A. Zahn"Abriss einer Geschichte der evangelischen Kirche auf dem europäischen Festlande im neunzehnten Jahrhundert"

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A. Zahn"Abriss einer Geschichte der evangelischen Kirche auf dem europäischen Festlande im neunzehnten Jahrhundert"

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Dritter Abschnitt.
Die evangelische Kirche in der Schweiz und in den Niederlanden.

I. Die Schweiz.


Literatur: A. Bost, Mémoires pouvant servir à l’histoire du réveil religieux des Églises protest. de la Suisse et de la France, 1854. Finsler, Allgemeine Beschreibung und Statistik der Schweiz, 1873. Derselbe, Geschichte der theologisch-kirchlichen Entwicklung in der deutsch-reformierten Schweiz seit den dreißiger Jahren, 1881. Züricher Taschenbuch auf das Jahr 1886: Rückblicke von Joh. Hirzel. Erinnerungen aus dem Lehen und Wirken des Antistes Füsslin, von Finsler, 1860. Riggenbach, der heut. Ration. in d. deutsch. Schweiz, 1861. C. H. Zeller, von Thiersch, 1876. C. F. Spittler im Rahmen seiner Zeit, 1876, 1. Bd. C. F. Spittler, von Kober, 1886. Schönholzer, Die religiöse Reformbewegung in der ref. Schweiz, 1886. B. Riggenbach, Taschenbuch der schweiz. ref. Geistlichkeit, 1883. von der Goltz, die ref. Kirche Genfs im 19. Jahrhundert, 1862. Cart, Histoire du mouvement religieux et ecclésiastique dans le canton de Vaud, 1879-81. Archinard, Histoire de l’église du canton de Vaud, 1881. Veuillimier, Histoire de l’Academie de Lausanne, 1892. Die Berichte auf den Allianzversammlungen, von Güder und Öttli. Kirchenblatt für die ref. Schweiz, von Hagenbach, seit 1845. Die unten erwähnten Blätter, das Basler Missionsmagazin; von Zeitungen: die Allg. Schweizer Zeitung usw.

1. Allgemeine Lage.

Die Schweiz, ein Europa im Kleinen, ist wie in dem mannigfaltigen Wechsel der Landschaft, so auch in dem kirchlichen Bilde eine vielgestaltige: germanische und romanische Elemente verbinden und trennen sich, vier Sprachen ertönen, die Reformation war in Zürich eine andere wie in Genf, neben den Staatskirchen mit den verschiedensten Formen der Verfassung, jetzt fast überall mit gemischten Synoden, bestehen freie Kirchen, konservative und radikale Richtungen bekämpfen sich in der offensten Weise und dann haben wieder die einzelnen Kantone ihr besonderes Gepräge. Basel, ein Bindeglied zwischen Deutschland und der Schweiz, hat mehr das Gepräge eines allgemeinen Pietismus mit den Gedanken der ev. Allianz: es ist durch seine Missionsanstalt und durch seine Frömmigkeit berühmt, die oft die größte Liberalität zeigt, wie die Gabe eines Merian von drei Millionen zum Bau einer Kirche. Das am lieblichen See ruhende Zürich liebt das verstandesmäßige, nüchterne Christentum mit heftigen prinzipiellen Kämpfen, während Bern langsam und hartnäckig sich bewegt. In seine Berge eingekeilt, liegt still Neuenburg da, aber voll Regsamkeit und Selbsttätigkeit ist Genf und das Waadtland. Die übrigen Kantone schließen sich mehr an die genannten an: so Schaffhausen an Basel und St. Gallen und Glarus an Zürich.

Der Rationalismus hatte sich auch in der Schweiz festgesetzt und schon 1725 war in der Kirche Calvins die Verpflichtung auf die helvetische Konfession aufgehoben worden. Aber es hatte sich in den wohltätigen Einflüssen von Lavater und Hess noch manch guter biblischer Klang über die Grenzscheide des Jahrhunderts gerettet. Am Anfang desselben zog die Erweckung ein, mit lebhafter Kraft freilich nur in der französischen Schweiz, schwächer im Norden, und wurde auch durch die romanhaften Reisezüge der frommen und koketten Frau von Krüdener224 gepflegt, besser durch die heilsame Wirksamkeit des wackeren Schotten Haldane in Genf, dann des Kreises, der sich um den originellen, etwas rauhen Antistes Spleiss in Schaffhausen sammelte225, die begabte Krämerfrau Anna Schlatter in St. Gallen226, und um die von den Schwaben Spittler und Gottlieb Blumhardt gepflegte Christentumsgesellschaft in Basel, die sich allmählich zur Bibel-, Traktat- und Missionsgesellschaft erweiterte und auch den Inspektor Zeller († 1891), dessen Frau lebte was er lehrte, in Schloss Beuggen mit seinen wohltätigen Anstalten in ihren Kreis zog. Der Pietismus erhob sich mit Wärme und Freudigkeit, auch mit unermüdlicher Opferwilligkeit, aber ohne Lust, ein bestimmtes Bekenntnis aufzustellen, zufrieden mit der Bibel. Nach dieser wollte man selbst Tieferes, als die Väter gehabt. Der Rationalismus ragte indessen in den Stunden der Andacht von dem Aarauer Zschokke227 bis in die Mitte des Jahrhunderts hinein. In das Jahr 1823 fallen die schwärmerischen Gräuel Szenen in Wildenspuch im Kanton Zürich. Margaretha Peter erschlägt ihre Schwester und lässt sich selbst kreuzigen, um viele Seelen zu erlösen. Mit allzu großer Liebhaberei hat man diese wahnsinnigen Ausbrüche öfter dargestellt228. Man nahm es von Seiten der Pietisten vielfach leicht: man sollte die Macht des eigentlichen Zeitgeistes erfahren. Mit den politischen Wirren, die die Jesuiten aus Aargau vertrieben und den Bruderkampf hervorriefen, erhob sich die Anmaßung des Radikalismus, wie ihn die besonnene Schweiz in der Zucht guter väterlicher Sitte, musterhafter Reellität und Treue noch nicht gesehen hatte. Die Kirche, als die letzte Schranke, die sich dem subjektiven Belieben des Einzelnen entgegenstellte, musste zu Boden getreten werden. Sie wurde die Zielscheibe endlosen Hohnes. Auch die Schule trat gegen sie auf und entfernte die Wahrheit der Schrift. An der Stelle der Kirchen lebten die Wirtshäuser auf mit dem stolzen Wahne des Unglaubens in den Köpfen der Männer; die Schweiz besitzt jetzt 1 Wirtshaus auf je 150 Einwohner. Der Sonntag diente der Politik und dem Rausche zahlloser sich überbietender Feste. Die Trunksucht hatte hier ihre Brutstätte und fing an, ganze Landschaften durch den Branntwein zu veröden. 33 Mill. Liter Schnaps werden jährlich in der Schweiz konsumiert. Zwischen 1845 und 1850 erreichte die gottlose Flut die Höhe: so schien es, aber sie wuchs weiter, getragen durch die unten geschilderte theologische Entwicklung. Während jeder tat, was er wollte, rühmten alle ihre herrlichen Berge und deren himmelanstrebende Freiheit. Man sah aber nur die Mehrung des bettelnden Pauperismus. Wohl mahnten die göttlichen Gerichte: zehn Jahre gab es Misswachs. Es folgte nur Ermüdung und Abspannung. Zu neuem tollem Treiben wurde man durch das Aufblühen der Naturwissenschaft aufgereizt. Die moderne Weltanschauung trat als Fata Morgana in Sicht und entzückte viele. Der kirchliche Auflösungsprozess schritt voran. Der Vollgenuss und die Willkür des Individuums hatte die Zügel ergriffen. Was ist Wahrheit? – wurde das allgemeine Bekenntnis, und selbst die Frauenwelt schämte sich nicht, dasselbe anzunehmen. Die Reformer wollten wohl Christentum und Wissenschaft versöhnen, aber sie gewannen auch mit ihren frechen Lügen die verzogenen Gebildeten nicht. Die Negation überbot die stolzen Geister. Ungezählte Kinder wachsen gegenwärtig ohne eine Ahnung von der biblischen Geschichte auf, und die radikalen Lehrer wollen etwas Großes sein in den Redensarten des Unglaubens. „Unsere Vaterlandsliebe“, sagt Gottfr. Keller, „ist vielfach nur Selbstbewunderung“. Nieder mit dem Respekt! – ist die Losung – und er ist jetzt wirklich tot. Dabei die Zerrissenheit der pietistischen Richtungen, die auf niemand Eindruck machen können. Es fehlt nicht an Bemühungen, den völligen Bruch der Volkskirche zu hindern. In Bern hat die vom Volke frei gewählte Synode eine brauchbare Gemeine- und Predigerordnung und eine Liturgie ausgearbeitet. Die vermittelnden Parteien suchen ängstlich die Volkskirche zu halten, in der auch allein die Reformer gedeihen können, die in freien Gemeinen unfruchtbar sind. Man hat gegen die religionslose Schule 4 freie Lehrerseminare in Schiers, Zürich, Bern und Peseux errichtet; in Bern ein Lehrerinnenseminar und ein freies Gymnasium. Die Preisinnigkeit hat in wahrer Wut gegen die freien Schulen geeifert, doch lehnte die Erdrosselung derselben durch einen eidgenössischen „Schulvogt“ das Volk am 26. November 1882 mit großartiger Majorität ab. Christliche Lehrervereine bildeten in der Not einen evangelischen Schulverein. Die Sonntagsschulen suchten hie und da zu helfen. Die evangelischen Vereine entsenden ihre Wanderprediger und befördern die Bildung von konservativen Minoritätsgemeinen. Parallel-Gottesdienste, -Kinderlehren und -Unterweisungen tauchen auf. In all diesen Greuel der Verwüstung greift dann in der letzten Zeit das tolle, wilde Hallelujah der Heilsarmee hinein, die manchen harten Schweizer Nacken an die Bußbank nötigt und die christliche Wahrheit nur noch mehr der Verachtung anheimgibt. Ein Schweizer schildert mit traurigem Gemüt die Gegenwart in dieser Weise: „Die Mehrzahl unseres Volkes, besonders die niedrigen Schichten, sind dem Einfluss des Evangeliums entrückt, die Predigt hat für Tausende alle Zugkraft verloren, die Bibel ist von der Zeitung und dem Roman verdrängt, die Ehen mannigfach gelockert, das Wirtshaus – das Versammlungshaus aller Lebendigen und in den christlichen Kreisen fehlt in schmerzlich fühlbarer Weise der rechte Eroberungsgeist, die Gaben der Erweckung und Belebung in den Herrschaftsgebieten des geistlichen Todes.“ Aus einem durch seine köstlichen Spitzen weltbekannten Kanton, mit Erinnerungen an mittelalterliche Klostergröße, hört man folgende Schilderung der Gegenwart: „Neulich hat man hier einen Reformer gewählt, der am Züricher See nicht mehr möglich war. Es gibt hier auch positive Pfarrer, aber wir Positive machen den Liberalen keinen Eindruck, denn sie sagen mit Recht, dass wir in Kirchliche, Baptisten (wieder 5 Abteilungen), Mennoniten, Darbysten, Irvingisten und womöglich in noch andere Schattierungen geteilt seien. Das Traurigste in unserem Kanton ist der Jugendunterricht, dem man die Bibel genommen hat. In der schrecklichsten Unwissenheit wächst das junge Volk heran. Wohl muss es mit dem 13. Jahre zu der ‚Quartierlehre‘ des Pfarrers gehen, aber was kann dieser in einem Jahr und in der kaum ein halbes Jahr dauernden Zeit des Konfirmandenunterrichtes erreichen? Die Konfirmation selbst besteht in der Beantwortung weniger Fragen – und nach derselben ist man froh, selbst das schwächste kirchliche Joch abzuwerfen. In einiger Zeit haben wir hier ein völliges Heidentum. Wollte man es so machen, wie in anderen ref. Gemeinen, und den Heidelberger auswendig lernen lassen, so würde man das als Tyrannei verschreien. Man kann sagen, dass auch bei uns das Reformertum in seiner Leere mehr erkannt wird aber wird dasselbe ganz beseitigt, so werden manche feinere Gemüter ganz allen religiösen Fragen entfremdet werden. Es ist alles in Auflösung. Die geschichtliche ref. Kirche ist zerstört.“

Der liberale Bezirksschulrat Wagner sagt von der modernen Schule der Schweiz: „Die Schule befördert die Charakterlosigkeit. An dem die Welt bestehenden Schwindel, an der Oberflächlichkeit, mit der über die heiligsten Interessen weggelacht wird, an der Genusssucht, dem Leichtsinn, der die Massen beherrscht, an dem Mangel an Pietät und Rechtsgefühl ist die Schule schuldig. Ein Geschlecht ohne geistige Energie, ohne sittliche Zucht geht aus ihr hervor.“ Dies das Ende der schweizerischen Virtuosität im Schulwesen.

Man hat neuerdings von Erweckungsversammlungen gehört aber der Schweizer ist doch zu kalt, um seine Hände an dem gemachten und bald erloschenen Feuer amerikanischer und englischer Methode zu wärmen. Man glaube nicht, dass bei dieser trüben Schilderung etwa die Zustände in Nord- und Mitteldeutschland um vieles günstiger wären: ich glaube vielmehr, es wird in der Schweiz noch eine größere Zahl ernster und tatkräftiger Evangelischer geben, als in jenen deutschen Gegenden. Die Masse des Volkes aber entbehrt die geheimen Einflüsse der Bibel in den Volksschulen, deren wir uns noch erfreuen. Die „Allg. Schweizerzeitung“ schildert die Gegenwart so: Das öffentliche Leben ist durch und durch vergiftet, das Rechtsgefühl verwirrt, in radikaler Parteileidenschaft macht man den Staat seinen selbstsüchtigen Trieben dienstbar.

zu.224. Über sie haben Eynard, Ziethe, Jacob und Bruno Bauer, Krummacher geschrieben. Hurter, Frau v. Krüdener in d. Schweiz. 1817. Auch in dem Lebensbild von J. G. Müller (1885) ist von ihr die Rede.
zu.225. Sein Leben von Stockar, 1858.
zu.226. Die unritterliche Karikatur, die Ritschl von meiner lieben Großmutter gezeichnet, hat neuerdings Miescher beseitigt.
zu.227. Über ihn Emil Zschokke, 1876.
zu.228. Darüber Meyer, 1824, und Scherr, 1874.
Das Pferd wird gerüstet für den Tag des Kampfes, aber der Sieg kommt von dem HERRN. Spr. 21,31

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Dritter Abschnitt.
Die evangelische Kirche in der Schweiz und in den Niederlanden.

2. Die theologisch-kirchliche Entwicklung in der deutsch-reformierten Schweiz.(Teil.1)

Man bekannte sich in der deutschen Schweiz fast noch bis in die 30er Jahre zu einer religiösen Anschauung, in der Offenbarung und Vernunft gleichwertig waren. Die Autorität der symbolischen Bücher war gebrochen: man erschrak, wenn jemand sagte, er habe die Confessio Helvetica gelesen. Ein Bluntschli fand zu seiner Verwunderung die unbekannte Rechtfertigungslehre in der Reformationsgeschichte von Ranke. In den Lesezirkeln herrschte Röhr. Ein Schiller galt Hunderten mehr als die Bibel. Alles Mystische und Schwärmerische war verpönt. Die Baseler Traktätchen erregten den Zorn. Die Synoden ohne viel Leben brachten wenigstens die angenehmen Synodalessen. Die Bildung der Theologen war eine vorwiegend klassisch-philologische. Die „Berliner“, die Schüler Schleiermachers und Neanders, brachten dann das befremdliche Losungswort: „Das positive Christentum“. Bei den Geistlichen erwachte jetzt ein etwas lebendigeres Bewusstsein von dem eigentümlichen Wesen der Kirche. 1834 wurde die Evangelische Kirchenzeitung von Schinz gegründet und hatte einiges Ansehen bei den treuen Vertretern der streng evangelischen Richtung.

Die Gründung der Hochschulen in Zürich und Bern förderte die theologische neue Bewegung. 1836 wurde die Neue Kirchen-Zeitung für die ref. Schweiz in Zürich ins Leben gerufen. Die Berufung von Strauß an die Hochschule in Zürich rief den Unmut der Volksbewegung am 6. September 1839 hervor. Man hatte das Gefühl, dass der letzte Halt gegen die zunehmende Gottlosigkeit, die Kirche nun auch stürzen sollte. Es gab keine Menschen mehr, sondern nur noch Straußen und Anti Straußen. Es ist doch mancher Rationalist damals ein Orthodoxer geworden. Strauß blieb in Schwaben229. Auch die Kirchenzeitung war gegen ihn aufgetreten. 1844 erschien die Schrift von Pfarrer Biedermann: Die freie Theologie, oder Philosophie und Christentum in Streit und Frieden. Ein Versuch, die freie Theologie, die in den Wegen Hegels ging, als kirchlich berechtigt darzustellen. Weder Symbol noch Bibel sind Normen, denn letztere hat theoretische Vorstellungen und sittliche Verhältnisse, die dem Wechsel unterworfen sind. Auf der Predigergesellschaft in Zürich 1845 erklärte Fries, dass man über das apostolische Symbolum hinaus sei. Die Spekulativen gründeten ein Organ: Die Kirche der Gegenwart, 1845. Im Gegensatze zu ihr erschien gleichzeitig: Die Zukunft der Kirche, von Ebrard, Professor in Zürich. Man stritt sich, ob der absolute Geist das allgemeine schöpferische Wesen des Menschen sei, oder Persönlichkeit im Sinne der Schrift. Das Kirchenblatt für die ref. Schweiz, von Professor Hagenbach, wollte zwischen beiden Streitblättern ein Sprechsaal der Vermittlung sein. Hier führte Alexander Schweizer den Beweis, dass bei den Anschauungen von Biedermann alle spezifisch-religiösen Gefühle unsinnig seien, weil sich nach ihm in der Religion nur das individuelle Ich auf sein allgemeines Wesen beziehen solle. Nach Rechts wandte sich auch einmal das Kirchenblatt gegen den allzu streitbaren Dr. de Valenti, der eine kleine Evangelisten Anstalt mit wohltätigen orthodoxen Bemühungen in der Nähe von Bern errichtet hatte, und dem schon einmal De Wette, der „hochverräterische Flüchtling“, heftig seine Verachtung ausgesprochen hatte230. Die Berufung von Zeller nach Bern wurde mit Streitschriften und Petitionen begleitet. Auch die Anstellung von Biedermann als Professor der Theologie in Zürich gelang. Die Macht der Spekulativen wuchs: sie drohten mit ihrem: wir – wir. Nach und nach wurde der laute Streit unter den Bauleuten stiller, bis 1853 Dekan Locher von Wytikon den Religionsunterricht von Biedermann angriff. Es traten nun die „Zeitstimmen aus der ref. Kirche der Schweiz“ auf den Kampfplatz. Ihr Redakteur wurde der Schwabe Pfarrer Heinrich Lang in Wartau: ein Mann von frischer Sprache und schneidiger Unermüdlichkeit, der, wenn es einmal galt, auch kräftig fluchen konnte und in reicher schriftstellerischer Tätigkeit Großes in herausfordernder Keckheit geleistet hat. Es sollte die Kluft zwischen dem weltlichen Bewusstsein und dem religiös-kirchlichen Leben ausgefüllt werden. Die Leidenschaften glühten im Parteistreit. Mit matten Konzessionen schritt das Kirchenblatt dahin. Riggenbach, Professor in Basel, der frühere Sekundant von seinem Schwager Biedermann, war inzwischen zur Rechten übergegangen und verteidigte gegen diesen den Wunderbegriff. Einen energischen und reichbegabten Verteidiger empfing die konservative Sache durch das Auftreten des Prof. Held in Zürich, den eine Ev. Gesellschaft231 mit positiven Interessen berufen hatte. In geistvoller Weise äußerte sich der später so unglückliche Mann in den „Selbstzeugnissen Jesu“ und den „modernen Evangelisten“. Letztere eine meisterhafte Zeichnung schweizerischer Zustände. Tholuck ließ, durch Held bewogen, an Heinrich Hirzel, „chef actif du parti libéral“, in den Zeitstimmen eine Antwort erscheinen. Der Glaube sei mehr als eine „gläubige Routine“. Hirzel benützte die angebotene Hand, um Tholuck für liberale Agitation auszunützen. Als die Evangelische Gesellschaft in Zürich 1860 Gebetsversammlungen hielt, um die englisch-amerikanische Erweckung in ihrem gemachten Scheinleben auch in der Schweiz einzuführen, warf ihr Hirzel entgegen: Mit Kuriositätensucht sei dem religiösen Leben wenig gedient. Ein neues Ereignis war es, als die Ev. Allianz in Genf zusammentrat und Riggenbach über den Rationalismus in der Schweiz berichtete. Biedermann griff wieder den Wunderbegriff an und ließ aufs Neue die Idee und Vorstellung erscheinen. In Basel siegten um diese Zeit die konservativen Elemente, die sich aber durch das Gebahren des geschmacklosen Missionar Hebich schadeten. Apologetische Vorträge verteidigten den christlichen Glauben. In Bern war an die Stelle Zellers Immer gekommen, gegen den der positive Herr von Wattenwyl des Portes das Recht der Dissidenten in Schutz nahm. Die kirchliche Stellung behauptete in dem Hader der Fakultät der Pfarrer Baggesen. Heinrich Hirzel eilte nun zur Hilfe und die beiden Langhans begannen die bernerisch derbe Offensive. Der Leitfaden für den Religionsunterricht an höheren Lehranstalten von Eduard Langhans († 1891)232, Lehrer am Lehrerseminar in Münchenbuchsee, im Sinne der Tübinger und der Immanenz geschrieben, rief nicht nur eine kleine Literatur hervor, in der auch die Pfarrer König und Güder233 sich äußerten, sondern auch die Erklärung der Kantonssynode von 1866, dass die Autorität der hl. Schrift für Schule und Kirche zur Geltung zu bringen sei. Fr. Langhans und Pfarrer Albert Bitzius, eine gedrungene, derbe Gestalt, gaben nun die „Reformblätter aus der bernerischen Kirche“ heraus. Keine Dogmatik und keine Schrift mehr: so lautete die Losung. 1868 ging das Kirchenblatt ein, um durch den bestimmteren „Kirchenfreund“ von Güder, Heer und Riggenbach, später auch von Orelli redigiert, ersetzt zu werden. In Zürich brachte 1866 Pfarrer Vögelin in Uster das Evangelium und die Teilsage in Harmonie und bewirkte eine Erklärung von 78 Geistlichen gegen sich, der eine Motion des Pfarrer Wolfensberger in Zollikon in der Synode vorangegangen war: das vorhandene Ärgernis abzustellen. Nach persönlichen Angriffen von Schweizer gegen den Antragsteller hatte die Synode die Motion abgelehnt und erkannte damit die kirchliche Berechtigung der Reformer an. Diese erzwangen nach heißem Kampfe eine neue Liturgie mit Festgebeten ohne die Anrufung Christi. Der Ruin der ref. Kirche vollzog sich mehr und mehr. In der Berner gemeinsamen Liturgie wurde neben dem apostolischen noch ein anderes Glaubensbekenntnis aufgestellt. In St. Gallen gewannen in der seit 1862 freigewählten Synode die Reformer die Mehrheit und gründeten das „religiöse Volksblatt“. Die Liturgie von 1874 war hier ein Meisterstück „unglückseliger Zweispurigkeit“. An St. Laurenzen in St. Gallen wirkte der „unvergessliche Reformer“ Karl Eduard Mayer († 1884)234

zu.229 Über diesen Handel haben Lücke, 1839, Boden, 1840, und Gelzer, 1843, geschrieben. Auch Kulliemin, Geschichte der schweiz. Eidgenossenschaft, deutsch von Keller, S. 518-520.
zu.230 Sein Leben in der Zeitschrift „Der treue Eckart“. 1878.
zu.231 Hofmeister, Geschichte der ev. Gesellschaft, 1882.
zu.232 Eduard Langhans, Ein Zeuge der Geistesfreiheit, 1891.
zu.233 Sein Leben von seinem Sohne, 1886. Ein Berner Pfarrer wird uns auch in Franz Lauterburg geschildert (Erinnerungen von Ludwig, 1873).
zu.234 Zum Gedächtnis desselben, St. Gallen, 1884.
Das Pferd wird gerüstet für den Tag des Kampfes, aber der Sieg kommt von dem HERRN. Spr. 21,31

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