Predigten,Andachten und Briefe von Johannes Calvin

Nur für Gläubige, die die fünf Punkte des Arminianismus ablehnen

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Joschie
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Beitragvon Joschie » 04.09.2009 08:36

Gebete zu Hesekiel
Calvin, Jean
Hes. 1
Vers 24

Und wenn sie gingen, hörte ich das Rauschen ihrer Flügel wie das Rauschen großer Wasser, wie die Stimme des Allmächtigen, das Rauschen eines Getümmels, wie das Rauschen eines Heerlagers. Wenn sie still standen, ließen sie ihre Flügel sinken.

Allmächtiger Gott! Wir sind ferne von dir auf der Pilgerschaft; so wollest du uns verleihen, daß wir dennoch, durch dein Wort unterwiesen, den rechten Weg innehalten, auf dem wir zu dir kommen sollen. Gib du uns, daß wir im Glauben das betrachten, was uns verborgen ist, damit wir an dir allein hangen und solchermaßen allein auf deine Vorsehung uns verlassen, so daß wir fest daran glauben, daß du für unser Leben und unser Heil sorgst und wir deshalb in Sicherheit sind – auf daß wir wenn uns allerlei Sturmwind umtreiben will, dennoch in sicherer Ruhe bleiben, bis daß wir endlich jene selige, ewige Ruhe genießen dürfen, die du uns bereitet hast im Himmel durch Christus, unsern Herrn. Amen.
Tod, wo ist dein Stachel? Totenreich, wo ist dein Sieg? 1Kor 15,55

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Beitragvon Joschie » 05.09.2009 00:24

Gebete zu Hesekiel
Calvin, Jean
Hes. 1
Vers 28

Wie das Aussehen des Bogens, der am Regentage in der Wolke ist, also war das Aussehen des Glanzes ringsum. Das war das Aussehen des Bildes der Herrlichkeit Jahwes. - Und als ich es sah, fiel ich nieder auf mein Angesicht; und ich hörte die Stimme eines Redenden.

Allmächtiger Gott! Du hast uns in deiner unergründlichen Güte solcher Ehre gewürdigt, daß du uns nachdem du in der Person deines eingeborenen Sohnes zur Erde herabgestiegen bist, täglich nahe erscheinst in deinem Evangelium, in welchem wir dein lebendiges Bild erschauen. So wollest du uns schenken, daß wir solche große Wohltat nicht zu vorwitzigen Grübeleien mißbrauchen, sondern wahrhaftig in deine Herrlichkeit umgestaltet werden und so mehr und mehr fortschreiten in der Erneuerung unseres Sinnes und unseres ganzen Lebens, bis daß wir endlich zu jener seligen, ewigen Herrlichkeit versammelt werden, die uns durch deinen eingeborenen Sohn zuteil geworden ist, unsern Herrn. Amen.
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Beitragvon Joschie » 05.09.2009 23:41

Christus, der Erlöser
Calvin, Jean

Augustin hat recht, wenn er sagt, daß die Ketzer zwar auch den Namen Christi im Munde führen, so ist er doch für sie nicht die Grundlage, wie er für die Frommen ist, sondern die Grundlage ist er nur für die Kirche; denn wenn wir fleißig betrachten, was zu Christus gehört, so werden wir Christus unter ihnen nur dem Namen nach, nicht in Wirklichkeit finden. Wenn der Glaube in Christo vollgenügenden Grund des Heils finden und somit in ihm ausruhen will so möge er sich an den Grundsatz halten, daß das ihm , vom Vater übertragene Amt aus drei Teilen besteht. Christus ist uns zum Propheten, König und Priester gegeben Allerdings können die Namen an sich wenig helfen, wenn unsere Erkenntnis nicht in Zweck und Wirksamkeit dieser Ämter eindringt. Wir führten schon früher aus, daß Gott seinem Volk in ununterbrochener Reibe immer neue Propheten schickte, und es ihnen also nie an der nützlichen und für das Heil ausreichenden Belehrung fehlen ließ: dennoch stand es den Frommen jederzeit fest, daß sie auf ein volles Licht der Erkenntnis erst mit der Ankunft des Messias hoffen dürften… Daher schreibt es sich, daß dem verhießenen Mittler der Ehrentitel des Messias, d.h. des Gesalbten beigelegt wurde. Gewiß geschah dies ganz besonders im Hinblick auf das königliche Amt Aber auch die prophetische und priesterliche Salbung behaupten ihre Stelle und dürfen nicht übersehen werden… Wir sehen, daß der Messias mit dem heiligen Geist gesalbt ward, um als Herold und Zeuge der Gnade des Vaters aufzutreten; dabei wird er über die gemeine Weise emporgehoben und von anderen Lehrern, die eine ähnliche Aufgabe hatten, weit unterschieden. Des weiteren wollen wir uns einprägen, daß er die Salbung nicht nur für sich empfangen hat, um sein Lehramt auszurichten, sondern für seinen ganzen Leib: auch in der fortgesetzten Predigt des Evangeliums offenbart sich das Wirken des Geistes. So bleibt es unerschütterlich wahr, daß die vollkommene Lehre, welche der Messias im Evangelium gebracht hat, allen Weissagungen ein Ende setzt: wer sich mit dem Evangelium nicht zufriedengibt, sondern etwas Fremdes daranflickt, bricht der Autorität Christi etwas ab… Daß Christus mit prophetischer Würde ausgestattet ist, will uns eben dies einprägen, daß seine Lehre den Vollgehalt vollendeter Weisheit umschließt.
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Beitragvon Joschie » 07.09.2009 09:21

Zu Psalm 8,5

Calvin, Jean

V. 5 Der Psalmist will durch diesen Vergleich die unendliche Güte Gottes besonders hervorheben. Es ist wunderbar, daß der Schöpfer des Himmels, dessen Herrlichkeit so unbeschreiblich groß ist, sich so tief herabläßt, den Menschen zu lieben und sich um ihn zu kümmern. Dieser große Gegensatz wird besonders dadurch deutlich, daß der Psalmist hier ein Wort gebraucht, das den Menschen in seiner Ohnmacht, Hinfälligkeit und Sterblichkeit bezeichnet. Fast alle Ausleger übersetzen das mit „gedenken“ wiedergegebene Wort mit „heimsuchen“. Es kann auch manchmal „sich erinnern“ bedeuten. In diesem Sinn könnte David sagen: „Wie wunderbar ist es, daß Gott an die Menschen denkt und sich ständig an sie erinnert.“
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Beitragvon Joschie » 07.09.2009 14:11

Calvin: Das Evangelium und die Philosophie
“Denn vergeblich legt man allen Eifer an den Tag, sein Leben zu gestalten, wenn man nicht zuvor die Quelle aller Gerechtigkeit in Gott und in Christus freigelegt hat, was [nichts anderes] heißt, als Menschen von den Toten zu erwecken. Genau hier liegt der entscheidende Unterschied zwischen dem Evangelium und der Philosophie. Denn obwohl die Philosophen glänzend und mit lobenswertem Talent die [Regeln der] Lebensführung erörtert haben, gleicht der leuchtende Schein ihrer Anweisungen doch der prächtigen Fassade eines Hauses ohne Fundament, weil sie ihre ohne Prinzipien zurechtgestutzte Lehre wie einen Körper mit abgeschlagenen Haupt vortragen.”

(Calvin, Jean. - Der Brief an die Römer : ein Kommentar / Jean Calvin ; [hrsg. von Christian Link ... et al.]. - Neukirchen-Vluyn
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Beitragvon Joschie » 08.09.2009 08:34

Vom Gebet, der vornehmsten Übung des Glaubens

Institutio III, Kapitel XX

Im ‘Unser Vater’ beten wir „Dein Reich komme“. Aber was ist dieses Reich? Gott herrscht dort, wo die Menschen sich selbst verleugnen, zugleich die Welt und das irdische Leben verachten und sich damit seiner Gerechtigkeit hingeben, um nach dem himmlischen Leben zu trachten. Dieses Reich hat nun zwei Aspekte:

dass Gott alle körperlichen Begierden durch die Kraft seines Geistes dämpft,
dass er unsere Sinne gehorsam für seinen Befehl macht.
Somit mache jeder den Anfang bei sich selbst und töte die Sünde in sich ab, um sich von allen Verderbnissen zu reinigen, die die Reinheit des Reiches Gottes beflecken. Gleichzeitig trägt uns das ‘Unser Vater’ auf, darum zu beten, dass Gott die Sinne und Herzen aller Menschen dem freiwilligen Gehorsam gegenüber Seinem Wort unterwerfe. Dies geschieht allein durch das Wirken des Heiligen Geistes, wo dieser dem gehörten oder gelesenen Wort Wirkung verschafft. Das bedeutet natürlich auch, dass wir uns den Gottlosen zuwenden und sie über Gottes Herrschaft, ihren Fall und ihren Erlöser aufklären. Gott richtet so, schon seit dem Ersten Kommen Christi, sein Reich auf Erden auf, indem er die ganze Welt demütigt. Dies geschieht auf verschiedene Weise:

Gott dämpft die Ausgelassenheit der einen,
das zügellose Leben der anderen zerbricht er.
Wir sollen wünschen, daß dies Tag für Tag geschehe, damit Gott seine Kirche aus allen Orten der Welt versammle, sie der Zahl nach ausbreite und wachsen lasse, sie mit seinen Gütern reich mache, in ihr die rechte Ordnung aufrichte, auf der anderen Seite alle Feinde der reinen Lehre und Religion zu Boden werfe, ihre Pläne zunichte mache und ihre Anschläge verstöre!

Wann und wie ist nun zu beten? Zwar hat Calvin gesagt, dass wir allezeit unsere Herzen zu Gott erheben, allezeit zu Ihm seufzen und ohne Unterlass beten sollen, aber sind wir doch so schwach, dass wir mit viel Beistand unterstützt werden müssen. Deshalb sollte jeder von uns zu seiner Übung bestimmte Stunden festlegen, in denen er sich mit all seinem Herzen dem Gebet widmet. Das sollte geschehen:

wenn wir morgens aufstehen,
bevor wir zur Arbeit gehen,
wenn wir durch Gottes Segen unser Essen haben genießen dürfen
und zum Schluss, bevor wir schlafen gehen.
Das soll uns aber kein abergläubisches Einhalten von bestimmten Riten sein, wie sie etwa im Katholizismus oder im Islam zu finden sind, bei denen wir quasi Gott das schuldige Maß darbringen und dann meinen, für die restliche Zeit von jeglicher Pflicht befreit zu sein. Nein, es soll uns lediglich konditionieren, es soll eine Zucht für unsere Schwäche sein, es soll uns trainieren und immer wieder anspornen. Vor allem müssen wir stets darauf achten, dass wir, sooft wir selbst von irgendwelchen Nöten bedrückt werden oder andere bedrückt sehen, bei Gott Zuflucht suchen – „nicht eilenden Fußes, sondern eilenden Herzens“! Auch sollen wir niemals einen glücklichen Augenblick vergehen lassen, ohne dem Herrn durch Lobpreis und Danksagung zu bezeugen, dass wir darin sein Tun erkennen. Und schließlich sollen wir bei allem Beten fleißig darauf achten, dass wir nicht etwa weltliche Dinge begehren und Gott dazu degradieren, uns unsere Wünsche zu erfüllen – Er wird dies in den allerwenigsten Fällen tun. Wir werden ja auch durch das Gebet des Herrn gelehrt, dass Ihm keine Gesetze zu machen und keine Bedingungen aufzuerlegen sind, sondern dass es Seinem Ermessen überlassen ist, das, was Er tun will, auf die Art, zu der Zeit und an dem Ort zu tun, die Ihm richtig erscheinen. Bevor wir also irgendeine Bitte für uns selber aussprechen, sollen wir zuvor bitten: „Dein Wille geschehe“. Damit unterwerfen wir unseren Willen dem Seinigen und helfen ihm, Gott als Richter und Lenker aller eigenen Wünsche anzuerkennt.
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Beitragvon Joschie » 09.09.2009 08:20

Gebete zu Hesekiel
Calvin, Jean

Hes. 2
Vers 5

Und sie, mögen sie hören oder es lassen (denn sie sind ein widerspenstiges Haus) sie sollen doch wissen, daß ein Prophet in ihrer Mitte war.

Allmächtiger Gott! Du hast uns heute des Vorrechts gewürdigt, daß deine Predigt Tag für Tag an unsere Ohren klingt. So wollest du denn geben, daß solche Predigt bei uns nicht steinerne Herzen und eherne Sinne finden möchte, sondern daß wir uns dir in der schuldigen Gelehrigkeit unterwerfen, auf daß wir, solange du fortfährst, mit uns zu reden, in Wahrheit des innewerden, daß du unser Vater bist, und im Vertrauen auf unsere Kindschaft bestärkt werden, bis daß wir einst nicht nur deine Stimme hören, sondern auch deine Herrlichkeit schauen dürfen, in dem himmlischen Reiche, das uns dein eingeborener Sohn mit seinem Blute hat erworben. Amen.
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Beitragvon Joschie » 10.09.2009 08:30

Gebete zu Hesekiel
Calvin, Jean
Hes. 2
Vers 10

Und er breitete sie vor mir aus, und sie war auf der Vorder- und auf der Hinterseite beschrieben; und es waren darauf geschrieben Klagen und Seufzer und Wehe.

Allmächtiger Gott! Dieweil du dich heute herbeigelassen, uns mit dem Zeugnis deiner väterlichen Huld zu dir einzuladen, so wollest du es uns verleihen, daß wir nicht wilden Tieren gleich sind, sondern uns willig dir unterwerfen und dir solchermaßen nachfolgen, wohin du uns rufst, auf daß wir in Wahrheit innewerden, daß du unser Vater bist, und so unter dem Schutze deiner Hand dahergeben, solange wir in dieser Welt als Pilger wandern, damit wir dereinst, in dein himmlisches Reich versammelt, vollkömmlich dir anhangen und deinem eingeborenen Sohn, der unsere Seligkeit und unser Ruhm ist. Amen.
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Beitragvon Joschie » 11.09.2009 07:45

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« Institutio

IV,3,4
Von den Lehrern und Dienern der Kirche, ihrer Erwählung und ihrer Amtspflicht






Als solche, die nach der Einsetzung Christi dem Kirchenregiment vorstehen, verzeichnet Paulus zunächst die „Apostel“, dann die „Propheten“, drittens die „Evangelisten“, viertens die „Hirten“ und schließlich die „Lehrer“ (Eph. 4,11). Unter diesen haben bloß die beiden letzten ein regelmäßiges Amt in der Kirche; die anderen drei hat der Herr im Beginn seines Reiches erweckt, und er erweckt sie auch sonst zuweilen, je nachdem es die Notdurft der Zeiten erfordert.



Was die Amtsaufgabe der Apostel ist, ergibt sich deutlich aus der Anweisung: „Gehet hin … und prediget das Evangelium aller Kreatur“ (Mark. 16,15). Ihnen werden keine bestimmten Gebiete zugeordnet, sondern sie bekommen den ganzen Erdkreis zugewiesen, um ihn zum Gehorsam gegen Christus zu bringen: sie sollen das Evangelium bei allen Völkern ausstreuen, bei denen sie es zu tun vermögen, und allenthalben Christi Reich aufrichten. So bezeugt es daher auch Paulus; er will sein Apostelamt bekräftigen, und dazu erinnert er daran, daß er Christus nicht irgendeine einzelne Stadt erworben, sondern das Evangelium weit und breit bekanntgemacht hat, auch daß er „nicht auf einen fremden Grund gebaut“, sondern vielmehr dort Kirchen gepflanzt hat, „wo des Herrn Name nicht bekannt war“ (Röm. 15,19. 20). Die Apostel wurden also ausgesandt, um den Erdkreis aus seinem Abfall zum wahren Gehorsam gegen Gott zurückzuführen und um Gottes Reich allenthalben durch die

Predigt des Evangeliums aufzurichten oder auch, wenn man lieber will, um gleichsam als die ersten Baumeister der Kirche in der ganzen Welt ihre Fundamente zu legen (1. Kor. 3,10).



„Propheten“ nennt der Apostel (Eph. 4,11) nicht jegliche Künder des Willens Gottes, sondern solche, die sich durch eine besondere Offenbarung auszeichneten. Derartige Menschen gibt es heutzutage entweder keine, oder aber sie sind weniger sichtbar.



Unter „Evangelisten“ verstehe ich solche, die den Aposteln zwar an Würde nachstanden, aber nach ihrer Amtsverpflichtung sehr nahe an sie herankamen und gar an ihrer Statt wirkten. Von dieser Art waren Lukas, Timotheus, Titus und andere dergleichen, dazu vielleicht auch die siebzig Jünger, die Christus an zweiter Stelle nach den Aposteln bestimmte (Luk. 10,1).



Zufolge dieser Deutung, die mir sowohl den Worten als auch der Meinung des Paulus zu entsprechen scheint, waren diese drei Amtsaufgaben in der Kirche nicht dergestalt eingerichtet, daß sie bleibend sein sollten, sondern sie sollten nur für die Zeit dasein, in der es galt, Kirchen aufzurichten, wo zuvor keine gewesen waren, oder aber Kirchen von Mose zu Christus herüberzuführen. Allerdings bestreite ich nicht, daß Gott auch nachher noch zuweilen Apostel oder wenigstens an ihrer Stelle Evangelisten erweckt hat, wie das ja zu unserer Zeit geschehen ist. Denn es bedurfte solcher Männer, um die Kirche von dem Abfall des Antichrists zurückzubringen. Das Amt selber bezeichne ich trotzdem als „außerordentlich“, weil es in regelrecht eingerichteten Kirchen keinen Platz hat.



Dann folgen die „Hirten“ und „Lehrer“, ohne die die Kirche zu keiner Zeit sein kann. Der Unterschied zwischen ihnen besteht meines Erachtens darin, daß die „Lehrer“ weder bei der Übung der Zucht noch bei der Verwaltung der Sakramente, noch bei den Vermahnungen und Ermunterungen die Leitung haben, sondern allein bei der Auslegung der Schrift, damit die lautere und gesunde Lehre unter den Gläubigen erhalten bleibt. Das Amt der „Hirten“ dagegen begreift dies alles in sich.







IV,3,5



Jetzt sind wir uns darüber klar, welche Ämter im Kirchenregiment mit zeitlich begrenzter Gültigkeit bestanden haben und welche dazu eingerichtet sind, immerfort bestehen zu bleiben, wenn wir nun die Evangelisten mit den Aposteln verbinden, so bleiben uns je zwei gleichartige Ämter übrig, die sich untereinander gewissermaßen entsprechen. Denn die gleiche Ähnlichkeit, die unsere (heutigen) Lehrer mit den früheren Propheten haben, besteht auch zwischen den Hirten (Pastoren) und den Aposteln. Das Amt der Propheten war hervorragender (als das unserer Lehrer), und zwar wegen der besonderen Gabe der Offenbarung, die den Propheten zuteil geworden war. Aber das Amt der Lehrer hat doch fast die gleiche Art und durchaus den gleichen Zweck. Ebenso hatten auch jene Zwölf, die der Herr auserwählte, um die neue Predigt des Evangeliums der Welt bekanntzumachen, an Rang und würde einen höheren Platz als die übrigen (Luk. 6,13; Gal. 1,1). Allerdings können auf Grund der Bedeutung und der sprachlichen Wurzel des Wortes alle Diener der Kirche regelrecht als „Apostel“ bezeichnet werden; denn sie werden ja alle von dem Herrn ausgesandt und sind seine Boten. Aber weil eben doch viel darauf ankam, daß man von der Sendung derer, die eine solch neue, unerhörte Sache vorbringen sollten, eine sichere Kenntnis hatte, so war es nötig, daß jene Zwölf, zu deren Zahl später noch Paulus hinzukam, vor allen anderen mit einem besonderen Titel ausgezeichnet wurden. Freilich gibt Paulus selbst diesen Namen an einer Stelle (Röm. 16,7) dem Andronikus und dem Junias, von denen er sagt, sie seien unter den Aposteln „berühmt“ gewesen, wenn er aber im eigentlichen Sinne sprechen will, dann bezieht er diesen Namen („Apostel“) allein auf den ursprünglichen Rang. Das ist auch der allgemeine Gebrauch der Schrift (Matth. 10,1).

Trotzdem (d.h. trotz der unübertragbaren Besonderheit der Apostel) haben die Hirten (Pastoren) die gleiche Amtsaufgabe wie die Apostel - nur daß jeder einzelne von ihnen eine bestimmte, ihm zugewiesene Kirche leitet, wie die Amtsaufgabe der Pastoren nun beschaffen ist, das wollen wir noch deutlicher hören.







IV,3,6



Als der Herr die Apostel aussandte, da gab er ihnen, wie ich bereits vor kurzem ausführte, die Weisung, das Evangelium zu predigen und diejenigen, die da glaubten, zur Vergebung der Sünden zu taufen (Matth. 28,19). Zuvor aber hatte er ihnen aufgetragen, die heiligen Merkzeichen seines Leibes und Blutes nach seinem Beispiel auszuteilen (Luk. 22,19). Siehe, da haben wir nun ein heiliges, unverletzliches und bleibendes Gesetz vor uns, das denen auferlegt ist, die den Aposteln auf ihrem Platz nachfolgen, ein Gesetz, kraft dessen sie den Auftrag erhalten, das Evangelium zu predigen und die Sakramente zu verwalten. Daraus ergibt sich für uns, daß diejenigen, die diese beiden Aufgaben vernachlässigen, sich zu Unrecht als Träger des Amtes der Apostel ausgeben.



Wie steht es nun aber um die Hirten (Pastoren)? Paulus spricht nicht nur von sich selber, sondern von ihnen allen, wenn er sagt: „Dafür halte uns jedermann: für Christi Diener und Haushalter über Gottes Geheimnisse“ (1. Kor. 4,1). Ebenso an anderer Stelle: „Ein Bischof soll sich an das zuverlässige Wort halten, das der Lehre gemäß ist, auf daß er mächtig sei, zu ermahnen durch die heilsame Lehre und zu strafen die Widersprecher“ (Tit. 1,9; erste Hälfte nicht Luthertext). Aus diesen und ähnlichen Stellen, die uns immer wieder begegnen, läßt sich entnehmen, daß auch die Amtsaufgabe der Pastoren vornehmlich in diesen beiden Stücken besteht: das Evangelium zu verkündigen und die Sakramente zu verwalten. Die Unterweisung geschieht nun aber nicht allein in öffentlichen Predigten, sondern sie erstreckt sich auch auf persönliche Ermahnungen. So zieht Paulus die Epheser als Zeugen dafür heran, daß er ihnen nichts vorenthalten habe, das ihnen nützlich war, sondern daß er es ihnen verkündigt, sie öffentlich und hin und her in den einzelnen Häusern gelehrt und „beiden, den Juden und Griechen“, bezeugt hat „die Buße … und den Glauben an … Christus“ (Apg. 20,20f.). Ebenso fordert er sie kurz danach zu Zeugen dafür auf, daß er nicht „abgelassen“ hat, „einen jeglichen” von ihnen „mit Tränen zu vermahnen“ (Apg. 20,31). Es gehört aber nicht zu der uns jetzt beschäftigenden Aufgabe, die einzelnen Gaben eines guten „Hirten“ durchzugehen, sondern nur, zu zeigen, zu was für einer Tätigkeit sich eigentlich die, die sich „Hirten“ nennen, bereit erklären, nämlich dazu, ihr Vorsteheramt in der Kirche so zu üben, daß sie nicht etwa eine müßige Würde innehaben, sondern mit der Lehre von Christus das Volk zu wahrer Frömmigkeit unterweisen, die heiligen Sakramente verwalten und die rechte Zucht bewahren und üben. Denn allen, die in der Kirche zu Wächtern gesetzt sind, kündigt der Herr an, er werde, wenn einer durch ihre Nachlässigkeit in seiner Unwissenheit zugrunde gehe, sein Blut von ihren eigenen Händen fordern (Ez. 3,17f.). Auf sie alle bezieht sich auch, was Paulus von sich sagt: „Wehe mir, wenn ich das Evangelium nicht predigte, wo mir seine Austeilung doch anbefohlen ist!“ (1. Kor. 9,16f.; Vers 17 nicht Luthertext). Kurzum, was die Apostel an dem ganzen Erdkreis geleistet haben, das soll jeder einzelne Hirt (Pastor) an seiner Herde tun, der er zugeordnet ist!







IV,3,7



Wenn wir den einzelnen Hirten (Pastoren) ihre besonderen Kirchen zuweisen, so leugnen wir freilich unterdessen nicht, daß der, der an eine Kirche gebunden ist, auch anderen Kirchen Beistand leisten kann, sei es, daß irgendwelche Wirrnisse vorkommen, die seine Anwesenheit erfordern, oder sei es auch, daß man in irgendeiner dunklen Frage seinen Rat erbittet. Aber zur Erhaltung des Friedens der Kirche ist jene Ordnung vonnöten, daß jeder klar umschrieben bekommt, was er zu

tun hat: es sollen doch nicht alle miteinander unruhig daherstürmen, ohne Berufung unsicher hin und her laufen, auch nicht alle auf gut Glück an einem Ort zusammenströmen, auch sollen die, die mehr um ihr Wohlsein als um die Erbauung der Kirche besorgt sind, die Kirchen nicht nach ihrem Vergnügen im Stich lassen! Deshalb muß nach Möglichkeit allgemein an der Einteilung festgehalten werden, daß sich jeder mit seinen Grenzen begnügen und nicht in ein fremdes Gebiet einbrechen soll.



Das ist auch kein Menschensündlein, sondern Gott hat es selber so eingerichtet. Denn wir lesen doch, daß Paulus und Barnabas in den einzelnen Kirchen zu Lystra, Antiochia und Ikonium Älteste eingesetzt haben (Apg. 14,22f.), und Paulus selber weist den Titus an, er solle „die Städte hin und her mit Ältesten besetzen“ (Tit. 1,5). So erwähnt er auch an anderer Stelle die Bischöfe der Philipper (Phil. 1,1) und wieder an anderer Stelle den Archippus, den Bischof der Kolosser (Kol. 4,17). Auch finden wir bei Lukas eine herrliche Rede von ihm, die er an die Ältesten der Gemeinde zu Ephesus richtete (Apg. 20,18ff.).



Wer also die Leitung einer einzelnen Kirche und die Fürsorge für sie in die Hand genommen hat, der soll wissen, daß er an dieses Gesetz der göttlichen Berufung gebunden ist. Das bedeutet nicht, daß er gleichsam „an die Scholle gebunden“ wäre - wie die Rechtsgelehrten sagen -, also ein Leibeigener sein müßte, oder daß er geradezu festgekettet wäre und keinen Fuß von der Stelle rühren könnte, wenn der öffentliche Nutzen es (auch) erfordern sollte - sofern das (letztere) nur nach Regel und Ordnung geschieht. Nein, der, der an einen bestimmten Ort berufen ist, darf nicht selbst über seinen Wegzug nachdenken, soll auch seine Befreiung vom Dienst nicht etwa so suchen, wie er es für sich für bequem hält. Und dann: wenn es einem von Nutzen ist, an einen anderen Ort versetzt zu werden, so darf er das doch nicht aus persönlicher Entschließung unternehmen, sondern er muß die (Regelung durch die) öffentliche Autorität abwarten
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Beitragvon Joschie » 12.09.2009 07:26

Gebete zu Hesekiel
Calvin, Jean
Hes. 3
Vers 11

und mache dich auf, geh hin zu den Weggeführten, zu den Kindern deines Volkes, und rede zu ihnen und sprich zu ihnen: „So spricht der Herr, Jahwe!“ Sie mögen hören oder es lassen.

Allmächtiger Gott! Du willst, daß uns die Lehre deines Propheten, so viele Jahre nach seinem Abscheiden, noch heute vorgehalten werde. So gib uns denn, daß wir nicht verhärtet und widerspenstig sind, sondern uns dir mit der schuldigen Folgsamkeit und Ehrerbietung unterwerfen, auf daß seine Arbeit, die dem Alten Volke um seiner Herzenshärtigkeit willen zur Verdammnis ausgeschlagen, heute uns zum Heile gereiche und wir solchermaßen befolgen, was du uns durch ihn lehrst, daß wir uns nach dem Ziele ausstrecken, zu dem du uns rufst, und in steter Beharrlichkeit unseren Lauf tun, bis daß wir endlich in dein himmlisches Reich versammelt werden durch Christus, unsern Herrn. Amen.
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Beitragvon Joschie » 13.09.2009 08:36

Gebete zu Hesekiel
Calvin, Jean
Hes. 3
Vers 17

Menschensohn, ich habe dich dem Hause Israel zum Wächter gesetzt; und du sollst das Wort aus meinem Munde hören und sie von meinetwegen warnen.

Allmächtiger Gott! Du hast dich heute herbeigelassen, für unsere Seligkeit zu sorgen, du erweckst deine Knechte, die uns gleich Augen dienen sollen, auf daß wir es erfahren, daß du auf der Wacht stehst, damit wir nicht verlorengehen. Du wollest uns auch geben, daß wir uns von den heiligen Ermahnungen, die uns von dir durch ihren Dienst und ihre Arbeit zukommen, dergestalt aufwecken lassen, daß wir dereinst zum Genuß jener Ruhe gelangen, die uns durch das Blut deines Sohnes zuteil geworden ist. Amen.

Vers 21
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Beitragvon Joschie » 14.09.2009 08:39

Gebete zu Hesekiel
Calvin, Jean
Hes. 3
Vers 21

Wenn du aber ihn, den Gerechten, warnst, damit der Gerechte nicht sündige, und er sündigt nicht, so wird er gewißlich leben, weil er sich hat warnen lassen; und du, du hast deine Seele errettet.

Allmächtiger Gott! Du hast uns die Männer, die du zu Dienern deiner Lehre bestimmt hast, zu Wächtern gesetzt und ihnen den Auftrag gegeben, daß sie zu unserm Heile über uns wachen. So laß uns denn aufmerksam sein, um sie zu hören und nicht zwiefältig durch unsere Schuld verlorengehen, nämlich durch Irrtum und Halsstarrigkeit. Nein, schenke uns, daß wir, wenn wir einmal in die Irre gegangen sind, endlich ergriffen werden und Buße tun und dergestalt auf den Weg zurückkommen, daß wir hernach niemals mehr von ihm weichen, sondern ausharren bis ans Ende, auf daß wir dereinst die ewige Seligkeit genießen mögen, die uns bewahrt wird im Himmel durch Christus, unsern Herrn. Amen.
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Beitragvon Joschie » 15.09.2009 08:38

Aus der Vorrede zum Psalmenkommentar 1557
Jean Calvin 1)

Schon als kleinen Knaben hatte mich mein Vater2) zum Theologen bestimmt. Als er aber sah, dass die Rechtswissenschaft ihre Jünger in der Regel reich macht, da veranlasste ihn diese Hoffnung zu einer plötzlichen Änderung seines Planes. Er rief mich vom Studium der Philosophie ab und schickte mich in die juristischen Kollegs3). Aus Gehorsam gegen ihn versuchte ich auch, allen Fleiß auf sie zu verwenden. Gott aber lenkte durch den verborgenen Zügel seiner Vorsehung meinen Lauf schließlich doch in eine andere Richtung.

Zuerst zwar war ich dem Aberglauben des Papsttums allzu tief verfallen und es war nicht leicht, mich aus diesem tiefen Schlamm herauszureißen. Dann aber machte sich Gott mein weit über mein Alter hinaus verhärtetes Herz durch eine plötzliche Bekehrung gefügig4). Und als ich erst einmal etwas von wahrer Frömmigkeit geschmeckt hatte, überkam mich ein solcher Drang, hier Fortschritte zu machen, dass ich die anderen Studien zwar noch nicht gänzlich beiseite warf, sie aber doch wesentlich kühler betrieb. Und es war noch kein Jahr vergangen, da sammelten sich um mich, den Neuling und Anfänger, alle die, die nach reiner Lehre Verlangen trugen, um bei mir zu lernen. Meine linkische Natur und meine Vorliebe für Zurückgezogenheit und Muße ließen mich versuchen, in den Schatten zurück zu treten. Aber dieser Wunsch wurde mir nicht erfüllt. Im Gegenteil: wohin ich floh, bildeten sich um mich Kreise von Lernbegierigen, als hielte ich öffentlich Schule. Kurz, während mir der Sinn nach nichts anderem stand als nach stiller Arbeit im Verborgenen, trieb mich Gott in den mannigfaltigsten Wendungen um und ließ mich nirgends zur Ruhe kommen, bis er mich schließlich, ganz gegen meine Neigung, ins hellste Licht zog. Ich verließ mein Vaterland5) und wich nach Deutschland, um in einem versteckten Winkel in Ruhe zu genießen, was ich stets ersehnt hatte und was mir doch so lange versagt worden war.

Aber siehe da, als ich nun wirklich unerkannt mich in Basel verborgen hielt, da verbrannte man in Frankreich eine größere Anzahl Evangelischer. Das rief in Deutschland große Entrüstung hervor, und um sie zu dämpfen, ließ man ein paar verlogene Schriften ausgehen des Inhalts, dass eine so harte Strafe nur Wiedertäufer und Aufständische treffe, die mit ihren widervernünftigen Wahnideen nicht nur die Religion, sondern auch die ganze staatliche Ordnung aus den Angeln höben. Dies wurde, wie ich erkannte, von den höfischen Ränkeschmieden zu dem Zweck behauptet, um durch falsche Anschuldigungen gegen die heiligen Märtyrer die Unwürdigkeit der an Unschuldigen begangenen Bluttat vergessen zu machen und um sich Freiheit zu verschaffen, in Zukunft ähnliche Greuel zu begehen, ohne Regungen des Mitleids im Auslande fürchten zu müssen. Da wäre es unentschuldbare Treulosigkeit gewesen, hätte ich geschwiegen und nicht nach Kräften Widerspruch erhoben. Das wurde mir Anlass, meinen „Unterricht“6) herauszugeben. Er sollte einmal dazu dienen, meine Brüder, deren Tod kostbar war vor Gottes Angesicht, gegen ungerechte Schmähungen in Schutz zu nehmen. Zweitens aber sollte er für die vielen Unglücklichen, denen dieselben Strafen drohten, schmerzliche Besorgnis im Ausland erwecken. Doch ging damals noch nicht das eindringend durchgearbeitete Werk heraus, das jetzt diesen Titel trägt, sondern nur ein kurzes Handbuch und nur zu dem Zweck, Zeugnis abzulegen für den Glauben derer, denen von gottlosen und unehrlichen Schmeichlern verbrecherisch die Ehre abgeschnitten wurde.

Das ich nicht die Absicht hatte, mir mit der Veröffentlichung des Buches einen Namen zu machen, geht daraus hervor, dass ich, obwohl damals noch niemand in mir den Verfasser vermutete, kurz darauf Basel verließ. Ich habe meine Urheberschaft auch anderswo immer verheimlicht und war gesonnen, das auch weiterhin zu tun, als mich Guillaume Farel in Genf festhielt7), nicht durch einfaches Raten und Bitten, sondern durch eine furchtbare Beschwörung, in der gleichsam Gott selbst vom Himmel her gewaltsam seine Hand auf mich legte. Da mir durch den Krieg8) der gerade Weg nach Straßburg abgeschnitten war, hatte ich hier schnell durchreisen und mich nur eine Nach in der Stadt aufhalten wollen. Kurz zuvor war hier durch des wackeren Farel und Pierre Birets Wirken das Papsttum überwunden worden9); aber die Verhältnisse waren noch ungeordnet und die Stadt zum Nachteil der Sache in Parteien zerspalten. Ein Mann, der jetzt in schimpflichem Abfall zu den Papisten zurückgekehrt ist, sorgte dafür, dass ich erkannt wurde10). Da spannte dann Farel in dem verzehrenden Eifer um die Ausbreitung des Evangeliums, der ihn immer auszeichnete, alle seine Kräfte an, mich zurückzuhalten. Als er erfuhr, ich gebe mich in der Stille privaten Studien hin, und als er sah, dass er mit Bitten nichts ausrichte, brach er in die Verwünschung aus, Gott möge mit seinem Fluch über meiner Muße sein, wenn ich mich der Pflicht, in solcher Not Hilfe zu leisten, entzöge. Von dem Schrecken dieser Stunde erschüttert, gab ich meine Reise auf; jedoch verpflichtete ich mich, scheu und ängstlich wie ich war, nicht für ein bestimmtes Amt.

Kaum waren vier Monate vergangen, als uns von der einen Seite her die Wiedertäufer angriffen, vom der anderen ein verbrecherischer Abtrünniger, der, gestützt auf die geheime Hilfe einiger Patrizier, uns viel Mühe machen konnte11). Inzwischen hatten wir unter inneren Unruhen, die eine nach der anderen ausbrachen, schwer zu leiden. Ich mit meiner furchtsamen, weichen und ängstlichen Natur sah mich gleich in den ersten Anfängen meiner Tätigkeit so stürmischem Wellengang ausgeliefert. Zwar erlag ich ihm nicht, doch war mein Mut nicht so groß, dass ich nicht fast über das Erlaubte hinaus froh gewesen wäre, als man mich in stürmischen Formen vertrieb12).

Und wieder wollte ich, von der Fessel der Berufung frei, privatim die Ruhe genießen. Da zwang mich der treffliche Diener Christi Martin Bucer13) mit einer Beschwörung, die der von Farel geübten glich, wiederum auf einen neuen Posten. Vom Beispiel des Jona, das er mir vorgehalten hatte, betroffen, versah ich weiterhin das Lehramt. Dann brachte man mich, obwohl ich mir stets gleich blieb und vor jedem Aufsehen erregenden Hervortreten nach wie vor zurückwich, ich weiß selbst nicht wie, auf die kaiserlichen Reichstage14), wo ich, ich mochte wollen oder nicht, vor vielen auftreten musste. Später, als der Herr sich der Stadt Genf erbarmt, den verderblichen Zwist beigelegt und mit seiner starken Hand die verbrecherischen Pläne und blutigen Umsturzversuche vereitelt hatte, da sah ich mich gegen den Wunsch meines Herzens gezwungen, den alten Posten wieder einzunehmen15). Denn mir lag zwar das Wohl dieser Gemeinde so sehr am Herzen, dass ich mich nicht geweigert hätte, um ihretwillen in den Tod zu gehen. Aber meine Furchtsamkeit legte mir alle möglichen Ausreden nahe, mit denen ich meine Abneigung, meinen Schultern wieder eine so schwere Last aufzubürden, vor mir selbst zu rechtfertigen versuchte. Schließlich aber siegte die Bindung an die Pflicht und Treue, und ich stellte mich der Gemeinde, von der man mich weggerissen hatte, wieder zur Verfügung – mit welcher Trauer, wie viel Tränen und welcher Angst, dafür ist Gott mein Zeuge und die vielen frommen Menschen, die mir auch die Freiheit von dieser Last gewünscht hätten, wenn nicht dieselbe Furcht, die mich drückte, auch sie gebunden hätte.

Quelle: Religionskundliche Quellenhefte
Herausgegeben von Prof. D.H. Hietzmann und Ob.-St.-Dir. Dr. R. Weidel
Heft II
Calvin
Von
Lic. Hanns Rückert

1) Corpus Reformatorum 59; Opera Calvini 31, 21ff
2) Ein Beamter des Bischofs von Nonon
3) Calvin studierte in Paris, Orleans, Bourges und wieder in Paris
4) Das Jahr dieser Bekehrung ist umstritten. Man setzt sie in der Regel auf das Jahr 1532 an. Doch sprechen manche Angaben der Quellen stark für einen erheblich früheren Zeitpunkt, etwa die Jahre 1526/27
5) 1534
6) Calvins dogmatisches Hauptwerk „Unterricht in der christlichen Religion“, in 1. Auflage Franz I. von Frankreich gewidmet, 1536 erschienen. Spätere Auflagen 1539, 1543, 1545, 1550, 1553, 1554, letzte und neben der ersten bedeutendste 1559
7) 1536
8) Zwischen Karl V. und Franz I. um den Besitz Mailands
9) 1535 nach dreijährigem Kampf
10) Louis du Tillet, ein Studienfreund Calvins, der ihn fast ständig seit seiner Flucht aus Frankreich begleitete. 1538 zerfiel Calvin mit ihm
11) Pierre Caroli, Prediger in Lausanne, hatte Calvin wegen seiner Stellung zur Lehre von der Dreieinigkeit angegriffen, wurde aber nach zwei großen Gesprächen in Lausanne und in Bern verurteilt
12) April 1538
13) Pfarrer in Straßburg
14) In den Jahren 1540 und 1541 nahm Calvin als Gesandter der Stadt Straßburg am Religionsgespräch zu Hagenau und an den Reichstagen zu Worms und Regensburg teil. Auf allen drei Zusammenkünften arbeitete man an einer Einigung in Glaubenssachen zwischen Katholizismus und Protestantismus
15) Die Rückkehr Calvins nach Genf fiel in das Jahr 1541
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Beitragvon Joschie » 16.09.2009 09:13

An einen unbekannten Geistlichen, wahrscheinlich in Orleans.
Weggelassen sind undurchsichtige persönliche Mitteilungen.

Mahnung zu praktischem Bibel-Studium.
Dein Brief hat mich so gefreut, dass ich meiner Pflicht nicht anders nachkommen zu können glaube, als wenn ich ihn beantworte, als ob er an mich gerichtet gewesen wäre. Zuerst wünsche ich dir von Herzen Glück, weil ich sehe, dass du nicht zu den faulen Dompfaffen gehörst, die in ihrem ganzen Leben so sehr mit Essen und Trinken, Spielen und Schlafen und auch hässlichen Lüsten beschäftigt sind, dass sie an ehrenhaftes Studieren nicht einmal im Traume denken. Ich wundere mich eigentlich nicht, dass du auch jetzt einem solchen Leben fremd bleibst, da ich mich wohl erinnere, wie du schon, ehe dich der Herr erleuchtet hat, infolge deiner ausgezeichnet guten Naturanlage vor solcher Art einen Schauder hattest. Aber du musst bei deinen Studien doch auch darauf achten, dass sie dir nicht bloß zur Unterhaltung, sondern dem Zwecke dienen, einst der Kirche Christi Nutzen zu bringen. Denn die, die von der Wissenschaft nichts anderes wollen, als mit ehrenhafter Beschäftigung die Langeweile des Müßiggangs vertreiben, kommen mir immer vor wie Leute, die ihr ganzes Leben damit zubringen, schöne Gemälde zu betrachten. Und sie sind ihnen sicherlich nicht unähnlich. Denn wohin zielt das, danach allein zu trachten, dass du ein Gelehrter seiest und als solcher geltest? Das ergibt sich aber notwendig für alle, die stets nur bei der Profanliteratur verweilen, geradezu sich darauf verlegen und nichts anderes im Auge haben, als daraus tiefe Gelehrsamkeit zu erwerben. Damit also deine Studien auf das wahre Ziel gehen, so sorge zuerst, dass sie der Art seien, dass sie dein Leben umzugestalten vermögen, und dass du dann auch gebildet und gerüstet seiest, andern zu helfen. Das geschieht, wenn du ein gut Teil deiner Zeit dem Lesen der heiligen Schrift widmest und zum Lesen der Aussprüche Gottes einen solchen Sinn mitbringst, wie ihn der göttliche Lehrer von seinen Schülern verlangt. Anders kannst du nicht glauben, dein Leben sei Gott wohlgefällig, auch wenn du die Menschen hundertmal zufrieden stellst. Denn weder bist du so arm, dass du vorschützen könntest, die Kirche müsse billigerweise deinem Mange abhelfen, noch sind die Geldmittel der Kirche so einfach in Beschlag zu nehmen, dass man sie nicht mit einem bestimmten Rechtstitel verdienen müsste. Ich weiß, den meisten ist diese meine Strenge verhasst. Aber ich bitte dich, was soll ich Euch schmeicheln zu Euerm Verderben? Das wäre nicht einmal menschlich, geschweige denn christlich. Ja, auch wenn ich schwiege, mahnte dich das Beispiel Anderer genug. Denn es gab Viele, die anfänglich das Schönste von sich hoffen ließen; sobald sie sich aber solchem Müßiggang und solcher Sicherheit, besser Sorglosigkeit, überließen, wie wenige waren es da, die nicht, ich kann wohl sagen, in Rauch aufgingen. - -

Lebwohl bester, im Herrn geliebtester Mann. Der Herr Christus stärke dich mit seinem Geiste zu jedem guten Werk.
Straßburg.


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Beitragvon Joschie » 17.09.2009 01:03

Gebete zu Hesekiel
Calvin, Jean
Hes. 4
Vers 3

Und du, nimm dir eine eiserne Pfanne und stelle sie als eine eiserne Mauer zwischen dich und die Stadt; und richte dein Angesicht gegen sie, daß sie in Belagerung sei und du sie belagerst. Das sei ein Wahrzeichen dem Hause Israel.

Allmächtiger Gott! Du lädst uns so freundlich zu dir ein, und ob wir auch taub sind, so hörst du doch nicht auf, immerfort die gleiche Gnade gegen uns walten zu lassen. So gib uns denn, daß wir endlich willig werden zum Gehorsam und uns von deinem Wort regieren lassen, nicht nur für einen Tag oder für eine kurze Zeit, sondern daß wir uns beständig dir folgsam erweisen, bis daß wir dereinst unsern Pilgerlauf vollbracht haben und zu deiner himmlischen Ruhe versammelt werden, durch Christus, unsern Herrn. Amen.
Tod, wo ist dein Stachel? Totenreich, wo ist dein Sieg? 1Kor 15,55


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