Ermutigung, Trost und Ermahnung von den Vätern des Glaubens

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Jörg
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Ermutigung, Trost und Ermahnung von den Vätern des Glaubens

Beitragvon Jörg » 29.05.2011 19:15

Hallo, ich bin der festen Überzeugung, daß es unter uns Christen viele gibt, die in der Gefahr stehen zu verzweifeln, weil sie furchtbar unter den "mancherlei Anfechtungen" (vgl. 1. Petrus 1,6) leiden. Paulus schreibt in 1. Thessalonicher 5, 14 "tröstet die Kleinmütigen" - und so hoffe ich, daß die Texte der "Väter des Glaubens" dazu beitragen.

Zu Beginn laß ich mal C.H. Spurgeon zu Wort kommen. Den Text entnehme ich aus dem Buch "Ich bin der Herr dein Arzt" (Seite 16ff, Brockhaus):


Bei Mattigkeit und Kraftlosigkeit

Manchmal kommt eine Mattigkeit und Kraftlosigkeit über uns, wenn wir eine lange Schmerzenszeit oder sonst eine schwere Trübsal auf uns zukommen sehen. Der bittere Schmerz hat dich noch nicht getroffen, aber du weißt, daß er kommen wird, und du schauderst in der Erwartung. Man sagt, man leide den Tod tausendmal damit, daß man ihn fürchtet. Ebenso empfinden wir tausendfach die Trübsal, vor der wir uns fürchten. Ich gestehe, daß ich bei der Aussicht auf körperliche Schmerzen eine innere Ohnmacht, ein lähmendes Herzweh empfinde. Es ist nichts Ungewöhnliches, wenn deine Seele beim Blick auf Schwierigkeiten und Leiden, die dir bevorstehen, matt wird.

Manchmal werden auch wahre Christen unter dem Druck gegenwärtigen Leidens matt und schwach. Das Herz wehrt sich dagegen, aber es wird schwach, wenn der Druck Monat für Monat ununterbrochen fortgeht. „Steter Tropfen höhlt den Stein." Wenn es einen Tag lang auf dich tröpfelt, wirst du nässer, als wenn du vorübergehend durch einen Platzregen mußt. Du kannst nicht an einem fort krank oder arm oder verlassen oder von übler Nachrede verfolgt sein, ohne daß du versucht bist, zu sagen: „Mein Herz ist müde und matt; wann wird endlich der Tag kommen und das Dunkel der Nacht weichen?" Auch Gottes liebste Kinder können unter lang anhaltendem Druck des Leidens schwach werden. Dann denke an den Herrn! Gedenke, wie barmherzig und mitleidig er ist; wie er nie zu heftig schlägt und wie er nie vergißt, dich zu trösten und aufrecht zu halten!

Denke an seine Macht! D u selbst kannst dir nicht aus der Not helfen, aber er kann es. Für ihn gibt es keine unüberwindlichen Schwierigkeiten; und wenn du in deiner Unwissenheit in eine peinliche Lage geraten bist, so wende dich an die unfehlbare Weisheit Gottes, die dir heraushelfen kann! Denke an seine Verheißungen! „Ich will dich nicht verlassen noch versäumen" (Hebr. 13, 5). „Laß dir an meiner Gnade genügen, denn meine Kraft ist in den Schwachen mächtig" (2. Kor. 12,9). Wenn deine Seele matt ist, so halte dich an die Verheißung Gottes, sprich: „Tue, wie du geredet hast!" — und dein Geist wird wieder
aufleben.

Denke auch an den Bund, den Gott mit dir gemacht hat! „Es sollen wohl Berge weichen und Hügel hinfallen, aber meine Gnade soll nicht von dir weichen und der Bund meines Friedens soll nicht hinfallen, spricht der Herr, dein Erbarmer" (Jes. 54, 10).

Bedenke auch, was der Herr dir bisher schon gewesen ist! Gewiß, wir dürfen nicht an ihm zweifeln, denn er hat uns nie Anlaß dazu gegeben. Er hat dir schon durch schwerere Trübsale geholfen als die sind, unter deren Last du jetzt seufzest. Er hat in schwereren Proben als den gegenwärtigen seine Treue, Macht und Güte dich erfahren lassen. Durch so viel Jahre haben sie sich an dir bewährt, warum Gott jetzt nicht trauen? Ist dein Gott dir durch fünfzig, sechzig, ja vielleicht durch siebzig Jahre treu gewesen, kannst du ihm nicht noch eine kurze Zeit trauen? Nicht noch die paar Monate, die du vielleicht noch durch die Wüste wandern mußt? Gedenke der alten Tage, seines liebevollen Herzens, seines starken Armes, mit dem er dich aus tiefen Wassern gezogen und deine Füße auf einen Fels gestellt hat! Er ist noch derselbe Gott; darum, wenn dein Herz in dir verzagt, so gedenke des Herrn und du wirst getröstet werden!
Es muß alles erst einmal an Gott vorüber, bevor es mich treffen kann. (Helmut Thielicke)

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Joschie
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Beitragvon Joschie » 01.06.2011 14:30

Oswald Chambers - Gemeinschaft mit Gott

Wir können auf zwei Arten inspiriert sein: „Trunken vom Wein“ oder „erfüllt mit dem Heiligen Geist“ (Eph. 5, 18). Wir sollen nicht lau und unbestimmbar sein, d. h. weder in der einen noch in der anderen Weise berauscht; denn es kann ein Mensch nicht nur trunken und untüchtig sein, sondern auch nüchtern und untüchtig. Beobachte die menschliche Natur: wir sind so beschaffen, daß wir uns, wenn wir nicht in richtiger Weise angeregt werden, in der falschen Weise anregen lassen. Wenn wir nicht die Anregung der Gemeinschaft mit Gott haben, dann werden wir versuchen, uns vom Teufel anregen zu lassen oder von etwas, das unsere menschliche Findigkeit ausgeheckt hat. ,Laß dich nicht vom Wein inspirieren; das ist eine Fälschung der wahren Inspiration; sondern sei vom Geist erfüllt!', sagt Paulus. Er meint damit die Begeisterung, das Berauschtsein vom Leben aus Gott. Er sagt es in der Befehlsform: „Werdet mit dem Geist erfüllt“! Als der Herr zu der Frau aus Samaria sprach, sagte er: „Das Wasser, das ich ihm geben werde, wird in ihm eine Quelle Wassers werden, das in das ewige Leben quillt“ (Joh. 4, 14). Es findet also keine Nachfüllung statt; der Herr gebraucht nicht das Bild eines Kanals, sondern das Bild eines Brunnens, das Bild des immerwährenden Einfließens und Überströmens der Eingebung aus Gott.

Wir müssen vor allem über unsere Gesinnung wachen. Eine tadelnswerte Gesinnung einem anderen Menschen gegenüber wird immer im Geiste des Teufels enden. Wir können nicht vor Gott treten, wenn wir eine schlechte Gesinnung in uns tragen; es wird sich ein Schleier zwischen ihm und uns herablassen, und wir werden ihn nicht sehen. Gott wird uns Menschen schicken, die sich so gegen uns benehmen, wie wir uns gegen ihn benommen haben, und wenn wir nicht merken wollen, was er damit bewirken will, dann reiten wir auf einem moralischen Steckenpferd: ,Ich will mich nicht so behandeln lassen!' Es ist keine weitere Eingebung durch den Geist Gottes möglich, bis diese Gesinnung verschwunden ist. „So hütet euch in eurem Geiste, daß ihr nicht treulos handelt!“ (Mal. 2,16). Der Herr legt seinen Finger immer unfehlbar auf das, was falsch ist. „Versöhne dich zuerst. ..“ (Matth. 5,24). Und das weitere, worüber wir zu wachen haben, ist unsere private Beziehung zu Gott. Haben wir uns vorgenommen zu beweisen, daß Gott tun muß, was wir ihm sagen? Wenn es so ist, dann ist unser Gebet rasender Fanatismus.

Oder ist es uns einzig darum zu tun, zu einem richtigen Verständnis Gottes zu kommen? - Was der wahre Sinn des Gebetes ist. Die größte Schranke im Gebet entsteht dadurch, daß wir uns selbst so überaus ernst nehmen und zu dem Schluß kommen, Gott sei zurückhaltend gegen uns. Er ist nicht zurückhaltend. Gott muß die Dinge, die wir so ernst nehmen, so lange ignorieren, bis unsere Beziehung zu ihm die eines Kindes ist. Wenn wir über unsere Gesinnung gegen andere Menschen und gegen Gott wachen, dann wird die Eingebung aus Gott immer in uns und von uns fließen; es wird ständig eine frische Salbung durch den Heiligen Geist stattfinden. Stelle dir Jesus erschöpft vor in seinem Leben mit Gott. Er war nie erschöpft und ausgepumpt. Wenn wir geistlich erschöpft sind, ist immer ein Grund dafür vorhanden, der entweder in unserer Gesinnung gegen Gott oder in unserer Gesinnung gegen einen Mitmenschen zu suchen ist. Es steht nirgends geschrieben, daß wir geistlich halbtot und ein Hemmschuh für Gottes Plan sein müssen. Wir sollten von einer strahlenden Intensität des Lebens erfüllt sein und ohne Rückfall immer auf der höchsten Höhe bleiben. „Ich bin gekommen, auf daß sie Leben haben und es in Überfluß haben“ (Joh. 10, 11).

Sei erfüllt von dem Leben, das zu bringen Jesus gekommen ist!
Tod, wo ist dein Stachel? Totenreich, wo ist dein Sieg? 1Kor 15,55

Jörg
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Beitragvon Jörg » 02.06.2011 18:52

Ein Brief von Martin Luther an Georg Spenlein vom 8. April 1516

Übrigens möchte ich wissen, was Deine Seele macht: ob sie denn nicht endlich, ihrer eigenen Gerechtigkeit überdrüssig, lerne, in der Gerechtigkeit Christi wieder aufzuatmen und auf sie zu vertrauen. Denn zu unserer Zeit brennt die Anfechtung der Vermessenheit bei vielen und besonders bei denen, welche sich mit allen Kräften gerecht und gut zu sein bemühen. Sie kennen die Gerechtigkeit Gottes nicht, welche uns in Christus aufs reichlichste und umsonst geschenkt ist und suchen durch sich selbst so lange gute Werke zu tun, bis sie die Zuversicht haben, vor Gott bestehen zu können, gleichsam mit Tugenden und Verdiensten geschmückt, was doch unmöglich geschehen kann. Du bist bei uns in dieser Meinung, vielmehr diesem Irrtum gewesen. Auch ich bin es gewesen, sogar auch jetzt noch kämpfe ich gegen diesen Irrtum an, habe ihn aber noch nicht überwunden.

Daher, mein lieber Bruder, lerne Christus, und zwar den gekreuzigten, lerne ihm zu singen und an Dir selbst verzweifelnd zu ihm zu sprechen: Du, Herr Jesus, bist meine Gerechtigkeit, ich aber bin deine Sünde; du hast das Meine auf dich genommen und mir das Deine gegeben; du hast angenommen, was du nicht warst, und mir gegeben, was ich nicht war. Hüte Dich, daß Du niemals nach einer so großen Reinheit trachtest, daß Du Dir nicht als Sünder erscheinen oder gar kein Sünder sein willst. Denn Christus wohnt nur in Sündern. Denn deshalb ist er vom Himmel herniedergestiegen, wo er in Gerechten wohnte, damit er auch in Sündern wohnte. Diese seine Liebe erwäge immer wieder bei Dir, und Du wirst seinen überaus süßen Trost sehen. Denn wenn wir durch unsere Bemühungen und Trübsale zur Ruhe des Gewissens kommen müßten: wozu wäre er denn gestorben? Deshalb wirst Du nur in ihm, durch getroste Verzweiflung an Dir und Deinen Werken, Frieden finden. Überdies wirst Du von ihm lernen, daß er, gleichwie er Dich angenommen und Deine Sünden zu den seinen gemacht hat, auch seine Gerechtigkeit zu der Deinen gemacht hat.

[Martin Luther: 1516. Zeno.org: Martin Luther: Werke, S. 7069
(vgl. Luther-W Bd. 10, S. 14-15) (c) Vandenhoeck und Ruprecht]
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Joschie
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Beitragvon Joschie » 05.06.2011 20:59

Lasst uns die Gnade rühmen

Ich muss bekennen, ich bin über einige Leute, die ich kenne, schockiert, die redegewandt immer wieder ihr vergangenes Leben bezeugen bis zu dem Zeitpunkt ihrer Bekehrung und die immer wieder von ihren Sünden sprechen, von denen sie hoffen, dass sie vergeben wurden; sie tun dies mit dem Beigeschmack eines bloßen Lippenbekenntnisses, als ob dies etwas Gutes wäre, dass sie solch abscheuliche Übeltäter waren. Ich hasse es, wenn ich einen Mann von seinen Sündenerfahrungen reden höre wie ein Pensionär aus Greenwich, der über den Trafalgar Platz und den Nil erzählt.

Das Beste, was wir mit unseren vergangenen Sünden tun können, wenn sie tatsächlich vergeben sind, ist, diese zu begraben; ja, und lasst uns sie begraben, wie sie es mit Selbstmördern taten. Lasst uns einen Stab durch sie rammen mit Schrecken und Verachtung zugleich, und lasst uns aus ihnen niemals ein Denkmal zur Erinnerung an sie errichten.

Wenn du jemals einer anderen Person die Verfehlungen deiner Jugend berichtest, tu es mit Erröten und Tränen, mit Scham und Bestürzung auf deinem Gesicht; und spreche immer so darüber, dass die unendliche Gnade, die dir vergeben hat, geehrt wird. Lass es niemals zu, dass der Teufel hinter dir steht und dir auf die Schulter klopft und sagt: „Du hast mir damals einen guten Dienst erwiesen.“

„Der alte Mensch ist mit Ihm gekreuzigt.“ Wer rühmt sich, mit dem gekreuzigten Verbrecher verwandt zu sein? Wenn ein Mitglied deiner Familie gehängt worden wäre, würdest du nicht zittern, wenn jemand vom Galgen sprechen würde? Und würdest du nicht umherlaufen und rufen: „Wisst ihr, dass einer meiner Brüder in Newgate gehängt wurde?“

Dein alter Mensch der Sünde wurde gehängt. Sprich nicht länger über ihn, sondern danke Gott, dass dies so ist; und während er aus deinem Gedächtnis verschwindet, tue das Gleiche, es sei denn es macht dich demütiger und dankbarer.

Charles Spurgeon, The Old Man Crucified. Predigt vom 11. April 1890 im Metropolitan Tabernacle, London.
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Beitragvon Jörg » 24.07.2011 17:12

Zuflucht ist bei dem alten Gott
und unter den ewigen Armen,
die dich erschaffen, erhalten, geführt,
auch wo dein Herz es nicht dankbar gespürt.
Was soll noch Sorge, Zweifel, gar Spott?
Gott will sich deiner erbarmen.
Gott hat dich erkürt.

Gottes Güte ist ohne Ziel.
Voll Treue sind Gottes Gedanken.
Ob sich dein Wesen gewandelt von Grund,
ob dein Geschick sich geändert zur Stund,
und welch ein neues Los dir auch fiel -
Gott kennt kein Weichen und Wanken.
Gott hält seinen Bund.

Gott ist Hilfe, Rat, Trost und Schild.
Er bleibt, der er war. Du sollst hoffen.
Ward dir der härteste Kampf auferlegt,
traf dich auch Leid, wie noch keiner es trägt,
und Jammer, den noch niemand gestillt -
Gott hält die Arme dir offen.
Gott heilt, die er schlägt.

Gottes Arme sind Halt und Rast.
Sie möchten dich liebend umfangen.
Was dich auch ängste, sie bleiben dein Hort.
Was dich auch binde, sie tragen dich fort.
Und hat die Welt dich bitter gehasst -
Gott lässt dich Frieden erlangen.
Gott gab dir sein Wort.

Wo die Welt nur das Ende sieht,
Läßt Gott auch die Müden beginnen.
Wer in den ewigen Armen geruht,
wacht neu gestärkt, voller Kräfte und Mut.
Selbst wo der Kühnste zagend entflieht,
will er die Krone gewinnen,
Das ewige Gut.

(Jochen Klepper)
Es muß alles erst einmal an Gott vorüber, bevor es mich treffen kann. (Helmut Thielicke)

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Beitragvon Jörg » 20.08.2011 06:38

Nicht vergessen, sondern überwinden

Er hat alles wohlgemacht (Markus 7, 37)

So wollen wir am Ende dieses Jahres sprechen über jede Woche, über jede Stunde, die vergangen ist. Solange wollen wir mit diesem Wort ins Gebet gehen, bis keine Stunde mehr ist, von der wir nicht sagen wollten, „Er hat alles wohlgemacht“. Gerade die Tage, die uns schwer waren, die uns gequält und geängstigt haben, Tage, die in uns eine Spur von Bitterkeit zurückgelassen haben, wollen wir heute nicht hinter uns lassen, bevor wir nicht auch von ihnen dankbar und demütig bekennen: „Er hat alles wohlgemacht“. Nicht vergessen sollen wir, sondern überwinden. Das geschieht durch Dankbarkeit. Nicht die ungelösten Rätsel der Vergangenheit lösen und in quälende Grübelei fallen sollen wir, sondern auch das Unbegreifliche stehen lassen und friedlich in Gottes Hand zurückgeben. Das geschieht durch Demut. „Er hat alles wohlgemacht“. Aber noch bleibt der furchtbarste Stachel zurück: Meine Schuld, meine Versäumnisse, meine Undankbarkeit, mein Zorn, meine Trägheit zum Gebet, mein ganzes widerspenstiges, verzagtes, unfrohes Herz - was wird daraus? Die böse Frucht meiner Sünde wirkt ja ohne Ende fort. Wie soll ich dem ein Ende setzen? Und doch bist du kein Christ, sondern verhärtest dich nur in deiner Sünde, wenn du nicht auch über deiner Schuld sprechen kannst, ER hat alles wohlgemacht! Es heißt eben nicht, wir haben alles wohlgemacht. Glaubst du das? Das ist die letzte und erstaunlichste Erkenntnis des Christen, dass er zuletzt auch über seiner Sünde sagen darf: Er hat alles wohlgemacht. Er hat mir auch durch die Sünde hindurchgeholfen, ihn zu finden. Er hat schließlich alle meine Sünde zugedeckt.

Jetzt erst wissen wir recht, was das heißt, Er hat alles wohlgemacht. Er hat uns geheilt. Er war allezeit da und am Werk. Jetzt erst können wir auch wahrhaftig für all das viele Gute danken, das wir empfangen haben, danken für unsere Arbeit, für das tägliche Wort, für allerlei persönliche Hilfe und Führung, für Bewahrung vor allerlei großem Übel und Gefahr des Leibes und der Seele. Jetzt ist alles Vergangene umschlossen in der einen Freude: „Er hat alles wohlgemacht.“

Dietrich Bonhoeffer

(aus „Dietrich Bonhoeffer Werke", Band 14, Seite 258-259; erschienen im Chr. Kaiser/Gütersoher Verlagshaus)



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Beitragvon Jörg » 01.09.2011 04:31

Wenn ich an mir selbst verzage,
Tröstet mich noch Gottes Macht,
Dass ich's in dem Glauben wage,
Bis ich meinen Lauf vollbracht.
Hab ich Seine Macht erfahren,
Da mir mancher Fall gedroht,
O so wird sie mich bewahren
Bis zu meinem sel´gen Tod.

Gottes Macht, die mich bekehrte,
Die den Glauben in mir schuf,
Beten, kämpfen, dulden lehrte,
Ist mir nahe, wenn ich ruf.
Dass ich schwach bin, wird er wissen;
Dass er stark ist, weiß auch ich.
Der mich aus dem Tod gerissen,
Ist noch dieser Gott für mich.

Hang, mein Herz, an seinen Händen!
Was du nicht kannst, wird er tun.
Was er anfing, wird er enden,
Eher wird er ja nicht ruhn.
Herr, ich glaube deinen Worten,
Deiner Macht vertrau ich noch:
Streiten auch der Höllen Pforten,
Sieget deine Rechte doch.


Philipp Friedrich Hiller
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Beitragvon Jörg » 04.09.2011 05:39

Das Leben wird oft trübe, die Brust scheint oft so leer,
als ob kein Fünkchen Liebe und Glauben in uns wär.
Das Heil, mit Not gefunden, liegt uns auf einmal fern.
Und doch sind solche Stunden ein Segen von dem Herrn.
Man trägt nach ihm Verlangen, wenn er uns einsam lässt,
man möchte ihn umfangen und halten ewig fest.
Mit Tränen fleht und ringet wie Jakob dann die Seel,
bis ihr der Kampf gelinget, und sie wird Israel.
Das sind die geist’gen Fasten, wo er uns scheint entfernt
und man allein die Lasten der Sünde kennen lernt.
Da wird man eingeleitet in der Reue Traurigkeit,
doch da auch vorbereitet zur Festtagsherrlichkeit


(Philipp Spitta, 1850, Gedicht über die dürre Zeit)
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Joschie
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"Es gibt nichs neues unter der Sonne"

Beitragvon Joschie » 11.09.2011 19:46

Alle Wege eines Mannes sind lauter in seinen Augen, aber der die Geister prüft, ist der HERR.

Sprüche 16,2


In den letzten beiden Jahren sind einige der renommiertesten Finanzinstitute hoffnungslos untergegangen. Menschen, denen man in der großen Welt der Finanzen Vertrauen schenkte und an deren Charakter niemand zweifelte und nicht einmal der Schatten eines Zweifels aufkam, erwiesen sich als unehrlich und ohne Prinzipientreue.

Das feurige Gericht war zu viel für das Holz, Heu und Stroh so mancher gigantischer Unternehmen. Finanzhäuser, die scheinbar auf einem Felsen gegründet waren… sind bis in ihre Grundfeste erschüttert worden. Überall begegnen uns die Trümmer großer Namen und unermesslicher Reichtümer. In den Palästen des Schwindels hört man Wehklagen, und Verwüstung hat die Hallen der Täuschung erreicht. Seifenblasen platzen, Schwätzer verstummen, die Farbe löst sich von der Wand, die Vergoldung blättert ab.

Wir haben in den Zeitungen Monat für Monat neue Enthüllungen über die Finanzgeschäfte gelesen, die in diesem Zeitalter der Schurkerei üblich geworden sind, um andere auf respektable Weise zu berauben und aus Betrug einen Gewinn zu machen. Wir waren überrascht und verblüfft über die üblen Tricks und schamlosen Praktiken… Und doch wurden die gigantischen Betrügereien gerechtfertigt, und wir sollten glauben, dass die Schuldigen von sich annahmen, dass sie nicht unehrenhaft handelten…

Meine Brüder, dieser Lärm fallender Türme zur Rechten, das Geräusch der stürzenden Zinnen zur Linken, diese Rufe der Ruinierten… ließen mich nicht nur an sie denken, sondern ich musste über die gleichen Katastrophen nachdenken, die in der geistlichen Welt immer deutlicher werden. Von keiner Zeitung berichtet und von keinem gefallenen Menschen bedauert, gibt es das Versagen und den Betrug und Bankrott der Seele…

Spekulation ist ebenso ein geistliches wie ein finanzielles Übel – der Handel ohne Kapital ist in der Welt der Religion üblich geworden, und Marktschreierei und Verführung sind gängige Praktiken geworden... In unserer Zeit sollten wir erkennen, dass die kolossalen Reichtümer des christlichen Glaubens zu einer erbärmlichen geistlichen Armut dahinschmelzen. Wir sehen bekennende Christen, verehrt und in hohem Ansehen, die Schande und ewige Verachtung über sich bringen. Wir sollten unseren Blick auf die „Reichen“ im geistlichen Sinne richten, denen die Menschen unweise als ihre Führer und Ratgeber für ihre Seelen vertraut haben, und die sich ohne ihre Masken als durch und durch verführerisch erweisen. Es scheint mir so, als erspähe ich in dieser Zeit die geistliche Welt, und ich sehe so manchen Turm von Babel, der erschüttert wird und vor dem Einsturz steht; so manche gerechte Pflanzung, die in ihrem Herzen Niedergang erlebt; so manch fröhliches Gesicht, das von Krankheit gezeichnet ist. Ja, und ich höre von Menschen in der Gemeinde, die scheinbar reich und an Gütern wohlhabend sind, und doch arm und nackt und elend sind, und ich höre von großen Männern, deren überragende Ehre nun einer welken Blume gleicht.

Diese Art von Menschen hat es immer gegeben, auch heute gibt es viele von ihnen, und es wird sie bis zum Ende geben. Verführer gibt es zu allen Zeiten, da der Text uns sagt, dass alle Wege eines Mannes lauter sind in seinen Augen; es gibt eine Neigung in der menschlichen Natur, die dazu führt, dass Menschen von sich selbst denken, sie seien völlig gerecht, selbst wenn sie völlig ungerecht handeln.

Der Text kommt aber auch zu dem erschreckenden Schluss, zu dem alle Selbsttäuschung gewiss kommen wird; denn die Beurteilung des Menschen über sich selbst ist keine endgültige, und es wird der Tag des Herrn kommen, der die Geister prüft und das falsche Urteil eines irregeleiteten Gewissens zunichte macht; dann wird der Mensch sich nicht länger in seinem falschen Licht sehen, mit dem er sich umgeben hat, sondern in dem wahren Licht, in dem all seine eingebildete Ehre wie ein Traum verblassen wird.
Charles Spurgeon

Predigt vom 10. Januar 1869 (Auszüge)
Tod, wo ist dein Stachel? Totenreich, wo ist dein Sieg? 1Kor 15,55

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Beitragvon Jörg » 01.10.2011 07:35

Ein Ausschnitt aus einer Predigt von Dietrich Bonhoeffer in Zingst von 1935:

Was betrübst du dich, meine Seele, und bist so unruhig in mir? Harre auf Gott! Denn ich werde ihm noch danken, daß er mir hilft mit seinem Angesicht. Psalm 42,6

Betrübnis und Unruhe währen nur eine kurze Zeit. Sie sollen mein Herz nicht gefangen nehmen. Sprich auch du zu deiner Seele, laß es ihr nicht zu, daß sie sich quält und Sorgen macht. Sag zu ihr: Harre auf Gott! Harre nicht von einem Tag zum andern auf mehr Not, mehr Unheil, harre auch nicht auf plötzliche glückliche Wendungen aller Dinge, sondern harre auf Gott! Sein Angesicht, das ist Jesus Christus, wird mir gewiß helfen, und ich werde ihm gewiß dafür danken. Ist Jesus bei dir, dann kannst du nur noch danken.

Dreieiniger Gott, mache mein Herz fest und gründe es allein auf dich und deine Hilfe. Dann ist mir geholfen und ich will dir in Ewigkeit danken. Amen.

Warum sollt ich mich denn grämen?
Hab ich doch Christum noch,
wer will mir den nehmen?
Wer will mir den Himmel rauben,
den mir schon Gottes Sohn
beigelegt im Glauben?
(Paul Gerhardt)

Quelle: Beiträge der Paul-Gerhardt-Gesellschaft “Paul Gerhardt in Kirche, Kultur und Lebensalltag”, Frank &Timme Verlag für wissenschaftliche Literatur, Seite 17f
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Beitragvon Jörg » 07.11.2011 07:36

Nach dem Tod meiner lieben Schwiegermutter am 18. Oktober stieß ich wieder auf folgende Zeilen von Dietrich Bonhoeffer:

"Zunächst: es gibt nichts, was uns die Abwesenheit eines lieben Menschen ersetzen kann, und man soll das auch gar nicht versuchen; man muß es einfach aushalten und durchhalten; das klingt zunächst sehr hart, aber es ist doch zugleich ein großer Trost; denn indem die Lücke wirklich unausgefüllt bleibt, bleibt man durch sie miteinander verbunden. Es ist verkehrt, wenn man sagt, Gott füllt die Lücke aus; er füllt sie gar nicht aus, sondern er hält sie vielmehr gerade unausgefüllt, und hilft uns dadurch, unsere echte Gemeinschaft miteinander – wenn auch unter Schmerzen – zu bewahren. Ferner: Je schöner und voller die Erinnerungen, desto schwerer die Trennung. Aber die Dankbarkeit verwandelt die Qual der Erinnerung in eine stille Freude. Man trägt das vergangene Schöne nicht wie einen Stachel, sondern wie ein kostbares Geschenk in sich."

(Brief an Renate und Eberhard Bethge, Gefängnis Berlin-Tegel an Heiligabend 1943)
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Beitragvon Jörg » 06.12.2011 19:51

Ich stieß heute auf einen seelsorgerlichen Brief von Ludwig Hofacker, den ich - wenn auch nur teilweise (wegen der Länge) - weitergeben möchte:

Stuttgart, den 12. September 1822

Lieber B.! Ich habe Deinen Brief mit tiefer Wehmut meines Herzens gelesen, weil ich erkannte, welch eine drückende, zentnerschwere Last auf Deiner Seele liegt. Es hat mich eben darum Dein Brief auch wieder wackerer gemacht zur Fürbitte für Dich, dass unser ewiger Hoherpriester sein gegen gedrückte und darniedergeschlagene Seelen brennendes Erbarmen auch gegen Dich neigen und, wie er in der Hitze des Sommers den Regen fallen läßt auf ausgetrocknete Fluren, auch Deinen Geist erquicken möge.

Vor allem, lieber B., möchte ich Dich ermahnen: wirf Dein Vertrauen nicht weg, welches eine große Belohnung hat. Und laß Dir Deinen Trost nicht rauben, dass der Herr das Seufzen der Elenden hört, dass seine Ohren nicht dick geworden sind und dass er gewöhnlich dann einer Seele am nächsten ist, wenn wir ihn am fernsten wähnen. Es scheint freilich schwer, ja fast eine Unmöglichkeit zu sein, zu glauben, wo man gar nichts sieht als Elend und Finsternis. Aber ein wenig Glaube ist auch ein Glaube und gewiss oft wohlgefälliger vor dem Herrn, als wenn einer in beständigem Genuß, wobei auch der Körper seine Rolle mitspielt, sich breit und groß machen kann. Das zerstoßene Rohr wird er nicht zerbrechen, das ist der Grundcharakter des Heilandes. Und mit welcher Treue übt der gute Erzhirte dieses Amt aus! Was darf man bei ihm erfahren! Was hast Du selbst erfahren, wenn Du der vorigen Tage gedenkst! Siehe, wenn einer nicht mehr beten kann, wenn seine Seele gleich einer Wüste geworden ist, voll Dornen, Disteln und Unglaubens, oder nicht einmal von etwas so Aktivem, sondern eine Wüste voll Unseligkeit, ein Hades, eine Hölle sogar, und es steigt einem solchen Menschen mitten in seiner Unseligkeit täglich vielleicht nur einmal der Seufzer auf: Herr, erbarme Dich! oder : Herr, wie so lange! was meinst Du, lieber B., meinst Du, dieser Seufzer sei nicht so viel wert wie stundenlanges Gebet? Warum ist wohl dieser Seufzer dem Herrn so wohlgefällig? Antwort: weil es Römer 8, 26 also steht. Nun tu mir noch den Gefallen und lies mir auch Vers 25 und stärke Dich damit. Ich will Dir noch einen alten Vers beifügen aus unserem alten württembergischen Gesangbuch, der hierher gehört:

Jesu, hilf siegen, wenn alles verschwindet,
Wenn ich mein Nichts und Verderben nur seh,
Wenn kein Vermögen zum Beten sich findet,
Wenn ich muß sein wie ein verschüchtertes Reh!
Ach Herr, so wollst Du im Grunde der Seelen
Dich mit dem innersten Seufzen vermählen!

Was Du schreibst, der Heiland könne uns nicht beseligen, solange wir noch in irgendeinem Stück unsere eigene Gerechtigkeit aufrichten, das glaube ich auch und stimme hierin völlig mit Dir überein. Er will Leute haben, die nicht durch Rennen und Laufen, sondern nur durch sein Erbarmen selig werden wollen. Aber das meine ich doch. Du befindest Dich hierin in einer gewissen Selbsttäuschung, in der ich auch lange gesteckt habe. Du forderst etwas Evangelisches durch das Gesetz, was nur durch das Evangelium bewirkt werden kann. Glaube mir´s, Lieber, eine wahre Herzenszerknirschung, ein wahres Armsündersein kann uns nur durch das Evangelium gegeben werden. Nur durch Anerkennung der Liebe, die uns zuerst geliebt hat, kann Satans Werk in uns zerschlagen und ausgefegt werden. Das Gesetz kann auch zerschlagen, aber es ist, als wenn Du ein Stück Gummi mit dem Hammer zerschlagen wolltest. Solange der Hammer darauf liegt, bleibt es breit, tut man aber den Hammer weg, so geht es wieder zusammen. Da muß man mit Feuer, und zwar mit Liebesfeuer kommen und die Materie zergehen und zerfließen lassen. Das hilft, und das hilft allein.

Ich habe einmal in den Büdingschen Sammlungen gelesen, dass Zinzendorf gefragt wurde, was zu wahrer Buße gehöre, oder wann eine Menschenseele so sei, dass sie den Heiland ergreifen könne. Die Antwort war: wenn sie angefangen hat, an sich selbst zu verzagen. Glaubst Du das nicht? Ja, Du glaubst es gewiss. Nun sehe ich aber schon, wie Dir in Hinsicht auf Dich folgendes “Aber” aufsteigt: aber ich verzage ja nicht an mir selbst, ich bin ja kein ausgezogener Sünder; ich sehe wohl, dass all meine Sache nichts ist, aber mein Herz will es nicht recht glauben, und wenn es auch oft mit Gewalt darauf hingezogen wird, so fällt es bald wieder in seinen vorigen Hochmut zurück.

Wie lange habe ich mich mit solchen Gedanken geplagt, bis mir aufgedeckt wurde, dass ich ja eben in dem Arm- und Ausgezogensein meine eigene Gerechtigkeit suche. O, was ist das für ein Trick vom Satan, womit er die Seelen von ihrem Erbarmer zurückhält; ein um so feinerer Schlich, weil er sich hier in das Gewand der Demut hüllt! Meiner Lieber, aus Deinem ganzen Brief geht hervor, dass Du an Deinem eigenen Können verzagst. Du stehst ganz in göttlicher Ordnung der Buße. Laß Dein Herz noch so hochmütig und selbstgerecht sein. Du machst es wahrlich nicht anders, und wenn Du es auch Jahrtausende hindurch zum Armsein zwingen willst. Laß das alles stehen. Der Heiland hat schon seine Mittel dazu; denn es ist doch wahrlich ein Unterschied zwischen dem, wenn man die guten Hoffnungen von sich aufgibt, und zwischen dem, wenn man ein ganz ausgezogener Sünder ist.

aus: Ludwig Hofacker Predigten - Band 1 - Seite 32f - Hänssler
Es muß alles erst einmal an Gott vorüber, bevor es mich treffen kann. (Helmut Thielicke)

Jörg
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Beitragvon Jörg » 07.12.2011 08:52

In dem gestern zitierten Trostbrief von Ludwig Hofacker berichtet er weiter aus seiner eigenen leidvollen Vergangenheit:

Als ich durch Gottes Gnade aus meinem langen Sündenschlaf aufgeweckt wurde, da hatte ich keinen Führer und war auch hochmütig genug, mich nach keinem umzusehen. Nur den Jakob Böhme bekam ich in die Hand. Du kannst Dir denken, was ich mir da für ein Christentum konstruierte. Zwar seine theoretischen Meinungen verdarben nicht viel, wohl aber seine praktischen, nämlich seine Heiligungslehre ohne Rechtfertigung, oder seine Rechtfertigungslehre, die ganz den Charakter einer bloßen Heiligungslehre trägt. Über ein Jahr lang war mir daher die biblisch kirchliche Lehre von der Versöhnung eine wahre Torheit. Nach und nach ging mir jedoch mehr Licht im Inneren auf. Allein, obwohl ich viel über das Kreuz Christi sprach, las, betete, so wusste ich doch nicht, dass man die Gnade so umsonst annehmen dürfe. Ich stand während meiner ganzen Tübinger Laufbahn in einem schrecklichen Eigenwirken, mit der Theorie in einer Begnadigungslehre, die umsonst angenommen werden, wo man nur zum Heiland kommen dürfe, mit der Praxis für mich selbst ferne, ferne vom Frieden in den Wunden des Herrn.

Von diesem Eigenwirken, namentlich im Essen und Trinken, erlöste mich Gott durch meine Krankheit in Tübingen. Oft hatte ich mich gerade im Punkte der täglichen Nahrung nach mehr Freiheit gesehnt; aber ich konnte von der Ängstlichkeit nicht loskommen. Mit meinem Krankheitsanfall in Tübingen war´s wie weggeflogen, und jetzt würde ich dergleichen Dingen kein Gehör mehr geben. Nun kam ich aufs Vikariat, predigte Christus den Gekreuzigten mit viel innerer Angst und Widerspruch; aber ich setzte mich darüber hinweg. In diesem Zustand kam ich hierher und hatte nun Zeit, über mich nachzudenken. Was ich in dieser Zeit oft durchgemacht habe, das kannst du dir denken. Ich kam nach und nach von den hochfliegenden Gedanken mehr ab und beschloss, mich in die Führung meines Gottes zu schicken. Gut war´s, dass ich dabei wie in einem beständigen Traum dahinging und am anderen Tag gewöhnlich nicht mehr viel vom vorigen wusste, sonst wäre ich zu melancholisch geworden.

Aber das Bedürfnis, der Hunger nach wahrer Gewißheit und Festigkeit des Herzens, mit anderen Worten, nach Jesus, wurde immer stärker. Dabei konnte ich oder vielmehr wollte ich gar nicht glauben, dass auch für mich eine Erlösung vorhanden sei. Ich dachte immer, wenn mir´s der Heiland einmal speziell versicherte, so wollte ich´s glauben. Indessen fing ich doch an, weil ich vom Gesetz und den toten Werken entsetzlich geplagt wurde, mich oft in die durchgrabenen Hände des Herrn zu befehlen, indem ich ja keine andere Zuflucht hatte; und ich wurde dabei oft ganz ruhig, sogar vergnügt. Doch konnte oder wollte ich immer noch nicht glauben, bis ein guter Freund mir versicherte, man dürfe zugreifen, das Evangelium sei deswegen da. Ich erhob mich nun aus meiner Passivität, trug die Sache dem Heiland vor und sagte ihm, ich wolle ihm auf sein Wort und Evangelium hin glauben. Auf diesem Glauben bin ich bis jetzt geblieben und habe zwar noch keine besondere Heimsuchung des Herrn erfahren, aber doch habe ich Ruhe. Und wenn mein Fleisch oder Satan mir meine Sache streitig machen will, so sehe ich nur auf mein neues Testament und auf Golgatha als auf die ewige Versieglung meines Gnadenstandes, dann kann ich wieder glauben.

Denn am Glauben liegt´s, vorher gibt´s keine Ruhe; und kann man nicht mit Gefühl glauben, so muß man´s ohne Gefühl tun. Man ehrt Gott mehr mit bloßem Glauben auf sein heiliges Wort hin, als wenn man vorher alles fühlen will. Wenn Du einem anderen etwas versprichst und er glaubt Dir, dass Du es halten wirst, wenn Du auch noch keine Anstalten dazu machst, nicht wahr, das gefällt dir. Wieviel mehr findet dieses statt bei dem wahrhaftigen Gott!

Herr, mein Hirt, Brunn aller Freuden,
Du bist mein, weil ich Dich fasse
Und Dich nicht, o mein Licht,
Aus dem Herzen lasse.

Das ist´s, mein Bruder. Sieh, der Geist Gottes kann uns nicht beikommen, wenn wir so unruhig sind. Ruhe ist aber bloß in geduldiger Ergebung in den Willen des Herrn, d. h. im Glauben.

Aber noch eins. Ich bin überzeugt, dass Du auch körperlich etwas gebrauchen solltest; denn Du leidest am Körper, wie ich daran gelitten habe. Der beste Musikus kann auf einem verstimmten Instrument nicht gut spielen. So wird unsere Seele durch den Körper verschroben und verstimmt, und die krankhaften Gefühle des letzteren mischen sich in die Vorstellungen der Seele. Darum laß Dir von einem Arzt etwas geben, denn gebrauchen mußt Du etwas.

Laß Dich´s nicht verdrießen, dass du so einen langen Brief von mir lesen mußt. Die Liebe hat ihn mir diktiert. Wenn Du nur daraus siehst, dass ich´s gut mit Dir meine, dass ich Dich liebe! Wenn es aber so ein sündiger und schwacher Mensch gut mit Dir meint, dann mache Du den Schluß auf das Herz des Heilandes, das lauter Liebe und Erbarumung ist!

Der Friede, der nicht mehr weicht, nämlich der Friede Gottes im Glauben an seinen Sohn, sei mit Deinem Geiste, den der Heiland mit seinem Blut erlöst hat; Du magst es nun glauben oder nicht, Du magst Dich gegen diesen Glauben sperren, solange Du willst. Ohne Fühlen will ich trauen - endlich kommt der Tag des Heils!

Dein Bruder L. Hofacker
Es muß alles erst einmal an Gott vorüber, bevor es mich treffen kann. (Helmut Thielicke)


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