Tägliche Lesung aus der Dogmatik von Eduard Böhl

Nur für Gläubige, die die fünf Punkte des Arminianismus ablehnen

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Joschie
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Streifzüge durch das Gebiet der reformierten Dogmatik

Beitragvon Joschie » 19.01.2018 13:02

Streifzüge durch das Gebiet der reformierten Dogmatik

Die berühmten ökumenischen Konzilien setzten auch nur die notdürftigsten Grenzpfähle wider die ärgsten Ketzereien fest, und menschlich genug ging es auf ihnen her. Der Geist des Kaisers, und nicht der heilige Geist, tat Wunder. Auch diese Konzilien vermochten nicht die Kirche auf neue Bahnen zu bringen, wie es die Reformation tat. Die äußerliche Kirche zog, wie einst Israel, in dem Maße, als sie zur Herrschaft gelangte, es vor, sich auf Menschensatzungen zu stützen. Ihren Mittel und Schwerpunkt, den sie in der heiligen Schrift besaß, verkannte sie mehr und mehr; Krücken und abermals Krücken wurden gesucht, um den empfindlichen Ausfall der biblischen Wahrheiten zu ersetzen. Statt des lebendigen Hauptes Christi suchte man sichtbare Häupter aufzustellen, statt des einigen Mittlers und Fürsprechers, Christus, stellte man andere Mittelspersonen zwischen Gott und den Menschen auf, die Heiligen. Zu dem Blute Jesu Christi, in welchem allein wir Gerechtigkeit vor Gott haben, das allein unsere Sünden abwäscht, kamen allerlei andere Reinigungsmittel hinzu, so z.B. seit Gregor dem Großen das Fegefeuer nebst allem, was dasselbe im Gefolge hat. Der Kultus verdrängte den colendus. Und in dieser Richtung ging es weiter, bis dass die römische Kirche fertig war und der Greuel der Verwüstung an heiliger Stätte stand. Als nun die Kirche sich also bereichert hatte, da verschwand die Schrift immer mehr aus dem Herzen und dem Gedächtnis der Christen; sie musste ihren Ehrenplatz in der Kirche teilen mit der Tradition, dem sogenannten mündlichen Wort der Apostel, einem Gespinst aus Lügen und etlichen Wahrheiten. Das Illegitime wurde legitim. Der Pharisäismus war auf den Thron gehoben; Christus der Allgegenwärtige hatte einen Statthalter; und da ging es denn nach dem treffenden Satze: „Christus ist überall, nur dort nicht, wo er seinen Statthalter hat.“ Das einige Haupt hatte ein zweites Haupt neben sich erhalten. Das Lebensblut der Kirche floss nicht mehr durch lebendige Glieder herab von dem einigen Haupte Christus, sondern von dem Vize-Haupte in Rom floß unreines, vergiftetes Blut durch die gelähmten Glieder der veräußerlichten Kirche. Schein trat an die Stelle der Wahrheit, lügenhafte Tradition an die Stelle der durch das Wort Gottes vermittelten Überlieferung. Die Kirche war ein Feld voll toter Gebeine. Dieser Zustand trat ein, weil die Kirche vom Worte Gottes sich lossagte. Nur Ein Weg blieb übrig, wenn es zu einer Erneuerung derselben kommen sollte; dieser war, dass die Kirche wieder ihren Mittel- und Schwerpunkt in der heiligen Schrift suchte. Derartige Bewegungen nach ihrem Mittelpunkte hin haben bereits mehrere vor der Reformation stattgefunden. Die Waldenser(2), Wicleff und Hus haben der Reformation vorgearbeitet. Besonders durch den frommen, freimütigen Glaubenshelden Hus brach in Böhmen das göttliche Wort hervor und leuchtete in die weiteste Ferne. Er gab den ersten Anstoß zur Bildung neuer Gemeinschaften, die mehr oder minder sich von Rom freimachten, und von denen die böhmischen Brüder eine bewunderungswürdige Zucht unter sich herausbildeten, die Luthers Neid und Calvins Lob erregte. Auf diese klare, helle Morgenröte folgte ein herrlicher Tag. Die so tief unter dem Schutt von Menschenmeinungen begrabene heilige Schrift wurde wiedergefunden.
zu.2 Die an den Namen der Waldenser geknüpfte Opposition gegen die römisch-katholischen Irrtümer reicht, wie neuerdings in der Revue des deux mondes gezeigt wurde, bis in die frühesten Zeiten des reinen Christentums zurück. In Mailand erhielt sich durch und seit Ambrosius eine reine Liturgie und der Zugang zur heiligen Schrift war hier ein freierer, als anderswo. Als diese älteste protestantische Richtung aus der norditalischen Ebene verdrängt ward, zog sie sich in die Täler (vauds) zurück und evangelisierte von hier aus durch ihre Sendboten die umliegenden Länder. Von jener Lokalität stammt der Name Waldenser. Peter von Lyon (Waldus) gab dieser Richtung nur einen neuen Anstoß.
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Streifzüge durch das Gebiet der reformierten Dogmatik

Beitragvon Joschie » 29.01.2018 08:24

Und wie einst das wieder aufgefundene Gesetzbuch (2. Chron. 34,15 ff.), so ward auch jetzt das Wort des HErrn zu Königen und Propheten im Reiche Gottes gebracht. Spalatin und Wittenbach vertraten die Stelle jenes Hilkia. Ein solcher König und Prophet war Luther, ein anderer Zwingli, ein dritter Calvin. Und gleich wie Josia seine Kleider zerriss bei dem Vernehmen des göttlichen Wortes, also zerrissen diese Männer Gottes ihre Herzen und begannen nach des göttlichen Wortes Vorschrift zu lehren und zu leben. An sie schlossen sich erst Einzelne, dann ganze Gemeinden und Länder an. Auch sie mussten zur heiligen Schrift zurück, sonst gab es kein Heil für sie. So ist also nach geschichtlichem Zeugnis das Wort Gottes einziges Prinzip des Protestantismus und insbesondere unserer reformierten Kirche, welcher letzteren der Ruhm gebührt, vor anderen rein bei diesem Prinzip ausgeharrt zu haben.

Man hat vielfach ein doppeltes Prinzip für die Reformation nachweisen wollen, ein Formal- und ein Materialprinzip. Das ist aber eine durchaus abstrakte, durch die Geschichte nicht zu belegende Trennung. Wo anders hat sich das Dogma von der Rechtfertigung entzündet, als an der heiligen Schrift? Luther las die Briefe Pauli im Kloster zu Erfurt, und der Spruch: „der Gerechte wird seines Glaubens leben“, ging ihm auf seiner römischen Reise beständig nach. Schon vor dem Jahre 1517 schrieb Luther an den Propst von Lissa: „das Wichtigste sei, um zum Glauben zu gelangen, dass man Tag und Nacht mit dem Evangelium umgehe; dadurch würden wir aus Gott geboren; als aus Gott Geborene sündigten wir nicht, und genössen als solche fröhlich des Sieges.“ (Vgl. Val. Löscher, Reform.-Acten, Bd. I. S. 231.)

Zwingli hat Wesen und Hauptinhalt des Evangeliums nicht von Luther gelernt, den man neuerdings wohl als den Erfinder der neuen religiösen Anschauung feiern will, sondern er hat das Wesen der christlichen Lehre durch das Lesen des Johannes-Evangeliums und durch fleißiges Studieren der griechischen Briefe Pauli erlernt, die er schon anno 1516 abschrieb. Dadurch hat sich dem Zwingli auf ganz selbständige Weise, bevor er noch von Luther gehört, der Glaubensgrund gebildet, welcher bald dem römischen Unwesen gegenüber siegreich geltend machen sollte. Es ist also beiden Reformatoren ergangen wie den Propheten und dem alten Gottesvolk überhaupt. Als die Schrift wieder zur Geltung gelangte im Lande, als Christus durch sein Wort und seinen Geist verherrlicht wurde, da sprosste ein neues Leben hervor, vor welchem die Finsternis des falschen Gottesdienstes und des Unglaubens weichen musste.

Vergleichen wir beide Reformatoren, so müssen wie ihre Verdienste also bestimmen: Luther hatte das hohe Verdienst, dass er, im Geiste Gottes und umgürtet mit der Kraft von Oben, öffentlich dem Riesen der Tradition und Werkheiligkeit entgegentrat und als der Erste diesen gewaltigen Goliath tödlich verwundete. Ihm war es von Gott gegeben, die erste große Bresche in die alte Traditionskirche zu schießen, was nicht durch Geltendmachung eines sogenannten Materialprinzips, heiße dasselbe auch Rechtfertigung aus dem Glauben, geschah, sondern durch alleiniges Hervorheben der heiligen Schrift. Luther hat kein neues Losungswort, keine neue religiöse Anschauung entdeckt, vielmehr hat er die im Staube vergrabene heilige Schrift wieder hervorgeholt, hat ihre Worte mit dem Herzen geglaubt und mit dem Munde bekannt, kurz, er hat das Seinige redlich getan, damit die heilige Schrift allem Volke durch seine Übersetzung und seine Auslegung wieder zugänglich werde. Durch das Mittel einer energischen Schriftforschung, nicht aber durch Verfolgung eines obersten Lehrsatzes, bildete sich die Glaubenssumme, die nachmals symbolisch fixiert wurde. Eins aber hatte dieser Reformator vor seinen Mitstreitern und Nachfolgern in Deutschland voraus, dass er nämlich mit innerem Bedürfnis und mit einem erschrockenen Gewissen, gleich den Heiligen aller Zeiten, die Schrift erforschte und nunmehr, unterstützt durch seine großen Geistesgaben und gedrängt durch die schreienden Bedürfnisse der Zeit, eine große Fülle von Wahrheiten aus dem Schachte der heiligen Schrift zu Tage förderte.
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Beitragvon Joschie » 07.02.2018 11:32

In gleicher Weise wie Luther ging auch Zwingli zur Werke, nur langsamer, behutsamer und je nach dem Maße der ihm verliehenen Gaben. Man vergleiche seine Biographie von Christoffel und dann Zwinglis sämtliche Schriften im Auszuge von Usteri und Vögelin (1819), Wir bemerken, auf Gott gewartet und von der Wirkung des göttlichen Wortes alles erwartet zu haben, das ist das besondere Kennzeichen des Züricher Reformators gewesen. Schon im Sommer 1516 ging Zwingli nach Einsiedeln und begann hier seine reformatorische Wirksamkeit. Dorthin begleitete ihn schon die felsenfeste Überzeugung:
1) dass das Wort Gottes die einzige Richtschnur ist für Glauben und Leben, und 2) dass Christus unser einziges Heil sei. So war bereits im Keime alles vorhanden, was zu gegebener Zeit zu einer Reformation führen musste. Dass es nun in der Schweiz mit der Durchführung der Reformation langsamer ging als in Wittenberg, das lag in Gottes Fügung. Bald wurde ein Elia und Jesaja, bald ein Elisa und Jeremia dem Volke Gottes gegeben. Im Reiche Gottes regiert nicht die Uniformität. Und überhaupt: eigenwillig ergreifen, laufen, wo man nicht gesandt ist, das heiße man nicht die Kennzeichen eines Reformators. So genügte es denn unserm Zwingli anfänglich, den Sauerteig der biblischen Lehre in die Herzen seiner Zuhörer zu senken und im Übrigen den Segen Gottes zu erwarten. In Zürich wurden ganz allmählich die Hemmnisse der evangelischen Wahrheit hinweggeräumt; durch das Wort der evangelischen Predigt hielt Zwingli den Ablaßkrämer Samson von Zürich fern. Das Wort Gottes allein verdrängte auch den Söldnerdienst, welchen die Züricher fremden Potentaten leisteten, und wodurch die städtischen Sitten so sehr verdorben wurden. Endlich, die gesamte Abänderung des Gottesdienstes ging vor sich nach dem göttlichen Worte.
Seit 1523 nahm Zwingli, im Einvernehmen mit der Obrigkeit, weitgreifende Reformen vor, nachdem er zuvor die Gegner in Zürich auf den Mund geschlagen hatte. Die vornehmste Änderung bestand in der Einrichtung der täglichen öffentlichen Schriftauslegung. Die Bilder wurden behutsam aus den Kirchen getragen, die Messe abgeschafft, die Klöster aufgehoben, sodann eine Kirchenzucht und eine Synode eingerichtet, und so ist Zürich reformiert worden.
Wir sehen, die großen dramatischen Effekte der sächsischen Reformation fehlen hier; alles bereitet sich langsam und allmählich vor und kommt organisch, nicht stoßweise zur Ausführung. Alles geschieht überdies nicht über den Köpfen der Gemeinde, sondern die erweckte christliche Gemeinde und deren bürgerliche Obrigkeit reformierte sich eigentlich selbst. Im Stillen, sauerteigartig, darum aber um so sicherer und wahrhaft volkstümlich, setzte sich die Reformation in der Schweiz fest. Nichts wurde übereilt, sondern es reifte alles unter beständigem Aufblick des Reformators zu Gott und trotz aller sich entgegenstellenden Hindernisse. Aber eben darum, weil nichts im Sturm erobert war, sondern jeder Fußbreit Landes dem Feinde abgerungen wurde, ließ man sich auch nicht herbei, mit dem Feinde zu paktieren, oder um seine Anerkennung verlegen zu sein. Es war in Zürich das Gefühl vorherrschend, dass Gott sie zu solchen Dingen berufen habe, dass nicht ihre Kräfte solches ausgerichtet, sondern Gott. (5. Mo. 8,17.18.) Im Vergleich hiermit tritt uns in Wittenberg doch mehr menschlicher Kraftaufwand entgegen. Demut und Bescheidenheit charakterisieren Zwingli bis zu seinem Tode in der Cappeler Schlacht; er hielt seine Person nicht für zu wertvoll, um etwa in der Stadt oder hinter der Schlachtlinie sich verborgen zu halten. Er ging in den Kampf wider die feindlichen Kantone, wie das sein Beruf erforderte, und starb mitten in seinem Berufe, den er als Feldprediger ausübte, als Bürger seiner Stadt: er zeigte sich nicht als ein feiger Mönch.
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Beitragvon Joschie » 20.02.2018 08:51

Wir haben an Zwingli einen Mann Gottes zu bewundern, einen Mann, der sich nichts anmasste, sondern in Demut Gott die Ehre gab, wenn ja etwas durch ihn sollte vollbracht worden sein. Gottes Wort und Ehre waren die zwei Leitsterne seines Lebens. Das unter solchen Anspielen begonnene Werk der Reformation ist bestehen geblieben und überall, wo diese Reform hindurchgedrungen, hat sie das soll Deo gloria und den streng schriftgemäßen Charakter, das pure oder, wenn man so will, das puritanische nicht verleugnet.
Wir sehen also: Luther ist ein Mann Gottes und Zwingli ist ein solcher. Ihr Glaubensgrund ist der nämliche, aus der heiligen Schrift selbständig von Beiden geschöpft. Dies erweist sich am besten daraus, dass Zwingli anfangs keinen Anstand nahm, Luthers Lob bereitwillig zu verkündigen; er sagt von ihm, „dass Luther mit großem Ernst die Schrift durch gründet habe, wie keiner vor ihm, und dass Luthers dogmatische Lehr und Meinungen so gegründet seien in Gottes Wort, dass nicht möglich sei, das es eine Kreatur widerlege.
“ Was den Ausgangspunkt betrifft, so waren beide ganz einig. Doch gehen wir jetzt etwas auf ihre Verschiedenheit ein. Da ist der Unterschied zwischen beiden dieser: Luther war ein Mann der großen Anfänge, der energischen Initiative; ein Bahnbrecher und Gründer ohne Gleichen; jedoch die Muße, das also Begründete bis zum Schlussstein hinaus nach der einen, unverrückbaren Regel des Gotteswortes auszugestalten, hat er sich nicht gegönnt. Vielmehr beseelte ihn, nach dem treffenden Ausdruck Hundeshagens, eine geniale Sorglosigkeit. Er besaß zweitens aber eine sehr starre Energie in der Verfolgung des ihm vorschwebenden Zieles. Das war freilich gut, solange es sich um die Wahrheit handelte, schlimm jedoch, wenn Rechthaberei sich hineinmischte. Da ärgerte ihn denn das abweichende Lehren Zwinglis, und nun ließ er sich so weit hinreißen, daß er die Reformierten, denen der HErr die Gnade gab, den Weg Gottes noch gründlicher zu verstehen (Apg. 18,24 ff.), als Sakramentierer und Anhänger des Teufels schalt.(3) Es ist ein erschütterndes Faktum, dass er die Konkordanz in allen andern Lehrpunkten in Anbetracht jener Divergenz im Lehrstück vom Abendmahl für gering zu halten sich anmaßte. Dieser besondere Charakter hat nun seine Folgen bei Luther und seiner Kirche gehabt. Erstens ist es unmöglich, ein Lehrsystem aus Luthers Werken herzustellen; ja nur mit Mühe kann man bei manchen Lehrpunkten sich klar werden, was Luthers Meinung eigentlich gewesen. Es gibt sogar ganz widersprechende Dinge in seinen zahlreichen Folianten. Seine Schriften sind ein frischer, lebendiger Quell voll unerschöpflicher Anmut und Lebendigkeit; Luther stand im Mittelpunkt der Schrift. Aber das Ganze der Schriftlehre hat er nicht so treffend entwickelt wie Zwingli oder gar Calvin. Er hatte eine großartige intuitive Erkenntnis;Zwingli dagegen besaß ein mehr diskursives, wenn auch nicht so tiefes Denken.
Zwinglis Bedeutung besteht nicht so sehr in vielseitiger Erörterung gewisser Schriftlehren und beständiger Einprägung derselben, dazu lebte er schon viel zu kurz, aber wohl wurde, der ganze Reichtum der Schrift von Zwingli zu einem geschlossenen Ganzen der Erkenntnis verarbeitet. Seine dogmatische Anschauung ist vollständiger, einheitlicher und harmonischer und sein Vorgehen planmäßiger, entschiedener und auch kirchenbildender als das Luthers. Noch weit mehr gilt dies von Calvin.
zu.3 S. Planck, Geschichte der Entstehung des protest. Lehrbegriffs. Bd. II, S. 318, 473.
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I. Entstehungsgrund der reformierten Kirche

Beitragvon Joschie » 09.03.2018 11:17

Jener Charakterzug genialer Sorglosigkeit blieb auf die nach Luther benannte Kirche nicht ohne Einfluß. Sein hoher Glaubensflug riß zunächst alle mit sich fort; aber als es nun galt, sich in dem neuen Gebäude einheimisch zu machen, da ging man oberflächlich zu Werke. Man zog nicht die Gemeinde herbei, sondern alles wurde von oben herab, von Fürsten und Theologen, dekretiert und die Gemeinde beließ man nur zu sehr in der mittelalterlichen Unmündigkeit. Die entschiedene Losreißung von der Tradition der alten Kirche wurde nicht so korrekt ins Werk gesetzt wie in Zürich. Die Bilder und ein Rest des Altardienstes blieben leider zurück, ja in Schweden und Dänemark behielt letzterer den Namen Messe. Die Kirchenzucht wurde nicht zum höchsten Korrektiv des allgemeinen Priestertums in den neuen Gemeinden erhoben. Die Beichte samt der Absolution, ein Brauch, den Müller in Rostock zu den „drei toten Götzen“ rechnete, ebenso der Exorzismus bei der Taufe wurden belassen. Mit der Absolution wurde einer Überspannung der Amtsgewalt aufs Neue Bahn gemacht. Es blieb ein römischer Sauerteig zurück und dieser gewann dann unvermerkt Einfluß auf die ganze Gedankenwelt. Das war aber in unserer Kirche nicht der Fall. Zwingli wußte weit radikaler alle Fasern, die die Evangelischen mit den Römischen verbanden, durchzuschneiden.
Die bis zum Eigensinn sich steigernde Energie seines Charakters bewies Luther durch das Festhalten an seiner aparten Abendmahlslehre. Solche Energie ist besonders da gefährlich, wo sie sich auf ein Wort Gottes zu stützen meint. Das Wörtlein „ἐστί“ – „ist“ hat den ganzen Mann umgewandelt. Luther versündigte sich, als er trotz herrlicher Gegenbeweise seine Bruderhand dem Züricher Reformator verweigerte; er verkannte ihn beim Gespräch zu Marburg, statt von ihm zu lernen. Man vergleiche Christoffel: Das Leben Zwingli’s, S. 304 ff., und Planck: Geschichte der Darstellung und Entwickelung des protestantischen Lehrbegriffs, Band II, Buch 6. Mit dieser Abendmahlslehre begründete Luther eine neue Scholastik, die sich in der Lehre von der Person Christi dann auch von der reformierten Kirche trennte. Ferner bahnte sich die urteiltsvolle Überschätzung der Sakramente an, als solcher Gnadenmittel, deren Wirkung unfehlbar, magisch sei. Als nun Luther starb, nachdem er Melanthon zuvor noch aufgetragen, in dem Abendmahlsstreite etwas zum Frieden Dienendes zu tun,(4) so trat doch leider das gerade Gegenteil des Friedens ein. Die Abendmahlslehre wurde der Punkt, in welchem die Eiferer ihre Keile einsetzten, um den Spalt zwischen beiden Kirchen immer ersichtlicher zu machen.(5) Der Gegensatz zu Zürich wurde ein trauriges Erbteil der lutherischen Kirche und später auf Genf übertragen. Die Konkordienformel lehnte den Calvinisten zum Trotz und eigentlich ganz gegen Luthers Überzeugung auch noch die Prädestinationslehre ab. Damit aber legte sie den Grund zum Rückfall in einen versteckten Semipelagianismus. Der Grund wurde gelegt zu einem beständigen Schwanken zwischen menschlichem Können oder Nichtkönnen in dem Akt der Bekehrung.
Die also begründete Feindschaft wurde seit der abschließenden Konkordienformel zu einem chronischen Übel. Wie Homer vom Zorn des Achilles lebte, also lebten die lutherischen Epigonen vom Zorn des Megalander. Um diesen Zorn, den Luther im Lehrstück vom Abendmahl bewies, setzt sich ihre ganze Theologie an. Vergebens hatten Calvin und Melanthon dem akuten Stadium abzuhelfen gesucht. Ihre Tränen reizten nur die Eiferer. Wie einen Werwolf jagte man den noblen a Lasco durch Dänemark und Deutschland. Und die Reformierten? – Sie verhielten sich solcher Feindschaft gegenüber meist klagend und abwartend. Nichts war ihnen unlieber als die Trennung, die ja auch so große politische Nachteile in Deutschland wie in Frankreich mit sich brachte. Der ganze Briefwechsel Friedrichs des Frommen ist eine große Glorifikation des reformierten Verhaltens in diesen allertraurigsten Läuften eines mehr denn dreißigjährigen Krieges, an dessen Folgen wir bis jetzt noch zu tragen haben.
Doch kehren wir zurück zu dem eignen Herde, auf den die Cappeler Schlacht zuletzt ihren blutigen Schein warf. Zwingli starb zu früh, um als der alleinige Gründer unsrer Kirche gelten zu können; und so blieben denn auch seine besonderen Charakterzüge ohne nachhaltigen Einfluß auf unsere reformierte Kirche. Zwingli hat uns auch kein Werk hinterlassen, welches einer Dogmatik gleich käme. Er hat nur die großen Grundsätze der christlichen Lehre aus der heiligen Schrift eruiert; seine Schriften sind mehr Glaubensdeklarationen als dogmatische Expositionen. Wir nennen seine 67 Schlussreden 1523; Berner Thesen 1628; Fidei ratio ad Carolum imperatorem 1530; Fidei expositio ad Franciscum regem. Seine umfassendsten Schriften dogmatischen Inhalts sind sein „Commentarius de vera et falsa religione“ und ferner „De providentia.“ Was nun Zwingli unterlassen mußte, da seine Lebenszeit beschränkt war, das unternahm Calvin; er vollendete im Geist, was Zwingli im Geiste begonnen.
zu.4 Daß diese Behauptung keine grundlose sei, bestätigt das wiederholte Zeugnis Friedrichs des Frommen in seinen von A. Kluckhohn herausgegebenen Briefen (Bd. I, S. 540. 557-560). „Lieber Philipp, ich bekenne, daß der Sache vom Sakrament zu viel getan ist.“ Diese Worte stellen ihn wieder würdig an die Seite des Sängers von Psalm 51. Auch Kluckhohn bemerkt, daß nach den Regeln der historischen Kritik jene Nachricht sich nicht mehr als eine Fabel behandeln lasse.
zu.5 Man vergleiche nur den zwischen a Lasco und Brenz geführten Briefwechsel und ihre Disputation im 2. Bande der Opera et vita Jo. a Lasco, herausgegeben von D. Kuyper.
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Streifzüge durch das Gebiet der reformierten Dogmatik

Beitragvon Joschie » 21.03.2018 18:23

II. Calvins Institutio

Calvin hat den Vorzug, Zwingli und Luther zu kennen, obgleich er nicht ihr Nachahmer war, sondern ganz selbständig in Unterordnung unter die heiligen Schriften zu Werke ging (vgl. Inst. l, cap. 7, § 1-5). Er stand selbst lange den beiden Parteien als Beobachter und Beurteiler gegenüber. Um so erhebender ist es, aus der ersten Ausgabe seines berühmten Werkes, der „Institutio religionis christianae“, Basel 1636, zu ersehen, wie er in allen Hauptpunkten dasselbe sagt, was seine zwei Vorgänger lehrten. Der gleiche Geist trieb die verordneten Träger der Reformation in gleicher Weise. Auffallend ist es ferner auch, daß Calvin in den verschiedenen Ausgaben seiner Institutio sich immer gleich geblieben ist. In der Vita Calvini S. 41 hat schon Beza gesagt: kein Theologe habe dies besessen, daß er in seinen letzten Tagen so noch dasselbige lehrte, wie in seiner ersten Schrift. Er ging von Anfang an wie ein sicherer Architekt zu Werke, und so war er nicht nachher gezwungen, seinen Bau wieder einzureißen. Diese Grundschrift der reformierten Kirche sticht durch ihre Klarheit, Durchsichtigkeit und schöne Harmonie hervor. Jeder Satz wurde vom Autor völlig durchdacht; die mächtige Gedankenarbeit stößt die Phrase (diesen lieben Nothelfer der Mehrzahl unter unsern Theologen) hinaus aus diesem Meisterwerk. Seine dogmatischen Konstruktionen behalten gleichwohl stets einen erbaulichen Charakter; es leitete ihn das praktische Bedürfnis der Christenheit. Dieses Werk verfolgte gar keinen gelehrten Zweck, sondern es sollte dazu dienen, um die Vorwürfe gegen den Protestantismus in Frankreich durch Darlegung des unter den Protestanten üblichen christlichen Unterrichtes zu widerlegen. Daraus erklärt sich an der Spitze des Werkes der Brief an Franz I., in welchem ein König des Reiches Gottes zu seinem irdischen König redet. Von der Manier der früheren Scholastiker frei, atmet dieses Buch einen ganz von dem Worte Gottes getränkten Geist.
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Beitragvon Joschie » 28.04.2018 18:07

Die Institutio, oder das Buch vom christlichen Unterricht, wurde zuletzt 1560 von Calvin selbst, vier Jahre vor seinem Tode, herausgegeben und zerfällt in vier Bücher. Der Gang richtet sich ganz bescheiden nach dem Symbolum Apostolicum.

Das 1. Buch trägt die Überschrift: „De cognitione Dei creatoris“ und hat 18 Kapitel. Es entspricht dem, was man jetzt gewöhnlich im ersten Teile der Dogmatik behandelt, nur daß bei Gelegenheit der Erschaffung des Menschen dort schon ein Stück Anthropologie voraus genommen wird.

Das 2. Buch behandelt: „De cognitione Dei redemptoris in Christo“, wie dieselbe zuerst den Vätern unter der Gesetzesökonomie und sodann uns im Evangelium geoffenbart wurde. Es hat 17 Kapitel und umfasst, was jetzt als Anthropologie und Christologie oder Soteriologie vorgetragen zu werden pflegt. Als Anlaß zur Erlösung wird der Fall Adams zuerst behandelt, sodann die alte Ökonomie als Introitus zum Evangelium und als bereits dasselbe bezwecken; dann folgt die Exhibitio des verheißenen Christus im neuen Testament, wo die Person und das Wesen Christi, letzteres bestehend in dem dreifachen Amt, beschrieben wird.

Das 3. Buch spricht: „de modo percipiendae Christi gratiae“ und was daraus für Früchte und Wirkungen folgen. Dieser Teil ist gleich der Soteriologie. Alle hier vorkommenden Wirkungen gehören der Provinz des heiligen Geistes an. Völlig sachgemäß wird als erste Wirkung desselben der Glaube obenan gestellt; aus ihm wird die Reue geboren, und damit ist die Wiedergeburt fertig. Dann folgt die objektive Beschreibung des neuen Lebens an der Hand der Schrift und die Lehre von der Iustificatio. Daß nun aber das Evangelium nicht bei allen Menschen gepredigt wird und auch, wo es gepredigt wird, nicht überall eine gleich gute Aufnahme findet, diese Wahrnehmung führt ihn auf die Prädestinationslehre. Den Schluß dieses Abschnittes bildet die Auferstehung des Fleisches.

Im 4. Buche handelt Calvin „de externis mediis vel adminiculis, quibus Deus in Christi societam nos invitat et in ea retinet.“ Dieses Buch ist eigentlich der Auslegung der zeitweilig übergangenen Bestandteile des 3. Artikels („Ich glaube eine heilige allgemeine christliche Kirche, die Gemeinschaft der Heiligen“) gewidmet. Es zerlegt sich in drei Hauptteile: zuerst über die Kirche Christi, und zwar a. deren Kennzeichen, b. deren Regierung und Ordnung, c. deren Machtvollkommenheit, d. über die Kirchenzucht. Schon in der ersten Ausgabe S. 384 findet sich die Idee der Berufung der Geistlichen durch die christliche Gemeinde selbst ausgesprochen. Dann folgen die Sakramente, endlich ein Abschnitt über die politica administratio. – Ein großartiger Bau bietet sich dar in diesem Buch, das sich dennoch ganz bescheiden an den Gang des Apostolicum hält, worin ihm die späteren Dogmatiker, mit Ausnahme Olevians, nicht nachgefolgt sind.
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Beitragvon Joschie » 28.04.2018 18:07

Die Institutio, oder das Buch vom christlichen Unterricht, wurde zuletzt 1560 von Calvin selbst, vier Jahre vor seinem Tode, herausgegeben und zerfällt in vier Bücher. Der Gang richtet sich ganz bescheiden nach dem Symbolum Apostolicum.

Das 1. Buch trägt die Überschrift: „De cognitione Dei creatoris“ und hat 18 Kapitel. Es entspricht dem, was man jetzt gewöhnlich im ersten Teile der Dogmatik behandelt, nur daß bei Gelegenheit der Erschaffung des Menschen dort schon ein Stück Anthropologie voraus genommen wird.

Das 2. Buch behandelt: „De cognitione Dei redemptoris in Christo“, wie dieselbe zuerst den Vätern unter der Gesetzesökonomie und sodann uns im Evangelium geoffenbart wurde. Es hat 17 Kapitel und umfasst, was jetzt als Anthropologie und Christologie oder Soteriologie vorgetragen zu werden pflegt. Als Anlaß zur Erlösung wird der Fall Adams zuerst behandelt, sodann die alte Ökonomie als Introitus zum Evangelium und als bereits dasselbe bezwecken; dann folgt die Exhibitio des verheißenen Christus im neuen Testament, wo die Person und das Wesen Christi, letzteres bestehend in dem dreifachen Amt, beschrieben wird.

Das 3. Buch spricht: „de modo percipiendae Christi gratiae“ und was daraus für Früchte und Wirkungen folgen. Dieser Teil ist gleich der Soteriologie. Alle hier vorkommenden Wirkungen gehören der Provinz des heiligen Geistes an. Völlig sachgemäß wird als erste Wirkung desselben der Glaube obenan gestellt; aus ihm wird die Reue geboren, und damit ist die Wiedergeburt fertig. Dann folgt die objektive Beschreibung des neuen Lebens an der Hand der Schrift und die Lehre von der Iustificatio. Daß nun aber das Evangelium nicht bei allen Menschen gepredigt wird und auch, wo es gepredigt wird, nicht überall eine gleich gute Aufnahme findet, diese Wahrnehmung führt ihn auf die Prädestinationslehre. Den Schluß dieses Abschnittes bildet die Auferstehung des Fleisches.

Im 4. Buche handelt Calvin „de externis mediis vel adminiculis, quibus Deus in Christi societam nos invitat et in ea retinet.“ Dieses Buch ist eigentlich der Auslegung der zeitweilig übergangenen Bestandteile des 3. Artikels („Ich glaube eine heilige allgemeine christliche Kirche, die Gemeinschaft der Heiligen“) gewidmet. Es zerlegt sich in drei Hauptteile: zuerst über die Kirche Christi, und zwar a. deren Kennzeichen, b. deren Regierung und Ordnung, c. deren Machtvollkommenheit, d. über die Kirchenzucht. Schon in der ersten Ausgabe S. 384 findet sich die Idee der Berufung der Geistlichen durch die christliche Gemeinde selbst ausgesprochen. Dann folgen die Sakramente, endlich ein Abschnitt über die politica administratio. – Ein großartiger Bau bietet sich dar in diesem Buch, das sich dennoch ganz bescheiden an den Gang des Apostolicum hält, worin ihm die späteren Dogmatiker, mit Ausnahme Olevians, nicht nachgefolgt sind.
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Beitragvon Joschie » 29.05.2018 17:50

Über seine Stellung zur Schriftautorität äußert sich Calvin im 6. und 7. Kapitel des 1. Buches. In Kapitel 6, § 2 heißt es z. B.: „Folgendes ist notwendig, dass man seinen Ausgangspunkt nehme von der himmlischen Lehre, auf dass uns die wahre Religion bekannt werde, und festzuhalten ist: dass nur der Schüler der Schrift einen Geschmack von der geraden und gesunden Lehre derselben bekommen könne. Daraus erst entsteht der Ursprung der wahren Erkenntnis, wenn wir mit Ehrfurcht das umfassen, was Gott daselbst von sich hat bezeugen wollen.“ – Aus Ps. 19,8 erweist er, dass das Gesetz Gottes die peculiaris filiorum Dei schola sei. Er weist weiter darauf hin, daß die Schrift nicht erst durch die Kirche als göttlich authentisiert werde, sondern sie sei erbaut auf den Aposteln und Propheten (Kap. 7 § 2. nach Eph. 2,20). Der Anfang der Kirche aber ist maßgebend für alle Folgezeit. Also die Schrift authentisiert sich selber bei der Gesamtheit wie bei den Einzelnen, und die Empfehlung, welche die Kirche der Schrift zukommen lässt, ist nur eine Konsequenz des mächtigen Einflusses der Schrift auf die Kirche. Die Schrift – das ist der Hauptpunkt – empfiehlt sich selber durch den ihr einwohnenden Geist. Als daher einmal Beza auch Stellen der Kirchenväter als Argumente gebrauchte, so wurde er deshalb von Calvin zurechtgewiesen.

Was die Prädestinationslehre Calvins anlangt, so haben wir schon aus dem Überblick gesehen, dass er sie erst am Ende des dritten Teiles vorbringt. Es ist verkehrt, wenn man meint, Calvin sei auf diese Lehre von einem aus der Philosophie entlehnten Obersatz gekommen, etwa dass alle Menschen fatalistisch durch Gott determiniert seien. Vielmehr ging Calvin vom Verderben des Menschen aus, gerade wie Luther, Zwingli und früher schon Hus, ja wie Paulus selber; und indem nun Calvin die Gabe der Errettung aus diesem Verderben als reine Gottesgabe fasste, indem er weite einfach auf die Art der Aufnahme der göttlichen Wahrheit unter den Menschen reflektierte: so gelangte er ganz einfach zu der Lehre von der ewigen Erwählung. Israel ist schon ein historisches Zeugnis dafür. Dazu kommt, dass Calvin gar nichts Neues lehrt, sondern nur das Gleiche, was Zwingli in seinem Buch de providentia, was Melanthon in seinen Locis und Luther im Buche: „de servo arbitrio“ lehrten. Calvin ging sogar weniger a priori zu Werke als Melanthon und Zwingli; ja er redete weit umsichtiger und zarter von dieser Materie als Luther in jener Streitschrift gegen Erasmus. Er treibt uns keineswegs an, darüber zu spekulieren, ob wir erwählt seien.
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Streifzüge durch das Gebiet der reformierten Dogmatik

Beitragvon Joschie » 21.06.2018 18:42

Die Lehre vom heiligen Abendmahl ist eine selbständige Darlegung aus der Schrift, die sich aber mit der Zwingli’schen berührt und von der Lutherischen sich in dem Punkte der mündlichen Nutzung des Leibes Christi unterscheidet. Calvin bietet uns eine Vertiefung der Abendmahlslehre Zwinglis, welcher im Streite mit Luther das durch die Zeichen von Brot und Wein Bedeutete vorzugsweise in mehr allgemein lautende Worte einkleidete, wonach die Gläubigen mehr nur im Allgemeinen das Heilsgut, welches Christus erworben, im Abendmahl sich zu eigen machen und nicht gerade in eine konkrete Verbindung mit dem Fleische und Blute Christi versetzt würden. Dagegen fordert Calvin in der Institutio (cap. IV, 17 und 32), daß man den Einsetzungsworten Christi größere Gerechtigkeit zuteil werden lasse. Es werde im heiligen Abendmahl nicht bloß reelle Gnade den Gläubigen mitgeteilt, sondern es finde eine wirkliche Mitteilung des Fleisches und Blutes Christi statt zu dem Zwecke, um die Gläubigen heranwachsen zu machen zu einem Leibe Christi, nach Eph. 4,16. – Über die Art und Weise dieser offenbar mysteriösen Mitteilung beruft sich Calvin auf die geheimnisvolle Wirkung des heiligen Geistes. Dieser Geist ist es, dem wir es zu überlassen haben, die in den Einsetzungsworten gegebene Verheißung ihrem Zwecke zuzuführen, sie zu erfüllen. Es finde durch die Vermittlung dieses Geistes eine Art von Ausstrahlung oder Aushauchung (spiratio) der virtus des Leibes Christi in unsere Seelen statt, ohne dass dabei aber das Fleisch Christi selber in uns eingehe, und ohne dass von einer lokalen Gegenwart die Rede sein könne; so besonders im Consensus Tigurinus (bei Niemeyer, Seite 216). Es bleibt also alles auf das geistige Gebiet eingeschränkt, was hier bei diesem geheimnisvollen Mahl sich zuträgt. Es findet eine durch den heiligen Geist vermittelte Vereinigung Christi, des Hauptes, mit uns, seinen Gliedern, statt im heiligen Abendmahl. Christi Fleisch und Blut nährt uns im Abendmahl zum ewigen Leben und zwar auf besonders prägnante Weise. Calvin lässt den Ausdrücken der Schrift ihr volles Recht zuteil werden und redet in Bildern, um das Übersinnliche unserm Verständnisse möglichst anzunähern. Denn auch das Ausstrahlen, das dem Fleische Christi in Bezug auf unsere Seelen beigemessen wird, ist ein eminent geistiger Vorgang; derselbe wird vermittelt durch den Geist Gottes, und nicht durch lokale Gegenwart dieses Fleisches und Blutes im Brot und Wein. Von solcher lokalen Präsenz und von dem daraus folgenden Genuss des Leibes und Blutes auch Seitens der Ungläubigen hält Calvin sich fern. Calvin hat nun unsern reformierten Bekenntnissen die nötige Bestimmtheit in der Darlegung der Abendmahlslehre gegeben, nach ihm richten sich unsere Bekenntnisschriften seit dem Züricher Consensus vom Jahre 1549. Nach diesem Consensus Tigurinus ist übrigens die Lehre der Institutio vom heiligen Abendmahl aufzufassen; denn die Institutio steht unter den Bekenntnisschriften, und nur diese letzteren, zu welchen der Consensus gehört, sind normativ. Die Böhmischen Brüder nahmen auch diese Lehre Calvins an.
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Streifzüge durch das Gebiet der reformierten Dogmatik

Beitragvon Joschie » 06.10.2018 17:22

III. Die reformierte Dogmatik
1. Im 16. Jahrhundert

Calvins Schüler und Nachfolger in Genf war Theodor von Beza, der als Exeget und als Dogmatiker eine große Bedeutung für uns hat. Aus seinen drei Bänden „tractationes theologicae“ gehört vieles in die Dogmatik. Der erste Band richtet sich gegen Sebastian Castellio und verteidigt in sehr umfassender und gründlicher Weise die Prädestinationslehre gegen Castellios Einwürfe. Auch eine confessio fidei findet sich unter diesen tractationes, die dadurch eine unerwartete Wichtigkeit erlangt hat, daß sie die erste Bekenntnisschrift der reformierten Ungarn geworden. Eine vollständige Dogmatik besitzen wir nicht von ihm. Wohl aber lieferte eine solche Petrus Martyr in seinen „loci communes“, welche nach seinem Tode von Zwinglis Schwiegersohn Gualterus 1580 herausgegeben wurden. Petrus Martyr, ein Italiener, hat die Eigentümlichkeit, dass er das Ebenbild Gottes besonders in die Herrschaft des Menschen über die Tiere setzt; im Übrigen aber hielt er sich, schon was die äußere Einteilung betrifft, streng an Calvin. Der Ton dieser loci ist der lebendige, frische der Reformationszeit; auch ist Martyr sehr bewandert in den Kirchenvätern. Dem Calvinischen Typus folgen ebenfalls die Berner Theologen Wolfgang Musculus und Benedikt Aretius in ihren locis; beide ebenfalls als vortreffliche Exegeten bekannt. Auch ein Ungar Stephanus Szegedinus gab 1585 zu Basel loci communes heraus, die aber unvollendet blieben, indem sie nur die Theologie und Anthropologie behandeln.

In der Pfalz sind von den Verfassern des Heidelberger Katechismus verschiedene Schriften dogmatischen Inhalts verfaßt worden. 1) Kaspar Olevians Buch: „de substantia foederis gratuiti inter Deum et electos“, 2 Bücher; es enthält eine höchst beachtenswerte Erklärung des Apostolicum und ist mit vieler Wärme geschrieben; man kann es ein gelehrtes Seitenstück zu unserm Katechismus nennen. Der Artikel „abgestiegen zu der Hölle“ empfängt hier eine mustergültige Auslegung, die in unserer Kirche nicht gehörig durchgedrungen ist, wohl aber neuerdings in D. Kohlbrügges „Erläuternde und befestigende Fragen und Antworten“ S. 98 höchst treffend wieder aufgenommen worden.
Man lese dort nach. Von ähnlicher Bedeutung für die Dogmatik ist die Expositio Symboli apostolici s. articulorum fidei, in qua Summa gratuiti foederis aeterni inter Deum et fideles breviter et perspicue tractatur: Frankf. 1576; Herborn 1580. Ein herrliches Werk. 2) Das Corpus doctrinae christianae, nach Vorlesungen des D. Zach. Ursinus, herausgegeben von D. Pareus 1622; dann Hanau 1561 von Phil. Pareus. Dieses vorzügliche Werk hält genau den Gang des Heidelberger Katechismus ein und verteilt die loci der Dogmatik demgemäß. Zur 54. Frage des Katechismus entwickelt Ursinus die Prädestinationslehre ganz wie Calvin und die Dordrechter Väter. Dass die Verfasser des Heidelberger Katechismus entschiedene Schüler Calvins waren, beweist ein Blick in diese drei Privatschriften derselben.6

In verwandtem Geiste mit der Pfälzerschule, aber doch selbständig, wirkte der größte hessische Theologe Andreas Hyperius, ein Zeitgenosse Calvins, dessen Werk „methodus theologiae“ (1563) leider nicht vollständig herauskam. Er hat sich eine eigene Architektonik angeeignet und läßss das Anthropologische überwiegen; jedoch ist er durchaus calvinisch, reicht aber als Theologe nicht heranan Beza.

Blicken wir im Allgemeinen auf das 16. Jahrhundert, so ist zu sagen, dass Calvin noch unumschränkt in dieser Periode dominiert. Was die Art der Darstellung betrifft, so ist sie lebendig; die Exegese erfrischt und belebt noch die Dogmatik; die letztere ist nicht scholastisch. Es ist auch weniger Streit da, besonders weniger Gegensatz im eigenen Hause zu überwinden, man freut sich noch allgemein der teuer erkauften Schätze der Reformation. Die Quellen haben ihre Frische bewahrt. Man geht von der Exegese aus, auch wo man dogmatisiert. Die dogmatischen Begriffe sind noch keine Formeln geworden, die der eine dem andern schülerhaft nachspricht. Kurz, Calvin ist durchaus Muster.
zu.6 In einem bei Sudhoff (im Leben Ursins S. 614) abgedruckten Briefe sagt Ursin: „Als ich die ganze Bibel durchgelesen (um über die Prädestination klar zu werden) belächelte ich teils, teils verwünschte ich jenen Kehricht von Disputationen und den Dunst von Sophismen, die diesem Blitze (der Prädestinationslehre) vergebens entgegengestellt werden.“ – S. 415: „In den Lebensprüfungen habe ich das Hundegekläff verachten lernen, das gegen diese Lehre erhoben wird“ (an Crato).
Tod, wo ist dein Stachel? Totenreich, wo ist dein Sieg? 1Kor 15,55


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