Fiktion, Fakten und die Wahrheit!?

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Fiktion, Fakten und die Wahrheit!?

Beitragvon Joschie » 07.07.2012 18:33

Hallo Ihr!
Die folgenden Zeilen habe ich schon oft in christlichen Gemeinden gehört und ich habe sie auch schon benutzt, sie tauchen bis heute in verschiedenen christlichen Publikationen in einer gewissen Regelmäßigkeit auf.

"Zerschlagen ist die alte Leier am Felsen, welcher Christus heißt,
Die Leier, die zu böser Feier bewegt ward von dem bösen Geist.
Die Leier, die zum Aufruhr klang, die Zweifel, Spott und Abfall sang.
O Herr, o Herr, ich knie nieder, vergib, vergib mir meine Lieder.

Der Kirche ist und ihrem Glauben manch Spottlied frevelhaft erschallt.
Es sollte Zucht und Ordnung rauben mit weicher Töne Truggewalt
Die freie Rotte triumphiert. Ich hab ihr manchen zugeführt.
O Herr, ich schlag die Augen nieder, vergib, vergib mir meine Lieder.

Und als des Märzes Stürme kamen bis zum November trüb und wild,
Da hab ich wilden Aufruhrsamen in süße Lieder eingehüllt.
So manches Herz hab ich betört, des ewgen Lebens Glück zerstört.
Gebeugten Hauptes ruf ich wieder: O Herr, vergib mir meine Lieder.

Zerschmettert ist die alte Leier am Felsen, welcher Christus heißt
Die Leier, die zur bösen Feier bewegt ward von dem bösen Geist
Ach schenk mir eine Leier neu und mild vom heigen Friedensklang erfüllt
O neige segnend dich hernieder und gib mir neue, neue Lieder.

Dieses Gedicht wird Heinrich Heine zugeschrieben und dient oft als Zeugnis, das Heinrich Heine am Ende seines Leben ein reumütiger Dichter war und seines Schreies nach Vergebung. Als Quelle wird „Heinrich Heines Heimkehr zu Gott" von Wilhelm Brauer / Stoecker-Buchhandlung angegeben. Ich wollte es genau wissen in, welchen Werk von Heinrich Heine ich diese Zeilen finde. Nach einigen suchen fand ich das Buch von Wilhelm Brauer als pdf, dort steht auf Seite 24:
"Das nachfolgende Gedicht wird von mancher Seite Heinrich Heine zugeschrieben. Es soll in seinem Nachlaß, der in seiner ganzen Fülle allerdings noch ungeordnet ist, vorkommen. Klar erwiesen ist es bis zur Stunde allerdings noch nicht. Der ganze Ton, ihn dem das Gedicht gehalten ist, paßt aber durchaus in seine letzten Gedichte. Wir geben darum - mit Vorbehalt - dies anonyme Gedicht weiter" Nach dem Lesen dieser Zeilen, stellt sich mir schon die Frage, wie ist aus einem mit Vorbehalt weitergebenden anonymen Gedicht, de facto mit der Zeit, ein Gedicht von Heinrich Heine geworden? In diesem Jahr war der 100. Jahrestag des Untergangs der Titanic und in diesem Zusammenhang tauchte auch wieder auf, dass an den Schiffswänden folgende Zeilen stehen "Wir fahren ohne Gott" oder "Nicht einmal Gott kann dieses Luxusriesenschiff versenken". Diese Zitate waren mir seit langem wohlbekannt, doch die Suche nach der Quelle dieser Worte, führte leider mal wieder ins Nichts. Schon seit einiger Zeit frage ich mich, wie benutzen wir Fakten und Quellen in unseren Beiträgen und unserem täglichen Zeugnis? Ich hoffe das mich niemand falsch versteht, ich habe nichts gegen gute Beispiele in Beiträgen und im täglichen Zeugnis. Was mich aber sehr stört ist, wenn es zu einer Vermischung von Fiktion, Fakten und Halbwahrheiten kommt. Das kann man auch als so eine Art stille Post bezeichnen, die Folgen davon sind ja allgemein bekannt. Sind euch auch Geschichten begegnet, die euch seltsam vorkamen?
Gruß Joschie
Tod, wo ist dein Stachel? Totenreich, wo ist dein Sieg? 1Kor 15,55

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Beitragvon Joschie » 11.07.2012 16:47

Hallo Ihr!
Das Zitat Schafe weiden oder Böcke belustigen? ,ist ja die Überschrift eines Artikels und im Allgemeinen doch sehr bekannt.In vielen Publikationen wird C. H. Spurgeon (1834-1892) als Autor angegeben. Jetzt habe ich zu meinem persönlichen Erstaunen bei distomos zu diesem Artikel folgendes gelesen: Der vorliegende, im Original bereits überarbeitete Text, wurde aus dem Englischen ins Deutsche übersetzt. Die Webseite www.gracegems.org enthält ausschließlich lizenzfreies Gemeingut und ermutigt dazu, die vorhandenen Texte zu vervielfältigen und zu veröffentlichen. Hinweis: Recherchen des Übersetzers nach der Quelle ergaben, dass diese nicht eindeutig bestimmt werden kann; Spurgeonkenner schreiben das Dokument aufgrund des Sprachstils durchaus Spurgeon zu.
Gruß Joschie
Tod, wo ist dein Stachel? Totenreich, wo ist dein Sieg? 1Kor 15,55

heine

Re: Fiktion, Fakten und die Wahrheit!?

Beitragvon heine » 07.11.2017 22:56

Zum pseudepigraphischen Gedicht "Zerschlagen ist die alte Leier" siehe N. Riemer: "Zerschlagen ist die alte Leier am Felsen, welcher Christus heißt". Wie das Bußgedicht des Hallenser Vormärz-Demokraten Bernhard Martin Giese zum Beweis einer gewünschten "Bekehrung" Heines avancierte. In: Heinrich-Heine Jahrbuch. Stuttgart 2017, S. 131-148.


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