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Regelmäßige Lesung aus der Schatzkammer David Ps.12

Verfasst: 18.09.2018 15:06
von Jörg
4. Der Herr wolle ausrotten alle Heuchelei, 2
und die Zunge, die da stolz redet,
5. die da sagen. Unsere Zunge soll Überhand haben,
uns gebührt zu reden; 3 wer ist unser Herr?


Dieser vollberechtigte Wunsch der redlichen Herzen wird in Erfüllung gehen; gänzliche Vernichtung wird alle schmeichlerischen und großsprecherischen Heuchler überfallen. Jetzt freilich schnauben und trotzen und prahlen sie noch. Trefflich hat Judas sie wilde Wellen des Meeres genannt, die ihre eigene Schande ausschäumen (Jud. 13). Menschen, die in ihrem Herzen von Gott los sind, haben meist auch ein loses Maul, und manchen von ihnen ist nie wohler, als wenn sie Gottes Oberherrschaft mit frechem Spott verhöhnen und sich vermessen ihrer ungebundenen Freiheit rühmen können. Es ist seltsam, dass das leichte Joch des Herrn die Schultern der stolzen Menschen so drückt, während sie sich die eisernen Fesseln Satans selber anlegen, als ob es goldene Ehrenketten wären. Großsprecherisch rufen sie Gott zu: Wer ist unser Herr? Und hören nicht die hohle Stimme des Bösen aus dem höllischen Abgrund heraufrufen: "Ich bin euer Herr, und mir dient ihr treulich!" Wehe diesen armen Toren! Ihr Hochmut und ihre Selbstherrlichkeit wird ausgerottet werden, wie man eine verwelkende Blume abschneidet. Gebe Gott, dass unsere Seele nicht mit ihnen hingerafft werde! Es ist bemerkenswert, dass hier die schmeichlerischen Lippen und die großsprecherischen Zungen in eine Reihe gestellt werden. Das ist auch offenbar richtig, denn beide sind desselben Fehlers schuldig: der eine schmeichelt anderen, und der andere schmeichelt sich selber. Beide gehen mit Lügen um; der eine belügt andere, der andere belügt sich selber. Man bildet sich gewöhnlich ein, die Schmeichler, diese niederträchtigen Schmarotzer, die sich so kriecherisch und schwänzelnd benehmen, könnten gar nicht stolz sein; aber weise Leute werden es dir sagen, dass, während aller Stolz in Wirklichkeit Niederträchtigkeit ist, auch in der tiefsten Niederträchtigkeit ein nicht geringes Maß von Hochmut ist. Cäsars Ross ist noch stolzer, dass es Cäsar trägt, als Cäsar, dass er es reitet. Die Matte, auf der der Kaiser seine Schuhe abgeputzt hat, rühmt sich prahlerisch und schreit: Ich habe die kaiserlichen Schuhe gereinigt! Niemand ist so widerlich anmaßend als die kleinen Kreaturen, die sich dadurch in ein Amt schleichen, dass sie vor den Großen kriechen. Das sind in der Tat schlimme Zeiten, wo solch gemeinschädliche Subjekte zahlreich sind und die Macht in Händen haben. Kein Wunder, dass die gerechte Vertilgung dieser heillosen Menschen den Stoff zu einem Psalm darbietet; denn Himmel und Erde sind dieser die göttliche Gerechtigkeit herausfordernden Missetäter müde, deren Dasein eine Plage ist für alle, die mit ihnen etwas zu tun haben. Es steht nicht in Menschenmacht, die Zunge solch prahlerischer Schmeichler zu bändigen; der Herr aber wird gründliche Abhilfe schaffen und ihnen auf ihre schwülstigen Reden eine Antwort geben, die ihnen den frechen Mund für immer schließen wird.

6. Weil denn die Elenden verstöret werden, und die Armen seufzen,
will ich auf, spricht der Herr;
ich will eine Hilfe schaffen dem, der sich danach sehnet.


Zur rechten Stunde wird Gott seine Auserwählten erhören, die Tag und Nacht zu ihm rufen (Lk. 18, 7). Ob er auch lange mit ihren Bedrückern Geduld hat, wird er doch endlich eilend Rache üben. Wegen der Vergewaltigung Elender, wegen des Seufzens der Armen will ich mich nun aufmachen, spricht der Herr, will in Heil versetzen den, der sich darnach sehnt. (Wörtl.) Man beachte, wie die Unterdrückung der Frommen, so still diese sie auch tragen mögen, doch mit lauter Stimme zu Gott schreit. Der Herr empfindet tief mit den Seinen; ihre Leiden dringen mit mächtiger Beredsamkeit an sein Herz. Nach und nach aber fangen auch sie selber unter dem zunehmenden Druck an zu seufzen und ihren Jammer vor ihm auszuschütten, und dann kommt die Hilfe eilend herbei.
Welche Kraft liegt doch in dem Seufzen des Armen: Es bewegt den Allmächtigen, sich von seinem Thron zu erheben. Vor Unterdrückung und Elend wagte der Arme es nicht, seinen Mund aufzutun, er seufzte nur heimlich; aber der Herr hat es gehört, und nun leidet es ihn nicht in der Ruhe, er steht auf und gürtet sein Schwert zum Kampfe. Das ist ein Tag des Heils, wenn das Sehnen unseres Herzens Gott in unsere Kämpfe hereinzieht; denn wenn sein entblößter Arm sich zeigt, wird Philistäa den Tag verwünschen. Die dunkelsten Stunden der Nacht, in denen die Gemeinde des Herrn seufzt, sind die, welche dem Tagesanbruch vorhergehen. Des Menschen Verlegenheiten sind Gottes Gelegenheiten. Wenn die Not am größten, ist die Hilfe am nächsten. Der Herr Jesus wird erscheinen, wenn die unterdrückten Seinen seufzen, als ob alle Hoffnung für immer verloren wäre. O Herr, lass die Stunde bald kommen, wo dein Nun ertönt; stehe eilend auf zu unserer Hilfe. Wird es einem unter mancherlei Leid seufzenden Leser gegeben, die Verheißung dieses Verses für sich zu ergreifen, so möge er sich die ganze Fülle des Trostes, die darin verborgen ist, dankbar aneignen. Gurnall († 1679) sagt: "Wie man ein ganzes Ohm Wein aus einem Zapfhahn abziehen kann, so kann sich auch die bedrückte Seele den ganzen Trost des göttlichen Heilsbundes aus einer einzigen Verheißung zuströmen lassen, wenn sie es vermag, dieselbe richtig anzuwenden. Er, der hier verheißt, uns in Heil zu versetzen , meint damit, dass er uns Hilfe schaffen will von allen unsern Feinden, dass er uns auf Erden retten und bewahren und endlich ewiges Heil im Himmel geben will.

Regelmäßige Lesung aus der Schatzkammer David Ps.12

Verfasst: 22.09.2018 08:34
von Jörg
7.Die Rede des Herrn ist lauter,
wie durchläutert Silber im irdenen Tiegel,
bewährt siebenmal.

Welch ein Gegensatz zwischen den trügerischen Reden der Menschenkinder (V. 3) und den lauteren Reden Jahwes! Menschenworte sind Ja und Nein zugleich; Gottes Verheißungen sind Ja und Amen. (2.Kor. 1, 19 f.) Die Worte des Herrn sind wahr und klar, heilig und zuverlässig, lauter, wie Silber, das im Schmelztiegel geläutert zur Erde niederfließt, siebenfach gereinigt ist. (Dies die wahrscheinlichste Bedeutung des Grundtextes.) Es ist hier auf die schärfste den Alten bekannte Läuterungsweise angespielt. Dabei wurden alle Schlacken von der Hitze verzehrt; nur das klare, kostbare Metall blieb übrig und floss aus dem Schmelzofen zur Erde nieder. So lauter, so frei von aller Beimischung von Irrtum und Unzuverlässigkeit sind die Reden des Herrn. Auch das geschriebene Wort Gottes ist hindurchgegangen durch den Schmelzofen der Verfolgung, der Kritik, der Zweifel, welche die Philosophie aufgebracht hat, und der Entdeckungen der Wissenschaft, und hat nichts dabei verloren als jene menschlichen Auslegungen und Deutungen, die sich daran gehängt hatten wie fremde Stoffe all edles Metall. Die Erfahrung der Gläubigen hat es auf jede erdenkliche Weise erprobt; aber nicht eine einzige Lehre der Schrift und nicht eine einzige Verheißung ist auch durch die größte Hitze der Anfechtung zunichte gemacht worden. Sind Gottes Reden also lauter, so sollten es auch die Reden seiner Kinder sein. Wollen wir im Verkehr mit den Menschen Gott ähnlich sein, so müssen wir unsere Zunge hüten und mit Sorgfalt darauf achten, dass in unseren Gesprächen Redlichkeit und Reinheit gewahrt werden.

8.Du, Herr, wollest sie bewahren,
und uns behüten vor diesem Geschlecht ewiglich!

Du, Herr, wirst sie (was sich wohl auf die Elenden V. 6 bezieht) bewahren und ihn (den, der sich nach dem Heile sehnt, V. 6) oder (nach den LXX 4 uns behüten vor diesem Geschlecht ewiglich . Einem bösen Geschlechte in die Hände zu fallen, so dass man durch seiner Mitmenschen Grausamkeit gequält oder aber durch ihren schlechten Einfluss verunreinigt wird, ist ein Übel, das man überaus fürchten muss: aber es ist ein Übel, das in unserm Schriftwort vorausgesehen und für das Vorsorge getroffen ist. Im Leben hat mancher Knecht des Herrn seinem Zeitalter ein Jahrhundert vorausgelebt, als hätte er seine Seele in die hellere Zukunft entsandt und wäre er den Nebeln der düsteren Gegenwart entflohen. Ungeehrt und missverstanden ist er ins Grab gesunken; aber siehe da, Geschlechter kommen und gehen, und auf einmal wird sein Gedächtnis wieder ausgegraben, als Held lebt er wieder auf in der Bewunderung und Liebe der Trefflichsten auf Erden. Nun ist er auf immer beschützt vor dem Geschlecht derer, die ihn als einen Unruhestifter gebrandmarkt oder als einen Ketzer verbrannt haben. Es sollte unser tägliches Gebet sein, dass wir uns über unser Geschlecht erheben mögen wie die Alpenhöhen über die Wolken, und dass wir als gen Himmel weisende Bergesgipfel hoch über die Nebel der Unwissenheit und Sünde, die um uns her fluten, emporragen mögen. O du ewiger Gottesgeist, erfülle auch uns nach deiner Treue die Verheißung dieses Verses! Unser Glaube klammert sich an deine Zusicherung. Ja, du wirst es tun.

9.Denn es wird allenthalben voll Gottloser,
wo solche nichtswürdige Leute unter den Menschen herrschen.

Noch einmal betrachtet der Psalmist mit Seufzen die überhand nehmende Ruchlosigkeit, diese bittere Quelle so vielen Elends und Grames, deren Bitterkeit ihn zuerst (V. 2) getrieben hatte, zu dem Born des Heils zu eilen. Die Worte des Grundtextes enthalten zwar (wie so oft, wenn der Psalmist Nachtbilder der menschlichen Sünde malt) manche Dunkelheit, so dass es schwer hält, eine sichere Deutung zu gewinnen. Meist übersetzt man etwa: Ringsum ergehen sich (frei und behaglich, oder: stolzen Hauptes) die Gottlosen, wenn die Gemeinheit unter den Menschen obenauf kommt . Wenn die, welche die Macht in Händen haben, nichtswürdig sind, werden ihre Untergebenen um nichts besser sein. Wie die warme Sonne das schädliche Geschmeiß aus der Erde bringt, so befördert ein gottloser Mensch, der an hoher Stelle steht, ringsumher das Laster. Unsere Rennbahnen z. B. würden nicht so von schändlichen Dingen wimmeln, wenn nicht die, welche nur dem Namen nach vornehm sind, das Treiben unterstützen würden. Wollte Gott, dass im Gegensatz zu der einflussreichen Scheinherrlichkeit der Gottlosen die wahre Hoheit unseres Herrn Jesus uns ermutigen würde, in seinem Geiste einherzuwandeln und ringsumher und allenthalben guten Einfluss auszuüben. Da Gleiches auf Gleiches wirkt und mithin ein hoch stehender Sünder andere Sünder ermutigt, muss doch sicherlich auch unser hoch erhöhter Erlöser seine Getreuen erwecken und zu frischem, fröhlichem Eifer anspornen. Gestärkt durch den Blick auf seine alles Böse überwindende Macht stehen wir der in unserer Zeit sich ringsumher breit machenden Gemeinheit mit heiliger Entschlossenheit gegenüber und beten nur desto hoffnungsfreudiger: Hilf, Herr! Erfülle deine Zusage: Ich will nun auf, spricht der Herr.

Regelmäßige Lesung aus der Schatzkammer David Ps.12

Verfasst: 25.09.2018 16:00
von Jörg
Erläuterungen und Kernworte

Zum ganzen Psalm. Martin Geier († 1681) nannte diesen Psalm die allgemeine Klage der Kirche zu allen Zeiten. Man vergleiche auch Luthers Umdichtung vom Jahr 1523: Ach, Gott, vom Himmel sieh darein usw. Zwei Knaben in Lübeck, die das Lied von einem blinden Bettler gelernt hatten, stimmten es in der Kirche nach dem Gebet des Kaplans an und rissen damit die ganze Gemeinde hin. Das war der Anfang der Reformation in Lübeck. - Als Gustav Adolf am 24. April 1632 in Augsburg einzog, um der Bedrängnis der dortigen Evangelischen ein Ende zu machen, ritt er geradeswegs auf die St. Anna - Kirche zu, wo sein Hof- und Feldprediger Dr. Fabricius alsbald über Ps. 12, 6 predigte. - I. M.

V. 2. Und der Gläubigen ist wenig. Das Wort amunim heißet: gläubige, ernste, brünstige, wahrhaftige, rechtschaffene Leute, und wird eigentlich entgegengesetzt der Falschheit und Heuchelei; ein solcher treuer und wahrhaftiger Mensch, der da glaubt und dem man glauben darf. Martin Luther 1530.

Viele Menschen rühmen ein jeder seine Gütigkeit; aber wer will einen treuen Mann finden? (Spr. 20, 6 .) Siehe genau zu, beschaue dich selbst im Spiegel des göttlichen Wortes. Bist du ein treuer Hausvater, ein treuer Ratgeber und Mahner? Erfahren deine Nachbarn und deine Freunde wahre Treue von dir? Was für ein Zeugnis stellt uns der tagtägliche Verkehr mit den Menschen aus? Bemühen wir uns nicht oft, ihnen Angenehmes zu sagen auf Kosten der Wahrheit? Sind nicht die Bezeugungen von Hochachtung manchmal in unvereinbarem Widerspruch mit unsern wirklichen Empfindungen? Während man sich vor großen Rechtsverletzungen hütet, gelten in Handel und Wandel vielen Menschen tausenderlei kleine Vergehen für erlaubt, die doch die Scheidemauer zwischen Sünde und Pflicht niederreißen und, nach der göttlichen Richtschnur gemessen, in Wahrheit strafbare Schritte auf verbotenem Schritte und Boden sind. Charles Bridge 1850.

Wie eine zärtliche Mutter, die ihr Kind mitten auf der Straße erblickt, während ein wild gewordenes Gespann in rasendem Laufe dahergesaust kommt, ihren Liebling mit raschem Griff auf den Arm nimmt und ins Haus trägt, oder wie die Gluckhenne, die den raubgierigen Weih über sich erblickt, ihre Küken zu sich lockt und unter ihre Flügel sammelt, so hat auch Gott oft, wenn er ein schweres Unglück über ein Land zu bringen beabsichtigte, solche, die ihm besonders teuer waren zu sich berufen in die Ruhe des Volkes Gottes. Er nimmt seine auserwählten Knechte hinweg, ehe das Übel kommt. So ward Augustinus im Jahre 430 aus der Zeitlichkeit abberufen, kurz bevor Hippo, sein Bischofssitz, von den räuberischen Vandalen erobert wurde. Luther ward hinweggenommen, ehe Deutschland mit Krieg und Blutvergießen erfüllt wurde, und David Pareus (angesehener reformierter Theologe, † 1622) starb in unsern Tagen, ehe Heidelberg geplündert wurde. Aus einer Leichenrede von Edward Dunsterville 1642.

Lass ab zu jammern, einsam zu vertrauern
Im Gram dein Leben, wenn gleich Kerkermauern
Den Ausblick hemmt ein düsteres Geschick.

Wo alle abgewichen, kennt die Treuen
Der Herr, die im Verborgnen ihm sich weihen,
Und schaut auf sie mit väterlichem Blick.

Lass du dein Brot nur übers Wasser fahren
Und tu dein Werk - sei’s auch nach langen Jahren,
Einst spült die Flut ans Land es dir zurück.

Nach John Keble † l866.

V. 3. Einer redet mit dem andern Trügerisches. (Grundt.) In ihrem heuchlerischen Eifer gleichen sie dem Fährmann, der nach der einen Richtung sieht und nach der entgegengesetzten rudert. Denn Leute dieser Art bezwecken etwas ganz anderes, als was sie vorgeben, wie Jehu (2.Kön. 9-10) Eifer um den Herrn vorwandte, während es sein eigentliches Ziel war, das Königtum seines Herrn an sich zu reißen. So schützte auch Demetrius (Apg. 19) großen Eifer für die Göttin Diana vor, während die Triebfeder seines Handelns die Sorge um sein gewinnreiches Handwerk war. Saul verbarg seinen hoffärtigen Ungehorsam unter der Maske des Eifers, schöne Opfer darzubringen (1. Samuel 15). Judas stellte sich gar besorgt um die Armen, um seine Diebesgelüste damit zu verhüllen (Joh. 12, 6). So sind auch in unserer Zeit viele, die mit ihrer Frömmigkeit ein großes Gepränge machen, während ihr Herz auf ganz andere Ziele gerichtet ist. Aber sie mögen gewiss sein, dass sie Gott nimmermehr hintergehen können, ob sie auch die ganze Welt täuschen könnten. Griffith Williams 1636.

Längst ist entschwunden die Treu’ von der Erde; selbst aus dem Himmel
Floh die Gerechtigkeit, und Wahrheit gibt es nicht mehr.
Virgil († 19 v. Chr.), Äneide IV, 373.

Der Mensch ist nichts als Verstellung, Lüge und Heuchelei, und zwar sowohl gegen sich selbst als gegen andere. Er will nicht, dass man ihm die Wahrheit sage, und er scheut es, sie anderen zu sagen. Und all diese mit der Gerechtigkeit und der Vernunft so unvereinbaren Neigungen haben eine natürliche Wurzel in seinem Herzen. Blaise Pascal † 1662.

Des Heuchlers Selbstgespräch: Aus nichts lässt sich so gut ein Deckmantel der Bosheit machen, als aus der Frömmigkeit. Nichts ist so in der Mode, nichts so gewinnbringend wie das. Die Religion ist eine Livree, worin der Kluge zwei Herren, Gott und der Welt, dienen und auf beide Weisen ein gutes Geschäft machen kann. Ich diene beiden, und in beiden mir selber, indem ich beide hinters Licht führe. Vor den Leuten dient niemand seinem Gott mit größerer Aufopferung als ich, und eben dadurch führe ich die Besten unter den Menschen am Gängelbande und erreiche meine Zwecke. Im Geheimen diene ich der Welt, - nicht mit solcher Pünktlichkeit, aber mit mehr Lust; und indem ich ihren Dienern zu Willen bin, erreiche ich mein Ziel und diene mir selber. Wer besucht das Gotteshaus regelmäßiger als ich? Wer ist eifriger in der Erfüllung aller Christenpflichten als ich? Ich faste mit denen, die fasten, damit ich essen könne mit denen, die essen. Ich weine mit den Weinenden. Keine Hand ist freigebiger für jede gute Sache als die meine, und niemand hält in der Hausandacht längere und frömmere Gebete. Da mir so der gute Ruf meines heiligen Lebens vor aller Welt den Ruhm eines gewissenhaften Mannes eingebracht hat, kann es meinem Handel nicht an Kundschaft, meinen Waren nicht an einem guten Preise, meinen Worten nicht an Glauben, meinen Taten nicht an Ruhm fehlen. Bin ich habgierig, so legt man es als weise Vorsicht aus; bin ich geizig, so nennt man es Mäßigkeit; bin ich niedergeschlagen, so deutet man es als göttliche Traurigkeit; bin ich gutes Muts, so nimmt man es für geistliche Freude; bin ich reich, so meint man, es sei der Segen meines gottesfürchtigen Lebens; bin ich arm, so vermutet man, es sei die Folge meines gewissenhaften Handelns; spricht man Gutes von mir, so ist es das Verdienst meines heiligen Wandels; spricht man übel von mir, so ist es die Bosheit übel wollender Menschen. So segle ich mit jedem Winde und verfolge meine Ziele in allen Lagen. Dieser Mantel hält mich im Sommer kühl, im Winter warm und verbirgt trefflich den schmutzigen Sack meiner geheimen Lüste. In diesen Mantel gehüllt, wandle ich unter aller Beifall in der Öffentlichkeit und sündige ich frech im Verborgenen, ohne bei jemand anzustoßen. Ich umziehe Land und Wasser, um einen Gesinnungsgenossen zu machen (Mt. 23, 15); kaum hab’ ich ihn dazu gemacht, so macht er auch mein Glück. Heut’ ruf ich; Wittenberg, und morgen: Röm. Hab’ ich nichts, so stelle ich mich, als hätte ich Überfluss, um mein geschäftliches Ansehen zu erhalten; hab’ ich viel, so heuchle ich Armut, um Steuern zu ersparen. Am meisten besuche ich die Vorträge von Irrlehrern; das halte ich für äußerst gewinnreich, denn da lerne ich, wie man neue Lehren ausbreitet und verteidigt. Das verschafft mir dreimal die Woche ein leckeres Mahl umsonst. Ich gebrauche manchmal eine Lüge als ein neues Kampfesmittel, um das Evangelium aufrecht zu erhalten; und der Unterdrückung anderer gebe ich den Anstrich von göttlichen Gerichten über die Gottlosen. Mildtätigkeit halte ich für eine außerordentliche Tugend, die daher für gewöhnlich nicht auszuüben ist. Was ich bei andern öffentlich tadle um meines Gewinnes willen, das tue ich heimlich zu Hause um meines Vergnügens Willen. Doch halt, ich sehe auf der Tafel meines Herzens eine Handschrift, die mir allen Mut nimmt. Es sind die traurigen Worte: Wehe euch, ihr Heuchler. (Mt. 23, 13 ff.) Francis Quarles † 1644.

Regelmäßige Lesung aus der Schatzkammer David Ps.12

Verfasst: 30.09.2018 07:09
von Jörg
Erläuterungen und Kernworte

Die Welt behauptet in der Tat, die menschliche Gesellschaft könnte gar nicht bestehen, wenn vollkommene Wahrhaftigkeit und Redlichkeit unter den Menschen waltete. Die Welt weiß ohne Zweifel am besten, wie es in ihr steht. Welche Selbstanklage liegt daher in solchem Urteil! Und was für ein Bild enthüllt es uns von dem Gebäude der menschlichen Gesellschaft, wenn es nur durch Schmeichelei und Falschheit zusammengekittet ist und nur durch sie aufrechterhalten werden kann! Barton Bouchier 1855.

Als der griechische Dichter Bion v. Smyrna (280 vor Chr.) gefragt wurde, welches Tier er für das schädlichste halte, gab er zur Antwort: "Unter den wilden Tieren den Tyrannen, unter den zahmen den Schmeichler." Schmeichler sind die gefährlichsten Feinde, die wir haben können. Sir Walter Raleigh († 1618 auf dem Schafott), der selber ein Höfling war und demnach in die ganze Kunst der Schmeichelei eingeweiht war, aber auch in seiner eigenen Laufbahn und seinem Schicksal die gefährliche und trügerische Macht der Schmeichelei, ihre tückische Arglist und bodenlose Falschheit erfahren hatte, bemerkt: "Man sagt, der Schmeichler sei eine Bestie, die hinten schwänzle und vorne beiße. Aber es hält schwer, sie von Freunden zu unterscheiden - sie sind so geschmeidig, so ergeben, so voll von Beteuerungen; denn wie der Wolf dem Hunde ähnlich sieht, so der Schmeichler dem Freunde." Buch der Gleichnisse 1844.

Herz und Herz (wörtl.): eins fürs Gotteshaus, das andere fürs Teufelshaus; eins für den Sonntag, das andere für den Werktag; eins für den König, das andere für den Papst. Ein Mann ohne Herz ist ein Wunder; aber ein Mann mit zwei Herzen ist ein Ungeheuer. So hatte Judas zwei Herzen im Leibe; dagegen lesen wir von der ersten Christengemeine; Die Menge der Gläubigen war ein Herz und eine Seele (Apg. 4, 32). Das war ja auch als besonderer Segen verheißen, Jer. 32, 39; Hes. 11, 19. Thomas Adams 1614.

Sie haben zwei Herzen in sich, eines zur Verstellung gegen andere, und eines für sich. Darum werden die Kinder Zebulon gelobt, dass sie sich zur Ordnung schicken nicht "mit Herz und Herz" (1. Chr. 12, 33). Fr. Chr. Ötinger 1776.

Wenn die Menschen aufhören, ihrem Gott treu zu sein, könnte es nur zu arger Enttäuschung führen, wenn jemand sie gegeneinander treu zu finden erwartete. Mit wahrer Frömmigkeit weicht auch die Redlichkeit von der Erde, und statt des Gewissens nimmt dann die Rücksicht auf den Vorteil die Zügel des menschlichen Verhaltens in die Hand, bis ein Mensch dem andern nicht weiter trauen kann, als er ihn all diesem Stricke festhält. Daher kommt es auch, dass von den vielen, die selber ungläubig sind, doch nur wenige wollen, dass ihre Familien und ihre Untergebenen auch nichts glauben. Sie fühlen es, und sie urteilen darin ganz richtig, dass wahre Christen die einzigen Leute sind, auf deren Pflichttreue mau sich völlig verlassen kann. Bischof D. George Horne † 1792.

V. 4. Die sich eine Freude daraus machen, andere zu betrügen, werden zuletzt sich selber am ärgsten betrogen finden, wenn die Sonne der Wahrheit in ihrem vollen Glanze aufsteigt und alle Heuchelei zugleich offenbar macht und verzehrt. Bischof D. George Horne † 1792.

Ausrotten, Grundbedeutung: abschneiden. Sollte darin nicht eine Anspielung auf jene schreckliche, aber sehr entsprechende Strafe liegen, welche morgenländische Herrscher all Verbrechern auszuüben pflegten? Wer der Lüge oder Falschheit überführt war, dem wurden die Lippen abgeschnitten und die Zunge ausgerissen. So schrecklich, ja noch unendlich entsetzlicher sind Gottes Strafen über die Sünder. C. H. Spurgeon 1869.

V. 5. Die da sagen: Unsere Zunge soll Überhand haben, unsere Lippen sind mit uns im Bunde. (Grundt.) Ja, so war’s. Zwölf geringe, ungelehrte Männer auf der einen Seite, die ganze Beredsamkeit Griechenlands und Roms in Schlachtordnung wider sie gerüstet auf der andern Seite. Von den Zeiten des Kirchenvaters Tertullian bis zu dem Tode Julians des Abtrünnigen ward alle Kunst der Beredsamkeit, der Gelehrsamkeit und des Spottes gegen die Kirche des Herrn aufgewendet. Und der Erfolg? Er wird uns trefflich dargestellt in jener bekannten Erzählung von dem Wortwechsel zwischen dem christlichen Landmann und dem heidnischen Weltweisen, wo dieser, als er die versammelten Väter eines Kirchenkonzils aufforderte, ihn zum Schweigen zu bringen, durch den schlichten Glauben des Landmanns zuschanden gemacht wurde, der zu ihm sprach: Im Namen unseres Herrn Jesu gebiete ich dir, zu verstummen. - Wer ist unser Herr? Wer ist Jahwe, dass ich ihm gehorchen sollte? (2. Mose 5, 2) Wer ist der Allmächtige, dass wir ihm dienen sollten? (Hiob 21, 15.) Lasst sehen, wer der Gott sei, der euch aus meiner Hand erretten werde! (Dan. 3, 15.) Michael Ayguan 1416.

V. 6. Fürchtet euch, wer immer ihr seid, die ihr all den Armen Gewalttat übt. Ihr habt Reichtum und Macht und die Gunst bestechlicher Richter; sie aber haben die stärksten Waffen, die es gibt, nämlich Seufzen und Flehen, welche vom Himmel her Hilfe herbeirufen. Diese Waffen reißen Häuser ein, sprengen Grundmauern, werfen ganze Völker über den Haufen. Johannes Chrysostomus † 407.

Die übermütige und unbarmherzige Unterdrückung der Armen ist eine Sünde, die Verwüstung und Zerstörung als Strafgericht über die Menschen bringt. Gott sandte zehn verheerende Plagen, eine nach der andern, über Pharao, sein Volk und sein Land, zur Rache für die Vergewaltigung des armen Volkes Israel. "Beraube den Armen nicht, weil er arm ist, und unterdrücke den Elenden nicht im Tor. Denn der Herr wird ihre Sache führen und wird ihre Untertreter untertreten." (Spr. 22, 22 s.) Reiche zu berauben und zu unterdrücken ist große Sünde; aber den Armen zu berauben und den Unterdrückten zu unterdrücken ist der Gipfel der Unmenschlichkeit. Armut und Elend sollten uns zum Mitleid bewegen; aber die Unterdrücker machen sie zum Wetzstein ihrer Grausamkeit. Darum werden die Bedrücker des armen Volkes Gottes in dem Herrn einen Richter finden, der sich vor niemand scheut und den niemand bestechen kann. Thomas Brooks † 1680.

In des sel. Dr. Speners Lebensbeschreibung liest man, dass er einmal in betrübten Gedanken über den Zustand der Kirche in die Betstunde zu Frankfurt gegangen sei; da haben ihm die Worte des Gesangs:

Darum spricht Gott: Ich muss auf sein,
Die Armen sind verstöret;
Ihr Seufzen dringt zu mir herein,
Ich hab ihr’ Klag erhöret,

welche bei seinem Entritt gesungen wurden, einen ungewöhnlichen Eindruck ins Herz gegeben, dass er weder vor noch nach eine solche Lieblichkeit auch nur des Tons, als damals, gespürt; daher er es billig als eine göttliche Antwort auf seinen damaligen Kummer geachtet hat, und weit es sich zugetragen, dass, als er nach Sachsen gezogen und in das Chur - Sächsische Territorium eingetreten, sechs Schüler nebst einem Schulkollegen kamen und, an den Wagen tretend, eben den Vers anstimmten, hat der sel. Mann denselben nachmals in Dresden sich von dem Schülerchor vor seiner Wohnung gewöhnlich singen lassen. R. H. Sieger † 1791.

Regelmäßige Lesung aus der Schatzkammer David Ps.12

Verfasst: 02.10.2018 16:01
von Jörg
Erläuterungen und Kernworte

V. 7. Wie herrlich werden hier die lauteren Reden des Herrn dem gegenübergestellt, was vorher, V. 3-5, von den Reden der Gottlosen gesagt war. Reden die Sünder unnütze Dinge, wohlan, dann mögen Gottes Kinder von Jesus und seinem Evangelium reden. Nehmen sie unreine Worte in den Mund, dann mögen die Gläubigen die lauteren Worte Gottes brauchen, die gleich dem Silber desto köstlicher werden, je mehr sie im Schmelztiegel der Anfechtung erprobt werden. Mögen immerhin die Verächter Gott und sein Wort für nichts achten; welch unergründlichen Schatz haben wir dennoch an den Worten, den Verheißungen und Bundeszusagen des Herrn! Sie sind köstlicher denn Gold und viel seines Gold; sie sind süßer denn Honig und Honigseim (Ps. 19, 11). Robert Hawker † 1827.

Die menschlichen Worte sind eitel, schmeichlerisch und unbeständig, durch welche sie aber nicht keusch und rein, sondern vielmehr im Geist besudelt werden, und durch welche Wahrheit und Barmherzigkeit bei denen Menschen abnehmen. Gottes Worte aber sind keusch, rein und lauter, obgleich hart, doch rechtschaffen all Treue und fest gegründet, wodurch die Menschen gereinigt werden und Barmherzigkeit und Wahrheit wieder vermehret, Eitelkeit, Betrug und Zwiespalt aber zerstöret werden. Martin Luther 1519.

Der Schmelzer tut das Silber wieder und wieder ins Feuer, bis es völlig geläutert ist. So geht es auch mit der göttlichen Wahrheit, der sich auf Erden manch Unreines anheftet. Es gibt kaum eine Wahrheit, die nicht einmal ums andere geläutert worden wäre; und hängt ihr noch irgendetwas Menschliches an, so fügt Gott es, dass sie wieder in Frage gestellt wird. Hat man in früheren Zeiten aus Schriftworten für einen Glaubenssatz Beweise aufgestellt, die nicht stichhaltig sind, oder sind die Sätze selbst nicht schriftgemäß, so muss diese Wahrheit wieder ins Feuer, damit alles, was noch von Schlacken daran ist, verzehrt werde. Der heilige Geist ist so genau, so sorgfältig, von so feinem Gefühl, dass er es nimmer dulden kann, dass den göttlichen Wahrheiten irgendetwas Falsches beigemengt werde. Dies ist der Grund, warum Gott noch jetzt, ein Jahrhundert um das andere, früher Festgesetztes zur Verhandlung stellt. Er ruht nicht, bis die Läuterung vollendet ist. Thomas Goodwin † 1679.

Gerade durch die Versuchungen wird die Wahrheit der göttlichen Verheißung bewährt. In dem Herzen eines jeden Menschen muss das Wort Gottes durch siebenfaches Feuer hindurch, wenn es seinen edlen und ewigen Gehalt offenbaren soll. Prof. Joh. Wichelhaus † 1858.

Die Schrift ist der Sonne, die Kirche einer Uhr vergleichbar. Wir wissen, dass die Sonne unbedingt zuverlässig, weil in ihrem Laufe ganz regelmäßig ist. Bei der Uhr aber kann es sich ereignen, dass sie zu schnell oder zu langsam geht. Wie wir denn jemand, der behaupten würde, er glaube der Uhr mehr als der Sonne, der Torheit bezichtigen würden, so können wir auch die Leichtgläubigkeit solcher, die lieber der Kirche als dem Worte Gottes trauen, billig nicht anders denn als Torheit bezeichnen. Bischof Joseph Hall † 1656.

Es gibt Leute, die losgelöste Stücke der Bibel untersuchen und sich freuen, darin Dinge zu finden, die bei oberflächlicher Betrachtung dem Bösen durch die Finger zu sehen scheinen. Aber mögen sie die ganze Schrift lesen, mögen sie dabei nicht aus dem Auge verlieren, welcherart die Leute waren, an die die verschiedenen Teile gerichtet sind, in welchem Zeitalter und unter welchen Umständen sie geschrieben wurden, und endlich, welchen Zweck auch die Stücke im Auge haben, die dem ungläubigen Gemüt am wunderlichsten scheinen. Beachten sie dies alles, so werden sie davon überführt werden, dass dieses Buch, weit davon entfernt, Betrügern zu entstammen, vielmehr heiligen Menschen Gottes, die von dem heiligen Geist getrieben waren, seinen Ursprung verdankt. Mögen sie es mit so scharfer Genauigkeit durchforschen, wie es ihnen beliebt; wenn sie sich nur gründlich in den Inhalt vertiefen und ihre Untersuchungen mit Weisheit und Wahrheitsliebe führen, so ist uns um den Ausgang nicht bange. Es gibt Teile der Schrift, denen Unwissenheit und Torheit erzwungene und unnatürliche Deutungen gegeben haben und welche unkeusche Gemüter in dem Schatten, den ihre eigene Unreinheit darauf wirft, betrachtet haben. Baron de Montesquieu († 1755) sagt von seinem Bundesgenossen Voltaire : "Wenn er ein Buch liest, macht er daraus, was er will, und dann schreibt er gegen das, was er selber das Buch hat sagen lassen." Es ist nicht schwer, die heiligen Blätter der Schrift zu besudeln und dann die schmutzigen Flecken, welche Menschen mit zerrütteten Sinnen darauf gemacht haben, ihrem makellosen Urheber anzudichten. Aber wenn wir das Wort Gottes ehrlich ansehen, wie es ist, werden wir finden, dass es gleich seinem erhabenen Urheber ohne Tadel ist. D. Gardiner Spring.

V. 8. Du, Herr, wirst sie (die Reden Gottes, oder; die Heiligen) erhalten. Wir sehen daraus, dass es nicht in unsrer Macht steht, dass die Worte Gottes lauter bleiben und die Heiligen nicht abnehmen auf Erden, sondern in Gottes Macht. Du, Herr, nicht wir Menschen werden bewahren. Martin Luther 1519.

V. 9. Wenn die Gemeinheit unter den Menschen obenauf kommt. Leere Schiffe schwimmen hoch über dem Wasser; wurmstichige Pfähle sind oft mit falschem Gold geziert; das schlimmste Unkraut gedeiht am besten. Die Spreu kommt zuoberst in der Wanne, während das gute Korn zu den Füßen des Worflers niederfällt. John Trapp † 1669.

Homiletische Winke

V. 2a.
Hilf, Herr. 1) Die Bitte selbst: kurz und doch inhaltreich und kräftig, passend, an den rechten Helfer gerichtet, brünstig. 2) Die Veranlassung zu solcher Bitte. 3) Die verschiedenen Weisen, wie der Herr darauf antwortet. 4) Gründe, warum wir eine gnädige Antwort erwarten dürfen.
V. 2.
1) Die beklagte Tatsache. Man beschreibe das Wesen der "Heiligen" und "Gläubigen" (an der Hand des Grundtextes) und wie sie schwinden. 2) Die dadurch hervorgerufenen Empfindungen: Trauer um den Verlust, Besorgnis für die Gemeinde Gottes, persönliches Verlangen nach solchen Genossen. 3) Die dadurch erweckten Ahnungen: Zeitweiliger Niedergang der guten Sache, Bevorstehen von Gerichten usw. 4) Die Glaubenszuversicht, die dennoch bleibt: Hilf, Herr. (Vergl. auch Mt. 28, 20 b.)
Der Vers eignet sich als Trauertext bei dem Scheiden besonders begnadeter Gläubigen.
Der unauflösliche Zusammenhang zwischen Frömmigkeit und Redlichkeit. Wo das eine schwindet, da auch das andere.
V. 3a.
Predigt über das Überhandnehmen und die Verderblichkeit des losen Geschwätzes.
Die Verwandtschaft zwischen Schmeichelei und Trügerei. (Grundt.)
V. 3b.
Herz und Herz. Gute und böse Herzen. Das Übel der Doppelherzigkeit.
V. 4.
Gottes Hass gegen die beiden Zwillingssünden der Lippen -- Schmeichelei und Stolz, oder: Schmeichelei gegen andere und uns selbst. Warum hasst er sie? Wie zeigt er den Hass? Bei was für Leuten hasst er sie am meisten? Wie können wir davon gereinigt werden?
V. 4-5.
1) Der Aufruhr der Zunge. Ihr Anspruch auf Ungebundenheit und Herrschaft zur Ausübung des Bösen. Gegensatz zu der Regel des Christen: Wir sind nicht unser selbst. 2) Die Mittel, wodurch die Zunge sich zum Herrn aufwirft: schmeichlerische und vermessene Reden. 3) Das Ende der Empörung: Ausrottung.
Wer ist unser Herr? Die Gottlosen träumen von Freiheit und sind doch Knechte des Verderbens. Beispiele. Sollten wir uns nicht lieber dem sanften Joch des Herrn unterwerfen?
V. 6.
Des Herrn Erwachen: Ich will nun auf. 1) Was heißt das: Der Herr erwacht? 2) Wer hat ihn geweckt? 3) Was wird er tun? 4) Warum?
V. 6b.
Die göttliche Verheißung: Ich will in Heil versetzen, und wem sie gilt: dem, der sich darnach sehnet.
V. 7.
Die Lauterkeit der Reden des Herrn geprüft und bewährt.
Sieben Schmelztiegel, worin die Gläubigen das Wort Gottes erproben. Mit ein wenig Nachsinnen wird man sie leicht finden.
V. 8.
Bewahrung vor "diesem Geschlecht" in Zeit und Ewigkeit. Ein stoffreiches Thema.
V. 9.
Das Emporkommen der Gemeinheit und dessen schlimme Folgen.
Die Sünden der Hohen sind besonders ansteckend. Man wecke in den durch Reichtum, Geburtsadel, Gelehrsamkeit oder Amtswürde Hervorragenden das Gefühl ihrer Verantwortlichkeit. Dankbarkeit für treue Berater und Leiter des Volks. Nach welchen Gesichtspunkten sollte man Abgeordnete und Magistratspersonen wählen?


Fußnoten

1. Manche, z. B. Hupgeld und Riehm, auch Luther, fassen dysixf passivisch = der Geliebte, Begnadigte, es ist aber aktivisch, wie das in unserer Stelle sowie Ps. 18, 26; 43, 1 usw. aus dem Zusammenhang erhellt, also: der dsexe übt, und zwar gegen Menschen, aber auch gegen Gott (Ps. 32, 6; 5. Mose 33, 8), also = pius. Luthers Übersetzung "Heiliger" stammt von dem o{sioj der LXX (so schon Ps. 4, 7). Wir sparen das Wort "Heiliger" aber gerne für $Odqf auf.

2. Wörtl.: alle schmeichlerischen Lippen.

3. Wörtl.: unsere Lippen sind mit uns (im Bunde).

4. Diese werden -enu statt -ennu gelesen haben

Regelmäßige Lesung aus der Schatzkammer David Ps13

Verfasst: 06.10.2018 07:29
von Jörg
Kommentar & Auslegung zu PSALM 13

Überschrift

Ein Psalm Davids, vorzusingen . Der Psalm kann nicht auf eine besondere Begebenheit oder Zeit in Davids Geschichte zurückgeführt werden. Alle Versuche, seine Geburtsstätte ausfindig zu machen, sind nur Mutmaßungen. Was er sagt, ist ohne Zweifel mehr als einmal die Sprache dieses vielgeprüften Gottesmannes gewesen und will den Gefühlen des Volkes Gottes in den stets wiederkehrenden Anfechtungen Ausdruck geben. Wenn der Leser noch nie Anlass gefunden hat, sich die Sprache dieses kurzen Liedes zu Eigen zu machen, so wird es nicht lange währen, bis er dazu Gelegenheit hat, wenn anders er ein Mann nach dem Herzen Gottes ist. Das Stichwort des Psalms ist: Wie lange?

Einteilung

Der Psalm zerfällt naturgemäß in drei Teile: die Frage der Angst (V. 2.3), den Gebetsruf (V. 4.5) und das Glaubenslied (V. 6).

Auslegung

2.Herr, wie lang willst du mein so gar vergessen?
Wie lange verbirgst du dein Antlitz vor mir?
3.Wie lange soll ich sorgen in meinem Seele,
und mich ängstigen in meinem Herzen täglich?
Wie lange soll sich mein Feind über mich erheben?

Wie lange? Diese Frage wird nicht weniger als viermal wiederholt. Sie drückt ein heftiges Sehnen nach Errettung und große Herzensangst aus. Und wenn ein wenig Ungeduld dabei mit untergelaufen wäre, ist es dann nicht ein umso treueres Bild unserer eigenen Erfahrung? Es ist nicht leicht, die feine Grenzlinie zwischen starkem Verlangen und Ungeduld innezuhalten. Wolle uns Gott nur bewahren, dass wir nicht beim sehnlichen Harren auf Gottes Hilfe einem Geist des Murrens Raum geben.
Wie lange? Wird nicht der einmal ums andere wiederholte Ruf zu einem wahren Jammergeschrei? Und wenn nun der Kummer sich nicht anders Luft zu schaffen weiß? Auch dann ist Gott nicht fern von unserem Angstgestöhn; denn er achtet nicht auf den Wohllaut unserer Gebete, sondern auf seines Geistes Werk in ihnen, der das Verlangen weckt und den Gebetstrieb entzündet.
Wie lange? Ach, wie lang scheinen uns die Tage, wenn unsere Seele innerlich zerschlagen ist. Wie scheint so mühsam über bitteres Weh der Augenblick zu gleiten; wie liebt’s die Zeit, in ihrer Flucht zu säumen! Ja, mit weit ausgebreiteten Schwingen fliegt uns die Zeit dahin in heiteren Sommertagen, doch in düsterer Winterzeit ist ihr Flug lahm und matt. Eine Woche in Kerkermauern ist länger als ein Monat in der Freiheit. Langwieriges Leid scheint uns besonders tiefer Verderbnis anzuklagen; denn das Gold, das lange im Feuer bleibt, muss viel Schlacke gehabt haben, die zu verzehren war. So mag die bange Frage: Wie lange? darauf hinweisen, dass der Frager ein gründliches Selbstgericht gehalten hat. Wie lange willst du mein so gar, wörtl.: für immer vergessen? O David, wie redest du so töricht! Kann Gott vergessen ? Kann die Allwissenheit an Gedächtnisschwäche leiden? Und viel mehr noch: Kann Jahwes Herz seines geliebten Kindes vergessen? Lasst uns, meine Brüder, solche Gedanken hinwegscheuchen und auf das hören, was unser Bundesgott uns durch den Mund des Propheten zuruft: "Zion aber spricht: Der Herr hat mich verlassen, der Herr hat mein vergessen. Kann auch ein Weib ihres Kindleins vergessen, dass sie sich nicht erbarme über den Sohn ihres Leibes? Und ob sie desselbigen vergäße, so will Ich doch dein nicht vergessen. Siehe, in die Hände habe ich dich gezeichnet; deine Mauern sind immerdar vor mir." (Jes. 49, 14 ff.) Für immer ? (Grundt.) Welch finstrer Gedanke! Es wäre gewiss schlimm genug, an eine augenblickliche Vergesslichkeit Gottes zu denken; und nun sollten wir gar solch abscheulichem Zweifel Raum geben und uns vorstellen, Gott wolle sein Volk für immer verstoßen? Nein, sein Zorn mag eine Nacht hindurch währen, aber seine Liebe wird ewig über uns walten. Wie lange verbirgst du dein Antlitz vor mir? Das ist eine weit vernünftigere Frage; denn Gott kann sein Antlitz verbergen und dennoch unser gedenken. Ein umwölktes Antlitz ist kein Zeichen eines vergesslichen Herzens. In väterlich erziehender Liebe hat sich sein Angesicht von uns abgewandt. Doch einem wahren Gotteskind ist dies Verhüllen des väterlichen Angesichts schrecklich, und es wird sich nicht zufrieden geben, bis es wieder seines Vaters Lächeln sieht. Wie lange soll ich sorgen, wörtl.: Pläne aufstellen in meiner Seele und mich ängstigen in meinem Herzen täglich? 1 Seine Seele ist eine Werkstätte von sorgenvollen Überlegungen, wie er diesen. Peinlichen Zustand entfliehen könne. Zahllos sind die Pläne, doch nutzlos. Oft war’s so auch bei uns. Wir haben erwogen und wieder erwogen, einen Tag um den andern, und sonderlich in den Nächten, haben aber nicht den glücklichen Plan gefunden, der uns aus unserem Kummer herausgeholfen hätte. Solcher Vorrat von aufgehäuften Plänen ist arger Hausrat für die Seele. Sorgen wiederzukäuen ist garstige Arbeit. Kinder füllen sich den Mund mit Bitterkeit, wenn sie aus Widersetzlichkeit die Pille zerkauen, die sie gehorsam hätten schlucken sollen. Wie lange soll sich mein Feind über mich erheben? Das ist wie Wermut mit Galle vermischt, den boshaften Feind frohlocken zu sehen, während die eigene Seele zu Boden gedrückt ist. Kaum etwas tut den Ohren eines bekümmerten Menschen so weh wie das Gelächter des Feindes. Macht der Teufel sich aus unserem Jammer ein Ergötzen, so ist dies der letzte Tropfen, der das volle Gefäß zum Überlaufen bringt. Da will unsere Geduld zusammenbrechen. Darum mag dies uns ganz besonders zum Thron der Gnade treiben.
Der aufmerksame Leser wird also merken, dass die Frage "Wie lange " in vierfacher Gestalt erscheint. Des Dichters Kummer wird dargestellt, wie er zu sein scheint, wie er ist, wie er nach innen auf ihn selbst und nach außen auf seine Feinde wirkt. Wir alle sind geneigt, auf der schlechtesten Saite am meisten zu spielen. Wir errichten Denksteine über den Gräbern unserer Freuden; wer aber denkt daran, Denkmale der Lobpreisung für empfangene Gnaden zu erbauen? Wir schreiben fünf Bücher der Klagelieder 2 und nur ein Hoheslied und sind es weit mehr gewohnt, ein Misere als ein Te Deum anzustimmen.

Fußnoten
1. Wörtl. heißt die 2. Vershälfte wahrscheinlich: infolgedessen Kummer ist in meinem Herzen bei Tage. Dem nächtlichen Grübeln und Plänemachen folgt bei Tage der Kummer der Enttäuschung, dass die Pläne sich als unausführbar erweisen.

2. Anspielung auf die fünf Klagelieder Jeremias.

Regelmäßige Lesung aus der Schatzkammer David Ps13

Verfasst: 08.10.2018 15:32
von Jörg
4.Schaue doch und erköre mich, Herr, mein Gott!
Erleuchte meine Augen, dass ich nicht im Tode entschlafe,
5.dass nicht mein Feind rühme, er sei mein mächtig worden,
und meine Widersacher sich nicht freuen, dass ich niederliege.

Nun aber erhebt das Gebet seine Stimme gleich dem Wächter, der des Tages Anbruch verkündet. Nun wird es eine Wendung geben, bald wird der Weinende seine Augen trocknen können. Vom Gnadenthrone strömt der Hoffnung neues Leben zu, und von dorther empfängt die Verzweiflung den Todesstoß. Der düstere Gedanke, dass Gott ihn verlassen habe, liegt noch aus der Seele des Psalmisten; darum ruft er: Schaue doch und erhöre mich. Er gedenkt auf einmal wieder an die Wurzel all seines Elends und ruft laut, Gott möge sie entfernen. Die endgültige Gottesferne ist das Feuer Tophet, 3 und seine zeitweilige Ferne bringt sein Volk bis in die Vorhöfe der Hölle. Gott wird hier aufgefordert zu schauen, herzublicken, dass er den Jammer sehe und so zum Erbarmen und zu einer gnädigen Antwort bewogen werde. Was sollten wir tun, wenn wir keinen Gott hätten, zu dem wir in Stunden, wo wir unser tiefes Elend fühlen, unsre Zuflucht nehmen können?
Man beachte den Glaubensruf: Herr, mein Gott! Ist’s nicht eine überaus herrliche Tatsuche, dass unser Anrecht auf Gott als unsern Gott durch alle unsere Anfechtungen und Sorgen nicht zerstört wird? Unser "Kürbis" (Jona 4) mag wurmstichig werden und vom Ostwind verdorren; aber unser Gott bleibt. Unsere irdischen Erwartungen können getäuscht werden, nicht aber unser Gottvertrauen. Unser Bürgerbrief für den Himmel ist nicht in den Sand geschrieben, sondern in unvergängliches Erz gegeben.
Erleuchte meine Augen, das ist, lass das Auge meines Geistes hell sein, dass ich meinen Gott auch im Dunkeln sehen möge. Lass meine Augen in Wachsamkeit weit geöffnet sein, damit ich nicht in Fallstricke gerate. Lass das Auge meines Verständnisses erleuchtet werden, den rechten Weg zu sehen. Vielleicht haben wir hier auch eine Anspielung auf die Erheiterung des Gemüts, die so oft eine Erleuchtung der Augen genannt wird, weil sie das Angesicht strahlen und die Augen funkeln lässt. Wohl haben wir Grund zu der Bitte: Mache du, Herr, unsere Finsternis licht! Denn in vieler Hinsicht bedürfen wir der erleuchtenden Strahlen des heiligen Geistes. Damit ich nicht im Tode entschlafe. (Wörtlicher; Damit ich nicht den Schlaf des Todes schlafe.) Finsternis erzeugt Schlaf, und Mutlosigkeit macht bald die Augenlider schwer. Von dieser Augenschwäche und Blödsichtigkeit, welche die Verzweiflung wirkt, ist nur noch ein Schritt bis zu dem bleiernen Todesschlaf. David fürchtet, seine Trübsale würden seinem Leben ein Ende machen, und mit Recht beruft er sich im Gebet vor Gott auf diese Furcht; denn tiefe Traurigkeit hat in sich eine Art von Anspruch auf Mitleid, nicht einen Rechtsanspruch, aber ein Anrecht an die Gnade. Unter dem Druck des Herzenskummers sieht der Psalmist dem Todesschlaf nicht mit Hoffnung und Freude entgegen, wie solche, die ihres Glaubens gewiss sind, sondern er schaudert davor zurück. Wir sehen daraus, dass die Knechtschaft der Todesfurcht nichts Neues ist.
Noch ein Grund der Bitte wird in dem fünften Vers hervorgehoben, und er ist so kräftig, dass der Gläubige ihn, wenn er in seinen Anfechtungen auf den Knien liegt, wohl mag geltend machen. Wir machen dann auch einmal von unserm Erzfeind selber Gebrauch und zwingen ihn, gleich Simson auf unserer Mühle zu mahlen, indem wir uns im Gebet auf seinen frechen Übermut berufen. Es ist nicht des Herrn Wille, dass der arge Feind unserer Seele Gottes Kinder überwältige. Das würde für den Höchsten eine Schmach sein und dem Bösen Ursache geben, sich zu brüsten . Es kommt uns wohl zustatten, dass unsre Errettung und Gottes Ehre so unzertrennlich verbunden sind, dass sie miteinander stehen und fallen.
Unser Bundesgott wird die Niederlage aller unserer Feinde vollenden, und wenn wir auch für eine Weile ihr Spott und Spiel werden, so kommt doch der Tag, da die Rollen vertauscht sein werden und die Schmach und Verachtung sich über diejenigen ergießen wird, die sie verdienen.

6.Ich hoffe aber darauf, dass du so gnädig bist;
mein Herz freuet sich, dass du so gerne hilfst.
Ich will dem Herrn singen, dass er so wohl an mir tut.

Welch ein Wechsel! Siehe, der Winter ist vergangen, der Lenz ist herbeigekommen (Hohel. 2,11 f.), Nachtigall und Lerche lassen sich wieder hören. Vom Gnadenstuhl her ist dem Tiefbetrübten, der dort seinen Kummer ausgeschüttet hat, solche Erquickung zugekommen, dass er nun mit heller Stimme einen Lobgesang anheben kann. Haben wir mit ihm getrauert, so wollen wir jetzt auch mit ihm frohlocken. Davids Herz war häufiger verstimmt als seine Harfe. Er beginnt manche seiner Psalmen mit Seufzen und endet sie mit Singen, und andere hebt er mit Freuden an und endet sie mit Kummer, so dass man, wie Peter du Moulin († 1684) sagt, denken könnte, diese Psalmen hätten zwei Männer von entgegengesetzter Gemütsart zu Verfassern. Es ist beachtenswert, dass die Freude nur umso größer ist durch den Gegensatz zu dem vorhergegangenen Kummer, wie die Ruhe wohltuender wird durch die Erinnerung an den vorangegangenen Sturm. Vergangenes Leid erhöht die gegenwärtige Freude.
Das Bekenntnis seiner Zuversicht ist dies: Ich aber traue auf deine Gnade . (Wörtl.) Seit vielen Jahren war David gewohnt, den Herrn zu seiner Burg und zum Hort seiner Zuflucht zu machen, und auch jetzt schaut er mit trotzigem Lächeln von dem gleichen Bollwerk hinab. Er ist seines Glaubens gewiss, und sein Glaube macht ihn gewiss. Wäre er über die Echtheit seines Gottvertrauens nicht ganz außer Zweifel gewesen, so hätte er sicherlich eins der Fenster verhängt, durch die das Sonnenlicht vom Himmel hereinzuscheinen beliebt. Der Glaube ist nun in Übung; in solchen Zeiten lässt sich sein Vorhandensein leicht erkennen. Nie kommt ein Zweifel in unser Herz, ob wir Glauben haben, während derselbe sein Werk tut. Wenn der Hase oder das Rebhuhn sich stillhalten, so sehen wir sie nicht; sobald sie aber in Bewegung sind, werden wir sie gewahr. Alle Gewalten seiner Feinde hatten den Psalmisten nicht aus seiner Festung vertrieben. Wie der schiffbrüchige Seemann sich an den Mast anklammert, so hielt sich David fest an seinen Glauben. Die Zuversicht auf den Herrn, seinen Gott, konnte und wollte er nicht aufgeben. Mögen wir aus seinem Beispiel Nutzen ziehen und uns an unsern Glauben halten, wie an unser Leben selbst!
Nun horch auf die lieblichen Töne, welche der Glaube in der Seele hervorbringt. Alle Glocken des Gemüts erklingen. Mein Herz freut sich, dass du so gerne hilfst. (Wörtlich; Frohlocken soll mein Herz ob deines Heils.) Hört ihr das Gesänge und den Reigen drinnen? Ein hochwillkommener Gast hat sich eingestellt, und das gemästete Kalb ist schon geschlachtet. Lieblich ist die Musik, die von den Saiten des Herzens ertönt; ja noch mehr: auch die Stimme fällt mit ein in die herrliche Weise, und die Zunge begleitet die Akkorde des Herzens, denn David ruft aus: Ich will dem Herrn singen.
Der Schlussgedanke des Psalms nimmt den Vorwurf der Vergesslichkeit zurück, den David im ersten Vers geäußert hatte. Ich will dem Herrn singen, dass er so wohl an mir tut, wörtlich: getan hat . Viel Güte hat er mir erwiesen. So wird’s mit uns sein, wenn wir ein wenig harren. Die Klage, die wir in der Hast ausgestoßen haben, werden wir freudig zurücknehmen und bezeugen können, dass der Herr alles wohl gemacht hat.

Regelmäßige Lesung aus der Schatzkammer David Ps13

Verfasst: 13.10.2018 12:10
von Jörg
Erläuterungen und Kernworte

Zum ganzen Psalm. Das dringende "Wie lange!" des 13. Psalms, in welchem wir den Psalmisten nahezu erliegen und doch die göttliche Güte in gewisser Hoffnung ergreifen sehen, mag ebenso wie Ps. 7 und die beiden zusammengehörenden Lieder 3 u. 4 (u. andere, aus der Verfolgungszeit Davids stammen. Schon diese vier eben genannten Psalmen zeigen, wie reich und mannigfaltig das Seelenleben ist, das hier ins Wort ausströmt. in Ps. 7 redet die kochende Empörung des unschuldig Bedrohten, während in Ps. 3; 4; das Herz in unangreifbarer Ruhe über allen menschlichen Anfechtungen schwebt, wogegen in Ps. 13 wieder die bange Sorge und Klage hervorbricht, weil die befreiende Wendung der Dinge sich immer noch nicht zeigen will. Diese Mannigfaltigkeit der Töne hat sehr wohl im selben Menschenherzen Raum, und dass sie alle im Psalter nebeneinander stehen, gerade das macht ihn unvergänglich wahr. Prof. D. A. Schlatter 1894.

V. 2. Herr, wie lange willst du mein für immer vergessen? (Grundt.) Die komplizierte Frage "wie lange - auf immer" (wie Ps. 74, 10; 79, 5; 89, 47) ist der Ausdruck eines komplizierten Seelenzustandes, wo, wie Luther ihn kurz und treffend beschreibt, im Angstgefühl des göttlichen Zornes "die Hoffnung selbst verzweifelt und die Verzweiflung dennoch hoffet". Der Selbstwiderspruch der Frage ist aus dem inneren Widerstreit des Geistes und Fleisches zu erklären. Das verzagte Herz denkt: "Gott hat mein ewig vergessen", aber der diesen Gedanken abstoßende Geist verwandelt ihn in eine Frage, die ihn zum bloßen Scheine stempelt: "Wie lange soll es scheinen, dass du mein auf ewig vergisst?". Es liegt in dem Wesen des göttlichen Zorns, dass dessen Empfindung immer vom Eindruck der Ewigkeit und also einem Vorschmack der Hölle begleitet ist. Der Glaube aber hält die Liebe hinter dem Zorne fest. Prof. D. Franz Delitzsch † 1890.

Wenn sich Gott von wahren Gläubigen je und dann zurückzieht, so ist es nie für immer. Qualvoll mag es sein, aber es geht vorüber. Und hätte er uns ganz verlassen, so ist es doch außer Frage, dass er früher oder später wiederkehren wird, und die selige Freude über seine Wiederkehr wird uns für die Trauer der Verlassenheit reichlich entschädigen. Jes. 54, 7 spricht der Herr: "Ich habe dich einen kleinen Augenblick verlassen; aber mit großer Barmherzigkeit will ich dich sammeln." Hier ist nicht nur ein Sammeln nach dem Verlassen zugesagt, sondern auch große Barmherzigkeit, um für einen kleinen Augenblick Ersatz zu geben. Er, der sich verbürgt hat, für immer unser Gott zu sein, kann nicht für immer von uns gehen. Timothy Cruso 1696.

Wir pflegen in der Trübsal wirklich sehr rücksichtsvoll gegen uns selbst zu sein und denken gar bald, wir seien genug gedemütigt und versucht, und es sei nun doch an der Zeit, dass wir aus der Not herausgeführt werden. Aber unser weiser Herr sieht, dass wir noch mehr brauchen. George Hutcheson 1657.

Lasst uns erforschen, warum Gott sein Antlitz vor uns verbirgt. (Vergl. Hiob 10, 2) Er zürnt nur, wenn er guten Grund dazu hat, wenn wir ihn dazu zwingen. Wir sollten nicht ablassen, mit Eifer zu erforschen, was ihn veranlasst, so lange seine Hilfe zu verzögern, damit wir, wenn irgend etwas Böses bisher in unserer Seele unentdeckt geblieben ist, es rechtzeitig bereuen und Verzeihung dafür erlangen mögen. Es ist nicht Gottes gewöhnliche Weise, dass er seine Knechte mit so dichter Finsternis bedeckt. Timothy Rogers † 1729.

Für Gott ist’s nicht ein Geringes, einen David zu vergessen und sich um ihn nicht zu kümmern . Wendet sich sein Auge für einen noch so kurzen Augenblick von uns ab, so ist der böse Feind sofort zur Hand, sich auf uns zu stürzen, wie der Habicht auf das Küchlein, sobald die Glucke nicht sorgsam darauf achtet. - Wie ein Vater oft den Willen des Kindes durchkreuzt, um dessen Gehorsam, Geduld und Ausdauer zu erproben, so tritt Gott manchmal seinen Kindern entgegen und scheint sie zu vernachlässigen. Eben damit will er ihre Gesinnung auf die Probe stellen. Da muss sich zeigen, was in ihnen ist: Ob sie Gott hintansetzen werden, weil Gott sie hintanzusetzen scheint; ob sie davon ablassen, ihm zu dienen, weil er ihrer zu vergessen scheint; ob sie aufhören, ihm zu vertrauen, weil er auf sie nicht zu achten, nicht für sie zu sorgen, sie nicht zu beschützen scheint (wie Jorams Bote zu Elisa sagte: Siehe, solch Übel kommt von dem Herrn; was soll ich mehr von dem Herrn erwarten, 2.Kön. 6, 33), - oder ob sie standhaft all ihm hängen und mit Jesaja sprechen: Ich hoffe auf den Herrn, der sein Antlitz verborgen hat vor dem Hause Jakob; ich aber harre sein (Jes. 8, 17). Thomas Gataker 1637.

Zeiten der Verlassenheit dünken mich der Brache des Ackers zu gleichen, während deren der magere Boden Kräfte sammelt für eine bessere Ernte. Wo Gold zu haben ist, kann man es auch beim Mondschein sammeln. Ach, könnte ich nur einen Fußbreit näher zu Jesu dringen in solcher Trübsalsnacht, wo er fern ist; dann würde ich selbst diese schreckliche Zeit für einen Segen achten. Wüsste ich, dass mein Erlöser nur, um mich zu prüfen und noch tiefer zu demütigen, von mir gegangen wäre, nicht aber, weil neue Kränkungen ihn von mir getrieben haben: Ich wollte über mein Alleinsein nicht klagen. Aber Verlassenheit, die ich durch meine Sünde selber verschuldet habe, ist wie zwei gleichzeitig offene Wunden auf beiden Seiten; aus welcher kann ich noch liegen? - Wie die Blumen beständigen Sonnenschein nicht ertragen würden, sondern auch der Nacht und des Schattens bedürfen, so kann es auch der Seele heilsam sein, wenn Christus sich eine Weile von uns fern hält. Und es liegt in dieser Trübsal eine nährende Kraft. Sie ist für die Demut der rechte Lebenssaft. Sie schärft den Hunger; sie gibt dem Glauben ein freies Feld, seine Kraft zu erproben und sich in der feinen Kunst zu üben, nach dem zu greifen, das man nicht sieht. Samuel Rutherford † 1661.

O herrliches Verbergen, das meine Vollendung geworden ist! Mein Gott, du verbirgst deinen Schatz, mein Verlangen zu entzünden. Du verbirgst deine Perle, den Sucher dadurch anzuspornen. Du zögerst zu geben, damit du mich lehrest, desto kühner in dich zu dringen, scheinst nicht zu hören, damit ich mit Flehen anhalte. Anselmus, Erzbischof von Canterbury, † 1109.

V. 2-3. Wie lange ! Die Heftigkeit unserer Trübsal macht sie zu einer Versuchung für unsere Geistesstärke; aber erst durch ihre Dauer wird diese auf die schwerste Probe gestellt. Nicht in den schärfsten, sondern in den langwierigsten Prüfungen sind wir am meisten in der Gefahr, zu erliegen. Im ersteren Falle nimmt die Seele ihre ganze Kraft zusammen und erfleht inbrünstig die Hilfe von oben; im letzteren aber ermattet das Herz und versinkt in Mutlosigkeit. Als Hiob mit schlimmen Nachrichten in rascher Folge überschüttet ward, trug er es mit bewundernswerter Geistesstärke; als er aber kein Ende seines Leidens sehen konnte, da brach er zusammen. Andrew Fuller † 1815.

Regelmäßige Lesung aus der Schatzkammer David Ps13

Verfasst: 16.10.2018 15:41
von Jörg
Erläuterungen und Kernworte

V. 3. Wie lange soll ich sorgen in meiner Seele? Gar manche haben die Art, unverwandt auf die eigene Schuld und den eigenen Jammer zu blicken und dabei die höchsten Gnadenerweisungen zu übersehen. Wiewohl es um der Erkenntnis der Sünde willen gut ist, das eigene Herz zu erforschen, so werden wir uns doch, wenn wir von dieser Seite her Trost erwarten, kläglich enttäuscht finden. Dies scheint eine Zeitlang bei David der Fall gewesen zu sein. Er war offenbar in großer Betrübnis, und wie in solchen Fällen gewöhnlich, richtete sich sein Blick nach innen, bei sich erwägend, was er tun solle und was das Ende von dem allem sein werde. Da er so mit sich selbst beschäftigt war, ängstigte er sich in seinem Herzen täglich. Als er aber zu Gott seine Zuflucht nahm, da fand er Erleichterung, ja da konnte sein Herz frohlocken über Gottes Heil, V. 6 . Viele Menschen ahmen, wenn sie in Trübsal sind, David in dem ersteren Teil seiner Erfahrung nach. Ich wollte, wir ahmten ihm auch in dem letzteren nach. Andrew Fuller † 1815.

Wie lange soll sich mein Feind über mich erheben? Es ist für den Elenden und Betrübten eine große Erleichterung, bei anderen Mitleid zu finden. Es ist schon eine Wohltat, wenn andere, ob sie wohl uns nicht helfen können, doch aufrichtig das Traurige unsrer Lage mit uns empfinden und durch freundliche Worte und Taten die Wunden ein wenig lindern, die sie nicht heilen können. Aber es ist nicht zu sagen, wie das Leid verbittert wird, wenn ein Mensch unter der Empfindung des göttlichen Missfallens gebeugt einhergeht und dann solchen begegnet, die seines Unglücks spotten, ihn schmähen oder rau anfahren. Dadurch wird die Wunde entzündet und verschlimmert, die zuvor schon schlimm genug war. Timothy Rogers † 1729.

V. 4. Dass ich nicht im Tode entschlafe. Alles ist seltsam verändert, alle Lieblichkeit, Schönheit und Herrlichkeit schwindet, wenn das Leben dahin ist. Leben ist es, was der Mensch begehrt. Das Leben ist süß und tröstlich. Aber der Tod mit seinem bleichen Gefolge erregt Schrecken und Schauder allerwege. Die Heiligen fürchten nichts mehr als die Entziehung der Huld Gottes und das Verbergen seines Angesichts ; und wenn es sich verborgen hat, so kommt Ohnmacht, Erstarrung und Furcht über jedes Glied, und sie empfinden ein seltsames, tiefes Weh im Herzen, Angst und Schrecken, die alle Gelenke zum Erzittern bringen und für sie so bitter sind, wie der Todeskampf selbst. Timothy Rogers † 1729.

V. 5. Meine Widersacher freuen sich, dass ich niederliege: sie machen ein Lustspiel aus meinem Trauerspiel. John Trapp † 1669.

Ach, kannst du Schmach ertragen, gift’ge Zunge,
Der Schadenfreude höhnisches Gelächter,
Gottloser Rotte zuchtlos Spottgedicht,
Die für das gleiche Tun dir spenden würde
Verschwenderisches Lob, wär’s mit Erfolg gekrönt?
Dass kurz ich’s fasse; Kannst du dulden
Hohnvolle Blicke, die boshafte Freude,
Wohl gar das stolze Mitleid deines Feindes,
Des Feinds, der triumphiert?

Nach James Thomson † 1748.

V. 2-6. Das Gebet hilft zur Mehrung und zum Wachstum des Gnadenstandes, indem es die Kräfte übt. Wie kräftige Bewegung dem Körper wohltätig ist, so das Gebet der Seele. Die Gebetsübung hilft jene trüben Stimmungen vertreiben, die das Geistesleben hemmen. Das Gebet ist der Heiligen Tummelplatz, da sie die Gnade in vollen Zügen einatmen. Wie der Wind die Luft reinigt und klärt, so das Gebet die Seele. Es ist für das Herz, was der Blasebalg für das Feuer, der die Kohlen von der Asche reinigt, die sie dämpft. Solange der Christ in dieser Welt ist, lebt er in einem ungesunden Klima. Einmal hemmen und lähmen die Freuden der Welt seine Liebe zu Christus; dann wieder dämpft die Sorge seinen Glauben all die Verheißung. Wie nun sollte der Christ aus dieser schlechten Luft herauskommen, könnte er nicht zu dem Gnadenthron seine Zuflucht nehmen, wo sich bald das Fieber der Unruhe bricht und er sanfter zu atmen beginnt? Wie oft finden wir den heiligen Sänger, wenn er zuerst zum Gebete niederkniet, voller Furcht und Zweifel, ehe er aber mit seinem Flehen zu Ende ist, in traulichem Verkehr mit seinem Gott und ruhig im Gemüt! Hier beginnt er (V. 2.3) sein Gebet, als ob der Herr ihm nie wieder einen freundlichen Blick schenken würde. Doch während er fleht, legt sich seine Erregung, die Nebel zerstreuen sich, und sein Glaube bricht hervor wie die Sonne in ihrer Kraft (V. 6). William Gurnall † 1679.

Mit welch zäher Ausdauer warten oft die Kinder dieser Welt jahrzehntelang auf vergängliche Dinge, die doch nimmer das Herz befriedigen können. Und du solltest nicht eine Weile an Gottes Tür klopfen und pochen können, bis er dir auftut und dir himmlische Segnungen zuteil werden lässt? O denke daran und nimm dir vor, nie stumm zu sein, wenn Gott taub ist, - nie vom Gebet zu lassen, bis Gott eine gnädige Antwort gibt. Und zu deinem Troste beherzige recht den köstlichen Schluss unseres Psalms. Nach George Swinnock † 1673.

V. 6. Doch ich, auf deine Gnade traue ich, frohlocken soll mein Herz ob deinem Heil. (Wörtl.) Der Glaube jubelt mitten in den Trübsalen und triumphiert noch vor dem Siege. Der Kranke ist froh, wenn er fühlt, dass die Arznei zu wirken beginnt, auch wenn sie ihn für den Augenblick noch kränker macht; denn er hofft, sie werde ihm Heilung bringen. Wir freuen uns in den Leiden; nicht als ob sie für die Gegenwart erfreulich wären, aber weil sie zu unserem Heile dienen werden. Der Glaube triumphiert in der Zuversicht eines guten Ausgangs; denn er sieht nicht auf den äußeren Schein. Ob es auch scheinbar keine Hilfe mehr gibt, hält er doch den Blick auf Gott gerichtet und sieht ihn gegenwärtig zu unserm Beistand. John Ball † 1640.

Keiner lebt so sorgenfrei, so angenehm, als der seines Glaubens lebt. Matthew Henry † 1714.

Regelmäßige Lesung aus der Schatzkammer David Ps13

Verfasst: 20.10.2018 13:32
von Jörg
Erläuterungen und Kernworte

Darum sage ich nochmals: Lebe deines Glaubens; ich sage es wieder und wieder: Lebe deines Glaubens; frohlocke gläubig in dem Herrn . Ich darf es kühn behaupten: Es liegt an dir und an der mangelnden Übung im Glauben, wenn du dir zuzeiten durch eigne trübe Stimmungen oder durch den Satan deine Freudigkeit und geistige Regsamkeit verkümmern und dich im Banne schwermütiger Gedanken festhalten lässt. Vielleicht hast du ein melancholisches Temperament, eine natürliche Anlage zum Trübsinn. Hat aber der Glaube nicht Macht, über die Natur den Sieg davonzutragen? Ist er nicht stärker als irgendein Belebungsmittel? Wird nicht ein erfahrener Geistlicher oder Arzt einem Quäntchen Glauben mit Recht den Vorzug geben vor allem, was die Apotheke für diesen Zweck enthält? Trägt er nicht eine unumschränkte Gewalt in sich, den Kopf von allen Sorgen, die Brust von allen Ängsten und Beschwerden, das Gemüt voll all den trüben Gedanken und den Leidenschaften zu befreien, kurz, den ganzen Menschen aufzuheitern? Was aber kann es einem helfen, eine Herzstärkung bei sich zu haben, wenn man sie nicht braucht, ein Schwert an der Seite zu tragen, wenn man es bei einem Überfall nicht aus der Scheide zieht? Wenn dich Schwermut überfällt und du zu deiner Seele sprichst: "Was betrübst du dich? Wisse und bedenke, an wen du glaubst!"- würde sie nicht sogleich ihre Ruhe wieder gewinnen? Würde nicht der Meister Sturm und Wogen bedrohen und alsbald in deinem Gemüt eine große Stille werden? Ein jeder hat das eine oder andere Mittel, schwere Gedanken zu verscheuchen, den bösen Geist zu bannen, wie es David tat mit seiner Harfe. Der eine bedarf dazu froher Gesellschaft, der andere eines kräftigen Trunkes, der dritte seiner Tabakspfeife. Ohne die geht’s nicht. Wie arm, wie jämmerlich und töricht sind alle solche Hilfsmittel, verglichen mit einem einzigen frischen Trunk aus dem Lebensborn des Glaubens! Samuel Ward † 1653.

Ich will dem Herrn singen, dass er an mir so wohl getan hat. Der Glaube hält die Seele aufrecht, dass sie auch unter schweren Anfechtungen nicht zusammenbricht, indem er dem bekümmerten Herzen die früheren Erfahrungen von Gottes Macht, Gnade und Treue in Erinnerung bringt. Das war es, was den Psalmisten in Trübsal tröstete. Gedenke, mahnt der Glaube, was Gott für; beides, dein inneres und dein äußeres Leben, getan hat. Er hat nicht nur deinen Leib aus der Not befreit, sondern an deiner Seele Großes getan. Er hat dich aus einem Zustande der Verfinsterung an das Licht gebracht, mit dir einen Bund geschlossen, hat seine Güte lassen vor dir hergehen. Er hat dir Freudigkeit zum Gebet gegeben und deine Gebete und Tränen oft erhört. Hat er dich nicht einst aus der schrecklichen Grube hervorgezogen und aus dem grausigen Schlamm und dir ein neues Lied in den Mund gelegt und den Vorsatz in dir erweckt, nie wieder so kleingläubigen Gedanken und Sorgen Raum zu geben? Wie wenig geziemt es dir nun, in Trostlosigkeit zu versinken! John Willison † 1750.

Ich will dem Herrn singen. John Philpot († 1555) hatte schon eine Zeitlang im Kohlenkeller des Bischofs von London gefangen gelegen, als der Bischof ihn zu sich beschied und ihn unter anderem fragte, wie sie im Gefängnis so fröhlich sein könnten. Philpot antwortete: "Gnädiger Herr, unsere Fröhlichkeit besteht nur darin, dass wir Psalmen singen, wie uns St. Paulus tun heißt. Denn wir sind hier an einem finstern und trostlosen Ort, und da erheitern wir uns auf diese Weise. Darüber werden, hoffe ich, Euer Gnaden nicht zürnen, da doch Jakobus sagt: Ist jemand gutes Muts, der singe Psalmen (Jak. 5, 13), - und um zu beweisen, dass wir uns bei allem Elend in Gott freuen, darum erquicken wir uns all solchem Gesang." "Nach einigen andern Gesprächen wurde ich", sagt er, "in den Kohlenkeller zurückgeführt, wo ich mich mit meinen sechs Mitgefangenen des Morgens gottlob! so fröhlich aus dem Stroh erhebe, wie andere aus ihren Daunenbetten." Und an einen Freund schreibt er: "Grüße Herrn Elsing und seine Gattin und danke ihnen, dass sie mir in meinem Gefängnis einige Erleichterung verschafft haben. Sage ihnen, dass meines gnädigen Herrn Kohlenkeller, wiewohl er sehr schwarz ist, dennoch für den Gläubigen begehrenswerter ist als der Palast der Königin. Die Welt wundert sich, wie wir in so tiefem Elend noch fröhlich sein können. Aber unser Gott ist allmächtig und wandelt Elend in Glückseligkeit. Glaube mir, die Welt kennt solche Freude nicht, wie Gottes Volk sie unter Christi Kreuz hat. Ich rede aus Erfahrung; darum glaube mir und fürchte nichts, was die Welt dir tun kann. Denn wenn sie unsern Leib gefangen setzen, so geben sie unserer Seele Freiheit, mit Gott zu verkehren. Wenn sie uns niederwerfen, so richten sie uns auf. Wenn sie uns töten, so verhelfen sie uns in Wirklichkeit zum ewigen Leben. Was für größere Herrlichkeit kann es geben, als Christo, unserem Haupte, gleichförmig zu werden? Und dies geschieht durch die Trübsal. O du gnadenreicher Gott, wer bin ich, dass du mir solche Huld erweisest? Dies ist der Tag, den der Herr gemacht hat; lasst uns freuen und fröhlich darinnen sein (Ps. 118, 24). Dies ist der Weg, ob er wohl schmal sein mag, der des Friedens Gottes voll ist und zur ewigen Seligkeit führt. O wie mein Herz vor Freude hüpft, dass ich so nahe daran bin, sie zu schauen! Gott vergebe mir, dass ich so undankbar und dieser großen Herrlichkeit so unwürdig bin. Ich habe so viel Freude, dass ich, ob ich wohl all einem Ort der Finsternis und Trauer bin, doch nicht jammern kann. Vielmehr bin ich bei Tag und bei Nacht so voller Freude wie nie zuvor; des Herrn Name sei ewig dafür gepriesen! Unsere Feinde sind darüber ärgerlich und aufgebracht, dass sie mit den Zähnen knirschen. O betet inbrünstig, dass diese Freude nie von uns genommen werde; denn sie übertrifft alles, was die Welt an Glückseligkeit zu bieten hat. Dies ist der Friede Gottes, welcher höher ist denn alle Vernunft (Phil. 4, 7). Je mehr Gottes Auserwählte angefochten sind, desto mehr schmecken sie diesen Frieden, und darum kann weder Wasser noch Feuer sie schrecken." Samuel Clarke 1671.

Nie habe ich so begriffen, was es sei, dass Gott allezeit und gegen alle Anfechtungen Satans mir beistehe, wie ich Ihn erfunden habe, seit ich hierher gekommen bin. Denn siehe, so oft die Furcht sich zeigte, erschien auch Hilfe und Ermutigung. Ja, wenn ich voll Schrecken auch nur auf den eignen Schatten hinstarrte, so hat Gott in seiner zarten Fürsorge es nicht gelitten, dass ich beschwert wurde, sondern hat mich immer wieder mit diesem oder jenem Schriftwort gestärkt; so sehr, dass ich oft gesagt habe: Wäre es erlaubt, so könnte ich um größere Trübsal beten, um des reicheren Trostes willen. (2.Kor. 1, 5.) John Bunyan † 1688.

Ich will dem Herrn singen. Wie anders endet doch dieser Psalm, als er begonnen hat! John Trapp † 1669.


Homiletische Winke
V. 2.
Die Langwierigkeit der Trübsal ist doch nur scheinbar . Ihr Gegensatz zu den Tagen der Freude, - zum ewigen Verderben und zur ewigen Freude. Das Leid erscheint langwieriger infolge unserer Ungeduld und anderer leidenschaftlicher Erregungen. Man verkürzt sich die Leidenszeit, wenn man sich nicht daraus einlässt, im Voraus zu sorgen oder sich nachher noch über das Leiden zu grämen.
V. 2b.
Warum verbirgt Gott sein Angesicht? l) Warum überhaupt? 2) Warum vor mir? 3) Warum so lange?
V. 3.
Der tägliche Kummer. 1) Seine Ursachen: Der böse Feind , Unglaube, Sünde, Versuchung, Entbehrung der Gegenwart des Herrn, Mitleid mit andern, Schmerz über das menschliche Verderben. 2) Seine Notwendigkeit: Er soll bessern, was nicht taugt, uns zu neuem Suchen der Gnade treiben und das Sehnen himmelwärts richten. 3) Das Heilmittel dagegen: Gute Speise von Gottes Tisch; der alte Wein der Verheißungen ; Umgang mit Jesus; Übung in guten Werken; Vermeidung alles dessen, was ungesund ist. Benjamin Davies 1866.
V. 3a.
Selbstpeinigung: 1) ihre Ursache, 2) ihre Unglückseligkeit, 3) ihre Schuld, 4) ihre Heilung.
V. 3b.
Anwendung des Textes auf den Feind des Gläubigen: 1) Satans wahrer Charakter: er ist der Feind. 2) Der Ernst der Lage, wenn dieser Feind über uns triumphiert. 3) Die bange Frage; Wie lange? Benjamin Davies l866.
Der Ausblick auf die Zeit, da die Niederlage sich in Sieg verwandeln wird.
V. 4b.
Erleuchte meine Augen ! Das ist das rechte Gebet 1) für jeden Sünder, der in Finsternis wandelt; 2) für jeden, der das Heil sucht; 3) für jeden, der in Jesu Schule lernen will; 4) für jeden angefochtenen Gläubigen; 5) für jeden sterbenden Heiligen. B. Davies 1866.
V. 5.
Dieser Vers zeigt das Wesen der Gottlosen nach zwei Richtungen: Je mehr sie die Oberhand haben, desto übermütiger sind sie; sie frohlocken gewaltig über die, so in Trübsal sind. Thomas Wilcocks 1586.
V. 6.
Der gütige Geber und der frohe Sänger.
Der ganze Psalm eignet sich dazu, das stufenmäßige Aufsteigen von der Trauer zu jauchzender Freude zu schildern, wobei auf den Wendepunkt, das Gebet, der Nachdruck zu legen ist also: Trauern, Beten, Frohlocken. Archibald G. Brown 1869.


Fußnoten
1. Wörtl. heißt die 2. Vershälfte wahrscheinlich: infolgedessen Kummer ist in meinem Herzen bei Tage. Dem nächtlichen Grübeln und Plänemachen folgt bei Tage der Kummer der Enttäuschung, dass die Pläne sich als unausführbar erweisen.

2. Anspielung auf die fünf Klagelieder Jeremias.

3. Tophet ist die "Greuelstätte" im Hinnomtale bei Jerusalem, wo in götzendienerischen Zeiten dem Moloch die Kinder verbrannt wurden. Dieser Brandort wurde das Bild des höllischen Feuers, daher Geenna, d.h. Hinnomtal bei den späteren Juden der Name des Ortes der ewigen Pein (Mt. 5,22) wurde.