Regelmäßige Lesung aus der Schatzkammer Davids von Spurgeon

Empfehlungen, Kritik oder Rezensionen von christlichen Büchern und Medien

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Jörg
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Regelmäßige Lesung aus der Schatzkammer David Ps.12

Beitragvon Jörg » 18.09.2018 15:06

4. Der Herr wolle ausrotten alle Heuchelei, 2
und die Zunge, die da stolz redet,
5. die da sagen. Unsere Zunge soll Überhand haben,
uns gebührt zu reden; 3 wer ist unser Herr?


Dieser vollberechtigte Wunsch der redlichen Herzen wird in Erfüllung gehen; gänzliche Vernichtung wird alle schmeichlerischen und großsprecherischen Heuchler überfallen. Jetzt freilich schnauben und trotzen und prahlen sie noch. Trefflich hat Judas sie wilde Wellen des Meeres genannt, die ihre eigene Schande ausschäumen (Jud. 13). Menschen, die in ihrem Herzen von Gott los sind, haben meist auch ein loses Maul, und manchen von ihnen ist nie wohler, als wenn sie Gottes Oberherrschaft mit frechem Spott verhöhnen und sich vermessen ihrer ungebundenen Freiheit rühmen können. Es ist seltsam, dass das leichte Joch des Herrn die Schultern der stolzen Menschen so drückt, während sie sich die eisernen Fesseln Satans selber anlegen, als ob es goldene Ehrenketten wären. Großsprecherisch rufen sie Gott zu: Wer ist unser Herr? Und hören nicht die hohle Stimme des Bösen aus dem höllischen Abgrund heraufrufen: "Ich bin euer Herr, und mir dient ihr treulich!" Wehe diesen armen Toren! Ihr Hochmut und ihre Selbstherrlichkeit wird ausgerottet werden, wie man eine verwelkende Blume abschneidet. Gebe Gott, dass unsere Seele nicht mit ihnen hingerafft werde! Es ist bemerkenswert, dass hier die schmeichlerischen Lippen und die großsprecherischen Zungen in eine Reihe gestellt werden. Das ist auch offenbar richtig, denn beide sind desselben Fehlers schuldig: der eine schmeichelt anderen, und der andere schmeichelt sich selber. Beide gehen mit Lügen um; der eine belügt andere, der andere belügt sich selber. Man bildet sich gewöhnlich ein, die Schmeichler, diese niederträchtigen Schmarotzer, die sich so kriecherisch und schwänzelnd benehmen, könnten gar nicht stolz sein; aber weise Leute werden es dir sagen, dass, während aller Stolz in Wirklichkeit Niederträchtigkeit ist, auch in der tiefsten Niederträchtigkeit ein nicht geringes Maß von Hochmut ist. Cäsars Ross ist noch stolzer, dass es Cäsar trägt, als Cäsar, dass er es reitet. Die Matte, auf der der Kaiser seine Schuhe abgeputzt hat, rühmt sich prahlerisch und schreit: Ich habe die kaiserlichen Schuhe gereinigt! Niemand ist so widerlich anmaßend als die kleinen Kreaturen, die sich dadurch in ein Amt schleichen, dass sie vor den Großen kriechen. Das sind in der Tat schlimme Zeiten, wo solch gemeinschädliche Subjekte zahlreich sind und die Macht in Händen haben. Kein Wunder, dass die gerechte Vertilgung dieser heillosen Menschen den Stoff zu einem Psalm darbietet; denn Himmel und Erde sind dieser die göttliche Gerechtigkeit herausfordernden Missetäter müde, deren Dasein eine Plage ist für alle, die mit ihnen etwas zu tun haben. Es steht nicht in Menschenmacht, die Zunge solch prahlerischer Schmeichler zu bändigen; der Herr aber wird gründliche Abhilfe schaffen und ihnen auf ihre schwülstigen Reden eine Antwort geben, die ihnen den frechen Mund für immer schließen wird.

6. Weil denn die Elenden verstöret werden, und die Armen seufzen,
will ich auf, spricht der Herr;
ich will eine Hilfe schaffen dem, der sich danach sehnet.


Zur rechten Stunde wird Gott seine Auserwählten erhören, die Tag und Nacht zu ihm rufen (Lk. 18, 7). Ob er auch lange mit ihren Bedrückern Geduld hat, wird er doch endlich eilend Rache üben. Wegen der Vergewaltigung Elender, wegen des Seufzens der Armen will ich mich nun aufmachen, spricht der Herr, will in Heil versetzen den, der sich darnach sehnt. (Wörtl.) Man beachte, wie die Unterdrückung der Frommen, so still diese sie auch tragen mögen, doch mit lauter Stimme zu Gott schreit. Der Herr empfindet tief mit den Seinen; ihre Leiden dringen mit mächtiger Beredsamkeit an sein Herz. Nach und nach aber fangen auch sie selber unter dem zunehmenden Druck an zu seufzen und ihren Jammer vor ihm auszuschütten, und dann kommt die Hilfe eilend herbei.
Welche Kraft liegt doch in dem Seufzen des Armen: Es bewegt den Allmächtigen, sich von seinem Thron zu erheben. Vor Unterdrückung und Elend wagte der Arme es nicht, seinen Mund aufzutun, er seufzte nur heimlich; aber der Herr hat es gehört, und nun leidet es ihn nicht in der Ruhe, er steht auf und gürtet sein Schwert zum Kampfe. Das ist ein Tag des Heils, wenn das Sehnen unseres Herzens Gott in unsere Kämpfe hereinzieht; denn wenn sein entblößter Arm sich zeigt, wird Philistäa den Tag verwünschen. Die dunkelsten Stunden der Nacht, in denen die Gemeinde des Herrn seufzt, sind die, welche dem Tagesanbruch vorhergehen. Des Menschen Verlegenheiten sind Gottes Gelegenheiten. Wenn die Not am größten, ist die Hilfe am nächsten. Der Herr Jesus wird erscheinen, wenn die unterdrückten Seinen seufzen, als ob alle Hoffnung für immer verloren wäre. O Herr, lass die Stunde bald kommen, wo dein Nun ertönt; stehe eilend auf zu unserer Hilfe. Wird es einem unter mancherlei Leid seufzenden Leser gegeben, die Verheißung dieses Verses für sich zu ergreifen, so möge er sich die ganze Fülle des Trostes, die darin verborgen ist, dankbar aneignen. Gurnall († 1679) sagt: "Wie man ein ganzes Ohm Wein aus einem Zapfhahn abziehen kann, so kann sich auch die bedrückte Seele den ganzen Trost des göttlichen Heilsbundes aus einer einzigen Verheißung zuströmen lassen, wenn sie es vermag, dieselbe richtig anzuwenden. Er, der hier verheißt, uns in Heil zu versetzen , meint damit, dass er uns Hilfe schaffen will von allen unsern Feinden, dass er uns auf Erden retten und bewahren und endlich ewiges Heil im Himmel geben will.
Es muß alles erst einmal an Gott vorüber, bevor es mich treffen kann. (Helmut Thielicke)

Jörg
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Regelmäßige Lesung aus der Schatzkammer David Ps.12

Beitragvon Jörg » 22.09.2018 08:34

7.Die Rede des Herrn ist lauter,
wie durchläutert Silber im irdenen Tiegel,
bewährt siebenmal.

Welch ein Gegensatz zwischen den trügerischen Reden der Menschenkinder (V. 3) und den lauteren Reden Jahwes! Menschenworte sind Ja und Nein zugleich; Gottes Verheißungen sind Ja und Amen. (2.Kor. 1, 19 f.) Die Worte des Herrn sind wahr und klar, heilig und zuverlässig, lauter, wie Silber, das im Schmelztiegel geläutert zur Erde niederfließt, siebenfach gereinigt ist. (Dies die wahrscheinlichste Bedeutung des Grundtextes.) Es ist hier auf die schärfste den Alten bekannte Läuterungsweise angespielt. Dabei wurden alle Schlacken von der Hitze verzehrt; nur das klare, kostbare Metall blieb übrig und floss aus dem Schmelzofen zur Erde nieder. So lauter, so frei von aller Beimischung von Irrtum und Unzuverlässigkeit sind die Reden des Herrn. Auch das geschriebene Wort Gottes ist hindurchgegangen durch den Schmelzofen der Verfolgung, der Kritik, der Zweifel, welche die Philosophie aufgebracht hat, und der Entdeckungen der Wissenschaft, und hat nichts dabei verloren als jene menschlichen Auslegungen und Deutungen, die sich daran gehängt hatten wie fremde Stoffe all edles Metall. Die Erfahrung der Gläubigen hat es auf jede erdenkliche Weise erprobt; aber nicht eine einzige Lehre der Schrift und nicht eine einzige Verheißung ist auch durch die größte Hitze der Anfechtung zunichte gemacht worden. Sind Gottes Reden also lauter, so sollten es auch die Reden seiner Kinder sein. Wollen wir im Verkehr mit den Menschen Gott ähnlich sein, so müssen wir unsere Zunge hüten und mit Sorgfalt darauf achten, dass in unseren Gesprächen Redlichkeit und Reinheit gewahrt werden.

8.Du, Herr, wollest sie bewahren,
und uns behüten vor diesem Geschlecht ewiglich!

Du, Herr, wirst sie (was sich wohl auf die Elenden V. 6 bezieht) bewahren und ihn (den, der sich nach dem Heile sehnt, V. 6) oder (nach den LXX 4 uns behüten vor diesem Geschlecht ewiglich . Einem bösen Geschlechte in die Hände zu fallen, so dass man durch seiner Mitmenschen Grausamkeit gequält oder aber durch ihren schlechten Einfluss verunreinigt wird, ist ein Übel, das man überaus fürchten muss: aber es ist ein Übel, das in unserm Schriftwort vorausgesehen und für das Vorsorge getroffen ist. Im Leben hat mancher Knecht des Herrn seinem Zeitalter ein Jahrhundert vorausgelebt, als hätte er seine Seele in die hellere Zukunft entsandt und wäre er den Nebeln der düsteren Gegenwart entflohen. Ungeehrt und missverstanden ist er ins Grab gesunken; aber siehe da, Geschlechter kommen und gehen, und auf einmal wird sein Gedächtnis wieder ausgegraben, als Held lebt er wieder auf in der Bewunderung und Liebe der Trefflichsten auf Erden. Nun ist er auf immer beschützt vor dem Geschlecht derer, die ihn als einen Unruhestifter gebrandmarkt oder als einen Ketzer verbrannt haben. Es sollte unser tägliches Gebet sein, dass wir uns über unser Geschlecht erheben mögen wie die Alpenhöhen über die Wolken, und dass wir als gen Himmel weisende Bergesgipfel hoch über die Nebel der Unwissenheit und Sünde, die um uns her fluten, emporragen mögen. O du ewiger Gottesgeist, erfülle auch uns nach deiner Treue die Verheißung dieses Verses! Unser Glaube klammert sich an deine Zusicherung. Ja, du wirst es tun.

9.Denn es wird allenthalben voll Gottloser,
wo solche nichtswürdige Leute unter den Menschen herrschen.

Noch einmal betrachtet der Psalmist mit Seufzen die überhand nehmende Ruchlosigkeit, diese bittere Quelle so vielen Elends und Grames, deren Bitterkeit ihn zuerst (V. 2) getrieben hatte, zu dem Born des Heils zu eilen. Die Worte des Grundtextes enthalten zwar (wie so oft, wenn der Psalmist Nachtbilder der menschlichen Sünde malt) manche Dunkelheit, so dass es schwer hält, eine sichere Deutung zu gewinnen. Meist übersetzt man etwa: Ringsum ergehen sich (frei und behaglich, oder: stolzen Hauptes) die Gottlosen, wenn die Gemeinheit unter den Menschen obenauf kommt . Wenn die, welche die Macht in Händen haben, nichtswürdig sind, werden ihre Untergebenen um nichts besser sein. Wie die warme Sonne das schädliche Geschmeiß aus der Erde bringt, so befördert ein gottloser Mensch, der an hoher Stelle steht, ringsumher das Laster. Unsere Rennbahnen z. B. würden nicht so von schändlichen Dingen wimmeln, wenn nicht die, welche nur dem Namen nach vornehm sind, das Treiben unterstützen würden. Wollte Gott, dass im Gegensatz zu der einflussreichen Scheinherrlichkeit der Gottlosen die wahre Hoheit unseres Herrn Jesus uns ermutigen würde, in seinem Geiste einherzuwandeln und ringsumher und allenthalben guten Einfluss auszuüben. Da Gleiches auf Gleiches wirkt und mithin ein hoch stehender Sünder andere Sünder ermutigt, muss doch sicherlich auch unser hoch erhöhter Erlöser seine Getreuen erwecken und zu frischem, fröhlichem Eifer anspornen. Gestärkt durch den Blick auf seine alles Böse überwindende Macht stehen wir der in unserer Zeit sich ringsumher breit machenden Gemeinheit mit heiliger Entschlossenheit gegenüber und beten nur desto hoffnungsfreudiger: Hilf, Herr! Erfülle deine Zusage: Ich will nun auf, spricht der Herr.
Es muß alles erst einmal an Gott vorüber, bevor es mich treffen kann. (Helmut Thielicke)

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Regelmäßige Lesung aus der Schatzkammer David Ps.12

Beitragvon Jörg » 25.09.2018 16:00

Erläuterungen und Kernworte

Zum ganzen Psalm. Martin Geier († 1681) nannte diesen Psalm die allgemeine Klage der Kirche zu allen Zeiten. Man vergleiche auch Luthers Umdichtung vom Jahr 1523: Ach, Gott, vom Himmel sieh darein usw. Zwei Knaben in Lübeck, die das Lied von einem blinden Bettler gelernt hatten, stimmten es in der Kirche nach dem Gebet des Kaplans an und rissen damit die ganze Gemeinde hin. Das war der Anfang der Reformation in Lübeck. - Als Gustav Adolf am 24. April 1632 in Augsburg einzog, um der Bedrängnis der dortigen Evangelischen ein Ende zu machen, ritt er geradeswegs auf die St. Anna - Kirche zu, wo sein Hof- und Feldprediger Dr. Fabricius alsbald über Ps. 12, 6 predigte. - I. M.

V. 2. Und der Gläubigen ist wenig. Das Wort amunim heißet: gläubige, ernste, brünstige, wahrhaftige, rechtschaffene Leute, und wird eigentlich entgegengesetzt der Falschheit und Heuchelei; ein solcher treuer und wahrhaftiger Mensch, der da glaubt und dem man glauben darf. Martin Luther 1530.

Viele Menschen rühmen ein jeder seine Gütigkeit; aber wer will einen treuen Mann finden? (Spr. 20, 6 .) Siehe genau zu, beschaue dich selbst im Spiegel des göttlichen Wortes. Bist du ein treuer Hausvater, ein treuer Ratgeber und Mahner? Erfahren deine Nachbarn und deine Freunde wahre Treue von dir? Was für ein Zeugnis stellt uns der tagtägliche Verkehr mit den Menschen aus? Bemühen wir uns nicht oft, ihnen Angenehmes zu sagen auf Kosten der Wahrheit? Sind nicht die Bezeugungen von Hochachtung manchmal in unvereinbarem Widerspruch mit unsern wirklichen Empfindungen? Während man sich vor großen Rechtsverletzungen hütet, gelten in Handel und Wandel vielen Menschen tausenderlei kleine Vergehen für erlaubt, die doch die Scheidemauer zwischen Sünde und Pflicht niederreißen und, nach der göttlichen Richtschnur gemessen, in Wahrheit strafbare Schritte auf verbotenem Schritte und Boden sind. Charles Bridge 1850.

Wie eine zärtliche Mutter, die ihr Kind mitten auf der Straße erblickt, während ein wild gewordenes Gespann in rasendem Laufe dahergesaust kommt, ihren Liebling mit raschem Griff auf den Arm nimmt und ins Haus trägt, oder wie die Gluckhenne, die den raubgierigen Weih über sich erblickt, ihre Küken zu sich lockt und unter ihre Flügel sammelt, so hat auch Gott oft, wenn er ein schweres Unglück über ein Land zu bringen beabsichtigte, solche, die ihm besonders teuer waren zu sich berufen in die Ruhe des Volkes Gottes. Er nimmt seine auserwählten Knechte hinweg, ehe das Übel kommt. So ward Augustinus im Jahre 430 aus der Zeitlichkeit abberufen, kurz bevor Hippo, sein Bischofssitz, von den räuberischen Vandalen erobert wurde. Luther ward hinweggenommen, ehe Deutschland mit Krieg und Blutvergießen erfüllt wurde, und David Pareus (angesehener reformierter Theologe, † 1622) starb in unsern Tagen, ehe Heidelberg geplündert wurde. Aus einer Leichenrede von Edward Dunsterville 1642.

Lass ab zu jammern, einsam zu vertrauern
Im Gram dein Leben, wenn gleich Kerkermauern
Den Ausblick hemmt ein düsteres Geschick.

Wo alle abgewichen, kennt die Treuen
Der Herr, die im Verborgnen ihm sich weihen,
Und schaut auf sie mit väterlichem Blick.

Lass du dein Brot nur übers Wasser fahren
Und tu dein Werk - sei’s auch nach langen Jahren,
Einst spült die Flut ans Land es dir zurück.

Nach John Keble † l866.

V. 3. Einer redet mit dem andern Trügerisches. (Grundt.) In ihrem heuchlerischen Eifer gleichen sie dem Fährmann, der nach der einen Richtung sieht und nach der entgegengesetzten rudert. Denn Leute dieser Art bezwecken etwas ganz anderes, als was sie vorgeben, wie Jehu (2.Kön. 9-10) Eifer um den Herrn vorwandte, während es sein eigentliches Ziel war, das Königtum seines Herrn an sich zu reißen. So schützte auch Demetrius (Apg. 19) großen Eifer für die Göttin Diana vor, während die Triebfeder seines Handelns die Sorge um sein gewinnreiches Handwerk war. Saul verbarg seinen hoffärtigen Ungehorsam unter der Maske des Eifers, schöne Opfer darzubringen (1. Samuel 15). Judas stellte sich gar besorgt um die Armen, um seine Diebesgelüste damit zu verhüllen (Joh. 12, 6). So sind auch in unserer Zeit viele, die mit ihrer Frömmigkeit ein großes Gepränge machen, während ihr Herz auf ganz andere Ziele gerichtet ist. Aber sie mögen gewiss sein, dass sie Gott nimmermehr hintergehen können, ob sie auch die ganze Welt täuschen könnten. Griffith Williams 1636.

Längst ist entschwunden die Treu’ von der Erde; selbst aus dem Himmel
Floh die Gerechtigkeit, und Wahrheit gibt es nicht mehr.
Virgil († 19 v. Chr.), Äneide IV, 373.

Der Mensch ist nichts als Verstellung, Lüge und Heuchelei, und zwar sowohl gegen sich selbst als gegen andere. Er will nicht, dass man ihm die Wahrheit sage, und er scheut es, sie anderen zu sagen. Und all diese mit der Gerechtigkeit und der Vernunft so unvereinbaren Neigungen haben eine natürliche Wurzel in seinem Herzen. Blaise Pascal † 1662.

Des Heuchlers Selbstgespräch: Aus nichts lässt sich so gut ein Deckmantel der Bosheit machen, als aus der Frömmigkeit. Nichts ist so in der Mode, nichts so gewinnbringend wie das. Die Religion ist eine Livree, worin der Kluge zwei Herren, Gott und der Welt, dienen und auf beide Weisen ein gutes Geschäft machen kann. Ich diene beiden, und in beiden mir selber, indem ich beide hinters Licht führe. Vor den Leuten dient niemand seinem Gott mit größerer Aufopferung als ich, und eben dadurch führe ich die Besten unter den Menschen am Gängelbande und erreiche meine Zwecke. Im Geheimen diene ich der Welt, - nicht mit solcher Pünktlichkeit, aber mit mehr Lust; und indem ich ihren Dienern zu Willen bin, erreiche ich mein Ziel und diene mir selber. Wer besucht das Gotteshaus regelmäßiger als ich? Wer ist eifriger in der Erfüllung aller Christenpflichten als ich? Ich faste mit denen, die fasten, damit ich essen könne mit denen, die essen. Ich weine mit den Weinenden. Keine Hand ist freigebiger für jede gute Sache als die meine, und niemand hält in der Hausandacht längere und frömmere Gebete. Da mir so der gute Ruf meines heiligen Lebens vor aller Welt den Ruhm eines gewissenhaften Mannes eingebracht hat, kann es meinem Handel nicht an Kundschaft, meinen Waren nicht an einem guten Preise, meinen Worten nicht an Glauben, meinen Taten nicht an Ruhm fehlen. Bin ich habgierig, so legt man es als weise Vorsicht aus; bin ich geizig, so nennt man es Mäßigkeit; bin ich niedergeschlagen, so deutet man es als göttliche Traurigkeit; bin ich gutes Muts, so nimmt man es für geistliche Freude; bin ich reich, so meint man, es sei der Segen meines gottesfürchtigen Lebens; bin ich arm, so vermutet man, es sei die Folge meines gewissenhaften Handelns; spricht man Gutes von mir, so ist es das Verdienst meines heiligen Wandels; spricht man übel von mir, so ist es die Bosheit übel wollender Menschen. So segle ich mit jedem Winde und verfolge meine Ziele in allen Lagen. Dieser Mantel hält mich im Sommer kühl, im Winter warm und verbirgt trefflich den schmutzigen Sack meiner geheimen Lüste. In diesen Mantel gehüllt, wandle ich unter aller Beifall in der Öffentlichkeit und sündige ich frech im Verborgenen, ohne bei jemand anzustoßen. Ich umziehe Land und Wasser, um einen Gesinnungsgenossen zu machen (Mt. 23, 15); kaum hab’ ich ihn dazu gemacht, so macht er auch mein Glück. Heut’ ruf ich; Wittenberg, und morgen: Röm. Hab’ ich nichts, so stelle ich mich, als hätte ich Überfluss, um mein geschäftliches Ansehen zu erhalten; hab’ ich viel, so heuchle ich Armut, um Steuern zu ersparen. Am meisten besuche ich die Vorträge von Irrlehrern; das halte ich für äußerst gewinnreich, denn da lerne ich, wie man neue Lehren ausbreitet und verteidigt. Das verschafft mir dreimal die Woche ein leckeres Mahl umsonst. Ich gebrauche manchmal eine Lüge als ein neues Kampfesmittel, um das Evangelium aufrecht zu erhalten; und der Unterdrückung anderer gebe ich den Anstrich von göttlichen Gerichten über die Gottlosen. Mildtätigkeit halte ich für eine außerordentliche Tugend, die daher für gewöhnlich nicht auszuüben ist. Was ich bei andern öffentlich tadle um meines Gewinnes willen, das tue ich heimlich zu Hause um meines Vergnügens Willen. Doch halt, ich sehe auf der Tafel meines Herzens eine Handschrift, die mir allen Mut nimmt. Es sind die traurigen Worte: Wehe euch, ihr Heuchler. (Mt. 23, 13 ff.) Francis Quarles † 1644.
Es muß alles erst einmal an Gott vorüber, bevor es mich treffen kann. (Helmut Thielicke)

Jörg
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Regelmäßige Lesung aus der Schatzkammer David Ps.12

Beitragvon Jörg » 30.09.2018 07:09

Erläuterungen und Kernworte

Die Welt behauptet in der Tat, die menschliche Gesellschaft könnte gar nicht bestehen, wenn vollkommene Wahrhaftigkeit und Redlichkeit unter den Menschen waltete. Die Welt weiß ohne Zweifel am besten, wie es in ihr steht. Welche Selbstanklage liegt daher in solchem Urteil! Und was für ein Bild enthüllt es uns von dem Gebäude der menschlichen Gesellschaft, wenn es nur durch Schmeichelei und Falschheit zusammengekittet ist und nur durch sie aufrechterhalten werden kann! Barton Bouchier 1855.

Als der griechische Dichter Bion v. Smyrna (280 vor Chr.) gefragt wurde, welches Tier er für das schädlichste halte, gab er zur Antwort: "Unter den wilden Tieren den Tyrannen, unter den zahmen den Schmeichler." Schmeichler sind die gefährlichsten Feinde, die wir haben können. Sir Walter Raleigh († 1618 auf dem Schafott), der selber ein Höfling war und demnach in die ganze Kunst der Schmeichelei eingeweiht war, aber auch in seiner eigenen Laufbahn und seinem Schicksal die gefährliche und trügerische Macht der Schmeichelei, ihre tückische Arglist und bodenlose Falschheit erfahren hatte, bemerkt: "Man sagt, der Schmeichler sei eine Bestie, die hinten schwänzle und vorne beiße. Aber es hält schwer, sie von Freunden zu unterscheiden - sie sind so geschmeidig, so ergeben, so voll von Beteuerungen; denn wie der Wolf dem Hunde ähnlich sieht, so der Schmeichler dem Freunde." Buch der Gleichnisse 1844.

Herz und Herz (wörtl.): eins fürs Gotteshaus, das andere fürs Teufelshaus; eins für den Sonntag, das andere für den Werktag; eins für den König, das andere für den Papst. Ein Mann ohne Herz ist ein Wunder; aber ein Mann mit zwei Herzen ist ein Ungeheuer. So hatte Judas zwei Herzen im Leibe; dagegen lesen wir von der ersten Christengemeine; Die Menge der Gläubigen war ein Herz und eine Seele (Apg. 4, 32). Das war ja auch als besonderer Segen verheißen, Jer. 32, 39; Hes. 11, 19. Thomas Adams 1614.

Sie haben zwei Herzen in sich, eines zur Verstellung gegen andere, und eines für sich. Darum werden die Kinder Zebulon gelobt, dass sie sich zur Ordnung schicken nicht "mit Herz und Herz" (1. Chr. 12, 33). Fr. Chr. Ötinger 1776.

Wenn die Menschen aufhören, ihrem Gott treu zu sein, könnte es nur zu arger Enttäuschung führen, wenn jemand sie gegeneinander treu zu finden erwartete. Mit wahrer Frömmigkeit weicht auch die Redlichkeit von der Erde, und statt des Gewissens nimmt dann die Rücksicht auf den Vorteil die Zügel des menschlichen Verhaltens in die Hand, bis ein Mensch dem andern nicht weiter trauen kann, als er ihn all diesem Stricke festhält. Daher kommt es auch, dass von den vielen, die selber ungläubig sind, doch nur wenige wollen, dass ihre Familien und ihre Untergebenen auch nichts glauben. Sie fühlen es, und sie urteilen darin ganz richtig, dass wahre Christen die einzigen Leute sind, auf deren Pflichttreue mau sich völlig verlassen kann. Bischof D. George Horne † 1792.

V. 4. Die sich eine Freude daraus machen, andere zu betrügen, werden zuletzt sich selber am ärgsten betrogen finden, wenn die Sonne der Wahrheit in ihrem vollen Glanze aufsteigt und alle Heuchelei zugleich offenbar macht und verzehrt. Bischof D. George Horne † 1792.

Ausrotten, Grundbedeutung: abschneiden. Sollte darin nicht eine Anspielung auf jene schreckliche, aber sehr entsprechende Strafe liegen, welche morgenländische Herrscher all Verbrechern auszuüben pflegten? Wer der Lüge oder Falschheit überführt war, dem wurden die Lippen abgeschnitten und die Zunge ausgerissen. So schrecklich, ja noch unendlich entsetzlicher sind Gottes Strafen über die Sünder. C. H. Spurgeon 1869.

V. 5. Die da sagen: Unsere Zunge soll Überhand haben, unsere Lippen sind mit uns im Bunde. (Grundt.) Ja, so war’s. Zwölf geringe, ungelehrte Männer auf der einen Seite, die ganze Beredsamkeit Griechenlands und Roms in Schlachtordnung wider sie gerüstet auf der andern Seite. Von den Zeiten des Kirchenvaters Tertullian bis zu dem Tode Julians des Abtrünnigen ward alle Kunst der Beredsamkeit, der Gelehrsamkeit und des Spottes gegen die Kirche des Herrn aufgewendet. Und der Erfolg? Er wird uns trefflich dargestellt in jener bekannten Erzählung von dem Wortwechsel zwischen dem christlichen Landmann und dem heidnischen Weltweisen, wo dieser, als er die versammelten Väter eines Kirchenkonzils aufforderte, ihn zum Schweigen zu bringen, durch den schlichten Glauben des Landmanns zuschanden gemacht wurde, der zu ihm sprach: Im Namen unseres Herrn Jesu gebiete ich dir, zu verstummen. - Wer ist unser Herr? Wer ist Jahwe, dass ich ihm gehorchen sollte? (2. Mose 5, 2) Wer ist der Allmächtige, dass wir ihm dienen sollten? (Hiob 21, 15.) Lasst sehen, wer der Gott sei, der euch aus meiner Hand erretten werde! (Dan. 3, 15.) Michael Ayguan 1416.

V. 6. Fürchtet euch, wer immer ihr seid, die ihr all den Armen Gewalttat übt. Ihr habt Reichtum und Macht und die Gunst bestechlicher Richter; sie aber haben die stärksten Waffen, die es gibt, nämlich Seufzen und Flehen, welche vom Himmel her Hilfe herbeirufen. Diese Waffen reißen Häuser ein, sprengen Grundmauern, werfen ganze Völker über den Haufen. Johannes Chrysostomus † 407.

Die übermütige und unbarmherzige Unterdrückung der Armen ist eine Sünde, die Verwüstung und Zerstörung als Strafgericht über die Menschen bringt. Gott sandte zehn verheerende Plagen, eine nach der andern, über Pharao, sein Volk und sein Land, zur Rache für die Vergewaltigung des armen Volkes Israel. "Beraube den Armen nicht, weil er arm ist, und unterdrücke den Elenden nicht im Tor. Denn der Herr wird ihre Sache führen und wird ihre Untertreter untertreten." (Spr. 22, 22 s.) Reiche zu berauben und zu unterdrücken ist große Sünde; aber den Armen zu berauben und den Unterdrückten zu unterdrücken ist der Gipfel der Unmenschlichkeit. Armut und Elend sollten uns zum Mitleid bewegen; aber die Unterdrücker machen sie zum Wetzstein ihrer Grausamkeit. Darum werden die Bedrücker des armen Volkes Gottes in dem Herrn einen Richter finden, der sich vor niemand scheut und den niemand bestechen kann. Thomas Brooks † 1680.

In des sel. Dr. Speners Lebensbeschreibung liest man, dass er einmal in betrübten Gedanken über den Zustand der Kirche in die Betstunde zu Frankfurt gegangen sei; da haben ihm die Worte des Gesangs:

Darum spricht Gott: Ich muss auf sein,
Die Armen sind verstöret;
Ihr Seufzen dringt zu mir herein,
Ich hab ihr’ Klag erhöret,

welche bei seinem Entritt gesungen wurden, einen ungewöhnlichen Eindruck ins Herz gegeben, dass er weder vor noch nach eine solche Lieblichkeit auch nur des Tons, als damals, gespürt; daher er es billig als eine göttliche Antwort auf seinen damaligen Kummer geachtet hat, und weit es sich zugetragen, dass, als er nach Sachsen gezogen und in das Chur - Sächsische Territorium eingetreten, sechs Schüler nebst einem Schulkollegen kamen und, an den Wagen tretend, eben den Vers anstimmten, hat der sel. Mann denselben nachmals in Dresden sich von dem Schülerchor vor seiner Wohnung gewöhnlich singen lassen. R. H. Sieger † 1791.
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Beitragvon Jörg » 02.10.2018 16:01

Erläuterungen und Kernworte

V. 7. Wie herrlich werden hier die lauteren Reden des Herrn dem gegenübergestellt, was vorher, V. 3-5, von den Reden der Gottlosen gesagt war. Reden die Sünder unnütze Dinge, wohlan, dann mögen Gottes Kinder von Jesus und seinem Evangelium reden. Nehmen sie unreine Worte in den Mund, dann mögen die Gläubigen die lauteren Worte Gottes brauchen, die gleich dem Silber desto köstlicher werden, je mehr sie im Schmelztiegel der Anfechtung erprobt werden. Mögen immerhin die Verächter Gott und sein Wort für nichts achten; welch unergründlichen Schatz haben wir dennoch an den Worten, den Verheißungen und Bundeszusagen des Herrn! Sie sind köstlicher denn Gold und viel seines Gold; sie sind süßer denn Honig und Honigseim (Ps. 19, 11). Robert Hawker † 1827.

Die menschlichen Worte sind eitel, schmeichlerisch und unbeständig, durch welche sie aber nicht keusch und rein, sondern vielmehr im Geist besudelt werden, und durch welche Wahrheit und Barmherzigkeit bei denen Menschen abnehmen. Gottes Worte aber sind keusch, rein und lauter, obgleich hart, doch rechtschaffen all Treue und fest gegründet, wodurch die Menschen gereinigt werden und Barmherzigkeit und Wahrheit wieder vermehret, Eitelkeit, Betrug und Zwiespalt aber zerstöret werden. Martin Luther 1519.

Der Schmelzer tut das Silber wieder und wieder ins Feuer, bis es völlig geläutert ist. So geht es auch mit der göttlichen Wahrheit, der sich auf Erden manch Unreines anheftet. Es gibt kaum eine Wahrheit, die nicht einmal ums andere geläutert worden wäre; und hängt ihr noch irgendetwas Menschliches an, so fügt Gott es, dass sie wieder in Frage gestellt wird. Hat man in früheren Zeiten aus Schriftworten für einen Glaubenssatz Beweise aufgestellt, die nicht stichhaltig sind, oder sind die Sätze selbst nicht schriftgemäß, so muss diese Wahrheit wieder ins Feuer, damit alles, was noch von Schlacken daran ist, verzehrt werde. Der heilige Geist ist so genau, so sorgfältig, von so feinem Gefühl, dass er es nimmer dulden kann, dass den göttlichen Wahrheiten irgendetwas Falsches beigemengt werde. Dies ist der Grund, warum Gott noch jetzt, ein Jahrhundert um das andere, früher Festgesetztes zur Verhandlung stellt. Er ruht nicht, bis die Läuterung vollendet ist. Thomas Goodwin † 1679.

Gerade durch die Versuchungen wird die Wahrheit der göttlichen Verheißung bewährt. In dem Herzen eines jeden Menschen muss das Wort Gottes durch siebenfaches Feuer hindurch, wenn es seinen edlen und ewigen Gehalt offenbaren soll. Prof. Joh. Wichelhaus † 1858.

Die Schrift ist der Sonne, die Kirche einer Uhr vergleichbar. Wir wissen, dass die Sonne unbedingt zuverlässig, weil in ihrem Laufe ganz regelmäßig ist. Bei der Uhr aber kann es sich ereignen, dass sie zu schnell oder zu langsam geht. Wie wir denn jemand, der behaupten würde, er glaube der Uhr mehr als der Sonne, der Torheit bezichtigen würden, so können wir auch die Leichtgläubigkeit solcher, die lieber der Kirche als dem Worte Gottes trauen, billig nicht anders denn als Torheit bezeichnen. Bischof Joseph Hall † 1656.

Es gibt Leute, die losgelöste Stücke der Bibel untersuchen und sich freuen, darin Dinge zu finden, die bei oberflächlicher Betrachtung dem Bösen durch die Finger zu sehen scheinen. Aber mögen sie die ganze Schrift lesen, mögen sie dabei nicht aus dem Auge verlieren, welcherart die Leute waren, an die die verschiedenen Teile gerichtet sind, in welchem Zeitalter und unter welchen Umständen sie geschrieben wurden, und endlich, welchen Zweck auch die Stücke im Auge haben, die dem ungläubigen Gemüt am wunderlichsten scheinen. Beachten sie dies alles, so werden sie davon überführt werden, dass dieses Buch, weit davon entfernt, Betrügern zu entstammen, vielmehr heiligen Menschen Gottes, die von dem heiligen Geist getrieben waren, seinen Ursprung verdankt. Mögen sie es mit so scharfer Genauigkeit durchforschen, wie es ihnen beliebt; wenn sie sich nur gründlich in den Inhalt vertiefen und ihre Untersuchungen mit Weisheit und Wahrheitsliebe führen, so ist uns um den Ausgang nicht bange. Es gibt Teile der Schrift, denen Unwissenheit und Torheit erzwungene und unnatürliche Deutungen gegeben haben und welche unkeusche Gemüter in dem Schatten, den ihre eigene Unreinheit darauf wirft, betrachtet haben. Baron de Montesquieu († 1755) sagt von seinem Bundesgenossen Voltaire : "Wenn er ein Buch liest, macht er daraus, was er will, und dann schreibt er gegen das, was er selber das Buch hat sagen lassen." Es ist nicht schwer, die heiligen Blätter der Schrift zu besudeln und dann die schmutzigen Flecken, welche Menschen mit zerrütteten Sinnen darauf gemacht haben, ihrem makellosen Urheber anzudichten. Aber wenn wir das Wort Gottes ehrlich ansehen, wie es ist, werden wir finden, dass es gleich seinem erhabenen Urheber ohne Tadel ist. D. Gardiner Spring.

V. 8. Du, Herr, wirst sie (die Reden Gottes, oder; die Heiligen) erhalten. Wir sehen daraus, dass es nicht in unsrer Macht steht, dass die Worte Gottes lauter bleiben und die Heiligen nicht abnehmen auf Erden, sondern in Gottes Macht. Du, Herr, nicht wir Menschen werden bewahren. Martin Luther 1519.

V. 9. Wenn die Gemeinheit unter den Menschen obenauf kommt. Leere Schiffe schwimmen hoch über dem Wasser; wurmstichige Pfähle sind oft mit falschem Gold geziert; das schlimmste Unkraut gedeiht am besten. Die Spreu kommt zuoberst in der Wanne, während das gute Korn zu den Füßen des Worflers niederfällt. John Trapp † 1669.

Homiletische Winke

V. 2a.
Hilf, Herr. 1) Die Bitte selbst: kurz und doch inhaltreich und kräftig, passend, an den rechten Helfer gerichtet, brünstig. 2) Die Veranlassung zu solcher Bitte. 3) Die verschiedenen Weisen, wie der Herr darauf antwortet. 4) Gründe, warum wir eine gnädige Antwort erwarten dürfen.
V. 2.
1) Die beklagte Tatsache. Man beschreibe das Wesen der "Heiligen" und "Gläubigen" (an der Hand des Grundtextes) und wie sie schwinden. 2) Die dadurch hervorgerufenen Empfindungen: Trauer um den Verlust, Besorgnis für die Gemeinde Gottes, persönliches Verlangen nach solchen Genossen. 3) Die dadurch erweckten Ahnungen: Zeitweiliger Niedergang der guten Sache, Bevorstehen von Gerichten usw. 4) Die Glaubenszuversicht, die dennoch bleibt: Hilf, Herr. (Vergl. auch Mt. 28, 20 b.)
Der Vers eignet sich als Trauertext bei dem Scheiden besonders begnadeter Gläubigen.
Der unauflösliche Zusammenhang zwischen Frömmigkeit und Redlichkeit. Wo das eine schwindet, da auch das andere.
V. 3a.
Predigt über das Überhandnehmen und die Verderblichkeit des losen Geschwätzes.
Die Verwandtschaft zwischen Schmeichelei und Trügerei. (Grundt.)
V. 3b.
Herz und Herz. Gute und böse Herzen. Das Übel der Doppelherzigkeit.
V. 4.
Gottes Hass gegen die beiden Zwillingssünden der Lippen -- Schmeichelei und Stolz, oder: Schmeichelei gegen andere und uns selbst. Warum hasst er sie? Wie zeigt er den Hass? Bei was für Leuten hasst er sie am meisten? Wie können wir davon gereinigt werden?
V. 4-5.
1) Der Aufruhr der Zunge. Ihr Anspruch auf Ungebundenheit und Herrschaft zur Ausübung des Bösen. Gegensatz zu der Regel des Christen: Wir sind nicht unser selbst. 2) Die Mittel, wodurch die Zunge sich zum Herrn aufwirft: schmeichlerische und vermessene Reden. 3) Das Ende der Empörung: Ausrottung.
Wer ist unser Herr? Die Gottlosen träumen von Freiheit und sind doch Knechte des Verderbens. Beispiele. Sollten wir uns nicht lieber dem sanften Joch des Herrn unterwerfen?
V. 6.
Des Herrn Erwachen: Ich will nun auf. 1) Was heißt das: Der Herr erwacht? 2) Wer hat ihn geweckt? 3) Was wird er tun? 4) Warum?
V. 6b.
Die göttliche Verheißung: Ich will in Heil versetzen, und wem sie gilt: dem, der sich darnach sehnet.
V. 7.
Die Lauterkeit der Reden des Herrn geprüft und bewährt.
Sieben Schmelztiegel, worin die Gläubigen das Wort Gottes erproben. Mit ein wenig Nachsinnen wird man sie leicht finden.
V. 8.
Bewahrung vor "diesem Geschlecht" in Zeit und Ewigkeit. Ein stoffreiches Thema.
V. 9.
Das Emporkommen der Gemeinheit und dessen schlimme Folgen.
Die Sünden der Hohen sind besonders ansteckend. Man wecke in den durch Reichtum, Geburtsadel, Gelehrsamkeit oder Amtswürde Hervorragenden das Gefühl ihrer Verantwortlichkeit. Dankbarkeit für treue Berater und Leiter des Volks. Nach welchen Gesichtspunkten sollte man Abgeordnete und Magistratspersonen wählen?


Fußnoten

1. Manche, z. B. Hupgeld und Riehm, auch Luther, fassen dysixf passivisch = der Geliebte, Begnadigte, es ist aber aktivisch, wie das in unserer Stelle sowie Ps. 18, 26; 43, 1 usw. aus dem Zusammenhang erhellt, also: der dsexe übt, und zwar gegen Menschen, aber auch gegen Gott (Ps. 32, 6; 5. Mose 33, 8), also = pius. Luthers Übersetzung "Heiliger" stammt von dem o{sioj der LXX (so schon Ps. 4, 7). Wir sparen das Wort "Heiliger" aber gerne für $Odqf auf.

2. Wörtl.: alle schmeichlerischen Lippen.

3. Wörtl.: unsere Lippen sind mit uns (im Bunde).

4. Diese werden -enu statt -ennu gelesen haben
Es muß alles erst einmal an Gott vorüber, bevor es mich treffen kann. (Helmut Thielicke)

Jörg
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Regelmäßige Lesung aus der Schatzkammer David Ps13

Beitragvon Jörg » 06.10.2018 07:29

Kommentar & Auslegung zu PSALM 13

Überschrift

Ein Psalm Davids, vorzusingen . Der Psalm kann nicht auf eine besondere Begebenheit oder Zeit in Davids Geschichte zurückgeführt werden. Alle Versuche, seine Geburtsstätte ausfindig zu machen, sind nur Mutmaßungen. Was er sagt, ist ohne Zweifel mehr als einmal die Sprache dieses vielgeprüften Gottesmannes gewesen und will den Gefühlen des Volkes Gottes in den stets wiederkehrenden Anfechtungen Ausdruck geben. Wenn der Leser noch nie Anlass gefunden hat, sich die Sprache dieses kurzen Liedes zu Eigen zu machen, so wird es nicht lange währen, bis er dazu Gelegenheit hat, wenn anders er ein Mann nach dem Herzen Gottes ist. Das Stichwort des Psalms ist: Wie lange?

Einteilung

Der Psalm zerfällt naturgemäß in drei Teile: die Frage der Angst (V. 2.3), den Gebetsruf (V. 4.5) und das Glaubenslied (V. 6).

Auslegung

2.Herr, wie lang willst du mein so gar vergessen?
Wie lange verbirgst du dein Antlitz vor mir?
3.Wie lange soll ich sorgen in meinem Seele,
und mich ängstigen in meinem Herzen täglich?
Wie lange soll sich mein Feind über mich erheben?

Wie lange? Diese Frage wird nicht weniger als viermal wiederholt. Sie drückt ein heftiges Sehnen nach Errettung und große Herzensangst aus. Und wenn ein wenig Ungeduld dabei mit untergelaufen wäre, ist es dann nicht ein umso treueres Bild unserer eigenen Erfahrung? Es ist nicht leicht, die feine Grenzlinie zwischen starkem Verlangen und Ungeduld innezuhalten. Wolle uns Gott nur bewahren, dass wir nicht beim sehnlichen Harren auf Gottes Hilfe einem Geist des Murrens Raum geben.
Wie lange? Wird nicht der einmal ums andere wiederholte Ruf zu einem wahren Jammergeschrei? Und wenn nun der Kummer sich nicht anders Luft zu schaffen weiß? Auch dann ist Gott nicht fern von unserem Angstgestöhn; denn er achtet nicht auf den Wohllaut unserer Gebete, sondern auf seines Geistes Werk in ihnen, der das Verlangen weckt und den Gebetstrieb entzündet.
Wie lange? Ach, wie lang scheinen uns die Tage, wenn unsere Seele innerlich zerschlagen ist. Wie scheint so mühsam über bitteres Weh der Augenblick zu gleiten; wie liebt’s die Zeit, in ihrer Flucht zu säumen! Ja, mit weit ausgebreiteten Schwingen fliegt uns die Zeit dahin in heiteren Sommertagen, doch in düsterer Winterzeit ist ihr Flug lahm und matt. Eine Woche in Kerkermauern ist länger als ein Monat in der Freiheit. Langwieriges Leid scheint uns besonders tiefer Verderbnis anzuklagen; denn das Gold, das lange im Feuer bleibt, muss viel Schlacke gehabt haben, die zu verzehren war. So mag die bange Frage: Wie lange? darauf hinweisen, dass der Frager ein gründliches Selbstgericht gehalten hat. Wie lange willst du mein so gar, wörtl.: für immer vergessen? O David, wie redest du so töricht! Kann Gott vergessen ? Kann die Allwissenheit an Gedächtnisschwäche leiden? Und viel mehr noch: Kann Jahwes Herz seines geliebten Kindes vergessen? Lasst uns, meine Brüder, solche Gedanken hinwegscheuchen und auf das hören, was unser Bundesgott uns durch den Mund des Propheten zuruft: "Zion aber spricht: Der Herr hat mich verlassen, der Herr hat mein vergessen. Kann auch ein Weib ihres Kindleins vergessen, dass sie sich nicht erbarme über den Sohn ihres Leibes? Und ob sie desselbigen vergäße, so will Ich doch dein nicht vergessen. Siehe, in die Hände habe ich dich gezeichnet; deine Mauern sind immerdar vor mir." (Jes. 49, 14 ff.) Für immer ? (Grundt.) Welch finstrer Gedanke! Es wäre gewiss schlimm genug, an eine augenblickliche Vergesslichkeit Gottes zu denken; und nun sollten wir gar solch abscheulichem Zweifel Raum geben und uns vorstellen, Gott wolle sein Volk für immer verstoßen? Nein, sein Zorn mag eine Nacht hindurch währen, aber seine Liebe wird ewig über uns walten. Wie lange verbirgst du dein Antlitz vor mir? Das ist eine weit vernünftigere Frage; denn Gott kann sein Antlitz verbergen und dennoch unser gedenken. Ein umwölktes Antlitz ist kein Zeichen eines vergesslichen Herzens. In väterlich erziehender Liebe hat sich sein Angesicht von uns abgewandt. Doch einem wahren Gotteskind ist dies Verhüllen des väterlichen Angesichts schrecklich, und es wird sich nicht zufrieden geben, bis es wieder seines Vaters Lächeln sieht. Wie lange soll ich sorgen, wörtl.: Pläne aufstellen in meiner Seele und mich ängstigen in meinem Herzen täglich? 1 Seine Seele ist eine Werkstätte von sorgenvollen Überlegungen, wie er diesen. Peinlichen Zustand entfliehen könne. Zahllos sind die Pläne, doch nutzlos. Oft war’s so auch bei uns. Wir haben erwogen und wieder erwogen, einen Tag um den andern, und sonderlich in den Nächten, haben aber nicht den glücklichen Plan gefunden, der uns aus unserem Kummer herausgeholfen hätte. Solcher Vorrat von aufgehäuften Plänen ist arger Hausrat für die Seele. Sorgen wiederzukäuen ist garstige Arbeit. Kinder füllen sich den Mund mit Bitterkeit, wenn sie aus Widersetzlichkeit die Pille zerkauen, die sie gehorsam hätten schlucken sollen. Wie lange soll sich mein Feind über mich erheben? Das ist wie Wermut mit Galle vermischt, den boshaften Feind frohlocken zu sehen, während die eigene Seele zu Boden gedrückt ist. Kaum etwas tut den Ohren eines bekümmerten Menschen so weh wie das Gelächter des Feindes. Macht der Teufel sich aus unserem Jammer ein Ergötzen, so ist dies der letzte Tropfen, der das volle Gefäß zum Überlaufen bringt. Da will unsere Geduld zusammenbrechen. Darum mag dies uns ganz besonders zum Thron der Gnade treiben.
Der aufmerksame Leser wird also merken, dass die Frage "Wie lange " in vierfacher Gestalt erscheint. Des Dichters Kummer wird dargestellt, wie er zu sein scheint, wie er ist, wie er nach innen auf ihn selbst und nach außen auf seine Feinde wirkt. Wir alle sind geneigt, auf der schlechtesten Saite am meisten zu spielen. Wir errichten Denksteine über den Gräbern unserer Freuden; wer aber denkt daran, Denkmale der Lobpreisung für empfangene Gnaden zu erbauen? Wir schreiben fünf Bücher der Klagelieder 2 und nur ein Hoheslied und sind es weit mehr gewohnt, ein Misere als ein Te Deum anzustimmen.

Fußnoten
1. Wörtl. heißt die 2. Vershälfte wahrscheinlich: infolgedessen Kummer ist in meinem Herzen bei Tage. Dem nächtlichen Grübeln und Plänemachen folgt bei Tage der Kummer der Enttäuschung, dass die Pläne sich als unausführbar erweisen.

2. Anspielung auf die fünf Klagelieder Jeremias.
Es muß alles erst einmal an Gott vorüber, bevor es mich treffen kann. (Helmut Thielicke)

Jörg
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Regelmäßige Lesung aus der Schatzkammer David Ps13

Beitragvon Jörg » 08.10.2018 15:32

4.Schaue doch und erköre mich, Herr, mein Gott!
Erleuchte meine Augen, dass ich nicht im Tode entschlafe,
5.dass nicht mein Feind rühme, er sei mein mächtig worden,
und meine Widersacher sich nicht freuen, dass ich niederliege.

Nun aber erhebt das Gebet seine Stimme gleich dem Wächter, der des Tages Anbruch verkündet. Nun wird es eine Wendung geben, bald wird der Weinende seine Augen trocknen können. Vom Gnadenthrone strömt der Hoffnung neues Leben zu, und von dorther empfängt die Verzweiflung den Todesstoß. Der düstere Gedanke, dass Gott ihn verlassen habe, liegt noch aus der Seele des Psalmisten; darum ruft er: Schaue doch und erhöre mich. Er gedenkt auf einmal wieder an die Wurzel all seines Elends und ruft laut, Gott möge sie entfernen. Die endgültige Gottesferne ist das Feuer Tophet, 3 und seine zeitweilige Ferne bringt sein Volk bis in die Vorhöfe der Hölle. Gott wird hier aufgefordert zu schauen, herzublicken, dass er den Jammer sehe und so zum Erbarmen und zu einer gnädigen Antwort bewogen werde. Was sollten wir tun, wenn wir keinen Gott hätten, zu dem wir in Stunden, wo wir unser tiefes Elend fühlen, unsre Zuflucht nehmen können?
Man beachte den Glaubensruf: Herr, mein Gott! Ist’s nicht eine überaus herrliche Tatsuche, dass unser Anrecht auf Gott als unsern Gott durch alle unsere Anfechtungen und Sorgen nicht zerstört wird? Unser "Kürbis" (Jona 4) mag wurmstichig werden und vom Ostwind verdorren; aber unser Gott bleibt. Unsere irdischen Erwartungen können getäuscht werden, nicht aber unser Gottvertrauen. Unser Bürgerbrief für den Himmel ist nicht in den Sand geschrieben, sondern in unvergängliches Erz gegeben.
Erleuchte meine Augen, das ist, lass das Auge meines Geistes hell sein, dass ich meinen Gott auch im Dunkeln sehen möge. Lass meine Augen in Wachsamkeit weit geöffnet sein, damit ich nicht in Fallstricke gerate. Lass das Auge meines Verständnisses erleuchtet werden, den rechten Weg zu sehen. Vielleicht haben wir hier auch eine Anspielung auf die Erheiterung des Gemüts, die so oft eine Erleuchtung der Augen genannt wird, weil sie das Angesicht strahlen und die Augen funkeln lässt. Wohl haben wir Grund zu der Bitte: Mache du, Herr, unsere Finsternis licht! Denn in vieler Hinsicht bedürfen wir der erleuchtenden Strahlen des heiligen Geistes. Damit ich nicht im Tode entschlafe. (Wörtlicher; Damit ich nicht den Schlaf des Todes schlafe.) Finsternis erzeugt Schlaf, und Mutlosigkeit macht bald die Augenlider schwer. Von dieser Augenschwäche und Blödsichtigkeit, welche die Verzweiflung wirkt, ist nur noch ein Schritt bis zu dem bleiernen Todesschlaf. David fürchtet, seine Trübsale würden seinem Leben ein Ende machen, und mit Recht beruft er sich im Gebet vor Gott auf diese Furcht; denn tiefe Traurigkeit hat in sich eine Art von Anspruch auf Mitleid, nicht einen Rechtsanspruch, aber ein Anrecht an die Gnade. Unter dem Druck des Herzenskummers sieht der Psalmist dem Todesschlaf nicht mit Hoffnung und Freude entgegen, wie solche, die ihres Glaubens gewiss sind, sondern er schaudert davor zurück. Wir sehen daraus, dass die Knechtschaft der Todesfurcht nichts Neues ist.
Noch ein Grund der Bitte wird in dem fünften Vers hervorgehoben, und er ist so kräftig, dass der Gläubige ihn, wenn er in seinen Anfechtungen auf den Knien liegt, wohl mag geltend machen. Wir machen dann auch einmal von unserm Erzfeind selber Gebrauch und zwingen ihn, gleich Simson auf unserer Mühle zu mahlen, indem wir uns im Gebet auf seinen frechen Übermut berufen. Es ist nicht des Herrn Wille, dass der arge Feind unserer Seele Gottes Kinder überwältige. Das würde für den Höchsten eine Schmach sein und dem Bösen Ursache geben, sich zu brüsten . Es kommt uns wohl zustatten, dass unsre Errettung und Gottes Ehre so unzertrennlich verbunden sind, dass sie miteinander stehen und fallen.
Unser Bundesgott wird die Niederlage aller unserer Feinde vollenden, und wenn wir auch für eine Weile ihr Spott und Spiel werden, so kommt doch der Tag, da die Rollen vertauscht sein werden und die Schmach und Verachtung sich über diejenigen ergießen wird, die sie verdienen.

6.Ich hoffe aber darauf, dass du so gnädig bist;
mein Herz freuet sich, dass du so gerne hilfst.
Ich will dem Herrn singen, dass er so wohl an mir tut.

Welch ein Wechsel! Siehe, der Winter ist vergangen, der Lenz ist herbeigekommen (Hohel. 2,11 f.), Nachtigall und Lerche lassen sich wieder hören. Vom Gnadenstuhl her ist dem Tiefbetrübten, der dort seinen Kummer ausgeschüttet hat, solche Erquickung zugekommen, dass er nun mit heller Stimme einen Lobgesang anheben kann. Haben wir mit ihm getrauert, so wollen wir jetzt auch mit ihm frohlocken. Davids Herz war häufiger verstimmt als seine Harfe. Er beginnt manche seiner Psalmen mit Seufzen und endet sie mit Singen, und andere hebt er mit Freuden an und endet sie mit Kummer, so dass man, wie Peter du Moulin († 1684) sagt, denken könnte, diese Psalmen hätten zwei Männer von entgegengesetzter Gemütsart zu Verfassern. Es ist beachtenswert, dass die Freude nur umso größer ist durch den Gegensatz zu dem vorhergegangenen Kummer, wie die Ruhe wohltuender wird durch die Erinnerung an den vorangegangenen Sturm. Vergangenes Leid erhöht die gegenwärtige Freude.
Das Bekenntnis seiner Zuversicht ist dies: Ich aber traue auf deine Gnade . (Wörtl.) Seit vielen Jahren war David gewohnt, den Herrn zu seiner Burg und zum Hort seiner Zuflucht zu machen, und auch jetzt schaut er mit trotzigem Lächeln von dem gleichen Bollwerk hinab. Er ist seines Glaubens gewiss, und sein Glaube macht ihn gewiss. Wäre er über die Echtheit seines Gottvertrauens nicht ganz außer Zweifel gewesen, so hätte er sicherlich eins der Fenster verhängt, durch die das Sonnenlicht vom Himmel hereinzuscheinen beliebt. Der Glaube ist nun in Übung; in solchen Zeiten lässt sich sein Vorhandensein leicht erkennen. Nie kommt ein Zweifel in unser Herz, ob wir Glauben haben, während derselbe sein Werk tut. Wenn der Hase oder das Rebhuhn sich stillhalten, so sehen wir sie nicht; sobald sie aber in Bewegung sind, werden wir sie gewahr. Alle Gewalten seiner Feinde hatten den Psalmisten nicht aus seiner Festung vertrieben. Wie der schiffbrüchige Seemann sich an den Mast anklammert, so hielt sich David fest an seinen Glauben. Die Zuversicht auf den Herrn, seinen Gott, konnte und wollte er nicht aufgeben. Mögen wir aus seinem Beispiel Nutzen ziehen und uns an unsern Glauben halten, wie an unser Leben selbst!
Nun horch auf die lieblichen Töne, welche der Glaube in der Seele hervorbringt. Alle Glocken des Gemüts erklingen. Mein Herz freut sich, dass du so gerne hilfst. (Wörtlich; Frohlocken soll mein Herz ob deines Heils.) Hört ihr das Gesänge und den Reigen drinnen? Ein hochwillkommener Gast hat sich eingestellt, und das gemästete Kalb ist schon geschlachtet. Lieblich ist die Musik, die von den Saiten des Herzens ertönt; ja noch mehr: auch die Stimme fällt mit ein in die herrliche Weise, und die Zunge begleitet die Akkorde des Herzens, denn David ruft aus: Ich will dem Herrn singen.
Der Schlussgedanke des Psalms nimmt den Vorwurf der Vergesslichkeit zurück, den David im ersten Vers geäußert hatte. Ich will dem Herrn singen, dass er so wohl an mir tut, wörtlich: getan hat . Viel Güte hat er mir erwiesen. So wird’s mit uns sein, wenn wir ein wenig harren. Die Klage, die wir in der Hast ausgestoßen haben, werden wir freudig zurücknehmen und bezeugen können, dass der Herr alles wohl gemacht hat.
Es muß alles erst einmal an Gott vorüber, bevor es mich treffen kann. (Helmut Thielicke)

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Regelmäßige Lesung aus der Schatzkammer David Ps13

Beitragvon Jörg » 13.10.2018 12:10

Erläuterungen und Kernworte

Zum ganzen Psalm. Das dringende "Wie lange!" des 13. Psalms, in welchem wir den Psalmisten nahezu erliegen und doch die göttliche Güte in gewisser Hoffnung ergreifen sehen, mag ebenso wie Ps. 7 und die beiden zusammengehörenden Lieder 3 u. 4 (u. andere, aus der Verfolgungszeit Davids stammen. Schon diese vier eben genannten Psalmen zeigen, wie reich und mannigfaltig das Seelenleben ist, das hier ins Wort ausströmt. in Ps. 7 redet die kochende Empörung des unschuldig Bedrohten, während in Ps. 3; 4; das Herz in unangreifbarer Ruhe über allen menschlichen Anfechtungen schwebt, wogegen in Ps. 13 wieder die bange Sorge und Klage hervorbricht, weil die befreiende Wendung der Dinge sich immer noch nicht zeigen will. Diese Mannigfaltigkeit der Töne hat sehr wohl im selben Menschenherzen Raum, und dass sie alle im Psalter nebeneinander stehen, gerade das macht ihn unvergänglich wahr. Prof. D. A. Schlatter 1894.

V. 2. Herr, wie lange willst du mein für immer vergessen? (Grundt.) Die komplizierte Frage "wie lange - auf immer" (wie Ps. 74, 10; 79, 5; 89, 47) ist der Ausdruck eines komplizierten Seelenzustandes, wo, wie Luther ihn kurz und treffend beschreibt, im Angstgefühl des göttlichen Zornes "die Hoffnung selbst verzweifelt und die Verzweiflung dennoch hoffet". Der Selbstwiderspruch der Frage ist aus dem inneren Widerstreit des Geistes und Fleisches zu erklären. Das verzagte Herz denkt: "Gott hat mein ewig vergessen", aber der diesen Gedanken abstoßende Geist verwandelt ihn in eine Frage, die ihn zum bloßen Scheine stempelt: "Wie lange soll es scheinen, dass du mein auf ewig vergisst?". Es liegt in dem Wesen des göttlichen Zorns, dass dessen Empfindung immer vom Eindruck der Ewigkeit und also einem Vorschmack der Hölle begleitet ist. Der Glaube aber hält die Liebe hinter dem Zorne fest. Prof. D. Franz Delitzsch † 1890.

Wenn sich Gott von wahren Gläubigen je und dann zurückzieht, so ist es nie für immer. Qualvoll mag es sein, aber es geht vorüber. Und hätte er uns ganz verlassen, so ist es doch außer Frage, dass er früher oder später wiederkehren wird, und die selige Freude über seine Wiederkehr wird uns für die Trauer der Verlassenheit reichlich entschädigen. Jes. 54, 7 spricht der Herr: "Ich habe dich einen kleinen Augenblick verlassen; aber mit großer Barmherzigkeit will ich dich sammeln." Hier ist nicht nur ein Sammeln nach dem Verlassen zugesagt, sondern auch große Barmherzigkeit, um für einen kleinen Augenblick Ersatz zu geben. Er, der sich verbürgt hat, für immer unser Gott zu sein, kann nicht für immer von uns gehen. Timothy Cruso 1696.

Wir pflegen in der Trübsal wirklich sehr rücksichtsvoll gegen uns selbst zu sein und denken gar bald, wir seien genug gedemütigt und versucht, und es sei nun doch an der Zeit, dass wir aus der Not herausgeführt werden. Aber unser weiser Herr sieht, dass wir noch mehr brauchen. George Hutcheson 1657.

Lasst uns erforschen, warum Gott sein Antlitz vor uns verbirgt. (Vergl. Hiob 10, 2) Er zürnt nur, wenn er guten Grund dazu hat, wenn wir ihn dazu zwingen. Wir sollten nicht ablassen, mit Eifer zu erforschen, was ihn veranlasst, so lange seine Hilfe zu verzögern, damit wir, wenn irgend etwas Böses bisher in unserer Seele unentdeckt geblieben ist, es rechtzeitig bereuen und Verzeihung dafür erlangen mögen. Es ist nicht Gottes gewöhnliche Weise, dass er seine Knechte mit so dichter Finsternis bedeckt. Timothy Rogers † 1729.

Für Gott ist’s nicht ein Geringes, einen David zu vergessen und sich um ihn nicht zu kümmern . Wendet sich sein Auge für einen noch so kurzen Augenblick von uns ab, so ist der böse Feind sofort zur Hand, sich auf uns zu stürzen, wie der Habicht auf das Küchlein, sobald die Glucke nicht sorgsam darauf achtet. - Wie ein Vater oft den Willen des Kindes durchkreuzt, um dessen Gehorsam, Geduld und Ausdauer zu erproben, so tritt Gott manchmal seinen Kindern entgegen und scheint sie zu vernachlässigen. Eben damit will er ihre Gesinnung auf die Probe stellen. Da muss sich zeigen, was in ihnen ist: Ob sie Gott hintansetzen werden, weil Gott sie hintanzusetzen scheint; ob sie davon ablassen, ihm zu dienen, weil er ihrer zu vergessen scheint; ob sie aufhören, ihm zu vertrauen, weil er auf sie nicht zu achten, nicht für sie zu sorgen, sie nicht zu beschützen scheint (wie Jorams Bote zu Elisa sagte: Siehe, solch Übel kommt von dem Herrn; was soll ich mehr von dem Herrn erwarten, 2.Kön. 6, 33), - oder ob sie standhaft all ihm hängen und mit Jesaja sprechen: Ich hoffe auf den Herrn, der sein Antlitz verborgen hat vor dem Hause Jakob; ich aber harre sein (Jes. 8, 17). Thomas Gataker 1637.

Zeiten der Verlassenheit dünken mich der Brache des Ackers zu gleichen, während deren der magere Boden Kräfte sammelt für eine bessere Ernte. Wo Gold zu haben ist, kann man es auch beim Mondschein sammeln. Ach, könnte ich nur einen Fußbreit näher zu Jesu dringen in solcher Trübsalsnacht, wo er fern ist; dann würde ich selbst diese schreckliche Zeit für einen Segen achten. Wüsste ich, dass mein Erlöser nur, um mich zu prüfen und noch tiefer zu demütigen, von mir gegangen wäre, nicht aber, weil neue Kränkungen ihn von mir getrieben haben: Ich wollte über mein Alleinsein nicht klagen. Aber Verlassenheit, die ich durch meine Sünde selber verschuldet habe, ist wie zwei gleichzeitig offene Wunden auf beiden Seiten; aus welcher kann ich noch liegen? - Wie die Blumen beständigen Sonnenschein nicht ertragen würden, sondern auch der Nacht und des Schattens bedürfen, so kann es auch der Seele heilsam sein, wenn Christus sich eine Weile von uns fern hält. Und es liegt in dieser Trübsal eine nährende Kraft. Sie ist für die Demut der rechte Lebenssaft. Sie schärft den Hunger; sie gibt dem Glauben ein freies Feld, seine Kraft zu erproben und sich in der feinen Kunst zu üben, nach dem zu greifen, das man nicht sieht. Samuel Rutherford † 1661.

O herrliches Verbergen, das meine Vollendung geworden ist! Mein Gott, du verbirgst deinen Schatz, mein Verlangen zu entzünden. Du verbirgst deine Perle, den Sucher dadurch anzuspornen. Du zögerst zu geben, damit du mich lehrest, desto kühner in dich zu dringen, scheinst nicht zu hören, damit ich mit Flehen anhalte. Anselmus, Erzbischof von Canterbury, † 1109.

V. 2-3. Wie lange ! Die Heftigkeit unserer Trübsal macht sie zu einer Versuchung für unsere Geistesstärke; aber erst durch ihre Dauer wird diese auf die schwerste Probe gestellt. Nicht in den schärfsten, sondern in den langwierigsten Prüfungen sind wir am meisten in der Gefahr, zu erliegen. Im ersteren Falle nimmt die Seele ihre ganze Kraft zusammen und erfleht inbrünstig die Hilfe von oben; im letzteren aber ermattet das Herz und versinkt in Mutlosigkeit. Als Hiob mit schlimmen Nachrichten in rascher Folge überschüttet ward, trug er es mit bewundernswerter Geistesstärke; als er aber kein Ende seines Leidens sehen konnte, da brach er zusammen. Andrew Fuller † 1815.
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Beitragvon Jörg » 16.10.2018 15:41

Erläuterungen und Kernworte

V. 3. Wie lange soll ich sorgen in meiner Seele? Gar manche haben die Art, unverwandt auf die eigene Schuld und den eigenen Jammer zu blicken und dabei die höchsten Gnadenerweisungen zu übersehen. Wiewohl es um der Erkenntnis der Sünde willen gut ist, das eigene Herz zu erforschen, so werden wir uns doch, wenn wir von dieser Seite her Trost erwarten, kläglich enttäuscht finden. Dies scheint eine Zeitlang bei David der Fall gewesen zu sein. Er war offenbar in großer Betrübnis, und wie in solchen Fällen gewöhnlich, richtete sich sein Blick nach innen, bei sich erwägend, was er tun solle und was das Ende von dem allem sein werde. Da er so mit sich selbst beschäftigt war, ängstigte er sich in seinem Herzen täglich. Als er aber zu Gott seine Zuflucht nahm, da fand er Erleichterung, ja da konnte sein Herz frohlocken über Gottes Heil, V. 6 . Viele Menschen ahmen, wenn sie in Trübsal sind, David in dem ersteren Teil seiner Erfahrung nach. Ich wollte, wir ahmten ihm auch in dem letzteren nach. Andrew Fuller † 1815.

Wie lange soll sich mein Feind über mich erheben? Es ist für den Elenden und Betrübten eine große Erleichterung, bei anderen Mitleid zu finden. Es ist schon eine Wohltat, wenn andere, ob sie wohl uns nicht helfen können, doch aufrichtig das Traurige unsrer Lage mit uns empfinden und durch freundliche Worte und Taten die Wunden ein wenig lindern, die sie nicht heilen können. Aber es ist nicht zu sagen, wie das Leid verbittert wird, wenn ein Mensch unter der Empfindung des göttlichen Missfallens gebeugt einhergeht und dann solchen begegnet, die seines Unglücks spotten, ihn schmähen oder rau anfahren. Dadurch wird die Wunde entzündet und verschlimmert, die zuvor schon schlimm genug war. Timothy Rogers † 1729.

V. 4. Dass ich nicht im Tode entschlafe. Alles ist seltsam verändert, alle Lieblichkeit, Schönheit und Herrlichkeit schwindet, wenn das Leben dahin ist. Leben ist es, was der Mensch begehrt. Das Leben ist süß und tröstlich. Aber der Tod mit seinem bleichen Gefolge erregt Schrecken und Schauder allerwege. Die Heiligen fürchten nichts mehr als die Entziehung der Huld Gottes und das Verbergen seines Angesichts ; und wenn es sich verborgen hat, so kommt Ohnmacht, Erstarrung und Furcht über jedes Glied, und sie empfinden ein seltsames, tiefes Weh im Herzen, Angst und Schrecken, die alle Gelenke zum Erzittern bringen und für sie so bitter sind, wie der Todeskampf selbst. Timothy Rogers † 1729.

V. 5. Meine Widersacher freuen sich, dass ich niederliege: sie machen ein Lustspiel aus meinem Trauerspiel. John Trapp † 1669.

Ach, kannst du Schmach ertragen, gift’ge Zunge,
Der Schadenfreude höhnisches Gelächter,
Gottloser Rotte zuchtlos Spottgedicht,
Die für das gleiche Tun dir spenden würde
Verschwenderisches Lob, wär’s mit Erfolg gekrönt?
Dass kurz ich’s fasse; Kannst du dulden
Hohnvolle Blicke, die boshafte Freude,
Wohl gar das stolze Mitleid deines Feindes,
Des Feinds, der triumphiert?

Nach James Thomson † 1748.

V. 2-6. Das Gebet hilft zur Mehrung und zum Wachstum des Gnadenstandes, indem es die Kräfte übt. Wie kräftige Bewegung dem Körper wohltätig ist, so das Gebet der Seele. Die Gebetsübung hilft jene trüben Stimmungen vertreiben, die das Geistesleben hemmen. Das Gebet ist der Heiligen Tummelplatz, da sie die Gnade in vollen Zügen einatmen. Wie der Wind die Luft reinigt und klärt, so das Gebet die Seele. Es ist für das Herz, was der Blasebalg für das Feuer, der die Kohlen von der Asche reinigt, die sie dämpft. Solange der Christ in dieser Welt ist, lebt er in einem ungesunden Klima. Einmal hemmen und lähmen die Freuden der Welt seine Liebe zu Christus; dann wieder dämpft die Sorge seinen Glauben all die Verheißung. Wie nun sollte der Christ aus dieser schlechten Luft herauskommen, könnte er nicht zu dem Gnadenthron seine Zuflucht nehmen, wo sich bald das Fieber der Unruhe bricht und er sanfter zu atmen beginnt? Wie oft finden wir den heiligen Sänger, wenn er zuerst zum Gebete niederkniet, voller Furcht und Zweifel, ehe er aber mit seinem Flehen zu Ende ist, in traulichem Verkehr mit seinem Gott und ruhig im Gemüt! Hier beginnt er (V. 2.3) sein Gebet, als ob der Herr ihm nie wieder einen freundlichen Blick schenken würde. Doch während er fleht, legt sich seine Erregung, die Nebel zerstreuen sich, und sein Glaube bricht hervor wie die Sonne in ihrer Kraft (V. 6). William Gurnall † 1679.

Mit welch zäher Ausdauer warten oft die Kinder dieser Welt jahrzehntelang auf vergängliche Dinge, die doch nimmer das Herz befriedigen können. Und du solltest nicht eine Weile an Gottes Tür klopfen und pochen können, bis er dir auftut und dir himmlische Segnungen zuteil werden lässt? O denke daran und nimm dir vor, nie stumm zu sein, wenn Gott taub ist, - nie vom Gebet zu lassen, bis Gott eine gnädige Antwort gibt. Und zu deinem Troste beherzige recht den köstlichen Schluss unseres Psalms. Nach George Swinnock † 1673.

V. 6. Doch ich, auf deine Gnade traue ich, frohlocken soll mein Herz ob deinem Heil. (Wörtl.) Der Glaube jubelt mitten in den Trübsalen und triumphiert noch vor dem Siege. Der Kranke ist froh, wenn er fühlt, dass die Arznei zu wirken beginnt, auch wenn sie ihn für den Augenblick noch kränker macht; denn er hofft, sie werde ihm Heilung bringen. Wir freuen uns in den Leiden; nicht als ob sie für die Gegenwart erfreulich wären, aber weil sie zu unserem Heile dienen werden. Der Glaube triumphiert in der Zuversicht eines guten Ausgangs; denn er sieht nicht auf den äußeren Schein. Ob es auch scheinbar keine Hilfe mehr gibt, hält er doch den Blick auf Gott gerichtet und sieht ihn gegenwärtig zu unserm Beistand. John Ball † 1640.

Keiner lebt so sorgenfrei, so angenehm, als der seines Glaubens lebt. Matthew Henry † 1714.
Es muß alles erst einmal an Gott vorüber, bevor es mich treffen kann. (Helmut Thielicke)

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Regelmäßige Lesung aus der Schatzkammer David Ps13

Beitragvon Jörg » 20.10.2018 13:32

Erläuterungen und Kernworte

Darum sage ich nochmals: Lebe deines Glaubens; ich sage es wieder und wieder: Lebe deines Glaubens; frohlocke gläubig in dem Herrn . Ich darf es kühn behaupten: Es liegt an dir und an der mangelnden Übung im Glauben, wenn du dir zuzeiten durch eigne trübe Stimmungen oder durch den Satan deine Freudigkeit und geistige Regsamkeit verkümmern und dich im Banne schwermütiger Gedanken festhalten lässt. Vielleicht hast du ein melancholisches Temperament, eine natürliche Anlage zum Trübsinn. Hat aber der Glaube nicht Macht, über die Natur den Sieg davonzutragen? Ist er nicht stärker als irgendein Belebungsmittel? Wird nicht ein erfahrener Geistlicher oder Arzt einem Quäntchen Glauben mit Recht den Vorzug geben vor allem, was die Apotheke für diesen Zweck enthält? Trägt er nicht eine unumschränkte Gewalt in sich, den Kopf von allen Sorgen, die Brust von allen Ängsten und Beschwerden, das Gemüt voll all den trüben Gedanken und den Leidenschaften zu befreien, kurz, den ganzen Menschen aufzuheitern? Was aber kann es einem helfen, eine Herzstärkung bei sich zu haben, wenn man sie nicht braucht, ein Schwert an der Seite zu tragen, wenn man es bei einem Überfall nicht aus der Scheide zieht? Wenn dich Schwermut überfällt und du zu deiner Seele sprichst: "Was betrübst du dich? Wisse und bedenke, an wen du glaubst!"- würde sie nicht sogleich ihre Ruhe wieder gewinnen? Würde nicht der Meister Sturm und Wogen bedrohen und alsbald in deinem Gemüt eine große Stille werden? Ein jeder hat das eine oder andere Mittel, schwere Gedanken zu verscheuchen, den bösen Geist zu bannen, wie es David tat mit seiner Harfe. Der eine bedarf dazu froher Gesellschaft, der andere eines kräftigen Trunkes, der dritte seiner Tabakspfeife. Ohne die geht’s nicht. Wie arm, wie jämmerlich und töricht sind alle solche Hilfsmittel, verglichen mit einem einzigen frischen Trunk aus dem Lebensborn des Glaubens! Samuel Ward † 1653.

Ich will dem Herrn singen, dass er an mir so wohl getan hat. Der Glaube hält die Seele aufrecht, dass sie auch unter schweren Anfechtungen nicht zusammenbricht, indem er dem bekümmerten Herzen die früheren Erfahrungen von Gottes Macht, Gnade und Treue in Erinnerung bringt. Das war es, was den Psalmisten in Trübsal tröstete. Gedenke, mahnt der Glaube, was Gott für; beides, dein inneres und dein äußeres Leben, getan hat. Er hat nicht nur deinen Leib aus der Not befreit, sondern an deiner Seele Großes getan. Er hat dich aus einem Zustande der Verfinsterung an das Licht gebracht, mit dir einen Bund geschlossen, hat seine Güte lassen vor dir hergehen. Er hat dir Freudigkeit zum Gebet gegeben und deine Gebete und Tränen oft erhört. Hat er dich nicht einst aus der schrecklichen Grube hervorgezogen und aus dem grausigen Schlamm und dir ein neues Lied in den Mund gelegt und den Vorsatz in dir erweckt, nie wieder so kleingläubigen Gedanken und Sorgen Raum zu geben? Wie wenig geziemt es dir nun, in Trostlosigkeit zu versinken! John Willison † 1750.

Ich will dem Herrn singen. John Philpot († 1555) hatte schon eine Zeitlang im Kohlenkeller des Bischofs von London gefangen gelegen, als der Bischof ihn zu sich beschied und ihn unter anderem fragte, wie sie im Gefängnis so fröhlich sein könnten. Philpot antwortete: "Gnädiger Herr, unsere Fröhlichkeit besteht nur darin, dass wir Psalmen singen, wie uns St. Paulus tun heißt. Denn wir sind hier an einem finstern und trostlosen Ort, und da erheitern wir uns auf diese Weise. Darüber werden, hoffe ich, Euer Gnaden nicht zürnen, da doch Jakobus sagt: Ist jemand gutes Muts, der singe Psalmen (Jak. 5, 13), - und um zu beweisen, dass wir uns bei allem Elend in Gott freuen, darum erquicken wir uns all solchem Gesang." "Nach einigen andern Gesprächen wurde ich", sagt er, "in den Kohlenkeller zurückgeführt, wo ich mich mit meinen sechs Mitgefangenen des Morgens gottlob! so fröhlich aus dem Stroh erhebe, wie andere aus ihren Daunenbetten." Und an einen Freund schreibt er: "Grüße Herrn Elsing und seine Gattin und danke ihnen, dass sie mir in meinem Gefängnis einige Erleichterung verschafft haben. Sage ihnen, dass meines gnädigen Herrn Kohlenkeller, wiewohl er sehr schwarz ist, dennoch für den Gläubigen begehrenswerter ist als der Palast der Königin. Die Welt wundert sich, wie wir in so tiefem Elend noch fröhlich sein können. Aber unser Gott ist allmächtig und wandelt Elend in Glückseligkeit. Glaube mir, die Welt kennt solche Freude nicht, wie Gottes Volk sie unter Christi Kreuz hat. Ich rede aus Erfahrung; darum glaube mir und fürchte nichts, was die Welt dir tun kann. Denn wenn sie unsern Leib gefangen setzen, so geben sie unserer Seele Freiheit, mit Gott zu verkehren. Wenn sie uns niederwerfen, so richten sie uns auf. Wenn sie uns töten, so verhelfen sie uns in Wirklichkeit zum ewigen Leben. Was für größere Herrlichkeit kann es geben, als Christo, unserem Haupte, gleichförmig zu werden? Und dies geschieht durch die Trübsal. O du gnadenreicher Gott, wer bin ich, dass du mir solche Huld erweisest? Dies ist der Tag, den der Herr gemacht hat; lasst uns freuen und fröhlich darinnen sein (Ps. 118, 24). Dies ist der Weg, ob er wohl schmal sein mag, der des Friedens Gottes voll ist und zur ewigen Seligkeit führt. O wie mein Herz vor Freude hüpft, dass ich so nahe daran bin, sie zu schauen! Gott vergebe mir, dass ich so undankbar und dieser großen Herrlichkeit so unwürdig bin. Ich habe so viel Freude, dass ich, ob ich wohl all einem Ort der Finsternis und Trauer bin, doch nicht jammern kann. Vielmehr bin ich bei Tag und bei Nacht so voller Freude wie nie zuvor; des Herrn Name sei ewig dafür gepriesen! Unsere Feinde sind darüber ärgerlich und aufgebracht, dass sie mit den Zähnen knirschen. O betet inbrünstig, dass diese Freude nie von uns genommen werde; denn sie übertrifft alles, was die Welt an Glückseligkeit zu bieten hat. Dies ist der Friede Gottes, welcher höher ist denn alle Vernunft (Phil. 4, 7). Je mehr Gottes Auserwählte angefochten sind, desto mehr schmecken sie diesen Frieden, und darum kann weder Wasser noch Feuer sie schrecken." Samuel Clarke 1671.

Nie habe ich so begriffen, was es sei, dass Gott allezeit und gegen alle Anfechtungen Satans mir beistehe, wie ich Ihn erfunden habe, seit ich hierher gekommen bin. Denn siehe, so oft die Furcht sich zeigte, erschien auch Hilfe und Ermutigung. Ja, wenn ich voll Schrecken auch nur auf den eignen Schatten hinstarrte, so hat Gott in seiner zarten Fürsorge es nicht gelitten, dass ich beschwert wurde, sondern hat mich immer wieder mit diesem oder jenem Schriftwort gestärkt; so sehr, dass ich oft gesagt habe: Wäre es erlaubt, so könnte ich um größere Trübsal beten, um des reicheren Trostes willen. (2.Kor. 1, 5.) John Bunyan † 1688.

Ich will dem Herrn singen. Wie anders endet doch dieser Psalm, als er begonnen hat! John Trapp † 1669.


Homiletische Winke
V. 2.
Die Langwierigkeit der Trübsal ist doch nur scheinbar . Ihr Gegensatz zu den Tagen der Freude, - zum ewigen Verderben und zur ewigen Freude. Das Leid erscheint langwieriger infolge unserer Ungeduld und anderer leidenschaftlicher Erregungen. Man verkürzt sich die Leidenszeit, wenn man sich nicht daraus einlässt, im Voraus zu sorgen oder sich nachher noch über das Leiden zu grämen.
V. 2b.
Warum verbirgt Gott sein Angesicht? l) Warum überhaupt? 2) Warum vor mir? 3) Warum so lange?
V. 3.
Der tägliche Kummer. 1) Seine Ursachen: Der böse Feind , Unglaube, Sünde, Versuchung, Entbehrung der Gegenwart des Herrn, Mitleid mit andern, Schmerz über das menschliche Verderben. 2) Seine Notwendigkeit: Er soll bessern, was nicht taugt, uns zu neuem Suchen der Gnade treiben und das Sehnen himmelwärts richten. 3) Das Heilmittel dagegen: Gute Speise von Gottes Tisch; der alte Wein der Verheißungen ; Umgang mit Jesus; Übung in guten Werken; Vermeidung alles dessen, was ungesund ist. Benjamin Davies 1866.
V. 3a.
Selbstpeinigung: 1) ihre Ursache, 2) ihre Unglückseligkeit, 3) ihre Schuld, 4) ihre Heilung.
V. 3b.
Anwendung des Textes auf den Feind des Gläubigen: 1) Satans wahrer Charakter: er ist der Feind. 2) Der Ernst der Lage, wenn dieser Feind über uns triumphiert. 3) Die bange Frage; Wie lange? Benjamin Davies l866.
Der Ausblick auf die Zeit, da die Niederlage sich in Sieg verwandeln wird.
V. 4b.
Erleuchte meine Augen ! Das ist das rechte Gebet 1) für jeden Sünder, der in Finsternis wandelt; 2) für jeden, der das Heil sucht; 3) für jeden, der in Jesu Schule lernen will; 4) für jeden angefochtenen Gläubigen; 5) für jeden sterbenden Heiligen. B. Davies 1866.
V. 5.
Dieser Vers zeigt das Wesen der Gottlosen nach zwei Richtungen: Je mehr sie die Oberhand haben, desto übermütiger sind sie; sie frohlocken gewaltig über die, so in Trübsal sind. Thomas Wilcocks 1586.
V. 6.
Der gütige Geber und der frohe Sänger.
Der ganze Psalm eignet sich dazu, das stufenmäßige Aufsteigen von der Trauer zu jauchzender Freude zu schildern, wobei auf den Wendepunkt, das Gebet, der Nachdruck zu legen ist also: Trauern, Beten, Frohlocken. Archibald G. Brown 1869.


Fußnoten
1. Wörtl. heißt die 2. Vershälfte wahrscheinlich: infolgedessen Kummer ist in meinem Herzen bei Tage. Dem nächtlichen Grübeln und Plänemachen folgt bei Tage der Kummer der Enttäuschung, dass die Pläne sich als unausführbar erweisen.

2. Anspielung auf die fünf Klagelieder Jeremias.

3. Tophet ist die "Greuelstätte" im Hinnomtale bei Jerusalem, wo in götzendienerischen Zeiten dem Moloch die Kinder verbrannt wurden. Dieser Brandort wurde das Bild des höllischen Feuers, daher Geenna, d.h. Hinnomtal bei den späteren Juden der Name des Ortes der ewigen Pein (Mt. 5,22) wurde.
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Regelmäßige Lesung aus der Schatzkammer David Ps14

Beitragvon Jörg » 23.10.2018 15:06

Kommentar & Auslegung zu PSALM 14



Überschrift

Diese inhaltreiche Dichtung ist einfach überschrieben: Ein Psalm Davids, vorzusingen, oder: dem Sangmeister . Diese Widmung an den Vorsteher des Musikchors im Tempel, die sich an der Spitze von 55 Psalmen findet, will offenbar sagen, dass die so bezeichneten Psalmen nicht allein zum Privatgebrauch der Gläubigen bestimmt waren, sondern auch bei den Tempelgottesdiensten von dem dazu bestellten Chor unter Musikbegleitung gesungen werden sollten. Es waren der levitischen Sänger im Ganzen viertausend in vierundzwanzig Klassen. Mehrere der zur öffentlichen Aufführung bestimmten Psalmen enthalten wenig oder gar keine Lobpreisung und sind nicht unmittelbar an Gott gerichtet. Das beweist, dass die Theorie des Kirchenvaters Augustin († 430), die von manchen Gesangbuch - Herausgebern wieder aufgefrischt worden ist, dass man nämlich nur Loblieder singen solle, trotz ihrer scheinbaren Berechtigung keinen Schriftgrund hat. Die alttestamentliche Gemeinde besang in ihren geistlichen Liedern nicht nur die heiligen Lehren der göttlichen Offenbarung, auch brachte sie in ihnen nicht nur Bitte, Dank und Anbetung vor den Allerhöchsten, sondern der gottbegnadete Sänger Israels legte der Gemeinde in seinen Psalmen unter der Leitung des göttlichen Geistes sogar die Klagetöne heiliger Entrüstung in den Mund. Manche Leute haschen nach jeder "Feinheit", welche einen Schein von Richtigkeit hat, und gefallen sich darin, in grillenhaft übertriebener Genauigkeit noch mehr zu leisten als andere. Das wird aber schlichte Leute nicht hindern, an der alten, erprobten Weise festzuhalten und in ihren heiligen Gesängen nicht allein den Herrn zu erheben, sondern auch nach des Paulus Vorschrift einander zu lehren und zu vermahnen in Psalmen und Lobgesängen und geistlichen lieblichen Liedern, dabei dem Herrn in ihrem Herzen singend und spielend (Kol. 3,16).
Wir wollen den Psalm zur Unterstützung unseres Gedächtnisses überschreiben: Das Lied von der praktischen Gottesleugnung. Die vielen Vermutungen über die Veranlassung zur Dichtung dieses Psalms sind so völlig aus der Luft gegriffen, dass es Zeitverschwendung wäre, sie des langen und breiten aufzuzählen. Der Apostel Paulus hat uns im Kapitel 3 des Römerbriefs es gezeigt, dass es die Absicht des vom Geiste Gottes erleuchteten Dichters war, zu beweisen, dass alle Menschen unter der Sünde sind. Es liegt demnach kein Grund vor, eine besondere geschichtliche Veranlassung zu suchen, wenn doch die ganze Geschichte des Menschengeschlechts von schrecklichen Beweisen unserer gänzlichen Verderbtheit starrt. Mit lehrreichen Abänderungen ist uns im 53 . Psalm eine zweite Auflage dieses für unser Geschlecht so demütigenden prophetischen Bußrufes gegeben. Es war offenbar der Trieb des heiligen Geistes, der den Psalmisten bestimmte, eine Wahrheit, die dem fleischlichen Sinne stets so zuwider ist, zwiefach zu bezeugen.

Einteilung

Das törichte Glaubensbekenntnis der Welt V. 1a; dessen Sitten verderbender Einfluss V. 1b, 2.3; die Verfolgungssucht der Gottlosen V. 4; deren Spott über die Gottesfürchtigen V. 6; und endlich V. 7 die Bitte, der Herr möge sich zur Freude der Seinen als Retter offenbaren.

Auslegung

1. Die Toren sprechen in ihrem Herzen: Es ist kein Gott.
Sie taugen nichts und sind ein Gräuel mit ihrem Wesen;
da ist keiner, der Gutes tue.


Der Tor 1. Der Gottesleugner ist der Tor im besondern und ein Tor im allgemeinen Sinne. Er würde Gott nicht leugnen, wenn er nicht seinem innersten Wesen nach ein Tor wäre, und nachdem er Gott geleugnet hat, darf es uns nicht wundernehmen, dass er auch in seiner Handlungsweise ein Tor wird. Sünde ist immer Torheit; und wie es der Gipfelpunkt der Sünde ist, sogar das Dasein des Allerhöchsten zu leugnen, so ist es auch die denkbar größte Torheit. Wer da sagt, es gebe keinen Gott, widerstreitet den unwiderleglichsten Beweisen, und das ist Halsstarrigkeit; er widersetzt sich der übereinstimmenden Erkenntnis der ganzen Menschheit, und das ist Dummheit; er unterdrückt das eigene Bewusstsein, und das ist Wahnsinn. Wenn der Sünder den Gott, welchen er hasst, durch die Leugnung seines Daseins vernichten könnte, dann wäre in seinem Unglauben wenigstens noch etwas Sinn, wenn auch viel Bosheit; aber gleichwie es einen Menschen, der in den Flammen ist, nicht vor dem Verbrennen schützt, wenn er das Dasein des Feuers leugnet, so wird auch die Bezweiflung des Daseins Gottes den Richter der ganzen Welt nicht davon abhalten, alle, die sich wider ihn empören, auszurotten. Im Gegenteil, die Gottesleugnung ist ein Verbrechen, das den Himmel herausfordert, und schreckliche Rache wird daher über alle die Toren kommen, welche sich dieses Verbrechens schuldig machen. Ein Sprichwort sagt: Des Narren Zunge schneidet ihm den Hals ab, -- und in diesem Falle bringt sie Leib und Seele ins ewige Verderben. Ach, und wenn das noch alles Unheil wäre! Aber das Traurigste ist, dass ein Tor hundert andere erzeugt und dass solch ein lästernder Schreihals seine schreckliche Lehre ausbreitet, wie ein Aussätziger die Pest. Das hier für Tor gebrauchte Wort (nabal) führt nach der wahrscheinlichsten Ableitung auf den Begriff des Welken und Saftlosen, wie man es von Laub und Blumen sagt (z. B. Jes. 40,7 f.), bezeichnet also hier, im sittlichen und religiösen Sinn angewendet, die Torheit als geistliche Fadheit, Dürre und Nichtsnutzigkeit. Der Tor hat Saft und Kraft der Weisheit, Verständigkeit, Ehrbarkeit und Gottesfurcht verloren. John Trapp († 1669) trifft den Nagel auf den Kopf, wenn er ihn einen ausgemergelten Menschen, eine lebendige Leiche, ein wandelndes Grab nennt, einen Menschen, in dem alle Religion und aller gesunde Menschenverstand verwelkt und verdorrt, zerstört und verwüstet sind. Mit welchem Ernst sollten wir selbst den Schein eines Zweifels an der Gegenwart, der Wirksamkeit, der Macht und der Liebe Gottes meiden; denn all solches Misstrauen ist seinem Wesen nach Torheit, und wer von uns möchte wohl mit den Toren in unserem Text zusammengestellt werden? Doch wollen wir nicht vergessen, dass allen unwiedergeborenen Menschen mehr oder weniger von solcher Torheit im Herzen steckt.

Fußnote
1. Im Grundt. steht die Einzahl, die aber natürlich nicht einen einzelnen, sondern eine Klasse von Menschen bezeichnen soll. Beim Fehlen des Artikels übersetzt man sinngemäß wohl am besten: Toren sind es, die sprechen u.
Zuletzt geändert von Jörg am 04.11.2018 11:48, insgesamt 1-mal geändert.
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Beitragvon Jörg » 26.10.2018 14:48

Die Toren sprechen in ihrem Herzen: Es ist kein Gott. Ist es möglich, dass ein Mensch mit dem Munde an Gott zu glauben bekennt und dennoch in seinem Herzen das Gegenteil sagt? Ist er vielleicht in der Frechheit noch nicht so weit vorgeschritten, seine Torheit in Worten auszuposaunen? Oder will der Dichter sagen, dass des Herzens Gedanken vor Gott wie Worte sind, auch wenn sie vor Menschen noch nicht laut geworden? Ist das Herz die Stätte, wo der Mensch zuerst ein Ungläubiger wird, - das Herz und nicht der Kopf? Oder soll es als ein törichtes Reden im Herzen, als ein Mühen, die Stimme des Gewissens niederzuschreien, bezeichnet werden, wenn jemand gottesleugnerische Reden führt? Das ist jedenfalls nicht unrichtig. Hätte das Herz Lust zur Wahrheit und Gerechtigkeit, so würde der Verstand keine Schwierigkeit haben, über die Frage, ob es einen allgegenwärtigen, persönlichen Gott gibt, zur Klarheit zu kommen; aber da das Herz Recht und Gerechtigkeit hasst, ist es kein Wunder, dass es den Gott los sein möchte, der in all seinem Walten heilig ist und sich als den Beschützer des Rechts und den Rächer des Unrechts offenbart. Solange das Menschenherz bleibt, wie es ist, darf uns die weite Verbreitung der Zweifelsucht nicht befremden. Ein fauler Baum bringt arge Früchte (Mt. 7, 17). David Dickson († 1662) sagt: "Solange der Mensch nicht wiedergeboren und nicht mit Gott versöhnt ist, ist er in Wirklichkeit nichts anderes als ein Wahnsinniger." (Vergl. 5. Mose 32,28; Jer. 4,22; 5,21; Ps. 49,21; Eph. 4,18 u. a. St.) Was Wunder denn, wenn er tolles Zeug redet! Solche Toren wie die, mit denen wir es in unserem Text zu tun haben, sind allen Zeiten und allen Ländern gemein. Dem Unkraut gleich gedeihen sie ohne Pflege und sind sie in aller Welt zu finden. Ausbreitung bloßer Verstandes - Aufklärung vermindert ihre Zahl nicht. Da es sich hier nicht um einen Fehler im Gehirn, sondern im Herzen handelt, findet sich diese Torheit vielmehr oft mit großer Gelehrsamkeit vereinigt. Die Spitzfindigkeiten der Zweifelsucht zu widerlegen wird so lange vergebliche Mühe sein, bis die Gnade in das Herz einzieht und es zum Glauben willig macht. Narren mögen in einer Stunde mehr Einwürfe aufbringen, als weise Leute in sieben Jahren beantworten können. Ja es ist ihre Freude, den Weisen Steine in den Weg zu legen, über die sie straucheln sollen. Der Prediger ziele auf das Herz und predige die allüberwindende Liebe Jesu; auf diese Weise wird er durch Gottes Gnade mehr Zweifler für den Glauben des Evangeliums gewinnen, als hundert der besten Denker, die mit ihren apologetischen oder polemischen Beweisführungen nur den Kopf treffen.

Die Toren sprechen in ihrem Herzen: Es ist kein Gott. Diese Behauptung ist so ungeheuerlich, dass der Mensch es kaum wagt, sie bestimmt auszusprechen. Calvin scheint der Meinung, die Worte: "Kein Gott" (buchstäbl.) seien schwerlich als ein förmlicher Vernunftschluss, als ein positiver dogmatischer Satz zu werten. Andere Ausleger führen den Gegenbeweis. Es ist nicht nur der Wunsch der verderbten Natur des Sünders und die Hoffnung seines aufrührerischen Herzens, dass es keinen Gott gebe, sondern er müht sich auch ab, sich auf irgendeine Weise dazu zu bringen, es als Tatsache zu behaupten, und zuweilen meint er wirklich, er glaube es. Es ist ein überaus ernster Gedanke, dass es Menschen gibt, die mit ihren Lippen Gott anbeten und dennoch in ihrem Herzen sprechen: Es ist kein Gott. (Man vergl. z. B. Jer. 5,2.12;) Und zwar handelt es sich hier um die Leugnung des persönlichen Gottes. Es ist beachtenswert, dass es nicht so sehr der abstrakte Begriff der Gottheit ist, gegen den sich die Angriffe richten (Elohim wird nach Delitzsch nie im abstrakten Sinn gebraucht), als vielmehr der Begriff des sich persönlich in der Welt offenbarenden, allgegenwärtigen und allwaltenden Gottes. Eben als der Wirkende, als der Herrscher und Gesetzgeber und Retter ist Gott die Zielscheibe, auf die sich die Pfeile des menschlichen Grimmes richten. Welch ohnmächtige Bosheit und wahnsinnige Wut, die gegen den tobt und schäumt, in dem wir leben, weben und sind! Welch schreckliche Geisteskrankheit, die den Menschen, der sein Alles dem Herrn verdankt, dahin führt, auszurufen: Es ist kein Gott.

Sie taugen nichts. Dieses Urteil bezieht sich auf alle Menschen, und zwar gibt uns der heilige Geist die Vollmacht zu dieser Behauptung. Man lese das 3. Kapitel im Römerbrief (Röm 3). Feindschaft wider Gott bekundet tiefe Verderbnis des innersten Wesens. Die wörtliche Übersetzung: Sie machen ihr Tun 2 verderbt, d. h. verderblich handeln sie , erinnert uns daran, dass die Sunde nicht nur passiv in unserer Natur liegt als Quelle des Bösen, sondern dass wir selber mit unserm Tun die Flamme schüren und uns immer mehr sittlich verderben. So machen wir das noch schwärzer, was von Anfang schon schwarz wie die Nacht war. Wir schmieden unsere eigenen Ketten durch gewohnheitsmäßiges und beharrliches Ausüben des Bösen.
Sie sind ein Gräuel mit ihrem Wesen, wörtlicher: Abscheulich handeln sie . Wenn Menschen damit anfangen, dass sie das Dasein des Allerhöchsten leugnen, wer mag sagen, wo sie enden werden? Wenn erst dem Meister die Augen ausgestochen sind, was werden dann die Gesellen nicht alles anfangen? Man betrachte den Zustand der Welt zur Zeit der Sintflut, wie er 1. Mose 6,12 dargestellt wird (woran uns besonders das dort zuerst gebrauchte Wort tyxi$:hi erinnert), und man bedenke, dass die menschliche Natur dieselbe geblieben ist. Wer ein schreckliches Gemälde von der ohne Gott dahinlebenden Welt sehen will, muss die peinlichste Stelle der ganzen von Gott eingegebenen Schrift, das erste Kapitel im Römerbrief, lesen. Gelehrte Hindus haben bekannt, dass diese Beschreibung buchstäblich genau auf die heutigen Zustände in Indien passe; und es stände in unsern Landen gerade so, wenn bei uns nicht die Macht der Gnade durch das Evangelium die Sünde eindämmte und zurückhielte. Ach, jene Beschreibung ist ohnehin ein nur zu genaues Bild dessen, was auch in unsern Landen im Geheimen getrieben wird. Dinge, die Gott und Menschen im höchsten Grade ekelhaft sind, schmecken manchem Gaumen lieblich.

Da ist keiner, der Gutes tue. Unterlassungssünden müssen da überhand nehmen, wo Begehungssünden epidemisch sind. Wer tut, was er nicht tun sollte, lässt sicher ungetan, was er tun sollte. Welch ein Bild unseres Geschlechts wird uns hier gezeigt! Die gefallene, entartete Menschheit ist eine Wüste ohne Oase, eine Nacht, in der kein Sternlein blinkt, ein Müllhaufen, in dem kein Edelstein zu finden ist, ein Höllenabgrund, dessen Tiefe niemand ergründen kann.

Fußnote
2. hlfyli(A gehört als Objekt zu den beiden aktiven Verben: Verderbt, ja abscheulich machen sie ihr Tun.
Zuletzt geändert von Jörg am 04.11.2018 11:50, insgesamt 1-mal geändert.
Es muß alles erst einmal an Gott vorüber, bevor es mich treffen kann. (Helmut Thielicke)

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Beitragvon Jörg » 30.10.2018 16:00

2. Der Herr schauet vom Himmel auf der Menschen Kinder,
dass er sehe, ob jemand klug sei
und nach Gott frage.
3. Aber sie sind alle abgewichen und allesamt untüchtig;
da ist keiner, der Gutes tue, auch nicht einer.


Der Herr schaut vom Himmel auf der Menschen Kinder. Wie von einem hohen Wachtturm aus beobachtet er mit scharfem, durchdringendem Blicke die Menschen. Er straft nicht blindlings wie ein Tyrann, der in plötzlicher Zornesaufwallung den Befehl gibt, alles ohne Unterschied niederzumetzeln, weil das Gerücht eines Aufruhrs zu seinen Ohren gedrungen ist. Welch herablassende Teilnahme Gottes für das Menschengeschlecht und welch unparteiische Gerechtigkeit wird uns hier vor Augen gestellt! An Sodom, das der Herr erst verderbte, nachdem er hinabgefahren war und die Stadt besucht hatte (1. Mose 18,21.33; 19), haben wir ein deutliches Beispiel davon, wie sorgfältig die göttliche Gerechtigkeit die Sünde besieht, ehe sie die Strafe hereinbrechen lässt, und wie sie die Gerechten ausfindig macht, damit sie nicht mit den Schuldigen umkommen. Sieh, wie die Augen des Allwissenden den ganzen Erdkreis durchforschen und unter allen Völkern und Nationen danach spähen, ob jemand klug sei und nach Gott frage . Er, der vom Himmel herniederschaut, kennt das Gute und erkennt es alsbald, und er würde sich hoch freuen, irgendwo etwas Gutes zu finden. Aber unter all den unwiedergeborenen Menschenkindern ist sein Suchen und Forschen fruchtlos; denn unter dem ganzen adamitischen Geschlecht gibt es nicht eine Seele, die nicht von Natur ein Feind Gottes und des Guten wäre. Wonach der Herr sucht, sind nicht reiche, berühmte oder gelehrte Leute. Diese können mit allem, was sie darzubieten vermögen, doch den Ansprüchen des großen Weltenlenkers nicht gerecht werden. Auch sucht er nicht nach solchen, die den höchsten Grad der Tugend erreicht haben. Nein, er sucht nur nach Leuten, die klug waren, die so viel Einsicht hätten, ihren Zustand und hinwiederum ihre Pflicht, ihre Bestimmung und ihr Glück zu erkennen; er forscht nach solchen, die nach Gott fragen , die, gesetzt, dass es einen Gott gibt, willig und begierig wären, ihn zu finden. Das ist doch gewiss keine zu hoch gespannte Erwartung; denn wenn die Menschen Gott noch nicht erkannt haben, werden sie ihn doch suchen, wenn sie überhaupt gesunden Verstand besitzen. Aber wehe, nicht einmal diesen geringen Grad des Guten kann das Auge des Allsehenden entdecken, sondern die Menschen haben ihre Freude an der grauenhaften Verneinung: Es ist kein Gott. Sie kehren ihrem Schöpfer, der Sonne ihres Lebens, den Rücken und wandern in das Schreckensland des Unglaubens und der Gottentfremdung, in das Land der Finsternis und des Todesschattens, da keine Ordnung ist und, wenn’s hell wird, es ist wie Finsternis (Hiob 10,21 f.).
Aber sie sind alle abgewichen. Alle Menschen ohne Ausnahme sind ihrem Schöpfer abtrünnig geworden und haben seine Gesetze und die ewigen Grundordnungen des Rechts verlassen. Gleich störrigen Rindern haben sie sich geweigert, ihren Nacken unter das Joch zu beugen; wie irrende Schafe haben sie ein Loch in der Hecke gefunden und die gute Weide verlassen. Der Urtext spricht von dem Geschlecht als einem Ganzen, einer Gesamtheit (lkIoha). Die Menschheit als Ganzes ist dem Verderben verfallen, so dass ihre Gesinnung nichtswürdig, ihr Wandel befleckt geworden ist. Sie sind allesamt untüchtig. Alle einzelnen miteinander sind verdorben und versauert, wie schlecht gewordene Milch oder verdorbener Sauerteig, oder, wie manche es wiedergeben; sie sind faul, ja stinkend geworden. Der einzige Grund, warum wir diese Fäulnis nicht deutlicher wahrnehmen, ist, dass wir uns daran gewöhnt haben, gerade wie Leute, die Tag für Tag in einer Luft arbeiten, die von ekelhaften Dünsten erfüllt ist, schließlich nichts mehr davon merken. Der Müller beachtet den Lärm seiner Mühle nicht, und wir bemerken nur schwer unsere Verderbtheit und unsern sittlichen Verfall. Aber gibt es keine Ausnahmen von der Regel? Sind alle Menschen sündig? Ja, sagt der Psalmist in nicht misszuverstehender Weise: sie alle. Erst hat er es positiv ausgesprochen, jetzt wiederholt er es in der Form der Verneinung: Da ist keiner, der Gutes tue, auch nicht einer . In bestimmtester Weise wird es hier verneint, dass irgendein Adamssohn aus sich selbst etwas Gutes tue. Dies ist der Urteilsspruch des allsehenden Gottes, der nicht übertreiben, noch sich irren kann. Der heilige Geist, der durch den prophetischen Sänger redet, begnügt sich nicht damit, zu sagen: ihre Gesamtheit, alle miteinander, sondern er fügt die erdrückenden Verneinungen hinzu: keiner, auch nicht einer. Was sagen die Gegner der Lehre von der natürlichen Verderbtheit hierzu? Und welche Empfindungen weckt dieses Zeugnis des heiligen Geistes in unsern Herzen? Drängt es uns nicht, es zu unserm persönlichen Bekenntnis zu machen, dass auch wir von Natur verderbt sind, und die freie Gnade zu preisen, die uns erneuert hat im Geiste unseres Gemüts, auf dass nun nicht mehr die Sünde uns tyrannisch beherrsche, sondern die Gnade uns freundlich leite und regiere?

4. Will denn der Übeltäter keiner das merken,
die mein Volk fressen, dass sie sich nähren;
aber den Herrn rufen sie nicht an?


Der Hass gegen Gott und die Verderbtheit des Lebens sind die treibenden Kräfte, welche die Verfolgungen der Frommen erzeugen. Menschen, die keine selig machende Erkenntnis von göttlichen Dingen haben und sich selbst zum Dienst der Bosheit verkaufen, so dass sie Übeltäter werden, haben keine Neigung, den Herrn um Errettung aus ihrer Sklaverei anzurufen, sondern sie machen sich eine Lust daraus, das arme, verachtete Volk Gottes zu verschlingen. Das ist schwere Knechtschaft, ein Übeltäter zu sein! Ein Galeerensklave oder einer, der zur Arbeit in den Minen Sibiriens verbannt ist, hat kein erniedrigenderes und erbärmlicheres Los. Die Arbeit ist hart, der Lohn schrecklich. Diese Sklaverei erwählen solche, die aller Erkenntnis bar und unvernünftig 3 wie die Tiere sind. Wer aber von Gott gelehrt ist, schreit nach Befreiung aus solchen Ketten. Dieselbe Unwissenheit, welche die Menschen in der Knechtschaft der Sünde festhält, gebiert in ihnen den Hass gegen die frei geborenen Kinder Gottes; deshalb suchen sie diese zu verzehren, wie man Brot isst! 4 -- täglich, gierig, als wäre es eine ganz gewöhnliche Alltagssache, die Heiligen Gottes zu unterdrücken. Wie die Hechte im Teich die kleinen Fische fressen, wie die Adler den kleineren Vögeln nachstellen, wie die Wölfe die Schafe auf der Weide zerreißen, so verfolgen, verlästern und verschlingen die Gottlosen die Nachfolger Jesu, als wäre das etwas ganz Natürliches. Während sie so die Frommen sich zur Beute zu machen suchen, schwören sie allem Beten ab, und hierin stimmen sie alle überein; denn wie könnten sie hoffen, erhört zu werden, da ihre Hände voll Blut sind?

Fußnoten
3. Delitzsch übersetzt: Sind so gar unvernünftig alle Übeltäter? W(d:yf)Æl, ohne Objekt, sei von absolutem Nichtwissen zu verstehen, wie, 82,5 und öfters. Andere übersetzen: Haben es denn nicht erfahren alle Übeltäter.

4. Wörtlich: Die mein Volk verzehren- was wohl heißen soll: Die mein Volk fressen, wie sie Brot essen, als wäre es etwas ganz Natürliches, Wohlberechtigtes. Vergl. die Ausmalung dieses Gedankens Micha 3,2 f. Andere geben dem Ausdruck mit Luther den Sinn, dass sie von gottloser Ausbeutung des Volkes leben.
Zuletzt geändert von Jörg am 04.11.2018 11:51, insgesamt 1-mal geändert.
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Jörg
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Beitragvon Jörg » 04.11.2018 11:28

5.Da fürchten sie sich;
denn Gott ist bei dem Geschlecht der Gerechten.

Es geht den Bedrückern nicht immer nach Wunsch. Plötzlich kommen dann und wann Anfälle von Zittern und Beben über sie, und es gibt Zeiten, wo sie vor dem Schall der göttlichen Stimme (V. 4) zu Boden fallen. (Vergl. Joh. 18,6.) Der Grundtext malt ihr Erschrecken in lebhaften Farben: da erschaudern sie schaudernd, oder, da das Zeitwort dxp den Nebenbegriff des Plötzlichen hat: da überfällt sie schrecklicher Schrecken. Da, wo sie Gott leugneten und sein Volk quälten und vergewaltigten; da, wo sie von Ruhe und Sicherheit träumten, da übernahm sie der Schrecken, diese halsstarrigen, hochmütigen Sünder, diese Nimrode und Herodesse mit dem großen Maul und der eisernen Faust. Ein unbeschreibliches, entsetzliches, geheimnisvolles Grausen lässt ihre Haut erschaudern. Die verhärtetsten Menschen haben Zeiten, wo das Gewissen ihnen kalten Angstschweiß auf die freche Stirn treibt. Wie Feiglinge oft grausam sind, so haben alle grausamen Menschen ein feiges Herz. Es kann einem aber auch das Haar zu Berge stehen machen, wenn Sünden längst vergangener Zeiten einen wie Schreckgespenster verfolgen. Ob auch die Ungläubigen noch so laut mit ihrem Unglauben prahlen, so klingt ihnen doch ein Ton in den Ohren, der ihnen alle Ruhe nimmt.
Denn Gott ist bei dem Geschlecht der Gerechten. Das ist es gerade, was den Ruchlosen die Gesellschaft der Gottesfürchtigen so widerwärtig macht: sie merken, dass Gott bei diesen ist. Sie mögen ihre Augen schließen, so fest sie wollen, sie können doch nicht umhin, das Bild Gottes in dem Charakter wahrhaft begnadigter Gotteskinder wahrzunehmen, noch können sie sich der Erkenntnis verschließen, dass der Herr daran ist, sein Volk aus ihrer Hand zu erretten. Gleich Haman erfasst sie unwillkürlich ein Grauen, wenn sie einen Schützling Gottes wie den Mardochai sehen. Selbst wenn der Fromme in niedriger Stellung vor dem Tore des Palastes trauert, wo sein Feind in Pracht schwelgt, so fühlt der Sünder doch den Einfluss des wahren Adels des Gläubigen und zittert davor; denn er merkt, dass sich da etwas Göttliches offenbart. Mögen die Spötter sich in Acht nehmen, denn sie verfolgen den Herrn Jesus, wenn sie sein Volk bedrücken. Die Verbindung zwischen Gott und seinem Volke ist überaus innig. Im alten Bunde wohnte Gott schon bei dem Geschlecht der Gerechten; jetzt wohnt er in geheimnisvoller Weise durch den Geist in ihnen.


6.Ihr schändet des Armen Rat;
aber Gott ist seine Zuversicht.
5

Ungeachtet ihrer Feigheit hüllen sich die Gottlosen doch in das Fell des Löwen und spielen die Herren über Gottes leidendes Volk. Obgleich sie selber Toren sind, spotten sie doch über die wahren Weisen, als ob die Torheit auf deren Seite wäre. Aber was kann man auch anderes von ihnen erwarten? Wie sollten viehisch rohe Gemüter Verständnis für Vortrefflichkeit haben? Wie können Eulenaugen die Sonne bewundern? Die besondere Zielscheibe ihres Witzes scheint das Vertrauen der Frommen auf den Herrn zu sein. "Was kann euer Gott nun für euch tun? Wer ist der Gott, der euch aus unserer Hand erretten könnte? Wo ist der Lohn für all euer Bitten und Flehen? Höhnische Fragen solcher Art schleudern sie den schwachen Gotteskindern ins Angesicht. Wir wollen uns aber durch ihr Lachen und Höhnen nicht aus unserer Festung locken lassen, sondern wollen ihren Spott verspotten und ihrem Hohn mit Hohn antworten. Wir brauchen nur ein wenig zu warten, dann wird der Herr, der unsere Zuflucht ist, seine Auserwählten rächen und seinen Widersachern, die sich einst über ihn und sein Volk lustig gemacht haben, den Garaus bereiten.

7.Ach, dass die Hilfe aus Zion über Israel käme,
und der Herr sein gefangen Volk erlöste!
So würde Jakob fröhlich sein, und Israel sich freuen.

Dieses Schlussgebet ist natürlich genug; denn was könnte so wirksam die Gottesleugner überführen, die Verfolger niederwerfen, der Sünde wehren und die Frommen in Sicherheit bringen, als die offenbare Erscheinung des großen Heiles Israels? Das Kommen des Messias war das Sehnen der Gottesfürchtigen aller Zeiten, und obgleich er bereits einmal gekommen ist, um mit einem Sühnopfer die Missetat hinwegzunehmen, so warten wir doch darauf, dass er zum zweiten Mal erscheine ohne Sühnopfer zur Vollendung unserer Seligkeit. (Vergl. Hebr. 9,28 .) Ach, dass die Jahre des Harrens schon zu Ende wären! Warum verzieht er so lange? Er weiß, dass die Sünde überhand nimmt und sein Volk untertreten wird; warum kommt er nicht, die Seinen zu befreien? Seine glorreiche Wiederkunft wird sein altes Bundesvolk von der buchstäblichen und das geistliche Israel von der geistlichen Gefangenschaft befreien. Der kämpfende Jakob und der sieghafte Israel werden sich gleichermaßen vor ihm freuen, wenn er als ihr Heil offenbar wird. O dass er jetzt käme! Welch glückliche, heilige, entzückende, himmlische Tage würden wir dann erleben! Aber lasst uns ihn nicht für säumig halten; denn siehe er kommt, er kommt bald, er kommt in Eile tacu/ Off. 22,20). Wohl allen, die auf ihn harren!

Fußnote
5. Es ist wohl zu übersetzen: Des Gedrückten Rat -- macht ihn nur zuschanden! (umsonst ist es doch,) denn der Herr ist seine Zuflucht. Das Fut. ist, wie auch z. B. 3. Mose 18, 17 imperativisch zu fassen. Der Begriff des Vergeblichen ist in dem ykIi = denn verborgen. Spurgeon dagegen fasst es nach der engl. Übersetzung, als ob das Perf. stände: Ihr habt des Armen Rat geschändet, weil der Herr seine Zuflucht ist.
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Beitragvon Jörg » 06.11.2018 16:34

Erläuterungen und Kernworte

Zum ganzen Psalm. Meist fasst man den Psalm als lehrhafte Spruchdichtung auf. Die hebräischen Perfektformen V. 1-5 drücken dann allgemeine, von vielen einzelnen Fällen abgezogene Erfahrungstatsachen aus und sind mit Luther im Präsens zu übersetzen. Ganz abweichend ist die von nicht wenigen neueren Auslegern vertretene historische Auffassung, bei der man die Anfangsverse des Psalms imperfektisch übersetzt. Ihre Hauptstütze sucht diese Auffassung in V. 5: "Da erbebten sie, erbebten." Darnach wäre der Psalm als ein Rückblick auf eine entsetzliche Katastrophe zu verstehen, durch die in einer Zeit allgemeinen Abfalls über die Frevler das göttliche Strafgericht gekommen war, während die Gerechten dabei unversehrt geblieben waren. Der Schlussvers fügt sich aber bei dieser Auffassung schlecht dem Gedankengang ein, wenn man nicht den ganzen Psalm einer späten Zeit zuweisen will, wogegen sehr triftige Gründe sprechen. Man ist dann genötigt, V. 7 als späteren Zusatz anzusehen, während der Vers sich bei der gewöhnlichen Auffassung des Psalms ohne große Schwierigkeit dem bisherigen Gedankengang anfügt. -J. M.

Das Herz ist nach der Schrift nicht nur Werkstatt des Wollens, sondern auch des Denkens. Der nabal (der Tor) bleibt nicht dabei stehen, dass er so handelt, als ob kein Gott sei, sondern er leugnet auch geradezu, dass ein Gott sei, ein persönlicher nämlich.
Dass es solche Gottesleugner unter den Menschen geben kann, stellt der Psalmist als das Äußerste und Tiefste menschlicher Selbstverderbnis obenan. Subjekt des Folgenden: "Sie machen verderbt, machen abscheulich (ihr) Handeln", sind dann nicht diese Gottesleugner, sondern die Menschen insgemein, unter denen es solche gibt. Die Verneinung "Es ist kein Gutestuer" lautet so unbeschränkt wie 12,2. Aber weiterhin unterscheidet der Psalmist von der verderbten Gesamtheit ein gerechtes Geschlecht, welches dieses Verderben als Verfolgungsleiden zu erfahren bekommt. Er meint, was er sagt, von der Menschheit als ko/smoj (Welt), in welchem ihm zunächst, wie in der göttlichen Rede 1. Mose 6,5.12 , das Gemeinlein der durch Gnade der Verderbensmasse Entnommenen verschwindet. Da es nur die Gnade ist, welche dem allgemeinen Verderben entnimmt, so lässt sich auch sagen, dass die Menschen beschrieben werden, wie sie von Natur sind, obgleich freilich nicht von dem Erbsündenzustand an sich, sondern von dem Tatsündenzustand, der, wenn die Gnade nicht eingreift, daraus emporwuchert, die Rede ist. Prof. D. Franz Delitzsch † 1890.

Was sollen wir dazu sagen, dass derselbe Psalm mit geringen Abweichungen noch einmal in die heilige Sammlung aufgenommen ist? Kümmert sich der Geist Gottes so sehr um die Worte und Taten der Toren, dass es ihm nicht genügt, sie einmal zu beleuchten? Oder geht uns das Geschwätz und der Wahnwitz dieser Toren so nahe an, dass es nötig ist, uns einmal und abermals und Römer 3 zum dritten Mal darauf hinzuweisen? Sicherlich ist doch keiner von uns solch ein Tor! Nein, wenn uns nur jemand einen solchen zeigen wollte, der sich untersteht, wenn auch nur in Gedanken zu sagen: Es ist kein Gott, er würde sicherlich nicht unbehelligt bleiben, er sollte es bald erfahren, dass wir nicht zu seiner Partei gehören - wir, die wir sogar imstande sind, David selbst über diese und jene Glaubenssätze zu belehren, die er gar nicht gekannt hat. Ja noch mehr, wir, die wir David eine Vorlesung über seine eigenen Psalmen halten könnten, wir, die wir die Bedeutung seiner Weissagungen weit klarer erkennen als er, der dem heiligen Geiste die Feder hielt, wir sollten mit irgendeinem stichhaltigen Grunde des Atheismus bezichtigt werden können? Wir wollen ja zugeben, dass in andern Dingen ein kleiner Beigeschmack von Torheit und diese und jene Unvollkommenheit an uns gefunden werden mag; aber es ist undenkbar, dass wir, die wir mit dem himmlischen Manna des Wortes Gottes fast übersättigt sind, die wir unsere Lehrer unterweisen könnten, die wir fähig sind, Ansichten und Lehrsätze aufzustehen, deren Schwierigkeiten selbst Gelehrte vom Fach nicht zu lösen vermögen, jemals zu dem Gipfel der Torheit und des Wahnwitzes gelangen sollten, den Gedanken zu hegen, es gebe keinen Gott! Nein, wir sind nicht so unliebenswürdig, einen Türken oder offenbaren Ungläubigen solch schrecklichen Dinges zu bezichtigen. - Meine Lieben, haltet euch nicht selbst für klug! Bei ernstlicher Betrachtung des Kapitels 3 im Römerbrief werdet ihr finden, dass Paulus aus diesen und ähnlichen Worten der Schrift den Schluss zieht, dass die ganze Nachkommenschaft Adams unter der Sünde und dem Fluche Gottes liege. Diese seine Folgerung wäre ohne Beweiskraft, wenn nicht jeder Mensch von Natur eben von der Art wäre, die der Prophet hier beschreibt. Derselbe Apostel bezeichnet den natürlichen Zustand der Menschen Eph. 2,12 so: ohne Gott (a}qeoi) in der Welt. Wir lesen selbst unter den Heiden nicht von mehr als drei oder vier Leuten irgendwelchen Ansehens, die so weit gegangen wären, es als einen Lehrsatz aufzustellen, dass es keinen Gott gebe. Aber wiewohl die meisten Leute das Dasein der Gottheit theoretisch nicht in Frage stellen, vielmehr jeden offenbaren Atheisten verabscheuen, so leugnen sie Gott doch in ihrem Herzen und ihren Neigungen. Sie leben , als ob es keinen Gott gäbe. In all ihrem Vornehmen tut sich keinerlei Ehrfurcht vor Gott kund. Darum werden sie in Wirklichkeit nach Gottes Urteil im buchstäblichen Wortverstande Atheisten. William Chillingworth † 1643.

V. 1. Die Welt, in der wir leben, ist eine Welt der Toren . Der weitaus größere Teil der Menschen handelt wider alle Vernunft. So groß ist ihre Verblendung, dass sie das Zeitliche dem Ewigen, die Genüsse des Augenblicks solchen, die nimmer enden werden, vorziehen und lieber den Einflüsterungen Satans als Gottes Zeugnis Gehör geben. Von allen Torheiten ist die größte die, welche sich auf die ewigen Dinge bezieht; denn sie ist die verhängnisvollste, zumal es für den, der darin beharrt, keine Heilung mehr gibt. Ein Missgriff in zeitlichen Dingen lässt sich manchmal später wieder gut machen und ist jedenfalls von verhältnismäßig geringer Tragweite; aber ein Irrtum in geistlichen und ewigen Dingen ist nicht nur hienieden schon von der größten Bedeutung, sondern kann auch, wenn während des ganzen Lebens festgehalten, nie wieder berichtigt werden. Denn nach dem Tode gibt es keine Erlösung mehr. John Jamieson 1789.

Warum widersetzen sich die Menschen der göttlichen Autorität, gegen die sie doch nichts auszurichten vermögen? Was anders als der Geist der Feindschaft kann sie veranlassen, sich wider ein so sanftes Joch zu sträuben, eine so leichte Last abzuwerfen, so friedliche und liebliche Pfade zu scheuen und statt dieser solche einzuschlagen, die so offenbar Wege zur Hölle sind, da man hinunterfährt zu des Todes Kammern? (Spr. 7,27.) Lieber umkommen wollen als gehorchen: Ist das nicht der Höhepunkt der Feindschaft? Ja, wenn sie in ihrem Herzen sprechen: Kein Gott , heißt das so viel als: Ach, dass es keinen gäbe! Ihre Feindschaft erreicht nicht nur den Gipfel der Bosheit, sondern auch des Wahnsinns, indem sie den Schöpfer aller Dinge, den Urheber ihres eigenen Daseins vernichtet zu sehen wünschen. Ihre Wut beraubt sie aller Einsicht. Sie merken nicht, dass, was sie wünschen, die höchste Unmöglichkeit ist, und dass, wenn jenes Unmögliche möglich wäre, mit der Vernichtung Gottes zugleich auch ihre eigene und aller gelassenen Wesen Vernichtung gegeben wäre, und dass ihrer Herzen Gedanken, in Worte gefasst, auf nichts Geringeres als eine schreckliche und grässliche Verwünschung und Verfluchung Gottes und der ganzen Schöpfung zugleich hinauslaufen würden. Es ist, als wollten sie durch die Lästerungen ihres giftigen Atems die ganze Natur zerstören, das Weltall in ein Nichts auflösen. Sie reden wider Himmel und Erde, sich selber und alle Dinge zugleich, als ob sie dächten, ihr ohnmächtiger Hauch könnte die Allmacht überwältigen, die unerschütterlichen Grundpfeiler von Himmel und Erde ins Wanken bringen und das göttliche Schöpferwort "Es werde" durch ihr armseliges Nein zunichte machen. John Howe † 1705.

Wer leugnet, dass es einen Gott gibt, sündigt freventlich gegen das Licht der Natur; denn jedes Geschöpf, selbst die kleinste Mücke oder Fliege und der verächtlichste Wurm im Staube ist geeignet, den, der das Dasein Gottes in Frage stellt, zu widerlegen und zu beschämen. Der Name Gottes ist der ganzen Schöpfung in so deutlichen und leuchtenden Schriftzügen aufgedrückt, dass ihn alle Menschen dort mit Leichtigkeit lesen können. Der Gottesbegriff ist so fest und tief in die Tafeln des Menschenherzens geprägt, dass Gottes Dasein leugnen so viel ist als die Grundprinzipien der Natur verneinen. In der Hölle gibt es solche Atheisten nicht; denn die Teufel glauben und zittern (Jak. 2,19). Wer nicht an einen Gott glaubt, ist demnach schlechter als die Teufel. Der Kirchenvater Augustin († 430) sagt: Obgleich es manche gibt, welche denken oder doch sich einzureden suchen, dass es keinen Gott gebe, würde dennoch selbst der schlechteste und elendeste Schuft, der jemals gelebt hat, nicht den Mut haben, offen zu sagen: Es ist kein Gott. Der römische Philosoph Seneca († 65) sagt: Mentiuntur qui dicunt se non sentire Deum esse: nam etsi tibi affirmant interdiu nocte tamen dubitant , d. h.; Lügner sind alle, die sagen, sie könnten es nicht wahrnehmen, dass es einen Gott gibt; denn obgleich sie es bei Tage behaupten mögen, bezweifeln sie es selber bei Nacht. Ich habe von einigen gehört, die zweifeln, ob es einen Gott gebe; aber nie habe ich jemand kennen gelernt, der nicht, wenn er krank wurde, Gott um Hilfe angefleht hätte. Darum lügen alle, die solches sagen. Sie sündigen gegen das Licht ihres eigenen Gewissens. Die den größten Eifer entwickeln, das Dasein Gottes zu leugnen, können es nicht tun, ohne dass ihr Gewissen dagegen zeugt und ihnen die Schamröte ins Angesicht treibt. Thomas Brooks † 1680.

Wer in der Welt ist ein vollkommenerer Tor, wer ist unwissender und elender als ein Gottesleugner ? Eher kann doch jemand glauben, dass er selber gar nicht wirklich existiere, als dass er an dem Dasein Gottes zweifelt. Denn er selbst kann aufhören zu sein; einst war er nicht, sein Wesen verändert sich, und zu vielen Zeiten seines Lebens weiß er nicht, dass er ist, wie z. B. jede Nacht, wenn er schläft; aber nichts von alledem ist bei Gott möglich. Kann irgendetwas in der Welt törichter sein, als zu denken, dass dieses wunderbare Himmelszelt und diese Erde durch Zufall entstanden sein sollten, während doch der größte Künstler nicht eine Muschel machen kann? Wunderbare Wirkungen sehen und keine Ursache anerkennen, eine vortreffliche Weltregierung und keinen Regenten, eine Bewegung ohne ein Unbewegliches, einen Kreis ohne einen Mittelpunkt, eine Zeit ohne eine Ewigkeit, ein Zweites ohne ein Erstes, - ein Etwas, das nicht aus sich selber den Anfang genommen hat, erkennen, und doch nicht erkennen, dass ein anderes Etwas sein muss, woraus es seinen Ursprung hat und das selber ohne Anfang sein muss, - das alles sind Dinge, die so gegen die gemeine Lebensweisheit und den gesunden Menschenverstand streiten, dass der wirklich in seinem Verstand tierisch geworden sein muss, der es nicht anerkennen will. Das aber ist eben das Wesen des Toren, der in seinem Herzen spricht: Es ist kein Gott . Das Gebilde spricht: Niemand war mein Bildner. Die Zunge hat gewiss nicht sich selber sprechen gemacht und redet dennoch wider den, der sie geschaffen, und spricht: Was gemacht ist, das ist; der es gemacht hat, ist nicht. Bischof Jeremy Taylor † 1667.
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