Regelmäßige Lesung aus der Schatzkammer Davids von Spurgeon

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Jörg
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Regelmäßige Lesung aus der Schatzkammer David Ps.9

Beitragvon Jörg » 03.07.2018 15:18

Erläuterungen und Kernworte

V. 14. Der du mich erhebest aus den Toren des Todes. Tod oder Grab gleich einem Kerker. An dessen Eingang und Türe kommt manchmal ein frommes Herz. Da greift Gott zu, errettet’s noch und nimmt’s den Feinden unter den Händen weg und in seinen Schutz. Das rühmt die Kirche an dem Herrn, ihrem Gott. Joh. D. Frisch 1719.

V. 15. Allen Preis Gottes erzählen heißt, von ganzem Herzen und allen Kräften der seligen Pflicht sich hingeben, des Herrn Wunder zu rühmen. Ein gelegentliches "Gott sei Dank" ist keine geziemende Erwiderung auf die ohne Aufhören uns zuströmenden reichen Wohltaten Gottes. D. William S. Plumer 1867.

V. 16. Während sie andern Gruben graben , werden diese Gruben als Gräber für sie selbst zugerichtet. Sie müssen nur erst das Maß ihrer Sünde voll machen. Sie hecken nur ihr eigenes Verderben aus. Nicht einmal Ruhm ist auf diesem Felde zu ernten, denn wenn im Ränkeschmieden irgendetwas Rühmliches läge, so würde Satan, jener große Ränkeschmied, der wahrhaft mit Ingenieurkunst andern Gruben gräbt, uns alle übertreffen und alle Ehre vorwegnehmen. Um den Ruhm wollen wir aber den Satan und seine Helfer nicht beneiden. Mögen sie immerhin an ihrem Treiben Gefallen finden. Der Tag kommt, wo die Tochter Zions sie geringschätzig verlachen wird, wo es heißen wird: Mache dich auf und dresche, du Tochter Zions (Micha 4,13). Und gewöhnlich ist die Befreiung der Kinder Gottes mit der Vernichtung ihrer Feinde verknüpft, wie Sauls Tod und Davids Befreiung, die Rettung der Israeliten und der Ägypter Untergang im Roten Meer. Die Gemeinde des Herrn und ihr Widerpart verhalten sich wie die Schalen einer Wage; wenn die eine steigt, muss die andere fallen. Richard Sibbes † 1635.

V. 17. Der Herr hat sich kundgetan; er hat Gericht geübt. Die Qual der Verdammten wird dadurch sehr gesteigert werden, dass sie sich dann der Erkenntnis Gottes nicht mehr werden verschließen können. Dann werden sie ihr ganzes Leben überschauen und erkennen, was sie verscherzt haben. Die Blindheit, Stumpfheit und Vergesslichkeit wird von ihnen genommen sein; aber es wäre falsch, zu meinen, dass sie deshalb heiliger und glücklicher werden; nein, noch niederträchtiger und daher noch viel elender. Wenn Gottes Gericht über sie ergeht und die Rache über sie ausgegossen wird, dann haben sie keine Wahl mehr, sie müssen es zu Herzen nehmen, ob sie wollen oder nicht. Jetzt nehmen sie sich keine Zeit, an Gott zu denken, noch geben sie Ewigkeitsgedanken Raum; aber ach, dann werden sie Muße genug haben an einem Ort, wo ihre Gedanken durch nichts von ihrem Elend abgezogen werden. Ja es wird auf die Tafeln ihres Herzens eingegraben sein. Könnten sie nur vergessen! Vernichtung würden sie für die größte Wohltat halten. Aber nachdem sie den Rat des Herrn verworfen haben, soll er am Ort ihrer ewigen Gefangenschaft stets vor ihnen geschrieben stehen, damit sie ihn zu ihrer Qual überall finden, wohin sie auch blicken. Nach Richard Baxter † 1691.

Wenn der Herr an dem von ihm ausgeübten Gericht erkannt wird, dann müssen seine Gerichte offenkundig sein. In der Tat vollziehen sich viele Gerichte Gottes wie auf einer Bühne. Dies zunächst, damit hinreichend Zeugen seiner Gerichte vorhanden seien und so eilt urkundlicher Bericht darüber, wenigstens im Gemüt und Gedächtnis treuer Menschen, auf die kommenden Geschlechter sich überliefere. Zweitens, damit seine Gerechtigkeit und sein Gerichtsverfahren eine gute Wirkung auf diejenigen ausübe, welche noch nicht davon betroffen sind. Aus diesem Grunde drohte Gott, Jerusalem vor den Augen aller Völker zu strafen (Hes. 5,6-8.14.15). Jerusalem lag nicht in einem Winkel der Welt, sondern inmitten der bedeutendsten Völker. Wie diese nun all die Beweise göttlicher Gunst, die außerordentlichen Taten des Herrn zum Wohl, zur Befreiung und Rettung Jerusalems wahrgenommen hatten, sollten sie an dieser Stadt auch Gottes Gericht und sein schmerzliches Missfallen über die Sünde erkennen, damit beides, die Güte und der Ernst Gottes, offenkundig werde. Mit seinen öffentlichen Gerichten an etlichen Sündern erweist Gott anderen Gnade und legt ihnen zugleich die Pflicht auf, sich dadurch vor ähnlichem Geschick warnen zu lassen. Drittens straft Gott auch diese und jene Gottlosen vor den Augen der Menschen zum Trost und zur Ermutigung für sein Volk. Ps. 58,11.12 : Der Gerechte wird sich freuen, wenn er solche Rache sieht. Wir sollen uns zwar nicht über die Strafe freuen, sofern unsere Mitgeschöpfe darunter leiden, sondern vielmehr über die Erfüllung der göttlichen Drohung gegen die Sünde und über den Erweis der Heiligkeit Gottes. Nach 2. Mose 14,30 f. hat Gott nach dem Untergang der Ägypter im Roten Meer ihre Leichen an die Küste schwemmen lassen. Dadurch wurde dies furchtbare Gericht des Herrn über die Ägypter dem Volk Israel noch einmal so recht vor Augen geführt, und da, heißt es, fürchtete das Volk Gott und glaubte an ihn und an seinen Knecht Mose. So wurden sie durch Gottes offenkundiges Gericht über die Ägypter in ihrem Glauben gestärkt. Joseph Caryl † 1673.

Wenn Gott seine Hand an den Sünder legt, so erkennen die Frommen mit Zittern seine Große, Majestät und Macht, sowie die Art und Weise seines Richtens ; sie richten sich selbst und räumen aus dem Wege, was Gottes Zorn hervorrufen könnte. Wie das Feuer um sich her Glanz verbreitet, so stellen die Gerichte Gottes der Welt seine Herrlichkeit, Gerechtigkeit und Heiligkeit vor Augen. William Greenhill † 1677.

Das lesen wir nicht nur im Worte Gottes, sondern die ganze Geschichte und die Erfahrung eines jeden gibt davon Zeugnis, wie Gott gerechte Vergeltung übt, indem er den Gottlosen im Werk seiner Hände verstrickt . Gleich nach Haman an seinem eigenen Galgen ist vielleicht das auffälligste Beispiel hiefür eines aus der Schreckenszeit der französischen Revolution. Es wird berichtet, dass innerhalb neun Monaten, nachdem die Königin Marie Antoinette unter dem Richtbeil ihr Leben geendet hatte, alle, die an ihrem frühen Tode schuld waren, ihre Ankläger, die Richter, die Geschworenen und die Zeugen, soweit wenigstens ihr Schicksal bekannt ist, auch unter dem Richtschwert endigten, wie ihr unschuldiges Opfer. Barton Bouchier 1855.

V. 18. Solche Leute werden hier Gottlose genannt, welche Gott vergessen , kaum an ihn denken und, wenn es je geschieht, ohne Liebe und ohne Ehrfurcht. Gott vergessen und gottlos sein ist ein und dasselbe. Wer die Allgenugsamkeit und Heiligkeit Gottes nicht schätzt, wer in Gott nicht sein Glück und sein Teil, seine Stärke und seinen Beistand sucht, ihn nicht fürchtet, noch sich seinem Willen und seinen Geboten unterordnet, wer nicht nach der Verherrlichung Gottes als dem höchsten Ziele seines Lebens trachtet, der muss doch gewiss ein Gottloser genannt werden. Gott aus den Gedanken ausschließen, ihm keinen Raum darin lassen, das heißt eben gott-los sein. Wenn man daher auch von einem solchen Menschen nicht sagen kann, dass er ein Trunkenbold sei, fluche oder betrüge oder die Frommen verfolge, wenn man nur sagen muss, dass er sein Leben zubringe, ohne an Gott zu denken, so genügt das für das Urteil, dass er unter dem Zorne Gottes ist und ohne Gnade in die Hölle fahren wird, wenn er sich nicht zu Gott bekehrt. John Howe † 1705.

Die Hölle ihre Wohnung, voll von Feuer,
Das niemand löscht, der Ort der Qual und Pein.
Nach John Milton † 1674.

Machtloser Will’, der Hölle Element,
Unfruchtbar stets, und all sein Mühen kehrt
Nur auf ihn selbst zurück. -- Peinvolle Angst,
Der Selbstsucht wohl verdient’ und eigne Plage!
Bosheit durchbohrte gern den Feind, vor dem sie bebt,
Und der, voll Hohn die Lippe, sucht zu töten;
Doch keiner sieht den andern, keiner hört --
Denn Dunkel hüllt in seinem Kerker jeden ein.
Im Hunger schmachtet Lust, Gram trinkt die eigne Träne,
Einsam für sich ein jedes. Hass führt Krieg
Wider sich selbst und knirscht ob seiner Rette,

Daran die Seele wund sich zerrt und reibt.
Traurig die Öde jedes rasenden Gemüts,
Jedes am eignen Ort, einsam in seinem Kerker;
Keim Mitgefühl darf lindern ihre Qual. Nach
J. A. Heraud 1830.

V. 19. Sogar ein Heide sagte, als ein von einem Habicht verfolgtes Vöglein ihm in den Schoß flog: Weil du zu mir Zuflucht genommen hast, will ich dich nicht deinem Feinde preisgeben! Wie viel weniger wird Gott eine Seele ihrem Feind ausliefern, wenn sie bei ihm Rettung sucht. William Gurnall † 1679.

Gottes Kinder müssen harren und hoffen können. Wie man etwa sagt, Gott erhöre uns manchmal, indem er uns nicht erhöre, so kann man auch sagen, er würde uns manchmal unsere Bitte verweigern müssen, wenn er nicht deren Erfüllung aufschöbe. Es verhält sich damit, um ein Bild von Chrysostomus († 407) zu gebrauchen, wie mit einem Kapital, das lange auf der Bank liegt und zuletzt mit Zins und Zinseszins seinem Besitzer zurückgezahlt wird. Verlassen wir uns aber so auf die Menschen, denen wir Geld ausleihen, können und sollen wir nicht auch dem Herrn vertrauen und auf eine reiche Erfüllung seiner Verheißungen hoffen? Durch Aufschub der Erhörung veranlasst uns Gott zu fleißigerem Beten, und je länger wir warten, je mehr wir anhalten am Gebet, desto mehr Trost wird uns zuteil und um so sicherer können wir sein, zuletzt Erhörung zu finden. Wir wollen zwischen Aufgeschoben und Ausgehoben genau unterscheiden. Gott ist die Liebe: Was tut’s, wenn er uns warten lässt? Er handelt darin nur als weiser Erzieher. Vergessen kann und will er uns nimmer. Wer warten kann, dessen Hoffnung wird nicht ewig ausbleiben, wird also nicht verloren sein. Richard Capel † 1656.

V. 20. Herr, stehe auf! Was bezweckt der Psalmist mit dieser Bitte? Betet er um den Untergang seiner Feinde und spricht er einen Fluch über sie aus? Nein, hier redet nicht ein Mensch, der seinen Feinden Unglück wünscht, sondern ein Prophet, der in der Sprache der heiligen Schrift das Übel vorhersagt, das um ihrer Sünde willen über sie kommen muss. Aurelius Augustinus † 430.

Homiletische Winke
V. 2.
1) Der einzige unseres Lobes Würdige: der Herr. 2) Die überaus zahlreichen Veranlassungen zu seinem Lobe: alle deine Wunder. 3) Die rechte Art des Lobens: von ganzem Herzen. B. Davies 1866.
V. 2 b.
Ich will erzählen usw.: Eine nimmer endende Aufgabe und ein immer währender Genuss.
Deine Wunder. Die Schöpfung, die Vorsehung und die Erlösung sind lauter Wunder, weil Gottes Eigenschaften darin in solchem Grade hervortreten, dass dadurch die Verwunderung des ganzen Weltalls erregt wird. Ein reichhaltiges Thema.
V. 3.
Der geistliche Gesang. Seine Wechselbeziehung zu heiliger Freude.
Die Pflicht, die Unübertrefflichkeit und die Veranlassungen heiligen Frohsinns.
V. 5.
Das Recht des Gerechten wird sicherlich angegriffen, aber eben so gewiss geschützt.
V. 7.
1) Der große Feind. 2) Die Verheerungen, die er angerichtet hat. 3) Die Mittel zu seiner Niederwerfung. 4) Die Ruhe, die daraus folgen wird.
V. 8 a.
Der Herr aber bleibt ewiglich: dies der Trost der Gläubigen und der Schrecken der Sünder.
V. 9.
Die Gerechtigkeit der sittlichen Weltregierung Gottes, besonders in Beziehung auf den jüngsten Tag. Mit Einschluss jenes Tages: die Weltgeschichte das Weltgericht.
V. 10.
Hilfebedürftige Leute, schwere Zeiten, und dennoch eine vollgenugsame Versorgung.
V. 11.
1) Die wichtigste aller Kenntnisse: des Herrn Namen zu kennen. 2) Das selige Ergebnis: hoffen auf den Herrn. 3) Der hinreichende Grund zu solchem Vertrauen: denn du verlassest nicht, die dich, Herr, suchen. T. W. Medhurst.
Erkenntnis, Glaube und Erfahrung und ihre Beziehung zueinander. Der Name Jahwes als unversiegbare Quelle des Hoffens (oder Vertrauens).
V. 12.
1) Das Zion des alten und das des neuen Bundes. 2) Die herrlichen Taten des Herrn, der zu Zion wohnt. 3) Die zwiefache selige Pflicht der Zionskinder: dem Herrn zu lobsingen und unter den Völkern seine großen Taten zu verkündigen.
V. 13.
1) Gott an einem furchtbar ernsten Werke. 2) Er gedenkt der Seinen, um sie zu erhalten, zu erhöhen, zu segnen und zu rächen. 3) Er erhört ihr Schreien, indem er sie rettet und ihre Feinde vernichtet. Eine Trostpredigt in Kriegsfällen und anderer böser Zeit.
V. 14 a.
Herr, sei mir gnädig! Die Bitte des Zöllners. 1) Was ist ihr Inhalt? 2) Wie wird sie vorgebracht? 3) Wie erhört? 4) Ist sie nicht nachahmenswert?
V. 14.
Tiefes Elend, große Erlösung, herrliche Erhöhung.
V. 15.
Fröhlich über deinem Heil : besonders weil es von dir kommt, o Gott, und deshalb dich ehrt; über seine Freiheit, Fülle, Angemessenheit, Gewissheit und ewige Dauer. Wer kann sich darüber freuen? Gründe, warum Gottes Kinder sich stets so freuen sollten.
V. 16.
Lex talionis das göttliche Gesetz der Vergeltung. Denkwürdige Beispiele.
V. 17.
mit V. 11: Zweierlei Erkenntnis; welch furchtbarer Unterschied.
V. 18.
Eine Warnung an solche, die Gottes vergessen.
V. 19.
Aufschub der Hilfe. 1) Wie sieht der Unglaube denselben an? Vergessen, verloren. 2) Gottes Verheißung: nicht für immer. 3) Die Pflicht des Glaubens: Warten.
V. 20.
Dass die Menschen nicht Überhand haben. Ein höchst wirksamer Beweggrund zu der Bitte: Herr, stehe auf . In welchen Fällen wird er in der Schrift angewendet? Die Ursache seiner großen Wirkung. Die geeigneten Zeiten zu seiner Benutzung.
V. 21.
Eine sehr notwendige Lektion und wie Gott sie lehrt.


Fußnoten
1. Luthers Übersetzung beruht auf der auch von LXX, Vulg., Syr. befolgten Lesart tObrfxA Schwerter statt tObrfxF Trümmer.
2. Diese frühere Übersetzung Luthers (1524) in Vers 2.3: Ich will danken, erzählen, mich freuen und fröhlich sein und loben, womit auch Spurgeons Auslegung übereinstimmt, ist entschieden besser.

3. In der engl. Bibel lautet der Vers: For thou hast maintained my right and my cause, etc.

4. Der Wahlspruch der englischen Krone.

5. Manche nehmen hier und 10,1 ein sonst nicht vorkommendes Wort hrfcIfbIa Abgeschnittensein, Klemme, Drangsal (von rcb abschneiden) an; andere fassen das b als Präposition: für Zeiten in der Not.

6. Manche übersetzen den Vers perfektisch, als beziehe er sich auf jüngst Erlebtes: Er hat nach den Blutschulden gefragt, hat ihrer (der Elenden) gedacht, hat nicht vergessen usw. Besser fasst man die Perff. des Grundt. jedoch wohl als Bezeichnung von früher schon erfahrenen und noch immer dann und wann sich zu erfahren gebenden Tatsachen, übersetzt also im Präsens. Die in Spurgeons Auslegung allein hervortretende Beziehung auf die Zukunft liegt nicht direkt im Text, sie tritt erst V. 18 ff. hervor.

7. Die Bedeutung Sinnen, Nachdenken ist für das Wort in Ps. 19,15 und Klagl. 3,62 allgemein anerkannt. In Ps. 92,4 scheint es irgendeine Art Saitenspiel (Delitzsch: sinniges Spiel) zu bedeuten. Was an unserer Stelle sein Sinn sein mag, ist ungewiß.

8. Die Übersetzung Luthers (nach LXX) beruht auf der Vokalisierung hreOm. Diese wird z. B. noch von Bäthgen (1904) vorgezogen.
Die gewöhnliche Lesart hrfOm gleich )rfOm Schrecken, ist aber vollkommen passend.
Es muß alles erst einmal an Gott vorüber, bevor es mich treffen kann. (Helmut Thielicke)

Jörg
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Regelmäßige Lesung aus der Schatzkammer David Ps.10

Beitragvon Jörg » 07.07.2018 12:44

Kommentar & Auslegung zu PSALM 10

Überschrift

Da dieser Psalm keine eigene Überschrift hat, vermuten manche, er sei ein Bruchstück des 9. Psalms, wofür man auch die Spuren alphabetischer Ordnung geltend macht. Man vergleiche hierüber die Vorbemerkung zu Psalm 9. In der griechischen und lateinischen Bibel werden beide als ein Psalm gezählt. Da unser Psalm aber in sich vollständig ist, ziehen wir es vor, ihn als selbständiges Ganzes anzusehen. Wir haben bereits Beispiele von Psalmen gehabt, die offenbar ein Paar bilden, so Psalm 1; 2; Psalm 3; 4; und dieser ist mit dem 9 wiederum ein solcher Doppelpsalm.
Der Hauptgegenstand des Psalms ist die Bedrückung und Verfolgung der Frommen durch die Gottlosen. Wir wollen ihm daher zur Unterstützung unseres Gedächtnisses die Überschrift der Hilferuf eine Unterdrückten geben.

Einteilung

Der 1 . Vers, ein Ausruf des Erstaunens, legt die Absicht des Psalms dar, nämlich Gott zu bewegen, dass er sich zur Errettung seines armen, unterdrückten Volkes aufmache. Vers 2-11 beschreiben in kraftvoller Sprache die Denk- und Handlungsweise des Unterdrückers. Im 12 . Verse bricht der Hilferuf des ersten Verses wiederum durch, aber in bestimmteren, deutlicheren Ausdrücken. In den folgenden Versen, 13-15 , tritt sodann die klare Erkenntnis des Psalmisten zu Tage, dass Gottes Auge all die Grausamkeiten der Feinde sieht, und als eine Folgerung der göttlichen Allwissenheit erschaut er mit Freuden die schließliche Erlösung der Unterdrückten durch den gerechten Richter, Vers 16-18 . Der Psalm bietet sowohl der Gemeine des Herrn in Zeiten der Verfolgung, als dem einzelnen Gläubigen, wenn er unter der Hand stolzer Gottlosen schmachtet, passende Worte zu Gebet und Lobpreisung dar.

Auslegung

1. Herr, warum trittst du so ferne?
verbirgst dich zur Zeit der Not?

1. Warum stehest du fern, Herr? (Grundt.) Dem tränenvollen Auge des Dulders scheint Gott als teilnahmloser Zuschauer ruhig dazustehen, als hätte er für seinen bedrängten Knecht kein Herz. Ja noch mehr, es ist ihm, als sei der Herr ganz ferne, als habe es keine Geltung mehr, dass Gott unsere Zuflucht und Stärke sei, als mächtige Hilfe in Nöten erfunden (Ps. 46,2 Grundt.), sondern als sei er vielmehr ein unzugänglicher Berg, den niemand erklimmen könne. Die Nähe Gottes ist die Wonne der Seinen, und eben darum versetzt sie der leiseste Verdacht, als sei er ferne, in die größte Beunruhigung. Lasst uns denn stets dessen eingedenk sein, dass der Schmelzer nie weit von dem Schmelzofen ist, wenn sich das Gold im Feuer befindet. Der Sohn Gottes wandelt stets inmitten der Flammen, wenn seine Kinder im Feuerofen sind (Dan. 3,25). Wer aber des Menschen Schwachheit kennt, wird sich darüber wenig wundern, dass wir es in Zeiten scharfer Läuterung fast unerträglich finden, dass der Herr uns scheinbar vernachlässigt, indem er unsere Befreiung verzögert.
Warum verbirgst du dich (oder: dein Angesicht) zur Zeit der Not? 1 Was uns so tief ins Fleisch schneidet, ist nicht sowohl die Not an sich, als das Verbergen des väterlichen Angesichts Gottes. Wenn Trübsal und Verlassenheit zusammen über uns hereinbrechen, dann sind wir in so übler Lage wie Paulus, dessen Schiff zwischen zwei Strömungen auf Grund fuhr (Apg. 27,41). Kein Wunder, dass das Schiff zerbrach von der Gewalt der Wellen. Wenn unsere Sonne sich verfinstert, dann ist es wahrlich dunkel. Sollten wir einer Antwort auf die Frage unseres Textes bedürfen, so finden wir sie in der Tatsache, dass es nicht nur für die Anfechtung, sondern auch für das Traurigsein in der Anfechtung ein göttliches Muss gibt (1. Petr. 1,6). Wie könnte es aber zu dieser Traurigkeit kommen, wenn der Herr sein Angesicht bei unsern Prüfungen über uns leuchten ließe? Wenn der Vater sein Kind tröstete, während er es züchtigt, wo bliebe der Nutzen der Bestrafung? Ein lächelndes Angesicht und die Rute passen nicht zueinander. Gott lässt uns die Streiche gründlich fühlen: denn nur solche Prüfungen, die wir empfinden, können gesegnete Trübsale werden. Wenn Gott uns über jeden Strom in seinen Armen trüge, wo bliebe die Prüfung und wo die Erfahrung oder Bewährung, zu der wir eben durch die Trübsal heranreifen sollen?

2. Weil der Gottlose Übermut treibt, muss der Elende leiden.
Sie hängen sich aneinander und erdenken böse Tücke.
3. Denn der Gottlose rühmet sich seines Mutwillens,
und der Geizige saget dem Herrn ab und lästert ihn.
4. Der Gottlose meint in seinem Stolz, er frage nicht danach;
in allen seinen Tücken hält er Gott für nichts.
5. Er fährt fort mit seinem Tun immerdar;
deine Gerichte sind ferne von ihm;
er handelt trotzig mit allen seinen Feinden.
6. Er spricht in seinem Herzen: Ich werde nimmermehr
danieder liegen;
es wird für und für keine Not haben.
7. Sein Mund ist voll Fluchens, Falsches und Trugs;
seine Zunge richtet Mühe und Arbeit an.
8. Er sitzt und lauert in den Dörfern;
er erwürget die Unschuldigen heimlich; seine Augen halten auf die Armen.
9. Er lauert im Verborgenen wie ein Löwe in der Höhle;
er lauert, dass er den Elenden erhasche,
und er haschet ihn, wenn er ihn in sein Netz zieht.
10. Er zerschlägt und drücket nieder,
und stößt zu Boden den Armen mit Gewalt.
11. Er spricht in seinem Herzen: Gott hat’s vergessen;
er hat sein Antlitz verborgen, er wird’s nimmermehr sehen.

2. Dieser Vers enthält die förmliche Anklage gegen die Gottlosen: Der Gottlose verfolget in seinem Übermut (hitzig) den Armen. (And. Übers. 2 Die Anschuldigung teilt sich in zwei Anklagen: Hochmut und Gewalttätigkeit. Das eine ist die Wurzel und Ursache des anderen. Der zweite Satz enthält den Wunsch oder die Bitte des Unterdrückten: Möchten sie ergriffen werden in den bösen Tücken, die sie erdacht haben. (Grundt., ähnlich schon Luther 1519. 3 Solche Bitte ist vernünftig, gerecht und natürlich. Sogar nach dem Urteil unserer Feinde ist es billig, dass den Leuten geschehe, wie sie andern haben tun wollen. Wir wollen nur, dass euch auf eurer eigenen Waage zugewogen und euer Korn mit eurem eigenen Scheffel gemessen werde. Schrecklich wird dein Tag sein, Babel, du Verfolgerin des Volkes Gottes, wenn du aus dem Kelch wirst trinken müssen, den du selbst bis an den Rand gefüllt hast mit dem Blute der Heiligen (Off. 17,6). Niemand wird Gottes Gerechtigkeit in Frage stellen, wenn er jeden Haman an seinen eigenen Galgen hängen (Esther 7,10) und alle Feinde Daniels in ihre eigene Löwengrube werfen wird (Dan. 6,25).

3. Die Anklage ist verlesen und die Klageschrift vorgelegt; nun wird der Beweis über den ersten Punkt der Klage angetreten. Was den Hochmut betrifft, ist der Beweis von entscheidender Kraft, und kein Geschworenengericht könnte zögern, seinen Wahrspruch gegen den vor den Schranken des Gerichts stehenden Gefangenen abzugeben. Doch lasst uns die Zeugen, einen nach dem andern, vernehmen. Der erste bezeugt dass der Angeklagte ein Prahler ist. Der Gottlose rühmet sich seines Mutwillens, wörtlich: des Gelüstes seiner Seele . Sein Prahlen ist sehr einfältig, denn nicht mit Taten, sondern mit bloßen Wünschen brüstet er sich. Und er offenbart damit seine freche Unverschämtheit; denn wonach ihn gelüstet, das sind Bubenstücke. Ja er ist ein verworfener Mensch, denn er rühmt sich seiner Schande. Großsprecherische Sünder sind die allerschlechtesten und verabscheuungswürdigsten, zumal wenn ihre schmutzigen Gelüste -- zu schmutzig, als dass sie sie ausführen könnten -- der Gegenstand ihrer Prahlereien werden. Wenn Herr Hasse-das-Gute und Herr Eigendünkel Handelsgenossen werden, machen sie flotte Geschäfte mit des Teufels Waren. Dieser eine Beweis reicht hin, den Angeklagten zu verdammen. Kerkermeister, führ’ ihn ab! Doch halt, noch ein Zeuge meldet sich, um eidlich vernommen zu werden. Diesmal tritt die Frechheit des stolzen Aufrührers noch klarer zu Tage: Er segnet den Habgierigen und verachtet den Herrn. (And. Übers. 4 Schon eben das, dass er den, der bei jedem Geschäft, einerlei wie, seinen Schnitt zu machen versteht, beglückwünscht und auch in dem Räuber und Betrüger, wenn er nur an den Gesetzen vorbeizukommen weiß, nur den "smart man " sieht und ihn als solchen preist, das zeigt, welch ein Verächter des heiligen Gottes er ist. Das ist die höchste Frechheit, dass er sich nicht entblödet, in offenem Widerstreit mit dem Urteile des Richters aller Welt den zu segnen, welchen Gott verflucht. Solches tat das verkehrte Geschlecht zu Maleachis Zeiten, da sie die Verächter glücklich priesen (Mal. 3,15). Wie oft haben wir Gottlose in ehrenden Ausdrücken von Habgierigen, Leuteschindern und schlauen Betrügern reden hören! Ja, wir wissen wohl, wie die Welt die Menschen wägt. Der ist ihr am liebsten, der den vollsten Beutel hat. Herr Hochmut ist mit Frau Habgier gut Freund und beglückwünscht sie wegen ihrer Vorsicht, Sparsamkeit und Klugheit. Zu unserem Schmerze müssen wir sagen, dass deren sogar nicht wenige sind, die sich für fromm ausgeben und dennoch einen reichen Mann wertschätzen und ihm schmeicheln, auch wenn sie wohl wissen, dass er sich an dem Fleisch und Blut der Armen gemästet hat. Die einzigen lasterhaften Menschen, die aller Ehren wert gelten, sind die habgierigen Leute. Ist jemand ein Ehebrecher oder ein Trunkenbold, so schließt man ihn aus der Gemeinde aus; aber wer hat je davon gelesen, dass an solch einem elenden Götzendiener, einem Habgierigen und Geizigen, Kirchenzucht geübt worden wäre? Lasst uns vor dem Gedanken erbeben, dass wir etwa erfunden werden könnten als solche, die der frechen Sünde mitschuldig wären, den Habgierigen zu segnen, den der Herr verabscheut, und also den Herrn zu verachten.
Es muß alles erst einmal an Gott vorüber, bevor es mich treffen kann. (Helmut Thielicke)

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Regelmäßige Lesung aus der Schatzkammer David Ps.10

Beitragvon Jörg » 10.07.2018 15:40

4. Die Zeugnisse von dem stolzen Prahlen des Gottlosen und seiner sträflichen Sympathie mit den von Gott Verworfenen sind zu Protokoll genommen, und nun bestätigt sein eigenes Antlitz die Anklage. Der Gottlose (wähnt) in seiner Hochnäsigkeit: Mit nichten wird er ahnden. (Wörtl.) Ein stolzes Herz erzeugt ein stolzes Angesicht und steife Knie. Es ist trefflich so geordnet, dass des Herzens Gedanken so oft in dem Gesicht geschrieben stehen, gerade wie die Bewegungen der Räder einer Uhr auf dem Zifferblatt jedermann kund werden. Eine freche Stirn und ein zerbrochenes Herz sind nicht beieinander. Wir bezweifeln sehr, dass die Athener weise handelten, als sie beschlossen, die Angeklagten sollten im Dunkeln verhört werden, damit ihr Gesichtsausdruck nicht etwa auf die Richter bestimmend einwirke; denn man kann von den Bewegungen der Gesichtsmuskeln viel mehr entnehmen, als von dem, was der Mund redet. Die Ehrlichkeit leuchtet dem Menschen aus dem Angesicht, und ebenso guckt die Niederträchtigkeit einem aus den Augen heraus.
Siehe, was der Stolz vermag. Er blendet dem Menschen die Augen, dass er Gottes Gerichte nicht sieht. Ja er brütet die Leugnung Gottes aus. In allen seinen Tücken hält er Gott für nichts. Wörtlicher übersetzen wir: Es gibt keinen Gott, ist die Summe seiner Gedanken, oder: (darauf gründen sich) alle seine Tücken . Sein Herz ist voll tückischer Gedanken-Gespinste, aber an Gott denkt er dabei nicht und will er nicht denken: und wenn er an ihn denkt, dann so, dass er sich vorredet, es gebe keinen Gott. Unter Haufen von Gedankenspreu nicht ein Weizenkörnlein. Die einzige Stätte, wo Gott nicht ist, sind die Gedanken des Gottlosen. Das ist eine vernichtende Anklage; denn wo der Gott vom Himmel nicht ist, da herrscht und wütet der Herr der Hölle. Leugnen wir Gott in unsern Gedanken und Plänen, so werden diese uns ins Verderben bringen.

5. Die Bedeutung des ersten Satzes unterliegt Zweifeln. Meist deutet man (nach Hiob 20,21): Stark sind seine Wege allezeit , d. h.: Was er unternimmt, hat jederzeit Bestand. Das war und ist ja je und je für die Redlichen und Gottesfürchtigen eine schwere Anfechtung, dass es oft den Anschein hat, als wären die frechen Übeltäter besondere Günstlinge des Himmels, weil ihre Unternehmungen gedeihen. Luther und andere verstanden das Wort "Weg" hier im sittlichen Sinn von der Handlungsweise des Gottlosen, von seinem bösen Treiben: Er fährt fort mit seinem Tun immerdar . Was fragt er nach Gesetz und Recht? Und ob sein Tun andern Herzeleid und Qual bereitet, was kümmert ihn das? Er sitzt gleich Dschaggernaut auf seinem ungeheuren Götzenwagen, gänzlich ohne Mitgefühl für die Menschenmassen, die unter den Rädern zermalmt werden.
Deine Gerichte sind hoch droben (Grundt.) von ihm ferne. Ob er gleich seine Nase hoch trägt, so ist sein Blick doch nicht in die Höhe gerichtet. 5 Wie er Gott zu leugnen sucht, so auch Gottes Gerichte. Er hat nicht das geringste Verständnis für die göttlichen Dinge. Ein Schwein wäre wohl eher noch fähig, die Sterne durch ein Fernrohr zu betrachten, als solch ein Mensch, das Wort Gottes zu erforschen und die Gerechtigkeit des Herrn zu verstehen. Er handelt trotzig mit allen seinen Feinden. Wörtlich: Er bläst sie geringschätzig an. (Andere übersetzen: Er schnaubt sie an .) Er gebärdet sich trotzig und übermütig. Und wenn Leute seinem schändlichen Treiben entgegentreten, nimmt er eine höhnische Miene an und droht. sie mit einem Puh! zu zerstieben und zu vernichten. Wehe dir, Prahler; du hast einen Feind, der sich um dein Trotzen nicht kümmert. Der Tod wird dir mit seinem Puh! das Lebenslicht ausblasen, und im Grabe wirst du schwerlich noch ans Prahlen denken.

6. Das Zeugnis dieses Verses schließt die Aufnahme des Beweises gegen den Angeklagten hinsichtlich der ersten Anschuldigung, die auf Hochmut lautete, und dies Zeugnis ist von entscheidendem Gewicht. Der Zeuge, der jetzt zu Wort kommt, hat nämlich an der geheimsten Kammer des Herzens gelauscht, und er tritt auf, um uns zu sagen, was er da gehört hat.-- Er spricht in seinem Herzen: Nicht werd’ ich wanken; in alle Zukunft werde ich ein solcher sein, der nicht in Unglück gerät. (Grundt.) Seht, wie seine Unverschämtheit in den Samen schießt! Dieser Mensch hält sich für unbeweglich, für allmächtig. Er, er wird nie ins Unglück kommen. Er hält sich für den Günstling des Glücks. Ihm wird’s nicht gehen wie gewöhnlichen Menschen, ihm wird kein Kummer nahen. Er hat sein Nest zwischen den Sternen gemacht (Obadja 1,4), und es kommt ihm nicht im Traume in den Sinn, dass irgendjemand ihn von dannen hinunterstürzen könnte. Aber lasst uns bedenken, dass dieses Mannes Haus auf den Sand gebaut ist, auf einen Untergrund, so unbeständig wie die rollenden Wogen der See. Wer zu sicher ist, ist gar nie sicher. Die luftigen Bogen der Prahlerei sind schlechte Fundamentgewölbe, und das Selbstvertrauen ist ein armseliges Bollwerk. Das ist das Verderben der Narren, dass sie, wenn es ihnen gut geht, im Selbstbetrug sich aufblähen und vor Hochmut platzen. Sie wähnen, ihr Sommer werde ohne Ende währen und ihre Blumen ewig in der Blüte stehen. Sei demütig, Mensch, denn du bist sterblich und dein Geschick so veränderlich, dass es vor Abend leicht anders werden kann, als es am frühen Morgen ist.
Nun ist die zweite Beschuldigung an der Reihe der Prüfung. Die erwiesene Tatsache, dass dieser Mensch stolz und anmaßend ist, lässt schon vermuten, dass es auch mit der Anklage auf Rachsucht und Grausamkeit seine Richtigkeit habe. Hamans Stolz war der Vater seines grausamen Planes, alle Juden zu ermorden (Esther 3). Nebukadnezar lässt ein goldenes Bild machen und befiehlt im Hochmut, dass alle davor niederfallen und anbeten; da steht auch schon die Grausamkeit bereit, den Ofen für die, welche sich dem königlichen Willen nicht fügen wollen, siebenmal heißer zu machen, als man sonst zu tun pflegte (Dan. 3). Jeder hochmütige Gedanke ist der Zwillingsbruder eines grausamen. Wer sich selbst erhöht, verachtet andere; ein Schritt weiter, und er wird ’zum Tyrannen.

7. Lasst uns nun wieder die Zeugen hören. Der Schurke möge für sich selber sprechen; denn aus seinem eigenen Munde wird er verdammt werden. Sein Mund ist voll Fluchens, Falsches und Trugs oder Gewalttätigkeit. Nicht nur ein wenig Böses findet sich bei ihm, sondern sein Mund ist voll davon. Eine dreiköpfige Schlange hat sich in der Höhle seines bösen Maules zusammengeringelt, bereit, ihr Gift auf alle zu schießen. Verwünschungen speit er aus, beides gegen Gott und Menschen; mit Falschheit bestrickt er die Unbedachtsamen, und durch Bedrückung beraubt er auch in seinen ganz gewöhnlichen Handlungen seine Nachbarn. Hüte du dich vor einem solchen; habe nichts mit ihm zu schaffen! Sogar unter den Gänsen wollten nur die dümmsten Reineckes Rede hören; und nur die Erznarren begeben sich in die Gesellschaft von Schurken. Doch weiter! Wir müssen dem Mann nicht nur in den Mund, sondern auch noch unter die Zunge gucken: Unter seiner Zunge (birgt sich) Unheil und Verderben. (Grundt.) Da stecken die noch ungeborenen Worte, die, wenn sie herauskommen, Unheil und Verderben anrichten werden.

8. Trotz all seinem Prahlen scheint der Niederträchtige eben so feige als grausam zu sein. Er sitzt und lauert in den Dörfern; er erwürget die Unschuldigen heimlich: seine Augen halten (spähend) auf den Unglücklichen. (Grundt.) Er spielt die Rolle des Wegelagerers, der sich plötzlich aus seinem Versteck auf den arglosen Wanderer stürzt. Es lauern immer böse Menschen im Hinterhalt auf die Frommen. Hier auf Erden sind wir im Land der Räuber und Diebe. Lasst uns wohl bewaffnet reisen, denn in jedem Gebüsch ist ein Feind versteckt. Überall sind Fallen für uns gestellt; überall gibt es Feinde, die nach unserm Blut dürsten, sogar an unserem eigenen Tisch. Nie und nirgends sind wir sicher, es sei denn der Herr bei uns.

9. Das Bild wird immer schwärzer. Der Gottlose ist zum Raubtier geworden. Er lauert im Verborgnen wie ein Löwe in seinem Dickicht, um auf die Beute zu springen. Im zweiten Versglied wird er mit einem listigen Jäger verglichen: Er lauert, dass er den Elenden erhasche; er erhaschet den Elenden, wenn er ihn in sein Netz zieht, oder: indem er ihn fortschleppt mit seinem Netz . Fürwahr, es gibt Menschen, auf welche diese ganze Beschreibung buchstäblich passt. Mit Argusaugen bewachen sie den Gerechten und bringen ihn mit Verdrehungen und Verleumdungen, mit heimlichen Verdächtigungen, ja, wenn’s nötig ist, mit falschen Schwüren um seinen guten Namen und morden so den Unschuldigen: oder aber, sie fangen mit Rechtsklaubereien, mit Pfand- und Schuldbriefen, mit Vollziehungsbefehlen und ähnlichen Mitteln die Armen und schleppen sie fort mit ihrem Netz. Der Kirchenvater Chrysostomus († 407) eiferte besonders streng gegen die letztgenannte Erscheinungsform der Grausamkeit, aber sicherlich nicht mehr, als sie es verdient. Nehmt euch in Acht, meine Brüder, denn es gibt noch andere Schlingen außer diesen. Francis Quarles († 1644) schildert unsere Gefahr in folgenden Zeilen:

Sieh’, der Versucher sucht dich zu fäll’n,
Überall Netze und Stricke zu stell’n,
Netze im Elend, Stricke im Sieg,
Netze im Frieden, Stricke im Krieg,
In den Gedanken, in deinem Wort,
Netze und Stricke an jeglichem Ort.

Netze im Fasten und im Genuss,
Netze und Stricke für Hand und für Fuß,
Netze am Wege, Stricke im Herzen,
Netze im Hoffen, Stricke in Schmerzen,
Netze im Jubeln, Stricke in Not,
Netze in Krankheit, Stricke im Tod.


O Herr, behüte deine Knechte und schirme uns vor allen unsern Feinden!
Es muß alles erst einmal an Gott vorüber, bevor es mich treffen kann. (Helmut Thielicke)

Jörg
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Beitragvon Jörg » 14.07.2018 14:01

10. Er duckt sich und kauert, liegt nach Raubtierart tief sich bückend auf der Spähe, damit die wehrlosen Unglücklichen in seine Klauen (wörtl.: seine Starken) fallen 6 . Schein-Demut ist oft der Waffenträger der Bosheit. Der Löwe duckt sich, um mit desto größerer Kraft auf die Beute zu springen und seine starken Krallen in sein Opfer zu schlagen. Als der Wolf alt geworden war und Menschenblut gekostet hatte, da rief der alte Sachse: Hütet euch! Ein Wolf! Und wir haben auch Ursache zu rufen: Hütet euch vor dem Fuchs! Wer uns vor die Füße kriecht, will uns zu Fall bringen. Nehmt euch wohl in Acht vor kriechenden Schmeichlern, denn Freundschaft und Schmeichelei sind Todfeinde.

11. Wie bei dem früheren Anklagepunkt, so steht auch bei diesem ein Zeuge auf, der den Angeklagten an dem Schlüsselloch seines Herzens belauscht hat. Sprich heraus, Freund: lass uns hören, was du zu berichten hast! -- Er spricht in seinem Herzen: Gott hat’s vergessen; er hat sein Antlitz verborgen, er wird’s nimmermehr sehen. Dieser gewalttätige Mensch tröstet sich mit der Einbildung, Gott sei blind, oder wenigstens habe er ein schlechtes Gedächtnis. Welch läppische, törichte Einbildung! Die Menschen bezweifeln Gottes Allwissenheit, während sie die Heiligen verfolgen! Hätten wir eine Empfindung für die Nähe Gottes, so wäre es uns unmöglich, seine Kinder schlecht zu behandeln. Es gibt in der Tat kein besseres Mittel, uns vor der Sünde zu bewahren, als den steten Gedanken: Du, Gott, siehest mich.
Das Verhör ist zu Ende. Die Anklage hat sich in ihrem vollen Umfang bestätigt. So ist es denn kein Wunder, dass der Kläger, der so viel Bedrückung hat leiden müssen, seine Stimme erhebt und um ein gerechtes Urteil über seinen Verfolger bittet, wie wir es in dem nun folgenden Verse finden.

12. Stehe auf, Herr; Gott, erhebe deine Hand;vergiss der Elenden nicht!

12. Mit welch kühner Sprache wendet sich der Glaube an seinen Gott! Und doch, wie viel Unglaube ist nicht selbst mit unserem stärksten Vertrauen vermischt. Furchtlos bestürmt der Psalmist den Herrn, aufzustehen und seine Hand zu erheben , um den Seinen zu helfen und deren Verfolger zu bestrafen; und zu gleicher Zeit bittet er zaghaft, der Herr möge doch der Elenden und Gebeugten nicht vergessen -- als ob es je geschehen könnte, dass der treue Bundesgott nicht an die Seinen denke! Dieser Vers ist der unaufhörliche Ruf der streitenden Gemeinde, von dem sie nicht ablassen wird, bis ihr Herr in seiner Herrlichkeit kommt, um sie an allen ihren Widersachern zu rächen.

13. Warum soll der Gottlose Gott lästern,
und in seinem Herzen sprechen: Du fragest nicht darnach?
14. Du siehst ja, denn Du schauest das Elend und Jammer; es
stehet in deinen Händen;
die Armen befehlen’s dir;
Du bist der Waisen Helfer.
15.Zerbrich den Arm des Gottlosen,
und suche heim das Böse, so wird man sein gottlos Wesen immer finden.

13.14. In diesen Versen ist die Beschreibung des Gottlosen in wenige Worte zusammengedrängt. Seine Bosheit wird auf ihre Quelle zurückgeführt, nämlich auf seine gottesleugnerischen Gedanken über die Regierung der Welt. Wir merken alsbald, dass diese Darstellung den Zweck hat, Gott in neuer, noch dringenderer Weise aufzurufen, dass er seine Macht zeige und seine Gerechtigkeit offenbare. Wenn die Ruchlosen Gottes Gerechtigkeit in Frage stellen, mögen wir wohl den Herrn bitten, sie zu lehren, wie schrecklich seine Gerechtigkeit für den Sünder ist. Im 13. Verse wird dargelegt, was der Ungläubige hofft und wünscht. Warum verachtet der Gottlose Gott? Weil er nicht glaubt, dass auf die Sünde Strafe folge. Er spricht in seinem Herzen: Du fragest nicht darnach. Wenn es für andere Menschen keine Hölle gäbe, sollte doch eine da sein für solche, die in Zweifel ziehen, dass es eine vergeltende Gerechtigkeit gebe. Dieser niederträchtige Gedanke findet seine Antwort im 14. Verse: Du hast es wohl gesehen! Denn Du schauest immer auf Leid und Kummer, sie in deine Hand zu nehmen. (Grundt.) Gott ist ganz Auge für das Herzeleid, das seinen Kindern widerfährt, und ganz Hand, um ihre Feinde zu züchtigen. Vor Gottes allsehendem Blick gibt es kein Verbergen und vor der göttlichen Gerechtigkeit kein Entrinnen. Wer die Elenden unterdrückt, wird selbst vom Elend unterdrückt werden; wer wider Gottes Kinder mit den Zähnen knirscht, wird bald an dem Ort sein, wo ewiges Zähneknirschen ist; und wer Tücken in seinem Innern aufspeichert, wird schon hienieden ein reiches Erbteil an Kummer bekommen. Ja wahrlich, es gibt einen Gott, der auf Erden Gericht übt. Auch ist das nicht der einzige Erweis der Gegenwart Gottes auf Erden; denn während er die Unterdrücker züchtigt, erzeigt er den Unterdrückten hilfreich sein Wohlwollen. Die Armen oder Hilflosen befehlen dir ; sie übergeben sich ganz der treuen, mächtigen Hand ihres Gottes. Indem sie ihr Urteil seiner klaren Einsicht, ihren Willen seiner Oberhoheit unterwerfen, beseligt sie die Gewissheit, dass er alles zu ihrem Besten ordnen werde. Und er täuscht ihre Hoffnung nicht. Er erhält sie in Zeiten der Not und lässt sie frohlocken über seine Güte. Du bist der Waisen Helfer. Gott ist der Vater aller Vaterlosen. Wenn dein irdischer Vater unter dem Rasen schläft, lächelt dir deines himmlischen Vaters Angesicht aus der Höhe. Irgendwie finden die Waisen ihre Versorgung, und das ist ganz natürlich, da sie einen solchen Vater haben.

15. In diesem Verse hören wir von neuem die Bitte, der Herr möge doch der Gottlosigkeit ein Ende machen. Zerbrich den Arm des Gottlosen, und der Böse -- suche sein gottloses Wesen (rächend) heim, bis du nichts mehr findest. (And. Übers. 7 Nimm dem Sünder seine Macht zu sündigen, tue dem Tyrannen Einhalt, lege den Unterdrücker in Fesseln. Beraube den Gewaltigen seiner Macht und zerbrich den Arm des Wüterichs. Sie leugnen deine Gerechtigkeit; lass sie dieselbe im Vollmaß erfahren. Ja fürwahr, sie werden sie zu fühlen bekommen; denn Gott wird den Sünder ewig verfolgen. Bis aufs winzigste Körnchen wird die Sünde aufgespürt und bestraft werden. Es ist höchst beachtenswert, dass nur sehr wenige von den großen Verfolgern in ihrem Bette gestorben sind. Der Fluch hat sie augenscheinlich verfolgt, und ihre entsetzlichen Leiden haben sie dazu gebracht, die göttliche Gerechtigkeit anzuerkennen, gegen die sie einst ihren Hohn geschleudert hatten. Gott lässt es zu, dass Tyrannen sich erheben -- als Dornhecken, die seine Gemeinde vor dem Eindringen von Heuchlern schützen, und um seine abtrünnigen Kinder durch sie zu züchtigen, wie Gideon die Leute zu Sukkoth die Dornen der Wüste fühlen ließ (Richter 8,16); aber bald rottet er solche Herodesse aus gleich den Dornen und wirft sie ins Feuer. Als Thales von Milet, einer der sieben Weisen Griechenlands, einst gefragt wurde, was er für die größte Seltenheit in der Welt achte, antwortete er: einen Tyrannen alt werden zu sehen. Siehe, wie der Herr stolzen Unterdrückern nicht nur den Arm, sondern das Genick bricht. Wer Gottes Kindern weder Gerechtigkeit noch Barmherzigkeit erwiesen hat, dem wird ein gerüttelt und geschüttelt Maß von vergeltender Gerechtigkeit, aber nicht ein Körnlein Barmherzigkeit zuteil werden.

16. Der Herr ist König immer und ewiglich;
die Heiden müssen 8 aus seinem Land umkommen.
17. Das Verlangen der Elenden hörest 9 du, Herr;
ihr Herz ist gewiss, dass dein Ohr drauf merket,
18. dass du Recht schaffest dem Waisen und Armen,
dass der Mensch nicht mehr trotze auf Erden. 10

Der Psalm endet mit lobpreisendem Dank an den großen, ewigen König dafür, dass er das Verlangen seines gebeugten und unterdrückten Volkes gestillt, die Vaterlosen verteidigt und die Heiden, die seine armen, betrübten Kinder mit Füßen getreten haben, gezüchtigt hat. Lasst uns daraus die Lehre entnehmen, dass wir sicherlich wohl fahren werden, wenn wir unsere Klagen vor dem König aller Könige vorbringen. An seinem Thron wird unser Recht beschützt und das uns widerfahrene Unrecht wieder gut gemacht werden. Seine Regierung vernachlässigt nicht die Interessen der Dürftigen, noch duldet sie Bedrückung von Seiten der Mächtigen. Großer Gott, wir überlassen uns deiner Hand. Dir befehlen wir aufs Neue deine Gemeine. Stehe auf, Herr, und lass den Menschen von der Erde, diese Eintagsfliege, zerbrochen werden vor der Majestät deiner Macht. Komm, Herr Jesu, und führe dein Volk zur Herrlichkeit. Amen, ja Amen!
Es muß alles erst einmal an Gott vorüber, bevor es mich treffen kann. (Helmut Thielicke)

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Beitragvon Jörg » 17.07.2018 15:08

Erläuterungen und Kernworte

V. 1. Es ist meines Erachtens kein einziger Psalm, der die Art und Neigung, Sitten, Werke, Worte, Gedanken, Zustand und Gestalt derer Gottlosen eigentlicher, weitläufiger und deutlicher abmale und beschreibe, als eben dieser; so dass, wenn hiervon bisher noch zu wenig gesagt worden, oder auch zukünftig nicht möchte gesagt werden, man hier ein vollkommenes Muster und Abbildung der Gottlosigkeit haben kann. Es gibt uns demnach dieser Psalm den vollkommenen Abriss von einem Gottlosen und der Gottlosigkeit, das ist, einem solchen Menschen, der zwar in seinen und anderer Leute Augen frömmer als Petrus scheinet, aber vor Gott ein rechter Gräuel ist. Welches denn auch den heiligen Augustinus und andere, so ihm gefolgt, bewogen, dass sie diesen Psalm von dem Antichrist ausgelegt haben. Allein, dieweil dieser Psalm ohne Titel und Überschrift ist, so wollen wir ihn in dem allerweitläuftigsten Verstande nehmen und darin ein allgemeines Bild der Gottlosigkeit betrachten; doch schließen wir den Antichrist zugleich mit ein. Martin Luther 1519.

Herr, warum verbirgst du dich zur Zeit der Not? Die Antwort darauf ist nicht weit zu suchen; denn wenn der Herr sich nicht verbergen würde, gäbe es überhaupt eigentlich keine Zeit der Not . Man könnte ebenso wohl fragen, warum die Sonne nicht in der Nacht scheine; dann gäbe es ja gar keine Nacht. Es ist zu unserer gründlichen Züchtigung ganz wesentlich notwendig, dass der himmlische Vater uns das Lächeln seines Angesichts entzieht. Es gibt ein göttliches Muss nicht nur für unsere mannigfaltigen Anfechtungen, sondern auch dafür, dass wir durch sie innerlich bedruckt werden. Dem Zweck der Rute wird nur dadurch entsprochen, dass sie uns Schmerzen verursacht. Kommen wir durch die Züchtigungen nicht in innere Not, so tragen wir auch keinen Gewinn davon. Verbirgt Gott sich nicht, so ist das Leiden kein bitterer Trank und hat daher auch keine reinigende Wirkung. C. H. Spurgeon 1869.

Zeiten der Not sollten Zeiten des Trauens auf Gott sein. Ist das Herz fest in Gott, so kommt die Furcht nicht auf. "Vor schlimmer Kunde fürchtet der Gerechte sich nicht: getrost ist sein Herz, voller Vertrauen auf den Herrn. Sein Herz ist fest, er fürchtet nichts." (Ps. 112,7 f. wörtl.) Ohne festes Gottvertrauen dagegen sind wir veränderlich wie eine Wetterfahne, von jedem Hauch böser Botschaft bewegt; dann ist unsere Hoffnung bald obenauf, bald tief drunten, je nach den Nachrichten, die wir bekommen. Es scheint oft, als schliefe die Vorsehung, und als müssten Glaube und Gebet sie aufwecken. Die Jünger hatten nach ihres Meisters Urteil nur einen kleinen Glauben; dennoch erweckte dieser ihr kleiner Glaube ihn in dem Sturm, und er errettete sie. Der Unglaube aber entmutigt gleichsam Gott, seine Macht zu unserm Heil zu zeigen. Steph. Charnock † 1680.

V. 2. Bei dem Hochmut des Gottlosen muss der Arme brennen. (Grundt.) Jener berüchtigte Christenverfolger, Domitian, beanspruchte gleich andern der römischen Kaiser göttliche Ehre und heizte den Ofen siebenmal heißer für die Christen, weil sie sich weigerten, sein Bild anzubeten. So war es auch mit den römischen Päpsten. Als sie sich mit den lästerlichen Titeln schmückten, als seien sie die Herren der Welt und aller Väter, da ließen sie die Bluthunde gegen die wahren Jünger Jesu los. Hochmut ist das Ei, woraus die Verfolgungswut ausschlüpft. C. H. Spurgeon 1869.

V. 3. Der Gottlose rühmet sich seines Mutwillens, und der Geizige segnet sich (Übers. Luthers und anderer) und lästert den Herrn. Höre, wie der Gottlose sich rechtfertigt, wenn er den Gerechten aussaugt: Ich verlange nur, was nach dem Gesetz mir gehört. Es war ja seine freie Tat, warum hat er sich mir verpfändet? Ich kann nach dem Recht ihm Hab und Gut pfänden oder ihn in den Schuldturm werfen lassen; und das eine oder andere soll geschehen, oder ich will mein Geld bar wieder haben. Was geht das mich an, ob seine bettelnden Kinder abzehren oder sein stolzes Weib zu Grunde geht? Ich will bezahlt sein, oder er soll dafür sitzen, bis ich den letzten Heller habe oder aber seine Knochen. Das Gesetz ist gerecht und gut; und wie kann mein Vorgehen, wenn ich doch nach dem Gesetz handle, für ungerecht gelten? Dreißig vom Hundert, was ist das für einen Handelsmann? Bin ich dazu geboren, Mützen zu nähen oder Stroh aufzulesen? Soll ich mein Vermögen für ein paar Tränen und ein weinerliches Gesicht verkaufen? Ich danke Gott, dass das mich nicht so viel kümmert, als wenn ein Hund um Mitternacht heult. Ich gebe keinen Tag Frist, wenn auch der Himmel selber mir Bürgschaft stellte. Ich muss bares Geld haben, oder seine Knochen müssen herhalten! Was, ich soll mich mit der Zahlung von fünfundsiebzig fürs Hundert abfinden lassen? Zum Henker! Gewissen? Sprecht mir nicht davon. Gewissen führe ich nicht unter meinen Waren. Dieses Gewissen, ja, das hat mehr Leute bankrott gemacht, als all die feilen Dirnen in der Hauptstadt. Mein Gewissen ist kein Narr. Es sagt mir, dass, was mein ist, mir gehört, und dass ein gut gespickter Beutel kein betrügerischer Freund ist, sondern mir treu anhangen wird, wenn all meine Freunde mich verlassen. Wenn das das Kennzeichen eines schlechten Gewissens ist, ein gutes Vermögen aus nichts zu gewinnen und eine zweifelhafte Schuld, die so gut wie nichts ist, wiederzuerlangen, dann helfe Gott den Guten. Schwätzt mir doch nicht von Knickerei und Unterdrückung. Die Welt ist nun einmal hart, und wer emporkommen will, muss fest zugreifen. Was ich verschenke, verschenke ich, und was ich leihe, leihe ich. Wenn das der Weg zum Himmel ist, dass man auf Erden ein Bettler wird, dann gehe den Weg, wer dazu Lust hat. Ich weiß gar nicht, was ihr immer von Bedrückung der Armen redet. Das Gesetz ist meine Richtschnur. Aber wenn ich nur die Wahl habe, entweder zu unterdrücken oder unterdrückt zu werden, so wähle ich natürlich das erstere, das ist nützlicher. Wenn die Schuldner ehrlich sein und zahlen wollten, wären uns die Hände gebunden: aber wenn ihre Zahlungsunfähigkeit meinem Beutel zu Leibe geht, so tasten sie meinen Augapfel an, und dann muss ich mir zu meinem Recht verhelfen. Francis Quarles † 1644.

Habgier ist das lüsterne Begehren, das zu besitzen, was man nicht hat, und großen Reichtum an Geld und Gut zu erlangen. Ich wende mich an das Urteil meiner Mitmenschen, die selber im geschäftlichen Leben stehen, ob Habgier nicht die Seele des Handels jederart ist und die Hauptursache all der Schäden des Geschäftslebens, über die man überall klagt. Im Vergleich mit dem geordneten, stillen Fleiß unserer Väter, die mit einem kleinen, aber sicheren Gewinn zufrieden waren, enthüllen die wilde, weitschweifende Spekulation auf große Gewinne, das unbesonnene, hastige und abenteuerliche Geschäftsgebaren, worauf wir täglich stoßen, und die verzweifelten, dem Hazardspiel ähnlichen Wagnisse, die man unternimmt, ganz unzweifelhaft, dass sich ein Geist der Habsucht unser bemächtigt hat. Das aufkommende Geschlecht tritt nicht mehr von dem Bestreben erfüllt ins Leben, in ehrbarem Wettbewerb treuen Fleißes und unter Gottes Segen ihre Familien zu ernähren und ihr geschäftliches Ansehen zu erhalten, sondern unsere jungen Leute tragen sich von vornherein mit der Absicht, schnell ein Vermögen zu erringen und es sich dann bequem zu machen und alle Genüsse der Welt zu kosten. Ich muss euch, meine teuren Brüder, mit allem Ernst aufrufen, gegen diese himmelschreiende Sünde der Habsucht einen guten Kampf zu kämpfen. Die großen Weltstädte und Handelsplätze sind die Residenzorte und Festungen der Habsucht. Und ihr, die ihr durch Gottes Gnade in solchen Mittelpunkten des Mammonsdienstes aus der Welt in Christi Reich seid berufen worden, ihr seid zu dem ausdrücklichen Zweck auserwählt worden, dass ihr, wie gegen jeden anderen, so vornehmlich gegen diesen Abfall der Kirche zeuget, der meiner Meinung nach so besonders klar vor Augen liegt und so allgemein ist wie keine andere Verirrung. Denn wer entgeht heutzutage der Schlinge der Habsucht? Edward Irving 1828.
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Beitragvon Jörg » 23.07.2018 16:19

Erläuterungen und Kernworte

V. 4. In unserm Psalm spricht David von großen, mächtigen Bedrückern und Staatsmänner, die keinen Größeren und Höheren auf Erden sehen, als sich selbst, und darum denken, sie könnten ungestraft den wilden Tieren gleich die Kleineren zur Beute machen; und im 4. Vers wird uns nun die Wurzel alles dessen aufgedeckt, nämlich, dass sie denken, Gott frage nichts danach, ja dass alle ihre Gedanken darauf gehen, es gebe keinen Gott . In all ihren Plänen und Ränken machen sie die Rechnung ohne Gott. Das ist der tiefste Grund all ihrer gottlosen und gemeinschädlichen Anschläge und all ihrer betrügerischen Handlungen: dadurch werden sie so kühn und frech in ihren bösen Wegen. Thomas Goodwin † 1679.

Seneka († um 38) sagt, es gebe keine Atheisten, wiewohl etliche es zu sein vorgäben. Wenn irgendwelche Leute sagen, sie glaubten nicht, dass es einen Gott gebe, so lügen sie. Wiewohl sie bei Tage so sprechen mögen, ist es ihnen doch alsbald anders, wenn es Nacht wird und sie allein sind. So verzweifelt etliche sich auch verstocken, so bekennen sie doch alsbald, dass ein Gott sei, wenn er ihnen seine Schrecken zu fühlen gibt. Viele unter den alten und neuen Heiden haben das Dasein Gottes geleugnet und dennoch, wenn sie in Not waren, auf ihren Knien ihn angerufen, wie Diagoras , der großmäulige Atheist, die Gottheit, welche er geleugnet hatte, anerkannte, als er sich in Schmerzen wand. Diese Art Gottesleugner überlasse ich der göttlichen Barmherzigkeit: ich zweifle aber, ob solche für sie da ist. Richard Stock † 1626.

Der Hochmut der Gottlosen ist die Hauptursache ihrer Leugnung Gottes . Sie suchen Gott nicht zu erkennen, denn es ist ihnen unangenehm, an Gott zu denken. Der Hochmut besteht in einer ungebührlich hohen Meinung vom eigenen Ich. Darum können die Menschen in ihrer Hochnäsigkeit nicht einmal es ertragen, dass jemand ihnen gleich sei, und hassen jeden, der über ihnen steht; sie wollen keinen Meister. In dem Maße, als der Hochmut im Herzen die Überhand gewinnt, steigert er in uns den Wunsch, niemand über uns zu sehen, kein Gesetz außer unserem Willen anzuerkennen und keiner andern Richtschnur als unseren eigenen Neigungen zu folgen. So verführte er den Satan, sich gegen seinen Schöpfer zu empören, und verleitete er unsere ersten Eltern zu dem Begehren, zu sein wie Gott. Sind das die Folgen des Stolzes, so ist es klar, dass einem hochmütigen Herzen nichts unerträglicher ist als der Gedanke an Gott, dieses Wesen, das so unendlich machtvoll, gerecht und heilig ist, dem niemand widerstehen, das niemand täuschen oder hintergehen kann, das über alle Geschöpfe und alle Umstände nach seinem unumschränkt freien Willen verfügt und ganz besonders allen Stolz hasst und gewillt ist, ihn zu demütigen und zu züchtigen. An solch ein Wesen kann das stolze Herz nur mit Empfindungen von Furcht, Abneigung und Widerwillen denken. Es kann ihn nicht anders denn als seinen natürlichen Feind ansehen, als den einen großen Feind, den es zu fürchten hat. Die Erkenntnis Gottes zielt nun unmittelbar darauf hin, diesen unendlichen, unwiderstehlichen und unversöhnlichen Feind dem stolzen Menschen recht klar vor die Augen zu stellen. Sie lehrt ihn, dass er einen Meister hat, dessen Obergewalt er nicht entfliehen und dessen Macht er nicht widerstehen kann, ja dessen Willen er gehorchen muss, wenn er nicht von ihm zermalmt werden und für immer elend sein will. Sie zeigt ihm eben das, was zu merken ihn mit Hass erfüllt, nämlich, dass ungeachtet all seines Widerstrebens Gottes Ratschluss dennoch besteht, dass Gott tut, was ihm gefällt, und über all das stolze Gebaren der Menschen hoch erhaben ist. Diese Wahrheiten martern das stolze, ungebeugte Herz der Gottlosen, und darum hassen sie die Erkenntnis Gottes, welche sie davon überzeugt, und wollen Gott nicht erkennen. Im Gegenteil, sie wünschen von einem solchen Wesen nichts zu wissen, und es ist ihr Bestreben jeden Gedanken an Gott sich aus dem Sinn zu schlagen. Zu dem Zweck übergehen sie alle die Teile der göttlichen Offenbarung im Wort, welche Gottes wahres Wesen beschreiben, oder sie verdrehen sie oder deuteln sie weg und geben sich Mühe zu glauben, Gott sei wie ihresgleichen.
Wie töricht, wie ungereimt, wie verderblich erscheint doch der Stolz! Blindlings zerstört er seine eigenen Ziele. Indem er sich zu erheben versucht, stürzt er sich nur in den Kot; indem er sich selbst einen Thron zu errichten sucht, unterhöhlt er den Boden, worauf er steht, und gräbt sein eigenes Grab. Die Selbstüberhebung stürzte den Satan vom Himmel in die Hölle; sie bannte unsere ersten Eltern aus dem Paradiese; und sie wird alle, die ihr frönen, ins Verderben stoßen. Der Hochmut hält uns in Unwissenheit über Gott, schließt uns von seiner Gnade aus und hindert uns, ihm ähnlich zu werden. Ja dieser Welt beraubt er uns all der Ehre und Glückseligkeit, welche die Gemeinschaft mit ihm uns verleihen würde: und in der zukünftigen Welt wird er uns, es sei denn, dass wir ihm vorher absagen, ihn hassen und bereuen, auf immer des Himmels Tür verriegeln und die Pforten der Hölle hinter uns zuschließen. O meine Freunde, hütet euch darum mit allem Fleiß vor dem Hochmut! Hütet euch, dass ihr nicht etwa unvermerkt ihm anhanget; denn er ist vielleicht von allen Sünden die verborgenste und feinste, und so unvermerkt wie sie schleicht sich wohl keine andere ins Herz hinein. D. Edward Payson † 1827.

V. 5. Hoch entrückt sind deine Strafgerichte von ihm (Grundt.), d. h. aus seinem Sehbereich , wie der Adler hoch in den Lüften fast unsichtbar wird, dass das Tierlein unten ihn nicht achtet, auf das er doch bald mit Blitzesschnelle niederstoßen wird. So wird der Mensch frech im Sündigen; doch auf Frechheit folgt schnell Verzweiflung. Erst heißt es: Ei was, sollte Gott sich darum kümmern? Hernach: Wehe mir! Meine Sünde ist größer, denn dass sie mir vergeben werden möge. Die Augen, welche die Frechheit zuschließt, öffnet meist die Verzweiflung. Thomas Adams 1614.

Siehe hierin den Unterschied zwischen den Frommen und Gottlosen. Ein frommer Hiob ist wegen aller seiner Werke besorget, da sie doch rein sind (Hiob 9,30 f.). Die Gerichte Gottes sind ihm sehr nahe, dass er mit David spricht: Herr, gehe nicht ins Gericht mit deinem Knecht, denn vor dir ist kein Lebendiger gerecht (Ps. 143,2). Hingegen aber der Gottlose macht sich gar keinen Kummer über seine Werke, die doch alle unrein und befleckt sind; so weit sind die Gerichte Gottes von ihm entfernt. Ja der Stolze bildet sich noch wohl ein Gott sei sein Schuldner, weil er solche gute Werke aufzuweisen habe, die er noch zum Überfluss getan und die an und für sich selbst des ewigen Lebens würdig wären. Martin Luther 1519.
Es muß alles erst einmal an Gott vorüber, bevor es mich treffen kann. (Helmut Thielicke)

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Beitragvon Jörg » 26.07.2018 16:55

Erläuterungen und Kernworte

Seine Feinde bläst er verächtlich an und vergisst, dass er selbst nur ein Windeshauch ist. Joseph Caryl † 1673.

Er ist dahingegeben in stumpfe Gleichgültigkeit und kümmert sich so wenig um andere als um sich selbst. Wer immer nach seiner Meinung ihm Feind sein mag, das lässt ihn kalt. Verachtung und Hohn sind seine einzigen Waffen, und er hat es ganz verlernt, andere besserer Art zu brauchen. Sein ganzes Denken und Tun hat das Gepräge der Geringschätzung anderer, und er behandelt die Urteile und Meinungen und die Handlungsweise selbst der weisesten Männer mit Verachtung. John Morison 1829.

V.6. Fleischliche Sicherheit öffnet jeder Art Gottlosigkeit (V. 7) die Herzenstür. Als Pompejus eine Stadt lange vergeblich belagert hatte, ersann er eine Kriegslist. Er sagte den Belagerten, er werde unter der Bedingung von der Belagerung ablassen und Frieden schließen, dass sie etliche schwache, kranke und verwundete Krieger in die Stadt einließen, damit diese dort Pflege fänden. Sie gingen darauf ein, und als die Stadt sich in Sicherheit wiegte, öffneten jene dem Heer des Pompejus die Tore. Die fleischliche Sicherheit verschafft einem ganzen Heer von Lüsten den Eingang in die Seele. Thomas Brooks † 1680.

Diese falsche Ruhe gleicht der unheimlichen Stille vor dem Sturme, jener seltsamen Vorbotin besonders schrecklicher Naturereignisse, von der manche Seereisende zu erzählen wissen. Ganz plötzlich kommt eine große Stille über den weiten Ozean; das Wasser wird durchsichtig wie Kristall und glatt wie ein Spiegel, die Luft ganz klar. Der unerfahrene Reisende ist ruhig und heiter, aber der wettergebräunte Seemann fängt an zu zittern. In einem Augenblick beginnen die Wogen zu schäumen, der Wind heult, der Himmel verdüstert sich, taufend Abgründe öffnen sich, schreckliche Blitze flammen ringsumher auf, und jede Woge droht plötzlichen Untergang. Das ist ein passendes Gleichnis von der Heilsgewissheit mancher Leute. Jacques Saurin † 1730.

V. 7. Unter seiner Zunge birgt sich Unheil und Verderben , wie die Schlangen Giftdrüsen unter ihren Zähnen haben und mit großer Geschicklichkeit denen tödliches Unheil beibringen, welche in ihren Bereich kommen. Eine ergreifende Schilderung der traurigen Verheerungen, die solche, die das Gift des Unglaubens in sich haben, in der menschlichen Gesellschaft anrichten. Durch ihre Verkehrung der Wahrheit und ihre unsittliche Denk- und Lebensweise wirken sie auf die Gesinnung ihrer Umgebung so schädlich ein, wie das tödlichste Gift auf den Körper. John Morison 1829.

Er sagt hier nicht vergebens: unter der Zunge: denn er will damit anzeigen, dass oberhalb der Zunge, oder zum Schein und dem äußerlichen Ansehen nach, wo es in die Sinne fällt, ihre Rede in anderer Augen gut zu sein scheinet. Denn da ist ihre Zunge schmeichelhaft und glatt; unterhalb aber derselben, das ist, in der Tat selbst, Mühe und Schmerz. Martin Luther 1519.

Flucher sind verfluchte Leute. John Trapp † 1669.

V. 7-9. In dem Bericht der Märtyrerin Anna Askew über ihr Verhör vor Bischof Bonner finden wir ein Beispiel von der Meisterschaft, die so manche Verfolger treuer Wahrheitszeugen sich in der List und Grausamkeit erworben haben. Sie erzählt: "Am folgenden Tag schickte der Bischof (von London) schon um ein Uhr nach mir, während die Verhandlung erst auf drei Uhr festgesetzt war. Als ich vor ihm erschien, sagte er, meine unglückliche Lage erfülle ihn mit tiefem Bedauern, und er wünsche zu hören, was ich über die Anklagen dächte, welche man wider mich vorgebracht habe. Er ersuchte mich, ihm freimütig mein Herz zu offenbaren und keine Furcht zu hegen; niemand solle mir ein Leid zufügen um irgendwelcher Dinge willen, die ich in seinem Hause sagen würde. Ich antwortete: Da Euer Hochwürden die Verhandlung auf drei Uhr festgesetzt haben und meine Freunde erst zu jener Stunde erscheinen werden, bitte ich, mir die Antwort bis dahin zu erlassen." -- In dieser Beschleunigung des Verhörs kann der aufmerksame Beobachter wahrnehmen, wie gierig dieser Bischof von Babel oder vielmehr dieser blutdürstige Wolf auf seine Beute war. Wie die Schrift sagt: Ihre Füße sind eilend, unschuldig Blut zu vergießen: mit ihren Zungen handeln sie trüglich, Otterngift ist unter ihren Lippen, ihr Schlund ist ein offenes Grab (Röm. 3,13.15). Sie fressen Gottes Volk, als ob sie Brot äßen (Ps. 14,4 Grundtext). Bischof D. John Bale † 1563.

V. 8. Der räuberische Beduine lauert wie ein Raubtier zwischen diesen Sandhügeln: plötzlich stürzt er sich auf den einsamen Wanderer, plündert ihn aus in einem Nu und verschwindet eben so schnell wieder in dem Labyrinth von Sandhügeln und Gestrüpp, wo jede Verfolgung nutzlos wäre. Unsere Freunde sind sehr darauf bedacht, uns am Umherschweifen oder Zurückbleiben zu verhindern, und doch scheint es so töricht, hier einen Überfall zu befürchten, -- Haifa vor uns, Akko im Hintergrunde und Reisende in Sicht auf beiden Seiten. Dennoch kommen gerade an der Stelle, wo wir jetzt sind, oft genug Raubanfälle vor. Ein eigenartiges Land! Und es ist immer so gewesen. Hundert Anspielungen auf diese Dinge finden sich in den Geschichtsbüchern, den Psalmen und den Propheten. Eine ganze Reihe lebhafter Schilderungen fußt darauf. So Psalm 10, V. 8-10. Der Schurken sind unzählige, die wie lebende Originale zu diesem Bild noch heute sich ducken und überall im Lande im Hinterhalt lauern, um den hilflosen Wanderer zu erhaschen . Alle Leute, denen wir begegnen, sind bewaffnet. Sie würden es nicht wagen, ohne ihre Flinte von Akko nach Haifa zu gehen, trotzdem die Kanonen der Kastelle jeden Schritt des Weges zu beherrschen scheinen. Welch merkwürdiges Land! Aber es stimmt wunderbar mit seiner alten Geschichte überein. D. W. M. Thomson, Palästinas Land und Leute, 1859.

Meine Gefährten fragten mich, ob ich wisse, welcher Gefahr ich entronnen sei. Nein, erwiderte ich, welcher? Da erzählten sie mir, dass sie, gleich nachdem sie mich verlassen, gesehen hätten, wie ein Araber mir, die Flinte in der Hand, auf dem Boden kriechend nachgeschlichen sei, und wie er, sobald er in Schussweite von mir gekommen sei, seine Flinte angelegt habe. Da habe er wild umhergeblickt, wie jemand, der eben im Begriff ist, einen bösen Streich auszuführen: In dem Augenblick sei er aber ihrer ansichtig geworden und daraufhin verschwunden. Jeremia wusste auch etwas von der Weise dieser Beduinen; er sagt: An den Straßen sitzest du und lauerst auf sie wie ein Araber in der Wüste. Diese warten und lauern auf ihre Beute mit größtem Eifer und zäher Ausdauer. John Gadsby 1860.

Diese ganze lebhafte Schilderung bezweckt, die Emsigkeit, die List und niederträchtige Geschicklichkeit zu zeigen, welche die Feinde der Wahrheit und Gerechtigkeit oft anwenden, um ihre verderblichen und ruchlosen Pläne auszuführen. Die Ausrottung der wahren Frömmigkeit ist ihr großes Ziel, und sie schrecken vor keinem Mittel zurück, das zu dessen Erreichung dienen mag. Die Mächte, von denen die Gemeinde des Herrn zu verschiedenen Zeiten unterdrückt worden ist, haben diese Schilderung voll bewahrheitet. Sowohl heidnische Gewalthaber, als auch solche, die sich christlich nannten, sind zu solchen Niederträchtigkeiten hinabgestiegen. Sie haben wirklich im Hinterhalt auf die armen Schäflein Christi gelauert; sie haben jede Kriegslist angewandt, welche höllischer Scharfsinn erfinden konnte; sie haben sich verbündet mit Fürsten in Palästen und mit dem Pöbel in den Gassen. Sie haben die einsamen Dörfer heimgesucht so gut wie die belebten, dicht bevölkerten Städte. Und das alles zu dem vergeblichen Zweck, einen Namen auszutilgen, der ewiglich bleiben wird, solange die Sonne währet (Psalm 72,17). John Morison 1829.
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Jörg
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Beitragvon Jörg » 31.07.2018 15:41

Erläuterungen und Kernworte

V. 9. Das Wild, das sie jagen, sind die Elenden und Armen . Die müssen früh aufstehen und spät aufsitzen, ihr dürftiges Mahl mit Sorgen essen und ihre Kindlein um Brot schreien hören, während die ganze Frucht ihrer mühseligen Arbeit an ihrer Unterdrücker Tafel aufgetischt wird. Klage darüber, so viel du willst, pecuniosus nescit damnari, wie Verres sagt, für den Reichen gibt es keinen Galgen. Aber mag der Geldprotz auch auf Erden keinen Richter haben, im Himmel steht sein Urteil schon geschrieben. Denn die Unterdrückung der Armen schreit zum Himmel; des Herrn Ohren merken darauf, und sein Arm der Gerechtigkeit duldet solche Herausforderung nicht. Ob auch die Armen schweigen, so werden doch die Steine in der Mauer schreien und die Balken am Gespärr ihnen antworten (Hab. 2,11). Die ungerechten Geldbußen, die Quälereien, Plackereien, Pfändungen und Bedrückungen allerart schreien zu Gott um Rache. -- Sie sind grausamer als selbst die wilden Tiere. Kein Tier, nur der Mensch sucht seine Raubgier an seinesgleichen zu befriedigen. Aber es scheint auch nur so, als ob sie ihresgleichen jagten. Sie sind in Wirklichkeit blutdürstige Wölfe, jene, die sie verfolgen, wehrlose Lämmer. Kein mächtiger Nimrod wagt es, auf solche, die ihm gleich sind, Jagd zu machen; aber die Macht- und Wehrlosen würgt er wie ein Nero. Steht er bei den Hohen in Gunst, so darf ihm niemand auf hundert Schritt nahe kommen. Wütend schlägt er alles nieder; ein Hauch seines Mundes verursacht ein Erdbeben. Aber Macro grüßt Sejanus nur, solange dieser der allvermögende Günstling des Kaisers (Tiberius) ist; stürzt er aus dieser Höhe, so sind auch die Hunde schon bereit, ihn zu zerreißen. Thomas Adams 1614.

Sie lauern alle aufs Blut; ein jeglicher jagt den andern, dass er ihn verderbe (Micha 7,2). Gar kunstvoll haben sie ihre Netze geknotet und dann verborgen, um die Leute zu fangen. Durch schillernde Waren locken und ziehen sie Käufer in ihre dunkeln Winkelläden (und wie sollten die das Licht lieben die von der Finsternis leben), wo die listigen Blutegel schnell die Pulsader finden können. Sind sie gezwungen zu kaufen, so sollen sie, was sie brauchen, teuer bezahlen. Und wiewohl sie behaupten: Wir zwingen niemand, unsere Waren zu kaufen; der Käufer sehe selber zu -- so werfen sie doch mit wohl ersonnenen Redensarten und fluchwürdigen Beteuerungen den Einfältigen einen Schleier über die Augen und fangen sie mit ihren verschmitzten Kunstgriffen. Auf diese Weise haben sich manche bei uns ein warmes Nest bereitet, nicht durch offene Gewalt, sondern durch kluge Überlistung. Aber, wie schon Augustin († 430) sagt, ob ihre Ränke auch in jure fori bestehen mögen, so doch nicht in jure poli -- wohl vor menschlichen Gerichten, aber nicht vor dem königlichen Gericht des Himmels. Thomas Adams 1614.

V. 10. Er duckt sich und kauert am Boden. Nichts ist ihnen zu gemein, zu kriecherisch und niederträchtig, wenn es dazu dient, ihre unheilvollen Pläne zu fördern. Ihr könnt es sehen, wie Seine Heiligkeit der Papst den Pilgern die Füße wäscht, wenn diese List nötig ist, um auf die leicht betrogene Volksmenge Einfluss zu gewinnen; oder ihr könnt ihn auf purpurnem Throne sitzen sehen, wenn er den Königen der Erde Scheu einflößen und sie so beherrschen will. John Morison 1829.

Erwischt ihr einen Wolf im Schafsfell, so hängt ihn alsbald auf; denn er ist der schlimmste von der ganzen Art. Thomas Adams 1614.

V. 11. Er spricht in seinem Herzen: Gott hat’s vergessen. Ist es nicht wider alle Vernunft, sich über Sünden, die man vor langer Zeit begangen hat, der Sorglosigkeit hinzugeben? Die alten Sünden, die die Menschen längst vergessen haben, sind dem unbeschränkten Gedächtnis des Unendlichen unauslöschlich eingeprägt. Die Zeit kann das nicht austilgen, was Gott schon von Ewigkeit her zuvor gewusst hat. Amalek musste zu Sauls Zeiten die alte Schuld seiner Unfreundlichkeit und Hinterlist gegen Israel büßen, wiewohl das Geschlecht, das die Sünde begangen hatte, längst im Grabe vermodert war. (1. Samuel 15,2 f.) Unsere alten Sünden stehen in einem Buche geschrieben, das allezeit vor Gott offen liegt. (Vergl. Jes. 65,6.) Unsere Missetaten sind vor Gott in ein Bündlein zusammengebunden (Hos. 13,12), wie es die Leute etwa mit den Schuldscheinen machen. Wie Gottes Vorwissen sich auf alle Taten der Menschen erstreckt, die noch geschehen werden, so umfasst sein Gedächtnis alles und jedes einzelne, das die Menschen je getan haben von Beginn der Welt an. Steph. Charnock † 1680.

Viele sprechen in ihrem Herzen: Gott wird’s nimmermehr sehen, während sie mit der Zunge bekennen, dass er allsehend sei. Das Herz hat ebenso wohl eine Zunge als der Mund, und diese beiden Zungen sprechen selten dieselbe Sprache. Joseph Caryl † 1673.

Überall führt die Schrift die Sünde auf ihre Wurzel zurück. Es gibt keine Sünde, die nicht aus der in unserm Verse gezeigten bittern Wurzel entspringt oder genährt wird. Man merze nur den Glauben an die göttliche Vorsehung aus oder schwäche ihn ab: alsbald wird es sich zeigen, wie Ehrsucht und Habsucht, Hintansetzung Gottes, Misstrauen, Unleidlichkeit und allerlei anderes Unkraut über Nacht aufschießen ! Gerade aus dieser Quelle schöpft die Ungerechtigkeit einen Beweis nach dem andern, um sich dadurch im Bösen zu befestigen; denn nichts schreckt so sehr die aufsteigenden verderblichen Lüste ab, nichts treibt sie so aus dem Herzen aus, wie die lebhafte Überzeugung, dass Gott auf das Tun und Treiben der Menschen achte. Steph. Charnock † 1680.

Weil nicht bald geschieht ein Urteil über die bösen Werke, dadurch wird das Herz der Menschen voll, Böses zu tun (Pred. 8,11). Gott säumt mit der Strafe, darum säumen die Menschen mit der Buße. Der Sünder denkt: Gott hat mich all die Zeit verschont, er hat seine Geduld bis zur Langmut ausgedehnt; er wird mich gewiss nicht strafen. Gott vertagt manchmal in seiner großen Geduld die Gerichte; denn er hat keine Lust am Strafen. (Vergl. 2. Petr. 3, 9.) Es ist der Biene rechte Art, Honig darzureichen; sie sticht nur, wenn sie gereizt wird. Der Herr möchte, dass die Menschen Frieden mit ihm machten. (Jes. 27,5 Grundt.: Dass man Frieden mit mir machte, mit mir Frieden machte!) Gott gleicht nicht einem unbarmherzigen Gläubiger, der keine Frist gestattet; er kann in seiner großen Langmut warten und harren; aber sein Zweck ist dabei, eben durch seine Geduld die Sünder zu gewinnen, dass sie Buße tun. Doch wie wird diese Geduld missbraucht! Gottes Langmut verhärtet viele. Thomas Watson 1660.

Weil Gott fortfährt, die Sünder zu schonen, fahren sie fort, ihn herauszufordern. Schont er ihr Leben, so schonen sie ihre Lüste. Was ist das anders, als wenn jemand mutwillig sich alle Knochen brechen wollte, weil es einen Arzt gibt, der sie wieder zusammenfügen kann? Weil die Gerechtigkeit die Augen zuzudrücken scheint, meinen die Leute, sie sei blind. Aber mögen solche wissen, dass der geräuschlose Pfeil ebenso wohl töten kann wie die donnernde Kanone. Die Geduld Gottes währet wohl lang, aber lang ist nicht ewig. William Secker 1660.

V. 13. Sie machen es wie jener verwegene Seeräuber, dem der Kapitän des Schiffs, das er plünderte, sagte, die Gerechtigkeit könne ihn zwar jetzt nicht ergreifen, er werde es aber am Tage des Gerichts zu verantworten haben. Er erwiderte: Wenn es noch so lange geht, dann will ich erst dein Schiff und dich noch dazu nehmen. Mit diesem Selbstbetrug bereden sich nur zu viele große Diebe und Bedrücker in ihrem Herzen, wenn sie es auch nicht auszusprechen wagen. Thomas Adams 1614.
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Beitragvon Jörg » 03.08.2018 13:50

Erläuterungen und Kernworte

V. 14. Die Armen befehlen’s dir. Unsere Leidensscheu kommt vornehmlich aus dem Mangel an Vertrauen zum Herrn. Unser kleingläubiges Herz wandelt auf dem Felsengrund der göttlichen Verheißungen zuerst wie jemand, der sich aufs Eis begibt und anfangs voller Furcht und Unruhe ist, es möchte unter seinen Füßen zusammenbrechen. Ergeben wir uns aber Tag für Tag aufs neue dem Herrn in gläubigem Vertrauen, so werden wir immer mehr mit den Gedanken an die Macht und Treue Gottes vertraut, so dass die argwöhnische Furcht schwindet, die uns sonst so leicht befällt, wenn wir in irgend eine große Not kommen, und wir machen dann auch immer herrlichere Erfahrungen von der Zuverlässigkeit unseres Gottes und seiner Verheißungen. Da wir so sinnlich, kindisch und schwach sind, fällt es uns gar schwer, Gott einfach aufs Wort zu glauben, und wir finden daher in den Erfahrungen eine ganz besondere Stütze für das Vertrauen auf ihn im Blick auf die Zukunft. Lasst uns denn jeden Morgen uns selbst und unsere Sache ihm befehlen ; und jeden Abend lasst uns wieder zusehen, wie Gott unser Vertrauen geehrt hat. Lege dich nicht schlafen, ehe du dein Herz von seiner Treue überführt und zu neuem Vertrauen auf seine Hut in der Nacht in Pflicht genommen hast. Und wenn Gott dir etwas nicht gewährt hat, was du im Glauben von ihm erwarten zu dürfen meintest, dann merke darauf, wie Gott die Lücke ausfüllt und den scheinbaren Verlust in Gewinn verwandelt, und ruhe nicht, bis du Gott deinem Herzen gegenüber gerechtfertigt hast. Mache es dir ganz gewiss, dass keine Unzufriedenheit mit Gottes Walten auf deiner Seele lasten bleibt, tadle vielmehr dein Herz dafür, wie der Psalmist im Psalm 42 . Achtest du so auf dein Herz und auf Gottes treues Walten, so wird dein Glaube erstarken, dass er auch größere Proben aushalten kann, wenn Gott sie sendet. W. Gurnall † 1679.

Du bist der Waisen Helfer. Gott waltet mit ganz besonderer Sorgfalt über solchen, die in Elend und Jammer sind. Daher wird ihm neben andern Namen auch dieser beigelegt: der Waisen Helfer. Mit Berufung hierauf kehrt das durch seinen Abfall ins Elend gekommene Volk zu seinem Gott zurück: Denn bei dir finden die Waisen Erbarmen. (Hos. 14,4 Grundt.) Gibt es stärkeren Trost als diesen, dass der die Welt regiert, der so weise ist, dass bei ihm aller Irrtum ausgeschlossen ist, so treu, dass er nie jemand täuschen kann, so mitleidig, dass er die Seinen nimmer vernachlässigen kann, und so mächtig, dass er Steine in Brot zu wandeln vermag, wenn es ihm gefällt? Gott regiert die Welt nach seinem Willen, aber nicht nach Willkür wie ein tyrannischer Despot, sondern nach seiner Weisheit und Güte als ein liebender Vater. Seine Herzenslust ist es nicht sowohl, nur seine unumschränkte Macht oder seine unfassbare Weisheit zu zeigen, sondern vor allem seine unermessliche Güte an den Menschen zu erweisen. Stephan Charnock † 1680.

Du hast es wohl gesehen! Gott sieht auf das Tun der Menschenkinder mit Augen, die zu rein sind, als dass er Böses anschauen könnte, und er vermag Gewalttat nicht mit anzusehen (Hab. 1,13). Er ist nicht ein müßiger Zuschauer, sondern ein Vergelter und Rächer. Darum wohl dem Gerechten! Denn ihm wird es wohl gehen; denn die Frucht seiner Taten wird er genießen. Wehe aber dem Gottlosen! Ihm wird es übel gehen; denn was seine Hände verübt haben, wird ihm widerfahren. (Jes. 3,10 f.) Nur die Götzen, die Augen haben und sehen nicht, die haben Hände und schlagen nicht. Joseph Caryl † 1673.

Mögen es die Armen, die wehrlos ihren Unterdrückern preisgegeben sind, zu Herzen nehmen, dass der Herr auf sie Acht hat, und mögen sie darum den Rat des weisen Predigers beherzigen: Fluche dem Reichen nicht in deiner Schlafkammer (Pred. 10,20). Man schade der guten Sache nicht durch unchristliche Bitterkeit und Schmähreden, sondern lasse sich an dem Trost genügen, dass Gott der Unterdrückten Helfer und Rächer ist. Genügt es nicht, all die Stürme der Unzufriedenheit zu beschwichtigen, dass Gottes Wort uns sagt, wie Gott unsere Trübsal sieht und bald herniederkommen wird, um die zu erretten und zu rächen, die auf ihn gehofft haben? Edward Marbury 1649.

Gott stellt sich auf die Seite derer, die Recht haben, ob sie auch die schwächste Partei seien. Er handelt nicht wie so manche, die sich unparteiisch zu stellen pflegen, wenn sich ein Streit erhebt, bis sie sehen, welche Partei die stärkere ist -- nicht, welche das Recht auf ihrer Seite hat. Gott sieht allezeit auf das Recht; besonders aber zieht es ihn zu den schwachen Duldern des Unrechts. Er verbündet sich mit vielen, weil sie schwach sind, mit keinem, weil er stark ist. Die Menschen gleichen oft den Wolken, die ihre Wasser ins Meer ergießen; sie machen den Reichen Geschenke und unterstützen die Mächtigen. Gott aber sendet den erquickenden Regen auf das dürre Land und lässt seine mächtige Hilfe den Schwachen angedeihen. Du bist der Geringen Stärke, der Armen Stärke in der Trübsal, eine Zuflucht vor dem Ungewitter, ein Schatten vor der Hitze, wenn die Tyrannen wüten (Jes. 25,4). Joseph Caryl † 1673.

V. 15. Es will, hauptsächlich um der letzten Worte des Verses willen (du wirst nicht finden oder findest nicht, also ohne Objekt), schlecht gelingen, die Teile dieses Verses zu einem sprachlich sowie sachlich einwandfreien Ganzen zu vereinigen. Auch die in der Auslegung Seite 148 gegebene Übersetzung unterliegt Bedenken. Von andern Versuchen seien nur folgende beispielsweise erwähnt. Delitzsch übersetzt die zweite Hälfte: Und der Böse -- ahnden (heimsuchen) mögest du seinen Frevel, mögest mit nichten ihn fürder finden . Gott möge also das Böse strafrichterlich bis auf die letzte Spur wegräumen, dass es auch für Gottes Auge nicht mehr findbar, also aus dem Bereiche des wirklich Vorhandenen schlechthin verschwunden sei. Keßler dagegen: Und der Böse -- suchst du seine Gottlosigkeit, solltest du sie nicht finden? Das Zeitwort #rd mit dem Doppelsinn suchen -- heimsuchen sei statt des sonst als Gegenwort zu "finden" üblichen $qI"bIi absichtlich mit feiner Ironie gewählt im Rückblick auf das Gerede des Gottlosen V. 4. 13, wo dasselbe Wort. -- J. M.

V. 17. Wie köstlich, dass all diese Wohltaten, die sowohl an und für sich, als weil sich in ihnen Gottes Güte spiegelt, von so hohem Werte sind, mit dem Zeichen versehen sind: errungen durchs Gebet. Erzbischof D. Robert Leighton † 1684.

Das Verlangen der Elenden, eigentlich der Dulder. Gottes auserlesene Bekanntschaft sind demütige Leute. Erzbischof D. R. Leighton † 1684.

Wer dem Staube am nächsten, ist dem Himmel am nächsten. Andrew Gray 1616.

Der Gläubige ist im Gebet sozusagen mit Allmacht gegürtet; denn das Gebet nimmt an Gottes Allmacht teil. Es hat eherne Ketten gesprengt (Apg. 12,7) und eiserne Türen aufgeschlossen (Apg. 12,10; 16,25 f.); es hat des Himmels Fenster geöffnet (Jak. 5,18) und des Todes Riegel zerbrochen (Joh. 11,40. 43). Selbst Satan, der Drache an Bosheit, die Schlange an List, der Löwe an Kraft, kann vor dem Gebet nicht bestehen. Hamans unergründliche Bosheit wird zunichte vor Esthers Gebet; Ahitophels unübertroffene Klugheit welkt dahin vor Davids Flehen; ein Heer von tausendmal tausend Mohren flieht, als wären sie lauter Feiglinge, auf Asas Glaubensbitte (2. Chr. 14,10-12). Edward Reynolds † 1676.

V. 18. Dass du Recht schaffest den Waisen und Armen. Die Tränen der Armen rinnen ihnen die Backen hinab zur Erde; aber sie steigen zugleich aufwärts gen Himmel und schreien um Rache vor Gott, dem Vater der Waisen und dem Richter der Witwen (Ps. 68,6). Kambyses , der König der Perser und Meder († 523 v. Chr.), hatte in seinem Reiche einen bestechlichen Richter, der auf Geschenke erpicht war und sich den Reichen sehr willfährig erzeigte. Er wusste stets unter der Hand seinen Vorteil zu wahren und brachte es dahin, dass auch sein Sohn eine hohe Stellung bekam -- nach dem alten Sprichwort: Glücklich das Kind, dessen Vater zum Teufel fährt. Aber da drang der Hilfeschrei einer armen Witwe zu des Königs Ohren, und dieser ließ sofort den ungerechten Richter hinrichten, ihn schinden und seine Haut auf den Richterstuhl legen, damit alle Richter, die künftig Urteil sprechen würden, auf dieser Haut sitzen sollten. So kommt auch die Zeit, wo Gott alle Ungerechtigkeit heimsucht, und aus Liebe zu meinem Vaterlande sehne ich diese Zeit herbei. Hugh Latimer, Bischof und Märtyrer, † 1555.

Homiletische Winke

V. 1. Die Beantwortung der Fragen dieses Verses bietet dem gereiften Prediger ein treffliches Thema für eine Predigt aus dem Erfahrungsleben dar. Es sei nur angedeutet, dass die Fragen nicht in allen Fällen in gleicher Weise zu beantworten sind. Der himmlische Vater kann sein Antlitz verbergen zur Züchtigung wegen geschehener Sünden, zur Erprobung der christlichen Tugenden, zur Stärkung des Glaubens, zur Enthüllung unserer Verderbnis, zu unserer Belehrung usw.
V. 2. Wie die religiöse Verfolgungssucht in allen ihren Erscheinungsformen im Hochmut wurzelt.
V. 3. Wie der Geiz zum Hass gegen Gott führt. Vergleiche des Judas Herzensstellung zu Jesus.
V. 4. Der Stolz ein Hemmnis auf dem Wege zur Bekehrung.
V. 4b. Die Summe der Gedanken des Gottlosen: Es ist kein Gott.
Gedanken, in denen Gott nicht ist, gewogen und zu leicht gefunden.
V. 5. Die sittliche Unfähigkeit gewisser Menschen, das Wesen und die Taten Gottes zu beurteilen.
V. 6. Die falsche Sicherheit der Sünder.
V. 8. Die Gefahren gottesfürchtiger Leute, oder: Gefährliche Schlingen auf dem Wege des Gläubigen.
V. 9. Die Grimmigkeit, Verschlagenheit, Macht und Behändigkeit Satans, des auflauernden Löwen.
V. 9b. Der Satan als Seelenfänger, seine Kunst, sein Eifer, sein Erfolg usw.
V. 10. Die falsche Demut entlarvt.
V. 11. Gottes Allwissenheit und die erstaunliche Vermessenheit der Sünder.
V. 12. Das Gebet: "Stehe auf, Herr": notwendig, zulässig, zeitgemäß usw.
V. 13a. Eine erstaunliche Tatsache und eine billige Frage.
V. 13. Zweifel über die zukünftige Vergeltung. 1) Wer hegt sie? Der Gottlose. 2) Wo hegt er sie? In seinem Herzen. 3) Zu welchem Zwecke? Zur Einschläferung des Gewissens usw. 4) Wohin führen sie? Zur Verachtung und Lästerung Gottes. Wer an keine Hölle glaubt, misstraut auch dem Himmel.
V. 13-14. Die göttliche Weltregierung. 1) Wer bezweifelt sie? 2) Warum? 3) Wer glaubt daran? 4) Was wirkt dieser Glaube?
V. 14b. Ein Mahnwort zum Besten der Waisen.
V. 16. Das ewige Königtum Jahwes.
V. 17. 1) Die Gesinnung des christlichen Herzens: Demut. 2) Das Merkzeichen des christlichen Lebens: Verlangen -- nach größerer Heiligkeit, innigerer Gemeinschaft mit dem Herrn, tieferer Erkenntnis, reicherer Gnade, größerer Fruchtbarkeit, und endlich nach der Offenbarung von Gottes Herrlichkeit. 3) Die Freudigkeit des christlichen Strebens: die Gewissheit der Erhörung.
Betrachte die Art des rechten Verlangens und dessen Erfolg.

Fußnoten

1. Siehe die Anmerkung ( 6) zu Psalm 9,10, Seite 125.

2. So übers. manche Rabb. und Calvin , auch einige Neuere. Andere dagegen, sich Luther nähernd: Bei des Gottlosen Hoffart brennt der Elende, was in zwiefachem Sinn gedeutet wird, entweder: er verzehrt sich in Angstglut, oder: er entbrennt im Unmut.

3. Man kann allerdings auch indikativisch übersetzen, in welchem Fall man einen Subjektwechsel zwischen Haupt- und Relativsatz annehmen muss: Sie (die Elenden) werden gefangen in den Tücken, die sie (die Gottlosen) erdacht haben.

4. Diese Übers. ist diejenige mancher älteren und neueren Ausleger, auch z. B. Hupfelds . Die Übers. der revidierten Lutherbibel ist jedoch mehr anerkannt. Zu segnen in dem Sinne von Adieu sagen, daher: jemand den Abschied geben, ihm absagen, vergl. man Hiob 2,9; 1.Könige 21,10. -- Völlig anders fasst Kautzsch den ganzen Vers auf: Denn der Gottlose lobsingt (Jahwe und tut dabei,) was ihn gelüstet, und der Habgierige preist (und) lästert (zugleich) Jahwe. Mit Recht macht Bäthgen (1904) gegen diese sehr ansprechende Übersetzung geltend, dass der Psalmist dann schwerlich das Objekt (Jahwe) im 1. Versglied hätte fehlen lassen dürfen und dass im ganzen übrigen Psalm nichts andeute, dass Scheinheilige gemeint seien. Vergl. hiergegen gleich den folgenden Vers.

5. Es liegt in dem Satz neben dem Subjektiven, das Spurgeon mit vielen Auslegern allein geltend macht, wohl auch das Objektive, vergl. den ersten Satz des Verses, sowie Ps. 73,3 ff. u. a. St.

6. Ähnlich Delitzsch. Ganz anders übersetzen viele: und zermalmt sinkt der (im Netz Gefangene) dahin; es fallen durch seine (des Gottlosen) Starken die Unglücklichen.

7. Vgl. aber die Erläuterungen und Kernworte S. 158.

8. Grundt.: sind umgekommen aus seinem Lande.

9. Grundt.: hast du gehört.

10. Oder: aus dass nicht mehr trotze (sich gewalttätig gebärde, vergl. 9,20) der hinfällige Mensch (enosch) von der Erde. Man beachte das Wortspiel im Hebräischen: Ne terreat homo e terra K. B. Moll).
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Regelmäßige Lesung aus der Schatzkammer David Ps.11

Beitragvon Jörg » 06.08.2018 15:12

Kommentar & Auslegung zu PSALM 11

Überschrift

Die Überschrift bezeichnet den Psalm als von David verfasst und als dem Vorspieler oder Sangmeister zur Einübung für den öffentlichen Gottesdienst überwiesen.

In den Inhalt mögen uns folgende Worte Ch. Simeons 1 einführen: "In den Psalmen ist ein großer Reichtum von Erfahrungswissen niedergelegt David wurde in den verschiedenen Abschnitten seines Lebens fast in jede Lage geführt, in die der Gläubige, sei er reich oder arm, kommen kann, und in diesen Meistergesängen schildert er alles, was da in seinem Herzen vorgegangen war. Er führt uns auch die Gesinnung und die Handlungsweise so mancher Leute vor Augen, die in seinen Leiden und Freuden irgendwie eine Rolle spielten, und gibt uns so eine Darstellung von allem, was in den Herzen der Menschen überall in der Welt vorgeht. Als er diesen Psalm verfasste, war er wohl von Saul verfolgt, der ihm nach dem Leben trachtete Seine furchtsamen Freunde waren in großer Unruhe um seine Sicherheit und rieten ihm, ins Gebirge zu fliehen und sich dort in sicherem Versteck vor der Wut Sauls zu bergen. David aber wies in der Kraft des Glaubens den Gedanken von sich, auf so kleinmütige Weise sich aus der Not zu helfen und fasste den Entschluss, sein Leben vertrauensvoll in Gottes Hand zu legen". Nach dieser Auffassung hätte David es erst später als Gottes Willen erkannt, sich durch die Flucht den Mordanschlägen Sauls zu entziehen. Andere Ausleger beziehen diesen Psalm auf die Anfangszeit der Absalomischen Verschwörung, als diese noch im Verborgenen glomm und noch nicht hell auflodernd, das ganze Volk in Brand gesteckt hatte.
Wir wollen diesem kurzen, aber köstlichen Psalm als Merkzeichen für das Gedächtnis die Überschrift geben: Das Lied des standhaften Gläubigen.

Einteilung

Vers 1-3 beschreibt David die Versuchung, die ihn bestürmte, und Vers 4-7 die Gründe, die seinen Glaubensmut aufrechterhielten.

Auslegung

1. Ich traue auf den Herrn.
Wie saget ihr denn zu meiner Seele:
Fliehet, wie ein Vogel, auf eure Berge?
2. Denn siehe, die Gottlosen spannen den Bogen,
und legen ihre Pfeile auf die Sehnen,
damit heimlich zu schießen die Frommen.
3. Denn sie reißen den Grund
um; was sollte der Gerechte ausrichten?


1-3. Diese Verse erzählen uns, wie David bei einer nicht näher bezeichneten Gelegenheit stark versucht wurde, Gott zu misstrauen. Es mag sein, dass ihm in den Tagen, da er an Sauls Hofe lebte, zur Flucht geraten wurde, und zwar zu einer Zeit, wo ihm diese als Pflichtvergessenheit gegen den König oder als Beweis persönlicher Feigheit hätte zur Last gelegt werden können. Es war der wohlgemeinte und nach Lage der Dinge wohlbegründet scheinende Rat von mutlos gewordenen Freunden; eben darum war er desto versuchlicher. Oder waren es falsche Freunde und befand er sich demnach in derselben Lage wie Nehemia, dessen Feinde ihm unter der Maske der Freundschaft rieten, sich davon zu machen, um sein Leben zu retten, weil sie hofften, ihn so in ihre Schlinge zu bekommen? Wäre er diesem Rate gefolgt, so hätten sie einen Grund zur Anklage gehabt. Nehemia gab die wackere Antwort: Sollte eilt solcher Mann, wie ich bin, fliehen? (Neh. 6,11.) Und in demselben Geist weigerte sich David zu entweichen, indem er sagte: Ich traue auf den Herrn, oder wörtl .: Bei dem Herrn berge ich mich, d. i. suche ich Zuflucht. Wie saget ihr denn zu meiner Seele; Fliehet, wie ein Vogel, auf eure Berge? Wenn der Teufel uns nicht durch Übermut stürzen kann, dann versucht er mit großer Verschmitztheit, uns durch kleingläubiges Misstrauen zuschanden zu machen. Er benutzt dann oft unsere besten Freunde, um unser Gottvertrauen zu erschüttern, und er führt solch unwiderlegliche Vernunftgründe ins Feld, dass wir unvermeidlich unterliegen, es sei denn, dass wir ihm von vornherein das Wort abschneiden, indem wir wie David ein für allemal erklären, dass wir bei Jahwe Zuflucht suchen. Sonst bringt es der Versucher dazu, dass wir dem scheuen Vogel gleich werden, der sich auf die Berge flüchtet, sobald sich Gefahr zeigt. -- Wie ergreifend wird in den vor uns liegenden Worten Davids Notlage dargestellt! Denn siehe, die Gottlosen spannen den Bogen, ja sie haben ihren Pfeil schon auf die Sehne gelegt, damit heimlich (wörtl.: im Dunkeln) zu schießen auf die Frommen (wörtl.; auf die, so redlichen Herzens sind). Fliehe, fliehe, du armes, wehrloses Vöglein, deine Rettung liegt einzig in schleuniger Flucht; mach’ dich fort, sonst durchbohren die Feinde dir mit ihren Pfeilen das Herz; eile, eile, oder es ist um dich geschehen! David scheint es in seiner Seele, seinem Gemüt, mächtig empfunden zu haben, wie überzeugend sich dieser Rat der Vernunft darbot; dennoch wollte er ihm nicht folgen, sondern lieber der Gefahr die Stirne bieten, als Misstrauen gegen den Herrn, seinen Gott, an den Tag legen. Unstreitig war David von großen Gefahren umringt. Es war tatsächlich so, dass seine Feinde bereit waren, ihn heimlich zu schießen; es war eben so wahr, dass sogar die Grundpfeiler (Grundt. 2 von Gesetz und Gerechtigkeit unter Sauls schlechter Regierung niedergerissen wurden . Aber was bedeutete dies alles für den Mann, der seine Hoffnung allein auf Gott gesetzt hatte? Er konnte der Gefahr trotzen, konnte den Feinden entgehen und furchtlos der Unredlichkeit und Falschheit begegnen, die ihn umgab. Seine Antwort auf die Frage seiner verzagten Freunde: "Was sollte der Gerechte da ausrichten ?" würde jedenfalls die Gegenfrage sein: "Was sollte er mit Gott nicht ausrichten können?" Wenn wir durch das Gebet Gott als Bundesgenossen geworben und uns durch den Glauben der Erfüllung der Verheißungen versichert haben, was für ein Grund zur Flucht könnte dann vorliegen, wie grimmig und mächtig unsere Feinde auch immer sein mögen? Mit Schleuder und Stein hatte David schon früher den Riesen erschlagen, vor dem das ganze Heer Israels gezittert hatte, und der Herr, der ihn von dem unbeschnittenen Philister errettet hatte, konnte ihm sicher auch von der Gewalt des Königs Saul und seiner Häscher helfen. Es gibt in der Sprache des Glaubens kein Wort "unmöglich"; des Herrn Krieger wissen zu kämpfen und zu siegen, aber nicht feige zu fliehen.

4. Der Herr ist in seinem heiligen Tempel,
des Herrn Stuhl ist im Himmel;
seine Augen sehen drauf,
seine Augenlider prüfen die Menschenkinder.
5. Der Herr prüfet den Gerechten;
seine Seele hasset den Gottlosen, und die gerne freveln.
6. Er wird regnen lassen über die Gottlosen Blitze,
Feuer und Schwefel, und wird ihnen ein Wetter zu
Lohn geben.
7. Der Herr ist gerecht und hat Gerechtigkeit lieb;
die Frommen werden schauen sein Angesicht.


Nun gibt David den Grund seines unerschütterlichen Mutes an. Sein Licht kommt ihm vom Himmel, von der großen Zentralsonne der Gottheit. Wir haben einen Gott, der nie und nimmer ferne ist von denen, die auf ihn trauen. Er ist nicht nur ein Gott der Bergfesten (vergl. 1.Kön. 20,23), sondern auch der Gott der düsteren Täler und gefahrvollen Kampfesfelder.

4. Der Herr ist in seinem heiligen Tempel. Wie wir allüberall den Himmel über uns haben, so ist auch der Herr uns allezeit nahe, wie immer unsere Lage sein mag. Das ist ein triftiger Grund für uns, den nichtswürdigen Einflüsterungen des Unglaubens niemals Raum zu geben. Es ist einer im oberen Heiligtum, der auf Grund seines uns zugute vergossenen heiligen Blutes für uns fleht, und einer auf dem Throne, der für die Fürbitten seines Sohnes nie ein taubes Ohr hat. Warum sollten wir uns denn fürchten? Was für Ränke vermöchten Menschen zu schmieden, die der Allwissende nicht entdeckte? Der Satan hat ohne Zweifel unser begehrt, dass er uns möchte sichten wie den Weizen (Lk. 22,31); aber Jesus ist im Tempel und bittet für uns. Wie kann unser Glaube da wankend werden? Kann der Böse auch einen Anlauf nehmen, ohne dass Jahwe es merkt? Und wird er nicht, da er in seinem heiligen Tempel ist und sich dort an dem süßen Geruch des Opfers seines Sohnes erfreut, jeden Anschlag unserer Feinde zunichte machen und uns hindurchhelfen?
Des Herrn Stuhl ist im Himmel: Jahwe regiert unumschränkt. Nichts kann im Himmel oder auf Erden oder in der Hölle geschehen ohne seine Zulassung und Oberleitung. Er ist der große Herrscher aller Welt; warum sollten wir denn fliehen? Ist es nicht genug, dem König aller Könige zu vertrauen? Kann er uns nicht erretten, ohne dass wir uns feige zurückziehen? Ja, gepriesen sei der Herr, unser Gott, wir geben ihm den Ehrengruß als unserm Feldherrn, denn er ist "der Herr, mein Panier" (2. Mose 17,15); in seinem Namen entfalten wir das Banner, und statt zu fliehen, erheben wir aufs neue unser Feldgeschrei.
Seine Augen schauen (Grundt.). Der himmlische Wächter schlummert nie, seine Augen kennen keinen Schlaf. Seine Augenlider prüfen die Menschenkinder. Er gibt genau Acht auf ihre Handlungen, Worte und Gedanken. Wenn jemand einen sehr kleinen Gegenstand scharf prüfen will, schließt er die Augenlider beinahe ganz, um nichts anderes als diesen einen Gegenstand zu sehen; so sieht der Herr auf die Menschen und durchschaut sie bis ins Innerste. Gott sieht jedes Menschenkind so genau, als ob es außer diesem einen kein anderes Wesen im Weltall gäbe. Er sieht uns stets; er wendet kein Auge von uns ab; er liest das Verborgenste unseres Herzens eben so leicht, wie das, was uns auf dem Gesicht geschrieben steht. Ist das nicht ein genügender Grund, ihm zu vertrauen? Ist es nicht eine vollbefriedigende Antwort auf die quälenden Fragen des Kleinmuts? Meine Gefahr ist ihm nicht verborgen; er kennt meine Bedrängnisse, und ich darf versichert sein, dass er mich nie dem Verderben preisgeben wird, solange ich ihn zu meiner einzigen Zuflucht mache. Warum sollte ich denn, dem scheuen Vogel gleich, vor den mich umringenden Gefahren die Flucht ergreifen?
Es muß alles erst einmal an Gott vorüber, bevor es mich treffen kann. (Helmut Thielicke)

Jörg
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Regelmäßige Lesung aus der Schatzkammer David Ps.11

Beitragvon Jörg » 10.08.2018 14:45

5. Der Herr prüft den Gerechten. Er hasst ihn nicht, er prüft ihn nur. Die Frommen sind ihm wert, darum erprobt er sie durch Trübsal, wie man das Gold durch Feuer prüft. Keines von Gottes Kindern darf hoffen, von Trübsal verschont zu bleiben; und recht besehen möchte auch keines von uns es anders wünschen, denn die Trübsal ist eine Quelle vieler Segnungen.

Das ist mir zum Heil beschieden,
Hier zu tragen Weh und Leid,
Drin zu schmecken Jesu Frieden,
Der mir Schmerz wie Freude weiht.

Leid kann uns das Wort erschließen,
Leid treibt ins Gebet uns hin,
Legt uns still zu Jesu Füßen,
Klärt und heiligt unsern Sinn.

Alle Lasten und Beschwerden
Trag’ ich nur mir selbst zum Heil.
Fehlten sie, könnt’ angst mir werden,
Ob Verwerfung nicht mein Teil.

Nach William Cowper † 1800.

Ist das nicht Grund genug, uns nie durch misstrauische Furcht verleiten zu lassen, der Trübsal zu entfliehen? Würden wir doch dadurch versuchen, einem Segen zu entrinnen!
Seine Seele hasset den Gottlosen, und die gerne freveln; warum sollte ich denn nun vor diesen bösen Menschen die Flucht ergreifen? Wenn Gott sie hasst, will ich mich nicht vor ihnen fürchten. Alles bückte sich vor Haman, solange er in des Fürsten Gunst stand; als aber der Zorn des Königs wider ihn entbrannt war, ei, wie wurden da auch die geringsten Diener so kühn, dass sie den Galgen vorschlugen für den Mann, vor dem sie so oft gezittert hatten! Achtet auf das Brandmal des göttlichen Hasses auf dem Angesicht unserer Verfolger, dann werdet ihr nicht vor ihnen davonlaufen. Wenn Gott im Streit auf unserer Seite ist, so wäre es töricht, den Ausgang in Frage zu stellen oder den Kampf ängstlich zu meiden.

6. Er wird regnen lassen über die Gottlosen Wurfschlingen (worunter Luther und andere Ausleger die schlängelnd herniederfahrenden Blitze verstehen), Feuer und Schwefel und Glutwind sind ihr Becherteil . (Wörtl.) Wie Sodom und Gomorra durch Feuer und Schwefel vom Himmel verderbt wurden, so werden alle Gottlosen umkommen. Sie mögen sich zusammenrotten zum Streit wie Gog und Magog, aber der Herr wird auf sie regnen lassen Platzregen mit Schloßen, Feuer und Schwefel (Hes. 38,22). Unter dem Glutwind hat man wohl den Samum, den erstickend heißen Wind aus der Arabischen Wüste, zu verstehen. Was für ein Wetter wird das sein, das die Verächter Gottes hinwegfegen wird! Was für ein Sturzregen des Zornes wird sich ohne Aufhören über die schutzlosen Häupter der unbußfertigen Sünder in der Hölle ergießen! Bekehret euch, ihr Empörer; wenn nicht, so wird diese feurige Sintflut euch bald umgeben! Die Schrecken der Hölle werden euer Becherteil sein, und ihr werdet die Hefen dieses Kelches des göttlichen Grimmes austrinken und die Tropfen auslecken müssen (Jes. 51,17). Und doch wird er nie leer werden! Ein Tropfen Höllenqual ist schrecklich genug; was muss ein voller Becher sein? Denkt daran -- ein zum Überließen voller Elendsbecher, und kein Tropfen Gnade! O du Volk des Herrn, wie töricht ist es doch, die Menschen zu fürchten, die bald wie Reisigbündel im höllischen Feuer brennen werden! Denkt an ihr Ende; dann muss sich alle Furcht vor ihnen in Verachtung gegen ihre Drohungen und in Mitleid mit ihrem grausigen Schicksal verwandeln.

7. Der köstliche Gegensatz des letzten Verses ist unserer Beachtung wert. Er gibt uns noch einen überwältigend starken Grund an, warum wir fest und unbeweglich bleiben und uns von der Furcht nicht überwältigen oder zur Anwendung fleischlicher Mittel verleiten lassen sollten. Denn der Herr ist gerecht und hat Gerechtigkeit lieb. Er verteidigt diese nicht nur von Amts wegen, sondern es liegt in seiner Natur, sie zu lieben. Er würde sich selbst verleugnen, wenn er dem Gerechten nicht aufhülfe. Es gehört zu Gottes Wesen, gerecht zu sein; fürchte darum nicht den Ausgang deiner Drangsale, sondern "tue recht und scheue niemand". Gott steht dir bei; was macht es, wenn Menschen dir entgegen sind? Siehe nur zu, dass du fromm (redlich, gerade) vor Gott seiest, dann wird auch an dir einst die Verheißung in Erfüllung gehen, womit unser Psalm schließt, dass die Frommen Gottes Angesicht schauen werden. Schon die Gläubigen des alten Bundes erhoben sich ahnend über die Schrecken des Totenreiches und getrösteten sich des, dass sie einst Gott schauen würden. (Vergl. Hiob 19,26 .) Bei uns hat sich, seit unser Erlöser des Todes Bande gesprengt und uns den Himmel geöffnet hat, diese Ahnung in lebendige Hoffnung und Glaubensgewissheit verwandelt. Welch lieblicher Gegensatz, diese Seligkeit im Anschauen Gottes gegenüber dem Schreckensende der Gottlosen, das der Psalmist im vorhergehenden Verse geschildert hat! Er, der dies Wort des Glaubens gesprochen, lebt jetzt in dem seligen Genusse dessen, was er ahnend ersehnt hat. Das sei auch unsers Bechers Teil!
Sollen wir angesichts einer solchen Verheißung es wagen, irgendetwas, was vor Gott nicht redlich ist, zu tun, um der Trübsal zu entgehen? Nein, wir wollen, David gleich, ein für allemal auf alle Nebenwege, auf alle krummen Pfade verzichten und auf dem guten und geraden Weg des Herrn bleiben, auf dem uns schon jetzt Sein Licht scheint und der uns endlich zum Schauen seines Antlitzes führen wird. Tritt die Versuchung an uns heran, unser Licht unter einen Scheffel zu setzen, unsere Frömmigkeit vor unsern Mitmenschen zu verbergen? Flüstert man uns zu, dass es Wege gebe, auf denen wir dem Kreuze entgehen und der Schmach Christi ausweichen könnten? Lasst uns der Stimme des Verführers nicht gehorchen, sondern suchen wir unsern Glauben zu stärken, damit wir es mit Fürsten und Gewaltigen (Eph. 6,12) aufnehmen und in echter Kreuzesnachfolge die Schmach des Herrn tragen können, der als Geächteter außer dem Lager gelitten hat. Der Mammon, das Fleisch, der Teufel, alle werden uns ins Ohr flüstern: Fliehet wie ein Vogel auf eure Berge; aber lasst uns ihnen kühn entgegentreten und sie alle zum Kampf herausfordern. Widerstehet dem Teufel, so fliehet er von euch (Jak. 4,7). Es ist weder Raum, noch Ursache zum Rückzug. Vorwärts! Lasst die Vorhut vorstoßen! Heraus, all ihr Kräfte und Triebe der Seele! Mutig voran in Gottes Namen; denn der Herr Zebaoth ist mit uns, der Gott Jakobs ist unser Schutz (Ps. 46,8).
Es muß alles erst einmal an Gott vorüber, bevor es mich treffen kann. (Helmut Thielicke)

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Beitragvon Jörg » 14.08.2018 15:49

Erläuterungen und Kernworte

Zum ganzen Psalm. In gewaltigen Zügen tritt hier die aufs Äußerste gestiegene Gottlosigkeit und das ruhige Vertrauen des Gläubigen sich entgegen; die völlige Gewissheit des endlichen Sieges der gerechten Sache erhebt unter allen irdischen Nöten und Ängsten zu einer seligen Ruhe in Gott. Ein für allemal hatte David sein Vertrauen auf den Herrn gesetzt (V. 1), in ihm ruhte sein ganzes Wesen; wie war es möglich, dass nun ein besonderer Unfall ihn aus der Fassung hätte bringen sollen? Wer dem Unveränderlichen vertraut, bekommt an dieser seiner Eigenschaft selbst einen Anteil, kann nie völlig erschüttert werden. - In Gott Ruhe finden in der Unruhe, das kann man aus diesem Psalme lernen. Prof. D. O. von Gerlach 1849.

V. 1. Die heilige Zuversicht der Kinder Gottes in Stunden großer Trübsal tritt uns lieblich in den folgenden schlichten Versen entgegen, welche die Blutzeugin Anna Askew (verbrannt zu Smithfield im Jahre 1546) dichtete, als sie in Newgate gefangen saß:

Gerüstet, wie wackere Krieger,
Zieh’ ich aus in den heiligen Streit.
Mein Heiland bleibet doch Sieger;
Droht die Welt mir: Er ist nicht weit.

Der Glaube ist meine Waffe,
Mit der ich durch die Reihn
Der Feinde Raum mir schaffe
Und furchte nicht ihr Dräun.

Mein Jesus ist meine Stärke
Und Kraft, die Bahn sich bricht.
Selbst Satans List und Werke
Dürfen ihn hemmen nicht.

Der Glaube, dass mir aus Gnaden
Das Heil geschenket sei,
Macht auch auf finstern Pfaden
Das Herz so licht und frei,

Dass ich mit tausend Freuden
Dem Herrn will folgen nach
Und getrost auch in allem Leiden
Befehlen Ihm meine Sach’.

Von königlichem Throne, 3
Da Recht sollt’ führen das Wort,
Kam, allem Recht zum Hohne,
Befehl zu Verfolgung und Mord.

Gerechtigkeit schien versunken
Wohl in der tosenden Flut.
Des Satans Rotte war trunken
Von der Unschuldigen Blut.
Zu dir, Herr, darf ich rufen
Um Kraft zu meinem Lauf.
Ich fleh’ an des Thrones Stufen:
O Herr, tue du mir auf!

Wenn Feinde mich umringen,
Mehr als ich zählen kann --
Sie sollen mich nimmer bezwingen:
Du nimmst des Schwachen dich an.

Auf dich will ich vertrauen,
Du gibst ihrem Grimm mich nicht.
Ich lasse mir nicht grauen:
Du bleibst meine Zuversicht.

Nicht mag ich Anker werfen,
Sobald sich Nebel zeigt;
Mein Blick nur soll sich schärfen,
Dass nicht mein Schiff sich neigt.

Nicht lieb’ ich’s, zu schreiben Gedichte,
Rede auch sonst nicht gar viel.
Doch sah ich jüngst Gesichte,
Davon ich nicht schweigen will.

Da dacht’ ich; Mein Herr Jesus,
Wenn du dereinst wirst stehn,
Richtend die Völker der Erde,
Wie wird es diesen ergehn?

Doch, Herr, hör’ auf mein Flehen:
Das, was sie all mir getan -
Lass Gnade darüber ergehen;
Rechne es ihnen nicht an!

David gleich soll auch die Gemeinde des Herrn gegenüber allen Verleumdungen und allen berückenden fleischlichen Ratschlägen am schlichten Vertrauen auf den lebendigen Gott, den Richter der ganzen Erde, festhalten. Einzig darin liegt ihre Rettung. D. W. Wilson 1860.

Bei Jahwe berge ich mich. (Grundt.) Was nützt uns der Schatten eines mächtigen Felsen, wenn wir dabei in der Sonne sitzen? Was hilft es, dass Gottes Allmacht auf unsrer Seite ist, wenn wir uns mutwillig der Versuchung in die Arme werfen? Die Heiligen sind immer dann zu Fall gekommen, wenn sie ihre Festung verlassen haben; denn gleich dem Klippdachs (Spr. 30,26 Grundt.) sind sie in sich selbst ein schwaches Volk, und ihre Stärke liegt in dem Felsen der Allmacht Gottes, der ihre Wohnung ist. William Gurnall † 1679.

David vergleicht sich häufig mit diesem oder jenem Vogel; so mit dem Adler (Ps. 103,5: Dem Adler gleich erneuert sich deine Jugend), dem Käuzlein (Ps. 102 , Grundt.: Ich bin wie ein Käuzlein in Ruinen), dem Pelikan (in demselben Vers; Ich gleiche dem Pelikan in der Wüste), einem einsamen, während alles schläft, auf dem Dache Klagetöne ausstoßenden Vogel (Ps. 102,8 nach verb. Lesart), dem Rebhuhn (1. Samuel 26,20), der Taube (Ps. 55,7 : O hätte ich Flügel wie Tauben, dass ich flöge und etwo bliebe!). Aber wie ist es möglich, dass Vögel so verschiedener Art alle zum Bilde eines Mannes dienen können? Die Antwort daraus ist, dass zwei Menschen nicht stärker voneinander verschieden sein können, als der eine und nämliche Knecht Gottes zu verschiedenen Zeiten. D. Thomas Fuller † 1661.

Die Gottlosen wollten gerne, dass ich wie ein Vogel würde, der auf denen Bergen in der Irre umherflöge; ich soll das Nest meiner Hoffnung auf Christum verlassen. - Denn außer dem Glauben ist nichts anders, denn umherziehen auf denen Bergen, in der Wüsten irren, da das Gewissen nicht kann zufrieden sein und ruhen. Martin Luther † 1546.

In Zeiten innerer Not und Anfechtung ist es nicht gut, mit dem Satan zu verhandeln. Davids heimliche Feinde wurden durch den Teufel angetrieben, ihn zu entmutigen; er aber weist die Versuchung alsbald zurück, bevor sie sich noch in seinen Gedanken festsetzen kann. Er will nichts davon hören. Richard Gilpin 1677.

Die Heiligen der alten Zeit verschmähten es, unter unwürdigen Bedingungen der Not zu entgehen. Sie wiesen die Zumutung, zu fliehen, um Ruhe zu haben vor den Verfolgern, mit Verachtung von sich, es sei denn, dass sie hinwegeilen konnten mit Taubenflügeln (Ps. 55,7), die mit dem Silberglanz der Unschuld geziert sind. Viele der Märtyrer waren eben so willig zu sterben wie zu leben. Die Peiniger wurden es müde, die edle Sklavin Blandina († unter Marc Aurel im 2. Jahrh.) zu quälen. "Wir schämen uns, Kaiser! Die Christen lachen über deine Grausamkeit und werden nur desto entschlossener", sagte ein Edelmann zu Julian, dem Abtrünnigen. Die Heiden nannten dies Eigensinn; sie kannten weder die Macht des heiligen Geistes, noch die Kraft der Überzeugung, womit die Christen gerüstet waren. John Trapp † 1669.

V. 1-3. In der Not zeigt es eine große Festigkeit des Vertrauens auf seinen Gott an, wenn man nicht so begierig aus alle Mittel, die sich einem auch zu einiger Erleichterung anbieten, hineinfällt, sondern darin nach göttlichem und nicht nach menschlichem Sinn zu wählen weiß, was gut tut oder nicht, was Grund hat oder wessen Grund sandig ist und umgerissen wird, da danach ein Gerechter froh ist, wenn er nichts auf einen solchen Sandberg gebaut hat. Es macht auch eine namhafte Glaubensübung aus, dass man sich von aller Gemeinschaft mit solch eiteln und unzuverlässigen Hilfsmitteln lossagt und sein Vertrauen auf den Herrn durch nichts so Geteiltes zu schwächen, sondern vielmehr in Verleugnungskraft zusammenzuhalten bedacht ist, wie denn auch David im Psalm, nachdem er das Eitle von sich geschafft hat, sich nun desto besser und mehr Gottes rühmen kann, der schon alles ausführen werde (V. 4-7). K. H. Rieger † 1791.

V. 2. Dieser Vers zeigt uns das Bild des ungleichen Kampfes zwischen der bis an die Zähne bewaffneten und mit allen Vorzügen der Schlangenklugheit ausgestatteten Weltmacht einerseits und der aller fleischlichen Waffen baren Unschuld anderseits. Sie spannen den Bogen und legen ihre Pfeile auf die Sehnen : das waren die Kriegswaffen jener Zeit. Damit heimlich zu schießen. So wollten sie unversehens aus dem Hinterhalt herausfahren und vielleicht noch Liebe und Freundschaft heucheln. Die, so redlichen Herzens sind. (Grundt.) Wehrlos scheint die nackte Unschuld ihren Pfeilen preisgegeben; und doch hat sie die stärkste Rüstung eben in sich selbst. D. Thomas Fuller † 1661.

Man vergleiche dazu die schlauen Anschläge der Hohenpriester und Pharisäer, Jesus mit List zu greifen und zu töten (Mt. 26,4). Sie spannten ihren Bogen , als sie Judas Ischariot bestachen, seinen Herrn zu verraten; sie richteten ihre Pfeile zum Abschießen, als sie falsch Zeugnis suchten wider Jesus, auf dass sie ihn töteten (Mt. 26,59). Er war fürwahr redlichen Herzens , er, der eine Wahre und Gerechte. Und dieselbe Feindschaft erfuhren seine Apostel und die lange Reihe derer, welche von der Zeit an bisher treu an ihm gehangen haben. Wie der Meister, so die Diener (Mt. 10,25): davon zeugen die Verleumdungen und Schmähungen, die seit der Zeit, da Joseph von seiner Herrin angeklagt wurde (1 Mose 39), bis auf den heutigen Tag je und je das Los der Kinder Gottes gewesen sind. Michael Ayguan 1416.

List und Grausamkeit vereinen sich in höllischem Bunde. Die List erdenkt mit scharfsinniger Tücke den Plan, die Grausamkeit führt ihn mit unmenschlicher Wut aus. Die List ordnet Zeit, Ort und Mittel an, die Grausamkeit vollführt die Tat. Die List verbirgt das Messer, die Grausamkeit stößt es dem unschuldigen Opfer ins Herz. Die List entwirft den Angriffsplan und legt mit großer Klugheit den Hinterhalt, und die Grausamkeit, gleich rohen Herzens, schrickt auch vor dem Schrecklichsten und Schmutzigsten nicht zurück und ist bereit, bis an die Knöchel, ja bis an den Hals, im Blut zu waten. Wie entsetzlich ist es, von solchen Feinden angegriffen zu werden! John King 1608.
Es muß alles erst einmal an Gott vorüber, bevor es mich treffen kann. (Helmut Thielicke)

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Beitragvon Jörg » 18.08.2018 13:17

Erläuterungen und Kernworte

V. 3. Das ist auch eine schöne Tugend derer Gottlosen, das ist alle ihre Arbeit, dass sie einreißen, was Du gegründet hast. Martin Luther 1530.

Hier begegnen wir einem gewaltigen Einwurf, den wir mit der Kraft eines Goliaths niederschlagen müssen. Ist es denkbar, dass die Grundpfeiler der Religion eingerissen werden können? Ist es möglich, dass Gott so lange schläft, in solch starre Gleichgültigkeit versinkt, dass er geduldig zusieht, wie Recht und Gerechtigkeit in Trümmer gehen? Wenn er zusieht und dennoch nicht wahrnimmt, wie die Grundpfeiler zerstört werden, wo ist dann seine Allwissenheit? Wenn er es sieht und nicht helfen kann, wo bleibt dann seine Allmacht? Wenn er es sieht und helfen kann, und doch nicht eingreifen will, wo ist dann seine Güte und Barmherzigkeit? Viele werden sagen: Wäre Gott wirklich gegenwärtig auf Erden und hätte er jene Eigenschaften, so würden sicherlich die Grundlagen der Religion nicht zerstört werden. Wir antworten: Es ist ganz unmöglich, dass die Grundlagen der Religion jemals ganz und gar zerstört werden, weder in der Gemeinde des Herrn im Ganzen, noch in irgendeinem echten, lebendigen Glied derselben. Für das erstere haben wir eine bestimmte Zusage von Christus selbst: Die Pforten der Hölle sollen meine Gemeinde nicht überwältigen (Mt. 16, 18). Der Berg Zion wankt nicht, sondern bleibt ewiglich (Ps. 125,1). Was aber den einzelnen Christen betrifft, so sagt Paulus (2.Tim. 2,19): Der feste Grund Gottes bestehet und hat dieses Siegel: Der Herr kennet die Seinen. Jedoch, obgleich um dieser Gründe willen die Grundlagen niemals ganz und für immer vernichtet werden können, so mag es doch teilweise geschehen, und zwar auf vierfache Art. Erstens in den Wünschen und verzweifelten Bemühungen der Bösen . Wenn sie die Grundlagen nicht zerstören, so ist es nicht ihre Schuld; denn die ganze Welt gibt ihnen das Zeugnis, dass sie ihr Bestes (d. h. ihr Schlimmstes) getan haben, was nur durch Macht und Bosheit möglich war. Zweitens nach der prahlerischen Einbildung der Gottlosen . Sie reden es sich nicht nur ein, sondern sie glauben es auch wirklich, dass sie die Grundlagen der Religion zerstört hätten. Übertreibung ist die gewöhnliche Sprache des Stolzes. Drittens können die Grundlagen nach allem, was äußerlich sichtbar ist, zerstört sein. Wenn Verfolgung über die Kirche hereinbricht, so gleicht sie einem Schiff im Sturme. Die Mastbäume werden alle herunter gelassen, ja man ist manchmal gezwungen, sie in höchster Eile umzuhauen. Man sieht kein Stückchen Leinwand mehr, womit der Wind spielen könnte, alle Segel liegen fest zusammengewickelt im Kielraum, damit der Orkan keine Macht über sie habe; aber sobald der Sturm vorüber ist, werden sie wieder so hoch aufgezogen und so weit aufgespannt wie zuvor. So ist es auch mit der Kirche. Wenn sie Verfolgungen fürchtet oder gar erfährt, verliert sie alle äußere Zierde und Stattlichkeit, welche sonst andere anziehen könnte, und sie ist es zufrieden, wenn sie sich ruhig verhalten darf. Sie trägt in den Tagen der Trübsal ihr schlechtestes Gewand, während ihre Feierkleider unterdessen in der Truhe verwahrt sind in der gewissen Hoffnung, dass Gott ihr noch einen heiligen Festtag bereiten wird, an dem sie dann mit Freuden ihr prächtigstes Gewand tragen wird. Und endlich können die Grundfesten der Religion zerstört sein nach den kleingläubigen Gedanken der besten Heiligen und Diener Gottes, besonders in ihren Anwandlungen von Schwermut; wie selbst Elia, der doch kein Neuling war, sondern einer der größten von Weibern Geborenen, klagend ausruft: Ich bin allein übergeblieben, und sie stehen darnach, dass sie mir mein Leben nehmen (1.Kön. 19,10). D. Thomas Fuller † 1661.

Die Grundpfeiler eines Volkes sind seine Gesetze und Ordnungen, die Grundlagen des Rechts und der Sittlichkeit. Werden diese eingerissen, was sollen dann die Besten und Weisesten ausrichten? Da gibt es keine andere Hilfe, keine andere Antwort als die im nächsten Verse angedeutete: Der Herr ist in seinem heiligen Tempel usw. Ob auch alle Grundfesten des Landes wanken (Ps. 82,5), bleibt der Rat des Ewigen doch bestehen. Joseph Caryl † 1673.

Die Grundpfeiler. Es heißt nicht, wenn das Dach einzustürzen droht oder die Seitenmauern erschüttert werden, sondern wenn die Pfeiler, die Säulen, die Grundlagen eingerissen werden. Und zwar nicht nur hier und da ein Stück, sondern die Grundpfeiler alle. D. Thomas Fuller † 1661.

Was kann da der Gerechte tun? Diese Sprache führen solche, welche nicht auf den Herrn selbst , sondern auf das, was von seinem Wirken unter den Menschen erscheint, ihr Vertrauen setzen und also mit den Zeitumständen entweder feststehen oder wanken und fallen. Prof. D. O. von Gerlach 1849.

Was sollte der Gerechte ausrichten? Das Können des Gerechten ist schon insofern beschränkt, als es der Richtschnur des Wortes Gottes unterliegt. Böse Menschen können alles tun; ihr Gewissen, das so weit ist, dass es schließlich keines mehr ist, erlaubt ihnen alles, wie unerlaubt es auch sei. Sie können alle, die ihren Plänen hinderlich sind, erstechen, vergiften und hinschlachten. Jedes Mittel, jede Zeit, jeder Ort ist ihnen genehm. Solche Freiheit haben die Gerechten nicht; für sie gibt es eine Regel, nach der sie wandeln müssen, die sie weder übertreten dürfen noch wollen. Wenn darum ein Gerechter auch wüsste, dass er durch das Übertreten von Gottes Geboren das Zerstörte wieder aufrichten könnte, so sind ihm doch Hand, Kopf und Herz gebunden; er kann nichts tun, weil deren Verdammnis ganz recht ist, die da sagen: Lasset uns Übels tun, auf dass Gutes daraus komme (Röm. 3,8). D. Thomas Fuller † 1661.

Zeiten, wo die Sünde überhandnahm, sind stets besondere Zeiten des Gebets für die Heiligen gewesen. Die böse Zeit trieb Esra an, schweren Herzens die Sünde seines Volkes zu bekennen und ihre Missetaten vor dem Herrn zu beklagen (Esra 9). Und Jeremia sagte seinen herangekommenen Zeitgenossen, seine Seele müsse heimlich weinen über ihrer Hoffart (Jer. 13,17). In der Tat wird manchmal die Sünde so mächtig, dass die Frommen kaum etwas anderes tun können, als sich in einen Winkel zurückziehen und die allgemeine Verderbtheit des Zeitalters beklagen. Solch trübselige Tage nationalen Niedergangs haben auch wir erlebt, als die Grundlagen der Regierung zerstört waren und alles in grausame Verwirrung gestürzt war. Wenn es so mit einem Volke steht, was kann da der Gerechte tun? Ei, dieses dürfen und sollen sie tun: fasten und beten. Es gibt noch einen Gott im Himmel, bei dem man Hilfe suchen kann, wenn die Rettung eines Volkes über Menschenmacht und -weisheit hinausgeht. Siehe den folgenden Vers. Und was das Gebet ausrichten kann, haben auch wir in unserm Lande erfahren. William Gurnall † 1679.

V. 4. Gottes Wohnung ist im Himmel und im Heiligtum . Beides wird sehr häufig verbunden. Denn das Heiligtum selbst war nur eine sichtbare Darstellung des Gnadenthrones im Himmel, ein Unterpfand der wahrhaftigen Gegenwart Jahwes in der Mitte seines Volks, und es zeigt sich am deutlichsten in der Rede Salomos bei der Einweihung des Tempels 1.Kön. 8,27 ff., dass die Israeliten, so gewiss sie davon überzeugt waren, dass Jahwe in der Stifshütte oder dem Tempel nach seiner Herrlichkeit gegenwärtig sei, doch immerdar in ihrem Gebet Herz und Sinne gen Himmel erhoben haben. Prof. Joh. Wichelhaus † 1858.

Seine Augen sehen drauf. Ist sehr tröstlich gesagt: Ich weiß, dass er es sieht. Es lässt sich wohl ein wenig von außen ansehen, dass er schlafe, denn er lässt sie ihren Bogen spannen; aber er sieht es. Sind eitel Worte des Glaubens. Martin Luther 1530.
Es muß alles erst einmal an Gott vorüber, bevor es mich treffen kann. (Helmut Thielicke)

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Regelmäßige Lesung aus der Schatzkammer Dvid Ps.11

Beitragvon Jörg » 25.08.2018 12:50

Gott sieht nicht wie die Menschen, dass er erst erforschen müsste, was früher vor ihm verborgen gewesen wäre. Mit einem Blick ist seine Untersuchung schon geschehen; er sieht ins Herz, er durchschaut die Nieren. Gottes Blick ist durchdringend. Es ist alles bloß und entdeckt vor seinen Augen (Hebr. 4,13). Er hat im Nu einen so genauen Einblick in alle verborgenen Dinge, in die innersten Falten des Herzens, als ob sie mit der größten Genauigkeit vor ihm seziert worden wären. Richard Alleine † 1681.

Bedenke, dass Gott nicht nur alles sieht, was du tust, sondern dass er dein Tun mit der Absicht ansieht, es zu prüfen und zu erforschen. Er blickt dich nicht mit einem oberflächlichen, gleichgültigen Blick an, sondern mit seinem durchdringenden, alles beobachtenden und durchforschenden Auge. Er schaut hinein in die Ursachen, Beweggründe und Absichten all deiner Handlungen. Off. 1,14 heißt es von Christus: Seine Augen sind wie eine Feuerflamme. Des Feuers Eigenschaft ist es, die Dinge, die ihm ausgesetzt werden, zu erproben und die Schlacken von dem edeln Metall zu scheiden; so prüft und untersucht auch Gottes Auge die Handlungen der Menschen. Er erkennt genau, was noch von Unlauterkeit, Scheinheiligkeit, Zerstreutheit und totem Wesen auch deinen besten Taten anhaftet; er durchschaut alle deine schön klingenden Vorwände, womit du die Menschen zu blenden suchst, während du im Grunde doch nur ein frommer Gaukler bist. Er ist ein Gott, der durch die Feigenblätter des äußerlichen Bekenntnisses hindurchblickt und deine jämmerliche Blöße alsbald erkennt. D. Hesekiel Hopkins † 1690.

Ziehe Gott zu Rate. Der Himmel überblickt die Hölle. Gott kann dir zu jeder Zeit sagen, was für Pläne dort gegen dich ausgeheckt werden. William Gurnall † 1679.

Wenn ein Verbrecher, oder einer, der eines Verbrechens angeklagt ist, vor dem Richter steht, um verhört zu werden, dann beobachtet ihn der Richter genau. Er schaut ihn mit durchdringenden Blicken an und befiehlt ihm, aufzusehen. "Sieh mich an", sagt der Dichter, "und antworte mir ins Gesicht!" Die Schuld umwölkt gewöhnlich die Stirn und verdunkelt den Blick; die Last drückt dem Schuldigen den Kopf hinunter. Der Verbrecher hat einen eigenen Blick und getraut sich nicht aufzusehen. Wie froh ist er, wenn der Richter den Blick von ihm wendet. So wird hier von dem Herrn, dem großen Richter Himmels und der Erden, gesagt: Seine Augenlider prüfen die Menschenkinder. An jenem großen Gerichtstag, der Off. 6, 16 beschrieben wird, wünschen alle die Schuldigen, sich verbergen zu können vor dem Angesichte des, der auf dem Stuhl sitzt. Sie können Christus nicht ansehen, noch vermögen sie Christi Blick auszuhalten; und dennoch prüfen seine Augenlider die Menschenkinder. Die Bosheit kann es nicht ertragen, dass irgendein Auge, geschweige denn das Auge des Richters, sie anblickt. Darum trösten sich die Gottlosen, indem sie sich einreden: "Wer sieht uns?" Es ist sehr schwer, die Schuld des Herzens auf dem Angesicht zu verbergen, und eben so schwer, sie dort zeigen zu müssen. Joseph Caryl † 1673.

V. 5. Der Herr prüft den Gerechten. Ausgenommen unsere Sünden ist wohl nichts so gemein auf Erden als die Trübsale, welche aus der Sünde kommen. Da wir nicht im Paradies, sondern in der Wüste sind, müssen wir auf eine Not nach der andern gefasst sein. Wie ein Bär auf David los kam nach dem Löwen, und nach dem Bären ein Riese, und nach dem Riesen ein König, und nach dem König die Philister, so müssen die Gläubigen oft, wenn sie mit der Armut gekämpft haben, mit dem Neid ringen, und wenn sie mit diesem fertig sind, kommt die Ehrlosigkeit, und wenn sie diese überwunden haben, kommt Krankheit; sie sind wie Arbeiter, die nie einen Feierabend haben. Henry Smith † 1591.

Zeiten der Trübsal und Verfolgung scheiden die Erwählten von den Nichtswürdigen, die unlauteren Bekenner von den wahren. Verfolgung ist der Christen Prüfstein, daran man erkennen kann, ob sie Silber oder Blei, Gold oder Schlacken, Weizen oder Spreu, echt oder unecht, geistlich oder fleischlich, aufrichtig oder falsch sind. Nichts zeugt lauter von der Echtheit und Aufrichtigkeit der Gesinnung, als wenn jemand auch dann nach der Heiligung strebt, wenn er darum leiden muss, gehetzt und verfolgt wird. Wer im Feuer der Trübsal fest bleibt, zeigt damit, wie lauter sein Innerstes ist. Thomas Brooks † 1680.

Man beachte den eigentümlichen Gegensatz der beiden Versteile. Gott hasst den Bösen, und im Gegensatz dazu liebt er den Gerechten; aber dafür wird hier gesagt, dass er ihn prüfe. Daraus kann man den Schluss ziehen, dass in Bezug auf uns Menschen Prüfen und Lieben bei Gott ein und dasselbe ist. C. H. Spurgeon 1869.

V. 6. Er wird regnen lassen auf die Gottlosen Wurfschlingen. (Grundt.) Wie auf der Jagd mit dem Lasso der Jäger von oben her eine Schlinge auf sein Opfer wirft, um dessen Kopf oder Füße darin zu verwickeln, so wird der Herr von oben herab mit der vielverschlungenen Schnur des Schreckens die Verächter seines Gesetzes umwickeln, fesseln und gefangen nehmen. C. H. Spurgeon 1869.

Er wird auf sie regnen lassen Blitze usw. Wenn sie es am wenigsten erwarten, wenn sie am ausgelassensten sind, wird das Verderben sie übersahen, wie ein Blitz aus heiterem Himmel. Bischof William Nicholson 1662.

Auf den Urteilsspruch des alles durchschauenden Richters V. 4 f. folgt die Verdammnis V. 6, die uns hier an dem Umsturz von Sodom und Gomorra dargestellt wird. Fangstricke : weil die Lockungen des Satans in diesem Leben sich in die größten Strafen im folgenden verwandeln werden. Das Feuer des Zorns, der Schwefeldunst der Unsittlichkeit, der Glutwind des Hochmuts, der Fleischeslust, der Augenlust und des hoffärtigen Lebens; das ist ihr Becherteil. Damit vergleiche man, was der Psalmist von sich sagt: Der Herr ist mein Gut und mein Becherteil (Ps. 16,5). M. A. Cassiodor † um 575.

Ihr Becherteil. Dieser Ausdruck bezieht sich auf die Sitte, dass der Hausvater jedem Hausgenossen und Gaste sein Teil darreichte. French und Skinner 1842.

V. 7. Dass Gott Gnade schenken kann ohne Herrlichkeit, ist begreiflich; aber dass er einen Menschen, der keine Gnade empfangen hat, zur Gemeinschaft mit ihm in der Herrlichkeit zulassen sollte, ist undenkbar und mit Gottes Heiligkeit unvereinbar. Der Herr ist gerecht und hat Gerechtigkeit lieb; die Frommen werden schauen sein Angesicht. Er sieht sie mit liebendem Blick an, und sie dürfen kraft der Gnade seinen Blick erwidern. Es liegt in der Natur der Sache, dass Gott in Anbetracht seiner Heiligkeit nicht mit einem unreinen Wesen in herzlicher Liebe frei verkehren kann. Entweder muss Gott seine Natur ändern, oder des Sünders Natur muss eine Wandlung durchmachen. Wolf und Schaf, Finsternis und Licht können nie zusammengehen. Gott kann den Sünder als Sünder nicht lieben, denn er hasst die Unreinheit seinem innersten Wesen nach. Es ist für ihn eben so unmöglich, die Sünde zu lieben, als dass er aufhören könnte, heilig zu sein. Stephan Charnock † 1680.

Homiletische Winke
V. 1.
Des Glaubens kühnes Bekenntnis und seine unerschrockene Zurückweisung jeder Versuchung zum Weichen.
Dieser Vers lehrt uns 1) dass wir Gott vertrauen sollen, wie groß immer die Gefahr sei; 2) dass die Versuchung an uns herantreten wird, dies Vertrauen wegzuwerfen; 3) dass wir uns dennoch an das Gottvertrauen anklammern sollen als an den festen und sicheren Anker unserer Seele. Thomas Wilcocks 1586.
Der Rat der Feigen und der Spott der Frechen, beide durch den Glauben beantwortet. Lerne daraus, dass du nicht versuchen sollst, eine andere Antwort zu geben.
V. 2.
Die Tücke unserer geistlichen Feinde.
V. 3.
1) Wenn es möglich wäre, dass Gottes Eid und Zusage wankte, was könnten wir tun? Die Antwort ist leicht. 2) Wenn alles Irdische zugrunde geht und auch der Staat, dessen Bürger wir sind, zusammenbricht, was können wir tun? Dann können wir getrost leiden, freudig hoffen, geduldig warten, ernstlich beten, zuversichtlich glauben und endlich herrlich triumphieren.
Die Notwendigkeit, die Grundwahrheiten festzuhalten und zu verkündigen.
V. 4.
Gottes Thron; erhaben, geheimnisvoll, rein, ewig usw.
V. 4-5.
Diese Verse zeigen uns, dass sowohl die Kinder der Welt, als auch die Gerechten geprüft werden. Stelle den Unterschied dieser beiden Prüfungen 1) nach ihrer Absicht, 2) nach ihrem Ergebnis ins Licht.
V. 5.
1) Wen prüft der Herr? den Gerechten. 2) Was prüft er an ihm? Den Glauben, die Liebe usw. 3) Wie prüft er ihn? Durch Prüfungen jeglicher Art. 4) Wie lange? 5) Zu welchem Zweck?
Wie gründlich und völlig Gott die Sünde hasst. Zu erweisen an Gottes Strafheimsuchungen, an seinen Drohungen, alt den Leiden des Versöhners und an den Schrecken der Hölle.
Das Prüfen des Goldes und das Ausscheiden der Schlacken.
V. 6.
Gnädiger Regen und vernichtender Regen.
Das Los der Unbußfertigen.
V. 7.
Gerechtigkeit eine hervorragende Eigenschaft des Herrn. Er betätigt sie selber, liebt sie, wo immer er sie findet, und segnet diejenigen, welche sie ausüben.

Fußnoten

1. Charles Simeon († 1836) war einer der fruchtbarsten homiletischen Schriftsteller, sowie einer der Hauptbegründer der so genannten evangelischen Partei der englischen Staatskirche, d. h. derjenigen Richtung welche durch Gotte Gnade die große methodistische Erweckung, aber auf calvinistischer Lehrgrundlage, in die Staatskirche übertrug im Gegensatz zu Unglauben toter Orthodoxie und hochkirchlichem Formenwesen auf Bekehrung und lebendigen Glauben drang und teils selbständig, teils in freiem Zusammenschluss, mit den auf gleicher evangelischer Grundlage stehenden Dissenters eine reiche Tätigkeit in der inneren und äußeren Mission entfaltete und noch entfaltet.

2. V. 3 Grundt.: Wenn die Grundpfeiler eingerissen werden -- was hat der Gerechte (dann durch seinen Widerstand) ausgerichtet? Delitzsch u. a. verteidigen übrigens Luthers Übers. "Was sollte usw."

3. Heinrich VIII., der aus persönlichen Gründen England von Rom losriss, war selbst ein Feind und blutiger Verfolger des Evangeliums.
Es muß alles erst einmal an Gott vorüber, bevor es mich treffen kann. (Helmut Thielicke)

Jörg
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Regelmäßige Lesung aus der Schatzkammer David Ps.12

Beitragvon Jörg » 14.09.2018 14:06

Kommentar & Auslegung zu PSALM 12

Überschrift

Ein Psalm Davids, vorzusingen, auf acht Saiten, wörtlich: nach der achten (Tonart?), ist mit derjenigen von Psalm 6 gleichlautend, nur dass das dort im Grundtext noch eingeschaltete "auf Saitenspiel" hier fehlt. Wir verweisen daher aus die Vorbemerkungen zum 6. Psalm. Den vorliegenden bezieht die arabische Übersetzung auf das Ende der Welt, das Wort tynm#h auf "den achten Tag der Welt" deutend. Ohne dass wir uns eine so phantastische Deutung aneignen, können wir doch dieses Lied, worin der Klageruf der Gläubigen über das allgemeine Verderben zum Ausdruck kommt, im Lichte der Zukunft dessen betrachten, der die Unterdrücker seines Volkes zermalmen wird. "Die wahre Gemeinde Jahwes," bemerkt Delitzsch treffend, "war schon damals, wie sie es immer war und vornehmlich in der Endzeit sein wird, eine Gemeinde von heldenmütigen Bekennern und Blutzeugen, und das Seufzen nach der Zukunft Jahwes war damals nicht minder tief als jetzt das "Komm, Herr Jesu!"
Der Inhalt des Psalms mag sich uns am besten einprägen, wenn wir ihm die Überschrift geben: Gute Gedanken in böser Zeit. Vielleicht ist der Psalm in jener Zeit gedichtet worden, als Saul den David und alle, die dessen Sache begünstigten, verfolgte.

Einteilung

In Vers 2.3 bringt David seine Klage über die Treulosigkeit seines Zeitalters vor Gott. Vers 4.5 fleht er Gottes Gerichte auf die Falschen und Übermütigen herab. Im 6 . Verse lässt Jahwe selbst den Donner seines Zornes rollen gegen die Unterdrücker der Elenden. Der Sänger hört es und singt nun in Vers 7.8 gar lieblich von Gottes Treue und Fürsorge gegen sein Volk, schließt aber im 9 . Verse in der alten Tonart der Klage, indem er seinen Blick noch einmal auf die überhand nehmende Gottlosigkeit seiner Zeit richtet. Die gottgeweihten Seelen, denen es schwer fällt, als Fremdlinge unter Mesech zu weilen und in den Hütten Kedars zu wohnen (Ps. 120, 5), werden diese heiligen Strophen in tiefinnerlicher Übereinstimmung mit ihrer wechselnden Melodie voll trauernder Klage und frohlockenden Vertrauens betrachten und singen können.

Auslegung

2.Hilf, Herr, die Heiligen haben abgenommen,
und der Gläubigen ist wenig unter den Menschenkindern.
3.Einer redet mit dem andern unnütz Dinge,
und heucheln, und lehren aus uneinigem Herzen.


2. Hilf, Herr! Ein kurzes, aber kräftiges und köstliches, allezeit passendes und förderliches Gebet. Das hebräische Wort, das hier mit helfen übersetzt ist, wird sehr vielseitig unter vielerlei Umständen gebraucht; es heißt retten, helfen, befreien, erlösen, unterstützen, schlitzen usw. So begreift denn diese kurze Bitte viel in sich und ist sehr lehrreich. Der Psalmist sieht die große Gefahr seiner Lage; es wäre in der Tat ja noch besser, unter Löwen als unter Lügnern zu sein. Er fühlt sein Unvermögen, mit solchen Belialsleuten zu kämpfen; denn "wer sie angreifen soll, muss Eisen und Spießstange in der Hand haben" (2. Samuel 23, 7). Darum wendet er sich zu seinem allvermögenden Helfer, zum Herrn, der seinen Knechten nie seinen Beistand verweigert und dessen Hilfe allgenugsam ist für jede Not. Hilf, Herr! Das ist ein gar nützlicher Stoßseufzer, den wir in jeder Lage, in jeder Not und Verlegenheit gen Himmel senden können, bei der Arbeit, beim Lernen, im Leiden, im Kämpfen, im Leben und im Sterben. Wie die kleinen Schiffe sich bei niedrigem Wasserstand als sehr nützlich erweisen und auf dem Meer auch nach solchen Hafen segeln können, in die andere, die einen größeren Tiefgang haben, nicht einlaufen können, so vermögen kurze Seufzer und Hilferufe zum Himmel einzudringen, um dort köstliche Ware einzuladen, wenn unsere Seele von widrigem Winde, von vielen Arbeiten und dergleichen abgehalten wird, gleichsam größere Gebetsfahrten zu unternehmen, oder wenn der Strom der Gnade zu sehr in der Ebbe ist, als dass wir ein wortreicheres Gebet vom Stapel lassen könnten. Die Heiligen oder, wie die meisten Neueren übersetzen, die Frommen 1, eigentlich die gütig, liebevoll Gesinnten, die gegen Gott und Menschen treue Liebe üben, haben abgenommen, oder nach dem starken Ausdruck im Hebräischen; sie sind zu Ende, sie sind alle . Wenn gottesfürchtige Leute sterben, aus einer Gemeinde weggenommen werden oder ihrer gar überhaupt wenig werden, so soll uns das ein Posaunenruf zu brünstigerem Beten sein. Man sagt, wenn Fische verderben, so merke man es zuerst am Kopfe; so wird auch, wenn die Frommen in Verfall geraten, die ganze menschliche Gesellschaft bald genug verfaulen. Immerhin müssen wir uns in diesem Punkt vor allzu raschem Urteil hüten. Elia irrte sich, als er meinte, er wäre allein übergeblieben von Gottes Knechten, während der Herzenskündiger noch Tausende als die Seinen erkannte (1.Kön. 19, 10. 14. 18). Die gegenwärtige Zeit erscheint uns immer als ganz besonders gefahrvoll, weil sie unsern besorgten Blicken am nächsten ist und die herrschenden Übel vor jedermann offen liegen, während die Fehler vergangener Zeiten uns ferner stehen und sich daher leichter unserer Beobachtung entziehen. Dennoch erwarten wir, dass in den letzten Tagen einerseits die Ungerechtigkeit überhand nehmen, anderseits die Liebe in der großen Mehrzahl der Christen erkalten wird(Mt. 24, 12); und angesichts dessen müssen wir immer völliger von den Menschen absehen und glaubensvoll zu dem Herrn der Kirche aufsehen, durch dessen Hilfe die Pforten der Hölle uns nicht überwältigen werden. Der Gläubigen, wörtlich: der Zuverlässigen, der Treuen und Redlichen, der Amensleute nach Luthers Randglosse, ist wenig unter den Menschenkindern, ja sie sind, wie der Grundtext eigentlich lautet, geschwunden unter den Menschen , so dass sie nicht mehr unter ihnen zu finden sind. Wo die wahre Frömmigkeit weicht, schwinden unvermeidlich auch Treue und Redlichkeit. Wer Gott nicht fürchtet, hat auch keine Liebe zur Wahrheit. Gemeine Ehrbarkeit ist nicht länger gemein auf Erden, wenn allgemeine Gleichgültigkeit in religiösen Dingen zu allgemeiner Gottlosigkeit führt. David hatte hier vielleicht Doeg und die Männer von Siph und Kegila im Auge und dachte anderseits an die ermordeten Priester zu Nob und an die vielen Flüchtlinge, die sich in der Höhle Adullam zu ihm versammelt hatten, und er fragte sich, wohin das Schiff des Reiches Israel treiben würde ohne seine Anker, die gottesfürchtigen und redlichen Männer. Inmitten der allgemeinen Unordnung und Misswirtschaft nahm David aber nicht zu aufrührerischer Verschwörung seine Zuflucht, sondern zu ernstem Bitten und Flehen; ebenso wenig verband er sich mit dem großen Haufen, um Böses zu tun (2. Mose 23, 2), sondern er ergriff die Waffen des Gebets, um den Angriffen auf Tugend und Redlichkeit zu widerstehen.

3. Einer redet mit dem andern unnütze Dinge. Was sie reden, ist unnütz zu hören, denn es ist leichtfertiges, törichtes und nichtswürdiges Geschwätz. Es ist unnütz, es zu glauben, denn es ist nichts als Lug und Trug; sie wollen sich nur bei uns einschmeicheln und uns dadurch fangen. Wir wollen es gar nicht beachten, was sie reden, denn es könnte uns aufblasen und mit stolzem Selbstbetrug erfüllen. Es ist eine traurige Sache, wenn es Mode geworden ist, unnütze Dinge oder, wie wohl eigentlich zu übersetzen ist, Lüge, Falschheit zu reden. Wie du mir, so ich dir; lobst du mich, so lob’ ich dich; gibst du mir einen hochtönenden Titel, so gebe ich dir auch einen. Bücklinge und schmeichlerische Beglückwünschungen sind Biedermännern verhasst; sie wissen, dass sie dieselben, wenn sie sie annehmen, erwidern müssen, und sie halten das eine wie das andere für unter ihrer Würde. Solche Gefälligkeits-Akzepte sind bei solchen am meisten beliebt, die selber an ihrem guten Namen bankrott geworden sind. Das sind böse Zeiten, wo jeder so seinen Nachbar beschwatzt und betrügt. Mit schmeichlerischer, noch wörtlicher: mit glättester Lippe, aus zweierlei Herzen reden sie. (Grundt.) Wer eines anderen Herz aufbläst, hat nichts Besseres als Wind in seinem eigenen. Wenn mich jemand ins Angesicht lobt, zeigt er mir nur die eine Seite seines Herzens; die andere ist schwarz von Verachtung gegen mich, oder sie starrt von schmutzigen Ränken gegen mich. Lobhudelei ist das Schild des Wirtshauses, wo Zweizüngigkeit die Wirtin ist. Ein chinesisches Sprichwort sagt, ein Mensch mit zwei Herzen sei sehr verächtlich, und wir werden gut tun, alle Schmeichler eben so niedrig einzuschätzen.
Es muß alles erst einmal an Gott vorüber, bevor es mich treffen kann. (Helmut Thielicke)


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