Weichenstellung in der Kirchen/Dogmengeschichte

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Weichenstellung in der Kirchen/Dogmengeschichte

Beitragvon Joschie » 10.02.2011 17:50

Hallo Ihr!
Ich habe diesen Titel gewählt, in Anlehnung an das Buch von Erwin W. Lutzer "Gefährliche Weichenstellung", jetzt heißt es "Einigkeit in der Wahrheit". Die Gemeinde Christi ist jetzt fast 2000 Jahre alt und viele Entwicklungen heute haben einen geschichtlichen Vorlauf oder sie gab es schon mal. Es gibt heute 2 Extreme, die einen sind die Traditionalisten, wie wir sie in der Katholischen/Evangelischen Kirche finden, die anderen, die jede geschichtliche Entwicklung der Gemeinde leugnen, so nach dem Motto, die Urchristen waren gut und wir haben heute wieder das richtige Evangelium, die Zeit dazwischen war alles finster und voller Irrlehren. Ich möchte hier jetzt einen Versuch starten, die entscheidenen Weichen- stellungen in der Kirchengeschichte zu benennen und von der Bibel her zu beleuchten.Dabei geht es ihm nicht um Nebensächlichkeiten, die man im Interesse der Einheit ignorieren kann. Er werden Fragen behandelt, die zum Kern des Evangeliums gehören, und zeigt, wie Trennungen entstanden und warum sie notwendig waren. Ich würde mich freuen, wenn ihr mir dabei helft. Bei Kontroversen bitte ich euch einen extra Bereich zu eröffnen. Ich freue mich schon sehr auf den Austausch mit euch.
Gruß und Segen von Joschie
Zuletzt geändert von Joschie am 06.05.2011 18:12, insgesamt 1-mal geändert.
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Beitragvon Joschie » 11.02.2011 13:17

Ich möchte folgenden Artikel von D.Martyn Lloyd-Jones reinsetzen bevor mit den geschichtlichen Teil beginne.

Martyn Lloyd-Jones: Einig in Wahrheit - Der wahre Weg zur Einheit
Die Ursachen für Spaltungen. Wie uns das Neue Testament belehrt, ist es möglich, dass die Einheit auseinander bricht. Was sind die Gründe hierfür?


:arrow: Bestätigung im Neuen Testament DIE URSACHEN FÜR SPALTUNGEN

Einmal kann es dann geschehen, wenn man, anstatt auf Christus zu sehen, Menschen in den Mittelpunkt stellt. Dann heißt es wie bei den Korinthern: „Ich bin des Paulus, ich aber des Apollos, ich aber des Kephas ..." Doch Paulus fragt: „Seid ihr in einen dieser Männer getauft? Wurdet ihr nicht in Christus, der droben ist, getauft, und kann etwa Christus zerteilt werden?" (l.Kor 1,10-16). Sobald man seine Augen von ihm abwendet und auf Menschen blickt, setzt man die Einheit aufs Spiel.
Noch gefährlicher sind falsche Lehren. Was ist damit gemeint? Dazu gehört unter anderem die Philosophie oder die „Weisheit der Welt". Wie Paulus in 1. Korinther 1,17.18 sagt, erfüllt ihn die Vorstellung mit Schrecken, das Kreuz Christi könne durch Philosophie zunichte gemacht, in einen Mythos oder eine Idee verkehrt werden.


Er ringt darum, auch um der Einheit willen, dass die Korinther an der nüchternen Wirklichkeit dessen, was geschehen ist, festhielten, dass nämlich „Gott den, der Sünde nicht kannte, für uns zur Sünde gemacht hat" und ihn schlug und niederbeugte „um unserer Sünden willen". Den gleichen Gedanken verfolgt er in Kolosser 2. Hier warnt er vor einer Ersatzphilosophie, eben der menschlichen Weisheit, die die im Evangelium berichteten Tatsachen und deren Bedeutung beiseite schiebt.

Von der gleichen Gefahr spricht Johannes in seinem ersten Brief. „Die Antichristen", sagt er, „sind jene, die die Wirklichkeit der Fleischwerdung und das Werk Christi verneinen." Einige leugneten, dass er tatsächlich einen Leib angenommen habe, und sprachen von einem Phantom-Leib. Oder sie lehnten seine Gottheit ab und wollten in ihm lediglich einen Menschen sehen. Das sind Auffassungen, die Spaltungen verursachen, weil sie mit der Lehre von dem einen Geist, dem einen Herrn und dem einen Vater in Widerspruch geraten.
Andere führen Spaltungen herbei, indem sie in Gesetzeswerke zurückfallen. So kamen Männer und lehrten in den jungen Gemeinden, man müsse sich beschneiden lassen und, über den Glauben an Christus hinaus, auch noch das Gesetz halten. In seinem Brief an die Galater setzt sich Paulus mit dieser Irrlehre auseinander. Das gleiche Thema finden wir im Hebräerbrief. Jenen Christen fehlte das Verständnis dafür, dass Christus völlig ausreicht. Sie waren noch befangen in den alten jüdischen Vorstellungen, konnten sich von ihrem eigenen Tun nicht lösen und gaben damit Anlass zu Uneinigkeit. Diese Anhänger des Judaismus hatte Paulus offensichtlich im Sinn, als er Philipper 3 und 1. Timotheus l schrieb. Auch hier geht es um Menschen, die zurück unter das Gesetz streben und sich bezüglich ihrer Errettung lieber auf endlose Geschlechtsregister und andere Dinge verlassen wollen. Der Apostel aber belehrt sie, dass uns das Gesetz — so gut es ist, wenn es richtig angewandt wird — keinesfalls das Heil vermitteln kann. Weder das Gesetz noch Engel noch irgendeine andere Macht vermögen uns zu erretten. Wir kennen nur die eine Heilsbotschaft: „Das Wort ist gewiss und aller Annahme wert, dass Christus Jesus in die Welt gekommen ist, Sünder zu erretten" (I.Tim 1,15). Etwas anderes zu bringen oder die Botschaft zu verändern, heißt Spaltungen hervorzurufen.

Die gleiche Wirkung hat jeder andere Versuch, Christus und seinem Werk etwas hinzuzufügen. Ging es hierum nicht auf dem Konzil zu Jerusalem, wovon uns Apostelgeschichte 15 berichtet? Doch den Aposteln schien es gut, den Gläubigen keinerlei Gesetzesjoch aufzuerlegen, weil Christus völlig genügt. Auch im Kolosserbrief taucht diese Frage auf, wo der Apostel die Beschäftigung mit Mittlern heftig kritisiert. Die verschiedenen Rangordnungen und Engel, die man sich zwischen Gott und den Menschen vorstellte, sind unnötig und falsch. Er tadelt sie, denn es führt zu Uneinigkeit und ist eine Verleugnung der grundlegenden Glaubenswahrheiten, wodurch der Mensch errettet wird.
Eine dritte Gruppe von Spaltungsursachen schließt alles das ein, was unser Ich verherrlicht anstelle von Christus. So gab es in den Gemeinden Menschen, die sich ihrer Gaben rühmten. Doch es wird ihnen gesagt, dass solches Rühmen den Blick von Jesus Christus und der Wahrheit, wie sie in ihm ist, ablenkt. Das Ich ruft Eifersucht, Rivalität und Streitgespräche hervor, und so wird Christus zerteilt.

:arrow: LEHRE KANN ERKLÄRT WERDEN

Doch wir wollen unsere Frage im positiven Sinn angehen. Das Neue Testament besteht durchweg auf wahrer und zuverlässiger Lehre. Ich muss das betonen, weil man heute weithin dazu neigt, Lehre abzuwerten und zu übergehen. Stattdessen drängt man auf Zusammenarbeit, auf gemeinsame Gebetsversammlungen und Evangelisationen. „Lehre trennt", heißt es, und so bleibt sie zugunsten der angestrebten Einheit auf der Strecke. Und doch ist nicht daran zu deuteln, dass es ohne Wahrheit und gesunde Lehre keine Einheit gibt, sie wird vielmehr zerstört, und Trennungen sind unvermeidlich.
Als Erstes hebt nun das Neue Testament hervor, dass Lehre erklärt werden kann. Wäre das nicht der Fall, hätte Paulus niemals seinen Brief an die Römer geschrieben. Zu der Zeit, als er ihn schrieb, war er noch verhindert, sie persönlich zu besuchen. So gab er ihnen stattdessen einen schriftlichen Abriss seiner Lehre. Es ist eine umfassende Darstellung der Hauptlehren über die Rechtfertigung, die Versöhnung, die Vereinigung mit Christus, die Gewissheit des Heils und das weiterführende Werk des Heiligen Geistes in den Heiligen. Wir wollen uns wieder an 1. Korinther 3,11 erinnern: „Einen anderen Grund kann niemand legen, außer dem, der gelegt ist." Diesen Grund hatte der Apostel gelegt: „Jesus Christus, und ihn als gekreuzigt", einen anderen gibt es nicht. Das ist eine absolute Wahrheit. Warum schreibt er 1. Korinther 15? Einfach deshalb, weil der Glaube oder Unglaube an die leibliche Auferstehung nicht irgendein unwichtiger, nebensächlicher Punkt ist. Sagt er nicht mehr oder weniger: „Wenn es keine Auferstehung gibt, so ist also auch unsere Predigt inhaltslos, inhaltslos aber auch euer Glaube ... so seid ihr noch in euren Sünden"? Trotzdem wird heute in zunehmendem Maße behauptet, es spiele keine Rolle, ob man an die leibliche Auferstehung glaube oder nicht. Der Apostel stellt hingegen fest, dass es ein Absolutum ist, ohne das es kein Evangelium gibt, „ihr seid noch in euren Sünden"! Der gleiche Beweis findet sich in 2. Timotheus 2. Doch nirgendwo wird es wohl so deutlich ausgedrückt, wie im ersten Kapitel des Galaterbriefes. Hier wundert sich Paulus über die Galater, die sich so bald von dem Evangelium, das er ihnen gepredigt hat, abgewandt haben. „Ich wundere mich, dass ihr euch so schnell von dem, der euch durch die Gnade Christi berufen hat, abwendet zu einem anderen Evangelium, das kein anderes ist ..." (Gal 1,6.7). Wie würde er so etwas sagen, wenn das Evangelium nicht näher erklärt werden könnte?

Doch davon sind wir in unseren Tagen weit entfernt. Man will uns erzählen, der christliche Glaube ließe sich nicht in Lehrsätzen festlegen, es handele sich um etwas Mystisches und Unerklärbares, wo eine Unterscheidung zwischen richtig und falsch nicht möglich sei. Indem man so redet, verurteilt man die Gepflogenheit der frühen Kirche, die sich durch Glaubensbekenntnisse band; ja man leugnet das Neue Testament selbst, das die Wahrheit abgrenzt, sodass ein Abweichen von ihr nicht zu übersehen ist. Denn wie kann ich jemandem vorwerfen, er habe sich von etwas entfernt, wenn ich nicht sagen kann, wovon. Doch die unerlässliche Voraussetzung der genauen Darstellung liegt im Neuen Testament vor uns. Nichts ist so aufschlussreich wie die Gegenüberstellung ökumenischer Konzile der ersten Jahrhunderte mit dem heutigen Weltkirchenrat. Das große Anliegen der Ersteren war die Lehre und die klare Abgrenzung der Lehre von Irrglaube und Irrlehre. Das Hauptkennzeichen des Letzteren ist Gleichgültigkeit in Bezug auf die Lehre und Verherrlichung von Toleranz und Zusammenarbeit.

Doch der Apostel geht noch weiter. Er schreibt den Philippern: „Seid miteinander meine Nachahmer, Brüder!" (Phil 3,17). Er zögert nicht, sie aufzufordern, ihn und seine Lehrweise nachzuahmen. Das ergibt sich aus dem zuvor Gesagten: „Doch wozu wir gelangt sind, zu dem lasst uns auch halten" (V. 16). Sie sollten mit ihm eines Sinnes sein und fortfahren, das Gleiche zu predigen und zu lehren. In 2. Timotheus 2,8 spricht er von „meinem Evangelium". Damit ist gewiss nicht das gemeint, was ich einmal in einer Predigt über diesen Text las: „Die Hauptsache ist, dass du eine Erfahrung gemacht hast, die dir das Recht gibt, von deinem Evangelium zu sprechen. Mag es auch nicht das Evangelium eines anderen sein, so musst du doch wissen: Es ist mein Evangelium." Demnach wäre es das Wichtigste, eine Erfahrung zu haben, wobei der eigentliche Grund der Erfahrung bedeutungslos ist. Nun, wir sind sicher, dass der Apostel hier gerade das Gegenteil sagen will. Er nennt sein Evangelium nicht deshalb das allein wahre Evangelium, weil es ihm gehört oder weil es etwas Besonderes für ihn bewirkt hat, sondern um deswillen, was Gott in Christus getan hat. Er setzt sich in diesem Abschnitt mit falscher Lehre auseinander: „Halte im Gedächtnis Jesus Christus, auferweckt aus den Toten, aus dem Samen Davids, nach meinem Evangelium." Es waren so genannte Lehrer gekommen, die von der Auferstehung behaupteten, sie sei schon geschehen, und zerstörten so den Glauben vieler. „Höre nicht auf sie", sagt er. Das von Paulus gepredigte Evangelium war das allein wahre Evangelium, und jede Lehre, die im Widerspruch dazu stand, war eine Lüge.

Auf diese Weise beschreibt der Apostel nicht nur das Evangelium und sagt, dass es beschrieben werden kann, sondern er sagt auch, dass jedes andere Evangelium falsch ist. Die gleiche Wahrheit finden wir in Hebräer 4,14-16: „Da wir nun einen großen Hohenpriester haben, der durch die Himmel gegangen ist, Jesus, den Sohn Gottes, so lasst uns das Bekenntnis festhalten" — unser Bekenntnis, das ist der Glaube, den wir in Bezug auf Jesus, den Sohn Gottes haben. Einen unbestimmten, allgemeinen Geist der Gemeinschaft zu pflegen, das wäre für jene hebräischen Christen kein Ausweg aus ihrer Not gewesen, wohl aber galt es, an dem festzuhalten, was sie gelehrt worden waren. Das war vor allem die Lehre von der Person Christi, von seiner Menschwerdung, von Christus, unserem Hohenpriester, der sein eigenes Blut zur Versöhnung für unsere Sünden dargebracht hat; so wie es der Schreiber in den Kapiteln 7-10 erklärt. Das ist der einzige Weg, auf dem wir in „die Ruhe" eingehen können, die Gott für sein Volk vorgesehen hat. Wir müssen die Lehre kennen, an ihr festhalten und jede falsche Lehre verwerfen. Es ist zudem auch der einzige Weg, auf dem wir „mit Freimütigkeit hinzutreten zum Thron der Gnade, damit wir Barmherzigkeit empfingen und Gnade finden zur rechtzeitigen Hilfe".
Wie wir gesehen haben, wird im gesamten Neuen Testament Nachdruck auf wahre Lehre gelegt; und falsche Lehre wird davon abgegrenzt. Das aber ist nur möglich, weil Lehre beschrieben und festgelegt werden kann. Damit haben wir eine objektive Richtschnur, an der wir uns selbst und andere jederzeit prüfen können.

:arrow: FALSCHE LEHRE MUSS VERWORFEN WERDEN

Das wird noch klarer, wenn wir beachten, wie falsche Lehre im Neuen Testament bloßgestellt wird, und auf die Sprache hören — insbesondere bei unserem Herrn —, die angesichts falscher Lehre angewandt wird. Natürlich widersetzt sich dem die gesamte öffentliche Meinung heute aufs heftigste. Es belustigt mich festzustellen, welch ein Wert in Buchbesprechungen darauf gelegt wird, dass der Schreiber eine positive Einstellung zeigt. Er darf anderen Anschauungen gegenüber niemals eine kritische Haltung einnehmen, das wäre unchristlich. Es geht um die gute Absicht. Ist sie vorhanden, so wäre es Unrecht, etwas zu kritisieren oder gar zu brandmarken. Im Gegenteil, Anschauungen, die völlig voneinander abweichen, gelten als wertvolle Einsichten auf dem Wege zur Wahrheitsfindung.

Das ist sicher, mit unserem falschen Verständnis des Neuen Testaments und seiner Lehre kultivieren wir eine gewisse Art von Liebenswürdigkeit und Höflichkeit, die dort nicht gefunden wird, nicht einmal bei dem Herrn Jesus Christus selbst. Lesen wir beispielsweise, was er in Matthäus 7,15-27 sagt. Hier spricht er von den falschen Lehrern und vergleicht sie mit Wölfen in Schafskleidern. Kann man sich noch einen schärferen Tadel vorstellen? Er weist auf Menschen hin, die, obwohl sie die Wahrheit leugnen, doch vorgeben, sie zu predigen. Er warnt uns vor ihnen. Sie sind „falsche Propheten", „falsche Lehrer", sind Menschen, die den Anspruch erheben, ihm zu gehören, und sagen: „Herr, Herr, haben wir nicht dies und das und jenes in deinem Namen getan? Er nennt sie Lügner. Und am Jüngsten Tag wird er ihnen antworten: „Ich habe euch niemals gekannt." Niemals haben sie zu den Seinen gezählt. Eine strengere Ausdrucksweise kann man sich nicht vorstellen.
Oder hören wir seine Rede in Matthäus 24,24-26. Es sind überaus wichtige Worte für alle, die ihm nachfolgen wollen: „Denn es werden falsche Christi und falsche Propheten aufstehen und werden große Zeichen und Wunder tun, um so, wenn möglich, auch die Auserwählten zu verführen. Siehe, ich habe es euch vorhergesagt. Wenn sie nun zu euch sagen: Siehe, er ist in der Wüste!, so geht nicht hinaus. Siehe, in den Gemächern!, so glaubt es nicht!" Auch hier warnt er uns in einer sehr ernsten Sprache vor falschen und betrügerischen Lehrern.
Das Gleiche sahen wir bereits in Epheser 4. Erfüllt mit dem Geist der Liebe, sagt der große Apostel: „Lasst uns die Wahrheit bekennen in Liebe!" Wie es gemeint ist, zeigt er im vorangehenden Vers: „Wir sollen nicht mehr Unmündige sein, hin- und hergeworfen und umhergetrieben von jedem Wind der Lehre durch die Betrügerei der Menschen, durch ihre Verschlagenheit zu listig ersonnenem Irrtum." Das versteht er unter dem Aussprechen der Wahrheit in Liebe. Die Bezichtigung falscher Lehrer innerhalb der Gemeinde gehört mit dazu. Unzweideutig sagt er, welcher Art diese Menschen sind und was sie tun. Es sind Raubtiere, die auf der Lauer liegen, um andere irrezuführen. Die Wahrheit in Liebe bekennen, das schließt also eine Kennzeichnung des Irrtums und alles dessen, was den Kindlein in Christus schaden könnte, mit ein.

Eine noch kraftvollere Sprache wendet der Apostel bei seiner Abschiedsrede vor den Ältesten der Gemeinde in Ephesus an: „Habt Acht auf euch selbst und auf die ganze Herde, in welcher der Heilige Geist euch als Aufseher gesetzt hat, die Gemeinde Gottes zu hüten, die er sich erworben hat durch das Blut seines eigenen Sohnes. Ich weiß, dass nach meinem Abschied grausame Wölfe zu euch hereinkommen werden, welche die Herde nicht verschonen. Und aus eurer eigenen Mitte werden Männer aufstehen, die verkehrte Dinge reden, um die Jünger abzuziehen hinter sich her. Darum wacht und denkt daran, dass ich drei Jahre lang Nacht und Tag nicht aufgehört habe, einen jeden unter Tränen zu ermahnen" (Apg 20,28-31). Das ist unmissverständlich: Wölfe, grausame Wölfe. In 2. Korinther 11,13-15 nennt er sie falsche Apostel und vergleicht sie mit dem Teufel, der selbst die Gestalt eines Engels des Lichtes annimmt. Und in Galater 1,8 schreibt er: „Wenn aber auch wir oder ein Engel aus dem Himmel euch etwas als Evangelium entgegen dem verkündigten, was wir euch als Evangelium verkündet haben: er sei verflucht!"

All das gehört zu unserem Leitsatz: Die Liebe in Wahrheit bekennen. Warum wird diese Sprache heute als eines Christen unwürdig abgelehnt? Weil man der Ansicht ist, die Wahrheit könne nicht definiert werden. An ihre Stelle ist ein saft- und kraftloser Begriff von Einheit und Gemeinschaft gerückt. In Philipper 3,18.19 schreibt der Apostel: „Denn viele wandeln, von denen ich euch oft gesagt habe, nun aber auch mit Weinen sage, dass sie die Feinde des Kreuzes Christi sind: deren Ende Verderben, deren Gott der Bauch und deren Ehre in ihrer Schande ist, die auf das Irdische sinnen." Solche Menschen traten in den Gemeinden auf und stellten sich als Lehrer der Wahrheit vor. Aber der Apostel zögert nicht, sie als Feinde des Kreuzes Christi zu bezeichnen. Warum? Weil sie in gewissen Punkten von der Wahrheit abwichen.

Wir müssen die Wahrheit in Liebe sagen, damit die Kinder im Glauben vor verderblichem Einfluss geschützt werden. Die Ausdrucksweise zur Kennzeichnung der falschen Lehre ist außerordentlich offen und vielfältig. Paulus spricht von Philosophie und leerem Betrug, von Überlieferung der Menschen, unheiligem, leerem Geschwätz, von Worten, die wie Krebs um sich fressen. Auch der Apostel Petrus wendet die gleiche Sprache an und nennt die Menschen Brunnen ohne Wasser. Sie erwecken den Eindruck, etwas Besonderes zu besitzen, aber in Wirklichkeit haben sie nichts. Was ist der Inhalt ihres Evangeliums? Was verstehen sie unter der Liebe, von der sie so wortgewandt reden? Welcher Art ist ihr Heil? Was ist der Sinn ihrer Worte?
Übersehen wir auch nicht den Hinweis des Judas und die warnende Sprache unseres Herrn in den Sendschreiben (Offb 2-3). Das Neue Testament redet von Menschen, denen Gott eine wirksame Kraft des Irrglaubens sendet, dass sie der Lüge glauben. Die falschen Propheten werden Hunde genannt und sind solche, die Verderben bringende Parteiungen heimlich einführen. Sie sind Lügner, und es ist gefährlich, ihnen zu folgen. Die falsche Lehre gleicht einem Krebs, der alle lebensnotwendigen Organe zerstört. Das ist neutestamentliche Lehre. Und doch wird das alles heute als eine Verleugnung des Geistes Christi, des Geistes der Liebe und der Gemeinschaft verworfen.

Die moderne Vorstellung von der Einheit hat sich so weit von der des Neuen Testaments entfernt, dass sie jegliche Auseinandersetzung mit der Wahrheit in ihrer Verkündigung meidet. Wir dürfen, wie gesagt, niemals negativ, wir müssen immer positiv sein. Der Mann wird heute anerkannt, der von sich sagt: „Ich bin nicht rechthaberisch, ich bin nur ein einfacher Prediger des Evangeliums." Mancher Evangelist oder auch andere Evangelikaie werden von den Vertretern liberaler Auffassungen gepriesen, weil sie jeder Auseinandersetzung ausweichen. Das wird bewundert, und jedes gegenteilige Verhalten gilt als Verleugnung des christlichen Geistes. Nur ja nicht kritisieren! Seien wir immer höflich und freundlich! Gewiss sollen wir immer höflich und freundlich sein; wir sollen immer „die Wahrheit in Liebe bekennen". Aber wir müssen immer „die Wahrheit in Liebe bekennen" und im Geiste des Neuen Testaments „für den Glauben kämpfen". Wir sind aufgefordert, Irrtum aufzudecken und beim Namen zu nennen und nicht nur menschengefällig zu sein. Wie wir soeben gesehen haben, ist das Neue Testament voll davon.

Nicht anders war es während der Reformation und der Erweckungszeiten und immer dann, wenn die Menschen zur Wahrheit des Neuen Testaments zurückkehrten. Falsche Lehre wurde entlarvt, aufgedeckt und gebrandmarkt. Und ebenso war es zur Zeit der Puritaner. In unseren Tagen, in denen Höflichkeit, Freundlichkeit und Gemeinschaft über alles und auf Kosten der Wahrheit geht, wollen wir uns daran erinnern lassen, dass die neutestamentlichen Lehrer und Gläubigen nicht ermahnt wurden, um der Einheit und Gemeinschaft willen allem zuzustimmen. Ihnen wurde vielmehr gesagt: „Wachet, steht fest im Glauben; seid mannhaft, seid stark! Alles geschehe bei euch in Liebe!" (l.Kor 16,13). Wir sollen mannhaft und stark sein. Wir sollen feststehen in dem Glauben, den wir empfangen haben, sollen wissen, dass wir ein Fundament unter den Füßen haben; und wir müssen dieses Fundament kennen. Wir sollen nicht auf Wolken daherfahren, nicht in Luftschlössern wohnen, sondern feststehen auf einem tragfähigen, erkenn- und erklärbaren Grund. Wir werden ermahnt, ernsthaft für den uns überlieferten Glauben zu kämpfen. Im zweiten Johannesbrief wird uns geboten, falsche Lehrer weder ins Haus aufzunehmen, noch sie zu grüßen, damit wir nicht an ihren bösen Werken teilnehmen (V. 10.11). In 2. Thessalonicher 2,15 schreibt der Apostel an die jungen Christen im Glauben: „Also nun, Brüder, steht fest und haltet die Überlieferungen, die ihr gelehrt worden seid, sei es durch Wort oder durch unseren Brief!" Überlieferungen, gelehrt durch Wort und Brief! Es handelt sich also um etwas Beschreib- und Erklärbares, um etwas Konkretes und Klares, das nicht missverstanden werden kann. Und so sollen auch wir mit aller Kraft und Energie ernstlich dafür kämpfen.

In Titus 3,10.11 fasst der Apostel das alles in einer äußerst wichtigen Feststellung zusammen: „Einen sektiererischen Menschen weise nach einer ein- und zweimaligen Zurechtweisung ab, da du weißt, dass ein solcher verkehrt ist und sündigt und durch sich selbst verurteilt ist." Somit sollen wir nicht nett und freundlich zu ihm sein. Wenn er nach der ersten und zweiten Zurechtweisung darin beharrt, ein Sektierer zu sein, müssen wir ihn abweisen und ausschließen, weil er eine Gefahr für die Gemeinde bedeutet. Das wird unmissverständlich im gesamten Neuen Testament gelehrt und es ist unvermeidlich im Blick auf die Eigenart der Heilswahrheit und der Einheit. Gewiss ist das alles weit entfernt von der heute herrschenden Auffassung. In unseren Tagen werden Männer geduldet, die die klare Lehre bezüglich der Person und des Werkes unseres Herrn leugnen. Sie werden als hervorragende Christen gerühmt und der Jugend als nachahmenswertes Beispiel hingestellt.
[/quote]
Quelle: http://www.glaube.de/artikel/thema/caa1 ... nheit.html
Gruß und Segen von Joschie
Zuletzt geändert von Joschie am 20.05.2011 08:42, insgesamt 1-mal geändert.
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Beitragvon Joschie » 14.02.2011 19:02

Ich habe mich für folgende Einteilung der Kirchengeschichte entschieden.

1, Von den Anfängen bis zum Untergang des weströmischen Reiches
2, Das Mittelalter
3, Reformation und Gegenreformation
4, Die Neuzeit
Ich folge damit der Einteilung von Armin Sierszyn.

Als ich begann, mich verstärkt mit Kirchengeschichte zu befassen, war ich erstaunt wie aktuell sie in vielen Dingen ist. Esoterik und New Age, Bibeltreue und Bibelkritik, Mission und Pluralismus, Glaube und Philosophie, Recht und Grenzen der Prophetie, Kirche und Staat und Vorherrschaft des Papstes, um nur einige zu nennen, waren Fragen mit denen sich in der Kirchengeschichte befasst wurde. Ich möchte anderen Geschwistern helfen, einen weiteren Horizont für die Dinge zu bekommen und ich bin mir auch meiner eingeschränkten Sicht bewußt. Ich hoffe auf eure Mitarbeit und Korrektur, wenn ich Dinge falsch darlege.
Gruß und Segen von Joschie
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Beitragvon Joschie » 15.02.2011 19:41

Kirchengeschichte: warum es wichtig ist?

Kirchengeschichte ist entscheidend für unser Verständnis von der Institution der christlichen Kirche. Vieles ist von den Ereignissen zwischen der Zeit der Apostel und der Gegenwart zu entnehmen. In 1. Korinther 10,1-13, ermahnt der Apostel Paulus die Gemeinde in Korinth aus den Beispielen von Israel in der Vergangenheit zu lernen, damit sie nicht die gleichen Fehler zu machen. Wie die Geschichte des alten Israel, die Geschichte der christlichen Kirche zu erinnern und daraus lernen. Zum Beispiel sind viele, die skeptisch gegenüber dem christlichen Glauben oft assoziieren Christentum mit der Gewalt und des Imperialismus der Kreuzzüge. Aber einen objektiven Blick auf die Kirchengeschichte zeigt, dass die Kreuzzüge zu einer Zeit geschah, als das Papsttum war eine politische Institution durch Macht und Gier korrumpiert. Die Kreuzzüge nutzten Christentum, hatte aber nichts mit dem zu Grunde liegenden Evangelium der Gnade zu tun. Heute ist unsere Kultur oft mit neuen und bizarren religiösen Philosophien, von denen einige präsentieren sich unter dem Banner des Christentums konfrontiert. Das ist nichts Neues. Die Geschichte ist mit Häresien, die versucht, die Kirche, darunter falsche Ideen wie Arianismus, Gnosis, Montanismus und Marcionismus infiltrieren geworfen haben. Verständnis der christlichen Lehre im Lichte der Geschichte der Kirche hilft uns zu trennen Fiktion und Modeerscheinungen aus den Tatsachen und Lehre des wahren christlichen Glaubens.

Wichtige Kirchenhistoriker
Frühe Kirche
Eusebius von Caesarea ca.260-340 "Der Vater Kirchengeschichte"
Sokrates Scholastikos ca.380-440
Sozomenos
Theodoret ca.393-460
Victor von Vita
Johannes von Ephesos
Euagrios Scholastikos

Mittelalter
Otto von Freising
Nikolaus von Cues

Neuzeit
Kurt Aland
Arnold Angenendt
Gottfried Arnold (Theologe)
Cesare Baronio
Ferdinand Christian Baur
Heinrich Bornkamm
Karin Bornkamm
Edmund Bursche
Hans von Campenhausen
Heinrich Denifle
Ignaz von Döllinger
Gerhard Ebeling
Ulrich Gäbler
Adolf von Harnack
J.H.Merle d Aubigne
Bihlmeyer/Tüchle
Karl Heusi
Armin Sierszyn
Dieses ist nur eine Aufzählung keine Bewertung!
Gruß Joschie
Zuletzt geändert von Joschie am 20.05.2011 08:44, insgesamt 1-mal geändert.
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Beitragvon Joschie » 11.04.2011 19:11

Es gibt für die erste Zeit oder Epoche der Christenheit verschiedene Bezeichnungen. Ich habe mal die geläufigsten rausgesucht.

Ich bitte zu beachten, das ich die Kirchen/Dogmengeschichte nicht streng chronologisch berachte.Es wird immer Überschneidungen geben, schon rein aus thematischen Gründen und weil viele Sachverhalte auch einen geschichtlichen Vorlauf haben.

a. das apostolische Zeitalter(Zeit der Urchristen), bis Ende des 1.Jahrhundert.
b. Epoche der Apologeten, bis 4.Jahrhundert
c. die Epoche der Kirchenväter, bis 7.-8. Jahrhundert
d. Alte Kirche, bis 604
e. bis zum Untergang des weströmischen Reiches, 475-476
zu a. Das apostolische Zeitalter rechnet man im allgemeinen bis zur Zerstörung Jerusalems, aber es gibt das Problem, das man bei den meisten Aposteln, nicht genau weiß wie lange sie lebten.Die heutige Vorstellung über die Urchristen entspringt eher der Romantik, als den Fakten des NTs und der ersten Zeit danach.
zu b. Die Zeit der Apologeten wird heute wieder neu entdeckt.Es war die Zeit, als sich das Christentum mit Anfeindungen und Zeitströmungen auseinandersetzte.
zu c. Hier muß erstmal geklärt werden, wen man zu den Kirchenvätern zählt und was dafür die Kriterien sind.
zu d. Zur Alten Kirche rechnet man, das 5. und 6. Jahrhundert.
Man muß immer beachten, das die Zeitangaben variieren können und nicht immer feststehende Größen sind.
zu e. Das ist die Epoche bis zum letzten Kaiser des weströmischen Reiches, der hieß Romulus-Augustus, sein Tod wird mit 475-476 angegeben. Mir ist bewußt, das es dafür auch andere Ansätze gibt, aber dieser hat sich in der Geschichtsschreibung durchgesetzt. Ich werde weiterhin der Epocheneinteilung von Armin Sierszyn weiter folgen. (siehe der dritte Beitrag)
Gruß Joschie
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Die Apostolischen Väter

Beitragvon Joschie » 15.04.2011 18:37

Als Apostolische Väter werden christliche Autoren von kirchlich bedeutsamen Schriften aus dem späten ersten und der ersten Hälfte des zweiten Jahrhundert bezeichnet, die wahrscheinlich persönliche Beziehungen zu Aposteln gehabt haben oder stark von den Aposteln beeinflusst wurden, also Kirchenväter der zweiten und dritten Generation.

Einige apostolische Väter sind zusätzlich aus historischen Dokumenten bekannt, von anderen gibt es keine sicheren biographischen Angaben. Insgesamt ist die Quellenlage für die Zeit der apostolischen Väter schlechter als für jede andere Epoche der Kirchengeschichte, viele Entwicklungen jener Zeit können heute im Detail nicht mehr rekonstruiert werden.

Gewöhnlich werden heute zu den apostolischen Vätern gezählt:
Clemens von Rom
der unbekannte Verfasser des so genannten Zweiten Clemensbriefs
Ignatius von Antiochien
Polykarp von Smyrna
Papias von Hierapolis (nur Zitate aus seinen Schriften sind erhalten)
Quadratus von Athen (nur ein kurzes Zitat ist erhalten)
Hermas, Verfasser des Hirten des Hermas
der unbekannte Verfasser der Didache
der unbekannte Verfasser des Barnabasbriefs
der unbekannte Verfasser des Briefs des "Mathetes" an Diognetus (Mathetes bedeutet "Jünger" und ist kein Eigenname)
weiterführende Texte


Der Kanon der "Apostolischen Väter" umfasst:
Didache (Zwölfapostellehre)
Barnabasbrief
Erster Clemensbrief
Zweiter Clemensbrief
Die Briefe des Ignatius von Antiochien:
An die Epheser
An die Magnesier
An die Traller
An die Römer
An die Philadelphier
An die Smyrnäer
An Polykarp
Von und über Polykarp
Der Polykarpbrief
Das Polykarpmartyrium
Der Diognetbrief
Der "Hirt" des Hermas
Papiasfragmente und Quadratusfragment
weiterführende Texte
Texte der apostolischen Väter


Kleiner »geschichtlicher Exkurs«bis Trajans conquirendi non sunt ["Man soll sie nicht aufspüren."]

a. Eine jüdische Sekte
Für den römischen Staat waren die Christen anfangs nichts anderes als eine jüdische Sekte. Damit galten sie, wie die Juden, als nicht einfach; aber das gab den Römern noch keinerlei Anlass die Christen irgendwie zu behelligen. Die jüdische Religion genoss im toleranten römischen Reich den Status einer "religio licita", sie war erlaubte Religion und sogar mit staatlichen Privilegien und staatlichem Schutz versehen. In diesem Schutz konnten sich demnach auch die Christen anfangs ungestört ausbreiten.
Natürlich gab es von Anfang an Spannungen mit den Juden. Das war für die Römer aber kein Grund die Christen zu verfolgen. Als im Jahre 49 n. Chr. in Rom Streitereien zwischen Juden und Christen auftreten betrachten die Römer dies als innerjüdische Angelegenheit und weisen einfach alle Juden - und damit dann natürlich auch Christen - aus Rom aus.
b. Nero und der Brand Roms
Der erste "böse Christenverfolger" ist nun Kaiser Nero, der von 58-68 n. Chr. das Imperium beherrschte. Ein Mann, mit dem auch die Römer selbst keine rechte Freude hatten. Sueton urteilt über ihn:
"Ein solches Scheusal ertrug der Erdkreis vierzehn Jahre auf dem Kaiserthron!"
Aber dieser Nero verfolgt nun die Christen, nicht etwa um ihres Glaubens willen.
Tacitus berichtet uns in seinen Annalen (15,44) darüber, dass im Jahre 64 n. Chr. Rom plötzlich in Flammen aufging. Die Ursache dafür bleibt ungewiss und bald verbreitet sich das Gerücht, dass Nero die Stadt selbst angezündet habe. Er hatte den Plan, den imperialen Willen in greifbare Architektur ausführen zu lassen, Rom also neu erstehen zu lassen. Dabei störten die alten Häuser. Sie mussten weg.
Nero bekommt nun, durch die Gerüchte, dass er selbst den Brand gelegt habe, vermutlich Angst und er verbreitet eine Gegenmeldung: Nicht er, sondern eine Minderheit habe den Brand angesteckt, die Christen!

Man hat also eine scheinbar nicht sonderlich beliebte, sogar eher allgemein unbeliebte Minderheit für die Rolle des Sündenbocks gefunden. Die Christen hatten sich - vielleicht schon kurz nach der Ausweisung der Juden, nun als eigenständige Gruppe in Rom etablieren können und sie hatten sich profiliert. Als Minderheit waren sie aber - wie alle Minderheiten - suspekt und beargwöhnt. Tacitus berichtet, dass diese Christen
"wegen ihrer Schandtaten bekannt waren."

Dementsprechend ließ Nero diese Übeltäter nun wegen der Brandstiftung in Rom aufgreifen und nach der Verurteilung in Volkshinrichtungen bestrafen.
"Flagitia", "Übeltaten", waren also der Anlass zur Verurteilung. Die Christen, denen man "Menschenhass" vorwarf , wurden also als Verbrecher eingestuft. So werden sie im Vorfeld der Ermittlungen als Christen, als Menschen, die das römische Volk hassen, aufgestöbert und formal als Brandstifter ("flagitium") verurteilt.
Sie werden also nicht als Christen verurteilt, nicht deswegen, weil sie Christen sind, das ist sehr wichtig. Sie sind zwar bereits durch ihr Christsein suspekt, aber die Hinrichtung erfolgt aufgrund der "rechtlichen" Verurteilung als Brandstifter. Ob dies nun zutreffend ist oder nicht.
Nicht die Ausübung ihrer Religion wird ihnen zum Verhängnis, sondern das factum, dass sie als wenig beliebte Minderheit in die Rolle des Sündenbocks gedrängt wurden.
Die erste Verfolgung der Christen war also keine Verfolgung, die religiös motiviert war. Die Christen in Rom hatten - sarkastisch gesprochen - eben das Pech, dass man ihnen ein Verbrechen in die Schuhe schob, das in Wahrheit vermutlich der Kaiser zu verantworten hatte.



c. Die Verfolgung unter Domitian (81-96 n. Chr.)
Nach Nero wurde vor allem Domitian, der von 81 bis 96 n. Chr. herrschte, von den Apologeten als typischer Christenverfolger gebrandmarkt. Aber auch hier scheinen die Christen nicht wegen des Namens Christi verfolgt worden zu sein. Ihnen wurde vielmehr Gottlosigkeit vorgeworfen. Sie weigerten sich schließlich den Kaiser als "dominus et deus", als Herrn und Gott zu verehren. So müssen wir hier als Anklagepunkt wohl zuallererst von einer religiös motivierten Majestätsbeleidigung ausgehen. Die Verurteilung von Christen, so sie denn in dieser Zeit zu belegen ist, entspränge dann nicht einer organisierten Verfolgung einer anderen Religion, sondern vielmehr einem kranken Herrscherhirn sowie einer kaiserlichen Profilneurose.



d. Die Haltung Trajans (98-117 n. Chr.)
Von Interesse ist für uns dann vor allem die Haltung des Kaisers Trajan, der um den Jahrhundertwechsel an die Macht kam. Sein Statthalter in Bithynien, Plinius, unterhielt nämlich einen regen Briefwechsel mit dem Kaiser. Und aus diesen Briefen wissen wir, daß im Gebiet des Plinius Christen lebten.
Ihren Glauben bezeichnet Plinius als "superstitio", als "Aberglaube". Er weiß aber nicht so recht, was er mit ihnen anstellen soll. Wenn er bisher mit Christen konfrontiert worden war, dann sei er nur darauf aus gewesen, dass sie ihrem Glauben abschworen. Dann habe er sie wieder laufen lassen. Nun wandte sich Plinius an den Kaiser mit der Frage, wie er sich denn den Christen gegenüber verhalten solle.
"conquirendi non sunt" - ["Man soll sie nicht aufspüren."]
Es soll also gerade keine Christenhetze stattfinden. Nur wenn sie angezeigt und überführt würden, dann seien sie zu verurteilen und zwar aufgrund ihres Aberglaubens. Dabei macht Trajan ausdrücklich klar, dass keine anonymen Anzeigen angenommen werden dürfen.
Als Nachlass für das Christsein reicht es aus, den traditionellen Göttern zu opfern.

:arrow: Nach der Zerstörung des Tempels (70 n.Chr.) und der Niederschlagung des Aufstands um Bar Kochba (135 n.Chr.) wird die jüdische Bevölkerung durch die Römer aus Jerusalem vertrieben. Damit endet auch die Jerusalemer Gemeinde.
Zuletzt geändert von Joschie am 11.05.2011 17:49, insgesamt 1-mal geändert.
Tod, wo ist dein Stachel? Totenreich, wo ist dein Sieg? 1Kor 15,55

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Die Apologeten

Beitragvon Joschie » 20.05.2011 08:30

Die Apologeten

:arrow: Dazu zählen im 2. Jahrhundert

Quadratus von Athen († um 130),
Aristides von Athen († um 125),
Justinus der Märtyrer († 165),
Melito von Sardes († um 180)
Pseudo-Meliton
Theophilos von Antiochia († um 183),
Tatian,
Pseudo-Justins Cohortatio ad Graecos,
Athenagoras,
der anonyme Protreptikos „An Diognet“.
Minucius Felix
Apollinaris von Ravenna (Antiochien) († um 200*)
Irenäus von Lyon (um 135-202), insb. Demonstratio apostolicae praedicationis

:arrow: Im 3. Jahrhundert

Hermias (um 200)
Clemens von Alexandria († nach 215)
Tertullian († um 230)
Origenes († 253), insb. Contra Celsum
Cyprian von Karthago († 258), Ad Demetrianum
Miltiades († 314)
Acta Apollonii in Teilen

:arrow: Auch Autoren des 4. und 5. Jahrhunderts bezeichnet man zuweilen noch als Apologeten oder hebt zumindest Funktionen einzelner ihrer Werke als apologetisch hervor, darunter:

Arnobius, Adversus Nationes
Eusebius von Caesarea mit seiner Preparatio Evangelica
Augustinus († 430) mit seinem Gottesstaat
Theodoret mit seiner Heilung der hellenischen Krankheiten.

:arrow: Ich stelle zu den Apologeten den Beitrag von Lothar.Gassmann rein.In diesen erkennt man gut die Verbindung von Geschichte und Heute.

:arrow: 1. Begriff, Wesen und Auftrag der Apologetik:

Der Begriff "Apologetik" kommt vom griechischen Verb "apologeomai" ("sich verteidigen") bzw. vom Substantiv "apologia" ("Verteidigung, "Rechtfertigung"). Zwei Begriffe werden gebraucht: "Apologetik" und "Apologie". Während "Apologie" die schriftliche oder mündliche Verteidigung selbst ist, also die Verteidigungsschrift oder -rede, bezeichnet "Apologetik" die wissenschaftliche Besinnung über die Möglichkeit einer Apologie, einer Verteidigung. Die Apologie meint also den praktischen Vollzug, die Apologetik die Reflektion über den Vollzug und die Grundlagen der Verteidigung. Allerdings werden die beiden Begriffe nicht immer auseinander gehalten. So hat es sich eingebürgert, den Begriff "Apologetik" im umfassenden Sinn sowohl für die Theorie als auch für die Praxis der Verteidigung zu verwenden. Im folgenden geht es um die christliche Apologetik. Auch wenn das Adjektiv "christlich" nicht immer eigens genannt wird, so ist doch die Apologetik in diesem Sinne gemeint. Die christliche Apologetik ist die Verteidigung des christlichen Glaubens bzw. der christlichen Wahrheit gegenüber einer nichtchristlichen Umwelt.

Die christliche Wahrheit ist vielfältigen Angriffen ausgesetzt und muss deshalb verteidigt werden. Dabei ist nicht nur an Kampf – etwa gegen Angriffe von Seiten heidnischer Religionen und antichristlicher Ideologien – zu denken, sondern auch ganz einfach an die Bezeugung des Evangeliums in die Situation des (heutigen) suchenden und fragenden Menschen hinein. Mit Francis Schaeffer, einem der wohl bedeutendsten christlichen Apologeten des 20. Jahrhunderts, lässt sich Wesen und Auftrag der christlichen Apologetik durch folgende zwei Ziele definieren:

1. Die Verteidigung des Glaubens und
2. die Verkündigung des Evangeliums in einer der jeweiligen Generation verständlichen Weise" (F. Schaeffer, Gott ist keine Illusion. Ausrichtung der historischen christlichen Botschaft an das zwanzigste Jahrhundert, 1991, 156).
Apologetik besitzt also eine lehrmäßige (systematische) und gleichzeitig eine missionarische Dimension. Sie unterscheidet sich jedoch sowohl von der Systematischen Theologie als auch von der Missionswissenschaft durch ihre besondere Zielsetzung, nämlich sich mit den Angriffen gegen die christliche Wahrheit auseinander zu setzen bzw. Denkhindernisse auf dem Weg zum Glauben zu entfernen. "Sagt die Missionspredigt, worin das Evangelium besteht, so antwortet Apologetik auf kritische Einwände bzw. unbegründete Vorurteile gegenüber dem Evangelium" (Gerhard Ruhbach, ELThG Bd. 1, S. 98). Innerhalb der Systematischen Theologie hat die Apologetik heute ihren Ort – zumindest rudimentär – in den Prolegomena (Einleitungen) bzw. der Fundamentaltheologie. Hier geht es vor allem um die Erörterung des Verhältnisses von menschlicher Vernunft und göttlicher Offenbarung sowie des Wesens und Auftrags der Heiligen Schrift. Über solche Ansätze kommt die heutige Apologetik an den kirchlichen und staatlichen Fakultäten im deutschsprachigen Raum aber leider kaum hinaus. Ein eigener Lehrstuhl für Apologetik existiert dort nirgends. Die Notwendigkeit der christlichen Apologetik ist jedoch zu allen Zeiten gegeben – und heute leider mehr als je zuvor. Die Gegenmission nichtchristlicher >Religionen und Ideologien im Abendland, die Aufweichung biblischer Lehren und Werte, die Zunahme der Sekte n und Kulte, der rapide moralische Zerfall, die schleichende Unterwanderung der Kirchen durch den Zeitgeist – das sind nur einige Beispiele, welche die dringende Notwendigkeit christlicher Apologetik in unseren Tagen deutlich machen.

:arrow: Warum also Apologetik?

Die Antwort ist klar: Der christliche Glaube wird von vielen Seiten bedroht und bedarf der Verteidigung. Aber das ist nicht alles. Wir betreiben Apologetik nicht zum Selbstzweck. Bei der Verteidigung des Glaubens geht es nicht um eine nur intellektuelle Diskussion. Nein, es geht um viel mehr: Es geht um die Existenz. Es geht um Sein oder Nichtsein, Heil oder Verdammnis, Leben oder Tod. Es geht darum, dass Menschen ins Reine kommen können mit Gott, dass sie eine lebendige Beziehung zu ihrem Schöpfer erhalten, dass sie das ewige Leben erlangen. Und dafür kann das Wegräumen intellektueller Hindernisse eine entscheidende Hilfe sein. Darin liegt also die wichtigste und immer gleich bleibende Aktualität der Apologetik: Menschen zu helfen, dass sie Christen werden können – und Christen zu helfen, dass sie Christen bleiben können – durch alle Wirrnisse und Verführungen der Zeit hindurch.

2. Biblische Grundlagen der Apologetik:

Die klassische Stelle zur Begründung der christlichen Apologetik findet sich in 1. Petr 3,15 f:

"Aber den Herrn Christus heiligt (hagiaste) in euren Herzen, immer bereit zur Verteidigung/Verantwortung (apologian) gegenüber jedem, der von euch Rechenschaft/ein Wort (logon) fordert über die Hoffnung (elpidos), die in euch ist, und das mit Sanftmut (prautetos) und (Gottes-)Furcht (phobou), ein gutes Gewissen habend, damit, worin ihr verleumdet werdet, die zuschanden werden, die euren guten Wandel (agathen anastrophen) in Christus schmähen."

Dieses Wort ist ursprünglich an die bedrängte Gemeinde in der Zerstreuung gerichtet. In dieser Situation wird den Gläubigen mitgeteilt, wie sie sich verhalten können, um die Verleumdungen der Verfolger zu widerlegen und denen Antwort zu geben, die sie nach ihrem Glauben fragen. Hier sind die zwei klassischen Ziele der Apologetik aller Zeiten enthalten: Verteidigung des Glaubens und Verkündigung des Evangeliums. Die Voraussetzung dafür ist die "Heiligung des Herrn Jesus in den Herzen": die innige Gemeinschaft mit ihm, die völlige Hingabe an ihn, die allein Kraft zum Bekenntnis und guten Wandel schenkt und die Menschenfurcht überwinden kann. Wo diese innige Gemeinschaft mit dem Herrn besteht, spüren die Mitmenschen den Christen die Hoffnung ab, die in ihnen ist, und fragen sie nach dem Grund dieser Hoffnung: nach Jesus Christus. Hier wird der untrennbare Zusammenhang zwischen Lehre und Leben betont. Einerseits steht am Anfang nicht die Lehre, sondern das Leben: Die Mitmenschen werden angesichts des Lebenswandels und der Ausstrahlung der Christen neugierig und möchten mehr über die Hintergründe wissen. Andererseits steht aber auch die Lehre am Anfang; denn die Hoffnung, die in den Gläubigen ist, beruht auf der Überlieferung von Jesus Christus und seinem Erlösungswerk in Kreuzestod und Auferstehung. So gehen Lehre und Leben miteinander Hand in Hand. Wie soll nun die Lehre weitervermittelt werden? In Sanftmut und Gottesfurcht .
"In Sanftmut" bedeutet: nicht in Hochmut und pharisäischem Überlegenheitsgefühl, nicht in Übermut und Aufdringlichkeit, nicht in Unmut und Lieblosigkeit, sondern demütig, zurückhaltend und in Liebe. "In Gottesfurcht" bedeutet: nicht in Kleinmut und Menschenfurcht, sondern im Vertrauen auf das Wirken und die Kraft des Herrn.

Die Beispiele für Apologetik in der Bibel sind zahlreich. Ich beschränke mich auf einige Hinweise aus dem Neuen Testament. Jesus selber hat in Streitgesprächen und Gleichnissen auf die Fragen seiner Gegner geantwortet, aber ihnen auch Gegenfragen gestellt. Themen waren etwa das Sabbatgebot, die Steuerpflicht und die Auferstehung der Toten (Mt 21,23-22,46). Seine Antworten oder Fragen waren von so übermenschlicher Weisheit, dass seine Gegner am Ende sprachlos waren:

"Und niemand konnte ihm ein Wort antworten, auch wagte niemand von dem Tage an, ihn hinfort zu fragen"

– so schließt Matthäus seine Schilderung der Streitgespräche der Pharisäer und Sadduzäer mit Jesus ab (Mt 22,46). Aber nicht nur durch seine Worte beglaubigte sich Jesus als der Messias, sondern auch durch die Zeichen und Wunder, die er vollbrachte, sowie durch die zahlreichen Prophezeiungen, die in seinem Leben in Erfüllung gingen.

Die Apostel waren Zeugen der Wahrheit, die in Jesus erschienen ist, und Vermittler der Wahrheit des göttlichen Wortes, des rettenden Evangeliums von der Erlösung allein aus Gnaden (Joh 14,6; 17,17). Mit kompromissloser Schärfe wird in den Evangelien, den Briefen und der Johannesapokalypse durchgehend zwischen Wahrheit und Lüge unterschieden. Auseinandersetzungen werden geführt mit der Magie (Act 8,4-25), dem heidnischen >Götzendienst und Polytheismus (Röm 1,22 ff.; 1. Kor 8,4ff.; 10,14ff.), einer heidnischen und in Widerspruch zu Gottes Offenbarung tretenden >Philosophie (Kol 2,8ff.; 1. Kor 1,18ff.), der Gnosis (1. Tim 6,20f.), einem falschen Evangelium judaisierender >Gesetzlichkeit (Gal 5,1ff.), aber auch eines heidnischen Libertinismus (1. Wo es um Wahrheit und Lüge – und damit zugleich um Heil oder Verdammnis! – geht, gibt es keine Grauzone, kein Sowohl-Als auch, keine Toleranz gegenüber den Irrlehrern und Verführern, den Lügenaposteln und falschen Propheten (vgl. Mt 7,15f. 19; Gal 1,6-9; Apk 2,14-16). Im Umgang mit Irrlehrern und Verführern zu einem gottfeindlichen Leben gibt es für die Gemeinde Jesu nur zwei Möglichkeiten: Entweder der Irrende kehrt um – oder er muss sich von der Gemeinde trennen. Die klassischen Stellen für die Praktizierung der Gemeinde zucht finden sich in Mt 18,15-17 und 2. Kor 5.

In ihrer Argumentation bedienen sich die Apostel zweier – zunächst widersprüchlich erscheinender – Mittel: zum einen der scharfen Abgrenzung gegenüber dem Heidentum mit seinen falschen Lehren und seinem gottfeindlichen Lebenswandel; zum anderen der Anknüpfung an die Lebens- und Gedankenwelt der Heiden und des Ernstnehmens ihrer Fragen. Bei näherem Hinsehen schließen sich aber diese Methoden keineswegs gegenseitig aus. Denn auch da, wo die Anknüpfung an das Lebensgefühl der Umwelt geübt wird, dient diese doch nur dazu, um vom alten Denken und Lebenswandel wegzuführen – hin zum neuen Sein der Kinder Gottes. Zwei Beispiele hierfür möchte ich nennen.

Zum einen wird in den Briefen des Paulus immer wieder deutlich, wie er die Gemeinde Jesu Christi gegenüber den heidnischen Göttern abgrenzt. So schreibt er z.B. an die Gläubigen in Thessalonich: "Ihr habt euch bekehrt zu Gott von den Abgöttern, zu dienen dem lebendigen und wahren Gott" (1. Thess 1,9). Zum anderen wird etwa in Act 17,16-33 berichtet, wie Paulus in seiner Missionspredigt auf dem Athener Areopag an die Gottesahnung und die Weisheit der Griechen anknüpft, um ihnen – in Weiterführung und Gegensatz hierzu! – den einen und wahren Gott zu verkündigen. Dass Paulus an das Denken der Griechen anknüpft, aber ihnen keineswegs "nach dem Mund redet", wird an der Reaktion der Zuhörer deutlich. Als er den wahren Gott als den Vater des gekreuzigten und auferstandenen Herrn Jesus Christus verkündigt, teilt sich das Publikum in solche, die spotten und sich abwenden, und solche, die sich dem neuen Glauben anschließen (Act 17,32f.). Mit dieser doppelten Reaktion muss jede Form von Apologetik rechnen.

Ein ähnlicher Gegensatz scheint bei oberflächlicher Betrachtung zwischen Stellen wie Römer 1f. und 1. Kor 1f. zu bestehen. Im Römerbrief knüpft Paulus an die allgemeine Erkennbarkeit Gottes in den Werken der Schöpfung und im menschlichen Gewissen an (Römer 1,19f.; 2,14f.). Im Korintherbrief hingegen spricht er von der verborgenen Weisheit (sophia) Gottes, die von der Welt nicht erkannt werden kann (1. Kor 2,6ff.). Der Gegensatz löst sich auf, wenn man zur noetischen (erkenntnismäßigen) die ontische (seinsmäßig-existentielle) Dimension hinzuzieht. Dann ergibt sich: "Die sophia der Griechen (und Römer; L. G.) ist sophia, aber von der Sünde entstellt" (E. Kamlah, RGG Bd. 1, Sp. 479). Paulus kann zwar die sittlichen und philosophischen Fähigkeiten seiner Mitmenschen loben, aber in Bezug auf den wahren Gott, seine Erkennbarkeit und das Halten seiner Gebote ist "Verfinsterung" im Heidentum eingetreten: "Denn obwohl sie von Gott wussten, haben sie ihn nicht als Gott gepriesen noch ihm gedankt, sondern sind dem Nichtigen verfallen in ihren Gedanken, und ihr unverständiges Herz ist verfinstert" (Röm 1,21). Und da dies so ist, bleibt trotz und neben aller "abholenden" Anknüpfung die Konfrontation in der Apologetik unverzichtbar, die den Hörer der Botschaft vor die Entscheidung stellt: für oder gegen Jesus Christus, für oder gegen den wahren Gott, für oder gegen das Heil und ewige Leben.

Denn:

"Was die Heiden opfern, das opfern sie den Dämonen und nicht Gott" (1. Kor 10,20).

Und:

"Einen anderen Grund kann niemand legen als den, der gelegt ist, welcher ist Jesus Christus" (1. Kor 3,11).

3. Zur Geschichte der Apologetik:.

:arrow: Ihre Blütezeit erlebte die christliche Apologetik zur Zeit der Alten Kirche, insbesondere im 2. und 3. Jahrhundert nach Christi Geburt. Es war die Zeit der Auseinandersetzung zwischen dem sich ausbreitenden Christentum und einem ihm zunächst feindlich gegenübertretenden heidnischen Staats- und Gesellschaftswesen. Ab dem 4. Jahrhundert, als die Christenheit unter Kaiser Konstantin (306-337) staatliche Anerkennung erfuhr und schließlich (380) zur Staatsreligion wurde, verlagerte sich die Verteidigung des Glaubens immer mehr von außen nach innen: auf innerkirchliche Konflikte und dogmatische Streitfragen, zunächst vor allem in Bezug auf Trinitätslehre, Christologie und Ekklesiologie. Rolf Hille bezeichnet daher das Mittelalter sogar als "'tausendjähriges Interim (Zwischenzustand) der Apologetik" (ELThG Bd. 1, S. 101).

:arrow: Dennoch hörten die Angriffe von außen gegen das Christentum nie auf. Sie nahmen in der Neuzeit und Moderne – seit dem Wiedererstarken der antiken heidnischen Kultur in der >Renaissance und dem Siegeszug des Humanismus und der Aufklärungsphilosophie – zu und haben insbesondere seit den letzten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts eine ungeahnte Massivität erreicht. Vorbereitet durch aufklärerische Ideale wie Autonomie, Toleranz und Rationalität wurde das traditionelle Christentum in seiner Gültigkeit und >Absolutheit mehr und mehr infrage gestellt. Durch das >Hegelsche Prinzip der Dialektik und Synthese wurde die Antithese von Wahrheit und Lüge abgelöst und die Absolutheit des christlichen Glaubens untergraben. Seither lebt die Menschheit "unterhalb der Linie der Verzweiflung" (Francis Schaeffer): ohne absolute Werte, ohne einen absoluten Halt. Was ihr übrig bleibt, ist lediglich ein irrationaler Sprung ins Ungewisse, in den Mystizismus. Eine Fülle von Religionen, Sekten, Kulten und Ideologien ist in das denkerische und religiöse Vakuum eingedrungen, welches durch die "Preisgabe der (christlichen) Vernunft" (Schaeffer) und die Ablehnung ihres Heilsangebots durch die säkularisierten Massen entstanden ist. Rolf Hille schreibt treffend:

:arrow: "Die Entwicklung des Christentums um die Wende zum dritten Jahrtausend neigt sich wieder zu ihrer apostol (ischen) Ausgangslage. In der bewusst nachchristl (ichen) Kultur der Moderne ist jedoch kein Rückzug, sondern erneut die Kraft der apologetischen Mission gefordert; betrieben von einer Minderheitskirche, die ihre Bestimmung, 'Fremdlinge in der Zerstreuung` zu sein (1 Petr 1,1) bewusst annimmt und mission (arisch) lebt" (ELThG Bd. 1, S. 102).

Das Ende kehrt zum Anfang zurück.

Keine Epoche der Kirchengeschichte (außer vielleicht der unsrigen) hat eine solche Vielzahl und Intensität von apologetischen Schriften hervorgebracht wie die Zeit der Alten Kirche . Davon seien (ohne Anspruch auf Vollständigkeit) nur die wichtigsten genannt (in Klammern die ungefähren Jahreszahlen des Erscheinens):

:arrow: Im 2. Jahrhundert: Quadratus aus Kleinasien: Apologie an Kaiser Hadrian (ca. 130); Aristides von Athen: Apologie an Kaiser Hadrian (ca. 130); Ariston von Pella: Dialog zwischen einem Christen und einem Juden über Christus (ca. 140);

Justin von Rom: Apologie an Antoninus Pius (ca. 155); Dialog mit dem Juden Tryphon (ca. 160); Apollinaris von Hierapolis: Fünf Apologien gegen Juden, Griechen und Montanisten (ca. 160); Tatian von Rom: Rede an die Griechen (ca. 165); Melito von Sardes: Apologie an Kaiser Mark Aurel (ca. 172); Athenagoras von Athen: Bittschrift für die Christen an Kaiser Mark Aurel (ca. 177); Über die Auferstehung (ca. 180); Irenäus von Lyon: Entlarvung und Widerlegung der fälschlich so genannten Gnosis (= Gegen die Häresien; ca. 180/189); Tertullian: Gegen Marcion (ca. 190); An die Heiden (ca. 197); Apologetikum (ca. 198).

:arrow: Im 3. Jahrhundert: Clemens von Alexandrien: Protreptikos (ca. 200); Hippolyt von Rom: Widerlegung sämtlicher Häresien (ca. 225); Origenes von Alexandrien: Gegen Kelsos (ca. 248).

:arrow: Im 4. Jahrhundert: Eusebius von Caesarea: Kirchengeschichte (ca. 315); Athanasius von Alexandrien: Gegen die Heiden (ca. 319); Reden gegen die Arianer (ca. 350).

:arrow: Im 5. Jahrhundert: Aurelius Augustinus von Hippo: Vom Gottesstaat (413-426).

Wie allein schon diese Namen zeigen, haben sich im Grunde fast alle "Kirchenväter" um die Apologetik bemüht. Dogmatik und Apologetik waren in der frühen Christenheit untrennbar, ja viel mehr: Die Dogmatik ging erst aus den apologetischen Schriften hervor. Die Apologetik war also da, bevor es eine Dogmatik, eine systematische Entfaltung des christlichen Glaubens gab. Die Angriffe der Gegner zwangen die Christenheit erst, ihren Glaubens in ein System zu fassen, um ihn logisch überzeugend zu begründen und zu verteidigen. Damit war freilich die Gefahr der Überfremdung biblischer Aussagen durch philosophische Kategorien verbunden, welcher die meisten Kirchenväter nicht ganz entronnen sind (vgl. z.B. >Justin).

:arrow: Worum ging es den frühen Apologeten, namentlich im 2. und 3. Jahrhundert nach Christi Geburt? Ihre übereinstimmende Zielsetzung lässt sich in drei Punkte fassen:

a. Abwehr des Vorwurfs der Feindschaft gegen Kaiser und Staat, des crimen maiestatis et religionis laesae;

b. Beweis der Überlegenheit des Christentums über die heidnischen Kulte und Religionen;

c. Nachweis der sittlich-moralischen Lauterkeit und Zuverlässigkeit der Christen gegenüber anderslautenden Vorwürfen wie Kannibalismus (im Blick auf die Agape-Mahle), Atheismus (wegen der Ablehnung der Staatsgötter) und Blutschande (wegen dem Friedenskuss). Um diese drei Ziele zu erreichen, verwendeten sie eine Vielzahl von Argumentationen, Zitaten und Beweisen. Die wichtigsten Argumentationen fasse ich kurz in folgende Punkte zusammen (vgl. hierzu Apologetik v. Harnack, Die Mission und Ausbreitung des Christentums in den ersten drei Jahrhunderten, 1924, 111-331):

a. Das Christentum bringt das Evangelium vom Heiland und von der Heilung.
Es beruht auf Jesus Christus, der in die Welt kam, um die Menschen vom Verderben zu erretten und ihnen auch körperlich durch Heilungen Gutes zu tun. In seiner Erlösungstat am Kreuz und in seiner Auferstehung liegt das Einzigartige, das von keiner anderen Religion vollbracht werden kann: die wirkliche Befreiung von den Sünden und das ewige Leben bei Gott.

b. Das Christentum repräsentiert das Evangelium der Liebe und Hilfeleistung.
Es ist die Religion des sittlichen Ernstes und der Heiligkeit. Orientiert am Vorbild Jesu Christi, der den Menschen nur Gutes tat, sind auch seine Jüngerinnen und Jünger darauf bedacht, Gutes zu tun und ihren Mitmenschen zu helfen. Immer wieder weisen die Apologeten auf die vielen Taten der Liebe hin, welche die Christen vollbringen: Unterstützung der Witwen und Waisen, der Armen und Kranken, Sorge für die Fremden, Sklaven und Gefangenen. Dadurch sollen sittliche Bedenken zerstreut werden. Da es über die Zusammenkünfte der Christen zum Agape-Mahl mancherlei Gerüchte (Kannibalismus, Gelage) im Volk gibt, wird dessen geistlicher und reiner Charakter betont.

c. Das Christentum ist die Religion des Geistes und der Kraft.
Es weist eine Fülle von außergewöhnlichen Erscheinungen auf, die seine übernatürliche Herkunft beglaubigen: Wunder, Heilungen, Befreiung von Dämonen, Träume, Visionen, erfüllte Prophezeiungen und vieles mehr.

d. Das Christentum ist die Religion der Autorität und Vernunft.
Es beruht auf der Autorität der göttlichen Offenbarung, die jede bloße Philosophie übertrifft. "Das Christentum ist göttliche Offenbarung, aber es ist zugleich die reine Vernunft, die wahre Philosophie" (Apologetik v. Harnack, a.a.O., 245). In ihrer Haltung zur griechischen und römischen Philosophie (>Platonismus, >Stoa usw.) unterschieden sich die Apologeten zum Teil erheblich. Beispielsweise trat der Auffassung Justins, Christus als der göttliche Logos Gottes sei als "logos spermatikos" (samenhaftes Wort) bereits in den wahren Erkenntnissen der heidnischen Philosophen gegenwärtig gewesen, die schroffe Ablehnung der Philosophie bei Tatian und Tertullian entgegen. Neben der Autorität der göttlichen Offenbarung brachten viele Kirchenväter, je mehr es in die frühkatholische Zeit hineinging, auch die Autorität der Glaubensregel und der diese wahrenden Kirche zur Geltung.

e. Die Christen sind das neue Volk und das "dritte Geschlecht".
Sie sind das dritte Geschlecht nach den Heiden (= Griechen, Römern etc.) und Juden als das wahre Israel, das auserwählte Volk. Wie dieser Argumentationsgang gegenüber Juden und Heiden ablief, hat Apologetik v. Harnack treffend zusammengefasst: "Lautete der Vorwurf: 'Ihr seid abgefallene Juden`, so entgegnete man: 'Wir sind die Gemeinde des Messias, also die wahren Israeliten, und die direkten Nachfolger der Propheten.` Hieß es: 'Ihr seid nichts anderes als Juden`, so lautete die Antwort: 'Wir sind eine neue Schöpfung und ein neues Volk.` Warf man ihnen umgekehrt ihre Neuheit vor und dass sie von gestern seien, so replizierte man: 'Wir sind nur scheinbar das jüngere Volk; latent waren wir von Anfang an und vor allen Völkern stets vorhanden; wir sind das Urvolk Gottes.` Sagte man ihnen: 'Ihr verdient nicht zu leben`, so lautete die Antwort:

'Wir wollen sterben, um zu leben; denn wir sind Bürger der zukünftigen Welt und sind unserer Auferstehung gewiss" (a.a.O., S. 259 f.).

f. Das Christentum ist die Religion des Buchs und der erfüllten Geschichte.
Das "Buch" – gemeint war zunächst das Alte Testament, welches die Christen wegen der in Jesus erfüllten Prophezeiungen für sich beanspruchten – genoss auch in hellenistischen Kreisen großes Ansehen, so dass man sich auf dieses berief. Für seine Autorität ins Feld geführt wurden u.a.: sein hohes Alter, der unerschöpfliche Reichtum seines Stoffes, die tiefe Weisheit der Gedanken, das Zurückgehen bis zur Schöpfung in einem klaren, durchsichtigen Bericht, die zahlreichen erfüllten Prophezeiungen (Weissagungsbeweis), die hochstehende Moral (Dekalog), der strenge Monotheismus.

g. Das Christentum führt den Kampf gegen Polytheismus und Götzendienst.
Als streng monotheistische Religion lehnt es den Götzendienst in seinen unterschiedlichen Formen (heidnische Religionen und Kulte, Götterbilder, aber auch Kaiserkult) ab. Was den Kaiserkult angeht, wird immer wieder betont: Christen rufen nicht zur Revolution gegen den Staat auf, sondern sind willig, für den Kaiser zu beten und sich den Anordnungen, die das Zusammenleben betreffen, zu beugen. Christen sind loyale Bürger, die der Autorität des Staates gehorchen. Was sie allerdings nicht mitmachen können, ist die Verehrung eines Menschen als Gott, den Kaiserkult. Falls ihnen hier keine Gewissensfreiheit zugestanden wird, nehmen sie Strafe und Verfolgung auf sich – was dann auch tatsächlich eintrat. Der Kampf gegen den Götzendienst wurde nach außen zwar durchgehalten. Adolf von Harnack weist jedoch nicht ganz zu Unrecht darauf hin, dass heidnische Elemente – vor allem ab dem 3. Jahrhundert – doch teilweise in das Christentum eindrangen (Heiligenverehrung, >Marienkult, >Reliquienkult, gewisse Elemente im Priester- und Sakramentsverständnis u.a.). Dennoch führt es m. E. zu weit, von einer völligen "Hellenisierung" oder "Ausgestaltung des Christentums als synkretistische Religion" zu sprechen, wie v. Harnack es tut (vgl. a.a.O., 324ff.). Um den Rahmen der Darstellung nicht zu sprengen, muss allerdings an dieser Stelle ein kurzer Hinweis auf diese Problematik genügen.

:arrow: Als ein klassisches Werk der frühchristlichen Apologetik gilt Tertullians um 198 n. Chr. verfasstes Buch "Apologetikum" . Kaiser Severus hatte den Übertritt zum Judentum und Christentum durch ein Edikt unter schwere Strafe gestellt. Eine Verfolgung kündigte sich an. Unter diesem Eindruck schrieb Tertullian sein an die "Spitzen der römischen Reichsregierung" adressiertes Werk. Darin kommen die eben kurz zusammengefassten Themen fast alle vor. Ich nenne als Beispiele einige Überschriften verschiedener Kapitel:

4. Kap. Ob das Bestehen der christlichen Religion gegen die Staatsgesetze sei ...
7. Kap. Dass bei den Christen thyesteische Mahlzeiten und Blutschande geübt werden, ist noch niemals nachgewiesen worden, sondern reine Erfindung der Fama ...
9. Kap. Bei den Heiden dagegen werden Dinge, wie man sie den Christen aufbürdet, tatsächlich geübt.
10. Kap. Warum die Christen an der Verehrung der heidnischen Götter nicht teilnehmen wollen. Dieselben sind bloße vergötterte Menschen ...
17. Kap. Die Christen verehren den Schöpfer der Welt als den einzig wahren Gott. Auch die Heiden huldigen ihm manchmal unwillkürlich. 18. Kap. Gott hat sich geoffenbart. Die Hl. Schrift.
19. Kap. Die Schriften des Moses und ihr hohes Alter.
20. Kap. Erhabenheit und Glaubwürdigkeit der Hl. Schrift ...
23. Kap. Die Vermutung, dass die Dämonen, deren Dasein auch die Heiden anerkennen, mit den sogenannten Göttern identisch seien, wird durch Tatsachen bestätigt. Die Macht des Namens Christi und des Exorzismus über sie.
24. Kap. Da die heidnischen Götter keine Götter sind, so beschuldigt man die Christen, wenn sie dieselben nicht verehren, mit Unrecht des Atheismus; man muss ihnen vielmehr die Religionsfreiheit gewähren, deren sich im römischen Reiche die Kulte anderer Völker tatsächlich erfreuen ...
30. Kap. Die Weigerung, für das Wohl der Kaiser den Göttern zu opfern, kann keine Majestätsbeleidigung sein; denn die Christen beten statt dessen für die Kaiser zum wahren Gott ...
32. Kap. Die Christen wünschen den Bestand des römischen Reiches und schwören beim Wohlergehen des Kaisers.
33. Kap. Wenn sie den Kaiser nicht als ein göttliches Wesen ansehen und ihn nicht 'Gott` titulieren, so achten und lieben sie ihn darum doch, und gerade erst in der rechten Weise ...
44. Kap. Unter den Christen findet man keine Verbrecher.
45. Kap. Das Christentum enthält für seine Anhänger eine moralische Nötigung zum tugendhaften Verhalten.
46. Kap. Das Christentum ist nicht etwa nur eine neue Art philosophischer Lehre, sondern etwas Göttliches und steht hoch über jeder Philosophie.
47. Kap. Viele philosophische Ansichten sind weiter nichts als verderbte und verunstaltete Offenbarungslehren ...
50. Kap. Die Philosophen werden von den Christen an Standhaftigkeit übertroffen. Lob und Würde des Martyriums" (zitiert aus: Tertullians ausgewählte Schriften ins Deutsche übersetzt. 2. Band, hg. v. G. Esser, Bibliothek der Kirchenväter, Bd. 24, Kempten/München o.J., 33ff.).

Im 50. Kapitel von Tertullians "Apologetikum", das die "Würde des Martyriums" beschreibt, findet sich folgende berühmte Stelle:

"Aber fahrt nur so fort, treffliche Präsidenten, die ihr beim Pöbel viel beliebter werdet, wenn ihr ihm Christen opfert; quält, martert, verurteilt uns, reibt uns auf; eure Ungerechtigkeit ist der Beweis unserer Unschuld! Deswegen duldet Gott, dass wir solches dulden. Denn noch neulich, als ihr eine Christin zum Hurenhaus anstatt zur Löwengrube verurteiltet, habt ihr das Geständnis abgelegt, dass bei uns eine Verletzung der Schamhaftigkeit für schlimmer gelte als jede Strafe, als jede Todesart. Und doch, die ausgesuchteste Grausamkeit von eurer Seite nützt nichts; sie ist eher ein Verbreitungsmittel unserer Genossenschaft (secta). Wir werden jedesmal zahlreicher, so oft wir von euch niedergemäht werden; ein Same ist das Blut der Christen (semen est sanguis Christianorum)" (a.a.O., S. 181 f.).

:arrow: 4. Ziele und Methoden christlicher Apologetik


Aus Gottes Wort ergeben sich die zwei bereits erwähnten Ziele der christlichen Apologetik aller Zeiten: 1. den christlichen Glauben zu verteidigen und 2. das Evangelium in einer der jeweiligen Generation verständlichen Weise zu verkündigen. Diese Ziele sind wichtig. Aber sie sind noch nicht das Letzte und Eigentliche. Das letzte und eigentliche Ziel ist die Verherrlichung des allmächtigen Gottes, des Schöpfers der Welt, des Erlösers seiner Gemeinde, des Vollenders der Heilsgeschichte: "Erhebe dich, Gott, über den Himmel und deine Herrlichkeit über alle Welt!" (Ps 57,6; vgl. 1. Chron 16,24; Ps 104,31; 150,2; Jes 49,3; Mt 6,13; Joh 15,8; 17,1ff.). Und um diesem Ziel der Verherrlichung Gottes zu dienen, ist es notwendig, dass möglichst viele Menschen in die Schar derer treten, die ihn lieben, ihn anbeten und ihm dienen mit Freude dass möglichst viele "gerettet werden und zur Erkenntnis der Wahrheit kommen" (1. Tim 2,4).

:arrow: Deshalb betreiben wir christliche Apologetik.

Der Begriff "Methode" nun darf nicht im Sinne eines Pragmatismus oder einer Schablonisierung von Verfahrensweisen missverstanden werden. Bei der Apologetik geben wir dem Wirken des Geistes Gottes Raum, der – so wie der Wind – "weht, wo er will" (Joh 3,8). Er lässt sich nicht in starre Systeme oder Vorgehensweisen pressen, sondern wirkt in einer oft überraschenden Weise an Menschenherzen und -schicksalen. Das dürfen wir auch bei der Apologetik wissen und uns darüber freuen.

Von dieser Erkenntnis her ergeben sich für den christlichen Apologeten allerdings bestimmte Voraussetzungen . Er ist kein bloßer "Fachgelehrter", sondern ein Mensch, der mit dem Wirken des lebendigen Gottes auch in der Apologetik rechnet. Er ist ein durch den Geist Gottes wiedergeborener Christ, betet zu seinem Herrn, kennt sich in der Bibel aus und gehört zu einer Gemeinde, in der er sich zusammen mit anderen Christen unter dem Wort des Herrn versammelt. Er führt mit der Hilfe Gottes ein Leben, das so gut wie möglich mit der Lehre Christi übereinstimmt, so dass seine apologetische und missionarische Botschaft nicht unglaubwürdig wird. Apologet im weiteren Sinne ist an sich jeder Christ, der Jesus lieb hat und sich zu ihm bekennt. Die klassische Stelle 1. Petr 3,15f. ist an die gesamte Gemeinde gerichtet (s.o.). Dennoch ist es unbestreitbar, dass es eine besondere Berufung einzelner Christen zu einer speziellen, intensiveren Form der Apologetik – über das persönliche Glaubenszeugnis hinaus – gibt. Diese Berufung hängt mit Gnadengaben (Charismen) zusammen, die Gott diesen zuteilt, vor allem mit den Gaben der Erkenntnis (gnosis), der Lehre (didache) und der Unterscheidung der Geister (diakrisis ton pneumaton) (1. Kor 12,10; Eph 4,11).

Aus der Heiligen Schrift ergibt sich, dass wir unseren Mitmenschen als wertvolles Geschöpf Gottes ansehen, dem wir die christliche Wahrheit in Liebe sagen möchten:

"Lasst uns aber wahrhaftig sein in der Liebe" (Eph 4,15).

Wir wissen, dass er ohne die rettende Wahrheit verloren geht (Mk 16.16; Joh 3,16), aber es nützt gar nichts, wenn ihn die Art, wie wir diese Wahrheit übermitteln, abschreckt. Wichtig ist daher die Beachtung des richtigen Zeitpunktes (kairos) und das liebende Herz, um ihn für Jesus und das Evangelium zu gewinnen. Gerade bei apologetischen "Streitgesprächen" ist das Gebet um die rechte Haltung und Liebe besonders wichtig. Dass wir die Wahrheit in Liebe sagen, heisst nun aber keinesfalls, dass wir die Wahrheit relativieren oder verwässern. Vielmehr gilt die Regel: Sage die Wahrheit in Liebe, aber sage aus Liebe die Wahrheit! Dem Menschen ist überhaupt nicht geholfen, wenn wir aus falscher Rücksichtnahme Abstriche an der biblischen Botschaft machen. Das Evangelium kennt zwar eine Personentoleranz (wir sollen den Sünder als Geschöpf Gottes lieben, das zu Gott umkehren kann), aber keine Sachtoleranz (wir sollen die Sünde hassen, die er tut und die ihn von Gott fernhält) (Toleranz; vgl. Joh 8,11). Das gleiche gilt auf dem Gebiet der Erkenntnis, die stets mit der Existenz verbunden ist: Wir sollen den Irrenden als Geschöpf Gottes lieben, das zu Gott umkehren kann. Aber den Irrtum bzw. die Lüge, die er verbreitet, sollen wir hassen, aufdecken und widerlegen.

Francis Schaeffer betont zu Recht:

"Das Christentum ist nicht romantisch, es ist realistisch. Es ist realistisch, denn es lehrt, dass es ohne Wahrheit keine Hoffnung und ohne ausreichende Grundlage keine Wahrheit geben kann ... Das Christentum kennt die Krankheit (= die Verlorenheit der Welt und des Menschen; L. G.) und hat gleichzeitig das Heilmittel zur Verfügung ... Wenn wir das antithetische Denken aufgeben, haben wir nichts mehr zu sagen ... Das Christentum steht und fällt mit der Antithese, denn es gründet sich nicht auf irgendeinen abstrakten Wahrheitsbegriff, sondern auf den Gott, der da ist, und auf die Rechtfertigung des einzelnen" (Gott ist keine Illusion, 48 ff.).
Dass wir die Antithese zwischen Wahrheit und Lüge, zwischen Heil und Verdammnis festhalten, schließt nicht aus, dass wir nach Anknüpfungspunkten für die rettende Botschaft im Leben unserer Mitmenschen suchen. Diese Suche nach Anknüpfungspunkten ist legitim und wurde z.B. auch von den Aposteln praktiziert (vgl. Act 14,16f.; 17,23ff.). Allerdings sollte die Stoßrichtung dabei immer so sein, dass die Botschaft vom Anknüpfungspunkt mehr und mehr wegführt hin zum rettenden Herrn. Man vergleiche etwa die Areopagrede des Paulus, der die Zuhörer bei der Inschrift von "unbekannten Gott" "abholt", um sie von diesem Numinosum weg und zum lebendigen Herrscher des Himmels und der Erde hin zu führen (Apg.17,23ff.).

Diese Tatsache eines Anknüpfungspunktes kann die andere Tatsache nicht verdecken, dass wir es bei der Apologetik mit einem Kampf der Geistesmächte zu tun haben. Die Bibel spricht es klar aus: Hinter den heidnischen Religionen und Ideologien dieser Welt verbergen sich gottfeindliche Dämonen: "Denn wir haben nicht mit Fleisch und Blut zu kämpfen, sondern mit Mächtigen und Gewaltigen, nämlich mit den Herren der Welt, die in dieser Finsternis herrschen, mit den bösen Geistern unter dem Himmel" (Eph 6,12). Gegen diese hilft nur die "geistliche Waffenrüstung", wie sie in Eph 6,13-18 beschrieben ist, vor allem das Wort Gottes, der Glaube und das Gebet – und dabei eine unbeugsame Liebe zur Wahrheit, zur Gerechtigkeit und zum Evangelium des Friedens Gottes. In diesem Kampffeld, in dieser Spannung befindet sich nicht nur der Apologet, sondern auch sein (noch) nicht christlicher Gesprächspartner. Diesen wollen wir nun etwas näher betrachten.

Der heutige säkularisierte Mensch hat oftmals ein "Schutzdach" (F. Schaeffer) über sich gebaut, durch das er sich der Liebe und dem Anspruch Gottes entzieht. Dieses "Schutzdach" kann intellektuell ("Ich kann nicht glauben") oder aber (un)moralisch ("Ich will nicht glauben") beschaffen sein. Ist das Letztere der Fall (und das dürfte sogar bei der überwiegenden Mehrheit unserer Mitmenschen zutreffen), dann hilft es am ehesten, ihn von falschen Vorstellungen über das Christentum ("Religion der Verbote" u.ä.) zu befreien und ihn auf die ihm vielleicht noch ganz unbekannte Dimension der wirklichen Freiheit durch Jesus Christus hinzuweisen – auf den Herrn, der allein ein befreites Gewissen und ein sinnvolles, erfülltes Leben schenken kann. Häufig ist jedoch auch ein intellektuelles "Schutzdach" vorhanden (im Unterschied von F. Schaeffer würde ich lieber von einer "Abschirmung" reden, da der Begriff "Schutzdach" die Abwehr von etwas Schlechtem assoziieren könnte). Dieses intellektuelle "Schutzdach", diese "Abschirmung" kann – wie auch die moralische "Abschirmung" – wirksam nur der Heilige Geist zerbrechen. Da dieser aber durch uns wirken möchte und da wir gerufen sind, "Rechenschaft zu geben von der Hoffnung, die in uns ist", möchte ich nun – trotz der erwähnten Vorbehalte – folgende "Methoden" nennen. Ich beziehe an dieser Stelle im wesentlichen Anregungen von Francis Schaeffer ein.

Zunächst ist in einem apologetischen Gespräch oder in einer Diskussion wichtig, dass die Begriffe sauber definiert werden, derer man sich bedient oder über die geredet wird. Mit den gleichen Wörtern kann ansonsten etwas völlig Unterschiedliches gemeint sein. So ist es beispielsweise keineswegs dasselbe, wenn ein >Anthroposoph und ein Christ von "Christus" reden, da der erstere ein kosmisches Sonnenwesen auf der vierten Stufe der Geisterhierarchie, der Christ jedoch den lebendigen Gott in der zweiten Person der Dreieinigkeit darunter versteht. Auch Begriffe wie "Wiedergeburt", "Meditation", "Erlösung", ja auch "Gott" selber werden heute von sehr unterschiedlichen Religionen und Weltanschauungen verwendet, so dass keineswegs immer die biblisch-christliche Bedeutung gemeint sein muss, wo diese gebraucht werden.

Beim Gespräch selber können wir davon ausgehen, dass sich wie wir, so auch unser Gesprächspartner, wenn auch unbewusst, im Bereich der von Gott geschaffenen Welt und damit im "Sog" von Gottes Wahrheit befindet. Er ist wie wir aus der guten Schöpferhand Gottes hervorgegangen, hat sich aber von seinem Herrn losgesagt oder ihn nie ernstlich gesucht. Aber die Ahnung Gottes, die Sehnsucht nach ihm ist, wenn auch verschüttet, in seinem Herzen vorhanden (vgl. Röm 1,18ff.; 2,14 ff.). Es gibt noch "Ewigkeit in seinem Herzen" (Don Richardson). Das ist ein entscheidender Anknüpfungspunkt für den christlichen Apologeten. Er kann seinem Gesprächspartner helfen, die "Abschirmung" zu entfernen, die ihn von seinem Schöpfer trennt. Er kann ihn in geradezu sokratischer "Mäeutik" (gedanklicher Geburtshilfe, Hebammenkunst) zur letzten (In)konsequenz seines rein menschlich-religiösen oder philosophischen Systems führen und ihn dadurch für die befreiende Antwort der christlichen Botschaft gewinnen. Francis Schaeffer hat ausführlich auf diese Tatsachen hingewiesen.

Er schreibt:

"Nicht-christliche Denkvoraussetzungen widersprechen einfach dem, was Gott geschaffen hat, einschließlich des menschlichen Wesens ... Die Bibel ... lehrt, dass der Mensch nicht einmal in der Hölle nach seinen nicht-christlichen Denkvoraussetzungen leben kann. 'Selbst wenn ich mein Bett in der Hölle mache, siehe du, Gott, bist doch da` (Ps 139,8) ... Keiner – weder eine Gruppe noch ein einzelner – kann sein nicht-christliches System theoretisch oder praktisch zum logischen Schluss führen" (a.a.O., 135f.).

Und weiter:

"Begegnen wir also einem Menschen des zwanzigsten Jahrhunderts – gleich welchen Bildungsniveaus oder welcher sozialen Stellung -, begegnen wir in ihm einem Menschen in einem Spannungsfeld (nämlich zwischen seinem logisch nicht haltbaren Weltanschauungssystem und dem wahren christlichen Glauben; L. G.), und diese Spannung wirkt sich bei unserem Gespräch mit ihm zu unserem Nutzen aus ... irgendwo ist ein Punkt der Inkonsequenz. Er nimmt eine Haltung ein, die er nicht logisch zu Ende verfolgen kann; und das ist nicht nur eine intellektuelle Spannung, sondern sie liegt in seinem Wesen als Mensch ... Der gefallene Mensch befindet sich im Widerspruch zu allem, was da ist, einschließlich dessen, was er selbst ist ... Jeder Mensch befindet sich an irgendeinem Punkt der Linie zwischen der wirklichen Welt und den logischen Schlussfolgerungen seiner nicht-christlichen Denkvoraussetzungen ... je konsequenter ein Mensch seinen nicht-christlichen Denkvoraussetzungen folgt, desto mehr entfernt er sich von der Wirklichkeit; je näher er der Wirklichkeit kommt, desto weniger ist er seinen eigenen Denkvoraussetzungen treu" (a.a.O., 136f.)

Entdeckt ein Mensch den Selbstwiderspruch, in dem er lebt, dann muss der Christ "in Liebe und aufrichtigem Mit-Leid ... dieses Schutzdach entfernen und zulassen, dass die Wahrheit der objektiven Welt und seines eigenen Menschseins ungehindert über ihn hereinbricht. Ohne dieses Dach ist jeder Mensch schutzlos und verwundbar der Wahrheit dessen, was wirklich da ist, ausgeliefert. Die Wahrheit, die ihn zunächst trifft, ist nicht ein Dogma über die Wahrheit der Heiligen Schrift, sondern die Wahrheit der objektiven Welt und die Wahrheit seines 'Menschseins`. So erkennt er seine Not. Erst dann kann ich ihm anhand der Heiligen Schrift die Ursache seiner Verlorenheit und den Ausweg daraus zeigen" (a.a.O., 143f.).hängen miteinander zusammen. Die Veränderung des Denkens bewirkt eine Veränderung der Existenz, die Veränderung der Existenz erfordert eine Veränderung des Denkens. Es gibt deshalb keine Bekehrung (metanoia) des Menschen ohne gleichzeitige Bekehrung seines Denkens. Denn Denken und Handeln sind eine Einheit. Und deshalb ist die Apologetik unverzichtbar.

Ebenso wenig wie Denken und Sein stellen >Offenbarung und Erfahrung einen wirklichen Gegensatz dar. Manche Theologen (z.B. Karl Barth, Cornelius van >Til) möchten in ihrer Dogmatik und Apologetik allein bei dem sich in souveräner Freiheit offenbarenden Gott ansetzen. Apologetik kann sich nach ihrer Meinung nicht oder nicht zuerst auf der empirischen, allgemein zugänglichen, rational-logischen Ebene bewegen, sondern nur auf der – im strengen Sinne theo-logischen, von Gottes Wort und dem Glauben her getragenen Ebene (>Presuppositionalismus). Im direkten Gegensatz hierzu haben Theologen >scholastischer Prägung die philosophisch-rationale Erfassbarkeit und Nachweisbarkeit Gottes – auch unabhängig von seiner Offenbarung in der Heiligen Schrift – postuliert und praktisch durchzuführen versucht, z.B. in Gestalt sogenannter Gottesbeweise. Im Blick auf diese Diskussion betonen wir: Wir sehen keinen Gegensatz zwischen einer empirischen und rationalen Verteidigung des Glaubens einerseits und einer presuppositionalistischen Berufung auf Gott und sein offenbarendes Wort andererseits, sondern Komplementarität, gegenseitige Ergänzung. Weil Gott alles geschaffen hat, hat er auch die menschliche Vernunft erschaffen und den empirisch-rationalen Zugang – etwa über die Werke der Schöpfung und das menschliche Gewissen – zu ihm ermöglicht (vgl. Röm 1,19ff.; 2,15). Infolge der Verfinsterung des menschlichen Herzens durch die Sünde (Röm 1,21) ist aber ohne Wortoffenbarung durch die bloße Vernunft kein eindeutiger und heilbringender Zugang zu Gott möglich, sondern es kann bestenfalls eine Vorstufe zum Glauben gelegt werden. Der rettende Glaube selber ist nicht unvernünftig, nicht im Widerspruch zur menschlichen Vernunft stehend, sondern übervernünftig, die menschliche Vernunft mit ihren durch die Sünde verursachten Grenzen überschreitend (Glaube und Vernunft).

Gemäss dieser Erkenntnis betreiben wir Apologetik in zwei Stufen: a. auf der empirisch-rationalen, allgemein einsichtigen Ebene; b. auf der theo-logischen Ebene des geoffenbarten und in der Bibel niedergeschriebenen göttlichen Wortes. Die empirisch-rationale Ebene kann dabei nur Vorstufe oder Hilfsmittel für die entscheidende biblisch-theologische Argumentation sein. Auch für die christliche Apologetik gilt:

"Und stellt euch nicht dieser Welt gleich, sondern ändert euch durch Erneuerung eures Sinnes (= Denkens und Wollens; nous), damit ihr prüfen könnt, was Gottes Wille ist, nämlich das Gute und Wohlgefällige und Vollkommene" (Röm 12,2).
Quelle: hier
Tod, wo ist dein Stachel? Totenreich, wo ist dein Sieg? 1Kor 15,55

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Beitragvon Joschie » 20.05.2011 08:33

:arrow: Als Kirchenvater (von lat. pater ecclesiae zu grch. πατηρ εκκλησιαστίκος) wird ein christlicher Autor der ersten acht Jahrhunderte bezeichnet, der entscheidend zur Lehre und zum Selbstverständnis des Christentums beigetragen hat.

:arrow: Zum Begriff

Gemeinhin wird die Epoche der Kirchenväter gleitend abgegrenzt. Formal setzt sie dort ein, wo Autoren nicht mehr selbst an der Produktion neutestamentlicher und urchristlicher Schriften beteiligt sind, sondern bereits beginnen, diese Schriften zu kommentieren. Das Ende dieser Epoche fällt mit der Spätantike zusammen – die Kirchenväter werden nun selbst zur literarischen Quelle und zur Autorität theologischer Entscheidungsfindung.

:arrow: Orthodoxie

Von der orthodoxen Kirche werden alle bedeutenden christlichen Autoren in ihrem Bereich, auch solche aus neuerer Zeit bis in die Gegenwart, zu den Kirchenvätern gerechnet, wobei bezüglich Rechtgläubigkeit keine Totalität verlangt wird. Nur ganz wenige der Kirchenväter werden als fehlerfrei in ihren überlieferten Lehren anerkannt. Einen besonderen Stellenwert genießen die Autoren des Orthodoxen Kanonischen Rechts, zu denen auch die meisten klassischen griechischen Kirchenväter gehören (kursiv) : Dionysius von Alexandria, Gregorius von Neocäsarea, Athanasius der Große, Basilius der Große, Gregor von Nyssa, Gregor von Nazianz, Amphilochius, Timotheus von Alexandria, Theophilus von Alexandria, Kyrill von Alexandria, Genadius von Konstantinopel, Johannes IV. (Patriarch), Tarasius von Konstantinopel und Nicephorus der Bekenner. Auch Johannes Chrysostomos, der Stifter der Chrysostomosliturgie, ist neben Basilius dem Großen und Gregor von Nazianz einer der Drei Heiligen Hierarchen.

:arrow: Evangelische Theologie

Die evangelische Theologie kennt einen Begriff des Kirchenvaters in dem Sinne nicht, dass die Kirchenväter als Autoritäten neben die Bibel treten. Die Kirchenväter werden unter die Väter und Mütter im Glauben subsumiert.

:arrow: Katholische Kriterien für Kirchenväter, Kirchenlehrer und Kirchenschriftsteller

Die katholische Kirche beurteilt einen Kirchenvater anhand der folgenden vier Kriterien:
antiquitas: bis zum 8. Jahrhundert, d.h. bis zum Tod von Johannes von Damaskus 754 im Orient bzw. Isidor von Sevilla 636 im Okzident. Teilweise werden auch noch Ildefons von Toledo (669) und Beda Venerabilis (735) als Väter bezeichnet.
orthodoxa doctrina: die Väter gelten als Zeugen der Einheit des Glaubens und Bewahrer der Offenbarung, weil sie von einem allgemeinen Konzil oder in öffentlichen, an die Kirche gerichteten Dokumenten von Päpsten oder von einigen der bekannteren Kirchenväter als Autorität des Glaubens zitiert oder in den ersten Jahrhunderten in Kirchen öffentlich gelesen wurden. Das schließt nicht aus, dass es Ungenauigkeiten im Ausdruck gibt, oder dass sie bestimmte Punkte des Glaubens theologisch noch nicht ganz verstanden haben, sondern bedeutet, dass die Väter keine häretischen oder schismatischen oder Werke mit schweren inhaltlichen Mängeln schrieben; d.h. nicht völlige Irrtumsfreiheit, sondern treue Lehrgemeinschaft mit dem Lehramt der katholischen Kirche.
sanctitas: kanonisiert oder als heilig betrachtet im Sinne der altchristlichen Heiligenverehrung
ecclesiae declaratio: aus kirchlichen Verhandlungen und Kundgebungen implizit erkennbar

Zu den Großen Kirchenvätern werden im Orient

Athanasius, Basilius, Gregor von Nazianz und Johannes Chrysostomus gezählt. Im Abendland (Okzident) zählen Ambrosius, Hieronymus, Augustinus und Gregor der Große dazu.

:arrow: Im Gegensatz dazu weisen nicht alle Kirchenlehrer das Merkmale der antiquitas auf, dafür aber die weiteren Merkmale der eminens eruditio (herausragende Bildung) und der expressa ecclesiae declaratio. Die fünf Kriterien für diese Gruppe lauten:

orthodoxa doctrina: siehe oben
eminens doctrina: bedeutsame Lehraussagen
insignis vitae sanctitatis: ein hoher Grad von Heiligkeit
expressa ecclesiae declaratio: explizit von der katholischen Kirche kanonisiert
eminens eruditio: herausragende Bildung

Im Abendland
wurden die obengenannten großen Kirchenväter und Hilarius von Poitiers, Petrus Chrysologus, Leo der Große, Isidor von Sevilla, Athanasius und Basilius auf dieser Grundlage zu Kirchenlehrern ernannt, später auch Albertus Magnus, Thomas von Aquin, Bonaventura, Petrus Canisius, Robert Bellarmin, Franz von Sales, Alfons von Liguori, Theresa von Avila, Therese von Lisieux und Katharina von Siena.

:arrow: Eine dritte Gruppe wird von der katholischen Kirche als Kirchenschriftsteller bezeichnet; das sind Autoren, die zwar antik, aber nicht orthodox oder heilig sind. Zu dieser Gruppe gehören Origenes und Tertullian.

Bedeutende Kirchenväter

Kirchenväter des 2. Jahrhunderts die apostolischen Väter, ca. 80-150 n. Chr.

Klemens von Rom
Papias von Hierapolis
Ignatius von Antiochien
Polykarp von Smyrna
Hermas

die Apologeten

Aristides von Athen
Justin der Märtyrer
Athenagoras von Athen
Irenäus von Lyon
Melito von Sardes

Kirchenväter des 3. Jahrhunderts

Origenes (problematisch)
Tertullian (problematisch)
Clemens von Alexandria
Cyprian von Karthago
Hippolyt von Rom
Minucius Felix

Kirchenväter des 4. Jahrhunderts

Eusebius von Caesarea
Athanasius von Alexandria
Cyrill von Jerusalem
Basilius von Caesarea
Gregor von Nazianz
Gregor von Nyssa
Ephraem der Syrer
Aphrahat der Weise
Johannes Chrysostomos
Hilarius von Poitiers
Ambrosius von Mailand
Hieronymus
Augustinus von Hippo
Nemesius von Emesa
Arnobius der Ältere
Lactantius
Marius Victorinus
Macrobius
Zenon von Verona
Iulius Firmicus Maternus

Kirchenväter des 5. Jahrhunderts

Benedikt von Nursia
Salvian von Marseille
Martianus Capella
Cyril von Alexandria
Theodor von Mopsuestia
Leo der Große

Kirchenväter des 6. Jahrhunderts

Gregor der Große

Kirchenväter des 7. Jahrhunderts

Maximus der Bekenner
Isidor von Sevilla

Kirchenväter des 8. Jahrhunderts

Johannes von Damaskus

spätere Zeit

Photius (nur Orthodoxe Kirche)
Simeon der Neue Theologe
Gregor Palamas (nur Orthodoxe Kirche)
Markus von Ephesus (nur Orthodoxe Kirche)

Ein Exkurs :

:arrow: Nach katholischem Verständnis kann die Bibel nur mit Hilfe der Tradition und der Kirchenlehre verbindlich interpretiert werden.So widmete sich das Konzil von Tient, das als Beginn der Gegenreformation gilt, in seiner ersten Sitzungsperiode von 1545 bis 1547 dem Verhältnis von Bibel und Tradition. Im "Dekret über die Annahme der heiligen Bücher und der Überlieferungen" wird der Anspruch der Tradition in Abgrenzung zur protestantischen Auffassung dokumentiert.

:arrow: Bei den reformatorischen Christen gilt "sola sriprura"Die Kirchenväter neben nicht als Autoritäten neben die Bibel verstanden. Die Kirchenväter werden als Väter und Mütter im Glauben verstanden.


:arrow: Aber für die orthodoxen Christen ist nicht die Heilige Schrift allein Quelle des Glaubens, sondern zur Bibel kommt hinzu die kirchliche Tradition und das gottesdienstliche Leben. Die griechisch-orthodoxe Kirche sieht sich selbst in ungebrochener Kontinuität mit den allerersten christlichen Gemeinden: Das ist ihre eigentliche Basis. Schrift und Tradition enthalten für orthodoxe Christen keine Gegensätze, sondern bezeugen gemeinsam Gottes Offenbarung an uns Menschen, sie korrigieren und bestätigen einander. Beide sind sie notwendig, um die Kirche auf der Spur des Evangeliums zu halten.
Tod, wo ist dein Stachel? Totenreich, wo ist dein Sieg? 1Kor 15,55

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Geschichte des Römische Reiches/Christenverfolgung

Beitragvon Joschie » 10.06.2011 19:45

Christen haben ja nie in einen Geschichslosen Raum gelebt.Zum besseren Verständnis für die Zeit der Kirchenväter stelle ich einen kurzen Abriß der Geschichte des Römischen Reiches von Nero bis zum Ende des Weströmischen Reiches rein.

-54 - 68 - Nero
-64 - Brand Roms
-66 - 73 - Der jüdische Aufstand
-69 - Vierkaiserjahr
-69 - 70 - Bataveraufstand
-79 - Untergang von Pompeji beim Ausbruch des Vesuv
-80 - Fertigstellung des Amphitheatrum Flavium (Kolosseum)
-101 - 102 - Erster Dakerkieg
-105 - Zweiter Dakerkieg
-118 - 125 - Die Erbauung des Pantheons
-132 - 135 - Bar-Kochba-Aufstand in Judäa
-166 - 180 - Markomannenkriege des Marcus Aurelius
-180 - 192 - Commodus, Ende des Adoptivkaisertums
-193 - Fünfkaiserjahr
-235 - 285 - Soldatenkaiser
-238 - Sechskaiserjahr
-270 - 273 - Die Aurelianische Mauer wird gebaut
-293 - Römische Tetrarchie
-306 - Konstantin der Große wird zum Kaiser ausgerufen
-312 - Schlacht an der Milvischen Brücke. Konstantin besiegt seinen Rivalen Maxentius
-337 - Konstantin stirbt und wird am Totenbett getauft
-375 - Die Völkerwanderung setzt ein. Die Hunnen schlagen die Ostgoten auf dem Gebiet des heutigen Südrusslands.
-378 - Die Schlacht von Adrianopel. Die Römer unterlegen den Westgoten. Kaiser Valens verliert dabei sein Leben.
-393 - Die Olympischen Spiele werden vom Kaiser Theodosius verboten
-395 - Aufteilung des Römischen Reiches.
-406 - Vandalen fallen in Gallien ein
-408 - Westgoten belagern Rom
-410 - Westgoten plündern Rom
-429 - Vandalen überqueren die Straße von Gibraltar und erobern die nordafrikanischen Provinzen des Römischen Reiches
-435 - Burgunder fallen in Belgica ein
-451 - Die Schlacht auf den Katalaunischen Feldern. Die Hunnen werden von Römern und ihren Verbündeten besiegt.
-453 - Der Hunnenkönig Attila stirbt. Ende des Hunnenreichs.
-455 - Vandalen plündern Rom
-472 - Burgunder plündern Rom
-476 - Ende des Weströmischen Reichs


Zur Geschichte des Römischen Reiches in diesen Zeitraum gehört auch die Christenverfolgung unter den verschiedenen Kaisern.Die ersten Verfolgungen der Christen erstreckten sich nicht auf das ganze Römische Reich, da die Stadthalter in den Provinzen eine sehr große Macht hatten und über verschiedene Dinge frei entscheiden konnten.So lange Friede in den Provinzen war und sie die fälligen Tribute zahlten, ließ sie Rom gewähren.Gesamtstaatliche Verfolgung gab es erst ab Decius.

:arrow: Claudius (41–54) 38 war die jüdische Religion in Italien verboten worden, nachdem Juden wegen des 1. Gebots, zu dem auch das Bilderverbot gehört, gegen Kaiserbilder protestiert hatten. Im Zusammenhang mit diesem Anwachsen jüdischen Widerstands waren Kajaphas und Pilatus – die beiden Hauptverantwortlichen für Jesu Hinrichtung – kurz nacheinander abgesetzt worden.

-49 erließ Kaiser Claudius ein Edikt, das Juden als Anhänger des „Chrestus“ aus Rom auswies (Sueton-Notiz). Falls „Chrestus“ sich auf Christus bezog, so hätte dort schon damals eine Christengemeinde existiert. Paulus traf einige ihrer vertriebenen Mitglieder um 50 in Korinth (Apg 18,1f). Dabei wird deutlich, dass die Regierung zwischen Juden und Christen anfangs keinen Unterschied sah und beide gleichermaßen verfolgte, wenn sie die öffentliche Ordnung störten. Aus Anlass eines Tumults in Alexandria drohte Claudius den dortigen Juden und so indirekt auch den Christen:

-Wenn sie meinen Anordnungen nicht folgen, werde ich sie mit allen Mitteln verfolgen als Leute, die eine Seuche einschleppen, die sich über die ganze Welt verbreitet.
Die Ausbreitung von Fremdkulten, die sich nicht in ihre polytheistische Umgebung einpassen wollten und damit das Konfliktpotential in den Provinzen erhöhten, wurde also als Bedrohung der öffentlichen Ordnung wahrgenommen. Das Vorgehen dagegen sollte mit den römischen Sitten zugleich staatliche Sicherheit gewährleisten.

:arrow: Nero (64–68) Die von Nero 64 veranlasste Christenverfolgung folgte einem verheerenden Brand, der zehn von vierzehn, darunter vorwiegend die ärmeren, vorwiegend aus Holz erbauten Stadtteile Roms traf. Tacitus zufolge kam danach das Gerücht auf, der Kaiser selbst habe die Brandstiftung befohlen. Nero beschuldigte hingegen seinerseits die verhasste religiöse Minderheit der „Chrestianer“ die Brandstiftung begangen zu haben. In diesem Zusammenhang erwähnt Tacitus „Christus“ und seine Kreuzigung durch Pilatus und fährt fort:

-Man verhaftete zuerst Leute, die bekannten, dann auf ihre Anzeige hin eine riesige Menge. Sie wurden nicht gerade der Brandstiftung, wohl aber des allgemeinen Menschenhasses überführt. Die Todgeweihten benutzte man zum Schauspiel. Man steckte sie in Tierfelle und ließ sie von Hunden zerfleischen, man schlug sie ans Kreuz oder zündete sie an und ließ sie nach Einbruch der Dunkelheit als Fackeln brennen.
Nero stellte dafür seinen privaten Garten zur Verfügung, veranstaltete dort ein Zirkusspiel und feierte als Wagenlenker gekleidet mit dem Volk die Hinrichtung der Christen. Weder Nero noch den Christen oder anderen wurde jemals wirklich eine Brandstiftung nachgewiesen. Dennoch wurden manche der verurteilten Christen wie Brandstifter durch das Feuer hingerichtet, wie es nach römischem Recht üblich war.

-So regte sich das Mitleid - obwohl sie schuldig waren und die härtesten Strafen verdienten -, weil sie nicht dem Allgemeinwohl, sondern der Grausamkeit eines Einzelnen zum Opfer fielen.
Tacitus lässt offen, was die Verhafteten bekannten: ihre Schuld am Brand oder ihren Glauben. In beiden Fällen wäre die Denunziation vieler „Mitschuldiger“ unlogisch, würde jedoch dem christlichen Gebot, nicht zu lügen entsprechen. Es bleibt aber unklar, ob die verratenen Mittäter als weitere Angehörige des Christentums oder als Verantwortliche für den verheerenden Brand genannt wurden.

-Vermutlich waren Christen den Römern schon in den Jahren zuvor als Verursacher von Konflikten mit den jüdischen Gemeinden aufgefallen. Dies spiegelt der Römerbrief, etwa indem Paulus den Adressaten einschärfte, alle Verfolger, gerade auch Staatsvertreter, zu segnen und sie mit zuvorkommender Nächstenliebe zu beschämen, um Böses mit Gutem zu überwinden, wider (Röm 12,9-21):

-Soviel an Euch liegt, haltet mit allen Menschen Frieden!
Auch Tacitus hegte trotz seiner Kritik an Nero keine Sympathie für sie und hätte sie in einem geordneten Verfahren ebenfalls für ihren „Hass gegen das Menschengeschlecht“ - also die Ablehnung römischer Sitten und Riten - geopfert, um die Sympathie im Volk für sie zu verringern. Dieser Vorwurf des odium generis hatte zuvor auch schon die Juden getroffen.

-Nero genoss zuvor gerade im Osten des Reiches, wo das frühe Christentum seine Basis hatte, einen untadeligen Ruf als Schützer der Bürgerrechte: Es war üblich, ihn als obersten Schiedsrichter anzurufen. Lukas bestätigt, dass auch Paulus sich in seinem Prozess in Jerusalem auf den Kaiser berief (Apg 25,11). Dieser konnte allerdings auch neues Recht und Straftatbestände setzen.

-Die neronische Verfolgung 64 blieb ein Einzelfall und auf Rom begrenzt. Sie wurde erst später von den Kirchenvätern mit dem Kaiserkult in Verbindung gebracht. Dem 1. Clemensbrief nach sollen auch Petrus und Paulus im Verlauf von Neros „Zirkusspiel“ hingerichtet worden sein: Paulus als römischer Bürger durch das Schwert, Petrus als Ausländer durch Kreuzigung. Für beide Angaben fehlen zuverlässige Quellen.

:arrow: Domitian (81–96) Nach dem jüdischen Aufstand in Palästina, den unter anderem ein Kaiserbild im Tempel ausgelöst hatte, wurden Juden reichsweit verstärkt von der Regierung beobachtet und von der römischen Oberschicht verachtet. Die Juden mussten fortan eine Sondersteuer (fiscus Iudaicus) zahlen. Dies verstärkte die Distanzierung vieler Christen gegenüber der Obrigkeit vom Judentum und die Spannungen zwischen beiden Religionen. Diese Situation könnte hinter den wenigen verstreuten Notizen zu Verfolgungen in Domitians Regierungszeit stehen.

-Der römische Historiker Cassius Dio berichtet, im Jahr 95 habe der Kaiser neben vielen anderen, die in die jüdischen Sitten verirrt waren, auch seinen Vetter Titus Flavius Clemens wegen „Gottlosigkeit“ hinrichten lassen und dessen Frau verbannt. Es konnte dabei also um die Ablehnung der Staatsgötter gehen: Christen galten deswegen später als atheoi.

-Der Kirchenhistoriker Eusebius von Caesarea zitiert dazu Hegesippus und behauptet, die Frau des kaiserlichen Vetters sei Christin gewesen. Domitian habe dann eine Judenverfolgung befohlen, die auch Christen getroffen habe, die als Juden denunziert worden seien. Darunter seien Enkel des Judas, eines Bruders Jesu, gewesen. Man habe sie dem Kaiser vorgeführt, er habe sie verhört und nach der Art ihres Glaubens gefragt. Als sie ihm erklärten, Christi Reich sei nicht weltlich, sondern himmlisch, habe er sie freigelassen und die Verfolgung der Christen eingestellt. - Die Darstellung lässt den Anlass der Verfolgung nicht erkennen. Diese war allenfalls zeitlich begrenzt und traf eher Juden als Christen. Dabei können wiederum lokale Spannungen zwischen ihnen eine Rolle gespielt haben.

:arrow: Trajan (98–117) Nach der endgültigen Trennung vom Judentum sollten Christen wie alle Staatsbürger regelmäßig dem Staatskult nachgehen. Dabei konnten sie sich von einem Haussklaven vertreten lassen, was gerade für Ägypten auf Papyri belegt ist. Da jedoch Sklaven mit ihrem Herrn zu Christen wurden („kam zum Glauben an den Herrn mit seinem ganzen Hause“, Apg 18,8), schied dieser Ausweg aus.

-Anfang des Jahres 100 bat der Statthalter der Provinz Bithynien in Kleinasien, Plinius, in einem Brief den Kaiser Trajan um Rat, wie er sich gegenüber den in offenbar größerer Anzahl von römischen Bürgern angeklagten Christen verhalten solle: Sei schon ihr Name (= ihr Christusbekenntnis) an sich strafbar, auch wenn kein weiteres Verbrechen vorliege, oder seien es die Verbrechen, die mit dem Namen zusammenhingen? Er habe sie verhört, mit der Todesstrafe bedroht und die, die sich weigerten, ihrem Glauben abzuschwören, hinrichten lassen. Viele anonym Angeklagte habe er Götter anbeten, dem Kaiserbild opfern und Christus lästern lassen. Wer das erfüllt habe, sei freigelassen worden: Denn zu all dem sollen sich wahre Christen nicht zwingen lassen. Viele hätten daraufhin erklärt, sie seien früher Christen gewesen, hätten sich aber nur am regelmäßigen Lobsingen beteiligt und einen Eid geschworen: nicht etwa zu einem Verbrechen, sondern zur Unterlassung von Diebstahl, Raub, Ehebruch, Treulosigkeit, Unterschlagung von anvertrautem Gut. Die Zehn Gebote und christliche Lasterkataloge klingen hier an (vgl. 1 Kor 5,11; 1 Tim 1,9f u.a.).

-Einstweilen bin ich mit denen, die mir als Christen angezeigt wurden, folgendermaßen verfahren: ich habe sie gefragt, ob sie Christen seien. Die Geständigen habe ich unter Androhung der Todesstrafe ein zweites und drittes Mal gefragt, ob sie Christen seien. Die dabei blieben, ließ ich abführen. Denn ich war der Überzeugung, was auch immer es sei, was sie damit eingestanden, dass auf alle Fälle ihr Eigensinn und ihre unbeugsame Halsstarrigkeit bestraft werden müsse. Es gab auch noch andere mit ähnlichem Wahn, die ich, weil sie römische Bürger waren, zur Überstellung nach Rom vorgemerkt habe. [...] Diejenigen, die bestritten, Christen zu sein oder gewesen zu sein, glaubte ich freilassen zu müssen, da sie mir mit einer von mir vorgesprochenen Formel die Götter anriefen und vor Deinem Bild, das ich zu diesem Zwecke zusammen mit den Bildern der Götter herbeibringen ließ, mit Weihrauch und Wein opferten und außerdem Christus schmähten, Dinge, zu denen wirkliche Christen, wie man sagt, nicht gezwungen werden können.
(Brief des Plinius an Trajan)

-Plinius zeigt sich keineswegs verächtlich dem Christentum gegenüber, sondern betrachtet vielmehr die Christen als bemitleidenswerte Menschen, welche nur wieder von ihrem Aberglauben abgebracht und wieder auf die Bahn der Vernunft geschickt werden müssten.

-Nicht nur über die Städte, sondern auch über die Dörfer und das flache Land hat sich die Seuche dieses Aberglaubens verbreitet. Es scheint aber, dass es möglich ist, sie aufzuhalten und in die richtige Richtung zu lenken. Ziemlich sicher steht fest, dass die fast schon verödeten Tempel wieder besucht und die lange eingestellten feierlichen Opfer wieder aufgenommen werden, und dass das Opferfleisch, für das kaum noch ein Käufer gefunden wurde, überall wieder zum Verkauf angeboten wird. Daraus kann man leicht erkennen, welche Menge Menschen gebessert werden kann, wenn man die Gelegenheit zur Reue gibt.
Kaiser Trajan billigte sein Verfahren; man könne nicht alle vermuteten Christen gleich behandeln. Er ordnete an:

-Sie aufspüren soll man nicht. Wenn sie angezeigt und überführt werden, müssen sie bestraft werden... Klageschriften ohne Autor dürfen bei keiner Straftat Platz haben. Denn das wäre ein sehr schlechtes Beispiel und passt nicht zu unserem Zeitalter.
Das Christentum sollte also eingedämmt, nicht aber die Christen als Personen aktiv verfolgt werden: Nur ein Christ, der sich öffentlich weigerte, den Göttern (und damit dem Kaiser) zu huldigen, galt als Verbrecher und Staatsfeind. Dabei bot die römische Rechtstradition einen gewissen Schutz vor Willkür: Christen sollten nicht gezielt ausfindig gemacht, anonyme Anzeigen nicht berücksichtigt werden. Nur wer nachweislich den Kaiserkult verweigerte, war wegen Widerstands gegen die Staatsgewalt hinzurichten. Damit war aber auch klar: Im Fall einer Anklage konnten Christen ihr Leben durch Vollzug des Opfers, also Verrat ihres Glaubens retten, was zweifellos auch viele taten, zumal vielen frühen Christen die Ausschließlichkeit der Christusverehrung nicht bewusst war (weshalb sie von christlichen Autoren immer wieder aufs Neue eingeschärft oder gar aufgehetzt wurden). Weiterhin konnte jeder römische Bürger die Christen anzeigen, wenn auch nun nicht mehr anonym; ob sie verfolgt wurden, hing daher nun nahezu ausschließlich von des „Volkes Stimme“ ab. Daher wurden Christen überall dort verfolgt, wo sie öffentlichen Unmut erregten. Nach dieser Regelung gingen die Behörden fortan vor, was insgesamt eine recht ungestörte Verbreitung des Christentums ermöglichte.

:arrow: 2. Jahrhundert Von Domitian bis zu Commodus (180–192) gab es einige lokal begrenzte Verfolgungen von Christen mit unterschiedlicher Intensität. Allerdings wird auch hier die Historizität manch einer erst in späteren Quellen bezeugten Märtyrergeschichte von einigen Forschern in Frage gestellt. Eine davon war die blutige Hetzjagd auf Christen in der Hafenstadt Smyrna. In deren Verlauf wurde 155 auch der damalige Bischof Polykarp verbrannt. Eine Aufzeichnung seiner Gemeinde, das Zeugnis des Polykarp, erzählt von den Vorgängen und wurde damals unter Christen weit verbreitet.

-Dieser älteste christliche Märtyrerbericht stilisiert den Bischof zu einem vorbildlichen Märtyrer und verdeutlicht zugleich, weshalb schon Plinius beim christlichen Aberglauben von einem Wahn sprach. Schon bei seiner Festnahme habe er auf Flucht verzichtet und freudig ausgerufen: Des Herrn Wille geschehe! Er sei den Soldaten entgegen geeilt, habe sie als Gäste bewirtet und so die Durchführung ihres Auftrages verzögert. Er sei zum Statthalter gebracht worden, der ihn vergeblich zur Vernunft zu bringen versuchte: Bedenke dein Alter! Opfere dem Kaiser und lästere Christus! Auch Drohen mit Raubtieren habe nichts ausgerichtet. Darauf habe das Volk verlangt: Vor die Löwen! Vor die Löwen! Der Statthalter habe dies abgelehnt und stattdessen einen Scheiterhaufen in der Zirkusarena errichten lassen. Bis zuletzt habe der Brennende seinen Gott gelobt und diesem gedankt, dass er dieses Todes gewürdigt worden sei.

-Einen weiteren Bericht dieser Art von 177 in der Regierungszeit Mark Aurels aus Lugdunum (Lyon) in Gallien zitiert Eusebius von Caesarea in seiner Kirchengeschichte. Auch unter ihm wurden angeblich viele Christen in die Arena geschickt und fanden dort den Tod. Allerdings wurden viele der anfangs seltenen christlichen Märtyrerlegenden erst später angefertigt oder vorhandene tendenziös verändert. Offizielle römische Quellen zur Christenpolitik findet man dagegen kaum. Das tatsächliche Ausmaß der Verfolgungen ist daher kaum zu bestimmen. Auch der Kaiser selbst wird dazu aufgerufen, die Lage noch einmal zu überprüfen:

„Wenn dies auf deinen Befehl geschieht, so soll es recht sein; denn ein gerechter Herrscher kann niemals eine ungerechte Entscheidung treffen, und wir nehmen gerne die Ehre eines solchen Todes auf uns; doch tragen wir dir diese eine Bitte vor, dass du erst, nachdem du die Urheber einer solchen Streitsucht kennengelernt hast, urteilst, ob sie Tod und Bestrafung verdienen oder Sicherheit und Ruhe.“
Eusebius von Caesarea: Kirchengeschichte 4,26,6

-Noch war das Christentum bloß eine von vielen Sekten im römischen Reich. In Abgrenzung von Gnostikern, Marcioniten und Montanisten vollzog es aber einen inneren Wandel und entwickelte eine hierarchische Organisationsform: das monarchische Bischofsamt. Ab etwa 180 wurde zudem der Kanon des Neuen Testaments festgelegt. Damit gewannen die Gemeinden innere und äußere Stabilität. Kirchliche Amtsträger hatten nun auch politisches Gewicht gegenüber den lokalen Behörden.

-Sie wurden in der nichtchristlichen Bevölkerungsmehrheit zumeist abgelehnt und von der gebildeten Oberschicht zugleich tief verachtet. So äußerte Caecilius Natalis, ein Sprecher des Staatskults, um 200 über die Christen:

-Es sind Leute, welche aus der untersten Hefe des Volkes unwissende und leichtgläubige Weiber sammeln, die ja schon wegen der Schwäche ihres Geschlechts leicht zu gewinnen sind und eine ruchlose Verschwörerbande bilden. Sie verbrüdern sich in nächtlichen Zusammenkünften, ein feiges und lichtscheues Volk, stumm in der Öffentlichkeit und nur in Winkeln gesprächig. Die Tempel verachten sie als Grabmäler, die Götter verfemen sie, über die Opfer lachen sie. Obwohl selbst bemitleidenswert, bemitleiden sie die Priester, verschmähen Ehrenstellen und Purpurkleider und können nicht einmal ihre Blöße decken!
Hiermit war der Vorwurf verbunden, die Christen können sich nur aus den unteren und vor allem ungebildeten Schichten rekrutieren, da alle gebildeteren Bürger nicht auf die christliche Scharlatanerei hereinfallen würden sondern eher ihrer Vernunft nach weiterhin dem römischen Staatskult treu bleiben würden. Zudem werden die Fremdartigkeit der privaten Hausgottesdienste und ihre Ablehnung von Staatsämtern als Vorwürfe dargebracht. Da sie als undurchschaubar und staatsgefährdend galten und dem pax deorum durch ihre Weigerung zur Teilnahme am Staatskult schadeten, wurden ihnen bald allerlei unerklärliche Unglücksfälle angelastet.
-So schrieb Tertullian auch um 200: Wenn der Tiber bis in die Stadtmauern steigt, wenn der Nil nicht bis über die Feldfluren steigt, wenn die Witterung nicht umschlagen will, wenn die Erde bebt, wenn es eine Hungersnot, wenn es eine Seuche gibt, sogleich wird das Geschrei gehört: Die Christen vor die Löwen!
Diese Situation spiegeln auch die christlichen Schriften, die in jener Zeit (etwa 100-150) entstanden: der 1. Petrusbrief, der 1. Clemensbrief und die Offenbarung des Johannes. Sie richteten sich u.a. an Gemeinden wie Smyrna und Philippi, die schon Verfolgungen erdulden mussten. Angelehnt an jüdische Märtyrertheologie und die Paulusschule, entwickeln sie Gedanken, die ihnen halfen, mit der ständigen Existenzgefährdung umzugehen. Sie deuten das Leid der Christen als unausweichliche Konsequenz ihres Glaubens: Der Weg der Erlösung in das Reich ihres Gottes führe notwendigerweise durch die tödliche Ablehnung der Welt (Apg 14,22). Sie ist die gottferne Fremde (Phil 3,20). Hinter ihren „Mächtigen und Gewaltigen“ stehen Satan und seine Dämonen, gegen die nur die „Waffenrüstung Gottes“ bestehen kann: Wahrheit, Gerechtigkeit, die Frohbotschaft des Friedens (Eph 6,10-17) – im Vertrauen auf den, dessen Tod den Frieden zwischen Gott und Welt, Nahen und Fernen, Juden und Heiden gestiftet hat (Eph 2,13-16). So mahnt 1. Petr 4,12:

-Meint nicht, euch widerfahre etwas Seltsames, sondern freut euch, dass ihr mit Christus leidet, damit ihr auch zur Zeit der Offenbarung seiner Herrlichkeit Freude und Wonne haben möget. Selig seid ihr, wenn ihr geschmäht werdet für den Namen Christi...
Darum war aktiver Widerstand gegen staatliche Maßnahmen seitens der Christen sehr selten. Sie beantworteten Feindseligkeiten nicht mit Gewalt, sondern mit verstärkter Erinnerung an ihren Herrn und seinen schon errungenen Sieg über den Tod.

:arrow: Severus (193–211) Septimius Severus errang den Kaiserthron erst, nachdem er drei Mitbewerber aus dem Feld geschlagen hatte. Er stellte sich durch eine fiktive Adoption durch den verehrten Mark Aurel in dessen Tradition und benannte sogar seinen Sohn nach jenem und bevorzugte Syrien und Nordafrika als Machtbasis gegenüber Rom. In diesem Kontext erließ er 202 unter Androhung der Todesstrafe ein Verbot aller Bekehrungen zum Christentum oder Judentum. Es sollte vor allem die stärker von beiden Religionen betroffenen Grenzprovinzen treffen und den Zulauf zur Kirche dort stoppen. Ein generelles Verbot war damit nicht verbunden.

-Aber das Edikt ermutigte römische Bürger, die
verhassten „Menschenverächter“ jetzt öfter bei den Behörden anzuzeigen. Die Folge waren vermehrte lokale Christenverfolgungen, besonders von Katechumenen, Neugetauften und deren Lehrern. Häufig wurde ihnen Gottlosigkeit (irreligiositas), Inzest oder Mord vorgeworfen: Dahinter stand die selbstgewählte Abschottung der Christengemeinden vom öffentlichen Leben und das Gewohnheitsrecht (institutum), durch welches man sich weiterhin auf den Brief Trajans an Plinius aus dem 1. Jahrhundert berufen konnte, wonach Christen sich selbst für schuldig bekennen mussten, ehe sie hingerichtet wurden. Christsein wurde nun verstärkt mit Staatsfeindschaft gleichgesetzt. Dennoch konnten die örtlichen Pogrome die Christen insgesamt nicht wieder in die Gesellschaft reintegrieren. Sie verlangsamten nur die Ausdehnung von Kirche und Christentum und sorgten sogar für eine Radikalisierung und stärkere Fundamentalisierung der übrigen Christen, stärkten also eher ihre innere Oppositionshaltung zum Staat.

-In den folgenden 40 Jahren blieben die Christen relativ unbehelligt. Die Kaiser waren vollauf mit der Abwehr von äußeren Feinden beschäftigt, so dass die Kapazität zur Bekämpfung innerer Feinde auch nicht ausreichend vorhanden war. Dies verdeutlicht fast immer herrschenden Parallelismus zwischen kritischen Zeiten für das Imperium und der Ausbreitung des Christentums, welches hier am Leid des Gesamtreichs profitierte. Die Verkündung einer Erlösung und eines ewigen Glücks nach dem Tode wirkte in Zeiten, in welchen eine regelrechte Weltuntergangsstimmung herrschte, für viele verzweifelte Menschen verlockend. Auf der anderen Seite wurde auch der römische Staatskult darin bestätigt, dass es dem Reich dann schlecht geht, wenn der Frieden mit den Göttern gestört war, wofür zuvor schon die Christen verantwortlich gemacht wurden, da diese die Gottesopfer ablehnten. Eine auf Rom begrenzte Verfolgung fand vielleicht 235 unter dem Soldatenkaiser Maximinus Thrax (235-238) statt, doch ist der historische Gehalt dieser zuerst bei Eusebius von Caesarea (HE VI,28) erwähnten Nachricht unklar.

:arrow: Gesamtstaatliche Verfolgungen

:arrow: Mit Decius (249–251) begann die erste administrativ und systematisch im gesamten Römischen Reich durchgeführte Christenverfolgung. Von außen wurde das Reich in dieser Zeit zunehmend von den Sassaniden im Osten, den Goten, Alamannen und Franken im Norden und Westen bedroht (siehe Reichskrise des 3. Jahrhunderts). Es schien dem Kaiser daher wohl notwendig, die Götter in dieser Situation durch ein allgemeines Opfer gnädig zu stimmen; zudem trug die Maßnahme den Charakter einer reichsweiten Loyalitätskundgebung für Decius, der als Usurpator an die Macht gelangt war und seine Position festigen musste (so jüngst der Althistoriker Bruno Bleckmann). Kurz nach seiner Thronbesteigung erließ Decius denn auch ein allgemeines Opfergebot:

-Wer die Götter Roms nicht verehrt und dem allmächtigen Kaiser das Opfer verweigert, ist des Religionsfrevels [sacrilegium] und des Majestätsverbrechens [crimen laesae maiestatis] schuldig.
Jeder Bürger musste sich schriftlich bescheinigen lassen, dass er den Göttern, zu denen die früheren Kaiser gehörten, geopfert habe. Andernfalls wurden schwere Strafen bis hin zur Todesstrafe angedroht.

-Die Maßnahme des Decius reagierte also nicht auf die zunehmende Ausbreitung des Christentums und sollte auch noch nicht vor allem den Klerus - Bischöfe und Priester - zum „Offenbarungseid“ zwingen und dezimieren, wie man früher oft annahm. Vielmehr wird in der Forschung heute nicht mehr bestritten, dass Decius nicht speziell die Christen im Auge hatte, sondern jeden, sogar heidnische Priester, die zweifellos keine Christen sein konnten, opfern ließ. Erst als einige Christen durch demonstrative Opferverweigerung auffielen, geriet ihre Religion ins Zentrum der staatlichen Aufmerksamkeit.


-Hinrichtung durch TierhatzWie viele Christen sich dem Opfer verweigerten und daraufhin gefoltert und hingerichtet wurden, ist unbekannt. Sehr viele, vor allem Neugetaufte und Laien, gaben dem Druck nach (lapsi, Abgefallene) - angesichts des Umstandes, dass damals nicht wenige Christen durchaus nicht streng monotheistisch dachten, wenig überraschend. Andere gelangten durch Täuschung oder Bestechung in den Besitz einer Opferbescheinigung (libelli). Cyprian von Karthago, der floh und sich versteckte, widmete sich später auch in einem seiner -Briefe den eingekerkerten Christen und verherrlichte deren Zeit in der Haft: Laßt jetzt nur die Beamten und die Konsuln oder Prokonsuln kommen, lasst sie sich brüsten mit den Abzeichen ihrer nur einjährigen Würde und den zwölf Rutenbündeln! Seht, ihr tragt das Zeichen der himmlischen Würde in der Herrlichkeit eures nun einjährigen Ruhmes an euch, und sie hat schon den rollenden Kreislauf des wiederkehrenden Jahres durch die Lange Dauer eures ehrenvollen Sieges überschritten. Die aufgehende Sonne und der dahineilende Mond strahlte hernieder auf die Welt: euch aber war er, der die Sonne und den Mond geschaffen, im Kerker ein größeres Licht, und die in eurem Herzen und Sinn widerstrahlende Herrlichkeit Christi erleuchtete die für andere so schreckliche und schauerliche Finsternis am Orte der Pein mit jenem ewigen und reinen Lichte. Im Wechsel der Monate verging der Winter: ihr aber habt in Kerkerhaft für die stürmische Winterszeit die Stürme der Verfolgung eingetauscht. Auf den Winter folgte der milde Frühling, rosenprangend und blumenbekränzt: euch aber lächelten Rosen und Blumen von den Wonnen des Paradieses, und himmlische Gewinde bekränzten euer Haupt. Seht, der Sommer ist mit reichen Ernten gesegnet, und die Tenne ist mit Feldfrüchten gefüllt: ihr aber, die ihr Ruhm gesät habt, erntet die Früchte des Ruhmes und, auf die Tenne des Herrn gestellt, seht ihr, wie die Spreu (lapsi) in unauslöschlichem Feuer verbrannt wird, während ihr als gereinigte Weizenkörner und kostbares Getreide schon geprüft und aufbewahrt den Kerkerraum als Kornkammer betrachtet. Und auch im Herbste fehlt es nicht an der geistlichen Gnade, um der Jahreszeit entsprechende Arbeiten zu verrichten. Da wird draußen Wein gekeltert, und in den Pressen werden die Trauben eingestampft, um später die Becher zu füllen: ihr seid die fetten Trauben in dem Weinberge des Herrn, die mit ihren schon reifen Beeren dem Drucke der feindlichen Welt ausgesetzt sind, und ihr bekommt unsere Kelter in den Qualen des Kerkers zu fühlen; anstatt Weines vergießt ihr euer Blut, und mutig entschlossen, das Leiden zu ertragen, leert ihr mit Freuden den Kelch des Martyriums. So fließt bei den Dienern Gottes das Jahr dahin.
(Cyprian, Ep. 15, 2)

-Trotz all dieser Glorifizierung der Eingekerkerten und der Verurteilung der Abgefallenen (lapsi), folgte Cyprian, der Bischof von Karthago, wie gesagt nicht diesem Beispiel, sondern ergriff die Flucht, als ihm die Verfolgung drohte. Eine kleine, radikale Minderheit aber trotzte demonstrativ jeder Drohung. Meist wurden diese Bekenner (confessores) dann verbrannt. Römische Bürger, die sich zum Christentum bekannten, waren früher meist (wie Paulus) enthauptet worden, doch bereits seit 212 waren die meisten Reichsbewohner Bürger, und die Sonderbehandlung entfiel daher nun vielfach; in seltenen Fällen wurden die Opfer gekreuzigt oder in der Arena von wilden Tieren zerrissen. Bei Bedarf sah man von der Todesstrafe ab und lieferte die Männer als Arbeitssklaven an Bergwerke, die Frauen und Mädchen an Freudenhäuser aus.

-Aus der Verherrlichung der Märtyrer dieser Verfolgung, der jährlichen Feier ihres Todestages und der Verehrung ihrer Reliquien entstand die spätere christliche Heiligenverehrung. Das Martyrium wurde stärker als zuvor idealisiert.

-Als Kaiser Decius 251 nach nur zwei Regierungsjahren überraschend in einer Schlacht gegen die Goten den Tod fand, endete diese Christenverfolgung, die bereits zuvor an Wucht nachgelassen hatte. Sie hatte vor allem drei Folgen:

-Die römische Obrigkeit war verstärkt auf die Christen aufmerksam geworden.
Die Christen bereiteten sich auf weitere Verfolgungen vor, und es bildete sich ein weitgehender Konsens darüber aus, wie man sich in einem solchen Falle zu verhalten habe.
Es kam innerhalb der Gemeinden zu Konflikten über die Frage, wie mit den zahlreichen lapsi, die sich um eine Wiederaufnahme in die Kirche bemühten, zu verfahren sei (vgl. auch Ketzertaufstreit).
:arrow: Valerian (253–260) Die entscheidende Wende der römischen Christenpolitik erfolgte erst unter dem mittelbaren Nachfolger des Decius, Valerian. Nachdem der neue Kaiser die Reichsgrenzen im Osten zunächst erfolgreich verteidigt hatte, nahm er die Verfolgungspolitik seines Vorgängers 257 wieder auf, zielte aber von Anfang an bewusst auf das Christentum und verschärfte die decischen Maßnahmen durch ein generelles Versammlungsverbot für Christen. 258 ließ er darüber hinaus die christlichen Bischöfe verhaften und ohne Prozess hinrichten. Er ging also anders als Decius gezielt gegen die Anführer unter den Christen vor und versuchte, diese Religion systematisch zu entkräften und zu beseitigen, indem er ihre Führung zu zerstören und so die starre Hierarchie zu zerschlagen versuchte.

-Damit zerstörte er viele Gemeinden; aber anders als früher trat nun offenbar ein Wandel in der Haltung der Bevölkerung ein. Vielerorts wurden Christen vor den Behörden versteckt und nicht ausgeliefert; vor allem aber traf diese Verfolgung die Christen nicht mehr unerwartet. Cyprian von Karthago, der sich in den Jahren zuvor beständig wegen seiner Flucht hatte rechtfertigen müssen, wusste diesmal, was von ihm erwartet wurde, und versuchte nicht mehr, sich der römischen Justiz zu entziehen:

-Seit langem hast du das Leben eines Hochverräters geführt und mit zahlreichen anderen eine dunkle Verschwörung angezettelt. Du bist ein erklärter Feind der Götter und der Gesetze des römischen Staates. Selbst die frommen und verehrungswürdigen Augusti Valerian und Gallienus und der allerhöchste Cäsar Valerian vermochten es nicht, dich wieder dazu zu bringen, den Staatsgöttern zu dienen. Weil du der eigentliche Urheber verabscheuungswürdiger Verbrechen bist und andere zu Schandtaten verführt hast, soll an dir ein Exempel statuiert werden zur Warnung für diejenigen, die du zu deinen Mitverschworenen gemacht hast; um den Preis deines Blutes sollen Zucht und Sitte gewahrt werden. Wir geben Befehl, dass Thascius Cyprianus durch das Schwert hingerichtet werde.
(Acta proconsularia 4)

-260 tauchte für sie ein unvermuteter Silberstreif am Horizont auf: Valerians Sohn Gallienus hob die valerianischen Dekrete auf und ließ die Verfolgungen einstellen. Die Gründe hierfür sind unklar. Vermutlich spielt es eine Rolle, dass die militärische Lage des Reiches in diesem Jahr, als Valerian in persische Gefangenschaft geriet und sich Gallien, Britannien und Spanien vom Imperium lossagten, zu verzweifelt war, um Ressourcen mit Christenverfolgungen zu binden. Erneut gewannen die christlichen Gemeinden in der Folgezeit an Zulauf. So bewahrheitete sich nach Ansicht manches ein Wort, das schon vom Anfang des 2. Jahrhunderts überliefert ist:

-Das Blut der Märtyrer ist der Samen der Kirche.
Dennoch brachte die erneut große Zahl der abgefallenen Christen, die nun wieder in den Schoß der Gemeinde zurückkehren wollten, dogmatische Probleme nach dem Muster der Ketzertaufstreits mit sich, die sich immer weiter verschärften und 60 Jahre später, nach dem Ende der diokletianischen Verfolgung (s. u.), zu einer Kirchenspaltung führten: Die Mehrheit der Bischöfe akzeptierte die Wiederaufnahme mit einer Neutaufe, aber einige lehnten dies strikt ab, und über die Frage, wem die finanziellen Vergünstigungen, die Konstantin I. seit 312 den Christen zukommen ließ, zustanden, kam es zum offenen Bruch. Diese Bewegung der Donatisten bildete eine eigene Kirche mit Schwerpunkt in Nordafrika. Sie bestand neben der römischen Kirche, bis die Vandalen Nordafrika eroberten.

:arrow: Diokletian und Galerius (303–311) Fast 50 Jahre nach dem Ende der letzten Verfolgung traf die christlichen Gemeinden noch einmal ein schwerer Schlag: 293 hatte Diokletian eine umfassende Staatsreform durchgeführt, um das Römische Reich zu reorganisieren und zu stabilisieren: Er stärkte die Provinzverwaltungen und teilte seine Macht mit drei Mitherrschern (Tetrarchie: zwei Augusti und zwei Caesares). Das Kaisertum wurde stärker denn je sakralisiert, also durch eine Bindung an die römischen Staatsgötter in eine übermenschliche Sphäre entrückt. Zwei Jahre, bevor sich Diokletian nach Abschluss des Reformwerkes von der Macht zurückzog, begann er 303 eine reichsweite Christenverfolgung. Sie zielte auf die endgültige Zerschlagung der Kirche und Ausrottung ihrer Anhänger und sollte der Stabilisierung des Reiches dienen. Einige antike Quellen behaupten, der eigentliche Drahtzieher sei Diokletians Unterkaiser Galerius gewesen, dessen Rolle hierbei jedoch vermutlich durch die Kirchenschriftsteller Laktanz und vor allem Eusebius stark übertrieben wurde. Für die vorwiegende Verantwortung von Diokletian selbst spricht, dass der Augustus bereits einige Jahre zuvor eine reichsweite Verfolgung der Manichäer angeordnet hatte; diese verweigerten sich wie die Christen den altrömischen Kulten.

-Diokletian erließ Verfolgungsedikte dadurch war was verbot die christlichen Gottesdienste, ordnete die Zerstörung von Kirchen, die Verbrennung christlicher Schriften und die Inhaftierung von christlichen Staatsbeamten an; es enthielt auch ein Ämterverbot für Christen. Dieses „erste“ Edikt erging am 23. Februar 303. Damit verloren Christen entscheidende Bürgerrechte und waren leichter zu belangen. Das Edikt verfügte die Einkerkerung und Folterung aller Gemeindevorsteher, Bischöfe oder Presbyter, um sie auf jede Weise von ihrem Glauben abzubringen; vor allem aber verfügten Diokletian und seine Mitkaiser die Todesstrafe für alle, die das Kaiseropfer weiterhin verweigerten.

-Das Edikt wurde in den Provinzen unterschiedlich streng umgesetzt. Im Ostteil des Reiches, der Galerius unterstand, waren die Verfolgungen sehr blutig und wurden noch intensiver, als Diokletian 305 abdankte und Galerius sein Amt übernahm. Im Westen dagegen endeten danach wohl die meisten Hinrichtungen; stattdessen wurden standhafte Christen bis 311 in die Bergwerke deportiert.

-Eine Vermutung, Christen im Heer hätten eine Palastrevolte gegen den Kaiser geplant und damit seine Maßnahmen provoziert (so Jacob Burckhardt 1853 in Die Zeit Constantins des Großen), wird heute als Legende zur Legitimation der Verfolgung aus dem Umfeld des Galerius angesehen.

:arrow: Galerius setzte das Werk seines Vorgängers noch bis 311 fort, ehe er schwer erkrankt die Verfolgung einstellen ließ. Im Toleranzedikt von Nikomedia räumte er das Scheitern der Verfolgungen ein. Dies wurde von den Christen abermals als ein Niedergang des Imperiums gedeutet, wodurch sie wiederum schnell an Anhängern gewinnen konnten. Noch auf seinem Sterbebett versuchte Galerius, die Christen doch noch an Staat und Kaiser zu binden:

-„Unter allen Überlegungen, welche wir zum Wohle und Erfolg der Republik zu tätigen gewohnt sind, hatten wir vormals auch entschieden, alle Dinge in Übereinstimmung mit den überlieferten Gesetzen und der Ordnung Roms zu regeln und bestimmt, dass sogar die Christen, welche den Glauben ihrer Väter verlassen haben, zur Vernunft gebracht werden sollten; da in der Tat die Christen selbst, aus irgendeinem Grund, einer Laune folgten und der Torheit verfielen, nicht die altgedienten Sitten zu befolgen, welche womöglich noch von ihren Vätern herrührten; aber nach ihrem Willen und Gutdünken wollen sie Gesetze für sich selbst schaffen, welche sie befolgen sollen und wollen, verschiedenstes Völk an verschiedenen Orten in Gemeinden sammeln. Schlussendlich als unser Gesetz mit dem Zweck verkündet wurde, sie sollen den altgedienten Sitten folgen, unterwarfen sich viele aus Angst vor der Gefahr, viele erduldeten jedoch den Tod. Und dennoch verharrten die meisten in ihrer Entscheidung, als wir nun sahen, dass sie den Göttern weder die Verehrung und schuldige Ehrfurcht noch Anbetung des Gottes der Christen zollten, gedachten wir, angesichts unserer höchsten gnädigen Milde und der regelmäßigen Angewohnheit, bei welcher wir gewohnt sind, allen Nachsicht zu gewähren, dass wir auch diesen unverzüglich Nachsicht gewähren, auf dass sie wieder Christen sein können und ihre Versammlungen abhalten mögen, vorausgesetzt, dass sie nicht entgegen der Zucht handeln. Aber wir erklären den Richtern in einem anderen Schreiben was sie tun sollen. Aufgrund unserer Nachsicht sollen sie zu ihrem Gott für unsere Sicherheit, für die der Republik und für ihre eigene beten, auf das die Republik weiterhin unbeschadet bleibt und sie sicher in ihren Häusern leben können.“
Tod, wo ist dein Stachel? Totenreich, wo ist dein Sieg? 1Kor 15,55

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Ökumenische Konzile

Beitragvon Joschie » 07.07.2011 19:26

Es gab im ersten Jahrtausend sieben allgemeine Bischofsversammlungen der gesamten Kirche, die heute ökumenische Konzilien genannt werden.Die Bezeichnung als ökumenisch leitet sich vom griechischen oikoumene, „Erdkreis, ganze bewohnte Erde“ her (im Sinne der antiken Bedeutung bezog sich dies auf den Mittelmeerraum). Die Lehren dieser Konzilien werden von den orthodoxen, katholischen und vielen protestantischen Kirchen anerkannt:

:arrow: Erstes Konzil von Nicäa (325)
:arrow: 1. Konzil von Konstantinopel (381)
:arrow: Konzil von Ephesos (431) hier ist zu beachten
(Konzil von Ephesos (449)Auch als Räuberkonzil bekannt wurde nicht als Konzil anerkannt)
:arrow: Konzil von Chalcedon (451)
:arrow: 2. Konzil von Konstantinopel (553)
:arrow: 3. Konzil von Konstantinopel (680/681)
:arrow: Zweites Konzil von Nicäa (787)
:arrow: Konzil von Konstantinopel III (680)
:arrow: Konzil von Nicäa II (787)

erste Jahrhunderte:
Regula fidei, Apostolisches Glaubensbekenntnis

konziliare Epoche:
:arrow: 325 (Ökumenisches Konzil von Nicäa):Trinität, Gottheit Christi am Anfang des Arianischen Streites
:arrow: 381 (Ökumenisches Konzil von Konstantinopel): Trinität, Gottheit des hl. Geistes,Nicäno-Konstantinopolitanum, beendete den Arianischen Streit
:arrow: 431 (Ökumenisches Konzil von Ephesus):Christologie, Christus nur eine Person, Maria ist „Gottesgebärerin“ (theotokos)
:arrow: 451 (Ökumenisches Konzil von Chalcedon): Christologie, Christus ist wahrer Gott und wahrer Mensch, unvermischt und
ungeschieden. Zwei-Naturen-Lehre
:arrow: 553 (Ökumenisches Konzil von Konstantinopel II): Christologie, beendete den Dreikapitelstreit.
:arrow: 680 (Ökumenisches Konzil von Konstantinopel III): monotheletischer Streit
:arrow: 787 (Ökumenisches Konzil von Nicäa II):Byzantinischer Bilderstreit


Besonder die ersten fünf ökumenischen Konzilien sind in ihren Lehraussagen von besonders weitreichende Folgen für die Kirchen bis heute.Die verkündeten dogmatischen Definitionen wurden dabei stets von den Päpsten bestätigt. Ob diese Bestätigung für die Geltung der Dogmen allerdings nötig ist, ist in der Theologie umstritten, zumal im Fall des 5. Ökumenischen Konzils von Konstantinopel 553 Papst Vigilius, der den Beschluss eigentlich ablehnte, dem Spruch des Konzils unterworfen wurde und ihn gegen seinen Willen ratifizieren musste.


Wichtig zu beachten
:arrow: Im Verlauf der Kirchengeschichte gewinnt die Kirche(katholische) als kollektive Instanz und dann im Besonderen das kirchliche Lehramt als die das Dogma formende Autorität immer größere Bedeutung. Vinzenz von Lerinum (5. Jh.) formuliert als verbindliche Norm und Bezugsrahmen der Bibelinterpretation, „was allenthalben, stets und von allen geglaubt worden ist“; Bernhard von Clairvaux (12. Jh.) weist das Wächteramt darüber den Päpsten zu.

Im Gegensatz dazu
:arrow: In der Reformationszeit wendet sich Martin Luther gegen Vinzenz' Auffassung und stellt die kirchlichen Dogmen als norma normata (lat. „normierte Norm“) unter die norma normans (lat. „normierende Norm“) der Heiligen Schrift. Nicht die Kirche bestimmt also das Dogma als Bezugsrahmen der Bibelinterpretation, sondern umgekehrt bestimmt die Bibel den Glaubensgehalt, der im Dogma durch die Kirche lediglich adaptiert und zu ihrem eigenen Bekenntnis wird (darum wird im protestantischen Raum vom „Bekenntnis“ statt vom „Dogma“ gesprochen)
Gruß Joschie
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"Regula fidei"

Beitragvon Joschie » 30.07.2011 19:51

:arrow: Mit Regula fidei (lateinisch: Regel, Norm des Glaubens; griechisch: ὁ κανών τῆς πίστεως, ho kanon tes pisteos oder ἀναλογία τῆς πίστεως, analogia tes pisteos) bezeichneten Kirchenväter die wesentlichen Inhalte des christlichen Glaubens in der apostolischen Überlieferung. Ein gleichbedeutender Ausdruck, oft austauschbar damit verwendet, ist lateinisch regula veritatis resp. griechisch ὁ κανών τῆς ἀληθείας, ho kanon tes aletheias (Regel der Wahrheit).

:arrow: Die Regula fidei ist für die Kirchenväter des zweiten und dritten Jahrhunderts vor der Existenz allgemein anerkannter Glaubensbekenntnisse und eines anerkannten Kanons des Neuen Testaments der Maßstab zur Beurteilung von christlicher Lehre und Praxis.

:arrow: Der Inhalt der Regula fidei leitet sich gemäß den altchristlichen Autoren (insbesondere Irenäus) direkt vom Zeugnis der Apostel her. Irenäus von Lyon beschreibt ihn wie folgt (Irenäus von Lyon, Ad. Her. 1,10,1):
„Die Kirche erstreckt sich über das ganze Weltall bis an die äußersten Grenzen der Erde. Sie hat von den Aposteln und ihren Schülern den Glauben empfangen, den Glauben an den einen Gott, den allmächtigen Vater, den Schöpfer des Himmels und der Erde und der Meere und alles was in ihnen ist, und an den einen Christus Jesus, den Sohn Gottes, der, um uns zu erlösen, Fleisch angenommen hat, und an den heiligen Geist, der durch die Propheten die Heilsordnung Gottes verkündet hat, ... seine Geburt aus der Jungfrau, sein Leiden, seine Auferstehung von den Toten und die leibliche Himmelfahrt unseres lieben Herrn Christus Jesus und seine Wiederkunft vom Himmel in der Herrlichkeit des Vaters...“

:arrow: Ein wesentlicher Punkt der Regula fidei ist der konsistente Bezug auf „die Schriften“, womit das Alte Testament gemeint ist: das Evangelium von Jesus Christus wurzelt im Gesetz und in den Propheten, und diese werden durch den Bezug auf Jesus Christus neu ausgelegt. Diese Tradition findet sich bereits im Neuen Testament, beispielsweise bei Paulus in 1 Kor 15,3-6 EU oder in den Predigten von Petrus und Stephanus in Apg 2,14-36 EU, Apg 3,12-26 EU und Apg 71-53 EU. Gerade diese Tradition wird immer wieder aufgeführt, um das Christentum der von Celsus als „Große Kirche“ bezeichneten Richtung von anderen, insbesondere gnostischen Richtungen abzugrenzen.

:arrow: Die regula fidei wird insbesondere in der christlichen Literatur des zweiten und dritten Jahrhunderts häufig verwendet, zum Beispiel bei Polyerates von Ephesus, Clemens von Alexandria, Irenäus von Lyon („Adv. Haer.“, III, ii, III, iv), Tertullian und Novatian. Regula veritatis resp. ho kanon tes aletheias (Regel der Wahrheit) findet sich bei Dionysius von Korinth (um 160) , Clemens von Alexandria, Irenäus von Lyon, Hippolytus, Tertullian und Novatian.

:arrow: Das römische Taufbekenntnisse und das Apostolische Glaubensbekenntnis fassen die wesentlichen Inhalte der "Regula fidei" zusammen.



:arrow: Das römische Taufbekenntnis in dieser Form seit 125 - 135

Ich glaube an Gott als allmächtigen (Vater).

Und an den Messias Jesus, seinen eingeborenen Sohn, der Herrscher über uns ist, an ihn, der geboren wurde aus dem Heiligen Geiste und Maria, der Jungfrau, an ihn, der unter Pontius Pilatus gekreuzigt wurde, und begraben wurde, am dritten Tage auferstand von den Toten, hinaufging in die Himmelswelt, sitzt zur Rechten des Vaters, von wo er kommt, zu richten die Lebendigen und die Toten.

Und an den Geist, welcher heilig ist, eine heilige Gemeinde, Vergebung der Sünden, eine Auferstehung des Fleisches.

Amen.


:arrow: Das Apostolische Glaubensbekenntnis(ab 150 n.Chr.)
Ich glaube an Gott,
den Vater,
den Allmächtigen,
den Schöpfer des Himmels und der Erde,

Und an Jesus Christus,
seinen eingeborenen Sohn,
unseren Herrn,
empfangen durch den Heiligen Geist,
geboren von der Jungfrau Maria,
gelitten unter Pontius Pilatus,
gekreuzigt, gestorben und begraben,
hinabgestiegen in das Reich des Todes,
am dritten Tage auferstanden von den Toten,
aufgefahren in den Himmel;
er sitzt zur Rechten Gottes,
des allmächtigen Vaters;
von dort wird er kommen,
zu richten die Lebenden und die Toten.

Ich glaube an den Heiligen Geist,
die heilige christliche Kirche,
Gemeinschaft der Heiligen,
Vergebung der Sünden,
Auferstehung der Toten
und das ewige Leben.


Quellen: http://www.apostolic.de/20_credo/001_roemisch.shtml und http://www.unifr.ch/bkv/awerk.php
Tod, wo ist dein Stachel? Totenreich, wo ist dein Sieg? 1Kor 15,55


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