Regelmäßige Lesung aus der Schatzkammer Davids von Spurgeon

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Jörg
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Regelmäßige Lesung aus der Schatzkammer David Ps19

Beitragvon Jörg » 27.04.2019 12:39

Erläuterungen und Kernworte

Die Sünden aus Versehen, von denen 3. Mose 4,2 redet, sind dieselben wie die Verirrungen , wider die David in unserm Verse bittet. Es sind das nicht etwa nur Unterlassungssünden, sondern Tatsünden, von denen der Täter aber zur Zeit, da er sie vollbrachte, nicht meinte, dass sie Sünde seien. Wiewohl er die Sache mit Bedacht tat, merkte er doch die Sündhaftigkeit seines Tuns nicht. So trügerisch ist die Sünde, dass ein Mensch eine schwere Missetat begehen und sich dennoch in dem Augenblick dessen, was er damit tut, nicht bewusst sein kann. Mangel an Erkenntnis der Wahrheit und an Zartheit des Gewissens verbergen es vor uns. Die Härte des Herzens und die Verdorbenheit unserer Natur verursachten es, dass wir sündigen, ohne es zu merken. Aber auch da kommt uns der Trost der Schrift entgegen. Jahwe, der Gott Israels, richtete ein Opfer ein für Sünden der Unwissenheit und offenbarte damit schon dasselbe mitleidige und auf unser Heil bedachte Herz, das an unserm großen Hohenpriester so herrlich kund wird, der mitfühlen kann mit denen, die da unwissend sind und irren (Hebr. 5,2). Andrew A. Bonar 1859.

Es ist nützlich, die Sünden in Sünden der Unwissenheit, der Schwachheit und der Vermessenheit zu scheiden, je nachdem der Fehler hauptsächlich im Verständnis, in den sinnlichen Trieben oder im Willen liegt. Lasst uns zur Erläuterung drei Beispiele aus der reichen Schatzkammer der Schrift entnehmen, drei hervorragende Männer, David, Petrus und Paulus, deren Sünden -- Mord eines Unschuldigen, Verleugnung Christi und Verfolgung der Gemeinde -- ebenfalls besonders hervorragen. Die Verfolgungssucht des Saulus war eine überaus schwerwiegende Sünde und dennoch eine Sünde der Unwissenheit; Petrus’ Verleugnung war ebenfalls schrecklich und doch eine Schwachheitssünde; aber Davids Mordtat war eine weit schlimmere Missetat, weil sie ein vorsätzlicher Frevel war. St. Paulus verfolgte und verstörte vor seiner Bekehrung die Gemeinde Gottes bis aufs äußerste, ging hin und her in die Häuser und zog hervor Männer und Weiber, überantwortete sie ins Gefängnis und zwang sie zu lästern; er reiste in entfernte Gegenden, um unter den Bekennern Christi so viel Unheil wie möglich anzurichten und schnaubte mit Drohen und Morden wider die Jünger des Herrn, mit einer Wut, als wäre er ein Wahnsinniger (Apg. 26,11). Seine Leidenschaften waren aber wider sie entbrannt nicht aus persönlichen Gründen oder durch die Reize sinnlicher Triebe (Zorn, Wollust und dergl.), sondern einzig durch seinen Eifer für das Gesetz; und wahrlich, sein Eifer hätte alles Lob verdient, wenn er nicht ein blinder Eifer gewesen wäre. Auch durchkreuzte nicht sein Wille sein Urteil, sondern jener war durch dieses geleitet; denn er meinte bei ihm selbst, er müsste viel zuwider tun dem Namen Jesu von Nazareth (Apg. 26,9). Und wahrlich, sein Wille wäre gut gewesen, wäre er nicht missgeleitet gewesen. Der Fehler lag in seiner Erkenntnis , indem Paulus von der Wahrheit der christlichen Lehre noch nicht überzeugt war. Er war im Gegenteil noch ganz gewiss, dass Jesus ein Betrüger gewesen und das Christentum eine verderbliche Irrlehre sei, vom Satan zur Unehre und zum Schaden des mosaischen Gesetzes aufgebracht. Sein irregeleitetes Urteil war es, was alles vergiftete und aus dem Eifer für das Gute einen Eifer wider das Gute machte. Eben darum bezeichnet Paulus selber seinen Verfolgungseifer als eine Sünde der Unwissenheit (1.Tim. 1,13). Solcherart war dagegen Petrus’. Verleugnung nicht. Er wusste gut genug, wer Jesus war, da er so lange mit ihm in trautem Umgang gestanden, auch lange vorher schon ein gutes Bekenntnis von ihm als dem Messias, dem Sohn des lebendigen Gottes, abgelegt hatte. Auch wusste er, dass er nur keinen Preis ihn verleugnen dürfe, gerade darum war er vorher von solcher Zuversicht erfüllt gewesen, dass er es nicht tun werde, weil er so stark davon überzeugt war, dass er es nicht tun dürfe. Augenscheinlich mangelte es dem Petrus daher nicht an Erkenntnis, weder über die Person seines Meisters noch über seine eigene Pflicht, so konnte er sich denn in keiner Weise mit Unwissenheit entschuldigen. Doch lag die Ursache seines Fehltritts auch nicht in solchem Grade in seinem Willen , dass seine Verleugnung die Eigenschaft einer vorsätzlichen, vermessenen Sünde gehabt hätte. Denn obwohl er tatsächlich den Herrn verleugnete, und zwar mit schrecklichen Schwüren und Flüchen, so geschah es doch von seine nicht mit dem vorüberlegten Gedanken oder Wunsch, von Jesus abtrünnig zu werden. Nein, er kam vielmehr gewiss mit entgegengesetzten Gedanken zu dem Hofe des Hohenpriesters und sobald er durch den zweiten Hahnenschrei zur Besinnung kam über das, was er getan, gereute es ihn schmerzlich und er weinte bitterlich darüber. Wir finden in der ganzen Erzählung nichts, was auf ein tieferes Widerstreben seines Willens hindeutete. Dagegen in seinem Gemüt , ja, da lag der Fehler. Eine plötzliche Anwandlung von Furcht übermannte seine Seele, als er seinen Meister so unwürdig behandelt sah vor seinen Augen (was ihm zeigte, welch grausames Schicksal ihm zuteil werden könne, wenn er sich hier zu Jesus bekenne) und diese Furcht nahm ihm für eine Weile den Gebrauch seiner Vernunft und richtete all sein Sinnen so auf den einen Punkt, wie er der drohenden Gefahr entrinnen könne, dass er gar nicht dazu kam, sein Gewissen zu befragen, ob es Sünde sei oder nicht. Darum, weil sie durch eine solche plötzliche Verwirrung und heftige Gemütserregung verursacht war, haben wir die Sünde des Petrus trotz ihrer Schwere als Schwachheitssünde zu bezeichnen. Als, aber David den Mordplan gegen Uria ersann, beging er eine noch schwerere Sünde, als, jene beiden. Er kannte das göttliche Gesetz zu gut, als dass er nicht gewusst hätte, welch himmelschreiende Sünde der vorsätzliche Mord eines Unschuldigen ist; und dass Uria unschuldig war, wusste er ebenfalls. So war denn, was David tat, nicht eine Sünde der Unwissenheit. Auch war es streng genommen keine Schwachheitssünde , wie wenn sie in plötzlicher Aufwallung des Zornes begangen worden wäre, wie man etwa für seinen Ehebruch mit Bathseba, als in der hitzigen Begierde der Wollust begangen, mildernde Umstände zugestehen mag. Obwohl er Zeit und Muße genug hatte, zu bedenken, was er zu tun im Begriff stand, tat er es dennoch, nur kühlem Blut und sorgfältiger Überlegung, hin und her ratschlagend, auf welche Weise er es am besten ausführen könne. Er war entschlossen, Uria aus der Welt zu schaffen, komme davon, was da wolle. In Anbetracht dieser festen Willensentschließung war Davids Sünde ein vermessener Frevel. Bischof Robert Sanderson † 1663.

Das ist ein eigentümlicher Unterschied zwischen pharisäischer und wahrer Heiligkeit: Jene hat die Augen überall, nur nicht zu Hause, -- wie der Pharisäer im Tempel über den Zöllner aburteilte, bei sich aber nichts Tadelnswertes sah; diese hingegen hält sorgsam daheim Rundschau und dringt forschend in die verborgenen Winkel des Hetzens. So sehen wir es hier bei David. D. Nathanael Hardy † 1670.

Gar manchmal sind den Blicken des Gottesfürchtigen Sünden, wiewohl er sie begangen hat, verborgen, weil er nicht eifrig und genau genug sich selber erforscht und nicht unparteiisch sein Leben untersucht. Darum ermahnt die Schrift uns so oft zur Prüfung und Durchforschung unseres Inneren; denn nur durch solches Sichten und Sieben unserer Gedanken, Werke und Worte können wir erkennen, was Weizen und was Spreu ist. Anthony Burgeß 1656.

Ich finde, die Art und Schwere der einzelnen Sünden hängt so sehr von der Art der Persönlichkeit und den Umständen ab, dass das bei dem einen Menschen ein Schwachheitsfehler ist, was sich bei dem andern als schwere Sünde darstellt. Wer mit Willen sündigt und nach vollbrachter Tat -- nicht um seine Seele wider den Satan zu ermutigen, sondern um vor sich selber seine Sünde zu beschönigen -- sagt, es sei nur eine Schwachheitssünde, der wird sich aller Voraussicht nach durch seine "Schwachheitssünden" in die Hölle bringen. Richard Capel † 1656.

V. 14. Halte deinen Knecht auch zurück von Vermessenheitssünden. (Siehe d. Ausl.) Dem Bösen ist’s ein Kreuz, dass er nicht sündigen kann, wie er möchte; der Gute hingegen freut sich darüber, dass Gott ihn von der Sünde zurückhält. Wo sich Gelegenheiten zur Sünde bieten, streckt der Böse seine Hand nach der Sünde aus; der Gute aber streckt seine Hand flehend gen Himmel aus wider seine Sünde. Und wenn er findet, dass sein Herz bereit ist, sich dem Bösen hinzugeben, ruft er: O halte du deinen Knecht zurück ! Der Gottlose wird von der Sünde zurückgehalten, wie ein Freund vom Freunde, wie ein Liebhaber von seiner Geliebten: Ihr Herz gehört einander und ihr Sinnen geht darauf, sich zu vereinigen. Aber der Fromme wird von dem Frevel zurückgehalten, wie ein Mann von seinem Todfeind, dessen Nähe er hasst und dessen gänzlichen Untergang er begehrt. Es ist des Gottesfürchtigen Kummer, dass sein Herz, weil es noch immer Böses in sich hat, noch gezähmt und gezügelt werden muss; den Gottlosen verdrießt es und ist ihm eine Qual, dass er noch im Zaum gehalten wird. So wird uns klar, worauf David mit seiner Bitte um Zurückhaltung vom Frevel zielt, nämlich nicht nur auf Bewahrung vor einzelnen Ausbrüchen, sondern auf Bezwingung der bösen Neigungen in seinem Innern, und zwar auf gänzliche Abtötung derselben. Obadiah Sedgwick † 1658.

Deinen Knecht: O Gott, du bist mein Herr, du hast mich zu deinem Dienst erwählt, und ich habe mich dir zum Gehorsam ergeben. Nun wird ein Herr doch gewiss seinem Knecht helfen wider einen Feind, der ihn eben wegen des Dienstes angreift. Darum, Herr, hilf mir! Ich vermag mich nicht durch eigene Kraft gegen ihn zu behaupten; aber du bist der allvermögende Helfer. Obadiah Sedgwick † 1658.

Daß sie nicht über mich herrschen. Jede scheinbar noch so kleine Sünde kann über den Menschen die Oberhand gewinnen und ihn mit der Zeit, wenn sie durch Gewohnheit eingewurzelt und erstarkt ist, in solchem Grade unter sich zwingen, dass er kaum ihr Joch abschütteln und sich von ihrer Tyrannei befreien kann. Wir können das an gewohnheitsmäßigen Fluchen oder Trinkern nur zu oft recht augenscheinlich bestätigt sehen. Solche Sünden wachsen aber meist ganz allmählich heran; sie schleichen sich unvermerkt auf den Thron und üben ihre Herrschaft über die geknechtete Seele erst dann öffentlich aus, wenn sie durch viele einzelne Sündenfälle erstarkt sind. Vermessenheitssünden dagegen bewirken oft plötzlich und auf einmal eine große Veränderung in der Seele und machen durch eine einzige Tat erstaunliche Fortschritte, indem sie den Nerv des geistlichen Lebens durchschneiden und dem Fleisch gewaltig Vorschub leisten, sogar ihm zum entscheidenden Sieg für immer verhelfen. Bischof Robert Sanderson † 1663.

Großer Missetat. Wache mit heiligem Eifer, dass du nicht in irgendeine Sünde gerätst; vor allem aber hüte dich vor solchen Sünden, die der Sünde wider den heiligen Geist nahe kommen; als da ist: Heuchelei, da man nur die äußerlichen Formen der Religion mitmacht und sich so vor Gott verstellt und mit dem Heiligen spielt; ferner vorsätzliches Sündigen wider die Überzeugung des Gewissens. Solche Sünden sind zwar an sich noch nicht unmittelbar die Sünde wider den heiligen Geist, aber sie kommen ihr nahe und sind der gerade Weg dazu. Darum hüte dich besonders vor ihnen, damit sie dich nicht mit der Zeit in jene unverzeihliche Sünde stürzen. Robert Bussel 1705.

V. 15. David konnte es nicht ertragen, dass auch nur ein Wort, ein Gedanke von ihm des göttlichen Wohlgefallens entbehren sollte. Er war nicht damit zufrieden, dass sich seine Taten vor den Menschen auf Erden wohl bezeugten, wenn nicht sogar seine innersten Gedanken von Gott im Himmel ein gutes Zeugnis erhielten. Joseph Caryl † 1673.

Weißt du auch, dass das die beste Weise ist, mit Gottes Wort fruchtbar umzugehen, wenn ernstliche Betrachtung und Beten einander ablösen? Da ist Gottes Wort und dessen Erinnerungen bei dir zu Grund gesunken, wenn sie sich im Beten wieder aufwärts treiben, und da ist dem Herz und Mund zum Beten recht gestimmt, wenn es vom Wort Gottes und dessen Erinnerungen getrieben wird. K. H. Rieger † 1791.

, Erlöser (Röm. 11,26; Jes. 59,20; Apg. 7,35), ist von Schulden, Gefahren, Gewalt, Verderbnis, Feinden, jedem Übel, besonders aus einem Stand der Alienation (der Enteignung), 1.Kön. 16,11; Ruth 3,9. Friedr. Christoph Oetinger 1775.

Die letzte Strophe gibt in nuce (ganz kurz gefasst) eine scharf umrissene Soteriologie (Heilslehre). Nimmt man Ps. 32 hinzu, so hat man das Ganze des Heilswegs in fast Paulinischer Klarheit und Bestimmtheit. Paulus zitiert auch beide Psalmen; sie waren gewiss seine Lieblinge. Prof. D. Franz Delitzsch † 1890.

Homiletische Winke

V. 2-7. Gottes Macht, Weisheit, Güte, Sorgfalt, Treue, Erhabenheit und Herrlichkeit erkennbar an den sichtbaren Himmeln.
Vergleich zwischen der Offenbarung Gottes an den Himmeln und der Offenbarung im Wort, mit besonderer Hervorhebung Christi als der Zentralsonne der heiligen Schrift.
V. 2. Das Verkündigen der Ehre Gottes- ein Werk, in dem wir mit der Schöpfung wetteifern sollen. Die Hoheit, Köstlichkeit, Nützlichkeit und Pflichtmäßigkeit solchen Gottesdienstes.
V. 3. Die Stimmen des Tages und der Nacht. Tag- und Nachtgedanken.
V. 4. Die Übersetzung: "Ohne Rede, ohne Worte, unhörbar ihre Stimme" legt in Verbindung mit dem folgenden Vers die bildliche Anwendung auf die Beredsamkeit eines stillen Zeugnisses durch den Wandel nahe.
V. 5. Inwiefern Gott sich allen Menschen geoffenbart habe.
V. 5-7. Jesus die Sonne der Gerechtigkeit: 1) Sein Gezelt. 2) Seine Erscheinung als Bräutigam. 3) Seine Freude als Siegesheld. 4) Seines Evangeliums-Lauf über den Erdkreis und dessen Einfluss.
V. 6. Die Freude des Kraftgefühls; die Freude heiligen Wirkens; die Freude im Blick auf den zu erwartenden Lohn.
V. 7b. Die alles durchdringende Kraft des Evangeliums.
V. 8a. Das Wort Gottes. 1.) Was ist es? Ein Gesetz. 2) Wessen ist es? Des Herrn. 3) Wie beschaffen ist es? Vollkommen. 4) Was bewirkt es? Es erquickt (belebt) die Seele.
V. 8b. Gottes Schule. 1) Die Schüler. 2) Das Lehrbuch. 3) Der Lehrer. 4) Die Fortschritte.
Die Weisheit der Unweisen.
V. 9a. Die herzerfreuende Kraft des Wortes: 1) begründet in seinem Wesen (r$fyf). 2) erprobt in der Erfahrung: es macht das Herz wahrhaft froh, und zwar in allen Lagen (Partizip).
V. 9b. Die beste Augensalbe.
V. 10. Die Reinheit und ewige Beständigkeit der wahren Religion ("Furcht des Herrn"), und die Wahrheit und Gerechtigkeit der Grundsätze, auf denen sie erbaut ist.
V. 11. Zwei Gründe, die uns bewegen sollten, Gottes Rechte zu lieben; sie gewähren Gewinn und Freude.
Die unaussprechliche Wonne des Sinnens über Gottes Wort.
V. 12a. 1) Eine dankenswerte Wohltat: Erinnerung (Belehrung, Mahnung, Warnung); 2) Durch wen erwiesen? Durch die Rechte des Herrn; 3) Wem? "Deinem Knecht"; 4) Wann? Stetig (Partizip).
V. 12b. Echt evangelischer Lohn (Jak. 1,25). In ihrer Beobachtung (wörtl.), nicht: für die Beobachtung.
V. 13-14. Drei Grade der Sünde; Verborgene (d. i. unbewusste, unbeachtete), vermessene (s. d. Ausl.) und unverzeihliche Sünden.
V. 13. "Die Sünde ist unermesslich", siehe Predigt von C. H. Spurgeon, 1. Bd. (Min.-Ausg. S. 131), Baptist. Verlag, Kassel.
V. 15. Gebet um den Geist des Gebetes. Sacharja 12,10; Röm. 8,26. 27.

Das Verlangen zu gefallen. Etliche suchen sich selber zu gefallen, andere den Menschen, andere Gott. Zu den letzten gehörte David. Die Bitte zeigt 1) seine Demut, 2) seine Liebe zu Gott, 3) sein Pflichtbewusstsein und 4) sein Verlangen gesegnet zu werden. W. Jay † 1853.
Übereinstimmung von Mund und Herz notwendig, nur das Wohlgefallen Gottes zu erlangen.
Es muß alles erst einmal an Gott vorüber, bevor es mich treffen kann. (Helmut Thielicke)

Jörg
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Regelmäßige Lesung aus der Schatzkammer David Ps20

Beitragvon Jörg » 30.04.2019 15:55

PSALM 20 (Auslegung & Kommentar)


Inhalt

Wir haben hier eine Nationalhymne vor uns, deren Bestimmung offenbar war, beim Ausbruch eines Krieges gesungen zu werden, wenn der König sich das Schwert umgürtete und in den Streit zog. Wenn David nicht mit Kriegen geplagt gewesen wäre, so würden wir wohl nie mit einem Psalm wie diesem beschenkt worden sein. Es waltet ein hehrer göttlicher Plan in den Trübsalen der Heiligen auf dieser Erde. Der eine muss durch viel Schweres hindurch, damit er andern Trost darreichen könne. Ein glückliches Volk bittet hier für seinen geliebten Herrscher; aus vollem Herzen rufen sie zu Jahwe: Domine salvum fac regem. 1 Dass dieser Psalm für den öffentlichen Gottesdienst bestimmt war, ersehen wir nicht nur aus dem Inhalt des Liedes, sondern auch aus der Widmung an den Musikvorsteher (Vorzusingen). Israels bester Dichter war sein Verfasser, wie uns die kurze Überschrift "Ein Psalm Davids " meldet. Die nächste Veranlassung zur Abfassung dieses Liedes erraten zu wollen, wäre vergebliche Mühe; führte Israel zu Davids Zeiten doch fast beständig Krieg. Das Schwert dieses Helden mag je und dann stumpf geworden sein, aber rostig war es nie. Rabbi David Kimchi († 1250) und andere übersetzen den Titel: Ein Psalm auf David . Es scheint uns klar, dass dieser König sowohl der Gegenstand des Liedes ist als auch sein Verfasser, der es der Gemeinde in den Mund legt. Bei einigem Nachdenken wird man den alten jüdischen und christlichen Auslegern Recht geben, die den vorliegenden wie den folgenden Psalm auf den Messias deuten 2 Dieses Gebetslied weist prophetisch auf unsern Herrn Jesus. Wir hören darin das Flehen der alten Kirche für ihren Herrn, den sie im Geist in heftigem Kampf für sie begriffen erschaut. Das streitbare Volk Gottes, mit dem mächtigen Herzog der Seligkeit an der Spitze, hat noch heute ernstlich im Gebet zu ringen, dass des Herrn Vornehmen durch die Hand seines auserwählten Knechtes fortgehe (Jes. 53,10) Darauf wird denn auch bei unserer kurzen Erklärung des Psalms unser Augenmerk hauptsächlich gerichtet sein, jedoch ohne dass wir uns ausschließlich darauf beschränken.

Einteilung

V. 2-5 sind ein Gebet um Erfolg für den König. V. 6-8 drücken das unerschütterliche Vertrauen des Volkes auf Gott und seinen Gesalbten aus. V. 9 bezeugt den Fall des Feindes und V. 10 macht den Schluss mit einer nochmaligen Anrufung des Herrn.

Auslegung

2. Der Herr erhöre dich in der Not,
der Name des Gottes Jakobs schütze dich!
3. Er sende dir Hilfe vom Heiligtum, und stärke dich aus Zion.
4. Er gedenke all deines Speisopfers,
und dein Brandopfer müsse vor ihm fett sein. Sela.
5. Er gebe dir, was dein Herz begehrt,
und erfülle alle deine Anschläge.


2. Der Herr erhöre dich in der Not, wörtl.: am Tage der Drangsal . Allen treuen Untertanen ist es Herzenssache, für ihren König zu beten, und in Zeiten des Kampfes verdoppeln sie ihr Flehen. So konnte es auch nicht anders sein, als dass schon die alttestamentliche Gemeinde des Herrn in prophetischem Geist an den Leiden des Messias voll Inbrunst betend Anteil nahm. Alle Tage in dem Leben unseres Heilands waren Tage der Not, der Drangsal und Anfechtung; doch er wandelte sie in Tage des Flehens und die Gemeinde vereinigt ihre Fürbitte mit dem Flehen ihres Herrn und dringt auf Erhörung für ihn in seinem Geschrei und seinen Tränen. Besonders dunkel war die Stunde des Kampfes dort im Garten; aber er wurde erhört, darum dass er Gott in Ehren hatte. Er wusste, dass sein Vater ihn immer erhörte; dennoch kam in jener Trübsalsstunde keine Antwort, bis dass er dreimal betend auf sein Angesicht gefallen war. Dann erst erlangte er genügende Kraft als Antwort auf sein Flehen, so dass er als Sieger aus dem Kampfe hervorgehen konnte. Auch am Kreuze blieb sein Gebet nicht unerhört, wie er im 22. Psalm V. 25 sagt: Da der Elende zu ihm schrie, hörte er’s. -- Die Gemeinde Christi setzt in diesem Verse voraus, dass ihr Herr ein Beter ist. Er war in der Tat ein Meister in der heiligen Kunst des Flehens. Darin ist er unser Vorbild. Wollen wir irgendwelchen Nutzen von den Gebeten anderer haben, so müssen wir vor allem auch selber beten. Welche Gnade ist’s, dass wir beten dürfen am Tage der Drangsal, und welch köstliches Vorrecht, dass keine Not, wie groß sie immer sei, den Herrn hindern kann, uns zu hören ! Die Trübsalswogen mögen grollen und tosen wie der Donner; es kann dennoch kein Sturmesbrausen die Stimme des Glaubens übertäuben, sie wird trotz allem gehört. Ja, o Jesu, wenn du für uns bittest in der Stunde der Not, so wird der Herr, Jahwe, dich hören. Wie erquickend ist diese Gewissheit! Wir dürfen ohne den geringsten Zweifel unser Herz daran weiden.
Der Name des Gottes Jakobs schütze dich, wörtlich: stelle dich hoch, erhöhe dich , so dass du sicher bist; er entrücke dich deinen Feinden auf Triumpheshöhe. Der Name Gottes bezeichnet die Offenbarung des Wesens Gottes. Wir sollen nicht "dem unbekannten Gott" Altäre errichten, sondern den Bundesgott Jakobs kennen zu lernen suchen, dem es gefallen hat, sein Wesen dem auserwählten Volke kundzutun. Es gibt der hohen Namen viel auf Erden; aber was sind sie alle gegen diesen Namen über alle Namen, dessen Tiefen zu ergründen unsere selige Aufgabe sein wird, wenn wir einst an der Hochschule des Himmels studieren. -- Die herrliche Macht Gottes beschützte und bewahrte den Herrn Jesus in dem Kampf seines Lebens und seines Todes und erhöhte ihn über die Gewalt aller seiner Feinde. Für seine eigene Person ist der Streit nun beendet; aber in seinem geistlichen Leib, der Gemeinde, ist der Herr noch von Gefahren umringt und nur der allmächtige Arm unseres Bundesgottes kann die Streiter des Kreuzes beschützen und sie dem Bereich ihrer Feinde hoch entrücken. Noch ist der Tag der Not nicht vorüber, noch darf die Fürbitte des Heilands nicht aufhören, noch muss der Name des Gottes Israels seine Getreuen schirmen. Der Name "der Gott Jakobs" ist sinnreich. Die Geschichte des Erzvaters zeigt, wie Gott in der Not erhört. Vor allem denken wir an den einen Tag der Drangsal, als Jakob mit Gott rang, bis die Morgenröte anbrach (1. Mose 32). Er wurde erhört. Gott schirmte ihn vor Esau und entrückte ihn der drohenden Gefahr. Jakobs Gott ist unser Gott. Jedem ringenden Jakob erweist er sich als der mächtige Helfer. Der ganze Vers eignet sich trefflich als Segensspruch über ein Kind, einen Freund oder einen Diener am Wort in Zeiten, wo wir Anfechtung und Trübsal ihrer warten sehen. Dieser Gebetswunsch schließt beides, leiblichen und geistlichen Schutz, in sich und richtet das Herz auswärts zu dem Einen, von dem alles Gute kommt. Wie köstlich ist es, glauben zu dürfen, dass unser himmlischer Vater selber solchen Segen über uns ausgesprochen hat!

3. Er sende dir Hilfe vom Heiligtum. Aus dem himmlischen Heiligtum kam der Engel, den Heiland zu stärken, und an den köstlichen Erinnerungen von Gottes Walten in seinem Heiligtum erquickte sich der Herr, als er am Kreuze hing. Keine Hilfe kommt der gleich, welche Gott aus seinem Heiligtum sendet. Das Heiligtum besteht für uns in der Person unseres hochgelobten Heilands, auf den der Tempel vorbildlich hinwies. Jesus ist das wahre Heiligtum, von Gott und nicht von Menschen errichtet. Lasst uns in jeder Zeit der Not beim Kreuze Schutz suchen, so werden wir Hilfe finden. Die Leute dieser Welt verachten die Hilfe, die aus dem Heiligtum kommt; aber unsere Herzen haben gelernt, sie hoch über alle weltliche Hilfe zu schätzen. Sie suchen ihre Hilfe in der Rüstkammer oder der Schatzkammer oder Speisekammer, wir in der verborgenen Kammer des göttlichen Heiligtums. Und stärke dich aus Zion. Aus den Versammlungen der betenden Heiligen, welche seit Jahrhunderten dort in Zion für ihren Herrn gefleht hatten, mochte dem verachteten Dulder wohl Hilfe zuströmen; denn Gebet kann nimmer verloren sein. Dem mystischen Leibe des Herrn fließen die reichsten Güter zu als Antwort auf das Flehen, das aus dem geistlichen Zion zu Gott empordringt. Es gibt der Arzneien viele, die als stärkend angepriesen werden; aber nichts vermag den Gläubigen so mit Kraft zu erfüllen, als wenn Gottes Volk mit vereintem Flehen auf den Herrn harrt. -- Dieser Vers eignet sich trefflich als Segenswunsch am Morgen des heiligen Ruhetages, sei es des Hirten für seine Gemeinde, sei es der Gemeinde für ihren Hirten.

Fußnoten
1. V 10a. nach der Vulgata. Aus diesem Wort sind viele Nationalhymnen z. B. auch das englische God save the King, entstanden.

2. F. W. Schultz sagt (1888): Targ. Rabbiner und ältere Ausleger deuten beide Psalmen auf den Messias und jedenfalls handelt es sich um den Sieg nicht über diesen oder jenen Feind Israels, sondern über die Gegner des Reiches Gottes, über die Heiden deren weltliche Gesinnung ausdrücklich hervorgehoben wird also um das, was schließlich erst Christus gelingen sollte und gelingen wird.
Zuletzt geändert von Jörg am 04.05.2019 11:52, insgesamt 2-mal geändert.
Es muß alles erst einmal an Gott vorüber, bevor es mich treffen kann. (Helmut Thielicke)

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Regelmäßige Lesung aus der Schatzkammer David Ps20

Beitragvon Jörg » 04.05.2019 11:41

4. Er gedenke aller deiner Speisopfer (Grundt.), und dein Brandopfer müsse vor ihm fett sein. Die Könige Israels pflegten, ehe sie ins Feld zogen, Opfer darzubringen (vergl. 1. Samuel 13,9). Auf Grund der Annahme dieser erhofften sie einen glücklichen Ausgang des Krieges. Unser hochgelobter König gab sich selbst zum Opfer dar und wurde dem Allerhöchsten zum süßen Geruch. Dann ging er den in Schlachtordnung stehenden Legionen der Hölle entgegen und brachte sie in Verwirrung. Jetzt noch erfüllt sein Brandopfer die Himmel mit Wohlgeruch und durch ihn werden die Opfer seines Volkes als seine Opfer und Gaben angenommen. Wir sollten in unsern geistlichen Kämpfen unser Auge auf das Opfer Jesu gerichtet halten und uns nie in die Schlacht wagen, bis der Herr uns von dem Altar des Kreuzes her, wo der Glaube ihn als den blutenden Heiland erblickt, das Zeichen gegeben hat. Sela. Es ist gut, bei dem Kreuz stillzustehen, bevor wir zum Kampf schreiten. Wir sind oft so hastig, dass wir eben deshalb nicht recht vorwärts kommen. Ein wenig Besinnens im rechten Augenblick würde unsere Schnelligkeit oft mächtig fördern. Halt ein, lieber Freund, raste ein wenig und bringe dein Herz in die rechte Stimmung, bevor du an die ernsten Ausgaben gehst, die dir bevorstehen.

5. Er gebe dir, was dein Herz begehrt, und erfülle alle deine Anschläge. Es war das Verlangen und das Vorhaben Christi, sein Volk zu erretten; die alte Kirche wünschte ihm guten Erfolg zu seinem Vorhaben und die Gemeinde des Herrn in unsern letzten Tagen sehnt sich von ganzem Herzen nach der vollkommenen Erfüllung seines Vornehmens. In Christus Jesus geheiligte Seelen mögen sich diesen Vers als eine Zusage aneignen; sie werden ihres Herzens Wunsch erlangen und ihre Pläne zur Verherrlichung ihres Meisters werden gelingen. Wir dürfen wohl einen Willen haben, wenn unser Wille Gottes Wille ist. Das war bei unserm Erlöser immer der Fall; dennoch sagte er: "Nicht wie ich will, sondern wie du willst." War die rechte Ergebung für ihn notwendig, wie viel mehr ist sie es für uns!

6. Wir rühmen, dass du uns hilfst,
und im Namen unsers Gottes werfen wir Panier auf.
Der Herr gewähre dir alle deine Bitten.
7. Nun merke ich, dass der Herr seinem Gesalbten hilft,
und erhöret ihn in seinem heiligen Himmel;
seine rechte Hand hilft gewaltig.
8. Jene verlassen sich auf Wagen und Rosse;
wir aber denken an den Namen des Herrn, unsers Gottes.

6. Wir wollen rühmen wegen deines Heils (Grundt.), d. i. wegen des Siegesglücks, das dir zuteil wird. Jesus gehört der Sieg und sein ist das Heil, das aus demselben fließt; darum heißt es: dein Heil . Wir aber dürfen und sollen es uns aneignen und darüber frohlocken. Wir sollten uns fest vornehmen, dass wir uns über den rettenden Jesusnamen freuen wollen, komme, was da wolle. Die Leute in unserm Psalm waren des Sieges gewiss, noch ehe der König in den Kampf gezogen war, und darum fingen sie schon vorher an zu rühmen und zu jauchzen; wie viel mehr sollten wir das tun, die wir auf den errungenen Sieg blicken können! Der Unglaube fängt über das Begräbnis zu weinen an, noch ehe der Mann gestorben ist; warum sollte denn der Glaube nicht auch anfangen zu jubilieren, ob auch der himmlische Siegesreigen noch nicht angefangen hat? Knospen sind lieblich und noch nicht erfüllte Verheißungen sind unserer Bewunderung wert. Wenn mehr Freude unter dem Volke Gottes herrschte, würde Gott unter den Menschen mehr verherrlicht werden. Die Glückseligkeit der Untertanen ist die Ehre des Herrschers. Und im Namen unsers Gottes Panier aufwerfen. In glaubensmutiger Herausforderung erheben wir das Banner im Angesicht des Feindes, und triumphierend lassen wir die Siegesfahne über dem gefallenen Widersacher wehen. Aber wessen Banner ist’s, das wir entfallen? Auf dem Kampfplatz der Welt erklärt man den Krieg bald im Namen dieses, bald im Namen jenes Königs; aber die Gläubigen gehen in den Kampf im Namen Jesu, des im Fleisch erschienenen Gottes, im Namen Immanuels. Wir leben in bösen Zeiten; aber solange Jesus lebt und in seiner Gemeinde regiert, brauchen wir unsere Fahne nicht furchtsam einzurollen. Unter seinem Siegespanier geht’s mit heiligem Mute vorwärts!
Die Gemeinde kann es nicht vergessen, dass Jesus ihr Anwalt vor dem Throne ist; darum fasst sie alle schon ausgesprochenen Wünsche in dem kurzen Satz zusammen: Der Herr gewähre (erfülle) dir alle deine Bitten . Wir wollen nie vergessen, dass unter diesen Bitten auch jene köstliche ist: Vater, ich will, dass, wo ich bin, auch die bei mir seien, die du mir gegeben hast (Joh. 17,24).

7. Nun weiß ich (Luther 1519), dass der Herr seinem Gesalbten hilft . Wir lernen, solange wir leben, und was wir gelernt haben, schämen wir uns auch nicht zu bekennen. Wer meint, er wisse alles, bringt sich selber um die Freude, welche die Entdeckung neuer Wahrheiten gewährt. Er wird nie im Stande sein auszurufen: "Nun weiß ich’s", denn in seinem Eigendünkel ist er so klug, dass er schon alles weiß, was je noch erforscht werden kann, und noch mehr dazu. Die Seelen, welche sich ihrer Unwissenheit bewusst sind, belehrt der Herr selbst, und sie freuen sich über das Gelernte. -- Ernstes Gebet führt sehr oft zu festem Vertrauen. Die Gemeinde hat gefleht, dass der Herr Jesus in seinem großen Kampfe den Sieg gewinnen möge, und nun schaut sie im Glauben, wie er durch den Arm der Allmacht errettet wird. Augenscheinlich weidet sie sich mit süßem Wohlbehagen an dem köstlichen Ehrennamen ihres Erlösers: Der Gesalbte Jahwes. Sie denkt an Jesus als an den, der vor Grundlegung der Welt für das große Werk auserkoren und dann durch die Salbung mit dem Geist des Herrn so vollkommen dazu ausgerüstet worden ist. Das ist stets der kostbarste Trost der Gläubigen, dass Jahwe selbst Jesus zum Fürsten und Heiland gesalbt hat, dass des Herrn ureigner Gesalbter unser Schutz und Schild ist. Und erhöret ihn von seinem heiligen Himmel mit hilfreichen Machttaten seiner Rechten (wörtlich). Es wird hier bestimmt versichert, dass sowohl Gottes Heiligkeit als Gottes Macht dem Heiland in seinem Kampfe zu Hilfe kommen würden. Und fürwahr, diese herrlichen Eigenschaften Gottes fanden beide entsprechende Verwendung bei der Erhörung der bangen Klagen des heiligen Dulders. Weil Jesus erhört wurde, wird der Herr auch unsern Bitten gnädig sein Ohr leihen. Gott ist im Himmel; aber unsere Gebete können jene herrlichen Höhen erklimmen. Die Himmel sind heilig; aber Jesus reinigt unsere Gebete, und so erlangen sie dort Zutritt. Unsere Not ist groß, aber der göttliche Arm ist mächtig, und zwar mächtig zu helfen ; alle seine Machttaten zielen darauf ab, sein Volk zu erretten, ihm Heil und Sieg zu geben. Und endlich ruht diese gewaltige Macht in der Hand, die am meisten gebraucht wird und am schnellsten zum Handeln bereit ist, -- in seiner rechten Hand. Wie ermutigend ist doch das alles für die gläubige Betgemeine!

8. Gegensätze stellen oft die Wahrheit in besonders helles Licht. Hier setzt die Kirche das Vertrauen der fleischlich gesinnten Menschen auf die Kreatur in Gegensatz zu ihrem Vertrauen auf ihren Fürsten Immanuel und den unsichtbaren Ewigen. Diese (verlassen sich3 auf Wagen und jene auf Rosse. (Grundt.) Streitrosse und Kriegswagen sind ein gewaltiger Anblick. Das Rasseln der Wagen und das Schnauben der Rosse, die feinen Schabracken und blitzenden Rüstungen, das Dröhnen der Erde und das Wirbeln des Staubes machen ein solches Aufsehen, dass die eiteln Menschenkinder ganz davon hingerissen werden. Aber das Auge des Glaubens lässt sich von dem Glanz nicht blenden; es sieht kraft seines durchdringenden Blickes Größeres in dem unsichtbaren Gott, als in all diesem Schaugepränge. Das gefürchtetste Kriegswerkzeug war in den alten Zeiten der Streitwagen, dessen Räder oft, z. B. bei den Persern, mit Sensen versehen waren, die die Feinde wie Gras dahin mähten. Diese Kriegswagen und die feurigen Streitrosse waren der Stolz und Ruhm der benachbarten Nationen; aber das heilige Volk des Höchsten hielt den Namen Jahwes für eine weit bessere Wehr. Da es den Israeliten nicht erlaubt war, viele Rosse zu halten (5. Mose 17,16), so war es nur natürlich, dass sie die Reiterei der Feinde mit ganz besonderer Furcht betrachteten. Es ist darum ein desto größerer Erweis von starkem Glauben, wenn der kühne Sänger hier sogar Ägyptens stolze Rosse verachtet im Vergleich mit dem Herrn der Heerscharen. Ach, wie viele gibt es doch in unsern Tagen, die vorgeben, des Herrn Eigentum zu sein, und dennoch so gänzlich von ihren Nebenmenschen oder von dem Arm des Fleisches in dieser oder jener Gestalt abhängig sind, als hätten sie den Namen Jahwe nie gekannt. Jesus, du allein seist unser Fels und unsre Zuflucht; o dass wir nie die Einfalt des Glaubens verlören! Wir aber denken an, d. h. (Grundt.:) rufen an den Namen des Herrn, unsers Gottes. Unser Gott , unser Bundesgott, der uns erwählt hat und den wir erwählt haben. Dieser Gott ist unser Gott. Der Name unseres Gottes ist JAHWE, der Ewigseiende, Unabhängige, Unwandelbare, Allgegenwärtige, alles Erfüllende, der "ICH BIN" (2. Mose 3,14). Lasst uns jenen unvergleichlichen Namen anbeten und ihn niemals dadurch verunehren, dass wir ihm misstrauen oder unsere Zuversicht auf Geschöpfe setzen. Lieber Leser, du musst den Namen des Herrn erfahrungsmäßig kennen gelernt haben, ehe du desselben gedenken kannst. Möge der heilige Geist ihn deiner Seele in Gnaden offenbaren.

Fußnote
3. Das fehlende Verb ist aus dem Zusammenhang zu ergänzen, etwa: Wx+:bIf. Diejenigen, welche das Zeitwort des 2. Versgliedes mit Hitzig, Delitzsch u. rühmen übersetzen, ergänzen natürlich dieses. Es ist aber (Keßler) für
bI: rykIiz:hi nur die Bedeutung anrufen gesichert.
Es muß alles erst einmal an Gott vorüber, bevor es mich treffen kann. (Helmut Thielicke)

Jörg
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Regelmäßige Lesung aus der Schatzkammer David Ps20

Beitragvon Jörg » 07.05.2019 15:09

9. Sie sind niedergestürzt und gefallen;
wir aber stehen aufgerichtet.
10. Hilf, Herr, dem Könige,
und erhöre uns, wenn wir rufen!


9. Der Vers lautet genauer: Sie sind zusammengesunken und gefallen; wir aber sind aufgestanden von dem Fall und halten uns aufrecht , stehen aufrecht und siegreich dem Feinde gegenüber. Der Verschiedenheit des Vertrauens entspricht die Verschiedenheit des Geschicks. Die Feinde Gottes sind zuerst obenauf; aber bald werden sie mit Gewalt erniedrigt oder fallen durch eigene Schuld. Der Grund, darauf sie stehen, ist morsch und hohl; darum weicht er im gegebenen Augenblick unter ihren Füßen. Die Wagen werden mit Feuer verbrannt, die Rosse fallen durch die Seuche; wo bleibt dann die gerühmte Stärke? Hingegen werden die, die auf den Herrn trauen, oft bei dem ersten Angriff niedergeworfen; aber ein allmächtiger Arm hilft ihnen auf und dann stehen sie aufrecht da. Der Sieg Jesu ist das Erbteil seines Volkes. Welt, Tod, Teufel und Sünde werden alle unter den Füßen der Glaubenshelden niedergetreten, während solche, die sich auf den Arm des Fleisches verlassen, auf immer zuschanden und zunichte werden.

10. Nach der Wortverbindung des uns vorliegenden hebräischen Textes lautet der Vers, wie ihn die nicht revidierte Lutherübersetzung wiedergibt: Hilf, Herr; der König erhöre uns, wenn wir rufen. 4 Der Psalm wird hier in Kürze zusammengefasst. Dass Jesus selbst errettet werden und dann als unser König uns hören möge, ist der zwiefache Herzenswunsch. Der erste Wunsch ist bereits erfüllt, und die Gewährung des zweiten ist allen seinen Nachfolgern gesichert. Andere, und so auch die revidierte Lutherbibel, übersetzen (nach LXX und Vulg., mit Abweichung in der Satzteilung): Hilf, Herr (oder gib Heil, Herr) dem Könige; Er (der Herr) erhöre uns, oder nach den LXX 5: Erhöre uns, wenn (wörtl.: am Tage da) wir rufen. Mit diesem innigen Hosiannaruf wollen wir den Psalm schließen. Ja, o Gott, gib Heil dem König! Möge der glorreiche Tag bald kommen, da unser König als Herrscher erscheint!

Erläuterungen und Kernworte


Zum ganzen Psalm. Wie 1. Samuel 13,9 ff. ersehen lässt, pflegte man vor einem Kriegszug zu opfern; Ps. 20 stellt sich als eine liturgische Umrahmung einer solchen Opferhandlung dar, Segenswünsche für den der Gefahr entgegengehenden König (V. 2-6), Zuversicht der Erhörung (V. 7-9) und eine abschließende Bitte (V. 10) enthaltend. Der Wechsel im Numerus des redenden Subjekts führt darauf, den Psalm als einen Wechselgesang zu fassen: V. 2-5 redet ein einzelner den König an, V. 6 fällt ein Chor ein; V. 7 wird wieder (nach dem Opfervollzug) eine einzelne Stimme laut, V. 8.9 lässt sich der Chor hören; im V. 10 . vereint sich die Einzelstimme mit dem Chor. Der Einzelne mag etwa der opfernde Priester gewesen sein. Bei dieser Annahme erklärt sich auch am besten die Wiederholung von V. 5 b in V. 6 c Lic. H. Keßler 1899.

Wirklich gute Wünsche sind köstlich und sollten in Wort und Tat zum Ausdruck kommen; der ganze Psalm lehrt uns dies. Christliche Teilnahme gehört wesentlich zur Christenpflicht. Viel Zartgefühl kann sich in scheinbar geringen Dingen in überaus wohltuender Weise äußern. D. William S. Plumer 1867.

Der ganze Psalm will mit allen Worten dieses haben, dass sich ein Fürst in einem Volk auf keine Kräfte etwas einbilde, auf keine Macht vertraue und sich nicht auf seine guten Anschläge stütze (vergl. Ps. 33,16 f.); sondern vom Himmel muss er seine Hilfe erwarten und mit Gebet streiten. Es würden weniger Kriege und glücklichere Siege sein, wenn sie, nach der Vorschrift dieses Psalms, auf den Herrn vertrauten und tapferer beteten als zuschlügen. Martin Luther 1519.

Ich halte dafür, dass David diesen Psalm gemacht habe, dass ihn sein Volk beten möchte, sooft er zum Streit auszöge. Und es scheint mir, der Psalm habe dem David alle seine Siege ausgerichtet; er wird seine Büchse und Harnisch gewesen sein. Martin Luther 1530.

In der Not : Die ist bei einer Obrigkeitsperson tausendmal größer als bei andern; denn an der Obrigkeit hängt das ganze Land mit allen Untertanen. J.D. Frisch 1719.

Glaube nur sicher, es kommt mit Regierungen und Kommando nicht auf der Menschen Macht, Weisheit und Courage an. Gott muss das Beste tun, sonst geht’s zu Fried- und Kriegszeiten übel daher. O täten wir Menschen fleißiger und eifriger für unsere Obrigkeit bitten; wir könnten manches Übel abbitten, dahingegen bei unserer Kaltsinnigkeit, Murren und Fluchen wir immer tiefer ins Elend versinken. J. D. Frisch 1719.

Der hugenottische Prediger Gabriel d’Amours, Kaplan Heinrichs IV. von Frankreich, schrieb an diesen kurz vor dessen Abfall vom evangelischen Bekenntnis einen ernst mahnenden Brief, in dem er unter anderem an die Ereignisse des Feldzuges von 1589, an die Berennung von Paris, erinnert. "Sie ließen mich -- in der Nacht der Einnahme der Vorstädte -- holen und sagten mir, was Sie vorhatten, und suchten den Psalm 20 : "Der Herr erhöre dein Gebet" aus, den wir sangen. Und als Sie sich wieder von dem Gebet auf den Knien, das ich über den Psalm verrichtet hatte, erhoben, war Ihr Auge tränend von Freude und von Eifer, und Sie befahlen mir, das weiße Gewand anzulegen und der Truppe des verstorbenen Herrn von Chatillon, ehe man angriff, das Gebet zu halten. Und ich war es, der Ihnen zuerst die Nachricht von der Einnahme der Vorstädte brachte, und dann ließen Sie Ihre Truppen vorrücken, und wir zogen in die Vorstädte ein. Ich sang nun nach meines ganzen Herzens Lust voll Freude den Psalm: "Nun lass, Herr, usw.", wie ich es Ihnen vorher gesagt hatte." G. von Polenz, Geschichte des französ. Calvinismus, 1857.

V. 2. Damit führt er den Fürsten gleich aufwärts, vor Gottes Angesicht, dass er nach dessen Rat und mit dessen Hilfe alles, was er tut, vornehme. -- Sucht ein Fürst die Wohlfahrt des Volks von Herzen, so wird er niemals ohne Trübsal sein; denn der Satan und die ganze Welt wird ihm zuwider sein. -- Nicht das Schwert schützt, nicht der Schild, nicht der Brustharnisch, und gar nichts anders, außer der Name Gottes. (Vergl. Ps. 44,7.) Der tut es, das ist unser Rüstzeug und Büchsen. Der Name des Herrn ist ein festes Schloss (Spr. 18,10). Martin Luther 1519 u. 1530.

Der Name. Wo es heißt: der Name des Gottes Jakobs, ist Gott selbst gemeint; aber es wird in dieser Weise von Gott gesprochen, weil alles, was wir von Gott wissen, nur von dem Kennen seines Namens herrührt. Zu dem Zweck hat er sich selbst in der heiligen Schrift verschiedene Namen beigelegt, damit wir daraus lernen, nicht nur, was er in sich selbst ist, soweit dies für uns zu wissen gut ist, sondern besonders, was er uns ist. Aus diesem Kennen des Namens Gottes wird das Vertrauen auf Gott geboren. Darum heißt er hier der Gott Jakobs, das ist, der Gott, der einen Gnadenbund mit dem Erzvater und seinen Nachkommen gemacht hat, dass er ihr Gott sein wolle und sie sein Volk sein sollen, dass sie kühn zu ihm fliehen dürfen, um Errettung zu finden, und dass sie ihn vertrauensvoll anrufen dürfen in den Tagen der Not. Und je mehr sie seinen Namen, das ist seine Güte, Gnade, Wahrheit, Macht, Weisheit, Gerechtigkeit usw. kennen, um so kühner können sie zu ihm beten, ohne irgendwelchen Zweifel, ob er seinem Namen wohl werde gerecht werden. D. Nicholas Bownd 1604.

Gott wird hier der Gott Jakobs genannt, erstens, weil Jakob einst in gleicher Not war (1. Mose 32,6. 7); zweitens, weil er um dasselbe bat (1. Mose 35,3); drittens, weil er mit Gott rang und den Sieg gewann, weshalb er den Namen Israel, d. i. Gotteskämpfer, bekam (1. Mose 32,29 [28]); viertens, weil der Gott des Erzvaters auch der Gott seines Samens, des Volkes Israel, ist; so wird denn hier Gott an seinen Bund erinnert. John Trapp † 1669.

Siehe, in diesem Namen findest du Schutz und Sicherheit inmitten von zehntausend Feinden, ja ewige Bewahrung. Aber du fragst vielleicht: Wie soll der Name des Gottes Jakobs mich beschützen? Erprobe diesen Namen. Ich hab’s getan immer und immer wieder; darum spreche ich von dem, was ich weiß, und bezeuge, was ich gesehen habe. Die Torheit eines armen irischen Katholiken diente mir einst als Sporn, meinen Gott im Glauben auf die Probe zu stellen. In seiner großen Unwissenheit und seinem bigotten Aberglauben behauptete der Ärmste, wenn ihm ein Priester nur ein wenig geweihtes Wasser gäbe und damit um ein Feld voll wilder Tiere einen Kreis zöge, so könnte keins derselben ihm etwas tun. Ich verließ den Mann voll Entrüstung über den Seelenbetrug, von dem diese Worte Zeugnis gaben, und dachte darüber nach, was für ein Narr ich doch sei, dass ich nicht einmal soviel Vertrauen zu meinem Gott habe, wie jener arme irregeführte Mann zu seinem Priester und einigen Tropfen Weihwasser! Darauf entschloss ich mich, zu erproben, was der Name Gottes vermöge, da ich mich doch auf des Vaters ewigen Liebesratschluss, des Sohnes unverbrüchliche Verantwortlichkeit und des heiligen Geistes unüberwindliche Wirkungen stützen konnte. Ich versuchte es und fühlte, wie mein Vertrauen sich immer mehr festigte. Meine Brüder, lasst die gewissen Bürgschaften des Bundes, das Blut des Bundes, die Gnade des Bundes, die Verheißungen des Bundes, um euch einen heiligen Kreis ziehen; dann wird der Herr euch erhören in der Not und der Name des Gottes Jakobs euch schützen. Joseph Irons † 1852.

Ist wohl je von eines Menschen Lippen ein Gebetswunsch geäußert worden, der für betrübte Gotteskinder lieblicher und trostreicher wäre als dieser? Wo ist jemand auf Erden, der keinen Tag der Not oder Drangsal hätte? Oder wem leuchtete wolkenloser Sonnenschein von der Wiege bis zum Grabe? Nur wenige Pflanzen, sagt der alte Jacomb († 1687), haben sowohl die Morgen- als die Abendsonne; und ein noch viel älterer als er hat gesagt: Der Mensch wird zu Unglück geboren (Hiob 5,7). Tage der Not sind also jedem Adamskind beschieden. Wie süß, sage ich, wie süß ist die Bitte: Der Herr erhöre dich am Tage der Not . Es ist das Gebet des einen Bruders für den andern, der sich in Not befindet, und doch ist darin enthalten, dass der, welcher die Not leidet, selber auch gebetet hat. Der Herr erhöre dich, heißt es -- er erhöre und beantworte dein eigenes Gebet. Barton Bouchier 1855.

Sooft die Kinder Israel nicht aus Zion, sondern aus Ägypten oder von denen Assyrern Hilfe erwartet haben, so oft sind sie gefallen und, weil sie sich auf einen Rohrstab stützten, nur desto ärger zerschellt worden. Martin Luther 1519.

V. 5. Er gebe dir, was dein Herz begehret : nachdem es, aus Gottes Wort erleuchtet, sich nach dem Willen Gottes zu richten gelernt hat; denn das ist die Freudigkeit, die wir zu Gott haben dürfen. J. D. Frisch 1719.

Da es unmöglich ist, dass ein frommer Mensch von dem heiligen Gott für die Eingebungen seiner Habsucht oder seines Ehrgeizes Erhörung erwarten sollte, so geht aus dieser Bitte selber das gute Gewissen Davids bei diesem Krieg hervor. Man kann nicht anders als annehmen, dass er denselben in Sache der Gerechtigkeit unternommen und eben darum sich auch getrost unter den Schutz Gottes begeben habe, da ohne solches gute Gewissen Zuversicht und Herzlichkeit der Gebete sicher fehlen würde. Prof. D. A. Tholuck 1843.

Manchmal gewährt Gott einem Menschen nicht nur, worum er gebeten, sondern erfüllt auch seine Anschläge, d. i. er hilft ihm genau auf die Art und Weise und durch eben die Mittel, wie er selber es sich ausgedacht hatte. John Trapp † 1669.

Fußnoten
4. Diese den masoretischen Akzenten entsprechende Übersetzung wurde noch von Hengstenberg und Delitzsch verteidigt. Natürlich ist unter dem König dann Jahve gemeint, dagegen bei der revidierten Übersetzung der Messias. Die Wunderbare Bereinigung Jahves, des Königs Israels, mit seinem irdischen Vertreter, dem israelitischen König aus Davids Haus, ist ja erst mit der Erscheinung Jesu ins Licht getreten.

5. Diese haben wahrscheinlich Wnn"(Awa gelesen oder korrigiert.
Es muß alles erst einmal an Gott vorüber, bevor es mich treffen kann. (Helmut Thielicke)

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Regelmäßige Lesung aus der Schatzkammer David Ps20

Beitragvon Jörg » 11.05.2019 11:32


Erläuterungen und Kernworte


V. 6. Wer an den Leiden der Glieder Christi Anteil nimmt, wird auch an der Freude ihrer Erlösung teilhaben. David Dickson † 1662.

Im Namen unsers Gottes. Gleichwie jene im Buch der Richter 7,20 schrieen: "Hier Schwert des Herrn und Gideons!" und Josua am 6. V. 20; Das Volk Israel machte ein groß Feldgeschrei, und die Mauern zu Jericho fielen um. Eben dieses finden wir auch umständlich vom König in Juda, Abia, beschrieben (2. Chr. 13,14 ff.), dass er mit seinem Kriegsheer zum Herrn geschrieen und die Priester mit Trompeten trompetet und jedermann in Juda getönt habe; darauf aus Israel erschlagen gefallen fünfhunderttausend junger Mannschaft. Ja, auch noch heutzutage haben dieses die Soldaten im Gebrauch, dass sie den Namen ihres Heerführers rühmen und sein Lob erheben, womit sie sich untereinander wider die Feinde aufmuntern. Eben diesen Affekt und Gebrauch gibt uns gegenwärtiger Vers zu verstehen; nur ist das der Unterschied, dass er hier ans Gottesfurcht und Andacht herfloss. Martin Luther 1519.

Das Panier gehörte zur feldmäßigen Ausrüstung, um im Krieg die Heere zu sammeln, zu führen, zu unterscheiden und zu ermutigen. Die Worte des Psalmisten sind vielleicht nur bildlich gemeint; es ist aber auch möglich, dass sie wörtlich zu nehmen sind und das Aufpflanzen des Banners im Namen Gottes eine Sitte war, durch welche Gottes Herrlichkeit anerkannt und seine Huld erfleht werden sollte. Sicher ist, dass wir diesen Gebrauch gerade zu solchen Zwecken in andern östlichen Ländern finden. So berichtet Samuel Turner († 1802) von seiner Reise in Tibet: Es wurde mir erzählt, dass es die Sitte des Sooba sei, jeden Monat den Hügel zu besteigen, wo er eine weiße Fahne aufpflanze und einige religiöse Zeremonien verrichte, um das Wohlwollen eines Dewta, eines unsichtbaren Wesens, des Schutzpatrons des Ortes, zu erlangen, der, wie die Sage geht, die Spitze des Hügels umschwebt, um ringsumher nach seinem Willen Gutes und Böses auszuteilen. Samuel Burder, Morgenländische Sitten, 1812.

Bei allen feierlichen religiösen oder kriegerischen Aufzügen werden Banner vorangetragen. Auf dem Verdeck der heiligen Wagen, auf den Kuppeln und den Toren der Tempel und auf dem Dach jedes neuen Hauses kann man die Fahne der betreffenden Kaste oder Religionspartei wehen sehen. Auch von Siva, der einen der drei indischen Hauptgottheiten, sagt man, er habe ein Banner in der himmlischen Welt. Joseph Roberts, Bilder aus dem Morgenland, 1835.

1) Wir wollen den Krieg in Gottes Namen führen. Wir wollen dazu sehen, dass unsere Sache gerecht und Gottes Verherrlichung das Endziel eines jeden Feldzugs sei. Wir wollen uns aus seinem Munde Rat holen und ihn mit uns in die Schlacht nehmen. Wir wollen ihm folgen, seine Hilfe erflehen, auf sie trauen und den Ausgang ihm überlassen. David ging dem Goliath entgegen in dem Namen des Herrn Zebaoth, des Gottes des Heers Israels (1. Samuel 17,45). 2) Wir wollen unsere Siege in seinem Namen feiern. Wenn wir im Triumph unser Panier aufwerfen und das Siegeszeichen entrollen, so soll es geschehen in dem Namen unseres Gottes. Er soll allen Ruhm unserer Erfolge haben und kein Werkzeug seiner Hand soll einen Teil der Ehre empfangen, die Ihm gebührt. Matthew Henry † 1714.

Unsere Fahne ist das Wort des Kreuzes, das ein solches Triumpheszeichen ist, das mit dem Blut Christi wie mit Purpur gefärbt ist, welches die Kirche Christi, die da schrecklich ist wider die Spitzen eines in Schlachtordnung gestellten Kriegsheeres (Hohel. 6,3. 9), aller Macht der Finsternis entgegenstellt. Denn wenn man da ein anderes Wort statt des Feldzeichens aufwerfen wollte, das wäre nichts anders, als nach Art derer Knaben an Feiertagen spielen. Martin Luther 1519.

V. 7. Nun weiß ich. Die hier aufleuchtende Gewissheit der Erhörung scheint durch die nun vollendete, in V. 4 angedeutete Opferhandlung vermittelt zu sein, zu welcher sich Jahve bekannt hat. Lic. H. Keßler 1899.

Nunmehr ist der Prophet voller gewissen Hoffnung. Denn es ist nicht möglich, dass er denjenigen nicht erhören sollte, der mit so großem Glauben sich auf Gott verlässt. Dan. 3,17; Ps. 17,7 . Demnach spricht er: Nun weiß ich, dass du helfen wirst. Denn wessen Herz spricht: Ich glaube, das spricht auch zugleich mit einer untrüglichen Folge: Ich bin gewiss, dass es also geschehen werde, wie ich glaube. Denn der Glaube, wenn er wahrhaftig im Herzen ist, bekräftigt dasjenige, was er glaubt, so gewiss, dass er sich nichts Gewisseres bereden lässt, und er weiß es so gar gewiss, als ob es bereits geschehen wäre. Deswegen spricht er hier nicht: Ich vermute, ich gedenke, oder ich merke; sondern: ich weiß, oder ich habe hier schon erfahren, dass er ihm wird helfen, das ist, ich bin es völlig gewiss und überzeugt. Martin Luther 1519.

Sein Gesalbter. Gleichwie bei den Juden die Priester und die Könige und manchmal auch die Propheten gesalbt wurden zu ihrem Dienst, so wurde auch unser Heiland gesalbt zum Propheten, um den Elenden gute Botschaft zu verkündigen, zum Priester, um die zerbrochenen Herzen zu verbinden, und zum König, um die Gebundenen zu befreien. Auf die Salbung unseres Erlösers wird in der heiligen Schrift großes Gewicht gelegt. Darum heißt es: Wer da glaubt, dass Jesus sei der Christus, das ist der Gesalbte, der ist von Gott geboren (1.Joh. 5,1); und: Wer ist ein Lügner, wenn nicht der da leugnet, dass Jesus der Christus sei (1.Joh. 2,22)? Die Feinde unseres Heilands waren sich der hohen Bedeutung dieses Namens wohl bewusst, als sie beschlossen, dass, so jemand ihn zu Christum bekannte, derselbige in den Bann getan werden sollte (Joh. 9,22). Die Salbung unsers Heilands ist weit erhaben über jede andere Salbung und wirksamer, in Anbetracht des Werkes, welches er zu tun hatte. Die Apostel empfingen den heiligen Geist nach ihrem Maße, er im Vollmaß. John Hurrion † 1731.

Und erhört ihn aus seinem heiligen Himmel, wo er ebenso gut thront wie auf dem Zion (V. 3). Deutet das eine auf sein Nahesein, so das andere auf seine Erhabenheit, wie 2,4. Lic. H. Keßler 1899.

V. 8. Eitel ist das Vertrauen der Gottlosen. Im Kriege verlässt man sich auf Wagen, Rosse, Kriegsschiffe und Heerscharen, auf gute Manneszucht, auf früheres Kriegsglück; aber der Sieg gehört nicht immer den Starken. "Die Vorsehung begünstigt die starken Bataillone" -- dies mag dem Ohr eines Weltlings schön klingen; aber so lehrt weder die Bibel noch die Erfahrung. Im Frieden verlässt man sich auf seine Reichtümer, seine Freunde, seine Schiffe, Landgüter und Vorräte und doch können diese uns nicht helfen, noch uns retten. Wer sich rühmt, der rühme sich des Herrn. D. William S. Plumer 1867.

Mit leichter Mühe überredet man Katholiken, auf Priester und Heilige, auf alte Fetzen und gemalte Bilder zu trauen; aber es hält schwer, einen Protestanten dahin zu bringen, dass er sich auf den lebendigen Gott verlässt. William Arnot 1858.

Der natürliche Mensch sieht sich zuerst nach irgendeinem irdischen Ding als Stütze um. Jene verlassen sich auf Wagen und Rosse , der eine auf diese Kreatur, der andere auf jene. Der Gläubige muss sein Vertrauen in diese Dinge aufgeben, gleichviel ob er sie hat oder haben möchte. Er muss sich auf das verlassen, was Gott in seinem Wort versprochen hat, für uns zu tun. Wir aber denken an den Namen des Herrn, unsers Gottes. David Dickson † 1662.

Hat, wie wir dieses bei David voraussetzen dürfen, ein Feldherr nichts von den irdischen Mitteln, die ihm Gott in die Hand gegeben, vernachlässigt, wie groß erscheint er, wenn er dann doch das Auge allein auf die Hilfe des unsichtbaren Gottes gerichtet hält! Prof. D. A. Tholuck 1843.

Als Numa, dem zweiten König von Rom († 672 vor Chr.), da er gerade beim Opfern war, gesagt wurde, dass seine Feinde heranzögen, meinte er, es sei für ihn Sicherheit genug, dass er sagen könne: Ich bin im Dienste meines Gottes beschäftigt. -- Als Josaphat, der König Judas, Fürsten, Priester und Leviten in alle Städte Judas gesandt hatte, um das Volk aus dem Gesetzbuch des Herrn zu lehren, da und nicht eher fiel die Furcht des Herrn auf die benachbarten Königreiche, dass sie nicht stritten wider Josaphat; immerhin hatte der König vorher Kriegsvolk in alle festen Städte gelegt. (2. Chr. 17,2. 7-10.) Charles Bradbury 1785.

Dieses wird nicht gesagt nach der Historie, sondern vielmehr auf prophetische Weise, ja nach dem Glauben. Denn allein der Glaube, der sich auf Gott verlässt, der kann das Triumphlied vor dem Siege singen und ein Freudengeschrei machen, ehe die Hilfe noch folget; weil dem Glauben ganz und gar alles erlaubt ist. Denn er glaubt an Gott, und also hat er wirklich, was er glaubt, weil der Glaube nicht betrügt; wie er glaubt, so geschieht ihm. Martin Luther 1519

Um Michaelis war ich gänzlich von Mitteln entblößt. Ich ging aus; es war das herrlichste Wetter. Ich betrachtete den azurblauen Himmel, und mein Herz wurde so im Glauben gestärkt (was ich aber nicht meiner eigenen Kraft, sondern allein der Gnade Gottes zuschreibe), dass ich bei mir selbst dachte: Welch eine herrliche Sache ist es doch, dass wir, ob wir auch nichts haben und uns auf nichts stützen können, doch den lebendigen Gott kennen, der Himmel und Erde gemacht hat, und unsere Zuversicht auf ihn allein setzen können, was uns befähigt, selbst in drückender Not so still zu sein. Ich wusste wohl, dass ich eben den Tag noch etwas haben musste; dennoch war mein Herz so stark im Glauben, dass ich heiter und gutes Muts war. Als ich nach Hause kam, wartete schon der Aufseher der Werkleute und Maurer auf mich. Es war Sonnabend, daher brauchte er Geld, um die Löhne zu zahlen. Er erwartete, dass das Geld bereit sei, denn er wollte sofort gehen, um die Leute auszuzahlen; trotzdem fragte er: Ist etwas gekommen? Ich antwortete: Nein, aber ich habe Glauben an Gott. Kaum hatte ich diese Worte ausgesprochen, als mir ein Student gemeldet wurde, der mir dreißig Taler brachte von jemand, den er nicht nennen wollte. Darauf ging ich wieder ins Zimmer und fragte den andern, wie viel er diesmal für den Lohn der Werkleute nötig habe. Er antwortete: Dreißig Taler. Hier sind sie, sagte ich, und fragte zugleich, ob er noch mehr brauche. Er sagte nein, was uns beiden den Glauben sehr stärkte, da wir so sichtbar die wunderbare Hand Gottes schauten, der das Geld gerade in dem Augenblick gesandt hatte, als es nötig war. August Hermann Francke † 1727.

V. 10. Der König erhöre uns usw. (Andere Übersetzung, siehe S. 351). Warum soll Jahve in diesem Gebet für den König nicht am Schlusse selber der König heißen? Prof. D. Franz Delitzsch † 1890.

Homiletische Winke

Dieser Psalm ist bei Krönungsfeiern und öffentlichen Dank- und Bittgottesdiensten oft benutzt worden und zwar gar manchmal in unbiblischer und unwürdiger Weise. Unendlich viel sinnlose und widerwärtige Schmeicheleien sind dem köstlichen Psalm von augendienerischen Predigern verweltlichter Kirchen angedichtet worden. Wahrlich, wären manche Könige Teufel gewesen, etliche dieser Herren hätten ihre Hörner und Klauen gepriesen! Denn wiewohl etliche von den Hohen dieser Welt sehr gehorsame Diener des Fürsten der Finsternis gewesen sind, haben solche falsche Propheten sie "allergnädigster Herrscher" und "allerchristlichster König" betitelt und sind von ihrer Gegenwart so geblendet worden, als hätten sie eine himmlische Vision erblickt. C. H. Spurgeon 1869.
Der ganze Psalm ist ein treffliches Lied und Gebet für getreue Untertanen unseres Königs Jesus.

V. 2. Zwei große Wohltaten in großer Not, beide ausgehend vom Throne Gottes: Erhörung in der Drangsal und Erhöhung über die Gewalt der Feinde.
V. 2-3. 1) Unseres Heilands Not, ihre Art und Ursache. 2) Wie er sich in der Not stärkte. 3) Dass wir nicht kaltherzige Zuschauer der Leiden Jesu sein sollen. Hamilton Verschoyle 1843.
V. 2-4. Vorbilder guter Wünsche für unsere Freunde. 1) Sie setzen persönliche Frömmigkeit bei diesen voraus. Die Person, von der hier gesprochen wird, betet selber, geht zum Heiligtum und bringt Opfer dar. 2) Sie weisen nach oben. Die Segnungen werden deutlich als göttliche anerkannt. 3) Sie schließen Not nicht aus. 4) Sie sind hauptsächlich geistlicher Art. Gnade bei Gott usw.
V. 3. Hilfe aus dem Heiligtum. Ein inhaltreiches Thema.
V. 4. Gottes Blick unverwandt auf das Opfer Christi gerichtet.
V. 4-5. Ein vierfältiger Wunsch. Das große Vorrecht, dass wir, durch Gottes Gnade angenehm gemacht in dem Geliebten, der Erfüllung desselben an uns gewiss sein dürfen.
V. 6. Die Freude über das Heil des Messias. Es gilt den Entschluss zu solcher Freude (Wir wollen rühmen, Grundt.) und praktische Betätigung derselben.
Das Aufwerfen des Paniers. Huldigung, Kriegserklärung, Gelübde der Beharrlichkeit, Besitzergreifung, Aufrichtung des Triumphsignals.
V. 6c. Die Kraft der Fürsprache unseres Heilands und die Annahme unserer Gebete um seinetwillen.
V. 7. Sein Gesalbter. Unser Herr als der Gesalbte. Wann ist er gesalbt worden? Mit welcher Salbung? Wie? Zu welchen Ämtern? usw.
Er erhört ihn. Der allvermögende Fürsprecher. Die hilfreichen Machttaten der Rechten Gottes (Grundt.) zu unserer Errettung für Zeit und Ewigkeit.
V. 8-9. I) Die Zuversicht der Weltkinder; 1) auf die "wirklichen", d. h. sichtbaren Mächte gegründet; daher 2) trotzig und lärmend, aber 3) eitel (V. 9). II) Die Zuversicht der Gotteskinder: 1) in Gott verborgen, 2) demütig und still, aber 3) von Gott gekrönt (Wir stehen, V. 9).
Der Name des Herrn, unsers Gottes. Wir sollen 1) an ihn denken, 2) ihn anrufen, 3) seinen Ruhm verkünden.
V. 9. Wunderbare Veränderung bei den Feinden und Freunden Gottes. (Vergl. den Grundt.)
V. 10. Hilf, Herr! Eines der kürzesten und kräftigsten Gebete in der Bibel.
V. 10b. nach der gewöhnl. Übers. Luthers: Der König erhöre u. 1) An wen wir uns wenden: an den König. 2) Wie wir uns an ihn wenden: Wir rufen. 3) Was wir begehren: Erhöre uns.
Es muß alles erst einmal an Gott vorüber, bevor es mich treffen kann. (Helmut Thielicke)

Jörg
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Beitragvon Jörg » 14.05.2019 14:50

PSALM 21 (Auslegung & Kommentar)


Überschrift

Die Überschrift ist sehr knapp, sie lautet einfach: Ein Psalm Davids, vorzusingen. Der Psalm ist demnach wahrscheinlich von David selbst gedichtet worden. Er handelt aber auch von David, und seinem tiefsten Sinne nach von dem, der Davids Herr war. Er ist offenbar das Seitenstück zu dem Psalm 20 und folgt diesem daher sehr passend unmittelbar. Psalm 20 erbittet und nimmt im Glauben voraus, was im Ps. 21 als erfüllt besungen wird. Haben wir heute um eine Wohltat gebeten und sie erhalten, so ziemt es uns, ehe die Sonne untergeht, Gott dafür zu preisen; sonst verdienen wir es, dass uns das nächste Mal unsere Bitte abgeschlagen wird. Der Psalm ist Davids Triumphgesang genannt worden, und wir wollen ihn als das königliche Siegeslied unserm Gedächtnis einprägen. "Der König" ist das vorherrschende Thema in dem ganzen Lied und wir werden dieses mit wahrem Nutzen lesen, wenn wir unseres Königs in Liebe gedenken, während wir es betrachten. Lasst uns ihn ehren als den Sieger, lasst uns von seiner Liebe singen und rühmen von seiner Macht. Der nächste Psalm wird uns zum Fuße des Kreuzes bringen; dieser geleitet uns zu den Stufen des Thrones.

Einteilung

V. 2-7 Danksagung für den Sieg; V. 8-14 zuversichtlicher Ausblick auf ferneres Siegesglück.

Auslegung

2. Herr, der König freuet sich in deiner Kraft,
und wie sehr fröhlich ist er über deiner Hilfe!
3. Du gibst ihm seines Herzens Wunsch,
und weigerst nicht, was sein Mund bittet. Sela.
4. Denn du überschüttest ihn mit gutem Segen,
du setzt eine güldene Krone auf sein Haupt.
5. Er bittet Leben von dir; so gibst du ihm
langes Leben immer und ewiglich.
6. Er hat große Ehre an deiner Hilfe;
du legst Lob und Schmuck auf ihn.
7. Denn du setzt ihn zum Segen ewiglich;
du erfreust ihn mit Freude vor deinem Antlitz.

2. Herr, der König freut sich in deiner Kraft, wörtl. über deine Stärke , nämlich die du ihm gewährt hast. Jesus ist eine königliche Persönlichkeit. Pilatus hat auf seine Frage: "So bist du dennoch ein König?" eine klare Antwort bekommen: "Du sagst’s, ich bin ein König. Ich bin dazu geboren und in die Welt gekommen, dass ich für die Wahrheit zeugen soll" (Joh. 18,37). Und Jesus ist nicht nur ein König, sondern der König, der König über die Herzen, der durch Liebe herrscht, und gegen dieses Regiment ist alle andere Herrschaft nur rohe Gewalt. Gerade am Kreuze wurde er als König ausgerufen; denn dort herrschte er, für den Blick des Glaubens, als auf einem Throne und ließ mit mehr denn königlicher Freigebigkeit Ströme des Segens auf die bedürftigen Menschenkinder fließen. Jesus hat das Heil der Seinen ausgewirkt; aber als Mensch fand er seine Kraft in Jahwe , seinem Gott, an den er sich mit seinem Flehen in der Einsamkeit der Berge und in der feierlichen Stille des dunkeln Ölgartens wandte. Dass dem Messias so reichlich solche Kraft verliehen worden, erkennt die Gemeinde in unserm Verse dankbar an und freut sich mit darüber. Der Mann der Schmerzen ist nun gesalbt mit dem Öl der Freuden über seine Genossen (Hebr. 1,9). Im Triumph ist er vom Sieg über alle seine Feinde zurückgekehrt; nun bringt er im obern Heiligtum sein herrliches Te Deum dar und freut sich in oder ob der Kraft des Herrn . Darin möge jeder Untertan des Herrn Jesus diesem seinem König nachahmen. Lasst uns auf Jahwes Kraft uns stützen, lasst uns in ihr uns freuen in unwandelbarem Glauben, lasst uns sie erheben in dankerfüllten Lobgesängen. Diese Freude Jesu ist beständig; sieht er doch, wie die Macht der göttlichen Gnade eine Seele nach der andern als den Lohn seiner Schmerzen aus den dunkeln Höhlen der Sünde herausbringt. Auch wir sollen immer mehr uns freuen, je mehr wir durch Erfahrung am eigenen Herzen und an andern die Macht unseres Bundesgottes kennen lernen. Unsere Schwäche macht die Saiten unserer Harfe schlaff und tonlos; aber seine Kraft stimmt sie wieder. Können wir auch nicht einen Ton zu Ehren unserer Stärke singen, so mögen wir doch in jeder Lebenslage über unsern allmächtigen Gott frohlocken.
Und wie sehr fröhlich ist er über deiner Hilfe oder über deinem Heil. Gott wird alles zugeschrieben. Die Quelle ist "deine Kraft", der Strom "dein Heil". Jahwe hat dies Heil geplant und verordnet, er wirkt es und vollendet es; darum ist es sein Heil. Die Freude, von der hier die Rede ist, wird in doppelter Weise als groß hervorgehoben: durch das Umstandswort "so sehr" und den Ausruf der Verwunderung "o wie": Wie so sehr frohlockt der König ! Die Freude unseres erhöhten Heilands muss in der Tat, gleich seiner vorher erlittenen Seelenpein, unaussprechlich groß sein. Wenn seine Freude so hoch ist, wie sein Leiden tief war, so ragt seine heilige Wonne in den siebten Himmel. Um der ihm vorgesetzten Freude willen erduldete er das Kreuz und achtete der Schande nicht (Hebr. 12,2 Grundt.); und jetzt wächst diese seine Freude von Tag zu Tag, denn er ruht von seinem Werke und schaut mit Wonne, wie die durch ihn erlösten Seelen in gottgewollter Ordnung dazu gebracht werden, in seinem Blute ihr Heil zu finden. Lasst uns mit unserm König uns freuen über dieses Heil, uns freuen, dass es von Gott kommt, sich uns darbietet, auch auf andere sich erstreckt und bald alle Lande umfassen wird. Wir brauchen nicht zu besorgen, dass unsere Freude in diesem Stück zu groß werden könnte; der Grund ist so fest, dass er wohl einen hoch in die Lüfte ragenden Bau heiliger Freude trägt. Das Gejauchze, das unsere methodistischen Brüder in den ersten Zeiten im Überschwang der Freude vernehmen ließen, war weit verzeihlicher als unsere Lauheit. Unsere Freude sollte so groß sein, dass sie nach dem Ausdruck ringen muss; unaussprechliche Wonnen sollten unser Herz erfüllen.

3. Du hast ihm gegeben (Grundt.) seines Herzens Wunsch . Dieser sein Herzenswunsch war, sein Volk zu erlösen, und mit inbrünstigem Eifer hatte er ihn, als er auf Erden war, durch sein Bitten, Tun und Leiden zu erreichen gesucht. Jetzt, da er im Himmel ist, genießt er die Erfüllung seines Wunsches; denn er sieht die Seinen zu sich kommen, um bei ihm zu sein, wo er ist. Das Begehren des Herrn Jesus kam aus seinem Herzen, und der Höchste hat es ihm gewährt; sind unsere Herzen rechtschaffen vor Gott, so werden auch wir erfahren, dass er tut, was die Gottesfürchtigen begehren (Ps. 145,19).
Und hast das Verlangen seiner Lippen nicht verweigert. (Wörtl.) Was im tiefen Brunnen des Herzens ist, das bringen die Lippen wie ein Schöpfeimer heraus. Das sind die einzig rechten Gebete, wo zuerst das Herz begehrt und dann erst der Mund bittet. Jesus hat sowohl mit den Lippen als mit dem Herzen gebetet. Das Aussprechen der Gedanken des Herzens unterstützt uns wesentlich im Denken. Viele machen wohl mit uns die Erfahrung, dass wir, selbst in der Einsamkeit, unsere Gedanken besser sammeln können, wenn wir laut beten. Was der Heiland erbat, wurde ihm nicht verweigert. Er war und ist ein Beter, der allezeit mit seinen Bitten durchdringt. Unser Fürsprecher droben kommt nie leer vom Gnadenthron zurück. Er bat in der himmlischen Ratskammer für seine Auserwählten, bat für sie um Segen hienieden und um ewige Herrlichkeit danach und sein Bitten hatte vollkommenen Erfolg. Er ist bereit, auch für uns am Gnadenthron zu flehen. Haben wir nicht in dieser Stunde ein Begehren, das wir durch ihn zum Vater emporsenden können? Lasst uns nicht säumig sein, unsern allezeit willigen und von Liebe brennenden, erfolgreichen Fürsprecher in Anspruch zu nehmen.
Sela. Die Pause ist hier sehr angemessen eingefügt, damit wir den herrlichen Erfolg der Gebete unseres Königs anbetend bewundern und unsere eigenen, durch ihn vor Gott zu bringenden Bitten zurüsten können. Es möchte sehr nützlich sein, wenn wir auch in unsern öffentlichen Gottesdiensten -- der Psalm war ja nach der Überschrift zum Gebrauch im öffentlichen Gottesdienst bestimmt -- ein wenig mehr solcher Selas, solcher stillen Pausen, hätten.

4. Denn du überschüttest ihn mit gutem Segen (wörtl.: kommst ihm entgegen oder zuvor mit Segnungen an Gutem, vergl. denselben Ausdruck Spr. 24,25). Ja, wahrlich, der Ewige kam seinem geliebten Sohne mit Segnungen entgegen . Schon ehe dieser sein Leben für die Welt dahingegeben hatte, wurden die Gläubigen des alten Bundes auf Grund des Verdienstes seines künftigen Sühntodes des Heils teilhaftig; noch ehe er in die Welt kam, sahen die Glaubensväter seinen Tag und freuten sich (Joh. 8,56) und er selber hatte damals schon seine Lust bei den Menschenkindern (Spr. 8,31). Der Vater ist so geneigt, durch seinen Sohn Segnungen auszuteilen, dass er, statt zum Erweisen von Gnade erst gedrängt werden zu müssen, dem Mittlerwerk zuvorkommt. "Ich sage euch nicht, dass ich den Vater für euch bitten will; denn er selbst, der Vater, hat euch lieb." (Joh. 16,26 f.) Ehe Jesus ruft, antwortet der Vater; während er noch redet, hört er (Jes. 65,24). Allerdings wurde uns Gottes Gnade durch das Blut des Sohnes erworben; aber diese Gnade wurde von Herzen gern gegeben. Die Liebe Jahwes hat nicht ihren Grund in dem Opfer des Erlösers; vielmehr ging diese Liebe der großen Sühne vorher und bereitete diese mit allen aus ihr hervorgegangenen Segnungen an Gutem für uns. Lieber Leser, es wird dich sehr glücklich machen, wenn du, gleich deinem Erlöser, dafür ein offenes Auge hast, wie Gottes Vorsehung und Gnade dir zuvorkommt, für alle deine Bedürfnisse vorher sorgt und deinen Weg vor dir bereitet. Bei vielen unter uns war es sehr augenscheinlich der Fall, dass die Gnade unsern Wünschen und Bitten zuvorlief; stets ist es so, dass sie unsere Bemühungen und Erwartungen überflügelt und selbst unsere kühnsten Hoffnungen hinter sich zurücklässt. Die vorlaufende Gnade ist es wert, besungen zu werden. Alles, was wir an Gutem haben, sollen wir als Segnungen , als Gaben des gnädigen Gottes ansehen, dessen Herzenslust es ist, uns zu gesegneten Menschen zu machen. Nicht aus Verdienst, sondern aus freier Gnade werden uns diese Segnungen an Gutem zuteil, und zwar in solch wunderbarer, all unserm Tun und Wollen vorlaufender Weise, dass uns darin die Liebe Gottes in überwältigender Weise entgegentritt. Wie lieblich tönt uns dieser Vers ins Herz hinein, wenn wir ihn so betrachten!
Du setzest eine güldene Krone auf sein Haupt. Einst trug Jesus die Dornenkrone, jetzt aber schmückt die Krone der Herrlichkeit sein Haupt. Die Krone ist das Wahrzeichen des königlichen Adels und der Herrschermacht, der dem Träger gebührenden Ehre, seiner Siegesherrlichkeit und göttlichen Vollmacht. Diese Krone des Herrn ist von dem kostbarsten, seltensten, leuchtendsten und dauerhaftesten Material, von Gold, und zwar nach dem Grundtext von dem feinsten Golde, womit die alle andern Königsthrone übertreffende Herrlichkeit seines Reiches angedeutet sein mag. Während andere Monarchen es -- besonders in unserer Zeit -- erfahren, dass die Krone ihnen gar locker auf dem Haupt sitzt, ist die seine fest und unbeweglich, dass keine Macht sie ihm rauben oder auch nur bewegen kann; denn der Ewige selbst hat sie ihm aufs Haupt gesetzt . Napoleon krönte sich selber; den Herrn Jesus hat Jahwe gekrönt. Das Reich des einen zerschmolz wie Wachs in einer Stunde, der andere hat ein ewiges Reich.
Es muß alles erst einmal an Gott vorüber, bevor es mich treffen kann. (Helmut Thielicke)

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Beitragvon Jörg » 19.05.2019 08:08

5. Leben erbat er von dir; du hast es ihm gewährt: Lebenslänge immer und ewiglich. (Grundt.) Die ersten Worte mögen auf David persönlich passen; die andern können sich, individuell gefasst, nur auf den Messias beziehen, denn diesem allein wurde Lebenslänge immer und ewiglich gewährt. Jesus bat als Mensch um Auferstehungsleben; es ist ihm gewährt worden und jetzt besitzt er es für die Ewigkeit der Ewigkeiten. Einst starb er; aber nachdem er von den Toten erweckt ist, stirbt er hinfort nicht; der Tod wird hinfort über ihn nicht herrschen (Röm. 6,9). "Ich lebe und ihr sollt (eben darum) auch leben": diese Worte unseres Erlösers sind uns ein lieblicher Hinweis darauf, dass wir an seinem ewigen Leben teilhaben sollen. Wir hätten dies Kleinod nie gefunden, wenn er nicht den Stein weggerollt hätte, der es verdeckt hielt.

6. Groß ist seine Ehre durch deine Hilfe (wörtlich). Er, der einst sein Kreuz zur Schädelstätte hinaustrug, hat jetzt die Siegespalme in der Hand. Der Vater hat den Sohn verklärt, so dass keine Herrlichkeit derjenigen gleichkommt, die ihn umgibt. Siehe, wie er von Johannes in der Offenbarung (Kap. 1) beschrieben wird. Siehe, wie sein Reich sich erstreckt von einem Meer bis ans andere. Siehe, wie seine Herrlichkeit sich offenbart als ein flammend Feuer. Herr, wer ist dir gleich? Auch Salomo in aller seiner Herrlichkeit kann nicht von ferne mit dir, dem einst so verachteten Jesus von Nazareth, verglichen werden.
Du legest Lob (Hoheitswürde) und Schmuck (Pracht, Herrlichkeit) auf ihn , wie man in der Welt Fürsten und große Männer mit Orden und Ehrenzeichen schmückt. Wie das Holz der Stiftshütte mit lauterem Gold bedeckt war, so ist Jesus mit Hoheit und Herrlichkeit bekleidet. Wenn den geringen Nachfolgern Jesu nach des Apostels Worten (2.Kor. 4,17 , wörtl.) "auf überschwängliche Weise bis zur Überschwänglichkeit eine ewige Schwere (wuchtige Fülle) der Herrlichkeit" bereitet ist, welcher Art muss die Herrlichkeit ihres Herrn sein! Das ganze Gewicht der Sünde war ihm aufgebürdet; es ist nur billig, dass auch das Vollmaß der Herrlichkeit auf ihn gelegt werde, der diese Sündenlast der ganzen Welt hinweggetragen hat. Er muss und will eine Herrlichkeit erlangen, die seiner vorigen Schmach das Gleichgewicht hält; er hat es verdient. Wir können Jesus nicht zu hoch ehren. Was Gottes Wonne ist, nämlich den Sohn zu ehren, das sollen wir sicherlich mit äußerster Anstrengung aller unserer Kräfte tun. O dass wir einen neuen Edelstein der Krone dessen einfügen könnten, dessen Haupt einst so schmerzlich für uns von den Dornen verwundet wurde!

Dem König, welcher Blut und Leben
Dem Leben seiner Völker weiht,
Dem König werde Preis gegeben!
Erzählt sein Lob der Ewigkeit!
Singt alle Wunder, die er tut;
Doch über alles rühmt sein Blut!

7. Denn du setzt ihn zum Segen (Grundt. Mehrzahl: zur Segensfülle 1 ewiglich . Er ist ein überfließender Brunnquell des Segens für andere, eine Sonne, die das Weltall mit Licht erfüllt. Gemäß dem Schwur Gottes an Abraham ist der verheißene Same ein Segen (1. Mose 12,2), ja mehr als das, eine Segensfülle für alle Geschlechter der Erde. Dazu ist er gesetzt , verordnet, bestimmt; gerade zu dem Zweck hat der Ewige ihn im Fleisch erscheinen lassen, damit er den Menschen ein Segen sei und das ewiglich. Ach, dass die Sünder verständig wären, den Heiland dazu zu gebrauchen, wozu er gesetzt ist, nämlich eben der Heiland der Verlorenen und Schuldbeladenen zu sein!
Du erfreuest ihn mit Freude vor (eigentlich, vergl. Ps. 16,11: in Gemeinschaft mit) deinem Antlitz . Wer andern so viel Glück bringt, kann nicht anders als selber glücklich und fröhlich sein. Schon das kein Ende nehmende Erweisen ungemessener Wohltaten würde Jesu eine unermessliche Freude sichern. Aber seine höchste Freude kommt von der Huld seines Vaters, von der trauten Gemeinschaft mit dem Angesicht des Herrn . Er trinkt von dem kristallklaren Wasser dieses Stroms und begehrt keines andern. Seine Freude ist vollkommen. Ihre Quelle ist göttlich, ihre Dauer ewig, ihr Maß ohne Maß. Das Antlitz Gottes macht den himmlischen König froh; wie eifrig sollten wir dann das Antlitz des Herrn suchen und wie sorgsam sollten wir sein, dass wir nicht durch Sünde Gott nötigen, es vor uns zu verbergen! In freudiger Vorempfindung dürfen wir der Stunde entgegeneilen, wo die Freude unseres Herrn sich auf alle die Seinen ergießen und das Antlitz Jahwes über allen teuer erkauften Seelen leuchten wird und wir so werden "eingehen zu unsers Herrn Freude" (Mt. 25,21).
Bis hierher ist alles ein herrlicher Triumphgesang gewesen. Lasst uns in ihn einstimmen, denn Jesus ist unser König, und wir haben an seinen Siegen teil.

8. Denn der König hofft auf den Herrn
und wird durch die Güte des Höchsten fest bleiben.
9. Deine Hand wird finden alle deine Feinde;
deine Rechte wird finden, die dich hassen.
10. Du wirst sie machen wie einen Feuerofen,
wenn du drein sehen wirst;
der Herr wird sie verschlingen in seinem Zorn;
Feuer wird sie fressen.
11. Ihre Frucht wirst du umbringen vom Erdboden
und ihren Samen von den Menschenkindern.
12. Denn sie gedachten dir Übels zu tun,
und machten Anschläge, die sie nicht konnten ausführen.
13. Denn du wirst machen, dass sie den Rücken kehren;
mit deiner Sehne wirst du gegen ihr Antlitz zielen.
14. Herr, erhebe dich in deiner Kraft,
so wollen wir singen und loben deine Macht.


8. Denn der König vertraut (Grundt.) auf den Herrn . Unser Heiland war als ein rechter König und Führer ein Meister im Gebrauch der Waffen und verstand es trefflich, den Schild des Glaubens zu handhaben. Er hat uns ein leuchtendes Vorbild unwandelbaren Vertrauens auf Gott gegeben. Er wusste sich in seines Vaters Obhut unbedingt sicher, bis seine Stunde gekommen war; er war gewiss, dass sein Flehen allezeit im Himmel Erhörung finde; er stellte seine Sache dem heim, der da recht richtet, und befahl in seinen letzten Augenblicken seinen Geist in dieselben treuen Hände. Die Freude, die in den vorigen Versen zum Ausdruck gekommen war, war die Freude des Glaubens, und der errungene Sieg war ebenfalls nichts anderes als ein Erfolg des Glaubens. Die heilige Glaubenszuversicht auf den allmächtigen Bundesgott ist die Mutter aller echten Siege. Dieser Triumphpsalm wurde gedichtet, lange ehe der Kampf unseres Erlösers begann; aber der Glaube überspringt die Schranken der Zeit und stimmt schon das Siegeslied an, während der Schlachtruf noch erschallt.
Und wird durch die Güte (die Gnade) des Höchsten fest bleiben (wörtl.: nicht wanken). Die ewige Gnade sichert den Thron unseres Mittlers. Jahwe, der in jedem Verstand des Wortes Höchste , setzt alle seine unendlichen Vollkommenheiten in Tätigkeit, um den Thron der Gnade zu erhalten, auf dem unser König zu Zion regiert. Der Messias blieb fest an seinem Vorsatz der Erlösung, fest auch im schwersten Leiden, fest gegenüber allen seinen Feinden und niemand wird ihn von der Vollendung seiner Gnadenabsichten abbringen können. Er ist derselbe gestern, heute und in Ewigkeit. Andere Reiche wanken und weichen im Lauf der Zeiten; aber sein Reich wird durch die ewige Gnade in die Ewigkeit der Ewigkeiten nicht wanken. Andere Könige fallen, weil sie sich auf den Arm des Fleisches stützen; unser Monarch aber herrscht immerdar, weil er auf den Ewigen vertraut . Gottes Güte gegen die Menschenkinder erweist sich darin aufs Herrlichste, dass der Thron des Herrn Jesus noch immer unter ihnen aufgerichtet steht. Nur Gottes große Güte konnte ihn bisher erhalten; denn die menschliche Bosheit würde ihn morgen umstürzen, wenn sie es vermochte. Es gilt, dass wir in Betreff der Förderung des Königreichs unseres Erlösers auf Gott unser Vertrauen setzen; denn auf Jahwe traute auch der Messias selber. Jede Methode vermeintlicher Reichsgottesarbeit, die nicht aus dem Glauben kommt, und vornehmlich alles Vertrauen auf bloß menschliche Kraft und Fähigkeit muss für immer aus einem Reiche verbannt sein, in welchem der König solch ein Vorbild eines Wandels im Vertrauen auf Gott gegeben hat.

Fußnote
1. Andere übersetzen den Plural: zu Segenssprüchen, d. h. sein Name wird zu solchen gebraucht, vergl. 1. Mose 48,20 und das Gegenteil Jes. 65,15 f.
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Beitragvon Jörg » 21.05.2019 15:01

9. Deine Hand wird reichen an alle deine Feinde; deine Rechte wird erreichen, die dich hassen. 2 Der Untergang der Gottlosen ist den Freunden der Gerechtigkeit eine Ursache der Freude; darum wird er hier und in den meisten Liedern, welche die heilige Schrift enthält, mit innigem Dank erwähnt. "Er stößt die Gewaltigen vom Stuhl", das ist ein Satz aus demselben Lobgesang, der rühmt: "und erhebt die Niedrigen" (Lk. 1,52). Wir haben tiefes Mitleid mit den Verlorenen, denn sie sind unsere Brüder nach dem Fleisch; aber wir können kein Mitleid mit ihnen als Feinden Christi haben. Keiner von ihnen vermag dem Zorne des siegreichen Gesalbten Jahwes zu entfliehen; auch ist nicht zu wünschen, dass sie es könnten. Seine Hand wird seine Feinde finden, ohne dass er sich nach ihnen umsieht; lass sie fliehen; seine Gegenwart umgibt sie überall. Alle Hoffnung, ihm zu entrinnen, ist vergeblich. Er wird alle seine Feinde ausfindig machen: seine wohlgeübte Rechte wird sie schnell und leicht ergreifen, und an Macht, sie zu züchtigen, wird’s ihm nicht fehlen. Wenn er erscheint, die Welt zu richten, dann werden die harten Herzen vor Schrecken vergehen und die stolzen Geister, die vordem so frech ihrem Hass gegen den Gesalbten des Herrn Ausdruck gegeben hatten, zu tiefer Schmach erniedrigt werden.

10. Du wirst sie machen wie einen Feuerofen, wenn du drein sehen wirst, wörtl.: zur Zeit deines Angesichts, d. h. deines Erscheinens. Sie werden sich selber wie ein lodernder Ofen und so ihre eigenen Peiniger sein. Die wider dich in Hass entbrannt waren, werden durch das Feuer deines Zornes verbrannt werden. Dem Feuer der Sünde folgt das Feuer des Zornes. Wie einst der Rauch von Sodom und Gomorra gen Himmel aufstieg (1. Mose 19,28), so werden die Feinde des Herrn Jesus gänzlich verzehrt werden. Wie Reisigbündel, die im Ofen auflodern, werden sie in den wütenden Flammen des göttlichen Zornes brennen. Sie werden in den Feuerofen geworfen werden; da wird sein Heulen und Zähneklappen (Mt. 13,42). Das sind schreckliche Worte, und es ist ein gefährliches Unternehmen, ihre Wucht durch spitzfindige Grübeleien abzuschwächen. Wer möchte den Sohn Gottes zum Feinde haben, wenn seiner Widersacher solches Verderben wartet? Zur Zeit deines Erscheinens: Jetzt ist die Zeit der Gnade; es ist aber eine Zeit bestimmt, wo der Herr zum Gericht erscheint. Es gibt einen Tag der Rache unseres Gottes. Mögen die, welche die Zeit der Gnade verachten, das zu Herzen nehmen.
Der Herr wird sie verschlingen in seinem Zorn; Feuer wird sie fressen. Der Ewige wird selbst die Feinde seines Gesalbten in seinem Zorn heimsuchen, und zwar so, dass eine völlige Zerstörung über sie kommt und beides, ihr Leib und ihre Seele, vom Elend verschlungen und von der Angst verzehrt werden. Wehe des zukünftigen Zornes! Wer mag ihn ertragen? Herr, erlöse uns von ihm um Jesu willen!

11. Ihre Frucht wirst du umbringen vom Erdboden. Ihr ganzes Lebenswerk 3 wird verloren sein und das Ergebnis all ihrer Mühe wird eine große Enttäuschung sein. Womit sie sich gebrüstet hatten, das wird in Vergessenheit versunken sein; sogar ihre Namen werden als ein Gräuel ausgetilgt werden: und ihren Samen von den Menschenkindern . Ihre Nachkommenschaft, die in ihren Fußstapfen wandelt, wird von dem gleichen Verderben ereilt werden, das über sie selber gekommen war, bis schließlich der letzte Rest des Stammes gänzlich verschwunden sein wird. Es ist unzweifelhaft, dass der Segen Gottes von den Gerechten oft fast wie ein Familienerbstück auf Kind und Kindeskind übertragen wird, während der Gottlose bei seinem Tode seinen Nachkommen den Fluch hinterlässt. Wer den Sohn Gottes hasst, soll sich nicht wundern, wenn seine eigenen Söhne bei Gott keine Gunst finden.

12. Denn sie gedachten dir Übels zu tun, buchstäblich: neigten Böses auf dich hernieder 4, d. i. legten es darauf an, dass Böses über dich hereinstürze. Gott achtet auf des Herzens Gedanken. Wer Böses über jemand bringen möchte, es aber nicht kann , ist eben so schuldig wie der, welcher seine bösen Pläne ausführt. Die Gemeinde Christi und seine Reichssache wird nicht nur von solchen angegriffen, die ohne alles Verständnis sind, sondern es gibt viele, die zwar Licht haben, es aber dennoch hassen. Vorsätzliches Böses hat ein Gift in sich, das sich in Sünden der Unwissenheit nicht findet. Da die widergöttlich gesinnten Menschen das Evangelium Christi mit vorbedachter Arglist befeinden, ist ihre Schuld erschreckend groß, und ihre Strafe wird derselben entsprechen.
Und machten (wörtl.: ersannen) Anschläge, die sie nicht konnten ausführen . Mangel an Macht ist das Bleigewicht an den Füßen der Widersacher des Herrn Jesus. An Gottlosigkeit, List und Bosheit zum Ersinnen von tückischen Anschlägen fehlt es ihnen wahrlich nicht; aber sie sind, Gott sei Dank, ohnmächtig, etwas auszuführen ohne Gottes Zulassung. Doch werden sie nach ihres Herzens Gedanken gerichtet werden, und an dem großen Tage der Rechenschaft wird der böse Wille für die Tat genommen werden. Wenn wir in unsern Tagen die prahlerischen Drohungen der Feinde des Evangeliums lesen, können wir zum Schluss je und je freudig die Worte unseres Verses wiederholen: Sie sind des nicht mächtig ! (Wörtl.) Die Schlange mag zischen, aber der Kopf ist ihr zertreten; der Löwe mag brüllen, aber verschlingen kann er nicht; das Wetter mag donnern, aber es kann nicht einschlagen. Der Papst, der alte Riese, zerbeißt sich die Nägel vor Wut über die Zionspilger, aber er kann nicht ihre Gebeine zernagen wie ehedem. 5 Mit scheußlichem Brummen und Knurren ziehen sich der Teufel und alle seine Verbündeten von den Mauern Zions zurück - "non possumus" (wir können nicht), denn Jahwe ist auf dem Plan. 5

13. Denn du wirst machen, dass sie den Rücken kehren; mit deiner Sehne wirst du gegen ihr Antlitz zielen. Für eine Weile mögen die Feinde Gottes dreist vorrücken und alles über den Haufen zu werfen drohen; aber einige wenige Pendelschläge der Uhr und ihre Sache wird ein ganz anderes Ansehen haben. Erst gehen sie unverschämt genug vor; aber da tritt Gott ihnen entgegen und schon der erste Vorgeschmack der scharfen Gerichte Gottes bringt sie zu wirrer Flucht. Das Antlitz der Gottlosen ist die Zielscheibe für die Pfeile des Zornes des Allmächtigen. Welch schreckliche Lage! Zur Beleuchtung dieser Worte erinnere man sich an das Schicksal Jerusalems bei der Belagerung durch die Römer oder man lese, als Beispiel von Gottes Gerichten an Einzelnen, den Bericht von dem schauerlichen Ende des Rechtsgelehrten Francesco Spiéra zu Padua im 16. Jahrhundert, der seinen evangelischen Glauben verleugnet hatte und darauf, in der Überzeugung, die Sünde wider den heiligen Geist begangen zu haben, ein Raub der Verzweiflung wurde. Gottes Bogen fehlt nie; wer wollte seine Zielscheibe sein? Seine Pfeile sind scharf und durchbohren das Herz; wer möchte von ihnen getroffen werden? Wehe euch, ihr Feinde des Höchsten; euer Prahlen wird schnell zu Ende sein, wenn seine Pfeile auf euch zu fliegen beginnen!

14. Herr, erhebe dich in deiner Kraft. Ein lieblicher Schlussvers. Wir wollen in ihn einstimmen. Ja, Herr, erhebe dich, zeige deine Übermacht, lass deine Feinde deine starke Hand fühlen; so wollen wir singen und (mit Saitenspiel) loben deine Macht . Eine Zeitlang mögen die Heiligen trauern und ihre Harfen an die Weiden hängen; aber die glorreiche Erscheinung ihres göttlichen Helfers erweckt ihre Freude aus dem Schlummer. Alle Eigenschaften Gottes sind wohlgeeignet, von Herz und Mund besungen zu werden und wo wir seine Macht sich erweisen sehen, sollen wir sie erheben. Er hat unsere Befreiung allein zu Stande gebracht; er allein soll auch den Lobpreis dafür haben.

Fußnoten
2. Diese wörtlichere Übersetzung gibt den Unterschied der Bedeutung zwischen l: hcfmf und hcfmf mit Akk. wieder und damit zugleich die (in diesem Verse beginnende und durch die folgenden sich fortsetzende) im Grundtext enthaltene Steigerung.

3. Es ist aber wohl schon im ersten Versglied an die Frucht des Leibes zu denke.

4. Man kann auch übersetzen: Wenn sie Böses auf dich zu bringen suchen, einen Zuschlag ersinnen, -- sie werden es nicht (ausführen) können.

5. Aus Bunyans Pilgerreise und heiligem Krieg.
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Beitragvon Jörg » 25.05.2019 13:49

Erläuterungen und Kernworte

Zum ganzen Psalm. Der vorige Psalm war ein Gebet um Sieg für den König bei dessen Auszug zum Kampf. Dieser ist offenbar ein Te Deum bei seiner siegreichen Heimkehr. Es liegt sehr nahe anzunehmen, dass beide Psalmen sich auf denselben Krieg beziehen, und es bieten sich manche merkwürdige Berührungspunkte mit dem 2. Samuel 10-12, besonders 12,29-31 aus dem syrisch-am-monitischen Kriege Berichteten. Zu Ps. 21,4 könnte die Unterlage bilden, dass David sich nach 2. Samuel 12,30 die schwere goldene Krone des besiegten Ammoniterkönigs aufs Haupt setzte. "Jene Stelle (2. Samuel)", sagt Tholuck , "lautet so, als habe David vorher eines königlichen Diadems entbehrt. Ist dem wirklich so, so konnte David mit um so größerem Recht V. 4 die Güte Gottes preisen, welche es nun ungesuchterweise von einem feindlichen Haupt auf das seine übertrug." An den Feuerofen V. 10 erinnert, dass nach der Eroberung Rabbas ein Teil der Bevölkerung (nach der gewöhnlichen Deutung von 2. Samuel 12,31) in Ziegelöfen verbrannt wurde. (Andere Deutung G. Hoffmanns mit kleiner Änderung: Er ließ sie mit Ziegelformen arbeiten.) Sodann wurde nach 2. Samuel 12,29 der Fall Rabbas erst nach Davids persönlichem Erscheinen herbeigeführt, womit man die Worte V. 10: "zur Zeit deines Angesichts, d. h. deines Erscheinens" vergleichen kann. Endlich bildeten die in 20,8 erwähnten Kriegswagen und Rosse die besondere Stärke des syrischen Heeres, mit der es jedoch nach 2. Samuel 10,18 vor der Siegesmacht Davids jämmerlich zuschanden wurde. Diese Parallelen sind interessant; zwingende Kraft haben sie freilich nicht. - J. M.

Unser Psalm dankt nicht für einen einzelnen, dem Könige gewährten Sieg, sondern für Stärke und Heil überhaupt, für erteilte Herrschaft (vergl. in V. 4 das: "Du setzest auf sein Haupt eine Krone von Gold") und, was ganz entscheidend ist, für "Lebenslänge immer und ewig", V. 5. Der Psalm spricht den Dank des Volkes aus für die David in 2. Samuel 7 gewährten Verheißungen und die freudige Hoffnung auf Erfüllung derselben. Nur von dieser Ansicht aus erklärt sich V. 5, wonach dem Könige eine ewige Lebensdauer gewährt, V. 7, wonach er zum ewigen Segen gesetzt worden. Stellen, die jede Beziehung auf ein einzelnes königliches Individuum als solches ausschließen. Die an sich schon verwerfliche Annahme hyperbolischer Redeweise erscheint umso mehr als unzulässig, wenn wir die Verheißung in 2. Samuel 7 und die andern auf ihr ruhenden Psalmen, Ps. 89; 132; 110, vergleichen. Gerade so wie hier findet David in seinen letzten Worten in 2. Samuel 23 in der Verheißung des Herrn 1) die Bürgschaft des Heiles für sein Haus, V. 5, und 2) die Bürgschaft des Verderbens für seine Feinde, die Übeltäter, V. 6. 7. Prof. D. E. W. Hengstenberg 1842.

"Danach sah ich, und siehe, ein Stuhl (d. h. ein Thron) war gesetzt im Himmel, und auf dem Stuhl saß einer" (Off. 4,1 f.) -- diese Worte könnten wir dem vorliegenden Psalm als Überschrift geben. Derselbe, sagt Hieronymus († 420), der im vorhergehenden Psalm betete als einer, der Knechtsgestalt angenommen hatte, erscheint in diesem als der König aller Könige und Herr aller Herren. Isaac Williams 1864.

V. 2. O wie gut ist’s, sich in der Kraft dessen zu freuen , dessen Arm nie schwach wird, und sich in dem Schatten der Flügel des Ewigen zu bergen, sich in Ihm zu freuen, der derselbe ist gestern, heute und in alle Ewigkeit! Denn wie Er ist, so wird auch unsere Freude sein: ewig, unveränderlich. Bischof Launcelot Andrewes † 1626.

Die Kraft und das Heil Gottes bedeuten, wie überall, so auch hier, dasjenige, wodurch uns Gott selig und stark macht; dass also diese Wörter mehr die Gaben Gottes, so er uns schenket, als Gott selbst, von dem sie herkommen, andeuten. Martin Luther 1519.

V. 3. Ihn hat herzlich verlangt, das Opferlamm zu essen (Lk. 22,15) und sein Leben nach seinem Willen zu lassen und wieder zu nehmen (Joh. 10,18), und du hast ihm seines Herzens Verlangen gewährt und hast seiner Lippen Begehr nicht verweigert (Grundtext). "Meinen Frieden", sprach er, "lasse ich euch" -- und es geschah also. Aurelius Augustinus † 430.

Gottselige Menschen bekommen für ihre Gebete ganz sicher entweder Geld oder Geldeswert wieder -- das, worum sie gebeten, oder etwas Besseres. John Trapp † 1669.

Die Ordnung ist hier gewiss schön, dass nämlich das Gebet des Herzens vorhergehen müsse, ohne welches das Gebet der Lippen ein unnützes Gemurmel ist. Martin Luther 1519.

V. 4. Es ist, als sagte David: Herr, ich habe nie ein Königreich begehrt, ja an solch hohe Dinge nicht einmal gedacht; aber du bist mir mit überreichen Segnungen an Gutem entgegengekommen. Es ist nichts Neues, dass Gott den Menschenkindern mit Liebe und Barmherzigkeit entgegen- und zuvorkommt . So hat er allezeit gehandelt, so handelt er heute, so wird er ferner handeln. "Komm und folge mir nach", spricht Christus zu Levi am Zollhaus und kommt ihm zuvor (Mt. 9,9). Und wie war es mit Paulus? "Ich war ein Lästerer und Verfolger und ein Schmäher; aber mir ist Barmherzigkeit widerfahren" (1.Tim. 1,13). Wie das? Hat er die Gnade gesucht? "Nein", sagt er, "ich schnaubte mit Drohen und Morden gegen Gottes Volk; aber der Herr begegnete mir und entwaffnete mich; Gott kam mir mit seiner Gnade und Barmherzigkeit zuvor." Und was denkt ihr von jenem ganzen fünfzehnten Kapitel im Lukas mit seinen drei Gleichnissen? Das Weib verlor ihren Groschen und kehrte das Haus, ihn zu finden. Trachtete der Groschen, wieder zu seiner Herrin zu kommen oder trachtete das Weib nach dem Groschen? Und das verlorene Schaf -- suchte es zuerst den Hirten oder der Hirte das Schaf? Von dem verlorenen Sohne heißt es allerdings, er habe sich aufgemacht zu seinem Vater; aber es steht auch: "Da er noch ferne von dannen war, sah ihn sein Vater, lief und fiel ihm um seinen Hals und küsste ihn." Soll uns dies alles nicht zeigen, wie herrlich sich die vorlaufende Gnade offenbart? William Bridge † 1670.

Ein großer Teil der Segnungen an Gutem, die wir genießen, ist uns zuteil geworden vor unserem Suchen und Bitten. Das Leben, die Vernunft, die Geburt in eitlem christlichen Lande, die Berufung unseres Volkes zur Erkenntnis Christi, Christus selbst und tausend andere Dinge sind uns ungesucht gegeben worden, gerade wie dem König David das Anrecht auf den Königsthron. Niemand hatte noch um einen Erlöser gebeten, als Gott aus eigenem Antrieb den Weibessamen verhieß (1. Mose 3,15). D. William S. Plumer 1867.

Weil er (Jesus) zuerst die Segnungen deiner Süßigkeit, 6 o Gott, in großen Zügen getrunken hatte, schadete ihm der bittere Kelch voll Galle unserer Sünde nicht. Aurelius Augustinus † 430.

V. 5. Er bittet Leben von dir; so gibst du ihm langes Leben immer und ewiglich . Dieses aber ist hier zu merken, dass der Prophet rühmen wollen, dass uns weit größere Dinge von Gott gegeben werden, als vorher von ihm erbeten worden, indem er spricht, es sei mit ganz schlechten Worten ums Leben gebeten worden, hernach aber mit desto prächtigern Worten sagt, dass ein langes und ewig dauerndes Leben verliehen worden. Also ist allezeit unsere Bitte geringer als die Gaben, die wir erhalten, wie Paulus Eph. 3,20 lehret. Martin Luther 1519.

Die Worte dieses Verses: "Leben erbat er von dir; du gabst es ihm -- Länge der Tage (d. h. langes Leben) für immer und ewig " bieten denjenigen keine Schwierigkeit, die den Psalm als unmittelbar messianisch auffassen. Die Worte legten es der späteren Gemeinde in der Tat sehr nahe, den Psalm auf den König Messias zu deuten. Wir finden diese Deutung schon im Targum und Talmud, dann bei vielen der älteren Ausleger. Raschi (d. i. Rabbi Salomo Isaaki, † 1105) gab den Rat, eben um der Christen willen diese messianische Deutung lieber aufzugeben (wie es ja auch bei Jes. 53 und andern Stellen geschehen ist). Nun ist die typisch -messianische Auffassung ohne allen Zweifel berechtigt; nichts deutet aber darauf hin, dass der Psalm hier nicht von David, sondern unmittelbar von dem Messias rede. Hengstenberg, Tholuck u. a. sehen in den Worten einen Widerhall der Verheißung 2. Samuel 7 von dem ewigen Königtum des Hauses David; aber abgesehen von dem kleineren Bedenken, dass die Gabe der ewigen Lebensdauer im Psalm als (überschwenglich große) Gebetserhörung dargestellt wird, wofür 2. Samuel 7 keinen Anlass bietet, klingt die Aussage im Psalm durchaus individuell, so dass jene Deutung nicht ganz befriedigt. Viele Ausleger erinnern daher an die Wünsche, welche an einigen Stellen einem König ausgesprochen werden, z. B. 1.Kön. 1,31; Neh. 2,3; auch Ps. 61,7. 8. Aber es ist doch ganz etwas anderes, ob ein Volk oder ein Untertan einem König den Glückwunsch ausspricht, dass seine Tage kein Ende nehmen mögen, oder ob es im Gebet in den stärksten Ausdrücken dankend vor Gott ausgesprochen wird, dass Gott dem König langes Leben für immer und ewig verliehen habe. Das entspricht, so individuell auf einen König Israels bezogen, einfach nicht den Tatsachen und hat einen allzu höfischen Beigeschmack. Für diejenigen, die David als Verfasser des Psalms annehmen, sollte sich dieser Ausweg jedenfalls von selbst verbieten. Es bleibt noch eine Auslegung, die Moll in Langes Bibelwerk folgendermaßen darlegt: "Ich finde hier den stärksten Ausdruck der Glaubensgewissheit von der persönlichen Lebensfortdauer dessen, der im Gnadenbunde die Lebensgemeinschaft mit Jahwe festhält. Was anderwärts als Hoffnung in Davids Seele aufleuchtete und sich zum Teil in Worten der Weissagung kundgab, die selbst das eigene Verständnis Davids zunächst überragten, hat hier die Gestalt und Sprache der Gewissheit erlangt und setzt eine Reife der geistlichen Erfahrung und ein Nachdenken über voraufgegangene Gnadenführungen und Offenbarungen voraus, welche für die Abfassung auf das höhere Lebensalter Davids führen. Hiermit stimmen auch die folgenden Worte, in denen David ein Bewusstsein seiner heilsgeschichtlichen Stellung und Bedeutung zu erkennen gibt." -- J. M.

Fußnote
6. Nach der lateinischen Übersetzung.
Es muß alles erst einmal an Gott vorüber, bevor es mich treffen kann. (Helmut Thielicke)

Jörg
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Regelmäßige Lesung aus der Schatzkammer David Ps21

Beitragvon Jörg » 28.05.2019 14:59

Erläuterungen und Kernworte

V. 8. Und wird durch die Güte des Höchsten fest bleiben. Wo einer nicht in der Güte und Gnade ist, so kann er nicht feste halten: es ist sonst kein Halten, ohne allein in Gottes Gnade und Barmherzigkeit. Martin Luther 1530.

V. 9. Deine Hand wird finden usw. Auf "deine Hand" folgt zur Steigerung des Ausdrucks: "deine Rechte". Diese deutet noch nachdrücklicher auf behände und wuchtige Tatkraft. Finden schließt in diesem Zusammenhang sowohl das Entdecken als das Erreichen oder Treffen in sich. Vergl. 1. Samuel 23,17 u. Jes. 10,10, in welch letzterer Stelle das Zeitwort im Hebräischen dasselbe Fürwort bei sich hat, wie hier V. 9 a, während es in der ersteren Stelle mit dem Akkusativ steht wie V. 9 b. Ist eine Verschiedenheit der Bedeutung anzunehmen, so wird der Unterschied ähnlich sein wie zwischen an jemand reichen und ihn erreichen. D. Joseph Addison Alexander 1850.

Was bedeutet aber dieses? Hat sie denn die Hand Gottes verloren, dass sie von derselben müssen wieder gefunden werden? Nein, sondern durch diese Redensart wird die stolze Einbildung und Sicherheit der Feinde Gottes angezeigt, welche so sicher und unverzagt handeln, als ob sie nicht unter der Hand Gottes wären; vielmehr versprechen sie sich, nach ihrem törichten Eifer, nicht allein alle Befreiung von der Strafe, sondern wohl gar einen Lohn, indem sie dafür halten, dass sie Gott einen Dienst leisten, und folglich nichts weniger als die Hand Gottes fürchten, sondern vielmehr ihr Nest in Gottes Schoß gebaut zu haben meinen. Denen wird es ergehen, wie denen Gottlosen, welche plötzlich, da sie es nicht vermuten, gefunden und heimgesucht werden. Martin Luther 1519.

Saul tötete sich selbst, aus Furcht, in die Hand seiner Feinde zu fallen und hielt den Tod für weniger schrecklich, als die Schande, die über ihn kommen würde, wenn er in ihre Gewalt geriete. Was wird es dann erst sein, in die Hände des lebendigen Gottes zu fallen (Hebr. 10,31), in die Hände des beleidigten Gottes, der unerbittlich entschlossen ist, seine Heiligkeit zu rächen? "Wer kann vor seinem Zorn stehen?", fragt der Prophet Nahum (1,6). Wer wird es wagen, ihm ins Angesicht zu blicken, wer, vor ihm zu erscheinen? Wer wird den Tag seiner Zukunft erleiden mögen (Mal. 3,2), ohne vor Furcht zu erschaudern und ohnmächtig hinzusinken? Wenn schon Josephs Brüder so erschraken, dass sie diesem nicht antworten konnten, als er sprach: "Ich bin Joseph, euer Bruder", wie wird es den Sündern ergehen, wenn sie die Stimme des Sohnes Gottes hören werden, wenn er in seinem Zorne zu ihnen sprechen wird: "Ich bin’s, den ihr geschmäht habt; Ich bin’s, den ihr gekreuzigt habt! Wenn eben dieses Wort des Herrn Jesu: "Ich bin’s", wiewohl es mit größter Milde gesprochen wurde, die ganze Schar dort in Gethsemane über den Haufen warf (Joh. 18,6), was wird es sein, wenn seine Entrüstung wie ein Sturmwetter über seine Feinde losbricht und sie zu Staub zermalmt! Dann werden sie sprechen zu den Bergen und Felsen: Fallet über uns und verbergt uns vor dem Angesichte dessen, der auf dem Stuhl sitzt, und vor dem Zorn des Lammes! (Off. 6,16). James Nouet 1847.

V. 10. Du wirst sie machen wie einen Feuerofen usw. Wie wird es dann den Sündern ergehen, wenn endlich das so oft vorhergesagte allgemeine Feuer, sei es vom Himmel fallen, sei es aus der Hölle aufsteigen, oder, wie Albertus Magnus († 1280) meinte, von beiden ausgehen und alles verzehren und vernichten wird? Wohin werden die Elenden fliehen, wenn dieser Flammenstrom oder, besser gesagt, dies Flammenmeer, diese Sintflut von Feuer sie so umgibt, dass kein Rettungsort bleibt? Wie hallte Rom von Wehklagen wider während der neuntägigen Feuersbrunst! Welch gellende Rufe vernahm man in Troja, als es in Flammen aufging, was für Jammergeschrei und Entsetzen in Sodom und Gomorra, Adama und Zeboim, als diese Städte durch Feuer vom Himmel zerstört wurden! Welches Weinen war in Jerusalem, als das Haus Gottes, die Zierde des Landes, das Wunder der Welt, in Feuer und Rauch gehüllt war! Denkt euch in die Lage dieser Leute, als sie all ihr Hab und Gut in Flammen aufgehen sahen- ohne eine Möglichkeit, auch nur das Geringste dem verheerenden Element zu entreißen; als der Ehemann das Gekreisch und Gejammer seines sterbenden Weibes, der Vater die herzdurchbohrenden Schmerzensrufe seiner Kinder hören musste und plötzlich sich selber so von den Flammen umzingelt sah, dass er weder sie noch sich retten konnte! Von was für Nutzen werden dann den Weltmenschen ihre köstlichen Gefäße von Gold und Silber, ihre kunstvollen Stickereien und kostbaren Teppiche, ihre anmutigen Gärten und üppigen Paläste und alles, worauf die Welt jetzt Wert legt, sein, wenn sie es mit ihren eigenen Augen werden sehen müssen, wie ihre stattlichen Paläste verbrannt, ihre goldenen Schätze zerschmolzen und ihre blühenden Lustgärten in eine Wüste verwandelt werden und sie keine Macht haben, weder ihre Güter noch sich selbst zu retten! Alles wird verbrennen und die Welt dazu; ja alles, was die Sterblichen unsterblich wähnten, wird dann ein Ende nehmen und vergehen. Bischof Jeremy Taylor † 1667.

Wie einen Feuerofen, worin die Hitze erschrecklich groß ist, da sie sich von oben, von unten und von allen Seiten über das, was darin ist, ergießt und die Tür verschlossen ist, dass kein Entkommen möglich ist und kein kühlendes Lüftchen eindringen kann. David Dickson † 1662.

Wenn du drein sehen wirst. Diese fürnehmste und unerträgliche Strafe wird Gott bloß mit seinem Angesichte den Gottlosen antun, das ist, durch Offenbarung seines Zornes, wie er hier sagt: zur Zeit deines Antlitzes (wörtl.) wirst du sie zum Feuerofen machen. Und 2.Thess. 1,9: Sie werden in ihrem Untergange ewige Strafe leiden von dem Angesicht des Herrn und von der Herrlichkeit seiner Kraft. Und Ps. 34,17; Das Angesicht des Herrn ist über die, die Böses tun. Martin Luther 1519.

Ich habe gelesen, ein finsterer Blick der Königin Elisabeth habe Sir Christopher Hatton, den Lord Großkanzler von England, getötet. Was wird dann der finstere Blick des Königs aller Könige ausrichten? Wenn die Felsen zerreißen, die Berge zerschmelzen und die Grundfesten der Erde unter seinem Zorn erzittern, wie will dann der Gottlose und Sünder vor ihm erscheinen, wenn er in seiner vollen königlichen Herrlichkeit herniederkommt, um Rache zu nehmen an allen, die ihn nicht als Herrn anerkennen und seinem Evangelium nicht gehorsam werden wollten? Charles Bradbury 1785.

V. 11. Ihre Frucht usw. Mögen Eltern es zu Herzen nehmen, dass von ihren Grundsätzen und ihrer Handlungsweise das Heil oder das Verderben von zahlreichen Geschlechtern ihrer Nachkommen abhangen kann. Das Schicksal des Volkes Israel, das beständig vor unsern Augen ist, sollte sie zum Erzittern bringen. Bischof D. George Horne † 1792.

V. 12. Sind des nicht mächtig. (Grundt.) Das glauben unsere Jünkerlein heutzutage nicht. Martin Luther 1530.

Homiletische Winke

V. 2. Die Freude Jesu und der Seinen über die Kraft und das Heil Gottes.
V. 3. Der erfolgreiche Beter und Fürsprecher.
V. 4a. Die vorlaufende Gnade.
Wie Gott unseren Bedürfnissen mit Segnungen an Gutem zuvorkommt : 1) wenn wir zur Welt kommen; 2) wenn wir in Sünde fallen; 3) wenn wir in die Pflichten und Sorgen des reiferen Lebens eintreten; 4) wenn wir im gewöhnlichen Lauf des Lebens neue Wege betreten; 5) in dem dunklen Tal der Todesschatten; 6) indem er uns so manches Gute zuteil werden lässt, worum wir nicht gebeten haben, so dass uns nur noch Raum zum Danken und Lobpreisen bleibt; 7) indem er uns die Himmelstür öffnet und den Himmel füllt mit allem, was uns glücklich machen kann. Samuel Martin 1860.
V. 4b. Jesu Krönung. 1) Seine Vorbereitung zur Krone. 2) Das Reich, das ihm verliehen wird. 3) Die Herrlichkeit der Krone (von seinem Golde, Grundtext). 4) Der göttliche Verleiher dieser Krone.
V. 5. Das dem Davidssohne verliehene ewige Leben (vergl. 2. Samuel 7 u. Ps. 16).
V. 6. Die Ehre des Mittlers.
V. 7. Jesus von Gott gesetzt zum Segen (zur Segensfülle, Grundt. Mehrzahl) ewiglich.
V. 8. Jesus uns ein Vorbild in seinem Glauben, wie in den Erfolgen seines Glaubens.
V. 9. Wie Gott den Sünder ausfindig macht und ereilt, dass kein Verbergen und Entfliehen möglich ist.
V. 9-10. Wie gewiss und schrecklich die Strafe der Gottlosen ist.
V. 11. Der Fluch im Hause des Gottlosen.
V. 12-13. Schuld und Strafe böser Absichten.
V. 13. Die Flucht der großen höllischen Feindesschar.
Es muß alles erst einmal an Gott vorüber, bevor es mich treffen kann. (Helmut Thielicke)

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Regelmäßige Lesung aus der Schatzkammer David Ps22

Beitragvon Jörg » 31.05.2019 14:40

PSALM 22 (Auslegung & Kommentar)


Überschrift

Ein Psalm Davids, vorzusingen (wörtlich: dem Sangmeister). Dieser einzigartige Psalm war dem Meister des heiligen Gesanges übergeben: kein Geringerer durfte sich an die hohe Aufgabe wagen, dies Lied in Töne zu setzen. Es gilt, dass auch wir unser bestes Können einsetzen, wo Jesus der Gegenstand unserer Lieder ist. -- Die andern Worte der Überschrift sind rätselhaft. Die meisten Erklärer übersetzen: "Auf (die Weise): Die Hirschkuh der Morgenröte ", verstehen also darunter die Angabe einer Volksweise, nach der das Lied gesungen werden sollte. Die Hirschkuh der Morgenröte ist nach orientalischem Sprachgebrauch die aufgehende Sonne, deren Strahlen mit den Hörnern der Gazelle, und deren Schnelligkeit mit der Behändigkeit dieses Tieres verglichen wird. Viele finden in der Hirschkuh eine Anspielung auf den Gegenstand des Psalms, nämlich auf den verfolgten Messias, was auch in der deutenden Übersetzung Luthers: "Von der Hirschkuh, die frühe gejagt wird" zum Ausdruck kommt.

Inhalt. Dieser Psalm ist vor allen andern der Kreuzespsalm. Es mag sein, dass unser Heiland ihn am Kreuz Wort für Wort wiederholte. Es zu behaupten, würde zu kühn sein; aber selbst wer den Psalm nur oberflächlich durchliest, kann erkennen, dass dem also gewesen sein mag. Beginnt der Psalm doch mit den Worten: "Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen!" und sein Schluss: Er (Gott) hat’s getan oder vollbracht , erinnert unwillkürlich an Jesu Ruf: Es ist vollbracht. An herzerschütternden Klagelauten, die aus nicht zu ergründenden Tiefen unsagbaren Wehs aufsteigen, hat dieser Psalm seinesgleichen nicht. Er ist eine fotografisch getreue Darstellung der schwersten Stunden unseres Herrn, der Bericht über seine Sterbeseufzer, das Tränenkrüglein seiner letzten Tränen und das Denkmal seiner Freude in den Stunden, da er seinen Geist aushauchte. In beschränktem Sinne ist es wohl wahr, dass uns David und seine Leiden in dem Psalm entgegentreten; aber wie der Glanz der Sterne vor dem Sonnenlicht verschwindet, so wird, wer Jesus in diesem Psalm erblickt, David kaum sehen, noch zu sehen begehren. Wir haben vor uns eine Beschreibung sowohl der Dunkelheit als auch der Herrlichkeit des Kreuzes, der Leiden Christi und der Herrlichkeit danach (1. Petr. 1,11). O dass es uns gegeben werden möge, gläubig zum Kreuze zu nahen und diesen erhabenen Anblick recht zu schauen. Wir sollten den Psalm mit großer Ehrfurcht lesen. Lasst uns, wie Mose beim brennenden Busch, unsere Schuhe ausziehen; denn wenn irgendwo in der heiligen Schrift unsere Füße an heiliger Stätte stehen, dann hier in diesem Psalm.

Einteilung

V. 2-22 sind ein höchst klägliches Geschrei um Hilfe, V. 23-32 dagegen ein köstlicher Vorgeschmack der Errettung. Der erste Abschnitt kann beim 11. Verse noch einmal geteilt werden, da der edle Dulder V. 2-11 Gott auf Grund des innigen Bundesverhältnisses anruft, der eben so dringende Hilferuf V. 12-22 dagegen aus der Augenscheinlichkeit der Gefahr abgeleitet wird.

Auslegung

2. Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?
Ich heule, aber meine Hilfe ist ferne.
3. Mein Gott, des Tages rufe ich, so antwortest du nicht;
und des Nachts schweige ich auch nicht.
4. Aber Du bist heilig,
der du wohnst unter dem Lob Israels.
5. Unsre Väter hofften auf dich;
und da sie hofften, halfest du ihnen aus.
6. Zu dir schrieen sie und wurden errettet;
sie hofften auf dich und wurden nicht zuschanden.
7. Ich aber bin ein Wurm und kein Mensch,
ein Spott der Leute und Verachtung des Volks.
8. Alle, die mich sehen, spotten mein,
sperren das Maul auf und schütteln den Kopf:
9. "Er klage es dem Herrn, der helfe ihm aus
und errette ihn, hat er Lust zu ihm."
10. Denn Du hast mich aus meiner Mutter Leibe gezogen;
du warst meine Zuversicht, da ich noch an meiner Mutter Brüsten war.
11. Auf dich bin ich geworfen von Mutterleib an;
Du bist mein Gott von meiner Mutter Schoß an.


2. Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen? Das war der welterschütternde Ruf auf Golgatha, den uns Matthäus und Markus möglichst ähnlich dem Originallaut der aramäischen Mundart überliefert haben: Elohi, Elohi) lema schebaktani . Die Juden spotteten, aber die Engel beteten an, als Jesus in dem unvergleichlich bittern Weh seiner Seele diesen Ruf ausstieß. Wir sehen unsern hochgelobten Heiland ans Fluchholz genagelt, in der äußersten Not; und was nehmen wir da wahr? Haben wir Ohren zu hören, so lasst uns hören; haben wir Augen zu sehen, so lasst uns sehen! Lasst uns mit heiligem Staunen stillstehen und auf die Lichtstrahlen achten, die wie Blitze inmitten der schrecklichen Finsternis jener mittäglichen Mitternacht aufflammen. Zuerst strahlt der Glaube unseres Heilands hervor und fordert uns zu ehrfurchtsvoller Nachahmung auf. Mit beiden Händen hält Jesus sich an seinem Gott fest, indem er zweimal ausruft: Mein Gott, mein Gott. Der Geist der Kindschaft erwies sich mächtig in dem leidenden Menschensohne; dass er an Gott ein Anrecht habe, dass Gott sein Gott sei, darüber empfand er keinen Zweifel. Ach, dass wir es recht von ihm lernten, uns so an den Gott, der uns die Trübsal sendet, anzuklammern! Auch misstraute der große Dulder nicht im geringsten der Macht Gottes, ihn zu erhalten; denn der hier gebrauchte Gottesname El bezeichnet Gott als den Starken, Mächtigen. Er weiß, dass Jahwe sein allgenugsamer Helfer und Beistand ist; darum wendet er sich an ihn, gemartert von der Seelenangst des Kummers, doch nicht von der Pein des Zweifels. Er möchte wissen, warum er so verlassen ist, er stellt diese Frage und wiederholt sie mit andern Worten; aber bei alledem misstraut er weder der Macht noch der Treue Gottes. Was für eine Frage ist das doch, die wir hier vor uns haben: Warum hast du mich verlassen? Auf jedes Wort dieses traurigsten aller je erhörten Klagerufe müssen wir einen Nachdruck legen. Warum ? Was ist die Ursache dieser seltsamen Tatsache, dass Gott seinen eingebornen Sohn zu solcher Stunde, in solchem Zustand allein lässt? Er hatte doch keine Veranlassung dazu gegeben, warum war er denn verlassen? Hast du: Es ist geschehen! Der Heiland empfindet die schreckliche Wirklichkeit, während er die Frage ausspricht. Tatsache ist es, darüber kann kein Zweifel sein; aber wie rätselhaft ist das! Es war nicht etwa die drohende Gefahr, verlassen zu werden, was unserm Bürgen den lauten Schrei auspresste, sondern er erfuhr dies Verlassensein in voller Wirklichkeit. Du. Ich kann’s verstehen, warum der verräterische Judas und der furchtsame Petrus hinweg sind; aber Du, mein Gott, mein allezeit getreuer Freund, wie kannst du mich verlassen? Das ist das Schlimmste von allem, ja schlimmer als alles andere zusammen. In der Hölle selbst brennt von allen Höllenflammen diese am wütendsten, dass die Seelen von Gott geschieden sind. Verlassen : Hättest du mich gezüchtigt, ich könnte es wohl ertragen, denn dein Antlitz würde mir dennoch leuchten; aber mich gänzlich zu verlassen! O warum das? Mich: deinen unschuldigen, gehorsamen, leidenden Sohn, warum überlässt du mich dem Verderben? Ein Blick der Buße auf uns selbst und ein Blick des Glaubens auf Jesus als den für uns Gekreuzigten wird uns diese Frage um besten lösen. Jesus ist von Gott verlassen, weil unsere Sünden uns von Gott geschieden hatten.
Fern von meiner Hilfe (verhallen) die Worte meines Stöhnens. (Wörtl.) Der Mann der Schmerzen hatte gebetet, bis ihm die Sprache ausging 1; er konnte nur noch schreien und stöhnen , wie es Menschen etwa in schwerer Krankheit tun, oder wie ein verwundetes Tier, das vor Schmerz brüllt. Und dennoch war’s, als verhallte sein Geschrei ungehört, fern von seiner Hilfe, d. i. von seinem Helfer (Bäthgen). Bis zu welch äußerstem Grad des Wehs wurde unser Herr und Meister getrieben! Welch starkes Geschrei mit Tränen (Hebr. 5,7) muss es gewesen sein, das ihn so heiser machte, dass er nicht mehr sprechen konnte! Wie hoch muss seine Angst gestiegen sein, als er seinen geliebten Vater fern stehen sah, weder Hilfe gewährend noch auch, allem Anschein nach, auf sein Gebet merkend. Das war Anlass genug, ihn zum Stöhnen zu bringen. Dennoch war dies alles wohlbegründet, wie alle, die sich in Jesus als ihrem Stellvertreter bergen, gar wohl wissen.

Fußnote
1. Der Text: "die Worte meines Stöhnens", d. h. die Worte, die ich stöhnend hervorstoße zeigt hingegen, dass das Schreien hier nicht als unartikuliertes gedacht ist.
Es muß alles erst einmal an Gott vorüber, bevor es mich treffen kann. (Helmut Thielicke)

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Regelmäßige Lesung aus der Schatzkammer David Ps22

Beitragvon Jörg » 04.06.2019 14:59

3. Mein Gott, des Tages rufe ich, so antwortest du nicht, und des Nachts (rufe ich), ohne dass mir (durch Erhörung) Ruhe wird . (Grundt.) Wenn unsere Gebete etwa ungehört zu verhallen scheinen, so ist das keine unerhörte Prüfung: Jesus hat sie vor uns durchgemacht; und es ist bemerkenswert, dass er trotzdem im Glauben an Gott festhielt, wie das sein erneuter Ruf "Mein Gott" zeigt. Anderseits schwächte sein Glaube nicht die Dringlichkeit seines Bittens ab; denn inmitten des Getümmels und der Gräuel jenes Schreckens-Tages schrie er eben so unablässig zu Gott, wie er in der düstern Nacht Gethsemanes in seiner Todesangst mit Gott gerungen hatte. Unser Heiland hielt an am Gebet, wiewohl ihm keine tröstliche Antwort zuteil wurde. Darin hat er uns ein Beispiel der Befolgung seiner eigenen Worte gegeben, dass man allezeit beten und nicht müde werden solle (Lk. 18,1). Kein Tageslicht ist zu grell und keine Mitternacht zu dunkel zum Beten; und keine Verzögerung oder scheinbare Verweigerung der Antwort, so schmerzlich beides sein mag, sollte uns verleiten, vom dringenden Flehen abzulassen.

4. Aber Du bist heilig, der du wohnest unter dem Lob Israels. So böse immer die Dinge scheinen mögen, in dir, Gott ist dennoch nichts Böses! Wir sind sehr geneigt, von Gott Schlimmes zu denken oder zu reden, wenn seine Hand schwer auf uns drückt; aber nicht so der allezeit gehorsame Sohn. Er weiß zu wohl, wie gut sein Vater ist, als dass er sich durch äußere Umstände verleiten lassen könnte, an seiner Heiligkeit, d. i. an seiner unverbrüchlichen Wahrheit und makellosen Treue, zu zweifeln. Es ist kein Unrecht (Ps. 92,16) an Jakobs Gott, er verdient keinen Tadel. Er tue, was ihm beliebt; er ist dennoch würdig, gepriesen zu werden und über den Lobgesängen Israels, seines auserwählten Volkes, zu thronen. (Grundt. Man vergl. Gottes Thronen über den Cherubim Ps. 99,1; 80,2 . "Die Loblieder, welche als Denkmäler seiner Heilstaten in Israel ertönen, sind wie Cherubsfittiche, auf welchen seine Gegenwart in Israel schwebt." Delitzsch.) Wenn auf unser Gebet keine Antwort kommt, geschieht es nicht, weil etwa Gott untreu wäre, sondern aus irgendwelchen andern guten, wichtigen Gründen. Können wir keinen Grund für die Verzögerung entdecken, so müssen wir das Rätsel ungelöst lassen; aber wir dürfen nicht Gott Beleidigungen ins Angesicht schleudern, um dadurch eine Antwort zu erzwingen. Der Betrübte, der in unserm Verse redet, erkennt anbetend die Heiligkeit Gottes an; doch scheint er, während er dies tut, sinnend darüber zu staunen, wie der heilige Gott ihn allein lassen und zu seinem Schreien schweigen könne. Gerade mit der Heiligkeit des Herrn scheint er uns seine Klage zu begründen: Du bist doch heilig; warum lässt du denn deinen Heiligen in dieser Stunde der höchsten Angst so ganz außer Acht? Wir dürfen die Heiligkeit Gottes nicht in Zweifel ziehen; wohl aber dürfen wir aus ihr Schlüsse ziehen und uns in unsern Bitten auf sie berufen.

5. Auf dich vertrauten unsere Väter; sie vertrauten, und du befreitest sie. (Wörtlich.) Das ist die goldene Lebensregel aller, die zu der auserwählten Familie gehören. Dreimal nacheinander wird es (V. 5-6) hervorgehoben: sie vertrauten, sie vertrauten, sie vertrauten. Sie ließen sich vom Vertrauen nicht abbringen; denn das war ihr Lebenselement. Und sie fuhren dabei wohl, denn du machtest sie frei . Aus allen ihren Nöten und Trübsalen führte der Glaube sie heraus, indem er ihren Gott zu ihrer Rettung herbeirief; aber bei unserm Heiland schien es, als bringe der Glaube keine Hilfe vom Himmel herab. Es war, als sollte er allein von allen, die auf Gott trauten, ohne Errettung bleiben. Die Erfahrungen anderer Gotteskinder können uns, wenn wir in tiefen Wassern sind, ein großer Trost sein, solange der Glaube es festhält, dass ihre Erfahrung der Rettung auch die unsere sein wird; doch wenn wir fühlen, dass wir untersinken, ist es ein schlechter Trost, zu wissen, dass andere schwimmen. Unser Erlöser stützt sich hier daraus, wie Gott von alters her an den Seinen gehandelt hat, als auf einen Grund, warum Gott ihn nicht allein lassen könne. Darin gibt er uns abermals ein Beispiel von kunstgerechter Handhabung dieser Waffe, die wir in jedem Gebet gebrauchen sollten. Dass das Fürwort in der Mehrzahl steht, unsere Väter, zeigt, wie eins mit seinem Volke sich Jesus auch am Kreuze fühlte. Wir sagen: Unser Vater, der du bist in den Himmeln, -- er nennt diejenigen unsere Väter, durch welche wir zur Welt gekommen sind, wiewohl er nach dem Fleisch keinen Vater hatte.

6. Zu dir schrieen sie und wurden errettet; auf dich vertrauten sie (wörtl.) und wurden nicht zuschanden. "Wie ist’s doch, dass ich in meinem überwältigenden Kummer ohne Beistand gelassen werde, während allen anderen Hilfe zuteil geworden ist?" Wir dürfen den Herrn an seine frühere Freundlichkeit gegen sein Volk erinnern und ihn anflehen, sich uns als denselben zu erweisen. Das heißt recht mit Gott ringen; lasst uns die Kunst lernen. Beachten wir, dass die Heiligen der Vorzeit zu Gott schrieen und auf ihn trauten, und dass wir in der Trübsal dasselbe tun sollen: dann werden wir auch dieselbe freudige Erfahrung machen, die ihnen ohne Ausnahme zuteil wurde, dass sie nämlich in ihrer Hoffnung nicht zuschanden wurden, weil die Errettung zur rechten Zeit kam. Das Gebet des Glaubens wirkt, wenn alles andre sich erfolglos erweist. Voll Verwunderung sehen wir Jesus hier in seinen Bitten dieselben Gründe vorbringen, wie wir, und in viel schwererem Leid, als das unsere es jemals ist.

7. Aber ich bin ein Wurm und kein Mensch, ein Spott der Leute und Verachtung des Volks. Dieser Vers ist ein Wunder in Worten. Wie war es möglich, dass der Herr der Herrlichkeit in solche Tiefen hinabgeführt wurde, dass er nicht nur niedriger als die Engel, sondern sogar niedriger als die Menschen war? Welch ein Abstand zwischen "Ich bin" (2. Mose 3,14) und "Ich bin ein Wurm!" Und doch war in der Tat eine solche zwiefache Natur in der Person unsers Herrn Jesus zu finden, als er am Kreuzesstamm blutete. Er fühlte sich einem hilflosen, ohnmächtigen, in den Staub getretenen Wurme vergleichbar, der nicht widersteht, wenn er zerdrückt wird, und von denen, die ihren Fuß auf ihn setzen, nicht beachtet und verachtet wird. Er wählt zu seinem Gleichnis das schwächste aller Geschöpfe, das nichts als Fleisch ist und unter den Füßen der Leute eine sich windende, zuckende Fleischmasse wird, die gänzlich aller Macht entblößt ist, ausgenommen die Kraft zu leiden. Das war sein Bild, als Leib und Seele ihm in den Todesängsten des Kreuzes ein Haufen Elend geworden waren. -- Der Mensch ist seit dem Fall von Natur nichts als ein Wurm (Hiob 25,6); aber unser Herr stellt sich sogar noch unter den Menschen, in Anbetracht des Hohnes, womit er überhäuft war, und der Schwachheit, die er fühlte. Darum fügt er hinzu: und kein Mensch. Die Vorrechte und Segnungen, die den Vätern zuteil geworden waren, konnte er nicht erlangen, da er von Gott verlassen war; und nicht einmal eine gemeinmenschliche Behandlung wurde ihm zuteil, denn er war von den Menschen verworfen. Er war ausgestoßen aus der menschlichen Gesellschaft und ausgeschlossen schien er auch vom Himmel, denn kein freundlicher Blick von oben wurde ihm geschenkt. Wie völlig entäußerte sich der Heiland aller Herrlichkeit, wie unansehnlich wurde er um unsertwillen! Ein Spott der Leute -- die Zielscheibe des Hohnes und des Witzes aller, ein Sprichwort für jedermann; die Belustigung des Pöbels und der Spott der Oberen. Wie beißend und brennend dringen Schmach und Hohn denen ins Herz, die sie schweigend erdulden und dennoch ein tiefes Gefühl dafür haben! Und Verachtung des Volks. Die vox populi, des Volkes Stimme, war wider ihn. Dieselben Leute, welche vor wenigen Monden ihn hatten krönen wollen (Joh. 6,15), verachteten ihn jetzt, und solche, die einst seine heilende Hand erfahren hatten, rümpften nun die Nase über ihn in seinem Weh. Siehe, die Sünde verdient das Vollmaß der Schmach und Verachtung; das ist der Grund, weshalb Jesus, der Sündenträger, in solch unwürdige, schmachvolle Behandlung dahingegeben wurde.
Es muß alles erst einmal an Gott vorüber, bevor es mich treffen kann. (Helmut Thielicke)

Jörg
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Beitragvon Jörg » 08.06.2019 12:59

8-9. Alle, die mich sehen, spotten mein. Man lese die Berichte der Evangelien über all das Gespött, das der Gekreuzigte über sich ergehen lassen musste, und erwäge im Licht dieses Wortes, wie es ihn schmerzte. Das Schwert ging ihm durch die Seele. Die Spöttereien, welche unser Herr erduldete, waren von der grausamsten Art. Das Hohngelächter über ihn war allgemein; Menschen allerart waren darin ein Herz und eine Seele und überboten sich gegenseitig in Beleidigungen gegen ihn. Priester und Volk, Juden und Heiden, Soldaten und Bürger, alle vereinigten sich miteinander in der allgemeinen Verspottung des Herrn, und das, als er sich in der äußersten Schwachheit befand und im Begriff war, zu sterben. Worüber sollen wir uns mehr wundern, über die Grausamkeit der Menschen oder über die Liebe des blutenden Heilands? Können wir nach dem, was er uns zugut erduldet hat, je murren, wenn wir um seinetwillen Hohn und Schmach leiden müssen?
Sie sperren das Maul auf (reißen die Lippen auf, nach andern: verziehen die Lippen) und schütteln den Kopf -- Gebärden des Hohnes. Sie werfen die Lippen auf, grinsen mit den Zähnen, schütteln das Haupt, strecken die Zunge heraus, -- all solchen Hohn und anderen mehr muss der geduldige Heiland über sich ergehen lassen. Die Menschen schneiden Gesichter gegen ihn, vor dem die Engel anbetend ihr Antlitz verhüllen. Voll Schadenfreude überhäufen sie ihn mit den gemeinsten Zeichen der Entehrung, welche ihre Geringschätzung gegen ihn ausdenken kann. Auf seine Gebete machen sie witzelnde Wortspiele (Mk. 15,34-36), auf seine Leiden rohe Späße, sie lachen und scherzen, -- so nichts, so gar nichts gilt er ihnen!
"Wälz’ (deine Sache) auf den Herrn, der helfe ihm aus und errette ihn, er (Jahwe) hat ja Gefallen an ihm." (Wörtl. 2 Also rufen ihm die Spötter zu. Grausam richten sie ihre Sticheleien auf das Gottvertrauen des großen Dulders, wohl wissend, dass sie damit die zarteste Stelle seines Herzens treffen. Sie müssen diese teuflische Kunst vom Satan selbst gelernt haben, denn sie machen darin wunderbare Fortschritte. Nach Mt. 27,39-44 wurden fünferlei Schmähungen gegen den Herrn geschleudert. Der hier in unserm Psalm erwähnte Spott war der bitterste von allen. Er hat eine beißende Ironie in sich, die ihn ganz besonders giftig macht. Er muss den Mann der Schmerzen aufs empfindlichste verwundet haben. Werden wir etwa in ähnlicher Weise gequält, so lasst uns an ihn gedenken, der ein solches Widersprechen von den Sündern wider sich erduldet hat (Hebr. 12,3); das wird uns mächtig trösten. Beim Lesen dieser Verse ist man geneigt, mit John Trapp († 1669) zu fragen: "Ist das Weissagung, oder ist’s Geschichte? -- so genau ist die Beschreibung. Auch dürfen wir die Wahrheit nicht übersehen, die die jüdischen Spötter, ohne es zu merken, verkündigen. Sie selbst sind Zeugen dafür, dass dieser Jesus von Nazareth auf Jahwe vertraut hat 3 ; warum wird er denn dem Tode überlassen? Jahwe hat doch von alters her alle errettet, die ihre Bürden gläubig auf ihn geworfen haben; warum ist denn dieser Mensch so gar verlassen? Ach, dass sie die Antwort begriffen hätten! Lasst uns ferner beherzigen, dass auch ihr spöttelnder Scherz: "Er hat ja Wohlgefallen an ihm !" die Wahrheit aussagt. Gott hatte in der Tat Wohlgefallen an seinem geliebten Sohne; auch da er an Gebärden wurde als ein Mensch erfunden und gehorsam wurde bis zum Tode, ja bis zum Tode am Kreuz, war er seines Herzens Lust. Wie seltsam: Jahwe hat Wohlgefallen an ihm -- dennoch zermalmt er ihn; er hat seine Lust an ihm -- und doch bringt er ihn um!

10. (Ja, ich will mein Anliegen auf dich wälzen,) denn Du bist’s, der mich aus dem Mutterschoß gezogen . (Grundt.) Freundlich waltet die Vorsehung, die zarte Hand des göttlichen Geburtshelfers, bei der Geburt eines jeden Menschenkindes; aber über dem Menschensohne, der in geheimnisvoller Weise gezeugt war von dem heiligen Geiste, wachte der Herr in außergewöhnlicher Weise, als er geboren wurde aus Maria, der Jungfrau. Der hilflose Zustand, worin sich Joseph und Maria fern von dem ihnen zur Heimat gewordenen Nazareth befanden, musste sie besonders dazu führen, in der glücklichen Entbindung der Mutter und der guten Geburt des Kindes die zart waltende Hand Gottes zu erkennen. Jenes Kind wendet nun, da es, zum Mann herangereift, den größten Kampf seines Lebens kämpft, die ihm bei seiner Geburt widerfahrene göttliche Güte zur Begründung seiner Bitten vor Gott an. Der Glaube findet überall Waffen des Gebets. Wer glauben will, dem wird es an guten Gründen für den Glauben niemals fehlen. -- Du warest meine Zuversicht, wörtl.: Du bist es, der mich (auf Jahwe) vertrauen machte 4, da ich noch an meiner Mutter Brüsten war . War unser Heiland so früh schon bewusst gläubig? War er eines jener jungen Kinder und Säuglinge, aus deren Mund Gott sich eine Macht zurichtet? (Ps. 8,3 .) Es muss dem also gewesen sein. Und welch kräftiger Grund zum Bitten um Hilfe lag darin! Frömmigkeit in früher Jugend gibt in den Trübsalen des späteren Lebens ganz besondern Trost; denn er, der uns geliebt hat, da wir Kinder waren, ist zu treu, als dass er uns in den reiferen Jahren verlassen könnte. -- Welch besondere Fürsorge hatte der Heiland doch schon erfahren, da er noch an der Mutterbrust lag! Wie war er bewahrt worden vor der Wut des Herodes, in den Gefahren der Flucht und unter den Übeln der Armut.

11. Auf dich wurde ich geworfen schon gleich vom Mutterschoße aus . (Grundt.) Die Arme der Allmacht hatten als liebende Vaterarme ihn vom ersten Augenblick an aufgenommen. Das ist ein lieblicher Gedanke. Gottes Fürsorge waltet über uns von der ersten Stunde an. Er wiegt uns auf den Knien seiner Barmherzigkeit und liebkost uns in dem Schoße seiner Güte; seine Liebe überschattet unsre Wiege, und seine Fürsorge wacht über unsern ersten wankenden Schritten. Du bist mein Gott von meiner Mutter Schoß an. Der Psalm beginnt mit dem Ausruf: "Mein Gott, mein Gott", und nun wird der Anspruch auf Gott als seinen Gott nicht nur wiederholt, sondern auch der frühe Beginn dieses Verhältnisses geltend gemacht. Wie edel ist diese Ausdauer des Glaubens, die mit heiligem Scharfsinn einen Beweggrund zur Erhörung nach dem andern vorführt. Die Zeit unserer Geburt war die Zeit, wo wir am schwächsten waren und unser Leben am meisten gefährdet war; wurden wir damals durch die Sorgfalt der göttlichen Allmacht erhalten, so haben wir sicher keinen Grund, zu argwöhnen, dass uns Gottes Güte jetzt im Stiche lassen werde. Er, der unser Gott war, als wir aus dem Mutterleib hervorgingen, wird mit uns sein, bis wir zum Mutterschoß der Erde zurückkehren, und wird uns bewahren, dass wir nicht im Bauch der Hölle umkommen.

Fußnoten
2. Der Wechsel in der Redeform ist nicht (mit Luther nach den LXX) zu verwischen. Erst im Imperativ der höhnische Rat, seine Sache dem Herrn zu befehlen, dann Rede in der 3. Person: sie kehren dem Leidenden gleichsam schon in den Worten verächtlich den Rücken zu (Böhl). Der Schluss: "er hat ja usw." ist der höchste Sarkasmus.

3. Der Spott der Obersten Mt. 27,43 erweist sich gerade darin als besonders gottlos, dass sie Worte der heiligen Schrift zum Hohn anführen. Die Anführung ist nicht gleichlautend mit der Übersetzung der LXX, stimmt aber darin mit den LXX überein, dass das erste Zeitwort als Präteritum aufgefasst oder wiedergegeben ist: Er hat auf Gott vertraut. Die LXX scheinen, um den Wechsel der Person zu vermeiden, lgIa, gelesen zu haben.

4. So z. B. Delitzsch, vergl. Ps. 71,5. Die meisten Neueren übersetzen: der mich sorglos an meiner Mutter Brüsten liegen ließ.
Es muß alles erst einmal an Gott vorüber, bevor es mich treffen kann. (Helmut Thielicke)

Jörg
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Beitragvon Jörg » 11.06.2019 15:16

12. Sei nicht ferne von mir, denn Angst ist nahe;
denn es ist hier kein Helfer.
13. Große Farren haben mich umgeben,
gewaltige Stiere haben mich umringet;
14. ihren Rachen sperren sie auf wider mich
wie ein brüllender und reißender Löwe.
15. Ich bin ausgeschüttet wie Wasser,
alle meine Gebeine haben sich zertrennt;
mein Herz ist in meinem Leibe wie zerschmolzenes Wachs.
16. Meine Kräfte sind vertrocknet wie eine Scherbe,
und meine Zunge klebt an meinem Gaumen,
und du legest mich in des Todes Staub.
17. Denn Hunde haben mich umgeben,
und der Bösen Rotte hat mich umringt;
sie haben meine Hände und Füße durchgraben.
18. Ich kann alle meine Gebeine zählen.
Sie aber schauen, und sehen ihre Lust an mir.
19. Sie teilen meine Kleider unter sich,
und werfen das Los um mein Gewand.
20. Aber Du, Herr, sei nicht ferne;
meine Stärke, eile mir zu helfen!
21. Errette meine Seele vom Schwert,
meine einsame von den Hunden!
22. Hilf mir aus dem Rachen des Löwen,
und errette mich von den Einhörnern .


Der gekreuzigte Davidssohn fährt fort, seine Klage und sein Gebet vor Gott auszuschütten. Wir bedürfen viel Gnade, um bei der Betrachtung dieser Verse in der Gemeinschaft seiner Leiden zu stehen. Möge der heilige Geist uns einen recht klaren, lebendigen, das Herz in Wallung bringenden Einblick in das Leiden unseres Erlösers geben.

12. Sei nicht ferne von mir. Das ist die Bitte, um derentwillen er so mannigfaltige und kräftige Gründe vor Gott geltend gemacht hat. Das große Weh seines Herzens ist, dass Gott ihn verlassen hat, -- seine große Bitte, dass er ihm nahe sein möge. Eine lebhafte Empfindung der Gegenwart Gottes ist ein mächtiger Halt in Zeiten der Trübsal. Denn Angst, wörtlich: Drangsal, ist nahe (sie rückt mir auf den Leib, wie wir in volkstümlicher Sprache sagen); denn es ist hier kein Helfer . Zweimal steht hier denn. Es ist, als klopfte der Glaube zweimal an der Gnadentür. Solche Gebete sind wirksam, die voll heiliger Gründe und wohldurchdachter Beweise sind. Die Nähe der Bedrängnis ist ein starker Beweggrund für Gottes Eingreifen; sie bewegt das Herz unseres himmlischen Vaters und zieht seine helfende Hand herab. Das ist ja eben sein Ruhm, eine Hilfe zu sein, die in Nöten kräftig erfunden wird (Ps. 46,2 Grundt.). Unser Stellvertreter war in großer innerer Not, das Wasser ging ihm bis an die Seele (Ps. 69,2); da mochte er wohl rufen: Sei nicht ferne von mir. Dass sonst kein Helfer da war, verstärkt abermals die Dringlichkeit seiner Bitte. Niemand konnte und wollte unserm Heiland helfen. Er musste die Kelter allein treten (Jes. 63,3); doch gereichte ihm die Erfahrung, dass alle seine Jünger ihn verlassen hatten und Gott seine Freunde fern von ihm getan hatte (Ps. 88,9), zu besonders schmerzlicher Erschwerung seiner Leiden. Es ist etwas Furchtbares, sich von Freunden völlig verlassen zu finden. Es wirkt zerschmetternd auf das menschliche Gemüt: denn der Mensch ist nicht geschaffen zum Alleinsein, und er ist wie ein abgerissenes Glied, wenn er Herzensvereinsamung erdulden muss.

13. Große Farren haben mich umgeben, gewaltige Stiere (wörtlich: Starke Basans) haben mich umringt . Nun sind es die Mächtigen in der das Kreuz umstehenden Menge, auf die sich das tränenvolle Auge ihres Opfers richtet. Die Priester, die Ältesten, die Schriftgelehrten, die Pharisäer, die Obersten und Hauptleute, sie alle brüllten rings um das Kreuz her, als wären sie wilde Stiere voller Kraft und Wildheit, wohlgenährt auf den fetten Weiden Basans, des um dieser willen so berühmten nördlichsten Teiles des Ostjordanlandes. Sie stampften und schäumten rings um den Unschuldigen, voll Verlangens, ihm mit ihren Grausamkeiten das Herz zu durchbohren. Stelle dir’s vor: Jesus als ein hilf- und wehrloser Mensch mitten in eine Herde wütender Stiere hineingeworfen! An viehischer Rohheit waren sie Stieren gleich. Ihrer war eine ganze Herde 5; er, der Ausgestoßene, war ganz allein (V. 12 b), und nackt an das Kreuz geheftet, war er allen ihren Angriffen preisgegeben. Seine Lage verlieh der Bitte "Sei nicht ferne von mir" großen Nachdruck.

14. Ihren Rachen sperren sie auf wider mich -- ein brüllender und reißender Löwe. Wie heißhungrige Menschenfresser sperren sie ihr Lästermaul auf, als wollten sie ihn lebendig verschlingen. Ein gewöhnliches Öffnen des Mundes genügt ihnen nicht, um ihren Wutgeifer schnell genug gegen ihn auszuspeien; darum reißen sie die Kiefer auseinander, wie man es sonst beim Gähnen tut. Wie ein brüllender Löwe stoßen sie ein Wutgeheul aus, und sie brennen vor Verlangen, den Heiland in Stücke zu reißen , wie wilde Tiere, die sich gierig auf ihre Beute stürzen. Der Glaube unseres Erlösers muss einen überaus schweren Kampf durchgemacht haben, als er sich seinen Feinden so gänzlich preisgegeben fühlte; aber durchs Gebet trug er den Sieg davon, indem er eben die Gefahren, denen er ausgesetzt war, dazu benutzte, sein Flehen übermächtig werden zu lassen.

15. Jetzt wendet sich der Herr von seinen Feinden ab und schildert seine eigene Leibes- und Gemütsverfassung in Worten, die bei denen, die ihn lieben, kein Auge trocken lassen sollten. Ich bin ausgeschüttet wie Wasser. (Vergl. Jos. 7,5; 2. Samuel 14,14; Hes. 7,17; 21,12.) All seine Kraft war zerflossen wie Wasser, das auf die Erde hingegossen wird. Sein Mut ließ ihn im Stich, sein Herz hatte nicht mehr Festigkeit als fließendes Wasser und sein ganzes Wesen war einem Trankopfer gleich geworden, das vor dem Herrn ausgegossen wird. Schon lange war er ein Tränenborn gewesen; in Gethsemane war sein Herzblut übergewallt in blutigem Schweiß und am Kreuze zerfloss er vollends in Blut. Mut und Kraft strömten ihm aus, so dass er in äußerste Schwäche und Erschöpfung versank. Alle meine Gebeine haben sich zertrennet , als wären sie auf der Folterbank auseinandergereckt worden. Ist es nicht sehr wahrscheinlich, dass das Anheften der Hände und Füße, sowie die Erschütterung, die durch das (nach der Annagelung Jesu vorgenommene) Befestigen des Kreuzes in der Erde verursacht wurde, die Gebeine des Gekreuzigten tatsächlich aus den Fugen gerenkt haben? Sollte dies nicht der Sinn der Worte sein, dann müssen wir sie von jenem äußersten Grad der Schwäche verstehen, der ein Schlaffwerden der Muskeln und ein Allgemeingefühl, als ob der ganze Körper auseinander gehe, hervorruft. Mein Herz ist wie zu Wachs geworden, zerschmolzen in meinem Innern (wörtlich: inmitten meiner Eingeweide). Übermäßige Schwäche und heftige Schmerzen brachten in ihm die Empfindung hervor, als sei das Zentralorgan des Lebens wie zu Wachs geworden, das an der Hitze zerschmilzt. Die Glut der Angst hatte sein Herz zerfließen lassen. Die Liturgie der griechischen Kirche hat den Ausdruck: "Deine unbekannten (d. h. unbekannt großen) Leiden", und der Ausdruck ist sehr angemessen. Das Zornesfeuer des Allmächtigen würde unsere Seelen auf ewig in der Hölle verzehrt haben; es war für Jesus wahrlich nichts Leichtes, als unser Stellvertreter die Gluthitze des gerechterweise so schrecklich brennenden göttlichen Zornes zu ertragen. D. John Gill, der bekannte Kommentator († 1771), bemerkt: "Wenn Christus, dem Löwen aus dem Stamme Juda, deswegen das Herz zerschmolz, wessen Herz wird fest bleiben, wenn Gott seinen Grimm über ihn ausgießt?"

16. Meine Kräfte sind vertrocknet wie eine Scherbe. Damit deutet er die äußerste Mattigkeit an. Jesus vergleicht sich mit einem zerbrochenen Stück Töpferware oder mit einem irdenen Geschirr, das so lange im Feuer gebrannt worden ist, bis der letzte Rest von Feuchtigkeit aus dem Ton herausgetrieben ist. Ohne Zweifel peinigte hochgradige Fieberglut den Leib des Herrn. Alle seine Kraft war in den fürchterlichen Flammen der rächenden Gerechtigkeit vertrocknet, wie ja auch das Passahlamm am Feuer geröstet wurde. Meine Zunge klebt an meinem Gaumen vor Durst und Fieberhitze. Trockenheit und eine schreckliche Klebrigkeit des Mundes quälten ihn, so dass er kaum die Zunge bewegen und sprechen konnte. Und du legst mich in des Todes Staub. Er litt solche Qual in jedem einzelnen Teil seines Körpers, dass er das Gefühl hatte, als sei dieser schon in lauter Atome aufgelöst und jedes dieser Atome voller Elend. Er musste das Lösegeld für unsere Loskaufung bis auf den letzten Heller bezahlen, und keinem Teil weder des Leibes noch der Seele unseres Bürgen wurde sein Anteil an dem Todeskampf erspart. Die Worte mögen auch darstellen, wie Jesus mit dem Fürsten des Todes rang, bis er mit seinem Widerpart in den Staub rollte. Wie tief wurde der Sohn Gottes erniedrigt! Der Herr der Herrlichkeit wird in des Todes Staub gebeugt! Er lässt sich herab, unter den in Staub zerfallenden Überresten der Vergänglichkeit zu wohnen.

Fußnote
5. Einige (z. B. Keßler) übersetzen den Versanfang mit den LXX: Viele (statt: große) Farren.
Es muß alles erst einmal an Gott vorüber, bevor es mich treffen kann. (Helmut Thielicke)

Jörg
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Beitragvon Jörg » 15.06.2019 12:20

17. Wir haben Zug um Zug dieser düstern Schilderung so aufzufassen, dass der Herr Jesus sie als Beweggrund für Gottes Hilfe geltend macht. Das gibt uns eine hohe Vorstellung von seiner Ausdauer im Beten. Denn Hunde haben mich umgeben. Damit bezeichnet er den Haufen gemeiner Leute, die zwar nicht so mächtig waren wie die unmenschlichen Leiter des Volks, an wildem Ingrimm ihnen aber nicht nachstanden; denn da waren sie, rings um das Kreuz her, und heulten und bellten wie die unreinlichen, heißhungrigen Hunde, die die Straßen der morgenländischen Städte rudelweise belagern. Die Jäger umstellen das Wild und kreisen es mit einem sich immer enger schließenden Ring von Menschen und Hunden ein. Auch das mag das Bild sein, das wir hier vor uns haben. Im Mittelpunkt befindet sich -- nicht ein keuchender Hirsch, sondern ein blutender, verschmachtender Mensch, und rund um ihn her sehen wir, rasend vor Wut und ohne eine Spur von Mitleid, die Elenden, die ihn ins Verderben gehetzt haben. Da sehen wir vor uns "die Hirschkuh, die frühe gejagt wird" (Luther V. 1), von der der Psalm solch ein Klagelied singt; wir schauen sie, von Bluthunden gehetzt, deren jeglicher darnach dürstet, sie zu zerreißen. Und der Bösen Rotte hat mich umringt. Mit diesen Worten wird das jüdische Volk, das sich selber die Gemeine der Gerechten nannte, um seiner vielen Sünden willen ganz gerecht als eine Rotte von Bösewichtern gebrandmarkt. Der Bann wird über sie verhängt. Es ist nicht der einzige Fall, dass Kirchen, die sich für Gemeinden Gottes erklärten, zu Synagogen des Satans (Off. 2,9) geworden sind und den Heiligen und Gerechten samt seinen Getreuen verfolgt haben. Sie haben meine Hände und Füße durchgraben. 6 Dies kann im buchstäblichen Sinne weder auf David noch auf irgendeinen anderen, als auf Jesus von Nazareth, den einst gekreuzigten, jetzt aber zur Herrlichkeit erhöhten Sohn Gottes bezogen werden. Halt ein wenig inne, lieber Leser, und betrachte deines Heilands Wunden!

18. So abgezehrt war Jesus durchs Fasten und Leiden, dass er sagt: Ich kann alle meine Gebeine zählen. Bischof Horne († 1792) meint, die Körperlage am Kreuz müsse Fleisch und Haut so auseinander gezerrt haben, dass die Knochen sichtbar wurden, so dass man sie zählen konnte. Der Eifer um seines Vaters Haus hatte ihn also verzehret (Ps. 69,10). Ach, dass wir doch weniger auf unseres Leibes Ergötzen und Bequemlichkeit und mehr auf die Sache unseres Vaters bedacht wären! Besser wäre es uns, wir könnten am abgezehrten Leibe die Knochen zählen, als dass wir unsere Seele an der Auszehrung zugrunde gehen ließen.
Sie aber schauen und sehen ihre Lust an mir. Unheilige Augen begafften höhnisch und frivol den Heiland in seiner Nacktheit und verletzten tief das heilige Zartgefühl seiner keuschen Seele. Der Anblick seines mit dem Tode ringenden Leibes hätte das Mitgefühl der Menge wecken sollen; aber es vermehrte nur ihre wilde Lust, als sie den Herrn in seiner Pein mit Augen von Grausamkeit anglotzten. Lasst uns erröten ob der Unmenschlichkeit der menschlichen Natur und voll Mitleid über die Schmach unseres Erlösers trauern. Die Sünde des ersten Adams hat uns alle nackt gemacht; deshalb wurde der zweite Adam nackt, um unsere der Gerechtigkeit entblößten Seelen zu bekleiden.

19. Sie teilen meine Kleider unter sich und werfen das Los um mein Gewand. Die Kleider der Hingerichteten fielen fast immer den Henkern zu; aber das andere war etwas ganz Außergewöhnliches, dass die die Hinrichtung Vollziehenden bei der Verteilung der Beute das Los warfen. Auch dieser Zug der Schilderung zeigt, wie klar Davids Geistesauge den Tag Christi sah und wie unbezweifelbar es Jesus von Nazareth ist, von dem die Propheten geredet haben. "Solches taten die Kriegsknechte" (Joh. 19,24). Er, der sein Blut dahingab zu unserer Reinigung, entäußerte sich seiner Kleider, damit wir bekleidet und nicht bloß erfunden würden. Wie Christopher Neß († 1705) sagt: "Das teure Gotteslamm gab sein goldenes Vlies für uns her." Wie ist doch jeder Zug der Leiden von Jesus hier in der Schatzkammer der von Gott eingegebenen Schrift aufbewahrt und gleichsam einbalsamiert worden mit der köstlichen Spezerei heiliger Dichtkunst! Das lehrt uns, treu beflissen auf alles zu achten, was unsern geliebten Heiland betrifft, und an alles, was zu ihm in irgendwelcher Beziehung steht, oft und viel zu denken. Wir können hier aber auch bemerken, wie die Gewohnheit des Spielens von allen Leidenschaften das Herz am meisten verhärtet; denn wir sehen hier Menschen, die es sogar am Fuße des Marterholzes, während das Blut des Gekreuzigten auf sie spritzt, über sich bringen, dem Spiel zu frönen. Kein Christ wird das Geklapper der Würfel ertragen können, wenn er daran denkt.

20. Aber Du, Herr, sei nicht ferne! Der unbesiegbare Glaube des Heilands geht abermals dazu über, den Himmel zu stürmen, und bedient sich dazu der nämlichen Waffe wie ehedem, nämlich den dringenden Flehens. Er wiederholt die Bitte, welche er schon vorher so herzbeweglich vorgebracht hatte. Nichts als seinen Gott begehrt er, selbst im größten Elend. Er bittet aber nicht einmal um eine besonders trostreiche, besonders nahe Offenbarung der Gegenwart Gottes; er will es schon zufrieden sein, wenn Gott nur nicht ferne von ihm ist. Solch demütig bescheidenen Bitten ist guter Erfolg am Thron der Gnade gewiss. Meine Stärke, eile mir zu helfen! Große Not erheischt schleunige Hilfe. Wenn die Notwendigkeit es rechtfertigt, dürfen wir Gott bestürmen, selbst was die Zeit der Hilfe betrifft, und dürfen rufen: Eile, mir zu helfen; aber nie ist es erlaubt, dies aus Eigensinn zu tun. Man beachte, wie der Herr Jesus in seiner äußersten Schwäche Jahwe seine Stärke nennt. Seinem Vorbild folgend dürfen auch wir im Glauben singen: Wenn ich schwach bin, so bin ich stark (2.Kor. 12,10).

21. Errette meine Seele vom Schwert. Mit dem Schwert, das seine Seele bedroht, ist wahrscheinlich das gänzliche Unterliegen gemeint, vor dem er als Mensch zurückschreckte; oder vielleicht suchte er Rettung von den ihn umringenden Feinden, deren tödlicher Hass ihm wie ein scharfes, todbringendes Schwert in die Seele drang. Der Herr Zebaoth hatte gesagt: "Schwert, mache dich auf über meinen Hirten und über den Mann, der mir der nächste ist" (Sach. 13,7); und nun bittet der Hirte, dass er von diesem grausen Schwert errettet werden möge, sobald die Gerechtigkeit es zulässig finde. Meine einzige 7 von den Hunden (wörtl.: von der Tatze, d. i. von der Gewalt des Hundes). Mit seiner einzigen meint er seine Seele, sein Leben, als das Unersetzliche; denn wir haben nur eine Seele, ein Leben zu verlieren. Ach, dass doch alle Menschen ihre Seele so teuer achteten! Aber viele gehen mit ihrer einzigen Seele um, als wäre sie nicht so viel wert als der Kot auf der Gasse. Unter dem Hund mögen wir den Satan verstehen, den höllischen Zerberus; oder aber die ganze Meute der Feinde Christi, die trotz ihrer großen Menge so einmütig waren, als wären sie einer, alle nur von dem Verlangen beseelt, ihn zu zerfleischen. Wenn Jesus um Hilfe rief wider den Höllenhund, wie viel mehr sollten wir’s. Cave canem: Nehmt euch in Acht vor dem Hund! Denn seine Gewalt ist groß, Gott allein kann uns von ihm erretten. Ob er uns auch anwedelt, lasst uns ihm nicht zu nahe kommen; und wenn er uns anheult, lasst uns eingedenk sein, dass Gott ihn an der Kette hält.

22. Hilf mir aus dem Rachen des Löwen, und von den Hörnern der Wildochsen 8 -- hast du mich erhört ! (Grundt.) Der letzte Hilferuf des Erlösers, mit dem er zugleich zur Gewissheit der Erhörung durchdringt. Der Tod ist grimmig und gewaltig wie ein Löwe, und unser Heiland fühlte sich schon in dieses Löwen Rachen. Aber er flehte zu dem, der ihm von dem Tode aushelfen konnte. Seine Feinde waren wild und wütend wie die Wildochsen, und es war ihm, als sei er von ihnen schon auf die Hörner genommen; aber der den Jonas auf sein Gebet aus dem Bauch des Fisches errettet hatte, konnte auch ihn noch erlösen. Und siehe, der kühlte Beter wird von der Gewissheit erfüllt, dass sein Gebet erhört ist, und damit bricht wie mit einem Schlage das Licht durch die Finsternis, die das Kreuz bisher umnachtet hatte. So gewinnt der Glaube, wiewohl er aus vielen Wunden blutet und sogar die Füße der Feinde auf ihm herumgestampft hatten, schließlich den Sieg. Unser Haupt hat überwunden und wir, die Glieder, werden auch des Glaubens Kraft erfahren und dem Feinde nicht erliegen, sondern über ihn triumphieren.

Fußnoten
6. So Luther und fast alle neueren Exegeten nach der Übers. der LXX und der aus den alten Übersetzungen zu gewinnenden Lesart. Die mit wenigen Ausnahmen in den hebr. Handschriften vorliegende Lesart "wie ein Löwe meine Hände und Füße" ist unbrauchbar. Vergl. die Erläut. und Kernworte S. 405. Merkwürdig ist allerdings, dass das Neue Testament die obige Übers. der LXX nirgendwo verwertet.

7. Zu Luthers Fassung: Meine Einsame oder Verlassene, die auch Hieron., Calvin, Hupf., Kautzsch, Schultz u. teilen, vergl. man 25,16; 68,7; 142,5; Joh. 16,32. Andere, wie Ges., Hitz., Del., Bäthg., übersetzen wie Spurgeon: meine einzige, wozu man 1. Mose 22,2.12; Richt. 11,34 vergleiche.

8. Es wird entweder dieser (der Wisent) oder die gefährliche Rinderantilope gemeint sein. Von der Übers. Einhörner (LXX, Luther) hätte schon der vorausgehende Plural (von den Hörnern) abhalten sollen. -- Zu dem Schluss des Verses vergl. die Erläut. und Kernworte S. 408 f.
Es muß alles erst einmal an Gott vorüber, bevor es mich treffen kann. (Helmut Thielicke)


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