Vorformulierte Gebete

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Jörg
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Vorformulierte Gebete

Beitragvon Jörg » 02.12.2009 07:43

Hallo zusammen,

in vielen Freikirchen sind vorformulierte Gebete nicht gerade "In" und man betet auschließlich "freie" Gebete. Ja, ich kenne Freikirchen, in denen sogar das "Vaterunser" sehr, sehr selten gebetet wird, weil man das Gebet des Herrn nur als ein "Beispiel" für das Gebet der Christen sieht.

In meinen persönlichen Gebeten ist es aber häufig so, daß mir die Worte fehlen. Ja, ich kann sehr gut nachvollziehen, wenn Paulus in Römer 8, 26 sagt: "Denn wir wissen nicht, was wir beten sollen, wie sich´s gebührt". In diesen Situationen empfinde ich es als sehr große Hilfe, neben dem Vaterunser und den Psalmen, Gesangbuchlieder und Gebete anderer Christen zu beten.

Natürchlich ist mir auch bewußt, daß man diese Gebete mißbrauchen kann, wenn man sie kalt und herzlos runter rasselt. Aber gilt das Gleiche nicht auch für die sogenannten "freien" Gebete?

Was denkt Ihr über gedruckte, vorformulierte Gebete?

Liebe Grüße

Jörg
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Joschie
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Beitragvon Joschie » 02.12.2009 11:16

Hallo Jörg
Die Psalme sind doch Gebete warum sollte man sie nicht beten ??!
Gruß Joschie
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lutz
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Beitragvon lutz » 02.12.2009 19:03

Hallo Jörg,

ja es gibt wirklich diese Vorbehalte gegen vorformulierte Gebete.
Eines ist von dir schon angesprochen worden, das stoische Nachplappern ohne persönlichen Bezug.
(Weils irgendwie dazugehören muss …)
Ein weiteres Bedenken ist die Förderung der Trägheit – es ist ganz leicht sich des eigenen Nachdenkens und Anwendens zu entledigen, wenn Andere die Arbeit übernehmen.

Vorformulierte Gebete (und ich beziehe mich jetzt mal auf die Gebete in Anlehnung an die Schrift) sind mit einer Menge Vorbereitungsarbeit verbunden.
Nach dem Willen Gottes beten, setzt ja die Kenntnis eben dieses Willens voraus. Ohne eine Zusage aus der Schrift auf die man baut zu beten, ist wie ein Haus bauen ohne Fundament.
Hier kann man dann eigentlich sehr gut sagen, wer durch die Schrift den Willen Gottes gut kennt, wird es leichter haben, zu beten – ob vorformuliert oder frei.

Wichtig ist, denke ich, dass freie Gebete nicht geistlicher sind als vorformulierte. Beide Formen haben ihre Berechtigung und ihren nicht zu unterschätzenden Wert.
Man kann formulierte Gebete so verwenden, wie du ansprichst – warum nicht?
Darin besteht ja gerade der Dienst der Gläubigen aneinander, dass der eine hilft, wo der andere nicht mehr kann – ob derjenige schon beim Herrn ist oder nicht, spielt keine Rolle.
Man kann sich aber auch selbst einmal die Zeit nehmen ein Gebet vorher zu formulieren und dann wird man feststellen, es ist gar nicht so einfach.
In unserer Zeit findet man häufig eine Gesprächskultur, die einfach drauflos redet, ohne das Gegenüber ausreichend wahrzunehmen. Mit wem spreche ich eigentlich? (Kumpel, Kind, Ehepartner, Autorität …) Wenn es jetzt noch darum geht, was man über das Gegenüber tatsächlich weiß (Wille, Werke, …) wird es noch einmal schwieriger.
Und dafür finde ich es eine sehr gute Übung, sich mal Zeit zu nehmen und ein eigenes Gebet zu formulieren. Es wird gar nicht selten sein, dass du es dann öfters einsetzen wirst, als du jetzt denkst.
Außerdem lernst du auf diese Weise eine Menge über denjenigen, zu dem du sprichst.

Wer jetzt aber denkt, Gebete müssen perfekt sein, um angenommen und gehört zu werden – hat das
Evangelium nicht richtig verstanden. Es ist wichtig immer wieder darauf hinzuweisen – es gibt hier ganz viel Leistungsdruck, nicht nur in den Formulierungen, sondern auch was die vermeintlich richtige Einstellung angeht. Hier muss man sich immer wieder vor Augen halten: Was musste ich denn bringen, um angenommen zu werden?

Lutz

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Beitragvon Jörg » 02.12.2009 19:13

Joschie hat geschrieben:Hallo Jörg
Die Psalme sind doch Gebete warum sollte man sie nicht beten ??!
Gruß Joschie


Hi Joschie,

genau diese Frage stelle ich mir auch! Dabei hat unser lieber Herr Jesus es doch vorgelebt und am Kreuz den Psalm 22 gebetet.

Gut, vielleicht werden viele Christen hierin noch übereinstimmen. Aber warum wird in manchen Freikirchen kein Vaterunser mehr gebetet - geschweige denn Gebete unserer Glaubensväter? Warum scheinen "freie" Gebete in manchen christlichen Kreisen von vornherein geistlicher als vorformulierte Gebete? Diese Fragen bewegen mich!

Viele Grüße

Jörg
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Beitragvon Jörg » 02.12.2009 20:00

Hallo Lutz, danke für Deine guten Gedanken! Du erwähnst "das einfach drauf los reden" in unserer Gesprächskultur. Genau aus diesem Grund ist es vielleicht sogar geistlicher, zuerst einen Schriftabschnitt in der Bibel zu lesen und darüber nachzusinnen und anschließend - quasi als Antwort - zu beten. Man könnte auch sagen "mit der Bibel beten" - das ist allemal besser als mit den Gedanken sonstwo hinzuschweifen.

Sehr gut finde ich auch Deinen Hinweis, daß unsere Gebete nicht perfekt sein müssen. Ja, es gibt sehr viel frommen Leistungsdruck. Auf einer früheren Jugendfreizeit sprach ein Prediger mal von "Heilsstreß". Aus meiner Erfahrung kann ich sagen, daß eine übertriebene "Selbstprüfung", ob ich auch "richtig" bete, dazu führen kann, daß der Teufel uns zur Verzweiflung führt und wir uns am Ende überhaupt nicht mehr trauen, ein Gebet zu sprechen. Hier hat dann der "Verkläger der Brüder" einen Sieg eingefahren.

Sehr ermutigend finde ich das Wort Jesu: "Und wenn ihr betet, sollt ihr nicht viel plappern wie die Heiden; denn sie meinen, sie werden erhört, wenn sie viele Worte machen. Darum sollt ihr ihnen nicht gleichen. Denn euer Vater weiß, was ihr bedürft, bevor ihr ihn bittet. Darum sollt ihr so beten: Unser Vater im Himmel........" (Matthäus 6, 7-9) "Euer Vater weiß, was ihr bedürft" - wie befreiend!

Gruß

Jörg
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Beitragvon Joschie » 02.12.2009 21:18

Jörg schreibt
geschweige denn Gebete unserer Glaubensväter

Welche meinst du genau :?:
Liebe Grüße Joschie
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Beitragvon Jörg » 02.12.2009 21:51

Joschie, zum Beispiel Luthers Morgensegen: "Ich danke dir, mein himmlischer Vater, durch Jesus Christus, deinen lieben Sohn, daß du mich diese Nacht vor allem Schaden und Gefahr behütet hast, und bitte dich, du wollest mich diesen Tag auch behüten vor Sünden und allem Übel, daß dir all mein Tun und Leben gefalle. Denn ich befehle mich, meinen Leib und Seele und alles in deine Hände. Dein heiliger Engel sei mit mir, daß der böse Feind keine Macht an mir finde."

Oder von Dietrich Bonhoeffer: "Gott, zu dir rufe ich in der Frühe des Tages. Hilf mir beten und meine Gedanken sammeln zu dir. Ich kann es nicht allein.

In mir ist es finster, aber bei dir ist das Licht.

Ich bin einsam, aber du verläßt mich nicht.

Ich bin kleinmütig, aber bei dir ist der Friede.

In mir ist Bitterkeit, aber bei dir ist die Geduld.

Ich verstehe deine Wege nicht, aber du weißt den Weg für mich."


Oder nimm die Gesangbuchlieder: zum Beispiel die von Paul Gerhardt. Diese Lieder kann man beten! Gerade Christenmenschen, die sich in ihrem Leben schon einige Wunden und Schrammen zugezogen haben, finden in den Worten Paul Gerhardts eine Möglichkeit, ihrer Not Ausdruck zu verleihen.
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Beitragvon lutz » 02.12.2009 23:44

Warum wird kein „Vaterunser“ mehr gebetet, geschweige denn Gebete von Glaubensvätern?

Ich denke, dass man da wohl die Verantwortlichen (Ältesten, Pfarrer …) fragen muss.
Der Schritt von der persönlichen Gebetspraxis in die öffentliche Gemeindepraxis ist gut zu durchdenken. Nicht alles was ich zu Hause praktiziere eignet sich für die Gemeinschaft und wenn es im Sinne eines „noch nicht“ ist.

Gründe für Ablehnung wird es genug geben.
Wer anerkennt Luther als Glaubensvater? …
Ich kenne Begründungen für die Ablehnung des „Vaterunser“ auch nur im Stil von „Ritus ist abzulehnen“ und „es ist ein Muster“. Nur hier muss ich sagen, ein Muster, dass nicht gelernt und gesprochen wird, verliert seine Bedeutung.
Ganz einfach kann dies nachgeprüft werden, wenn man „freie“ Gebete an diesem Muster tatsächlich beurteilt. Mitunter wird es dann sehr peinlich.
In Erinnerung an die 1. Betanienkonferenz komme ich aber auch nicht umhin den Grund in der Vorstellung einer Gottesunmittelbarkeit zu suchen.
Wer der Ansicht ist, dass er durch Gebet direkt mit Gott kommuniziert und direkt Anteil am Heiligen Geist bekommt, der wird etwas Vorformuliertes ablehnen müssen. Seiner Vorstellung nach kommuniziert der Heilige Geist spontan.

Insgesamt finde ich aber eine Mischung aus beiden Formen (vorformuliert und frei) am besten.
Bsp.: Gebete von Glaubensvätern dokumentieren die Einheit des Glaubens generationsübergreifend – wir sind nicht allein und was wir leben, ist nichts prinzipiell Neues. Aus dieser Gemeinschaft kann viel Trost und Zuversicht geschöpft werden. Es ist derselbe Gott, der mit Martin Luther war … erinnert an die Formulierungen „der Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs“ …
„Freie Gebete“ sind aber auch nicht zu verachten. Wenn jeder durch den Glauben Zugang zu Gott hat, dann muss auch dies ersichtlich sein. Dann kann ich diesen Zugang nicht abhängig machen von vorformulierten Gebeten. D. h. aber auch dass dann mitunter falsche oder mangelnde Erkenntnis in Barmherzigkeit getragen werden muss, so wie Gott mich selbst trägt mit all meinen falschen Vorstellungen, die mir noch nicht einmal bewusst sein müssen.

Was Psalmen angeht, da gibt es aber Viele die Probleme mit bestimmten Psalmen haben – denke nur mal an diejenigen in denen es um Rache geht.

Das Ganze ist schon schwierig und komplex.

Lutz

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Beitragvon Jörg » 03.12.2009 06:51

Mir hat mal sehr geholfen, was ich irgendwo bei Spurgeon gelesen habe. Das hat mich damals so begeistert, daß ich es in mein Notizbuch geschrieben habe; leider habe ich nicht notiert, aus welchem Buch. Meine aber, es war das Buch "Mit Wind und mit Feuer", Asaph-Verlag): "Wie sollten wir an das Beten herangehen? Mit einem Gebetbuch? Ohne ein Gebetbuch? In der Öffentlichkeit? Im Verborgenen? Auf der Straße? Im Haus? Auf Knien? Stehend? Sitzend? Liegend? Die Bibel läßt das offen und sagt nichts über Körperhaltung, Ort und Zeit des Gebets aus. Nur eine nähere Erläuterung wird gegeben: Das Gebet soll "im Heiligen Geist" sein. Diese Voraussetzung ist unbedingt notwendig. Wenn sie gegeben ist, ist alles andere unwichtig!.......Wenn euch vor dem Gnadenthron die Stimme versagt, habt ihr in Wirklichkeit noch lange nicht versagt, denn euer Herz wird siegen. Gott braucht unsere Worte nicht, um uns zu verstehen. Er liest unser Bitten nicht am äußeren sprachlichen Ausdruck ab, sondern am innerlichen Stöhnen. Er bemerkt die Sehnsucht, das Verlangen, das Seufzen, die Tränen. Vergeßt nicht, daß die Form des Gebets nur die Schale ist; der Inhalt des Gebets ist der Kern, das Wesentliche. Wenn ein Gebet mit Wehklagen und dem bitteren Schreien eines gequälten, verzweifelten Geistes vorgetragen wird, das für menschliche Ohren so unharmonisch klingt, ist das Musik in den Ohren Gottes."

Ich finde immer wieder: diese Worte Spurgeons nehmen jeden selbstgemachten, frommen Leistungsdruck von unserer Schulter!

Gott segne Euch

Jörg
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Beitragvon lutz » 03.12.2009 19:29

Hallo Jörg,

ich denke auch Eines darf niemals eintreten:
dass das eigene Gebetsleben aus was für Gründen auch immer zum Erliegen kommt.
Wir müssen immer im Auge haben, dass hier ein Kind zu seinem Vater spricht, ein Knecht (eine Magd) zu seinem (ihrem) Herrn. Das ist eine ganz intime Sphäre mitunter und dieses Vertrauen, kommen zu dürfen, darf niemals untergraben werden.

Dennoch müssen wir aber auch den Blick für diejenigen haben, die bestrebt sind auf diesem Gebiet mit großem Eifer in der Schrift zu forschen.
Die Mühe derjenigen: Wie rede ich Gott an?, Habe ich eine Zusage für die konkrete Situation?, Was ist der Wille Gottes hier? - darf nicht durch die Entmutigung Anderer abebben. Ich denke hier gilt es wirklich darüber nachzudenken, wie sich die Gläubigen gegenseitig dienen.

Gott segne dich.
Lutz

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Beitragvon Jörg » 04.12.2009 08:08

Ich möchte hier noch ein "vorformuliertes Gebet" von Martin Luther weitergeben, das ich in meine Bibel über das Buch der Psalter geschrieben habe und sehr gerne bete:

"Unser lieber Herr, der uns den Psalter und das Vaterunser zu beten gelehrt und gegeben hat, verleihe uns auch den Geist des Gebetes und der Gnade, daß wir mit Lust und ernstem Glauben recht und ohne Aufhören beten; denn es tut uns not; so hat er´s geboten und will´s also von uns haben. Dem sei Lob, Ehre und Dank. Amen."


Wir brauchen also unbedingt den "Geist des Gebetes" und "Gnade" um beten zu können!!! Diese Wahrheit scheint so schlicht und einfach - und doch müssen wir immer wieder daran erinnert werden; sonst wird unser Gebetsleben ein einziger Krampf statt geistlicher Kampf.

Einen schönen Tag wünscht

Jörg
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Beitragvon lutz » 04.12.2009 08:55

Ja, mitunter ist es ein schwieriges und anstrengendes Unterfangen.
Aber davon muss man sich nicht entmutigen lassen. Wir müssen nicht warten, bis unsere Stimmung und Gefühlslage irgendwie konform wird.
Davon ist die Kindschaft nicht abhängig, auch das Kommendürfen und Gehörtwerden … unterliegt nicht unserem Gefühlsleben.

„Der Geist, den ihr empfangen habt, ist ja doch nicht ein Geist der Knechtschaft, so dass ihr euch aufs neue fürchten müsstet, sondern ihr habt den Geist der Sohnschaft empfangen, in welchem (oder: durch den) wir rufen: „Abba, (lieber) Vater!“ (Röm. 8, 15)

„So ist er denn gekommen und hat Frieden euch, den Fernstehenden, und ebenso Frieden den Nahestehenden als frohe Botschaft verkündigt; denn durch ihn haben wir beide nunmehr den freien Zugang zum Vater in einem Geist.“ (Eph. 2, 17. 18)

„Betet allezeit im Geist mit Bitten und Flehen jeder Art, und seid zu diesem Zweck wachsam mit aller Beharrlichkeit und unter Fürbitte für alle Heiligen, ...“ (Eph. 6, 18)

Und hier mal ein Gebet Calvins zu Daniel 1, 1. 2:

„Allmächtiger Gott!
Dieweil du uns an deinem Alten Volk solch herrlichen Spiegel deiner wunderbaren Vorsehung und deiner Gerichte vor Augen hältst, so bitten wir dich, du wollest uns schenken, dass wir auch die feste Gewissheit haben mögen, dass wir unter deiner Hand und Hut stehen,
auf dass wir uns darauf verlassen und in allem, was uns auch zustoßen mag, dennoch darauf hoffen, dass du unser Wächter sein und unsere Seligkeit nie aus den Händen lassen willst.

Du wollest es uns verleihen, dass wir dich in solcher Zuversicht gewissen und ruhigen Herzens anrufen und in jeglichem Wechsellauf dieser Welt aller Gefahr so unerschrocken gewärtig sein mögen, dass wir dennoch standhalten,

gegründet auf dein Wort, das nimmermehr wird wanken, und dass wir, gestützt auf deine Verheißungen, nimmermehr daran zweifeln, dass Christus, dem du uns anvertraut hast und der nach deinem Willen der ganzen Herde Hirte sein soll, also für uns sorgt,
dass er uns durch diesen Kampfeslauf hindurchbringt, so beschwerlich und unruhig er auch sein mag,

bis wir zu der himmlischen Ruhe gelangen, die er uns mit seinem Blute erworben. Amen.“

Lutz

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Beitragvon Joschie » 04.12.2009 20:33

Hallo Ihr
Dieses Gedicht hat mir als Gebet in schwerer Situattion weiter geholfen :idea:
Wer bin ich?

Wer bin ich? Sie sagen mir oft,
ich träte aus meiner Zelle
gelassen und heiter und fest
wie ein Gutsherr aus seinem Schloß.

Wer bin ich? Sie sagen mir oft,
ich spräche mit meinen Bewachern
frei und freundlich und klar,
als hätte ich zu gebieten.

Wer bin ich? Sie sagen mir auch,
ich trüge die Tage des Unglücks
gleichmütig, lächelnd und stolz,
wie einer, der Siegen gewohnt ist.

Bin ich das wirklich, was andere von mir sagen?
Oder bin ich nur das, was ich selbst von mir weiß?
Unruhig, sehnsüchtig, krank, wie ein Vogel im Käfig,
ringend nach Lebensatem, als würgte mir einer die Kehle,
hungernd nach Farben, nach Blumen, nach Vogelstimmen,
dürstend nach guten Worten, nach menschlicher Nähe,
zitternd vor Zorn über Willkür und kleinlichste Kränkung,
umgetrieben vom Warten auf große Dinge,
ohnmächtig bangend um Freunde in endloser Ferne,
müde und zu leer zum Beten, zum Denken, zum Schaffen,
matt und bereit, von allem Abschied zu nehmen?
Wer bin ich? Der oder jener?
Bin ich denn heute dieser und morgen ein anderer?
Bin ich beides zugleich? Vor Menschen ein Heuchler
und vor mir selbst ein verächtlich wehleidiger Schwächling?
Oder gleicht, was in mir noch ist, dem geschlagenen Heer,
das in Unordnung weicht vor schon gewonnenem Sieg?

Wer bin ich? Einsames Fragen treibt mit mir Spott.
Wer ich auch bin, Du kennst mich, Dein bin ich, o Gott!



Gedicht aus: Widerstand und Ergebung von Dietrich Bonhoeffer
Broschiert - 234 Seiten - Gütersloher Verlagshaus 2002
Widerstand und Ergebung




Gruß Joschie
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Beitragvon Jörg » 15.06.2010 05:13

Vor ein paar Tagen las ich in der Lebensgeschichte von Johann Albrecht Bengel folgende Zeilen, die mich sehr ansprachen:

"Beim Gebrauch des Gebets warnte Bengel vor auschließlich freien Formulierungen, da sie die Gefahr der Gewöhnung und Einseitigkeit in sich bergen, während in schriftlich vorliegenden, vorgeschriebenen alles Notwendige, besonders die Dankbarkeit einfließe. Bete man wortlos, könnten bald die Gedanken abschweifen oder "in einen Schlummer geraten". Leute, die sich dagegen bei Schlaflosigkeit an auswendig gelernte Gebete, Gesänge und Psalmen halten können, seien köstlich zu nennen. Die tiefsten und zartesten Gebete fand Bengel allerdings nicht in Gebetbüchern, sondern in "Seufern, voller Angst und Freude, die sich nicht in menschliche Worte fassen lassen, aber aus dem Herzen hervordringen." (aus: Ein Leben für Bibel und Wahrheit - Johann Albrecht Bengel von Lothar Bertsch, Hänssler, S. 60)
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