Kritische Sicht zu Erdmanns "Der Griff zur Macht"

Empfehlungen, Kritik oder Rezensionen von christlichen Büchern und Medien

Moderator: Joschie

lutz
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Beitragvon lutz » 07.05.2012 17:18

Die wirklichen Probleme der evangelikalen Bewegung kennt und erwähnt Erdmann nicht. (Teil 2 von 2)

Schirrmacher schreibt: „Die meisten Probleme, die wir heute haben, sind eine Folge einer organisierten, unorganisierten und persönlichen Verkündigung des Evangeliums wie nie zuvor, gerade in Ländern ohne Religionsfreiheit und Menschenrechtsschutz. Dass ein Weltweiter Gebetstag für verfolgte Christen organisiert wird und sich die Weltweite Evangelische Allianz bei der UN und bei Regierungen für Religionsfreiheit einsetzt, ist eine Folge der globalen Missionsarbeit und der Ausbreitung der Gemeinde Jesu wie nie zuvor.“

Dass Christen sich für verfolgte Glaubensgeschwister einsetzen, ist doch ganz verständlich. Dass der Politiker, der Christ ist, einen ganz anderen Einflussbereich haben kann als der Christ, dem lediglich eine Petitionsunterschrift möglich ist – kann doch auch nicht verwundern. Das Engagement von Christen sich diesbezüglich überörtlich zum Gebet zu versammeln, wer wollte das tadeln? Ich sehe nicht, wo sich Erdmann gegen solche Unternehmungen wendet.

Nach der Lektüre des Buches von Erdmann kann man aber nicht umhin daran zu denken, dass globale Initiativen auch ein höheres Ziel haben.
Erdmann erwähnt den weltweiten Gebetstag für verfolgte Christen nicht. Dafür äußert sich Erdmann zu einem ganz speziellen Gebetstag auf Seite 79 seines Buches im Fünften Kapitel „Ganzheitliche Mission“, 5. 4. „Kirche am Marktplatz“. Dort geht es um geschäftliches Treiben, das in eine spirituelle Aura gehüllt wird, um „Transformation Afrika“, um die Verbreitung der „Geistlichen Kriegführung“ mit Hilfe vieler „Gebetszellen“. Dieser Gebetstag findet jährlich statt.
Es handelt sich dabei um diese Initiative:
http://www.worldea.org/index.php/news/2912
Dort lese ich von einer Menge „aktueller globaler Herausforderungen und Möglichkeiten“.
„Verfolgung“ reiht sich ein neben: Globalisierung, Migration, HIV/AIDS, Finanzkrise, Krieg, Klimawandel, Urbanisierung und Kernwaffen.
Außerdem lese ich noch die Vision der Weltweiten Evangelischen Allianz: „das Reich Gottes zu erweitern, indem Jünger in allen Nationen gemacht werden und eine christozentrische Transformation innerhalb der Gesellschaft stattfindet.“

Also wenn ich mich dem zuwende, was wirklich Inhalt des Buches ist – komme ich nicht auf die Idee, dass dies die Bewältigung von Folgen der Evangeliumsverkündigung wäre. Ich komme auch nicht auf die Idee, dass es keine wirklichen Situationen wären. Angesichts der Millionen von Christen hier, gehe ich auch nicht davon aus, dass dies mit realen Gemeinden nichts zu tun hat.

Erdmann legt doch in seinem Buch dahinter stehende Ziele dar und diese Ziele haben ganz reale Auswirkungen. Da braucht man gar nicht lange suchen:
Z. B.:
http://www.jesus.ch/themen/kirche_und_c ... hkeit.html
Zitat: „Die Evangelische Allianz vernetzt Nachfolger von Jesus lokal und national, auch kontinental und global. Gespräche mit den Leitern der Weltweiten Evangelischen Allianz und ihres europäischen Teils zeigen die Dynamik der Bewegung. …
Der WEA-Leiter spart nicht mit Kritik: „Kirchen haben eine Festungsmentalität entwickelt und sich verbunkert, statt zu fragen, wie sie die Gemeinschaft, Gruppen und Menschen für das Gute engagieren können. Wie arbeiten wir mit Menschen zusammen, die vielleicht nicht dasselbe Glaubenssystem haben, aber auch von einer besseren Welt träumen?"…“


Bezogen auf China sieht das dann so aus?
http://www.ead.de/arbeitskreise/religio ... ion-1.html
Zitat: „ (12. 03. 2012) …In den letzten 5 Jahren hat Pastor HE verstärkt feststellen können, dass sich die Einstellung der Regierungsbeamten gegenüber den Christen grundlegend geändert hat. Christen werden mehr und mehr als wichtiger Teil des Sozialgefüges der chinesischen Gesellschaft angesehen und nicht mehr als ausländische Religion.“

Zitat: „2. Politik & Gesellschaft
Aufruf zur Wohltätigkeit enthält raffinierten Haken
[CA] Bei dem Aufruf der Regierung an die Religionsgemeinschaften, verstärkt Wohltätigkeitsprojekte zu entwickeln (siehe China-Informationen 2012-03), hat sich nun ein raffinierter Haken herausgestellt: Es ist untersagt, während solcher Aktivitäten religiöse Ideen zu predigen.“


Im deutschsprachigen Raum dann wohl so?
http://missiologie.blogspot.de/
Zitat: „ …Die Lausanner Theologische Arbeitsgruppe (in Zusammenarbeit mit der Theologischen Kommission der Weltweite Evangelische Allianz) hat im Februar 2010 folgendes Statement abgegeben:
„Unsere missionarische Berufung verlangt sorgfältigeren und kritischeren Konsum, kreativere Produktion, prophetisches Anprangern, Fürsprache für und Mobilisierung der Opfer der Ungerechtigkeiten der Welt. Während wir uns einig erklären mit der Micha-Initiative, indem wir unsere Regierungen zur Verantwortung ziehen, ihren Verpflichtungen gegenüber „Make Poverty History” („Deine Stimme gegen Armut”) nachzukommen, identifizieren wir uns auch damit, „unsere Stimme gegen die Gier“ zu erheben, in unserem eigenen Leben, in den Gemeinden, Gemeinschaften, Ländern und in der Welt.“

Die Frage ist: Was geschieht konkret?
Das prophetische Anprangern von sozialer Ungerechtigkeit ist eine gute biblische (alttestamentliche) Tradition und soziale Gerechtigkeit ein Herzensanliegen Gottes.
Fürsprache üben, das ist gut. Aber was tun wir, um die Opfer zu mobilisieren, so wie es in der Erklärung heißt? Was ist damit konkret gemeint?
Ethische Transformation ist keine automatische Folge der Verkündigung des Evangeliums. Wenn z.B. Lebensmittelspekulation eingedämmt oder abgeschafft werden soll, weil sie zu sozialen Katastrophen in der südlichen Hemisphäre führt, dann müssen wir auch das dahinter steckende kapitalistische System kritisieren. Mission heißt auch, im Namen Gottes gegen die negativen Folgen einer kapitalistischen Struktur vorgehen – durch Briefe, durch Aktionen dem „Rad in die Speichen fallen“. …“


Oder so mit großem Erfolg ein Dorf transformieren:
http://insist.ch/page/fileadmin/PDF/Bau ... mation.pdf
(Bausteine, Zeitschrift für Ethik, Kirche und Gesellschaft 3/2005)
Übrigens diese Zeitschrift ist auch deswegen so interessant, weil hier mal aus der Proeinstellung heraus die Theorie dahinter entfaltet wird. Es überrascht nicht, dass hier Konzepte und Namen auftauchen, die im Buch von Erdmann zu finden sind.

Und wenn dann noch das nötige Grundlagenwissen im Management fehlt, dann holt man sich eben einen Experten, wie hier:
http://www.ead.de/nachrichten/nachricht ... itern.html
Zitat: „Einen der führenden internationalen Leadership-Experten
Mit Prof. Fredmund Malik (St. Gallen) hatten die Veranstalter des Willow Creek-Leitungskongresses den führenden internationalen Leadership-Experten (Experten für die Schulung von Führungskräften) eingeladen. Der aus Österreich stammende Wissenschaftler und Unternehmensberater hat Ausbildungszentren in der Schweiz, in England, Canada und China. Malik beschäftigte sich mit der Frage, wie Menschen "Sicher sicher führen lernen".

http://de.wikipedia.org/wiki/Fredmund_Malik
Zitat: „Malik verwendet unter anderem systemtheoretische und kybernetische Ansätze zur Analyse und Gestaltung von Managementsystemen. Er lehrte früher an der Universität St. Gallen und ist dort Titularprofessor für Betriebswirtschaft mit besonderer Berücksichtigung der Unternehmensführungslehre.“
http://www.faz.net/aktuell/finanzen/fon ... 87022.html
Zitat: „Umsetzen erfordert zuverlässig funktionierende Organisationen in allen Bereichen. Das heißt richtiges statt falsches Management und es heißt Einsatz von kybernetischen Hochleistungssystemen, wie sie in der Technik längst üblich, aber in der Welt der Organisationen wenig bekannt sind. Würden zum Beispiel die Automobilunternehmen dieselben Funktionsprinzipien auch auf sich selbst anwenden, die sie in ihren intelligenten Autos verwenden, wäre bereits ein Neuanfang gemacht.“

Jetzt kann man fragen: wie sehen denn die von Schirrmacher bei Erdmann so bemängelten Lösungsvorschläge aus?
U. a. so:
Das Prinzip der „Preisgabe“ unwirtschaftlicher Dinge mag eine gesunde Geschäftspraxis sein, aber die Heilige Schrift gibt uns eine andere Anweisung in Matthäus 18, 12 – 14: „ … wird er da nicht die neunundneunzig auf den Bergen zurücklassen und hingehen, um das verirrte zu suchen?“ (S. 178, unter „Rick Warren – Amerikas Pastor“)
So etwas findet man im Buch. Lösungsvorschläge würde ich es nicht nennen – „biblische Wahrheit“ contra setzen schon! Also ein Buch im Stile: „zehn Schritte zum Sieg“ oder so ähnlich, ist das Buch von Erdmann freilich nicht – aber das hat auch Keiner behauptet oder irgendwie Anlass gegeben so etwas zu vermuten….

Lutz

PS: Aber vielleicht hat Schirrmacher anders recht und das Ganze sind keine wirklichen Probleme für die evangelikale Bewegung, weil die Mehrheit überzeugt ist: Das ist Mission! Das ist „das Reich Gottes bauen“! … Vielleicht hat Beate Gsell mit ihrem Vorwort recht (S. 9):
Doch solche Skeptiker [also die, die damit Probleme haben] sind in der Minderheit und ziehen sich mehr oder weniger schweigend zurück.

Servant
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Beitragvon Servant » 07.05.2012 19:05

Zitat: „2. Politik & Gesellschaft

Aufruf zur Wohltätigkeit enthält raffinierten Haken

[CA] Bei dem Aufruf der Regierung an die Religionsgemeinschaften, verstärkt Wohltätigkeitsprojekte zu entwickeln (siehe China-Informationen 2012-03), hat sich nun ein raffinierter Haken herausgestellt: Es ist untersagt, während solcher Aktivitäten religiöse Ideen zu predigen.“
Es ist sehr interessant zu beobachten das man diesen Hacken - nun dort implementiert wo er nie sein darf - im Biblischen Missions Verständnis.
Kontinente hat geschrieben:Das größte evangelikale Hilfswerk, „World Vision“, hat einen eigenen ethikkodex verabschiedet. Darin wird Mitarbeitern ohne wenn und aber untersagt, ihre Hilfsmaßnahmen zur Missionierung zu nutzen.
Quelle: ETHISCH SAUBER MISSIONIEREN/ Kontinente 1-2010; Seite 31

Man sollte sich die Frage stellen - wer, oder was wird hier Transformiert und wohin führt uns das?

Hier hin vielleicht ?
Tunnicliff Traum hat geschrieben:Wie arbeiten wir mit Menschen zusammen, die vielleicht nicht dasselbe Glaubenssystem haben, aber auch von einer besseren Welt träumen?"…“
Wenn man die Alten Prediger des Evangeliums Jesu hört, ihre Botschaft und diese dann mit den Träumen dieser Visionäre einer globalen Transformation vergleicht - erkennt man sehr schnell, diese Visionäre sprechen nicht die Sprache des Evangeliums Jesu Christi.
Zuletzt geändert von Servant am 07.05.2012 20:14, insgesamt 1-mal geändert.
1. Korinther 15,50 - wie kommt man dort hinein? Johannes Ev. 3,1-18; Joh. 12, 44f; 1.Thes. 1, 9.10

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Joschie
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Beitragvon Joschie » 07.05.2012 20:13

Hallo Ihr!
Der folgende Beitrag von Th. Schirrmacher ist schon etwas älter,er treibt mir aber immer noch die Zornesröte ins Gesicht.
Zur Kritik der Zahl von 178.000 (2010) bzw. 100.000 (2011) christlichen Märtyrern pro Jahr.
Seit vielen Jahren gibt es für jedes Jahr immer nur eine einzige Zahl, die jährlich als Gesamtzahl der christlichen Märtyrer pro Jahr angegeben wird, die Zahl des ‚Global Status of Mission’. Diese Zahl wird zwar von verschiedenen Institutionen zitiert, aber nur von einer Institution errechnet. Derzeit wird sie am häufigsten vom päpstlichen Missionswerk ‚Kirche in Not’ (‚Aid to the Church in Need’) zitiert, das von 130.000–170.000 Märtyrern pro Jahr spricht, aber keine eigenen Untersuchungen durchgeführt hat.

Diese Zahl wird jährlich im International Bulletin for Missionary Research[1] vorgelegt. Für 2010 stand die Zahl bei 178.000, für 2009 bei 176.000,[2] für 2011 ist sie – unter anderem aufgrund unseres Einspruchs – auf 100.000 korrigiert worden.[3] Da die Zahl sich jährlich ändert, denkt jeder, es handele sich um die Zahl der Märtyrer im jeweiligen Jahr, aber tatsächlich soll den Durchschnitt pro Jahr des jeweils letzten vollen Jahrzehnts angeben (also z. B. 1990-2000, 2000-2010).

Der Kommentar zu ‚Global Status of Mission’ gibt selbst an, dass die Zahl die wohl am häufigsten zitierte Zahl aus dieser Statistik ist.[4] Durch die Bücher ‚World Christian Encyclopedia’, ‚World Christian Trends’, ‚Atlas of Global Christianity’ und die elektronische ‚World Christian Database’ ist die Zahl in dieser Größenordnung weit verbreitet worden.

Es fällt mir schwer, diese Zahl wegen ihrer weiten Verbreitung zu kritisieren, zumal sie von seriösen Forschern und guten Freunden kommt. Aber als Wissenschaftler habe ich solche Zahlen zu oft vor säkularen Kollegen, Politikern weltweit, des Deutschen Bundestages oder des Europäischen Parlaments, und natürlich Journalisten zu verantworten, als dass unser Institut (das International Institute for Religious Freedom) sie einfach nur übernehmen könnte.

Da die Zahl von vielen säkularen, christlichen, darunter auch evangelikalen[5] Forschern und Fachleuten 1. als viel zu hoch angesehen wird, und 2. als aufgrund zahlreicher Faktoren überhaupt nicht zu erheben gilt, wäre es wünschenswert, wenn es eine genaue Darstellung gäbe, aufgrund von welchen umfangreichen Recherchen die Zahl erhoben wird, welche wissenschaftliche Vorgaben dabei befolgt werden oder wie die Belastbarkeit von Forschungskollegen überprüft werden kann. All’ das liegt nicht vor – auch die ausführlichste Darstellung in den ‚World Christian Trends’ sagt nirgends, woher die Daten kommen und nach welchen Kriterien geschätzt wird.[6]

Nur ist in unserer heutigen Medienwelt natürlich jemand mit einer noch so grob geschätzten Zahl im Vorteil gegenüber demjenigen, der sagt, dass die Zahl derzeit nicht zuverlässig zu erheben ist.

Die Rolle von Bürgerkriegen
Die Zahl der 156.000–178.000 Märtyrer pro Jahr sind nach eigenen Angaben eigentlich eine Durchschnittszahl pro Jahr für die zehn Jahre 1990–2000.[7] Dabei muss man aber wissen, dass der weit aus größte Anteil der 1,6 Mio. Märtyrer in zehn Jahren auf die Bürgerkriege im südlichen Sudan und in Ruanda entfällt, ohne dass das ausdrücklich gesagt wird. Selbst bei einer sehr weiten Definition („martyrs in the widest possible sense“) von Christenverfolgung dürfte es aber zumindest umstritten sein, inwieweit man Ruanda überhaupt dazurechnen darf und wie hoch der Anteil der Toten im Südsudan ist, der auf Verfolgung von Christen durch Muslime zurückgeht und nicht entweder Animisten traf oder von südsudanesischen, brutalisierten Bürgerkriegsparteien ausging.

Für die zehn Jahre 2000–2010, deren Durschnitt die neue Zahl 100.000 aus 2011 ergeben soll, spielen Südsudan und Ruanda keine Rolle mehr. Hier fällt der Mammutanteil der jetzt angegeben 10 x 100.000 auf den Bürgerkrieg in der Demokratischen Republik Kongo (DRC). Zwar starben dabei viele Christen, aber dass sie starben, weil sie Christen waren, wird meines Wissens in der Literatur von niemandem vertreten. Vermuten wir einmal, dass für DRC 900.000 Märtyrer veranschlagt wurden. Der Rest von 100.000 Märtyrern pro Jahr über 10 Jahre käme dann einer viel niedrigeren Zahl schon recht nahe.

Was ich vor allem bemängele ist, dass nirgends die Zusammensetzung der Zahl nach Ländern angegeben wird und zwar so, dass man die Schwerpunktländer erkennen und diskutieren kann, also etwa Kongo. Dann wäre nämlich sehr leicht zu ersehen, auf welche 1–2 Länder die hohe Zahl zurückgeht. Und ich bemängele, dass über diese schwer einzuordnenden 1–2 Situationen dann keine Diskussion stattfindet.

Nun wird ja nicht einfach jeder Christ, der in einem Bürgerkrieg wie im Kongo stirbt, mitgezählt. Es wird ein Anteil der getöteten Christen geschätzt, der als Märtyrer starb. Dieser Anteil müßte dann aber erst einmal diskutiert und begründet werden. Stattdessen erfährt man nirgends, welcher Anteil geschätzt wurde, geschweige denn wieso. Es heißt nur „a substantial proportion“ der 5,4 Mio. im Kongo. Eine Erhöhung des Anteils der Märtyrer im Kongo um 10% würde aber die Gesamtzahl der 100.000 Märtyrer pro Jahr um 54.000, also um 30% noch oben steigen lassen! Würden 10% weniger als der unbekannte Prozentsatz im Kongo geschätzt, wären das jährlich 54.000 weniger, das heißt die Zahl von 100.000 würde auf 46.000 um über 50% schrumpfen! Das heißt, bei der Schätzung des Anteils der Märtyrer an den Opfern der Unruhen in Kongo wird de facto die Gesamtzahl der Märtyrer weltweit entschieden.

Zur Definition
Ich sehe einen generellen Widerspruch zwischen der Definition des ‚Status of Global Mission’, Märtyrer seien „believers in Christ … in a situation of witness“ und der Aussage „Defining and enumerating martyrs in the widest possible sense“.

Eine innerchristliche, theologische Definition wird immer viel enger sein, als eine soziologische. Als Religionssoziologe sehe ich durchaus, dass für die säkulare Welt eine sehr weite Zahl gewählt werden darf, die nicht darauf Rücksicht nimmt, ob der ermordete Christ ein Baby, ein schlechter Kirchgänger oder ein Sektierer war. Ich halte dann selbst die „situation of witness“ für unnötig. Wenn in Ägypten eine Kirche in die Luft gesprengt wird und dabei 20 Menschen getötet werden, ist das Christenverfolgung, sogar dann, wenn die 20 Ermordeten nur interessierte Gäste waren.

Meine weiteste politische Definition wäre: „Getötete Christen, die nicht getötet worden wären, wenn sie keine Christen gewesen wären.“ Aber: Selbst wenn ich diese Definition zugrunde lege, komme ich bei weitem nicht auf 170.000 oder 100.000 christliche Märtyrer pro Jahr.

Mehr als 50 Märtyrer am Tag?
Ereignisse mit 20 oder 50 ermorderten Christen werden heutzutage nicht nur in der christlichen Welt breit berichtet, sondern in einigen Ländern wie Deutschland in der Regel sogar auf der Titelseite von Zeitungen. Experten, die sich mit Christenverfolgung beschäftigen, bekommen sie sowieso mit. Keiner würde sagen, dass das jeden Tag vorkommt. Aber selbst wenn wir einmal davon ausgehen, es gäbe täglich ein Ereignis mit 50 ermorderten Christen, wären das im Jahr immer noch erst 18.250. Bei 20 am Tag wären es 7.300 – eine Zahl, die ich für realistischer halte.

Man mag entgegen halten, dass es Ereignisse mit höheren Zahlen als 50 gab und gibt. Ja, es gibt sie, aber es sind Einzelereignisse und sie sind über die Jahre versetzt. Ich kenne folgende Länder in den letzten Jahren, auf die das zutrifft: Indonesien, Indien, Irak, Nigeria. Nur dass sich diese Ereignisse kaum überschnitten haben. In den letzten Jahren sind diese schrecklichen Ereignisse punktuell innerhalb von 1–3 Jahren geschehen und in den Jahren danach von anderen Schwerpunktländern abgelöst werden. Oder anders gesagt: Ein Ereignis mit mehr als 100 christlichen Märtyrern in einem Land pro Jahr gibt es in der Regel in einem Jahr nur einmal auf der Welt.

Was für merkwürdige Zahlen herauskommen, wenn man einfach grob schätzt, zeigt sich, wenn man in der ‚World Christian Database’ die Länder nach der jährlichen Zahl der Märtyrer sortiert, wobei dort der Durchschnitt der letzten 50 Jahre gewählt wurde, also ab 1960.

In Dänemark und Finland soll es je 15 Märtyrer pro Jahr geben, in Schweden 19, in der Schweiz 20, in den Niederlanden 39, in Australien 45, in Kanada 76, in Großbritannien 149 und in Deutschland sage und schreibe 192. In all diesen protestantischen Ländern sind seit 1960 keine Märtyrer bekannt, niemals aber das jeweils 50fache der genannten Zahlen.

Dass die hohen Zahlen schwer nachvollziehbar sind und auf großzügige Schätzungen der Anteile christlicher Märtyrer an Krieg und Bürgerkrieg zurück gehen, gilt genauso für die Geschichte. Gab es wirklich 1.000.000 Märtyrer durch die Nationalsozialisten? Kein Erforscher des Nationalsozialismus (zu denen ich mit 2 Dissertationen selbst zähle) würde das bestätigen. Zwar starben im 2. Weltkrieg Millionen von Christen, aber nicht, weil sie als Christen verfolgt wurden. Zu wirklichen christlichen Märtyrern zählen solche Christen, die wegen ihres christlichen Widerstandes oder als Geistliche oder Vetreter von Glaubensgemeinschaften getötet wurden. Ihr Schicksal ist sehr gründlich erforscht, ihre Geschichte wird in Personenlexika dargestellt und zu fast jedem liegt ein Lebenslauf vor.[8] Dennoch sind es insgesamt nur einige Tausende, nicht 1 Mio.

Soviel Märtyrer wie Tote in Bürgerkriegen und Kriegen?
Ich möchte noch einen anderen Vergleich ziehen, der mir die Zahl 170.000 oder 100.000 als zweifelhaft erscheinen läßt. Laut Statistik der World Health Organization gab es 2004 184.000 Opfer von Kriegen und Bürgerkriegen.[9] Und die Zahl der Märtyrer soll etwa genauso groß sein, ohne dass man die Fälle, die diese Zahlen zusammenbringen lassen, selbst als Experte nicht sofort auflisten kann? Man kann doch alle Kriege und Bürgerkriege eines Jahres auflisten und so deutlich machen, wie sich die 184.000 Opfer verteilen. Wenn die Zahl der Märtyrer etwa genauso groß ist: wieso kann man dann nicht genauso die Ereignisse auflisten und zusammenzählen, quasi aus dem Kopf? Wieso fallen dann selbst Experten viel zu wenige Großereignisse ein, die die hohen Zahlen erklären könnten?

Auf dem Weg zu einer tatsächlichen Zahl für vergangene Jahre
Wie hoch ist denn die Zahl der jährlichen christlichen Märtyrer tatsächlich? Ich beschäftige mich seit Jahren damit und habe weltweit mit jedem mir bekannten Experten aller großen Konfessionen und darüber hinaus diskutiert, der dazu etwas zu sagen hat. Einmal ganz abgesehen von der Schwierigkeit der Definition: Selbst wenn man eine konkrete Definition vorgibt, weichen Experten schon für einzelne Länder stark voneinander ab. Sind die ‚verschwundenen Christen’ Nordkoreas vor Jahrzehnten oder Jahren umgebracht worden oder leben sie noch in Zwangslagern und werden auch aktuell getötet?

Fragt man nach der Gesamtzahl weltweit, wagt praktisch keiner eine Schätzung. Zudem sind sich alle einig, dass eine Durchschnittszahl keinen Sinn macht, sondern die Zahl der Märtyrer von Jahr zu Jahr sehr stark schwankt. Deswegen muss die Zahl – wenn überhaupt – für jedes Jahr neu erhoben werden. Wer eine Zahl für z. B. 2010 hört, geht ja sowieso davon aus, dass dies kein Durchschnittswert für 1990–2000 ist, sondern dass irgendeine Institution die Zahl konkret für 2010 erforscht, belegt oder wenigstens realistisch aufgrund von Berichten geschätzt hat.

Insgesamt sind wir meines Erachtens von einer zuverlässigen Zahl der Märtyrer pro Jahr weit entfernt. Das Internationale Institut für Religionsfreiheit wird am Ball bleiben und will zu einer fairen und offenen Diskussion weltweit beitragen.

Was wir brauchen ist eine Datenbank, in der wir für ein Jahr alle bekannten, größeren Fälle eintragen so dass wir am Ende eines Jahres nicht nur eine brauchbare Schätzung gewinnen, sondern jeder anhand der Auflistung die Belastbarkeit der Schätzung überprüfen kann.Quelle
Es geht mir hier nicht um die Anzahl, wie viel christlichen Märtyrern es gibt. In diesem Beitrag gefällt sich Th.Schirrmacher mal wieder in der Rolle des selbstgefälligen Aufklärers, der bequem vor seinen Schreibtisch aus über die Dinge der Welt sinniert. Bei diesem Beitrag von Th.Schirrmacher kann man sehr gut nachvollziehen, wo er die Schwerpunkte für sich persönlich setzt und dieses sind mit Sicherheit bestimmt nicht die verfolgten Geschwister :!:
Gruß Joschie
Tod, wo ist dein Stachel? Totenreich, wo ist dein Sieg? 1Kor 15,55

Servant
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Beitragvon Servant » 07.05.2012 22:10

Außerdem lese ich noch die Vision der Weltweiten Evangelischen Allianz: „das Reich Gottes zu erweitern, indem Jünger in allen Nationen gemacht werden und eine christozentrische Transformation innerhalb der Gesellschaft stattfindet.“
Wie sieht eine "christozentrische Transformation" für diese Visionäre aus?
1. Korinther 15,50 - wie kommt man dort hinein? Johannes Ev. 3,1-18; Joh. 12, 44f; 1.Thes. 1, 9.10

lutz
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Beitragvon lutz » 10.05.2012 18:52

Wie sieht eine "christozentrische Transformation" für diese Visionäre aus?
Hier wird es so erklärt:
http://www.landeskirchenforum.ch/bericht/66
Christen sollen in allen Lebensbereichen auf Versöhnung und Verwandlung hinwirken. Geoff Tunnicliffe von der Weltweiten Evangelischen Allianz schilderte am SEA-Leiterforum in Männedorf Beispiele für wirksames gesellschaftliches Engagement.
In der Vielfalt der Meinungen und Überzeugungen bringen Christen die Wahrheit zum Ausdruck, die sie in Jesus Christus finden. „Als seine Jünger sind wir eingeladen, Menschen der Wahrheit zu sein“, sagte Dr. Geoff Tunnicliffe,
Die Wahrheit, die in Christus liegt, ist auch relevant für die Wirtschaft. Der Direktor der WEA betonte in seinem Vortrag in Männedorf, es gebe keinen Bereich, in dem das Evangelium nicht verkündigt werden solle. Er berichtete von Geschäftsleuten, die ihr Kapital nach christlichen Grundsätzen einsetzen.
Wer die christliche Botschaft glaubwürdig weitergeben will, muss die Wirkung globaler Medien einbeziehen.
…Zu Verantwortlichen auch der etablierten Medien müssten Beziehungen aufgebaut werden.
Als weiteren Bereich des Engagements nannte Tunnicliffe die Welt der Kunst. Er habe Walden Media bei der Produktion von Narnia-Filmen beraten können.
„Visionär“ gedacht sieht es vielleicht so aus:
http://www.worldea.org/index.php/news/3080
Stellen Sie sich den Einfluss von 80 Millionen Evangelikaler vor, die persönlich und gemeinschaftlich in Beziehungen, Evangelisation und Mission, Politik, Klimawandel und Myriaden anderer Themen, zu denen die Kirche sich aussprechen muss, Verantwortung übernehmen.
Da ich nicht davon ausgehe, dass Folgendes hier irgendwie im Widerspruch steht, detaillierter dann so:
http://www.stadtmission-freiburg.de/fil ... nt_org.pdf
Gleichzeitig gingen die Teilnehmer und Teilnehmerinnen davon aus, dass Evangelisation nicht nur die angesprochene Person verändert, sondern auch die Umwelt transformiert.
In der Issue Group „The Local Church in Mission“ (Die missionarische
Ortsgemeinde) des Forums wurde diskutiert, wie die Ortsgemeinde nicht nur die
eigenen Mitglieder, sondern auch ihre Umgebung und Kultur verändern kann.
Ähnliche Themen beschäftigten auch die Gruppen „Towards the Transformation of
our Cities“ (Veränderung von Großstädten) und „Reaching the Youth Generation“
(Erreichen der jungen Generation). In allen Gruppen wurde der Kontext der
Evangelisation in besonderer Weise berücksichtigt und auch die sozialen und
politischen Gegebenheiten analysiert.
Übrigens findet man hier eine sehr detaillierte Beschreibung des „Schlüsselbegriffs“ Transformation.
Bei der Beschreibung von Mission als Transformation geht es nun im Einzelnen um
die folgenden Punkte:

1. Weder Evangelisation noch soziale Aktion können für sich stehen. Nur wenn
beides zusammen kommt, geschieht Mission im Sinne Jesu (Johannes 20,21).

2. Mission darf nicht als Urteil oder gar Verurteilung von Menschen praktiziert
werden. Vielmehr besteht Mission darin, mit anderen Menschen einen
gemeinsamen Weg zu gehen. Mission ist daher weniger eine Veranstaltung
als eine Reise, auf die wir andere Menschen einladen.

3. Mission als Transformation heißt Mission im Kontext. Danach gibt es keine
objektive biblische Wahrheit, die nur auf das persönliche Leben angewandt
werden muss. Schon in den ersten Jahrhunderten der Kirche bestimmten
auch sozio-ökonomische Gegebenheiten die theologischen Entscheidungen
mit. Der Kontext bestimmt auch das Verständnis der Bibel.

4. Theologie muss mit der Praxis verbunden sein. Christen müssen an
unterschiedlichen Stellen in ihrem sozialen Umfeld engagiert sein, um sich
gerade in diesem Umfeld für eine Veränderung in Richtung eines erfüllten
Lebens und nach den Grundsätzen der Liebe einsetzen zu können.

5. Transformation beginnt in der Gemeinde vor Ort. Dabei hilft es wenig, Dinge
mit systematischer Theologie generell erklären und ausdrücken zu können.
Vielmehr geht es um Gottes Geist, um Glauben, Hoffnung und Liebe wie sie
im Umgang miteinander in der Gemeinde erfahrbar werden.

6. Mission ist Befreiung und das Erlebnis neuer Kraft. Die befreiende Kraft des
Evangeliums gilt für alle, arm und reich, jedoch brauchen die Armen und die
Benachteiligten sie mehr als andere.

7. Wenn immer das Evangelium in Bezug auf das gesellschaftliche Umfeld
gepredigt wird, steht die Versöhnung im Mittelpunkt. Dabei geht es sowohl um
Gottes Versöhnung mit uns als auch um die Versöhnung der Menschen
untereinander. Praktische Versöhnung ist das mächtigste Zeugnis des
Evangeliums.

8. Mission als Transformation bedeutet auch den Aufbau der Gemeinschaft der
Nachfolgerinnen und Nachfolger Jesu als Gemeinschaft der Veränderung und der Hoffnung.
Lutz

Servant
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Beitragvon Servant » 10.05.2012 20:03

Wie sieht eine "christozentrische Transformation" für diese Visionäre aus?
2. Mission darf nicht als Urteil oder gar Verurteilung von Menschen praktiziert werden. Vielmehr besteht Mission darin, mit anderen Menschen einen gemeinsamen Weg zu gehen. Mission ist daher weniger eine Veranstaltung als eine Reise, auf die wir andere Menschen einladen.


Was kann man unter "gemeinsamen Weg" Verstehen ?

Mir kam da eine Begebenheit in den Sinn:

Ein Mitarbeiter der "Evangelische Allianz", Hartmut Steeb, brachte einmal seine Freude darüber zum Ausdruck das beide, nach seiner Meinung evangeliums gemäßen Strömungen,"Miteinader für Europa" (Die Fokolar-Bewegung, Schönstatt Bewegung etc. sind dort Aktiv) und die Ev. Allianz, nahe zu identische Ziele verfolgen.
katholische Bischof von Würzburg Friedhelm Hoffmann bezeichnete die christlichen Bewegungen als „Ferment für die Gesellschaft"
Bitte Schau euch diese nahezu identischen Ziele einmal an, von denen sie Behaupten sie seien "Evangeliums gemäß" - sie reden schon etwas offener und man erkennt was sie unter "Gesellschaftlicher Transformation", einem "gemeinsamen Weg" dem nicht "Verurteilen" verstehen. Das Ziel was sie vor Augen haben tritt sehr deutlich hervor.

Chiara Lubich: Geeintes Europa für eine geeinte Welt

Auch hier ist zu erkennen das sie ein ganz unbiblisches Verständnis über "christozentrisch" und "Evangelium" haben. In diesem Sinne Verstehen sie unter "Mission" auch etwas anderes, als es uns im Wort Gottes vermittelt wird.

Auf diesen Punkt werden sich alle "Gesellschafts Transformer" Fokussieren - bis sie den "Point of no Return" überflogen haben (2. Thessalonicher 2,11) - schade, das ist alles sehr traurig.

Habe noch einen Bibelvers eingefügt
1. Korinther 15,50 - wie kommt man dort hinein? Johannes Ev. 3,1-18; Joh. 12, 44f; 1.Thes. 1, 9.10

lutz
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Beitragvon lutz » 14.05.2012 17:37

Nun noch zum letzten Teil der Kritik:
Ad personam: Wasser predigen und Wein trinken.

Schirrmacher meint, man könne diesen „kleingedruckten Teil ohne Verlust überspringen“. Dem würde ich rundweg zustimmen, weil der Inhalt des Buches nicht von der Lebensweise des Autors abhängt.
Nun ist es aber so, dass mir doch Einiges hier bemerkenswert erscheint.
Grundsätzlich würde ich sagen, dass es kein Verbrechen ist, den Maßstab, den man an andere anlegt auf sich selbst anzuwenden bzw. anwenden zu lassen. Nur muss es derselbe Maßstab sein, wenn man den Autor in dieser Weise meint kritisieren zu müssen.
Was ich hier habe ist ein Maßstab gemäß Schirrmachers Schlussfolgerungen, kein Maßstab gemäß Erdmanns Buch.

Erdmann schreibt auf Seite 29 ( also innerhalb der Seiten, die Schirrmacher gleich zu Beginn seiner Kritik für so zentral hält):
Indem sich viele Christen auf neue, weit gefächerte Allianzen mit Dominionisten einlassen, geben sie ihre Aufgabe als Zeugen des Evangeliums preis. Das Vermögen als unabhängige Menschen zu leben, die sich in direkter Verantwortung gegenüber Gott einzig an der Bibel orientieren, wird deutlich eingeschränkt. Die biblische Aufforderung, tapfer die Wahrheit zu verkündigen (z. B. Phil. 1, 14 und 1. Thess. 2, 2), wird kräftig beschnitten von der Verpflichtung, „Bündnisse“ einzugehen.
Nach Erdmann gehören zum Dominionismus die drei theologischen Grundannahmen (S. 29) und die vier Sonderlehren bzw. Bewegungen (S. 43), die er analysiert. Zu einer solchen Allianz, von der Erdmann warnend spricht, gehört nicht automatisch jedes Arbeitsverhältnis, oder jeder Vortrag vor Domionisten gehalten. Eine solche Allianz beinhaltet aber mit Dominionisten auf ihre Weise an einem Strang zum Bau des Reiches Gottes zu ziehen. Warum das so gefährlich ist, entfaltet Erdmann an Inhalten (am was), nicht daran wer mal wo mit wem zusammenarbeitet oder wer mal wo irgendwie gesprochen hat.

Erdmann schreibt in seinem eigenen Vorwort (S. 11):
Als ich im Januar 2004 meine Arbeit als „Senior Scientist“ am Universitätshospital Basel begann, ahnte ich noch nicht, dass ich mich während meiner Forschungsarbeit über die ethische Grundlage der Nanomedizin auch mit dem evangelikalen Dominionismus befassen würde. Zwei Jahre später sah ich es doch für nötig an, mich eingehender mit den verschiedenen Strömungen innerhalb des Neoevangelikalismus auseianderzusetzen, um besser verstehen zu können, was sich hinter dem Transhumanismus verbirgt.
Es gibt einen Text, der in diese Anfangszeit fällt, der in Deutsch zugänglich ist. Dass hier nur verhalten ein Christ schreibt, trifft auf diesen nicht zu. Aber vielleicht ist es ja eine spezielle Aufklärung gerade für Christen, entstanden im Zuge seines Arbeitsauftrags. Ob sich nun sein Arbeitgeber für eine christliche Bewertung interessiert hat oder nicht – dieser Text samt eindeutiger Bewertung ist seit 2005 verfügbar.
MBS-Texte 35
http://bucer.eu/uploads/media/mbstexte035.pdf

Schirrmacher fragt: „Und was ist ein Theologe, der zur Ethik der Nanomedizin forscht, anderes als ein Theologe, der versucht, die Gesellschaft zu beeinflussen?“
Spätestens mit der von Schirrmacher selbst zitierten Passage auf Seite 181 müsste der Unterschied eigentlich klar sein. Es ist ein gewaltiger Abstand zwischen einem
Dank eines heiligen und gerechten Lebensstils, der übereinstimmt mit einem biblischen Glaubensbekenntnis, können Christen auch in ihrer kulturellen Umgebung Gutes leisten. (S. 181)
und einem „müssen Einfluss haben“ und einem „müssen den konkreten Einfluss haben“. Im letzteren Fall wäre ein Arbeitsergebnis erheblich abhängig von irgendwelchen Akzeptanzen. Das Buch allein ist schon Beleg dafür, dass es darum nicht gehen kann.
Der Wunsch „Gehör zu finden“, ist nicht automatisch gleichzusetzen mit „Einfluss haben durch Anpassung und Akzeptanz“. Paulus hat sich auch Manches gewünscht, aber dennoch nichts inhaltlich angepasst, um höherer Akzeptanz willen. Genau das ist es aber, was Erdmann in seinem Buch Einigen vorwirft. Kann man ihm das nun im Gegenzug selbst vorwerfen? Also ich wüsste jetzt nicht an welcher Stelle.

Schirrmacher kommt mit dem Patrick Henry College. Von 2003 bis 2010 war Erdmann dort Professor für Apologetik und Theologie. Nach seinem eigenen Vorwort würde ich jetzt sagen, dass seine intensive Beschäftigung mit dem Thema ca. 2006 begann, 2008 die erste Konferenz der Gruppe dazu (Ohio). 2010 lehrt er nicht mehr an diesem College. Was für einen Vorwurf möchte man ihm denn jetzt machen? Zwei Jahre zu spät beendet? Nicht sofort radikal abgebrochen?

Erdmann schreibt:
Kinder aus behütetem Elternhaus, die ihren Schulunterricht zu Hause erhielten …werden an der christlichen Privathochschule Patrick Henry College zu Geheimagenten des CIA ausgebildet. Auf der Rekrutierungs-Homepage der US-Armee wurden besonders diese „Heimschulkinder“ angeworben, denn viele von ihnen sind patriotische Dominionisten. (S. 54)
Das Ganze ist im 4. Kapitel „Neue Apostolische Reformation“, 4. 2. „Militante Kirche“ angesiedelt. Im Vorfeld ging es um militärische Handlungen, um das weltweite „Königreich“ unter amerikanischer Oberhoheit aufzurichten.
Nicht weil Absolventen bei der CIA arbeiten oder … liegt Dominionismus vor, sondern bestimmte Gruppen interessieren sich besonders für diese Absolventen, weil Viele patriotische Dominionisten sind. Welche Fragen ließen sich denn aus diesem kleinen Text Erdmanns heraus stellen? (Die Homepage ist angegeben.) Unternimmt dieses College nichts gegen das Gedankengut des patriotischen Dominionismus? Nährt dieses College dieses Gedankengut vielleicht sogar?

Was würde das im Falle Erdmann bedeuten? Hat er vielleicht patriotischen Dominionismus bei seinen Studenten unterstützt? Hat er ihn vielleicht bei seinen Studenten schweigend geduldet? Vielleicht selbst positive Grundlagen gelegt? … Da wird man sich wohl bei seinen Studenten erkundigen müssen. Kaum glaubhaft, wenn man sein Buch dazu liest.
Welcher Art müssten denn berufliche Tätigkeiten sein, die den Tatbestand des „Dominionismus“ gemäß Erdmanns Definition erfüllen?
Das müssten dann wohl u. a. Tätigkeiten sein, die Bemühungen sind
eine weltweite Umwälzung der wichtigsten gesellschaftlichen Bereiche einzuleiten, die letztlich auf eine politische Machtergreifung im großen Stile (S. 124)
hinauslaufen.
Das müssten dann wohl u. a. Tätigkeiten sein, die konform mit den theologischen Grundannahmen (S. 29) gehen.

Und zum Abschluss:
Was Erdmann nach Schirrmacher angeblich von allen Evangelikalen fordert – kann ich auch nicht finden. Was ich aber rausnehmen kann, ist:
wo Mission (Evangelium) draufsteht, sollte Mission (Evangelium) drin sein und bestimmte Dinge gehören da eben nicht rein,
wenn ein biblischer Begriff fällt, sollte auch ein biblischer Inhalt drin sein,
wenn eine Handlungsweise gesucht wird, sollte es eine dem Evangelium würdige sein.

Lutz

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Beitragvon Servant » 17.05.2012 20:11

Lutz hat geschrieben:wo Mission (Evangelium) draufsteht, sollte Mission (Evangelium) drin sein und bestimmte Dinge gehören da eben nicht rein,
wenn ein biblischer Begriff fällt, sollte auch ein biblischer Inhalt drin sein,
wenn eine Handlungsweise gesucht wird, sollte es eine dem Evangelium würdige sein.
Und das sollte doch auch das Anliegen eines jeden "Christen" sein - das es eben auch genau so ist, oder ? Das wäre auch das was ich für uns Hoffe - das wir unserem Herr Jesus Christus treu folgen.

Fangen wir heute damit an ... und lassen uns kein Fremdes Joch auferlegen.
1. Korinther 15,50 - wie kommt man dort hinein? Johannes Ev. 3,1-18; Joh. 12, 44f; 1.Thes. 1, 9.10

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Beitragvon Servant » 03.06.2012 18:42

Nur Info:

futurist Leonard Sweet hat 2001 auf Pastors.com Werbung machen dürfen -
24 Transitions For Moving Into The 21st Century

http://web.archive.org/web/200903032248 ... 7&expand=1 (noch kann man den Inhalt Abrufen)

Hier erfährt man etwas über L. Sweets Glaubenswelt:

Leonard Sweet - Quantum Spiritualität
1. Korinther 15,50 - wie kommt man dort hinein? Johannes Ev. 3,1-18; Joh. 12, 44f; 1.Thes. 1, 9.10

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Beitragvon lutz » 01.09.2012 19:33

In der von Hans-Werner rein gestellten Antwort von M. Erdmann auf spezielle Vorwürfe habe ich einen Abschnitt gelesen, der sehr gut auch zu Fragen unter diesem Thema passt.

Deswegen zitiere ich diesen extra noch einmal hier:

Quelle:
viewtopic.php?p=22623#22623

Zitat:
… Wenn ich mit der Ausbreitung des Reiches Gottes die Evangeliumsverkündigung meine, die nicht – siehe Matthew Henrys Zitat – mit Gewaltmassnahmen durchgeführt werden soll, sondern eben alleine durch das Wort Gottes,

dann heisst das doch nicht, dass ich in Bezug auf das Reich Gottes „vor allem auch alles Sichtbare ausschliesse“.

Ganz im Gegenteil, die unsichtbare Herrschaft Jesu manifestiert sich in der sichtbaren christlichen Gemeinde, der Versammlung der lebenden und damit sehr wohl sichtbaren Gläubigen, und in der sehr konkreten, also mit den Sinnen wahrnehmbaren, Verkündigung des Evangeliums.

Als Gläubige, die vom unsichtbaren Geist Gottes geleitet werden, stehen wir natürlich mitten in der Welt und sorgen uns für das Wohlergehen unserer Familien und engagieren uns im sozialen Umfeld.

Mein Argument richtet sich gegen die Meinung, dass man als Christ von Gott beauftragt sei, die weltweite Ausbreitung eines sichtbaren Reiches Gottes mit politischer Macht herbeiführen zu müssen, bevor Jesus wiederkommen kann. Diese Sicht eines sichtbaren, sprich politischen, Reiches Gottes in der jetzigen Zeit der Gnade, das weit über den klar umgrenzten und durchaus sichtbaren Bereich der christlichen Gemeinde weltweit hinausgeht, erachte ich als unbiblisch. …

Martin Erdmann
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Beitragvon lutz » 15.12.2012 22:23

Hier möchte ich noch auf eine Rezension hinweisen, die erst kürzlich in „zeltmacher- nachrichten“ veröffentlicht (12. Dezember 2012) wurde.

Vielleicht erinnert sich der ein oder andere daran, dass Johannes Pflaum ausführlich zu Weltverschwörungstheorien Position bezog, bspw.:
http://distomos.blogspot.de/2011/02/wel ... t-der.html

Nun hat Johannes Pflaum eine Rezension des Buches „Griff zur Macht“ veröffentlicht:
http://zeltmacher-nachrichten.eu/conten ... lit%C3%A4t
(Der Griff zur Macht - frommes Phantomgebilde oder aufrüttelnde Realität?)

Lutz

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Beitragvon Servant » 01.01.2013 20:01

Freut mich das zu lesen. Der Griff zur Macht - frommes Phantomgebilde oder aufrüttelnde Realität? .

Bin Froh das man das Thema ernst nimmt.

Ist ja auch schon so alt wie die Welt - Manche Entwicklung ist leider auch das Produckt einer Handvoll von Menschen - sie stossen diesen Prozess an, andere greifen ihn auf und führen ihn fort - es wäre auch wirklich falsch von diesem umstand abzulenken. Manche Weiche wurde auch schon vor über 100 Jahren gestellt - dessen nicht zufällig entstandene Frucht wir heute sehen.

Das erste mal geschah es im Paradies, hier war es nicht der Mensch, sondern die Schlange - in dem sie sagte "Sollte Gott wirklich gesagt haben?"

Manche Menschen wollen veränderungen in der Welt hervorrufen, das ist wohl unbestreitbar - Globale Vereinigungs bemühungen hat es nicht das erste mal in der Weltgeschichte gegeben. Wie oft hat sich das Gesicht, oder der Weg der Welt verändert - weil einige Menschen ihre Pläne mit ihr hatten. Es ist heute auch nicht anders.
Johannes Pflaum hat geschrieben:An einigen anderen Stellen wird ebenfalls eine unnötige Nähe zu Spekulationen und zu Verschwörungstheorien deutlich (S. 190-196).
Das kann man wirklich nicht behaupten, so Spekulativ ist das ganze gar nicht - im Grunde läuft das heute doch nicht anders. Siehe ÖRK,WCRP (friedenserziehungsprogramm ect.), ACK (Konziliarer Prozess) jetzt natürlich auch die Evangelisch ökumenische Allianz (Micha-Initiative; Verhaltenscodex für Bekehrung und das Absegnen eines Rates der Religionen) - alle Bestrebungen münden, mehr oder weniger in der unheilvollen und unseeligen UNO und ihrem Bild einer Weltgemeinschaft. Noch ist es ja nur eine Idee, und noch ist kein Leben in ihr.
(im Blick auf das Zitat von Seite 192)

Man muss sich eben immer wieder neu die Frage stellen - wemm Folge ich - den Plänen und Visionen von Menschen, oder dem Herrn Jesus Christus und seinem Wort?

Wieviele Werke sind zerfallen, vom Weg abgekommen, weil Menschen ihre eigenen Pläne verwirklichen wollten, anstatt dem Herrn Jesus Christus zu Glauben und IHM zu Folgen?

Gesegnetes neues Jahr :)
1. Korinther 15,50 - wie kommt man dort hinein? Johannes Ev. 3,1-18; Joh. 12, 44f; 1.Thes. 1, 9.10

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Beitragvon Joschie » 12.01.2013 10:56

Der Griff zur Macht

Eine Stellungnahme von Johannes Pflaum zu dem Buch von Martin Erdmann, Der Griff zur Macht, Dominionismus - Der Evangelikale Weg zu Globalem Einfluss

Martin Erdmann behandelt in seinem Buch das immer deutlicher werdende Streben des Evangelikalismus nach Anerkennung und Einfluss in Gesellschaft und Politik. Dabei untersucht er verschiedene Strömungen und Personen, welche unter den Evangelikalen zunehmend an Bedeutung gewinnen. Er zeigt, wie diesen verschiedenen Strömungen das Streben nach Einfluss und Macht zu eigen ist, welche Philosophie und Denkrichtung dahinter steht, und wie natürlich alles vermeintlich unter dem Vorzeichen des Evangeliums und der Missionierung geschieht. Dieses Streben soll die Kultur, Gesellschaft und Menschheit verändern und damit das sichtbare Reich Gottes auf Erden bringen, was Erdmann unter dem Begriff Dominionismus zusammenfasst.

Einige kritische Anmerkungen
Auf dem Hintergrund meiner Auseinandersetzung mit Weltverschwörungstheorien ging ich kritisch an das Buch heran. Tatsächlich gibt es darin verschiedene Rückschlüsse und Behauptungen des Autors, die spekulativ sind und den Bereich der Verschwörungstheorien tangieren. So bleiben Fragen offen, ob beispielsweise der Neo-Evangelikalismus wirklich von langer Hand geplant und bewusst gesteuert ist, um den Evangelikalismus zu zersetzten, und wie weit hier verschiedentlich versuchte Einflussnahme etwa durch die Rockefeller-Brüder erfolgreich waren (S. 33-42).
Auch was die Übernahme des „Mantels“ und der damit verbundenen Führungsrolle von und durch Billy Graham in diesem Prozess betrifft, darf in Frage gestellt werden (S. 36-38). Wie zuverlässig sind die genannten Quellen? Entspringen die ökumenischen und inzwischen auch universalistischen Tendenzen von Graham einer bewussten Steuerung, oder ist dieser zweifelsohne von Gott gebrauchte Mann seiner eigenen Popularität zum Opfer gefallen? Ähnlich spekulativ wirken manche Vermutungen über eine veränderte Missiologie und des damit verbundenen Evangeliums (S. 59-72). An einigen anderen Stellen wird ebenfalls eine unnötige Nähe zu Spekulationen und zu Verschwörungstheorien deutlich (S. 190-196). Dies hat ein faktisch so fundiertes Buch eigentlich nicht nötig, und der Autor bietet damit seinen Kritikern nur in unnötiger Weise eine offene Flanke.

Die kritischen Anmerkungen sind das Eine. Sie sollen aber nicht überdecken, dass dieses Buch nach meiner Einschätzung zu großen Teilen in seiner sachlichen Auseinandersetzung und Analyse hervorragend ist. Was Erdmann über die ganze Veränderung des Evangeliums, der Missiologie, der Ekklesiologie und der damit verbundenen Reich-Gottes-Erwartung schreibt, trifft an vielen Stellen den Nagel auf den Kopf. Obwohl sein Buch hauptsächlich die amerikanische Situation beschreibt, sind die mit ihr zusammenhängenden Entwicklungen im deutschsprachigen Raum offensichtlich.

Was ist das Anliegen dieses Buches?
Damit dieses Buch nicht ungerechtfertigter Kritik zum Opfer fällt, muss seine Zielrichtung beachtet werden. Martin Erdmann hat keine Ausarbeitung, z.B. über das Verhältnis von Mission und sozialem Engagement geschrieben. Das hätte den Rahmen des Buches gesprengt. Vielmehr legt er offen, wie in der Missiologie und Evangeliumsverkündigung eine tragische Akzentverschiebung stattgefunden hat von der lebensrettenden Botschaft von Himmel und Hölle hin zu einem sozialen Evangelium und einem damit verbundenen anderen Missionsverständnis. Der Missiologe Ernst Vatter hat das Verhältnis von Mission und sozialem Engagement einmal sinngemäss so formuliert: Entwicklungshilfe im Kielwasser der Evangeliumsverkündigung. Erdmann macht, mit anderen Worten ausgedrückt, deutlich, dass der Trend zu Evangeliumsverkündigung im Kielwasser von sozialer und gesellschaftlicher Transformation geht – ganz abgesehen von der Frage, ob es sich überhaupt noch um eine bibelgemäße Evangeliumsverkündigung handelt.

So waren in der Vergangenheit soziale Veränderung und Hilfe in der Evangelisation und Mission immer die Folge von Bekehrung und Errettung der Menschen. Niemals aber war es ein Ziel, welches der Evangelisation gleichgesetzt oder sogar noch vorangestellt wurde. Die oben erwähnte tragische Akzentverschiebung belegt Erdmann u.a. an der Micha-Initiative der Weltweiten Evangelischen Allianz (WEA). Dabei zeigt er, dass diese Initiative nicht eine Idee der WEA war, welche dann dankend von der UN begrüsst wurde, sondern dass sie sich an den UN-Millenium-Entwicklungszielen orientierte und von diesen inspiriert wurde (S. 181-185). In dem Buch wird außerdem deutlich, welche Folgen eine postmillennianistische Sichtweise haben kann (wohlgemerkt „kann“!), welche meint, das sichtbare Reich Gottes auf dieser Erde vor der Wiederkunft Jesu errichten zu können.

Eine umfassende Darstellung von Fakten und Personen
In seinem Buch führt der Autor eine ganze Reihe von Bewegungen und Personen auf, welche zu einem veränderten Verständnis in der Evangeliumsverkündigung und dem Missionsverständnis beigetragen haben, bzw. davon beeinflusst sind. Die Bewegungen reichen von der Neuen Apostolischen Reformation, über die Ganzheitliche Mission, bis zur Globalen Transformation und der Emergent Church. Zu den damit zusammenhängenden Personen gehören Billy Graham, C.P. Wagner, Donald A. McGavran, Bill Bright, Loren Cunningham, Rick Warren, Bill Hybels, Erwin R. McManus Brian McLaren u.a. Der Autor beleuchtet die Hintergründe von Warrens P.E.A.C.E.-Plan, dem Terra Nova-Projekt und anderen Konzepten. Es wird dargelegt, was unter ganzheitlicher Mission, dem globalen Universalismus, Paradigma-wechsel u.a. zu verstehen ist. Erdmann lässt die angeführten Vertreter durch Zitate reichlich zu Wort kommen, was für den Leser ein klares Bild ihrer Theologie und Stoßrichtung ergibt. Besonders am Beispiel von Rick Warren wird dies deutlich, dessen verändertes Gemeinde-, Missions- und Evangeliumsverständnis der Autor durch viele Zitate belegt. Er zeigt, dass man die bekannten Bücher von Warren „Kirche mit Vision“ und „Leben mit Vision“ nicht losgelöst von der damit verbundenen Sozialphilosophie sehen kann. In diesem Zusammenhang erkennt man deutlich den Einfluss des Management-Gurus Peter Drucker mit seinem esoterischen Hintergrund auf R. Warren, B. Hybels und andere Vertreter der Mega-Church und Emerging Church. Besonders aufschlussreich ist Druckers Modell des dreibeinigen Stuhls (Gemeinwesen/Kirchen, Wirtschaft, Politik); an ihm macht Erdmann verständlich, was die Vorgehensweise und die Ziele von Druckers Schülern sind.

Der kritische Beobachtung, welcher beispielsweise die Lausanner Bewegung oder die Arbeitsgemeinschaft Evangelikaler Missionen (AEM) unterzogen wird, mag manchem Leser anstössig erscheinen. Trotzdem ist sie hilfreich und wichtig. Es sei in diesem Zusammenhang darauf verwiesen, dass Francis Schaeffer in seinem letzten Buch seine Sorge darüber zum Ausdruck brachte, dass es durch die Hintertür der "Lausanner Erklärung zur Bibel (1974)" zu schwerwiegende Akzentverschiebungen innerhalb des Evangelikalismus kommen würde. Auch die AEM hat seit ihrer Gründung eine Veränderung ihrer geistlichen Bandbreite erfahren. Erdmanns Analyse kann durchaus als Antwort auf diese Entwicklungen angesehen werden.
Außerdem wird in diesem Buch deutlich, welche erschreckende Ähnlichkeiten und Berührungspunkte es zwischen manchen Gedanken von New-Age-Vertretern, der Theosophie und einem veränderten Missions- und Evangeliumsverständnis unter den Neo-Evangelikalen gibt. Auch wenn nicht allen angeführten Personen und Organisationen eine böse Absicht zu unterstellen ist, muss diese Entwicklung trotzdem alarmieren. Am Beispiel von E. McManus ist erkennbar, wie durch das Anliegen der Transformation und einer emergenten Kirche die Grenze zum Mystischen und Synkretistischen fließend wird.

Ein Puzzlebild setzt sich zusammen
Beim Durcharbeiten des Buches setzten sich für mich verschiedene Puzzlestücke zu einem Bild zusammen. So macht Erdmann auf die Vermischung von amerikanischem Patriotismus und Dominionismus in seinem Buch aufmerksam, die von einigen Vertretern dieser Richtung (nicht von allen!) praktiziert wird (S. 52- 55 u. 133-139). In diesem Zusammenhang spricht er von der Verquickung patriotischer Dominionisten und Neo-Konservativer in der Politik. Auf diese verhängnisvolle Entwicklung hat schon vor Jahren Phil Johnson aufmerksam gemacht. Jeremy Scahill weist in seinem Buch über das Söldnerunternehmen Blackwater ebenfalls auf diese Verbindung von politischen und evangelikalen Interessen in den USA hin. In diesem Zusammenhang erwähnt Scahill Charles Colson, Pat Robertson, James Dobson u.a. So bestätigt dieses säkulare Buch die Beobachtungen Erdmanns.

Im Zusammenhang mit „Eine Evangelikale Agenda: 1984 und danach“ kommt Erdmann auf die Rolle und den Einfluss des Wheaton-College zu sprechen (S. 92ff). Eine Person, die selbst mit diesem College verbunden war, machte mich schon vor Jahren bei einem Israelaufenthalt auf den starken Einfluss von Wheaton in Sachen Transformation und Emerging Church aufmerksam.

Die St. Matthäusgemeinde in Bremen lernte ich in den 80er Jahren als eine erweckliche und bibeltreue Gemeinde kennen. Als ich dieser Gemeinde am 06.12.2008 im Rahmen der Fernsehsendung „Ein Herz für Kinder“ wieder begegnete, war es für mich unfassbar, wie es dazu kommen konnte, dass sie für ihr Projekt „Ein Zuhause für Kinder“ die Popsängerin Sarah Connor als Projektpatin einspannte und sowohl um prominente Sponsoren wie auch gesellschaftliche Anerkennung warb. Durch Erdmanns Ausführungen ab Seite 111ff, in denen er den Einfluss von Warrens Konzept auf die St. Matthäusgemeinde erwähnt, wurden die Zusammenhänge für mich klarer.

Vor einigen Jahren war ich zugegen, als der Leiter eines großen evangelikalen Missionswerkes in Deutschland interviewt wurde. Die in seinen Ausführungen klar bezeugte Solidarität mit der Micha-Initiative stimmte nachdenklich. Trotzdem vermutete ich zunächst einen guten missionarischen Willen, der nicht um die Hintergründe dieses Programms wusste. Die anschließende Predigt desselben Missionsleiters über Micha 4,1-5 ließ dann allerdings eine klare heilsgeschichtliche Schau vermissen, was im Nachhinein für mich kein Zufall mehr ist. Inzwischen lassen verschiedene Publikationen dieses Missionswerkes eine Veränderung im Missionsverständnis gegenüber früheren Positionen, wie im Buch von Erdmann dargestellt, erkennen.
In der jüngeren Vergangenheit las ich den Jahresbericht eines anderen Leiters eines evangelikalen Missionswerkes in Deutschland. Was er über Veränderung und Neuausrichtung des Werkes schreibt, deckt sich in grossen Teilen mit den Beobachtungen von Erdmann.

Die Verschiebung, auch im deutschsprachigen Raum, in Richtung eines „Sozial-Evangeliums“ sowie eines transformatorischen Missionsverständnisses sind auch ohne das vorliegende Buch deutlich erkennbar. Martin Erdmann bin ich sehr dankbar dafür, dass er verschiedene Puzzleteile zu einem Gesamtbild zusammenfügt und die Hintergründe dieser Entwicklung aufzeigt. Offensichtlich ist die Veränderung zu einem transformatorischen Gemeindeverständnis unter den deutschsprachigen Evangelikalen auch durch den wachsenden Einfluss von Vertretern dieser Bewegung, wie z.B. Johannes Reimer und Tobias Faix. Die Faktenlage, welche Erdmann darlegt, ist so eindeutig, dass seine manchmal spekulativen und gewagten Rückschlüsse dahinter zweitrangig werden.
Die von Erdmann unter dem Begriff Dominionismus zusammengefassten Strömungen und Personen mögen in manchen Bereichen unterschiedlich und schillernd sein. Trotzdem hat es den Anschein, dass ein großer Teil der Evangelikalen sich aufgemacht hat, denselben in die Irre führenden Weg zu beschreiten – wenn auch unter etwas anderen Vorzeichen –, der vom Ökumenischen Rat der Kirchen 1968 in Uppsala unter dem diesseitsorientierten Motto „Siehe ich mache alles neu“ beschritten wurde.

Ein einzigartiges Buch
Was die dargelegten Fakten und Strömungen im Neo-Evangelikalismus betrifft, ist dieses Buch – nach meiner Kenntnis – bisher im deutschsprachigen Raum einzigartig. Es bleibt zu wünschen, dass sich betroffene Personen und Institutionen, sowie die Kritiker dieser Darstellung, nicht an manchen spekulativen und durchaus in Frage zu stellenden Rückschlüssen des Autors aufhalten. Vielmehr sollten die dokumentierten Fakten dazu dienen, sich selbst von der Bibel her in Frage stellen zu lassen und die inhaltlichen Verschiebungen innerhalb des Evangelikalismus zu erkennen. Das Buch ruft zur Wachsamkeit, damit wir die schleichende Umdeutung von wohl vertrauten Begriffen mitsamt ihren Inhalten nicht übersehen.

Ich danke Martin Erdmann für dieses Buch, in dem er uns die Augen öffnet für das sich anbahnende „große evangelikale Desaster“ (Originaltitel von Francis Schaeffers „Die große Anpassung“) – sofern kein Umdenken und keine Umkehr stattfinden. Christus wird seine Gemeinde bauen, auch durch allen Abfall hindurch (Mt 16,18). Damit stellt sich aber die Frage, ob er seine Gemeinde mit uns, ohne uns oder sogar gegen uns baut.
Quelle dieses Beitrages.
Tod, wo ist dein Stachel? Totenreich, wo ist dein Sieg? 1Kor 15,55

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Beitragvon lutz » 13.01.2013 20:48

Der neue Newsletter des Betanienverlages informiert über ein Vortragsangebot von Martin Erdmann.


http://betanien.de/verlag/newsletter/ne ... php?id=132
Der Theologe, Publizist und Leiter des Verax-Institus Dr. Martin Erdmann (Greer, USA) bietet während seines Deutschland-Aufenthalts im Frühjahr oder Sommer 2013 an, Vorträge und Dienste zu wichtigen und brisanten Themen zu halten. Mögliche Vortragsthemen sind: …

2.) Vorträge über das Machtstreben unter Evangelikalen und das Aufgeben des Evangeliums zugunsten einer sozialen Transformation. Diese Bewegung des Dominionismus, über den Martin Erdmann sein Buch „Der Griff zur Macht“ verfasst hat, spitzt sich derzeit weiter zu, sodass aufklärende Vorträge über die aktuelle Entwicklung vonnöten sind. …
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Beitragvon Servant » 14.01.2013 17:18

Hallo,
Manche Entwicklung ist leider auch das Produckt einer Handvoll von Menschen - sie stossen diesen Prozess an, andere greifen ihn auf und führen ihn fort.
Es ist Tatsache das es so manche Theorie über gewisse Entwicklungen in unseren Tagen gibt, viele davon kann man getrost vergessen - weil sie auf Fiktionen, oder einem falschen biblischen Verständnis gewachsen sind.
Dennoch ist es notwendig sich Gedanken über begründete Warnungen zu machen - wohin führt es eine auf Jesus Christus und auf dem Wort Gottes stehend Versammlung - berechtigte Warnungen über gewisse Entwicklungen zu ignorieren? Es ist auch falsch anderen zu sagen ihr müss sie ignorieren.

Sie führt dazu das ganze Gemeinden in die falsche richtung laufen und geistig zugrunde gehen, wenn sie sich diesem wiedergölichen Geis der uns heute in so vielfälltiger weise Begegnet öffnen.

Viele Geschwister schreiben ihre Gedanken über Gewisse Entwicklungen nicht deshalb auf um andere damit zu belustigen, oder ihnen Stoff für ein Krimi zu liefern - sondern sie vor Unheil zu Bewahren. Sich nicht auf den Weg des Unheils zu Begeben.

Es ist wohl unbestritten das viele unheilvolle Entwicklungen die Frucht von Menschen ist - die unbiblische Veränderungen Bewirken wollten. Man kann eben auch sagen das es Teilweise eben auch ganze Vereine sind die dies tun. (Wiedenest-Forum; Marburger Seminar; DEA etc.)

Hier kann man sicher nicht gleich von "Verschwörung" reden, da ihr Handeln nicht immer verborgen ist - sie selbst reden öffentlich von ihren Plänen und Vorstellungen - doch man kann von der unheilvollen weichenstellung reden, welche Abgelehnt werden muss, die ihre Gesinnung hervorgebracht hat - das dann Geschwister hier mit dem Wort Gottes entgegentreten - dank sei dem Herrn Jesus Christus.

Um so erschreckender ist es dann zu erleben wie heute wohl die meisten "Christen" darauf regieren, wenn man auf diese Entwicklungen Hinweist - ihre Raktionen offenbaren letztlich auch etwas über ihre geistige Gesinnung.

Und sicher wird vieles von dem auch im verborgenen getan.

Vieles von dem wurde auch offenbar gemacht.

Das Rockefeller den ÖRK mit Geld versorgt hat ? Dafür gibt es Beweise, und diese wurden ja schon vor jahrzehnten öffentlich gemacht (ihr müsst selbst danach Googlen). Es ist auch kein geheimniss das Billy Graham den Templeton Preis bekommen hat, wie auch Chiara Lubich. Das alles ist ohne Wertung und ohne spekulation - doch auch dieser Umstand das es so ist - sagt etwas aus über die Gesinnung dieser Menschen.

Beispiel:

Sollte ich mal einen Templeton Preis bekommen (was zum Glück nie der Fall sein wird; dieser würde ausserdem umgehend im Müll landen) - dann müsst ihr Wissen - dann nur weil ich mit dem Ansinnen der Siftung Konform gehe und sie meine Leistungen in diesem Berreich fördern Bzw. Belohnen wollen. Und aus dem selben Grund werde ich auch nie einen "Freimaurer Preis" bekommen. den Jesus Christus ist der einzige Weg zum Vater - daneben gibt es nichts, alle anderen wege sind ein Weg ins Verderben (Johannes 14)

Das Carl Friedrich v. Weizsäcker einer der Unterstützer des "Konziliaren Prozesses" (ACK) ist zeigt - das er dessen Ziel und Ansinnen Unterstützt - sein Wunsch ist eine große Weltgemeinschaft, eine Zentrale Weltregierung (Er hatte seine erläuchtung am Grab eines Gurus).

Hans Küng wünscht sich einen Rat der Religionen ... und bekam den Freimaurer Preis (Projekt Weltethos) - diese holt man sich gern mal in die Gemeinde - "Religionen der Welt" (Ausstellungen)

Für mich bedarf es keiner weiteren Informaionen - da die Zielsetzung dieser Herren nicht die meines Herrn Jesus Chrisus ist und auch die Grundlage auf einem falschen Verständnisses biblischer Lehre, oder auf gar keinem biblischen Verständnis beruht.

Meine Haltung diesen Entwicklungen gegegnüber ist und bleibt - ABLEHNUNG und eine Absonderung gegenüber ihren Aktionen, Seminaren und Büchern u. Ausstellungen.

Warum - weil ich weiß das ihr Ansinnen nicht das meines Herrn Jesus Chrisus ist und auf abwege führt - andere gehen diesen getünchten Wänden auf den Leim und das ist furchtbar - noch schlimmer ist das die auf dem Leim gegenagen sind zu Multiplikatoren werden und eben jenen Mist weitertragen.

Darum bin ich Dankbar das wir Geschwister haben die aus Liebe zum Bruder auf jene Entwicklungen hinweisen, so wie es auch Martin Erdmann getan hat - Danke !

Das alles wurde nicht geschrieben damit man lustig auf den falschen Weg weitermarschiert, sondern um so viele wie nur möglich zur Umkehr zu Bewegen - kommt wieder zurück auf den Weg unseres Herrn Jesus Christus. Und es soll wieder dahin führen sich viel mit dem Wort Gottes zu beschäfftigen um eben auf diesem festengrund fest zu stehen.
1. Korinther 15,50 - wie kommt man dort hinein? Johannes Ev. 3,1-18; Joh. 12, 44f; 1.Thes. 1, 9.10


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