Der Mut, Protestant zu sein

Aktuelle Entwicklungen und Vorkommnisse in der Christenheit

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Joschie
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Der Mut, Protestant zu sein

Beitragvon Joschie » 07.05.2011 10:38

Ich bin beim lesen des Beitrages "Sind sie ein Evangelikaler" auf den Blog vonApologet auf diesen Beitrag gestossen.

Der Mut, Protestant zu sein (Teil 1)
Rezension des Buches von David F. Wells:
The Courage to be Protestant
Inter-Varsity Press, Nottingham, England, 2008



Bestandsaufnahme des Evangelikalismus

Nachdem David Wells, Professor für historische und systematische Theologie am Gordon-Conwell Theological Seminary, im Jahre 1993 sein erster Buch No Place for Truth; or Whatever Happened to Evangelical Truth (Kein Platz für die Wahrheit, oder: Was ist mit der evangelikalen Wahrheit geschehen?) geschrieben hatte, folgten bis 2005 drei weitere Bücher, die sich mit dem modernen Evangelikalismus auseinandersetzten. The Courage to be Protestant (Der Mut, Protestant zu sein) ist das fünfte Buch in dieser Reihe und stellt einerseits eine Zusammenfassung seiner Einsichten der vorangegangenen Bücher dar und will andererseits seine Recherchen auf den neuesten Stand bringen, da mittlerweile mehr als ein Jahrzehnt vergangen ist.

Fünf theologische Fragen beschäftigten Wells dabei besonders:

(1) die Wahrheit
(2) Gott
(3) das Selbst
(4) Christus
(5) die Gemeinde

Wells teilt den Evangelikalismus in drei Hauptströme ein. Den ersten Hauptstrom bezeichnet er als den "klassischen Evangelikalismus", der von Ernsthaftigkeit in Lehrfragen charakterisiert war. Der klassische Evangelikalismus verteidigte Lehre und Handeln als eine Einheit: "Zu Beginn des 20. Jahrhunderts führte die Betonung der Lehrfragen in den Vereinigten Staaten zu bitteren Auseinandersetzungen mit dem Liberalismus. Die Liberalen sagten, beim Christentum gehe es um Taten und nicht um Bekenntnisse. Sie sagten, es gehe um das Leben und nicht die Lehre. Ihre konservativen Gegner, die Fundamentalisten, bestanden darauf, dass es beim Christentum sowohl um die Bekenntnisse als auch um das Handeln geht. Es ging um die Lehre und das Leben." (S.5)

Den klassischen Evangelikalismus unterteilt Wells weiter in den Fundamentalismus und den Neoevangelikalismus. Ersterer verlor an Gewicht, als er in den 1950er Jahren vom Neoevangelikalismus abgelöst wurde. In den USA gehörten Harold Ockenga, Carl Henry und Billy Graham zu den Gründern dieser neoevangelikalen Bewegung, und in Europa waren es nach Wells Ansicht John Stott, J. I. Packer, Martyn Lloyd-Jones und Francis Schaeffer. Blickt man auf die Geschichte des Neoevangelikalismus zurück, wird deutlich, dass "die Toleranz der Verschiedenheit sich allmählich zu einer Gleichgültigkeit gegenüber vielen Grundsätzen des Glaubens, welche der christlichen Lehre zugrunde liegen, entwickelte" (S.8). Die Unwissenheit über biblische Wahrheiten ging Hand in Hand mit einer zunehmenden Akzeptanz der modernen Kultur. "Und schließlich wurde das (evangelikale) Christenleben immer mehr auf eine private, innerliche, therapeutische Erfahrung reduziert." (S.8)

Dem geschichtlichen Rückblick Wells kann man allerdings nur teilweise zustimmen. Martyn Lloyd-Jones und Francis Schaeffer kann man nicht ohne Weiteres als Neoevangelikale einstufen. Während der Neoevangelikalismus sich von der uneingeschränkten Irrtumslosigkeit der Schrift entfernte, waren es Lloyd-Jones und Schaeffer, die unbeirrt daran festhielten. Lloyd-Jones war ferner ein entschiedener Gegner des durch Billy Grahams Evangelisationsmethoden so populär gewordenen Altarrufs und äußerte seine Kritik mehrfach öffentlich. Wer die Geschichte des Neoevangelikalismus bis heute verfolgt und die letzten Bücher von Lloyd-Jones und Schaeffer liest, wird die Diskrepanz zwischen beiden Denkrichtungen erkennen. Schaeffer und Lloyd-Jones sind eher als konservativ-evangelikal, denn als neoevangelikal einzustufen.

Die Eindeutigkeit des alten Evangelikalismus, so Wells, wurde in den 1980er und 1990er Jahren immer verschwommener, was zu Mischformen wie "liberalen Evangelikalen", "ökumenischen Evangelikalen", "charismatischen Evangelikalen" oder gar "katholischen Evangelikalen" führte. Grundlegende Prinzipien der Reformation wurden aufgegeben, begleitet von der Tendenz eines zunehmenden Individualismus, der auf die eigene Person gerichtet war. Es war die Zeit der Hausgemeinden oder Hauskirchen, welche oftmals mehr auf die Bedürfnisse einer kleinen Gruppe ausgerichtet war als auf korrekte, biblische Lehre. Was in früheren Jahren ein Anhängsel der Gemeinde war, wurde nun zur Gemeinde selbst.

Eine zweite evangelikale Strömung sieht Wells in der Gemeindewachstumsbewegung, welche sich in den 1970er Jahren herausbildete und zu denen unter anderem der einflussreiche Bill Hybels (Willow Creek) gehörte: sie wollten die Botschaft des alten Evangelikalismus beibehalten, aber diese mit den Mitteln einer modernen Zeit an den Mann bringen. Wells bezeichnet sie als "Vermarkter" (marketers), welche von dem "Grundgedanken ausgingen, dass es einen Markt für die christliche Botschaft gab" (S.13). Marketing und Unterhaltung hielt Einzug in den Evangelikalismus. Die erfolgreichen Megagemeinden boten Methoden und Modelle für schnelle Erfolge an. Man wollte "kurze Gottesdienste" und eine "lockere Atmosphäre" bieten und den Besucher wissen lassen, dass man auch Angebote für den "ernsthaften Glauben" parat hatte (S.14).

In den 1990er Jahren bildete sich als eine dritte Strömung ein lockerer Zusammenschluss von Gemeinden und Gemeinschaften, welche unter dem Namen Emerging Church bekannt wurde - Wells bezeichnet sie als die "Emergenten" (emergents). Diese vor allem junge Bewegung ist über das Internet in einem "Dialog" vernetzt. Sie sind gekennzeichnet von Skepsis gegenüber Machtstrukturen. "Wogegen sie sich wenden, ist oft klarer als das, wofür sie stehen" (S.16). Sie wenden sich gegen die Unpersönlichkeit der Megagemeinden und lassen eine große Offenheit für den Katholizismus und die orthodoxe Kirche erkennen. Was Lehre angeht, sind sie "Minimalisten" (S.17). Sie mögen die Gesellschaft für ihre Versäumnisse kritisieren; zurückhaltend sind sie jedoch bei der Kritik am Verhalten einer individuellen Person. Biblische Lehre tritt in den Hintergrund und wird von der Suche nach mystischen Erfahrungen verdrängt.

Drei Protestantische Strömungen nach D. F. Wells

1.:Klassische Evangelikale...."classical evangelicals".... Martyn Lloyd-Jones, Francis Schaeffer, J. I. Packer
    Zentrum: biblische Lehre, Wahrheitsliebe; bibelorientiert Kennzeichen: "Sola scriptura" allein die Schrift; Bindung an reformatorische Grundsätze

2.:"Vermarkter"...."marketers".... Bill Hybels, Rick Warren, Robert Schuller
    Zentrum: Bedürfnisse des Kirchenfernen; besucherorientiert Kennzeichen: Marketingmethoden, Megagemeinden, Unterhaltung, Anti-Traditionalismus

3.:Emerging Church...."emergents".... Brian McLaren, Dan Kimball, E.R. McManus
    Zentrum: Erfahrung, Mystik; Wiederbelebung kirchlicher Traditionen Kennzeichen: "Sola cultura" - kulturelle Relevanz; Dialog, Netzwerke; Kleine Einheiten


Das erste Kapitel von Wells Buch endet mit zwei Fragen: "Sind Sie ein Evangelikaler? Wenn Sie nicht evangelikal sind, was sind Sie dann?" (S.18) Wells beklagt, dass das oftmals schlechte Image des Evangelikalismus unter anderem darauf zurückzuführen ist, dass die christliche Botschaft sich der Welt zu sehr anpasste, bis zu wenig vom wahren Evangelium übrig blieb; und das Wenige, das übrig geblieben war, geriet in die Kritik, weil Fernsehprediger in Skandale verwickelt wurden und die Evangelikalen, die sich als wiedergeboren bezeichnen, als oberflächlich und geldgierig wahrgenommen wurden. Wells wirft sogar die Frage auf, "ob sich der Ausdruck ‚evangelikal' nicht bereits überlebt hat." (S.19)

Wells weiß um die Schwierigkeit, eine zutreffende Bezeichnung für das zu finden, was er unter einem gesunden Evangelikalismus versteht. Er selbst sieht sich "zu allererst als einen biblischen Christen, der über die Jahrhunderte in der Kontinuität von Christen steht, welche die gleiche Wahrheit geglaubt und dem gleichen Herrn gefolgt sind" (S.20). Die zwei Strömungen seit den 1970er Jahren - die "Vermarkter" (marketers) und die Emerging Church (emergents) - haben nach Ansicht Wells im eigentlichen Sinne bereits kapituliert und grundlegende reformatorische Wahrheiten aufgegeben.

Wells kommt zu dem Schluss, dass der Evangelikalismus keiner guten Zukunft entgegen geht, wenn er nicht zu den Grundlagen der Reformation zurückkehrt und an den solas (alleine) der Reformation festhält: "Alleine in der Schrift ist Gottes autoritative Wahrheit zu finden, in Christus alleine ist das Heil, und es ist alleine aufgrund der Gnade, dass wir errettet werden; und diese Errettung empfangen wir durch den Glauben allein." (S.21)

Der kirchenferne "Konsument" und das "Produkt" Evangelium

Wells beobachtete, wie der amerikanische Evangelikalismus seit Jahrzehnten stagniert. Eine der ersten Umfragen im Jahre 1976 durch Gallup ergab, dass sich 32 Prozent der Amerikaner als "wiedergeborene Christen" bezeichneten, eine Zahl, welche bis heute mehr oder weniger konstant blieb (von einer Ausnahme abgesehen). Sowohl Barna als Gallup unterscheiden zwischen den "ernsthafteren" und "weniger ernsthaften" Christen. Barna unterteilt ferner die Gruppe der "wiedergeborenen Christen" (38 Prozent nach seiner Umfrage 2007) in die Untergruppe der "Evangelikalen", welchen er bescheinigt, dass sie die "ernsthaftere" Gruppe darstellt. Nach Barna erfüllten im Jahre 2007 gerade einmal 8 Prozent der Gruppe der "wiedergeborenen Christen" seine Kriterien, um als evangelikal zu gelten (S.42).1

Diese geringe Zahl an Evangelikalen (nach Barnas Umfragen von 2005-2007 zwischen 7-9 Prozent) erklärt, warum sich viele Evangelikale in einer Situation von Stagnation nach neuen Wegen sehnen, um Wachstum zu erreichen und ihren Einfluss auf die Gesellschaft wieder stärker geltend zu machen. Hier boten sich die neuen Methoden des modernen Gemeindepragmatismus seit den 1970er Jahren geradezu an. Viele Pastoren übernahmen unreflektiert die marktorientierte Philosophie der Gemeindewachstumsbewegung. Traditionelle Gemeinde war "out", "in" waren die Bedürfnisse des kirchenfernen Harry, den es unter keinen Umständen durch die "altmodische" Art christlicher Lehre oder Praxis zu vergraulen galt. Es entstanden unzählige "Wal-Mart-Gemeinden", wie Wells sie nennt (Wal-Mart ist eine große Supermarktkette in den USA).

George Barna war einer unter den ersten, der diesen Ansatz nicht nur selbst praktizierte, sondern auch über drei Jahrzehnte durch seine Umfragen begleitete. Wells mutmaßt, dass Barna wohl auf bessere Ergebnisse einer Methode, welche er selbst propagierte, gehofft haben musste und letztlich zu einem "Beobachter seines eigenen Versagens" (S.47) degradiert wurde. Nach Jahrzehnten marktorientierter Evangelisation und Gemeindebaus stagnieren die Evangelikalen zahlenmäßig noch immer; indes, der geistliche Zustand der Evangelikalen hat insbesondere in den letzten Jahren enorm gelitten!

Wells führt hierfür eine Reihe von Gründen an. Erstens, die marktorientierte Methode kann nicht funktionieren, weil sie in sich falsch ist. Wenn lediglich 7-9 Prozent aus 45 Prozent "wiedergeborener" Christen in den USA (höchster Stand einer Umfrage) von sich sagen, dass biblische Prinzipien ihr Leben und ihre Entscheidungen beeinflussen, dann sind die "Vermarkter" unter den Evangelikalen zwar nicht alleine schuld an dieser Situation, aber sie haben diesem Trend auch nichts entgegengesetzt, um diesem Prozess Einhalt zu gebieten.

Wells weist auf die theologische Unzulänglichkeit der marktorientierten Methode hin, wenn er schreibt, dass nahezu die "gesamte Literatur der marktorientierten Methode Nicht-Christen nicht mehr als Unbekehrte oder Unerrettete betrachtet oder als jene, welche noch nicht mit dem Vater versöhnt sind... oder als jene, die außerhalb von Christus stehen. Nein, sie sind einfach nur kirchenfern. Jene, die früher als Unbekehrte galten, sind zu Kirchenfernen geworden." (S.45)

Nach Ansicht Wells geht es beim Gemeindebau nicht nur um Erfahrung, sondern es geht um die Wahrheit Gottes. Selbst unter den Evangelikalen sind es laut einer Umfrage von Barna nur 60 Prozent, die ihre Entscheidungen an biblischen Wahrheiten ausrichten (S.46). Die meisten Mitglieder der marktorientierten und besucherfreundlichen Megagemeinden empfangen nicht die geistliche Speise, um Reife und Wachstum zu erlangen, weil biblischen Wahrheiten wenig Raum gegeben wird. Angesichts der ausbleibenden Erfolge (sowohl quantitativ als auch qualitativ) ist es um so erstaunlicher, dass die Vertreter der marktorientierten Methode ihre Modelle weltweit (noch immer) sehr erfolgreich verbreiten.

Als zweiten Fehler der "Vermarkter" unter den Evangelikalen nennt Wells ihre Angst, in einer postmodernen Welt unterzugehen, wenn es ihnen nicht gelingt, den christlichen Glauben "kulturell relevant" zu gestalten. Der protestantische Liberalismus passte sich schon einmal an die aufklärerische Kultur an - was Wells als Kapitulation ansieht. Diese Synthese zwischen Theologie und einem aufklärerischen Humanismus führte zu einem substanzlosen Christentum und sollte den "Vermarktern" unter den Evangelikalen als Vorbild dienen, den gleichen Fehler nicht nochmals zu begehen.

Der dritte Fehler der "Vermarkter" ist ihr falsches Verständnis von Analogie. Sie vertreten die Ansicht, dass die gleichen Methoden, mit denen man Coca Cola erfolgreich verkauft, auch im Gemeindebau einsetzbar sind. Der Kirchenferne ist der Konsument, das Evangelium ist das Produkt und Evangelisation ist die Methode, um das Produkt zu verkaufen. Eine Marktanalyse erschließt die Zielgruppen, welche am ehesten das Produkt konsumieren werden (diese Zielgruppe ist der wohlhabende Mittelstand).

Wells argumentiert, dass die Zahlen der Megagemeinden nur scheinbar den Einsatz dieser Methoden rechtfertigen, weil wir "Gemeinden haben, welche die Fundamente biblischer Glaubenswahrheiten als Grundlage für die Evangelisation hinter sich ließen, nur um erfolgreich zu sein. Sie haben einen Teil des Glaubens übernommen, diesen verändert, indem man die Wünsche des Konsumenten berücksichtigte, um dann das, was übrig blieb, zur Gesamtheit des christlichen Glaubens zu erheben. Hier haben wir eine Erfolgsmethode, welche sich mit sehr wenig Wahrheitsgehalt als gewinnbringend erweisen kann." (S.51)

Die Produkte dieser Welt sind lediglich für unseren Gebrauch bestimmt, das Evangelium hingegen ist dies nicht! "Das Evangelium ruft uns nicht dazu auf, es zu gebrauchen, sondern dass wir uns dem Gott des Universums durch seinen Sohn unterwerfen" (S.52). Eine Methode, welche Wahrheiten um des Erfolges willen verschweigt, wird sich sehr schnell von dem biblischen Evangelium entfernen. Wells merkt an, dass das biblische Vokabular und die Lehren wie "Rechtfertigung", "Erlösung", "stellvertretender Sühnetod", "Heiligkeit", "Gericht" und "Herrlichkeit" größtenteils aus den marktorientierten Gemeinden gewichen sind. "Was sich vermarkten lässt, ist der Nutzen des Glaubens und nicht die Wahrheit..." (S.53)

Die vierte Schwäche der marktorientierten, besucherfreundlichen Methode ist ihre Ausrichtung auf den falschen Konsumenten. Wells beruft sich auf eine Untersuchung von Thom Rainer, der herausfand, dass 90 Prozent seiner Befragten zum Ausdruck brachten, die Predigt sei für sie wichtig, und zwar nicht irgendeine Predigt. 88 Prozent sagten, dass ihnen Lehre wichtig sei. Die besucherfreundliche Philosophie hatte aber jahrzehntelang gerade das Gegenteil propagiert: Kirchenferne sollte man alles bieten, nur keine biblische Lehre.

Wells bringt es auf den Punkt, wenn er schlussfolgert: "Was haben wir gewonnen, wenn wir uns bemühen, die Kirchenfernen zu erreichen, wenn wir die Erreichten verlieren?" (S.55) Gemeinden, welche sich nicht mehr von ihrer Kultur oder Umwelt unterscheiden, weil sie sich angepasst haben, werden auf lange Sicht versagen oder verschwinden.

Das Interesse an einem bestimmten Konsumenten - dem Babyboomer, der Generation X, usw. - ist dem Evangelium fremd. Das Evangelium will alle erreichen, ob arm oder reich, ob jung oder alt, ob Mann oder Frau - sie alle brauchen den Erlöser Jesus Christus. Es gibt keinen "Glauben im Sonderangebot," so Wells. Es ist Zeit, in einer ernsten Periode der Menschheit wieder einen ernsthaften Glauben zu predigen und zu praktizieren. "Es ist an der Zeit, wieder protestantisch zu werden." (S.58)


Anmerkungen

1 Als "wiedergeboren" bezeichnet Barna eine Person, die:


1. sich bekehrt hat.
2. Jesus Christus als Erlöser angenommen hat.
3. Sündenvergebung bezeugt.
4. glaubt, dass sie in den Himmel kommt.
5. zum Zeitpunkt der Umfrage sagt, der Glaube sei ihr wichtig.
Diese Merkmale treffen laut Barna auch auf die "Evangelikalen" zu, werden aber durch sieben weitere Kriterien ergänzt.

"Evangelikale" nach Barna sind dadurch charakterisiert, dass:


1. der Glaube für ihr Leben als zentrales Anliegen gilt.
2. sie Zeugnis von ihrem Glauben ablegen.
3. sie an die Existenz Satans glauben.
4. sie glauben, das ewige Heil alleine durch Gnade und nicht durch Werke zu empfangen.
5. sie an die Sündlosigkeit Jesu Christi glauben.
6. sie an die Irrtumslosigkeit der Bibel glauben.
7. sie an einen vollkommenen, allweisen und allmächtigen Gott glauben, der das Universum geschaffen hat und noch heute souverän darüber herrscht.
Quelle: distomos
Tod, wo ist dein Stachel? Totenreich, wo ist dein Sieg? 1Kor 15,55

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Der Mut, Protestant zu sein (Teil 2)

Beitragvon Joschie » 08.05.2011 12:26

Der Mut, Protestant zu sein (Teil 2)

Die Wahrheit

Zwei Drittel der Amerikaner glauben nicht an eine absolute Wahrheit. Die Hälfte der Amerikaner ist der Überzeugung, dass die Bibel, der Koran und das Buch Mormon die gleichen Wahrheiten enthalten. In einer Umfrage Barnas im Jahre 2005, in welcher nach 7 Merkmalen von Spiritualität gefragt wurde, erreichte die Wahrheit den siebten und damit letzten Platz. „Diese Zahlen spiegeln sich in der Gemeinde wieder, und daher ist es keine Überraschung, wenn amerikanische Christen persönlichen Beziehungen einen hohen und biblischer Lehre einen niedrigen Stellenwert einräumen.“ (S.60)

Wells folgert, dass sich derzeit absolute Wahrheit und Moral in der Gesellschaft rasant auflösen, weil die Ausrichtung auf Gott als objektiver Bezugspunkt außerhalb von uns selbst aufgegeben wird. Der Maßstab für Richtig und Falsch, Gut und Böse ist in zunehmendem Maße der Mensch selbst, das „autonome Selbst“ (S.61), wie Wells es nennt. Hierbei handelt es sich nicht lediglich um Individualismus, sondern um den Individualismus in seiner postmodernen Ausprägung. Dieses neue postmoderne Selbstverständnis des Menschen prägt sein Wahrheitsverständnis: „...wie Menschen über die Wahrheit denken, wird stark davon beeinflusst, wie sie über sich selbst denken.“ (S.62)

Der Niedergang der Familie hat die Überlieferung von Werten nahezu zum Erliegen gebracht. Tradition ist ein Wort, das heute oft einen negativen Beiklang hat - was an sich schon vielsagend ist. Die Glaubensüberzeugungen früherer Traditionen gelten heute oft als überholt, selbst in mancher Gemeinde von heute. Das Ergebnis dieser Entwicklung ist, dass viele Kinder von einer Ersatz-Familie aufgezogen werden: Kinder werden von Kindern, vom Fernsehen, von den neuesten Trends, von der Kultur erzogen. Sie erhalten wenig Führung oder Wegweisung.

Die Aufklärung und der säkulare Humanismus griff die religiösen Institutionen an und war lange davon überzeugt, dass ihre Philosophie sich zum Guten der Menschheit durchsetzen würde; bis in die 1970er Jahre war diese optimistische Überzeugung ungebrochen. Doch in den 1990er Jahren bezeichneten sich überraschenderweise 78 Prozent der Amerikaner als „spirituell“ - scheinbar eine Trendwende weg vom humanistischen Rationalismus. Allerdings, so Wells, fehlt es dieser neuen „Spiritualität“ an Bezugspunkten. Die Menschen glauben nicht an einen absoluten Gott oder absolute Werte außerhalb von sich selbst, sondern sie sind der Überzeugung: „... was heilig ist, findet man in sich selbst, untrennbar vom menschlichen Selbst.“ (S.69)

Der postmoderne Spirituelle sieht alles im Fluss; keine Wahrheit ist absolut oder autoritativ, alles ist subjektiv. Der alte Individualismus glaubte an den Wert des Individuums und daran, dass das Individuum wichtiger als die Gesellschaft sei. Die neue postmoderne Art des Individualismus, „welche eine besondere Affinität zur therapeutischen Kultur hat, geht von der Annahme aus, dass alle Menschen im Grunde über einzigartige Intuitionen und Gefühle verfügen, die sie zum Ausdruck bringen sollen“ (S.70). Das Offenlegen der Gefühle hat in vielen Talkshows Hochkonjunktur. Über Sünde, Schuld oder absolute Maßstäbe hingegen wird selten oder gar nicht diskutiert.

Wells wirft die Frage auf: „Was geschieht in einer Welt, in welcher wir in einem gewissen Sinn unsere eigene Realität schaffen, ohne einen Gott oder eine Wahrheit, welche außerhalb von uns ist, zu berücksichtigen?“ (S.71) Seine Antwort ist, dass die Menschen, welche Gott und die Wahrheit verwerfen, keineswegs an nichts glauben; im Gegenteil, statt nichts zu glauben, glauben sie jetzt alles. Da alles nicht wahr sein kann, wird man letztlich auf die Frage zurückgeworfen: Was ist Wahrheit?

Im Mittelalter wurde die klassische Definition auf die Frage nach der Wahrheit so beantwortet: „Wahrheit ist der Zusammenhang zwischen einem Objekt und unserer Erkenntnis darüber“ (S.72). Eine Aussage erweist sich als „wahr“, wenn das Gesagte mit dem Objekt übereinstimmt. Dies setzt voraus, dass die Welt außerhalb von uns objektiv und erfahrbar sein muss, und nicht wie bei östlichen Religionen oder Philosophien nur das Gebilde unserer eigenen Vorstellung. Ferner, der Mensch muss Fakten und Abläufe des Lebens objektiv erkennen und erfassen können, obgleich er fehlbar ist. Seit Jahrzehnten wird diese Objektivität der menschlichen Erkenntnis in Frage gestellt.

Die christliche Lehre der Wahrheit geht von der Grundlage aus, dass Gott in seinem biblischen Wort eine absolute Wahrheit offenbart hat und dass der Mensch Gott und die Wahrheit erkennen kann. Zweifellos waren die menschlichen Autoren der Bibel fehlbar. Indessen war es das unfehlbare Werk des Heiligen Geistes, der diese fehlbaren Menschen als Werkzeuge benutzte, um die Heilige Schrift zu überliefern. Diese Offenbarung Gottes war und ist und bleibt die Wahrheit.

Mit Jesus Christus schenkt Gott dem Menschen die umfassende Offenbarung der Wahrheit, die zuvor nur teilweise gegeben war. Durch die Verkündigung der Apostel wurde diese objektive Wahrheit in die Welt getragen. Sie verkündigten nicht, was ihnen als Wahrheit erschien, sondern sie heroldeten die Wahrheit allen Menschen. Trotz der theologischen Debatten um verschiedene biblische Lehrfragen, wurde die grundsätzliche christliche Überzeugung einer übernatürlichen Offenbarung von Gottes Wahrheit durch die Schrift niemals in Frage gestellt.

Wie keine evangelikale Bewegung jemals zuvor stellt aber gerade die seit Jahren wachsende Strömung der Emerging Church diese grundsätzliche Überzeugung in Frage. Für deren Vertreter gibt es keine festen, absoluten Maßstäbe. Niemand kann wirklich wissen, was Wahrheit ist. Wahrheit kann der Mensch nur in seinem Inneren erfahren. Wells betont, dass das Selbstzeugnis der Bibel für sich beansprucht, dass die Heilige Schrift die Wahrheit ist - die ganze Wahrheit, ein für allemal. Die Schrift ist die Wahrheit über Gott, die Erlösung und das Wesen des Menschen. Die Schrift ist nicht eine unter vielen Wahrheiten, sie ist die Wahrheit, sie ist die Stimme Gottes durch den Heiligen Geist.

Die Gemeinde war seit ihren Anfängen eine lernende Gemeinschaft, in welcher die Wege und das Wesen Gottes gelehrt wurden, dem es zu gehorchen galt. Doch in vielen modernen evangelikalen Gemeinden fehlt eine solche Unterweisung oftmals. Wells sieht eine Ursache für diese Entwicklung in der Schwächung der Lehre der Inspiration und Autorität der Schrift in einigen evangelikalen Kreisen. Vertreter der Emerging Church wie Brian McLaren, Rob Bell und andere - welche sich nach Wells dem postmodernen, kulturellen Zeitgeist unterworfen haben - verneinen eine objektive, absolute Wahrheit und propagieren die Subjektivität und Innerlichkeit einer nur noch subjektiv erfahrbaren Wahrheit.

Wells beobachtete, dass der Zuhörer in vielen modernen westlichen Gemeinden von heute den Eindruck bekommen muss, dass es nur noch am Rande um die Wahrheit geht. „Beim Christentum geht es nur darum, dass wir uns selbst besser fühlen, dass wir unsere Schwierigkeiten überwinden, dass unsere Bedürfnisse gestillt werden, dass wir bessere Beziehungen schaffen... dass wir reicher werden, dass wir unsere eigenen kleinen Wunder empfangen... Es geht um alle möglichen Dinge, nur nicht um die Wahrheit. Und doch ist es gerade die Wahrheit in Christus, in der wir einen festen Stand finden können, um unser komplexes Leben zu meistern.“ (S.88)

Wer den Samen der Wahrheit in sich aufnimmt, aber nicht bereit ist, diese Wahrheit zum Zentrum seines Lebens, Denkens und Handelns zu machen, mag als „Bekehrter“ erscheinen, doch sein Leben wird durch die Wahrheit nicht umgekrempelt. Derartige „Bekehrte“ gibt es nach Ansicht Wells im heutige Amerika viele. Wells plädiert dafür die Schrift wieder als eine Stimme aus der Ewigkeit zu vernehmen, die Stimme unseres Erlösers, und daran festzuhalten (S.90). Der Same des Wortes muss wieder in die Tiefe unserer Herzen fallen und dort Wurzeln schlagen können und darf nicht an der Oberfläche unter Steinen oder Unkraut vergehen.

Die Gemeinden sieht Wells hier in die Pflicht genommen. Zu viele Gemeinden waren auf kurzfristige Erfolge statt auf langfristige geistliche Frucht ausgerichtet. „Die Gemeinde muss sich zwei Dinge besonders vor Augen halten: Erstens, beim Christentum geht es um Wahrheit, und zweitens, jene, die von sich sagen, sie seien Christen, müssen diese Wahrheit durch ihre Integrität nach außen sichtbar werden lassen“ (S.92). Weil das zu häufig nicht geschieht, erstaunt es nicht, dass nur 32 Prozent aller Christen in den USA, welche sich als „wiedergeboren“ bezeichnen, an eine absolute Wahrheit oder Moral glauben. Nicht selten unterscheidet sich die Gruppe der „Wiedergeborenen“ nur wenig von den Menschen der Welt ohne Glaubenshintergrund.

54 Prozent der gesamten amerikanischen Bevölkerung glaubt, dass man Wahrheit durch Erfahrungen finden kann, anstatt in Büchern wie der Bibel. Dies spiegelt die relativistische Sichtweise der westlichen Welt wieder. Wenn man die postmoderne Welt mit der Botschaft der Wahrheit des Evangeliums erreichen will, wird man dies nicht mit einem Christentum ohne Profil erreichen, so Wells. Die christliche Wahrheit kann und darf der Kultur nicht angepasst werden. Die Urgemeinde wurde von der Wahrheit geprägt, wie sie von den ersten Aposteln verkündigt wurde, und sie wurde dazu aufgerufen, diese Wahrheit zu bewahren und in ihr zu leben.

„Wahrheit und Integrität liegen eng beieinander. Alles, was nicht in der Wahrheit ist, wird zu einem Spielball von Macht und Manipulation“ (S.95). Wenn die Wahrheit schwindet, treten persönliche Ziele, Ideale von Gemeinschaften, Redekunst, Übertreibungen und Machthunger an deren Stelle. Wenn Wahrheit verloren geht, gedeiht die Lüge, die sich sehr religiös geben kann. Wells plädiert für eine Gotteserkenntnis und eine Erkenntnis der Wahrheit, welche den ganzen Menschen in seinem inneren und äußeren Leben erfasst, so dass er ein leuchtendes Zeugnis in der heutigen Gesellschaft werden kann.

Gott

Die biblischen Autoren bekräftigen, dass der dreieinige Gott im Mittelpunkt allen Lebens steht. Die marktorientierten Evangelikalen und die Vertreter der Emerging Church sind der Ansicht, dass sie die postmoderne Welt nur erreichen können, wenn sie sich der postmodernen Kultur anpassen. In diesem Anpassungsprozess wurde gleichwohl Gott aus dem Mittelpunkt gedrängt. Aus dem reformatorischen sola scriptura (allein die Schrift) wurde zu leichtfertig sola cultura (allein die Kultur) gemacht, so Wells. Seine Antwort darauf lautet: „Das Zentrum ist verloren gegangen. Wir haben unsere Fähigkeit verloren, es zu erkennen, uns vor ihm zu beugen, unser Leben in diesem Licht auszurichten... in der Gegenwart dieses Zentrums, dieses Einzigartigen, dieses dreieinigen Gottes, dieses heiligen und lebendigen Gottes der Bibel.“ (S.99)

Das postmoderne Denken setzt sich ferner nicht länger mit der Existenz des Bösen auseinander. Allenfalls wird das Böse „privatisiert“ - es wird einfach zu dem gemacht, was mir persönlich nicht gut tut. Sünde ist für den postmodernen Menschen bedeutungslos. Doch aus biblischer Sicht geht die Vorstellung von Sünde weiter als der Begriff des Bösen. Sünde setzt den Menschen in eine Beziehung zu Gott. Sünde richtet sich letztlich gegen Gott selbst und gegen seine Autorität über alles Leben.

Sünde ist Rebellion gegen Gott. Nur 17 Prozent der Amerikaner erkennen diesen Zusammenhang von Sünde und Gott an. Dennoch sind es immer Gottes Gebote, Gottes Ordnungen, Gottes Grenzen, welche übertreten werden. Sünde bedeutet immer, dass eine Person sich Gott nicht unterwerfen will. Diesem Willen zum Ungehorsam liegt der menschliche Stolz zugrunde. „Wir bilden uns ein, dass in uns selbst genug Kraft, Weisheit und Stärke ist, um in Sicherheit und Glück zu leben, so wie wir leben wollen...“ (S.103)

Erst wenn der Mensch wieder erkennt, dass die Sünde seine Beziehung zu Gott und damit zu allen seinen Mitmenschen zerstört, wird ihm bewusst werden, dass das Zentrum seines Lebens zugrunde gegangen ist. Eigentlich ist es nicht das Zentrum, also Gott, das verloren gegangen ist, sondern es ist der Blick des Menschen, der das Zentrum aus den Augen verloren hat. Die Ursache für diesen Zustand ist die Sündhaftigkeit des Menschen, der Gott aus dem Mittelpunkt verdrängt und das eigene Selbst auf den Thron setzen will.

Wo immer Gott aus dem Mittelpunkt des menschlichen Lebens verbannt wird, entsteht eine Leere im Menschen. Das Zeitalter der Aufklärung verdrängte Gott und wollte dem Menschen die Freiheit bringen; unter Freiheit verstand der aufgeklärte Mensch, dass man niemandem als sich selbst verantwortlich war. Die so gewonnene Freiheit ließ vermeintlich freie Menschen zurück, die dennoch verwirrt und orientierungslos waren. In den 1960er Jahren kam es zu einer Revolution und Abkehr vom Rationalismus. Die Gesellschaft wandte sich zunehmend einer subjektiven Innerlichkeit zu. Die objektiven, rationalen Maßstäbe wurden durch einen subjektiven Relativismus ersetzt. Verstand und Vernunft wurden durch Intuition, Gefühle und Erfahrungen ersetzt.

Der Mensch spürte tief in seinem Inneren, dass er für etwas geschaffen wurde. Weder der Rationalismus noch der Materialismus konnten seine Sehnsüchte erfüllen; und auch die Suche nach Erfüllung durch das eigene Selbst wird die Suche nicht zu einem guten Ende führen. „Wir sind im Bilde Gottes geschaffen und daher ist unser Geist ruhelos inmitten des Ersatzparadieses, das wir die westliche Welt nennen. In der Tat, wie Augustinus richtig beobachtete, er wird ruhelos bleiben, bis er seine Ruhe in Gott, seinem Schöpfer, gefunden hat“ (S.108). Die Kultur der westlichen Welt ist zu einem Gottesersatz geworden, der die Menschen ohne göttliche Prinzipien zurücklässt.

Eine Kultur ohne Zentrum ist eine Kultur des Relativismus. Für Wells ist die Folge einer solchen Kultur, dass das Selbst des Menschen beginnt, an Charakterfestigkeit zu verlieren. Das Selbst des Menschen verändert sich, passt sich an, unterliegt einem Wandel. In diesem Prozess geht die Beständigkeit und Integrität einer Person verloren. Wells veranschaulicht diesen Wandel an der Ehe. In früheren Zeiten galt das Eheversprechen, in guten wie in schlechten Zeiten zum Partner zu halten, obwohl weder Mann noch Frau wussten, was die Zukunft bringen würde. Ein Wort oder ein Versprechen wurde gegeben und eingehalten. Auch der Alltag mit all seinen Problemen, Nöten, Missverständnissen, Verletzungen usw. konnte daran nichts ändern.

Menschen mit Charakter handeln immer in der gleichen Weise, egal vor welchen Schwierigkeiten sie stehen. Die Postmoderne brachte einen tiefgreifenden Wandel. Ein unveränderliches Selbst mit festen Prinzipien oder ein absoluter Gott im Zentrum des Lebens waren nicht mehr zeitgemäß. Alles, auch das Selbst des Menschen, wurde relativ und veränderlich. Kein Wunder, dass die Institution Ehe als erstes darunter leiden musste, weil charakterliche Beständigkeit verloren ging.

Eine Gefahr der Postmoderne sieht Wells in der Auffassung, dass man Gott entweder „innen“ oder „außen“ wahrnimmt. Doch seiner Ansicht nach kennt der christliche Glaube diesen Unterschied nicht. „Kein frommer Israelit des Alten Testaments oder ein Gläubiger des Neuen Testaments hätte jemals daran gezweifelt, dass Gott in der Welt allgegenwärtig und in der Lage ist, zu tun, was Er will“ (S.121). Gott ist der Herrscher und Bewahrer seiner Schöpfung, und dennoch wohnt Er auch in jedem Gläubigen.

Um innere Stabilität für ein desintegrierendes Selbst zu schaffen, bedarf es eines neuen Zentrums. Die private Spiritualität, die sehr subjektiv und relativistisch ist und sich nicht an moralischen Werten oder absoluten Maßstäben orientiert, hat diese Funktion bei vielen Menschen übernommen. Erfahrungen, Erlebnisse und das innere Selbst sind an die Stelle göttlicher Offenbarung getreten - die Bibel wird nicht länger benötigt. Die Bibel hingegen warnt davor, Gott alleine in unserem Selbst zu finden, weil unser Selbst verdorben ist. Gott ist sowohl in einem wahren Christen als auch außerhalb von ihm – hoch erhoben und heilig.

Wells folgert, dass die Existenz eines heiligen Gottes konsequenterweise ein moralisches Gesetz voraussetzt. Diese moralischen Normen spiegeln den heiligen Charakter Gottes wieder. Wären wir ohne Gewissen und Gottes Moralgesetz, würden wir nicht mehr zwischen Gut und Böse unterscheiden können. Ferner, ohne die Heiligkeit Gottes gäbe es keine Sünde. Sünde richtet sich stets gegen Gott, und wenn die Menschen dies erkennen, sind sie bereits auf dem Weg zurück in die Realität Gottes. Gott ist nicht nur im Innern. Er ist auch der heilige Gott, der außerhalb und über seiner Schöpfung thront.

Ohne die Heiligkeit Gottes hätte das Kreuz seinen Sinn verloren. Christus war kein Sozialreformer oder Humanist. Diese liberale Sichtweise ist unbiblisch. Das Kreuz war kein Zufall, sondern Gottes ewiger Ratschluss. Gottes Gericht ist, so Wells, eine weitere Folge eines heiligen Gottes. „Die Lehre von Gottes Gericht sollte der Gemeinde nicht unangenehm sein. Dies ist nicht einfach eine negative Lehre. Sie ist in tiefer Weise positiv“ (S.130). In dieser Welt triumphiert oft das Böse; doch Gottes Endgericht wird alle Ungerechtigkeiten beseitigen und Gerechtigkeit herstellen.

Letztlich glaubt Wells, dass die Gemeinde, die von neuem die Heiligkeit Gottes erkennt, zutiefst verändert wird. „In einer Umfrage zur Heiligkeit Gottes gaben lediglich 7 Prozent der Amerikaner an, dass Heiligkeit ein Wesenszug Gottes ist. Obwohl 72 Prozent von sich sagten, sie hätten ihr Leben Gott gegeben und 71 Prozent von sich sagen, ihr Glaube sei ihnen sehr wichtig und weitere 60 Prozent sagen, dass sie sich als tiefgläubig einschätzen, kommen nur 16 Prozent zu dem Schluss, dass ihr Glaube die höchste Priorität in ihrem Leben darstellt.“ (S.131)

Wells sieht Ähnlichkeiten, wenn er die heutige Situation der amerikanischen Christenheit mit Israels Geschichte vergleicht. Die Israeliten hatten das mosaische Gesetz, den Tempel und die Propheten und lebten doch oftmals tief im Heidentum. Sie erschienen nach Außen hin sehr fromm und waren religiös, und dennoch wollten sie nicht auf die Stimme eines heiligen Gott hören. Es fehlte ihnen der Sinn für die Heiligkeit Gottes, der ihr Leben und ihr Herz erfasste.

Wells ist überzeugt, dass wir unsere Sünden und Kompromisse ernster nehmen würden, wenn wir Gott in der Fülle seiner herrlichen Reinheit klarer erblicken würden. Gott will sich uns selbst offenbaren und uns mehr segnen, als wir es uns vorstellen können; Er will, dass wir Ihn erkennen, denn sonst versinken wir in der Bedeutungslosigkeit dieser Welt.
Quelle: distomos
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Der Mut, Protestant zu sein (Teil 3)

Beitragvon Joschie » 09.05.2011 20:35

Der Mut, Protestant zu sein (Teil 3)

Das Selbst

Während der 1960er Jahren entwickelte sich eine neue Weltanschauung. Der Amerikaner entdeckte sein Selbst. Zwei Drittel der Amerikaner beschäftigten sich viel mit ihrem Selbst, und 80 Prozent ließen die traditionellen Werte hinter sich und stellten neue Lebensregeln für sich auf. Wells beschreibt, wie dieser kulturelle Wandel auch unter Christen Fuß fasste, ironischerweise besonders im Lager der Evangelikalen. Einer der wichtigsten Vertreter unter den Evangelikalen war Robert Schuller, der in den 1980er und 1990er Jahren die Beschäftigung mit dem eigenen Selbstwert sogar als eine neue Reformation im Evangelikalismus betrachtete.

1983 hatte James Hunter herausgefunden, dass sich fast neun von zehn evangelikalen Büchern, die in diesem Jahr neu herausgebracht wurden, um das Thema des Selbst drehten. Viele Prediger folgten dieser neuen kulturellen Welle und „als die evangelikalen Gemeinden in dieses neue Universum des Selbst eintraten, ließen sie die moralische Welt (den traditionellen Evangelikalismus) hinter sich“ (S.137). Man sprach nicht mehr über Sünde, Vergebung und Wiedergeburt, sondern über Therapie, Selbstwert, Selbstliebe usw.

Wenn das postmoderne Selbst religiös wird, dann schließt es sich entweder den Liberalen oder den oberflächlich gesinnten Evangelikalen an, oder es gesellt sich zur Emerging Church. Nach Wells Einschätzung ist keine dieser drei Formen mehr dem historischen Protestantismus zuzurechnen; er bezeichnet sie als „nicht biblisch“, „nicht apostolisch“ und „dem Namen nach christlich, dem Inhalt nach nicht christlich“ (S.143). Wells sieht es als geboten, die Vermischung der drei Hauptströme der Gesellschaft - der kulturellen, psychologischen und theologischen Richtung - wieder rückgängig zu machen.

Nach Wells erlag die ganze westliche Welt in den letzten Jahrzehnten einer vierfachen Veränderung:

 der Wandel von der Tugend zu den Werten
 der Wandel von Charakter zu Persönlichkeit
 der Wandel von der menschlichen Natur im Ebenbild Gottes zum Selbst
 der Wandel von Schuld zu Scham

Von der Tugend zu den Werten

Unter Tugend versteht Wells „Aspekte des Guten... moralische Normen, die von allen Menschen als dauerhaft richtig anerkannt werden, an allen Orten, zu allen Zeiten“ (S.143). Wir leben in einem moralischen Universum, das von Gott geschaffen wurde und in welchem Gott von den Menschen fordert, sich zwischen Gut und Böse, Gerecht und Ungerecht zu entscheiden. Werte, so Wells, sind die Erfindung einer relativistischen Welt, in welcher das, was für den einen richtig ist, nicht unbedingt für einen anderen zu gelten hat. Tugenden sind an den Gott der Bibel gebunden, Werte werden auf der relativistischen Ebene des Menschen geboren.

Von Charakter zu Persönlichkeit

Der Charakter eines Menschen war nach Ansicht der alten, traditionellen Welt entweder gut oder schlecht. Entweder war ein Mensch auf Gott, das Gute, eine absolute Moral ausgerichtet, oder er lehnte dies ab und wurde von ungöttlichen Prinzipien geleitet. Kulturgeschichtlich zeigt sich das in der Verwendung von Begriffen wie Pflicht, Moral, Ehre oder Ruf, welche mit dem Beginn des 20. Jahrhunderts allmählich in den Hintergrund traten. Diese Begriffe wurden durch Worte wie faszinierend, kreativ, meisterhaft, attraktiv oder dominant ersetzt. Letztere Worte sind Beschreibungen für eine Persönlichkeit, während erstere im Zusammenhang mit dem menschlichen Charakter Verwendung finden.

Der Selbstaufopferung aus moralischen Gründen in der alten, traditionellen Welt steht die Selbstverwirklichung für den eigenen Erfolg in der modernen Zeit gegenüber. Tugendhaft zu sein, gilt als altmodisch. „In“ ist, wer eine überzeugende oder erfolgreiche Persönlichkeit ist, ganz gleich, was für einen Charakter diese Person hat. „70 Prozent der Amerikaner glauben, dass sie beständig von Politikern belogen werden... Die Kunst des Lügens ist auf einem so hohen Niveau, sie wird mit solch einer Professionalität und mit solch einer außerordentlichen Kultiviertheit betrieben, dass es nahezu unmöglich geworden ist, die Wahrheit von der Lüge... zu unterscheiden“ (S.149). Wells kommt zu dem Schluss, dass heute Charakter durch die Kultivierung des Selbst ersetzt wurde, ein Selbst, welches das eigene Glück ohne Moral sucht.

Von der menschlichen Natur im Ebenbild Gottes zum befreiten Selbst

Jahrhundertelang glaubte die westliche Welt an die menschliche Natur, welche im Ebenbild Gottes geschaffen war. Dies änderte sich mit Darwins Evolutionstheorie, welche den Menschen als ein höher entwickeltes Tier ansah. Das menschliche Wesen wurde erklärbar durch die chemischen Prozesse, welche in ihm abliefen, und sein Tun galt als das Resultat seiner Triebe. Moralische Normen spielen in einem solchem Weltbild eine nur sehr untergeordnete Rolle.

Der Protestantismus hingegen lehrte, dass das Ebenbild Gottes trotz des Sündenfalls weiterhin im Menschen schlummerte, obgleich es stark beschädigt war. Bis in die Mitte des 20. Jahrhunderts folgten die Evangelikalen der Überzeugung, dass der Mensch sich von absoluten Normen leiten lassen sollte; doch seit den1950er Jahren ist diese Vorstellung allmählich dem Gedanken gewichen, dass jedes Individuum selbst und frei entscheidet, welchen Gedanken es folgt, welche Gefühle es auslebt und was es tut (Selbstverwirklichung). Wells führt den Anstieg an Fülle von Persönlichkeitsrechten auf diese Entwicklung zurück. Jeder beruft sich auf sein Recht, so sein und handeln zu dürfen, wie er will; sollte die Gesellschaft ihm dabei im Wege stehen, so klagt er sein individuelles Recht ein.

Von Schuld zur Scham

Scham entsteht, so Wells, wenn Dinge über einen Menschen offenbar werden, welche er lieber verbergen möchte. Scham ist nicht notwendigerweise moralisch begründet. Eine Person kann sich ihrer Herkunft, Bildung, Wohngegend usw. schämen; dabei handelt es sich noch nicht um eine moralische Eigenschaft. Schuld hingegen wird an einem moralischen Maßstab gemessen. An einem Gerichtshof werden Menschen für schuldig erklärt, weil sie Gesetze gebrochen haben. Der Schuldige kann Scham über seine Taten empfinden, muss es aber nicht. Unabhängig davon, ob er Scham über seine Missetat empfindet oder nicht, gilt, dass er sich schuldig gemacht hat, wenn er ein Gesetz übertreten hat und infolgedessen eine Strafe erleiden muss.

Das Evangelium spricht über ein göttliches Gesetz, eine absolute Moral. Menschen bleiben solange schuldig vor Gott, bis sie Gottes Gerechtigkeit erlangt haben. Sie mögen keine Scham über ihre Sündhaftigkeit empfinden, und dennoch stehen sie unter Gottes Urteil. „Scham ist das, was wir vor anderen Menschen empfinden, Schuld ist das, was wir vor Gott empfinden“ (S.163). In der modernen Zeit gelten Schuldgefühle insbesondere unter Psychologen und Psychiater als ungesund, da die Entwicklung des Selbst - die Selbstverwirklichung des Menschen - ihrer Ansicht nach behindert wird.

Der Psychologe Karl Menninger schreibt in seinem bekannten Buch Whatever became of Sin? (Was ist nur aus der Sünde geworden?) in den 1970er Jahren, dass „einige unserer Sünden einfach zu Verbrechen und der große Rest zu Krankheiten gemacht wurden“ (S.163). Wells beklagt: wer nicht mehr über Schuld und Sünde spricht, sucht das Heil ohne Evangelium. Rogers, Fromm, Maslow, sie alle sind bekennende Humanisten, welche das Selbst des Menschen in den Mittelpunkt stellen. Sie sind der Ansicht, der Mensch sei im Grunde gut – eine Auffassung, die der Bibel widerspricht.

In einer Umfrage im Jahre 2002 fand Barna heraus, dass 74 Prozent der Amerikaner nicht an eine Erbsünde glaubten, und immerhin 52 Prozent der „Wiedergeborenen“ stimmten dieser Aussage zu. Sünde galt für die meisten in dieser Umfrage als etwas, was durch falsche Entscheidungen und nicht durch die menschliche Natur entsteht. Dies ist die zentrale Lehre der Bewegung der Selbstverwirklichung, die in totalem Gegensatz zum biblischen Glauben steht. Der Mensch braucht nach Wells nicht nur Vergebung für das, was er tut, sondern in erster Linie für das, was er ist. Der Mensch wird von seiner innewohnenden Sündhaftigkeit erlöst und empfängt nicht nur Vergebung für seine sündigen Taten!

Ein weiterer Irrtum der Selbstverwirklichung besteht darin, dass der Mensch durch sein Selbst Zugang zu Gott finden kann. Es bedarf keiner Versöhnung mit Gott durch das Kreuz. Obgleich diese Lehre des Selbstwertes zutiefst unbiblisch ist, fand sie so großen Anklang in Teilen des Evangelikalismus. „Weil man davon ausgeht, dass der Zugang zu Gott so einfach und schnell vonstatten geht wie das Einlesen einer Kreditkarte..., wird das Evangelium so attraktiv für Konsumenten. Sie bekommen es, wann sie es wollen und wie sie es wollen. Evangelikale, welche das Evangelium der Gefühle statt der Wahrheit predigen, können sich ihres Erfolges sicher sein.“ (S.169)

Wells sieht unter anderem den Integritätsverlust des Evangelikalismus darin begründet, dass der evangelikale Glaube die therapeutische Philosophie des Selbst unreflektiert übernimmt und sich zu sehr auf die eigenen Interessen und das eigene innere Wohlergehen konzentriert. Ein erneuerter Protestantismus weiß um Gott und seine Herrschaft in dieser Welt und kann erfüllt und voller Freude in diesem Dasein leben. Nach Wells Einschätzung kann die Bewegung der Selbstverwirklichung niemals die guten Früchte eines lebendigen Protestantismus genießen - Ehrfurcht vor Gottes Gegenwart in seiner Schöpfung, Dankbarkeit Ihm zu dienen und wahre Heilung.

Christus

Nach Wells gibt es zwei Arten von Spiritualität; die eine bewegt sich von oben nach unten, die andere von unten nach oben. Die eine Spiritualität „beginnt bei Gott, welcher der Sündhaftigkeit des menschlichen Lebens begegnet, während die andere im menschlichen Bewusstsein ihren Anfang nimmt und versucht, einen Weg nach oben zu schaffen, um sich mit dem Göttlichen zu verbinden. Die eine ist christlich, die andere ist heidnisch.“ (S.176) Wells erkennt diesen Kampf zweier unterschiedlicher Formen von Spiritualität bereits in der alttestamentlichen Geschichte Israels und ist der Ansicht, dass diese Auseinandersetzung von den ersten Christen fortgeführt und siegreich bestanden wurde. Das Festhalten an Gottes Gnade, so Wells, sicherte der Urgemeinde ihr geistliches Überleben.

Im Mittelalter jedoch wendete sich das Blatt, und die Reformatoren mussten die Wahrheit über die Gnade erneut erkämpfen. Im Christentum geht es nicht darum, wie ein Sünder sich zu Gott erhebt (bspw. durch Werke), sondern wie Gott sich in Gnade dem Sünder zuwendet. Diese beiden Formen von Spiritualität unterscheiden sich nach Wells grundlegend. Die eine ist in absoluter Moral (an Gottes Wort), die andere, moderne Version in der Psychologie gegründet. Der Kampf beider Formen von Spiritualität ist auch heute im Evangelikalismus aufs Neue entbrannt. Die psychologische Variante wirkt scheinbar so anziehend auf viele Evangelikale, und doch sieht Wells sie als „tödlich für das biblische Christentum“ an. (S.178)

Um dies zu unterstreichen, zieht Wells die Ergebnisse einer Reihe von Umfragen heran. 78 Prozent der Amerikaner sagen von sich, sie seien spirituell. Dennoch sind es 56 Prozent, welche sich auf sich selbst verlassen, um Probleme zu lösen, anstatt auf die Macht des Gottes der Bibel zu vertrauen. In Großbritannien fiel die Zahl der Kirchenbesucher in den Jahren 1990-2000 von 28 Prozent auf 8 Prozent, während im gleichen Zeitraum die Zahl der Personen, welche spirituelle Erlebnisse machten, von 48 auf 76 Prozent stieg. Privatreligiosität ist auf dem Vormarsch, und nach Wells ist dies ein Symptom dafür, dass der postmoderne Mensch auf persönliche Erfahrungen vertraut, aber allem misstraut, was durch einen Mittler (Christus) empfangen werden kann.

Der Evangelikalismus hat versagt, weil er nicht authentisch ist und die Evangelikalen sich selbst statt Gott in den Mittelpunkt stellen. Die Philosophie der Selbsthilfegruppen und der neuen Spiritualität in den letzten Jahrzehnten hat dazu geführt, dass 56 Prozent der Amerikaner mehr auf „den Gott in sich selbst“ vertrauen als auf den „Gott der Bibel“ außerhalb von ihnen. Folge der Spiritualität ohne Normen, ohne absolute Moral und ohne objektive Wahrheiten ist die heutige Orientierungslosigkeit der Menschen, die immer auf der Suche sind und niemals finden, was sie suchen.

Die neuen Formen von Spiritualität bezeichnet Wells als „von unten“ (S.187), worunter er versteht, dass sie nicht von oben, vom Geist Gottes, inspiriert und damit unbiblisch sind; sie sind seiner Ansicht nach heidnisch und von drei Merkmalen gekennzeichnet:

(1) Jeder Mensch hat Zugang zu heiligen Sphären oder dem Übernatürlichen.

(2) Es gibt keine Sünde, welche den Zugang zu diesen Sphären oder dem Übernatürlichen verhindert.

(3) Spiritualität ist Privatangelegenheit; sie ist eine intuitive und innerliche Erfahrung und hat nichts mit einer Objektivität zu tun, die in der Geschichte des Menschen begründet ist (wie bspw. das historische Christentum).

Bezüglich der Sünde merkt Wells an: „Sünde ist verschwunden. Daher gibt es keinen Grund,... warum ich keinen Zugang zum Heiligen erlangen sollte zu meinen Bedingungen, wann immer ich will, wie immer ich will und zu meinem eigenen Vorteil“ (S.191). Anders die biblische Spiritualität: Der Mensch wird vor Gott und sein Wort gestellt und ist für sein Handeln verantwortlich. Christus wurde „von oben“, vom Heiligen, hinab „nach unten“ in diese Welt gesandt, um die Menschen von der Sünde zu erlösen. Nach seinem Tod und seiner Auferstehung kehrte er wieder in den Himmel zurück, von wo aus Er regiert.

Diese Reise des Christus „von oben“ in die Erniedrigung „nach unten“ und seine Himmelfahrt zurück „nach oben“, ist die Reise der wahren biblischen Spiritualität und veranschaulicht Gottes Liebe, Gottes Gnade und Gottes Zorn. In der Person Christi wird Gottes Heilsgeschehen deutlich, und in Christus alleine geschieht die Rechtfertigung des Menschen. Christus herrscht, und nur in dieser „neuen Ordnung in Christus“ kann der Mensch seine „Bestimmung, Hoffnung und Annahme bei Gott finden. Im apostolischen Christentum geht es um die Wahrheit und nicht die eigene Privat-Spiritualität. Im frühen Christentum drehte sich alles um Christus und seinen Ruf nach Gehorsam...“ (S.207)

Die Gemeinde

Das letzte Kapitel von Wells Buch beginnt mit dem Satz: „Was jemand über die Gemeinde denkt, zeigt genau, was er über das Christentum denkt“ (S.209). Nach Wells geht es beim christlichen Glauben um mehr als die Aktivitäten einer Gemeinde; und dennoch sprechen die Aktivitäten einer Gemeinde Bände, was für ein Verständnis von Christentum sie vertritt. Die historischen Lehren des Protestantismus über Gott, die Welt, die menschliche Natur, das Evangelium usw. begannen in den 1970er Jahren in den Hintergrund zu treten; die Gemeinde in Amerika begann, nach dem Motto zu handeln: „Jetzt nehmen wir Gemeindebau selber in die Hand“ (Gemeindepragmatismus, Gemeindewachstumsbewegung).

Was mit den „Vermarktern“ begann, setzt sich nun bei den Vertretern der Emerging Church fort: Das Herz des evangelikalen Glaubens löst sich allmählich auf. Wells sieht sogar den Fortbestand des Evangelikalismus bedroht, sofern diese Entwicklung nicht aufgehalten wird. Neben der Aufgabe zentraler evangelikaler Überzeugungen (Autorität der Schrift, Lehre vom Kreuz, u.a.) sieht der Autor in der Tatsache, dass die lokale Gemeinde immer mehr an Bedeutung verliert, einen weiteren Grund für den Niedergang des Evangelikalismus.

Obwohl der Evangelikalismus insbesondere durch das Medium Fernsehen die Massen erreicht, verlor er doch an Tiefgründigkeit. Für Wells ist die Botschaft des Evangeliums einfach und tiefgründig zugleich. Die marktorientierten Evangelikalen haben sich zu sehr auf die Einfachheit des Evangeliums konzentriert und dabei die biblische Tiefgründigkeit verloren.

Dies führte dazu, dass „Attraktivität über Tiefgründigkeit, Methoden über Wahrheit und Konsumverhalten über Opferbereitschaft triumphierte“ (S.213). Es blieb gerade genug an trivialer biblischer Botschaft übrig, dass sie noch als christlich gelten konnte, aber es war zu wenig, um Fleischlichkeit zu verhindern und geistliches Wachstum hervorzubringen. Als Beweis für den geistlichen Niedergang sieht Wells die Umfragen Barnas, welche bestätigen, dass sich lediglich 9 Prozent der Gruppe der „Wiedergeborenen“ in ihrem Lebensstil von den Personen unterscheiden, die sich als säkular bezeichnen.

Die Gemeinde hatte für die Reformatoren eine große Bedeutung. Sie wussten um die sichtbare und unsichtbare Dimension der Gemeinde. Für Wells sind beide Aspekte wichtig. Wells ist zuzustimmen, wenn er sagt, dass nicht jeder, der „in der Gemeinde“ ist, auch „in Christus“ ist; hingegen hat jeder, der in Christus ist, Anteil an der unsichtbaren Gemeinde. In Christus zu sein, geschieht allein durch den Glauben an Christus. Weder die Mitgliedschaft in einer lokalen Gemeinde, noch Sakramente, moralische Leistungen, Selbstverwirklichung, Psychologie, noch irgendeine Methode machen einen Menschen zu einem Teil des Leibes Christi.

Wells mahnt an: Sobald erlöste Menschen, die wahrhaft Teil des unsichtbaren Leibes Christi sind, beginnen, sich über die Wahrheiten des Evangeliums hinwegzusetzen und selbst bestimmen, welchen Teil der Schrift sie glauben, werden bald andere Teile der Schrift folgen, die man ablehnt. Diese Gewohnheit der Eigenmächtigkeit hat in der Gemeinde um sich gegriffen. Wells fordert dazu auf, dagegen anzugehen und Gottes Herrschaft über den Menschen wieder anzuerkennen. Nur so kann das göttliche Leben in einer Welt offenbar werden, die vom geistlichen Tod gekennzeichnet ist.

Gemeinde kann nicht nach menschlichen Vorstellungen gebaut werden, denn sonst wird sowohl die Gemeinde zerstört als auch ihr Potential, in die Welt hineinzuwirken. Wells sieht drei Zeichen für die Authentizität der Gemeinde:

(1) Allein die Schrift (sola scriptura): Die Autorität der Schrift hat höchste Priorität und sollte von keiner der vielen Methoden (Psychologie, marktorientierte Methoden, usw.) verdrängt werden. Die Wichtigkeit dieses Prinzips zeigt sich in der Lehre der göttlichen Offenbarung und daran, dass Christen dazu berufen sind, an der apostolischen Lehre festzuhalten. Die Predigt muss wieder im Mittelpunkt der christlichen Gemeinde stehen. Erfahrungen oder Unterhaltung dürfen die Verkündigung der Wahrheit nicht verdrängen.

(2) Das rechte Verständnis der Sakramente (Taufe und Abendmahl): Sakramente sind kein Ersatz für ein biblisches Evangelium. Die grundlegende Botschaft des Evangeliums ist, dass das Heil alleine in Christus, alleine durch den Glauben, alleine durch die Gnade erlangt wird. Keine Forderung nach Werken darf dem vollkommenen Erlösungswerk Christi hinzugefügt werden.

(3) Gemeindezucht muss wieder praktiziert werden in einer Gesellschaft, die von moralischem Niedergang charakterisiert ist. Nur so können Gottesfurcht und Heiligkeit in der Gemeinde wiederhergestellt werden und das Zeugnis der Herrschaft Christi über die Sünde aufgerichtet werden.

Diese drei Merkmale der wahren Gemeinde zeigen, dass Wahrheit gepredigt und Heiligkeit angestrebt wird; dies ist nach Wells im Kern die biblische Evangeliumsverkündigung – dann wird „Gottes Wahrheit“, „Gottes Heiligkeit“ und „Gottes Evangelium“ verkündigt, wie Wells betont. Ferner ist die Gemeinde stets „Gottes Gemeinde“; Gott selbst baut Seine Gemeinde und gebraucht hierzu schwache Menschen, die er erlöst und mit seinem übernatürlichen Leben erfüllt, um sein Heilswerk zu vollbringen.

Wer wir sind, ist nach Wells wichtiger, als das, was wir für Gott tun oder erreichen können. Die Gemeinde ist weder ein Experiment noch ein Unternehmen, das ein Produkt verkauft. „Sie ist ein Außenposten des Königreichs Gottes, ein Zeichen der Dinge, die kommen werden, wenn Christus souverän herrschen wird; noch ist dies derzeit verborgen, aber es wird offenbar und sichtbar werden. Dann wird die ganze Welt sich vor Gott beugen, weil sie Ihn als den anerkennen muss, der Er ist.“ (S.248)

FAZIT

Wells zieht die Umfrageergebnisse der Gruppe der „Wiedergeborenen“ (ca. 30-45 % der Amerikaner nach Barna und Gallup) und der „Evangelikalen“ (7-9 % der Amerikaner nach Barna) heran, um seine Thesen zu untermauern. Selbst US-amerikanische Evangelikale bemängeln, dass Barnas Differenzierung zu oberflächlich ist - mitunter sprechen manche Autoren von den „Barna-Evangelikalen“. Die hohe Zahl an „wiedergeborenen“ Christen wird von vielen Evangelikalen wie bspw. dem bekannten Baptistenprediger und Autor John Piper und anderen ohnehin in Frage gestellt. Realistischer dürften Barnas Zahlen sein, was die Evangelikalen angeht. Doch auch hier weisen die Umfragen Barnas darauf hin, dass diese Minderheit der amerikanischen Christen es nicht mehr so genau nimmt mit ihrem Glauben und man diese Zahl wahrscheinlich noch einmal nach unten korrigieren müsste, wenn man strengere Kriterien an diese Gruppe anlegen würde.

Dass Wells ferner konservativ-evangelikale (Lloyd-Jones, Schaeffer) und neoevangelikale Vertreter (Graham, Ockenga, Henry) auf die gleiche Ebene stellt, trägt eher zu einem unscharfen Bild bei, das Wells vom amerikanischen Evangelikalismus zeichnet. Trotz der Schwächen der statistischen Erhebungen (Barna/Gallup), die Wells heranzieht, ist es sein Verdienst, dass er die vielfältigen Trends der letzten Jahrzehnte im amerikanischen Evangelikalismus durchaus zutreffend darstellt. Diese Trends sind in vielen Bereichen auf die evangelikale Szene in Deutschland übertragbar – und hierin liegt der Wert des Buches.

Stephan Holthaus geht davon aus, dass es in Deutschland ca. 1,7 Prozent Evangelikale gibt.1 Auch der deutsche Evangelikalismus blieb nicht unberührt von den Trends in den USA. Insbesondere die Willow-Creek-Leitungskongresse erreichten bis zu 5400 Teilnehmer im deutschsprachigen Raum.2 Ebenso populär ist Robert Schullers Fernsehsendung Stunde der Kraft (Hour of Power), welche weltweit bis zu 20 Millionen Menschen mit dem psychologischen Evangelium des Selbstwerts erreicht.

Treffend analysiert Wells die innere Aushöhlung des amerikanischen Evangelikalismus. Jene, die Bill Hybels, Robert Schuller oder neuerdings die Vertreter der Emerging Church wie Brian McLaren oder Rob Bell (deren Bücher bereits ins Deutsche übersetzt sind) allzu leicht als Vorbild nehmen, sollten sich ernsthaft mit dem Inhalt von Wells Buch auseinandersetzen und sich die Frage stellen, ob sie einen derartig substanzlosen Evangelikalismus nach amerikanischem Vorbild in Deutschland tatsächlich haben wollen.

Wells ist selbstkritisch genug, dass er kurz auf seine Kritiker eingeht, welche ihm vorwerfen, dass er viel auf die Missstände aufmerksam macht, hingegen zu wenig Antworten auf die Probleme gibt. Geht man jedoch davon aus, dass die Analyse der Fehlentwicklungen, welche Wells sehr gut aufzeigt, bereits die Antworten enthalten, könnte man aus seiner Kritik viel Nutzen ziehen. Überdies betont Wells zu Recht, dass neue „Methoden“ nicht die Probleme lösen.

Jeder aufrichtige Wahrheitssuchende wird durch die Lektüre dieses Buches (leider liegt keine deutsche Übersetzung vor) wertvolle Impulse, Gedankenanstöße und biblische Orientierung finden. Eine Antwort auf die drängenden Fragen des heutigen Evangelikalismus gibt Wells in seinem Schlusswort. Der souveräne Gott der Bibel muss wieder in den Mittelpunkt der Gemeinde gerückt werden, bis Christus wiederkommen und seine Herrschaft über diese Welt sichtbar aufrichten wird.

„Ich wage zu behaupten, dass dies die einzige Antwort ist, welche die Existenz und den Dienst der Gemeinde rechtfertigt. Es ist die Erwartung auf diesen großen Tag. Alles weist über die Gemeinde hinaus auf diesen großen Tag. Die Gemeinde lebt in dieser Welt, aber sie lebt, weil sie die Herrlichkeit des kommenden Herrn gesehen hat. Dieses Wissen verändert alles. Unternehmerisches Köpfchen, organisatorische Zauberei, kulturelle Relevanz sind einfach kein Ersatz für dies. Wenn der Herr die evangelikale Gemeinde von heute nicht baut, wenn wir uns vor unserem Herrn nicht demütigen und neu auf sein Wort hören, wird die Gemeinde nicht wiederhergestellt werden.“ (Schlusswort von David F. Wells, S.248)


Anmerkungen

1 Stephan Holthaus, Die Evangelikalen, Johannis Verlag, Lahr, 2007, S.20
2 Gerald Wakolbinger, Bericht über Willow-Creek-Leitungskongress 2008.
URL:http://www.eundg.at/index.php?option=com_content&task=view&id=95&Itemid=135.

Quelle: hier
Gruß Joschie
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Joseph28
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Beitragvon Joseph28 » 28.02.2012 07:23

Hallo, Joschie…

Der Mut, ein Protestant zu sein?

Wie Protestant, der die Bibel studiert, habe ich nur eine Beobachtung über die römisch-katholische Kirche (RKK) zu machen.

Im Neuen Testament unter dem Neuen Bund sind Gläubigen durch Glauben gerechtfertigt und deshalb empfangen Gottes Geschenk des ewigen Lebens. Sie sind wiedergeboren. Im Alten Testament wurden die Gläubigen auch durch Glauben gemäß Abraham gerechtfertigt, aber hatten sie nur eine zukünfitge Hoffnung ewigen Lebens durch den davidischen Bund und den damals zukünfitgen Neuen Bund (bitte vergleicht Titus 1,1-3 mit Psalm 71,20 und Daniel 12,2). Mit anderen Worten, sind die alttestamentlichen Heiligen in den Himmel nicht eingegangen nach ihrem Tod, sondern zu Scheol (das Totenreich) bis zur Auferstehung Jesu Christi. (Jesus hat diese Gefangene aus dem Totenreich auf seine Auferstehung gefangengeführt in der gleichen Weise, dass Mose die gefangenen Israeliten aus Ägypten führte.) Als rechtschaffene Männer in theokratischem Israel, die geistlich tot waren, wurden alle alttestamentlichen Heiligen daher zu den Richtlinien der zeremoniellen Gesetzte und Zivilrecht beschränkt, weil das Gesetz des Mose für die geistlich Toten war. Der Apostel Paulus ist sehr nachdrücklich, dass das Gesetz für geistlich toten Menschen war (bitte vergleicht 1.Timotheus 1,9 mit Römer 3,19-20). Die Israeliten (sowohl Gläubigen als auch Ungläubigen) im Alten Testament waren daher Knechte des Gesetzes, weil sie geistlich tot waren.

Im Neuen Bund, sind wir nicht geistlich tot, sondern geistlich lebendig. Wir haben den Geist Gottes, der uns das Geschenk des ewigen Lebens liefert. So sind wir wiedergeboren. Als wiedergeborene Gläubigen, sind wir nicht mehr Knechte, sondern Söhne und somit sind wir frei, da wir den Geist Gottes haben.

Galater 4,5-7 (Schlachter 2000) hat geschrieben:damit er die, welche unter dem Gesetz waren, loskaufte, damit wir die Sohnschaft empfingen. Weil ihr nun Söhne seid, hat Gott den Geist seines Sohnes in eure Herzen gesandt, der ruft: Abba, Vater! So bist du also nicht mehr Knecht, sondern Sohn; wenn aber Sohn, dann auch Erbe Gottes durch Christus.

Da der Mensch wird durch den Glauben gerettet --das hat sich nicht geändert-- sondern im Neuen Bund, wird der Gläubiger auch ein Sohn, der frei von der Last des Gesetzes ist.

Der Fehler der RKK ist, dass sie das Alte Testament ins Neuen Testament umstellen. (Sie setzen neuen Wein in alten Schläuchen.) Das heißt, werden die zeremoniellen Gesetze sieben (7) grundlegende Sakramente, durch die man Gottes Gnade empfängt. Ohne die Sakramente, kann man Gottes Gnade nicht empfangen, die sich in Gottes Heil ergeben würde. (Wie das mosaische Gesetz, ist Glauben durch zeremoniellen Gesetze hierher demonstriert.) Also ihre wesentlichen Fehler liegt in der Annahme, dass wir zu zeremoniellen Gesetze beschränkt werden in der gleichen Weise, dass Israel zu zeremoniellen Gesetze beschränkt wurde, um Gottes Gnade zu empfangen. Mit seltenen Ausnahmen für „Heilige“ und Märtyrer, die gerade in den Himmel kommen, lehren die Katholiken, dass alle Gläubigen noch in das Totenreich („Fegefeuer“) eingehen und dort nach dem Tode sich bleiben müssen.....

Oder anders gesagt, durch die Einschränkung von der Gnade Gottes zu zeremoniellen Gesetzen lehren sie, dass der Mensch ein Sohn Gottes nicht ist, sondern ein Knecht, der sowohl in diesem Leben als auch im Jenseits beschränkt wird.

Liebe Grüße,
Joseph


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