Mein Vater

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Mein Vater

Beitragvon Gast » 14.11.2011 23:59

Mein Vater

Eines Tages, es muss so in der Mitte der sechziger Jahre gewesen sein, fuhren ein Schulkamerad und ich mit dem Fahrrad von der Schule nach Hause. Es war später Herbst und kalt, windig und ungemütlich. Tagelang hatte es heftig geregnet und in der ganzen Gegend waren Felder überflutet und die Entwässerungsgräben bis zum Rand gefüllt mit braunem, schmutzigen Wasser. Längs der kleinen Straße, auf der wir heimwärts strebten, verlief ein ebenfalls wassergefüllter Graben. An einer Stelle wurde das Wasser durch ein Rohr unter der Straße hindurch in einen größeren Graben geleitet.

Mein Kamerad und ich bremsten unsere Fahrräder und liefen zu der Stelle, an der der Verlauf des Wassers unter die Straße führte. Nachdem wir dem glucksenden und blubbernden Fließ eine Weile zugesehen hatten, kam uns eine Idee. Von einem Busch in der Nähe brachen wir Zweige und Äste und rammten sie dicht an dicht vor das Abflussrohr in den weichen, lehmigen Grund. Ein paar Steine, ein herrenloses Brett und weitere dünnere Zweige vervollständigten das Stauwehr zügig. Interessiert beobachteten wir, wie der Wasserspiegel vor dem Straßendurchlauf anstieg. Ein richtiges Stauwehr hatten wir gebaut und das abfließende Regenwasser begann, einen Teich zu bilden. Als wir uns aufrichteten, erkannten wir zu unserem Entsetzen, dass das Wasser um uns herum die Straße erobert hatte. Eine Seite der Fahrbahn war bereits mit Wasser bedeckt.

Wir waren uns einig: Der Damm musste unverzüglich eingerissen werden.

Doch das Vorhaben war nicht einfach zu bewerkstelligen. Der Wasserdruck auf unsere primitive Sperre war so hoch geworden, dass wir keine Äste mehr herausziehen konnten. Außerdem standen wir hier schon bis über die Knöchel im Wasser.

Meinem Kameraden war das zu dumm. Er nahm sein Rad, schwang sich hinauf und radelte, wie ein Besessener in die Pedale tretend, davon.

Da stand ich nun. Allein war meine Chance noch geringer, den angerichteten Schaden zu beheben. So setzte auch ich mich aufs Rad und strampelte aus Leibeskräften, um nach Hause zu gelangen. „Vater hilft dir“, hämmerte es in meinem Kopf, „Vater kann Dir helfen.“

Als ich mit rasendem Puls und fliegendem Atem zu Hause angekommen war, fand ich glücklicherweise meinen Vater auch sofort und berichtete ihm stockend von unserem Heldenstück. Er sah mich ernst und prüfend an, dann nahm er seinen Autoschlüssel, forderte mich mit einer Kopfbewegung auf, einzusteigen und steuerte unser Goggomobil zum „Tatort“.

Inzwischen bedeckte das Wasser fast die ganze Straßenbreite. Zwei Autos, die wir sahen, schlichen nur in Schrittgeschwindigkeit durch die Fluten. Mein Vater schätzte die Situation kurz ein, stieg zu unserer prächtigen Wassersperre hinab, und hatte mit einigen wenigen kräftigen Rucken das Hindernis beseitigt. Als das Wasser nun wieder mit voller Kraft durch die Unterführung schoss, wurde er von Kopf bis Fuß mit lehmigem Wasser bespritzt. Er stieg aus dem Graben heraus und sah mich an. Erst jetzt bemerkte ich richtig, dass ich schon eine Weile vor Angst geweint hatte. Jetzt fiel mich ein Zittern an, als die Angst sich legte und ich begann, erneut zu schluchzen. Lehmbespritzt und nass, wie mein Vater war, nahm er mich hoch, drückte mich an seine Brust und legte meinen Kopf auf seine Schulter. Nach einigen Augenblicken setzte er mich ab und nahm mich an der Hand.

Miteinander gingen wir zum Auto zurück und fuhren heim.

Nie mehr - nicht mit einem einzigen Wort - sprach mein Vater mich auf dieses Erlebnis an. Es blieb verborgen in seinem und meinem Herzen, und wenn ich heute daran zurückdenke, steigt mir zuweilen ein Kloß in den Hals.

Gast

Beitragvon Gast » 15.11.2011 04:05

Eine sehr schöne Geschichte.
Meine Gedanken führen dabei natürlich direkt zu unserem himmlichen Vater.
Auch zu deinen leisen Tränen der Reue und der stillschweigenden, selbstverständlichen Hilfe und Vergebung deines Vaters.
Ein gutes Beispiel, was Gott vom Haupt der Familie erwartet, damit wir als kleine Menschen schon zu erfassen lernen, wie gütig unser großer Vater im Himmel ist.
Leid tut mir dein Schulkamerad, was hatte er nur für einen Vater, dass er sich nicht vertrauensvoll, auf Hilfe hoffend an ihn wenden konnte...
Eine wirklich schöne Geschichte.
LG


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