Aufzählung der Wesenseigenschaften Gottes

Lehrfragen in Theorie und Praxis - also alles von Bibelverständnis über Heilslehre und Gemeindelehre bis Zukunftslehre

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Joschie
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Die Unbedingtheit Gottes Teil.1

Beitragvon Joschie » 10.03.2013 21:32

Die Unbedingtheit Gottes Teil.1

Herr allen Seins! Du allein kannst von Dir sagen: ICH BIN, DER ICH BIN. Doch wir, die nach Deinem Bilde geschaffen sind, können für uns nur »Ich bin« wiederholen, und bekennen damit, daß wir von Dir herkommen und unsere Worte nur ein Echo Deiner eigenen sind. Wir anerkennen Dich als das große Original, dessen dankbare, wenn auch unvollkommene Bilder wir durch Deine Güte sind. Wir beten Dich an, o ewiger Vater. Amen.

»Gott hat keinen Ursprung«, schrieb Novatian, und eben diese Ursprungslosigkeit ist es, wodurch sich das Was-Gott-Ist von allem unterscheidet, was nicht Gott ist. Ursprung ist ein Wort, das nur in Verbindung mit erschaffenen Dingen gebraucht werden kann. Gott jedoch existiert in sich selbst, er ist unbedingt, während alles Erschaffene logischerweise irgendwo und irgendwann seinen Anfang genommen hat. Nur Gott allein hat seinen Ursprung in sich selbst. Indem wir uns bemühen, den Ursprung der Dinge zu entdekken, bekunden wir unseren Glauben, daß alles von dem Einen erschaffen wurde, den niemand erschaffen hat. Unsere Erfahrung lehrt uns, daß alles von etwas anderem herkommt. Alles Bestehende muß eine Ursache haben, die schon vorher da war und die dem Neuen mindestens gleichwertig ist, da etwas wesensmäßig Geringeres nichts Größeres hervorbringen kann. Jede Person oder jede Sache kann beides zusammen sein: Wirkung und Ursache anderer Wirkungen. Gott dagegen, der die Ursache für alles ist, ist durch nichts verursacht. Wenn ein Kind fragt: »Woher kommt Gott?«, so gesteht es damit ungewollt ein, daß es auch Gott für erschaffen hält. Der Gedanke an Ursprung und Ursache ist bereits fest in seiner Vorstellung verankert. Es weiß, daß alles ringsumher von etwas anderem herkommt und dehnt diese Vorstellung einfach auch auf Gott aus. Dieser kleine Philosoph denkt in den Maßstäben eines Geschöpfes, und seine Überlegung - wenn man den Mangel an grundlegender Information berücksichtigt - ist daher berechtigt. Man muß ihm erst sagen, daß Gott keinen Anfang hat; doch dies zu erfassen wird für ihn nicht leicht sein, weil er mit einer völlig ungewohnten Kategorie bekannt gemacht wird. Dies läuft der allen intelligenten Wesen innewohnenden Neigung zuwider, allem einen Ursprung zuzuschreiben - eine Neigung, die sie dazu treibt, immer weiter zurückzutragen, um die Anfänge zu entdekken. Fest an das zu glauben, worauf sich der Ursprungsgedanke nicht anwenden läßt, ist nicht leicht, vielleicht sogar unmöglich. So wie man einen kleinen Lichtpunkt nur dann sehen kann, wenn man den Blick leicht auf die Seite und nicht direkt ins Licht richtet, also gewisse Bedingungen einhalten muß, verhält es sich auch mit der Vorstellung des Unerschaffenen. Wenn wir unsere Gedanken auf den Einen zu konzentrieren versuchen, der nicht erschaffen wurde, so erkennen wir vielleicht überhaupt nichts; denn er wohnt in einem Lichte, dem niemand nahen kann. Nur durch den Glauben und die Liebe können wir einen flüchtigen Blick auf ihn werfen, während wir in der Felsenkluft geborgen sind und ihn vorübergehen sehen (2 Mo 33,18-23). »Und obwohl dieses Schauen sehr schwach, vage und allgemeiner Natur ist«, sagt Miguel de Molinos, »bewirkt es, da es übernatürlich ist, ein deutlicheres und vollkommeneres Erkennen Gottes als irgendeine besondere Vorstellung, die man sich in diesem Leben bilden kann, da alle spürund fühlbaren Vorstellungen von Gott unendlich weit von ihm selbst entfernt sind.« Dem erschaffenen menschlichen Geist ist es bei dem Gedanken an den Unerschaffenen begreiflicherweise unbehaglich zumute. Die Gegenwart eines Wesens zu akzeptieren, das gänzlich außerhalb unseres gewohnten Wissensbereiches steht, fällt uns nicht leicht. Die Vorstellungen von Einem, der uns das Dasein nicht begründet, keinem Rechenschaft schuldet, selbst-existent, unabhängig und in sich selbst genügsam ist, beunruhigen uns. Philosophie und Wissenschaft stehen der Gottesidee nicht immer freundlich gegenüber. Der Grund dafür liegt in deren Bemühen, Dinge erklären zu wollen, und in ihrer Ungeduld allem gegenüber, das sich diesem Bemühen widersetzt. Sowohl der Philosoph wie der Wissenschaftler gibt zu, daß es viel gibt, was er nicht weiß. Aber das ist etwas ganz anderes als einzugestehen, daß es etwas gibt, das sie niemals wissen können und das sich dem Zugriff ihrer Techniken und Methoden entzieht. Zugegeben, daß es Einen gibt, der jenseits unseres Begreifens steht, der sich in keine unserer üblichen Kategorien einordnen läßt und sich nicht unserem neugierigen Forschen unterwirft - all das erfordert ein beträchtliches Maß an Demut, jedenfalls mehr, als die meisten von uns besitzen. So wahren wir das Gesicht, indem wir Gott durch unser Denken auf unsere Ebene herunterholen oder zumindest dahin bringen, wo wir ihn handhaben können. Aber wie sehr entzieht er sich solchen Bestrebungen! Denn er ist überall und doch zugleich nirgendwo; denn »wo« hat mit Materie und Raum zu tun, und Gott ist von beidem unabhängig. Er steht jenseits von Zeit und Bewegung, ist völlig unabhängig und schuldet keiner der aus seinen Händen hervorgegangenen Welten irgend etwas.

Zeitlos, raumlos, einzig, einsam, Doch erhabene Drei, Du bist vornehm, immer allein, Gott in Einigkeit. Allein in Herrlichkeit, allein in Ehre - Wer soll die herrliche Geschichte Deiner Existenz erzählen Ehrfurchtgebietende Dreieinigkeit !
FREDERICK W. FABER
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Die Unbedingtheit Gottes Teil.2

Beitragvon Joschie » 13.03.2013 19:23

Die Unbedingtheit Gottes Teil.2

Es ist kein erfreulicher Gedanke, daß Millionen von uns, die in einem Land leben, in dem es Bibeln gibt, die Gemeinden angehören und sich für die Ausbreitung der christlichen Botschaft einsetzen, ein ganzes Leben auf dieser Erde verbringen, ohne jemals ernsthaft über Gott nachzudenken oder wenigstens den Versuch dazu zu unternehmen. Nur wenige unter uns kennen das tiefe Staunen über den, der von sich sagt: ICH BIN, über den, der Leben in sich selbst hat und den sich keine Kreatur vorstellen kann. So etwas ist für uns zu unbequem. Wir denken lieber über Dinge nach, aus denen wir praktischen Nutzen ziehen können: z. B. wie man eine bessere Mausefalle konstruiert oder wie man den Ertrag einer Ernte verdoppelt. Und dafür zahlen wir nun den hohen Preis der Verweltlichung unseres Glaubens und des Verfalls unseres Innenlebens. Vielleicht stellt sich manch ein aufrichtiger, aber verwirrter Christ an dieser Stelle die Frage nach der praktischen Anwendbarkeit solcher Auffassungen, wie ich sie hier vertrete. »Welche Auswirkung hat das auf mein Leben?« fragt er. »Welche Bedeutung kann die Unbedingtheit, dieses In-sich-selbst-Existieren Gottes möglicherweise für mich und andere in der heutigen Zeit haben?« Darauf lautet meine Antwort: Wir sind das Werk Gottes, und daraus folgt, daß alle unsere Probleme und ihre Lösungen theologischer Natur sind. Ein bestimmtes Wissen über diesen Gott, der das All regiert, ist für eine gesunde Lebensphilosophie und eine vernünftige Weltanschauung unerläßlich. Der vielzitierte Ratschlag von Alexander Pope: »Erkenne dich selbst und maße dir nicht an, Gott zu erforschen; denn der Mensch ist es, den die Menschheit erforschen muß«, würde, befolgte man ihn wörtlich, dem Menschen jede Möglichkeit nehmen, sich nicht nur oberflächlich zu erkennen. Wir können niemals wissen, wer oder was wir sind, bis wir nicht zumindest etwas darüber wissen, wie Gott ist. Darum ist die Unbedingtheit Gottes nicht ein Stück trockener, akademischer Lehre, sondern eine Tatsache, die uns so nahe wie unser Atem ist und so praktisch wie die neueste chirurgische Technik.Aus Gründen, die nur Gott selbst kennt, hat er dem Menschen, indem er ihn zu seinem Bilde schuf, mehr Ehre erwiesen als allen anderen Lebewesen. Darüber, daß die Gottebenbildlichkeit des Menschen nichts mit poetischer Phantasie zu tun hat und ebensowenig einer religiösen Sehnsucht entsprungen ist, sollte kein Zweifel bestehen. Sie ist eine solide theologische Tatsache, die in der ganzen Bibel unmißverständlich gelehrt und von der Gemeinde Jesu anerkannt wird als eine für das rechte Verständnis des christlichen Glaubens notwendige Wahrheit. Der Mensch ist ein erschaffenes, abhängiges Wesen, das nichts von sich aus besitzt, sondern in seiner Existenz jeden Augenblick von dem Einen abhängig ist, der ihn nach seinem Bilde erschaffen hat. Die Tatsache, daß es Gott gibt, ist die Bedingung für die Tatsache der Existenz des Menschen. Man denke sich Gott weg, und der Existenz des Menschen wird jede Basis entzogen! Daß Gott alles und der Mensch nichts ist, ist ein grundsätzlicher Lehrsatz des christlichen Glaubens. Hier decken sich die Lehren des Christentums mit denen der höher entwickelten und einsichtigen Religionen des Ostens. Bei all seinem Genius ist der Mensch lediglich ein Echo der Urstimme, ein Widerschein des unerschaffenen Lichtes. Wie der Sonnenstrahl stirbt, wenn er von der Sonne abgeschnitten wird, so würde der Mensch, getrennt von Gott, in die Leere des Nichts zurücksinken, aus der er beim Schöpfungsruf hervorgegangen ist. Nicht nur der Mensch, sondern alles, was existiert, ist dem fortdauernden schöpferischen Impuls entsprungen und von ihm abhängig. »Im Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott, und Gott war das Wort... Alle Dinge sind durch dasselbe gemacht, und ohne dasselbe ist nichts gemacht, was gemacht ist«, so erklärt es Johannes (Joh 1,1.3). Und Paulus pflichtet ihm bei: »Denn in ihm ist alles geschaffen, was im Himmel und auf Erden ist, das Sichtbare und das Unsichtbare, es seien Throne oder Herrschaften oder Mächte oder Gewalten; es ist alles durch ihn und zu ihm geschaffen. Und er ist vor allem, und es besteht alles in ihm« (Kol 1,16-17). Der Verfasser des Hebräerbriefes schließt sich diesem Zeugnis an, indem er schreibt, daß Christus der Abglanz der Herrlichkeit Gottes und das Ebenbild seines Wesens ist und alle Dinge mit seinem kräftigen Wort trägt (Hebr 1,3). In dieser gänzlichen Abhängigkeit aller Dinge vom Schöpferwillen Gottes liegt die Möglichkeit zur Heiligkeit und zur Sünde. Eines der Merkmale der Gottesbildlichkeit des Menschen liegt in seiner Fähigkeit, eine moralische Wahl zu treffen. Nach der Lehre des Christentums entschied sich der Mensch für die Unabhängigkeit von Gott und bekräftigte seine Wahl, indem er das göttliche Gebot bewußt übertrat. Diese Tat verletzte die Beziehung, die ursprünglich zwischen Gott und seinem Geschöpf bestand, und mit ihr wurde Gott als Existenzgrundlage abgelehnt und der Mensch auf sich selbst zurückgeworfen. Dadurch wurde der Mensch nicht zu einem Planeten, der sich um die eine, zentrale Sonne dreht, sondera zu einer eigenmächtigen Sonne, um die sich alles andere zu drehen hat. Man könnte sich kaum eine positivere Behauptung über das Selbst vorstellen als jene Worte, die Gott zu Moses sprach: ICH BIN, DER ICH BIN. Das ganze Wesen Gottes wird mit dieser uneingeschränkten Erklärung unabhängigen Seins ausgedrückt. Doch das Ich Gottes ist nicht Sünde, sondern der Inbegriff aller Güte, Heiligkeit und Wahrheit. Der natürliche Mensch ist ein Sünder, weil er Gottes Ich in der Beziehung zu seinem eigenen herausfordert. In allem anderen mag er Gottes Herrschaft willig akzeptieren - in seinem eigenen Leben jedoch lehnt er sie ab. Für ihn hört der Herrschaftsbereich Gottes da auf, wo sein eigener beginnt. Für ihn wird das Selbst zu einem übersteigerten Ich-Bewußtsein, und damit imitiert er unbewußt Luzifer, jenen gefallenen Morgenstern, der in.seinem Herzen dachte: »Ich will in den Himmel steigen und meinen Thron über die Sterne Gottes erhöhen... Ich will... gleich sein dem Allerhöchsten« (Jes 14,13 f.). Allerdings ist das Ich so listig, daß der Mensch sich dessen Anwesenheit kaum bewußt ist; als geborener Rebell will er selbst nicht bemerken, daß er ein Rebell ist. Seine ständige Selbstbestätigun erscheint ihm, soweit er überhaupt daran denkt, als etwas völlig Normales. Er ist bereit, sich für eine erstrebenswerte Sache - manchmal bis zur Selbstaufopferung - einzusetzen, aber niemals, sich selbst entthronen zu lassen.
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Die Unbedingtheit Gottes Teil.3

Beitragvon Joschie » 14.03.2013 21:27

Die Unbedingtheit Gottes Teil.3

Ganz gleich, wie tief er in den Augen der Gesellschaft sinken mag, in seinen eigenen Augen ist er immer noch König auf seinem Thron, und niemand, nicht einmal Gott, kann ihn von diesem Thron verdrängen. Die Sünde zeigt sich auf vielen Gebieten; ihr Ursprung ist aber die Tat eines sittlichen Wesens, das - eigentlich zur Anbetung vor Gottes Thron erschaffen - sich auf den Thron seines Selbst setzt und von dort verkündet: »ICH BIN.« Das ist der wahre Kern der Sünde. Aber weil dies natürlich ist, erscheint es auch als gut. Nur wenn die Seele durch das Evangelium ohne den Schutzschild der Unwissenheit vor das Angesicht des allerheiligsten Gottes gestellt wird, wird ihr dieses erschreckende Mißverhältnis bewußt. Verkündiger des Evangeliums sprechen von einem Uberführtwerden des Menschen durch die alles verzehrende Gegenwart des allmächtigen Gottes. Darauf bezog sich Christus, als er von dem Geist, den er in die Welt senden wollte, sagte: »Und wenn er kommt, wird er der Welt die Augen auftun über die Sünde und über die Gerechtigkeit und über das Gericht« (Joh 16,8). Die früheste Erfüllung dieser Worte Christi geschah zu Pfingsten, nachdem Petrus die erste christliche Predigt gehalten hatte. »Als sie aber das hörten, ging's ihnen durchs Herz, und sie sprachen zu Petrus und den andern Aposteln: Ihr Männer, liebe Brüder, was sollen wir tun?« (Apg 2,37). Dieses »Was sollen wir tun« ist der Schrei eines jeden Menschen aus der Tiefe des Herzens, der plötzlich erkennt, daß er ein Thronräuber ist, der sich unberechtigterweise auf einen fremden Thron gesetzt hat. Mag dies auch schmerzhaft sein, so ist es doch genau diese tiefe Bestürzung, die echte Buße bewirkt und einen gesunden Christen schafft, der entthront wurde und durch das Evangelium Vergebung und Frieden erfahren hat. »Reinheit des Herzens ist es, etwas zu wollen«, sagte Kirkegaard, und wir könnten dieses Wort ohne weiteres umkehren und sagen: »Das Wesen der Sünde ist es, etwas zu wollen.« Denn unseren Willen gegen den Willen Gottes zu stellen heißt, Gott zu entthronen und uns selbst im Königreich unserer Seele zum Herrscher zu machen. Das ist die böse Wurzel der Sünde. Die Sünden können so zahlreich sein wie die Sandkörner am Meeresstrand, sie alle zusammen bilden nur die eine große Sünde. Sünden gibt es, weil es die Sünde gibt. Dies ist die Grundlage der von vielen geschmähten Lehre der natürlichen Verderbtheit des Menschen, die aussagt, daß der Mensch, der nicht zur Buße bereit ist, nichts anderes als sündigen kann und auch in seinen guten Werken nicht gut ist. Gott verwirft sogar seine besten fromm motivierten Werke, wie er einst Kains Opfer verwarf. Nur wenn der Mensch seinen Platz auf dem Thron Gott übergibt, werden seine Werke vor Gott angenehm. Obwohl der Christ darum ringt, gut zu sein, lebt in ihm der Hang zur Selbstbestätigung als unbewußter moralischer Reflex weiter. Dies beschreibt der Apostel Paulus im siebten Kapitel seines Briefes an die Römergemeinde eindrücklich, und sein Zeugnis stimmt voll mit der Lehre der Propheten überein. 800 Jahre vor dem Kommen Christi identifizierte der Prophet Jesaja die Sünde als Auflehnung gegen den Willen Gottes und als Behauptung des Menschen, er habe ein Recht darauf, seinen eigenen Weg zu wählen. »Wir gingen alle in die Irre wie Schafe, ein jeder sah auf seinen Weg« (Jes53,6). Ich glaube, es hat nie eine genauere Beschreibung der Sünde gegeben als diese. Das Zeugnis der Heiligen deckt sich völlig mit dem der Propheten und Apostel. Es besagt, daß das Prinzip der Selbstsucht, die im Menschen liegt, das menschliche Verhalten bestimmt und alles, was die Menschen tun, in Böses verwandelt. Um uns ganz zu erretten, muß Christus unsere Natur umkehren. Er muß ein anderes Prinzip in uns legen, so daß unser neues Verhalten von dem Wunsche, die Ehre Gottes zu mehren und das Wohl unserer Mitmenschen zu fördern, geprägt ist. Die alten Ich-Sünden müssen sterben, und der einzige Weg, dies zu erreichen, ist das Kreuz. »Will mir jemand nachfolgen, der verleugne sich selbst und nehme sein Kreuz auf sich und folge mir« (Mt 16,24), sagte unser Herr, und Jahre später konnte Paulus sagen: »Ich lebe; doch nun nicht ich, sondern Christus lebt in mir« (Gal 2,20).

Mein Gott, soll Sünde ihre Macht behalten Und in meiner Seele trotzig leben? Es genügt nicht, daß Du vergibst; Das Kreuz muß erhoben und das Ich erschlagen werden. Du Gott der Liebe, offenbare Deine Macht! Es genügt nicht, daß Christus emporsteigt. Auch ich muß den erhellenden Himmel suchen Und von den Toten auferstehen wie Christus auferstand.
GRIECHISCHES LIED
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Die göttliche Erhabenheit

Beitragvon Joschie » 07.06.2013 08:58

Die göttliche Erhabenheit

O Herr, unser Gott, niemand ist Dir gleich im Himmel und
auf Erden. Dein ist die Größe und die Würde und die
Majestät. Dein ist alles, was im Himmel und auf Erden ist.
Dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit in
Ewigkeit, o Gott, und Du bist erhöht als Haupt über allem.
Amen.


Wenn wir von der Erhabenheit Gottes reden, so verstehen wir darunter natürlich, daß er so hoch über das erschaffene Universum erhöht ist, daß es das menschliche Denken nicht mehr erfassen kann. Wir dürfen aber nicht vergessen, daß »hoch erhöht« nichts mit räumlicher Distanz zu tun hat, sondern sich auf die Qualität seines Seins bezieht. Wir interessieren uns hier nicht für Höhe oder eine Festlegung im Raum, sondern für das Leben. Gott ist Geist, und Höhe und Weite sind ohne Bedeutung für ihn. Da sie aber für uns zu Vergleichs- und Illustrationszwecken nützlich sind, bezieht Gott sich immer wieder auf sie, wenn er sein Reden unserm begrenzten Verstehen anpaßt. Wenn Gott in Jesaja sagt: »So spricht der Hohe und Erhabene, der ewig wohnt« (Jes 57,15), dann erwecken diese Worte den Eindruck von Höhe. Doch das kommt daher, daß wir als Bewohner einer Welt, die bestimmt ist durch Materie, Raum und Zeit, dazu neigen, in eben diesen Kategorien zu denken. Wir vermögen abstrakte Ideen nur zu erfassen, wenn wir sie irgendwie mit materiellen Dingen identifizieren können. In seinem Ringen, sich von der Tyrannei der natürlichen Welt zu befreien, muß das menschliche Herz lernen, die Sprache, in der der Geist Gottes uns unterweist, ins Höhere zu übersetzen. Erst der Geist verleiht der Materie Sinn, und ohne ihn ist letzten Ende alles wertlos. Ich will dies an einem Beispiel veranschaulichen, in dem sich ein kleines Kind von einer Gruppe, die zusammen einen Ausflug macht, entfernt, und auf dem Berge verirrt. Augenblicklich verändert sich die ganze geistige Perspektive der Gruppe. Die Bewunderung der Naturschönheit muß der Sorge um das verlorengegangene Kind Platz machen. Alle schwärmen in verschiedene Richtungen aus, man ruft nach dem Kind und sucht jeden verborgenen Winkel ab, an dem es sich eventuell befinden könnte. Was hat diese plötzliche Veränderung hervorgerufen? Der von Bäumen bedeckte Berg ist immer noch da und ragt mit atemberaubender Schönheit in die Höhe. Aber niemand schenkt ihm jetzt Beachtung. Die ganze Aufmerksamkeit konzentriert sich nunmehr auf die Suche nach dem kleinen Kind, das noch nicht einmal zwei Jahre alt ist und weniger als 15 Kilogramm wiegt. Obwohl es noch so jung und so klein ist, ist es den Eltern und Freunden mehr wert als der mächtige, uralte Berg, den sie noch vor ein paar Minuten bestaunt hatten. In dieser Entscheidung wird deutlich, wie hier die ganze zivilisierte Welt zusammenwirkt, denn das kleine Mädchen kann im Gegensatz zum Berg lieben und lachen, sprechen und beten. Die Qualität seines Seins macht den Wert dieses Kindes aus. Dennoch dürfen wir das Wesen Gottes nie mit etwas anderem vergleichen, so wie wir es gerade mit dem Berg und dem Kind getan haben. Wir dürfen uns Gott nicht als ein an der Spitze stehendes höchstes Wesen einer Hierarchie vorstellen, die mit dem Einzeller beginnt und über Fisch und Vogel zum Menschen und über diesen zum Engel und zum Cherub bis hin zu Gott aufsteigt. Damit würden wir Gott zwar einen hohen, ja sogar den höchsten Rang einräumen, aber dies genügt nicht. Wir müssen ihm Erhabenheit im vollsten Sinne des Wortes zuschreiben. Gott ist ewig über allem und in einem Lichte, dem niemand nahen kann. Er steht ebenso hoch über einem Erzengel wie über einer Raupe, denn die Kluft, die den Erzengel von der Raupe trennt, ist endlich, während die Kluft zwischen Gott und dem Erzengel unendlich ist. Der Erzengel und die Raupe sind, obwohl weit voneinander entfernt, auf der Skala erschaffener Dinge eins, da sie gleicherweise erschaffen wurden. Sie gehören beide zur Kategorie des Nichtgöttlichen und sind durch die Unendlichkeit von Gott getrennt. Scheu und Drang liegen in einem Herzen, das von Gott reden möchte, in ewigem Streit miteinander.

Wie sollen verdorbene Sterbliche es wagen,
Zu Deiner Ehre zu singen oder Deine Gnade zu loben?
Fern unter Deinen Füßen liegen wir
Und sehen nur die Schatten Deines Angesichts.

ISAAC WATTS


Doch trösten wir uns mit dem Wissen, daß Gott selbst das Suchen nach ihm in unsere Herzen gelegt hat und es auch ermöglicht hat, ihn bis zu einem gewissen Grad zu erkennen. Auch das schwächste Bemühen, von ihm zu zeugen, ist ihm wohlgefällig. Käme irgendein heiliges Wesen aus der himmlischen Welt auf die Erde, für wie bedeutungslos würde es das endlose Geschwätz der geschäftigen Menschen halten! Wie fremd und leer erschienen ihm die flachen, abgedroschenen Worte, die Woche für Woche von so mancher Kanzel zu hören sind. Sollte der himmlische Besucher auf Erden sprechen - würde er nicht von Gott reden? Würde er seine Zuhörer nicht mit leidenschaftlichen Beschreibungen der Gottheit faszinieren und begeistern? Und könnten wir, nachdem wir ihn angehört hätten, je wieder mit etwas Geringerem als der Lehre von Gott zufrieden sein? Würden wir nach diesem Erlebnis nicht auch von unseren Lehrern verlangen, daß sie vom Berge des Gottschauens zu uns redeten oder sonst besser schwiegen? Als der Psalmist die Sünde der Übeltäter sah, sagte ihm sein Herz, wie es dazu hatte kommen können. »Es ist keine Gottesfurcht bei ihnen«, erklärte er (Ps 36,1), und offenbarte uns damit die Psychologie der Sünde. Wenn die Menschen keine Ehrfurcht vor Gott haben, übertreten sie ohne Zögern die göttlichen Gebote. Die Furcht vor den Konsequenzen kann sie nicht mehr erschrecken, sobald die Gottesfurcht verschwunden ist.Von unseren Vätern im Glauben hieß es, sie »wandelten in der Furcht Gottes« und »dienten dem Herrn in Furcht«. Wie intim ihre Gemeinschaft und wie kühn ihre Gebete auch waren, die Grundlage ihres Glaubenslebens war die Vorstellung von einem erhabenen und furchteinflößenden Gott. Diese Vorstellung durchzieht die ganze Bibel und veranschaulicht uns den Charakter der Heiligen. Diese Gottesfurcht war mehr als nur die Wahrnehmung einer Gefahr, sie war eine nicht-rationale Furcht, die den Menschen in der Gegenwart des allmächtigen Gottes ein Gefühl der eigenen Unzulänglichkeit vermittelte. In biblischen Zeiten war das Resultat einer Gotteserscheinung stets dasselbe: die Menschen überkam ein übermächtiges Gefühl von Schrecken und Bestürzung, und die eigene Sündhaftigkeit und Schuld wurde ihnen plötzlich bewußt. Als Gott redete, warf sich Abraham flach auf die Erde, um zu hören. Als Mose dem Herrn im brennenden Busch begegnete, verbarg er sein Antlitz aus Furcht, Gott zu sehen. Als Jesaja Gott in einer Vision sah, schrie er: »Weh mir«, und bekannte: »Ich vergehe! Denn ich bin unreiner Lippen« (Jes 6,5).Daniels Begegnung mit Gott war wahrscheinlich die fürchterlichste und zugleich wunderbarste von allen. Der Prophet hob seine Augen auf und sah Einen, dessen »Leib war wie ein Türkis, sein Antlitz sah aus wie ein Blitz, seine Augen wie feurige Fackeln, seine Arme und Füße wie helles, glattes Kupfer, und seine Rede war wie ein großes Brausen«. Und Daniel fährt fort: »Aber ich, Daniel, sah dies Gesicht allein, und die Männer, die bei mir waren, sahen's nicht ; doch fiel ein großer Schrecken auf sie, so daß sie flohen und sich verkrochen. Ich blieb allein und sah dies große Gesicht. Es blieb aber keine Kraft in mir; jede Farbe wich aus meinem Antlitz, und ich hatte keine Kraft mehr. Und ich hörte seine Rede, und während ich sie hörte, sank ich ohnmächtig auf mein Angesicht zur Erde« (Dan 10,6-9). Diese Erfahrungen zeigen, daß ein Schauen der göttlichen Erhabenheit jegliche Kontroverse zwischen Mensch und Gott augenblicklich beendet. Der Mensch gibt auf und ist bereit, wie Saulus zu fragen: »Herr, was willst du, daß ich tun soll?« (Apg9,6). Heute dagegen sind Selbstsicherheit und grundsätzliche, in vielen unserer religiösen Zusammenkünfte anzutreffende Leichtfertigkeit sowie der schockierende Mangel an Ehrfurcht vor der Person Gottes Beweis genug für die große Blindheit des Herzens. Viele nennen sich Christen, sprechen viel von Gott und beten gelegentlich zu ihm. Aber offensichtlich wissen sie nicht, wer er ist. »Die Furcht des Herrn ist eine Quelle des Lebens« (Spr 14,27). Doch diese heilsame Furcht ist heute unter den Gläubigen nur sehr schwer zu finden. Goethe brachte während eines Gespräches mit seinem Freund Eckermann die Rede auf die Religion und sprach vom Mißbrauch des Namens Gottes. »Die Leute traktieren ihn (den Namen Gottes), als wäre das unbegreifliche, gar nicht auszudenkende höchste Wesen nicht viel mehr als ihresgleichen. Sie würden sonst nicht sagen: der Herr Gott, der liebe Gott, der gute Gott. Er wird ihnen, besonders den Geistlichen, die ihn täglich im Munde führen, zu einer Phrase, zu einem bloßen Namen, wobei sie sich auch gar nichts denken. Wären sie aber durchdrungen von seiner Größe, sie würden verstummen und ihn vor Verehrung nicht nennen mögen.«

Herr allen Seins, der Du im Himmel thronst,
Deine Herrlichkeit leuchtet wie Sonne und Stern;
Mittelpunkt und Seele jeder Sphäre,
Und doch wie nah jedem suchenden Herzen!

Herr allen Seins, in der Höhe wie in der Tiefe,
Dein Licht ist Wahrheit, und Wärme Deine Liebe.
Vor Deinem immer strahlendem Thron
Fragen wir nicht nach eigenem Glanz.

OLIVER WENDELL HOLMES
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Gottes Unendlichkeit Teil.1

Beitragvon Joschie » 10.08.2013 20:02

Gottes Unendlichkeit Teil.1


Unser himmlischer Vater, laß uns Deine Herrlichkeit
schauen - im Schütze der Felsenkluft und in der Sicherheit
Deiner bewahrenden Hand. Ganz gleich, ob uns dies den
Verlust von Freunden, Gütern oder Lebenstagen bringt,
laß uns Dich erkennen, wie Du bist, damit wir Dich
anbeten, wie wir es sollten. Im Namen Jesu Christi,
unseres Herrn. Amen.


Die Welt liegt im argen. Es bleibt uns immer weniger Zeit, und die Herrlichkeit Gottes ist von der Gemeinde gewichen, wie sich die Feuerwolke in der Vision des Propheten Hesekiel von der Tür des Tempels emporhob. Der Gott Abrahams hat seine spürbare Gegenwart von uns zurückgezogen, und ein anderer Gott, den unsere Väter nicht kannten, richtet sich bei uns ein. Diesen Gott haben wir uns selbst gemacht, und weil wir ihn selbst gemacht haben, können wir ihn verstehen. Weil wir ihn selbst gemacht haben, kann er uns weder überraschen noch überwältigen, weder in Erstaunen versetzen noch uns übertreffen. Der Gott der Herrlichkeit hat sich manchmal wie eine Sonne geoffenbart, um zu wärmen und zu segnen, aber oft auch, um zu erstaunen, zu überwältigen und zu blenden, bevor er heilte und bleibendes Augenlicht schenkte. Dieser Gott unserer Väter will ausdrücklich auch der Gott ihrer Nachkommen sein. Wir brauchen ihm nur in Liebe, Glauben und Demut eine Wohnung zu bereiten. Wir müssen ihn nur wirklich haben wollen, und er wird kommen und sich uns offenbaren. Schenken wir doch den ermahnenden Worten eines so gottesfürchtigen und aufmerksamen Mannes wie Anselm von Canterbury Gehör: »Wohlan jetzt, Menschlein, entfliehe ein wenig deinen Beschäftigungen... Wirf ab jetzt deine drückenden Sorgen und stelle zurück die mühevollen Geschäfte. Sei frei ein wenig für Gott und ruhe ein bißchen in ihm. >Tritt ein in die Kammer< deines Herzens, halte fern alles außer Gott und was dir hilft, ihn zu suchen, mach Schließung der Türe< suche ihn. >Sprich< jetzt, >mein ganzes Herz<, sprich jetzt zu Gott: >Ich suche dein Antlitz: dein Antlitz, Herr, suche ich.< Von allem, was über Gott gesagt und gedacht werden kann, ist seine Unendlichkeit am schwersten zu erfassen. Schon der Versuch, sie sich vorzustellen, erscheint widersprüchlich, denn dies in Worte fassen zu wollen erfordert von uns etwas, von dem wir von Anfang an wissen, daß wir es nie schaffen. Trotzdem müssen wir es versuchen, denn die Heilige Schrift lehrt uns, daß Gott unendlich ist, und wenn wir seine anderen Eigenschaften akzeptieren, müssen wir auch diese annehmen. Wir dürfen uns beim Bemühen um Verstehen nicht deshalb abhalten lassen, weil der Weg schwierig ist und es keine Hilfe beim Aufstieg gibt. Weiter oben ist die Aussicht viel besser, aber dies ist kein Fußweg, sondern das Herz muß ihn gehen! Laßt darum Gedanken und Geist sich so hoch emporschwingen, wie Gott es uns in seinem Wohlgefallen gewährt; wissend, daß der Herr oft den Blinden sehen läßt und den Unmündigen Wahrheiten offenbart, von denen sich die Weisen und Klugen nie träumen ließen. Jetzt müssen die Blinden sehen und die Tauben hören. Jetzt müssen wir erwarten, die heimlichen Schätze und die verborgenen Kleinode zu empfangen! Unendlichkeit bedeuten Unbegrenztheit, und es ist offensichtlich für den begrenzten Verstand unmöglich, den Unbegrenzten zu erfassen. Auch in diesem Kapitel werden wir wieder mit dem Dilemma konfrontiert, dessen Ursache bereits oben angedeutet wurde. Wir bemühen uns, uns eine Wesensart vorzustellen, die völlig fremd und allem unähnlich ist, was wir in unserer Welt von Materie, Raum und Zeit kennen. »Hier und bei all unserem Nachsinnen über die Eigenschaften des Wesens Gottes«, schreibt Novatian, »fehlt uns die dafür notwendige Vorstellungskraft, und menschliche Worte reichen nicht aus, um seine Größe darzustellen. Beim Betrachten und Beschreiben seiner Majestät verstummt alle Beredtsamkeit und erweist sich alle geistige Anstrengung als ungenügend. Er ist größer als jede Sprache, und keine Aussage vermag ihn zu erfassen. Wäre es möglich, ihn mit Worten zu beschreiben, so wäre er in Wirklichkeit geringer als die menschliche Sprache. AlleGedanken, die wir uns über ihn machen, werden seine Größe nie erfassen können, und unsere hochtrabendsten Äußerungen werden im Vergleich mit seinem wirklichen Wesen Belanglosigkeiten sein.« Unglücklicherweise hat man sich nicht immer an die genaue Bedeutung des Wortes »unendlich« gehalten, sondern es einfach sorglos im Sinne von »viel« oder »einegroße Menge« gebraucht. So sagen wir z.B., der Künstler gibt sich unendliche Mühe mit seinem Bild, oder eine Lehrerin zeigt unendliche Geduld mit ihrer Klasse. Genaugenommen kann das Wort nicht für etwas Erschaffenes verwendet werden, sondern dessen Bedeutung trifft ausschließlich auf Gott zu. Auch eine Diskussion darüber, ob der Weltraum unendlich sei, ist nur ein Wortspiel. Unendlichkeit steht nur dem Einen zu. Wenn wir sagen, daß Gott unendlich ist, meinen wir damit, daß er keine Grenzen hat. Auch in diesem Punkt müssen wir uns vom gewohnten Wortsinn lösen. »Grenzenloser Reichtum« und »unerschöpfliche Energie« sind weitere Beispiele für den Mißbrauch von Worten. Natürlich gibt es keinen Reichtum, der unbegrenzt ist, und keine Energie, die unerschöpflich ist, es sei denn, wir sprechen vom Reichtum und der Energie Gottes. Zu sagen, daß Gott unendlich ist, heißt, daß er unermeßbar ist. Erschaffene Dinge sind meßbar, das heißt, daß Begrenzungen und Unvollkommenheiten sie bestimmen. Wir sind vertraut mit Maßen für Gewichte, Entfernungen, Längen, Flüssigkeiten, Energie, Ton, Licht und Mengenangaben. Auch abstrakte Qualitäten versuchen wir zu messen, indem wir z. B. von großem oder kleinem Glauben, von niedriger oder hoher Intelligenz sprechen. Es ist doch leicht verständlich, daß all dies nicht auf Gott anwendbar ist und sein kann, denn dies ist die Art und Weise, wie wir die Schöpfung betrachten sollen, jedoch nicht den Schöpfer selbst. Gott steht außerhalb und jenseits all dieser Dinge. Mit unseren Maßstäben können wir Berge und Menschen, Atome und Sterne, Schwerkraft, Energie und Geschwindigkeit erfassen, niemals jedoch Gott. Im Zusammenhang mit ihm können wir nicht von Maß oder Menge, Größe oder Gewicht sprechen, denn damit beschreiben wir Wachstum, Hinzuführung oder Entwicklung. Dies entspricht nicht dem Wesen Gottes, denn in ihm gibt es nicht weniger oder mehr, größer oder kleiner. Er ist, was er in sich selbst ist - einfach Gott. In der uns erschreckenden Tiefe des Göttlichen könnten Eigenschaften verborgen liegen, von denen wir nichts wissen, die aber für uns nicht von Bedeutung sind, so wie z. B. die Gnade und Barmherzigkeit Gottes keine persönliche Bedeutung für die Cherubim und Seraphim besitzen. Diese heiligen Wesen können, auch wenn sie diese Eigenschaften Gottes kennen, sie nicht selbst erfahren, weil sie nicht gesündigt haben wie wir Menschen und darum auch nicht der Barmherzigkeit und Gnade bedürfen. So gibt es - davon bin ich überzeugt - noch andere Eigenschaften des Wesens Gottes, die er nicht einmal seinen erlösten und vom Geist erleuchteten Kindern offenbart. Diese verborgene Seite der Natur Gottes betrifft niemanden außer ihn selbst. Es besteht für uns keine Veranlassung, das zu entdecken zu versuchen, was er uns nicht geoffenbart hat.
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Gottes Unendlichkeit Teil.2

Beitragvon Joschie » 11.08.2013 08:53

Gottes Unendlichkeit Teil.2


Dich selbst immer füllend
Mit selbstentzündeter Flamme,
Aus Dir selbst gewinnst Du
Kräfte ohne Namen!
Ohne Anbetung der Geschöpfe,
Ohne Verschleierung Deines Gesichtes,
Bleibst Du, Gott, immer derselbe!

FREDERICK W. FABER


Doch Gottes Unendlichkeit ist uns bekannt. Das Wissen darüber ist uns zu unserem eigenen Nutzen mitgeteilt worden. Aber was bedeutet dies für uns, abgesehen von dem Staunen, das uns befällt, wenn wir darüber nachdenken? Eine ganze Menge, und das um so mehr, je besser wir uns selbst und Gott kennenlernen. Weil Gottes Wesen unendlich ist, ist auch alles daraus Entspringende unendlich. Wir armseligen menschlichen Geschöpfe sind ständig dadurch frustriert, daß uns Beschränkungen von außen und innen auferlegt werden. Unsere Lebenszeit ist knapp bemessen, und unsere Tage fliegen in Windeseile dahin. Das Leben ist kurz und scheint uns wie ein ständiges Proben für ein Konzert zu sein, das wir nicht einmal mehr miterleben können. Haben wir es endlich zu einem gewissen Können gebracht, werden wir gezwungen, unsere Instrumente niederzulegen. Es ist einfach nicht genügend Zeit vorhanden, um mit unserem Denken, Werden und Vollbringen es dazu zu bringen, wozu wir aufgrund unserer Natur fähig wären. Wie befriedigend ist es dagegen, sich von unseren Begrenzungen weg zu einem Gott hinzuwenden, der selbst keine kennt! Die Ewigkeit ruht in seinem Herzen. Für ihn vergeht die Zeit nicht, sie bleibt; und diejenigen, die in Christus sind, teilen mit ihm all den Reichtum unbegrenzter Zeit und unendlicher Jahre. Gott ist nie in Eile; es gibt keine Termine, auf die er zu achten hat. Schon das Wissen darum beruhigt unsern Geist und entspannt unsere Nerven. Einem Menschen, der nicht in Christus ist, erscheint die Zeit wie ein hungriges, wildes Tier. Den Söhnen der neuen Schöpfung jedoch ist die Zeit Untertan; aus dem ehemaligen Feind des alten Menschen wird dem neuen ein Freund. Selbst die Sterne in ihrem Lauf kämpfen für den Menschen, der Gott ehrt
(Ri 5,20). Dies alles dürfen wir aus der göttlichen Unendlichkeit lernen. Das ist jedoch noch nicht alles! Gottes Gaben der Natur haben ihre Begrenzungen, sie sind begrenzt, weil sie erschaffen sind. Doch die Gabe des ewigen Lebens in Christus Jesus ist so unbegrenzt wie Gott selbst. Der gläubige Mensch besitzt Gottes eigenes Leben und hat Anteil an dessen Unendlichkeit. In Gott ist genug Leben für alle und genügend Zeit, um sich daran zu erfreuen. Natürliches Leben durchläuft einen Zyklus von der Geburt bis zum Tod und hört dann auf zu sein, das Leben Gottes jedoch ruht in sich selbst und endet nie. Das ist das ewige Leben: den einzig wahren Gott zu erkennen und Jesus Christus, den er gesandt hat (Joh 17,3). Auch die Gnade Gottes ist unendlich. Jeder Mensch, der erfahren hat, wie sehr die eigene Schuld schmerzen kann, weiß, daß dies keine leeren Worte sind. »Wo aber die Sünde mächtig geworden ist, da ist doch die Gnade noch viel mächtiger geworden « (Rom 5,20). Mächtige Sünde ist der Schrecken der Welt, aber mächtige Gnade ist die Hoffnung für die Menschheit. Wie mächtig die Sünde auch sein mag, sie hat ihre Grenzen; denn sie ist das Resultat vergänglicher Sinne und Herzen. Aber Gottes Viel-Mächtiger macht uns mit der Unendlichkeit bekannt. Den schweren Krankheiten seiner Geschöpfe steht Gottes unendliche Heilungsfähigkeit gegenüber. Das Zeugnis der Christen lautete durch die Jahrhunderte: »Also hat Gott die Welt geliebt...« (Joh 3,16). Es ist an uns, diese Liebe im Lichte der Unendlichkeit Gottes zu sehen. Seine Liebe ist unermeßlich, ja noch mehr: sie ist grenzenlos, weil sie eine Eigenschaft Gottes ist. Gott ist Liebe, und weil er unendlich ist, hat diese Liebe Raum für die gesamte Welt und 10000 mal 10000 Welten zusätzlich.


Dies, dies ist der Gott, den wir anbeten!
Unseren treuen, unveränderlichen Freund,
Dessen Liebe so groß ist, wie seine Macht,
Keine kennt Grenze noch Ende!
Jesus ist es, der Erste und Letzte,
Dessen Geist uns sicher nach Hause führt;
Ihn preisen wir für alles Vergangene,
Und Ihm vertrauen wir in allem, was kommt.

JOSEPH HART
Tod, wo ist dein Stachel? Totenreich, wo ist dein Sieg? 1Kor 15,55

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Die Ewigkeit Gottes

Beitragvon Joschie » 08.10.2013 19:49

Die Ewigkeit Gottes

Heute erkennen unsere Herzen mit Freuden, was unser
Verstand nie völlig erfassen kann - Deine Ewigkeit, o
Allmächtiger. Bist Du nicht von Ewigkeit her gewesen, o
Herr, mein Gott, Du Heiliger?
Ewiger Vater, wir beten Dich an, dessen Jahre kein Ende
haben; und Dich, den geliebten eingeborenen Sohn, der
von Ewigkeit her gewirkt hat; wir ehren auch Dich,
ewiger Geist, und beten Dich an, der Du vor Grund-
legung der Welt in gleicher Herrlichkeit mit dem Vater und
dem Sohn lebtest und liebtest.
Erweitere und reinige unsere Herzen, damit sie würdige
Wohnungen Deines Geistes seien, Du, der Du ein auf-
richtiges und reines Herz allen Tempeln vorziehst. Amen.


Der Begriff der Ewigkeit zieht sich durch die gesamte Bibel hindurch und nimmt im orthodoxen jüdischen und christlichen Denken eine wichtige Stellung ein. Würden wir ihn verwerfen, wäre es uns ganz unmöglich, die Gedanken der Propheten und Apostel nachzuvollziehen, denn sie waren von den Gedanken an eine Ewigkeit erfüllt. Da das Wort ewig von den Schreibern der Bibel manchmal im Sinne von »lange andauernd« gebraucht wird (wie z. B. in 1 Mo 49,26: »... die ewigen Hügel«), sind einige Leute der Meinung, der Gedanke der unendlichen Existenz sei nicht von dem abzuleiten, was die biblischen Autoren mit diesem Wort gemeint hätten, sondern erst später von den Theologen eingeführt worden. Dieser schwerwiegende Irrtum entspringt - meiner Meinung nach - einer fehlenden ernsthaften Wissenschaftlichkeit. Durch diese Argumentation flüchten einige Bibelausleger vor der Lehre der ewigen Bestrafung. Sie lehnen die Idee ewiger Vergeltung ab und sind deshalb dazu gezwungen, die ganze Vorstellung einer Endlosigkeit zu schwächen. Das ist nicht das einzige Beispiel dafür, wie Menschen versuchen, klare Aussagen zu verändern, um damit alle Beweise gegen ihren Irrtum zu vernichten. Die Wahrheit ist, daß selbst, wenn die Bibel nicht die Ewigkeit Gottes wortwörtlich lehren würde, wir trotzdem nicht daran vorbeikämen, sie aus seinen anderen Eigenschaften abzuleiten. Gäbe es in der Heiligen Schrift kein Wort für Ewigkeit, so müßten wir notwendigerweise eines erfinden, um damit ein Konzept, das überall in der Schrift vorausgesetzt wird, in Worte fassen zu können. Der Gedanke der Endlosigkeit ist für das Reich Gottes von so grundlegender Bedeutung wie der Kohlenstoff für die Natur. So wie der Kohlenstoff als wesentliches Element in fast allen lebenden Stoffen vorhanden ist und sie mit Energie versorgt, so ist eine Auffassung von Endlosigkeit notwendig, um jeder christlichen Lehre Sinn zu verleihen. Ich kenne keinen Lehrsatz des christlichen Glaubensbekenntnisses, der ohne den Ewigkeitsgedanken seinen Sinn bewahren könnte. »Du bist, Gott, von Ewigkeit zu Ewigkeit« (Ps 90,2), sagte Mose, vom Geist erfüllt. Der Verstand blickt, so weit er vermag, in die Vergangenheit zurück, und wendet dann seinen Blick in die Zukunft, so weit es ihm sein Vorstellungs- und Denkvermögen ermöglicht. Gott, bei dem es keine Vergangenheit und Zukunft gibt, ist sowohl hier wie dort. Zeit markiert den Anfang der Existenz der Geschöpfe; da Gott nie zu existieren begann, ist sie auf ihn auch nicht anwendbar.

Beginnen ist ein Zeit-Wort und besitzt daher für den Höchsten,
der in der Ewigkeit wohnt, keine persönliche Bedeutung.
Kein Alter kann Dich mit Jahren beladen;
Lieber Gott! Du bist selbst Deine eigene Ewigkeit.

FREDERICK W. FABER


Weil Gott im immerwährenden »Jetzt« lebt, hat er keine Vergangenheit und keine Zukunft. Zeitbegriffe, die in der Bibel gebraucht werden, beziehen sich auf unsere, nicht auf seine Zeit. Die vier Gestalten, die Tag und Nacht vor dem Throne Gottes rufen: »Heilig, heilig, heilig ist Gott der Herr, der Allmächtige, der da war und der da ist und der da kommt!« (Offb 4,8), identifizieren Gott mit der Lebensform seiner Geschöpfe und deren drei Zeitformen. Das ist richtig und gut so; denn Gott selbst will dies. Da Gott jedoch unerschaffen ist, bleibt er von den aufeinanderfolgenden Wechseln, die wir Zeit nennen, unberührt. Gott lebt in der Ewigkeit, die Zeit dagegen wohnt in ihm. Gott hat schon unsere ganze Zukunft, sowie auch unsere Vergangenheit durchlebt. Vielleicht hilft uns hier ein Versuch von C. S. Lewis, dies zu veranschaulichen. Er schlägt vor, sich die Ewigkeit als ein unendlich großes Blatt Papier vorzustellen. Eine kurze Linie, die man auf diesem Blatt zieht, bedeutet die Zeit. So wie diese Linie auf dem unendlich großen Blatt beginnt und endet, so begann die Zeit in Gott und wird auch in Gott enden. Daß Gott zu Beginn der Zeit erscheint, ist nicht allzu schwer zu verstehen. Aber daß er am Anfang und am Ende der Zeit gleichzeitig erscheint, ist nicht so leicht zu fassen. Dennoch ist es wahr. Wir Menschen verstehen Zeit als eine Abfolge von Ereignissen, und mit ihrer Hilfe erklären wir uns aufeinanderfolgende Veränderungen im Universum. Veränderungen geschehen nicht alle auf einmal, sondern eine nach der andern, und es ist das Verhältnis vom Nachher zum Vorher, welches uns den Zeitbegriff vermittelt. Wir warten darauf, daß die Sonne von Osten nach Westen zieht oder daß sich der Stundenzeiger auf dem Zifferblatt im Kreis bewegt. Aber Gott ist nicht auf ein solches Warten angewiesen, bei ihm ist alles zukünftige Geschehen bereits vollendet. Deshalb kann Gott sagen: »Ich bin Gott, und sonst keiner mehr, ein Gott, dem nichts gleicht. Ich habe von Anfang an verkündigt, was hernach kommen soll, und vorzeiten, was noch nicht geschehen ist« (Jes 46,9 f.). Er sieht beides, Anfang und Ende, mit einem Blick. »Denn unendliche Dauer, das Wesen der Ewigkeit, umschließt alles Aufeinanderfolgen«, sagt Nikolaus von Kues, »und alles, was für uns wie ein zeitliches Nacheinander aussieht, ist für deinen Begriff immer jetzt... Weil du Gott der Allmächtige bist, wohnst du in den Menschen des Paradieses, und diese Mauern sind ein zeitliches Zusammenfallen von früher oder später, wo das Ende eins ist mit dem Anfang und wo das Alpha und Omega dasselbe ist... Denn jetzt und dann fallen innerhalb der Mauern des Paradieses zusammen. O mein Gott, du Absoluter und Ewiger, du bist und sprichst jenseits von Gegenwart und Vergangenheit.« Als Mose hochbetagt war, schrieb er Psalm, aus dem in diesem Kapitel schon zitiert wurde. Darin besingt er die Ewigkeit Gottes. Für ihn ist diese Wahrheit eine feststehende theologische Tatsache, so fest und unerschütterlich wie der ihm so vertraute Berg Sinai. Sie enthielt für ihn eine doppelte praktische Bedeutung: Da Gott ewig ist, wird er stets das einzige Zuhause seiner von der Zeit getriebenen Kinder sein. »Herr, du bist unsre Zuflucht für und für.« Der zweite Gedanke ist weniger tröstend: Gottes Ewigkeit ist unendlich und unsere Jahre auf Erden sind gezählt - wie sollen wir dabei mit unseren Händen etwas Bleibendes schaffen können? Wie sollen wir der steten Wiederholung von Geschehnissen entgehen, die uns zermürben und an den Rand der Erschöpfung und Zerstörung bringen? Dieser ganze Psalm spricht über Gott, und so ist er es auch, den Mose wehmütig anruft: »Lehre uns bedenken, daß wir sterben müssen, auf daß wir klug werden« (Ps 90,12). Möge das Wissen um deine Ewigkeit, o Gott, für mich nicht umsonst sein! Von uns, die wir in dieser hektischen Zeit leben, wäre es weise, oft und lange in der Gegenwart Gottes und an der Schwelle zur Ewigkeit über unser Leben und unsere Zeit nachzudenken. Denn wir sind für die Ewigkeit ebenso gemacht wie für die Zeit hier auf Erden, und als verantwortliche sittliche Wesen müssen wir uns mit beiden befassen. Für die Ewigkeit erschaffen und trotzdem gezwungen zu sein, in der Zeit zu leben, ist für die Menschheit eine Tragödie großen Ausmaßes. Alles in uns schreit nach Leben und Beständigkeit, und alles um uns her erinnert uns an Sterblichkeit und Wechsel. Dennoch ist die Tatsache, daß Gott uns für die Ewigkeit gemacht hat, beides: Herrlichkeit und Prophezeiung - eine Herrlichkeit, die Wirklichkeit werden wird, und eine Prophezeiung, die noch erfüllt werden wird. Ich hoffe, daß man es nicht für unnötig hält, wenn ich hier nochmals auf das Bild Gottes im Menschen, auf diesen Grundpfeiler christlicher Theologie, zurückkomme. Die Merkmale des Abbildes Gottes sind durch die Sünde so unkenntlich gemacht worden, daß sie nicht leicht wiederzuerkennen sind. Aber ist es nicht vernünftig zu glauben, daß eines dieser Merkmale das unersättliche Verlangen des Menschen nach Unsterblichkeit ist?


Du wirst uns nicht im Staube liegenlassen
Du hast den Menschen geschaffen, er weiß nicht warum;
Er denkt, er sei nicht zum Sterben erschaffen,
Du hast ihn gemacht: Du bist gerecht!

TENNYSON

Das Abbild Gottes im Menschen läßt, vielleicht auch nur schwach, einen jeden beständig auf eine Fortdauer seiner Existenz hoffen. Trotzdem kann er sich nicht freuen; denn das Licht des Verstandes, das alle Menschen erleuchtet, die in diese Welt kommen, beunruhigt sein Gewissen, indem es ihn durch Beweise seiner Schuld und die Gewißheit des Sterbens erschreckt. So wird er zwischen Hoffnung und Furcht hin- und hergerissen. Doch genau an diesem Punkt erscheint die herrliche Botschaft des Evangeliums. Jesus Christus hat »dem Tode die Macht genommen und das Leben und ein unvergängliches Wesen ans Licht gebracht... durch das Evangelium« (2 Tim 1,10). Dies schreibt Paulus kurz bevor er zur Hinrichtung geführt wird. Gottes Ewigkeit und die Sterblichkeit des Menschen machen uns deutlich, daß es uns nicht einfach freigestellt ist, an Jesus Christus zu glauben oder ihn abzulehnen. Für jeden Menschen gilt die Entscheidung: entweder der Glaube an Christus oder eine ewige Verdammnis. Unser Herr kam aus der Ewigkeit, um seine Brüder zu retten, deren moralisches Fehlen sie nicht nur zu Toren der vergänglichen Welt, sondern auch zu Sklaven der Sünde und des Todes gemacht hat.

Ein kurzes Leben ist hier unser Anteil,
Kurzer Kummer, kurze Sorge;
Das Leben, das kein Ende kennt,
Das Leben ohne Tränen ist dort.

Dort werden wir Gott, unseren König
In der Fülle Seiner Gnade
Dann immer sehen
Und von Angesicht zu Angesicht anbeten.

BERNHARD VON CLUNY
Tod, wo ist dein Stachel? Totenreich, wo ist dein Sieg? 1Kor 15,55

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Die Allmacht Gottes

Beitragvon Joschie » 11.11.2013 18:06

Die Allmacht Gottes

Unser himmlischer Vater, wir haben Dich sagen hören:
»Ich bin der allmächtige Gott; wandle vor mir und sei
fromm.« Aber es sei denn, daß Du uns durch Deine
überragende Kraft dazu befähigst, wie können wir, die wir
von Natur aus schwach und sündig sind, untadelig vor Dir
wandeln? Hilf, daß wir lernen, das Wirken der mächtigen
Kraft zu erfassen, die in Christus wirksam wurde, als Du
ihn von den Toten auferwecktest und zu Deiner Rechten
im Himmel setztest.
Amen.


In seiner Vision hörte Johannes eine Stimme, und es war wie eine Stimme einer großen Schar und wie eine Stimme großer Wasser und wie eine Stimme starker Donner im ganzen All, und die Botschaft, die die Stimme verkündigte, war die Souveränität und Allmacht Gottes: »Halleluja! Denn der Herr, unser Gott, der Allmächtige, hat das Reich eingenommen!« (Offb 19,6). Souveränität und Allmacht gehören unbedingt zueinander; das eine kann nicht ohne das andere sein. Um zu regieren, muß Gott Macht zu haben, und um souverän zu regieren, muß er alle Macht haben. Und genau das ist es, was allmächtig bedeutet, nämlich, alle Macht zu haben. Dieses Wort kommt in der Bibel häufig vor, aber nur in Verbindung mit Gott. Er allein ist allmächtig. Gott besitzt, was kein Geschöpf je hatte: eine unbegreifliche Machtfülle, eine Macht, die absolut ist. Das wissen wir durch göttliche Offenbarung. Aber sobald man dies weiß, erkennt man auch, daß es mit der Vernunft in Übereinstimmung steht. Ist Gott unendlich und unbedingt, so folgern wir daraus sofort, daß er auch allmächtig sein muß, und der Verstand kniet nieder und betet vor der göttlichen Allmacht an. »Gott allein ist mächtig«, sagt der Psalmist (Ps 62,12), und der Apostel Paulus erklärt, daß die Natur selbst Zeugnis gibt von der unvergänglichen Macht der Gottheit (Rom 1,20). Aufgrund dieses Wissens schließen wir auf die Allmacht Gottes. Dies geschieht in folgenden Schritten: Gott besitzt Macht. Da er unendlich ist, muß auch alle Macht, die er hat, grenzenlos sein. Darum hat Gott unbegrenzte Macht, er ist allmächtig. Wir sehen weiter, daß Gott, der in sich selbst bestehende Schöpfer, die Quelle aller bestehenden Macht ist. Und weil eine Quelle zumindest all dem, was aus ihr entspringt, gleich ist, ist Gott logischerweise aller Macht gleich, die es gibt, und das heißt wiederum, daß er allmächtig ist. Gott hat seinen Geschöpfen Macht übertragen, doch weil er sich selbst genügt, kann er keine seiner Vollkommenheiten aufgeben. Weil seine Macht vollkommen ist, hat er nie auch nur den kleinsten Teil davon aufgegeben. Er gibt, aber er gibt nicht weg. Alles, was er gibt, bleibt sein Eigentum und kehrt wieder zu ihm zurück. Auf ewig muß er bleiben, was er ewig gewesen ist: Gott, der allmächtige Herr. Man kann nicht lange aufmerksam in der Bibel lesen, ohne den gravierenden Unterschied in der Einstellung der biblischen Gestalten und jener der heutigen Menschen zu sehen. Wir leiden heute unter einer Verweltlichung; wo die Bibelverfasser von Gott sprachen, sprechen wir von Naturgesetzen. Ihre Welt war ausgefüllt, unsre dagegen ist leer. Ihre Welt war lebendig und persönlich, unsre ist unpersönlich und tot. Damals regierte Gott; wir lassen uns von Naturgesetzen regieren, und die Gegenwart Gottes kennen wir gar nicht mehr. Was sind diese Naturgesetze, die in den Köpfen von Millionen Menschen zum Ersatz für Gott geworden sind? Das Wort Gesetz hat eine doppelte Bedeutung. Einmal bedeutet es ein behördliches Gebot oder Verbot, zum Beispiel zur Abwehr von Kriminalität. Im anderen Fall bezeichnet man damit das immer gleichbleibende Verhalten der Dinge im Universum. Doch dieser zweite Wortgebrauch beruht auf einem Irrtum. Was wir in der Natur beobachten, sind ganz einfach die Fußspuren der Macht und Weisheit Gottes in der Schöpfung. Eigentlich sind es Phänomene und nicht Gesetze. Aber wir nennen sie Gesetze wegen ihrer Ähnlichkeit mit den willkürlichen Gesetzen der Gesellschaft. Die Wissenschaft beobachtet, wie die Kraft Gottes wirkt. Sie stellt ein regelmäßiges Verhaltensmuster fest und fixiert dieses als Gesetz. Die Gleichförmigkeit des göttlichen Wirkens in der Schöpfung ermöglicht es dem Wissenschaftler, den Verlauf eines natürlichen Phänomens vorauszusagen. Darauf gründet der Wissenschaftler seinen Glauben; dies ist sein Ausgangspunkt, um bedeutende und nützliche Dinge in der Navigation, der Chemie, der Landwirtschaft und den medizinischen Wissenschaften zu erreichen. Religion dagegen geht auf das Wesen Gottes zurück, sie befaßt sich nicht mit den Fußspuren Gottes, die in der Schöpfung zu erkennen sind, sondern mit dem Schöpfer selbst. Religion ist in erster Linie an dem interessiert, der die Quelle aller Dinge, der Herr eines jeden dieser Phänomene ist. Die Philosophie hat für Gott verschiedene Namen bereit. Der fürchterlichste, den ich je zu hören bekam, stammt von Rudolf Otto: »Der absolute, gigantische, nie erlahmende, aktive Welt-Streß.« Da erinnert sich der gläubige Christ lieber daran, daß dieser »Welt-Streß« sich selbst ICH BIN nannte und daß der größte aller Lehrer seine Jünger unterwies, Gott als Person anzureden: »Wenn ihr betet, so sprecht: Unser Vater im Himmel! Dein Name werde geheiligt« (Lk 11,2). Die Menschen der Bibel verkehrten mit diesem »gigantischen Absoluten« in einer so persönlichen Weise, wie es ihnen die Sprache ermöglichte. Propheten und Heilige wandelten mit ihm, erfüllt von einer Hingabe, die beglückend und zutiefst befriedigend für sie war. Allmacht bedeutet nicht nur die Summe aller Macht, sondern sie ist eine Eigenschaft des persönlichen Gottes, der für uns Christen der Vater unseres Herrn Jesus Christus und all derer ist, die an ihn glauben. Für den Menschen, der glaubt und anbetet, ist diese Erkenntnis eine wunderbare Kraftquelle seines Glaubenslebens. Sein Glaube schwingt sich zur Gemeinschaft mit dem empor, der tun kann, was immer er tun will, und für den nichts zu schwer ist, weil er absolute Macht besitzt. Da ihm alle Macht des Universums zur Verfügung steht, kann Gott, der allmächtige Herr, alles mit größter Leichtigkeit tun. Keine seiner Taten kostet ihn auch nur die kleinste Anstrengung. Er verbraucht keine Energie, die ersetzt werden müßte. In seiner Selbstgenügsamkeit hat er es nicht nötig, von außen eine Erneuerang seiner Kraft zu erwarten. Alle Kraft, die erforderlich ist, um das, was er will, tun zu können, liegt in der unverminderten Fülle seines eigenen unwandelbaren Wesens. Ein in den mittleren Jahren stehender Pfarrer, A. B. Simpson, der schwer erkrankt und tief niedergeschlagen, jedoch zur Aufgabe seines Dienstes bereit war, hörte zufällig den einfachen Negro-Spiritual:

Nothing is too hard for Jesus,
No man can work like Him.
Nichts ist für Jesus zu schwer,
Niemand kann so wirken wie er.


Diese Botschaft drang wie ein Pfeil in sein Herz und verlieh ihm Glaube und Hoffnung für Geist, Seele und Leib. Er zog sich an einen stillen Ort zurück und erhob sich, nachdem er eine Zeitlang allein mit Gott gewesen war, vollständig geheilt. Mit großer Freude fuhr er in seinem Dienst fort und gründete eine der größten Missionsgesellschaften der Welt. Auch in den folgenden 35 Jahren nach dieser Begegnung mit Gott wirkte er auf wunderbare Weise im Dienste Jesu Christi. Sein Glaube an den Gott unbegrenzter Macht gab ihm all die nötige Kraft, um weiterzumachen.

Allmächtiger! Ich beuge mich im Staub vor Dir;
Ebenso beugen sich verschleierte Cherubim;
In ruhiger und stiller Andacht bete ich Dich an,
Allwissender, allgegenwärtiger Freund.
Der Erde hast Du ihr smaragdgrünes Gewand gegeben
Und sie in Schnee gehüllt.
Und die helle Sonne und der sanfte Mond am Himmel
Beugen sich vor Deiner Erscheinung.

SIR JOHN BOWRING
Tod, wo ist dein Stachel? Totenreich, wo ist dein Sieg? 1Kor 15,55

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Die Treue Gottes

Beitragvon Joschie » 14.12.2013 18:14

Die Treue Gottes


Das ist ein köstlich Ding, Dir danken und Deinem Namen
lobsingen, Du Höchster, des Morgens Deine Gnade und
des Nachts Deine Treue verkündigen. Wie Dein Sohn, als
er auf Erden weilte, Dir, seinem himmlischen Vater, treu
war, so steht er jetzt im Himmel treu zu uns, seinen
irdischen Brüdern. Und in diesem Wissen gehen wir
vorwärts und sehen voller Zuversicht und Hoffnung der
Zukunft entgegen.
Amen.

Wie ich schon an anderen Stellen betonte, sind Gottes Eigenschaften nicht isolierte Charakterzüge, sondern Einzelteile seines ganzheitlichen Wesens. Sie sind nicht etwas, das in sich selbst besteht, sondern Gedanken, die wir über Gott haben, Aspekte eines vollkommenen Ganzen, Namen, mit denen wir das bezeichnen, was wir als Wahrheit der Gottheit erkannt haben. Um ein richtiges Verständnis von Gottes Eigenschaften zu haben, ist es wichtig, daß wir sie als Einheit sehen. Wohl können wir jede einzeln untersuchen, aber wir können sie nicht voneinander trennen. »Alle Gott zugeschriebenen Eigenschaften können sich in Wirklichkeit - aufgrund der vollkommenen >Einheit< Gottes - nicht voneinander unterscheiden, obgleich wir verschiedene Worte dafür gebrauchen«, sagt Nicolaus von Kues. »Deshalb, obwohl wir Gott Sehen, Hören, Schmecken, Riechen, Berühren, Fühlen, Denken, Verstand usw. zuschreiben - und das in jeder Bedeutung des jeweiligen Wortes - , ist doch bei ihm Sehen nichts anderes als Hören oder Schmecken, Riechen oder Berühren, Fühlen oder Verstehen. So formt alle Theologie sozusagen einen Kreis, da jede einzelne der Eigenschaften Gottes durch die anderen bestätigt wird.« Beim Studium der einzelnen Eigenschaften wird die eigentliche Einheit aller Eigenschaften bald ersichtlich. Zum Beispiel sehen wir, daß, wenn Gott unbedingt, in sich selbst existierend ist, ersieh auch selbst genügen muß; und wenn er Macht hat, dann muß er - weil er unendlich ist - alle Macht haben. Wenn er Wissen besitzt, dann bedingt seine Unendlichkeit, daß er alles Wissen besitzt. Ähnlich ist von seiner Unveränderlichkeit auf seine Treue zu schließen. Ist er unwandelbar, so folgt daraus, daß er nicht untreu sein kann; denn das würde erfordern, daß er sich verändert. Eine Schwäche im göttlichen Wesen würde Unvollkommenheit bedeuten. Aber da Gott vollkommen ist, kann er keine Schwäche kennen. So erklärt eine Eigenschaft die andere und beweist, daß es lediglich flüchtige Eindrücke sind, die unser Sinn von der absolut vollkommenen Gottheit erhascht. Alle Taten Gottes stehen in Übereinstimmung mit seinen Eigenschaften. Keine Eigenschaft widerspricht einer anderen, sondern sie harmonisieren miteinander und gehen in der unendlichen Tiefe der Gottheit ineinander über. Alles, was Gott tut, deckt sich mit dem, was Gott ist. Tun und Sein ist in ihm eins. Die bekannte Vorstellung von einem Gott, der zwischen seiner Gerechtigkeit und seiner Gnade hin und her gerissen ist, entspricht überhaupt nicht den Tatsachen; außerdem würde dies bedeuten, sich einen Gott vorzustellen, der sich seiner selbst nicht sicher, sondern frustriert und gefühlsmäßig unbeständig ist. Das hieße natürlich, daß der, von dem wir in dieser Weise denken, nicht der wahre Gott ist, sondern nur ein schwacher, vollkommen unscharfer geistiger Widerschein des lebendigen Gottes. Gott kann aufgrund dessen, was er ist, nicht aufhören zu sein, was er ist. Und weil er ist, was er ist, kann er nicht im Widerspruch zu seinem Wesen handeln. Er ist gleichzeitig treu und unveränderlich, und so muß er auch in all seinen Worten und Taten treu sein und treu bleiben. Menschen werden untreu aus Vorsatz, Angst, Schwachheit, verlorengegangenem Interesse oder aufgrund eines starken äußeren Einflusses. Es liegt auf der Hand, daß nichts von alledem Gott auch nur im geringsten beeinflussen kann. Er ist sich selbst Grund für alles, was er ist und tut. Er kann nicht von außen her zu etwas gezwungen werden, sondern redet und handelt stets aus eigenem Antrieb, seinem souveränen Willen und Wohlgefallen entsprechend. Es kann meiner Meinung nach bewiesen werden, daß jede Irrlehre, die der Gemeinde Jesu im Laufe der Jahre zu schaffen gemacht hat, entweder durch falsche Gottesvorstellungen oder durch Überbetonung bestimmter Lehren entstanden ist. Eine Eigenschaft so hervorzuheben, daß dadurch eine andere verdunkelt oder gar ausgeschlossen wird, bedeutet, sich in einen betrüblichen theologischen Morast zu versenken. Und trotzdem sind wir immer wieder versucht, genau das zu tun! Zum Beispiel lehrt die Bibel, daß Gott Liebe ist. Durch die Art und Weise, wie manche das ausgelegt haben, ist Gottes Gerechtigkeit, die von der Bibel ja auch gelehrt wird, so gut wie geleugnet worden. Andere überspitzen die Lehre von der Güte Gottes so sehr, daß sie in Widerspruch zu seiner Heiligkeit gesetzt wird. Manche bringen es fertig, durch Überbetonung seines Erbarmens seine Wahrheit aufzuheben. Wieder andere verstehen die Souveränität Gottes in einer Weise, die seine Güte und Liebe zerstört oder auf ein Minimum herabsetzt. Nur dann stehen wir der Wahrheit korrekt gegenüber, wenn wir all das zu glauben wagen, was Gott über sich selbst ausgesagt hat. Der Mensch lädt sich eine schwere Verantwortung auf, wenn er die Offenbarung Gottes um jene Teile zu verkürzen trachtet, die ihm in seiner Unwissenheit als anfechtbar erscheinen. Wenn jemand unter uns so vermessen ist, etwas Derartiges zu versuchen, dann muß ja Blindheit auf ihn fallen. Dabei ist das völlig unnötig. Wir brauchen keine Angst davor zu haben, die Wahrheit so stehenzulassen, wie sie geschrieben ist. Es gibt unter den göttlichen Eigenschaften keine Konflikte. Gottes Wesen ist unitär, das heißt, vollkommen eins in sich. Es kann sich nicht spalten und zu gegebener Zeit der einen Eigenschaft entsprechend handeln, während die übrigen untätig bleiben. Alles, was Gott ist, muß mit all dem übereinstimmen, was Gott ist. Gerechtigkeit muß in der Gnade gegenwärtig sein, und Liebe im Gericht. So verhält es sich mit allen göttlichen Eigenschaften. Für eine gesunde Theologie ist die Treue Gottes eine reine Tatsache, aber für den Gläubigen ist sie weit mehr. Zuerst wird sie vom Verstand erfaßt und wird dann zur Nahrung für die Seele. Denn die Bibel lehrt nicht nur die Wahrheit, sie zeigt auch ihren Nutzen für die Menschheit. Die inspirierten Schreiber standen mitten im Leben und waren Menschen wie wir. Was sie über Gott erfuhren, wurde für sie zu einem Schwert, zu einem Schild, zu einem Hammer. Es wurde ihre Lebensmotivation, ihre Hoffnung und ihre zuversichtliche Erwartung. Aus den objektiven theologischen Fakten leiteten ihre Herzen unzählige, beglückende persönliche Anwendungen ab !
Die Psalmen sind voll von frohem Dank für die Treue Gottes. Das Neue Testament greift das Thema auf und preist die Treue Gottes, des Vaters, und seines Sohnes Jesu Christi, der vor Pontius Pilatus sein Zeugnis abgelegt hat. In der Offenbarung sehen wir Christus, wie er auf einem weißen Pferd seinem Triumph entgegenreitet, und seine Namen sind Treue und Wahrhaftigkeit. Auch das christliche Lied preist die Eigenschaften Gottes, und unter diesen die göttliche Treue. In unsern Liederbüchern werden sie zu einer Quelle, aus der Ströme fröhlicher Melodien entspringen. Hier und dort mag sich noch ein altes Gesangbuch finden, dessen Lieder keinen Titel tragen. Dafür deutet eine in Schrägschrift vorangesetzte Zeile das Thema an, und das von Anbetung erfüllte Herz kann sich über das, was es da findet, nur freuen: »Preis der herrlichen Vollkommenheit Gottes«, »Weisheit, Majestät und Güte«, »Allwissenheit«, »Allmacht und Unwandelbarkeit«, »Herrlichkeit, Barmherzigkeit und Gnade« - das sind nur ein paar Beispiele, die einem 1849 in England herausgegebenen Gesangbuch entnommen sind. Doch jeder, der die christlichen Lieder kennt, weiß, daß die lange Reihe der geistlichen Lieder schon in der Frühzeit der Gemeinde Jesu ihren Anfang nahm. Von Anfang an weckte der Glaube an die Vollkommenheit Gottes in den Gläubigen frohe Zuversicht und lehrte sie zu allen Zeiten zu singen. Gottes Treue ist der tragende Grund unserer Hoffnung auf die zukünftige Glückseligkeit. Sein Bund und seine Verheißungen stehen und fallen mit seiner Treue. Nur wenn wir die völlige Gewißheit haben, daß er treu ist, können wir im Frieden leben und zuversichtlich dem zukünftigen Leben entgegenblicken. Jeder von uns kann diese Wahrheit und alles, was sich daraus ergibt, für sich selbst und seine Bedürfnisse in Anspruch nehmen. Der Angefochtene, der Bekümmerte, der Furchtsame, der Niedergeschlagene sie alle können neue Hoffnung und neuen Mut schöpfen in dem Wissen, daß unser Vater im Himmel treu ist. Er wird immer zu seinem Wort stehen. Die hartbedrängten Söhne des Bundes dürfen gewiß sein, daß er ihnen nie seine Barmherzigkeit entziehen und nie seine Treue brechen wird!

Glücklich der Mann, dessen Hoffnung sich auf den Gott
Israels stützt;
Er schuf den Himmel und die Erde und die Meere mit
Ihrem ganzen Gefolge;
Seine Wahrheit steht immer fest;
Er rettet die Unterdrückten, Er speiset die Armen,
Und keiner wird Seine Verheißung unerfüllt finden.

ISAAC WATTS
Tod, wo ist dein Stachel? Totenreich, wo ist dein Sieg? 1Kor 15,55

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Die Gerechtigkeit Gottes

Beitragvon Joschie » 16.01.2014 10:09

Die Gerechtigkeit Gottes

Unser Vater, wir lieben Dich wegen Deiner Gerechtigkeit.
Wir erkennen, daß Deine Gerichte durch und durch wahr
und gerecht sind. Deine Gerechtigkeit erhält die Ordnung
im All aufrecht und gewährleistet die Sicherheit aller, die
ihr Vertrauen in Dich setzen. Wir leben, weil Du gerecht
bist und barmherzig. Heilig, heilig, heilig, Herr, allmächtiger
Gott, gerecht in all Deinen Wegen und heilig in all
Deinen Werken.
Amen.

Das Alte Testament spricht klar und eingehend von der Gerechtigkeit Gottes, und dies in einer so schönen Weise, wie es sonst in der Literatur nie zu finden ist. Als die Zerstörung Sodoms angekündigt wurde, trat Abraham für die Gerechten in der Stadt ein und erinnerte Gott daran, daß er in einer solchen menschlichen Notlage ebenso handeln würde. »Das sei ferne von dir, daß du das tust und tötest den Gerechten mit dem Gottlosen, so daß der Gerechte wäre gleich wie der Gottlose! Das sei ferne von dir! Sollte der Richter aller Welt nicht gerecht richten?« (1 Mo 18,25). Die Psalmisten und Propheten Israels erkannten in Gott einen allmächtigen, hoch erhöhten und unparteiisch regierenden Herrscher. »Wolken und Dunkel sind um ihn her, Gerechtigkeit und Gericht sind seines Thrones Stütze« (Ps 97,2).Über den langersehnten Messias wurde prophezeit, er werde bei seinem Erscheinen das Volk mit Gerechtigkeit richten. Heilige Menschen, sonst voll zarten Mitgefühls, beteten, erzürnt über die Ungerechtigkeit der in der Welt Herrschenden: »Herr, du Gott der Vergeltung, du Gott der Vergeltung, erscheine! Erhebe dich, du Richter der Welt; vergilt den Hoffärtigen, was sie verdienen! Herr, wie lange sollen die Gottlosen, wie lange sollen die Gottlosen prahlen? « (Ps 94,1-3). Und diese Bitte ist nicht etwa als Ausdruck eines persönlichen Rachegefühls zu verstehen, sondern als Ausdruck der Sehnsucht nach Gerechtigkeit in der menschlichen Gesellschaft. Männer wie David und Daniel bekannten angesichts der Gerechtigkeit Gottes ihre eigene Ungerechtigkeit, und dadurch gewannen ihre bußfertigen Gebete große Vollmacht und Wirksamkeit. »Du, Herr, bist gerecht, wir aber müssen uns alle heute schämen« (Dan 9,7).Als das lange zurückgehaltene Gericht Gottes über die Welt kommt, sieht Johannes die Schar der Überwinder am gläsernen, mit Feuer vermengten Meer stehen. In ihren Händen halten sie die Harfen Gottes. Sie singen das Lied des Moses und das Lied des Lammes, und das Thema ihres Gesanges
ist die göttliche Gerechtigkeit: »Groß und wunderbar sind deine Werke, Herr, allmächtiger Gott! Gerecht und wahrhaftig sind deine Wege, du König der Völker. Wer sollte dich, Herr, nicht fürchten und deinen Namen nicht preisen? Denn du allein bist heilig! Ja, alle Völker werden kommen und anbeten vor dir, denn deine gerechten Gerichte sind offenbar geworden« (Offb 15,3 f.).Gerechtigkeit verkörpert die Idee moralischer Unparteilichkeit, und Ungerechtigkeit ist das genaue Gegenteil davon. So ist Ungerechtigkeit menschliches Denken und Tun ohne Gerechtigkeit. Gericht bedeutet die Ausführung der Gerechtigkeit in bestimmten Situationen und kann vorteilhaft oder unvorteilhaft ausfallen, je nachdem ob der Betroffene in seinem Herzen und Wandel gerecht oder ungerecht gewesen ist. Manchmal heißt es: »Die Gerechtigkeit fordert von Gott, so zu handeln.« Das ist eine falsche Denk- und Ausdrucksweise; denn dies würde bedeuten, daß es neben Gott noch andere Rechtsgrundsätze gäbe, die ihn zu einer bestimmten Handlungsweise zwingen. Solche Grundsätze gibt es natürlich nicht. Und wenn es sie gäbe, würden sie über Gott stehen, denn nur eine höhere Macht kann Gehorsam fordern. In Wahrheit kann es nie etwas neben Gottes Natur geben, das ihn in irgendeiner Weise nötigen könnte. All seine Beweggründe entspringen seinem göttlichen Wesen. Nichts ist in Ewigkeit zum Wesen Gottes hinzugetan worden, nichts ist davon entfernt worden, und nichts hat sich verändert. Wenn wir das Wort Gerechtigkeit in bezug auf Gott gebrauchen, so nennen wir damit eine göttliche Eigenschaft. Und wenn Gott gerecht handelt, so tut er es nicht, um einem objektiven Maßstab gerecht zu werden, sondern er verhält sich einfach seinem Wesen gemäß. So wie Gold nie in einer anderen Form als Gold gefunden werden kann und sich nie verändert, so ist Gott Gott - immer, ausschließlich, völlig Gott. Er kann nie etwas anderes sein als das, was er ist. Alles im Universum ist nur so gut, wie es auf die Natur Gottes ausgerichtet ist, und es ist böse, wenn diese Ausrichtung nicht vorhanden ist. Gott ist sich selbst ein Gerechtigkeitsmaßstab, und wenn er böse Menschen richtet oder die Gerechten belohnt, handelt er nur seinem innersten Wesen entsprechend und ohne jegliche Beeinflussung von außen. Alles dies scheint die Hoffnung auf Rechtfertigung des umkehrenden Sünders zunichte zu machen. Der christliche Philosoph und Theologe Anselm von Canterbury versuchte, den scheinbaren Widerspruch zwischen der Gerechtigkeit und dem Erbarmen Gottes aufzulösen. »Jedoch wie schonst du die Bösen«, will er von Gott wissen, »wenn du ganz gerecht und höchst gerecht bist?« Dann blickte er in Erwartung einer Antwort direkt auf Gott; denn er wußte, daß er sie im Wesen Gottes finden konnte. Anselms Erkenntnisse können wie folgt umschrieben werden: Gottes Wesen ist eins. Es besteht nicht aus einer Anzahl von Teilen und Gliedern, die harmonisch zusammenwirken, sondern aus einem. Seine Gerechtigkeit schließt in keiner Weise sein Erbarmen aus. Von Gott so zu denken, wie wir uns manchmal einen freundlichen Richter vorstellen, der, durch das Gesetz gezwungen, unter Tränen und sich halb entschuldigend einen Menschen zum Tode verurteilt, ist des wahren Gottes gänzlich unwürdig. Gott kennt keinen inneren Zwiespalt. Keine Eigenschaft Gottes steht im Konflikt mit einer anderen. Gottes Mitleid liegt in seiner Güte begründet, und Güte ohne Gerechtigkeit ist keine Güte. Gott verschont uns, weil er gütig ist, aber er könnte nicht gütig sein, wenn er nicht gerecht wäre. Wenn Gott die Bösen bestraft, so folgert Anselm, dann deshalb, weil es ihrer Bosheit entspricht; und wenn er die Bösen verschont, dann deshalb, weil es mit seiner Güte vereinbar ist. So tut Gott also, was ihm als dem in höchstem Grade gütigen Gott zusteht. Hier sucht der Verstand zu verstehen, nicht um zu glauben, sondern weil er schon glaubt. Eine einfachere und vertrautere Lösung des Problems, wie Gott gerecht sein kann und dennoch den Ungerechten gerechtspricht, findet sich in der christlichen Erlösungslehre. Hier heißt es, daß aufgrund des Sühnewerkes Christi die Gerechtigkeit nicht vergewaltigt wird, wenn Gott einen Sünder verschont, sondern daß ihr Genüge getan wird. Die Theologie der Erlösung lehrt, daß das Erbarmen über den Menschen nicht wirksam wird, bis die Gerechtigkeit ihr Werk getan hat. Die gerechte Strafe für die Sünde wurde vollzogen, als Christus, unser Stellvertreter, für uns am Kreuz starb. So unangenehm das in den Ohren des natürlichen Menschen klingen mag, so lieblich ist es für die Ohren des Glaubenden. Millionen von Menschen sind durch diese Botschaft moralisch und geistlich umgewandelt worden, haben ein von großer sittlicher Kraft getragenes Leben geführt und sind schließlich im Vertrauen darauf im Frieden gestorben. Daß der Gerechtigkeit Genüge getan wurde und nun das Erbarmen handelt, ist mehr als willkommene theologische Theorie. Es bedeutet vielmehr die Verkündigung einer Tatsache, die aufgrund unserer großen menschlichen Not zu einer Notwendigkeit geworden ist. Durch unsere Sünde schwebt über uns allen ein Todesurteil; wir sind unter einem Gericht, das herbeigeführt wurde, als die Gerechtigkeit mit unserer moralischen Situation konfrontiert wurde. Als die unendliche Gerechtigkeit mit unserer chronischen und willentlichen Ungerechtigkeit zusammenstieß, kam es zwischen den beiden zu einem heftigen Kampf, den Gott gewann und immer gewinnen muß. Doch wenn der reuige Sünder sich auf Christus und sein Heil stützt, wird die moralische Situation umgekehrt. Die Gerechtigkeit wird mit der veränderten Situation konfrontiert und spricht den glaubenden Menschen gerecht. Auf diese Weise tritt die Gerechtigkeit tatsächlich auf die Seite derer, die auf Gott als seine Kinder vertrauen. Das ist der Sinn jener kühnen Worte des Apostels Johannes: »Wenn wir aber unsre Sünden bekennen, so ist er treu und gerecht, daß er uns die Sünden vergibt und reinigt uns von aller Ungerechtigkeit « (1 Jo 1,9). Aber Gottes Gerechtigkeit wird gegen den Sünder immer in äußerster Strenge Stellung nehmen. Die vage und klägliche Hoffnung, daß Gott zu gütig sei, um die Gottlosen zu strafen, ist zu einem tödlichen Betäubungsmittel für das Gewissen von Millionen von Menschen geworden. Sie beschwichtigt ihre Befürchtungen und gestattet ihnen, alle Schlechtigkeit zu praktizieren, während der Tod jeden Tag näher rückt und der Befehl zur Buße unbeachtet verhallt. Als verantwortliche sittliche Wesen dürften wir es nicht wagen, so mit unserem ewigen Schicksal zu spielen!

Christi Blut und Gerechtigkeit,
Das ist mein Schmuck und Ehrenkleid,
Damit will ich vor Gott bestehn,
Wenn ich zum Himmel werd eingehn.
Drum soll auch dieses Blut allein
Mein Trost und meine Hoffnung sein;
Ich bau im Leben und im Tod
Allein auf Jesu Wunden rot.

Strophe I: GRAF N. L. VON ZINZENDORF
Strophe II: CHRISTIAN GREGOR
Tod, wo ist dein Stachel? Totenreich, wo ist dein Sieg? 1Kor 15,55

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Die Barmherzigkeit Gott

Beitragvon Joschie » 25.01.2014 20:18

Die Barmherzigkeit Gottes


Heiliger Vater, Deine Weisheit erweckt unser Staunen,
Deine Macht erfüllt uns mit Schrecken, Deine Allgegenwart
macht jeden Flecken Erde zu einem heiligen Ort.
Doch wie können wir Dir nur genug für Deine Barmherzigkeit
danken, die uns in tiefster Not widerfährt und uns
Schmuck statt Asche, Freudenöl statt Trauerkleid und
Lobgesang statt eines betrübten Geistes gibt. Wir loben
und rühmen Deine Barmherzigkeit durch Jesus Christus,
unsern Herrn.
Amen.

Wenn wir Kinder des Schattens durch das Blut des ewigen Bundes endlich unsere Heimat droben im Lichte erreichen, werden wir tausend Saiten auf unserer Harfe haben, aber die wohlklingendste wird wohl jene sein, die am vollkommensten zum Ruhm der Barmherzigkeit Gottes erklingt! Denn was für ein Recht haben wir, dort zu sein? Beteiligten wir uns nicht durch unsere Sünden an jener unheiligen Rebellion, durch die der herrliche König der Schöpfung tollkühn vom Thron gestürzt werden sollte? Gingen wir unseren Weg früher nicht nach der Weise der Welt, nach dem Mächtigen, der in der Luft herrscht, dem Geist, der zu dieser Zeit sein Werk in den Kindern des Unglaubens wirkt? Lebten wir einst nicht alle in den Lüsten des Fleisches? Waren wir nicht von Natur aus Kinder des Zornes wie die andern? Aber wir, die wir einst Feinde Gottes und ihm durch böse Werke entfremdet waren, wir werden Gott dann von Angesicht zu Angesicht schauen, und sein Name wird auf unserer Stirne geschrieben sein. Wir hätten Ächtung verdient und werden statt dessen die Freude der Gemeinschaft erleben. Wir hätten die Qualen der Hölle verdient und werden doch die Seligkeit des Himmels erfahren. Dies alles kann nur durch die Barmherzigkeit unseres Gottes geschehen, die die Herrlichkeit aus der Höhe zu uns herabsteigen ließ.

Wenn meine anbetende Seele, o mein Gott,
Alle Deine Barmherzigkeit erfaßt,
Verliere ich mich in Verwunderung, Liebe und Lob.

JOSEPH ADDISON

Barmherzigkeit ist eine Eigenschaft Gottes, eine unendliche und unerschöpfliche Energie der göttlichen Natur, die Gott zu einem teilnehmenden Mitleid bewegt. Sowohl das Alte wie das Neue Testament bezeugen die Barmherzigkeit Gottes; das Alte Testament hat sogar mehr als viermal soviel darüber zu sagen wie das Neue Testament. Wir sollten die übliche, jedoch falsche Vorstellung aus unserem Sinn verbannen, Gerechtigkeit und Gericht charakterisierten den Gott Israels und Barmherzigkeit und Gnade den Herrn der Gemeinde, denn in Wirklichkeit besteht prinzipiell kein Unterschied zwischen dem Alten und dem Neuen Testament. Auch wenn das Neue Testament mehr den Erlösungsplan Gottes entfaltet, so redet Gott doch in beiden Teilen gleich, und was er redet, entspricht dem, was er ist. Wo und wann immer Gott Menschen erscheint, handelt er seinem Wesen gemäß. Ob im Garten Eden oder im Garten Gethsemane - Gott ist sowohl barmherzig wie gerecht. Er hat der Menschheit von jeher Barmherzigkeit erwiesen, und er wird seine Gerechtigkeit immer an ihr erweisen, auch wenn seine Barmherzigkeit ausgeschlagen wird. So tat er es zu vorsintflutlichen Zeiten ; so tat er es, als Christus unter den Menschen weilte ; so tut er es heute, und so wird er es immer tun, weil er Gott ist. Wenn wir nur begreifen könnten, daß die göttliche Barmherzigkeit keine vorübergehende Laune, sondern eine Eigenschaft des unvergänglichen Gottes ist, so würden wir nicht mehr länger befürchten, sie könnte eines Tages zu Ende sein. Barmherzigkeit hat nie angefangen zu sein, sondern besteht von Ewigkeit her. So wird sie auch kein Ende haben. Sie wird nie zunehmen, weil sie in sich selbst schon unendlich ist; und sie wird nie abnehmen, weil das Unendliche keine Verminderung kennt. Nichts, was im Himmel, auf Erden oder in der Hölle geschehen ist oder geschehen wird, kann etwas am gnädigen Erbarmen unseres Gottes ändern. Seine Barmherzigkeit steht ewig fest - eine grenzenlose, überwältigende Unermeßlichkeit göttlichen Mitleids. Gleich wie das Gericht Gottes Gerechtigkeit gegenüber moralischer Ungerechtigkeit ist, so ist Barmherzigkeit die Güte Gottes gegenüber menschlichem Leiden und Verschulden. Gäbe es keine Schuld in der Welt, keinen Schmerz und keine Tränen, wäre Gott dennoch voll unendlichen Erbarmens, wenn auch vielleicht in der Verborgenheit seines Herzens und dem erschaffenen Universum unbekannt. Keine Stimme würde sich dann erheben, um die Barmherzigkeit zu rühmen, der niemand bedürfte. Das Elend und die Sünde des Menschen ist es, was die göttliche Barmherzigkeit auslöst. »Kyrie eleisonl Chris te eleisonl« (Herr, bzw. Christus, erbarme Dich) hat die Kirche Jahrhunderte hindurch gebetet. Aber wenn ich mich nicht täusche, höre ich darin einen Ton von Traurigkeit und Verzweiflung. Ihr klagendes, oftmals in diesem niedergeschlagenen, resignierenden Ton wiederholtes Gebet zwingt einen zur Vermutung, daß sie um einen Segen bittet, den sie in Wirklichkeit gar nicht zu empfangen erwartet. Sie mag weiterhin pflichtgemäß die Größe Gottes besingen und das Glaubensbekenntnis unzählige Male hersagen, aber ihre Bitte um Barmherzigkeit tönt wie eine verlorene Hoffnung - als ob Barmherzigkeit eine himmlische Gabe wäre, nach der man sich wohl sehnt, die man jedoch nie richtig erfährt. Ist diese Unfähigkeit, die echte, bewußt erlebte Freude der Barmherzigkeit zu erfassen, das Resultat unseres Unglaubens oder unserer Unwissenheit oder beider zusammen? Das war einst in Israel der Fall. »Denn ich bezeuge ihnen«, sagte Paulus über Israel, »daß sie Eifer für Gott haben, aber ohne Einsicht« (Röm 10,2). Sie versagten, weil es zumindest eine Sache gab, die sie nicht wußten, eine Sache, die den ganzen Unterschied ausgemacht hätte. Über die Israeliten in der Wüste heißt es im Hebräerbrief: »Aber das Wort der Predigt half jenen nichts, weil sie nicht glaubten, als sie es hörten« (Hebr 4,2). Um Barmherzigkeit erlangen zu können, müssen wir zuerst wissen, daß Gott barmherzig ist. Es genügt nicht zu glauben, daß er sich einst über Noah oder Abraham oder David erbarmte und daß er irgendwann einmal in der Zukunft seine Barmherzigkeit wieder zeigen wird. Wir müssen glauben, daß Gottes Barmherzigkeit grenzenlos und frei ist, und daß sie uns durch unsern Herrn Jesus Christus jetzt, in unserer gegenwärtigen Lage, zugänglich ist. Wir können ein Leben lang ungläubig um Barmherzigkeit bitten und am Ende unserer Tage trotzdem nur die schwache Hoffnung haben, sie irgendwo und irgendwann einmal zu empfangen. Das hieße verhungern, während nebenan der Festsaal ist, den wir trotz freundlicher Einladung nicht betreten haben. Wir können aber auch, wenn wir wollen, im Glauben die Barmherzigkeit Gottes erfassen, in den Festsaal eintreten und uns mit verlangenden Seelen, die sich nicht durch Schüchternheit und Unglauben vom Fest und den für sie bereiteten guten Dingen abhalten ließen, niedersetzen.

Steh auf, meine Seele, steh auf;
Schüttle Deine schuldbeladenen Ängste ab;
Das um meinetwillen blutende Opfer erscheint;
Vor dem Thron steht, der für mich bürgt.
Mein Name steht in Seinen Händen geschrieben.
Mein Gott ist versöhnt;
Ich höre Seine vergebende Stimme;
Er bekennt sich zu mir als zu Seinem Kind;
Ich brauche mich nicht länger zu fürchten;
Zuversicht stärkt mich,
Und ich rufe: »Abba, lieber Vater!«

CHARLES WESLEY
Tod, wo ist dein Stachel? Totenreich, wo ist dein Sieg? 1Kor 15,55

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Die Heiligkeit Gottes Teil1

Beitragvon Joschie » 20.02.2014 21:29

Die Heiligkeit Gottes Tei1

Ehre sei Gott in der Höhe! Wir preisen Dich, wir loben
Dich, wir beten Dich an um Deiner großen Herrlichkeit
willen. Herr, ich redete Dinge, die ich nicht verstand,
Dinge, zu wunderbar für mich, als daß ich sie begriff. Ich
hatte von Dir vom Hörensagen vernommen, nun aber
sieht mein Auge Dich, und ich tue Buße in Staub und
Asche. O Herr, ich will meine Hand auf meinen Mund
legen. Einmal habe ich geredet, ein zweites Mal und will's
nicht wieder tun. Aber während ich nachdachte, brannte
das Feuer. Ich muß von Dir reden, damit ich mit meinem
Schweigen nicht gegen diese Generation Deiner Kinder sündige.

Siehe, was töricht ist vor der Welt, hast Du erwählt, damit
Du die Weisen zuschanden machst, und was schwach ist
vor der Welt, um das, was stark ist, zuschanden zu
machen. O Herr, vergiß mich nicht. Laß mich Deine
Stärke und Deine Macht dieser Generation und jeder
zukünftigen bezeugen. Erwecke Propheten und Seher in
Deiner Gemeinde, die Deine Herrlichkeit rühmen, und
stelle durch Deinen allmächtigen Geist die Erkenntnis des
Heiligen unter Deinem Volke wieder her. Amen.



Der Schock, den wir durch unsern furchtbaren Bruch mit dem göttlichen Willen erlitten haben, hat in uns allen ein bleibendes Trauma zurückgelassen, das jedes Teil unseres Seins berührt. Sowohl in uns wie in unserer Umwelt sitzt eine Krankheit. Das Bewußtsein seiner eigenen Verderbtheit kam wie ein Blitz vom Himmel über den zitternden Jesaja in dem Moment, als er die überwältigende Schau der Herrlichkeit Gottes empfing. Sein schmerzerfüllter Schrei: »Weh mir, ich vergehe! Denn ich bin unreiner Lippen und wohne unter einem Volk von unreinen Lippen; denn ich habe den König, den Herrn Zebaoth, gesehen mit meinen Augen« (Jes 6,5), drückt die Gefühle eines jeden aus, der sich selbst unter seiner Verkleidung erkannt hat und durch ein inneres Schauen mit der heiligen Reinheit Gottes konfrontiert worden ist. Es kann gar nicht anders sein, als daß eine solche Erfahrung von einer heftigen Gefühlsregung begleitet wird. Bevor wir uns selbst nicht gesehen haben, wie Gott uns sieht, lassen wir uns nicht so leicht durch äußere Umstände aus der Ruhe bringen; erst, wenn sie unseren bequemen Lebensstil bedrohen, werden wir aktiv. Wir haben gelernt, mit Unheiligkeit zu leben, und sind so weit gekommen, sie als etwas ganz Natürliches und Alltägliches zu betrachten. Wir sind nicht darüber enttäuscht, daß wir nicht die ganze Wahrheit bei den Lehrern, Gewissenhaftigkeit bei den Politikern, Ehrlichkeit bei den Kaufleuten oder volle Vertrauenswürdigkeit bei unsern Freunden finden. Um die Fortdauer unserer Existenz zu sichern, erfinden wir Gesetze, um uns vor unsern Mitmenschen zu schützen, und lassen es dabei bewenden. Weder der Verfasser noch der Leser dieses Buches ist von sich aus fähig, die Heiligkeit Gottes zu würdigen. So etwas wie ein neuer Kanal muß durch die Wüste unseres Sinnes gegraben werden, damit das köstliche Wasser der Wahrheit, das unsere schwere Krankheit heilen will, hineinfließen kann. Wir erfassen den wahren Sinn göttlicher Heiligkeit nicht, indem wir einfach an etwas oder jemand sehr Reinen denken und dann diese Vorstellung im höchsten Maße veredeln. Gottes Heiligkeit ist keine unendliche Verbesserung des Besten, das wir kennen. Uns ist etwas der göttlichen Heiligkeit Ähnliches gar nicht bekannt. Sie ist etwas ganz Besonderes: einzigartig, unnahbar, unbegreiflich und unerreichbar. Der natürliche Mensch ist blind dafür. Er fürchtet vielleicht Gottes Macht und bestaunt seine Weisheit, doch seine Heiligkeit kann er sich nicht einmal vorstellen. Nur der Geist des Heiligen kann dem menschlichen Geist die Erkenntnis des Heiligen vermitteln. Aber wie der elektrische Strom nur durch eine Leitung fließt, so fließt der Geist Gottes durch die Wahrheit. Er muß ein gewisses Maß an Wahrheit im Geist eines Menschen vorfinden, ehe er das Herz erleuchten kann. Glaube wird nur durch die Stimme der Wahrheit geweckt. »So kommt der Glaube aus der Predigt, das Predigen aber durch das Wort Christi« (Rom 10,17). Theologisches Wissen ist gleichsam das Medium, durch welches der Geist ins menschliche Herz strömt; aber es setzt demütige Reue voraus, bevor die Wahrheit Glauben wecken kann. Der Geist Gottes ist der Geist der Wahrheit. Es ist möglich, etwas von der Wahrheit im Kopf zu haben, ohne den Geist im Herzen zu haben. Aber es ist unmöglich, den Geist ohne die Wahrheit zu haben. In seiner eingehenden Studie »Das Heilige« bringt Rudolf Otto beachtenswerte Beweise für das Vorhandensein einer Ahnung im menschlichen Geiste, daß es in der Welt ein unbestimmtes, unfaßbares Etwas gibt, das Mysterium Tremendum, das furchteinflößende Geheimnisvolle, welches das Universum umfaßt und durchdringt. Dieses ist ein Schrecken hervorbringendes Etwas, das nie verstandesmäßig wahrgenommen, sondern nur in den Tiefen des Menschengeistes erahnt und erfühlt werden kann. Es besteht weiter als ein bleibender religiöser Instinkt, ein Gefühl für jene namenlose, unauffindbare Gegenwart, die »quecksilbergleich in den Adern der Schöpfung pulst« und manchmal den Verstand wie betäubt, indem es diesem mit einer übernatürlichen, überverstandesmäßigen Kundgebung seiner selbst gegenübertritt. Der von ihm überwältigte Mensch wird ganz klein und kann nur zittern und schweigen. Dieser nicht aus der Vernunft stammende Schrecken, diese Ahnung eines nichtkreatürlichen Weltgeheimnisses, bildet den Urgrund aller Religionen. Die reine Religion, wie wir sie in der Bibel finden, existiert ebenso wie der niedrigste Animismus des nackten Eingeborenen nur deshalb, weil der menschlichen Natur dieser grundlegende Instinkt innewohnt. Der Unterschied zwischen der Religion eines Jesaja oder Paulus und der des Animisten besteht natürlich darin, daß der eine die Wahrheit hat und der andere nicht; letzterer besitzt lediglich den ahnungsvollen Instinkt. Er fühlt einen unbekannten Gott. Ein Jesaja aber und ein Paulus haben den wahren Gott durch seine Selbstäußerung in der Heiligen Schrift gefunden. Das Erahnen des großen Mysteriums ist für die menschliche Natur grundlegend und für den Glauben unentbehrlich, aber sie genügt nicht. Wohl läßt sie die Menschen flüstern: »Dieses fürchterliche Etwas!« Aber sie rufen nicht aus: »Du mein Heiliger! « In der jüdischen wie auch in der christlichen Bibel setzt Gott seine Selbstoffenbarung fort und macht sich persönlich bekannt. Seine Gegenwart wird nicht als ein Etwas, als ein Ding dargestellt, sondern als ein persönliches Wesen mit allen Eigenschaften einer echten Persönlichkeit. Ja, noch mehr: Dieses Wesen ist voll Gerechtigkeit, Reinheit, Geradheit und unbegreiflicher Heiligkeit. Und in alledem ist er unerschaffen, genügt sich selbst und ist weder mit dem menschlichen Denkvermögen zu erfassen noch mit dem menschlichen Sprach vermögen auszudrücken. Durch die Selbstoffenbarung Gottes in der Heiligen Schrift und durch die Erleuchtung des Heiligen Geistes gewinnt der Gläubige alles und verliert nichts. Seiner Gottesvorstellung wird das Doppelkonzept von Persönlichkeit und sittlichem Charakter hinzugefügt. Das ursprüngliche Empfinden von Staunen und Ehrfurcht in der Gegenwart des welterfüllten Mysteriums aber bleibt. Heute hüpft vielleicht sein Herz, und er ruft vor lauter Freude: »Abba, lieber Vater, mein Herr und mein Gott!« Morgen kniet er vielleicht mit verzücktem Zittern nieder, um den Hohen und Erhabenen, dessen Wohnung die Ewigkeit ist, zu bestaunen und anzubeten. Heiligkeit ist Gottes Art. Um heilig zu sein, richtet er sich nicht nach einem Maßstab. Er selbst ist sich der Maßstab. Seine absolute Heiligkeit ist von einer unendlichen, unfaßbaren Reinheitsfülle, die unfähig ist, etwas anderes zu sein, als sie ist. Weil er heilig ist, sind auch alle seine Eigenschaften heilig. Das heißt, alles, was wir Gott zuschreiben, müssen wir uns heilig vorstellen. Gott ist heilig, und er hat Heiligkeit zur moralischen Bedingung für das Wohl seines Universums gemacht. Die einstweilige Gegenwart der Sünde in der Welt betont dies nur. Was heilig ist, ist auch gesund. Das Böse ist eine Krankheit, die schließlich zum Tode führen muß. Auch im Sprachlichen kommt das zum Ausdruck, hat doch das Wort heilig die gleiche sprachliche Wurzel wie das Wort heil, das soviel wie gesund, ganz, bedeutet. Da es Gott im Blick auf seine Welt in erster Linie um deren Übereinstimmung mit seiner Lebensordnung, das heißt um Heiligkeit, geht, zieht alles, was im Gegensatz dazu steht, sein ewiges Mißfallen auf sich. Um seine Schöpfung zu erhalten, muß Gott alles zunichte machen, was diese zerstören würde. Wenn er sich erhebt, um der Sünde entgegenzutreten und die Welt vor einem nicht wiedergutzumachenden Zusammenbruch zu retten, dann wird er in der Bibel als zornig beschrieben. Jedes Zorngericht in der Weltgeschichte stellt einen heiligen Akt der Erhaltung dar. Die Heiligkeit Gottes, der Zorn Gottes und das Wohl der Schöpfung sind unzertrennbar vereint. Gottes Zorn ist seine völlige Unduldsamkeit allem gegenüber, was verdirbt und zerstört. Er haßt die Sünde, wie eine Mutter die Krankheit haßt, die das Leben ihres Kindes bedroht. Gottes Heiligkeit ist absolut und kennt keine Abstufungen. Das ist etwas, das er nicht auf seine Geschöpfe übertragen kann. Aber es gibt eine relative und bedingte Heiligkeit, die er sowohl seinen Engeln und Seraphim im Himmel wie auch erlösten Menschen auf Erden schenkt, und zwar durch Zurechnung und Mitteilung. Weil er sie ihnen zugänglich gemacht hat durch das Blut des Lammes, fordert er sie auch von ihnen. Zuerst zu Israel und später zu seiner Gemeinde sagte Gott: »Ihr sollt heilig sein, denn ich bin heilig« (3 Mo 19,2; 1 Petr 1,16). Er sagte nicht: »Seid heilig, wie ich heilig bin«, denn das hieße, von uns absolute Heiligkeit zu verlangen, die ja nur Gott allein besitzt. Vor dem unerschaffenen Feuer der göttlichen Heiligkeit verhüllen die Engel ihr Antlitz. Nicht einmal die Himmel und die Sterne sind rein vor seinem Angesicht. Kein ehrlicher Mensch kann behaupten: »Ich bin heilig.« Aber ebensowenig ist ein ehrlicher Mensch bereit, die ernsten Worte des inspirierten Schreibers zu ignorieren: »Jagt dem Frieden nach mit jedermann und der Heiligung, ohne die niemand den Herrn sehen wird« (Hebr 12,14). Was sollen wir Gläubigen in diesem Dilemma, in dem wir uns befinden, tun? Wir müssen uns, ähnlich wie Mose, mit Glaube und Demut bedecken, während wir einen raschen Blick auf den Gott werfen, den kein Mensch sehen und dabei am Leben bleiben kann. Das zerbrochene und zerschlagene Herz wird er nicht verachten. Wir müssen unsere Unheiligkeit in den Wunden Christi verbergen, so wie Mose sich in der Felsenkluft verbarg, während die Herrlichkeit Gottes an ihm vorüberzog. Wir müssen von Gott zu Gott flüchten. Vor allem jedoch müssen wir glauben, daß Gott in uns seinem Sohn als vollkommen ansieht. Daneben züchtigt und reinigt er uns, damit wir Teilhaber seiner Heiligkeit sind. Durch Glauben und Gehorsam, durch anhaltendes Nachdenken über die Heiligkeit Gottes, durch Gerechtigkeitsliebe und Sündenabscheu, durch wachsende Vertrautheit mit dem Geiste der Heiligkeit können wir in der Gemeinschaft der Heiligen auf Erden leben und uns für das ewige Leben vorbereiten. Auf diese Weise haben die Gläubigen, wenn sie sich versammeln, sozusagen einen Himmel, in dem sie sich auf den Himmel vorbereiten. Wie erhaben ist Deine Allgegenwart,
Tod, wo ist dein Stachel? Totenreich, wo ist dein Sieg? 1Kor 15,55

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Die Heiligkeit Gottes Teil 2

Beitragvon Joschie » 13.03.2014 20:31

Die Heiligkeit Gottes Teil 2


Du ewiger Herr!
Von gebeugten Seelen wird sie Tag und Nacht
Ohne Unterlaß gepriesen.
Wie schön, wie schön
Muß es sein, Dich zu sehen,
Deine endlose Weisheit, grenzenlose Macht
Und ehrfurchterregende Reinheit!
Ach, wie ich Dich fürchte, lebendiger Gott!
Mit tiefsten Ängsten, mit zitternder Hoffnung
Und mit bußfertigen Tränen bete ich Dich an.

FREDERICK W. FABER


Wer sollte Dich, o Gott, Herr der Heerscharen, nicht
fürchten? Denn Du allein bist Gott. Du hast den Himmel
und des Himmels Himmel gemacht, die Erde und alles,
was darauf ist, und in Deiner Hand ist alles, was lebt. Du
hast Deinen Thron über der Flut und bleibst König in
Ewigkeit. Du bist ein großer König über alle Welt. Du bist
mit Macht bekleidet, Hoheit und Pracht sind vor Dir.
Amen.


Gottes Souveränität ist jene Eigenschaft, durch die er seine ganze Schöpfung regiert. Um der souveräne Gott zu sein, muß er allwissend, allmächtig und absolut frei sein. Die Gründe dafür sind die folgenden: Wäre auch nur ein noch so kleines Wissensdatum Gott unbekannt, würde seine souveräne Herrschaft an diesem Punkt zusammenbrechen. Um Herr über die ganze Schöpfung sein zu können, muß er alles Wissen besitzen. Fehlte Gott nur ein kleines Körnchen Macht, so würde dieser Mangel seine absolute Herrschaft beenden und sein Königreich zugrunde richten. Würde dieses eine Fünkchen Macht jemand anders gehören, so übte Gott nur eine begrenzte Herrschaft aus und wäre darum nicht souverän. Des weiteren erfordert seine Souveränität, daß er absolut frei ist. Das bedeutet einfach, er muß frei sein, alles zu tun, was, wo und wie er will, um seinen ewigen Plan bis ins letzte Detail und ohne Einmischung auszuführen. Würde er weniger als absolut frei sein, wäre er weniger als souverän. Die Vorstellung uneingeschränkter Freiheit benötigt eine kräftige Anstrengung des Verstandes. Wir sind psychisch nicht so beschaffen, daß wir Freiheit verstehen könnten, es sei denn in unvollkommener Art. Unsere Vorstellung von Freiheit wurde in einer Welt geformt, in der keine absolute Freiheit existiert. Hier hängt jedes natürliche Ding von vielen anderen Dingen ab, und diese Abhängigkeit schränkt ihre Freiheit ein. Am Anfang seines Prelude freut sich Wordsworth, daß er der Stadt, in der er lange eingesperrt war, entronnen und »nun frei, frei wie ein Vogel« ist, um sich »niederzulassen, wo ich will«. Aber frei wie ein Vogel zu sein heißt noch nicht, völlig frei zu sein. Der Naturkundige weiß, daß der vermeintlich freie Vogel sein ganzes Leben lang in einem aus Furcht, Hunger und Instinkten bestehenden Käfig lebt. Er ist eingeschränkt durch Wetterverhältnisse, unterschiedlichen Luftdruck, örtliche Futtermöglichkeiten, Raubtiere und - die seltsamste aller Fesseln - den unwiderstehlichen Drang, innerhalb seines gewohnten kleinen Lebensraumes zu bleiben. Auch der freieste Vogel steht, wie alles andere Erschaffene, unter ständiger Kontrolle durch ein ganzes Netz von Notwendigkeiten. Nur Gott ist wirklich frei. Gott ist absolut frei, weil nichts und niemand ihn hindern, zwingen oder aufhalten kann. Er kann immer, überall und auf ewig tun, was ihm gefällt. Ein solches Freisein ist bedingt durch den Besitz universaler Autorität. Daß Gott unbegrenzte Macht hat, wissen wir von der Bibel und wir können es auch aus bestimmten anderen Eigenschaften ableiten. Aber wie steht es mit seiner Autorität? Über die Autorität des allmächtigen Gottes zu diskutieren erscheint ein wenig sinnlos, und sie in Frage zu stellen wäre absurd. Können wir uns den Herrn der Heerscharen vorstellen, wie er jemanden um Erlaubnis bittet oder eine höhere Instanz um etwas ersucht? Von wem sollte er Erlaubnis erbitten? Wer ist höher als der Allerhöchste? Wer ist mächtiger als der Allmächtige? Wessen Stellung ist der des Ewigen vorrangig? An wessen Thron würde Gott knien? Wer ist der Größere, an den er sich wenden müßte? »So spricht der Herr, der König Israels, und sein Erlöser, der Herr Zebaoth: Ich bin der Erste, und ich bin der Letzte, und außer mir ist kein Gott« (Jes 44,6). Die Souveränität Gottes ist eine biblisch gesicherte Tatsache und ergibt sich auch ohne weiteres aus der Logik der Wahrheit. Doch es tauchen zugegebenermaßen gewisse Probleme auf, die bis zum heutigen Tage noch nicht zufriedenstellend gelöst worden sind, vor allem die beiden folgenden. Das erste ist die Frage nach der Existenz gewisser Bestandteile der Schöpfung, die Gott nicht billigen kann, wie zum Beispiel Böses, Leid und Tod. Wenn Gott souverän ist, so hätte er doch ihre Entstehung verhindern können! Warum tat er es nicht? Das Zendavesta, das heilige Buch des Parsismus, einer außerbiblischen Religion, hat dieses Problem ziemlich geschickt umgangen, indem es einen theologischen Dualismus fordert. Es gab zwei Götter, Ormuzd und Ahriman, und diese beiden erschufen die Welt. Der gute Gott Ormuzd machte alle guten Dinge, und der böse Gott Ahriman machte das übrige. Es war ganz einfach. Ormuzd mußte sich nicht um Souveränitätsfragen kümmern und hatte offensichtlich nichts dagegen, seine Vorrechte mit einem anderen zu teilen. Dem Christen genügt diese Erklärung nicht, denn sie widerspricht eindeutig der von der ganzen Bibel nachdrücklich gelehrten Wahrheit, daß es nur einen Gott gibt und daß dieser allein Himmel, Erde und alles, was darin ist, geschaffen hat. Gottes Eigenschaften sind so absolut, daß sie die Existenz eines anderen Gottes unmöglich machen. Der Christ gibt zu, die endgültige Antwort auf das Rätsel der Existenz des Bösen nicht zu haben, aber er weiß, wie die Antwort nicht lautet. Und er weiß auch, daß das Zendavesta sie ebenfalls nicht besitzt. Auch wenn wir keine vollständige Erklärung für den Ursprung der Sünde kennen, so gibt es doch einige Dinge, die uns bekannt sind. Gott in seiner souveränen Weisheit erlaubt dem Bösen, in abgegrenzten Zonen seiner Schöpfung zu existieren, sozusagen als flüchtiger Geächteter, dessen Treiben zeitlich und umfangmäßig beschränkt ist. Damit handelte Gott gemäß seiner unendlichen Weisheit und Güte. Mehr als das weiß gegenwärtig niemand, und mehr als das braucht auch niemand zu wissen. Der Name Gottes ist ausreichende Garantie für die Vollkommenheit seiner Werke. Ein anderes echtes Problem, das sich aus der Lehre der göttlichen Souveränität ergibt, bezieht sich auf den Willen des Menschen. Wenn Gott seine Welt mit souveränen Verfügungen regiert, wie kann dann der Mensch einen freien Willen haben? Und wenn der Mensch keine Entscheidungsfreiheit besitzt, wie kann er dann für sein Verhalten verantwortlich gemacht werden? Ist er in solchem Fall nicht nur eine Marionette, deren Handlungen von einem Gott bestimmt werden, der sich hinter den Kulissen befindet und die Fäden zieht, wie es ihm gefällt? Der Versuch, diese Fragen zu beantworten, hat die christliche Gemeinde in zwei Lager getrennt, die nach zwei hervorragenden Theologen benannt sind: Jakobus Arminius und Johannes Calvin. Die meisten Christen geben sich damit zufrieden, zum einen oder andern Lager zu gehören und sprechen entweder Gott seine Souveränität oder dem Menschen seinen freien Willen ab. Es scheint jedoch möglich, diese zwei Standpunkte miteinander zu versöhnen, ohne dem einen oder dem andern Gewalt anzutun, obwohl der im folgenden angeführte Versuch nach Auffassung der Anhänger des einen oder des anderen Lagers sich als unzulänglich erweisen mag. Ich sehe es so: Gott hat souverän erklärt, daß der Mensch moralische Entscheidungsfreiheit haben soll. Der Mensch hat sich von Anfang daran gehalten, indem er seine Wahl zwischen Gut und Böse traf. Wenn er sich entscheidet, das Böse zu tun, wirkt er damit nicht dem souveränen Willen Gottes entgegen, sondern hält sich an die Möglichkeit, die ihm der Wille Gottes offenläßt. Denn die göttliche Anordnung hat nicht bestimmt, welche Wahl der Mensch zu treffen hat, sondern daß er frei sein soll, seine Wahl zu treffen. Wenn Gott es in seiner absoluten Freiheit für richtig hielt, dem Menschen eine beschränkte Freiheit zu gewähren, wer sollte ihn dann daran hindern oder sagen: »Was tust du?« Des Menschen Wille ist frei, weil Gott souverän ist. Ein Gott, der weniger souverän ist, könnte seine Geschöpfe nicht mit moralischer Freiheit ausstatten. Er würde sich davor fürchten. Ein einfaches Beispiel mag uns helfen, das besser zu verstehen. Ein Ozeandampfer verläßt New York und nimmt Kurs auf Hamburg. Sein Bestimmungshafen ist von den zuständigen Behörden festgelegt worden, niemand kann ihn ändern. Dies soll ein Beispiel für Souveränität sein. An Bord des Schiffes befindet sich eine ganze Anzahl von Passagieren. Sie sind weder in Ketten gelegt, noch ist ihnen ihr Tun vorgeschrieben. Sie sind völlig frei und können sich bewegen, wie es ihnen beliebt. Sie essen, schlafen, spielen, spazieren auf dem Deck, lesen, unterhalten sich - so wie sie es gerne möchten. Doch während all diesem Tun trägt sie der Ozeandampfer unaufhaltsam dem vorherbestimmten Hafen entgegen. Hier ist beides vorhanden, Freiheit und Souveränität, und sie widersprechen sich nicht. So verhält es sich meiner Ansicht nach mit der menschlichen Entscheidungsfreiheit und der Souveränität Gottes. Der mächtige, nach Gottes Plan gebaute Ozeanriese verfolgt unaufhörlich seinen Kurs auf dem Meer der Geschichte. Gott wirkt ungestört und unbehindert auf die Erfüllung jener ewigen Pläne hin, die er in Christus Jesus faßte, ehe die Welt zu existieren begann. Wir wissen nicht alles, was in diesen Plänen enthalten ist. Immerhin ist uns so viel enthüllt worden, daß wir eine grobe Übersicht über die kommenden Dinge besitzen und berechtigte Hoffnung und feste Zuversicht auf unser zukünftiges Wohl haben. Wir wissen, daß Gott jede den Propheten gegebene Verheißung erfüllen wird. Wir wissen, daß die Erde eines Tages von Sündern befreit wird. Wir wissen, daß eine erlöste Schar zur Freude Gottes eingehen wird und daß die Gerechten leuchten werden im Reiche ihres Vaters. Wir wissen, daß Gottes vollkommenes Tun noch den Beifall aller finden wird; daß alle erschaffenen intelligenten Wesen Jesus Christus angehören werden zur Ehre Gottes des Vaters; daß die gegenwärtige unvollkommene Ordnung abgelöst wird und ein neuer Himmel und eine neue Erde, die nicht vergehen, gegründet werden. Auf all das wirkt Gott hin mit unendlicher Weisheit und vollkommener Genauigkeit in seinen Handlungen. Niemand kann ihn von seinen Absichten abbringen. Da er allwissend ist, kann es für ihn keine unvorhergesehenen Umstände und keinen Zufall geben. Weil er souverän ist, kann es kein Widerrufen seiner Befehle geben. Und weil er allmächtig ist, kann es ihm nicht an Macht fehlen, um seine Ziele zu erreichen. Gott genügt sich selbst in allen diesen Dingen. Trotzdem verläuft nicht alles so glatt, wie es diese knappe Darstellung vermuten ließe. Das Böse ist bereits am Werk. Auf dem weiten Felde des souveränen, jedoch zulassenden Willens Gottes tobt weiterhin der tödliche Konflikt zwischen Gut und Böse, und zwar mit zunehmender Heftigkeit. Gott wird seine Absichten inmitten von Sturm und Wirbelwind durchsetzen; aber Sturm und Wirbelwind sind auch für uns eine Wirklichkeit, und als verantwortliche Wesen müssen wir unsere Wahl in der gegenwärtigen Situation treffen. Bestimmte Dinge sind nach dem freien Vorsatz Gottes verfügt worden, und eines davon ist das Gesetz von Entscheidung und Konsequenzen. Gott hat bestimmt, daß alle, die sich im Glaubensgehorsam seinem Sohn Jesus Christus übereignen, ewiges Leben empfangen und Söhne Gottes werden. Er hat ebenso bestimmt, daß alle, die die Finsternis lieben und in ihrer Auflehnung gegen seine Autorität verharren, weiterhin in einem Zustand geistlicher Entfremdung bleiben und einst den ewigen Tod erleiden. Wenn wir die ganze Sache auf die individuelle Ebene bringen, gelangen wir zu einigen wesentlichen und sehr persönlichen Schlußfolgerungen. Wer in dem jetzt tobenden geistlichen Kampf um uns her auf Gottes Seite steht, ist auf der Seite des Siegers und kann nicht verlieren. Wer auf der andern Seite steht, ist auf der Verliererseite und kann nicht gewinnen. Hier gibt es keinen Zufall, kein Glücksspiel. Wir haben die Freiheit, uns für die eine oder für die andere Seite zu entscheiden. Aber wir haben nicht die Freiheit, über die Konsequenzen der von uns getroffenen Wahl zu verhandeln. Durch Gottes Gnade können wir wohl über eine falsche Wahl Buße tun und die Folgen durch eine neue und richtige Wahl ändern, aber darüber hinaus können wir nicht gehen. Die ganze Angelegenheit der persönlichen Entscheidung besitzt ihren Angelpunkt in Jesus Christus. Er hat deutlich festgestellt: »Wer nicht mit mir ist, der ist wider mich« (Mt 12,30) und: »Niemand kommt zum Vater denn durch mich« (Joh 14,6). Das Evangelium vereinigt drei Elemente: die Verkündigung, einen Befehl und einen Ruf. Es verkündigt die gute Nachricht von der aus Gnaden vollbrachten Erlösung; es gebietet allen Menschen überall, Buße zu tun; und es ruft alle Menschen auf, sich den Bedingungen der Gnade zu stellen, indem sie an Jesus Christus als an ihren Herrn und Heiland glauben. Wir alle müssen uns entscheiden, ob wir dem Evangelium gehorsam werden oder uns im Unglauben von Gott abwenden und seine Autorität ablehnen. Die Entscheidung liegt bei uns, aber die Konsequenzen der Entscheidung stehen aufgrund des souveränen Willens Gottes bereits fest und sind unabänderlich.

Der Herr kam von oben herab
Und beugte den hohen Himmel nieder.
Unter Seine Füße warf Er
Die Finsternis des Himmelsgewölbes.
Auf Cherubim und Seraphim
Ritt er voll königlicher Würde.
Auf den Rügein mächtiger Winde
Kam Er von weit her.
Er saß gelassen auf den Ruten,
Um ihr Toben zu zähmen;
Und Er, der allerhöchste Herr und König,
Wird auf ewig herrschen.

THOMAS STERNHOLD
Tod, wo ist dein Stachel? Totenreich, wo ist dein Sieg? 1Kor 15,55

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Gott genügt sich selbst!

Beitragvon Joschie » 09.04.2015 18:25

Gott genügt sich selbst


Lehre uns, o Gott, daß Du nichts nötig hast. Würdest Du
eines Dinges bedürfen, so würde daran Deine Unvollkom-
menheit gemessen werden. Wie könnten wir jemanden
anbeten, der unvollkommen ist? Wenn Du nichts
brauchst, brauchst Du auch niemanden, selbst uns nicht.
Wir suchen Dich, weil wir Dich brauchen; denn in Dir
leben, weben und sind wir. Amen.



»Der Vater hat das Leben in sich selber« (Joh 5,26), sagte unser Herr, und es ist charakteristisch für seine Art zu lehren, daß er in einem kurzen Satz eine Wahrheit ausspricht, die so unfaßbar hoch ist, daß sie die höchsten aller menschlichen Gedanken übersteigt. Gott, sagte er, ist sich selbst genug. Er ist das, was er ist, im wahrsten Sinne in sich selbst. Was immer Gott ist, ist er in sich selbst. Alles Leben ist in und von Gott, ganz gleich, ob es die niedrigste Form unbewußten Lebens ist oder das bewußte, intelligente Leben der Seraphim. Kein Geschöpf besitzt Leben in sich selbst, alles Leben ist eine Gabe Gottes. Umgekehrt ist Gottes Leben nicht die Gabe eines andern. Gäbe es jemanden, von dem Gott die Gabe des Lebens - oder irgendeine Gabe - empfangen könnte, so wäre dieser andere der tatsächliche Gott. Man kann sich Gott einfach als den Einen vorstellen, der alles hat, der alles gibt, was gegeben wird, der jedoch nichts empfangen kann, was er nicht vorher selbst gegeben hat. Zu behaupten, Gott kenne ein Bedürfnis, würde bedeuten, die Unvollkommenheit des göttlichen Wesens einzugestehen. »Bedürfnis« ist ein Begriff, den Geschöpfe verwenden; dem Schöpfer ist er unbekannt. Gottes Beziehung zu allem Erschaffenen entspringt aus freiem Willen; er hat keine notwendige Beziehung zu irgend etwas außerhalb seiner eigenen Person. Das Interesse an seinen Geschöpfen liegt im Wohlgefallen des Herrschers begründet, nicht in irgendeinem Bedürfnis, das etwa durch diese Geschöpfe gestillt werden könnte, oder im Wunsche nach Ergänzung, die sie für ihn, der in sich doch vollständig ist, bedeuten könnten. Wiederum müssen wir lernen umzudenken, das Gewohnte abzulegen und zu verstehen versuchen, was einzigartig und nur in dieser Situation allein wahr ist. Wir wissen alle, dass Geschöpfe Bedürfnisse haben. Nichts ist in sich selbst vollständig, sondern alles bedarf einer Ergänzung, um existieren zu können. Alles Atmende braucht Luft, jeder Organismus braucht Nahrung und Wasser. Nehme man Luft und Wasser von der Erde, würde alles Leben augenblicklich verderben. Man kann allgemein grundlegend festhalten, dass alles Erschaffene etwas anderes Erschaffenes braucht, um leben zu können, und dass alle Gott brauchen. Gott allein braucht nichts. Ein Fluß wird durch seine Zuflüsse immer größer; aber wo ist jener Zufluss, der den Einen vergrößern könnte, von dem alles kommt und dem die gesamte Schöpfung ihr Dasein verdankt?

Unergründbare See!
Alles Leben kommt aus Dir,
Und Dein Leben ist Deine selige Einigkeit.

FREDERICK W. FABER

Die Frage, warum Gott das Universum erschuf, macht denken den Menschen noch immer zu schaffen. Aber wenn wir auch nicht wissen, warum er es tat, so wissen wir doch wenigstens, dass er seine Welten nicht ins Dasein rief, um sich selbst ein Bedürfnis zu befriedigen, so wie sich z.B. ein Mensch ein Haus baut, um sich gegen Kälte zu schützen, oder ein Kornfeld anlegt, um sich mit der notwendigen Nahrung zu versorgen. Das Wort notwendig ist Gott gänzlich unbekannt. Da Gott als allerhöchstes Wesen über allem steht, kann er nicht noch mehr erhöht werden. Nichts steht über ihm, nichts geht über ihn hinaus. Für sein Geschöpf ist jede Regung zu ihm hin Erhöhung, jedes Abwenden von ihm Niedergang. Er hält seine Stellung kraft seines eigenen Vermögens und nicht durch irgend jemandes Erlaubnis. Niemand kann ihn befördern, niemand degradieren. Es steht geschrieben, dass er alle Dinge durch sein kräftiges Wort aufrechterhält. Wie kann er von etwas erhöht oder unterstützt werden, das nur durch ihn aufrechterhalten wird?
Wären alle Menschen plötzlich blind, würde dennoch am Tag die Sonne scheinen und die Sterne in der Nacht leuchten, denn diese sind all den Millionen, die aus ihrem Lichte Nutzen ziehen, in nichts verpflichtet. Genau sowenig Einfluss hätte es auf Gott, würden alle Menschen auf Erden Atheisten. Was er ist, ist er in sich selbst, ungeachtet aller anderen. An Gott zu glauben bedeutet keine Ergänzung seiner Vollkommenheit, und an ihm zu zweifeln beeinträchtigt ihn nicht. Der allmächtige Gott braucht - gerade weil er allmächtig ist - keine Unterstützung. Das Bild eines nervösen Gottes, der sich bei den Menschen einschmeichelt, um ihre Gunst zu gewinnen, ist gewiss nicht erfreulich. Aber genau dies sind die allgemeinen Vorstellungen, die man von Gott hat. Die Christenheit des 20.Jahrhunderts hat ihn zu einem Gott ihrer Gnaden gemacht. Unsere Meinung von uns selbst ist so hoch, dass wir es als leicht, ja sogar als angenehm empfinden, zu glauben, dass Gott unser bedarf. Aber die Wahrheit ist, dass Gott durch unsere Existenz nicht größer wird, genau sowenig wie es ihm Abbruch tun würde, gäbe es uns nicht. Unsere Existenz ist ausschließlich auf Gottes freien Entschluss und Vorsatz zurückzuführen, nicht auf unseren Wert oder auf eine Notwendigkeit.
Am schwersten fällt uns durch unseren angeborenen Egoismus wohl der Gedanke, Gott könnte unsere Hilfe gar nicht nötig haben. Wir stellen Gott gewöhnlich als einen geschäftigen, eifrigen, irgendwie frustrierten Vater dar, der bei der Realisierung seines Plans, der Welt Frieden und Heil zu bringen, Hilfe benötigt. Doch in Wirklichkeit ist es so, wie Juliana von Norwich sagte: »Ich erkannte, dass gewisslich Gott alle Dinge tut, auch die Allergeringsten.« Der Gott, der alle Dinge wirkt, braucht bestimmt weder Hilfe noch Helfer. Allzu viele Missionsaufrufe stützen sich auf diese vermeintliche Frustration des allmächtigen Gottes. Ein geübter Redner kann leicht Mitleid bei seinen Hörern wecken, Mitleid nicht nur für die armen Heiden, sondern auch für den Gott, der sich schon lange nachdrücklich, aber vergeblich, um deren Errettung bemüht hat, weil ihm die Unterstützung fehlte. Ich fürchte, dass Tausende junger Menschen als Beweggrund für ihren Dienst im Reiche Gottes die peinliche Lage, in der Gott steckt, sehen, in die ihn seine Liebe gebracht hat und aus der er mit seinen beschränkten Fähigkeiten ohne ihre Hilfe nicht mehr herauskommt. Fügt man dem noch ein gewisses Maß an löblichem Idealismus sowie eine gute Portion Erbarmen für die weniger Privilegierten hinzu, so findet man den wahren Antrieb, der heute hinter einem Großteil christlicher Aktivitäten steht.
Des weiteren braucht Gott auch keine Verteidiger. Er ist der ewig »Unverteidigte«. Gott gebraucht in der Bibel öfters solche militärische Ausdrücke, damit wir ihn besser verstehen. Dies darf uns jedoch keinesfalls zu der Meinung verleiten, der Thron der allerhöchsten Majestät befände sich im Belagerungszustand und würde von Michael und seinen Engeln gegen die heftigen Angriffe von außen verteidigt. Damit hätten wir alles, was uns die Bibel über Gott sagt, mißverstanden. Weder das Judentum noch das Christentum könnten solch naive Vorstellungen gutheißen. Ein Gott, der verteidigt werden muß, könnte uns nur dann helfen, wenn auch ihm jemand hülfe. Wir könnten nur dann auf ihn zählen, wenn er die gewaltige Auseinandersetzung zwischen Gut und Böse gewänne. Solch ein Gott könnte niemals den Respekt intelligenter Menschen gewinnen, sondern nur ihr Mitleid erregen. Um auf den rechten Weg zu kommen, muß unser Denken von Gott seiner würdig sein. Es ist unbedingt notwendig, alle unangebrachten Vorstellungen über die Gottheit aus unserm Sinn zu verbannen und Gott so sein zu lassen, wie er wirklich ist. Die christliche Religion hat mit Gott und dem Menschen zu tun. Aber nicht der Mensch steht im Brennpunkt, sondern Gott. Der Mensch kann sich nur aufgrund seiner Gottebenbildlichkeit Bedeutung zumessen; in sich selbst ist er nichts. Die Psalmisten und Propheten der Bibel sprechen betrübt spottend vom schwachen Menschen, der wie ein Grashalm ist, der am Morgen blüht und sproßt und des Abends welkt und verdorrt. Die Bibel lehrt nachdrücklich, daß Gott selbst unbedingt ist und der Mensch allein zu Gottes Verherrlichung existiert. Wie im Himmel, so muss die Ehre Gottes auch auf Erden absolute Priorität besitzen. All das lässt uns immer besser verstehen, warum die Heilige Schrift so viel über die lebensnotwendige Bedeutung des Glaubens zu sagen hat und den Unglauben als eine Todsünde brandmarkt. Keines der erschaffenen Wesen dürfte es wagen, auf sich selbst zu vertrauen. Gott allein vertraut auf sich selbst, wie auch alle anderen Wesen auf ihn vertrauen müssen. Unglaube ist in Wirklichkeit verkehrter Glaube; denn er setzt sein Vertrauen nicht auf den lebendigen Gott, sondern auf sterbliche Menschen. Der Ungläubige leugnet die Selbstgenügsamkeit Gottes und nennt Eigenschaften sein eigen, die ihm nicht gehören. Diese zweifache Sünde verunehrt Gott und zerstört letztlich die Seele des Menschen. In seiner Liebe und in seinem Erbarmen kam Gott in Christus zu uns. Das war der konsequente Glaube der Gemeinde zur Zeit der Apostel, der bis heute in der christlichen Lehre der Fleischwerdung Gottes festgehalten wird. Seit einiger Zeit jedoch hat sich hier im Gegensatz zum Glauben der Urchristen eine Bedeutungswandlung und auch Minderung eingeschlichen. Der Mensch Jesus wird in seiner Menschlichkeit mit Gott gleichgesetzt, und all seine menschlichen Schwachheiten und Grenzen werden auf die Gottheit übertragen. Die Wahrheit ist, daß der Mensch, der unter uns lebte, nicht eine offene Darstellung der Gottheit, sondern eines vollkommenen Menschseins war. Die schreckenerregende Majestät der Gottheit wurde zum Schutz der Menschheit in barmherziger Weise mit dem Mantel menschlicher Natur verhüllt. »Steig hinab«, befahl Gott Mose auf dem Berge, »und verwarne das Volk, daß sie nicht durchbrechen zum Herrn, ihn zu sehen, und viele von ihnen fallen« (2 Mo 19,21). Und später: »Kein Mensch wird leben, der mich sieht« (2 Mo 33,20). Unter den heutigen Gläubigen scheint man Christus oft nur als Mensch zu kennen. Sie versuchen, in Gemeinschaft mit ihm zu kommen, indem sie ihn seiner verzehrenden Heiligkeit und unnahbaren Majestät berauben und damit auch jener Eigenschaften, die er während seines Erdendaseins verhüllte, aber in ganzer Herrlichkeit wieder an sich nahm, als er in den Himmel auffuhr und sich zur Rechten seines Vaters setzte. Der Christus des allgemeinen Christentums hat ein mattes Lächeln und einen Heiligenschein. Er ist zu »Einem-dort-Oben« geworden, der die Menschen gern hat - zumindest einige -, und diese sind ihm dafür zwar dankbar, aber es beeindruckt sie nicht sonderlich. Wenn sie ihn brauchen, braucht er bestimmt auch sie. Wir sollten nun jedoch keinesfalls den Schluß ziehen, das Verständnis der göttlichen Selbstgenügsamkeit lähmte die chrisliche Aktivität. Im Gegenteil, sie regt sie zu einem heiligen Bemühen an. Diese Eigenschaft Gottes, die das menschliche Selbstvertrauen in seine Schranken verweist, kann unseren Sinn von der erdrückenden Last der Sterblichkeit befreien und uns ermutigen, das leichte Joch Christi auf uns zu nehmen und uns unter der Führung des Heiligen Geistes zur Ehre Gottes und für das Wohl der Menschheit hinzugeben. Es ist wunderbar, dass Gott, der niemanden nötig hat, sich in seiner Herrlichkeit herabneigt, um in seinen Kindern und durch sie zu wirken. Sollte dies alles widersprüchlich scheinen - amen, so sei es also! Einzelne Teile dieser Wahrheit stehen zueinander im Gegensatz und manchmal wird von uns verlangt, an diese scheinbaren Widersprüche zu glauben. Aber wir warten auf den Augenblick, wo wir erkennen werden, wie wir erkannt worden sind. Dann wird sich solch eine Wahrheit, die für uns noch widersprüchlich erscheint, als in sich geschlossen und harmonisch erweisen. Wir werden erkennen, dass dieser Konflikt in unserem von der Sünde geschädigten Sinn begründet lag. Bis dahin finden wir Erfüllung im liebenden Gehorsam gegenüber den Geboten Christi und den vom Geist gegebenen Ermahnungen der Apostel. »Gott ist's, der in euch wirkt« (Phil 2,13). Er ist auf niemanden angewiesen, aber wo Glaube ist, kann er jeden gebrauchen. Voraussetzung für gesundes geistliches Leben ist, daß wir beide Teile dieses Satzes akzeptieren. Viele Jahre lang wurde der erste fast vollständig in den Hintergrund gedrängt. Das brachte für uns einen tiefen geistlichen Schaden mit sich.

Quelle des Guten, aller Segen fließt von Dir;
Keinen Mangel kennt Deine Fülle;
Was kannst Du außer Dir selbst begehren?
Doch selbstgenügsam, wie Du bist,
Begehrst Du mein unwürdiges Herz;
Dies, dies allein verlangst Du.

JOHANN SCHEFFLER
Tod, wo ist dein Stachel? Totenreich, wo ist dein Sieg? 1Kor 15,55

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Die Gnade Gottes

Beitragvon Joschie » 25.06.2016 18:30

Die Gnade Gottes

Gott aller Gnade, der Du uns gegenüber nur Gedanken
des Friedens und nicht des Leidens hast, gib uns ein Herz
voller Glauben, dass wir angenommen sind in dem Geliebten,
und gib uns den Sinn, jene Vollkommenheit Deiner Weisheit
zu bewundern, die einen Weg gefunden hat, die Reinheit
des Himmels zu bewahren und uns dennoch darin aufzunehmen.
Wir können nur staunen, dass ein so heiliger und gewaltiger
Gott wie Du uns in seinen Festsaal einlädt und uns mit dem
Banner der Liebe bedeckt. Wir vermögen die Dankbarkeit,
die wir empfinden, nicht auszudrücken. Sieh Du darum in
unsere Herzen hinein, um sie dort zu erkennen.
Amen.


In Gott sind Barmherzigkeit und Gnade eins. Doch in unsern Augen erscheinen sie als zwei Dinge, die verwandt, aber nicht identisch sind.
So wie Barmherzigkeit die Güte Gottes gegenüber dem Elend und der Schuld des Menschen ist, so ist Gnade seine Güte gegenüber menschlichem Verschulden und mangelndem Verdienst. Es geschieht durch Gnade, dass Gott da Verdienst beimisst, wo vorher keiner bestand, und Freiheit von Schuld ermöglicht, wo früher Schuld bestand.
Gnade ist das Wohlgefallen Gottes, das ihn bewegt, dem Wohltaten zu erweisen, der sie nicht verdient hat. Sie ist ein der göttlichen Natur innewohnender Grundsatz und erscheint uns als eine Neigung, sich des Elenden zu erbarmen, den Schuldigen zu schonen, den Ausgestoßenen aufzunehmen und denjenigen wohlgefällig und angenehm zu machen, der sich eine berechtigte Missbilligung zugezogen hat. Ihr Nutzen für uns sündige Menschen besteht darin, dass wir gerettet und in das himmlische Wesen in Christus Jesus versetzt werden, damit er in den kommenden Zeiten den überschwänglichen Reichtum seiner Gnade durch seine Güte gegen uns in Christus Jesus erzeigt (Eph 2,7).
Wir tragen aus dieser Tatsache, dass Gott gerade das ist, was er ist, ewigen Nutzen. Weil er ist, was er ist, öffnet er uns die Gefängnistür, vertauscht unser Sträflingskleid mit einem königlichen Gewand und lässt uns alle Tage unseres Lebens an seinem Tische essen.
Die Gnade hat ihren Ursprung im Herzen Gottes, in der unfassbaren Tiefe seines heiligen Seins, aber der Kanal, durch den sie zu den Menschen fließt, ist der Gekreuzigte und Auferstandene, Jesus Christus. Der Apostel Paulus, der wie kein anderer die Erlösungsgnade beschrieben hat, trennt Gottes Gnade nie vom gekreuzigten Sohn Gottes. In seiner Lehre gehören die beiden immer zusammen, organisch eins und unzertrennbar.
Eine umfassende, klare Zusammenfassung der Lehre des Paulus über dieses Thema findet man in seinem Brief an die Epheser: »... in seiner Liebe hat er uns dazu vorherbestimmt, seine Kinder zu sein durch Jesus Christus nach dem Wohlgefallen seines Willens, zum Lob seiner herrlichen Gnade, mit der er uns begnadet hat in dem Geliebten. In ihm haben wir die Erlösung durch sein Blut, die Vergebung der Sünden nach dem Reichtum seiner Gnade« (Eph 1,4b-7).
Auch Johannes identifiziert in seinem Evangelium Christus als das Werkzeug, durch welches die Gnade zu den Menschen gelangt: »Denn das Gesetz ist durch Mose gegeben; die Gnade und Wahrheit ist durch Jesus Christus geworden« (Joh 1,17).
Aber gerade hier verfehlt man leicht den Weg und irrt von der Wahrheit ab, was schon so manche getan haben. Sie isolierten diesen Vers von den anderen Bibelstellen, die sich auf die Gnade Gottes beziehen, und haben daraus eine Lehre abgeleitet, die besagt, dass Mose nur das Gesetz kannte und Christus nur die Gnade. So wird aus dem Alten Testament ein Gesetzbuch und aus dem Neuen Testament ein Gnadenbuch.
Ein Blick in die Zehn Gebote (2 Mo 20; 5 Mo 5) zeigt aber, das Gesetz, das Gott durch Mose dem Volk Israel gab, im Grunde mit dem Evangelium, mit der Botschaft von der Rettung durch Gott beginnt - und somit mit der Gnade. »Ich bin der Herr, dein Gott, der ich dich aus Ägyptenland, aus der Knechtschaft, geführt habe« (2 Mo 20,2) lautet der Auftakt, die Überschrift der Zehn Gebote. Dieses Wort verweist auf das Geschehen bei Israels Durchzug durch das Schilfmeer (2 Mo 14), bei dem sich Gott als rettender Gott erwies. Gott ist Gott für Israel; vor seinem Anspruch, den er in seinen Geboten diesem Volk vor Augen führte, erfolgte sein Zuspruch, sein gnädiges Handeln an Israel. Der gnädig rettende Gott ist zugleich der heilige, beanspruchende Gott, der die Erretteten in eine - in seine - Ordnung hineinnimmt - in eine Ordnung, die schon vor Grundlegung der Welt bestand und die jetzt für die, die Gott gehören, Weisung und Lebenshilfe ist. Ähnlich zeigt dies Paulus im Römerbrief: Während er in den ersten Kapiteln die voraussetzungslose Gnade Gottes, die »ohne Verdienst gerecht« macht (Rom 3,24), vor Augen führt, stellt er ab Römer 12 den Anspruch Gottes heraus, der diejenigen, die die freie Gnade umsonst empfangen haben, in den Gehorsam gegen- über Gott nimmt. Die Gnade Gottes ist keine »billige Gnade«, mit der die Beschenkten umgehen könnten, wie sie wollten, sondern diese Gnade befreit und nimmt in Anspruch zugleich. Nach keiner von diesen beiden Seiten hin darf Gottes Gnade vereinseitigt werden, sonst wird sie entweder zur »billigen Gnade« oder zum »tötenden Gesetz«. Bereits die Zehn Gebote mit ihrem vielfachen »Du sollst/du sollst nicht« und ihrem »Vorwort« weisen darauf hin.
Wären die alttestamentlichen Zeiten nur Zeiten unbeugsamer Gesetzesstrenge gewesen, so wäre die ganze damalige Welt bei weitem weniger heiter gewesen, als wir sie in den alten Schriften beschrieben finden. Es hätte keinen Abraham, den Freund Gottes, gegeben; keinen David, den Mann nach dem Herzen Gottes; keinen Samuel, keinen Jesaja, keinen Daniel. Das elfte Kapitel des Hebräerbriefes, diese Aufzählung der Glaubenshelden des Alten Testamentes, würde dunkel und leer dastehen. Die Gnade machte den Glauben in alttestamentlichen Tagen ebenso möglich, wie sie es heute tut.
Angefangen bei Abel ist bis zum heutigen Tage keiner auf eine andere Weise gerettet worden als durch Gnade. Seit die Menschheit aus dem Garten Eden vertrieben wurde, konnte kein Mensch Gottes Wohlgefallen wiedererlangen, außer durch die reine Güte Gottes. Wo immer einem Menschen Gnade widerfuhr, geschah es durch Jesus Christus. Die Gnade kam durch ihn, aber sie wartete nicht auf seine Geburt in der Krippe oder auf seinen Tod am Kreuz, bevor sie zu wirken anfing. Christus ist ein Lamm, das von Grundlegung der Welt an geschlagen wurde. Der allererste Mensch, der wieder in die Gemeinschaft mit Gott gelangte, kam zu ihm durch den Glauben an Jesus. In früheren Zeiten blickten die Menschen auf das zukünftige Erlösungswerk Christi, später blickten sie darauf zurück. Doch immer kamen und kommen sie im Glauben durch Gnade.
Wir dürfen nicht vergessen, dass die Gnade Gottes unendlich und ewig ist. So wie sie keinen Anfang hat, kann sie auch kein Ende nehmen, und da sie eine Eigenschaft Gottes ist, ist sie so grenzenlos wie die Unendlichkeit.
Statt sich anzustrengen, dies als eine theologische Tatsache erfassen zu können, wäre es besser und einfacher, die Gnade, Gottes mit unserem Bedürfnis zu vergleichen. Wir werden nie die ganze Ungeheuerlichkeit unserer Sünde erkennen, und das ist auch nicht nötig. Was wir aber erkennen können, ist, dass da, »wo die Sünde mächtig geworden ist, die Gnade noch viel mächtiger geworden« ist (Rom 5,20).
So zu sündigen, dass »die Sünde mächtig« wird, ist das Schlimmste, was wir tun können. Aber obwohl wir spüren, dass sich unsere Sünden wie ein Riesenberg auftürmen, hat dieser Berg doch seine Grenze, indem er so hoch ist und nicht höher. Aber wer wollte die grenzenlose Gnade Gottes definieren? Ihr »viel mächtiger« führt unsere Vorstellung in die Unendlichkeit, und hier hört unser Verstehen auf. Hier können wir Gott nur noch danken für die Gnade, die mächtiger ist als all unsere Sünde!
Wir, die wir uns der Gemeinschaft mit Gott entfremdet fühlen, dürfen zu unserer Ermutigung nunmehr das Haupt emporheben und aufblicken. Durch den Opfertod Jesu Christi ist die Ursache unserer Vertreibung beseitigt worden. Wir dürfen als verlorene Söhne zurückkehren und finden bei Gott eine offene Türe. Wenn wir uns dem Garten Eden, unserem Zuhause vor dem Sündenfall, nähern, stellen wir fest, dass das flammende Schwert nicht mehr da ist. Die Hüter des Lebensbaumes treten vor einem Sohn der Gnade zur Seite.

Kehre zurück, du Wanderer, kehre nun zurück
Und suche deines Vaters Angesicht;
Jene neuen Verlangen, die in dir brennen,
Wurden durch Seine Gnade entzündet.

Kehre zurück, du Wanderer, kehre nun zurück,
Und wische die fallende Träne weg.
Dein Vater ruft - trauere nicht länger;
Liebe lädt dich ein.
WILLIAM BENCO COLLYER
Tod, wo ist dein Stachel? Totenreich, wo ist dein Sieg? 1Kor 15,55


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