Die Fehler der Reformatoren?

Lehrfragen in Theorie und Praxis - also alles von Bibelverständnis über Heilslehre und Gemeindelehre bis Zukunftslehre

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H.W.Deppe
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Die Fehler der Reformatoren?

Beitragvon H.W.Deppe » 17.11.2008 00:18

Hab heute einen interessanten Buchtipp bekommen - ich übersetzte mal aus dem Englischen - was haltet ihr davon?:

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Abraham's Four Seeds (Die vier Samen Abrahams)

http://www.amazon.com/Abrahams-Four-See ... 0966084543

Dieses Buch ist eine biblische Untersuchung der Vorannahmen sowohl der Bundestheologie als auch des Dispensationalismus. John. G. Reisinger zeigt, wie ein korrektes Verständnis des Samen Abrahams einen Schlüssel liefert, um die Schrift zu harmoniseren.

Er schreibt:

"Die folgende Aussage wird, wenn richtig verstanden, viel Verwirrung aufklären helfen:
Die Nation Israel war nicht der "Leib Christi", wenngleich der Leib Christi das wahre "Israel Gottes" ist.

Die Bundestheologie kann nicht den ersten der Teil der Aussage akzeptieren und der Dispensationalismus nicht den zweiten Teil. Die grundlegenden Vorannahmen der Bundestheologie setzen voraus, dass Israel die Gemeinde ist und unter dem selben Bund steht wie die Gemeinde. Und der Dispensationalist muss obligatorisch bekräftigen, dass die Gemeinde in Gegenwart und Zukunft von Israel getrennt ist, woraus folgt, dass Israel und die Gemeinde niemals unter dem selben Bund stehen oder dieselben Segnungen erben können. Was für das eine theologische System die Grundlage bildet, ist für das andere System Ketzerei.

Der Dispensationalismus kann Israel und die Gemeinde in absolut keinerlei Weise verbunden sehen, und die Bundestheologie kann sie nicht trennen. Der Dispensationalismus kann nicht sehen, dass die Gemeinde das wahre Israel Gottes ist und sich an ihr die Verheißungen erfüllen, die Gott Abraham und den Patriarchen gegeben hat; und die Bundestheologie kann nicht sehen, dass die Gemeinde als Leib Christi nicht eher real existieren konnte, bis zu Pfingsten der Heilige Geist auf die Erde kam.

Der Dispensationalismus beharrt darauf, dass Israel und die Gemeinde völlig unterschiedliche Verheißungen und Ewigkeitsbestimmungen haben (erstes nur irdische und letztere nur himmlische), und die Bundestheologie beharrt darauf, dass Israel und der Leib Christi im Grunde genommen dieselbe erlöste Gemeinde sind unter dem selben Bund der Gnade, und geleitet durch denselben "Verhaltenskodex".

Der Dispensationalismus treibt einen Keil zwischen AT und NT und bestreitet den Zusammenhang zwischen spezifischer Verheißung im AT und entsprechender Erfüllung im NT; und die Bundestheologie ebnet die ganze Bibel ein in einen einzigen Bund, bei dem es keine wirkliche Unterscheidung zwischen Altem und Neuen Bund oder Israel und der Gemeinde gibt.

Der Alte Bund erklärte den Menschen für schuldig und verbot ihm, sich Gott zu nahen ohne vollkommene Gerechtigkeit oder ein annehmbares Opfer. Der Neue Bund erklärt den Gläubigen als in Gottes Augen sowohl gerecht als auch annehmbar und fordert ihn auf, freimütig und ohne Furcht ins Allerheiligste hinzuzutreten, das unter dem Alten Bund für alle außer Aaron absolt verschlossen war.

Das Gesetz als rechtlicher Bund endete, als der Tempelvorhang von oben nach unten zerrissen wurde, und das Gesetz als Zuchtmeister des Gewissens wurde am Pfingsttag hinweggetan, als die "Verheißung des Vaters" in jedem Gläubigen Wohnung nahm als persönlicher Stellvertreter des aufgefahrenen Herrn. Die Gabe des Geistes ist der Beweis, dass Christi Werk von Gott angenommen worden ist, und der Heilige Geist im Gläubigen, ist die unauslöschliche Zusicherung unserer ewigen Annahme beim Vater.

Lasst uns nicht die Fehler der Reformatoren begehen. Sie reformierten die Evangeliumsbotschaft der Rechtfertigung durch Glauben gründlich, aber versäumten es, einige andere Lehren und Traditionen zu reformieren. Sie verwarfen die Rechtfertigung durch Gesetzeswerke, aber hielten an der Heiligung durch das Gesetz fest. Sie verwarfen die Autorität der Kirche über die Seele, aber hielten an der Autorität der Kirche über das Gewissen fest. Sie verwarfen das Priesteramt, aber nicht den Klerikalismus. Sie verwarfen die Autorität römischer Kirchentradition, aber ersetzten sie durch menschengemachte Bekenntnisse, die jetzt zur autoritativen "reformierten" Kirchentradition geworden sind. Sie riefen "sola scriptura", während sie in der einen Hand ein Bekenntnis und in der anderen ein Schwert schwungen.

Es ist der Wunsch des Autors, dass dieses Buch denen zum Segen ist, die sich danach sehen zu verstehen, was die Schrift lehrt. Möge die Losung Sola Scriptura seine wirkliche Bedeutung in der Gemeinde entfalten!"

Das Buch ist beim Verlag "New Covenant Media" erschienen und repräsentiert wohl die "Neue Bundestheologie".

Grüße,
Werner
"Der Prophet, der einen Traum hat, erzähle den Traum! Wer aber mein Wort hat, rede mein Wort in Wahrheit! Was hat das Stroh mit dem Korn gemeinsam? spricht der HERR." (Jer 23,28)
Lasst uns bei dem bleiben, was geschrieben steht! Sola Scriptura!

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andy
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Re: Die Fehler der Reformatoren?

Beitragvon andy » 17.11.2008 12:02

Diesen Beitrag habe ich zurückgezogen aufgrund der völlig richtigen Bemerkung von David S. (siehe unten). Da nur der eine Satz in einer "Zitat"-Kiste stand, hatte ich den restlichen Text für den Kommentar von Werner gehalten... weshalb mich sein Stil natürlich sehr wunderte... ist ja gar nicht sein Stil... bitte verzeih' mir, Werner!

Andy
Zuletzt geändert von andy am 17.11.2008 19:12, insgesamt 1-mal geändert.

Gast

Beitragvon Gast » 17.11.2008 12:42

Hallo Andy,

Werner hat doch aus dem Buch zitiert bzw. übersetzt und nicht seine eigene Meinung geschrieben.

Gruß,
David

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andy
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Beitragvon andy » 17.11.2008 19:27

Hallo alle,

voran danke an David S., der mich auf meinen groben Fehler aufmerksam machte!

An dem von Werner übersetzten Text stört mich in erster Linie der Stil, der rhetorische Mittel à la Bildzeitung nutzt, um andere zu diskreditieren, mit denen der Autor nicht übereinstimmt. Ich zitiere mal wild:
  • Und der Dispensationalist muss obligatorisch ...
    Der Dispensationalismus kann Israel und die Gemeinde in absolut keinerlei Weise ...
    Der Dispensationalismus kann nicht sehen, ...
    Der Dispensationalismus beharrt darauf, ...
    Der Dispensationalismus treibt einen Keil ... und bestreitet ...

Das entspricht dem Niveau des Boulevardjournalismus, der auch nach eigenem Gutdünken "Gruppe" (positiv) oder "Gruppierung" sagt, oder etwa "Umweltschutz-Aktivisten" (positiv) im Gegensatz zu "Öko-Demonstranten" (negativ). Man kann alles so oder so formulieren, aber hier kommt mehr eine emotionale Abneigung gegen Christen mit anderen Ansichten durch als eine faire Auseinandersetzung mit deren Standpunkten, die diese ebenfalls durch gewissenhaftes Studium der Bibel erlangt haben.
Der Autor hat geschrieben:Und der Dispensationalist muss obligatorisch bekräftigen, dass die Gemeinde in Gegenwart und Zukunft von Israel getrennt ist, woraus folgt, dass Israel und die Gemeinde niemals unter dem selben Bund stehen oder dieselben Segnungen erben können.
Wenn diese Argumentation mittels "alles-nichts-immer-nie" dann auch noch dazu führt, solche groben Fehler einzubauen, dann ist klar, daß der Stil längst den Inhalt in Mitleidenschaft zieht. Praktisch alle Dispensationalisten sehen die Dispensationen als verschiedene heilsgeschichtliche Epochen etc. an, d.h. manches wird vorübergehend ausgesetzt oder Gott verfährt mit Menschen nicht immer gleich. Kaum ein Dispensationalist lehrt eine ewige Trennung zwischen dem ethnischen Israel und der Gemeinde im Himmel. Ausnahmen mag es geben, ich kenne nicht alle Autoren... aber daß ein Dispensationalist "obligatorisch bekräftigen muß", daß die Gemeinde und das ethnische Israel auch in der Ewigkeit nie dieselben Segnungen erben könnten, da irrt der Autor einfach völlig. "Obligatorisch" bedeutet natürlich dasselbe wie "müssen" -- aber gut, ist halt auch wieder ein Rhetorik-Trick ;o)

Bei den meisten Lehren, die ich in den letzten Jahren betrachtet habe, gibt es nur eine verschwindende Minderheit, die wirklich alle Bestandteile vorbehaltslos übernimmt. Von diesen Extremen auszugehen und dann so zu tun, als würden damit alle Dispensationalisten z.B. an die ewige Getrenntbehandlung von Israel und der Gemeinde glauben, das ist schlecht.

Sonst müßte man auch Calvinisten ablehnen mit der Unterstellung, sie würden sich zu Calvins Lehren und damit irgendwie automatisch auch mit seiner Zustimmung zur Enthauptung von Häretikern stellen. Und alle Lutheraner, weil Luther neben viel guter Literatur auch ein paar sehr judenfeindliche Schriften verfaßt hat. Wenn sich also jemand mit den groben Zügen oder einzelnen herausragenden Punkten einer Lehre identifiziert, kann man ihn noch lange nicht mit allen anderen gleichsetzen, die dieselbe Lehre unter ganz anderen Gesichtspunkten übernehmen... und nicht selten mit einem ganz anderen Ergebnis hinsichtlich der Frage, wie diese Lehre in den größeren theologischen Kontext paßt und wie sie sich in der Praxis des alltäglichen Lebens als Christ auswirken sollte.

Gottes Segen,

Andy

(der landläufigen Definition nach sicherlich "Dispensationalist", nach der neuen Definition dieses Autors natürlich nicht mehr ;o)

lutz
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Beitragvon lutz » 17.11.2008 21:23

Hallo Andy,

vorweg - ich kenne das Buch und auch die (den) Verfasser nicht.
Ich möchte aber doch einmal schreiben, wie ich das Wort "obligatorisch" o. ä. im Zusammenhang einer Lehre sehe.

Obligatorisch meint nicht, dass jeder, der einzelne Positionen einer Lehre persönlich übernimmt, in letzter Konsequenz alle teilen wird.

Obligatorisch meint, einen oder mehrere Gedanken zu einem Lehrthema konsequent (ohne Widersprüche) zu Ende zu führen. In diesem Sinne ist dann das Ergebnis (Lehraussage) zwangsläufig - oder eben ein "muss".

Fasslicher wird es vielleicht an folgendem Zitat der Chicago-Erklärung, auch wenn es hier um eine andere Lehraussage geht - prinzipiell sehe ich hier keinerlei Unterschied.

Aus dem Vorwort:
" ... Wir anerkennen erfreut, dass viele, die die Irrtumslosigkeit der Schrift verwerfen, die Konsequenzen dieser Verwerfung in ihrem übrigen Glauben und Leben nicht entfalten ..."

Lutz

Gast

Beitragvon Gast » 25.11.2008 14:07

Gibt es denn von Seite der Bundestheologie, z. Bsp. Michael Horton, eine Stellungsnahme zu dieser "Neuen Bundestheologie"? Weiss das jemand was?


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