Regelmäßige Lesung aus der Schatzkammer Davids von Spurgeon

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Jörg
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Regelmäßige Lesung aus der Schatzkammer David Ps.7

Beitragvon Jörg » 12.05.2018 07:37

7. Stehe auf, Herr, in deinem Zorn,
erhebe dich über den Grimm meiner Feinde,
und wache auf zu mir, der du Gericht verordnet hast,
8. dass sich die Völker um dich sammeln;
und über ihnen kehre wieder zur Höhe.


Wir vernehmen nun ein neues Gebet, das sich auf das soeben abgelegte Bekenntnis gründet. Wir können nicht zu oft beten. Ist unser Herz aufrichtig, so wird es uns so natürlich sein, uns zu Gott im Gebet zu wenden, wie der Magnetnadel, sich zum Nordpol zu kehren. -- Die Sprache des Dichters schwingt sich hier hoch auf.
Stehe auf, Herr, in deinem Zorn. Die Not lässt dem Psalmisten den Herrn wie einen Richter erscheinen, der den Richtersitz verlassen und sich zur Ruhe zurückgezogen hat. Der Glaube möchte den Herrn bewegen, für die Sache seiner Heiligen einzutreten. Erhebe dich über den Grimm (Grundt. Mehrzahl: über die Wutausbrüche) meiner Feinde . Ein noch stärkerer Ausdruck des ängstlichen Verlangens, der Herr möge doch seine Macht anziehen und den Thron besteigen. Stehe auf, o Gott; erhebe dich über sie alle, und lass es sich erweisen, wie himmelhoch deine Gerechtigkeit über ihre Schlechtigkeiten erhaben ist. Wache auf (und wende dich) zu mir, der du Gericht verordnet hast . Abermals eine Steigerung, ein noch kühneres Wort. Es deutet nicht nur auf Untätigkeit, sondern auf Schlaf hin und kann demnach von Gott nur mit einer starken Übertragung gebraucht werden. Er schläft noch schlummert nie. Zwar scheint er es oft zu tun. Die Gottlosen haben die Oberhand, und die Heiligen werden in den Staub getreten. Aber Gottes Schweigen ist die Geduld der Langmut. Währt es den Heiligen lange, so sollen sie es dennoch ertragen in der Hoffnung, dass noch Sünder dadurch zur Buße geführt werden mögen (vergl. 2. Petr. 3,9). Und eine Versammlung der Völker umgebe dich. (Wörtl. 2 Deine Heiligen werden sich zu deinem Richterstuhl drängen mit ihren Klagen, oder: sie werden mit ihren Huldigungen ihn umringen. Wie, wenn ein Richter (nach der englischen Sitte der Rundreisen der Richter) in seinem Sprengel die Gerichtstage hält, alle ihre Rechtssachen vor seinen Gerichtshof bringen, um Gehör zu finden, so werden die Gerechten sich sammeln um ihren Herrn. Und über ihr kehre zur Höhe, um deinen himmlischen Richterthron wieder einzunehmen. 3 Man kann auch (wie L. 1524) übersetzen: Und um ihretwillen kehre wieder zur Höhe. 4 Dann stärkt David sich hier im Gebet, indem er vor Gott geltend macht, dass, wenn er den Richterstuhl besteigen wollte, Scharen von Heiligen sowohl als David selbst glückselig sein würden. Bin ich zu gering, dass meiner sollte gedacht werden, so komm doch um ihretwillen, um der Liebe willen, die du zu deinem auserwählten Volk hegst, aus deinem verborgenen Gezelt hervor und sitze im Tor, dem Volke Recht zu sprechen. Ist meine Sache eins mit den Wünschen aller Gerechten, so wird sie gewiss gefördert werden. Denn wird Gott nicht Recht schaffen seinen Auserwählten? (Lk. 18,7 Grundt.)

9. Der Herr ist Richter über die Völker.
Richte mich, Herr, nach meiner Gerechtigkeit und Frömmigkeit!
10. Lass der Gottlosen Bosheit ein Ende werden, und fördere die Gerechten;
denn du, gerechter Gott, prüfest Herzen und Nieren.


Wie es scheint, hat David nun mit dem Auge seines Geistes den Herrn zu seinem Richtersitz aufsteigen sehen, und indem er ihn dort thronend erschaut in königlicher Majestät, drängt er sich näher herzu, seine Sache aufs Neue vorzutragen. Die königlichen Herolde verkünden die Eröffnung der Gerichtsverhandlung mit den feierlichen Worten: Der Herr ist Richter über die Völker. Unser Schutzflehender erhebt sich sofort und ruft dringend und demütig: Richte mich (schaffe mir Recht), Herr, nach meiner Gerechtigkeit und Frömmigkeit . Seine Hand liegt auf einem redlichen Herzen, und sein Ruf richtet sich an einen gerechten Richter. Er sieht ein huldvolles Lächeln auf des Königs Angesicht, und im Namen dieser ganzen versammelten Schar ruft er laut: Lass der Gottlosen Bosheit ein Ende werden, und fördere (stärke) die Gerechten . Ist das nicht das einmütige Verlangen der ganzen Schar der Erwählten? Wann werden wir einmal frei sein von dem befleckenden Umgang mit diesen Leuten von Sodom? Wann werden wir der Unsauberkeit Mesechs und den schwarzen Zelten Kedars für immer entrinnen?
Was für eine ernste und gewaltige Wahrheit enthält der letzte Satz des zehnten Verses: Du, gerechter Gott, prüfest Herzen und Nieren! Wie tief erkennt Gott uns, wie genau, wie sorgfältig, wie eindringend ist sein Prüfen! Er prüft die Herzen, die geheimen Gedanken, und die Nieren, die innersten Triebe. Es ist alles bloß und entdeckt vor seinen Augen (Hebr. 4,13).

11. Mein Schild ist bei Gott,
der den frommen Herzen hilft.
12. Gott ist ein rechter Richter
und ein Gott, der täglich dräuet.
13. Will man sich nicht bekehren, so hat er sein Schwert gewetzt,
und seinen Bogen gespannt, und zielet,
14. und hat drauf gelegt tödliche Geschosse;
seine Pfeile hat er zugerichtet, zu verderben.


Der Richter hat die Sache angehört, hat den Unschuldigen freigesprochen und sein Urteil gegen die Verfolger abgegeben. Treten wir näher heran, das Ergebnis der großen Gerichtssitzung zu erfahren. Dort steht der Verleumdete mit der Harfe in der Hand. Er besingt die Gerechtigkeit des Herrn und freut sich jubelnd der erfahrenen Befreiung. Mein Schild ist bei Gott (ruht auf ihm, er hält ihn), der den frommen Herzen hilft . Wie gut ist es, ein frommes, d. h. ein gerades, aufrichtiges Herz zu haben! Die durchtriebenen Sünder werden mit all ihrer List zuschanden gegenüber dem, der aufrichtigen Herzens ist. Gott schützt das Recht. Schmutz haftet nicht lange auf den reinen weißen Kleidern der Heiligen. Die göttliche Vorsehung wird ihn hinwegfegen, denen zum Verdruss, deren ruchlose Hände den Gottseligen damit beworfen haben. Wenn Gott unsere Sache prüft, dann geht unsere Sonne auf und die Sonne der Gottlosen für immer unter. Die Wahrheit kommt wie das Öl immer obenauf. Keine Macht unserer Feinde kann sie unter Wasser halten. Ihre Verleumdungen werden alle zunichte werden an dem Tage, da die Posaune die Toten erweckt, und wir werden mit Ehren bestehen, wenn die Lippen der Lügner auf ewig zum Schweigen gebracht werden. Du Mann des Glaubens, fürchte dich nicht, was immer deine Feinde wider dich sagen oder tun mögen. Dem Baum, den Gott gepflanzt hat, dürfen die Stürme keinen Schaden tun. Gott ist ein rechter Richter . Er hat dich deinen Hassern nicht preisgegeben, dass du solltest durch ihren Mund verdammt werden. Deine Widersacher können sich nicht auf Gottes Thron setzen, noch deinen Namen aus seinem Buch austilgen. So lass sie gehen. Gott wird die rechte Zeit für seine Vergeltung finden.
Gott ist ein Gott, der täglich den Gottlosen droht mit seinem Zorngericht. Nicht nur, dass er die Sünde selbst verabscheut, er zürnt auch denen, die sich hartnäckig der Sünde hingeben. Wir haben es nicht mit einem gefühllosen und gleichgültigen Gott zu tun. Er kann zürnen. Ja, er zürnt heute und jeden Tag über euch, ihr Gottlosen und unbußfertigen Sünder. Der beste Tag, der je über die Sünder aufgeht, bringt einen Fluch mit sich. Böse Menschen mögen viele festliche Tage haben, aber sie haben nicht einen einzigen sicheren Tag. Vom Anfang des Jahres bis zu seinem Ende ist keine Stunde, da nicht Gottes Ofen glüht und bereit ist für die Gottlosen, die wie Stroh sein werden (Mal. 3,19).
Will man sich nicht bekehren, so hat er sein Schwert gewetzt. Was für Streiche werden von diesem schon so lange erhobenen Arm ausgeteilt werden! Gottes Schwert ist geschliffen auf dem Wetzstein unserer täglichen Gottlosigkeit, und wenn wir nicht bereuen wollen, wird es uns bald in Stücke hauen. Bekennen oder Brennen ist des Sünders einzige Wahl. Er hat seinen Bogen gespannt und zielet . Schon sehnt sich der durstige Pfeil, sich mit dem Blut des Verfolgers zu netzen. Der Bogen ist gespannt und gerichtet; der Pfeil liegt auf der Sehne. Wie, Sünder, wenn er eben jetzt auf dich abgedrückt würde? Und richtet auf ihn (den Gottlosen) tödliche Geschosse. (Wörtl.) Bedenke, Gottes Pfeile verfehlen nie ihr Ziel, und jeder von ihnen ist tödlich. Und seine Pfeile macht er zu brennenden (Grundt.), zu Brandpfeilen, wie solche bei den Alten üblich waren. Wenn Gott lässt den Eifer brennen, brennt er bis zum Höllengrund. Gottes Gericht mag säumen, aber es wird nicht zu spät kommen. Gottes Mühlen mahlen langsam, mahlen aber desto feiner.

15. Siehe, der hat Böses im Sinn,
mit Unglück ist er schwanger, und wird Lüge gebären.
16. Er hat eine Grube gegraben und ausgehöhlt,
und ist in die Grube gefallen, die er gemacht hat.
17. Sein Unglück wird auf seinen Kopf kommen,
und sein Frevel auf seine Scheitel fallen.


In drei anschaulichen Bildern sehen wir des Verleumders Geschichte. Ein Weib in Geburtsnöten dient zu dem ersten Bilde. Siehe, der ist in Wehen mit Bösem. (Wörtl. 5 Er ist davon voll. Er leidet Pein, bis er es ausführen kann. Er sehnt sich, seinen Willen ins Werk zu setzen. Er ist voller Unruhe, bis seine böse Absicht verwirklicht ist. Unheil hat er empfangen. Dies ist der Ursprung seines schändlichen Anschlages. Der Teufel hat sich mit ihm zu schaffen gemacht, und des Bösen Gift ist in ihm. Und nun siehe auf die Frucht dieser heillosen Schwangerschaft. Das Kind ist seines Vaters würdig. Dessen Name war von alters her "der Vater der Lügen", und das Kind verleugnet den Vater nicht: Trug hat er geboren . Damit ist das erste Bild vollständig durchgeführt. Nun erläutert der Psalmist seinen Gedanken durch ein anderes, das von den Kunstgriffen des Jägers hergenommen ist. Eine Grube hat er gegraben und tief ausgehöhlt. Er war schlau in seinen Plänen und eifrig in der Ausführung. Er ließ sich zu dem unsaubern Werk des Ausgrabens herbei. Er scheute sich nicht, die Hände zu beschmutzen. Er war bereit, in einer Grube zu arbeiten, wenn nur andere dann hineinfallen. Was für niedrige Dinge tun nicht die Menschen, um ihre Rache an den Gottesfürchtigen auszulassen! Sie jagen auf redliche Menschen, als wären es unvernünftige Tiere. Ja, sie gönnen ihnen nicht einmal die offene Jagd, die man dem Hasen und dem Fuchs gewährt, sondern müssen hinterrücks sie verstricken, weil sie sie weder niederrennen noch niederschießen können. Unsere Feinde treten uns nicht offen entgegen; sie fürchten uns nämlich ebenso sehr, als sie vorgeben, uns zu verachten. Doch sehen wir auf das Ende der Szene. Der Vers sagt: Er ist in die Grube gefallen, die er gemacht hat . Ha, da ist er drin! Wir mögen wohl lachen über sein Missgeschick. Sieh, er selbst ist das Wild: er hat auf die eigene Seele Jagd gemacht, und die Jagd hat ihm eine schöne Ausbeute gebracht. So sollte es immer sein. Kommt her und seht eure Lust an diesem Jäger, der sich selber in der Schlinge gefangen hat. Kein Mitleid mit ihm: es wäre weggeworfen bei solch einem Elenden. Er hat nur seinen gerechten Lohn empfangen; er ist mit seiner eigenen Münze bezahlt worden. Er hat Böses aus seinem Munde gespieen, und es ist in seinen Busen gefallen. Er hat das eigene Haus in Brand gesetzt mit der Fackel, die er angezündet hatte, um das des Nachbars zu verbrennen. Die Rute, die er schwang, hat seinen eigenen Rücken getroffen. Das Unheil, das er plante, kommt auf seinen Kopf zurück, und sein Frevel stürzt auf seine eigene Scheitel . (Wörtl.) Flüche sind wie junge Hühner: sie kommen immer zu ihrer Stange heim. Asche fliegt allezeit dem ins Gesicht, der sie emporwirft. "Er wollte den Fluch haben: der wird ihm auch kommen." (Ps. 109,17 .) Wie oft hat sich dies wiederholt in der alten und neuen Zeit! Die Leute haben sich die eigenen Finger verbrannt, wenn sie ihren Nachbar zu brandmarken hofften. Und trifft das nicht sogleich zu, so kommt es künftig. Der Herr hat die Hunde Ahabs Blut lecken lassen mitten in Naboths Weinberg. Früher oder später haben schlimme Taten sich immer an ihren Urhebern gerächt. So wird es sein an dem letzten großen Tage, wenn Satans feurige Pfeile alle in sein Herz als in ihren Köcher zurückkehren werden und wenn alle seine Nachfolger ernten werden, was sie gesät haben.

18. Ich danke dem Herrn um seiner Gerechtigkeit willen,
und will loben den Namen des Herrn, des Allerhöchsten.


Wie wohltuend sticht dieser Schlussvers ab! Darin stimmen alle die bisherigen Psalmen (Ps 1-7) zusammen: sie schildern sämtlich die Glückseligkeit des Gerechten und lassen die Farben derselben leuchtender hervortreten durch den Gegensatz gegen das Elend der Gottlosen. Der glänzende Juwel funkelt in schwarzer Fassung. Danken und Lobpreisen ist der Beruf der Gottseligen, ihre Aufgabe in der Ewigkeit und jetzt schon ihre Freude. Darum lassen die Heiligen ihre Lieder erklingen vor dem Allerhöchsten. Wir sehen: Der verleumdete Knecht des Herrn schließt mit Lobpreis Gottes. Bei dem Weh seines Herzens wegen der Bosheit seiner Feinde war sein Lobgesang verstummt, aber nur für eine gar kurze Frist. Jetzt sehen wir ihn zuletzt noch mit Macht in die klangvollen Saiten seiner Harfe greifen, dass ihr Wohllaut zu dem dritten Himmel anbetender Lobpreisung emporsteigt.
Es muß alles erst einmal an Gott vorüber, bevor es mich treffen kann. (Helmut Thielicke)

Jörg
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Regelmäßige Lesung aus der Schatzkammer David Ps.7

Beitragvon Jörg » 15.05.2018 15:28

Erläuterungen und Kernworte

Zum ganzen Psalm. Was immer die Veranlassung zu diesem Psalm gewesen sein mag, der eigentliche Gegenstand desselben scheint mir zu sein die Berufung des Messias auf Gott gegen die falschen Anklagen seiner Feinde. Denn gerade in dem Erleiden der Verleumdungen und seiner Berufung auf Gott war David ja ein Vorbild auf Christus. Und sollte Vers 8 nicht eine Weissagung auf die schließliche Bekehrung der ganzen Welt enthalten? Jedenfalls weist Vers 9 deutlich auf das zukünftige Gericht hin. D. jur. Samuel Horsley † 1806.

Über diese Anfechtungen, so wir in den vorhergehenden Psalmen gehabt, ist noch eine hinterstellig, nämlich Aufruhr, welche die Christen auch müssen leiden. Und musste Christus selber mit diesem Titel auch sterben. Wie jetzund dem Evangelium wird Schuld gegeben, dass es mache aufrührerische, rumorische Leute, richte Uneinigkeit und Krieg an. Das muss man lernen, dass es nicht anders will sein. Das Evangelium lehret ja Friede und Gehorsam; dennoch muss es den Namen haben, dass es eine aufrührerische Lehre sei, das machet, dass wir auch nicht alles wollen tun, das sie wollen. Martin Luther 1530.

Das Gebet Luthers im Gasthause zu Miltenberg April 1520 auf der Reise zum Augustinerkonvent in Heidelberg, das den Grafen Eberhard von Erbach aus einem Feinde und Verfolger in einen Freund Luthers und der evangelischen Sache verwandelte, war aus dem 7. Psalm geschöpft. - J. M.

Der 2. Vers unseres Psalms ist in Vater Goßners alter Bibel rot angestrichen, und daneben steht das Datum; 12.5.1824. Johannes Goßner, seit 1820 Pfarrer an der Malteserkirche in Petersburg, wurde am 8. Mai 1824 plötzlich außer Landes verwiesen. Kosaken brachten ihn über die russische Grenze. 1829 sagte er in seiner Antrittspredigt in der Böhmischen Gemeinde zu Berlin unter anderem Folgendes: "Vor fünf Jahren um diese Zeit stand ich wie ein Vater, der all seiner Kinder auf einmal beraubt wurde, wie ein Hirte, der in einem Tage alle seine Schafe verloren hatte, unter freiem Himmel, nicht wissend, wohin. Da blickte ich gen Himmel auf zu dem Gott Jakobs (1. Mose 28), weil meinem tausendfach verwundeten und zerrissenen Herzen um Trost sehr bange war und ich auf der ganzen weiten Welt keinen finden konnte. Und der Gott Jakobs schaute auch auf mich herab und antwortete mir -- denn ich schlug das heilige Bibelbuch auf, das mich auf meiner Flucht begleitete, und da fiel mir der 7. Psalm auf. Ich las: Auf dich, Herr, traue ich ... bis V. 7.8: und hilf mir wieder in das Amt, das du mir befohlen hast; dass sich die Leute wieder zu dir sammeln, und um derselben willen komme wieder empor. (Alte Lutherübers.) Ich las, las wieder, sprach: Wer hat diesen Psalm gemacht? Wann? Wie? -- Ich fasste wieder Mut und dachte: Der den verworfenen, verstoßenen David wieder einsetzte in sein Amt, sollte der dir nicht helfen können und wollen? Und gelobet sei er, er hat meine Hoffnung nicht zuschanden werden lassen und hat mir wieder geholfen in das selige Amt, und die Leute sammeln sich wieder, wie es heut am Tage ist, um derselben willen bin ich wieder emporgekommen. -- Nach J. D. Prochnow 1864.

V. 2. Zunächst lehrt uns der Prophet, dass wir nicht murren noch ungeduldig sollen sein, also, dass wir uns nicht zur Rache und Eifer reizen lassen wider solche falsche Ankläger, Schänder und Verfolger, wie denn die Leute pflegen zu tun, sondern wir sollen vor allen Dingen Zuflucht haben zu dem Herrn, der da sagt: Mein ist die Rache, ich will vergelten (5. Mose 32,35), vor welchem wir unsere Verfolgung und falsche Anklage sollen frei heraussagen mit voller Hoffnung und Vertrauen; welche Hoffnung in diesem Falle die Unschuld und ein gut Gewissen sehr helfen: wie denn David hier bittet, errettet zu werden von allen seinen Verfolgern. Martin Luther 1519.

Herr, mein Gott . Dies ist das erste Mal in den Psalmen, dass David den Allmächtigen mit den beiden Namen Jahwe und mein Gott anredet. Mit keinem geeigneteren Wort könnte ein Gebet oder eine Lobpreisung beginnen. Diese Namen zeigen den Grund auch für die im Folgenden ausgedrückte Zuversicht. Sie bezeichnen die höchste Ehrfurcht und das innigste Vertrauen zugleich. Sie schließen in sich die Anerkennung der unendlichen Vollkommenheiten Gottes und seiner Gemeinschaft mit uns im Bund und in der Gnade. D. William S. Plumer 1867.

Auf dich, Herr, traue ich, wörtl.: Bei dir suche ich Zuflucht. Das hebräische Zeitwort heißt eigentlich: den Zipfel der Kleider eines andern anrühren, anfassen, unter dem Schatten seiner Flügel Zuflucht suchen, sich bei jemand gleichsam verkriechen und in seinem Schutz geborgen wissen, wie ein Küchlein Zuflucht sucht unter dem Flügel der Henne. Prof. Joh. Wichelhaus † 1858.

V. 3. Man will beobachtet haben, dass Tiger bei dem Geruch wohlriechender Gewürze in Wut geraten. So reizt es die Gottlosen, wenn sich ihnen die geheiligte Art wahrer Gottseligkeit kundgibt. Ich habe von wilden Völkern gelesen, dass sie, wenn die Sonne heiß auf sie herabscheint, ihre Pfeile gegen sie abschießen; dasselbe tun gottlose Menschen gegen das Licht und die Wärme wahrer Frömmigkeit. Es besteht eine natürliche Abneigung zwischen frommen und gottlosen Menschen. 1. Mose 3,15; Ich will Feindschaft setzen zwischen deinem Samen und ihrem Samen. Jeremiah Burroughs † 1646.

V. 4. In den ersten Zeiten wurden auf das Volk Gottes viele Schmähungen gehäuft. Was für wunderliche Dinge berichtet uns Tertullian (im 3. Jahrh.), die man ihnen vorwarf, wie, dass sie in ihren Versammlungen Mahlzeiten hielten, gleich der des Thyestes, der seinen Bruder zum Mahle lud und ihn mit dem Fleisch des eigenen Sohnes bewirtete. Man beschuldigte sie der Unzucht, weil sie des Nachts zusammenkamen (denn bei Tage durften sie es nicht wagen, sich zu versammeln), und man sagte, sie bliesen die Lichter aus, wenn sie beisammen wären, und trieben dann Schändlichkeiten. Man hielt ihnen Unwissenheit vor: Sie seien alle ungelehrt. Darum pflegten wohl die Heiden zu Tertullians Zeit den Gott der Christen mit einem Eselskopfe und mit einem Buch in der Hand abzubilden, um anzudeuten, dass sie, ob sie wohl auf Bildung Anspruch machten, doch ein ungebildetes, einfältiges Volk wären, roh und unwissend. Bischof Jewell († 1571) wendet in einer Predigt diese Worte Tertullians auf seine Zeit an. "Tun nicht unsere Gegner das Gleiche gegen alle, die sich zum Evangelium von Christus bekennen? Wer sind doch die, sagen sie, welche es mit dieser Partei halten? Schuhmacher, Schneider, Weber und andere von der Art, die nie auf einer Hochschule gewesen." Ebenso führt er nachher ein anderes Wort Tertullians an, die Christen würden als Staatsfeinde angesehen. Josephus teilt uns eines gewissen Apollinaris Urteil über die Juden und die Christen mit: Diese seien unvernünftiger als irgendein Barbar. Der Altertumsforscher Paul Fagius († 1549) erzählt von einem Ägypter, der von den Christen sagte, sie seien eine Rotte von schmutzigem, unzüchtigem Volk. Über ihre Sabbatsheiligung berichtet er die Sage, sie hätten einen Aussatz an sich und seien daher froh, am siebenten Tage zu ruhen. Nicht anders war es zu Augustins Zeiten im 4. Jahrhundert. Er schreibt: Jeder, der anfängt, gottesfürchtig zu werden, muss sofort darauf gerüstet sein, von den Zungen der Feinde geschmäht zu werden. Ihre gewöhnliche Spottrede sei: "Was werden wir an dir haben, einen Elia oder einen Jeremia? Gregor voll Nazianz († 390) sagt in einer seiner Reden: "Das Schmähen ist so gewöhnlich, dass ich nicht daran denken kann, frei auszugehen." Den Athanasius haben sie Satanasius genannt, weil er ein besonderes Rüstzeug gegen die Arianer war. Jeremiah Burroughs † 1646.

Ich leugne nicht, ihr dürft, ihr müsst ein Gefühl haben für die Schmach, die eurem Namen angetan wird. Denn wie ein guter Name eine ausgeschüttete Salbe ist (vergl. Hohel. 1,3), so ist ein schlechter Name eine schwere Heimsuchung. Darum dürft ihr gegen Verleumdungen und Schmähungen, durch die euer guter Name verlästert wird, nicht gleichgültig sein und sagen: "Mögen die Leute von mir reden, was sie wollen; ich frage nichts danach, solange ich mich unschuldig weiß." Denn obwohl das Bewusstsein deiner Unschuld dir ein Trostgrund sein darf, so muss es doch deine Sorge sein, nicht nur Gottes Beifall zu erlangen, sondern auch an der Menschen Gewissen dich zu empfehlen (vergl. 2.Kor. 4,2; 8,20 f.) und auf deinen guten Namen mit möglichster Vorsicht zu achten. Wenn aber andere schmählich von dir reden, darfst du keinerlei Verdruss oder Leidenschaft an den Tag legen. Thomas Gouge 1660.

Es ist ein Zeichen, dass etwas Gutes in dir ist, wenn eine gottlose Welt dich lästert. "Quid mali feci?" fragte Sokrates, "was habe ich Schlimmes getan, dass dieser schlechte Mensch mir Beifall spendet? Thomas Watson 1660.

O wie nötig ist’s, dass man Liebe von reinem Herzen, von gutem Gewissen und von ungefärbtem Glauben bewahre und sich vor Blutschulden, Unterdrückung anderer, Sammlung eines unrechten Guts und andern bösen Tücken hüte; denn es kommt eine Zeit, da man Vorwürfe bekommt und sich auch gegen Gott auf seine Gerechtigkeit und Frömmigkeit soll berufen können. M. F. Roos † 1803.

Ein gutes Gewissen ist ein lebendiger Quell froher Zuversicht. Denn unser Ruhm ist dieser: das Zeugnis unseres Gewissens, dass wir in Einfältigkeit und göttlicher Lauterkeit, nicht in fleischlicher Weisheit, sondern in der Gnade Gottes auf der Welt gewandelt haben, allermeist aber bei euch (2.Kor. 1,12). Ihr Lieben, so uns unser Herz nicht verdammt, so haben wir eine Freudigkeit zu Gott (1.Joh. 3,21). Ein gut Gewissen ist ein sanftes Ruhekissen. Wer es hat, bleibt gleich Noah oder den drei Freunden Daniels mitten in Wasserflut und Feuersglut klar und heiter, aufrecht und unerschrocken. Ein gutes Gewissen sagt zur gläubigen Seele: Ich stehe dir zur Seite, ich stärke dich, ich halte dich aufrecht, ich bin dir ein Trost im Leben und ein Freund im Sterben. Sollten alle von dir lassen, ich verlasse dich nicht. Thomas Brooks † 1680.
Es muß alles erst einmal an Gott vorüber, bevor es mich treffen kann. (Helmut Thielicke)

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Regelmäßige Lesung aus der Schatzkammer David Ps.7

Beitragvon Jörg » 19.05.2018 13:04

Erläuterungen und Kernworte

V. 5. Das ist ein Triumph der Gnade und ein Zeichen eines edeln und tapfern Geistes, wenn man sich nicht durch das Böse überwinden lässt (denn das beweist Schwäche), sondern das Böse überwindet. Der durch Gottes Vorbild (Mt. 5,43-48) uns gewiesene Weg ist, durch Wohltun den zu beschämen, der uns unrecht getan hat. Das ist die beste Art, über ihn zu siegen. Sogar das eisigkalte Herz Sauls schmolz, als David ihm den abgeschnittenen Zipfel seines Rockes als unwiderleglichen Beweis seines Verschonens zeigte, und in Tränen ausbrechend sagte er: Du bist gerechter denn ich (1. Samuel 24,18). Thomas Manton † 1677.

V. 6. So trete er mein Leben zu Boden. Diese Worte spielen auf die Grausamkeit an, womit die Besiegten oft behandelt wurden, wenn man über sie hinritt oder Menschen sie in den Staub traten. Davids Gedanke ist: Wenn er schuldig wäre, so würde er’s zufrieden sein, dass sein Feind über ihn triumphierte, ihn überwältigte und ihn mit der äußersten Schmach und Verachtung behandelte. Albert Barnes † 1870.

Und lege meine Ehre, d. h. meine Seele (vergl. 16,9; 30,13; 57,9; 108,2; 1. Mose 49,6), in den Staub. Als Achilles den Leichnam Hektors im Staube um die Mauern Trojas schleifte, verfuhr er nur nach der herrschenden Sitte jener barbarischen Zeiten. David wagt es im Bewusstsein seiner Unschuld, solch schmähliches Geschick auf sich herabzurufen, wenn in der Tat die Anklage des benjaminitischen "Mohren" wahr sein sollte. Von wie lauterem Golde muss ein Charakter sein, der solch ein Gottesgericht herauszufordern wagt! C. H. Spurgeon 1869.

V. 7-9. Während uns andern bei den zahllosen Übertretungen des Rechts, die tagtäglich vor unsern Augen vor sich gehen, der Gedanke fast entschwindet, dass sie alle in dem Gedächtnis eines gerechten Weltrichters aufbewahrt werden, schaut David im Geiste, wie dieser Richter, der keine andern Sünden vergisst, als die, welche in Glauben und Buße vergeben worden, vom Himmel herabkommt, den Richterstuhl besteigt, die Welt zu seinen Füßen um seinen Richterstuhl versammelt, im Augenblick das Gericht vollendet und in seinen Himmel wieder zurückkehrt. Und ob tausendmal der Augenschein solchem Glauben widerspräche, dürfen wir doch nicht daran zweifeln, dass dieser Glaube in jedem Augenblicke als Tatsache vor unsere Augen treten könnte. Prof. D. A. F. Tholuck 1843.

V. 7. Hier sieht man, was es heißt, unter Verleugnung seines eigenen Zornes dem Zorn Raum geben (Röm. 12,19). K. H. Rieger † 1791.

Der du Gericht verordnet hast. Davids Bitte ruht auf Gottes Wort und Verheißung, und der Sinn seines Gebets ist dieser: Herr, ich werde nicht von Ehrgeiz getrieben oder durch törichte, halsstarrige Leidenschaft, gedankenlos von dir alles zu erbitten, was meinem Fleisch und Blut gefällt, sondern es ist das helle Licht deines Wortes, das mich leitet, und darauf verlasse ich mich mit voller Zuversicht. Johann Calvin † 1564.

V. 8. Die Versammlung der Völker : entweder 1) eine große Zahl von allerlei Völkern, welche von deiner Gerechtigkeit, Heiligkeit und Güte in der Führung meiner gerechten Sache wider meinen grimmigen und unversöhnlichen Bedrücker Zeugen sein werden, oder 2) die Gesamtheit des Volkes Israel, worauf das Wort Versammlung, Gemeine gewöhnlich in der heiligen Schrift bezogen wird. Dich umgeben mögen sie, und ich, als ihr König und Herrscher an deiner Statt, will Sorge tragen, dass sie von allen Seiten kommen und sich versammeln, dich anzubeten und dir Preis und Opfer darzubringen für deine Huld gegen mich und für die mannigfachen Wohltaten, die ihnen durch mich und unter meiner Herrschaft zufließen werden. Um derselben willen, d. h. um deiner Gemeinde willen, die nun so kläglich zerstreut und unterdrückt und in so hohem Grade aller Gerechtigkeitspflege und Religionsübung verlustig gegangen ist, kehre wieder zur Höhe, zu deinem erhabenen Sitz; setze dich auf den Richterstuhl und entscheide meine Sache. Der königliche Thron, auf dem auch Gericht gesprochen wurde, war gewöhnlich hoch erhaben (vergl. 1.Kön. 10,19). Matthew Pool † 1679.

V. 9. Ihr Gläubigen, lasst euch die Schrecken jenes Tages nicht entmutigen. Mögen die, welche den Richter gering geschätzt haben und immer noch ihm und seinen heiligen Wegen Feind sind, ihre Häupter hangen lassen, wenn sie an sein Kommen denken. Ihr aber erhebet eure Häupter (Lk. 21,28) mit Freuden; denn der jüngste Tag wird euer bester Tag sein. Der Richter ist euer Haupt und Bräutigam, euer Erlöser und Fürsprecher. Ihr müsst erscheinen vor dem Richtersitz, aber ihr werdet nicht verdammt werden. Er kommt, nicht euch zu richten, sondern euch selig zu machen. Anders ist es mit den Ungläubigen: Der verschmähte Heiland wird ein strenger Richter sein. Thomas Boston † 1732.

V. 10. Du, gerechter Gott, prüfest Herzen und Nieren.
Mir, dem Unendlichen, ist unverhüllt,
Was in den Tiefen deiner Seele quillt.
Des Seemanns Senkblei reicht nur bis zum Grund;
Mir ist auch, was dir selbst verborgen, kund.

Nach Francis Quarles † 1644.

Die allgemeine Erfahrung zeigt, dass die Empfindungen des Gemütes, zumal die Erregungen der Freude, des Kummers und der Furcht, eine merkliche Wirkung auf die Nieren haben. (Spr. 23,16; Ps. 16,7; 73,21.) Daher, und um ihrer verborgenen, im Fett verhüllten Lage im Körper willen, werden sie oft bildlich gebraucht, die geheimsten Regungen und Empfindungen der Seele anzudeuten. Die Nieren sehen und prüfen heißt, die geheimsten Gedanken und Begierden der Seele sehen und prüfen. John Parkhurst 1762.

Das Herz mag wohl die Gedanken, die Nieren mögen die Empfindungen bedeuten. Henry Ainsworth † 1622.

V. 11. Mein Schild ist bei Gott, wie Ps. 62,8: Mein Heil ist bei Gott. [Beide Male l(a, wörtlich: auf Gott; Delitzsch: Meinen Schild trägt Gott.] Die Vorstellung mag von dem Schildträger hergenommen sein, der stets zur Hand war, dem Krieger die nötige Waffe zu reichen. Andrew A. Bonar 1859.

V. 12. Ein Gott, der täglich droht. Die LXX, Vulg. und der Syr. haben, offenbar an dem Satze, dass Gott seinen Zorn täglich kundtue, Anstoß nehmend, l)a statt l)sI gelesen oder eine Fragepartikel eingeschoben und so den Sinn des Satzes in sein Gegenteil verwandelt. Dem folgen namhafte Ausleger. Aber besonders wenn man mit Luther und andern drohen übersetzt, tritt uns ohnehin in diesen Worten, wie einerseits die Gefährlichkeit der Lage des Sünders, der beständig unter dem Zorne Gottes steht und nie vor dessen plötzlichem Losbrechen gesichert ist, so anderseits die Langmut Gottes entgegen, die den Untergang nicht über den Gottlosen kommen lässt, ohne ihn vorher täglich bedroht zu haben. -- J. M.

Droht oder zürnet. Der Ausdruck des Grundtextes ist hier sehr stark: die Grundbedeutung scheint das Schäumen des Mundes im Grimm zu sein. [So auch Siegfried und Stade, 1893.]. Richard Mant l824.

V. 12-14. Er ist ein Gott, der täglich droht . Solches muss man Not halben denen Gottlosen sagen; denn sie fühlen Gottes Zorn nicht, so glauben sie nicht, auch fürchten sie Gott nicht. -- Will man sich nicht bekehren u., V. 13.14 : Der Prophet nimmt von einem groben menschlichen Gleichnis eine Lehre, auf dass er denen Gottlosen ein Erschrecken beibringe. Denn er redet wider unverständige und verstockte Leute, die den Ernst göttlichen Gerichts, davon er zuvor geredet, nicht verstehen wollen, es sei denn, dass solches ihnen durch den Brauch menschliches Ernsts angezeigt werde. -- Nun hat der Prophet nicht eine Genüge daran, dass er des Schwerts gedenket, sondern setzt auch hinzu, den Bogen; damit er noch nicht gesättigt, sondern sagt, wie er ihn bereits gespannt habe, und ziele, und habe seine Pfeile zugerichtet; wie hernach folgt. So harte, halsstarrig, und so unverschämt sind alle Gottlosen, dass man auch so viel Drohungen haben muss; noch werden sie gleichwohl nicht weich. Mit diesen Worten aber beschreibet er gar fein, wie Gottes Zorn nahe sei über die Gottlosen; welches sie doch nicht ehe verstehen, bis dass sie es fühlen. -- Dies ist auch hier zu merken, dass wir bis hierher in keinem Psalm so eine schreckliche Drohung und Zorn wider die Gottlosen gehabt haben; es hat sie auch der Geist Gottes nie mit so vielen Worten angetastet. Denn in den folgenden Versen wird er auch ihre Anschläge und ihren Rat erzählen, wie dieselbigen nicht alleine vergebens sein werden, sondern werden auf ihren Kopf wieder kommen. Dass also klar und offenbar erscheine allen denen, die da Unrecht und falsche Lästerworte leiden, ihnen zum Trost, wie Gott solche Lästermäuler und Schänder vor allen andern Leuten hasse. Martin Luther 1519.
Es muß alles erst einmal an Gott vorüber, bevor es mich treffen kann. (Helmut Thielicke)

Jörg
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Regelmäßige Lesung aus der Schatzkammer David Ps.7

Beitragvon Jörg » 23.05.2018 13:48

Erläuterungen und Kernworte

V. 13. Will man sich nicht bekehren . Wenige glauben, wie ernstlich Gott streitet wider die gottlosen Menschen, und zwar nicht nur wider die Ausschweifenden, sondern auch wider die Scheinheiligen und Heuchler. Glaubten wir es, wir würden vor der Gemeinschaft mit ihnen nicht minder zurückschrecken als vor dem Verweilen in einem einstürzenden Hause. Wir würden trachten, uns zu retten aus diesem verehrten Geschlecht (Apg. 2,40). Ist es sicher, da zu weilen, wo die Pfeile Gottes jeden Augenblick unser Haupt umschwirren können? Wie fürchtete sich der Apostel Johannes nach der bekannten Erzählung des Irenäus, mit dem Irrlehrer Cerinth im Bade zu sein! "Weichet", spricht Gott durch Mose, "von den Hütten Korahs, Dathans und Abirams, dass ihr nicht vielleicht umkommt in irgend ihrer Sünden einer!" (4. Mose 16,26 .) Lot würde ins Verderben gebracht worden sein durch die Nachbarschaft der Sodomiter, hätte ihn Gott nicht durch ein Wunder errettet. Verlangt ihr, dass Gott Wunder tut, um euch aus eurer gottlosen Gesellschaft herauszureißen? Es ist gefährlich, mit Räubern auf der Straße gefunden zu werden, wenn Gottes Racheschrei hinter ihnen her ist. Lewis Stuckley † 1687.

V. 13-17. Bei der gewöhnlichen Auffassung der Verse 13 ff. muss man einen mehrfachen Wechsel des Subjekts (V. 13 a der Frevler oder man, V. 13 b Gott, V. 15 der Frevler) annehmen, ohne dass dieser Wechsel vom Dichter angedeutet ist. Einige (z. B. Hupfeld, Ötinger) suchen daher alles auf Gott zu deuten. Bäthgen bezieht nach Ewalds Vorgang alles auf den Frevler. Das wird dann als Schwurformel, zum Ausdruck des Unwillens, und als Umschreibung des Adverbialbegriffs "wiederum" aufgefasst. Der Sänger sieht nach dieser Deutung, wie der Feind schon wieder einen Angriff vorbereitet, V. 13 f.; er weiß aber auch, dass sein Vorhaben erfolglos bleiben (V. 15), ja dass es ihm selbst zum Verderben ausschlagen wird (V. 16 f.). "13 Wahrhaftig, schon wieder wetzt er (der Frevler) sein Schwert, seinen Bogen hat er gespannt und zielet, 14 und hat sich Todeswerkzeuge bereitet; seine Pfeile macht er zu brennenden. 15 Aber sieh, er kreißt mit Nichtigem u." - J. M.

V.14. [Während wir "zu brennenden," d. h. Brandpfeilen, übersetzen, fassen es LXX, Vulg. und Syr. "für die Brennenden", worunter die chald. und engl. Übersetzung, jüdische Ausleger sowie Calvin die Verfolger verstehen.] Sie, die Verfolger, brennen vor Zorn und Bosheit gegen den Gottesfürchtigen; Gott aber richtet seine Pfeile gegen sie. M. Flacius, gen. Illyricus († 1575), bringt eine Geschichte, die zu den beiden Seiten unseres Verses nach dieser Auffassung wohl einen Beleg geben kann. Ein gewisser Graf Felix von Wartenberg, einer der Hauptleute des Kaisers Karl V. , schwur in Gegenwart verschiedener Zeugen beim Abendtisch, ehe er sterbe, wolle er bis zu den Sporen im Blute der Lutheraner reiten. Das war also einer, der von Bosheit glühte. Aber sieh, wie Gott seine Pfeile wider ihn bereitete: in eben dieser Nacht traf ihn die Hand Gottes so, dass er im eignen Blut erstickte. So badete er sich -- nicht bis an die Sporen, sondern bis an den Hals -- nicht im Blut der Lutheraner, aber in seinem eignen Blut, bevor er starb. Jeremiah Burroughs † 1646.

V. 15. Er ist in Wehen mit Frevel, Unheil hat er empfangen . Während doch nach dem Lauf der Natur die Empfängnis vor den Geburtswehen kommt, gehen hier die Wehen voran. Der Grund davon ist, dass die Gottlosen so hitzig auf das Unheil aus sind, welches ihre Bosheit beabsichtigt, dass sie es auf der Stelle ausführen würden, wüssten sie nur wie. Sie tragen sich also mit Frevel, ehe sie die Gedanken zur Ausführung des Unheils "empfangen haben." Aber zuletzt bringen sie nur einen Trug hervor: sie finden, dass das eigne Herz sie betrogen hat, als es einen guten Ausgang versprach, -- und nun kommt der schlimme. Eine beachtenswerte Stelle, die sowohl die üble Lage des Gottlosen, zumal wo er etwas wider den Gerechten unternimmt, darlegt, um ihn zur Einkehr zu bewegen, -- denn du hast Gott zum Feinde, dessen Gewalt du nicht widerstehen kannst (V. 13 f.), -- als auch das unbändige Verlangen der Gottlosen, Böses zu tun. Aber alles, was sie im Sinne haben, wird zur Fehlgeburt führen [wie Luther übersetzt: aber er wird einen Fehl gebären.] John Mayer 1653.

Trug hat er geboren. Jede Sünde ist eine Lüge. Augustinus † 430.

V. 16. Auch die Hölle hat ihre festen Ordnungen. Sind die Qualen nicht für alle die gleichen, so ist doch ihr Verhältnis zur Schuld genau abgemessen. Hier sind unselige Gäste, die sich einst zu viel mit den verstohlenen Wassern der Sünde (Spr. 9,17) zu schaffen gemacht haben: Siehe, nun sind sie tief in einer Grube, darin kein Wasser ist. Der reiche Mann dort, der so viele Tonnen Weines vergeudet hat, kann sich nun kein Wasser verschaffen, nicht einen Krug voll, nicht eine Hand voll, nicht einmal einen Tropfen Wassers, seine Zunge zu kühlen. Desideravit guttam, qui non dedit micam. (August. Hom. 7.) Gerechte Vergeltung: er wollte keine Krume Brots geben, nun wird er keinen Tropfen Wassers bekommen. Es gibt kein kleineres Stückchen vom Brot, als eine Krume ist; so hat das Wasser kein winzigeres Teilchen, als ein Tropfen ist. Wie jener dem Lazarus im Leben den geringsten Trost verweigerte, so wird ihm Lazarus nicht den geringsten Trost im Tode bringen. So entspricht die Pein um der Sünde willen der Lust an der Sünde. Was Augustinus von der Zunge sagt, gilt von jedem Gliede: Will es Gott nicht dienen mit seinem Tun, so wird es ihm dienen mit seinem Leiden. Thomas Adams † 1784.

Fallgruben waren bei den Alten im Gebrauch, nicht nur, um wilde Tiere zu fangen, sondern auch als Kriegslist gegen die Menschen. Hier liegt also die Vorstellung von einem Menschen zu Grunde, der eine derartige Grube für Menschen oder Tiere ausgeworfen und sie so zugedeckt hat, dass die Gefahr völlig verhüllt ist, und der dann unachtsamerweise selbst in die eigene Schlinge tritt und in die Grube fällt, die er für andere bereitet hatte. John Kitto 1855.

V. 15-17. David erkennt recht wohl, dass Gott die Ruten, um die Bösen auszupeitschen, und die brennenden Pfeile, um sie zu töten, nicht erst aus dem Himmel fallen zu lassen braucht, dass sie vielmehr auf Erden allüberall gegenwärtig sind. In wie unzähligen Fällen winden sich die Gottlosen in ihrer Gottlosigkeit die eigene Geißel und stürzen sich durch ihre eigene Freveltat, wie Luther sagt: "Wo wollte auch Gott so viele Stricke hernehmen, um alle Diebe zu henken, wenn sie es nicht selbst an sich täten?" und wie der Prophet (Jes. 1,31) spricht: Der Gewaltige wird der Werg sein, seine Tat der Funke, und beides verbrennt allzumal, und niemand löscht. Prof. D. A. F. Tholuck † 1843.

V. 17. Der witzigste unter den puritanischen Auslegern, der alte John Trapp († 1669), erzählt zur Beleuchtung dieses Verses folgende Anekdote, die wir hier wiedergeben, ohne damit das Verfahren gutzuheißen. Einer der Feinde der Reformation, Dr. Story, war in den Tagen der Königin Elisabeth aus dem Gefängnis entkommen. Er kam nach Antwerpen. Dort glaubte er dem Bereich der Rute Gottes entkommen zu sein. Unter Herzog Alba wurde ihm der Auftrag, aus England entlaufende Schiffe nach Büchern zu durchsuchen. Ein gewisser Parker aber, ein englischer Kaufmann, wusste ihn in der eignen Schlinge zu fangen. Er ließ ihm geheime Kunde zugehen, im Schiffe Parkers seien Vorräte ketzerischer Bücher, und ließ ihm Winke geben, wie sie zu finden sein würden. Dr. Story eilte auf das Schiff. Mit scharfen Blicken auf die armen Matrosen durchsuchte er jede Kabine, jede Kiste und jeden Winkel auf dem Deck; in der Tat fand sich einiges, das zu weiterem Forschen ermutigte. So befahl er, die Luken zu öffnen, was man ungern zu tun schien und wobei Zeichen großer Furcht auf den Gesichtern bemerkbar wurden. Dies bewog den Doktor, in den Kielraum hinabzusteigen, und nun war die Maus in der Falle; da konnte sie nagen, aber nicht mehr entrinnen. Die Luken wurden geschlossen, die Segel aufgehisst, und ein frischer Wind blies hinein und trieb das Schiff der englischen Küste zu. Nach der Landung währte es nicht lange, so stand Story vor Gericht, wurde des Hochverrats überführt und in Tyburn hingerichtet, wie er’s reichlich verdient hatte.
Die Erzählung von dem Stier des Phalaris, der erfunden war, andere zu martern, und der nachmals für ihn selbst den Dienst tun musste, ist in der Geschichte des heidnischen Altertums bekannt. -- Es war ein freiwilliges Gericht, das Erzbischof Cranmer, einer der Hauptmänner der englischen Reformation, der sich im Kerker zur Verleugnung des evangelischen Glaubens hatte bereden lassen, über sich selbst verhängte, als er bei dem auf seinen heldenmütigen Widerruf (1556) über ihn verhängten Feuertode die Hand zuerst ins Feuer hielt und verbrannte, mit der er die römischen Artikel unterzeichnet hatte, indem er ausrief: "O meine unwürdige rechte Hand! Aber wer will leugnen, dass auch die Hand des Allmächtigen darüber waltete? William Turner 1697.

V. 18. Gott für Wohltaten zu preisen, das ist der Weg, sie zu mehren (Ps. 50, 23). Ihn für Trübsale zu preisen, ist der Weg, ihnen ein Ende zu machen. Kein Gut währt so lange wie das, welches man durch Dank erhöht; kein Übel stirbt so bald wie das, welches man mit Geduld erträgt. William Dyer 1696.

Homiletische Winke

V. 2. Wer Gott sucht, muss glauben. Man zeige die Nutzlosigkeit eines Gebetes ohne Zuversicht zu Gott.
V. 2-3. Ein Gebet um Befreiung von allen Feinden, besonders von Satan, dem Löwen (1. Petr. 5,8).
V. 4. Wann ist die eigne Ehrenrettung möglich, ratsam, nützlich? Was ist über die Gesinnung zu sagen, in der man sie versuchen soll?
V. 5. Die schönste Rache. Böses für Gutes tun ist teuflisch, Böses für Böses tun tierisch, Gutes für Gutes tun menschlich, Gutes für Böses tun göttlich.
V. 7. Wie und in welchem Sinne der Gerechte auf die Offenbarung des Zornes Gottes hoffen darf.
Feuer durch Feuer gedämpft, oder: Des Menschen Zorn gebändigt durch Gottes Zorn.
V. 7-8. Christi Kommen zum Gericht -- das Heil seiner Gläubigen.
V. 9. Was für ein Richter es ist, vor dem wir alle uns stellen müssen.
V. 10a. Das Gebet: Lass der Gottlosen Bosheit ein Ende werden . Der Herr wird’s tun 1) durch Umwandlung ihrer Herzen, oder 2) durch Schranken, die er ihrem Willen setzt, oder 3) durch Zerstörung ihrer Macht, oder 4) durch ihre Verwerfung. -- Man zeige, wann und aus welchen Ursachen ein solches Gebet erlaubt ist, und wie wir, im Sinne von 1), für seine Erhörung tätig sein können.
V. 10. Dieser Vers enthält zwei große Bitten, sowie einen trefflichen Beweisgrund dafür, dass Gott sie erhören könne.
Die Sünde hat ihre Zeit, der Gerechte die Ewigkeit.
V. 10b. Wie prüft Gott die Menschenherzen?
V. 11. Das Vertrauen des Gläubigen auf Gott und Gottes Fürsorge für ihn. Wie der Glaube Schutz und Huld gewährt, und wie die Erfahrung des göttlichen Schutzes den Glauben stärkt.
Die frommen Herzen. Man zeige den Charakter der .
V. 12. Gottes gegenwärtiger, täglicher und beständiger warnender und richtender Zorn über die Gottlosen.
V. 15-17. Die Anschläge der Gottlosen und ihre Nichtigkeit, durch drei Gleichnisse erläutert.
V. 18. Die Pflicht der Lobpreisung.
Dieser Vers in Verbindung mit dem Grundgedanken des Psalms zeigt uns die Befreiung des Gerechten und den Untergang der Gottlosen als Gegenstände des Gesanges.
Fußnoten
1. Schon manche jüdische und auch viele deutsche Ausleger fassen V. 5 b so als einen das Gegenteil der Anklage beteuernden Zwischensatz auf. Dafür spricht, dass dann das piel von Claxf seine in den Psalmen gewöhnliche Bedeutung erretten behält. Immerhin findet auch die von Luther befolgte andere Auffassung viele Verteidiger. Man gibt dann dem Zeitwort in Verstärkung seiner Grundbedeutung "losmachen, ausziehen" hier die Bedeutung ausplündern, berauben: oder (habe ich) den, der mich ohne Ursache befehdete, beraubt. -- Auch hier steht, entsprechend V. 3, im Grundt. die Einzahl.


2. Hieron., Kimchi und etl. and. israelit. und christl. Ausleger, beziehen dies bes. um des Wortes Versammlung, Gemeine willen und, was Völker betrifft, mit sinnreicher Berufung auf die Verheißungen 1. Mose 17,6. 16; 28,3; 35,11 auf das Volk Israel, und Spurgeon legt es daher von den Heiligen aus die sich um den göttlichen Richterstuhl sammeln. Aber diese Beziehung ist schwerlich richtig; es ist offenbar hier von dem Völkergericht die Rede, zu dem sich die Nationen sammeln müssen.

3. Nach etlichen Auslegern, z. B. Delitzsch, wäre der Sinn vielmehr der, dass der Herr nach vollzogenem Gericht zu seiner seligen Ruhe zurückkehre. Für die andere, von Spurgeon und manchen Auslegern befolgte Auffassung des Sinnes spricht, dass erst V. 9 von dem Vollzug des Gerichtes die Rede zu sein scheint.

4. Wir halten die Übersetzung über ihnen resp. über ihr (der Völkerversammlung) für richtig.

5. Grundtext: Siehe, er ist in Wehen mit Nichtigem, oder: mit Bösem. Die beiden folgenden Zeitwörter stehen im Perf.: er hat empfangen und geboren. Die überaus drastische Schilderung des Verses hat mannigfache Auslegung erfahren, umso mehr, als die drei Objekte doppelsinnig sind: Nichtiges und Böses; Mühsal und das sich Abmühen im Frevel; Selbstbelügung, Vereitlung oder aber Lüge, Trug an andern. Spurgeons Auslegung knüpft an die ersten Bedeutungen an. Die deutschen Kommentatoren dagegen ziehen zumeist die an zweiter Stelle gegebenen Bedeutungen vor und erblicken in diesem Verse demnach die Prophezeiung davon, wie die Versündigung der Gottlosen zu ihrem eigenen Verderben ausschlage. Das Gericht, das im vorhergehenden Verse als Gottes Gericht über den Frevler geschildert war, wird hier als natürliche Folge seiner Missetaten, als der Fluch, der sich mit innerer Notwendigkeit daran heftet, veranschaulicht, wie im folgenden Verse unter einem andern Bilde.
Es muß alles erst einmal an Gott vorüber, bevor es mich treffen kann. (Helmut Thielicke)

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Regelmäßige Lesung aus der Schatzkammer David Ps.8

Beitragvon Jörg » 26.05.2018 07:59

Kommentar & Auslegung zu PSALM 8

Überschrift

Ein Psalm Davids, vorzusingen auf der Gittith. Über die Bedeutung des Wortes Gittith haben wir wiederum keine Gewissheit. Die meisten leiten es von Gath, der bekannten Philisterstadt, ab und übersetzen entweder: auf der Gittith, d. h. auf einer besonderen, in Gath einheimischen Art Saiteninstrument zu spielen, oder; nach der Gittith, d. h. nach der gathitischen Weise, also einer besondern Melodie, zu singen. Andere haben gemeint, das Wort von tgIa Kelter ableiten und darunter ein Winzerlied verstehen zu sollen. Die beiden andern Psalmen (Ps. 81 und Ps. 84), welche dieselbe Überschrift tragen, sind wie der vorliegende von fröhlicher Art.
Wir können diesen Psalm das Lied des Sternkundigen benennen. Lasst uns in sternenklaren Nächten hinausgehen und es unter dem Glanz des sternenbesäten Himmels singen; denn es ist sehr wahrscheinlich, dass eben unter solchen Umständen der Dichter zu dem Gesang begeistert wurde. D. Thomas Chalmers († 1847) sagt: "Der Anblick des funkelnden Nachthimmels ist überaus geeignet, die Seele zu frommen Betrachtungen zu erheben. Der Mond dort und hier diese Sterne, was sind sie? Sie sind überirdisch und heben uns über diese Welt empor. Wir fühlen uns der Erde entrückt und schwingen uns in erhabener Abgeschiedenheit von diesem kleinlichen Schauplatz menschlicher Leidenschaften und menschlicher Kümmernisse auf. Der innere Sinn gibt sich dem Träumen hin, und die Gedanken verlieren sich in entzückter Begeisterung in fernen, unerforschten Regionen. Die Natur enthüllt sich uns in ihrer einfachen Großartigkeit, und wir sehen den Gott, der das All geschaffen, in seiner erhabenen Weisheit und Majestät."

Einteilung

Der erste und der letzte Vers besingen anbetend die Herrlichkeit des Namens Gottes. Die Zwischenverse staunen in heiliger Verwunderung die Größe Gottes in der Schöpfung und seine Herablassung gegen den Menschen an. Mt. Pool († 1679) sagt: "Es ist ein Gegenstand lebhafter Erörterung bei den Auslegern, ob dieser Psalm von dem Menschen im Allgemeinen rede und von der Ehre, die Gott bei seiner Erschaffung auf ihn gelegt hat, oder ob er ausschließlich von dem Menschensohne, Christus Jesus, rede. Die beiden Anschauungen können aber gar wohl miteinander verbunden werden und in eine zusammenfließen; denn die Absicht des Psalms scheint uns deutlich diese zu sein: Die große Liebe und Huld Gottes gegen das Menschengeschlecht darzutun und zu verherrlichen, wie sie sich nicht nur in seiner Erschaffung, sondern vornehmlich in seiner Erlösung durch Christus erwiesen hat. Er ist als Mensch zu der in dem Psalm geschilderten Würde und Herrschaft erhöht worden, damit er sein großes, herrliches Werk ausführen könne. Auf Christus wird der Psalm sowohl durch unsern Herrn selber (Mt. 21,16), als auch durch die Apostel (1.Kor. 15,27; Hebr. 2,6 ff.) angewendet."

Auslegung

2. Herr, unser Herrscher,
wie herrlich ist dein Name in allen Landen,
du, den man lobt im Himmel! 1


Da er sich unfähig fühlt, die Herrlichkeit Gottes gebührend zu beschreiben, bricht der Dichter in einen begeisterten Ausruf aus. Das ist nicht zum Verwundern, denn die Erhabenheit des Herrn kann kein Menschenherz auch nur halb ermessen, keine Zunge ausdrücken. Die ganze Schöpfung ist seiner Ehre voll und erstrahlt in der Herrlichkeit seiner Macht; seine Güte und seine Weisheit tun sich überall kund. Die unzählbaren Myriaden irdischer Wesen, vom Menschen, dem Haupt der Schöpfung, bis zu dem Wurme zu unsern Füßen, sie alle werden durch Gottes Güte erhalten und ernährt. Das feste Gebäude des Weltalls ruht auf seinen ewigen Armen. Überall ist er gegenwärtig, und allerorten ist sein Name herrlich. Gott wirkt immer und überall. Es gibt keinen Ort, wo Gott nicht wäre. Die Wunder seiner Macht begegnen uns allerwärts. Durchwandere die engen Täler, wo die Felsen dich überall einschließen, die wie des Himmels Zinnen hoch emporsteigen, so steil, dass du nur noch eben einen Streifen blauen Himmels hoch über deinem Haupte sehen kannst; du magst der einzige Wanderer sein, der je durch diese Schlucht gekommen; die Vögel mögen erschreckt auffliegen, und das Moos mag erzittern unter dem ersten Fußtritt eines menschlichen Wesens: -- dennoch ist Gott dort in tausend Wundern. Wer anders als er hat jene Felsenfestung erbaut, wer anders erhält sie? Er füllt die Blumenkelche mit lieblichem Dufte und erfrischt die einsame Zwergkiefer mit dem Hauch seines Mundes. Du magst hinabsteigen in die tiefsten Tiefen des Meeres, wo die Wasser in nie gestörtem Schlummer ruhen und sogar der leichtbewegliche Sand sich ununterbrochener Ruhe erfreut; dennoch ist die Herrlichkeit des Herrn dort zu schauen. Seine Erhabenheit tut sich auch in dem schweigsamen Palast der See kund. Nimm dir Flügel der Morgenröte und fliege zum äußersten Meer, -- Gott ist auch dort. Steig hinauf zum höchsten Himmel oder tauche hinab in die tiefste Hölle, -- an beiden Orten wird Gott entweder gepriesen mit ewigem Lobgesang oder seine Gerechtigkeit geoffenbart durch schreckliche Strafgerichte. Überall und an jedem Orte weilt Gott und wird er in seinem Wirken kund. Und nicht allein auf Erden ertönt die Schöpfung von dem Lobpreis Jahwes; seine Klarheit leuchtet hervor aus dem Firmament über der Erde. Seine Herrlichkeit übertrifft die Herrlichkeit des sternbesäten Himmels; hoch über das Reich der Sterne hat er seinen ewigen Thron gestellt; dort wohnt er in einem Licht, da niemand zukommen kann (1.Tim. 6,16). Lasst uns ihn anbeten:

Er breitet, er allein, des Himmels Pracht
Und schreitet überm hochempörten Meere;
Bär und Orion sind von ihm gemacht,
Die Gluckhenn’ und des Süds verborgne Heere;
Ja, Großes tut er, man ergründet’s nicht,
Und Wunderbares, dem die Zahl gebricht.

(Hiob 9,8-10 nach G. Kemmler 1877). Wir könnten kaum geeignetere Worte finden als die von Nehemia (9,6): "Herr, du bist’s allein. Du hast gemacht den Himmel und aller Himmel Himmel mit alle ihrem Heer, die Erde und alles, was drauf ist, die Meere und alles, was drinnen ist; du machst alles lebendig, und das himmlische Heer betet dich an." Indem wir zu unserem Text zurückkehren, werden wir darauf aufmerksam, dass dieser Lobgesang an Gott gerichtet ist, weil niemand als der Herr selbst seine ureigne Herrlichkeit ganz erfasst. Das gläubige Herz wird hingerissen von dem, was es davon sieht; aber Gott allein kennt die Herrlichkeit Gottes. Wie köstlich ist ferner das Wörtlein unser! Wie teuer wird uns Gottes Herrlichkeit, wenn wir erwägen, dass wir an ihn ein Anrecht haben als an unsern Herrn. Wie herrlich ist dein Name! Keine Worte können diese Herrlichkeit ausdrücken; darum lässt es der Dichter bei dem Ausruf bewenden. Schon der Name Jahwes, das, was er uns von seinem Wesen kundtut, ist so herrlich; wie muss sein innerstes Wesen sein! Beachten wir, dass sogar die Himmel seine Herrlichkeit nicht fassen können, sie ist über die Himmel hoch erhaben, da sie zu groß ist und sein muss, als dass auch die erhabensten Werke und Geschöpfe Gottes sie gebührend verkünden können. Auf der Wanderung durch die Alpen wurden wir von dem Gedanken tief ergriffen, dass der Herr unendlich größer ist als auch die großartigsten Werke seiner Hand, und von solchen Empfindungen beseelt entwarfen wir folgende Zeilen:

Doch wie gewaltig diese Welt der Wunder,
Ihn sehn wir nicht darin. Ihn zu erspähn,
Ist nie ein Glas so klar, kein Auge hell genug.
Die Alpen dort, hoch in die Wolken ragend,
Die mit den Sternen pflegen holdes Zwiegespräch:
Staub sind auch sie, gewogen auf der Wage
Der unermeßnen Herrlichkeit des Herrn.
Nicht ragen bis zu Ihm die schneegekrönten Häupter
Der Bergesriesen auf, zu Ihm, der droben thront
Im unerschaffnen Licht, dem Herrn der Herren.
Des Meeres unerforschte Tiefen fassen nicht
Den Reichtum seiner Weisheit und Erkenntnis.
Zu eng und klein ist doch der Schöpfung Rahmen,
Des Ew’gen Lebensfülle zu umschließen.
Wohl trägt ja alle Kreatur des Schöpfers Namen,
Sein Siegel ist auf ihre Stirn gedrückt.
Mehr ist der Töpfer als das herrlichste Gefäß,
Das mit geschickten Händen er geformt;
Und unermeßlich höher ragt des Schöpfers Ehre,
Als was in seinem Werk dem trunknen Blick enthüllt
Der Schönheit Fülle. Sollten sie die Last der Gottheit tragen,
Der Erde Räder müssten brechen und die Achsen bersten.
Kein Raum ist weit genug zu seiner Wohnung,
Die Zeit ein gar zu winz’ger Schemel seines Throns.
Auch der Lawine und des Donners Stimme
Sind viel zu schwach, würdig sein Lob zu künden.
Wie sollt’ denn ich es singen? Wo sind Worte
Voll Glut und Innigkeit, Ihn recht zu nennen? --
Ich beuge schweigend mich und bet’ in Demut an. 2

3. Aus dem Munde der jungen Kinder und Säuglinge
hast du eine Macht zugerichtet
um deiner Feinde willen,
dass du vertilgest den Feind und den Rachgierigen.


Nicht nur an dem Himmel droben gibt sich die Herrlichkeit des Herrn zu schauen, sondern auch die Erde drunten tut seine Majestät kund. Am Firmament sind die massigen Weltkörper, die in ihrer erstaunlichen Größe sich umdrehen, die Zeugen seiner Macht in großen Dingen, während hienieden das Stammeln der Kindlein ein Erweis seiner im kleinen waltenden Kraft ist. Wie oft erinnern uns die Kinder an Gott, wenn wir Großen ihn vergessen haben! Wie widerlegt ihr einfältiges Geplauder die hochgelehrten Toren, die das Dasein Gottes leugnen. Manchem ist der Mund geschlossen worden dadurch, dass Kindlein für die Herrlichkeit des Gottes des Himmels ein Zeugnis ablegten. Es ist eigen, wie klar die Geschichte der christlichen Kirche diesen Vers beweist. Schrieen nicht die Kinder im Tempel Hosianna, als die stolzen Pharisäer verächtlich schwiegen, und führte der Heiland nicht eben diese Worte zur Rechtfertigung ihrer kindlichen Zurufe an? Die ältere Kirchengeschichte berichtet manche erstaunliche Beispiele von Zeugnissen der Kinder für die Wahrheit Gottes; aber vielleicht haben wir für neuere Beispiele noch mehr Interesse. John Foxe († 1587) erzählt uns in seinem Buch der Märtyrer: Als Lawrence in Colchester verbrannt werden sollte und in einem Sessel zum Scheiterhaufen getragen werden musste, weil er dank der Grausamkeit der Römischen nicht mehr aufrecht stehen konnte, scharten sich junge Kinder um das Feuer und riefen, so laut sie konnten: "Herr, stärke deinen Knecht und erfülle deine Verheißungen." Gott erhörte ihr Gebet, denn Lawrence starb in so fester und ruhiger Gemütsverfassung, wie nur irgendjemand wünschen könnte seinen letzten Atemzug zu tun. Als einer der päpstlichen Kapläne dem großen schottischen Blutzeugen Wishart († 1546) sagte, er habe einen Teufel in sich, rief ein dabeistehendes Kind aus: Ein Teufel kann nicht solche Worte sprechen, wie der Mann da spricht. Noch einen Fall, der unserer Zeit noch näher liegt. Whitfield († 1770), dessen mächtigem Zeugnis England bekanntlich eine geistige Wiederbelebung verdankt, sagt in einer Nachschrift zu einem Briefe, in welchem er von seinen Verfolgungen bei seinen ersten Predigten in Moorfields berichtet; "Ich kann nicht umhin, noch hinzuzufügen, dass mehrere kleine Knaben und Mädchen, deren größte Freude es war, um mich her auf meiner Kanzel zu sitzen und mir die Zettel zu reichen, die die Leute mir sandten, auch nicht ein einziges Mal wichen, wiewohl sie oft mit den Eiern, dem Schmutz und dergleichen besudelt wurden, womit man nach mir warf. Im Gegenteil, jedes Mal, wenn ich getroffen wurde, schlugen sie ihre kleinen Augen voller Tränen zu mir auf und wünschten offenbar, dass sie die Streiche für mich auffangen könnten. Gott mache sie in reiferen Jahren zu großen, lebendigen Zeugen für ihn, der sich aus dem Munde der jungen Kinder und Säuglinge eine Macht zurichtet!" Ihm, der sich an dem Gesang der Engel ergötzt, gefällt es, sich in den Augen seiner Feinde Ehre beizulegen durch den Lobpreis kleiner Kinder. Welch ein Gegensatz zwischen der über die Himmel sich erhebenden Herrlichkeit Gottes und dem Stammeln der jungen Kinder und Säuglinge! Dennoch wird durch beide der Name Gottes verherrlicht.
Es muß alles erst einmal an Gott vorüber, bevor es mich treffen kann. (Helmut Thielicke)

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Regelmäßige Lesung aus der Schatzkammer David Ps.8

Beitragvon Jörg » 29.05.2018 15:43

Kommentar & Auslegung zu PSALM 8

4. Wenn ich sehe die Himmel, deiner Finger Werk,
den Mond und die Sterne, die du bereitet hast:
5. Was ist der Mensch, dass du sein gedenkest,
und des Menschen Kind, dass du dich sein annimmst?


Am Schlusse eines kleinen Werkes von Dr. Th. Dick (1850) über das Sonnensystem finden wir eine Stelle, die diese Verse trefflich auslegt. "Ein Überblick über das Sonnensystem ist wohl geeignet, den Stolz des Menschen herabzustimmen und uns in der Demut zu fördern. Der Hochmut ist einer der eigentümlichen Kennzüge des kleinen Geschöpfes, Mensch genannt, und eine Hauptursache all des Haders, der Kriege und Verwüstungen, des Systems der Sklaverei und all der ehrgeizigen Anschläge, die unsere Welt verödet und entsittlicht haben. Und doch ist keine Neigung im Menschen mehr im Widerspruch mit seiner Veranlagung und den Umständen, in denen er sich befindet. Vielleicht gibt es im ganzen Weltall keine vernunftbegabten Wesen, bei denen der Stolz ungeziemender oder mit ihren Umständen unvereinbarer wäre, als beim Menschen. Er ist vielerlei Erniedrigungen und Unglücksfällen ausgesetzt, wie dem Toben der Stürme und Unwetter, den Verwüstungen der Erdbeben und Vulkane, der Wut der Wirbelwinde und den stürmischen Wogen des Meeres, den Verheerungen durch Krieg, Hungersnot und Pest, und vielen Gebrechen und Krankheiten; und das Ende ist, dass er ins Grab sinkt und sein Leib eine Speise der Würmer wird! Und die höchsten und angesehensten unter den Menschenkindern sind solchen entwürdigenden Zufällen ebenso unterworfen wie die allergeringsten Glieder der menschlichen Familie. Trotz alledem hat der Mensch, dieser kleine Wurm des Staubes, dessen Kenntnisse so beschränkt und dessen Torheiten so zahlreich und so offenkundig sind, die Unverschämtheit, in stolzem Übermut sich zu brüsten und sich sogar seiner Schande zu rühmen!
"Während andere Beweisgründe auf gewisse Naturen wenig Eindruck machen, wird es keinen Erwägungen der Vernunft mit mehr Wahrscheinlichkeit gelingen, dieser bedauerlichen Neigung des Menschen zum Hochmut kräftig entgegenzuwirken, als solchen, die der Sternkunde entnommen sind. Diese zeigt uns, als was für ein unbedeutendes Wesen, ein bloßes Atom, der Mensch in der Tat inmitten der Unermesslichkeit der Schöpfung erscheint. Wiewohl er ein Gegenstand der väterlichen Fürsorge und Güte des Allerhöchsten, ist er doch nur wie ein Sandkörnlein im Verhältnis zu der ganzen Erde, wenn er mit den unzählbaren Myriaden von Wesen verglichen wird, die die unmessbaren Weiten der Schöpfung bevölkern. Was ist die ganze Erdkugel, auf der wir wohnen, verglichen mit dem Sonnensystem, das eine zehntausendmal größere Stoffmasse in sich fasst? Was wiederum ist unser Sonnensystem im Vergleich mit den hundert Millionen von Sonnen und Welten, die das Fernrohr in den Reichen der Sterne erspäht hat? Was ist denn dann ein Königreich, eine Provinz, eine Grafschaft, auf die wir so stolz sind, als wären wir die Herren des Weltalls, und um derentwillen wir manchmal so viel Verwüstung und so schreckliche Gemetzel anrichten? Was sind sie im Wettstreit mit den Herrlichkeiten, die das Firmament birgt? Könnten wir unseren Standpunkt auf den erhabenen Zinnen des Himmels nehmen und von dort auf dies kaum unterscheidbare Pünktchen, unsere Erde, herabsehen, wir wären alsbald bereit, mit Seneka auszurufen: "Und dieses winzige Fleckchen ist es, worauf all die großen Pläne und vielumfassenden Wünsche des Menschen beschränkt sind? Um seinetwillen ist so viel Aufregung unter den Völkern, so viel Blutvergießen, finden so viele alles zerrüttende Kriege statt? O der Torheit der betrogenen Menschenkinder, große Königreiche in dem Raum eines Atoms zu wähnen und Heere aufzubieten, um über den Besitz eines Stückchens der Erde durch das Schwert zu entscheiden!" Der bekannte D. Chalmers († 1874) sagt in seinen Vorträgen über Astronomie sehr wahr: "Wir haben Ihnen nur ein schwaches Bild von unserer verhältnismäßigen Unbedeutenheit gegeben, indem wir sagten, dass die Pracht eines ausgedehnten Waldes nicht mehr leide durch das Fallen eines einzelnen Blattes, als die Herrlichkeit des weiten Weltalls darunter leiden würde, ob auch unsere Erde und alles, was darauf ist, zerginge." (2. Petr. 3,10 f.)

6. Du hast ihn wenig niedrig gemacht denn Gott,
und mit Ehre und Schmuck hast du ihn gekrönet.
7. Du hast ihn zum Herrn gemacht über deiner Hände Werk;
alles hast du unter seine Füße getan,
8. Schafe und Ochsen allzumal,
dazu auch die wilden Tiere,
9. die Vögel unter dem Himmel und die Fische im Meer,
und was im Meer gehet.


Diese Verse mögen die Stellung des Menschen in der Schöpfung vor dem Fall dartun; da sie aber durch den Schreiber des Hebräerbriefs (Hebr. 2,7) auf den Menschen, so wie er durch den Herrn Jesus repräsentiert ist, bezogen werden, dünkt es uns am besten, auf diese Bedeutung das Hauptgewicht zu legen. Wir folgen der alten Übersetzung der LXX, welche auch der Hebräerbrief benutzt hat: Du hast ihn ein wenig niedriger gemacht als die Engel. 3 An Würde stand der Mensch den Engeln zunächst, nur ein wenig niedriger als sie; in dem Herrn Jesus hat das seine Erfüllung gefunden, denn er ward etwas niedriger gemacht als die Engel, indem er den Tod litt. Der Mensch hatte im Paradiese die volle Herrschaft über alle Geschöpfe. Dass sie zu ihm kamen, um von ihm ihre Namen zu empfangen (1. Mose 2,19), war ein Akt der Huldigung gegen ihn als den, der an Gottes Statt über sie herrschte. Der erhöhte Menschensohn ist jetzt Herr nicht nur über alles Lebendige, sondern über alles Geschaffene. Ausgenommen den, der ihm alles untergetan hat (1.Kor. 15,27), ist Jesus der Herr über alles, und seine Auserwählten sind in ihm zu einer weiter ausgedehnten Herrschaft erhöht als der erste Adam, was beim Kommen des Herrn noch klarer hervortreten wird. Wohl mochte der Psalmist sich über die einzigartig hohe Stellung des Menschen in der Stufenfolge der Wesen wundern, wenn er erwog, wie gar nichts der Mensch im Vergleich zu dem unermesslichen Reich der Sterne ist.
Du hast ihn ein wenig niedriger als die Engel gemacht -- ein wenig niedriger in der Wesensbeschaffenheit, da sie unsterblich sind, und nur ein wenig, 4 weil die gegenwärtige Weltzeit kurz ist und, wenn diese vorüber ist, die Heiligen Gottes nicht mehr niedriger sind als die Engel. Mit Ehre und Schmuck oder Hoheit hast du ihn gekrönt . Die Herrschaft, welche Gott dem Menschen verliehen hat, ist für diesen eine große Ehre; denn jedes Herrschaftsrecht ist eine Ehre, und die größte Ehre die, welche eine Krone trägt. Der Dichter gibt eine ganze Liste der dem Menschen untertanen Geschöpfe. Die ganze Herrschaft, welche durch die Sünde verloren gegangen, ist in Christus Jesus wiederhergestellt. Das gibt uns auch den Wink, dass wir uns keinen irdischen Besitz zum Fangstrick werden lassen dürfen. Lasst uns stets dessen eingedenk sein, dass wir über alle Kreaturen dieser Erde herrschen sollen und ihnen nicht erlauben dürfen, über uns zu herrschen. Wir müssen die Welt unter unsern Füßen halten und den niedrigen Sinn meiden, der damit zufrieden ist, dass die Sorgen und Wollüste dieses Lebens das Königreich der unsterblichen Seele beherrschen.

10. Herr, unser Herrscher,
wie herrlich ist dein Name in allen Landen!


Hier kehrt der Dichter wie ein guter Komponist zu der Tonart zurück, in der er sein Lied begonnen hat. Er sinkt wieder in den Zustand anbetender Bewunderung. Womit er als dem Anfangssatz im 1. Verse begonnen, damit schließt er als mit einem wohl bewiesenen Schluss-Satz, gleichsam mit einem quod erat demonstrandum . Uns aber drängt sich noch die Bitte auf: Ach, dass uns Gnade zuteil werde, des herrlichen Namens würdig zu wandeln, der über uns genannt worden ist und den zu verherrlichen wir berufen sind.
Es muß alles erst einmal an Gott vorüber, bevor es mich treffen kann. (Helmut Thielicke)

Jörg
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Beitragvon Jörg » 02.06.2018 12:38

Erläuterungen und Kernworte

Zum ganzen Psalm. Inhalt: Jahves Herrlichkeitsoffenbarung in den Schwachen . Der Dichter hat durch ein (uns unbekanntes) Erlebnis die ihn tief bewegende Einsicht gewonnen, dass Jahve Schwache und Geringe -- Kinder und Säuglinge -- erwählt, um an ihnen und durch sie seine Macht und Größe zu verherrlichen. Er sucht ein Verständnis dieses an sich für ihn rätselhaften oder doch wenigstens auffallenden Tatbestandes, den er in V. 3 mit Nachdruck ausspricht, zu gewinnen und findet es durch eine umfassende Reflexion (Betrachtung) über die Stellung des Menschen in dem durch Gottes Schöpfermacht ins Dasein gerufenen Weltganzen (V. 4-9). Wie klein ist der Mensch inmitten der unermesslichen Schöpfung, wie armselig gegenüber ihrer Pracht! Und doch hat Jahve ihm eine Stellung gegeben, die fast an seine eigene heranreicht; er hat ihm alles, was auf Erden lebt, unterworfen. So offenbart sich Jahves Herrlichkeit überall auf Erden, wo Menschen wohnen (V. 10). Lic. Hans Keßler 1899.

Da die göttliche Menschheitsidee nur in einem "Menschensohn" nach beiden Seiten (im Verhältnis zu Gott wie zur Welt) zur vollen Wahrheit geworden ist oder durch ihn der vollen Verwirklichung entgegengeht, so ist es ganz berechtigt, wenn der Verfasser des Hebräerbriefes 2, 6 ff. diesen Psalm, ihn um eine Oktave höher stimmend, auf jenen wahren, vollendeten Menschensohn bezieht. Prof. D. C. von Orelli 1882.

V. 2. Siehe, wie er so eines freundlichen und alles Trostes und Vertrauens vollen Wortes brauchet, indem dass er Gott nennet einen Herrscher oder Herrn, als wäre er einer seines Gesindes. -- So haben nun die gottseligen Menschen auf Erden nichts Köstlicheres als den Namen des Herrn; denn den allein loben, predigen und bekennen sie vor den Leuten, als der allein gewaltig, weise, heilig, gut, fromm und gerecht ist; sie aber rühmen noch loben ihren Namen gar nichts, da sind sie zufrieden, dass der vor jedermann stinke, auf dass nur Gottes Name gelobet und gepriesen werde und Dank empfange auf Erden und im Himmel. Aber so leicht das zu sagen und zu verstehen ist, so schwer ist es zu tun.
Wer hat je gehört, dass so großer und herrlicher Name einem Menschen auf Erden zugeschrieben wäre, wie diesem Herrn und Herrscher zugeschrieben wird? Der römische Kaiser und König, der Papst, ja der türkische Kaiser sind lauter Kartenkönige gegen diesen Herrn und Herrscher. Sie mögen große Titel und Namen führen, mögen heißen Großmächtige, Unüberwindliche, Allergnädigste usw., aber dieser König wird in allen Landen gepredigt, dass er sei wahrer Gott und Mensch, ein gewaltiger Herr und Herrscher, dem alle Dinge unterworfen sein müssen, Himmel, Erden und alles, was drinnen ist. Engel, Menschen, Teufel, Tod, Leben, Sünde, Gerechtigkeit usw. Martin Luther † l546.

V. 3. Für die jungen Kinder soll man insgemeinhin verstehen, die entweder ihres Alters oder Verstandes halben zugleich Kinder sind, oder der Vernunft und Verstandes halben allein. Jung und alt, was Christen sind, müssen doch Kinder werden, wo nicht am Alter, jedoch am Verstande; dass wir nicht mehr begreifen, denn die jungen Kinder; denn sobald sie mit Weisheit regieren wollen, so fallen sie dahin. Darum, will einer ein Christ sein oder ein Prediger, der fasse nur seinen Kopf, gebe sich gefangen, dass er nicht ein Mann, noch alt sei, sondern ein junges Kind. Mein Hans Luther studiert nicht viel, wie man ihm sagt, so geht er, lässt sich schlecht [d. h. schlicht] mit Worten führen.
Du, Herr, weil dein Reich verborgen ist und allein durch den Glauben erkannt wird, findest du nicht unter tapfern, mannhaftigen Leuten, die dich rechtschaffen loben, ja sie sind eben dieselbigen, die vor Unsinnigkeit ihrer Ehre deinem Lobe und Ehre heftig widerstreben. Darum erwählest du verachtete und geringe Leute, die dich loben und deinen Namen herrlich machen. -- Kinder erweichen, erfreuen noch überwinden uns nicht durch ihre Macht, Weisheit, Stärke, sondern durch ihr Unvermögen, Torheit und Schwachheit. Also haben Christi Lober nicht mit weltlicher Stärke, nicht mit hohen Worten menschlicher Weisheit (1.Kor. 2,4), nicht durch Größe und Menge der Riefen, sondern durch törichte Predigt und Ärgernis des Kreuzes (1.Kor. 1,21.23) die Welt bezwungen und überwunden und den Namen des Herrn herrlich gemacht in allen Landen. Martin Luther † 1546.

Warum erwählt Gott die Kinder (im buchstäblichen und bildlichen Sinne) zu solch hohem Werke? Erstens, weil es Gott, dem Herrscher der Welt, gefällt, die Feinde seines Reiches durch schwache und verachtete Werkzeuge zu unterwerfen; zweitens, weil sie eben die demütigsten sind. Mt. 18,3 wird uns gesagt: Es sei denn, dass ihr euch umkehret und werdet wie die Kinder, so werdet ihr nicht ins Himmelreich kommen. Es ist, als sagte der Herr den Jüngern: Ihr streitet euch um den Vorrang in meinem Königreich und um weltliche Größe (V. 1); ich sage euch, mein Königreich ist ein Reich der Kleinen und umfasst nur solche, die klein sind in ihren eigenen Augen und es darum auch zufrieden sind, in den Augen anderer gering und verachtet zu sein, und die nicht nach hohen Dingen in der Welt trachten. Ein junges Kind weiß nicht, was Streit und Neid um Würde und Rang ist; darum suchte Jesus die Jünger von ihren fleischlichen Reichshoffnungen zu heilen, indem er ein Kind als Wahrzeichen der Demut in ihre Mitte stellte. Thomas Manton † 1677.

Schlesien war seit den Tagen der Reformation von den Verfolgungen und Bedrückungen um des Evangeliums willen schwer heimgesucht worden. Der teuer erkaufte Majestätsbrief von 1609 hatte wenig genützt. Besonders die Liechtensteiner Dragoner, Seligmacher genannt, waren eine drückende Last der evangelischen Bewohner, die durch sie mit Feuer und Schwert katholisch gemacht werden sollten. Viele suchten in den Nachbarländern Zuflucht. Von den evangelisch verbliebenen Kirchen gingen bis 1707 noch 114 verloren. Da geschah etwas ganz Wunderbares. Scharen von Kindern im Alter von fünf bis fünfzehn Jahren kamen täglich zweimal unter freiem Himmel zusammen, um zu beten. Auf die Frage, warum sie beteten, gaben sie zur Antwort: "Wir beten um unsere Kirchen." Im Gebirge fing dies an; fast in allen evangelischen Landschaften wurden die jungen Herzen dazu entzündet, auch Breslau ward davon ergriffen. Selbst durch die raue Winterzeit ließen sie sich nicht irremachen. Möglich ist es, dass das Beispiel der im Lande liegenden schwedischen Truppen, welche ihre Betstunden mit großer Andacht und Ordnung frei öffentlich zu hatten pflegten, auf die Kinder eingewirkt hat. Das ändert aber an der Tatsache nichts. Das Ende war, dass durch die im Jahre 1707 mit Joseph I. abgeschlossene Altranstädter Konvention den evangelischen Schlesiern freie Religionsübung zugesichert wurde. Auch wurden von den geraubten Kirchen 121 zurückgegeben und mehrere "Gnadenkirchen" neu erbaut. Seitdem hatte die Not ein Ende. Zum Andenken an dies Ereignis wurde eine Denkmünze geprägt. Sie trägt auf der einen Seite die Inschrift: "Kehr mich um, so wirst du sehen, was in Schlesien ist geschehen. 1707." Auf der andern Seite knien um ihren Lehrer in einem Kreise viele Kinder. Darunter stehen die Worte: Aus dem Munde der jungen Kinder und Säuglinge hast du dir eine Macht zugerichtet. D. R. Kögel, Deine Rechte sind mein Lied, 1895.

Jene schwer geprüfte Märtyrerin, Alice Driver, machte in Gegenwart vieler Hunderte die Bischöfe verstummen, so dass sie selbst mit allen Freunden der Wahrheit Gott pries, weil auch die Dünkelhaftesten nicht dem Geiste widerstehen konnten, der sich in dem einfältigen Weibe offenbarte. Ja, so ist es: Aus dem Munde der Unmündigen richtet Gott sich eine Macht zu, durch sie legt er sich Ehre bei. Auch du, törichter Erdenwurm, sollst zu Gottes Verherrlichung dienen, wenn an den Tag kommt, was Gott an dir getan, was für sündliche Begierden er in dir erstickt und mit was für Gnadengaben er dich ausgerüstet hat. Der Herr kann noch Größeres an dir tun, wenn du auf ihn vertraust. Er kann dich tragen auf Adlersflügeln und dich stark machen, um seines Namens willen mächtige Trübsale geduldig zu ertragen und bis ans Ende zu beharren, im Glauben zu leben und deinen Lauf mit Freuden zu vollenden. Hat er dich zur rechten Herzensniedrigkeit gebracht, so wird dir deine sonstige Niedrigkeit desto mehr zur Ehre gereichen. Bewundern wir nicht alle Gottes Meisterschaft ebenso sehr oder noch mehr in der Ameise, dem kleinen kriechenden Tierlein, als in dem größten Elefanten? Staunen wir nicht darüber, dass so viele Körperteile und so kunstvoll gebaute Glieder in einem so kleinen Raume vereinigt sind und ein so schwaches Geschöpf im Sommer die Speise für den Winter sammelt? Wer sieht nicht ebensoviel von Gottes Herrlichkeit in einer Biene wie in größeren Geschöpfen? Bei Wesen von größerer Leibesbeschaffenheit vermuten wir von selbst größere Fähigkeiten und wundern uns nicht über dieselben. Darum, wenn du nun siehst, dass Gott dir, der du zu den Gliedern des Leibes Christi gehörst, die am wenigsten ehrbar sind, desto mehr Ehre angelegt hat (vergl. 1.Kor. 12,23), so preise Gott und sei mit deiner Niedrigkeit zufrieden. Die größte Herrlichkeit steht dir noch bevor; denn während die Weisen dieser Welt den Rat Gottes verachten, hast du (mit jenen Zöllnern und anderen verachteten Leuten) das Evangelium geehrt. Sicherlich wirst auch du ein guter Geruch Christi sein, und des Herrn Ruhm wird andern durch dich kund werden, weil du, einfältiges Geschöpf, dich hast unterweisen lassen zur Seligkeit (2.Tim. 3,15) und zum Gehorsam des Glaubens gekommen bist. Sei du nur gering in deinen Augen; es kommt der Tag, wo Gott deine stolzesten Feinde, die jetzt über dich hohnlachen, dazu bringen wird, dass sie kommen und anbeten zu deinen Füßen und bekennen (Off. 3,9), dass Gott Großes für dich und an dir getan hat, und wo sie unter den göttlichen Heimsuchungen wünschen werden, dass dein Los ihres wäre. Daniel Rogers 1642.

Als D. Joh. Heß († 1547), der Reformator der Kirche Breslaus, im Jahre 1545 so leidend wurde, dass er vom Predigen ablassen musste, wollte er wenigstens einem kleineren Kreise noch durch Vorlesungen über biblische Bücher dienen. Er erwählte dazu vor allem den Psalter, für den er eine besondere Vorliebe hatte. (Auf sein Psalmbuch hatte er schon früher geschrieben: Stab meines Alters.) Als er diese Vorlesungen eröffnete, erklärte er: Meine, des alten Magisters und Doktors, Theologie soll sein die Theologie aus dem Munde der Kinder und Unmündigen, welchen es der Vater offenbart (Mt. 11,25). -- Nach Ed. Koch, Kirchenlied, 1847.
Es muß alles erst einmal an Gott vorüber, bevor es mich treffen kann. (Helmut Thielicke)

Jörg
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Regelmäßige Lesung aus der Schatzkammer David Ps.8

Beitragvon Jörg » 05.06.2018 16:14

Erläuterungen und Kernworte

V. 4. Wie kommt David dazu, von Mond und Sternen zu sprechen und die Sonne gar nicht zu erwähnen, da jene doch nur die Kostgänger dieser sind, nur in dem Lichte scheinen, das die gütige Sonne ihnen mitteilt? Die Antwort ist, dass wir hier eine Nachtbetrachtung Davids vor uns haben. Die Sonne war verschwunden, und nur die anderen kleineren Lichter waren am Himmel sichtbar. Wie der Prachtglanz des Himmels sich am schönsten bei Tage zeigt, so wird die Mannigfaltigkeit der Wunder Gottes am Firmament am besten bei Nacht erschaut. Die Nacht ist dem Menschen zur Ruhe gegeben. Aber wenn uns der Schlummer flieht, ist es gut, gleich dem Psalmisten die schlaflosen Stunden mit guten Gedanken auszufüllen, um die schlechten Gedanken fernzuhalten und auszutreiben, die sonst von der Seele Besitz ergreifen würden. Thomas Fuller † 1661.

Der fleischliche Sinn sieht Gott in nichts, nicht einmal in geistlichen Dingen, seinem Wort und seinen Verordnungen. Ein durch den Geist erneuerter Sinn sieht Gott in allem, auch in den natürlichen Dingen, bei der Betrachtung des Himmels und der Erde und aller Geschöpfe. Deine Himmel, sagt David. Die geistliche Gesinnung sieht alles in seiner Beziehung zu Gott, sieht es als sein Werk, darin seine Herrlichkeit erscheint, und voll heiliger Erfurcht fürchtet sie sich, was Gott uns zum Nutzen und zur Freude geschaffen hat, zu Gottes Verunehrung zu missbrauchen. Tag und Nacht ist dein, o Gott (Ps. 74,16). Darum soll ich weder bei Tag noch bei Nacht dein vergessen. Erzbischof D. Robert Leighton † 1684.

Könnten wir uns über den Mond erheben, könnten wir den höchsten Stern über unserm Haupte erreichen, so würden wir alsbald neue Himmel, neue Sterne, neue Sonnen und Sonnensysteme, und vielleicht noch prächtiger ausgerüstete entdecken. Aber sogar dort würden die unermesslichen Reiche unseres erhabenen Schöpfers nicht ein Ende haben. Wir würden zu unserem Erstaunen finden, dass wir erst am Saum der Werke Gottes angekommen sind. Nur ganz wenig können wir von seinen Werken wissen, aber dieses Wenige soll uns lehren, demütig zu sein und Gottes Macht und Güte zu bewundern. Wie groß muss das Wesen sein, das diese ungeheuren Weltkugeln aus nichts erschaffen hat, ihren Lauf ordnet und sie alle mit seiner mächtigen Hand erhält! Was ist doch die Erdscholle, die wir bewohnen, mit all den prächtigen Schallspielen, die sie uns bietet, verglichen mit jenen unzählbaren Welten? Würde diese Erde vernichtet, es würde im Weltall so wenig auffallen, als wenn man vom Meeresstrand ein Sandkörnlein wegnähme. Im Vergleich mit jenen Welten sind die großen Reiche dieser Erde wie Stäublein, die in der Luft tanzen und unserem Auge nur sichtbar werden, wenn ein Sonnenstrahl auf sie fällt. Was bin ich dann inmitten der unzählbaren Scharen der Geschöpfe Gottes? Ich verliere mich völlig in meinem Nichts. Aber so gering ich in dieser Beziehung erscheine, so groß bin ich in andern. Es ist eine wunderbare Schönheit in dem sternbesäten Firmament, das Gott zu seinem Thron erkoren hat; sein Glanz blendet mich, seine Schönheit entzückt mich. Aber trotz alledem fehlt ihm eins: die Intelligenz. Es weiß nichts von seiner Schönheit, während ich, der ich nur ein von der göttlichen Hand geformter Erdenkloß bin, mit Verstand und Einsicht begabt bin. Ich vermag die Schönheit dieser glanzvollen Welten zu betrachten: Ja, ich bin, wenn auch noch unvollkommen, mit ihrem erhabenen Schöpfer bekannt und vertraut und schaue durch den Glauben Strahlen seiner göttlichen Herrlichkeit. Mein Vorrecht ist es, seine Werke zu erkennen und immer tiefer in sie einzudringen, bis ich einst in seliger Verklärung zur Höhe auffahren werde, um bei ihm hoch über den Sternen zu wohnen. Christian Sturm † 1786.

Deiner Finger Werk. Der Ausdruck deutet an, wie kunstvoll und sorgfältig diese Werke Gottes gemacht sind. Es ist ein bildlicher Ausdruck, etwa vom Sticken oder Teppichweben entlehnt. John Trapp † 1669.

Es ist durchaus christlich, die Natur als ein Erbauungsbuch zu betrachten. Wir haben darin die heiligen Schriftsteller zum Vorbild, und sogar unser Heiland selbst unterstützt uns in dieser Auffassung der Natur durch das Gewicht seines eigenen Beispiels. Er verbreitet sich über die Schönheit einer einzigen Blume und zieht daraus einen köstlichen Beweis, wie wir auf Gott vertrauen sollen (Mt. 6,28 ff.). Er zeigt uns, dass Frömmigkeit und guter Geschmack wohl vereinbar sind und dass unser Gemüt von heiligem religiösem Ernst sein und zugleich für die Schönheit und Lieblichkeit der Natur ganz aufgeschlossen sein kann. Hoch schwingt sich der Psalmist auf. Er lässt die Erde weit hinter sich zurück und versetzt sich in den endlosen Raum, der sich über und um sie ausbreitet. Dieser erscheint ihm nicht als eine wüste Öde, sondern erfüllt mit der Herrlichkeit und der Kraftwirkung der göttlichen Gegenwart. Die Schöpfung enthüllt sich vor den Augen des Dichters in ihrer Unendlichkeit, und die Erde mit allem, was darauf ist, schrumpft in ein Nichts zusammen ob dieser überwältigenden Betrachtung des Unendlichen. Er erstaunt darüber, dass sein kleines Ich inmitten all der Größe und Mannigfaltigkeit, die ihn auf allen Seiten umgibt, nicht übersehen ist, und indem er von der Majestät der Natur zu der Majestät ihres Werkmeisters aufsteigt, ruft er aus: Was ist der Mensch, dass du sein gedenkest, und des Menschen Kind, dass du dich sein annimmst? D. Thomas Chalmers 1817.

V. 5. Die Leser wollen beachten, dass der Psalmist durch diesen Vergleich die unendliche Liebe Gottes ins Licht stellen will. Es ist in der Tat wunderbar, dass Er, der diese Himmel geschaffen hat, deren Herrlichkeit so groß ist, dass sie uns zur höchsten Bewunderung hinreißt, sich so tief herablässt, sich huldreich des Menschengeschlechts anzunehmen. Dass der Psalmist gerade diesen Gegensatz hervorheben will, ergibt sich aus dem Wort Mensch, das den Menschen in seiner Ohnmacht, Hinfälligkeit und Sterblichkeit bezeichnet. Wir könnten es am besten mit Sterblicher wiedergeben. Fast alle Ausleger übersetzen rqapIf mit heimsuchen, und dieser Sinn passt hier trefflich. Da das Wort aber manchmal sich erinnern bedeutet und wir oft in den Psalmen denselben Gedanken mit anderen Worten wiederholt finden, könnten wir es hier auch ganz wohl so übersetzen, als ob David sagte: Das ist ein wunderbares Ding, dass Gott des Menschen gedenkt und sich beständig sein erinnert. Jean Calvin † 1564.

Wie der hier gebrauchte seltenere Ausdruck für Mensch (enosch) auf die Hinfälligkeit des Menschen hinweist, so ist auch der im Parallelgliede gewählte Ausdruck Mdf)f-NbIe hier schwerlich ohne Nebenbedeutung. Er erinnert an den Ursprung des Menschen von der Erde hmfdf)A und an seinen Naturzusammenhang mit dem gefallenen Stammvater, fasst also unsere beiden Ausdrücke Erdensohn und Adamssohn in sich zusammen. -- J. M.

Gott, was für ein kleines Wesen hast du doch zum Herrn über das große Weltall gemacht! Das winzigste Sandkörnlein ist nicht so klein im Verhältnis zur ganzen Erde, als der Mensch verglichen mit den Himmeln. Wenn ich deine Himmel ansehe, Sonne, Mond und Sterne, o Gott, was ist der Mensch? Wer sollte auf den Gedanken kommen, dass du all diese Werke deiner Hand um des einen willen gemacht hast, und zwar um dieses einen willen, der fast das kleinste aller Wesen ist! Dennoch hat er allein einen Blick für deine Werke; nur er kann in dem, was er sieht, dich bewundern und anbeten. Wie sollte er dies sich zur Aufgabe seines Lebens machen, da er allein dazu berufen ist! Fürwahr, der Wert der Dinge besteht nicht in ihrem Umfang und ihrer Zahl. Ein kleiner Diamant ist mehr wert als große Haufen von Steinen. Eine Last gediegenen Erzes gilt mehr als ganze Berge von Erde. Es ist uns erlaubt, dich zu preisen für das, was du an uns Menschen getan hast. Deine ganze Schöpfung birgt nicht mehr Wunder als einer von uns. Andere Geschöpfe hast du durch einen einfachen Befehl ins Dasein gerufen, den Menschen nicht ohne besonderen göttlichen Ratschlag. Andere wurden auf einmal, den Menschen bildetest du erst, dann hauchtest du ihm deinen Geist ein. Andere schufst du in verschiedenen Formen, nur ihnen selbst gleich, den Menschen nach deinem Bilde. Andere rüstetest du aus zum Dienen, den Menschen zur Herrschaft. Ihm gabst du selbst den Namen; sie bekamen ihre Namen vom Menschen. Wie sollten wir doch mehr als alle andern Geschöpfe dir geweiht sein, da du an uns so viel mehr gewendet hast als an andere! Bischof D. Joseph Hall † 1656.

Tiefer kann dem Menschen das Bewusstsein seiner Würde und doch zugleich die dankbare Erinnerung, von wem er sei, was er ist, nicht nahe gelegt werden, -- das demütig erhebende Bewusstsein, das Psalm 8 ausspricht. Prof. D. J. T. Beck, Die christl. Lehrwissenschaft, 1875.

Durch die Wahl des Ausdrucks enosch (sterblicher Mensch) ist es klar, dass der Psalmist nicht vom Menschen in seinem Urstand, sondern von dem gefallenen und darum dem Elend und Tod anheimgegebenen Menschen redet. Dass du sein gedenkest, d. h. für ihn sorgst und ihm so hohe Gnaden verleihst. Des Menschen Kind: buchstäblich der Sohn Adams , jenes Abtrünnigen und Empörers; der sündige Sohn eines sündigen Vaters, sein Kind nach der Ähnlichkeit der Veranlagung und Art nicht weniger als durch die Zeugung. Dass Gott sich dennoch sein erbarmt, verherrlicht Gottes Güte. Dass du ihn heimsuchst - nicht im Zorn, wie das Wort manchmal angewendet wird, sondern in Gnade und Barmherzigkeit, wie es 1. Mose 21,1; 2. Mose 4,31; Ps. 65,10; 106, 4 (Grundt.) und gebraucht ist. C. H. Spurgeon 1869.

Was ist der Mensch? Jesaja antwortet: Alles Fleisch ist Gras, und alle seine Güte ist wie eine Blume auf dem Felde (Jes. 40,6). Und David: Ein Hauch sind die Menschenkinder, eine Lüge die Menschen (Ps. 62,10 Grundt.). Wir sind gar bereit, uns selber und einander zu schmeicheln; Gott aber sagt uns deutlich, was wir sind. Es ist in der Tat wunderbar, dass Gott solch eine Kreatur, wie der Mensch es ist, gnädig anblickt. Ist er nicht der Schöpfer und wir nur Geschöpfe? Ist der Mensch nicht ein Erdenkloß, ein Stück Lehm? Vollends aber, wenn wir den Menschen in seiner Sündhaftigkeit und Unreinheit betrachten, müssen wir erstaunen über Gottes Herablassung. Was ist dies unreine Geschöpf, dass Gott es so erhebt? Ist’s möglich, dass der Herr auf den Unflat Wert legt und sein Auge mit Wohlgefallen auf Unreines richtet? Noch einen Schritt weiter: Was ist der aufrührerische Mensch, der Feind Gottes, dass Gott ihn herrlich machen sollte! Welche Verwunderung muss diese Frage als Antwort in uns hervorrufen! Ist’s möglich, dass Gott seine Feinde zu Würden erhebt und solche groß macht, die ihn vom Throne stürzen wollten? Kann ein Fürst einen Verräter erhöhen, oder dem Ehre verleihen, der ihm das Leben zu nehmen versuchte? Die sündige Natur des Menschen ist in unmittelbarem Widerspruch mit dem Wesen Gottes und möchte Gott aus dem Himmel herabreißen; Gott aber erhebt zur selben Zeit den Menschen zum Himmel. Die Sünde möchte den großen Gott erniedrigen, und dennoch macht Gott den sündigen Menschen groß! Das Evangelium aber gibt uns den Schlüssel zu diesen Rätseln und enthüllt uns, wie Gott bei alledem der Gerechte und Heilige bleibt. Joseph Caryl † 1673.
Es muß alles erst einmal an Gott vorüber, bevor es mich treffen kann. (Helmut Thielicke)

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Regelmäßige Lesung aus der Schatzkammer David Ps.8

Beitragvon Jörg » 09.06.2018 12:55

Erläuterungen und Kernworte

O über die Größe und die Kleinheit, die Vortrefflichkeit und die Verderbtheit, die Majestät und die Niederträchtigkeit des Menschen! Blaise Pascal † 1662.

Was ist der Mensch, o Herr, dass du
Vom Himmel hörst auf seinen Schrei,
Verlässest selbst die sel’ge Ruh
Und eilst zu seiner Hilf’ herbei?

Staub ist er von der Erde, nur
Belebt durch deinen Gotteshauch;
Und ziehst den Odem du zurück,
Kehrt er zurück zum Staube auch.
Ach, nimmer ist er wert der Güt’ und Treu’,
Die du vom Himmel spendest täglich neu.

Geringer ist er als der Staub,
Den du geschaffen für dein Himmelreich:
Er gab der Sünde sich zum Raub,
Die ihn erniedrigt hat, den Tieren gleich.
Und doch, o Herr, hast du erwählt den Armen,
Zu segnen ihn. Wie reich ist dein Erbarmen!

Tiefer als selbst die Tiere fiel
Der Mensch, der Gottes Bild einst trug
Und nun auf Satans Wegen geht
Im Sündendienst. Wo ist ein Fluch,
Den solcher Frevel nicht verdient aus Gottes Hand?
Und doch: zum Segen ist der Fluch gewandt!

Du selbst, Herr, kamst vom Himmel her
Und legtest ab all deine Herrlichkeit
Und suchtest uns, und nichts war dir zu schwer,
Durch eignen Tod dem Tod zu nehmen seine Beut’.
Ach, nimmer, nimmer sind wir Sünder wert
So teurer Gnade, die zu retten uns begehrt.

Wie hoch ist nun der Mensch erhöht,
Über die sel’gen Engel selbst, da Jesus Christ
Zur Rechten Gottes in der Majestät
Dort thront, der unser Bruder worden ist,
Und uns das Erbe droben hält bereit,
Wenn wir einst heimgehn dürfen aus dem Streit.

Nach D. Thomas Washbourne 1654.


So arm, so reich, so nichtig und so groß,
Ein wunderlich Gebilde ist der Mensch,
Und unbegreiflich Er, der so ihn schuf.
Das Widerstrebendste ist hier vereint
Zu einem Leben, wunderbar gemischt,
Darin entlegne Welten sich verbinden.
Ein eignes Glied in der endlosen Kette
Des Seins, die überführt vom Nichts zur Gottheit.
Ein Strahl aus Himmels Höhn, beschmutzt und trüb;
Ob trüb auch und besudelt, - göttlich doch!
Ein armes Bildchen unermessner Größe,
Erbe des Himmels und des Staubs gebrechlich Kind,
Hilflos, unsterblich doch, - ein Hauch, der ewig währt,
Ein Wurm, ein Gott! Ich zittre vor mir selbst,
Und bin in mir doch nichts.

Nach Edward Young † 1775


Der Herr sucht die Menschen heim, erstens, indem er sie züchtigt. Die schärfsten Gerichte kommen in der Schrift unter den Begriff der Heimsuchungen. Zweitens aber heißt heimsuchen im guten Sinne: Gnade erzeigen, erquicken, retten und segnen. Naemi erfuhr, dass der Herr sein Volk hatte heimgesucht und ihnen Brot gegeben (Ruth 1,6). Der Herr suchte Sarah heim usw. (1. Mose 21,1 f.).
Die größte Gnadenerweisung und Errettung, die je den Menschenkindern zuteil geworden, bezeichnet Zacharias so: Der Herr hat besucht und erlöset sein Volk (Lk. 1,68). Das sind die Gnadenheimsuchungen. Aus zwei Gründen werden solche Gnadenerweisungen Heimsuchungen oder Besuche genannt. Zunächst, weil Gott sich uns naht , wenn er uns Gutes tut. Wie die Schrift von Gott, wenn er ein Gericht oder eine Trübsal sendet, sagt, er weiche von einem Menschen oder Ort, so kommt er uns und unsern Häusern nahe, wenn er uns Gnade erweist. Sodann nennt die Schrift die Gnadenerweise Gottes Heimsuchungen, weil sie durchaus freie Taten seiner Liebe sind. Besuche zu machen zwingt uns nichts als die Liebe. Weil dieser und jener mein Freund ist und ich ihn lieb habe, suche ich ihn in seinem Heim aus. Daher wird jene größte Tat freier Gnade, die Erlösung der Welt, eine Heimsuchung genannt. Endlich schließt das Besuchen Fürsorge und Aufsicht ein. So wird das Amt der Hirten an der Herde Apg. 15,36 (Grundt.) und Sach. 10,3 mit diesem Wort bezeichnet, und die Fürsorge, welche wir an den Witwen und Waisen ausüben sollten, wird Jak. 1,27 ebenfalls in der Mahnung, sie zu besuchen, uns auf Herz gelegt. Joseph Caryl † 1673.

V. 6. Du hast ihn wenig niedriger gemacht denn Gott. Die Worte des Grundtextes haben ganz verschiedene Auslegung erfahren, so dass sie nach den einen von der Erniedrigung, nach den andern von der Hoheit des Menschen reden. Luthers spätere Übersetzung: Du wirst ihn lassen eine kleine Zeit von Gott verlassen sein, wird noch von Böhl (du machtest ihn entbehren eine Zeitlang Gottes) verteidigt. "Du wirst" ist jedenfalls (auch nach Böhl) unrichtig; höchstens können, wenn der erste Versteil von der Erniedrigung des Menschensohnes redet, die folgenden Zeitwörter futurisch gefasst werden: Du hast ihn lassen Gottes entbehren - du wirst ihn krönen (Böhl, Andreae), was eine seine Gegenüberstellung wäre. Aber es ist vielmehr schon Vers 6a von der Hoheit des Menschen die Rede. Nmi ist hier negativ gleich tOyh:mi (vergl. 1. Samuel 15,23). Also: Du ließest ihm wenig mangeln, dass er nicht Gott (Elohim) sei, d. h. du setztest ihn den Elohim beinahe gleich. Vergl. Luther 1524: ein wenig lassen mangeln an Gott. Was aber bedeutet hier Elohim? Das unserm Denken Nächstliegende, es als Gottheit, göttliche Wesenheit zu fassen (Hupf., Hengst.), ist nach Del. nicht statthaft, da Elohim nie abstrakt gebraucht wird. Fast alle alten Übersetzungen und die Rabbiner übersetzen es hier: Engel; so die LXX: h)la/ttwsaj au)to`n bracu/ ti par) a)gge/louj, und der Hebräerbrief wendet diese Übersetzung (2,7 Grundt.) wörtlich an. In der Tat wird das Wort Elohim Ps. 82,1.6; 97,7.9; 138,1 in einem umfassenderen Sinn gebraucht; und wenn auch die Beziehung dieser Stellen auf die Engel falsch ist und an unserer Stelle jedenfalls nicht ausschließlich an die Engel zu denken ist, so mag man doch Elohim hier vielleicht (mit v. Orelli, Weissag.) durch "göttliche Wesen" übersetzen und dabei an Gott und die Engel denken. Denn das +(am: , das Wenige, was dem Menschen an der Gottgleichheit fehlt, ist offenbar die Immaterialität. Er ist ein materielles und eben deshalb beschränktes und sterbliches Wesen. Dies unterscheidet ihn ebenso von Gott wie von den Engeln. Abgesehen davon ist er Gott ebenbildlich. Demnach ist schon hier, wie im Folgenden, von der Hoheit des Menschen die Rede. Sämtliche Zeitwörter sind dann perfektisch zu fassen. Das fut. consecut. des ersten Verbs gibt auch den beiden folgenden die Bedeutung des Rückblicks auf Geschehenes. So ist denn die revidierte Lutherübersetzung wesentlich richtig. Wir ziehen +(am: als Objekt zu "mangeln lassen"; dann kann es nur "ein Weniges", nicht: "eine kleine Zeit" bedeuten. Wer das Wort adverbiell ("ein wenig") auffasst, hat allerdings die Wahl, es entweder von dem Grade oder von der Zeit zu verstehen; nach dem Zusammenhang wird aber auch dann die Deutung auf den Grad vorzuziehen sein.
Der Psalm redet V. 6-8 offenbar von der königlichen Hoheit, die Gott dem Menschen gegeben hat. Wir haben hier eine dichterische Auslegung von 1. Mose 1,26-28 . Die Zerstörung, welche die Sünde an der Gottebenbildlichkeit des Menschen und seiner Herrscherstellung über die Erde angerichtet hat, tritt vor dem Auge des Dichters zurück vor der Anschauung der ursprünglichen göttlichen Bestimmung. Da aber Gott seine Gedanken auch durch die krummen Wege der Menschen hindurch ausführt, so liegt in der ursprünglichen Bestimmung des Menschen auch nach dem Fall eine Weissagung auf seine zukünftige Zurückführung in den Urstand. Diese ist vermittelt durch den Menschensohn, Jesus. So wendet der Hebräerbrief auch unsere Stelle an. Jetzt fehlt viel daran, dass, was der Psalm vom Menschen sagt, an uns erfüllt wäre. Denn, wie van Osterzee (Cristol. van het oude verbond) sagt, "als der Sünder aufhörte, Gottes Priester auf Erden zu sein, konnte er auch nicht mehr König bleiben. Nun aber der zweite Adam erscheint, wird in ihm die Bestimmung des Menschen, die David so kräftig bezeugt, verwirklicht." Damit ist uns die Gewähr gegeben, dass die königliche Herrscherstellung des Menschen über die irdische Schöpfung, welche uns für jetzt verloren gegangen ist, auf der künftigen Erde zur vollen Geltung kommen wird. -- J. M.
Es muß alles erst einmal an Gott vorüber, bevor es mich treffen kann. (Helmut Thielicke)

Jörg
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Regelmäßige Lesung aus der Schatzkammer David Ps.8

Beitragvon Jörg » 12.06.2018 15:42

Erläuterungen und Kernworte

Du hast ihn ein wenig niedriger gemacht denn die Engel. (Übersetzung der LXX u.) Vielleicht war der Mensch nicht so sehr der Art seines Wesens, als seiner Stellung nach in seinem Urzustand niedriger als die Engel. Jedenfalls könnte nichts Höheres von den Engeln ausgesagt werden, als dass sie nach dem Bilde Gottes gemacht seien. Haben sie denn vor dem Menschen in seinem ursprünglichen Stand einen Vorzug gehabt, so kann es nur in dem Grad der Gottähnlichkeit gewesen sein. Die Engel sind als unsterbliche, mit Verstand begabte, heilige, machtvolle und herrliche Wesen geschaffen worden und tragen in diesen Eigenschaften das Bild ihres Schöpfers an sich. Aber hat Gott mit dem allem nicht auch den Menschen begabt? Hatte der Mensch nicht auch ewiges Leben, Verstand, Heiligkeit, Macht und Herrlichkeit? Wenn die Engel den Menschen übertrafen, so gewiss nicht durch den Besitz von Eigenschaften, welche dem Menschen durchaus fremd waren. Beide trugen Gottes Bild an sich, an beiden waren die Züge des göttlichen Wesens sichtbar. Ob diese Züge etwa in den Engeln stärker hervortraten als im Menschen oder nicht, das entscheiden zu wollen wäre Anmaßung. Wie immer aber ursprünglich die gegenseitige Stellung von Engeln und Menschen gewesen sein mag, das ist unzweifelhaft, dass der Mensch seit dem Fall in erschreckender Weise unter die Engel herabgesunken ist. Die Übertretung hat die Wirkung gehabt, alle seine Fähigkeiten zu schwächen und ihn von seinem hohen Rang in der Stufenleiter der Geschöpfe hinabzustürzen. Aber so entwürdigt und so tief gesunken er ist, hat er dennoch die Fähigkeiten seines Urstandes, in denen er den Engeln verwandt ist, noch im Keime in sich, und es ist daher offenbar die Möglichkeit vorhanden, dass sie so gereinigt und ausgebildet werden, dass der Mensch wieder in sein ursprüngliches Verhältnis zu den Engeln treten kann. Überdies aber ist die Bibel voll von Andeutungen, dass die Engel, weit entfernt davon, ihrer Natur nach höher als die Menschen zu sein, sogar noch jetzt nicht die Bedeutung haben, welche unserm Geschlecht zukommt. Es ist ein wunderbares Geheimnis, dass für den gefallenen Menschen ein Erlöser erstanden ist, aber nicht für die gefallenen Engel. Ist es zu viel gesagt, dass die Tatsache, dass Gott wohl für den Menschen, nicht aber für die Engel ins Mittel getreten ist, zu der Überzeugung berechtige, dass die Menschen zumindest keinen geringeren Platz als die Engel in der Liebe und Fürsorge ihres Schöpfers einnehmen? Werden nicht überdies die Engel uns dargestellt als dienstbare Geister, ausgesandt zum Dienst um derer willen, die ererben sollen die Seligkeit? (Hebr. 1,14 .) Legt uns diese Darstellung nicht den Gedanken nahe, dass die Gläubigen, von Engeln bedient und begleitet, als Gottes Kinder sich auf dem Wege befinden zu einer herrlichen Herrschaftsstellung, die so hoch erhaben ist, dass die, welche mit dem Winde einherfahren und leuchten wie Feuerflammen, es für ihre Wonne halten, ihnen Ehre zu erweisen? Noch mehr, erfüllt nicht die Buße eines einzelnen Sünders das ganze Engelheer mit Freude? Bekundet nicht diese Tatsache, dass die Bekehrung eines Sünders jedes Mal eine neue Woge des Entzückens durch das himmlische Reich der Engel gehen lässt, eine so tiefgehende Sympathie der Engel mit den Menschen, dass daraus schon zu ersehen ist, einen wie hohen Rang der Mensch in der Stufenleiter der geschaffenen Wesen einnimmt? Wir mögen hinzufügen, dass die Engel auch an den Menschen lernen, sofern Paulus den Ephesern erklärt, dass jetzt den Fürstentümern und Herrschaften in dem Himmel an der Gemeine die mannigfache Weisheit Gottes kund werde. (Eph. 3,10; vergl. auch 1. Petr. 1,12 .) Wenn wir uns ferner erinnern, dass der Apostel Johannes in einem der erhabenen Gesichte, deren er gewürdigt ward, die 24 Ältesten, die Vertreter der Gemeinde des Herrn, die Stühle unmittelbar um den Thron Gottes einnehmen sah, während die Engel nicht so nahe standen, sondern den weiteren Kreis bildeten, so scheint es uns auf die mannigfaltigste Art bewiesen zu sein, dass die Menschen nicht als ihrer Natur nach den Engeln untergeordnet anzusehen sind, und dass sie, so sehr sie sich selbst aus ihrer erhabenen Stellung hinabgestürzt, den Glanz ihres Urzustandes befleckt und ihre ursprüngliche Kraft untergraben haben mögen, trotz alledem noch der höchsten Erhöhung fähig sind und nur wieder in die verloren gegangene Stellung eingesetzt werden und Raum für die Entfaltung ihrer gottverliehenen Macht bekommen müssen, um als die herrlichsten aller Geschöpfe und die edelsten Ebenbilder Gottes hervorzuleuchten. Henry Melvill † 1854.

V. 4-9. Welch hohe Stellung hat doch Gott dem Menschen in der Schöpfung gegeben! Gerade die Betrachtung der Herrlichkeit des Himmels V. 4 war es, die den Psalmisten zu der Frage staunender Bewunderung der Güte Gottes gegen den Menschen hinriss: Was ist der Mensch? Ja, was ist der Mensch, dass Gott für ihn Sonne, Mond und Sterne am Himmelszelt befestigt und diese alle ihm zu Dienst und Nutzen geordnet hat? Wenn irgendwo in einem Hause große Vorbereitungen getroffen und köstliche Vorräte aufgespeichert werden und die Wohnung mit schönem Hausrat ausgerüstet wird, so fragen wir: Wer ist denn der Mann, der in dies Haus einziehen soll? Da Gott nun den Bau des Weltalls so trefflich ausgeführt und diese Erde zu einer so herrlichen Wohnstätte ausgerüstet und geschmückt hat, fragen wir billig mit Verwunderung: Was ist der Mensch, der zum Bewohner dieses Hauses bestimmt ist? Noch höher aber ist der Mensch dadurch erhoben, dass ihm Gottes Bild aufgeprägt wurde. Eine Seite dieser Gottebenbildlichkeit beschreibt der Psalmist in V. 7 ff. Was ist der Mensch, dass ihm die Weltherrschaft übergeben ist? Endlich leuchtet die Hoheit des Menschen daraus hervor, dass Gott ihn nur wenig zurückstehen ließ hinter den immateriellen Wesen, V. 6 . Der Fall hat freilich in dem allem eine schmerzliche Änderung gebracht. Aber in dem Menschensohne hat es seine volle Wahrheit wiedergefunden, und in dem erlösten Menschen wird es sich wieder herrlich verwirklichen. Joseph Caryl † 1673.

V. 7. Um dich vor dem Umherflattern deiner Gedanken beim Beten zu schützen, siehe zu, dass du gegenüber den Dingen dieser Welt die gebührende Zurückhaltung wahrest und von dem Herrscherrecht Gebrauch machest, das Gott dir über alles Irdische gegeben hat. Solange der Vater und Herr eines Hauses seine Stellung innezuhalten weiß, so lange werden Kinder und Gesinde auch die ihnen geziemende Stellung entnehmen, gehorsam und dienstfertig sein; aber wenn der zum Gebieten Berufene seine Stellung vergisst, wenn des Vaters Liebe zu den Kindern zuchtlos wird und der Hausherr sich mit dem Gesinde gemein macht, verliert er seine Autorität, und die Untergebenen werden frech und zügellos. Befiehlst du ihnen etwas, so kann es geschehen, dass sie sich nicht rühren; gibst du ihnen eine Aufgabe, so werden sie es dich selber tun lassen. Gerade so geht es tatsächlich dem Christen. Alles Geschaffene ist ihm zum Dienst gemacht, und solange er sein Herz in gebührender Entfernung davon hält, seine Herrscherstellung darüber ausübt und die Dinge nicht zu Schoßkindern macht, welche Gott unter seine Füße getan hat, so lange ist es gut, und er kann in geordneter Gemütsverfassung der Pflicht der Anbetung Gottes obliegen. Dann kann er trauten Umgang mit Gott pflegen, und diese irdischen Dinge dürfen sich nicht erfrechen, in sein Heiligtum einzudringen, um ihn zu stören. William Gurnall † 1679.

In Betreff der Herrschaft Christi über die Natur vergleiche man den wunderbaren Fischzug, die Speisungen, das Verdorren des Feigenbaums usw. Prof. Joh. Wichelhaus † 1858.

V. 9. Jedes Gericht Fische oder Vögel, das auf unsern Tisch kommt, ist ein Erweis dieser Herrschaft, welche dem Menschen über die Werke Gottes verliehen ist, und eine Mahnung, uns Gott als unserm Oberherrn in Dank und Gehorsam zu unterwerfen. C. H. Spurgeon 1869.

Homiletische Winke

V. 2. Jahwe, unser Herr. Die persönliche Zueignung des Gottes der Offenbarung als unseres Herrn unser köstliches Vorrecht.
Wie sich die Herrlichkeit des göttlichen Namens und Wesens überall und unter allen Umständen offenbart.
Eine Predigt oder ein Vortrag über die Herrlichkeit Gottes in der Schöpfung und Vorsehung.
Die allgemeine Offenbarung Gottes in der Natur und ihre Vortrefflichkeit.
Die unfassbare und unendliche Herrlichkeit Gottes, die selbst den Glanz des Himmels und das Verständnis der Engel übertrifft. (Nach der andern Übersetzung: Der du deine Herrlichkeit über die Himmel gesetzt hast.)
V. 3. Kindesfrömmigkeit. Ihre Möglichkeit, ihre Inbrunst, ihre "Macht" und ihr Einfluss: "dass du usw."
Die Macht des Evangeliums nicht begründet in der Beredsamkeit oder Weisheit seiner Verkündiger.
Große Wirkungen aus kleinen Ursachen, wo der Herr zu einem Werke beruft.
Wie solche, die noch Kindlein in der Gnade sind, Großes verkündigen und Großes ausrichten können.
Die Mächte der Bosheit, durch das Zeugnis schwacher Gläubigen zunichte gemacht.
Der große Feind Gottes und der Menschen, vernichtet durch die Siege der Gnade.
V. 5. Die Unbedeutenheit des Menschen. Gottes Gedenken an ihn. Die göttlichen Heimsuchungen. Die Frage: Was ist der Mensch? -- Jedes dieser Themata würde für eine Predigt genügen, oder man könnte sie miteinander vereinigen.
V. 6. Des Menschen Stellung zu den Engeln.
Die Stellung, welche Jesus um unsertwillen eingenommen hat.
Die Krone der Menschheit: die Herrlichkeit unserer Natur in Jesu Person.
V. 6-9. Die Weltherrschaft unsers Herrn Jesu.
V. 7. Des Menschen Rechte und Pflichten gegen die niederen Geschöpfe.
Die Herrschaft des Menschen über die Tiere, und wie er sie ausüben sollte.
V. 7b. Der rechte Platz für alle irdischen Dinge: unter unsern Füßen.
V. 10. Wie wir beim Wandern durch viele Gegenden die Köstlichkeit des Namens des Herrn überall genießen können.
Fußnoten
1. Wörtlich übersetzt lautet diese Verszeile: welcher lege (Imperativ) deine Pracht auf die Himmel . Das ist eine unmögliche Satzbildung; auch erwartet man nach dem ganzen Inhalt des Psalms nicht eine Aufforderung an Gott, seine Herrlichkeit am Himmel zu entfalten, sondern eine Aussage, dass er, der sich auf Erden und zumal an dem .Menschen in so herablassender Gnade verherrlicht, derselbe sei, der seine Herrlichkeit auch am Himmel wunderbar erstrahlen lasse. Dass dies ungefähr der Sinn sein wird, kann kaum zweifelhaft sein; aber alle bisherigen Versuche, den vorliegenden hebräischen Text dementsprechend zu deuten oder zu ändern, unterliegen sprachlichen Bedenken. Wir heben nur zwei heraus: Man deutet hnftI: als (allerdings regelwidrige) Infinitivform, dann wörtlich: o du, des Herrlichkeitslegung, d. h. der du deine Herrlichkeit auf die Himmel gelegt hast, oder man liest
hnftf (3. Pers. Indik.), indem man ein solches Verb mit der Bedeutung "sich ausdehnen, erstrecken" erfindet und dann so übersetzt: Du, dessen Prachtglanz sich ausbreitet über die Himmel. -- Luthers Übersetzung ist auch nur geraten. Spurgeon fasst mit älteren Auslegern, denen auch Segonds französische Übersetzung folgt, das "über die Himmel" im Sinne von "höher als die Himmel": "der du deine Herrlichkeit über die Himmel gesetzt hast."

2. Wir verdanken die Übertragung dieser poetischen Zeilen, wie auch derjenigen auf Seite 114 f., dem Herrn Superintendenten O. Greeven († 1895). in Büderich, Kr. Mörs.

3. Der Bearbeiter der Deutschen Ausgabe hält die revidierte Lutherübersetzung für richtig. Zum Ganzen vergleiche man die Erläuterungen und Kernworte S. 116.

4. Zu dieser doppelsinnigen Auslegung ist Spurgeon jedenfalls durch den Hebräerbrief (Hebr. 2,5 ff.) geführt worden, der das bracu/ ti der LXX zwar (nach unserer Auffassung) auch zuerst, Vers 7, graduell fasst, dann aber bei der Vers 9 folgenden Anwendung auf Christus das bracu/ ti im zeitlichen Sinne wiederholt. Mit dieser Anwendung ist freilich nicht bewiesen, dass der Schreiber des Hebräerbriefes den Doppelsinn exegetisch dem angeführten Psalmwort belege, sondern er scheint uns dem Hauptgedanken, den ihm der Psalmvers nach den LXX darbot, dass nämlich Jesus graduell ein wenig unter die Engel erniedrigt worden sei, den andern Gedanken noch hinzuzufügen, dass Jesus in diese Erniedrigung nur für eine kleine Weile eingegangen sei.
Es muß alles erst einmal an Gott vorüber, bevor es mich treffen kann. (Helmut Thielicke)

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Regelmäßige Lesung aus der Schatzkammer David Ps.9

Beitragvon Jörg » 16.06.2018 12:32

Kommentar & Auslegung zu PSALM 9



Überschrift

Ein Psalm Davids, von der schönen Jugend, vorzusingen. Die Bedeutung von Nbl twm-l(o ist sehr ungewiss; man hat die Worte von alters her sehr verschieden gelesen und übersetzt. Luther las twm l( als ein Wort, das er (vergl. Ps. 46,1) "von der Jugend" übersetzt. Nbl übersetzte Luther früher: (von der Jugend) des Sohnes; später fasste er es im Sinne von weiß, lilienweiß, dann schön. -- Vielleicht sind die Worte das Stichwort eines alten Liedes, nach dessen Weise der Psalm gesungen werden sollte. Auch dann bleibt fraglich, wie die Worte zu übersetzen seien, vielleicht: "Nach: Tod dem Sohne", oder; "Nach: Stirb für den Sohn". Am Schluss von Ps. 48 mag mit den Worten twm-l( dieselbe Tonweise angedeutet sein. -- Andere übersetzen: "Auf den Tod des Sohnes". -- Etliche jüdische Ausleger fassen ben als Eigennamen: "Auf den Tod des (1. Chr. 15,18 genannten Musikers) Ben". Das Targum versteht unter dem ben den Zweikämpfer Goliath (= 1. Samuel 17,4), als wäre dieser Psalm ein Siegeslied, das David (in späteren Jahren) auf den Tod dieses Feindes Israels gedichtet habe. Mögen wir diese Deutung als rabbinische Spielerei abweisen, ein Triumphlied haben wir offenbar vor uns. Wir wenden es gerne allegorisch auf den Sieg des Sohnes Gottes über den Feind unserer Seele an. Möge dieser Siegesgesang den Kindern Gottes in ihren Kämpfen den Glauben stärken und den Mut der zagenden Frommen beleben.
Über die Reihenfolge der Psalmen sagt Andr. A. Bonar († 1859): "Es ist oft zu bemerken, dass die Psalmen nach inneren Gründen aneinander gereiht sind. Man kann bezweifeln, dass die gegenwärtige Reihenfolge diejenige sei, in welcher sie ursprünglich Israel übergeben worden; eher wird ein Späterer, etwa Esra bei der Zusammenstellung des Kanons, vom Geiste angetrieben worden sein, seine Aufmerksamkeit auf die beste Anordnung der Psalmen zu richten. Man beachte, dass, wie der 8. Psalm den Schluss des 7. wieder aufnimmt, so die ersten Verse des 9. offenbar auf den 8. zurückschauen. Die Herrlichkeit des Namens Jahwes, die im vorhergehenden Psalm so hoch gepriesen wurde, scheint dem Sänger Israels noch in den Ohren fortzuklingen. Und V. 11 kommt er wieder darauf zurück, indem er das Vertrauen derer rühmt, welche diesen Namen kennen. Es ist, als erfüllte der Wohlgeruch des göttlichen Namens noch immer die Luft, in der der Sänger atmet."

Alphabetische Anordnung

Dieser Psalm ist der erste, welcher alphabetische Anordnung hat. Doch ist diese nicht ganz regelmäßig und ist nicht völlig durchgeführt. Auch der 10. Psalm hat Spuren alphabetischer Anordnung, und zwar so, dass manche mit den LXX diesen als Fortsetzung des 9. Psalms ansehen. Außer diesen beiden sind noch sieben Psalmen, nämlich Ps. 25; 34; 37; 111; 112; 119; 145; alphabetisch geordnet, d. h. das erste Wort jeder Verszeile, jedes Verses oder jeder Strophe fängt der Reihe nach mit einem Buchstaben des hebräischen Alphabetes an.

Einteilung

Der Ton des Liedes wechselt so sehr, dass es schwierig ist, eine Gliederung anzugeben. Am besten scheint uns die folgende: Vers 2-7 sind ein Dank und Jubellied. Vers 8-13 beteuert der Sänger wiederholt sein gläubiges Vertrauen im Blick auf die Zukunft. Gebet beschließt den ersten, größeren Teil des Psalms in Vers 14.15 . Der zweite, kürzere Teil dieses Triumphgesanges läuft in allen seinen Teilen dem ersten parallel und ist somit eine Art Wiederholung desselben. Vers 16.17: Jubel über frühere Gerichte Gottes, Vers 18.19: Ausdruck der festen Zuversicht zu der göttlichen Gerechtigkeit in der Zukunft, und Vers 20.21 : Gebet als Schluss des Ganzen. Wir wollen bei der Betrachtung dieses Psalms die Siege unseres Erlösers feiern; fürwahr eine köstliche Aufgabe, wenn der heilige Geist uns darin beisteht.

Auslegung

2. Ich danke dem Herrn von ganzem Herzen,
und erzähle alle deine Wunder.
3. Ich freue mich, und bin fröhlich in dir,
und lobe deinen Namen, du Allerhöchster,
4. dass du meine Feinde hinter sich getrieben hast;
sie sind gefallen und umkommen vor dir.
5. Denn du führest mein Recht und Sache aus;
du sitzest auf dem Stuhl, ein rechter Richter.
6. Du schiltst die Heiden, und bringest die Gottlosen um;
ihren Namen vertilgest du immer und ewiglich.
7. Die Schwerter 1 des Feindes haben ein Ende;
die Städte hast du umgekehret; ihr Gedächtnis ist umkommen samt ihnen.


2. Der Sänger beginnt sein Lied mit heiligen Entschließungen. Ich will 2 dem Herrn danken . Es braucht manchmal unsere ganze Entschiedenheit, den Herrn angesichts seiner Feinde zu bekennen und zu geloben, dass wir seinen Namen preisen wollen, mag schweigen, wer will. Hier aber sieht der Glaube schon die Feinde vollständig darniederliegen, und darum strömt der Gesang von heiliger Freude über. Es ist ja unsere Pflicht, den Herrn zu preisen; aber wir wollen diese Pflicht als unser seliges Vorrecht ausüben. Man beachte, wie Davids Lobpreis dem Herrn allein geweiht ist. Ja, Ihm allein gebührt der Dank und Preis. Wohl mögen wir auch gegen die erkenntlich sein, durch welche Gott uns seine Segnungen vermittelt; aber unser Dank muss weite Schwingen haben und hoch zum Himmel aufsteigen. Von ganzem Herzen. Mit halbem Herzen Gott danken ist so viel wie ohne Herz, nur mit den Lippen Gott nahen. Ich will erzählen alle deine Wunder . Die rechte Art, unseren himmlischen Vater zu loben, ist die, von seinen Führungen dankbar zu erzählen. Das ist ein Thema, worüber die Gottesfürchtigen oft miteinander reden sollten, und es heißt noch nicht, Perlen vor die Schweine werfen, wenn wir etwa auch Gottlose merken lassen, wie viel Liebe und Fürsorge wir vom Herrn erfahren haben. Alle deine Wunder. Dankbarkeit für einen Erweis der göttlichen Gnade frischt das Andenken an tausend andere in uns auf. Nehmen wir ein Glied der silbernen Kette göttlicher Barmherzigkeit zur Hand, so zieht es eine ganze Reihe teurer Erinnerungen nach sich. Da haben wir schon jetzt ein Stück Ewigkeitsarbeit; denn wir werden nie damit zu Ende kommen, alle Liebesbeweise Gottes zu seinem Preise zu verkündigen. Haben wir ein Auge für unsere Sündhaftigkeit und Nichtigkeit, so muss uns jede einzelne Tat Gottes, für uns oder in uns gewirkt, -- dass er uns das Leben erhalten, die Sünden vergeben und uns zur Bekehrung geführt hat, dass er uns erlöst und heiligt, -- als ein Wunderwerk erscheinen. Ja noch im Himmel wird ohne Zweifel die Gnade uns nicht nur ein Gegenstand des Entzückens, sondern auch des Staunens sein.

3. Ich will mich freuen und fröhlich sein (frohlocken) in dir. Ein heiterer und froher Sinn ist die zum Preise der Güte Gottes dienlichste Gemütsverfassung. Die Vögel erheben ihren Schöpfer mit frohlockendem Gesang, die Herden blöken fröhlich und tummeln sich auf den Weiden zu seinem Preise, und die Fische springen ihm zu Ehren im Wasser auf vor Ergötzen. Moloch mag mit Schmerzensgeschrei und Dschaggernaut mit Todesgestöhn und unmenschlichem Geheul verehrt werden, -- Er aber, des Name die Liebe ist, hat Wohlgefallen an dem heiligen Frohsinn und der durch den Geist gewirkten Freude seines Volkes. Sich täglich neu zu freuen ist eine Zierde des christlichen Charakters. Freude ist ein passendes Gewand für die Zionssänger. Einen fröhlichen Geber hat Gott lieb, ob wir nun das Gold unseres Beutels oder das Gold unserer Lippen auf den Altar bringen. Ich will loben deinen Namen, du Allerhöchster . Lobgesänge sind der passende Ausdruck innerer Dankbarkeit, und es wäre gut, wenn wir den Gesang noch mehr pflegten, um Gott damit zu verherrlichen. B. Power (1862) sagt sehr richtig: "Die Matrosen lichten die Anker mit munteren Rufen, der Ackersmann pfeift in die frische Morgenluft hinaus, während er sein Gespann antreibt, und das Milchmädchen singt ihr ländliches Lied, während sie in der Frühe ihrem Berufe nachgeht. Wenn die Krieger ins Feld hinausziehen, schreiten sie, wiewohl sie teure Angehörige zurücklassen, nicht nach den Klängen einer Trauerweise einher, sondern nach dem lebhaften Takt eines munteren Marsches. Ein dankbar frohes Gemüt würde uns den gleichen Dienst leisten, wie jenen Musik und Gesang. Könnten wir uns nur entschließen, den Herrn zu preisen, so würden wir über manche Schwierigkeit hinwegkommen, die wir mit gedrücktem Gemüt nie überwinden können, und wir würden doppelt soviel leisten, als wenn der Herzschlag matt und die Seele mutlos und verzagt ist. Wie der böse Geist Sauls vor alters den Harfenklängen des Sohnes Isais weichen musste, so würde auch der Geist der Schwermut oft von uns fliehen, wenn wir nur einen Lobgesang anstimmen wollten."

4. Deswegen, dass meine Feinde rückwärts wichen; sie sind gefallen und umgekommen vor deinem Angesicht . (Wörtl.) Gottes Gegenwart ist jederzeit imstande, unsere wütendsten Feinde niederzustrecken; legt der Herr Hand an sie, so ist ihr Untergang ein so vollständiger, dass auch die Flucht sie nicht mehr retten kann. Sie straucheln und fallen, um nicht wieder aufzustehen; vor seinem Blick vergehen sie. Wir müssen aber, wie David, sorgfältig darauf bedacht sein, ihm, dessen Gegenwart uns den Sieg verleiht, auch alle Ehre zu geben. Wenn wir als Kinder des neuen Bundes in diesen Versen das Siegeslied unseres Herzogs vernehmen, so lasst uns aus dem Triumphgesang des Erlösers zugleich einen Triumphgesang der Erlösten machen und uns mit ihm über die vollständige Niederlage aller seiner Feinde freuen.

5. Denn du hast mein Recht und meine Sache hinausgeführt; du hast dich auf den Thron gesetzt als gerechter Richter. (Grundt.) Der Wahlspruch Wilhelms von Oranien, des Befreiers der Niederlande, lautete: Je maintiendrai, Ich erhalt’s; er war gewillt, seinem Volke seine verbrieften und beschworenen Rechte zu schirmen. Der Christ hat einen noch besseren und zugleich demütigeren Wahlspruch: Du erhältst 3. Gott und mein Recht (Dieu et mon droit 4) sind durch meinen Glauben eins geworden. Solange der alte Gott lebt, wird mein Recht mir nicht genommen werden. Wenn wir die Sache und die Ehre unseres Gottes zu verfechten suchen, mögen wir allerlei Vorwürfen und falschen Beurteilungen ausgesetzt sein; aber wir finden reichen Trost darin, dass, der auf dem Throne sitzt, unsere Herzen kennt und uns deshalb nicht dem Gericht fehlbarer Menschen überlassen wird, die nur sehen, was vor Augen ist, und in ihren Urteilen oft viel Unwissenheit und wenig Großmut zeigen.

6. Du hast die Heiden gescholten, den Gottlosen umgebracht, ihren Namen vertilget auf immer und ewig . (Grundt.) Gott warnt die Gottlosen, ehe er sie verderbt; aber wenn einmal das Maß voll ist, hört er nicht eher mit Schlagen auf, als bis er die Gottlosen so zerschmettert hat, dass auch ihr Name vergessen wird und ihr Gedächtnis wie ein übel riechender Docht für immer ausgelöscht ist. Wie oft kehrt in diesem und dem vorigen Verse das Wörtlein Du wieder, um uns zu zeigen, dass der Ausdruck der Dankbarkeit geradeswegs zu Gott aufsteigt, wie der Rauch vom Altar bei ruhiger Luft. Lass auch du, meine Seele, deinen Lobgesang mit Macht zu ihm emporsteigen, der dein Erlöser war und ist!

7. Der Feind (kollektivisch für: die Feinde) -- vernichtet sind sie, Trümmer auf ewig; und die Städte hast du zerstört, vertilgt ist ihr, ja ihr (der Feinde) Gedächtnis . (Grundt.) Nun jauchzt der Psalmist über den gefallenen Feind. Er beugt sich gleichsam über seine im Staube liegende Gestalt und höhnt seine einst so prahlerisch gerühmte Stärke. Es scheint fast, als nehme er dem Prahler sein Triumphlied aus dem Mund und singe es ihm zum Spott. Ähnlich spricht unser erhöhter Erlöser zum Tod: Wo ist dein Stachel? Und zum Grabe: Wo ist dein Sieg? Der da Beute suchte, ist selbst zur Beute geworden, und der einst gefangen führte, selbst in Ketten gelegt. Ihr Töchter Jerusalems, geht aus eurem König entgegen, ihn mit Zimbeln und Harfen zu preisen!
Es muß alles erst einmal an Gott vorüber, bevor es mich treffen kann. (Helmut Thielicke)

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Regelmäßige Lesung aus der Schatzkammer David Ps.9

Beitragvon Jörg » 19.06.2018 15:31

8. Der Herr aber bleibt ewiglich;
er hat seinen Stuhl bereitet zum Gericht.
9. Und Er wird den Erdboden recht richten,
und die Völker regieren rechtschaffen.
10. Und der Herr ist des Armen Schutz,
ein Schutz in der Not.
11. Darum hoffen auf dich, die deinen Namen kennen;
denn du verlässest nicht, die dich, Herr, suchen.
12. Lobet den Herrn, der zu Zion wohnet;
verkündiget unter den Völkern sein Tun!
13. Denn er gedenkt und fragt nach ihrem Blut;
er vergisst nicht des Schreiens der Armen.


Im Lichte der Vergangenheit schwinden die ängstlichen Zweifel um die Zukunft. Weil der allmächtige Gott den Thron seiner Macht für alle Zeiten innehat, können wir mit rückhaltlosem Vertrauen frohlocken über unsere für alle Zukunft gegründete Sicherheit.

8. Die feste Grundlage unserer Freude ist das unaufhörliche Leben und die unwandelbare Herrschaft unseres treuen Bundesgottes. Der Feind selbst und sein Zerstörungswerk findet ein für alle Mal ein Ende, der Herr aber bleibt und thront (Grundt.) ewiglich. Der ewige Bestand der göttlichen Herrschaft gibt uns starken, nie wankenden Trost. Er hat seinen Stuhl bereitet (aufgestellt) zum Gericht , er hält ihn zum Gericht bereit. Wir verstehen den Ausdruck von der Pünktlichkeit und Schnelligkeit der göttlichen Gerechtigkeit. In den himmlischen Gerichtshöfen werden die Kläger nicht durch langen Aufschub mürbe gemacht. Das Reichsgericht dort oben tagt das ganze Jahr über. Und wenn Tausende zugleich vor den Stuhl des Richters der ganzen Erde kommen, so soll doch weder ein Kläger noch ein Beklagter darüber Beschwerde führen können, dass Gott nicht bereit gewesen sei, ihrem Vorbringen Gehör zu schenken.

9. Wie immer es bei irdischen Gerichten zugehen mag, von dem himmlischen Richterstuhl ergeht gerechtes Gericht. Parteilichkeit und Ansehen der Person ist dem Heiligen in Israel gänzlich fern. Und alle jetzigen Erweisungen seiner Gerechtigkeit sind ein Vorspiel und eine Weissagung des kommenden großen Endgerichtes: Und Er wird den Erdkreis richten mit Gerechtigkeit und den Völkern ihr Urteil sprechen, wie es recht ist . (Grundt.) Wie sollte doch die Aussicht, einst vor dem unparteiischen Tribunal des großen Königs erscheinen zu müssen, uns ein Hemmschuh sein, wenn wir zur Sünde gelockt werden, und anderseits ein Trost, wenn man uns verleumdet oder bedrückt.

10. Und so ist der Herr, der dem Gottlosen am Tage des Gerichts keinen Schutz gewährt, eine Burg (der Zuflucht) dem Unterdrückten, eine Burg für die Zeiten der Not. 5 (Grundt.) Gottes Volk ist hienieden vielerlei Bedrückung ausgesetzt, sowohl von Menschen als vom Satan, und es ist den Heiligen oft, als müssten sie unter dem Druck schier zermalmt werden; aber für alle, auch die größte Not ist beim Herrn Schutz und Hilfe zu finden. Wie die Schiffe sich vor dem Sturme in den Hafen flüchten, so eilen Gottes Kinder in den Anfechtungen unter die Flügel ihres gerechten und gnädigen Gottes. Er ist eine sichere Feste; auch die Heerscharen der Hölle können sie nicht erstürmen, und von ihren erhabenen Zinnen kann der Glaube mit heiliger Geringschätzung auf seine Feinde hinabblicken.

11. Darum hoffen (vertrauen) auf dich, die deinen Namen kennen . Wie das die schlimmste Unwissenheit ist, von Gott nichts zu wissen, so ist das die beste Erkenntnis, deren Mittelpunkt der Name Gottes ist. Diese höchste Erkenntnis führt zu der köstlichsten Würde, dem Glauben. O wie verlangt unsere Seele danach, Gott noch besser kennen zu lernen! Der Unglaube, dieser krächzende Nachtvogel, kann das Licht der göttlichen Erkenntnis nicht ertragen; er flieht vor dem Sonnenlicht des großen, gnadenreichen Namens Gottes. Welch sicherer Bergungsort ist der Name Jahwe, wie unerschöpflich die Fülle, die er dem Glauben darbietet! Wir erinnern noch an andere Ausdrücke der Schrift, die uns das Wesen Jahwes näher nach einzelnen Richtungen hin kundtun, wie z. B.: Der Herr sieht (1. Mose 22,14). Der Herr unsere Gerechtigkeit (Jer. 23,6; 33,16). Ich, der Herr, dein Arzt (2. Mose 15,26). Der Herr ist der Friede (Richter 6,24). Der Herr mein Panier (2. Mose 17,15). Mit dem Kennen des göttlichen Namens ist aber auch ein erfahrungsmäßiges Bekanntsein mit den Eigenschaften Gottes gemeint. Jede derselben ist ein Anker, der die Seele davor bewahrt, in den Stürmen des Lebens ein Spielball der Wellen zu werden. Denn du verlässt nicht, die dich, Herr, suchen . Der Herr mag eine Zeitlang sein Angesicht vor seinem Volk verbergen, aber noch nie hat er solche, die noch ihm fragen, wirklich völlig und endgültig verlassen. Mögen denn die gebeugten Seelen, die den Herrn suchen, aus dieser Tatsuche Trost schöpfen und, wenn sie Ihn gefunden haben, sich hoch freuen; denn wenn Gott schon denen so gnädig ist, die ihn suchen, was muss erst seine Treue gegen die sein, die ihn gefunden haben!

Zerbrochenen Herzen verheißest du Ruh,
Erfreust, die gebeugt sind von Sorge und Schmerz;
Mit Liebe begegnest Gefallenen du,
Den Suchenden öffnet sich freundlich dein Herz.

Doch was du, o Jesu, den Deinen erst bist,
Kein Griffel kann’s schreiben, kein Mund es erzählt.
Ja, was uns die Liebe des Heilandes ist,
Das wissen nur die, die er selber erwählt.

12. Lobsinget dem Herrn, der zu Zion wohnet; verkündiget unter den Völkern seine (großen) Taten . (Grundt.) Davids Herz fließt von Dankbarkeit über; darum muss er auch andere aufrufen, Gott zu preisen, so wie er selbst es in den zwei ersten Versen zu tun gelobt hatte. Ein vom himmlischen Feuer der Dankbarkeit entzündetes Herz entflammt in andern dieselbe Glut. Sind wir des Lobes voll, so lässt es uns keine Ruhe, bis wir unsere ganze Umgebung dazu bewogen haben, sich mit uns in dieser seligen Beschäftigung zu vereinen. Singen und Predigen , das Loben Gottes im Liede und das Verkündigen seiner Taten, sind hier als Mittel zur Verherrlichung Gottes nebeneinander genannt, und es ist sehr bemerkenswert, dass mit allen Wiederbelebungen der evangelischen Predigt ein plötzliches Hervorbrechen des Geistes des Gesangs verbunden war. Zur Zeit der Reformation waren Luthers Psalmen und Lieder überall in aller Leute Mund; auch in Frankreich war der Gesang französischer Psalmen das sicherste Kennzeichen der Evangelischen. In der großen englischen Erweckung unter Wesley, und Whitfield im 18. Jahrhundert waren die Lieder von Charles Wesley, Cennick, Berridge, Toplady, Hart, Newton und vielen anderen die Frucht der wiederbelebten Frömmigkeit. Und auch unser reicher Schatz an deutschen Kirchenliedern und geistlichen Gesängen ist ja eine Frucht der Zeiten neu erwachten Glaubenslebens, der Zeit der Reformation, des Pietismus usw., während der Rationalismus eine wahre Hungersnot in dieser Beziehung hervorbrachte. Wie mit der Wiederkehr des Frühlings die Singvögel ihre Weisen erschallen lassen, so erscheinen auch die geistlichen Sänger jedes Mal, wenn durch Gottes gnädige Heimsuchung ein neuer geistlicher Frühling hereinbricht und die Wahrheit wieder mit Macht verkündigt wird. Darum, meine Brüder, lasst uns fortfahren zu singen und zu predigen; beides wird ein Zeichen sein, dass der Herr noch immer in Zion wohnt. Und wenn wir uns mit Gottes Volk versammeln, dann lasst uns auch dessen eingedenk sein, dass der Herr in Zion, inmitten seiner Gemeinde wohnt und dass uns heilige Ehrfurcht vor ihm, der in unserer Mitte ist, geziemt.

13. Denn er, der Blutschulden rächt 6, gedenket an sie (die gleich genannten Elenden); er vergisst nicht des Schreiens der Elenden . Wenn Gott nach dem Blut der Unterdrückten fragen wird, so wird der geschlachteten Blutzeugen zuerst gedacht werden. Er wird seine Auserwählten rächen. Auch die Heiligen, die dann noch auf Erden leben, wird Gott anhören. Aller Schmach werden sie entledigt und vor dem Verderben bewahrt werden, wenn des Herrn furchtbares Gericht anhebt. Der Mann mit dem Schreibzeug an seiner Seite (Hes. 9,2 ff.) wird sie alle mit einem Zeichen versehen, ehe die Würger Erlaubnis bekommen, die Feinde des Herrn zu schlagen. Das Schreien der Elenden, die auf den Herrn trauen, soll weder durch die Donnerstimme der göttlichen Gerechtigkeit, noch durch das Wehgeschrei der Verdammten erstickt werden.
Es muß alles erst einmal an Gott vorüber, bevor es mich treffen kann. (Helmut Thielicke)

Jörg
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Regelmäßige Lesung aus der Schatzkammer David Ps.9

Beitragvon Jörg » 22.06.2018 15:11

14. Herr, sei mir gnädig, siehe an mein Elend unter den Feinden,
der du mich erhebest aus den Toren des Todes,
15. auf dass ich erzähle all deinen Preis
in den Toren der Tochter Zion, dass ich fröhlich sei über
deiner Hilfe.


14. Erinnerungen aus der Vergangenheit und festes Vertrauen im Blick auf die Zukunft geleiten David, den Mann Gottes, an den Gnadenthron, wo er für die Bedürfnisse der Gegenwart zu Gott fleht. So füllt er seine Zeit halb mit Loben, halb mit Bitten aus. Wie könnte er sein Leben nützlicher zubringen? Sein erstes Gebetswort: Herr, sei mir gnädig, passt für alle Menschen und alle Umstände. Es zeugt von Demut und Selbsterkenntnis und wendet sich an den rechten Helfer, den Gott aller Gnade. So wie Luther gewisse Sprüche der Schrift eine Bibel im Kleinen zu nennen pflegte, so können wir diese unscheinbare Bitte ein Gebetbüchlein heißen, denn sie enthält das innerste Mark alles Betens. Sie sagt multum in parvo, viel mit wenig Worten. Diese Leiter mag kurz erscheinen, und doch reicht sie von der Erde bis zum Himmel. Weiter bittet David: Siehe an mein Elend (das ich leide) von meinen Hassern. (Wörtl.) Andere (und zwar schon etliche der alten Übersetzer) lesen den Vers als Aussage: Der Herr hat sich mein erbarmt, hat gesehen, was ich leide von denen, die mich hassen. Wie herrlich ist, was null vom Allerhöchsten ausgesagt wird: Der du mich erhebest aus den Toren des Todes . Welch glorreiche Erhebung! Durch Krankheit, Sünde, Verzweiflung und Versuchung allerart sind wir tief gesunken, und bereits schien das düstere Tor des Kerkers sich zu öffnen, um uns auf ewig aufzunehmen; aber unter uns walteten die ewigen Arme, und sie hoben uns empor bis an des Himmels Tore. John Trapp († 1669) sagt treffend: "Gott hält mit seiner Hilfe sehr oft zurück, bis unsere Lage ganz verzweifelt geworden ist, und errettet uns, wenn wir nur noch das Grab vor uns sehen."

15. Lasst uns den Zweck nicht übersehen, den David im Auge hat, wenn er Gnade begehrt. Es ist die Verherrlichung Gottes: dass ich erzähle all deinen Preis . Die wahren Frommen sind nicht so selbstsüchtig, nur an sich zu denken. Sie begehren die Juwelen der Gnade, damit auch anderer Augen dieselben leuchten und funkeln sehen und den bewundern mögen, der den Seinen solch unschätzbare Kleinode schenkt. Der Gegensatz zwischen den Toren des Todes V. 14 und den Toren der Tochter Zion V. 15 ist überraschend. Lasst uns zu Herzen fassen, woraus wir errettet und wozu wir erhoben sind! Muss uns das nicht zu jubelnder Freude über das Heil des Herrn begeistern, wie der Psalmist sagt: dass ich über deine Hilfe (oder dein Heil) frohlocke (Grundt.)? Und wenn wir erwägen, was für ein Erbarmen es ist, das uns solches Heil bereitet hat, muss da unsere Bitte um immer neue Gnade (V. 14) nicht mit mehr Eifer und Inbrunst empordringen? Wenn David sagt: "Dass ich erzähle allen deinen Preis", so steht ihm dabei wohl vor der Seele, wie sich in seiner Errettung der ganze Reichtum der Gnade in all ihrer Tiefe und Höhe verherrlichen werde.
Damit schließt der erste Teil dieses lehrreichen Psalms; und ehe wir fortfahren, drängt es uns, auszusprechen, dass wir von ferne nicht die Tiefen desselben erschöpft haben. Die Verse sind voll köstlicher Wahrheiten, und unter der Erleuchtung des heiligen Geistes mag der Leser, wie es der Schreiber dieser Bemerkungen dutzende Male getan hat, wieder und wieder den Psalm durchgehen und jedes Mal wieder neue Schönheiten darin finden.

16. Die Heiden sind versunken in der Grube, die sie zugerichtet hatten;
ihr Fuß ist gefangen im Netz, das sie gestellet hatten.
17. So erkennt man, dass der Herr Recht schafft.
Der Gottlose ist verstrickt in dem Werk seiner Hände. Zwischenspiel.



16.17. Das Wort higgajon von der revidierten Bibel in Übereinstimmung mit vielen Erklärern mit Zwischenspiel übersetzt, wird von andern Auslegern (z. B. Ötinger, Tholuck, Hengstenberg) als Aufforderung zum sinnenden Nachdenken 7 aufgefasst. Wir sollen mit tiefem Ernste bei der Betrachtung dieses schrecklichen Gemäldes von Gottes überwältigenden Gerichten über seine Feinde stillstehen. Sinne nach! Pause! Bedenkt euch wohl und bereitet eure Herzen feierlich zu, wie es der Suche würdig ist, die wir betrachten! So lasst auch uns an diese Verse mit demütigem Geiste herantreten und zuerst darauf merken, dass Gottes Wesen die Bestrafung der Sünde erfordert. Der Herr hat sich kundgetan; er hat Gericht geübt. (V. 17 a Grundt.) Die beiden Sätze stehen sachlich im engsten Zusammenhang: Gottes Wesen offenbart sich in seinen Gerichten. Seine Heiligkeit und sein Abscheu vor der Sünde tun sich darin kund. Ein Herrscher, der gegen das Schlechte ein Auge zudrückte, würde bald von all seinen Untertanen selbst als schlecht erkannt werden; hingegen offenbart derjenige, welcher strenge Gerechtigkeit beim Richten walten lässt, seine eigene Gerechtigkeit. Solange unser Gott Gott ist, will und kann er den Schuldigen nicht schonen, ausgenommen auf dem einen herrlichen Wege, wobei er gerecht bleibt und gerecht macht den, der da ist des Glaubens an Jesum (Röm. 3,26). Sodann lasst uns auf die Art und Weise seines Gerichts merken. Sie ist eigenartig weise, und ihre Gerechtigkeit ist über alle Einsprache erhaben. Er lässt die Gottlosen das Gericht an ihnen selbst vollziehen. Der Gottlose ist verstrickt in dem Werk seiner (eigenen) Hände (V. 17). Die Heiden sind versunken in der Grube, die sie zugerichtet hatten; ihr Fuß ist gefangen im Netz, das sie (heimlich) gestellt hatten (V. 16). Wie schlaue Jäger bereiteten sie eine Fallgrube für die Gottesfürchtigen und fielen selbst darein. Der Fuß des Opfers entkam ihren künstlichen Schlingen, aber das Netz umgarnte sie selbst. Die grausame Schlinge war mit viel Mühe zugerichtet, und sie beweist nun ihre Wirksamkeit dadurch, dass sich der darin verfängt, der sie gelegt hat. Verfolger und Bedrücker werden oft durch ihre eigenen boshaften Pläne zugrunde gerichtet. Trunkenbolde töten sich selbst, und Verschwender bringen sich an den Bettelstab; streitsüchtige Leute machen sich durch ihre kostspieligen Prozesse selber bankrott, und die Lasterhaften werden von bösen Krankheiten hingerafft. Die Neidischen nagen an ihrem eigenen Herzen, und die Lästerer laden den Fluch auf ihre eigene Seele. So können die Menschen in ihrer Strafe ihre Sünde lesen. Sie haben den Samen der Sünde ausgestreut, und die natürliche Folge ist die reife Frucht der Verdammnis.
Es muß alles erst einmal an Gott vorüber, bevor es mich treffen kann. (Helmut Thielicke)


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