Regelmäßige Lesung aus der Schatzkammer Davids von Spurgeon

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Jörg
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Regelmäßige Lesung aus der Schatzkammer David Ps.4

Beitragvon Jörg » 02.03.2018 15:56

5. Zürnet ihr, so sündiget nicht.
Redet mit eurem Herzen auf eurem Lager und harret. Sela.


Zittert 3, und sündiget nicht. Wie viele kehren diesen Rat um und sündigen, aber zittern nicht. O dass die Menschenkinder die Mahnung dieses Verses annehmen und mit ihrem Herzen reden würden! Gedankenlosigkeit muss doch wohl eine der Ursachen sein, weshalb die Menschen so wahnwitzig sind, Christus zu verachten und die ihnen angebotene Gnade mit Hass von sich zu stoßen. Ach, dass für einmal ihre Leidenschaften schweigen und ihnen stille zu sein 4 erlauben würden, damit sie so in feierlichem Schweigen die Vergangenheit überblicken und über den unausbleiblich ihrer wartenden Untergang nachdenken würden! Ein denkender Mensch sollte doch sicherlich verständig genug sein, zu erkennen, wie töricht die Sünde und wie wertlos alle Lust der Welt ist. Halte ein, unbesonnener Sünder, halte ein, und besinne dich, ehe du den letzten Sprung ins Verderben tust. Lege dich auf dein Lager und denke über deine Wege nach. Geh mit deinem Kissen zu Rat und lass die Stille der Nacht dich unterweisen. Wirf deine Seele nicht für nichts weg! Lass die Vernunft zu Wort kommen. Lass den Lärm der Welt einen Augenblick schweigen, und lass deine arme Seele mit dir reden, damit du dich besinnest, ehe du ihr Schicksal besiegelst und sie ins ewige Verderben stürzest. Sela. Sünder, halte einen Augenblick stille! Bedenke, solange es noch Zeit ist, was zu deinem Frieden dient.

6. Opfert Gerechtigkeit,
und hoffet auf den Herrn.


Wenn die Empörer die Mahnung des letzten Verses zu Herzen genommen hätten, würden sie jetzt ausrufen: Was müssen wir tun, dass wir errettet werden? Und in diesem Verse werden sie nun auf das Opfer hingewiesen und ermahnt, auf den Herrn zu trauen. Es müssen aber rechte Opfer sein, die sie bringen (wörtlich: Opfert Opfer der Gerechtigkeit), d. h. solche, die ein Ausfluss der rechten, dem göttlichen Willen, dem Geist des Gesetzes entsprechenden Gesinnung sind, statt der bloß äußerlich in totem Zeremoniendienst dargebrachten, wobei der Mensch auf sein Werk statt auf den Herrn vertraut, oder gar der heuchlerischen Opfer, womit sie, wie Delitzsch sich ausdrückt, ihre schlechte Sache zu weihen und Gott aufzuschmeicheln gedenken. -- Wenn der Israelit in rechter Weise Opfer darbrachte, beging er damit, wenn auch unbewusst, eine auf den Erlöser, das Lamm Gottes, welches der Welt Sünde tragen sollte, vorbildlich hinweisende Handlung. Sünder, fliehet zu dem Opfer auf Golgatha und hoffet auf den Herrn, denn der dort für die Sünder starb, ist der Herr, Jahwe selbst.

7. Viele sagen: "Wer wird uns Gutes sehen lassen?"
Aber, Herr, erhebe über uns das Licht deines Antlitzes!


Wir kommen hiermit zu dem dritten Teil des Psalms, in welchem der Glaube des bedrängten Knechtes des Herrn in lieblichen Zeugnissen, wie friedevoll und in Gott vergnügt seine Seele sei, zum Ausdruck kommt.
Es gab deren viele, selbst unter Davids getreuen Anhängern, die lieber sehen als glauben wollten. Diese Neigung regt sich in uns allen. Sogar die Wiedergeborenen sehnen sich oft danach, äußeres Wohlergehen zu empfinden und zu schauen, und sind trübselig, wenn die Dunkelheit alles Gute vor ihrem Blick verhüllt. Was aber die Weltleute betrifft, deren Ruf ist unaufhörlich: Wer wird uns Gutes sehen lassen ? Nie zufrieden, wendet sich ihr Mund weit geöffnet nach allen Seiten; ihre leeren Herzen sind stets bereit, irgend welche schöne Täuschung, die Betrüger erfinden mögen, hinunterzuschlürfen; und wenn ihre eitlen Hoffnungen scheitern, geben sie sich alsbald der Verzweiflung hin und erklären, es gebe nichts Gutes, weder im Himmel noch auf Erden. Der wahre Gläubige ist ein Mensch ganz anderen Schlages. Sein Angesicht ist nicht abwärts gerichtet wie das der Tiere, sondern aufwärts gleich dem der Engel. Er trinkt nicht aus den schlammigen Pfützen des Mammons, sondern aus dem Strom des Lebens, der vom Tempel Gottes ausfließt (vergl. Hes. 47,1 ff., auch V. 11.12). Das Licht des göttlichen Antlitzes scheint über ihm: Das ist genug. Das ist sein Reichtum, seine Ehre, sein Wohlsein, sein Ehrgeiz, seine Wonne. Wird ihm das zuteil, so begehrt er nichts mehr. Ja, das ist unaussprechliche, herrliche Freude. O dass das Innewohnen des heiligen Geistes in unsern Herzen völliger werde, auf dass unsere Gemeinschaft mit dem Vater und mit seinem Sohne Jesu Christus beständig sei.

8. Du erfreuest mein Herz,
ob jene gleich viel Wein und Korn haben.

Der Vers lautet genauer: Du hast mir (durch das Gefühl deiner Gemeinschaft) Freude in mein Herz gegeben mehr als (die Freude) der Zeit ihres Kornes und Mostes, deren viel war , d. h. weit größere Freude, als ihnen in der Zeit der vollen Erntefreuden zuteil wird. Besser ist es, hat jemand gesagt, eine Stunde im reumütigen Herzen Gottes Gnade zu empfinden, als ganze Menschenalter hindurch in dem lieblichsten Sonnenschein, den diese Welt bieten kann, zu weilen. Christus im Herzen ist besser als Korn in der Scheune oder Wein in der Kufe. Korn und Wein sind nur Früchte dieser Welt, aber das Licht des göttlichen Antlitzes ist die reife Frucht des Himmels. "Du bist bei mir", das ist ein noch viel lieblicherer Klang als der Sang der Schnitter, die den letzten vollen Erntewagen einbringen. Mag mein Kornspeicher leer sein, ich bin dennoch reich gesegnet und hoch beglückt, wenn ein Lächeln meines Heilandes mir zuteil wird; aber ohne ihn bin ich arm, ob ich auch die ganze Welt besäße.
Wir wollen nicht außer Acht lassen, dass dieser Vers als Herzenserguss des Gerechten das Gegenstück bildet zu dem, was die vielen (V. 7) sagen. Wie schnell verrät doch die Zunge den Mann! "Sprich, damit ich sehe, wer du bist", sagte Sokrates zu einem wohlgestalteten Jüngling. Von welcher Güte das Erz einer Glocke ist, wird am besten an ihrem Ton erprobt. Die Vögel geben sich an ihrem Gesang zu erkennen. Die Eule kann das Jubellied der Lerche nicht singen, und ebenso wenig ist es der Nachtigall möglich, zu kreischen wie die Eule. Lasst uns denn unsere Worte wägen und unsere Zunge behüten, es möchte sonst unsere Sprache verraten, dass wir Fremde und außer der Bürgerschaft Israels seien.

9. Ich liege und schlafe ganz mit Frieden;
denn allein Du, Herr, hilfst mir, dass ich sicher wohne.

Nach dem Grundtexte lauten die Worte: In Frieden will ich mich niederlegen und alsbald schlafen. Welch lieblicher Abendgesang! Ich werde nicht vor Furcht ausbleiben, um Wache zu halten, sondern mich niederlegen; und dann werde ich nicht wach liegen, ängstlich auf jedes Geräusch lauschend, sondern in stillem Seelenfrieden alsbald schlafen, habe ich doch nichts zu fürchten. Wer des Allmächtigen Flügel über sich hat, bedarf keines andern schützenden Vorhangs um sein Lager. Besser als Schloss und Riegel ist der Schutz des Herrn. Bewaffnete hüteten das Bett Salomos (Hohel. 3,7 f.), aber ich denke nicht, dass er sanfter geschlummert hat als sein Vater, der auf dem harten Erdboden liegen musste und von blutgierigen Feinden gejagt war. Im Folgenden achte man auf das Wörtlein allein. Gott allein war Davids Hüter. Wiewohl er allein war, ohne Hilfe von Menschen, befand er sich dennoch in guter Hut, denn er war allein mit Gott. Ein gut Gewissen ist ein sanftes Ruhekissen. Wie manche schlaflose Stunde ließe sich auf eine ungläubige oder ungeordnete Gemütsverfassung zurückführen. Der schlummert süß, den der Glaube in Schlaf wiegt. Kein Kissen ist so weich wie eine Verheißung aus Gottes Wort, und keine Decke so warm wie die Gewissheit des Heils in Christo.
O Herr, gib uns Gnade, in kindlichem Glauben so in deinen Armen zu ruhen, damit wir gleich David uns in Frieden niederlegen und jede Nacht schlafen können, solange wir noch leben. Und mögen wir uns dann, wenn deine Stunde schlägt, mit Freuden aufs Sterbekissen niederlegen, um im Todesschlummer in Gott zu ruhen.
Wir können es uns nicht versagen, folgende Worte von Dr. Hawker († 1825) hier beizufügen. Sie sind es wohl wert, dass wir sie betend überdenken und uns mit heiliger Freude daran weiden.
"Lasst uns beim Lesen dieses Psalms nie den Herrn Jesus aus dem Auge verlieren. Er ist ‚der Herr unsere Gerechtigkeit’ (Jer. 23,6), und sooft wir zum Gnadenthrone nahen, lasst uns in seinem Namen hinzutreten. Während die Weltmenschen ihr höchstes Gut bei der Welt suchen, wollen wir des Herrn Wohlgefallen begehren; denn das ist besser als Korn und Wein und alles Gut der Welt, das sich doch im Gebrauch verzehrt. Ja, Herr, deine Güte ist besser denn Leben (Psalm 63,4). Die dich lieben, machst du zu reichen Erben, und ihre Schatzkammern füllest du.
"Du gütiger Gott und Vater, hast du dir so wundersam einen auserkoren, der unser Fleisch und Blut an sich hatte? Hast du in der Tat einen aus den Menschen erwählt? Hast du ihn als fleckenlos rein, als durch und durch göttlich anerkannt? Hast du ihn zum Bund unter das Volk gegeben? (Jes. 42,6; 49,8.) Und hast du erklärt, dass du an ihm Wohlgefallen hast? (Jes. 42,1; Mt. 3,17) Dann weiß ich, dass mein Gott und Vater mich hören wird, wenn ich in Jesu Namen ihn anrufe und mich um Jesu willen guter Aufnahme bei ihm versehe. Ja, ich bin guter Zuversicht; ich habe nun den Grund gefunden, der meinen Anker ewig hält. Christus ist meine Hoffnung, er ist meine Gerechtigkeit; darum wird der Herr mich hören, wenn ich rufe. Und hinfort darf ich in Frieden mich niederlegen und süßen Schlummer genießen, in Jesu ruhend als einer, der angenehm gemacht ist in dem Geliebten (Eph. 1, 6); denn das ist die Ruhe, mit der der Herr die Mühseligen erquickt. (Mt. 11,28 f.)".
Es muß alles erst einmal an Gott vorüber, bevor es mich treffen kann. (Helmut Thielicke)

Jörg
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Regelmäßige Lesung aus der Schatzkammer David Ps.4

Beitragvon Jörg » 06.03.2018 18:28

Erläuterungen und Kernworte

Zum ganzen Psalm. Wie pries ich dich, mein Gott, da ich die Psalmen Davids las, die glaubensvollen Gesänge, die mit ihrem frommen Schall den Geist des trotzigen Übermutes austreiben. Ich las sie, da ich, noch ein Neuling in deiner Liebe, als Katechumene mit dem Katechumenen Alypius auf dem Landgute der Ruhe lebte und die Mutter uns anhing mit stiller Weiblichkeit, mit männlichem Glauben, mit des Alters Frieden, der Mutter Liebe und der Gottseligkeit des Christen. Wie pries ich dich bei diesen Psalmen, wie wurde ich durch sie für dich entflammt und hätte sie gerne dem ganzen Erdkreis gegen den Stolz seines Menschengeschlechts verkündigt. Und werden sie denn nicht in aller Welt gesungen, und breitest du nicht aus mit ihnen deine allumfassende Wärme? Voll Schmerz zürnte ich den Manichäern [den Vertretern jener aus vielerlei Elementen heidnischer Religionsphilosophie und christlichen Gnostizismus gemischten Religion, die fast ein Jahrtausend der gefährlichste Feind der christlichen Kirche war und der Augustin selber neun Jahre angehangen hatte], die deine Schrift verwarfen, und bemitleide sie wieder, dass sie nichts wussten von diesem himmlischen Heilmittel und wahnsinnigerweise verschmähten, was sie heilen konnte. Ich wollte, dass sie damals ohne mein Wissen in meiner Nähe gewesen waren, mein Antlitz gesehen und meine Stimme gehört hätten, als ich in jenen stillen, einsamen Stunden den vierten Psalm las, damit sie bemerkten, was aus mir jene Psalmworte gemacht hatten. 5 -- 9. Buch der Bekenntnisse des Aurelius Augustinus † 430.

V.2. Wie beredt erweist sich der Glaube in der Not, wie geschickt weiß er alle Gründe für die göttliche Hilfe vorzubringen! Er wendet sich an Gottes Bereitwilligkeit zu hören: Erhöre mich, wenn ich rufe. Er beruft sich auf die ewig gültige Gerechtigkeit, welche Gott dem Menschen in der Rechtfertigung gegeben, und auf Gottes unwandelbare Gerechtigkeit, mit der er seines Knecht Recht verteidigt: Gott meiner Gerechtigkeit. Er zieht Schlüsse aus den bisherigen Erfahrungen der göttlichen Hilfe: Der du mich tröstest in Angst, und aus Gottes Gnade, die alle in des Menschen Unwürdigkeit und Strafbarkeit begründeten Einwände widerlegt: Sei mir gnädig, und erhöre mein Gebet. David Dickson 1653.

Der große Urheber aller Dinge tut nichts vergeblich. Er hat das Gebet verordnet und, dass ich so sage, den Menschen die Kunst des Betens gelehrt nicht als eine unnütze und unzulängliche Sache, sondern er hat dem Gebet eine wunderbare Kraft verliehen, dass es die weitest reichenden, glücklichsten Folgen hat. Im Gebet hat er uns den Schlüssel in die Hand gegeben, womit wir alle Schatzkammern des Himmels öffnen können. Himmel und Erde und alle Elemente stehen den Händen zu Dienst, die sich oft im Gebet gen Himmel erheben. Ja, alle Werke und sogar, was noch größer ist, alle Worte Gottes gehorchen dem Gebet. Wohlbekannt sind die Vorbilder großer Beter, welche die heilige Schrift uns vorführt, wie Mose und Josua, und Elia, den Jakobus ausdrücklich einen Menschen gleich wie wir, denselben engen Schranken und denselben Schwachheiten unterworfen nennt, um die wunderbare Kraft des Gebets durch die allgemein-menschliche Schwäche des Beters in desto helleres Licht zu stellen. Erzbischof D. R. Leighton † 1684.

Gott meiner Gerechtigkeit. Merke von dieser ersten Stelle an, wie durch das ganze Psalmbuch hindurch die Gerechtigkeit Gottes angeführt wird, nämlich wie sie allen redlichen Herzen, die sich der Sünde begehren abzuziehen, zum Schutz gestellt ist, nicht das strengste Recht betreibt, sondern bei allem den eigentlichen Grund und die daneben einschlagenden Umstände mitleidig zu Herzen nimmt und alles nach der vorzüglichen Neigung Gottes zur Gnade entscheidet. K. H. Rieger † 1791.

V. 2ff. David wollte, wie es der ganze Psalm zeigt, eigentlich mit Menschen zu ihrer Besserung reden, und er wendet sich dabei zuerst zu Gott. Wichtiger Vorteil! Hast du es nie erfahren, dass auf einen geheimen Umgang mit Gott deines Nächsten Herz sich mehr als sonst zu dir neiget? Mit Menschen und sonderlich mit seinen Widersachern so handeln und reden, wie man es vorher mit Gott abgeredet hat, ist weislich getan. K. H. Rieger † 1791.

Das Gebet erhebt sich über das gottlose Ungestüm der Menschen und schwingt sich schnellen Flugs gen Himmel auf. Und dieser Vogelflug ist Glück bedeutend, wenn wir das Bild von den alten Auguren brauchen dürfen. Brünstige Gebete haben starke, weite Schwingen, den Adlern gleich; während die Nachtvögel am Boden hinflattern, steigen sie zur Höhe empor und weisen uns den Ort, wohin wir trachten sollen. Denn gewiss gibt es nichts, was so schnell die Luft durchschneidet, nichts, das einen so erhabenen, so glücklichen und Glück verheißenden Flug nimmt wie das Gebet, das die Seele auf seinen Fittichen auswärts trägt und all die Gefahren, ja auch die Freuden dieser niederen Welt weit hinter sich zurücklässt. Siehe, wie der heilige Mann Gottes, der soeben noch mitten in der Angst zu Gott schrie und mit Ungestüm um Erhörung flehte, jetzt, als wäre er schon im Besitz alles dessen, worum er gebetet, es kühn unternimmt, seine Feinde zur Rede zu stellen, mochten sie noch so viel Ansehen und selbst im königlichen Palast Einfluss besitzen. Erzbischof D. R. Leighton † 1684.

Jede Silbe dieses Psalms könnten wir uns im Munde unseres Heilands denken, etwa an einem der letzten Abende seines Erdenlebens, da er sich nach einem abermaligen fruchtlosen Wortwechsel mit den Männern von Israel anschickte, den Tempel für den Tag zu verlassen, um sich nach seiner gewohnten Ruhestätte (wozu vergl. hier V. 9) am Ölberg bei Bethanien zurückzuziehen (Mk. 11,11; Lk. 21,37). Wir können diesen Psalm als Erguss seines Herzens betrachten, das sich so nach dem Heil der Menschen sehnte (V. 3 f.) und sich in seinem Gott freute (V. 8). Der Psalm ist aber nicht nur die Sprache des Hauptes, sondern auch die Sprache seiner Glieder, die mit ihm in diesen heiligen Empfindungen übereinstimmen. Von diesem Psalm können die Gerechten des Morgens und des Abends ihre Hütte ertönen lassen, wenn sie trauernd über die Welt blicken, die Gottes Gnade verwirft. Sie mögen ihn singen, während sie sich Tag für Tag mehr an Jahwe als an ihr für Zeit und Ewigkeit allgenugsames Erbe (Ps. 16,5) anklammern. Sie mögen ihn singen mit der freudigen Zuversicht des Glaubens und der Hoffnung, wenn der Abend des Welttages herankommt, und mögen dann in Schlummer sinken, dessen völlig versichert, was ihre Augen am Auferstehungsmorgen begrüßen werden. Andr. A. Bonar 1859.

V. 3. Das Eitle. Es ist ein überaus trauriger Gedanke, dass es so viele Tausende gibt, die gleich dem Prediger (Pred. 1,2) aus eigener Erfahrung sagen könnten: "Eitelkeit der Eitelkeiten, es ist alles ganz eitel", und dennoch diesen eiteln Dingen nachjagen, als gäbe es keine andere Ehre und kein anderes Glück. Den Heiland, den Himmel und ihre eigene Seele verkaufen solche Leute um eine Bagatelle, die wohl diese Dinge eitel nennen, aber das doch nicht wirklich glauben, sondern ihr Herz an dieselben hängen, als wären sie die Krone ihres Ruhmes und der Gipfel ihrer Würde und Herrlichkeit. O denket und sinnet doch nach über die Nichtigkeit aller irdischen Dinge, bis euer Herz so vollständig von ihrer Eitelkeit überzeugt ist, dass ihr sie mit Füßen tretet und zum Fußschemel macht, darauf Christus steigen und in heiligem Triumph in euer Herz einziehen kann.
Als Gelimer, der letzte König der Vandalen, von dem römischen Feldherrn Belisar 534 im Triumphzug aufgeführt wurde, rief er aus: Eitelkeit der Eitelkeit, alles ist eitel. -- Das war ein guter Gedanke des griechischen Schriftstellers Lucian, als er Charon (den Fährmann der Verstorbenen) auf dem Gipfel eines hohen Berges darstellte, wie er von dort oben auf das Treiben der auf Erden Lebenden herabsieht und die größten Städte als kleine Vogelnester schaut. Wie unvollkommen, wie ungenügend, wie flatterhaft und unbeständig ist doch all das, dem die Menschen so sklavisch anhangen. Würden wir nur die Mühsal der Menschen gegen ihren Lohn, ihre Leiden gegen ihre Güter, ihr Elend gegen ihre Freuden abwägen, dann wäre es uns alsbald klar, welch schlechtes Geschäft wir dabei machen, und wir würden zu dem Schluss kommen: Es ist alles ganz eitel. Der große Kanzelredner Chrysostomus († 407) sagte einst: Wenn ich in aller Welt der Geschickteste wäre, um der ganzen Welt, zuhauf versammelt, eine Predigt zu halten; und wenn ich einen hohen Berg als Kanzel hätte, von wo ich die ganze Welt überblicken könnte; und wenn mir eine Stimme von Erz gegeben wäre, eine Stimme so laut wie die Posaune des Erzengels, dass alle Welt mich hören könnte: so würde ich keinen andern Predigttext wählen, als den in den Psalmen: O ihr sterblichen Menschen, wie lange wollt ihr das Eitle lieb haben und nach Lügen trachten? Thomas Brooks † 1680.

Wer die Sünde liebt, liebt das Eitle; er hascht nach Seifenblasen, er stützt sich auf einen Rohrstab, seine Hoffnung ist ein Spinnengewebe. C. H. Spurgeon 1869.

Die Neigungen der Menschen richten sich nach ihren Grundsätzen. Jedermann liebt von den Dingen außer ihm das am meisten, was am besten zu dem, was in ihm ist, passt. D. Thomas Horton † 1673.

V. 4. Erkennet doch, dass der Herr seine Heiligen wunderlich führet. (Luther). Dazu hat Gottfried Arnold († 1714) das Lied gesungen, das A. Knapp das tiefsinnigste, erfahrungsreichste, gedankenreichste Kirchenlied voll majestätischer Weisheit genannt hat, dessen erster Vers (von dreizehn) lautet:

So führst du doch recht selig, Herr, die Deinen,
Ja selig, und doch meist verwunderlich!
Wie könntest du es böse mit uns meinen,
Da deine Treu’ nicht kann verleugnen sich?
Die Wege sind oft krumm und doch gerad’,
Darauf du lässt die Kinder zu dir gehn;
Da pflegt’s oft wunderseltsam auszusehn,
Doch triumphiert zuletzt dein hoher Rat.

D. R. Kögel, Deine Rechte sind mein Lied, 1895.

Erkennet doch, dass der Herr sich einen Frommen wundersam auserkoren hat . (Grundt.) Wenn Gott jemand erwählt, so sondert er denselben zuerst aus und schneidet ihn von allem übrigen ab. Dann lässt er ihn durch viele Leiden hindurchgehen, läutert ihn und macht mitten in seinen Leiden seine Gnade wunderbar an ihm. Prof. Joh. Wichelhaus † 1858.

Wie teuer geachtet sind doch die Frommen in Gottes Augen! Die Herrlichkeit eines Menschenkindes, das mit Gottesfurcht geziert ist, ist gleich der schönsten Blume des Paradieses, gleich dem Weine des Libanons, gleich den funkelnden Edelsteinen auf Aarons Brustschildlein. Die Gottesfürchtigen sind wert geachtet in Gottes Augen, darum hat er sie sich wundersam auserkoren. Wir sondern solche Dinge aus, die uns wertvoll sind. Die Frommen sind ausgesondert als Gottes Eigentum (Ps. 135,4 und oft), als sein Lustgarten (Hohel. 4,12 f.); sie sind die Herrlichen auf Erden (Ps. 16,3), lauterem Golde gleich geachtet (Klagl. 4,2), das im Feuer geläutert ist (Sach. 13,9). Origenes vergleicht die Heiligen mit Saphiren und Kristallen (vergl. Jes. 54,11 f. und Off. 21,9 ff.). Thomas Watson 1660.

Der Herr höret, wenn ich ihn anrufe. Lasst uns hierbei beachten, dass die Erfahrung, die ein einzelner Gläubiger von der Wahrheit der göttlichen Verheißungen und der Gewissheit der in der Schrift verbrieften Vorrechte des Volkes Gottes macht, ein genügender Beweis ist für den Anspruch, den alle Gotteskinder an diese Gnadenschätze haben, und ein Grund der Hoffnung, dass auch sie daran teilhaben werden zur Zeit, wenn ihnen Hilfe Not sein wird. David Dickson 1653.

V. 5. Redet mit eurem Herzen . Willst du dich in der Einsamkeit zur Gottseligkeit üben, so gewöhne dich daran, Selbstgespräche mit dir allein zu halten. Der braucht nie müßig zu sein, wer so viel mit seiner eigenen Seele zu tun hat. Der griechische Philosoph Antisthenes gab eine feine Antwort, als er gefragt wurde, was für Frucht er von all seinen Studien gewinne. Durch sie, sagte er, habe ich gelernt, mit mir selbst zu leben und zu sprechen. Selbstgespräche sind die besten Zwiegespräche. Frage dich, zu welchem Zwecke du geschaffen worden, was für ein Leben du bisher geführt, wie viel Zeit du verloren, wie viel Liebe du missbraucht, wie viel Zorn du dir aufgeladen hast. Ziehe dich selbst zur Rechenschaft, welchen Gebrauch du von deinen Gaben gemacht, wie treu oder untreu du mit dem dir Anvertrauten gewesen, was für Vorsorge du für die Sunde des Todes getroffen und wie du dich auf den großen Tag der Rechenschaft vorbereitet hast. Auf eurem Lager. Die Einsamkeit und die Stille der Nacht eignen sich am besten für solches Zwiegespräch. Wenn nichts von außen her uns stören und unsere Augen locken kann, zu den Enden der Erde zu schweifen, wie des Narren Augen tun (Spr. 17,24 Grundt.), dann mögen unsere Augen, wie die des Weisen, sich einwärts richten, gleich den Fenstern am neuen Tempel (Hes. 40,16). Und seid stille . (Grundt.) Der Umgang mit uns selbst wird uns viel dazu helfen, unser Inneres zum Schweigen zu bringen, auch die im Inneren tobenden Leidenschaften zu dämpfen. George Swinnock † 1673.
Es muß alles erst einmal an Gott vorüber, bevor es mich treffen kann. (Helmut Thielicke)

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Regelmäßige Lesung aus der Schatzkammer David Ps.4

Beitragvon Jörg » 10.03.2018 11:55

Erläuterungen und Kernworte

V. 7. Wo Christus der Seele seine Herrlichkeit offenbart, ist volle Genüge in den dürftigsten Verhältnissen; ohne Christus bleibt eine unausfüllbare Leere bei der größten Fülle irdischen Guts. Alexander Grosse 1632.

Der Mensch hat eine Sehnsucht nach dem Guten, er hasst das Böse als Übel, weil es ihm Schmerzen und Leiden allerart und endlich den Tod bringt, und er wünscht das höchste Gut zu finden, das sein Herz befriedigt und ihn vom Übel erlöst. Aber nun machen sich die Menschen einer folgenschweren Verwechslung schuldig. Sie schauen nach einem Gut aus, das ihre Leidenschaften befriedigt, und haben keinen Begriff von anderem als sinnlichem Glück. Darum weisen sie die geistlichen Güter von sich und verwerfen das höchste Gut, Gott, durch den allein das tiefste Innere der Menschenseele befriedigt werden kann. Adam Clarke † 1832.

Herr, erhebe über uns das Licht deines Antlitzes. Das war der hohepriesterliche Segen (4. Mose 6,25 f.) und ist noch heute das Erbteil aller Glieder des Volkes Gottes. Es schließt in sich die Versöhnung mit Gott, die Gewissheit der Begnadigung, traute Gemeinschaft mit dem Herrn, Segen auf allen unsern Wegen, kurz, die Fülle der Heilsgüter. Herr, erhebe auch über uns das Licht deines Antlitzes! C. H. Spurgeon 1869.

V. 8. Damit man die irdischen Güter nicht etwa als an und für sich böse ansehe, gibt Gott sie hier und da solchen, die in Gerechtigkeit vor ihm wandeln; und damit sie nicht etwa als das höchste Gut betrachtet werden, verleiht er sie häufig gottlosen Menschen. Aber im Allgemeinen sind sie weit häufiger das Teil der Feinde als der Freunde Gottes. Was ist es doch, so viel von Gottes Hand anzunehmen und selber nicht angenommen zu werden, von keinem andern Segenstau benetzt zu werden als solchem, auf den Schwefelregen folgt! Diese Welt ist ein schwimmendes Eiland; es ist daher ganz sicher, dass, wer in diese Welt seinen Anker senkt, mit dieser Welt weggeschwemmt werden wird. Gott und dazu alles, was er gemacht hat, ist nicht mehr, als Gott ohne irgendetwas von dem, was er gemacht hat. Wer ein solches Goldbergwerk besitzt, kann nie eines Guts ermangeln. ER ist genug ohne die Kreatur, aber die Kreatur ist nichts ohne ihn. Es ist darum besser, sich seiner zu erfreuen, ohne irgendetwas anderes zu besitzen, als sich an allem andern zu vergnügen, ohne ihn zu haben. Besser ist es, ein hölzernes Gefäß zu sein, das mit edlem Wein gefüllt ist, als ein goldenes voll Wasser. William Secker 1660.

Wie töricht wäre es doch von den Günstlingen des Himmels, die Leute dieser Welt zu beneiden, die doch im besten Fall nur von den Brosamen essen, die von Gottes Tische fallen! Die zeitlichen Güter sind die Knochen, die geistlichen das Mk. Ist es nicht unter des Menschen Würde, die Hunde wegen der ihnen zufallenden Knochen zu beneiden? Und ist es nicht noch vielmehr unter der Würde eines Christen, andere um zeitlicher Güter willen zu beneiden, da er doch die geistlichen, ewigen Güter genießt? Thomas Brooks † 1680.

Du erfreuest mein Herz. Die Tröstungen, welche Gott für seine Leidtragenden (Jes. 57,18) in Bereitschaft hat, füllen das Herz (Röm. 15,13; Joh. 16,24), ja die himmlischen Freuden machen das Herz überfließen (2.Kor. 7,4 wörtlich: ich bin mehr denn überfließend vor Freude, vergl. Psalm 23,5; mein Becher ist Überfluss). Äußerliche Freuden können das Herz so wenig füllen als ein Dreieck einen Kreis. Geistliche Freuden geben volle Genüge (Psalm 63,6 wörtlich: Wie an Mark und Fett ersättigt sich meine Seele). Weltliche Freuden können wohl ein fröhliches Angesicht machen, aber Gottes Geist macht das Herz fröhlich. (Sach. 10,7; Joh. 16,22; Lk. 1,47.) Wein und Korn und das Beste der Erde kann wohl ergötzen, aber nicht befriedigen ; in allem ist eine Leere und ein Mangel. Äußerliche Freuden machen voll, aber nicht satt, machen überdrüssig, aber nicht zufrieden. Xerxes setzte eine große Belohnung aus für den, der ein neues Vergnügen erfinden würde; aber die Freuden, welche der heilige Geist im Herzen wirkt, erquicken in Wahrheit die Seele (Ps. 94,19). Der Unterschied zwischen den himmlischen und den irdischen Freuden ist so groß wie der zwischen einem Gastmahl, an dem man wirklich zu Tische sitzt, und einem nur an die Wand gemalten. Thomas Watson 1660.

V. 9. Der gottselige Mensch hat ein leichtes Herz; nachdem er im gläubigen Gebet seine Sorge auf Gott geworfen hat, ist er ruhig bei Tag und bei Nacht, denn er überlässt es seinem Gott, alles nach seinem heiligen Willen zu ordnen. (Vergl. Mk. 4,26 ff.) Matthew Henry 1714.

Hast du vom Morgen bis zum Abend in Gemeinschaft mit deinem Gott gewandelt, so erübrigt noch, dass du den Tag wohl beschließest, wenn du dich zur Ruhe legst. Darum schaue zuerst rückwärts und suche einen genauen Überblick über dein ganzes Verhalten an dem vergangenen Tage zu gewinnen. Ändere, was du verkehrt findest, und freue dich oder sei betrübt, je nachdem du findest, du habest wohl oder übel getan, du seiest in der Gnade vorwärts oder rückwärts gekommen. Gedenke sodann, dass Gott nicht schläft; wie könntest du in Sicherheit ruhen, wenn er, der da wacht, nicht dein Hüter, sondern dem Feind wäre? Darum erneuere abends betend im Glauben deinen Friedensbund mit Gott, dann kannst du im Frieden dich niederlegen und schlafen. Und beim Ablegen der Kleider, beim Niederlegen und während du im Bette noch wach liegst, rede mit deinem Herzen (V. 5). Kannst du mit göttlichen Gedanken in Schlummer fallen, dann wirst du süß und sicher schlafen (Spr. 3,21. 24 f.; 6,21 f.), du wirst seltener und lieblicher träumen, und dein Herz und Kopf werden in besserer Verfassung sein, wenn du mitten in der Nacht oder am Morgen erwachst. Henry Scudder 1633.

Aus der Redeschlacht und von dem Feld des Kampfes mit der offenen Feindseligkeit der Menschen treten wir nun für einen Augenblick in die Stille und Verborgenheit der Schlafkammer. Auch hier tönt uns das "Ich will", des Glaubens entgegen. Wir können aus diesem Verse besonders sehen, wie Gott sich unser persönlich annimmt auch in der stillen Kammer. Darin liegt etwas unaussprechlich Köstliches für den Gläubigen, indem es uns zeigt, wie Gottes Liebe sich dem einzelnen zuwendet und sich herablässt, mit so zärtlicher Sorgfalt bis ins Kleinste und Verborgenste zu walten. Gott zeigt nicht nur Interesse, wo er durch große Erfolge seine Herrlichkeit vor aller Welt offenbaren kann, sondern auch, wo ihm für sein Mühen nichts wird als die dankbare Liebe eines armen, schwachen Geschöpfes, dessen Leben er beschützt und erhalten hat in Zeiten der Hilflosigkeit oder da es im Schlafe lag. Wie segensreich wäre es, wenn wir für Gottes Walten in der stillen Kammer ein offeneres Auge hätten; wenn der Gedanke in uns lebendiger wäre, dass er bei uns in der Kammer ist auch in den Stunden, da Krankheit, Übermüdung oder Kummer uns drücken; wenn wir im Glauben uns des getrösteten, dass seine Teilnahme und liebende Sorgfalt sich ebenso sehr dem schwachen Gläubigen in der Kammer zuwendet wie denen, die auf dem Kampfesplatz stehen. Es ist etwas unaussprechlich Rührendes in diesem Glaubenswort des Psalmisten: Ich will mich niederlegen . Damit verzichtet er freiwillig darauf, sein eigener Hüter zu sein, und übergibt sich ganz in seines Gottes Hand. Und er tut das völlig, denn sorglos schläft er alsbald ein. Hier sehen wir vollkommenen Glauben. Mancher Gläubige legt sich wohl nieder, aber kein Schlaf kommt in seine Augen. Vielleicht fühlt er sich wohl geborgen, was seinen Leib betrifft; aber Sorge und Unruhe dringen in die Heimlichkeit seines Gemachs ein. Sie kommen und fechten sein Vertrauen auf Gott an; sie überfallen ihn mit Drohungen und Schrecken und erweisen sich, leider, als übermächtig. Mancher arme Gläubige könnte sagen: Ich lege mich nieder, aber nicht um zu schlafen. Ich besuchte einst einen betagten Prediger des Evangeliums, der schwer krank daniederlag. Die äußeren Verhältnisse dieses ehrwürdigen Mannes waren dürftig, seine Familiensorgen groß. Er sagte: "Der Arzt will, dass ich schlafe; aber wie kann ich schlafen, während die Sorge auf meinem Bette sitzt?" Es ist die Erfahrung mancher Kinder Gottes, dass sie zwar einem plötzlich sie überfallenden Leiden oder einem andauernden Drucke zunächst gewachsen sind, dass danach aber eine lähmende Rückwirkung eintritt. In der Stille der Einsamkeit bemächtigt sich ihrer Niedergeschlagenheit, und sie empfinden kaum mehr etwas von jener göttlichen Kraft und jenem Glaubensmut, die sie beseelten, als die Trübsal mit ganzer Wucht auf ihnen lag. Die Einsamkeit und Stille hat ihre besonderen Versuchungen, und oft stellt die stille Kammer; höhere Anforderungen an unser Gottvertrauen als das Kampfesfeld. Ach, dass wir es doch immer besser lernten, in unseren persönlichen Angelegenheiten auf Gott zu trauen! Dass wir Gott nicht nur als Gott unserer Kirchen, auch nicht nur als Gott unseres Hauses, unserer Familie, sondern auch als den Gott unserer einsamen Kammer kennen würden und ihn mehr und mehr auch in die kleinsten Einzelheiten unseres täglichen Lebens hineinblicken ließen! Wäre dem so, dann würden wir eine Seelenruhe genießen, die wir jetzt in dem Maße vielleicht kaum ahnen. Wir würden uns weniger vor dem Siechbette fürchten und hätten, statt eines gequälten Geistes, jenen frohen Mut, der so sehr die Leibes- und Seelenruhe fördert. Ja, dann könnten wir sagen: "Ich will mich niederlegen und schlafen und das Morgen meinem Gott überlassen." Dem bekannten Ridley, erbot sich sein Bruder, die letzte Nacht vor dessen Blutzeugentode bei ihm zu bleiben; aber der Bischof lehnte das Anerbieten ab, indem er sagte, er gedenke zu Bett zu gehen und so friedlich zu schlafen wie je in seinem Leben. Phil. B. Power 1862.

Wohl dem Christen, der sich Nacht um Nacht mit solcher Sprache des Herzens zur Ruhe begibt und zuletzt mit denselben Worten ins Grab als sein Ruhebettlein legt, davon er zu Gottes Zeit sich zu erheben gedenkt, um mit den Kindern der Auferstehung das Morgenlied der Ewigkeit zu singen. Bischof D. George Horne 1776.

"Ich liege und schlafe ganz mit Frieden" (vergl. Mk. 4,37 ff.):

Im schwankenden Schiff, in tobender Flut
Wie sanft und stille der Heiland ruht,
Bis er um anderer Weh ist erwacht
Und Wind und Wellen zum Schweigen gebracht!

Ihr kennet die Ruhe der Seligen doch -
Warum denn weinet ihr Trauernden noch,
Dieweil an des Heilandes liebendem Herz
Vollendete Streiter ruhn aus von dem Schmerz!

Nach Mrs. Mac Cartree.

Schon die alten Übersetzungen und viele neuere Ausleger ziehen das "allein" nicht zu dem Wort Jahve, sondern (gegen die Akzente) zu dem Zeitwort "wohnen machen". Der Ausdruck "allein wohnen" wird nämlich öfters von dem Wohnen in sicherer Abgeschiedenheit gebraucht, (vergl. 4. Mose 23,9; 5. Mose 33,28; Micha 7,14; Jer. 49,31) -- J. M.

Homiletische Winke

V. 2. bietet reichen Stoff zu einer Predigt über das Thema: Frühere Gnadenerweisungen- ein Grund, in der gegenwärtigen Not Hilfe zu erflehen. Der erste Teil des Verses zeigt, wie die Gläubigen Erhörung ihrer Gebete ersehnen und im Glauben erwarten. Der Name "Gott meiner Gerechtigkeit" eignet sich ebenfalls als Text, und der Schlusssatz könnte etwa zu einer Predigt über das Thema anregen, dass auch die besten Frommen noch zu Gottes Barmherzigkeit und freier Gnade Zuflucht nehmen müssen.
V. 3. Wie sich der gefallene Zustand der Menschen darin erweist, dass sie 1) Christus beharrlich verschmähen, dass 2) ihr Herz von Liebe zum Eiteln erfüllt ist, und sie 3) im täglichen Leben nach Lügen trachten.
Wie lange ? Die Dauer der Sünde des Gottlosen. Sie kann in heilsamer Weise durch Buße zum Abschluss gebracht werden; sonst wird der Tod ihr jedenfalls in schrecklicher Weise ein Ziel setzen; und doch wird sie dann mit ihren Folgen fortdauern in Ewigkeit.
V. 4. Die Erwählung, betrachtet in Hinsicht auf Gott, auf unsere Feinde und auf uns selbst.
Die Gewissheit der Erhörung, deren einige Menschen sich erfreuen. Wer sind die, welche dieses Vorrecht beanspruchen dürfen?
Ein Gott wohlgefälliger "Separatist" (wundersam ausgesondert). Wer ist er? Wer hat ihn separiert? Zu welchem Zwecke? Wie kann er dies vor den Menschen beweisen?
V. 5. Die Mahnung an den Sünder zur Einkehr, damit er zur Umkehr komme.
Seid stille. (Grundt.) Ein weiser, folgenschwerer, aber schwer zu befolgender Rat. Welches die beste Zeit dafür sei, und was für Gnade man dazu bedürfe. Die Folgen des Stillwerdens. Was für Leute den Rat am nötigsten haben. -- Reicher Predigtstoff.
V. 6. Welcher Art die rechten Opfer sind, die von Gottes Volk erwartet werden.
V. 7. Wonach die Welt ruft und wonach die Gemeinde des Herrn. (Vox populi nicht immer vox Dei.)
Jegliches Sehnen der Seele wird in Gott gestillt.
V. 7-8. Die Gewissheit der Liebe des Heilandes eine Quelle unvergleichlicher Freude.
V. 8. Die Freude des Gläubigen. 1) Ihre Quelle: Du; 2) ihre Zeit: jetzt; 3) ihr Sitz: mein Herz; 4) ihre überschwengliche Fülle: größere Freude, als wenn ihres Kornes und Weines viel ist. (Wörtl.)
Wie die Freude am Herrn alle irdischen Freuden übertrifft. Oder: Zweierlei Wohlergehen ; welches ist mehr zu begehren?
V. 9. Die Seelenruhe und Sicherheit des Kindes Gottes.
Das Schlafkämmerlein des Gläubigen, dessen Abendlied und die Wache an seiner Tür.
V. 3-9. Die Mittel, womit der Gläubige die Sünder für Christus zu gewinnen suchen sollte: Er soll sie 1) zur Rede stellen, V. 3; 2) sie unterweisen, V. 4; 3) sie ermahnen, V. 5.6; 4) das Glück echter Frömmigkeit bezeugen, wie V. 7. 8; 5) dies Zeugnis bekräftigen durch ein Leben im Frieden Gottes, V. 9.
Fußnoten
1. Spurgeon wollte bekanntlich in seinem Tabernakel keine Orgel haben. Ohne jede Musikbegleitung ertönte der mächtige Gesang der dort versammelten Tausende.

2. Was Luther mit "Lieben Herrn" übersetzt, heißt buchstäblich: "Ihr Mannessöhne", womit Psalm 49,3; 62,10 u. die Großen, Vornehmen gemeint sind im Gegensatz zu der breiten Masse der "Menschenkinder" oder "Leute". Vielleicht deutet der Ausdruck hier und öfters auch, ironisch (Calvin) auf ihre selbstangemaßte Stärke, besonders auch auf ihr Selbstvertrauen hin, vergl. Luthers vortreffliche Randglosse: Ihr großen Hansen. -- Das Wort "liebe" ist bekanntlich hier und sehr häufig in solchen Anreden eine Einfügung des Gemütsmenschen Luther, die an andern Stellen (z. B. 2.Kön. 5,13; Ps. 62,9; Apg. 16,30 und oft) besser passt als hier.

3. Da das hebräische Wort überhaupt erschüttert werden, beben bedeutet, kann es sowohl ein Beben vor Zorn als vor Furcht (oder auch Schmerz) bezeichnen. Die Auffassung Luthers: "Zürnet ihr, so sündiget nicht", die auf die LXX zurückgeht (vergl. auch Eph. 4,26), ist daher sprachlich eben so berechtigt wie die Übersetzung "Zittert, und sündiget nicht", welcher Spurgeon mit vielen Auslegern folgt.

4. Grundt.: und seid stille.

5. Der Raum gestattet uns leider hier wie so oft nicht, mehr aufzunehmen. -- J. M.
Es muß alles erst einmal an Gott vorüber, bevor es mich treffen kann. (Helmut Thielicke)

Jörg
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Regelmäßige Lesung aus der Schatzkammer David Ps.5

Beitragvon Jörg » 13.03.2018 18:27

Kommentar & Auslegung zu PSALM 5


Überschrift

Ein Psalm Davids, vorzusingen. Die anderen Worte der Überschrift übersetzte Luther nach den LXX: für das Erbe . Aben-Esra vermutete, der hebräische Ausdruck bezeichne eine wohlbekannte Melodie, nach der der Psalm gespielt werden sollte. Die Neueren übersehen meist: zu Flöten, d. h. zu Flötenbegleitung zu singen. Über den religiösen Gebrauch der Flöten (für die allerdings sonst stets ein anderes Wort, lylixf, gebraucht wird) vergleiche man Jes. 30,29 und 1. Samuel 10,5 . Wenn hervorragende Gelehrte bekennen müssen, dass über den Sinn der Psalmenüberschriften große Dunkelheit herrscht, bedauern wir das nicht so sehr; ist es uns doch ein Erweis des hohen Alters dieser Überschriften.

Inhalt

Durch die vier ersten Psalmen konnten wir einen Gedanken sich hindurchziehen sehen, nämlich den Gegensatz zwischen der Stellung, dem Charakter und den Aussichten des Gerechten und des Gottlosen. In dem vorliegenden Psalm finden wir dasselbe. Der Psalmist führt den Gegensatz aus, der zwischen ihm selbst als einem durch Gottes Gnade Gerechtfertigten und seinen gottlosen Widersachern besteht. Tiefer Schauenden eröffnet sich hier ein köstlicher Blick auf den anderen David, auf Jesus, von dem Hebr. 5,7 sagt, dass er in den Tagen seines Fleisches Gebet und Flehen mit starkem Geschrei und Tränen geopfert habe.

Einteilung

Wir scheiden den Psalm in zwei Teile, Vers 2-8 und 9-13 . In dem ersten Teil fleht David inbrünstig, der Herr wolle auf sein Gebet hören, und der zweite Teil ist eine Variation zu demselben Thema.

Auslegung

2. Herr, höre meine Worte,
merke auf meine Rede.


Herr, höre meine Worte, merke auf mein Sinnen oder Seufzen. (Grundt.) Es ist hier von zwei Arten des Gebets die Rede; erst von dem in Worten ausgedrückten, sodann von dem unausgesprochenen Sehnen des Herzens, das sich in stillem Sinnen, höchstens in leisem Seufzen und kaum hörbarem Flehen kundgibt. In den Worten besteht nicht das Wesen des Gebets, sie sind nur das Kleid, in das es sich hüllt. Mose schrie am Roten Meer zu Gott (2. Mose 14,15), wiewohl nicht ein einziges Wort aus seinem Munde gekommen zu sein scheint. Doch kann der Gebrauch der Sprache das Gemüt vor Zerstreuung bewahren, die Seelenkräfte unterstützen und die Andacht steigern. Wir sehen, David macht von beiden Arten des Gebets Gebrauch und fleht für das eine um Gehör und für das andere um Beachtung. Wie viel liegt in der Bitte: Merke auf mein Seufzen . Habe ich um das Rechte gebeten, so gib es mir; habe ich das, was mir am meisten Not tut, übersehen, so fülle du die Lücken meines Gebets aus. Merke auf die Gedanken meines Herzens, wäge sie auf deiner Wage, erforsche du, ob mein Herz aufrichtig ist, und siehe, was ich in Wahrheit nötig habe, und dann antworte mir zur rechten Zeit um deiner Güte willen. Es gibt ein Bitten, das durch die Wolken dringt, ohne dass ein Wort laut wird; wiederum mögen oft viele Worte gemacht werden, ohne dass Gott auch nur auf eines achtet. Lasst uns den Geist des Gebets pflegen, das ist sogar noch etwas Besseres, als die Gewohnheit des Gebets zu pflegen. Gott bewahre uns vor Scheingebeten ohne Herzensandacht! Mit dem Beten sollten wir anfangen, ehe wir niederknien, und sollten nicht damit aufhören, wenn wir uns von den Knien erhoben haben.

3. Vernimm mein Schreien, mein König und mein Gott;
denn ich will vor dir beten.


Vernimm die Stimme meines Geschreis. (Wörtl.) Ach, manchmal sind wir nicht im Stande, unsere Gebete in Worte zu fassen, sie sind nur ein Schreien ; aber der Herr versteht den Sinn, er hört in unserem Schreien eine Stimme von herzbeweglicher Beredsamkeit. Für das liebende Herz des Vaters ist der um Hilfe bittende Schrei seines Kindes Musik; das Flehen seines Lieblings hat einen magischen Einfluss, dem sein Herz nicht widerstehen kann. Mein König und mein Gott. Achten wir genau auf diese kleinen Fürwörter: mein König und mein Gott. Sie sind der Kern und das Mark der dringenden Anrufung. Das ist ein gewichtiger Grund, warum wir Erhörung unserer Gebete von Gott erhoffen dürfen, dass er unser König und unser Gott ist. Wir sind für ihn keine Fremden. Man erwartet vom König, dass er den Bitten seiner Untertanen ein gnädiges Ohr leihe. Wir sind nicht Leute, die ihn nichts angehen; wir dienen ihm, und er ist unser Gott, unser kraft seines Bundes, kraft seiner Verheißung, kraft seines Eides, kraft des für uns vergossenen Blutes seines Sohnes.
Denn ich will vor dir beten. David erklärt, er wolle sich an Gott und an Gott allein wenden. Gott soll der einzige Gegenstand unserer Anbetung sein und die einzige Zuflucht unserer Seele in der Not. Überlassen wir die löchrigen Zisternen (Jer. 2,13) denen, die ohne Gott dahinleben; du aber, o Gottesmensch, trinke aus Gottes lebendiger Quelle.

4. Herr, frühe wollest du meine Stimme hören;
frühe will ich mich zu dir schicken und aufmerken.

Man kann auch übersetzen: Herr, frühe wirst du meine Stimme hören 1 , und wir sind geneigt, schon diese erste Zeile, statt als Gebet, als Entschluss zu fassen: Ich will nicht stumm sein, ich will nicht schweigen, ich will meine Rede nicht zurückhalten, ich will zu dir schreien; denn das Feuer, das in meinem Inneren brennt, zwingt mich zum Beten. Wir können eher sterben, als ohne Gebet leben. Unter Gottes Kindern ist keines von einem stummen Geist besessen.
Frühe, wörtl.: des Morgens, ist die beste Zeit zum Umgang mit Gott. Eine Stunde am Morgen ist mehr wert als zwei am Abend. Während der Tau noch auf dem Grase liegt, möge die göttliche Gnade auf die Seele träufeln. Lasst uns dem Herrn den Morgen des Tages und den Morgen unseres Lebens weihen. Das Gebet sei uns der Schlüssel für den Tag und das Schloss für die Nacht. Das Morgen- und Abendgebet sei unser Morgen- und Abendstern.
Die zweite Verszeile lautet wörtlich: Frühe rüste ich dir zu und schaue aus . Das erste Zeitwort hat also hier im Grundtext kein Objekt bei sich. Wir können aus dem Zusammenhang ergänzen "mein Gebet" (womit dann Luthers: Frühe will ich mich zu dir schicken dem Sinne nach übereinkommt) und zur Erklärung an einen Bogenschützen denken. Ich lege mein Gebet auf den Bogen, richte ihn gen Himmel, und nachdem ich den Pfeil abgeschossen, schaue ich aus, um zu sehen, wohin er gegangen. Der Grundtext lässt aber einen noch tieferen Sinn vermuten. Das betreffende Zeitwort (K:ra(f) wird auch gebraucht von dem Zurechtlegen des Holzes und der Opferstücke auf dem Altar (3. Mose 1,7 f.) oder der Schaubrote auf dem Schaubrottisch (3. Mose 24,8). Demnach wäre der Sinn: Ich richte mein Gebet vor dir zu, ich lege es des Morgens auf deinem Altar aus, gerade wie der Priester das Morgenopfer auf den Altar legt. Und schaue aus : nach der Antwort. Nachdem ich gebetet, erwarte ich, dass der Segen kommt. Ich will mein Gebet gleich dem Opfer auf dem Altar ausbreiten und ausschauen, der göttlichen Antwort harrend, nämlich des Feuers vom Himmel, welches das Opfer verzehren wird.
Zwei Fragen werden uns durch diesen Teil des Verses nahe gelegt: Geht uns nicht viel von der Köstlichkeit und Wirksamkeit des Gebets dadurch verloren, dass wir es an sorgsamer Überlegung vor demselben und an hoffnungsvoller Erwartung nach demselben fehlen lassen? Nur zu oft stürzen wir uns gleichsam in die Gegenwart Gottes ohne Vorbedacht und ohne Demut. Wir sind gleich Leuten, die vor einem König ohne ein Bittgesuch erscheinen, -- was Wunder, dass wir oft den Zweck des Gebets verfehlen? Wir sollten daraus bedacht sein, den Strom des Nachdenkens stets laufend zu erhalten, denn das ist das Wasser, das die Gebetsmühle treibt. Es ist unnütz, die Schleusen eines ausgetrockneten Baches zu öffnen und dabei die Hoffnung zu hegen, das Rad sich umdrehen zu sehen. Beten ohne Inbrunst ist so gut wie jagen mit einem toten Hund; beten ohne innere Vorbereitung ist so gut wie mit einem blinden Falken auf die Beize gehen. Gewiss ist das Gebet das Werk des heiligen Geistes, aber dieser wirkt durch Mittel. Gott schuf den Menschen, aber er benutzte dazu den Staub der Erde; der heilige Geist ist der Urheber des Gebets, aber er bedient sich der Gedanken, welche dem inbrünstigen Herzen entströmen, als des Goldes, woraus er das Gefäß bildet. Mögen unsere Bitt- und Dankgebete nicht ein schnell vorübergehendes Aufflammen eines erhitzten, sich überhastenden Gehirnes sein, sondern das stetige Brennen eines wohl angelegten Feuers.
Und sodann: vergessen wir nicht oft, harrend zu beobachten, was für Erfolg unser Gebet haben werde? Wir gleichen dem Kuckuck, der seine Eier legt, sich aber um die Jungen nicht kümmert. Wir streuen den Samen aus, sind aber zu faul, nach der Ernte zu sehen. Wie können wir erwarten, dass der Herr die Fenster seiner Gnade öffnen und auf uns Segen herabschütten werde, wenn wir nicht die Fenster der Erwartung öffnen und nach der verheißenen Gabe ausschauen? Wenn heilige Vorbereitung heiliger Erwartung die Hand reicht, werden wir weit herrlichere Antworten auf unsere Gebete empfangen.
Es muß alles erst einmal an Gott vorüber, bevor es mich treffen kann. (Helmut Thielicke)

Jörg
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Regelmäßige Lesung aus der Schatzkammer David Ps.5

Beitragvon Jörg » 17.03.2018 10:04

5. Denn du bist nicht ein Gott, dem gottlos Wesen gefällt;
wer böse ist, bleibet nicht vor dir.
6. Die Ruhmredigen bestehen nicht vor deinen Augen;
du bist Feind allen Übeltätern;
7. du bringest die Lügner um;
der Herr hat Gräuel an den Blutgierigen und Falschen.


Nachdem der Psalmist so seinen festen Entschluss zu beten ausgesprochen hat, hören wir ihn jetzt sein Anliegen vorbringen 2 . Er rechtet vor Gott wider seine grausamen und gottlosen Feinde und gebraucht dabei ein sehr starkes Beweismittel. Er bittet Gott, sie zu verstoßen, weil sie Gott selbst missfallen. "Wenn ich gegen meine Widersacher dich anrufe, bete ich wider eben das, was du selbst verabscheust. Du, Herr, hassest das Böse und die Bösen; darum bitte ich dich: Erlöse mich davon."
Lasst uns die ernste Wahrheit beherzigen, dass der gerechte Gott die Sünde hassen muss. Du bist nicht ein Gott, dem gottlos Wesen gefällt , so klug, so vornehm und stolz es sich auch gebärden mag. Sein glänzender Schimmer hat keinen Reiz für dich. Menschen mögen sich vor der Niederträchtigkeit bücken, wenn sie mit Erfolg gekrönt ist, und die Schlechtigkeit des Kampfes über dem schimmernden Flitter des Triumphes vergessen, aber der dreimal heilige Gott ist nicht wie unsereiner. Wer böse ist, bleibet nicht vor dir . Er darf und kann bei dir nicht weilen. Gott bietet dem Bösen keinen Unterschlupf. Weder auf Erden noch im Himmel wird irgendetwas Böses in Gottes Wohnung geduldet werden. Wie töricht sind wir doch, wenn wir es versuchen, zwei Gäste zu beherbergen, die einander so Feind sind wie Christus und Belial. Seien wir versichert, Christus wird in der Kammer unseres Herzens nicht wohnen, wenn wir den Teufel in dem Keller unserer Gedanken heimlich bewirten. Die Ruhmredigen bestehen nicht vor deinen Augen. Viele sündige Menschen sind zwar so frech, dass sie noch im Heiligtum prahlen; aber sie dürfen dem heiligen Gott nicht vor die Augen treten. Andere übersetzen 3: Die Toren, d. h. nach der bekannten biblischen Anschauung die Frevler, bestehen nicht vor deinen Augen . Sünder sind Toren im großen Maßstab. Eine kleine Sünde ist eine große Torheit, und die größte aller Torheiten ist große Sünde. Solch sündenbeladene Toren sind vom königlichen Hofe des Himmels verbannt. Irdische Könige pflegten wohl vorzeiten Narren in ihrem Gefolge zu haben; aber der alleinweise Gott will von Toren in seinem Palast nichts wissen. Du bist Feind allen Übeltätern . Gott hegt nicht nur ein wenig Missfallen, sondern vollen Hass (Grundt.) gegen alle Missetäter. Von Gott gehasst zu sein ist schrecklich. Lasst uns doch ganze Treue beweisen im Warnen der um uns her lebenden Gottlosen; denn es wird für sie entsetzlich sein, in die Hände dieses zürnenden Gottes zu fallen. Man beachte, dass, die da Böses reden, ebenso wohl wie die Übeltäter der Strafe verfallen werden: Du bringest die Lügner um. Aller Lügner Teil wird sein in dem Pfuhl, der mit Feuer und Schwefel brennt (Off. 21,8). Mancher mag mit Lügen umgehen, ohne dass ihm die menschlichen Gesetze etwas anhaben können; aber dem göttlichen Gesetz wird er nicht entfliehen. Die Lügner haben zu kurze Flügel; ihr Flug wird bald zu Ende sein, und dann werden sie in die feurigen Fluten des Verderbens fallen. Der Herr hat Gräuel an den Blutgierigen und Falschen . Die sich in anderer Blut gebadet, werden mit ihrem eigenen Blute trunken gemacht werden, und wer damit begonnen hat, andere zu betrügen, wird damit enden, dass er selbst betrogen wird. Ein altes Sprichwort sagt: Blutgierige und Falsche graben ihr eigenes Grab. In diesem Falle ist des Volkes Stimme Gottes Stimme. Wie eindringlich ist das Wort: Der Herr hat Gräuel an solchen. Zeigt es uns nicht, wie gewaltig und wie tief gewurzelt der Hass Gottes gegen die Übeltäter ist?

8. Ich aber will in dein Haus gehen auf deine große Güte,
und anbeten gegen deinem heiligen Tempel in deiner Furcht.


Mit diesem Verse endet der erste Teil des Psalms. David hat seine Knie im Gebet gebeugt; er hat sodann, um sein Anrecht auf Erlösung von seinen Feinden vor Gott zu begründen, das Wesen der Gottlosen und das ihrer harrende Gottesgericht beschrieben; und nun bringt er dazu in Gegensatz, welche Stellung der Gerechte einnimmt: Ich aber will in dein Haus gehen. Ich will nicht von ferne stehen, sondern in dein Heiligtum eintreten, gerade wie ein Kind in seines Vaters Haus geht. Aber nicht auf mein Verdienst hin komme ich; nein, meine Sündhaftigkeit ist groß, darum komme ich einzig auf deine große Güte hin . Ich nahe zu dir mit Zuversicht um deiner unermesslichen Gnade willen. Gottes Gerichte sind alle gezählt; seine Barmherzigkeiten aber sind unzählbar. Seinen Zorn wiegt er genau ab, aber seine Güte gibt er, ohne zu wiegen. Und anbeten gegen deinem heiligen Tempel in deiner Furcht . Wenn hier auch zunächst das von dem Beter selbst auf Zion errichtete Heiligtum der Bundeslade gemeint ist, so richtete David (vergl. die Worte seines Sohnes 1.Kön. 8,27) doch ohne Zweifel sein Geistesauge höher empor zu jenem Tempel der Heiligkeit Gottes droben, wo Jahwe über den Fittichen der Cherubim in aussprechlich herrlichem Lichte thront. Daniel hatte seine Fenster offen gegen Jerusalem (Dan. 6,11); wir öffnen unser Herz gegen den Himmel.

9. Herr, leite mich in deiner Gerechtigkeit um meiner Feinde willen;
richte deinen Weg vor mir her.

Wir kommen nun zu dem zweiten Teil, worin der Psalmist seine Beweisgründe wiederholt und den Pflug noch einmal, nur tiefer, durch die eben gezogene Furche gehen lässt.
Herr, leite mich, wie das Kind vom Vater, der Blinde von seinem Freunde an der Hand geführt wird. Da lässt sich’s fröhlich und sicher wandeln, wenn Gott uns vorangeht. In oder nach deiner Gerechtigkeit; nicht in meiner Gerechtigkeit, denn die ist unvollkommen, sondern in deiner, der du die Gerechtigkeit selber bist. Richte oder ebne deinen, nicht meinen, Weg vor mir her. Merken wir uns: er sagt nicht: meinen Weg. Das ist ein erfreuliches Zeichen, dass wir in der Gnade stehen, wenn wir gelernt haben, unsere eigenen Wege aufzugeben, und nun uns danach sehnen, in Gottes Wegen zu wandeln; und es ist keine geringe Gnade, wenn wir mit klarem Blick Gottes Weg stracks vor unsern Augen sehen. Ein Irrtum über das, was unsere Pflicht ist, kann uns in einen tiefen Sumpf der Sünde bringen, ehe wir nur gewahr werden, wo wir sind.

10. Denn in ihrem Munde ist nichts Gewisses; ihr Inwendiges
ist Herzeleid;
ihr Rachen ist ein offnes Grab ; mit ihren Zungen heucheln sie.


Der Apostel Paulus hat diese Darstellung des gefallenen Menschen mit etlichen andern Schriftworten zusammen in das dritte Kapitel des Römerbriefs aufgenommen als eine genaue Beschreibung des Menschengeschlechts überhaupt, nicht nur der Feinde Davids also, sondern aller Menschen in ihrem natürlichen Zustand. Beachten wir besonders das kräftige Bild: Ihr Rachen (eigentlich: ihre Kehle) ist ein offnes Grab. Er ist ein Grab voller Gräuel der Verwesung, voll von Ansteckungsstoffen, von Pestilenz und Tod. Doch, was noch schlimmer ist, ihr Rachen ist ein offnes Grab, das all seine bösen Dünste ausströmen lässt und Tod und Verderben weit umher verbreitet. Ja, wenn der Gottlosen Rachen allezeit geschlossen gehalten werden könnte, dann wäre viel gewonnen. Stünde es in unserer Macht, den Mund der Ruchlosen zu beständigem Schweigen zu versiegeln, dann könnte er, gleich einem geschlossenen Grabe, nicht viel Unheil anrichten. Aber ihr Rachen ist ein offnes Grab, darum kommt all der Giftdunst der Gottlosigkeit ihres Herzens heraus. Wie gefährlich ist ein offnes Grab! Wie leicht könnte ein Wanderer unversehens darein fallen und sich plötzlich unter den Toten finden. Sei auf der Hut vor dem bösen Maul des Gottlosen, denn nichts ist ihm zu abscheulich, es auszusprechen, wenn er dich damit ins Verderben bringen kann! Er brennt vor Verlangen, deinen guten Leumund zu zerstören und dich in dem scheußlichen Grab seines gottlosen Maules zu begraben. Ein lieblicher Gedanke ist immerhin auch hier zu finden. In der Auferstehung wird nicht nur unser Leib, sondern auch unsere Ehre auferstehen. Darin liegt ein großer Trost für Geschmähte und Verleumdete. Dann werden die Gerechten leuchten wie die Sonne (Mt. 13,43). Die Welt mag Niederträchtiges von dir denken und deinen guten Namen begraben; bist du aber aufrichtig gewesen, dann wird an jenem Tage, da die Gräber ihre Toten wiedergeben, dies offene Grab des Rachens des Sünders auch deinen unbefleckten Namen wieder herausgeben müssen; du wirst hervorkommen und angesichts aller Menschen die Ehrenkrone empfangen. Mit ihren Zungen heucheln sie, oder wörtlich: Ihre Zunge machen sie glatt 4 . Eine glatte Zunge ist ein böses Ding; viele schon sind davon bestrickt worden. Es gibt unter den Menschen nicht wenige, die dem Ameisenbär gleich mit ihrer langen, mit ölglatten Worten bedeckten Zunge die Unbedachtsamen an sich locken und fangen und so gute Beute machen. Wenn der Wolf das Lamm beleckt, ist er im Begriff, seine Zähne in dessen Blut zu netzen.
Es muß alles erst einmal an Gott vorüber, bevor es mich treffen kann. (Helmut Thielicke)

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Regelmäßige Lesung aus der Schatzkammer David Ps.5

Beitragvon Jörg » 20.03.2018 17:45

11. Schuldige sie, Gott, dass sie fallen von ihrem Vornehmen;
stoße sie aus um ihrer großen Übertretungen willen;
denn sie sind dir widerspenstig.


Dir, nicht mir, gilt ihre Empörung. Wären sie meine Feinde, so würde ich ihnen vergeben; aber deinen Feinden kann ich nicht vergeben. Wir sollen unsern Widersachern verzeihen; aber Gottes Feinden zu verzeihen, steht nicht in unserer Macht. Solche Ausdrücke wie in unserem Verse sind oft von überfeinen Leuten als zu barsch und das Ohr beleidigend beanstandet worden. "Wie kann man doch so rachsüchtig sein", sagen sie. Wir übersehen nicht, dass man die Worte als Weissagung statt als Wunsch auffassen kann; aber es liegt uns nichts daran, dieses Auskunftsmittel anzuwenden. Wir haben noch nie von einem Bibelleser gehört, der durch das Lesen solcher Schriftstellen rachgierig geworden wäre; und es ist doch nur billig, die Güte eines Buches nach seinen Wirkungen zu beurteilen. Wenn wir den Richter über einen Mörder das Urteil sprechen hören, kommt uns, so streng das Urteil ist, doch nicht der Gedanke, dass wir gerechtfertigt wären, wenn wir nun über andere um irgendeines uns persönlich zugefügten Unrechts willen so zu Gericht sitzen wollten. Der Psalmist spricht hier als Richter, ex officio (von Amtswegen); er spricht als der Mund Gottes, und indem er über die Gottlosen das Urteil spricht, gibt er uns damit keinerlei Entschuldigung, wenn wir die verdammen, welche uns persönlich beleidigt haben. Nichts von solcher Gesinnung ist in dieser Drohung aus Davids Mund zu finden, die vielmehr auf Heil und Segen abzielt, indem sie den Sünder vor dem über ihm schwebenden Fluche warnt. O du Unbußfertiger, es sei dir kundgetan, dass alle deine gottesfürchtigen Freunde dem schrecklichen Urteilsspruch des Herrn feierlich zustimmen werden, den er an jenem Tage, der dein Schicksal besiegelt, über dich aussprechen wird.
Im folgenden Verse finden wir noch einmal den Gegensatz, der den vorhergehenden Psalmen ihr Gepräge gegeben hat.

12. Lass sich freuen alle, die auf dich trauen;
ewiglich lass sie rühmen, denn du beschirmest sie;
fröhlich lass sein in dir, die deinen Namen lieben.


Freude ist das Vorrecht des Gläubigen. Wenn einst die Sünder, die sich nicht haben bekehren wollen, ausgerottet sind, dann wird unsere Freude vollkommen sein. Sie lachen erst und weinen hernach; wir weinen jetzt, aber ewige Freude wird uns ergreifen. Wenn sie heulen, werden wir jubeln; und wie sie ewiglich seufzen müssen, so werden wir ewiglich jubeln. Diese unsere heilige Wonne hat einen festen Grund; denn in dir, Herr, sind wir fröhlich. Der ewige Gott ist die Quelle unserer Seligkeit. Wir lieben ihn, darum ist er unsere Wonne. Wir trauen auf unsern Gott, darum ist uns das Herz leicht. Wir leben alle Tage herrlich und in Freuden, besser als der reiche Mann im Evangelium, denn wir speisen an des Königs Tafel. Wir haben Musik im Hause, Musik im Herzen und Musik im Himmel (vergl. Lk. 15,25); denn Gott der Herr ist unsere Stärke und unser Psalm und unser Heil (Jes. 12,2).

13. Denn Du, Herr, segnest die Gerechten;
du krönest sie mit Gnade wie mit einem Schilde.

Der Herr hat die Seinen zu Erben des Segens eingesetzt, und niemand wird sie ihres Erbes berauben. Sein Segen kommt über sie in überschwänglicher Fülle, und seine Liebe, seine Heiligkeit, seine Allmacht und alle Eigenschaften Gottes vereinigen sich, sie mit göttlicher Zufriedenheit zu sättigen. Dies schon jetzt, aber nicht nur jetzt; dieser Segen reicht in die lange, unbekannte Zukunft. (Grundt. Fut.) In diesen schlichten Worten haben wir eine Verheißung von unbegrenzter Länge und unermesslicher Breite, und wie köstlich solche Gottesworte dem Gläubigen sind, kann kein Mund aussagen.
Was aber den Schutz betrifft, den Gottes Kinder hienieden in diesem Land der Kämpfe bedürfen, so ist dieser ihnen auch im vollsten Maße zugesagt. Die Alten hatten Schilde, die den Krieger ganz bedeckten. Von einem solchen Schilde (hnIci) spricht David hier, wenn er sagt: Du umgibst sie mit Gnade (mit Wohlgefallen, Wohlwollen, das sich in Wohltaten äußert) wie mit einem Schilde. (Grundt.) Nach einige alten Übersetzern und Luther 5 läge hier auch der Begriff des Krönens vor, so dass wir eine königliche Waffenrüstung tragen, die zugleich unsere Ehre und unser Schutz ist. O Gott, kröne du uns so mit deiner Gnade!

Erläuterungen und Kernworte

V. 2-4. Der Psalmist macht dem gepressten Herzen Luft -- aber er wendet sich mit seinen Klagen zu dem allein, der zu helfen vermag. Denn während andere entweder in stummem Trotz ihren Jammer in sich hineinfressen oder in geschwätziger Weichheit vor den Menschen zwar ihm freien Lauf lassen, aber vor Gott verstummen, ist das der rechten Frommen Art, in ihrem Schmerz weder zu versteinern, noch auch vor den Menschen weich und wortreich zu werden, sondern ihren Jammer vielmehr in der Einsamkeit vor den zu tragen, der ihn doch am besten heilen kann. Prof. D. A. F. Tholuck 1843.

Siehe da, wie viel Namen er dem Gebet gibt: meine Worte, meine Rede, mein Schreien, meine Stimme, mein Anbeten, und wie er ebensoviel Ausdrücke von der Erhörung macht: höre, merke auf, vernimm; wie er sonst seine Fassung vor dem Gebet: Ich will mich zu dir schicken! und nach dem Gebet: Ich will darauf merken beschreibt; wie er alles zusammengenommen hat, was Andacht, Ehrfurcht und Zuversicht im Gebet erwecken kann. K. H. Sieger † 1791.

V. 2. Es scheint wohl, dass die Mehrzahl der Menschen ihre matten, inhaltsleeren und darum unwirksamen Gebete, mit denen sie das Ohr des hochgelobten Gottes nur beleidigen, gewissermaßen richtig abschätzen, da sie ja gar keine Antwort erwarten und über ihr erfolgloses Beten auch gar nicht bekümmert scheinen, sondern tun, als hätten sie leere Worte in den Wind geredet, wie es denn auch tatsächlich ist. Aber fern sei es von einem weisen, frommen Mann, mit einer so ernsten Sache in törichter Gleichgültigkeit nur ein Spiel zu treiben. Sein Gebet hat ein Ziel, einen Zweck, danach er mit unablässigem Flehen trachtet. Er betet nicht nur, um sein Gebet gesprochen zu haben, sondern um eine Antwort zu bekommen; und da er der festen Überzeugung ist, dass er eine Antwort erlangen kann, macht er seine Bitte mit Nachdruck und mit zähem Eifer vor Gott geltend und will sich nicht mit einer leeren Hoffnung begnügen. Erzbischof D. R. Leighton † 1684.

Merke auf mein Sinnen. (Wörtl.) Stilles Sinnen füllt die Seele mit Gutem, und dann öffnet das Gebet den Spund und lässt hervorströmen, wes das Herz voll ist. Das Nachdenken lädt das Geschütz, und das Gebet feuert es ab. Isaak war ausgegangen zu sinnen oder, wie Luther gewiss in richtiger Auslegung übersetzt: zu beten auf dem Felde gegen Abend (1. Mose 24,63). Auch das an unserer Stelle gebrauchte Wort bedeutet in der Tat beides, das Sinnen (vergl. Ps. 39,4 Grundt.) und das Beten . Die beiden sind Zwillingsbrüder. Ernstes Nachdenken ist der beste Anfang des Gebets, und Gebet der beste Schluss des Nachdenkens. George Swinnock † 1673.
Es muß alles erst einmal an Gott vorüber, bevor es mich treffen kann. (Helmut Thielicke)

Jörg
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Beitragvon Jörg » 24.03.2018 09:12

Erläuterungen und Kernworte

V. 4. Herr, frühe wollest du meine Stimme hören.

Wenn frühe die Strahlen dein Auge erwecken,
So gönn’ auch der Seele das himmlische Licht!
Wie Blumen sich sehnend zur Sonne ausstrecken,
So sei du auch frühe zum Herrn gericht’t.
Den ersten Gedanken, Herr, schick’ ich zu dir,
Dann bleibst du täglich und stündlich bei mir.

Lass nicht mehr vom Schlafe dich träumend umfangen,
Begrüße den Tag mit heiligem Gebet.
Wie schnell ist die segnende Stille vergangen!
So schnell, wie das Manna am Morgen zerrann (2. Mose 16,21).
Wenn draußen geschlossen noch jegliche Tür,
Dann steht schon geöffnet das Himmelstor dir.

Nach Henry Vaughan † 1695.

Wenn in den Tagen unserer Väter jemand des Morgens frühe an die Tür seines Nachbars kam und den Hausherrn zu sprechen wünschte, war es etwas so Gewöhnliches, dass das Gesinde ihm mit Freimut sagte: "Der Herr ist noch am Morgengebet", als es setzt heißt: "Der Herr ist noch nicht auf". Bischof Gilbert Burnet † 1715.

Beachte in diesen Worten zweierlei: 1) wie David im Gebet Stellung nimmt; "Ich richte mein Gebet vor dir zu" (nach and. Auffassung); 2) was er nach dem Gebet tut: "und schaue aus". Der Prophet gebraucht hier zwei militärische Ausdrücke. Das Wort zurichten ist in der Tat der stehende Ausdruck wie für das Zurichten des Opfers, siehe die Auslegung, so für das Zurüsten der Schlacht, das Ordnen eines Kriegsheers, vergl. z. B. 1. Samuel 17,3 ] Erstens will er nicht nur beten, sondern seine Bitten gleichsam in Reih und Glied antreten lassen, sie in Schlachtordnung aufstellen; zweitens, nachdem dies geschehen, will er auf hoher Warte einem Späher gleich ausschauen, ob der Sieg errungen ist. Thomas Brooks † 1680.

Nachdem David sein Gebet zu Gott gerichtet hat, ist sein Blick aufwärts gerichtet; nicht hinab zur Welt und ihrem Verderben, sondern hinaus zu Gott, um zu sehen, was der sage. "Ich will hören, was Gott der Herr reden wird." (Ps. 85,9 Grundt.) "Ich will auf den Herrn schauen, und des Gottes meines Heils warten." (Micha 7,7). William Greenhill 1650.

Die Kraft des Glaubens erweist sich auch nach dem Gebet, indem er uns stark macht, nach einer gnädigen Antwort auszuschauen . Ein ungläubiges Herz schießt ins Blaue und kümmert sich nicht darum, wo der Pfeil hintrifft oder was das Gebet erreicht; der Glaube aber erfüllt die Seele mit heiliger Erwartung. Wie ein Kaufmann, wenn er seinen Vermögensstand überschlägt, ebenso wohl das in Rechnung zieht, was er übers Meer gesandt hat, als was in seinen Händen ist, so berechnet auch der Glaube, was er im Gebet gen Himmel gesandt und noch nicht erhalten hat, ebenso wie das, was er in Gnaden bereits empfangen und also in Händen hat. Diese feste Hoffnung nun, welche der Glaube auf das Gebet hin in der Seele erweckt, tritt in der beruhigenden Wirkung zu Tage, welche sie auf das Herz ausübt in der Zeit zwischen dem Aussenden des Gebetsschiffes, dass ich so sage, und seiner Rückkehr mit der reichen Ladung, welche zu bringen es ausgegangen ist. Und diese herzstillende Wirkung ist stärker oder schwächer, je nachdem wie stark der Glaube ist. Manchmal kommt der Glaube mit hellem Siegesjubel aus dem Gebetskämmerlein. Der Glaube kann das Erbetene, noch ehe auch nur ein Schimmer der Wahrscheinlichkeit für Sinne und Verstand sich zeigt, dem Herzen so wesenhaft gegenwärtig machen, dass der Christ all seine Sorgen durch die Erwartung des Kommenden stillen kann. Ja der Glaube veranlasst den Christen, den Dank für das Erbetene gleichsam vorauszuzahlen, lange bevor er etwas davon empfangen hat. -- Gerade weil es an dem Ausschauen nach der Antwort fehlt, ist so manches Gebet verloren. Wenn du nicht glaubst, dass das Gebet etwas wirke, warum betest du denn? Und ist es dir ernst mit dem Glauben, warum erwartest du denn nichts? Durch das Beten gibst du dir den Anschein, als vertrauest du auf Gott; dadurch, dass du keine Antwort erwartest, leugnest du es. Was ist das anders, als seinen Namen unnützlich führen? Lieber Mitchrist, stehe fest zu deinem Gebet, indem du voll heiliger Erwartung nach dem ausschaust, was du auf Grund der Verheißung erbeten hast. Mardochai hatte ohne Zweifel viele Gebete für Esther emporgesandt; darum steht er an dem Tor des Königs, um zu sehen, welche Antwort Gott nach seiner Vorsehung auf sein Gebet geben werde (Esther 4,2; 5,9.13; 6,12) Tue du desgleichen. William Gurnall † 1679.

V.5. Denn du bist nicht ein Gott, dem gottlos Wesen gefällt . Hier wird der wahre Gott entgegengesetzt den Götzen der Heiden, z. B. dem Merkur, der am Lügen und Stehlen, der Venus, die am Huren, dem Bacchus, der am Saufen, dem Mars, der am Blutvergießen Gefallen hat. J. D. Frisch 1719.

Wer Geräte von Eisen oder anderem Metall anfertigt, macht nicht den Rost oder Grünspan, der sie verdirbt; der kommt von etwas anderem. Ebenso wenig hat der himmlische Werkmeister, Gott der Allmächtige, die Sünde in die Welt gebracht, noch fällt auf ihn ein Tadel, wenn seine Geschöpfe sich mit der Sünde besudeln und verderben; denn sie sind gut aus seiner Hand hervorgegangen. John Spencer † 1654.

V. 5-7. Die Abneigung des Herrn gegen die Gottlosen ist hier in einer Steigerung von sechs Stufen beschrieben. 1) Ihm gefällt gottloses Wesen nicht; 2) er bietet den Bösen keine Zuflucht; 3) sie dürfen ihm nicht vor die Augen treten; 4) sein Herz wendet sich von ihnen; 5) seine Hand wendet sich wider sie; und 6) mit Abscheu wendet er sich gänzlich von ihnen ab. -- Unter den Übeltätern sind hier wohl die Sünder höchsten Grades, die mit Entschlossenheit und Mutwillen das Böse tun, gemeint; solche, die absichtlich und sozusagen gewerbsmäßig sündigen, mit Gewandtheit und Sorgfalt, um sich dadurch einen Namen zu machen (Ruhmredige), als wäre es ihr Ehrgeiz, Meister in diesem Fach genannt zu werden, und als brauchten sie sich keineswegs zu schämen, das zu tun, dessen doch alle sich schämen sollten. Wiewohl jede Sünde eine Übeltat ist, sind doch nicht alle sündigen Menschen Übeltäter. Die so genannt werden, machen es zu ihrem Beruf, zu sündigen. Wir lesen Off. 22,15 von solchen, der die Lüge liebt und tut. Eine Lüge kann jemand entfahren, der von ferne nicht zu diesen Leuten gehört; hingegen gibt es Lügner von Beruf, deren Freude es ist, Lügen zu erfinden. Solch handwerksmäßige Sünder werden auch Ps. 58,3 beschrieben (Grundt.): "Im Herzen schmiedet ihr Bubenstücke." Ihr Herz ist eine geheime Werkstätte, wo sie Böses aussinnen und ihre Bubenstücke zurechtschmieden. Joseph Caryl 1647.

V. 6. Wie Gott über die Sünde denkt, darüber siehe 5. Mose 7,10.25; Spr. 6,16-18; Off. 2,6. 15 und ähnliche Stellen, wo Gott seinen Abscheu und Hass gegen die Sünde ausdrückt. Von diesem Hass des Bösen kommen all die schrecklichen Plagen und Gerichte her, die der Feuer und Flammen speiende Mund seines heiligen Gesetzes gegen die Sünde und die Sünder donnert. W. Gurnall † 1679.

Die der Herr hasst, müssen umkommen. Er aber hasst die unbußfertigen Sünder. Und was für Leute verdienen den Namen Übeltäter mehr als die, welche so eifrig im Bösen sind, dass sie von ihrem Tun nicht ablassen, trotzdem dass sie sich damit ins Verderben stürzen? Was gebührt ihnen mehr als Zorn, da sie ja sich selbst Zorn häufen auf den Tag des Zorns? (Röm. 2,5.) Wird Gott etwa die, welche seine Seele hasst und welche ihn hassen, liebevoll an seinen Busen drücken? Nein, all die Flüche des Gesetzes, all die Drohungen des Evangeliums, alle Gerichte auf Erden und in der Hölle werden über solche kommen zu ihrem Verderben. Ja, Gott wird den Kopf seiner Feinde zerschmettern, den Haarschädel derer, die da fortfahren in ihrer Sünde (Ps. 68,22). Darum meide du alles, was der Herr hasst. Wie kann Christus dich lieben, wenn du das, was seiner Seele verhasst ist, liebst, es gutheißest und unterstützest? Der Psalmist beantwortet diese Frage, indem er (45,8) Christi Wesen so beschreibt: Du liebest Gerechtigkeit und hassest gottlos Wesen. Und wie er das gottlose Wesen hasst, so die, welche es ausüben, die Übeltäter. Du darfst solche nicht in der Weise lieben, dass du mit ihnen auf vertrautem Fuße bist. Wenn du mit Gottlosen Gemeinschaft pflegst, wird Christus mit dir keine Gemeinschaft haben. Sein Wort: "Weichet alle von mir, ihr Übeltäter" (Lk. 13,27) wird dann auch dir gelten. David Clarkson † 1686
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Jörg
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Beitragvon Jörg » 27.03.2018 17:57

Erläuterungen und Kernworte

V. 7. Du bringest die Lügner um, ob sie im Scherz oder im Ernst lügen. Die im Scherz lügen, werden (wenn sie nicht Buße tun) im Ernst zur Hölle fahren. John Trapp † 1669.

Eben dort, wo Absalom gegen seinen Vater zu Felde zog, stand die Eiche, die sein Galgen werden sollte. Das Maultier, darauf er ritt, ward sein Henker, denn es brachte ihn an die Eiche; und das üppig lange Haar, woraus er stolz war, diente als Henkerstrick. Die Gottlosen ahnen nicht, wie alles, was sie jetzt haben, ihnen zur Schlinge werden wird, darin sie gefangen werden, wenn Gott seine Gerichte über sie hereinbrechen lässt. William Cowper 1612.

V. 8. Welch ein köstliches Wort ist dies mit seinen kräftigen Gegensätzen! Denn es sind zwei Stücke, darin dies Leben hier geübt wird, Furcht und Hoffnung. Furcht kommt daher, wenn wir sehen und Acht haben auf die Drohung und die schrecklichen Gerichte Gottes, vor welchem niemand rein ist. Hoffnung aber fließt aus den Zusagen der allerlieblichsten Barmherzigkeit Gottes. In diesen zwei Stücken, nämlich in der Furcht und Hoffnung, müssen wir stets wandeln und stehen, als zwischen dem oberen und unteren Mühlstein, und nicht uns lenken oder bewegen weder zur Rechten noch zur Linken, was die Gottlosen tun, die im Widerspiel wandeln und sich üben in den Stücken, welche der Furcht und Hoffnung entgegen sind, nämlich in Sicherheit und Vermessenheit. Martin Luther † 1546.

Dein Haus, deinen Tempel oder Palast, Thronsitz. Manche sehen in diesen Ausdrücken einen Beweis gegen den davidischen Ursprung des Psalms. Aber warum soll das Tabernakel, welches David der auf Zion versetzten Bundeslade errichtete (2. Samuel 6,17), nicht Haus Jahves heißen können? Nur wenn Zelt und Haus einander entgegengesetzt werden, bekommt letzteres den Begriff einer aus festerem Material errichteten Wohnung, aber an sich ist beit (bêt Haus) im Semitischen der gattungsbegriffliche Ausdruck für Behausung jede Art, mag sie aus Wolle, Filz- und Haardecken oder aus Erde, Holz und Steinen gefertigt sein, also ebenso wohl Zelt als Haus (im engeren Sinne), sei das letztere eine Lehm- oder Holzbaracke oder ein Palast. Der Beduine nennt noch heutzutage sein Zelt nicht ahl (Zelt), sondern immer bêt (Haus). Auch das zweite in dem Verse gebrauchte Wort lkfyh" (Luther: Tempel) bedeutet, obwohl den Palast, doch nicht notwendig einen steinernen, denn der Himmel heißt auch Jahves Palast, z.B. Ps. 18,7 , und nicht notwendig einen kolossalen, denn auch schon das Allerheiligste des salomonischen Tempels, und dieses vorzugsweise, heißt so (lkyh). Wie geräumig und überhaupt wie beschaffen das davidische Tabernakel war, wissen wir ja überdies nicht; prächtig war es gewiss und nicht sowohl ein Ersatz des nach dem Zeugnis des Chronisten in Gibeon verbliebenen Stiftszelts, als ein Ersatz des erst noch zu bauenden Tempels. Aber wäre es noch so armselig gewesen, so thronte doch Jahve da, und es war also der lkyh, der Thronsitz oder Palast eines großen Königs. -- Nach Prof. D. Franz Delitzsch † 1890.

V. 9. Leite mich in deiner Gerechtigkeit um meiner Feinde, Grundt.: um meiner Laurer und Aufpasser willen, die nichts lieber sähen, als dass ich in Ungerechtigkeit fallen, folglich aus deiner Gnade fallen möchte. Joh. D. Frisch 1719.

V. 10. Ist dem so, dass der ganze Mensch an einem so verzweifelten Schaden krankt, welch großes, schwieriges Werk ist es dann, ihn wieder ins geistliche Leben zurückzurufen und mit Kraft zum Guten zu erfüllen, wenn doch alle Teile so todkrank, so schrecklich zerrüttet sind. Welch’ wunderbare Kur vollbringt der heilige Geist, indem er unsere Seele genesen macht. Nur die Lunge oder Leber zu heilen, wenn sie der Krankheit versagen sind, wird schon als ein großes Kunststück angesehen, wiewohl es sich da doch nur um einen Teil von dir, und zwar von deinem Leibe handelt; aber dein ganzes Innere ist Verderben (V. 10 b Grundt.), Welch’ großes Kunststück ist es dann, dich zu heilen! Ein so großes, dass es göttlicher Kunst und Macht bedarf, es zu vollbringen. Thomas Goodwin † 1679.

Ihr Rachen, eigentlich ihre Kehle, ist ein offenes Grab . Dies Bild stellt in markigen Zügen das unflätige Gerede der Gottlosen dar. Nichts erfüllt uns mehr mit Abscheu und Ekel als ein offenes Grab, aus dem ein verwesender Leichnam Pestdünste ausströmen lässt. Was aus dem Munde der Ruchlosen herauskommt, ist faul und stinkend. Und wie die Ausdünstung eines Grabes von der Verderbnis, die darin ist, Zeugnis gibt, so ist es mit den verdorbenen Gesprächen der Sünder. Vergleiche auch das andere Bild Jes. 57,20; Die Gottlosen sind wie ein ungestüm Meer, das nicht stille sein kann, und dessen Wellen Kot und Unflat auswerfen. Und Judas-Brief, Vers 13: Wilde Wellen des Meeres, die ihre eigene Schande ausschäumen. Robert Haldane 1835.

Ihr Rachen usw. Das zeigt uns 1) dass die Reden gottloser Menschen faul, ja stinkend und schädlich sind wie Grabesdunst. 2) Wie das Grab die darein gewordenen Leiber zerstört und verzehrt, so richten gottlose Menschen mit ihren boshaften Worten andere zugrunde; ihr Rachen ist ein Abgrund, der die verschlingt, die darein fallen. 3) Wie ein Grab, ob es auch schon viele verzehrt hat, immer bereit ist, noch mehr zu verschlingen, und nie zu sättigen ist (vergl. Spr. 27,20; 30,15 f.; Hab. 2,5), so fahren gottlose Menschen, wenn sie schon viele mit ihren Worten vernichtet haben, immer noch mit ihren Schmähungen fort, suchend, wen sie verschlingen mögen. Thomas Wilson 1653.

Ihr Inwendiges ist Herzeleid oder Verderben, Unheil. Ihre Herzen sind Lagerspeicher des Teufels. John Trapp † 1669.
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Regelmäßige Lesung aus der Schatzkammer David Ps.5

Beitragvon Jörg » 31.03.2018 17:26

Erläuterungen und Kernworte

V. 11. Solche Abschnitte, darin wir scheinbar Rache schnaubende Gebete finden, sind einfach aufzufassen als der Ausdruck der Zustimmung gerechter Seelen zu der Gerechtigkeit Gottes, der um der Sünde willen Rache übt. Auch wenn wir diese Worte Davids prophetisch als Worte Christi auffassen, sind sie nichts anderes als ein Echo der schließlichen Zustimmung des fürbittenden Weingärtners zu dem Urteil über den unfruchtbaren Feigenbaum (Lk. 13,9). Es ist, als riefe er laut: "Haue ihn nun ab! Ich werde nicht mehr ins Mittel treten. Das Urteil ist gerecht. Schuldige sie, Gott, lass sie ihre Schuld büßen; stoße sie aus um ihrer großen Übertretungen willen, denn sie sind dir widerspenstig!" Und im selben Augenblick können wir uns ihn denken, wie er seine Heiligen einlädt, in sein Endurteil mit einzustimmen, gerade wie die Stimme des Engels Off. 18,20 nach der Verkündigung von Babels Fall erschallt: "Freue dich über sie, Himmel und ihr Heiligen und Apostel und Propheten; denn Gott hat euer Urteil an ihr gerichtet!" So kann auch ein Glied Christi in voller Übereinstimmung mit dem Haupt den unfruchtbaren Feigenbaum vom selben Gesichtspunkt aus ansehen und in der Erkenntnis, dass die Ehre Gottes es nicht anders zulässt, als dass der verhängnisvolle Streich geschehe, ebenfalls ausrufen: "Lass die Axt ihn fällen!" Hätte Abraham an der Seite des Engels gestanden, der Sodom verderbte, hätte er gesehen, wie die Heiligkeit des göttlichen Namens den Untergang dieser unbußfertigen Empörer gebieterisch forderte, so würde er ausgerufen haben: "Herr, lass das Verderben über sie kommen, lass das Feuer und den Schwefel auf sie fallen!" -- und das nicht im Geist der Rachsucht, nicht aus Mangel an erbarmender Liebe zu den Seelen dieser Menschen, sondern aus dem tiefen Ernst seines Eifers für die Ehre Jahwes. Wir halten diese Deutung für den richtigen Schlüssel zum Verständnis der so genannten Rachepsalmen. Diese sind nur gleichsam eine Ausführung von 5. Mose 27,15-26 : "Und altes Volk soll sagen: Amen." Wir sehen in solchen Psalmen, wie die Gottesfürchtigen in des Herrn Gesinnung eingehen, wie sie seinen Gräuel an der Sünde nachempfinden und sich über den Vollzug der göttlichen Gerechtigkeit freuen, wie das in dem "Amen, Halleluja" in Off. 19,4 (vergl. V. 1-3) so feierlich zum Ausdruck kommt. Andrew A. Bonar 1859.

Herr, wenn ich in meiner täglichen Andacht Davids Psalmen lese, gib mir Gnade, dass ich meine Seelenstimmung stets ihrem verschiedenen Inhalt anpassen könne. Wo David seine Sünde bekennt und deine Vergebung erfleht, wo er für empfangene Gnaden dankt oder um neue Beweise deiner Huld bittet, da gib mir, dass meine Seele sich hoch aufschwingen könne. Aber wenn ich zu solchen Psalmen komme, wo David seinen Feinden flucht, dann hilf mir, meine Seele zu beschwichtigen. Jene Worte ziemten sich wohl in Davids Mund; aber ich fühle, dass es mir an der rechten Gesinnung fehlt, dass ich sie nicht im selben Geist aussprechen könnte. Lass mich nicht mir schmeicheln, es sei mir erlaubt, gleich David deinen Feinden zu fluchen; es möchte sonst mein betrügliches Herz meine Feinde für deine ansehen und so, was bei David Gottesfurcht war, sich bei mir als Bosheit erweisen, indem ich unter dem Schein der Frömmigkeit Rache übe. D. Thomas Fuller † 1661.

Denn sie sind dir widerspenstig. Sie sind in direktem Widerspruch gegen dich: Du bist die Wahrheit, sie lieben die Lüge; du hilfst gerne, sie wollen verderben; du lässt gerne den Hilfsbedürftigen zu dir, sie verstoßen -- und dieses alles geht bei ihnen hervor aus Widerstand und Widerwillen gegen dich und dein Gesetz und Recht. Prof. Joh. Wichelhaus † 1858.

V. 12. Lass sich freuen . Mit dem allgemeinen Verderben und dessen Anblick muss man sich nie allein aufhalten, sondern auch immer den Samen, den Gott sich übrig behält, bedenken, und wie diesem die Gnade durchhilft auch zur bösen Zeit. Das richtet die lässigen Hände wieder auf; das veranlasst erhörliche Seufzer. K. H. Rieger † 1791.

V. 13. Denn Du, Herr, segnest oder pflegest zu segnen die Gerechten wider der Welt ihr Fluchen; segnen nicht sowohl mit Worten, als vielmehr im Werk und in der Tat selbst. Dei enim benedicere est benefacere. Joh. D. Frisch 1719.

Luther hatte sich bekanntlich zu Augsburg im Jahre 1518 vor dem Kardinal Cajetan, dem päpstlichen Legaten, wegen seiner angeblich ketzerischen Lehren zu verantworten. Ehe er ihn zu sich kommen ließ, sandte der Kardinal einen Diener, einen schlauen Mann, der Luthers Gesinnung auskundschaften sollte. Der fragte ihn: "Meinst du, Fürsten und Herren werden sich deiner annehmen oder dich wider den römischen Stuhl verteidigen? Wo willst du sicher sein und bleiben?" "Unter dem Himmel", gab Luther zur Antwort. "Hm!", sagte der Römer, ging seiner Wege und kam nicht wieder. C. H. Spurgeon 1869.

Die anderen Rüstungsstücke der Alten dienten zum Schutz einzelner Körperteile, so der Helm für das Haupt, der Brustpanzer für die Brust. Dieser große Schild aber hatte den Zweck, den ganzen Körper zu schirmen. Man machte ihn daher sehr groß, gegen 4 Fuß lang und 2 ½ Fuß breit. Von seiner Größe bekam er bei den Griechen den Namen Türschild. Und wenn der Schild trotzdem nicht ausreichte, den ganzen Mann zu decken, so konnte der geschickte Krieger ihn hierhin und dorthin wenden und so jeden Streich, jeden Pfeil auffangen, dass keiner ihn traf. Dies ist ein treffendes Bild von dem allseitigen Nutzen des Glaubens für den Christen. Der Glaube deckt den ganzen Mann, jeder Teil wird durch ihn bewahrt. -- Der Schild deckte aber nicht nur den ganzen Körper, sondern war zugleich ein Schutz für die Rüstung des Kriegers. Er hielt den Pfeil sowohl vom Helm ab wie vom Haupt, von der Brust sowohl wie vom Panzer. So ist auch der Glaube eine Rüstung über die Rüstung, wie es Eph. 6,16 wörtlich heißt: Über das alles ergreifet den Türschild des Glaubens. Der Glaube ist eine Gnade, die alle andern Gnaden bewahrt. William Gurnall † 1679.

Homiletische Winke

V. 2-3. Das Gebet in dreifacher Form: Worte, Sinnen oder Seufzen und Schreien . Lippengebete, bei denen das Herz nicht ist, haben keinen Nutzen, wogegen das brünstige Verlangen und stille Sehnen des Herzens bei Gott gnädig angenommen wird, auch wenn die Worte fehlen.
V. 4. Der hohe Wert des Morgengebets.
V. 4b. Die rechte Zurüstung des Gebets und das Ausschauen nach der Antwort.
1) Mache dich bereit zu rechtem Beten. 2) Mache dich bereit für Gottes Antwort.
Das Gebet eine Jakobsleiter: 1) Unser Flehen steigt hinauf; 2) Gottes Antwort steigt hernieder.
V. 5. Gottes Hass der Sünde- vorbildlich für Gottes Kinder.
V. 6. Die Toren (s. d. Ausl.). Man zeige, mit welchem Recht die Sünder Toren genannt werden.
V. 8. Auf deine große Güte (wörtl. die Vielheit deiner Güte). Man verweile bei der Mannigfaltigkeit der Gnaden- und Liebesbeweise Gottes.
Der fromme Entschluss des Psalmisten. Man merke 1) wie eigentümlich dieser Entschluss ist: Mag die Welt es treiben, wie sie will (V. 5-7), ich gehe in Gottes Haus; 2) was dieser Entschluss will: anbeten (bis mir Erhörung wird, V. 2-4); 3) wie er diesen Entschluss ausführen will: a) unter dem lebhaften Gefühl der Güte Gottes (auf deine große Güte), b) erfüllt mit heiliger Ehrfurcht (in deiner Furcht).
V. 9. Gottes Leitung ist uns allezeit nötig: ganz besonders aber, wenn Feinde auf uns lauern.
V. 11. aufgefasst als Drohung (s. d. Ausl.). Ganz besonders sind die Worte "Stoße sie aus um ihrer großen Übertretungen willen" geeignet, die Grundlage einer ernsten Erweckungspredigt zu bilden.
V. 12. 1) Die Kennzeichen des Gerechten: Glaube und Liebe. 2) Die Vorrechte des Gerechten: a) Große, heilige, tief befriedigende, jubelnde, beständige Freude; b) Beschirmung durch Gottes Macht und Vorsehung, durch der Engel Dienst, durch die bewahrende Gnade usw.
Die Freude im Herrn unsere Pflicht und unser Vorrecht.
V. 13a. Des Herrn Segen über die Gerechten. Er waltet über ihnen von alters her, in Kraft, ist beständig, viel umfassend, unabänderlich, er übersteigt unser Denken, stammt aus der Ewigkeit und währt in Ewigkeit.
V. 13b. Die Gewissheit der göttlichen Huld ein Schild für die gläubige Seele.
Fußnoten
1. Diese Übersetzung wird z. B. auch von Hupfeld vorgezogen, aber als Ausdruck der Gewissheit der Erhörung. Das Spurgeon die Worte als Entschluss deutet, ist schwerlich dem Sinne gemäß. Der Dichter würde dann wohl gesagt haben: "Frühe will ich dich meine Stimme hören lassen", also das hiphil gebraucht haben. Die meisten Ausleger stimmen der Übersetzung Luthers bei.

2. Nach anderer Auffassung kommt die eigentliche Bitte erst V. 9 ff.

3. Zu halal vergl. hallen. Das Partizip kann hier entweder die lärmenden Prahler, die Ruhmredigen bedeuten oder die sich lärmend unsinnig Gebärdenden, die Tollen oder Toren.

4. So jetzt die meisten Ausleger, vergl. Spr. 28,23. Da Kylxh jedoch Ps. 36,3; Spr. 29,5 auch ohne Objekt vorkommt, lässt sich die Übers. Luthers resp. der LXX, der Paulus Röm. 3,13 folgt, ebenfalls rechtfertigen, vergl. Kautzsch.

5. Diese haben wnr+(t (wohl irrtümlich) als piel statt als kal gelesen.
Es muß alles erst einmal an Gott vorüber, bevor es mich treffen kann. (Helmut Thielicke)

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Regelmäßige Lesung aus der Schatzkammer David Ps.6

Beitragvon Jörg » 14.04.2018 13:16

Kommentar & Auslegung zu PSALM 6


Inhalt

Dieser Psalm ist allgemein als der erste der sieben Bußpsalmen (Ps. 6; 32; 38; 51; 102; 130; 143;) bekannt, und seine Sprache ziemt sich in der Tat sehr wohl für einen Bußfertigen, finden wir darin doch den Ausdruck des Bußschmerzes V. 4.7.8 der tiefen Demut V. 3.5, und des Abscheues vor der Sünde V. 9 , und eben dies sind die untrüglichen Kennzeichen eines zerbrochenen Geistes, der sich gläubig zu Gott wendet. Heiliger Geist, wirke du in uns solch echte Reue, welche niemand gereut! -- Eine ganze Reihe von Bußliedern der evangelischen Kirche sind aus diesem Psalm erwachsen.
Die alte Überschrift lautet wörtlich: Vorzusingen (oder: dem Sangmeister), auf Saitenspiel, nach der achten, ein Psalm Davids . Nach dem Targum (d. i. nach der alten Übersetzung und Umschreibung des hebräischen Textes in die spätere aramäische Umgangssprache der Juden) übersetzte Luther: auf (der Zither von) acht Saiten. Die Stelle 1. Chr. 15,21 führte Gesenius und Delitzsch auf die Deutung: in der Oktave, nämlich der ottava bassa, also in der Männerstimme zu spielen, da den Gegensatz dort V. 20 ein Ausdruck bildet, den sie "nach Mädchenweise", also "in der höheren Stimme zu spielen" übersetzten. Der Bass-Schlüssel ist in der Tat sehr geeignet für dies wehmütige Lied. Die Deutung ist jedoch nichts weniger als gesichert; man müsste dabei ja annehmen, dass die Hebräer unsere achtstufige Tonleiter gekannt hätten, was wohl ausgeschlossen zu sein scheint. (Vergl. ferner zu Ps. 46.) Am meisten Wahrscheinlichkeit hat die Deutung: "nach der achten Tonart zu singen und zu spielen". Der Ausdruck kann sich auch auf das Instrument selbst beziehen: die Saiteninstrumente der Hebräer waren, wie Tholuck bemerkt, wahrscheinlich wie die der Griechen nach gewissen Klanggeschlechtern und Tonarten bezogen und gespannt; denn die alten Tonkünstler waren nicht imstande, auf demselben Instrumente verschiedene Tonarten zu spielen, sondern bedienten sich dazu verschiedener Instrumente.

Einteilung

Der Psalm lässt sich ohne Mühe in zwei Teile zerlegen. Erst fleht der Psalmist V. 2-8 in großer Seelennot. Von V. 9 bis zum Schluss dagegen finden wir eine ganz andere Stimmung. Der Sänger verlässt die Molltonart und greift höhere, hellere Akkorde. Die Töne seines Liedes atmen nun heiliges Vertrauen. Er bezeugt, dass Gott sein Gebet erhört und ihn aus all seinen Nöten befreit.

Auslegung

2. Ach, Herr, strafe mich nicht in deinem Zorn,
und züchtige mich nicht in deinem Grimm!
3. Herr, sei mir gnädig, denn ich bin schwach;
heile mich, Herr, denn meine Gebeine sind erschrocken,
4. und meine Seele ist sehr erschrocken.
Ach du, Herr, wie lange!
5. Wende dich, Herr, und errette meine Seele;
hilf mir um deinem Güte willen!
6. Denn im Tode gedenkt man dein nicht;
wer will dir in der Hölle danken?
7. Ich bin so müde von Seufzen;
ich schwemme mein Bette die ganze Nacht,
und netze mit meinen Tränen mein Lager.
8. Meine Gestalt ist verfallen vor Tauern,
und ist alt worden; denn ich allenthalben geängstet werde.

2. Nachdem wir den ersten Teil durchgelesen haben, um einen Gesamteindruck zu gewinnen, wollen wir nun Vers für Vers betrachten. Im 2. Verse liegt der Nachdruck auf Zorn und Grimm, wie das im Grundtext deutlich in der Wortstellung zum Ausdruck kommt: Herr, nicht in deinem Zorn strafe mich, und nicht in deinem Grimm züchtige mich! Der Psalmist ist sich wohl bewusst, dass er Züchtigung verdient, ja er fühlt, dass die Strafe in der einen oder andern Weise über ihn kommen müsse, wenn auch nicht zur Verdammnis, so doch zur Vertiefung seiner Sündenerkenntnis und zur Förderung in der Heiligung. Wie das Getreide durch den Wind gereinigt wird, so die Seele durch Züchtigungen. Es wäre eine Torheit, zu bitten, von der goldenen Hand verschont zu werden, die doch mit jedem ihrer Schläge uns bereichert. David bittet nicht, dass die Strafe ihm gänzlich erspart bleiben möge, denn er könnte so eines darin verborgenen Segens verlustig gehen; sondern er fleht: Ach, Herr, strafe mich nicht in deinem Zorn. Musst du mir meine Sünde unter Augen stellen, wohlan, es sei, ich will dir stillhalten; aber tue es nicht als einer, der wider mich zornentbrannt ist, damit deines Knechtes Herz nicht in Verzweiflung sinke. So sagt auch Jeremia (10,24): "Züchtige mich, Herr, doch mit Maßen, und nicht in deinem Grimm, auf dass du mich nicht aufreibest." Ich weiß, dass ich gezüchtigt werden muss, und wiewohl ich vor der Rute bebe, fühle ich doch, dass sie zu meinem Besten dienen wird; aber, o Gott, züchtige mich nicht in deinem Grimm, in deiner Zornesglut, es möchte sonst die Rute zum Schwerte werden, das mich tötet. So dürfen wir beten, dass die göttlichen Züchtigungen, wenn sie uns nicht erspart bleiben können, doch wenigstens gemildert werden durch die Gewissheit, dass Gott sie nicht im Zorn, sondern in seiner treuen Bundesgnade über uns verhängt.

3-4. Herr, sei mir gnädig, denn ich bin schwach . Ich verdiene es, von deiner Hand zermalmt zu werden; aber lass dich doch in deiner Barmherzigkeit meines kläglichen Zustandes jammern. Das ist die rechte Weise, Gott mit den Waffen des Gebets zu besiegen. Steife dich nicht auf deine Vortrefflichkeit oder deine Größe, sondern gründe deine Bitten auf deine sündliche Schwachheit und Erbärmlichkeit. Rufe: Ich bin schwach, darum stärke du mich, Herr, und zerbrich mich nicht gar. Lass nicht die Wut des Unwetters deines Zornes über ein so gebrechliches Fahrzeug losbrechen. Lass den rauen Wind nicht zu hart herfahren über das arme, seiner Wolle beraubte Lamm. Habe Mitleid mit dem schwachen, dahinwelkenden Blümlein und brich es nicht vom Stamm. So würde gewiss ein Schwerkranker versuchen, das Mitleid seines Mitmenschen zu erregen, wenn dieser mit ihm hadern wollte: Gehe sanft mit mir um, denn ich bin schwach. Ein starkes Gefühl der Sünde hatte den Psalmisten so gründlich gebeugt, so sehr alle Stärke, deren er sich hätte rühmen können, von ihm genommen, dass er sich ohnmächtig fühlte, das Gesetz zu erfüllen, und er unter den Schmerzen der Reue, die sein Inneres durchwühlten, war wie ein Verschmachtender, zu schwach wohl auch, um sich an die Verheißungen anzuklammern. Der buchstäbliche Sinn des Grundtextes ist: Ich bin hingewelkt , bin siech und traurig, äußerlich und innerlich am Verschmachten und Vergehen, wie eine Pflanze, die der Mehltau befallen hat. Wir wissen aus Erfahrung, was das heißt; denn auch wir haben es erlebt, dass unsere Herrlichkeit voller Flecken ward und alle unsere Schöne einer verwelkenden Blume gleich erbleichte.
Heile mich, Herr, denn meine Gebeine sind erschrocken. Nun bittet er um Heilung, also nicht nur um Milderung der Strafen, die er leiden musste, sondern um ihre völlige Hinwegnahme, und um Heilung der Wunden, die sie ihm geschlagen. Seine Gemütsbewegung war so heftig geworden, dass sogar seine Gebeine von Schauder ergriffen waren. Nicht nur sein Fleisch zitterte, sondern auch die Gebeine, die festen Säulen des Hauses, waren ins Wanken gekommen. Ja, wenn die Seele vom Gefühl ihrer Sündhaftigkeit ergriffen wird, mögen wohl die Gebeine zittern; es kann einem alle Haare zu Berge stehen machen, wenn man die Höllenflammen unter sich, einen zürnenden Gott über sich und nichts als Schrecken und Verderben rings um sich her sieht. Da konnte er wohl sagen: Meine Gebeine sind erschrocken. Damit wir aber nicht etwa meinen, es handle sich bei ihm bloß um leibliche Krankheit -- wiewohl diese das äußere Zeichen der heftigen Erschütterung seiner Seele sein mochte -- fährt der Psalmist fort: Und meine Seele ist sehr erschrocken. Seelenpein ist die höchste Pein. Was macht’s, ob auch die Gebeine zittern, wenn die Seele fest ist? Aber wenn die Seele selber sehr erschrocken ist, dann ist fürwahr große Not. Ach du, Herr, wie (so) lange! Der Satz bricht jählings ab, die Worte gehen dem Psalmisten aus; der Kummer hat auch den Schimmer von Trost, der ihm aufgedämmert war, wieder mit Nacht bedeckt. Dennoch hat der Psalmist nicht alle Hoffnung verloren; aber diese Hoffnung ruht einzig auf seinem Gott. Darum ruft er: Ach du, Herr, wie lange? Wann kommst du, treuer Bundesgott? Wann wirst du dich nach deiner Verheißung wieder zu mir kehren? Dass Christus doch noch im hohepriesterlichen Kleid der Gnade in das Herz einziehen werde, ist die große Hoffnung bußfertiger Seelen. Und wie Christi Erscheinung heute das Ziel der Sehnsucht aller Gotteskinder ist, so ist sie tatsächlich in der einen oder andern Weise stets die Hoffnung aller Frommen gewesen.
Calvins Leibspruch war: Domine, usquequo? Ach, Herr, wie lange? Auch die heftigsten Schmerzen konnten ihm in seinem mit Not aller Art gesättigten Leben kein anderes Wort abpressen als dieses: Domine, usquequo? Das ist auch der Ruf der heiligen Seelen unter dem Altare: Herr, wie lange? (Off. 6,10). Und das sollte der Ruf aller derer sein, die auf die Herrlichkeit des tausendjährigen Reiches warten: Warum verzieht sein feuriger Wagen? O Herr, wie lange? Diejenigen unter uns, die unter dem Druck mächtiger Überzeugung von ihrer Sündhaftigkeit geseufzt haben, wissen noch gar wohl, was es war, als uns unter dem Harren auf Gnade die Minuten zu Stunden und die Stunden zu Jahren wurden. Wir warteten auf die ersten Strahlen der Gnade "mehr als Nachtwachende auf den Morgen." (Ps. 130,6 Grundt.) Mit heißem Begehren fragte unser bekümmertes Gemüt: Ach du, Herr, wie lange?
Es muß alles erst einmal an Gott vorüber, bevor es mich treffen kann. (Helmut Thielicke)

Jörg
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Regelmäßige Lesung aus der Schatzkammer David Ps.6

Beitragvon Jörg » 17.04.2018 15:45

5. Wende dich, Herr, und errette meine Seele ! Wie Gottes Fernsein die vornehmste Ursache seines Elends war, so wird, das weiß der Psalmist, Gottes Rückkehr genügen, ihn von seinem Kummer zu befreien. Hilf mir um deiner Güte (oder Gnade) willen! Er weiß, wohin er blicken, woran er sich klammern muss. Er fasst nicht Gottes linke Hand seiner Gerechtigkeit, sondern die rechte Hand seiner Gnade. Er ist von seiner Sündhaftigkeit zu sehr überzeugt, als dass er an irgend ein Verdienst denken oder an etwas anderes als die freie Gnade sich wenden könnte. "Um deiner Gnade willen": Flehen, das sich auf diesen Grund stützt, trägt bei Gott den Sieg davon. Wenn wir uns an Gottes Gerechtigkeit wenden, was werden wir dann zu unsern Gunsten vorbringen können? Aber wenn wir zu seiner Güte Zuflucht nehmen, dann dürfen wir, mag unsere Schuld noch so groß sein, dennoch flehen: Hilf mir!
Beachten wir, wie häufig David hier den Namen Jahwe in seinem Gebete braucht. Wo wir in unserer deutschen Bibel das Wort Herr 1 als Gottesnamen haben, steht ja im Hebräischen der Name Jahwe. Fünfmal begegnen wir ihm hier in diesen vier ersten Versen. Ist das nicht ein Beweis, dass dieser erhabene Name voll Trostes ist für den angefochtenen Gläubigen? Gottes völlige Freiheit, seine Ewigkeit und Unendlichkeit, seine Unveränderlichkeit und Treue, all dies und mehr liegt in dem Jahwe - Namen, und jede dieser Eigenschaften birgt eine Fülle glaubenstärkenden Trostes in sich; denn Jahwe nennt Gott sich als der Bundesgott seines Volkes.

6. David war in großer Furcht des Todes, -- des leiblichen und vielleicht auch des ewigen. Fasse die Stelle wie du willst, der Vers ist von erschütternder Gewalt. Denn im Tode gedenkt man dein nicht; wer will dir in der Hölle 2 danken . Kirchhöfe sind schweigsame Orte. Grabgewölbe hallen nicht von Lobgesängen wider. Moder bedeckt den Mund. "O Herr", sagt David, "wenn du mir das Leben erhältst, werde ich dich preisen. Sterbe ich, so müssen meine irdischen Lieder wenigstens schweigen; und wenn ich in der Hölle umkomme, wirst du nie wieder einen Dankpsalm von mir hören. Jubellieder können aus dem flammenden Abgrund der Hölle nicht aufsteigen. Wohl wirst du ohne Zweifel verherrlicht werden, sogar wenn ich ewig verdammt werde; aber dann, Herr, kann ich dich nicht freiwillig verherrlichen, und unter den Menschenkindern wird ein Herz weniger sein, dich zu preisen." O du armer, zitternder Sünder, möge der Herr dir helfen, dies mächtige Mittel der Überredung zu brauchen. Um der Verherrlichung Gottes willen soll der Sünder gerettet werden. Wenn wir Vergebung suchen, bitten wir Gott nicht, etwas zu tun, was sein Panier besteckt oder auf sein Wappen einen Makel wirft. Barmherzigkeit üben ist seine Lust, Gnade sein innerstes Wesen. Huldreich sich zum Sünder neigende Liebe ehrt Gott. Sagen wir nicht selbst: Güte ehrt den Geber und den Empfänger? Das ist sicherlich, in noch höherem Sinne, wahr von Gott, der sich selbst verherrlicht, indem er uns Gnade angedeihen lässt.

7-8. Nun gibt der Psalmist eine ergreifende Schilderung von seinem langen Seelenkampfe. Ich bin so müde von Seufzen . Er hatte gestöhnt, bis sein Hals heiser war; er hatte um Gnade geschrieen, bis ihm das Beten schwere Arbeit wurde. Gottes Kinder dürfen wohl seufzen und stöhnen, aber nicht hadern und murren. Ja, die Last ihrer Sünden soll sie zum Seufzen bringen, sonst würden sie auch nicht jauchzen über die Errettung. Ich schwemme mein Bette die ganze Nacht, oder: jede Nacht. Trotz der Erschöpfung aller Leibes- und Seelenkräfte bringt mir die Nacht keine Ruhe. Wenn andere in erquickendem Schlummer der Sorgen des Tages vergessen, erfasst mich meine Seelenpein nur noch stärker. In der Einsamkeit der Nacht fühlt meine Seele noch schrecklicher ihre Verlassenheit, und ob mein Mund vor Erschöpfung stumm wird, schreien meine Tränen desto heftiger. Ach du, Herr, wie lange? Was wird’s noch werden, wenn Gott nicht bald mit seiner Hilfe kommt? Schon ist mein Bette ein Tränensee, und noch immer netze ich (der Grundt. hat ein stärkeres Wort: zerflößen, zerfließen machen; Luther 1524: weiche ich) mit meinen Tränen mein Lager. Mein Auge (Grundt.) ist verfallen vor Trauern, und ist alt worden; denn ich allenthalben geängstet werde . Wie eines alten Mannes Auge einfällt und matt und dunkel wird vor der Menge der Jahre, so, sagt David, ist mein Auge vor Weinen rot und schwach geworden und verfallen vor Kummer. Tiefe Seelennot infolge der Erkenntnis der Sünde hat oft einen solchen Einfluss auf den Körper, dass sogar die Sinneswerkzeuge darunter leiden. Sollte das nicht auch manche von den auffallenden Erscheinungen erklären, die man in Zeiten gewaltiger Erweckungen, besonders bei sehr erregbaren Völkern, wie den Irländern oder Negern, beobachtet hat? Ist es so verwunderlich, wenn etliche zu Boden geworfen wurden und laut um Gnade zu schreien anfingen, da wir hier doch sehen, wie David sein Bett zu einer Tränenflut machte und alt wurde, als er unter der gewaltigen Hand Gottes schmachtetet? O meine Brüder, es ist fürwahr nichts Geringes, zu fühlen, dass man ein Sünder ist, verdammt vor Gottes Richterstuhl. Die Sprache dieses Psalms ist nicht übertrieben und erkünstelt, sondern ganz natürlich für ein Menschenkind in solcher Betrübnis. Auch Calvin sagt: Diejenigen, welche auch nur in geringerem Maße erfahren haben, was es heißt, mit der Furcht des ewigen Todes zu kämpfen, werden in diesen Worten keine Übertreibung finden.

9. Weichet von mir, alle Übeltäter;
denn der Herr höret mein Weinen,
10. der Herr höret mein Flehen;
mein Gebet nimmt der Herr an.
11. Es müssen alle meine Feinde zuschanden werden, und
sehr erschrecken,
sich zurückkehren, und zuschanden werden plötzlich.



9. Bis hierher ist alles in dem Psalm traurig und trostlos gewesen; jetzt aber dürfet ihr, gebeugte Sünder, die ihr David diesen Bußpsalm bis dahin nachgebetet habt, mit David eure Harfen von den Weiden nehmen und sie zu einem Loblied stimmen. Ihr müsst eure Zeit des Weinens haben; aber lasst sie kurz sein. Auf, auf, erhebet euch aus dem Staube, schüttelt Sack und Asche von euch! Den Abend lang währet das Weinen, aber des Morgens ist Freude (Psalm 30,6).
David hat Frieden gefunden, und nun steht er von den Knien auf und fängt alsbald an, sein Haus von den Gottlosen zu säubern. Weichet von mir, alle Übeltäter . Das beste Schutzmittel wider einen bösen Menschen ist, einen weiten Raum zwischen ihm und uns zu schaffen. "Fort mit euch! Ich kann mit euch keine Gemeinschaft haben." Die Buße ist eine durchaus praktische Sache. Es genügt nicht, die Entweihung des Tempels unseres Herzens zu beklagen; wir müssen die Käufer und Verkäufer hinaustreiben und die Tische der Wechsler umstoßen. Ein Sünder, der Vergebung erlangt hat, hasst die Sünde, die den Heiland sein Blut gekostet hat. Gnade und Sünde sind unverträgliche Nachbarn; einer von beiden muss weichen.
Denn der Herr hat die Stimme meines Weinens gehöret. (Wörtl., so auch L. 1524.) Welch feine Poesie! Hat das Weinen eine Stimme? In welcher Sprache spricht es? In der Universalsprache, die auf dem ganzen Erdenrund gekannt ist und selbst auch im Himmel droben verstanden wird. Mag der Weinende ein Jude oder Grieche, Ungrieche oder Szythe, ein Knecht oder ein Freier sein, überall reden die Tränen dieselbe Sprache. Das Weinen ist die Beredsamkeit des Kummers. Es ist ein Redner ohne Worte, dem doch nie die Sprache abgeht und der keinen Übersetzer braucht, sondern von jedermann verstanden wird. Lasst uns Tränen als flüssige Gebete ansehen lernen und das Weinen als ein beständiges Tröpfeln von dringendem Flehen, das sich einen Weg mitten ins Herz der Gnade bahnen wird, trotz den Felsen, die den Weg versperren. Mein Gott, wenn ich nicht beten kann, so will ich weinen, denn du hörst die Stimme meines Weinens. 3

10. Der Herr hat mein Flehen gehöret . (Wörtl., L. 1524.) Der heilige Geist hatte in des Psalmisten Herzen diese Zuversicht gewirkt, dass sein Gebet erhört sei. Das ist häufig das Vorrecht der Gläubigen. Indem sie das Gebet des Glaubens beten, bekommen sie oft eine unfehlbare Gewissheit, dass sie bei Gott siegreich waren. Wir lesen von Luther, dass er einst, nachdem er bei einer Gelegenheit hart mit Gott gerungen hatte, vor Freude hüpfend aus seiner Kammer gekommen sei, ausrufend: Vicimus, vicimus, d. i.: Wir haben gesiegt, wir haben gesiegt! Solch gewisse Zuversicht ist kein eitler Traum; wenn der heilige Geist sie in uns wirkt, so ist uns ihre innere Wahrheit so gewiss, dass wir sie nicht in Zweifel ziehen könnten, ob auch alle Menschen unser freimütiges Vertrauen belachten. Mein Gebet nimmt der Herr an, oder nach anderer Auffassung: wird der Herr annehmen . Hier wendet der Beter die eben gemachte Erfahrung zu seiner Ermutigung für die Zukunft an. "Er hat, er wird" -- merke dir das, mein Bruder, und ahme Davids Beweisführung nach.

11. Es müssen alle meine Feinde zuschanden werden und sehr erschrecken . Das ist eher eine Weissagung als eine Verwünschung. Wir können es als einfache Aussage über die Zukunft lesen: Es werden usw.; und ebenso das Folgende: Sie werden sich zurückkehren und zuschanden werden plötzlich. Plötzlich, in einem Augenblick: ihr Schicksal wird sie unversehens ergreifen. Der Tag des Todes ist solch ein Tag, der das Schicksal besiegelt; er kommt sicher, und er kann plötzlich kommen. Die Römer pflegten zu sagen, die Göttin der Rache gehe in Socken einher. Mit lautlosen Tritten naht die Ruche ihrem Opfer und schmettert es plötzlich nieder. Sollten die Worte als Verwünschung zu fassen sein, so müssen wir bedenken, dass die Sprache des alten Bundes nicht die des neuen ist. Wir beten für unsere Feinde, nicht wider sie. Gott sei ihnen gnädig und bringe sie auf den rechten Weg.
So zeigt der Psalm, wie die vorhergehenden, den weiten Unterschied zwischen dem Gottseligen und dem Gottlosen. O Herr, lass uns unter dein Volk gezählt sein, sowohl jetzt als in der Ewigkeit!
Es muß alles erst einmal an Gott vorüber, bevor es mich treffen kann. (Helmut Thielicke)

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Regelmäßige Lesung aus der Schatzkammer David Ps.6

Beitragvon Jörg » 21.04.2018 07:01

Erläuterungen und Kernworte

Zu den sieben Bußpsalmen. Von deren Absicht und Gebrauch merke man sich, dass es damit nicht gemeint ist, als ob man aus diesen sieben Psalmen die allgemeine Beschaffenheit jeglicher Buße zu Gott und seliger Sinnesveränderung lernen müsste, oder als ob ein jeder durch dergleichen Zornempfindungen eines solchen Angstkampfes getrieben würde. Es sind auch wirklich diese Psalmen nicht bei dem ersten bußfertigen Zugang Davids zu seinem Gott gemacht worden, sondern bei einem nach vorgängigem Lauf in den Wegen Gottes erst geschehenen leidigen Straucheln und Fallen, wodurch also schmerzliche Wunden verursacht und von Gott, neben dem Druck seiner Hand im Innern, auch schwere Umstände im Äußern mit Krankheit und Verfolgung verhängt worden sind. Dergleichen kommt ja freilich nicht bei jedem vor, dem Gott Buße zum Leben schenkt; vielmehr findet sich’s, dass Gott einem einen solchen Schritt durch manche Gnadenzüge im Innern und durch allerlei gnädige Schickungen im Äußerlichen zu erleichtern sucht; deswegen keines den Geist der Gnade in seiner Arbeit an sich und andern damit stören soll, dass er auf ein diesen Bußpsalmen gleichkommendes Maß der Traurigkeit und Todesängste dringen wollte. Aber da können hernach diese Bußpsalmen gute Dienste tun, wenn Gott einen Menschen bei gewissen Sünden oder beim Aufwachen der alten Sünden im Gewissen solcherlei Ängste und Zornempfindungen schmecken lässt, dass man daraus lerne, wie man auch in der größten Angst und Gefühl der Verderbnis seine Zuflucht zu der Barmherzigkeit und rettenden Gerechtigkeit Gottes nehmen und dieselbe besonders jetzt in Jesu Christo anrufen könne. Und da kann es freilich den Glauben nicht wenig erwecken und stärken, wenn man aus diesen Psalmen sieht, wie David wieder aus der größten Angst genesen und wie ihm der Geist der Gnaden sein Herz in der Vergebung der Sünden so unvergleichlich erweitert und getröstet habe. K. H. Rieger † 1791.

Zum ganzen Psalm. David wurde sehr oft von Krankheit und von Anfechtung durch Feinde heimgesucht, und fast in allen Fällen solcher Trübsal, denen wir in den Psalmen begegnen, können wir beobachten, wie diese äußeren Nöte in ihm den Verdacht weckten, sie seien durch Gottes Zorn ob besonderer Verschuldung veranlasst, so dass er selten krank oder verfolgt war, ohne dass sein Gewissen beunruhigt wurde und seine Sünde ihm ins Gedächtnis kam. So hier. Alle seine andern Kümmernisse fließen in diesem einen Kummer zusammen, wie die kleinen Bächlein sich in einem großen Strom verlieren und Namen und Art ändern. Richard Gilpin 1677.

Eben aus diesem Psalm habe ich genommen die Sprüche, so ich im Anfang des Evangeliums Anno 1517, ließ ausgehen wider Tetzel (vergl. These 14. 15. 40). Martin Luther 1519.

Der 6. Psalm ist in Belgien auch unter den Namen "le psaume des brûlés , der Psalm der Verbrannten" bekannt. Zu Anfang des (19.) Jahrhunderts fand nämlich in einem Kohlenschacht zu Pâturages eine Explosion schlagender Wetter statt. Drei von den Bergleuten wurden schrecklich verbrannt. Der Kaplan des Orts eilte herbei, um den Verunglückten den letzten Trost zu spenden. Jene drei waren jedoch Protestanten und sagten dem Kaplan, sie hätten etwas unendlich Besseres, als er ihnen mit seiner Absolution geben könne, nämlich die Vergebung Jesu Christi. Bald darauf knieten sie nieder und stimmten mit schon ersterbender, aber dennoch den Frieden und die Freude der lebendigen Christenhoffnung ausdrückender Stimme folgende vier Strophen des 6. Psalms an, die (in freier Übertragung) also lauten:
1. Herr, sieh herein
Auf meine Pein
Und höre auf zu schelten!
In deinem Grimm
Mein Schrei’n vernimm,
Lass meine Schuld nicht gelten!

2. Mein Herz verzagt,
Die Seele klagt
Geängstigt und so bange:
Gott, du mein Heil,
Mein einzig Teil,
Ach du, Herr, wie so lange!

3. Tritt für mich ein!
Die Last sei dein,
Da ich vor Trauern weine;
Ach, meine Kraft
Ist ganz erschlafft,
Erschrocken die Gebeine.

4. Mein Gnadenlicht,
Dein Angesicht
Kann alle Angst mir stillen;
Trotz meiner Schuld
Und Ungeduld
Um deiner Güte willen!

Kaum hatte ihre immer schwächer werdende Stimme aufgehört, vernehmlich zu sein, da nahm Gott sie in die Freude seines Himmels auf, wo sie den Lobgesang vollenden konnten, den sie auf Erden unter den Qualen eines so schmerzhaften Todes angefangen. Der Kaplan zog sich tief bewegt zurück, indem er bezeugte: "Von diesen Leuten kann man mit Gewissheit behaupten, dass sie als Christen gestorben sind. " -- Nach D. R. Kögel, Deine Rechte sind mein Lied, 1895.

V. 2. Ach. Ist der allerkürzeste Ausdruck alles dessen, was der Mensch in diesem Leben zu klagen hat, darein er mit Ach geboren, davon er mit Ach genommen wird. Joh. D. Frisch 1719.

Obgleich es der Menschen Bosheit ist, welche über David die Geißel schwingt (vergl. V. 9-11), erhebt sich doch sofort sein Blick zu der Hand im Himmel, ohne deren Zulassung keine Hand auf Erden sich regen darf. Da sucht er den letzten Grund, warum ihn solcher Jammer treffe, und weigert sich nicht, in aller seiner Trübsal ein durch seine Sünden verdientes Gericht Gottes zu erkennen. Prof. D. A. F. Tholuck 1843.

Das sind sehr treffliche Worte, die er mit Gott redet. Es muss gestraft sein, spricht er; aber, lieber Herr Gott, dass es nur des Vaters Staupen sei, und nicht des Richters und Stockmeisters.
So lehret uns nun dieser Psalm, wenn irgend einer mit dieser Anfechtung gequält wird, dass er nirgendhin Zuflucht haben soll, denn zu dem zornigen Herrn selbst; aber das ist fast schwer und mühsam, und ist allenthalben Glauben auf Hoffnung, da nichts zu hoffen, Röm. 4,18. Martin Luther 1530 u. 1519.

Gott hat zwei Mittel, durch die er seine Kinder zum Gehorsam zurückführt: sein Wort, mit dem er sie von der Sünde überführt, und seine Rute, mit der er sie züchtigt. Die Ermahnung durch das Wort geht vorher, wobei sich Gott besonders seiner Knechte bedient, wovon David selbst auch Psalm 141,5 redet: Der Gerechte strafe mich. Wie ein Vater sein ungehorsames Kind erst zurechtweist, ehe er zur Rute greift, so auch Gott. Aber wenn die Menschen die Warnungen seines Wortes gering achten, dann nimmt Gott wie ein guter Vater die Rute und schlägt sie. Unser Heiland weckte die drei Jünger im Garten dreimal; aber als er sah, dass dies nichts fruchtete, sagte er ihnen, dass Judas und seine Schar kämen, um sie aus dem Schlaf aufzurütteln, aus dem sie sich durch seine Stimme nicht hatten wach machen lassen. Archibald Symson 1638.

Lass Frieden, Herr, mein Herz erfüllen,
So oft mich züchtigt deine Hand.
Zerbrich nicht mich, nur meinen Willen,
Dass ich dich preis’ im sel’gen Land.

Nur wen’ge Schritte mich noch trennen
Von dort, wo du erhöhest mich.
Lass bis ans Ende mich bekennen
In Not und Leid: Ich trau’ auf dich!
Nach Richard Baxter † 1691.

V. 3. Herr, sei mir gnädig . Im Himmel und auf Erden sieht David keinen Ausweg, dem Zorne Gottes zu entrinnen, und darum flieht er zu Gott selbst, zu ihm, der ihn verwundet hat, dass er ihn auch heile. Er flieht nicht wie Adam ins Gebüsch, noch wie Saul zu einer Zauberin, noch wie Jona nach Tharsis, sondern er beruft sich von dem gerechten und zürnenden Gott auf den gnädigen Gott. Vom Urteil der Menschen magst du dich auf Gottes Gericht berufen ; aber wenn du vor Gottes Richterstuhl angeklagt bist, wohin und zu wem willst du dich wenden, als zu ihm selbst und seinem Gnadenstuhl? Das ist der höchste und letzte Berufungsort.
Denn ich bin schwach. Siehe, welch beredte Sprache er gebraucht, um Gott zum Helfen zu bewegen. Er nimmt seine Schwachheit als Argument -- ein schwaches Argument, um hartherzige Menschen zur Hilfe zu bewegen, aber wenn du zu Gott kommst, ist das stärkste Argument deine Bedürftigkeit, deine Armut, deine Tränen, dein Elend, deine Unwürdigkeit. Archibald Symson 1638.

Heile mich, Herr. Der Patient sucht hier den Arzt, dessen Werk es ist, allen Ernst anzuwenden, den Kranken zu kurieren, dazu sich Gott schon längst erboten, 2. Mose 15,26. Ihm ist es um ein Wort zu tun. Joh. D. Frisch 1719.

V. 3.4. Meine Gebeine, meine Seele . Genossen der Sünde sind Genossen der Pein, die die Sünde bringt. Die Seele hat das Böse ausgedacht, die Glieder haben es ausgeführt; so müssen denn beide miteinander leiden. John Donne † 1631.
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Regelmäßige Lesung aus der Schatzkammer David Ps.6

Beitragvon Jörg » 24.04.2018 15:32

V. 4. Ach du, Herr, wie lange ? Das wird jeder in der Schule der Leiden Erzogene bekennen, dass weniger die Größe des Elends, als seine anhaltende Dauer es ist, welche die Geistes- und Leibeskraft untergräbt. Prof. D. A. F. Tholuck 1843.

Dreierlei mögen wir hier merken: Erstens, Gott hat eine bestimmt bemessene Zeit für all die Leiden seiner Kinder. Vor dieser Zeit werden sie nicht aus der Not geführt, und auf Gottes Stunde müssen sie geduldig warten und dürfen nicht daran denken, Gott die Zeit vorzuschreiben. Israel blieb in Ägypten, bis die Vollzahl der vierhundertdreißig Jahre erfüllt war. Joseph war drei Jahre und mehr im Gefängnis, bis die rechte Stunde für seine Befreiung schlug. Die Juden mussten siebzig Jahre in Babel ausharren. Wie der Arzt dem Kranken vorschreibt, wie lange er fasten und wann er wieder stärkende Nahrung nehmen solle, so weiß Gott die rechten Zeiten für unsere Demütigung und unsere Erhöhung. Sodann siehe, wie ungeduldig unsere Natur im Leiden ist. Noch sträubt sich das Fleisch wider den Geist und vergisst sich oft soweit, dass es mit Gott rechten und hadern will, wie wir es von Hiob, Jona und hier von David lesen. Drittens: ob Gott zögert, den Seinen zur Hilfe zu erscheinen, hat er doch stets dazu gute Ursache. Denn als wir von der Sünde entflammt waren, hat er uns oft durch den Mund seiner Propheten und andern Knechte zugerufen: Wie lange wollt ihr Unverständigen unverständig sein? (Spr. 1,22 .) Aber wir wollten nicht hören; darum ist es kein Wunder, wenn Gott jetzt nicht hören will, da nun die Folgen der Sünde schmerzlich brennen, und es uns nun lange dünkt, ja jeder Tag zu einem Jahr wird, bis Gott uns aus der Not herausführt. Lasst uns bedenken, wie gerecht Gott darin mit uns handelt. (Vergl. Spr. 1,24 ff.) Archibald Symson 1638.

Wie die Heiligen im Himmel mit großer Stimme schreien: Herr, du Heiliger und Wahrhaftiger, wie lange richtest du nicht? (Off. 6, 10), so rufen auch die Heiligen auf Erden: Ach du, Herr, wie lange nimmst du nicht das Gericht von uns? Denn unsere Bitten um Befreiung sind nicht befehlerisch gemeint, sie schreiben Gott weder Zeit noch Weg vor, sondern ordnen sich gerade wie unsere Bitten um Gewährung von Gaben dem Willen Gottes unter. Sie sind alle mit dem Kräutlein gewürzt, das Christus Selbst unter sein Gebet gemengt hat: "Doch nicht mein, sondern dein Wille geschehe!" (Lk. 22,42 .) Und dasselbe Würzkraut hat der Herr ja auch unserm Gebet beigefügt: "Dein Wille geschehe auf Erden wie im Himmel." Im Himmel gibt es keinen Widerstand gegen Gottes Willen; dennoch ist auch im Himmel ein Drang nach Beschleunigung des göttlichen Gerichtes und ein Sehnen nach der Herrlichkeit der Auferstehung. So mögen auch wir, bei willigem Erleiden seiner Züchtigungen auf Erden, es demütig Gott vortragen, welch tiefe Empfindung wir von seinem Missfallen haben; denn gerade damit wir dieses Gefühl, dies seine Gespür für seine Züchtigungen bekommen, sendet er uns diese hauptsächlich. Beugen wir uns so unter seine Hand, sprechen wir mit dem Propheten: "Ich will des Herrn Zorn tragen, denn ich habe wider ihn gesündigt" (Micha 7,9), dann mag es ihm wohlgefallen, zu dem züchtigenden Engel zu sagen: "Es ist genug, lass nun deine Hand ab", wie er zu dem Engel sprach, der Israel verderbte (2. Samuel 24,16). D. John Donne † 1631.

V. 5. Erst bittet David nur um Abwendung des göttlichen Zornes. Aber wie Archimedes sagte, er wollte die Welt aus den Angeln heben, wenn man ihm einen festen Punkt gäbe, den Hebel anzusetzen, so sucht das Gebet, wenn eine Bitte einmal festen Fuß gefasst hat, immer Größeres zu bewirken, ja alles von Gott zu erlangen. So bittet David jetzt nicht mehr nur um Verschonung vor dem göttlichen Zorn, sondern um mehr, um Errettung und Hilfe. Um deiner Güte willen. Gott erlaubt dem Menschen einen Blick in die Arkana imperii , in die Geheimnisse seiner Regierung. Gott verfährt nach Präzedenzien, nach vorhergegangenen Fällen. Er tut, wie er vordem getan. Er gibt dem mehr, der bereits etwas von ihm empfangen hat. Er will es auch haben, dass wir uns in unsern Bitten auf sein voriges Tun stützen. Und seine letzten Guttaten sind immer noch größer als seine früheren. D. John Donne † 1631.

V. 6. Der im Worte Scheol (Luther: Hölle) liegende Grundbegriff ist der eines dumpfen, klaffenden, hohlen, dunklen Schlundes und Abgrunds. Die Seele des Menschen begehrt Licht und Leben, und es zieht sie aufwärts; aber sie fühlt im tiefsten Innern die Strafe des Todes und erblickt in dem sich öffnenden Grabe einen finstern Abgrund, wo statt der Fülle des Lebens Öde, Dunkelheit und Grauen wohnt, einen Schlund, der alles in sich hinabzieht, ohne selbst erfüllt zu werden, der eben so leer wie unersättlich ist. Bei den Griechen und Römern hat sich dasselbe Gefühl in den Dichtungen vom Hades, den Ausdrücken der Fauces Orci, des Schwundes der Unterwelt, und der wesenlosen Schatten des Hades ausgesprochen. Prof. Joh. Wichelhaus † 1858.

David hat in seinem Flehen zu Gott nicht eigentlich für seine Person Leben und Glück begehrt, sondern es handelt sich bei ihm um den Namen, die Ehre und Herrlichkeit Gottes. Hier auf Erden will David den Namen seines Gottes verherrlicht, die Wahrheit, dass Jahwe des Gerechten Helfer ist, von Herzen geglaubt, erfahren und gepredigt haben. (Vergl. 2.Kor. 1,10 f.; 4,10.) Oder haben nicht alle Boten Gottes ein Zeugnis von Gott und seiner Gnade abgelegt nach den Erfahrungen, die sie in diesem Leben von ihm gemacht hatten? Mit dem Tode hat beides, das Predigen und das Hören, ein Ende. Prof. Joh. Wichelhaus † 1858.

V. 7. Hier fängt David an zu erzählen, wie er in seiner Todesfurcht fast vergangen. Hier heißt’s: Davidica non intelligit, qui Davidica non sentit (Wer nichts davon durchgemacht hat, versteht es nicht). Fr. Chr. Ötinger 1775.

Ich bin so müde von Seufzen. Im Seufzen ist ein Suchen, Ringen, Jagen, lauter Dinge, die das Herze matt, müde und schmachtend machen. -- Ich schwemme mein Bette: durch den vor Angst ausbrechenden häufigen Schweiß. Joh. D. Frisch 1719.

Welch merkwürdige Wandlung ist mit David vorgegangen, dass der Mann, der sonst eine solche Seelengröße zeigt, so entmutigt und niedergeschlagen ist! Hat er nicht durch seine Tapferkeit und Seelengröße den Löwen und den Bären und selbst den Diesen Goliath überwunden? Jetzt aber seufzt er und schluchzt und jammert wie ein Kind! Die Antwort ist leicht zu finden. Es kommt darauf an, mit wem er es zu tun hat. Wenn Menschen oder wilde Tiere seine Gegner sind, dann hat er einen Heldenmut; aber wenn er es mit Gott zu tun hat, gegen den er gesündigt, empfindet er tief, wie er weniger denn nichts ist.
Schauer sind besser als Tropfen; doch wollen wir Gott schon danken, wenn durch die Wirkungen seiner Gnade unser Herz mit Bußzähren betaut ist. Können wir nicht mit Wasserströmen von Tränen unser Bette schwemmen wie David; entfließen unserm Auge keine Tränenbäche wie der armen Sünderin (Lk. 7,38); können wir nicht dem Jeremia nachsprechen: Ach, dass meine Augen Tränenquellen wären, dass ich Tag und Nacht weinen könnte (Jer. 8,23), noch mit Petrus bitterlich weinen (Mt. 26,75); dennoch, wenn wir es beklagen, dass wir unsere Sünde nicht genug beklagen, und darüber Leid tragen, dass wir nicht genug Leid tragen, ja wenn nur die leisesten Seufzer wahrer Buße und die schwächsten Zähren ungeheuchelter Zerknirschung uns entquellen, werden diese uns vor Gott angenehm machen. Gott sieht auch bei unserer Buße und deren Äußerungen nicht auf die Quantität, sondern auf die Qualität, auf ihre Aufrichtigkeit.
Mein Bette. [Nach der Ansicht des Verfassers bezieht sich der Psalm auf die Leidenszeit Davids nach seinem Ehebruch, was zwar mit nichts in dem Psalm angedeutet, aber möglich ist.] Die Stätte seiner Sünde ist die Stätte seiner Buße. Und so sollte es sein. Ja, der Anblick solcher Orte, wo wir gesündigt haben, sollte uns einen Stich ins Herz geben und uns veranlassen, eben dort aufs neue zu Gottes Erbarmen Zuflucht zu nehmen. Wie Adam im Garten sündigte, so vergoss der zweite Adam blutigen Schweiß auch im Garten. "Redet mit eurem Herzen auf eurem Lager" (Ps. 4,5). Wenn ihr auf eurem Bette bösen Gedanken und Taten nachgehangen habt, so tut eben dort Buße und macht euer Bett zu einem Heiligtum. Weihet mit euren Tränen jede Stätte, die ihr durch Sünde entweiht habt. Archibald Symson 1638.

Wenn Weltleute ihre Ausschweifungen immer mit Davids Exempel zudecken und verkleinern wollen, so sollten sie auch an das Bußfeuer und den brennenden Ofen gedenken, darin er wieder gereinigt worden ist. Bei der Bathseba wollten sie gern im Bett liegen, aber nicht mit David die ganze Nacht das Bett mit Tränen netzen. Solche wird der König David einst aus ihrem eigenen Mund verurteilen, wie jene Boten 2. Samuel 1,13-15; 4,9-12. K. H. Rieger † 1791.
Es muß alles erst einmal an Gott vorüber, bevor es mich treffen kann. (Helmut Thielicke)

Jörg
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Regelmäßige Lesung aus der Schatzkammer David Ps.6

Beitragvon Jörg » 27.04.2018 16:50

V. 8. Seelennot ist gewöhnlich von körperlichen Leiden begleitet, so dass sich der ganze Mensch nach Leib und Seele in Schmerzen windet. Es ist nichts Gesundes an meinem Leibe vor deinem Drohen, sagt David (Ps. 38,4). Die Pfeile des Allmächtigen stecken in mir, deren Gift muss mein Geist trinken, sagt Hiob (Kap. 6,4). Herzenskummer zehrt an allen Kräften des Gemütes und des Körpers; darum klagt Heman (Ps. 88,4): Meine Seele ist voll Jammers, und mein Leben ist nahe bei der Hölle, d. h. dem Tode nahe. In dieser inneren Not welkt unsere Kraft dahin, sie schmilzt wie Wachs am Feuer; denn das Grämen umdüstert den Geist, verdunkelt die Urteilskraft, macht das Gedächtnis blind gegen alles Angenehme und umwölkt den heiteren Sinn, so dass die Lampe der Lebensgeister nur trübe brennt. In solch betrübter Lage kann es nicht anders sein, als dass auch das Antlitz blass und bleich wird und verfällt, wie bei großem Schrecken und Bestürzung. Ein fröhliches Herz macht das Leben lustig; aber ein betrübter Mut vertrocknet das Gebein (Spr. 17,22). Daher die häufigen Klagen in der Schrift: Mein Saft vertrocknete, wie es im Sommer dürre wird (Ps. 32,4). Ich bin wie ein Schlauch im Rauche. Meine Seele liegt im Staube (Ps. 119,83.25). Mein Antlitz ist geschwollen vom Weinen, und meine Augenlider sind verdunkelt (Hiob 16,16). Des Nachts wird mein Gebein durchbohret allenthalben, und die mich nagen, legen sich nicht schlafen (Hiob 30,17). Oft aber nimmt die Seelennot auch ihren Ausgang von Schwäche und Krankheit des Leibes. Langwieriges Leiden ohne Hoffnung auf Genesung greift mit der Zeit die Seele selbst an. Fast immer können wir beobachten, wie die äußere Not David zu der Besorgnis treibt, Gott zürne mit ihm wegen seiner Sünde. Timothy Rogers † 1729.

Mein Auge (Grundt.) ist verfallen. Viele gebrauchen die Augen, welche Gott ihnen gegeben, als wären es zwei Lichter, die ihnen auf dem Weg zur Hölle leuchten sollten. Darum vergilt ihnen Gott gerechterweise, da er sieht, dass ihre Sinne verblendet sind durch der Augen Lust, des Fleisches Lust und hoffärtiges Leben, und sendet ihnen Krankheit, welche die Augen schwächt, die in des Teufels Dienst so scharfsichtig waren, und sie müssen ihre Lust büßen, indem ihnen nun das notwendige Licht der Augen mangelt. A. Symson † 1638.

Das Auge, das nach seines Nächsten Weib geschaut und sich nach ihr hatte gelüsten lassen, ist nun trübe und dunkel vor Kummer und Leid. Er hatte sich fast blind geweint. John Trapp † 1669.

Denn ich allenthalben geängstet werde (wörtl.: ob aller meiner Dränger). Wenn die Seeräuber ein leeres Schiff sehen, segeln sie vorüber; ist das Schiff aber mit kostbaren Waren beladen, dann greifen sie es an. So lässt auch der Satan solche Menschen unbeachtet, die ohne Gnade dahinleben; sie sind kein guter Fang für ihn, er hat sie ohnehin. Aber solche, die mit Gnaden beladen sind, mit Liebe und Furcht Gottes und andern ähnlichen Tugenden, mögen überzeugt sein, dass Satan, sobald er weiß, was in ihnen ist, es nicht fehlen lassen wird, sie dessen zu berauben, wenn er es irgend vermag. Archibald Symson † 1638.

V. 9. Es muss unter währendem Klagegebet dem David Gottes Licht und Trost schnell ins Herz gefallen sein; darum bietet er hier allen denen Trotz, die ihm und seinem Gott bisher so viel Übels getan. Er will mit ihnen weiter nichts zu schaffen haben, wie Paulus Gal. 6,17. Joh. D. Frisch 1719.

Weichet von mir! Ihr möget nun eurer Wege gehen; denn das, wonach ihr ausschaut, mein Tod, wird euch jetzt nicht gewährt werden, denn der Herr hat mir in Gnaden das geschenkt, worum ich ihn mit Tränen gebeten. Thomas Wilcocks 1586.

Übeltäter werden die Gottlosen genannt, weil sie voll Eifers und stets bereit sind, zu sündigen. Sie haben einen unwiderstehlichen Hang, Böses zu tun, und tun es nicht halb, sondern ganz. Sie beißen nicht nur ein wenig am Köder an (wie das auch bei guten Menschen vorkommt), sondern schlucken ihn gierig hinunter, Haken und alles. Sie sind ganz bei der Sache und rasten nicht, bis sie alles ausgeführt haben. Sie machen aus der Sünde ein Handwerk und verdienen darum den Namen Übeltäter oder Wirker des Bösen. Joseph Caryl 1647.

Die Stimme meines Weinens (Grundt.). Das Weinen hat eine Stimme; und wie Musik auf dem Wasser weiter schallt und harmonischer klingt als auf dem Lande, so klingen tränenvolle Gebete lauter und lieblicher in Gottes Ohren als solche ohne Tränen. Als Antipater an Alexander einen langen Brief gegen dessen Mutter geschrieben hatte, antwortete ihm der König: "Eine Träne meiner Mutter wäscht alle ihre Fehler weg." So ist es bei Gott. Bußzähren sind Gesandte, die er nicht anders als gnädig aufnehmen kann. Nie kommen sie unbefriedigt vom Thron der Gnade zurück. John Spencer † 1654.

Etliche mögen sagen: Ich kann nicht weinen; ich könnte gerade so gut aus einem Felsen Wasser pressen, als aus meinem Auge Tränen. Aber wenn du auch nicht weinen kannst über deine Sünde, bist du betrübt über sie? Betrübnis des Geistes ist besser als Erschütterung der Nerven. Wahres Leidtragen mag da sein, wo die Tränen fehlen; das Schiff mag voll beladen sein, wiewohl der Wind nicht die Segel schwellt. Gott sieht nicht sowohl auf das Weinen, als auf das zerbrochene Herz. Doch sei es ferne von mir, den Tränen derer, die weinen können, Einhalt zu gebieten. Gott sah auf Hiskias Tränen (Jes. 38,6): Ich habe deine Tränen gesehen. Davids Tränen waren Musik in Gottes Ohr, denn der Psalmist sagt: Der Herr hat die Stimme meines Weinens gehöret. Es ist ein Anblick, wohl wert, dass Engel sich darüber freuen (Lk. 15,10), wenn Tränen in eines bußfertigen Sünders Auge perlen. Thomas Watson 1660.

Gott hört die Sprache unserer Blicke und unserer Tränen manchmal besser als die Sprache unserer Worte; denn der Geist selbst vertritt uns aufs Beste mit unaussprechlichem Seufzen (Röm. 8,26). Tränen ohne Worte, die die Einfalt weint, führen eine beredte Sprache vor Gott; ja sogar ungeweinte Tränen. Wie Gott die Wasserquellen in den verborgenen Adern der Erde sieht, ehe sie an der Oberfläche hervorsprudeln, so sieht Gott auch die Tränen in unserem Herzen, ehe sie uns die Backen herabrinnen. Gott hört die Tränen der bekümmerten Seele, die vor Kummer keine Träne vergießen kann. Erst mag nur das Auge sich eben himmelwärts aufschlagen und der Herzenskummer aus den Augen quellen oder wenigstens ein Fenster öffnen, durch das Gott das weinende Herz sieht, ob auch das Auge trocken ist; aber von diesen ersten Anklängen der Buße, den stammelnden Lauten der Kinder vergleichbar, die der Eltern Herz mit Wonne füllen, kommt es bei dem bußfertigen Sünder zu klareren, in deutliche Worte gefassten Gebeten. So war es auch bei David. Beiden Arten des Gebets aber hatte Gott sein Ohr geliehen. D. John Donne † 1631.

Welch merkwürdiger Wechsel ohne jede Vermittlung! Mit Recht mochte Luther sagen: Das Gebet ist für die Seele wie ein Blutegel, der das Gift aussaugt. Das Gebet, sagt ein anderer, beschwört die Geister der Sünde und des Kummers. Bernhard v. Clairvaux sagt: Wie oft habe ich mich fast in völliger Verzweiflung zum Gebet niedergeworfen und habe mich triumphierend erheben können, der Vergebung völlig versichert! Dasselbe finden wir hier bei David, wenn er sagt: Weichet von mir, alle Übeltäter, denn der Herr hat die Stimme meines Weinens gehört . Welche Sprache gegen seine Dränger: Packt euch! hinaus mit euch! Geht mir aus den Augen! Das sind Worte, für Teufel und Hunde üblich, aber völlig passend für einen Doeg oder Simei. Und der Davidssohn wird dasselbe zu seinen Feinden sagen, wenn er zum Gericht kommt. John Trapp † 1669.

V. 11. Das ist weniger eine Verwünschung als eine heftige prophetische Rede. Wollen sie nicht zu Herzen nehmen, dass Gott sich selbst als Beschützer seiner Knechte erklärt; wollen sie nicht bedenken, dass Gott seine Kinder erhört und ferner erhören wird, sie rettet und ferner retten wird; wollen sie in ihrem Widerstand gegen ihn fortfahren, so werden gewisslich schwere Gerichte über sie hereinbrechen. Ihre Bestrafung ist sicher, aber die Wirkung auf ihre Herzen unsicher; Gott allem weiß, ob seine Züchtigungen ihnen zur Erweichung oder Verhärtung dienen werden. -- In dem Wort: Sie müssen sehr erschrecken, wünscht David seinen Feinden, was er selbst erlebt hatte; er hatte ja dasselbe Wort vorher von sich gebraucht, V. 3.4 . Wenn wir erwägen, dass eben dieses Erschrecken für David der Weg zu Gott gewesen war, können wir darin keine boshafte Verwünschung sehen, wenn er seinen Feinden, die an demselben Übel der Sünde noch kränker waren als er selbst, dasselbe Heilmittel wünscht. Davids Seele gleicht jetzt einer nach dem Sturme noch bewegten See. Die Gefahr ist vorüber, aber noch gehen die Wogen hoch. Eine Seele aber, die so vor Gott erschrocken ist, ist auf dem besten Wege zu völliger Stille. D. John Donne † 163t .

Sich zurückkehren und zuschanden werden. Beachte den ins Deutsche nicht übertragbaren melodischen Gleichklang jaschubu jeboschu. Lic. Hans Keßler 1899.

Und zuschanden werden plötzlich. Das ist die andere und ärgste Beschämung, welche diejenigen vor Gottes Gericht im Angesicht aller Engel und Menschen zu erwarten haben, welche nicht auf die erste Beschämung hier in der Zeit gehen wollen, und das kann ihnen widerfahren, ehe sie sich’s vermuten. Joh. D. Frisch 1719.

V. 9-11. Viele der Klagepsalmen enden in ähnlicher Weise. Das ist ein Hinweis für den Gläubigen, dass er beständig vorwärts blicken und sich des Tages trösten soll, da sein Kampf vollendet ist. Dann wird weder Sünde noch Leid mehr sein und plötzliche ewige Bestürzung alle Feinde der Gerechtigkeit bedecken. Dann wird der Bußfertige seinen Sack mit dem Kleid der Herrlichkeit vertauschen; jede seiner Tränen wird als Perle in seiner Krone glänzen; sein Seufzen und Stöhnen wird ausklingen in himmlischen Lobgesang, den die Engel mit ihren Harfen begleiten, und der Glaube wird sich ins Schauen des Allmächtigen verwandeln. Bischof D. George Horne † 1792.

Homiletische Winke

V. 2. Eine Predigt für angefochtene Seelen. I. Gottes zwiefaches Strafen. 1) Innerliche Bestrafung durch eine ergreifende Predigt, durch ein Gericht über andere, durch eine leichtere Heimsuchung, die uns selbst widerfährt, oder durch eine ernste Mahnung des heiligen Geistes in unserm Gewissen. 2) Äußerliche Züchtigung. Diese erfolgt, wenn die innerliche Bestrafung unbeachtet bleibt; und zwar durch Schmerzen, Verlust irdischen Gutes oder eines unserer Lieben, Schwermut und andere Heimsuchungen. II. Was ist am meisten bei Gottes Strafen zu befürchten? Gottes Zorn und Ungnade. III. Wie können wir solches Übel abwenden? Durch Beugung, Bekenntnis der Sünde, ernste Besserung, Glauben an den Herrn usw.
Des Gläubigen größter Schrecken: der Zorn Gottes. Was offenbart diese Tatsache in unserm Herzen? Warum ist es so? Was ist im Stande, diese Furcht auszutreiben?
V. 3. Das argumentum ad misericordiam, die Berufung auf Gottes Erbarmen.
Die göttliche Heilung. 1) Was ihr vorhergeht: Meine Gebeine sind sehr erschrocken. 2) Wie sie sich vollzieht. 3) Was auf sie folgt.
V. 4. Die Ungeduld der bekümmerten Seele. 1) Wie viele Sünden sie erzeugt. 2) Wie viel Unheil sie bringt. 3) Wie sie geheilt wird.
Eine fruchtbare Betrachtung könnte die Erwägung der Frage sein: Wie lange wird Gott den Gerechten in Trübsal lassen?
V. 5. Wende dich, Herr . Diese Bitte ist eingegeben durch die Empfindung, dass Gott sich von seinem Knecht abgewandt habe; sie wird ermutigt durch das Wirken der Gnade im Herzen; sie ist verbunden mit Durchforschen des eigenen Herzens und ernster Buße; der Drang der Not unterstützt sie; der Antwort harrt sie nicht vergeblich; und endlich ist in dieser kurzen Bitte alles eingeschlossen, was wir an Gnade bedürfen.
Das Gebet eines Gläubigen, der sich von Gott verlassen fühlt. 1) In welcher Lage befindet sich der Beter unseres Psalms? Seine Seele ist gebunden und in großer Not. 2) Woraus hofft er? Dass der Herr sich wieder zu ihm wende. 3) Worauf beruft er sich? Allein auf Gottes Gnade.
V. 6. Man betrachte von verschiedenen praktischen Gesichtspunkten aus, dass all unser irdischer Gottesdienst einmal aufhört.
Weil ich noch Stunden auf Erden zähle,
Will ich lobsingen meinem Gott.
V. 7. Die Tränen der Gläubigen. Welcher Art sie sind; wie reichlich sie fließen; was sie bewirken; wie sie gestillt werden und endlich auf immer vom Angesicht abgewischt sein werden.
V. 9. Die Stimme des Weinens (Grundt.).
Wie der begnadigte Sünder sich von den Gottlosen scheidet.
V. 11. Die Schande, die der Gottlosen wartet.
Fußnoten
1. Zum Unterschied von Herr = Adonai, Allherr, in den besseren Bibelausgaben mit zwei großen Buchstaben (HERR) gedruckt.

2. Hölle hier gleich Scheol, griech. Hades, das unterirdische Land der Toten, ähnlich wie das Wort Hölle im Altdeutschen. Die Psalmendichter (nicht so die späteren Juden) wissen nur von einem einigen Sammelort der Toten in der Tiefe der Erde, wo sie zwar leben, aber doch nur schattenhaft, weil abgeschieden vom Licht des Diesseits und, was das Kläglichste, vom Lichte der Gegenwart Gottes. Die Hoffnung auf ein ewiges Leben ist nur im Keime vorhanden, weil noch nicht deutlich geoffenbart. "Deshalb kann der Christ V. 6 dieses Psalms und ähnliche Stellen (30,10; 88,11-13; 115,17; Jes. 38,18 f.) nur insofern mitbeten, als sich ihm der Begriff des Hades in den der Gehenna (des Ortes der Qual, Mt. 5,22 u. a. St.) umsetzt. In der Hölle ist ja wirklich kein Lobgedächtnis, kein Lobpreis Gottes. Die Furcht Davids vor dem Tode als etwas an sich Unseligem ist auch ihrem letzten Grunde nach nichts anderes als die Furcht vor einem unseligen Tode." (Delitzsch.)

3. Meist übersetzt man übrigens diesen und ähnliche, in den Psalmen oft wiederkehrende Ausdrücke, einfach: mein lautes Weinen.
Es muß alles erst einmal an Gott vorüber, bevor es mich treffen kann. (Helmut Thielicke)

Jörg
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Regelmäßige Lesung aus der Schatzkammer David Ps.7

Beitragvon Jörg » 08.05.2018 16:00

Kommentar & Auslegung zu PSALM 7


Überschrift

Die Unschuld Davids, davon er sang dem Herrn, von wegen der Worte des Chus, des Benjaminiten. Wörtlich: Ein schiggajon Davids, welches er sang. Das Wort schiggajon hat von altersher mannigfache Deutung erfahren. Die Tradition der Synagoge bezog es, sicher unrichtig, auf die Verirrung (die Sünde) Davids; Luthers Übersetzung "Unschuld" ist ebenfalls unhaltbar. Das Wort, das nur hier und Hab. 3,1 (dort im Plural) vorkommt, bezeichnet ohne Zweifel eine Dichtungs- oder Sangesart; jede genauere Deutung aber ist unsicher. Am meisten Anklang hat die Vermutung Ewalds gefunden, das Wort bezeichne ein Lied in wechselndem Ton (von hg# taumeln, umherirren, wie der griech. Dithyrambus, Irrgedicht, Taumellied). Franz Delitzsch bemerkt dazu: "Angstvolle Unruhe, Trotz bietendes Selbstvertrauen, triumphierender Aufschwung, getrostes Vertrauen, prophetische Gewissheit, -- all diese Stimmungen kommen in der unregelmäßigen Strophenfolge dieses Davidischen Dithyrambus zum Ausdruck." Wahrlich, auch der Psalm unseres Lebens setzt sich aus wechselnden Versen zusammen: Eine Strophe rollt dahin im erhabenen Versmaß des Triumphes, eine andere bewegt sich schwerfällig im gebrochenen Tonfall der Klage. In den Liedern der Heiligen hienieden klingen oft die tiefen Töne stark durch. Unsere Erfahrungen sind veränderlich wie das Wetter.
Aus der Überschrift erfahren wir den Anlass zur Abfassung dieses Liedes. Vermutlich hatte Chus, der Benjaminiter , den David bei Saul einer hoch verräterischen Verschwörung gegen dessen königliche Würde beschuldigt. Dem schenkte der eifersüchtige König gewiss nur allzu willig Glauben. Man vergleiche 1. Samuel 24,10; 26,19 . Wir erinnern uns dabei, dass dieser Chus mit Saul gleichen Stammes war. Möglich, dass er, obwohl sein Name sonst nirgends genannt ist, mit dem König eng befreundet war. Wer dem Throne nahe steht, kann einem Untertanen mehr schaden als ein gewöhnlicher Verleumder. Der Name Chus, besser Kusch geschrieben, lautet nach besser bezeugter Lesart Kuschi. Luther fasste dies Wort nicht als Eigennamen, sondern gleich Kuschiter, was er (vergl. Jer. 13,23) mit Mohr übersetzt. Er sah darin eine Bezeichnung Simeis, des Feindes Davids aus dem Geschlecht Sauls (2. Samuel 6,5-12), als eines "schwarzen" Menschen: "als der Poet (Juvenal) saget: Hic niger est, hunc tu, Romane, caveto. Er ist schwarz, du Römer, hüte dich vor ihm."
Wir können diesen Psalm wohl das Lied des verleumdeten Heiligen nennen. Selbst die Verleumdung, dies schmerzlichste der Übel, kann also Anlass zu einem Psalmlied werden. Was für ein Segen würde es sein, könnten wir wie David auch das bitterste Erlebnis zum Gegenstand eines Psalms machen und so das Blatt wider den Erzfeind wenden! Lernen wir hierin auch von Luther: "David", sagte er einst, "dichtete Psalmen, und auch wir wollen Psalmen dichten und singen, so gut wir’s können, unserm Herrn zu Ehren und dem Teufel zum Trotz und Spott."

Einteilung

Vers 2.3 zeigen die Gefahr an und flehen um Hilfe. Darauf beteuert der Psalmist feierlich seine Unschuld (V. 4-6). Er trägt dem Herrn sein Anliegen vor, dass er sich zum Gericht erhebe (V. 7.8). Der Herr auf seinem erhabenen Throne hört auf den erneuten Hilferuf des verleumdeten Schutzflehenden (V. 9.10). Und nun spricht er seinen Knecht frei und bedroht die Ruchlosen (V. 11-14). Ein Gesicht zeigt, wie der Verleumder einen Fluch über das eigene Haupt herabzieht (V. 15-17), während David siegreich aus der Prüfung hervorgeht und seinem gerechten Helfer ein Loblied singt (V. 18). Wir haben hier eine gute Illustration zu dem Text Jes. 54,17 : Eine jegliche Waffe, die wider dich zubereitet wird, der soll es nicht gelingen; und alle Zunge, so sich wider dich setzt, sollst du im Gericht verdammen.

Auslegung

2. Auf dich, Herr, traue ich, mein Gott.
Hilf mir von allen meinen Verfolgern, und errette mich,
3. dass sie nicht wie Löwen meine Seele erhaschen
und zerreißen, weil kein Erretter da ist.


David erscheint vor Gott, um ihm seine Sache wider den Verkläger, der ihn der Treulosigkeit und des Verrats beschuldigt hat, vorzulegen. Er eröffnet die Darlegung des Rechtsfalles (vergl. den Eingang der Rede des Tertullus, Apg. 24,3) mit einem Bekenntnis der Zuversicht zu Gott. Wie immer unsere Lage sich gestalten mag, wir werden es nie zu bereuen haben, wenn wir am Vertrauen auf Gott festhalten. Herr, mein Gott, -- mein durch besonderen Bund, der mir versiegelt ist durch das Blut der Sühne und in meinem Herzen bestätigt durch das Bewusstsein meiner Gemeinschaft mit dir. Auf dich, und auf dich allein, traue ich , auch jetzt in meiner tiefen Betrübnis. Ich erbebe, aber mein Fels wankt nicht. Es ist nie recht, Gott zu misstrauen, und nie vergeblich, ihm zu trauen. Der Grundtext besagt noch mehr: Bei dir berge ich mich, d. h. suche ich Schutz. Und nun bringt David, durch beides, seine Gemeinschaft mit Gott und seine heilige Zuversicht ermutigt, sein Anliegen vor: Hilf mir von allen meinen Verfolgern . Seiner Verfolger waren viele, und ein jeder derselben war grimmig genug, ihn zu zerreißen. Darum ruft er um Errettung von ihnen allen. Wir sollten unsere Gebete nie für vollständig halten, wenn wir nicht um Bewahrung vor aller Sünde und allen Feinden bitten. Und errette mich . Befreie mich aus ihren Fallstricken und sprich mich frei von ihren Anklagen; lass mir eine volle Ehren- und Lebensrettung zuteil werden in dieser Not, da man mir meinen guten Namen antastet und mich zu verderben trachtet. Wie klar legt er seine Sache dar! Achten wir darauf, dass wir wissen, was wir erlangen wollen, wenn wir dem Thron der Gnade nahen. Halt eine kleine Weile inne, bevor du betest, dass du nicht leere Worte vor Gott bringest. Mache dir eine klare Vorstellung von dem, was dir Not ist; um so kräftiger wird sich dein Gebet dann ergießen.
Dass er nicht wie ein Löwe meine Seele erhasche und zerreiße. (Grundt. Einzahl, so auch Luther 1524.) Hier bringen Furcht und Glaube gemeinsam ihre Sache vor. Einer unter Davids Feinden war gewaltiger als die übrigen; bei ihm verbanden sich Ansehen und große Macht mit dem Grimme, er war wie ein Löwe. Um Errettung aus den Klauen dieses Feindes fleht der Psalmist inbrünstig. Vielleicht war das Saul, sein königlicher Feind. Auch wir haben einen Feind vor andern, der umhergeht wie ein Löwe, suchend, welchen er verschlinge (1. Petr. 5,8), und hinsichtlich dessen wir immer rufen sollten: "Erlöse uns von dem Bösen." -- Man beachte das Markige der Schilderung: Dass er nicht erhasche und zerreiße, weil kein Erretter da ist . Es ist ein Bild aus Davids Hirtenleben. Wenn der grimme Löwe das wehrlose Lamm mit seinen Krallen gepackt hat, so reißt er es in Stücke, zermalmt die Knochen und verschlingt alles miteinander, weil kein Hirte da ist, das Lamm vor dem raubgierigen Untier zu beschützen oder es ihm zu entreißen. Das ist ein erschütterndes Bild eines Gläubigen, der dem Willen Satans preisgegeben ist. Dieser Hilferuf muss Gottes innerstes Erbarmen erwecken. Ein Vater kann nicht still zusehen, wenn sein Kind in solcher Gefahr ist. Wie könnte er den Gedanken ertragen, seinen Liebling im Rachen des Löwen zu wissen! Er wird sich aufmachen und den Verfolgten erretten. Unser Gott ist sehr barmherzig; er wird ganz gewiss die Seinen aus so hoffnungslosem Verderben herausreißen. Es wird gut sein, uns zu erinnern, dass hier die Gefahr geschildert wird, welcher der Psalmist durch verleumderische Zungen ausgesetzt war. Wahrlich, das Bild ist keine Übertretung. Wunden, die das Schwert schlägt, pflegen zu heilen; aber die Wunden, die die Zunge verursacht, schneiden tiefer als ins Fleisch und heilen nicht so bald. Die Verleumdung lässt einen Flecken zurück, auch wo sie völlig widerlegt wird. Obgleich die öffentliche Meinung als öffentliche Lügnerin bekannt ist, hat sie doch viele gläubige Anhänger. Lasst nur erst ein böses Wort in den Mund der Leute kommen: ihr bringt es so leicht nicht wieder hinaus. Die Italiener sagen, der gute Ruf sei wie die Zypresse, die, wenn sie einmal verstümmelt wird, nie wieder frische Triebe hervorbringt. Dies Sprichwort trifft zwar nicht zu, wenn unser Ruf durch fremde Hand ohne unsere Schuld verletzt wird; doch selbst dann wird er nicht leicht grünen wie zuvor. Es ist eine über alle Maßen schändliche Niederträchtigkeit, die Ehre eines redlichen Mannes meuchlings zu morden; aber der teuflische Hass kennt nichts von Ritterlichkeit in seiner Kampfesweise. Auch wir müssen auf solche Prüfung vorbereitet sein, denn sie wird uns schwerlich erspart bleiben. Wurde Gott selber sogar schon im Paradiese verlästert, so wird es uns in diesem Land der Sünde sicher nicht an boshaften Angriffen auf unsere Ehre fehlen. Gürtet eure Lenden, ihr Kinder der Auferstehung, denn diese Feuerprobe steht euch allen bevor.

4. Herr mein Gott, hab ich solche getan,
und ist Unrecht in meinen Händen;
5. hab ich Böses vergolten denen, so friedlich mit mir lebten;
oder die, so mir ohne Ursache Feind waren, beschädigt:
6. so verfolge mein Feind meine Seele, und ergreife sie,
und trete mein Leben zu Boden,
und lege meine Ehre in den Staub. Sela.


In diesem zweiten Teil des rasch wechselnden Liedes beteuert der Sänger seine Unschuld, und er ruft die Rache auf sein eigenes Haupt herab, wenn es nicht rein sein sollte von dem ihm zur Last gelegten Unrecht. Wir übersetzen: Habe ich Böses angetan dem, der mit mir in Frieden lebte -- ich errettete aber vielmehr den, der mich ohne Ursache befehdete -- so verfolge der Feind meine Seele usw. 1 David war davon so fern, verräterische Absichten zu hegen oder eines Freundes Wohlwollen mit Undank zu vergelten, dass er sogar seinen Feind hatte entrinnen lassen, da dieser völlig in seiner Hand war. Zweimal hatte er Sauls Leben geschont: einmal in der Höhle Adullam (1. Samuel 24,4 ff.), und wieder, da er ihn schlafend fand inmitten seines schlummernden Heeres (1. Samuel 26,5 ff.). So konnte er sich mit reinem Gewissen auf den Himmel berufen. Wessen Seele von Schuld rein ist, der braucht den Fluch nicht zu fürchten. Doch ist die Art, wie David hier in Form einer Selbstverwünschung seine Unschuld beschwört, eine überaus starke Redeweise, die nur zu rechtfertigen ist durch die äußerste Not seiner Lage, sowie durch die Natur des alten Bundes, unter welchem er lebte. Uns ist durch unseren Meister geboten, unser Ja Ja und unser Nein Nein sein zu lassen; was darüber ist, ist vom Bösen (Mt. 5,37). Kann man uns auf unser Wort nicht glauben, so wird auch unserem Eidschwur nicht zu trauen sein. Dem wahren Christen ist sein einfaches Wort so bindend, wie einem andern ein Eid. Hüte aber auch der Unbekehrte sich, mit feierlichen Beschwörungen zu spielen; Gott lässt sich nicht spotten, wie er es so manchmal erwiesen hat.
Sela. David verstärkt das Feierliche seiner Berufung auf Gottes Richterstuhl, indem er hier eine Pause eintreten lässt.
Aus diesen Versen sehen wir, dass keine Unschuld gegen die Verleumdungen der Gottlosen Schutz gewährt. David hatte mit peinlicher Sorgfalt jeden Schein der Auflehnung gegen Saul, den er stets ehrfurchtsvoll als den Gesalbten des Herrn bezeichnete, vermieden; aber das alles konnte ihn vor den Lügenzungen nicht schützen. Wie der Schatten dem Körper, so folgt der Neid der Tugend. Nur auf den Frucht beladenen Baum wirft man mit Steinen. Mit der Erfüllung des Wunsches, ohne Verleumdung zu leben, werden wir bis zum Himmel warten müssen. Hüten wir uns wohl, den in der Luft schwirrenden Gerüchten zu glauben, die allezeit redliche Menschen verfolgen. Wenn niemand den Lügen Glauben schenkte, so würde die Falschheit einen flauen Markt finden, und der Ruf rechtlicher Leute bliebe unangetastet. Die Sünder hegen jedoch einen unauslöschlichen Widerwillen gegen die Heiligen; darum können wir gewiss sein, dass sie nichts Gutes von ihnen sagen werden
Es muß alles erst einmal an Gott vorüber, bevor es mich treffen kann. (Helmut Thielicke)


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