20. Denn sie reden von dir lästerlich. Warum sollte ich ihre Gesellschaft dulden, da ihre Rede mich anekelt? Sie stoßen ihre hochverräterischen und lästerlichen Reden aus, sooft es ihnen beliebt, und tun das ohne den geringsten Entschuldigungsgrund, ohne dass sie irgend dazu veranlasst oder gereizt werden; mögen sie sich darum dahin begeben, wo sie Gesinnungsgenossen finden - ich will nichts mit ihnen zu schaffen haben! Leute, die wider Gott lästerlich reden, werden sicher auch gegen uns ihre tückische Zunge gebrauchen, sobald ihnen das zu ihren Zwecken passt. Gottlose Menschen sind nicht der Stoff, aus dem man jemals treue Freunde machen kann. Gott hat diesen Leuten ihre Zunge gegeben, und doch richten sie sie mit Arglist, aus reiner Bosheit und mit ausgesuchter Schlechtigkeit wider ihren Wohltäter. Und deine Feinde sprechen deinen Namen zum Nichtigen aus, d. h. sie gebrauchen ihn freventlich. (And. Übers.6 Das ist ihre liebste Beschäftigung; Jehovahs erhabenen Namen zu schänden, ist ihnen ein Vergnügen - freilich ein Vergnügen der Hölle, ohne Freude und ohne irgendwelchen Nutzen. Der Mond erschrickt nicht sehr, wenn die Hunde ihn anbellen. Es ist ein sicheres Kennzeichen der echten Feinde des HERRN, dass sie die Unverschämtheit haben, seine Ehre anzugreifen, und es versuchen, seinen Ruhm in den Staub zu ziehen. Was kann Gott schließlich anderes tun, als das Gericht an ihnen vollstrecken? Und wie könnten wir anders handeln, als dass wir uns von jeder Art der Verbindung mit ihnen zurückziehen? Welch eine ungeheuerliche Sünde ist das doch, dass Menschen ein solches Wesen voller Güte schmähen und lästern! Die Frechheit derer, die seinen Namen freventlich missbrauchen und wider ihn boshaft reden, wird uns umso unbegreiflicher, wenn wir erwägen, dass der, wider den sie reden, allezeit um sie ist und jede Verunglimpfung, die sie seinem heiligen Namen beifügen, zu Herzen fasst. Wir sollten uns nicht darüber wundern, wenn Menschen uns kränken und verlästern; tun sie doch dem Höchsten dasselbe an.
21. Sollte ich nicht hassen, HERR, die dich hassen? (Grundtext) Sein Hass war rechter Art, denn er hasste nur diejenigen, die das Gute hassen. Darum schämt er sich seines Hasses nicht, sondern spricht davon offen vor Gott, in der festen Überzeugung, mit diesem Hass eine Tugend zu üben, der Gott selbst Zeugnis geben werde. Gewiss sollen wir alle Menschen lieben mit der Liebe des Wohlwollens; gottlosen Menschen jedoch die Liebe des Wohlgefallens zuzuwenden wäre ein Verbrechen. Niemand dürfen wir um seiner selbst willen oder wegen irgendeines Unrechts, das er uns zugefügt hat, hassen; aber einen Menschen darum zu hassen, weil er allem Guten widerstrebt und ein Feind aller Gerechtigkeit ist, das ist nicht mehr und nicht weniger als eine Pflicht, die uns obliegt. Je inniger wir Gott lieben, desto größer wird unsere Entrüstung werden über diejenigen, die ihm ihre Zuneigung verweigern. "So jemand den Herrn Jesus Christus nicht lieb hat, der sei Anathema" (1. Kor. 16,22). Das ist Eifer der Liebe, der fest ist wie die Unterwelt (Hohelied 8,6). Ein treuer Untertan darf dem, der an der Majestät seines Königs Verrat übt, keine Gunst erweisen. Und verabscheuen die, so sich wider dich setzen? (Grundtext) Er legt es dem HERRN vor, ob es anders sein könne und dürfe, als dass er Abscheu und Grauen empfindet über das böse Wesen und Tun derer, die sich wider seinen Herrn und Gott auflehnen. Er, der Allgegenwärtige und Allwissende, kennt unsere innersten Gefühle gegen die Unheiligen und Ungöttlichen; er weiß, dass es uns so fern liegt, solchen Beifall zu geben, dass vielmehr schon ihr Anblick uns ein Leiden ist.
22. Ich hasse sie in rechtem Ernst, wörtl.: Mit äußerstem, mit vollendetem Hasse hasse ich sie. Er lässt es nicht ungewiss, wie er zu ihnen steht; er denkt nicht daran, sich neutral zu verhalten. Sein Hass gegen schlechte, lasterhafte, gotteslästerliche Menschen ist tief, ungeteilt, tatkräftig. Er hasst die Gottlosigkeit ebenso mit seinem ganzen Herzen, wie er mit ganzem Herzen wahre Frömmigkeit liebt. Sie sind mir zu Feinden geworden, d. h. sie gelten mir als eigene Feinde. Er macht daraus eine persönliche Sache. Sie mögen ihm nichts Böses getan haben; aber wenn sie Gott Hohn bieten und wider sein Gesetz und die erhabenen Grundsätze der Wahrheit und Gerechtigkeit ankämpfen, dann erklärt er ihnen den Krieg. Die Gottlosigkeit trägt manchem die Gunst solcher ein, die an der Ungerechtigkeit ihre Lust haben; aber sie schließt von der Gemeinschaft der Gerechten aus. Wir ziehen die Zugbrücke auf und halten die Mauern wohlbesetzt, wenn Belialsleute an unserer Burg vorübergehen. Die Gesinnung solcher Leute ist für uns casus belli, ein gerechter Kriegsgrund; wir können nicht anders als wider die streiten, die mit Gott in Fehde sind.
23. Erforsche mich, Gott, und erfahre (erkenne) mein Herz. Der Psalmist ist sich bewusst, kein Genosse derer zu sein, die dem himmlischen König feind sind. Er hat ihnen in aller Form den Krieg erklärt, und er beruft sich nun auf Gott, dass er auch nicht im geheimsten Innern mit ihnen irgendwelche Gemeinschaft hat. Er will, dass Gott selbst ihn erforsche, und zwar durch und durch, bis jede Falte seines Herzens bloßgelegt, jeder Gedanke gelesen, jede geheimste Regung seines Innersten erkannt sei; denn er ist dessen gewiss, dass auch bei einer solch peinlich genauen Untersuchung keinerlei Gesinnungsgemeinschaft mit den Gottlosen in ihm erfunden werden wird. Das muss in der Tat ein aufrichtiger, wahrhaft treuer Mann sein, der so die Untersuchung herausfordern, sich mit vollem Bedacht freiwillig solch hochnotpeinlichem Verhör aussetzen kann. Doch ist es für jeden von uns notwendig, eine solche Prüfung zu begehren; denn es wäre für uns das schrecklichste Unglück, wenn in unseren Herzen Sünde unbekannt und unentdeckt bliebe. Prüfe mich und erfahre, wie ich’s meine (wörtl.: und erkenne meine Gedanken). Prüfe mich auf jede irgend erdenkliche Weise. Lass mich mit Feuer und mit Wasser erprobt werden. Lies nicht nur die Wünsche meines Herzens, sondern auch die flüchtigen Gedanken, die mir durch den Kopf gehen. Erkenne mit alles durchdringender Erkenntnis alles, was in den verborgenen Kammern meines Gemütes ist oder je gewesen ist. Welch eine große Gnade ist es doch, dass es einen gibt, der uns vollkommen zu erkennen vermag! Er ist in unserem Innersten daheim. Und er ist uns aufs herzlichste zugetan und stellt mit Freuden seine Allwissenheit unserer Heiligung zu Dienst. Lasst uns die Bitte des Psalmisten zu der unsrigen machen, und zwar mit der gleichen Aufrichtigkeit wie er. Wir können unsere Sünde ja nicht verbergen; die Hilfe liegt in der entgegengesetzten Richtung, darin, dass alles Böse in uns völlig aufgedeckt wird und wir wirksam davon geschieden werden.
24. Und siehe, ob ich auf bösem Wege bin, genauer: ob ein Weg der Pein, d. i. ein Weg, der zu Schmerzen führt, bei mir (zu finden) ist. O du Herzenskündiger, siehe wohl zu, ob in meinem Herzen oder meinem Leben mir selber unbewusst irgendetwas Böses ist. Findest du solch einen bösen Weg bei mir, o so erlöse mich davon. Einerlei wie lieb mir das Böse geworden sein mag oder wie sehr es sich in meinem Innern, mein Denken, Urteilen und Handeln bestimmend, festgesetzt haben möge, reiße es völlig aus meinem Herzen, auf dass ich nichts dulde, was vor dir nicht taugt. Wie ich die Gottlosen in ihren Wegen hasse, so möchte ich auch jeden gottlosen Weg bei mir selber hassen. Er müsste ja doch zu Schmerzen führen, zu inneren Gewissensqualen und zu Strafe und Beschämung; es wäre ja doch ein Weg der Pein, der ein Ende mit Schrecken nähme. Und leite mich auf ewigem Wege. Hast du mich in deiner Gnade bereits auf den guten alten Weg geführt, o so bewirke es durch dieselbe Gnade, dass ich darauf bleibe, und führe mich Schritt für Schritt weiter auf ihm, dem Ziele zu. Es ist ja der Weg, den du selber schon vor alters bereitet hast, er ist gegründet auf die ewigen Grundlagen der Wahrheit und Gerechtigkeit, und es ist eben der Weg, darauf die der Sterblichkeit entnommenen Erlösten ewig mit Lust wandeln werden. Er hat ewig dauernden Bestand, und die darauf wandeln, haben selber ewigen Bestand. Leite mich darauf, und führe mich an deiner Hand diesen ganzen Weg entlang. Leite mich durch deine Vorsehung, durch dein Wort, durch deine Gnade, durch deinen Geist, hier in der Zeit und bis in Ewigkeit.
Fußnote
6. Der ganze Vers ist in der uns vorliegenden Textgestalt voll sprachlicher Rätsel. Auch Luthers Übersetzung ist nur geraten. Die in der Auslegung im zweiten Halbvers befolgte Auffassung ist die der engl. Bibel, welche nach 2. Mose 20,7 zu )w#l)#n als Objekt "deinen Namen" ergänzt; sie kommt mit Delitzschs Auffassung überein. (Andere gelangen zu dem gleichen Sinn, indem sie das sehr fragliche Kfyre(f willkürlich in Kfme$: umändern.) So passt zwar der zweite Halbvers zu dem ersten, wenn man diesen übersetzt: "Sie erwähnen dich zu Arglist" (Delitzsch, etwas ähnlich Luther), aber abgesehen von den sprachlichen Bedenken erwartet man doch über die Blutmenschen noch eine Aussage andern Inhalts. Die meisten suchen daher den Text zu ändern. - James Millard
Regelmäßige Lesung aus der Schatzkammer Davids von Spurgeon
Moderatoren: Der Pilgrim, Anton, Peter01
Psalm 139
Erläuterungen und Kernworte
Zum ganzen Psalm. Aben Ezra († 1167) behauptet, dieser Psalm sei der herrlichste und ausgezeichnetste im ganzen Buch, die Krone des Psalters. Ein ganz vorzüglicher Psalm ist er sicherlich; aber dass er der vorzüglichste sei, werden wir schwerlich sagen. So hoch er steht, es gibt noch Psalmen, die ihn an Köstlichkeit übertreffen. John Gill † 1771.
Werden unsere Herren Klüglinge nach diesem Psalm noch immer auf die braven Hirten Palästinas als auf einen Haufen roher, ungebildeter Tölpel niederschauen? Lasst sie doch, wenn sie es können, aus den Klassikern Gedanken herbeibringen, die erhabener, feiner oder in der Form der Darstellung vollendeter sind; zu geschweigen von der gesunden, wahrhaft des Namens würdigen Theologie und der gediegenen Frömmigkeit, die aus dem Psalme hervorleuchten. Claude Fleury † 1723.
Die Ausführungen der ersten sechzehn Vers sind, wie von hoher poetischer Schönheit, so von höchstem theologischem Wert; sie sind ein beredtes Zeugnis von der Reinheit und Geistigkeit der Vorstellungen von Gott, die sich auf dem Boden schon der alttestamentlichen Gottesoffenbarung gebildet haben. Der Psalm konnte daher ein locus classicus auch für die christliche Lehre von Gott, insbesondere von der providentia specialissima Gottes (der Vorsehung Gottes in ihrem Walten über den Frommen und Gläubigen) werden. Lic. H. Keßler 1899.
Der Psalm hat im Wesentlichen zwei sehr verschiedene Gesamtauslegungen erfahren, je nachdem welche Bedeutung für die Richtung des Psalms man den Versen 19-22 zuerkannte.
Die meisten Ausleger (und so auch Spurgeon) halten das anbetende Bekenntnis des das ganze Leben des Psalmisten nach Ursprung, Wegen und Zielen umschließenden Wesens Gottes, V. 1-16 (oder 18), mit der diese betende Betrachtung trefflich zu einem Ganzen abrundenden Schlussbitte V. 23.24 für den Hauptkörper des Psalms. Der Ausdruck des Hasses gegen die Frevler, die einen so erhabenen Gott nicht gläubig verehren und lieben, sondern ihn sogar hassen und lästern, V. 19-22, ist diesen Auslegern nur ein Nebenstück, die Kehrseite der anbetenden Liebe des Psalmisten zu dem großen Gott, von dem er sich so ganz umfasst weiß und dessen Gedanken ihm so köstlich sind, dass er Tag und Nacht, gleichsam wachend und schlafend, mit diesem seinem herrlichen Gott beschäftigt ist.
Seit Olshausen (1853) hat sich aber eine andere Erklärung des Psalms einzubürgern versucht, die auch in Bäthgen und Keßler warme Vertreter gefunden hat. Nach diesen Auslegern zerfällt der Psalm in die zwei Teile V. 1-16 und V. 17-24. Den Wendepunkt bilde der 17. Vers, der dann übersetzt wird: Für mich aber - wie schwer sind deine Gedanken, Gott! "Du umfassest des Menschen ganzes Leben, sein ganzes Denken und Sein - andererseits aber, wie unmöglich ist es für den Menschen, Gottes Gedanken und Wege zu begreifen!" Unter den vielen Geheimnissen der göttlichen Weltregierung ist es besonders eines, das dem Psalmisten schwer zu schaffen macht: Warum tötet Gott die Gottlosen nicht, die sich so freventlich wider ihn, den Allerhabenen, empören? Der Psalmist weiß auf diese Frage keine Antwort; eins aber weiß er: zu schaffen haben darf und will er mit diesen Frevlern nichts. Er hasst sie mit vollendetem Hasse. Möge Gott sein Herz prüfen, ob er damit die Wahrheit rede; möge er ihn aber auch bewahren auf dem rechten Wege. - Nach dieser Auffassung gehört der Psalm inhaltlich also zu dem 73. und den diesem verwandten Psalmen, sowie zu dem Buche Hiob. Das Problem sei, in gewisser Beziehung, dasselbe wie in Hiob. Die Lösung, die im Buche Hiob in der demütigen Unterwerfung unter Gottes Fügung liegt, bestehe im Psalm in dem Vorsatz, den Hass gegen die Bösen unter allen Umständen zu bewahren - ein Gedanke, der allerdings auch Hiob nicht fremd ist. Die Betrachtung der göttlichen Allwissenheit V. 1-16 ist dann lediglich der freilich sehr breite Untergrund für die Rechtfertigung der sittlich-religiösen Haltung des Psalmisten.
Zu dieser Auffassung mag beigetragen haben, dass sich in dem Psalm auch in den Einzelheiten manche Berührungen mit dem Buche Hiob finden, sowohl sachlicher Art (z. B. Personifizierung des Morgenrots V. 9, vergl. Hiob 3,9; 41,10; Vorherbestimmung der Lebenstage V. 16 mit Hiob 3; 14,5; Bildung des Embryo V. 13-16 mit Hiob 10,9-11), als auch nicht wenige sprachlicher Art (z. B. der Gottesname Eloah V. 19, das nur noch bei Hiob sich findende, nicht hebräische l+q V. 19 und manche andere Aramaismen). Bäthgen stellt auf Grund des Inhalts und der Sprache des Psalms die Vermutung auf, der Psalm stamme wohl gar von dem Dichter des Buches Hiob selbst.
So manches für diese Auffassung des Psalms zu sprechen scheint, dünkt uns doch, dass die Bedeutung der Vers 1- 16 bei ihr zu kurz kommt. Diese so inhaltsreiche und, wenn als Hauptteil angesehen, bei allem Bilderreichtum doch knapp gehaltene Betrachtung würde, als Einleitung zu V. 17-22 (resp. V. 21.22) aufgefasst, doch von ganz unverhältnismäßiger, ja fast unerträglicher Breite erscheinen. (Eine so lange Einleitung könnten wohl nur wir Deutsche uns leisten!) Für die ältere Auffassung spricht die sich bei ihr ergebende Einheit des Grundgedankens des Psalms: die göttliche Allwissenheit (welchem sich auch V. 19 ff. einordnen lassen als Wunsch, Vorsatz und Gebet, die aus der Betrachtung der göttlichen Allwissenheit entspringen), und von Äußerlichem, dass sich dann der Psalm ungezwungen in vier Teile zu je sechs Versen zerlegt. Dass rqy ebenso kostbar sein bedeuten kann wie schwer sein, ist ja keinem Zweifel unterworfen. - James Millard
Der Psalm ist nicht eine rein theologische Abhandlung über gewisse göttliche Eigenschaften, sondern hat einen unmittelbar praktischen Endzweck, der gegen den Schluss hin deutlich hervortritt. Wenn Gott so ist, wie der Psalm ihn schildert, wenn seine Kraft und Wirksamkeit sich über alle seine Geschöpfe erstreckt, alles durchdringt und auch die tiefsten und dunkelsten Winkel erleuchtet; wenn sein Wissen keine Schranken hat, auch in die geheimnisvollen Vorgänge des Entstehens des Lebens eindringt, in die kleinsten, noch völlig unentwickelten Keime; wenn sein Auge sogar die noch feineren und verborgeneren Vorgänge unseres Gedanken- und Gemütslebens zu erkennen vermag, so dass er selbst die erst in der Entwicklung begriffenen Gedanken und die erst keimenden Wünsche und Begierden schon "von ferne" kennt; wenn wirklich schon vor aller in den Grenzen von Raum und Zeit sich bewegenden Existenz sein vorher bestimmender Ratschluss ergangen ist; wenn in jenen Urkunden der Ewigkeit wirklich schon der ganze Bau des Menschenleibes mit all seinen unzähligen Bestandteilen und Gliedern und der ganze Verlauf des Menschenlebens mit all seinen Tagen und den Ereignissen dieser Tage zuvor verzeichnet ist; kurzum, wenn des Menschen gesamtes Dasein nach Ursprung, Wegen und Zielen völlig in Gottes Rat und Hand beschlossen liegt: dann ergeben sich daraus für den Diener dieses Gottes auf Erden zwei überaus wichtige, sein Leben bestimmende Folgerungen: erstens, dass er mit allen denen, die diesem erhabenen Gott widerstreben, keinerlei Gemeinschaft pflegen darf, und zweitens, dass in ihm der heiße Wunsch entstehen muss, dass dieser Gott seine, des redlichen Gottverehrers, Seele erforschen möge, damit sich nicht in den unergründeten Tiefen seines Wesens irgendeine Sünde berge, damit nicht in seinem Innersten irgendein finsteres Gebiet unerforscht bleibe, das sich bei dem gegenwärtigen Stande seiner Erkenntnis der Gerichtsbarkeit seines Gewissens entzieht und einzig von dem Auge des Allwissenden erforscht werden kann. Bela B. Edwards † 1852.
Die Sprachgestalt des Psalms, die er nicht erst, was Klostermann als möglich hinstellt, im gemeindlichen Gebrauch erhalten hat, sondern welche die selbsteigne Erscheinungsform seiner Gedanken ist, gibt sich als eine in der davidischen Zeit unerhörte; es ist dem Anschein nach das in den Dienst der Poesie genommene aramäisch-hebräische Idiom (=Mundart) der nachexilischen Zeit. Er scheint7 zu den Psalmen zu gehören, welche bei aller Klassizität der Form Anzeichen des Einflusses enthalten, welchen die aramäische Sprache des babylonischen Reiches auf die Exulanten ausübte. Dieser Einfluss ergriff zunächst die Volkssprache, aber auch die Buchsprache; selbst die Psalmenpoesie entzog sich ihm nicht. Prof. Franz Delitzsch † 1890.
Bei der immer stärkeren Annäherung der hebräischen Sprache an den verwandten westaramäischen Dialekt, durch die sich das zweite oder silberne Zeitalter der hebräischen Sprache und Literatur (von der Rückkehr aus dem Exil bis zu den Makkabäern) charakterisiert, ist weniger an einen Einfluss der aramäischen Umgebung im Exil zu denken - denn gerade die Propheten aus dem Ende desselben schreiben ein verhältnismäßig reines Hebräisch - als vielmehr an den Einfluss der Aramäer, welche in Verbindung mit der wenig volkreichen neuen Kolonie Jerusalem lebten und deren Mundart schon als die offizielle Sprache der Westhälfte des persischen Reiches von Bedeutung war. Bei alledem ging die Verdrängung des Hebräischen durch das Aramäische nur ganz allmählich vor sich, und es fehlt auch jetzt nicht an Erzeugnissen, welche an Reinheit der Sprache und an ästhetischem Wert den Schriften des goldenen Zeitalters wenig nachgeben, so z. B. mehrere späte Psalmen (Ps. 120 ff.; Ps. 137; 139). - Nach Prof. E. Kautzsch 1889.
Die äußerst stark aramaisierende Sprache des Psalms erklärt sich nicht ausschließlich aus später Abfassung, noch jüngere Psalmen weisen zum Teil weit reineres Hebräisch auf. (Sie muss daher in Person und Umständen des Dichters begründet sein.) Nach Prof. Fr.Bäthgen 1904.
Die Beischrift "Dem Vorspieler", welche z. B. auch der jedenfalls nicht früher als zur Zeit der chaldäischen Katastrophe verfasste Ps. 74 trägt, beweist höchstens nur, dass der Psalm schon zur Zeit des ersten Tempels in liturgischem Gebrauch war. Prof. Franz Delitzsch † 1890.
Fußnote
7. Man beachte, wie vorsichtig sich der gewiegte Sprachkenner ausdrückt. - James Millard
Zum ganzen Psalm. Aben Ezra († 1167) behauptet, dieser Psalm sei der herrlichste und ausgezeichnetste im ganzen Buch, die Krone des Psalters. Ein ganz vorzüglicher Psalm ist er sicherlich; aber dass er der vorzüglichste sei, werden wir schwerlich sagen. So hoch er steht, es gibt noch Psalmen, die ihn an Köstlichkeit übertreffen. John Gill † 1771.
Werden unsere Herren Klüglinge nach diesem Psalm noch immer auf die braven Hirten Palästinas als auf einen Haufen roher, ungebildeter Tölpel niederschauen? Lasst sie doch, wenn sie es können, aus den Klassikern Gedanken herbeibringen, die erhabener, feiner oder in der Form der Darstellung vollendeter sind; zu geschweigen von der gesunden, wahrhaft des Namens würdigen Theologie und der gediegenen Frömmigkeit, die aus dem Psalme hervorleuchten. Claude Fleury † 1723.
Die Ausführungen der ersten sechzehn Vers sind, wie von hoher poetischer Schönheit, so von höchstem theologischem Wert; sie sind ein beredtes Zeugnis von der Reinheit und Geistigkeit der Vorstellungen von Gott, die sich auf dem Boden schon der alttestamentlichen Gottesoffenbarung gebildet haben. Der Psalm konnte daher ein locus classicus auch für die christliche Lehre von Gott, insbesondere von der providentia specialissima Gottes (der Vorsehung Gottes in ihrem Walten über den Frommen und Gläubigen) werden. Lic. H. Keßler 1899.
Der Psalm hat im Wesentlichen zwei sehr verschiedene Gesamtauslegungen erfahren, je nachdem welche Bedeutung für die Richtung des Psalms man den Versen 19-22 zuerkannte.
Die meisten Ausleger (und so auch Spurgeon) halten das anbetende Bekenntnis des das ganze Leben des Psalmisten nach Ursprung, Wegen und Zielen umschließenden Wesens Gottes, V. 1-16 (oder 18), mit der diese betende Betrachtung trefflich zu einem Ganzen abrundenden Schlussbitte V. 23.24 für den Hauptkörper des Psalms. Der Ausdruck des Hasses gegen die Frevler, die einen so erhabenen Gott nicht gläubig verehren und lieben, sondern ihn sogar hassen und lästern, V. 19-22, ist diesen Auslegern nur ein Nebenstück, die Kehrseite der anbetenden Liebe des Psalmisten zu dem großen Gott, von dem er sich so ganz umfasst weiß und dessen Gedanken ihm so köstlich sind, dass er Tag und Nacht, gleichsam wachend und schlafend, mit diesem seinem herrlichen Gott beschäftigt ist.
Seit Olshausen (1853) hat sich aber eine andere Erklärung des Psalms einzubürgern versucht, die auch in Bäthgen und Keßler warme Vertreter gefunden hat. Nach diesen Auslegern zerfällt der Psalm in die zwei Teile V. 1-16 und V. 17-24. Den Wendepunkt bilde der 17. Vers, der dann übersetzt wird: Für mich aber - wie schwer sind deine Gedanken, Gott! "Du umfassest des Menschen ganzes Leben, sein ganzes Denken und Sein - andererseits aber, wie unmöglich ist es für den Menschen, Gottes Gedanken und Wege zu begreifen!" Unter den vielen Geheimnissen der göttlichen Weltregierung ist es besonders eines, das dem Psalmisten schwer zu schaffen macht: Warum tötet Gott die Gottlosen nicht, die sich so freventlich wider ihn, den Allerhabenen, empören? Der Psalmist weiß auf diese Frage keine Antwort; eins aber weiß er: zu schaffen haben darf und will er mit diesen Frevlern nichts. Er hasst sie mit vollendetem Hasse. Möge Gott sein Herz prüfen, ob er damit die Wahrheit rede; möge er ihn aber auch bewahren auf dem rechten Wege. - Nach dieser Auffassung gehört der Psalm inhaltlich also zu dem 73. und den diesem verwandten Psalmen, sowie zu dem Buche Hiob. Das Problem sei, in gewisser Beziehung, dasselbe wie in Hiob. Die Lösung, die im Buche Hiob in der demütigen Unterwerfung unter Gottes Fügung liegt, bestehe im Psalm in dem Vorsatz, den Hass gegen die Bösen unter allen Umständen zu bewahren - ein Gedanke, der allerdings auch Hiob nicht fremd ist. Die Betrachtung der göttlichen Allwissenheit V. 1-16 ist dann lediglich der freilich sehr breite Untergrund für die Rechtfertigung der sittlich-religiösen Haltung des Psalmisten.
Zu dieser Auffassung mag beigetragen haben, dass sich in dem Psalm auch in den Einzelheiten manche Berührungen mit dem Buche Hiob finden, sowohl sachlicher Art (z. B. Personifizierung des Morgenrots V. 9, vergl. Hiob 3,9; 41,10; Vorherbestimmung der Lebenstage V. 16 mit Hiob 3; 14,5; Bildung des Embryo V. 13-16 mit Hiob 10,9-11), als auch nicht wenige sprachlicher Art (z. B. der Gottesname Eloah V. 19, das nur noch bei Hiob sich findende, nicht hebräische l+q V. 19 und manche andere Aramaismen). Bäthgen stellt auf Grund des Inhalts und der Sprache des Psalms die Vermutung auf, der Psalm stamme wohl gar von dem Dichter des Buches Hiob selbst.
So manches für diese Auffassung des Psalms zu sprechen scheint, dünkt uns doch, dass die Bedeutung der Vers 1- 16 bei ihr zu kurz kommt. Diese so inhaltsreiche und, wenn als Hauptteil angesehen, bei allem Bilderreichtum doch knapp gehaltene Betrachtung würde, als Einleitung zu V. 17-22 (resp. V. 21.22) aufgefasst, doch von ganz unverhältnismäßiger, ja fast unerträglicher Breite erscheinen. (Eine so lange Einleitung könnten wohl nur wir Deutsche uns leisten!) Für die ältere Auffassung spricht die sich bei ihr ergebende Einheit des Grundgedankens des Psalms: die göttliche Allwissenheit (welchem sich auch V. 19 ff. einordnen lassen als Wunsch, Vorsatz und Gebet, die aus der Betrachtung der göttlichen Allwissenheit entspringen), und von Äußerlichem, dass sich dann der Psalm ungezwungen in vier Teile zu je sechs Versen zerlegt. Dass rqy ebenso kostbar sein bedeuten kann wie schwer sein, ist ja keinem Zweifel unterworfen. - James Millard
Der Psalm ist nicht eine rein theologische Abhandlung über gewisse göttliche Eigenschaften, sondern hat einen unmittelbar praktischen Endzweck, der gegen den Schluss hin deutlich hervortritt. Wenn Gott so ist, wie der Psalm ihn schildert, wenn seine Kraft und Wirksamkeit sich über alle seine Geschöpfe erstreckt, alles durchdringt und auch die tiefsten und dunkelsten Winkel erleuchtet; wenn sein Wissen keine Schranken hat, auch in die geheimnisvollen Vorgänge des Entstehens des Lebens eindringt, in die kleinsten, noch völlig unentwickelten Keime; wenn sein Auge sogar die noch feineren und verborgeneren Vorgänge unseres Gedanken- und Gemütslebens zu erkennen vermag, so dass er selbst die erst in der Entwicklung begriffenen Gedanken und die erst keimenden Wünsche und Begierden schon "von ferne" kennt; wenn wirklich schon vor aller in den Grenzen von Raum und Zeit sich bewegenden Existenz sein vorher bestimmender Ratschluss ergangen ist; wenn in jenen Urkunden der Ewigkeit wirklich schon der ganze Bau des Menschenleibes mit all seinen unzähligen Bestandteilen und Gliedern und der ganze Verlauf des Menschenlebens mit all seinen Tagen und den Ereignissen dieser Tage zuvor verzeichnet ist; kurzum, wenn des Menschen gesamtes Dasein nach Ursprung, Wegen und Zielen völlig in Gottes Rat und Hand beschlossen liegt: dann ergeben sich daraus für den Diener dieses Gottes auf Erden zwei überaus wichtige, sein Leben bestimmende Folgerungen: erstens, dass er mit allen denen, die diesem erhabenen Gott widerstreben, keinerlei Gemeinschaft pflegen darf, und zweitens, dass in ihm der heiße Wunsch entstehen muss, dass dieser Gott seine, des redlichen Gottverehrers, Seele erforschen möge, damit sich nicht in den unergründeten Tiefen seines Wesens irgendeine Sünde berge, damit nicht in seinem Innersten irgendein finsteres Gebiet unerforscht bleibe, das sich bei dem gegenwärtigen Stande seiner Erkenntnis der Gerichtsbarkeit seines Gewissens entzieht und einzig von dem Auge des Allwissenden erforscht werden kann. Bela B. Edwards † 1852.
Die Sprachgestalt des Psalms, die er nicht erst, was Klostermann als möglich hinstellt, im gemeindlichen Gebrauch erhalten hat, sondern welche die selbsteigne Erscheinungsform seiner Gedanken ist, gibt sich als eine in der davidischen Zeit unerhörte; es ist dem Anschein nach das in den Dienst der Poesie genommene aramäisch-hebräische Idiom (=Mundart) der nachexilischen Zeit. Er scheint7 zu den Psalmen zu gehören, welche bei aller Klassizität der Form Anzeichen des Einflusses enthalten, welchen die aramäische Sprache des babylonischen Reiches auf die Exulanten ausübte. Dieser Einfluss ergriff zunächst die Volkssprache, aber auch die Buchsprache; selbst die Psalmenpoesie entzog sich ihm nicht. Prof. Franz Delitzsch † 1890.
Bei der immer stärkeren Annäherung der hebräischen Sprache an den verwandten westaramäischen Dialekt, durch die sich das zweite oder silberne Zeitalter der hebräischen Sprache und Literatur (von der Rückkehr aus dem Exil bis zu den Makkabäern) charakterisiert, ist weniger an einen Einfluss der aramäischen Umgebung im Exil zu denken - denn gerade die Propheten aus dem Ende desselben schreiben ein verhältnismäßig reines Hebräisch - als vielmehr an den Einfluss der Aramäer, welche in Verbindung mit der wenig volkreichen neuen Kolonie Jerusalem lebten und deren Mundart schon als die offizielle Sprache der Westhälfte des persischen Reiches von Bedeutung war. Bei alledem ging die Verdrängung des Hebräischen durch das Aramäische nur ganz allmählich vor sich, und es fehlt auch jetzt nicht an Erzeugnissen, welche an Reinheit der Sprache und an ästhetischem Wert den Schriften des goldenen Zeitalters wenig nachgeben, so z. B. mehrere späte Psalmen (Ps. 120 ff.; Ps. 137; 139). - Nach Prof. E. Kautzsch 1889.
Die äußerst stark aramaisierende Sprache des Psalms erklärt sich nicht ausschließlich aus später Abfassung, noch jüngere Psalmen weisen zum Teil weit reineres Hebräisch auf. (Sie muss daher in Person und Umständen des Dichters begründet sein.) Nach Prof. Fr.Bäthgen 1904.
Die Beischrift "Dem Vorspieler", welche z. B. auch der jedenfalls nicht früher als zur Zeit der chaldäischen Katastrophe verfasste Ps. 74 trägt, beweist höchstens nur, dass der Psalm schon zur Zeit des ersten Tempels in liturgischem Gebrauch war. Prof. Franz Delitzsch † 1890.
Fußnote
7. Man beachte, wie vorsichtig sich der gewiegte Sprachkenner ausdrückt. - James Millard
Wer sich nur nach dem, was er fühlt, richtet, der verliert Christus. (Martin Luther)