das alles ein Zufall zu sein, wie ja die Ungläubigen alles, was nicht durch den Willen der Menschen bestimmt wird, dem Zufall zuschreiben. Aber wir dürfen nicht nur auf die nackten Tatsachen achten, wir müssen uns vielmehr dabei dessen erinnern, was Jahrhunderte vorher von den Propheten geweissagt ist. Aus der Zusammenstellung der Tatsachen und der Weissagungen wird sich klar ergeben, daß die damalige Volkszählung nicht ohne die wunderbare Vorsehung Gottes von dem Kaiser befohlen wurde und daß Joseph und Maria von Hause fortziehen mußten, um zur rechten Zeit in Bethle­hem zu sein. Aus solchen Fällen erkennen wir, daß Gottes Knechte, das Wozu und Warum ihres Weges zuweilen selbst nicht wissen, aber doch auf dem rechten Weg bleiben, weil Gott ihren Fuß regiert. Die wunderbare Vorsehung Gottes tritt nicht weniger darin zutage, daß das Gebot eines Gewaltherrschers Maria von Hause wegtrieb, damit die Verheißung sich erfülle. Gott hatte den Geburtsort seines Sohnes durch den Propheten vorher bezeichnet. Wäre Maria nicht gezwungen worden, hätte sie sicherlich zu Hause das Ereignis abgewartet. Augustus befiehlt, daß in Judäa Volkszählung stattfinde und daß ein jeder sich einschreiben lasse, damit er dem Kaiser die jährliche Abgabe zahle, die sie früher Gott zu geben pflegten. Der heidnische Mann beansprucht also für sich, was Gott immer von seinem Volk gefordert hatte. Es war gerade, als hätte er sich von nun an die Ju­den völlig dienstbar machen und ihnen wehren wollen, forthin als Gottes Volk zu zählen. Da, als die Not aufs höchste gestiegen ist und es den Anschein hat, als sollten die Juden nun völlig der Herrschaft Gottes entzogen werden, sendet Gott nicht nur mit einemmal und gegen aller Erwarten das Heilmittel, sondern er bedient sich sogar dieser heidnischen Gewaltherrschaft, um sein Volk zu erlö­sen. Denn der mit der Ausführung des Befehls betraute kaiserliche Landpfleger ist, ohne es selbst zu ahnen, Gottes Herold, der Maria an den ihr von Gott be­stimmten Ort rufen muß. Alles, was Lukas hier erzählt, soll die Gläubigen erken­nen lehren, daß Christus von Geburt an unter der unmittelbaren Leitung Gottes gestanden hat. Die Gewißheit unseres Glaubens empfängt eine mächtige Stütze dadurch, daß wir sehen, wie Maria, ohne es selbst zu wollen und zu erwarten, nach Bethlehem gebracht wurde, damit von dort der Erretter seinen Ausgang habe, ganz wie einst verheißen war.

V. 1. „Daß alle Welt geschätzt würde.“ Der Ausdruck „alle Welt", der ganze Erdkreis, ist eine bei den römischen Schriftstellern sehr beliebte und gebräuchliche Redewendung, hat also nichts Befremdendes an sich. Die erwähnte Steuer wird alle Provinzen getroffen haben, damit sie eben als allgemeine erträglicher wäre und weniger Haß erregte. Die Art und Höhe der Auflage ist vielleicht verschie­den gewesen. Daß es die erste Schätzung war, erkläre ich so, daß den Juden als völlig Unterworfenen damals ein neues, ungewohntes Joch aufgehalst wurde. Einige Schwierigkeiten bereitet die Angabe des Lukas in V. 2. Der jüdische Schriftsteller Josephus berichtet nämlich, Cyrenius sei nach der Verbannung des Königs Archelaus als Statthalter gesandt worden, um Judäa mit der Provinz Syrien zu vereinigen. Da nun Archelaus nach dem Tod seines Vaters Herodes neun Jahre regiert hat, mußte die Schätzung etwa 13 Jahre nach Christi Geburt stattgefunden haben. An einer anderen Stelle erzählt derselbe Josephus, die Schätzung sei 37 Jahre nach der Schlacht bei Aktium gehalten worden, also etwa im Jahre 5 unserer Zeitrechnung. Für die Bestimmung des Alters Christi würde daraus folgen, daß es acht bis neun Jahre weniger betragen hätte, als sonst be­zeugt wird. Da aber das Lebensalter Christi von jeher feststeht, läßt sich wohl annehmen, daß sich Josephus in diesen Angaben wie auch sonst an manchen Stel­len geirrt hat. Vielleicht läßt sich die Schwierigkeit auch auf eine andere Weise lösen, nämlich durch die Annahme, daß man die Schätzung nicht gleich durchfüh­ren konnte, als sie befohlen war; denn Josephus erzählt, daß der römische Feld­herr Cauponius mit einem Heer ausgeschickt worden sei, die Juden zum Gehor­sam zu zwingen. Die Schätzung wäre dann durch einen Aufruhr des Volks für einige Zeit verhindert worden. Die Worte des Evangelisten vertragen sich ganz wohl mit der Annahme, daß die Schätzung angeordnet wurde zur Zeit der Ge­burt Christi, ausgeführt hingegen wurde sie erst, als die politische Lage Judäas eine andere geworden und das Reich auf die Stufe einer römischen Provinz her­abgedrückt war. Der Satz des V. 2 wäre dann eine gleichsam in Klammern zugefügte Erklärung: diese erste Schätzung fand statt, wurde wirklich durchge­führt, als Cyrenius Statthalter war. Was schließlich die Frage angeht, wozu das Volk in die Steuerlisten eingetragen werden sollte, da es doch dem römischen Kaiser keinen Tribut zahlte, sondern zur Herrschaft des Herodes gehörte, so ist zu antworten, daß Herodes nur ein Knecht des Kaisers war; seine Herrschaft hinderte nicht, daß die Juden dem römischen Reich eine Kopfsteuer als Tribut bezahlten.

V. 7. „Sie hatten sonst keinen Raum in der Herberge.“ Hier sehen wir nicht nur die große Armut Josephs, sondern auch, mit welcher Härte der Befehl ge­handhabt wurde. Keine Entschuldigung wird angenommen: Joseph ist gezwun­gen, unter den ungünstigsten Umständen mit seiner schwangeren Frau zu reisen. Es ist aber auch denkbar, daß Nachkommen des königlichen Geschlechts härter und schlechter behandelt wurden als andere. Joseph müßte ganz gefühllos ge­wesen sein, wenn er nicht um die Gattin besorgt gewesen wäre; er würde gern die Reise unterlassen haben. Aber es ist unmöglich. Daher gehorcht er dem Zwang

Lukas 2,15-21
15 Und da die Engel von ihnen gen Himmel fuhren, sprachen die Hirten unter- einander: Laßt uns nun gehen nach Bethlehem und die Geschichte sehen, die da geschehen ist, die uns der Herr kundgetan hat. 16 Und sie kamen eilend und fanden beide, Maria und Josef, dazu das Kind in der Krippe liegen. 17 Da sie es aber gesehen hatten, breiteten sie das Wort aus, welches zu ihnen von diesem Kinde gesagt war. 18 Und alle, vor die es kam, wunderten sich der Rede, die ihnen die Hirten gesagt hatten. 19 Maria aber behielt alle diese Worte und bewegte sie in ihrem Herzen. 20 Und die Hirten kehrten wieder um, priesen und lobten Gott um alles, was sie gehört und gesehen hatten, wie denn zu ihnen gesagt war. 21 Und da acht Tage um waren und man das Kind beschneiden mußte, da war sein Name genannt Jesus, wie er genannt war von dem Engel, ehe er im Mutterleibe empfangen ward.

V. 15. „Da die Engel von ihnen gen Himmel fuhren ...“: Der Gehorsam der Hirten wird uns hier beschrieben. Denn da der Herr sie der ganzen Welt zu Zeugen für seinen Sohn bestimmt hatte, ließ er das durch die Engel geredete Wort kräftig bei ihnen sein und verhinderte, daß es verwehte. Zwar war ihnen nicht ausdrücklich mit klaren Worten befohlen worden, nach Bethlehem zu gehen, aber sie verstehen sehr wohl, daß Gott diese Absicht mit ihnen hatte, und eilen daher, Christus zu sehen. So haben wir heute auch keine Entschuldi­gung, wenn wir zögern, im Glauben Christus zu nahen, weil wir wissen, daß er uns ebendazu gepredigt wird. Wenn Lukas erwähnt, daß die Hirten den Ent­schluß faßten zu gehen, als die Engel von ihnen geschieden waren, dann dürfen wir ja nicht leiden, daß Gottes Wort bei uns wie bei so manchen ein leerer Schall bleibe, sondern wir müssen es in uns lebendig Wurzel treiben und seine Kraft beweisen lassen, auch wenn das Ohr seinen Schall nicht mehr vernimmt. Beach­tenswert ist ferner, daß sie sich untereinander ermahnen. Denn es genügt nicht, daß jeder einzelne sich selbst antreibt. Wir brauchen die gegenseitige Ermunte­rung. Wie groß der Gehorsam der Hirten war, zeigt die Bemerkung des Evan­gelisten, sie wären eilend gegangen; auch von uns wird eine solche Bereitschaft des Glaubens erwartet.

„Die uns der Herr kundgetan hat.“ Ausdrücklich und mit Recht schreiben die Hirten Gott zu, was sie doch nur von dem Engel gehört hatten. Denn weil sie ihn als Gottes Diener erkennen, hat er bei ihnen dasselbe Ansehen, das dem Herrn zukäme, wenn er in Person redete. Hier sehen wir, weshalb uns der Herr so oft zu sich ruft: die Majestät seines Wortes soll eben nicht dadurch ver­bleichen, daß wir auf Menschen schauen. Die Hirten hätten es für Sünde gehalten, den ihnen gezeigten Schatz zu verachten; aus der ihnen mitgeteilten Erkenntnis folgern sie, daß sie nach Bethlehem eilen müssen, um zu sehen. So soll jeder von uns nach dem Maß seines Glaubens und seiner Erkenntnis bereit sein, dorthin zu folgen, wohin Gott ruft.

V. 16. „Und fanden beide.“ Ein ärmliches Bild bot sich den Hirten dar, das sie leicht an Christus irremachen konnte. Denn was kann es Widerspruchsvolleres geben als die Zumutung, den für den König eines ganzen Volkes zu halten, der ärmer ist als die Ärmsten im Volk, die Erneuerung des Reiches und das Heil von dem zu erhoffen, der so dürftig und gering ist, daß er in einem Stall wohnen muß? Dennoch schreibt Lukas, daß nichts von alledem die Hirten gehindert habe, Gott mit Bewunderung zu loben. Weil ihnen die Herrlichkeit Gottes unverrückt vor Augen stand und die Ehrfurcht vor seinem Wort ihrem Herzen tief einge­graben war, kommen sie in der Kraft ihres tiefgewurzelten Glaubens leicht hinweg über alles Geringe und der Vernunft Verächtliche, das sie an Jesus sahen. Wenn oft die kleinsten Ärgernisse unseren Glauben stören und vom rechten Weg ablenken, so liegt der Grund darin, daß wir zuwenig auf Gott schauen und darum bald hierhin, bald dorthin schwanken. Denn würde dieser eine Gedanke all unser Sinnen und Denken durchdringen, daß wir ein gewisses und wahr­haftiges Zeugnis vom Himmel her haben, dann hätten wir eine sichere Stütze gegen alle Versuchungen und wären gegen jedes Ärgernis trefflich gewappnet.

V. 17. „Sie breiteten das Wort aus.“ Der Evangelist lobt die Treue der Hirten, weil sie treulich anderen mitteilten, was sie von dem Herrn empfangen hatten; und für uns alle ist es gut, daß sie solches Zeugnis haben: denn nun helfen sie uns, fest zu sein im Glauben, gleichwie ihnen die Engel geholfen haben. Lukas berichtet ferner, sie hätten nicht ohne Erfolg das Gehörte ausgebreitet. Der Herr gab ihrem Wort Kraft, so daß es nicht verlacht und verschmäht wurde. Bei der niedrigen Lebensstellung der Männer hätte man an der Wahrheit des Gesagten zweifeln können, auch hatte die Sache selbst den Schein des Unmöglichen. Aber der Herr, der sich der Hirten hierin bedienen wollte, ließ ihr Wort nicht ver­geblich sein. Menschliches Urteil mag weniger befriedigt sein von dieser Weise des Herrn, sein Wort durch solche einfachen Männer zu verkündigen. Ihm selbst gefiel es so sowohl zur Demütigung fleischlichen Stolzes wie zur Selbstprüfung des Glaubensgehorsams. Wir lesen, daß sich zwar alle verwundenen, daß aber keiner einen Fuß rührte, um zu Christus zu eilen. Sie waren erstaunt über das, was sie von der Macht Gottes gehört hatten, ohne doch innerlich wirklich erfaßt zu sein. So diente die Verbreitung des Wortes der Hirten nicht zum Heil der Hörer, sondern dazu, die Unwissenheit des Volkes unentschuldbar zu machen.

V. 19. „Maria behielt alle diese Worte.“ Die Sorgsamkeit der Maria in der Betrachtung der Werke Gottes wird uns aus einem doppelten Grund vorge­halten: wir sollen zuerst danach trachten, daß ihr dieser Schatz zur Bewahrung anvertraut wurde, damit sie zur rechten Zeit anderen davon mitteile. Und zweitens haben alle Gläubigen an ihr ein Beispiel zur Nachfolge. Denn wenn wir weise sind, lassen wir es unsere erste Lebensaufgabe und unser vornehmstes Anliegen sein, fleißig den Werken Gottes nachzusinnen, die geschehen sind, unseren Glauben zu erbauen. Maria behielt die Worte der Hirten, das bezieht sich auf ihr Gedächtnis; und sie bewegte sie in ihrem Herzen, das bedeutet: sie erwog der Reihe nach alle Einzelheiten, die einhellig die Herrlichkeit Christi bezeugen. Denn hätte Maria nicht das eine mit dem anderen verglichen, würde sie gar nicht recht erkannt haben, welche Bedeutung das Ganze hatte.

V. 20. „Die Hirten priesen und lobten Gott.“ Auch dies dient mit zur Stärkung unseres Glaubens, daß die Hirten es ganz gewiß für das Werk Gottes hielten. Die Anerkennung, die ihr eifriger Lobpreis empfängt, enthält zugleich einen still­schweigenden Tadel unserer Trägheit oder - besser - unserer Undankbarkeit. Denn wenn Christus in seinen Windeln schon solchen Eindruck auf sie machte, daß sich ihr Herz vom Stall und von der Krippe zum Himmel erhob, wieviel gewaltiger muß uns Christus in seinem Tod und seiner Auferstehung sein und uns emportragen zu Gott! Christus ist ja nicht nur von der Erde aufgehoben, um alles nach sich zu ziehen, sondern er sitzt zur Rechten des Vaters, damit wir Erdenpilger von ganzem Herzen dem himmlischen Leben nachjagen. Lukas kennzeichnet die rechte Art der Frömmigkeit, indem er sagt, daß das Zeugnis des Engels für die Hirten in allen Stücken die bestimmende Regel gewesen sei. Dann erst hat unser Glaube an den Werken Gottes seine wahre Stütze, wenn er dieselben alle daraufhin betrachtet, daß aus ihnen die im Wort geoffenbarte Wahrheit Gottes besser erkannt werde.

V. 21. „Und man das Kindlein beschneiden mußte...“: Was grundsätzlich von der Beschneidung zu sagen ist, mögen die Leser in Gen. 17,10 suchen. Zur Frage der Beschneidung Christi kann ich mich kurz fassen. Gott wollte, daß sein Sohn beschnitten werde, um ihn dem Gesetz zu unterwerfen. Die Beschneidung war das feierliche Zeichen, das die Juden zum Gehorsam gegen das Gesetz verpflich­tete. Paulus erklärt (Gal. 4,4) den Zweck der Beschneidung Christi: er sei unter das Gesetz getan, damit er die, die unter dem Gesetz waren, erlöste. Durch Übernahme der Beschneidung bekannte sich Christus als Diener des Gesetzes, um uns die Freiheit zu erwerben. Freilich hängt das Aufhören der Gesetzes­knechtschaft erst an dem Tod und der Auferweckung Christi; aber es war doch der Anfang dieser Aufhebung, als sich der Sohn Gottes beschneiden ließ.

„Da ward sein Name genannt Jesus.“ Diese Stelle bezeugt, daß es bei den Juden Sitte war, ihren Kindern am Tag der Beschneidung den Namen zu geben, wie wir es heute am Tauftag zu tun pflegen. Zweierlei bemerkt der Evangelist: zuerst, daß dem Sohn Gottes der Name Jesus nicht zufällig oder nach mensch­lichem Willen gegeben ist, sondern weil ihn der Engel vom Himmel gebracht hat; und dann, daß Maria und Joseph dem Gebot Gottes gehorsam waren. Dann erst stimmen Wort Gottes und unser Glaube überein, wenn wir Gott zuerst reden lassen, bevor wir selbst reden. Seinen Verheißungen antwortet unser Glaube. Übrigens entnehmen wir dem Bericht des Lukas eine Empfehlung des Amtes, das das göttliche Wort predigt; das in dem Jesusnamen ausgedrückte Heil hat Gott zuerst zwar durch den Engel aussprechen lassen, dann aber ist es durch Gottes Gnade von den Menschen bezeugt worden.

Aus: Calvin, Auslegung der Heiligen Schrift, Die Evangelienharmonie 1. Teil, Neunkirchener Verlag 1966, S. 73.80ff.
Tod, wo ist dein Stachel? Totenreich, wo ist dein Sieg? 1Kor 15,55

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Beitragvon Joschie » 29.12.2010 20:10

2. Weihnachtstag - Joh 1,1-5.9-14: Gottes Wort als Lebensquelle für alle Kreaturen
von Johannes Calvin


"... Wenn Gottes Hauch die Welt nicht dauernd am Leben erhielte, müßte alles, was lebt, sofort vergehen und ins Nichts versinken."

1 Am Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott, und Gott war das Wort. 2 Dasselbe war im Anfang bei Gott. 3 Alle Dinge sind durch dasselbe gemacht, und ohne dasselbe ist nichts gemacht, was gemacht ist. 4 In ihm war das Leben, und das Leben war das Licht der Menschen. 5 Und das Licht scheint in der Finsternis, und die Finsternis hat`s nicht ergriffen.

V. 1. „Im Anfang war das Wort.“ Mit diesem ersten Satz verkündet Johannes die ewige Gottheit Christi, damit wir wissen, Gott, der sich offenbart hat im Fleisch, sei ewig. Ferner will er sagen: Die Erneuerung des Menschengeschlechts mußte geschehen durch den Sohn Gottes; denn durch seine Kraft ist alles geschaf­fen, er allein haucht allen Geschöpfen Dasein und Lebenskraft ein, daß sie bestehen und sind; und besonders im Menschen selbst hat er ein einzigartiges Beweisstück seiner Kraft ans Licht gegeben. Dazu hat er auch nach Adams Sturz und Fall dennoch nicht aufgehört, gegen seine Nachkommen gütig und gnädig zu sein.
Diese Lehre muß uns vor allen Dingen einsichtig sein. Denn da nur in Gott Leben und Heil zu suchen sind, wie sollte unser Glaube sich auf Christus stüt­zen, wenn nicht unumstößlich feststünde, was hier gelehrt wird? Der Evangelist bezeugt also mit diesen Worten, daß wir vom alleinigen und ewigen Gott nicht um Haaresbreite abweichen, wenn wir an Christus glauben, sodann, daß durch eines- und desselben Gnade, der schon zuvor Urquell des Lebens war, jetzt auch die Toten das Leben wiedererhalten. Dafür, daß er den Sohn Gottes das Leben nennt, scheint es mir einen ganz einfachen Grund zu geben: zuerst ist ja die ewige Weisheit Gottes und sein Wille da, erst dann nimmt sein Ratschluß Gestalt an. Denn wie bei uns Menschen die Gesinnung sich im Wort ausdrückt, so ist es nicht abwegig, das auch auf Gott zu übertragen; daher heißt es, durch sein Wort stelle er uns sich selbst dar. Andere Deutungen von Logos (Wort) passen hier nicht. Es bedeutet für die Griechen allerdings sowohl „Definition“ als auch „Vernunft“ und „Berechnung“. Aber ich will nicht über das hinaus, was ich durch den Glauben erfasse, scharfsinnig philosophieren. Wir sehen auch, daß Gottes Geist Spitzfindigkeiten dieser Art nicht billigt; sondern indem er nur stam­melnd mit uns redet, ruft er uns durch sein Schweigen zu, wie nüchtern man so großen Geheimnissen nachsinnen müsse. Weiter: zunächst war das Wort in Gott verborgen, bei Erschaffung der Welt aber offenbarte er sich durch dieses Wort; so hat es eine doppelte Beziehung, einmal auf Gott, dann auf die Menschen. Servet, der überhebliche spanische Windbeutel, stellt es so dar, dieses ewige Wort sei erst in dem Augenblick entstanden, als es sich bei Erschaffung der Welt offenharte. Als ob es nicht hätte dasein können, bevor sich seine Macht durch ein Werk nach außen hin erkennen ließ. Ganz anders lehrt hier der Evangelist; denn er schreibt dem Wort keinen Anfang in der Zeit zu, sondern indem er sagt, es sei von Anfang an gewesen, läßt er jede Zeitbegrenzung weit hinter sich. Gott schuf ja am Anfang Himmel und Erde, und die sind doch nicht ewig! Als bezeichne das Wort „Anfang“ die Reihenfolge in der Zeit und nicht Ewigkeit! Aber gegen diese falsche Ausdeutung wendet sich der Evangelist von vorn­herein, denn er sagt, das Wort sei „bei Gott“ gewesen. Wenn das Wort erst von einem bestimmten Zeitpunkt an begonnen hätte dazusein, müßte man in Gott selbst irgendeine Abfolge von Zeiten finden. Gewiß wollte Johannes durch dieses Satzglied „bei Gott“ ausdrücklich das Wort von allem Geschaffenen unter­scheiden. Es hätten einem sonst nämlich viele Fragen in den Sinn kommen kön­nen: Wo sollte jenes Wort denn sein, wie sollte es sein Wesen kundtun, welcher Natur sollte es sein, woran könnte man es erkennen? Johannes sagt also, man dürfe nicht am Erschaffenen haftenbleiben; denn es sei immer mit Gott verbun­den gewesen, schon vor Entstehung der Welt. Stellen nun solche, die den Begriff „Anfang“ auf die Entstehung von Himmel und Erde beziehen, nicht Christus in die allgemeine Ordnung der Welt hinein, von der er hier ausdrücklich aus­genommen wird? Damit tun sie nicht nur dem Sohn Gottes ein greuliches Un­recht an, sondern auch seinem ewigen Vater, den sie seiner Weisheit berauben. Wenn es Sünde ist, sich Gott ohne seine Weisheit vorzustellen, muß man zu­geben, daß man nicht anderswo den Ursprung des Wortes suchen darf als in der ewigen Weisheit Gottes. Servet legt es so aus, daß man das Wort erst in dem Augenblick wahrnehmen könne, als Mose von Gottes Rede unmittelbar spricht. Als ob es in Gott nicht schon hätte vorhanden gewesen sein können, bevor es in die Öffentlichkeit getreten und bekannt geworden ist. Das bedeutet ja, es kann nichts im Innern vorhanden sein, bis es auch nach außen in Erscheinung zu treten beginnt. Aber die Handhabe für solch törichte Phantasien schneidet der Evangelist von vornherein ab, wenn er ohne Einschränkung versichert, das „Wort“ sei „bei Gott“ gewesen. Denn offenbar sollen wir uns durch diese Wendung von jeder zeitlichen Abfolge frei machen. Uns muß genügen: Der Evangelist läßt uns ein in das ewige Allerheiligste Gottes, damit wir wissen, dort sei das Wort gleichsam verborgen gewesen, bevor es sich bei Erschaffung der Welt nach außen offenbart hat. Mit Recht weist also Augustin darauf hin, daß dieser „Anfang“, der hier erwähnt wird, ohne Anfang sei. Obwohl nämlich der Vater dem Range nach früher zu denken ist als seine Weisheit, berauben dennoch die ihn seines Ruhms, die sich irgendeinen Zeitpunkt vorstellen, in dem er ohne seine Weisheit gewesen wäre. Denn sie ist die ewige Schöpferkraft. Vor Erschaffung der Welt war sie freilich eine unendliche Zeit - ich will es einmal so ausdrücken — in Gott verborgen; den Vätern unter dem Gesetz blieb sie lange Zeiträume hindurch nur schattenhaft erkennbar, und erst im Fleisch wurde sie ganz offenbar.
„Und das Wort war bei Gott...“ Wir haben schon gesagt, daß dadurch dem Sohn Gottes der Vorrang vor der Welt und allen Geschöpfen gegeben wird: er war vor aller Zeit. Zugleich aber schreibt dieser Satz dem Sohn eine vom Vater unterschiedene Wesenheit zu. Denn die Aussage des Evangelisten, er sei immer mit oder „bei Gott“ gewesen, wäre sinnlos, wenn er nicht eine ihm eigentümliche Seinsweise in Gott gehabt hätte. Also ist die Stelle dazu geeignet, die Irrlehre des Sabellius zu widerlegen, da sie ja zeigt, daß der Sohn vom Vater sich unter­scheidet. Ich habe schon darauf hingewiesen, daß man bei so großen Geheim­nissen nüchtern denken und mit Zurückhaltung über sie reden müsse. Doch ver­dienen die alten kirchlichen Schriftsteller in dieser Hinsicht Entschuldigung. Denn da sie die richtige und reine Lehre gegen die zweideutigen Winkelzüge der Ketzer sicherstellen mußten, sahen sie sich gezwungen, gewisse Wendungen zu ersinnen, die ganz dasselbe sagen, was ohnehin in der Heiligen Schrift steht. Sie sagten, drei Wesen oder Personen seien in der einen und einfachen Wesenheit Gottes enthalten. Personen nennen sie die verschiedenen Wesenszüge, die sich in Gott unserm Sinn wahrnehmbar darbieten. So sagt Gregor von Nazianz, er könne nicht den einen denken, ohne daß alsbald drei ringsum aufleuchteten.
„Und Gott war das Wort...“ Um keinen Zweifel an der göttlichen Wesenheit Christi zu lassen, sagt der Evangelist ganz klar, das „Wort“ sei Gott. Da nun Gott ein einziger ist, so folgt daraus: Christus ist mit dem Vater ein und derselben Wesenheit und unterscheidet sich doch in irgendeiner Weise von ihm. Aber über dies zweite ist schon gesprochen worden. Auf das einheitliche Wesen der Gott­heit kommt es an. Also ist es unlauteres Gerede gewesen, wenn Arius behauptete, Gott der Sohn sei nur irgendeine Art Gott, nur um nicht bekennen zu müssen, daß Christus Gott von Ewigkeit sei. Für uns aber gibt es keinen Streit mehr über die ewige Wesenheit Christi, wenn wir hören, das „Wort“ sei „Gott“ gewesen.

V. 2 „Dasselbe war im Anfang bei Gott...“ Um das vorher Gesagte unserem Herzen tiefer einzuprägen, faßt der Evangelist abschließend noch einmal beides zusammen: das „Wort“ ist immer gewesen, und zwar „bei Gott“, damit man er­kenne: der „Anfang“ sei vor aller Zeit.

V. 3. „Alle Dinge sind durch dasselbe gemacht...“ Der Evangelist hat also zunächst erklärt, das „Wort“ sei „Gott“, und hat die Ewigkeit seines Wesens verkün­det; nun beweist er seine Gottheit auf Grund seiner Werke. Dies ist eine prakti­sche Erkenntnis, mit der wir uns vor allem vertraut machen müssen. Die bloße Bezeichnung Christi als Gott nämlich wird uns kaltlassen, wenn unser Glaube ihn nicht auf Grund seines Tuns als Gottheit spürt und empfindet. Passend also verkündet der Evangelist gerade das vom Sohne Gottes, was auf seine Person recht eigentlich zutrifft. Bisweilen sagt Paulus allerdings einfach, alles bestehe durch Gott (Röm. 11, 36). Aber immer, wenn der Sohn mit dem Vater ver­glichen wird, pflegt er ihn durch dieses Merkmal zu unterscheiden. Daher ist es üblich, sich folgendermaßen auszudrücken: der Vater hat alles durch den Sohn geschaffen, und ebenso: alles besteht durch den Sohn vom Vater her. Darauf aber zielt die Meinung des Evangelisten ab - wie ich schon gesagt habe -, daß unmittelbar bei Beginn der Weltschöpfung das Wort Gottes sofort im äußer­lichen Schaffen in Erscheinung getreten ist. Denn vorher war es in seinem Wesen nicht zu fassen; aber da, in diesem Augenblick, wurde seine Macht durch die Tat offenbar. Auch einige Philosophen sehen Gott als Baumeister der Welt an und erblicken in diesem Werke die Bekundung seines Sinnes. Das ist freilich richtig, denn es stimmt mit der Schrift überein. Aber sie verlieren sich bald in abwegige Gedankengänge. So haben wir keinen Grund, ihr Zeugnis begierig aufzunehmen. Warum sollen wir uns nicht lieber zufriedengeben mit diesem Spruch der himmlischen Weisheit, da wir ja wissen, er besagt viel mehr, als unser Verstand zu fassen vermag?
„Und ohne dasselbe ist nichts gemacht, was gemacht ist...“ Diese Stelle wird zwar verschieden gelesen, aber ich lese, ohne mich auf Streit einzulassen, zu­sammenhängend so: „nichts ist gemacht, was gemacht ist“. Darin stimmen auch fast alle griechischen Handschriften überein, wenigstens die von größerer Bedeu­tung. Sodann erfordert überhaupt der Sinn diese Lesart. Wer das Satzglied „was gemacht ist“ vom vorhergehenden Satz trennt, um es mit dem folgenden zu ver­binden, erhält einen nur gewaltsamen Sinn: was gemacht wurde, darin war auch Leben, das heißt, es lebte oder wurde am Leben erhalten. Aber er wird nicht nachweisen können, daß ah irgendeiner anderen Stelle so von Geschöpfen ge­sprochen wird. - Augustin, wie üblich allzusehr Platoniker, läßt sich gleich zum Gedanken an die Ideen hinreißen: Gott habe ja vor Erschaffung der Welt die Gestalt des ganzen Werkes in seinem Geiste schon vorweg entworfen, und so sei auch das Leben der noch nicht existierenden Dinge in Christus gewesen, weil ja in ihm die Erschaffung der Welt ihre rechte Ordnung bekommen habe. Aber wie fern dies der Meinung des Evangelisten liegt, werden wir bald sehen. Jetzt kehre ich zum ersten Glied des Satzes zurück. Es handelt sich nicht um eine ver­fehlte, überflüssige Ausdrucksweise, wie es scheinen könnte. Da ja Satan alles in Bewegung setzt, um Christus etwas zu nehmen, wollte der Evangelist bezeugen, daß von dem, was gemacht ist, nichts, aber auch gar nichts auszunehmen sei.

V. 4. „In ihm war das Leben...“ Bis jetzt hat der Evangelist gelehrt, durch das Wort Gottes sei alles geschaffen worden. Jetzt schreibt er ihm auch die Erhaltung alles Geschaffenen zu, etwa so, als wolle er sagen, seine Kraft sei nicht nur plötzlich bei Erschaffung der Welt erschienen und bald wieder vergangen, sondern sie sei noch jetzt in der festen, dauerhaften Ordnung der Natur offenbar. So heißt es Hebr. l,3, alles erhalte er durch sein Wort oder seinen mächtigen Willen. Übrigens kann sich dieses Wort „Leben“ auch auf unbeseelte Wesen be­ziehen, die ja nach ihrer Weise Leben haben, wenn auch kein Empfindungsver­mögen. Im anderen Falle meint das Wort einzig beseelte Wesen. Es ist aber nur von geringer Bedeutung, wofür man sich entscheidet. Der Sinn nämlich ist ein­deutig: das Wort Gottes ist nicht nur die Lebensquelle für alle Kreaturen gewesen, so daß zu sein begann, was vorher nicht war, sondern durch seine lebenschaffende Kraft geschieht es, daß sie in ihrem Dasein verharren. Wenn nämlich sein Hauch die Welt nicht dauernd am Leben erhielte, müßte alles, was lebt, sofort vergehen und ins Nichts versinken. Was schließlich Paulus, Apg. 17,28, Gott zuschreibt: „in ihm leben, weben und sind wir“, das geschieht durch die Gnade des Wortes, wie Johannes bezeugt. Gott also ist es, der uns am Leben erhält, aber durch sein ewiges Wort.
„Und das Leben war das Licht der Menschen ...“ Andere Auslegungen, die vom Geist des Evangelisten abweichen, übergehe ich mit Absicht. Hier spricht er nach meiner Meinung vom „Leben“ insofern, als sich die Menschen vor anderen Lebewesen auszeichnen, so als wenn er sagen wollte, nicht nur das gewöhnliche Leben sei den Menschen gegeben, sondern ein Leben, das mit dem Lichte der Erkenntnisfähigkeit verbunden sei. Weiterhin gibt er dem Menschen eine Sonder­stellung gegenüber den anderen Wesen: denn wir erfassen das Wesen Gottes vollkommener mit unserem inneren Sinn, als daß wir es nur von ferne wahr­nähmen. So mahnt Paulus in der Apostelgeschichte, man dürfe Gott nicht draußen suchen, denn er offenbare sich inwendig in uns. Zunächst also hat der Evangelist mit der Betrachtung der Gnade Christi im allgemeinen begonnen. Um nun die Menschen zu veranlassen, sie näher zu bedenken, zeigt er sodann, was gerade ihnen im besonderen gegeben ist; denn sie sind ja geschaffen nicht ähnlich dem Vieh, sondern als vernunftbegabte Wesen stehen sie auf einer höhe­ren Stufe. Weiter: Gott hat nicht umsonst sein „Licht“ in ihnen entzündet, sondern sie sind dazu geschaffen, daß sie in ihm den Urheber eines so einzigartigen Gutes erkennen. Und da er ja einmal dieses „Licht“, dessen Quelle das „Wort“ war, von dort auch zu uns herübergeleitet hat, müßte es gleich einem Spiegel sein, in dem wir die göttliche Kraft des Wortes klar und deutlich erblicken.

V. 5. „Und das Licht scheint in der Finsternis...“ Man könnte einwerfen, die Menschen würden doch an so vielen Stellen der Heiligen Schrift blind ge­nannt und die Blindheit, derentwegen sie dort verurteilt werden, sei nur allzu bekannt. Bei all ihrer Vernunft gehen sie nämlich jämmerlich in die Irre. Woher summten denn sonst so viel verschlungene Irrwege in der Welt, wenn nicht daher, daß die Menschen gerade durch den ihnen eigentümlichen Verstand sich nur in eitlen Trug verstricken? Wenn sich aber in den Menschen keinerlei Licht mehr offenbart, dann ist jenes Zeugnis Christi, das der Evangelist soeben er­wähnt, erloschen. Jenes war ja die dritte Stufe und, wie gesagt, unter den Lebensäußerungen der Menschen etwas bei weitem Höheres, als es die Fähigkeit ist, sich zu bewegen und zu atmen. Diesen Gegenstand behandelt der Evangelist schon hier und erinnert zunächst daran, daß das „Licht“, das den Menschen anfangs gegeben war, nicht nach ihrem gegenwärtigen Zustand beurteilt werden dürfe; denn in der menschlichen Natur nach dem Sündenfall hat sich das Licht in Finsternis verkehrt. Indessen bestreitet er doch auch weiterhin, daß das Licht der Erkenntnis völlig erloschen sei; denn im Dunkel des menschlichen Sinnes blitzen bis heute Funken des Lichtes auf. Jetzt erkennt der Leser, daß in diesem Satz zweierlei enthalten ist. Einmal besagt er, es ist ein großer Unterschied zwischen dem jetzigen Zustand des Menschen und jenem heilen Zustand, mit dem er an­fangs begabt gewesen. Der Sinn nämlich, der durch und durch von „Licht“ erfüllt sein müßte, ist wie „in Finsternis“ versunken und elendiglich verblendet. Und so ist die Herrlichkeit Christi durch diese Verderbnis der Natur gleichsam verdun­kelt. Aber wiederum behauptet der Evangelist, daß mitten „in der Finsternis“ bis heute noch etwas von dem „Licht“ vorhanden sei, das bis zu einem gewissen Grade auf die göttliche Kraft Christi hinweise. Also der Evangelist sagt deutlich, der Geist des Menschen ist mit Blindheit geschlagen, so daß man mit Recht mei­nen kann, er sei von Finsternis überwältigt. Er hätte nämlich einen milderen Ausdruck gebrauchen und sagen können, das Licht sei verdunkelt oder wie in Nebel gehüllt. Aber er wollte ganz klar zum Ausdruck bringen, wie elend unser Zustand nach dem Fall des ersten Menschen sei. Wenn er aber versichert, das „Licht scheint in der Finsternis“, so dient das keineswegs zum Preise der verderbten Natur, sondern eher dazu, jeden Vorwand für unsere Unwissenheit über uns selbst zu beseitigen.
„Und die Finsternis hat's nicht ergriffen ...“ Obwohl der Sohn Gottes durch dieses uns gebliebene geringe Licht die Menschen immer wieder zu sich geladen hat, sagt doch der Evangelist, das sei ohne jeden Erfolg geschehen: denn sehen­den Auges sähen wir nicht. Seit nämlich der Mensch Gott entfremdet ist, hält Finsternis seinen Sinn so umfangen, daß alles ihm verbliebene Licht wirkungslos und wie erstickt bleibt. Das beweist auch täglich die Erfahrung. Alle nämlich, die durch Gottes Geist nicht wiedergeboren sind und doch irgendeine geistige Kraft besitzen, sind ein unumstößlicher Beweis dafür, daß der Mensch nicht nur dazu geschaffen ist, zu atmen, sondern zu erkennen. Aber unter der Führung dieser seiner Vernunft kann er nicht zu Gott gelangen, ja nicht einmal ihm näher kommen. Daher ist seine Erkenntnis letzten Endes nichts als reine Torheit. Daraus folgt: um das Heil der Menschen wäre es geschehen, wenn ihnen Gott nicht erneut zu Hilfe käme. Denn obwohl Gottes Sohn sein Licht in sie ausgießt, sind sie doch so schwachsichtig, daß sie den Ursprung dieses Lichtes nicht zu erfassen vermögen, sondern es fehlt ihnen weiterhin an Weisheit, und sie folgen ihren wahnwitzigen und verkehrten Einbildungen. Von zweierlei Art ist vor­nehmlich das „Licht“, das den Menschen auch in ihrer verderbten Natur noch geblieben ist: denn allen ist von Geburt eigen irgendein Samenkorn von Reli­gion; sodann ist in ihren Gewissen tief eingeprägt die Fähigkeit, zwischen Gut und Böse zu unterscheiden. Aber was kommt dabei schließlich heraus? Die Religion entartet in tausendfachen Aberglauben, das Gewissen aber verliert die Sicherheit des Urteils und verwechselt so Laster mit Tugend. Insgesamt: Niemals wird die natürliche Vernunft die Menschen zu Christus bringen. Wir sind zwar dahin angelegt, unser Leben verständig zu führen, wir sind geboren zu vortreff­lichem Tun und Wissen, aber auch dies alles ist umsonst und eitel. Nun aber muß man festhalten, daß der Evangelist bisher nur von den natürlichen Gaben spricht, die Gnade der Wiedergeburt aber noch nicht berührt. Er unterscheidet nämlich zweierlei Wirkkraft des Gottessohnes: die eine, die sich in der Erschaf­fung der Welt und der Ordnung der Natur offenbart, die andere aber, durch die er die gefallene Natur erneuert und wiederherstellt. Gottes Wort ist ja von Ewigkeit, und so ist durch dieses die Welt geschaffen; seine Kraft erhält alles am Leben, was einmal Leben empfangen hat; der Mensch vor allem ist mit der einzigartigen Gabe der Erkenntnis ausgestattet, und wiewohl er durch seinen Abfall das Licht der Erkenntnis verloren hat, sieht und erkennt er doch noch immer. So ist nicht gänzlich verloren, was er von Natur auf Grund der Gnade des Sohnes Gottes besitzt. Aber da er ja das Licht, das weiter in ihm lebt, durch seine törichte Verkehrtheit verfinstert, muß der Sohn Gottes eine neue Aufgabe übernehmen, nämlich die des Mittlers, der den verlorenen Menschen durch geist­liche Wiedergeburt erneuert. Also sind die Gedanken derer verkehrt, die dieses vom Evangelisten erwähnte Licht auf das Evangelium und die Lehre von der Erlösung beziehen.

6 Es war ein Mensch, von Gott gesandt, der hieß Johannes. 7 Der kam zum Zeugnis, daß er von dem Lichte zeugte, auf daß sie alle durch ihn glaubten. 8 Er war nicht das Licht, sondern er sollte zeugen von dem Licht. 9 Das war das wahrhaftige Licht, welches alle Menschenerleuchtet, die in diese Welt kommen. 10 Er war in der Welt, und die Welt ist durch ihn gemacht; aber die Welt erkannte ihn nicht. 11 Er kam in sein Eigentum; und die Seinen nahmen ihn nicht auf. 12 Wie viele ihn aber aufnahmen, denen gab er Macht, Gottes Kinder zu werden, die an seinen Namen glauben, 13 welche nicht von dem Geblüt noch von dem Willen des Fleisches noch von dem Willen eines Mannes, sondern von Gott geboren sind.

V. 6. „Es war ein Mensch...“ Jetzt beginnt der Evangelist den Bericht dar­über, wie das Wort Gottes sich im Fleisch offenbart hat. Damit niemand an­zweifle, daß Christus der Sohn Gottes von Ewigkeit her sei, sagt er, er sei durch die Verkündigung Johannes des Täufers schon im voraus gefeiert worden. Denn Christus hat nicht gewollt, daß er von den Menschen nur gesehen werde, sondern er wollte auch durch das Zeugnis und die Lehre des Johannes bekannt werden. Auf Erden hat Gott der Vater seinem Gesalbten diesen Zeugen vorausgesandt, damit alle um so leichter das Heil annehmen könnten, das er ihnen darbot. Dennoch könnte es auf den ersten Blick befremdlich erscheinen, daß für Christus von anderer Seite her ein Zeugnis abgelegt wird, als ob er selbst dessen bedürfe. Verkündet er doch ausdrücklich, daß er von Menschen kein Zeugnis suche. Die Antwort darauf ist bekanntlich leicht: dieser Zeuge ist nicht Christi, sondern unsertwegen eingesetzt. Wenn jemand dem entgegnen sollte, das Zeugnis eines Menschen sei nicht beweiskräftig genug dafür, daß Christus der Sohn Gottes sei, so gibt es auch hierfür sofort eine Lösung: der Täufer tritt nicht gleichsam im eigenen Namen als Zeuge auf, sondern, mit göttlicher Vollmacht versehen, gleicht er mehr einem Engel als einem Menschen. Daher rühmt man ihn nicht seiner eigenen Vortrefflichkeit wegen, vielmehr nur deshalb, weil er der Gesandte Gottes war. Und dem steht nicht entgegen, daß die Verkündigung des Evangeli­ums Christus anvertraut war, damit er für sich selbst zeuge. Denn die Verkündi­gung des Johannes hatte ja den Zweck, die Menschen auf die Lehre und die Wunder Christi hinzuweisen.
„Von Gott gesandt, der hieß Johannes...“ Die Tatsache, daß Johannes be­rufen war, betont er nicht stärker; er erwähnt sie nur beiläufig. Das ist zwar zu ihrer Bekräftigung nicht genug, denn viele kommen aus eigenem Antrieb daher und rühmen sich, von Gott gesandt zu sein; aber da der Evangelist bald danach über diesen Zeugen mehr berichten wird, hat er sich damit begnügt, nur das eine im voraus zu erwähnen: Johannes ist im Auftrage Gottes gekommen. Später werden wir dann sehen, wie er den Anspruch begründet, daß er wirklich im Auftrage Gottes aufgetreten sei. Für den Augenblick ist nur festzuhalten, daß man bei allen Kirchenlehrern danach fragen muß, ob sie wirklich von Gott berufen seien. Denn nur in Gott darf die Vollmacht zu lehren sich gründen. Den Namen Johannes nennt der Evangelist ausdrücklich, nicht nur um den Menschen, sondern um seine Aufgabe damit zu kennzeichnen. Denn ohne Zweifel befahl der Herr durch seinen Engel, ihn im Hinblick auf sein Amt Johannes zu heißen, so daß alle schon daraus erkannten, er ist der Verkünder der göttlichen Gnade. Der Name bedeutet ja „Gott ist gnädig“.

V. 7. „Der kam zum Zeugnis ...“ Wozu er berufen sei, streift der Evangelist nur kurz: doch dazu, Christus seine Gemeinde zu bereiten. Indem er so alle einlud, zu Christus zu kommen, zeigte er deutlich genug, daß er nicht um seiner selbst willen gekommen war. Johannes durfte aber auch gar nicht so sehr hervor­gehoben werden. Daher erinnert der Evangelist daran, dieser sei nicht das Licht gewesen, damit nicht etwa sein übermäßiger Glanz den Ruhm Christi über­schatte. Es gab nämlich Menschen, die jenem so fest anhingen, daß sie Christus darüber fast vergaßen; so als wenn einer, ganz ergriffen vom Anblick der Mor­genröte, es nicht für wert erachtete, seine Augen zur Sonne zu kehren. Weiter werden wir gleich sehen, in welchem Sinne der Evangelist das Wort „Licht“ ver­wendet. Zwar sind alle Frommen ein Licht im Herrn (Eph. 5,8); denn, von seinem Geist erleuchtet, vermögen sie nicht nur selbst das Heil zu schauen, son­dern sie führen auch andere durch ihr Vorbild auf den Weg des Heils. Vor allem auch die Apostel werden ein Licht genannt; denn sie tragen die Fackel des Evangeliums vor sich her, um die Finsternis der Welt zu vertreiben. Hier aber spricht der Evangelist, wie sich sofort ganz deutlich zeigt, von dem alleinigen und ewigen Quell der Erleuchtung.

V. 9. „Das war das wahrhaftige Licht...“ Das wahre Licht wird nicht in Gegensatz gestellt zu einem falschen, sondern der Evangelist wollte Christus von allen anderen unterscheiden. Keiner sollte glauben, das, was hier den Namen „Licht“ trägt, sei dasselbe, was auch Engel oder Menschen haben könnten.
Der Unterschied besteht sodann darin: alles, was im Himmel und auf Erden leuchtet, borgt seinen Glanz von einer anderen Quelle; Christus aber ist das „Licht“, das aus sich und durch sich selbst leuchtet; darauf erleuchtet es die ganze Welt mit seinem Glanz, und es gibt keinen anderen Ursprung und Grund außer ihm. Das „wahrhaftige Licht“ also hat er den genannt, dem es von Natur aus eigen ist, zu leuchten.
„Welches alle Menschen erleuchtet...“ Den größten Wert legt der Evangelist auf die Lehre, daß Christus das „Licht“ ist, und zwar gründet er sie auf die Wir­kung, die jeder von uns an sich selbst wahrnimmt. Er hätte auch tiefsinniger darlegen können, daß Christus als das ewige Licht einen ihm selbst eingeborenen Glanz habe, der nicht aus anderer Quelle stamme, aber er stellt uns lieber wieder auf den Boden der Erfahrung, die wir alle haben. Denn da Christus uns alle an seinem Glanz teilhaben läßt, muß man zugeben, daß diese Ehre, nämlich das Licht zu heißen, ihm ganz allein zukommt. Übrigens pflegt man diese Stelle doppelt auszulegen. Manche beziehen diese ganz allgemein gültige Bemerkung nur auf diejenigen, die, durch Gottes Geist wiedergeboren, voll des lebenschaf­fenden Lichtes teilhaftig sind. Augustin sagt, es sei so ähnlich, wie wenn man einen Schulmeister, der als einziger in einer Stadt eine Schule besäße, den Lehrer aller nenne, auch wenn viele seine Schule gar nicht besuchten. So ähnlich, nehmen sie an, sei es gemeint, daß alle von Christus erleuchtet würden, da ja niemand sich rühmen könne, anders als durch die Gnade Christi das Licht des Lebens empfangen zu haben.
Aber da der Evangelist ausdrücklich von allen spricht, „die in diese Welt kommen“, scheint mir der andere Sinn einleuchtender: daß nämlich die Strahlen dieses Lichtes sich auf die ganze Menschheit verteilt haben, so wie auch schon früher gesagt ist. Denn wir wissen, daß ganz allein wir Menschen dies vor den anderen Lebewesen voraushaben, daß wir mit Verstand und Einsicht begabt sind und daß wir die Fähigkeit, zwischen Recht und Unrecht zu unterscheiden, tief in unserem Gewissen eingeprägt tragen. So gibt es denn niemanden, zu dem nicht irgendeine Empfindung dieses ewigen Lichtes gelangte. Nun gibt es aber Schwärmer, die diese Stelle unbesehen aus dem Zusammenhang reißen und so lange drehen und wenden, bis sich schließlich daraus ergibt, allen biete sich in gleicher Weise die Gnade der Erleuchtung an. Jedoch wollen wir daran erinnern: hier handelt es sich nur um das allgemeine natürliche Licht, das tief unter dem des Glaubens steht. Denn mit der ganzen Schärfe und Erkenntniskraft seines Verstandes wird kein Mensch je in das Reich Gottes gelangen; allein der Geist Christi ist es, der die Pforte des Himmels seinen Erwählten auftut. Sodann erinnern wir uns, wie das Licht der Vernunft, diese Gabe Gottes für den Men­schen, sich so verdunkelte, daß in der dichten Finsternis, in dem so furchtbaren Abgrund von Unwissenheit und Irrtum, kaum noch geringe Funken aufleuch­ten; und auch sie ersticken sogleich.

V. 10. „Er war in der Welt...“ Der Evangelist klagt die Menschen der Undankbarkeit an; denn sie haben sich gleichsam aus eigenem Antrieb so geblendet, daß sie den Ursprung des Lichtes, das sie besaßen, nicht erkannten. Das aber betrifft alle Weltalter: schon bevor Christus sich im Fleisch offenbarte, zeigte sich seine Kraft ja überall. So hätte sein tägliches Wirken den Starrsinn der Menschen ändern müssen. Ist nämlich etwas Unsinnigeres denkbar, als Wasser aus einem Bache zu schöpfen und die Quelle nicht zu erkennen, aus der es hervorsprudelt? Also daß die Welt Christus nicht erkannte, bevor er sich im Fleisch offenbarte, das läßt sich gerechterweise nicht mit Unwissenheit entschuldi­gen. Es trat nur ein infolge der Trägheit oder eines ganz böswilligen Stumpf­sinnes derer, die ihn doch immer in seiner Kraft und Wirkung vor Augen hatten. Es heißt, nie ist Christus der Welt so fern gewesen, daß die Menschen nicht, durch seine Strahlen erweckt, ihre Augen zu ihm hätten erheben können. Daraus folgt, daß jene mangelhafte Erkenntnis als Schuld anzurechnen ist.

V. 11. „Er kam in sein Eigentum...“ Hier wird ganz gewiß Klage erhoben gegen die Verkehrtheit und Bosheit der Menschen, hier zeigt sich ihre mehr als verruchte Gottlosigkeit; denn obwohl Gottes Sohn sichtbar als Mensch in Er­scheinung trat, und zwar unter den Juden, die sich Gott selbst vor anderen Völkern als sein besonderes Eigentum auserwählt hatte, erkannten sie ihn doch nicht und „nahmen ihn nicht auf“. - Auch diese Stelle erklärt man verschieden. Einige nämlich glauben, der Evangelist spreche von der Welt überhaupt und ganz allgemein; und soviel ist gewiß, es gibt keinen Ort in der Welt, den der Sohn Gottes nicht mit vollem Recht als sein Eigentum beanspruchen dürfte. Der Sinn dieser Stelle ist also nach der Meinung dieser Ausleger: als Christus auf die Erde herabstieg, kam er nicht in ein fremdes Land, da ja die ganze Menschheit sein ihm zustehendes Erbe war. Aber zutreffender deuten diese Stelle nach mei­ner Überzeugung die, welche sie allein auf die Juden beziehen. Es liegt nämlich darin unausgesprochen etwas, wodurch der Evangelist die Undankbarkeit der Menschen noch deutlicher werden läßt. Gottes Sohn hatte sich ein Volk zum Wohnsitz erkoren, und als er dort nun erschien, wurde er zurückgestoßen. Das zeigt doch ganz deutlich, wie bösartig die Verblendung der Menschheit war. Es war aber unbedingt nötig, das zu sagen. Denn nur so konnte der Evangelist das Ärgernis beseitigen, das der Unglaube der Juden später für viele verursachte. Da er nämlich gerade von dem Volke verachtet und verworfen worden war, dem er namentlich verheißen wurde, wer hätte da an ihn als den Erlöser der ganzen Welt glauben sollen? Wir sehen ja, wie sehr Paulus in diesem Punkte zu kämpfen hatte. Übrigens liegt sowohl im Zeit- wie im Hauptwort des Satzes: „er kam in sein Eigentum“ besonderer Nachdruck. Wo der Sohn Gottes vorher schon war, dorthin sei er jetzt gekommen, sagt der Evangelist. Er kennzeichnet also damit die ganz neue und außerordentliche Weise seiner Gegenwärtigkeit, wodurch der Sohn Gottes sich so offenbarte, daß die Menschen ihn mit leiblichen Augen erblicken konnten. Indem er sagt „in sein Eigentum“, hebt er die Juden unter den anderen Völkern hervor; denn sie waren mit einzigartigem Vorzug zur engsten Gemeinschaft mit Gott erwählt, und ihnen bot sich Christus zuerst an als Hausgenossen, die in besonderer Weise zu seinem Reiche gehörten. Aber darauf bezieht sich schon jene Klage Gottes bei Jesaja: „Der Ochs kennt seinen Herrn und der Esel die Krippe seines Herrn. Israel aber kennt mich nicht" (Jes. l,3). Obwohl er die Herrschaft über die ganze Welt besitzt, macht er sich doch insbesondere zum Herrn über Israel, das er gleichsam in einer heiligen Hürde versammelt hatte.

V. 12. „Wie viele ihn aber aufnahmen...“ Damit sich nun niemand bei diesem Ärgernis aufhalte, daß die Juden Christus verachtet und verschmäht haben, erhebt der Evangelist die Frommen, die an Christus glauben, bis über den Him­mel empor. Er sagt nämlich, durch den Glauben erlangten sie den Ruhm, als „Gottes Kinder“ zu gelten. Auch liegt in dem umfassenden Wort „wie viele“ ein Gegensatz. In verblendeter Prahlsucht nämlich rühmten sich die Juden, als wäre Gott ihnen allein verpflichtet. Also verkündet der Evangelist, die Lage sei jetzt gänzlich verändert; denn da die Juden verworfen seien, träten nun die Heiden­völker an ihre Stelle. Es ist geradeso, als übertrage er das Recht der Kindschaft auf die Außenstehenden. Das meint auch Paulus, wenn er sagt: „Der Untergang dieses einen Volkes ist zum Leben für die ganze Welt geworden“ (Röm. 11,12.15). Denn nachdem sie das Evangelium gleichsam aus ihrem Gebiet vertrieben hatten, begann es, sich nach allen Richtungen durch die ganze Welt hin zu verbreiten. So beraubten sich die Juden des Vorrechts, durch das sie ausgezeichnet waren. Christus aber nahm durch ihre Gottlosigkeit keinen Schaden; denn er errichtete nun anderswo seinen Herrschersitz und berief ohne Unterschied alle Völker, die früher von Gott verworfen schienen, zur Hoffnung auf das Heil.
„Denen gab er Macht, Gottes Kinder zu werden...“ Das Wort des griechischen Textes bedeutet hier soviel wie „Würde“. Und es wäre besser, so auch zu über­setzen, um die falsche Meinung der Papisten zurückzuweisen. Sie verdrehen diese Stelle nämlich aufs .schlimmste, da sie sie folgendermaßen auffassen: es sei ganz unserer Entscheidung überlassen, ob wir die Wohltat der Gotteskindschaft annehmen wollten oder nicht. So schließen sie aus diesem Wort auf die freie Entscheidung des Menschen und schlagen gleichsam Feuer aus Wasser. Auf den ersten Blick hat diese Deutung etwas für sich; denn der Evangelist sagt ja nicht, Christus mache die Gläubigen zu „Gottes Kindern“, sondern er gebe ihnen die „Macht, es zu werden“. Daraus also schließen sie, diese Gnade werde uns nur angeboten, und es läge nun in unserer freien Entscheidung, sie anzunehmen oder zurückzuweisen. Aber diese unsinnige Wortklauberei wird durch den Zusam­menhang der Stelle hinfällig; gleich anschließend fügt ja der Evangelist hinzu, nicht nach dem Eigenwillen des Fleisches würden sie Gottes Kinder, sondern allein durch die Wiedergeburt aus Gott. Wenn wir aber durch den Glauben zur Gotteskindschaft wiedergeboren werden und Gott uns diesen vom Himmel her eingibt, so steht eindeutig fest: die Gnade der Kindschaft wird uns von Christus nicht nur als Möglichkeit geboten; sie ist mit dem Glauben selbst schon gegeben.Tatsächlich wird das griechische Wort für Macht bisweilen auch im Sinne von „Ansehen“ oder „Rang“ gebraucht. Und dieser Sinn paßt für diese Stelle am besten. Die vom Evangelisten gebrauchte Umschreibung aber betont die Er­habenheit der Gnade weit stärker, als wenn er nur kurz gesagt hätte, alle, die an Christus glaubten, würden durch ihn zu Kindern Gottes. Denn sein Wort gilt ja den Unreinen und Unheiligen, die, zu ewiger Schmach verdammt, in der Finsternis des Todes lagen. Und so erweist sich gerade darin die bewunderns­würdige Größe der Gnade Christi, daß sie so Elende dieser Ehre würdigte und diese nun plötzlich begannen, „Gottes Kinder“ zu sein. Die Größe dieser Wohltat betont der Evangelist mit vollem Recht; ebenso tut es auch Paulus im Brief an die Epheser (2,4). Wenn aber einer das Wort Macht lieber in seiner gewöhn­lichen Bedeutung verstehen wollte, so meint doch der Evangelist hier mit dem Ausdruck nicht die Möglichkeit, sich so oder so zu entscheiden, welche die ganze und volle Wirkung der Gnade aufhöbe, sondern er meint vielmehr, daß Christus den unreinen und tiefgefallenen Menschen etwas geschenkt habe, was ganz unmöglich schien. Der unglaubliche Umschwung nämlich trat damals ein, als Christus Gott aus Steinen Kinder erweckte. Das lateinische Wort Macht bedeu­tet also „Fähigkeit“. Daran denkt auch Paulus (Kol. 1,12), als er Gott dankt, daß er uns fähig gemacht hat, teilzuhaben am Erbe der Heiligen.
„Die an seinen Namen glauben ...“ Christus ergreift man natürlich durch den Glauben, stellt der Evangelist kurz fest. Wenn wir also in Christus gleichsam verwurzelt sind, erlangen wir das Recht der Aufnahme an Kindes Statt, so daß wir „Gottes Kinder“ sind. Nun ist aber Christus der alleinige Sohn Gottes; also kommen wir zu dieser Ehrenstellung nur, insofern wir seine Glieder sind. Wieder ergibt sich hieraus auch eine Widerlegung jener falschen Auslegung des Wortes „Macht“. Der Evangelist sagt nämlich deutlich, diese Macht werde denen gegeben, „die“ bereits „glauben“. Ganz sicher sind sie ja eben dadurch auch schon Gottes Kinder. Wer also behauptet, durch diesen Glauben könne der Mensch nur erreichen, Gottes Kind zu werden, falls er wolle, nimmt dem Glauben zuviel von seiner Kraft; denn er setzt an Stelle einer eingetretenen Wirkung nur eine ungewisse Möglichkeit. Noch deutlicher wird das aus dem Folgenden, wo es heißt, die Glaubenden seien bereits aus Gott wiedergeboren. Es bietet sich ihnen also nicht nur eine Möglichkeit zu wählen, da sie ja das, worum es geht, schon besitzen. „Name“ kommt im Hebräischen allerdings oft in der Bedeutung „Kraft“ vor; hier jedoch meint Name die „Lehre des Evangeliums“. Wir glau­ben erst dann an Christus, wenn er uns verkündet worden ist. Ich spreche dabei von dem üblichen Weg, auf dem der Herr uns zum Glauben führt. Das ist wichtig; denn viele, die keine klare Erkenntnis der Lehre besitzen, geraten in die Irre selbsterfundener Glaubensvorstellungen. So ist bei den Anhängern der Papisten nichts abgegriffener als das Wort Glauben, da sie das Evangelium nicht hören und deshalb Christus nicht kennen. Christus also bietet sich uns durch das Evangelium an, und wir nehmen ihn durch den Glauben auf.

V. 13. „Welche nicht von dem Geblüt noch von dem Willen des Fleisches...“ Die Ansicht einiger, hier werde die unbegründete Zuversicht der Juden auf ihre leibliche Abstammung von Abraham tadelnd gestreift, teile ich gern. Sie führten immer den Rang ihrer Abstammung im Munde, als ob sie von heiliger Abkunft, von Natur heilig seien. Mit Recht hätten sie sich ihres Stammvaters Abraham gerühmt, wenn sie rechte und nicht entartete Söhne gewesen wären. Aber der Ruhm des Glaubens hat nichts mit anmaßendem Stolz auf leibliche Abstammung zu tun, sondern er verdankt sein Gutes allein der Gnade Gottes. Johannes sagt also, alle, die von den vorher unreinen Heiden an Christus glauben, werden nicht vom Mutterleibe an als Gottes Kinder geboren, sondern von Gott zu solchem Neubeginn wiedergeschaffen. Indessen kann man aus dieser Stelle noch eine allgemeine Lehre entnehmen: wir sind Gottes Kinder nicht aus unserer eigenen Natur und aus eigenem Antrieb. Nein, der Herr hat uns aus seinem Willen und seiner freignädigen Liebe dazu gemacht. Hieraus folgt zuerst: der Glaube kommt nicht aus uns; er ist die Frucht geistlicher Wiedergeburt. Der Evangelist sagt nämlich, keiner könne glauben, der nicht aus Gott wieder­geboren sei. Weiter: der Glaube ist keine kalte und nackte Erkenntnis; denn keiner kann glauben, wenn er nicht durch Gottes Geist erneuert worden ist. Doch sieht es so aus, als kehre der Evangelist die Reihenfolge um und sehe die Wiedergeburt durch den Glauben als das Frühere an, während sie doch eher die Auswirkung des Glaubens, also später ist. Ich antworte: Beides stimmt sehr gut zusammen; denn wir empfangen auch durch den Glauben den unvergänglichen Samen, durch den wir in das neue göttliche Leben wiedergeboren werden. Und doch ist schon der Glaube selbst das Werk des Heiligen Geistes, der nur in den Kindern Gottes wohnt. Also ist in verschiedener Hinsicht der Glaube ein Teil unserer Wiedergeburt und der Eintritt ins Reich Gottes, so daß er uns zu seinen Kindern zählt. Denn daß der Geist unseren Sinn erleuchtet, gehört schon zu unserer Erneuerung. So fließt der Glaube aus der Wiedergeburt wie aus einer Quelle. Aber da wir mit demselben Glauben Christus aufnehmen, der uns mit seinem Geiste heiligt, so heißt der Glaube der Beginn unserer Kindschaft. In­dessen läßt sich noch eine zweite, klarere und einfachere Deutung vorbringen. Denn indem der Herr uns den Glauben einhaucht, läßt er uns im geheimen auf eine unbekannte Weise wiedergeboren werden. Wenn wir aber mit dem Glau­ben beschenkt sind, ergreifen wir mit lebendigem Bewußtsein nicht nur die Gnade der Kindschaft, sondern auch das neue Leben und die anderen Gaben des Heiligen Geistes. Da, wie gesagt, der Glaube Christus ergreift, führt er uns gewissermaßen in den Besitz all seiner Güter ein. Soweit es sich also um unser persönliches Empfinden handelt, fangen wir erst nach dem Glauben an, Gottes Kinder zu sein. Wenn aber die Frucht der Kindschaft das Erbe des ewigen Lebens ist, so schreibt der Evangelist offensichtlich allein der Gnade Christi unsere Rettung zu. Und wirklich würden die Menschen auch bei gründlichster Gewissenserforschung nichts finden, was sie der Gotteskindschaft wert machte, außer dem, was ihnen Christus gegeben hat. Indessen kann eine andere, klarere und bequemere Unterscheidung angebracht werden. Denn da der Herr den Glauben einhaucht, erzeugt er uns im verborgenen sowohl auf eine geheime als auch uns unbekannte Weise wieder. Mit dem Glauben aber beschenkt, ergreifen wir mit dem lebendigen Gefühl des Gewissens nicht nur die Gnade der Kind­schaft, sondern auch die Neuheit des Lebens und andere Geschenke des Heiligen Geistes.

14 Und das Wort ward Fleisch und wohnte unter uns, und wir sahen seine Herrlichkeit, eine Herrlichkeit als des eingeborenen Sohnes vom Vater, voller Gnade und Wahrheit.

V. 14. „Und das Wort ward Fleisch ...“ Nun legt Johannes dar, welcher Art jenes Kommen Christi gewesen ist, das er erwähnt hatte: nämlich er nahm unser Fleisch an und zeigte sich offen der Welt. Und wenn der Evangelist auch nur kurz das unaussprechliche Geheimnis berührt, daß der Sohn Gottes die Natur des Menschen annahm, so ist diese Kürze doch wunderbar durchsichtig. Hier treiben manche wahnwitzigen Menschen ihre Gedankenspiele und wertlosen Silbenstechereien und meinen, es heiße, das Wort sei Fleisch geworden, weil Gott seinen Sohn, so wie er ihn in seinem Sinne trug, als Mensch in die Welt geschickt habe; als wenn dieses Wort nur irgendeine schattenhafte Idee gewesen wäre. Aber wir haben doch bewiesen, daß eine wirkliche Seinsweise der Wesenheit Gottes mit diesem Wort gemeint sei. Die Bezeichnung Fleisch hat auch mehr Kraft, den Sinn dieser Stelle auszudrücken, als wenn er nur gesagt hätte, er sei Mensch geworden. Er wollte zeigen, in welch elende, verlorene Lage der Sohn Gottes unsertwegen aus seinem erhabenen himmlischen Glänze herabgestiegen sei. Wenn die Schrift von dem Menschen herabsetzend spricht, nennt sie ihn Fleisch. Obwohl aber ein so großer Unterschied zwischen der geistlichen Herr­lichkeit des Wortes Gottes und der irdischen Vergänglichkeit unseres Fleisches besteht, hat doch Gottes Sohn sich so weit herabgelassen, daß er dieses mit so vielen Übeln behaftete Fleisch auf sich genommen hat. Übrigens meint „Fleisch“ hier nicht nur die verderbte Natur, wie oft bei Paulus, sondern den sterblichen Menschen überhaupt. Freilich weist auch Psalm 78,39 vor allem des Menschen hinfällige und fast ganz nichtige Natur verächtlich auf: er hat ihrer gedacht, weil sie ja Fleisch sind. Dazu kommt Jesaja 40,6: „alles Fleisch ist wie Gras". Zugleich muß man jedoch beachten, daß es sich um eine nur andeutende Aus­drucksweise handelt, weil der geringere Teil für den ganzen Menschen steht. Also ist es Torheit, wenn Apollinaris sich vorstellt, Christus habe nur den Leib, nicht aber die Seele eines Menschen gehabt. Denn aus zahllosen Stellen kann man klar erkennen, daß Christus nicht weniger der Seele als dem Leibe nach Mensch gewesen ist. Und wenn die Schrift den Menschen Fleisch nennt, meint sie ja deshalb nicht, er sei ohne Seele. Der Sinn ist also klar: Das Wort, das vor aller Zeit aus Gott geboren und immer mit dem Vater vereinigt war, ist Mensch geworden. Bei diesem Hauptstück des Glaubens ist vor allem zweierlei festzu­halten: in Christus haben sich zwei Naturen so innig verbunden, daß ein und derselbe Christus wahrer Gott und Mensch zugleich ist. Zweitens aber: es wider­spricht nicht der Einheit der Person, daß die beiden Naturen unterschieden blie­ben, so daß die göttliche Natur ihre volle Eigenart behielt, ebenso wie die menschliche Natur die ihre. Obwohl deshalb Satan mit ganz verschiedenen Irr­lehren versucht hat, durch Ketzer die reine Lehre zu zerstören, hat er doch immer gerade von diesen beiden die eine oder andere eingeführt. Entweder hat er behauptet, Christus sei so unterschiedslos Sohn Gottes und eines Menschen, daß weder seine göttliche Natur unversehrt erhalten geblieben sei noch seine menschliche, oder aber, er sei so sehr Fleisch geworden, daß er gleichsam ein Doppelwesen sei und zwei getrennte Personen habe. So bekannte sich einst Nestorius mit beredten Worten zur Doppelnatur Christi; aber er machte ihn einmal zum Gott, das andere Mal zum Menschen. Eutyches aber erkannte zwar im Gegensatz dazu Christus zugleich als Gottes- und Menschensohn an, ließ ihm aber keine von den beiden Naturen, sondern gab vor, sie seien gleichzeitig und vermischt. Und Servet stellt sich heutzutage in Übereinstimmung mit den Wie­dertäufern eben solchen Christus vor, der unterschiedslos aus einer Doppelnatur völlig verschmolzen ist wie ein Gottmensch. Dem Wort nach behauptet er zwar, er sei Gott; aber wenn man seinen unsinnigen Verdrehungen auf den Grund geht, so hat sich seine Göttlichkeit im Augenblick zur menschlichen Natur ge­wandelt, und jetzt wiederum ist seine Menschennatur von der Gottheit auf­gesogen. Zur Widerlegung dieser beiden frevelhaften Irrlehren sind die Worte des Evangelisten gut geeignet. Wenn er sagt, „das Wort sei Fleisch geworden“, geht daraus deutlich die Einheit der Person hervor. Es ist ja nicht möglich, daß ein anderer jetzt Mensch ist als derjenige, der stets wahrer Gott war, da es heißt, ebenjener Gott sei Mensch geworden. Da wiederum der Evangelist ganz deut­lich dem Menschen Christus die Bezeichnung „das Wort“ beilegt, folgt daraus, daß Christus bei seiner Menschwerdung doch nicht aufgehört hat zu sein, was er früher war, und daß sich nichts an jenem ewigen Wesen Gottes geändert habe, das Fleisch wurde. Gottes Sohn begann also sein Menschsein so, daß er doch auch weiterhin jenes ewige Wort war, das keinen Anfang in der Zeit hat.
„Und wohnte unter uns.“ Wenn man die Stelle so erklärt, Christus habe im Fleisch gleichsam seinen festen Wohnsitz genommen, trifft man ihren Sinn nicht ganz genau. Denn der Evangelist schreibt Christus nicht eine dauernde Bleibe unter uns zu, sondern er sagt, er habe auf einige Zeit nur gastweise unter uns geweilt. Das von ihm benutzte Verb nämlich ist vom Wort „Zelt" abgeleitet. Nichts anderes also bedeutet es, als daß Christus auf Erden nur eine ihm aufer­legte Aufgabe erfüllt habe, oder auch, daß er zwar nicht nur für einen einzigen Augenblick erschienen sei, aber doch nur so lange unter den Menschen weilte, bis er ihnen seinen Dienst geleistet habe. „Unter uns.“ Es ist übrigens nicht sicher, ob der Evangelist ganz allgemein von den Menschen spricht oder nur sich und die übrigen Jünger meint, die Augenzeugen dessen waren, was er erzählt. Ich neige mehr der zweiten Auffassung zu, denn er fährt gleich fort:
„Und wir sahen seine Herrlichkeit.“ Obwohl nämlich die Herrlichkeit Christi allen hätte sichtbar sein können, blieb sie doch den meisten wegen ihrer Blind­heit unbekannt. Nur die wenigen, denen der Heilige Geist die Augen öffnete, erlebten die Offenbarung seiner Herrlichkeit. Zusammenfassend ist zu sagen: Christus war in seinem Erdenleben so bekannt geworden, daß er jedem die Möglichkeit geboten hätte, etwas viel Größeres und Herrlicheres als nur den Menschen in ihm zu erblicken. Daraus folgt, die Erhabenheit Gottes war nicht aus ihm geschwunden, obwohl sie sich im Fleisch befand. Sie war zwar unter der Niedrigkeit des Fleisches verborgen, aber doch so, daß ihr Glanz aus ihm her­vorleuchtete. Das Wort „als des eingebornen Sohnes“ bezeichnet hier nicht die Uneigentlichkeit; eher unterstreicht es die völlige Obereinstimmung von Chri­stus und Sohn Gottes. So will Paulus, wenn er Eph. 5,9 sagt: „Wandelt wie die Kinder des Lichtes“, daß wir durch unsere Werke gerade dies bezeugen, daß wir wirklich Kinder des Lichtes sind. Der Evangelist meint, man habe an Christus die Herrlichkeit wahrnehmen können, die mit dem Wesen Gottes überein­stimmte, und das war ein sicherer Beweis für seine Göttlichkeit.
„Voller Gnade und Wahrheit. Eingeboren“ nennt er ihn, weil er seiner Natur nach der einzige Sohn Gottes ist. Er stellt ihn also hoch über Menschen und Engel und legt ihm allein bei, was keiner Kreatur sonst zusteht. „Voller Gnade.“ Diese Wendung bestätigt, was eben gesagt war. Zwar offenbart sich die Erhabenheit Christi auch in anderer Hinsicht, aber gerade diese Erscheinungsform wählt der Evangelist vor anderen, damit wir ihn mehr durch sein Handeln erkennen als durch den Verstand erfassen. Das muß man sich sorgfältig merken. Gewiß, als Christus trockenen Fußes übers Wasser ging, als er Dämonen austrieb und mit anderen Wundern seine Macht kundtat, gab er sich als den eingeborenen Sohn Gottes zu erkennen. Aber der Evangelist stellt den Teil des Beweises in den Mittelpunkt, aus dem der Glaube eine köstliche Frucht empfängt, weil nämlich Christus durch die Tat bezeugt hat, daß er der unerschöpfliche Quell der „Gnade und Wahrheit“ ist. Es heißt, auch Stephanus sei voller Gnade gewesen (Apg. 6,8), aber in einem anderen Sinn. Die Fülle der Gnade nämlich liegt in Christus; er ist die Quelle, aus der wir alle schöpfen müssen. Darüber wird bald ausführlicher zu reden sein. Gnade und Wahrheit könnte auch im Sinne von wahrhaftiger Gnade gemeint sein, oder man könnte auch auslegen, er sei „voller Gnade“ gewesen, und das bedeutet soviel wie „Wahrheit“ oder „Vollkommen­heit“. Aber da er gleich dieselbe Ausdrucksweise wieder benutzt, bin ich der Meinung, beide Stellen hätten denselben Sinn. Gnade und Wahrheit stellt er später in Gegensatz zum Gesetz. Daher deute ich einfach die Stelle so: Die Apostel konnten Christus daran als Sohn Gottes erkennen, daß er die Fülle dessen besaß, was zur geistlichen Herrschart Gottes aut Erden gehört, und daii er sich schließlich als Erlöser und Messias erwies. Durch dieses Merkmal unter­schied er sich von allen andern Menschen.

Aus: Calvins Auslegung der Heiligen Schrift. Das Johannes-Evangelium, Neukirchener Verlag, 1964, S. 7-23.
Tod, wo ist dein Stachel? Totenreich, wo ist dein Sieg? 1Kor 15,55

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Joschie
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Beitragvon Joschie » 31.12.2010 11:40

Neujahr - Lukas 4,16-21: Verheißung für Zerbrochene, Gefangene und Blinde
von Johannes Calvin

"... Während wir unter allen Arten von Übel völlig begraben sind, bestrahlt uns Gott mit seinem lebenschaffenden Licht, führt uns aus dem tiefen Schlund des Todes heraus und läßt uns wieder zu voller Glückseligkeit aufleben."


Lukas 4,16-22
16 Und er kam nach Nazareth, wo er erzogen war, und ging in die Synagoge nach seiner Gewohnheit am Sabbattage und stand auf und wollte lesen. 17 Da ward ihm das Buch des Propheten Jesaja gereicht. Und da er das Buch auftat, fand er die Stelle, da geschrieben steht (Jes. 61,1.2): 18 „Der Geist des Herrn ist bei mir, darum weil er mich gesalbt hat, zu verkündigen das Evangelium den Armen; er hat mich gesandt, zu predigen den Gefangenen, daß sie los sein sollen, und den Blinden, daß sie sehend werden, und den Zerschlagenen, daß sie frei und ledig sein sollen, 19 zu verkündigen das Gnadenjahr des Herrn.“ 20 Und als er das Buch zutat, gab er`s dem Diener und setzte sich. Und aller Augen in der Synagoge sahen auf ihn. 21 Und er fing an, zu sagen zu ihnen: Heute ist dies Wort der Schrift erfüllt vor euren Ohren. 22 Und sie gaben alle Zeugnis von ihm und wunderten sich, daß solche Worte der Gnade aus seinem Munde gingen, und sprachen: Ist das nicht Josefs Sohn?


Luk. 4, 16. „Und er kam nach Nazareth.“ Die Evangelisten bestehen darauf, zu zeigen, an Hand welcher Zeichen Christus sich offenbarte. Lukas gibt hier ein besonders denkwürdiges Beispiel. Indem Christus die Stelle bei Jesaja auslegte und sie auf die gegenwärtige Lage deutete, zog er aller Augen auf sich. Wenn Lukas sagt, er sei nach seiner Gewohnheit in die Synagoge gegangen, so dürfen wir daraus schließen, daß er nicht nur an den Ecken und auf den öffentlichen Straßen zu dem Volk gesprochen hat, sondern die übliche Ordnung der Gemeinde einhielt, soweit es möglich war. Wir sehen zugleich auch, daß die Juden trotz ihres tiefen Falles bei der Unordnung und dem erbärmlich verderbten Zustand der Gemeinde dieses eine Gute bewahrt hatten, daß sie vor dem Volk die Schrift lasen und aus ihr den Stoff für Lehre und Ermahnung entnahmen. Auch wird daran deutlich, wie die wirkliche, rechte Art der Sabbatheiligung aussieht. Denn Gott hieß sein Volk nicht darum einen Feiertag einlegen, weil er einfach an ihrem Müßiggang Gefallen hatte, sondern er wollte sie üben, seine Werke zu betrachten und über sie nachzudenken. Da nun die Sinne der Menschen blind sind, wenn sie die Werke Gottes betrachten sollen, brauchen sie die Richtschnur der Schrift zu ihrer Führung. Obwohl Paulus den Sabbat zu den Schatten des Gesetzes zählt, haben wir die Art, den Sonntag zu feiern, doch in der Hinsicht mit den Juden gemeinsam, daß das Volk zusammenkommt, um das Wort zu hören und die öffentlichen Gebete und übrigen Pflichten der Frömmigkeit zu ver­richten. Zu diesem Zweck ist der Tag des Herrn der Nachfolger des jüdischen Sabbats geworden. Wenn man die Zeiten einmal vergleicht, so kann man leicht aus der vorliegenden Stelle entnehmen, daß die Verderbnisse der päpstlichen Hierarchie heute häßlicher und verunstalteter sind, als sie es bei den Juden unter Hannas und Kaiphas waren. Denn die Verlesung der Schrift, die damals geübt wurde, hat unter dem Papst nicht nur Geltung und Ansehen verloren, sondern sie wird mit Schwert und Feuer von den Gotteshäusern ferngehalten; es sei denn, man wollte als Verlesung der Schrift ansehen, was sie in fremder Sprache offenbar doch zum Spott dahersingen. Christus stand auf, um zu lesen, nicht nur, damit man seine Stimme besser hörte, sondern zum Zeichen der Ehrerbietung. Denn die Majestät der Schrift verdient es, daß ihre Ausleger zu erkennen geben, daß sie bescheiden und ehrerbietig darangehen, sie zu behandeln.

Luk. 4, 17. „Fand er die Stelle.“ Zweifellos hat Christus diese Stelle mit Bedacht ausgewählt. Einige glauben, sie wäre ihm von Gott vorgelegt worden; aber da er doch freie Wahl hatte, möchte ich mich lieber der Ansicht anschließen, daß er diese Stelle unter allen andern fand. Jesaja verheißt dort, es werde auch nach der Babylonischen Gefangenschaft noch einige Zeugen für die Gnade Gottes geben, um das Volk aus Untergang und Todesfinsternis zu sammeln und die von so viel Unglück bedrängte Gemeinde in geistlicher Kraft zu erneuern. Aber da man jene Erlösung nur im Namen Christi und in der Hoffnung auf ihn verkündigen konnte, redet er in der Einzahl und stellt sich gewissermaßen hinter die Person Christi, um die Herzen der Gläubigen um so kräftiger zu einem guten Vertrauen zu ermuntern. Es ist gewiß, daß aus zwei Gründen diese Worte eigentlich nur auf Christus allein passen: Erstens ist er allein mit der Fülle des Geistes begabt, um Zeuge und Gesandter unserer Versöhnung mit Gott zu sein. Aus diesem Grund schreibt Paulus das, was allen Dienern am Evangelium gemeinsam ist, im eigent­lichen nur ihm zu: „Er ist gekommen und hat verkündigt im Evangelium den Frieden euch, die ihr ferne wäret, und Frieden denen, die nahe waren“ (Eph. 2,17). Zweitens verschafft und gewährt er allein durch die Kraft seines Geistes, was hier an Gütern verheißen wird.

Luk. 4, 18. „Der Geist des Herrn ist bei mir.“ Das ist dazu gesagt, damit wir er­fahren, daß Christus selbst wie auch in seinen Dienern kein menschliches oder privates Geschäft betreibt, sondern daß er von Gott gesandt ist, um das Heil der Gemeinde wiederaufzurichten. Er bezeugt, er vollbringe nichts in menschlichem Antrieb oder Plan, sondern alles unter der Leitung des Geistes Gottes, damit sich der Glaube der Frommen in der Vollmacht Gottes gründe. Die folgende Aussage: „Darum weil er mich gesalbt hat“, ist erklärend beigefügt. Denn viele brüsten sich fälschlich, den Geist Gottes zu besitzen, während sie doch nichts von seinen Gaben haben. Christus beweist von der Salbung als gewissermaßen von der Wirkung her, daß er mit dem Geist Gottes ausgerüstet sei. Er fügt dann an, zu welchem Zweck er mit den Gaben des Geistes ausgezeichnet wurde: er soll den Armen das Evangelium verkündigen. Daraus ersehen wir, daß alle, die von Gott an die Predigt des Evangeliums geschickt werden, vorher mit den nötigen Gaben ausgerüstet werden, um für ihr Amt fähig zu sein. Darum machen sich all die einfach lächerlich, die sich unter dem Vorwand einer göttlichen Berufung das Amt eines Pastoren anmaßen, während sie doch zur Verrichtung dieses Amtes mehr als unbrauchbar sind. So sind im Papsttum die Bischöfe in ihrem Ornat ungebildeter als jeder Esel, und doch schreien sie dünkelhaft und laut, sie seien die Stellvertreter Christi und die alleinige, rechtmäßige hohe Geistlichkeit der Kirche. Es heißt auch ausdrücklich, der Herr salbe seine Knechte, weil die wahre, wirkungsvolle Predigt des Evangeliums nicht in windiger Beredsamkeit besteht, sondern in der himmlischen Kraft des Geistes, wie Paulus sagt (vgl. 1. Kor. 2,1.2.3.4).
„Den Armen.“ Der Prophet deutet an, wie der zukünftige Zustand der Gemeinde vor dem Kommen des Evangeliums sein würde und wie unser aller Lage ist außerhalb von Christus. Darum nennt er Zerbrochene, Gefangene, Blinde und Zerschlagene, denen Gott die Erneuerung verheißt. Wenn auch der Leib des Volkes von so viel Elend zerschunden war, daß man diese Namen auf jedes ein­zelne Glied anwenden konnte, fanden doch viele an ihrer Not, ihrer Blindheit und Knechtschaft, sogar an ihrem Tod noch Gefallen oder waren gleichgültig, so daß nur wenige geeignet waren, um solche Gnade zu empfangen. Zwar werden wir hier zuerst einmal gelehrt, was die Predigt des Evangeliums will und was sie uns bringt: Während wir unter allen Arten von Übel völlig begraben sind, bestrahlt uns Gott mit seinem lebenschaffenden Licht, führt uns aus dem tiefen Schlund des Todes heraus und läßt uns wieder zu voller Glückseligkeit aufleben. Es ist sicherlich kein ungewöhnlicher Lobpreis des Evangeliums, wenn wir daraus eine so unvergleichliche Frucht empfangen. An zweiter Stelle sehen wir, daß Christus alle, die er zu sich einlädt, auch der ihm anvertrauten Gnade teilhaftig macht. Gemeint sind solche, die in jeder Hinsicht elend und von aller Hoffnung auf das Heil verlassen sind. Aber auf der anderen Seite werden wir ermahnt, daß wir Christi Wohltaten nur genießen können, wenn wir uns ernsthaft demü­tigen und ihn im Gefühl unseres Elends wie Hungrige als unseren Befreier be­gehren. Denn alle, die sich in Stolz aufblähen und nicht unter ihrer Gefangen­schaft seufzen und an ihrer Blindheit Mißfallen haben, verachten diese Weissa­gung mit tauben Ohren.

Luk. 4,19. „Zu verkündigen das Gnadenjahr des Herrn.“ Vielen scheint das eine Anspielung auf das Jubeljahr zu sein. Ich will ihre Ansicht nicht verwerfen. Doch ist es der Mühe wert, zu beachten, daß der Prophet absichtlich dem Zweifel entgegenkommen will, der schwache Gemüter verwirren und erschüttern konnte, wenn der Herr das verheißene Heil so lange aufschob und sie warten ließ. Darum liegt der Zeitpunkt der Erlösung in Gottes Plan und Wohlgefallen, wie es Jes. 49,8 heißt: „Ich habe dich erhört zur gnädigen Zeit und habe dir am Tage des Heils geholfen.“ Paulus spricht Gal. 4,4 von der Fülle der Zeit, damit die Gläubigen lernen, nicht neugierig über das Notwendige hinaus zu fragen, son­dern sich an dem Wohlgefallen Gottes genügen zu lassen. Dies eine muß ihnen genug sein, daß das Heil in Christus erschien, als es Gott so gefiel.

Luk. 4,20. „Aller Augen in der Synagoge.“ Zweifellos hatte Gott ihre Herzen angerührt, damit die Bewunderung sie aufmerksamer mache und sie auf diese Weise Christus bei seinen Worten Gehör schenkten. Denn sie mußten zurückge­halten werden, damit sie ihn nicht sofort niederschrien oder ihn wenigstens mit­ten in seiner Rede unterbrachen; denn sonst neigten sie ja mehr zur Verachtung Christi, wie wir noch sehen werden.

Luk. 4,21. „Heute ist dies Wort der Schrift erfüllt.“ Christus hat sich nicht nur dieser paar Worte bedient, sondern er erwies durch die Sache selbst, daß die Zeit schon da sei, in der Gott seine verlorene Gemeinde wiederherstellen wollte. Auf diese Weise sollte den Hörern der reiche Inhalt der Weissagung klarwerden. Ausleger behandeln die Schrift also nur richtig und ordentlich, wenn sie sie auf die jeweils gegenwärtige Lage deuten. Er sagt, die Weissagung sei erfüllt vor ihren Ohren und nicht vor ihren Augen, weil das bloße Sehen wenig vermocht hätte, wenn die Verkündigung nicht die Hauptsache gewesen wäre.

Luk. 4,22. „Und sie gaben alle Zeugnis von ihm.“ Hier rühmt uns Lukas an erster Stelle die göttliche Anmut, die dem Munde Christi entströmte. Im folgen­den malt er uns dann die Undankbarkeit der Menschen lebendig vor Augen. Mit „Worten der Gnade“ meint die hebräische Ausdrucksweise Worte, in denen die Kraft und Gnade des Heiligen Geistes sichtbar wurde. Darum werden die Nazarener gezwungen, Gott, der in Christus sprach, mit Bewunderung anzuerken­nen. Doch verbauen sie sich selbst so sehr den Weg, daß sie Christi himmlischer Verkündigung nicht mehr die Ehrerbietung zollen können, die ihr zukommt. Denn wenn sie einwerfen, er sei der Sohn des Joseph, vermehren sie an Hand dieses Umstandes nicht Gottes Ruhm, wie es sich gehört hätte, sondern sie berei­ten sich selbst böswillig einen Anstoß, um mit einem glänzenden Vorwand all das ablehnen zu können, was der Sohn des Joseph sagt. So beobachten wir heute sehr viele, die trotz ihrer Oberzeugung, daß es das Wort Gottes sei, was sie hören, doch fadenscheinige Entschuldigungen aufgreifen, mit denen sie sich der Notwendigkeit des Gehorsams entziehen. Wenn die Kraft des Evangeliums bei uns nicht wirkt, wie es billig wäre, so rührt das sicherlich nur daher, daß wir uns selbst zum Hindernis werden und das Licht, von dessen Vorhandensein wir auch wider Willen Kenntnis nehmen müssen, mit unserer Bosheit ersticken.

Aus: Calvin, Auslegung der Heiligen Schrift. Die Evangelien-Harmonie 1. Teil, Neukirchener Verlag, 1966, S. 147ff.
Tod, wo ist dein Stachel? Totenreich, wo ist dein Sieg? 1Kor 15,55

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Beitragvon Joschie » 01.01.2011 19:22

Lass dich vom Bösen nicht überwinden, sondern überwinde das Böse durch das Gute! Röm12:21
Johannes Calvin schreibt dazu:

“Dieser Satz dient nur zur Bestätigung der bisher vorgetragenen Wahrheiten. Denn mit unserem Kampfe wider die Bosheit ist es so bestellt: wenn wir versuchen, sie zurückzugeben, so bekennen wir uns eben damit als von ihr überwunden; vergelten wir dagegen Böses mit Gutem, so beweisen wir damit die unbesiegte Stärke unseres Geistes. Und das ist ohne Zweifel der schönste Sieg, dessen Frucht wir nicht nur im Gemüte spüren, sondern auch thatsächlich sehen werden. Denn wenn Gott es giebt, werden wir mit unserer Geduld einen Erfolg erringen, wie er schöner gar nicht gedacht werden kann. Wer dagegen versucht, Böses mit Bösem zu überwinden, der mag über seinen Feind vielleicht äußerlich einen Sieg davontragen: aber dies wird thatsächlich zu seinem Verderben ausschlagen, denn er ist damit zum Werkzeug des Satans geworden.”

Ich wünsche allen Lesern meines ein gesegnetes Jahr 2011!
Tod, wo ist dein Stachel? Totenreich, wo ist dein Sieg? 1Kor 15,55


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