Regelmäßige Lesung aus der Schatzkammer Davids von Spurgeon

Lehrfragen in Theorie und Praxis - also alles von Bibelverständnis über Heilslehre und Gemeindelehre bis Zukunftslehre

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Jörg
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Psalm 135

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8. Der die Erstgeburten schlug in Ägypten, beider, der Menschen und des Viehes. Nun besingt der Psalm die machtvollen Offenbarungen Gottes in der Heilsgeschichte Israels. Auch für seine Gerichte ist der HERR zu preisen; denn jene tödlichen Streiche in Ägypten waren eine Handlung der Gerechtigkeit gegen die Bedrücker des Gottesvolkes und eine Handlung der erbarmenden Liebe gegen dieses. Aber was für ein Schlag war es! Alle Erstgeborenen im ganzen Lande in einem und demselben Augenblick eine Beute des Todes! Welch ein Entsetzen muss die ganze Nation da erfasst haben! Da wurden auch die kühnsten Feinde Israels alles Mannesmutes beraubt. Die Tiere, zumal die Haustiere, müssen wegen ihrer nahen Beziehung zu dem Menschen, dem Herrn der Erde, in mannigfaltiger Weise mit dem Menschen leiden. Die Erstgeburten des Viehes mussten geradeso wie die erstgeborenen Söhne ihrer Eigentümer sterben, weil der Schlag das ägyptische Volk in Betäubung und Verwirrung setzen sollte, und das Gericht erreichte in der Tat seinen Zweck. Israel, der erstgeborene Sohn Jehovahs, war arg geschlagen und misshandelt worden, und er wurde befreit dadurch, dass der HERR den Unterdrückern mit gleicher Behandlung vergalt.

9. Und ließ seine Zeichen und Wunder kommen über dich, Ägyptenland, über Pharao und alle seine Knechte. Auch in diesem Vers richtet der Psalmist unser Auge auf das persönliche Handeln Gottes. Je deutlicher Gottes Walten erkannt wird, desto besser. Auch in seinen Gerichten ist er zu schauen, so gut wie in seinen Gnadentaten. Die ägyptischen Plagen waren nicht nur entsetzliche Wundertaten, die die Menschen bestürzt machten, sondern auch mächtige Zeichen, die ihnen eindringliche Lehren vor Augen führten. Es kann kein Zweifel sein, dass die Plagen auf die mancherlei Gottheiten der Ägypter zielten und diese in ihrer ganzen erbärmlichen Ohnmacht an den Pranger stellten. Jede der zehn Plagen hatte da ihre besondere Bedeutung. Die Gerichte des HERRN waren keine harmlosen Seitenstöße; sie trafen das Volk ins Herz: Der HERR sandte seine Pfeile "mitten in dich, Ägyptenland" (wörtl.). Diese Wunder geschahen inmitten der stolzen, durch den Kastengeist beherrschten Nation, die sich über andere Völker hoch erhaben dünkte; und viele der Plagen trafen das Volk an den empfindlichsten Punkten seines Stolzes und Ruhmes. Der Psalmsänger redet die hochmütige Nation an: "mitten in dich, o Ägyptenland", als wollte er es an die demütigenden Zurechtweisungen erinnern, die ihm durch des HERRN rechte Hand zuteil geworden waren. Der befehlshaberische Pharao war der Rädelsführer in der Empörung wider Jehovah gewesen, und er musste persönlich dafür büßen; aber auch seine schmeichlerischen Höflinge entgingen nicht der Strafe, auf jeden von ihnen sauste die göttliche Zuchtrute nieder. Gottes Knechte haben es doch besser als die Knechte Pharaos! Die in den Vorhöfen Jehovahs stehen, erfahren Gottes Heil, während die Hofleute Pharaos samt und sonders von Gottes Gerichten getroffen wurden, weil sie alle sich an seinen bösen Werken mitschuldig gemacht hatten. Preiswürdig ist der HERR, dass er also sein Volk errettet hat, während er dessen grausame Widersacher in des Todes Staub legte. O dass kein Israelit das Lied vom Schilfmeer vergesse! Möge immer wieder neu der Ruf sich hören lassen, der uns zu frohlockendem Lobpreis auffordert: Lasst uns dem HERRN singen, denn er hat eine herrliche Tat getan. (2. Mose 15,21)

10. Der viele Völker schlug und tötete mächtige Könige. Die Völkerschaften Kanaans nahmen teil an dem verzweifelten Widerstande, den ihre Beherrscher Israel und dessen Gott entgegenstellten, und erlitten darum schwere Niederlagen, während ihre Könige, die Anführer in dem Kampfe, getötet wurden. Dass der Völker viele waren und ihre Könige große Macht besaßen, nützte nichts gegenüber dem Allmächtigen. Er ist gerüstet, an allen denen Strafgerechtigkeit zu üben, die sich seinen Ratschlüssen widersetzen; wer da wähnt, der HERR sei zu weichlich, um zuzuschlagen, der täuscht sich in dem Gott Israels! Jehovah hatte die Absicht, die Welt durch sein auserwähltes Volk zu segnen, und von diesem seinem Beschluss ließ er sich nicht abwenden; er war entschlossen, koste es, was es wolle, die Leuchte der Wahrheit, die er angezündet hatte, zu erhalten, und ob auch bei der Verteidigung derselben das Blut von ganzen Völkerschaften vergossen werden musste. Die gegen die kanaanitischen Stämme geführten Kriege waren der Preis, der gezahlt werden musste für die Begründung eines Volkes, das dazu ausersehen war, die Offenbarungen Gottes für die ganze Welt zu bewahren.

11. Sihon, der Amoriter König, und Og, den König zu Basan. Diese beiden Könige waren die ersten, die Widerstand leisteten, und gehörten zu den Angesehensten unter den Widersachern; dass sie geschlagen wurden, ist deshalb ein besonderer Anlass zum Lobpreis für treugesinnte Israeliten. Die Feindschaft dieser beiden Könige war mutwillig und durch keinerlei Reizung begründet; darum war ihr Sturz Israel desto willkommener. Sihon war in seinem Kriege mit Moab siegreich gewesen und gedachte mit Israel schnell fertig zu werden; Og war von dem Geschlecht der Riesen und flößte den Israeliten daher besonderen Schrecken ein; aber der vorhergehende Sieg über Sihon hatte ihren Mut belebt, und bald fiel auch dieser Recke unter ihrem Schwert. Und alle Königreiche in Kanaan. Groß war die Zahl dieser kleinen Herrscherreiche, und etliche von ihnen waren stark bevölkert und hatten mächtige Festungen; aber sie alle fielen unter der erobernden Hand Josuas, denn der HERR war mit ihm. Geradeso, ob auch mit anderen Waffen, werden die Feinde des Volkes des HERRN in unseren Tagen aufs Haupt geschlagen werden; Satan und die widergöttliche Welt werden gestürzt und all die Heere der Sünde vernichtet werden; denn unser Josua, ein größerer denn jener, zieht aus vor unserem Heer, sieghaft und dass er siege (Off. 6,2).
Achten wir darauf, dass wir in diesem Vers die Einzelheiten von dem vor uns haben, was im vorigen Vers im Allgemeinen erwähnt war. Wenn wir von Gottes Gnadentaten im Großen und Ganzen gesungen haben, tun wir gut, sie einzeln eine nach der andern zu betrachten und jeder Hilfe und jeder Segnung, die wir erfahren haben, einen besonderen Raum in unserem Liede zu geben. Es dient uns zur Stärkung des Glaubens, wenn wir von Gottes Erlösungswerk umfassende Denkschriften bewahren, so dass wir nicht nur im Allgemeinen von mächtigen Königen singen, sondern auch von Sihon, der Amoriter König, und Og, dem König von Basan, im Einzelnen.

12. Und gab ihr Land zum Erbe, zum Erbe seinem Volk Israel. Jehovah ist der Oberlehnsherr der ganzen Welt, der den Völkern ihr Land zu Lehen gibt, und zwar so, dass er die Lehensfrist jederzeit nach seinem Belieben aufhören lassen kann. Die Völkerschaften Kanaans waren durch schändliche Laster dem HERRN unerträglich geworden; darum erging über sie von ihm, dem Richter aller Welt, das Urteil, dass sie ausgerottet werden sollten aus dem Lande, das sie verunreinigten. Die zwölf Stämme wurden beauftragt, als Scharfrichter an ihnen das Urteil zu vollstrecken, und als Entgelt sollten sie Kanaan zum Besitz erhalten. Vor alters schon hatte der HERR dies Land Abraham und seinem Samen verliehen, aber er gestattete den Amoritern und den anderen kanaanitischen Völkern noch darin zu wohnen, bis ihre Missetat voll war; dann befahl er seinem auserwählten Volke, das Land, das diesem gehörte, aus den Händen der Inhaber zu nehmen. Das Land Kanaan war Israels Erbteil, weil Israel des HERRN Erbteil war, und er gab es dem Volke nun tatsächlich, weil er es ihm längst schon durch Verheißung gegeben hatte.
Die Auserwählten des HERRN haben auch heute noch ein Erbteil, das niemand ihnen vorenthalten kann. Bundessegnungen von unschätzbarem Wert sind ihnen verbürgt, und so wahr Gott ein Volk hat, das ihm zu Eigen gehört, so wahr soll sein Volk auch ein Erbteil haben. Es fällt ihnen zu als Geschenk, wiewohl sie darum zu kämpfen haben. Oft ereignet es sich, dass sie, wenn sie eine Sünde niedergestreckt oder eine Schwierigkeit überwunden haben, mit reicher Beute belohnt werden; ihnen dient auch das Übel zum Guten, und Anfechtungen sind ihnen Vorboten von Siegen. Kein Feind soll so übermächtig werden, dass er ihnen wirklich schaden kann; denn sie werden da ein Erbteil für sich bereitet finden, wo sich ihnen einst "alle Königreiche Kanaans" entgegengestellt hatten.


13. HERR, dein Name währet ewiglich. Gottes geoffenbartes Wesen, seine Denk- und Handlungsweise sind unwandelbar; und auch sein Ruhm und seine Ehre werden bleiben in alle Ewigkeit. Immerdar wird in dem Namen Jesu für uns das Leben sein und Freude und Trost. Und diejenigen, über welchen der Name des HERRN genannt ist, werden durch diesen erhalten werden und bewahrt vor allem Übel, auch dann noch, wenn die gegenwärtige Weltzeit zu Ende ist. Jehovah ist ein Name, der die Jahrtausende überdauert und die Fülle seiner Herrlichkeit und Macht ewiglich behalten wird. Dein Gedächtnis, HERR, währet für und für. Nie werden die Menschen dich, unseren HERRN und Meister, vergessen. Die heiligen Verordnungen deines Hauses werden dich in der Menschen Gedächtnis erhalten, und dein ewiges Evangelium und die Gnade, die es begleitet, werden die Menschenkinder stets an dich erinnern. Für und für werden dankbare Herzen zu deinem Preise schlagen und erleuchtete Gemüter fortfahren, über deine wunderbaren Werke und Taten zu staunen. Die Denksteine der Menschen zerbröckeln, aber des HERRN Gedächtnis bleibt für und für. Was für kräftiger Trost ist das für zaghafte Gemüter, denen das Herz bangt um die Lade Gottes (1. Samuel 4,13). Nein, o du köstlicher Name, du wirst niemals untergehen! Du Ruhm des Ewigen, du wirst niemals erlöschen!

Dieser Vers ist in seinem Zusammenhang auszulegen; dann führt er uns die Wahrheit vor, dass die Ehre und der Ruhm, die der HERR sich durch den Umsturz der mächtigen Könige erobert hat, niemals ersterben werden. Israel erntete lange Zeit die Früchte von dem Ansehen, das die Siege Jehovahs dem Volke erworben hatten. Und indem der HERR so seinen mit Abraham geschlossenen Bund hielt, darin er versprochen hatte, seinem Samen das Land zu geben, machte er es überdies ganz klar und gewiss, dass sein Bund und seine Verheißungen ihm allezeit vor Augen sein, niemals aus seinem Gedächtnisse schwinden würden. Sein Name währet für und für in all seiner Wahrhaftigkeit und Zuverlässigkeit; davon ist Beweis, dass diejenigen, die das Israel gelobte Land innehatten, ausgetrieben wurden, damit die rechtmäßigen Erben desselben darin im Frieden wohnen könnten.
Wer sich nur nach dem, was er fühlt, richtet, der verliert Christus. (Martin Luther)

Jörg
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14. Denn der HERR wird sein Volk richten. Er wird persönlich an ihnen Zucht üben und es nicht ihren Feinden überlassen, sie nach Belieben zu misshandeln. Hat die Züchtigung ihren Zweck erreicht, so wird er sich aufmachen und sein Volk rächen an seinen Unterdrückern, die er für eine Weile als Rute gebraucht hat. Es mag ja manchmal scheinen, als vergesse er seines Volks, aber das ist nicht der Fall; er wird die Sache der Seinen führen und sie erretten. Die "Richter" Israels waren ja auch die "Heilande" des Volks, die es erlösten von seinen Unterdrückern (Richter 3,9); darin waren sie die Werkzeuge des HERRN der Heerscharen, der der Heiland Israels ist (1. Samuel 14,39). In diesem Sinne ist es auch hier zu verstehen, dass der HERR sein Volk richten wird: er wird seinem bedrängten Volke Recht schaffen. Und seinen Knechten gnädig sein oder mit ihnen Mitleid haben. Wenn er sie hat züchtigen müssen und sie gedemütigt vor ihm liegen, wird er mit ihnen fühlen, wie ein Vater, den sein Kind erbarmt, denn er betrübt nicht von Herzen. Es geht Gott durchs Herz, wenn er seine Geliebten unter der Bedrückung ihrer Feinde so muss leiden sehen; wiewohl sie alles, was sie leiden, wohl verdient haben, und mehr als das, so kann der HERR sie doch nicht sich in Schmerzen winden sehen, ohne dass es ihm selber nahe geht.


Es ist bemerkenswert, dass die Nationen, durch welche Gott Israel gezüchtigt hat, samt und sonders vertilgt worden sind, als könnte das zarte Vaterherz die Werkzeuge nicht mehr sehen, mittelst deren seine Kinder bestraft worden sind. Israel wird hier erst "sein Volk", dann "seine Knechte" genannt: als sein Volk richtet er sie, als seiner Knechte schont er ihrer, wie ein Mann seines Sohnes schont, der ihm dient (Mal. 3,17), denn es rührt ihn, wenn er sieht, wie sie sich bestreben, ihm zu dienen. Sollten die Knechte dieses guten Herrn ihn nicht preisen? Pharaos Knechte plagte er; aber mit seinen Knechten hat er Mitleid und wendet sich ihnen wieder huldvoll zu, nachdem er sie in treuer Liebe um ihrer Missetaten willen gezüchtigt hat. Ja, lobet ihn, ihr Knechte des HERRN!
Nun kommen wir zu dem Teil des Psalms, worin der heilige Sänger die Götzen an den Pranger stellt. Diese scharfe Satire reiht sich sehr natürlich an das Vorhergehende, wo der Psalmist die Herrlichkeit des allein wahren und lebendigen Gottes gefeiert hatte.


15.
Der Heiden Götzen sind Silber und Gold,
von Menschenhänden gemacht.
16.
Sie haben Mäuler und reden nicht;
sie haben Augen und sehen nicht;
17.
sie haben Ohren und hören nicht;
auch ist kein Odem in ihrem Munde.
18.
Die solche machen, sind gleich also,
alle, die auf solche hoffen.



15. Der Heiden Götzen sind Silber und Gold, von Menschenhänden gemacht. Ihr Wesen ist nicht Geist, sondern totes Metall, ihre Eigenschaften sind nur Beschaffenheiten vernunft- und gefühlloser Stoffe, und was sie an Form und Gestalt ausweisen, das verdanken sie der Kunst und Arbeit derer, die ihnen nun Anbetung darbringen. Es ist der Gipfel des Wahnsinns, Metallfabrikate anzubeten. Wiewohl Silber und Gold uns nützlich sind, wenn wir davon den richtigen Gebrauch machen, ist an ihnen nichts, das ihnen irgendwelchen Anspruch auf Verehrung und Anbetung geben könnte. Wenn wir nicht wüssten, dass die traurige Tatsache unleugbar ist, würde es uns unmöglich dünken, dass sich vernunftbegabte Wesen vor Gebilden niederwerfen könnten, deren Stoff sie selber von den Schlacken reinigen und denen sie mit eigener Hand eine Form geben mussten. Man würde es noch für weniger albern halten, wenn die Menschen ihre eigenen Hände anbeteten, als dass sie das als einen Gott verehren, was jene Hände gemacht haben. Was für große Taten werden diese Scheingottheiten für den Menschen vollbringen, da sie selber das Werk von Menschen sind? Die Götzen eignen sich wahrlich besser als Spielzeug wie die Puppen für die Kinder, denn dass sie von erwachsenen Menschen angebetet werden! Der Mensch gebraucht seine Hände besser dazu, Gegenstände, die zu solch blödsinnigem Gebrauch verwendet werden können, zu zerbrechen, als sie zu verfertigen. Dennoch lieben die Heiden ihre scheußlichen Götzen mehr als Silber und Gold; es wäre gut, wenn wir von manchen, die sich gläubige Christen nennen, sagen könnten, dass ihre Liebe zu ihrem Gott und Heiland dies Maß erreiche!

16. Sie haben Mäuler, denn ihre Bildner haben sie sich selber ähnlich gemacht. Ein Loch ist da, wo sich der Mund befinden sollte, und doch ist es kein Mund, denn sie essen nicht und reden nicht. Sie können mit ihren Anbetern keinerlei Verkehr pflegen; sie sind stumm wie das Grab. Vermögen sie nicht einmal zu sprechen, dann stehen sie ja sogar hinter unseren Abc-Schützen zurück. Jehovah spricht, und es geschieht; aber diese Götzenbilder bringen nie ein Wort heraus. Wahrlich, wenn sie reden könnten, so würden sie ihren Verehrern deren Unsinnigkeit vorhalten. Ist aber ihr Schweigen nicht ein noch eindringlicherer Tadel? Wenn übrigens gewisse gelehrte Leute leugnen, dass Gott sich irgendwie redend geoffenbart habe, so bekennen sie damit, dass auch ihr Gott stumm ist.
Sie haben Augen und sehen nicht. Wem würde es einfallen, einen blinden Menschen anzubeten? Wie können dann die Heiden so unsinnig sein, sich vor einem blinden Götzenbilde niederzuwerfen? Die Augen der Götzenstatuen sind oft sehr kostbar, man hat Diamanten von seltener Größe dazu verwendet;1 aber was nützen die darauf gewandten Millionen, da die Götzen trotzdem nichts sehen? Wenn sie uns nicht einmal zu sehen vermögen, wie können sie dann unsere Bedürfnisse kennen, unsere Opfer würdigen oder die Mittel entdecken, wie uns geholfen werden kann? Wie erbärmlich ist’s doch, dass ein Mensch, der selber die Sehkraft hat, sich vor einem Götzen niederwirft, der blind ist! Der Götzendiener ist an sinnlichen Fähigkeiten sicher seinem Gott überlegen, doch an Vernunft steht er ihm gleich; denn es ist sonnenklar, dass sein unverständiges Herz verfinstert ist, sonst würde er nicht so närrische Dinge tun.

17. Sie haben Ohren - und gewaltig große, wenn wir z. B. an gewisse Götzen der Hindus denken - und hören nicht. So nützen ihre Ohren also nichts; in Wirklichkeit sind sie nur Nachmachung und Betrug. Ohren, von Menschen gemacht, sind stets taub; das Geheimnis des Hörens ist mit dem Geheimnis des Lebens untrennbar verbunden, und beide haben ihren Ursprung in der unerforschlichen Weisheit des Ewigen. Verstehen wir’s recht, so sind diese heidnischen Götzen also stumm, blind und taub - ein nettes Häufchen von Gebrechen für eine Gottheit! Auch ist kein Odem in ihrem Munde: sie sind tot, kein Zeichen des Lebens ist wahrzunehmen, und das Atmen, diese Hauptäußerung des animalischen Lebens, ist ihnen etwas ganz Unbekanntes. Soll ein Mensch seinen Odem verschwenden, indem er zu einem Götzen ruft, der keinen Odem hat? Soll das Lebendige an das Tote Bitten richten? Das heißt doch wahrlich aller gesunden Vernunft hohnsprechen.


18. Die solche machen, sind gleich also: sie sind ebenso stockdumm, so ohne Verstand und Gefühl wie die Götter, die sie verfertigen, und gleich diesen sind sie Gott ein Abscheu und werden schließlich wie ihre Götzen zermalmt werden. Alle, die auf solche hoffen. Die Götzenanbeter sind ebenso schlecht wie Götzenmacher; denn wenn es keine Menschen gäbe, die solche Gräuel anbeten, so würde sich kein Markt finden für die nichtsnutzige Ware. Die Götzenanbeter sind geistlich tot, auch sie sind nur Schattenbilder von Männern; das Beste am Menschen ist bei ihnen dahin, sie sind nicht, was sie zu sein scheinen. Ihr Mund betet nicht wirklich, ihre Augen sehen nicht die Wahrheit, ihre Ohren hören die Stimme des HERRN nicht, und das Leben aus Gott ist nicht in ihnen. Alle jene, die an ihre selbsterfundene Religion glauben, verraten damit große Torheit und einen völligen Mangel an dem lebendigmachenden Geist. Menschenkinder, in denen die Gnade wirksam ist, vermögen es zu erkennen, wie unsinnig das ist, den wahren Gott zu verlassen und Nebenbuhler von ihm an seine Stelle zu setzen; aber diejenigen, die dies Majestätsverbrechen begehen, sehen die Sache nicht so an, im Gegenteil, sie sind stolz auf ihre große Weisheit und rühmen sich ihrer fortschrittlichen Gedanken und ihrer modernen Bildung. Andere setzen die Sakramente an die Stelle, die ausschließlich dem lebendigen Gott selber zukommt. Der HERR bewahre uns vor allen Nachahmungen dessen, was Gottes Werk allein ist, damit wir nicht den Götzen gleich werden, die wir uns gemacht haben.


Fußnote
1. So glänzte einst der Kohinor, der "Berg des Lichts", der seit 1850 die englische Krone schmückt, als das Auge eines indischen Götzen.
Wer sich nur nach dem, was er fühlt, richtet, der verliert Christus. (Martin Luther)

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