Spurgeon

Nur für Gläubige, die die fünf Punkte des Arminianismus ablehnen

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Spurgeon

Beitragvon Gast » 25.09.2010 15:55

Ich wollte mal eure Meinung zu dem Fürsten der Prediger hören. Wenn ich Spurgeons Predigten lese, zweifel ich manchmal, ob er wirklich Calvinist war. Ich wäre natürlich sehr froh, wenn ich so predigten könnte und so viel Frucht bringen würde wie er, doch über seine Theologie verwundere ich mich und bin noch nicht so ganz im Klaren darüber.

Aus dem Predigtbuch "Die Sünde hat unsere Natur so umschlungen, wie die Riesenschlange ihr Opfer umklammert." steht in der Predigt "Brot die Fülle":

"Der ewige Gott legte die Sünde auf Christus, womit gleichzeitig der Zorn auf ihn fiel. "So wollte ihn der Herr zerschlagen mit Krankheit" (Jes. 53,10). Er, der am Kreuz starb, war Gottes eingeborener Sohn. Kannst du dir vorstellen, dass es eine Einschränkung für den Wert des Todes eines solchen Erlösers gibt? Ich weiß, dass es einige gibt, die aufgrund ihrer Theologie es für nötig halten, die Bedeutsamkeit des Blutes Christi einzuschränken. Wenn meine Theologie einer solchen Einschränkung bedürfte, so würde ich sie in den Wind schreiben.
Ich kann, ich darf einem solchen Gedanken keinen Raum in meinem Geist geben; er scheint viel Ähnlichkeit mit einer Lästerung zu haben. In Christi vollbrachtem Werk sehe ich einen Ozean; mein Senkblei findet keinen Grund, meine Augen entdecken kein Ufer. Es muss genügend Kraft im Blut Jesu sein, um, wenn Gott es gewollt hätte, nicht nur diese Welt, sondern tausend andere Welten, wenn sie gesündigt hätten, erlösen zu können. Verbinde nur die Unendlichkeit damit, und mit einer Einschränkung ist es vorbei. Da wir eine göttliche Person als Opfer haben, ist es völlig unangemessen, von eingeschränkter Bedeutung zu reden. Grenzen und Maße sind Bezeichnungen, die auf das göttliche Opfer nicht anzuwenden sind. Die Absicht des göttlichen Vorhabens legt seine Wirksamkeit als unendlich geltendes Angebot fest, aber macht es nicht zu einem begrenzten Werk. In dem Sühneopfer Christi ist Brot die Fülle, wie Paulus an Timotheus schreibt: "... welcher ist der Heiland aller Menschen, besonders der Gläubigen" (1.Tim 4,10)."

-Oh, mein Herz schmilzt, wenn ich diesen Prediger lese- Ich kann mit dem Inhalt dieser Aussage sehr gut leben, dass das Evangelium damit auch wirklich jedem einzelnen gepredigt werden kann. Doch weiter unten sagt Spurgeon in seiner Predigt dann noch folgendes:

"Bevor ich diesen Punkt (Anm.: Er führte aus, dass Vergebung mehr als genug bei Christus vorhanden ist) verlasse, möchte ich noch hinzufügen, dass "Brot die Fülle" als ein Motto für das Evangelium genommen werden könnte. Ich glaube an eine besondere Erlösung und das Christus sein Leben für seine Schafe hingegeben hat. Aber wie ich schon sagte, glaube ich an keinen eingeschränkten Wert dieser Erlösung, wie dürfte ich sonst das Wort des Johannes verstehen: "Und er ist die Versöhnung für unsre Sünden; nicht allein aber für die unseren, sondern auch für die der ganzen Welt" (1.Joh. 2,2). Einen gewissen Teil hat er seinen Erwählten zugedacht, außerdem gibt es jedoch noch Überfluss. Ich glaube an die erwählende Liebe, die all ihre Erwählten errettet - Brot genug -, aber ich glaube auch an eine grenzenlose Wohltat - Brot die Fülle ... Bei Gott gibt es keine wirkliche Verschwendung, aber gleichzeitig ist auch keine Begrenzung da. "Brot die Fülle."

Also gibt es laut Spurgeon eine spezielle und eine allgemeine Erlösung, ich schätze mal so wie manche auch sagen, dass es einen souveränen Ratschluss Gottes und einen wünschenden Willen Gottes gibt. 1.Joh 2,2 wurde ja schon in diesem Forum behandelt. Doch war nun meine Auffassung, dass die Aussage "nicht nur für die unseren, sondern auch für die der ganzen Welt", das Sühnopfer sich nicht nur auf die Juden, sondern auf alle erwählten Mesnchen bezieht. Laut Spurgeon wird aber dort doch eine allgemeine Erlösung gelehrt.

Was denkt ihr über Spurgeon und seine Theologie?

lutz
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Beitragvon lutz » 25.09.2010 16:25

Hallo Samuel,

hast du auch dies z. B. gelesen?:

http://betanien.de/verlag/material/mate ... t=spurgeon

Lutz

lutz
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Beitragvon lutz » 25.09.2010 16:49

Also ich habe mir das Umfeld des letzten Textteils auch noch einmal angesehen.
Ich denke, dass es Spurgeon nicht um ein allgemeines Sühneopfer geht, sondern um den unbegrenzten Wert des Sühneopfers in Bezug auf die Sünden.

Er schreibt ja: „Christus wird geehrt werden durch die Größe der Gnade, die er dem größten Sünder zuteil werden lässt. Bei ihm ist Vergebung, mehr als genug.“ (S. 109)

Was er hingegen mit „ich glaube auch an eine grenzenlose Wohltat – Brot die Fülle.“ meint, erschließt sich mir nicht so richtig.
Vielleicht will er damit lediglich zum Ausdruck bringen, dass Keiner so denken soll: Es reicht gerade mal so für die Erwählten. Der Grundgedanke könnte sein: Nein, es ist mehr als genug – aber dennoch keine Verschwendung.

Denn er schreibt ja weiter: „Wenn wir etwas erreichen wollen, so wenden wir nur die erforderliche Kraft an und nicht mehr, denn wir müssen rationell sein und wollen unseren beschränkten Vorrat nicht verschwenden. Selbst die menschliche Barmherzigkeit gibt dem armen Menschen nicht mehr, als er durchaus nötig hat. Aber wenn Gott die Menge speist, deckt er den Tisch mit königlicher Fülle.“ (S. 110)

Lutz

Gast

Beitragvon Gast » 26.09.2010 18:14

Ja Lutz ich hatte diese Predigt mit dem obigen Link bereits vor ein paar Monaten mal gelesen und da bezieht er ja eindeutig Stellung zur Lehre der begrenzten Sühne, dass Jesus eben nur für die Gläubigen starb. Aber bei eben dieser Predigt "Brot in Fülle" hatte ich das Gefühl, dass er sich doch in seiner Lehre widerspricht.
Spurgeon betont oftmals sehr stark die Verantwortung des Menschen in seinen Predigten. Er ist kein Hypercalvinist gewesen, sondern nimmt jeden Menschen in Verantwortung Buße zu tun und zu glauben, obwohl er weiß dass allein der Heilige Geist das Wunder der Neugeburt vollbringt. Wenn der Mensch nicht an Jesus glauben will, stellt Spurgeon immer wieder heraus, dass nicht Gott daran dann Schuld ist, wenn dieser Mensch die Ewigkeit in der Hölle verbringen wird. Glaubte Spurgeon an die doppelte Prädestination? Lehrte er sie?

lutz
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Beitragvon lutz » 26.09.2010 19:21

Hallo Samuel,
mit Spurgeon kenne ich mich nicht so gut aus.
Gefunden habe ich auf die Schnelle auch nichts Deutliches – interessant wären hier mal Ausführungen von ihm zu Römer 9, 14 ff.
Wenn dir Englisch keine Mühe macht, vielleicht wirst du im englischsprachigen Raum fündiger.

Aber, dass die Schuldfrage so zu beantworten ist, dass der Mensch schuld ist und nicht Gott aufgrund von Prädestination – muss dich nicht verunsichern.
Wenn wir Calvin als Vertreter der doppelten Prädestination gelten lassen, dann möchte ich einige Zitate aus einem Brief bringen, die dir zeigen sollen, dass auch Calvin die Schuldfrage beim Menschen belässt.

http://www.glaubensstimme.de/doku.php?i ... calvin:346
Ist Gott der Urheber der Sünde?
Wenn er mich anklagt, ich hätte geschrieben, der Mensch sei durch Gottes Anordnung und Willen zur Sünde genötigt, so wünschte ich, wie ich schon oft sagte, man legte mir nicht solche mönchische Ausdrucksweise bei, wie ich sie nie gebraucht habe. Tatsächlich haben nur Kaffern so schwatzen können nach ihrer Dummheit. Meine Lehre aber sollte doch so betrachtet werden, wie ich sie aufstelle. Ich bekenne, dass die Bösen aus Notwendigkeit sündigen, und dass diese Notwendigkeit nach Gottes Anordnung und Willen besteht; aber ich füge bei, dass trotzdem diese Notwendigkeit nicht in der Weise ein Zwang ist, dass der einzelne Sünder zu seiner Entschuldigung sagen könnte, er sei dazu gezwungen worden. Und ich kann diese Lehre aus der heiligen Schrift so gut und gehörig begründen, dass es allen Menschen auf Erden unmöglich wäre, zu widersprechen.
Mein Gegner meint, ich widerspreche mir selbst, wenn ich lehre, der Mensch habe die Ursache seiner Verdammnis viel mehr in seiner verdorbenen Natur als in der Prädestination Gottes zu suchen. Er sieht aber nicht, dass ich dabei ausdrücklich sage, dass die Verdammung zwei Ursachen hat, die eine, die verborgen liegt im ewigen Ratschluss Gottes, und die andere, die ganz offen vorliegt in der Sünde der Menschen.
Ich sage, alle Verworfenen werden überführt von ihrem Gewissen, dass sie schuldig sind und so auch ihre Verdammnis gerecht, und dass sie Unrecht tun, wenn sie das übersehen, was ganz offen liegt, und dafür eindringen wollen in den geheimen Ratschluss Gottes, der uns unzugänglich ist. Trotzdem zeigt uns die Schrift wohl, dass Gott die Menschen vorausbestimmt hat zu dem Ende, zu dem sie kommen sollen. Warum und wie er das tut, können wir nicht wissen; denn es wird uns darüber nichts gesagt. - - -
In Beziehung auf die Zitate aus dem Werke Melanchthons bekenne auch ich, dass Gott nicht der Urheber der Sünde ist. Ja ich habe in besondern Schriften diesen Glaubenssatz so energisch festgehalten, wie man es von einem treuen Diener Gottes verlangen kann.
Was mich angeht, hohe Herren, so bin ich in meinem Gewissen sicher, dass, was ich gelehrt und geschrieben habe, nicht in meinem Kopf entstanden ist; sondern von Gott habe ich es, und ich muss festhalten, wenn ich nicht zum Verräter an der Wahrheit werden will, wie ich bereits zur Genüge gesagt zu haben glaube.
Zu Spurgeon vielleicht dennoch so viel:
einmal die Schuldfrage, dann die Vorherbestimmung Gottes.
Es kann gut sein, dass man über Spurgeon nicht alles findet, weil eine gezielte Auswahl in der Veröffentlichung getroffen wird bzw. weil Spurgeon selbst nicht über etwas laufend predigt, wozu er sich nicht als gesandt sieht (Predigt über Verlorene. „Wir Prediger des Evangeliums haben sehr wenig über das zu predigen, wozu Christus nicht gesandt ist“)

http://www.glaubensstimme.de/doku.php?i ... heiligkeit
Dann laßt mich eine andre Frage tun. Ihr sagt, es ist ungerecht, daß einige verloren gehen, während andre errettet werden. Wer läßt diejenigen verloren gehen, die verloren sind? Veranlaßte Gott euch, zu sündigen? Hat der Geist Gottes euch je überredet, etwas Unrechtes zu tun? Hat das Wort Gottes euch je in eurer Selbstgerechtigkeit unterstützt? Nein, Gott hat nie einen Einfluß auf euch geübt, um euch den verkehrten Weg gehen zu lassen. Die ganze Tendenz seines Wortes und der Predigt des Evangeliums geht dahin, euch zu überreden, euch von der Sünde zur Gerechtigkeit zu kehren, von eurem gottlosen Wege zu Jehovah. Ich sage wieder, Gott ist gerecht. Wenn ihr den Heiland verwerft, der euch verkündet wird, wenn ihr euch weigert, Ihm zu trauen, wenn ihr nicht zu Ihm kommen wollt und errettet werden, und dann verloren gehet, so ist Gott durchaus gerecht darin, daß ihr verloren geht; aber wenn es Ihm gefällt, den übernatürlichen Einfluß des Heiliges Geistes an einigen von euch auszuüben, so ist Er sicher gerecht, indem Er die Gnade gibt, die kein Mensch beanspruchen kann, und so gerecht, daß durch die Ewigkeiten hindurch nie ein Fehler in seinen Handlungen gefunden werden wird …
Ein andres Wort der Ermahnung; es ist die zweite Lehre. Es sind einige unter euch, die aus der Lehre von der Erwählung eine Entschuldigung machen, eine Verteidigung für ihren eignen Unglauben und ihr gottloses Herz. Nun, gedenkt daran, diese Lehre übt durchaus gar keinen Zwang auf euch aus. Wenn ihr gottlos seid, so seid ihr es, weil ihr es sein wollt. Wenn ihr den Heiland verwerft, so tut ihr es eben, weil ihr es tun wollt. Die Lehre läßt euch Ihn nicht verwerfen. Ihr mögt sie als Entschuldigung brauchen, aber es ist eine vergebliche; es ist ein Kleid von Spinngewebe, das am jüngsten Tage weggerissen werden wird.
http://www.glaubensstimme.de/doku.php?i ... men_sollen
Unser Herr stellte diesem Weibe etwas Schlimmeres vor, als die positive Tatsache der Erwählung Israels, nämlich die negative Seite der heiligen Wahl. Er sprach: ,Ich bin nur zu den verlorenen Schafen von dem Hause Israel gesandt.“ Wir Prediger des Evangeliums haben sehr wenig über das zu predigen, wozu Christus nicht gesandt ist.
Die Menschen vergessen, daß die Vorherbestimmung Gottes sich auf alles bezieht; nicht bloß auf die geistliche, sondern ebenso gewiß auf die natürliche Welt. Doch lassen sie dies niemals ihrer Arbeit ums Brot, ihrem Streben nach Reichtum, ihrem Ringen nach Ruhm schaden. Warum wollen sie die Sache der Errettung ablösen von den zehntausend Sachen, die in demselben Ring mit einbegriffen sind? Warum wollen sie in anderen Dingen der gesunden Vernunft gemäß handeln, und in dieser Sache Maulwurfshügel in Berge verwandeln? Sie bilden sich ein, daß der Wille Gottes ein oder zwei Dinge festsetzt und alles übrige lose läßt; sie vermuten, daß Er freien Willen und Verantwortlichkeit wegnimmt und die Menschen zu Maschinen macht. Sie können nicht den göttlichen Plan verstehen, der den Willen des Menschen nicht einschränkt und doch den göttlichen Willen sichert; und sie können nicht sehen, wie alles nach dem freien Willen der Geschöpfe geht, als wenn kein Gott da wäre und Gott doch alles lenkt. Ich wünsche, daß dieser Gegenstand die Menschen nicht so quälte, aber es ist umsonst, solches zu wünschen. Er hat sie gequält von Anfang und wird sie quälen bis ans Ende.
Lutz

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Re: Spurgeon

Beitragvon Jose » 26.09.2010 22:35

Von Joschie wurde mir mal das Buch "C. H. Spurgeon - wie ihn keiner kennt" empfohlen (http://www.cbuch.de/product_info.php/in ... kennt.html), damit ich Spurgeons Haltung zum Calvinismus besser kennen lerne. Das Buch habe ich gelesen und kann es in diesem Zusammenhang sehr empfehlen.

José

lutz
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Beitragvon lutz » 26.09.2010 22:41

Hallo Jose,

bin jetzt wieder etwas überrascht und frage dich:
Auf was bezieht sich konkret deine Empfehlung?
Du hattest an anderer Stelle geschrieben:
Zurzeit lese ich das Buch "Spurgeon wie ihn keiner kennt" und bin fast durch. Insgesamt ist das Buch interessant, aber ich empfinde es nicht als segensreich.
Lutz

Jose
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Re: Spurgeon

Beitragvon Jose » 26.09.2010 23:02

lutz hat geschrieben:Auf was bezieht sich konkret deine Empfehlung?
Auf den Zusammenhang, in dem die Frage von Samuel gestellt wurde. Das Buch wurde mir von Joschie empfohlen und diese Empfehlung habe ich an >>reformatorisch<< eingestellte Christen mit gutem Gewissen weitergegeben.

Für mich selber empfand ich das Buch als Interessant und aufschlussreich, um Spurgeons Haltung zum Calvinismus zu verstehen. Segensreich wäre das Buch für mich gewesen, wenn es mich im Glauben weitergebracht hätte. Das hat es aber nicht wirklich, außer vielleicht darin, dass mir einmal mehr bewusst wurde, wie viel Schaden durch Gläubige angerichtet werden kann, wenn sie nicht in der Demut, Liebe und Gehorsam zum Wort Gottes bleiben. Das war aber nicht Spurgeons Schuld, zumindest habe ich es nicht so erkannt.

José

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Beitragvon lutz » 26.09.2010 23:05

Wird in dem Buch Spurgeons Position zur "doppelten Prädestination" dargelegt?

Lutz

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Spurgeon - wie ihn keiner kennt

Beitragvon Jose » 26.09.2010 23:26

lutz hat geschrieben:Wird in dem Buch Spurgeons Position zur "doppelten Prädestination" dargelegt?
Ich würde sagen, ja, auch wenn der Begriff selber so nicht hervorgehoben wird. Es wird mehr unterstrichen, dass Spurgeon ein überzeugter Anhänger der Gnadenlehre, wie sie von Calvin vertreten wurde, war. Kommt für mich aber auf das gleiche raus.

Spurgeon war aber kein Hyper-Calvinist (das war es Calvin vielleicht selber nicht) und das habe ich auch dem Buch so entnommen.

Gegen Ende seines Wirkens hatte Spurgeon viele Probleme mit Veränderungen im Umfeld des Tabernacle zu tun und Uneinigkeit zwischen verantwortlichen Brüdern. Nach seinem Tod wurde der Bruder, der ihm am nächsten Stand und in seinem Sinn das Werk weiter geführt hätte, nicht in die Verantwortung genommen. Das zeigt vielleicht, wie viel Spannung vorhanden war und nach Spurgeons Tod sich völlig entladen hat. Leider fanden viele, dass Spurgeons festhalten am Calvinismus, überholt war.

José

Gast

Beitragvon Gast » 17.10.2010 08:47

Ich habe das Buch von Murray "Spurgeon, wie ihn keiner kennt" jetzt auch gelesen. Spurgeon war Calvinist und ich denke er glaubte auch an die doppelte Prädestination. Er war durch und durch ein Puritaner. Er hatte die größte private puritanische Bibliothek, insgesamt umfasste seine Bibliothek ca. 12000 Bücher, die er alle gut kannte.
Das Buch hat mich traurig gemacht, da niemand das Erbe von Spurgeon antrat und er zum Schluss sehr alleine da stand. Doch er hatte recht als er sagte, die nächsten 50 Jahre würde man ihn fressen, doch die fernere Zukunft wird ihn rechtfertigen. Traurig ist es deshalb, weil nach seinem Tod seine Gemeinde sehr schnell zugrunde ging. Es war kein calvinistischer Pastor da und falsche Evangelisationsmethoden verbunden mit dem Arminianismus zermürbten diese Versammlung.

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Charles H. Spurgeon und die Nation Israel

Beitragvon Joschie » 21.10.2010 08:43

Ich setze mal folgenden Beitrag rein:
Charles H. Spurgeon und die Nation Israel


Eine nicht-dispensationalistische Perspektive der wörtlichen nationalen Wiederherstellung Israels

Dennis M. Swanson


Originaltitel: Charles H. Spurgeon and the Nation of Israel - A Non-Dispensational Perspective on a Literal National Restoration

Vorbemerkung des Übersetzers:

Der PrämillennialismusIn den ersten drei Jahrhunderten erwarteten die Christen die baldige Wiederkunft Jesu. Sie glaubten, dass Jesus auf diese Erde wiederkehrt, um ein irdisches Tausendjähriges Reich zu errichten. Die Gläubigen werden entrückt und in einem Augenblick einen ewigen geistlichen Leib bekommen. Anschließend werden sie mit Jesus das 1000-jährige Reich aufrichten.

Der Amillennialismus
Ab dem 4. Jahrhundert wurde der christliche Glaube und die Kirche im römischen Reich offiziell als Staatskirche anerkannt.Die Kirchenväter sahen nun die Verheißung von Offenbarung 20 als erfüllt an.
Der Glaube, dass Jesus selbst auf diese Welt kommt und ein christliches Reich aufrichtet, war überholt. Somit entstand der Amillennialismus (oder Amillenarismus), der ein irdisches Tausendjähriges Reich verneinte. Jesus wird bei seiner Wiederkunft Gericht halten. Die Menschen gehen dann in die ewige Herrlichkeit oder in die ewige Verdammnis ein. Die Entrückung, die Wiederkunft und das Gericht werden als ein einziges Ereignis gedeutet.

Der Postmillennialismus
Unter Daniel Whitby (1638-1726) entstand eine neue Bewegung, der Postmillennialismus (oder Postmillenarismus). Whitby vertrat die Meinung, das 1000-jährige Reich entstehe durch die Bekehrung aller Menschen. Er war davon überzeugt, das Friedensreich stehe noch aus und werde durch Mission und Evangelisation aufgerichtet. Erst nach dieser Friedenszeit, käme Jesus auf die Erde zurück.

Der Dispensationalismus
Im 19. Jahrhundert begründete John Nelson Darby (1800-1882) eine neue Theorie über das Tausendjährige Reich. Darby teilte die ganze Geschichte der Menschheit in verschiedene Heilszeitalter ein. Seine Lehre wurde daher als Dispensationalismus (engl. dispensation = Heilsordnung, Heilszeitalter) bekannt. Ausgehend vom Prämillennialismus sah er zwischen der Entrückung und der Wiederkunft Jesu eine Zeit von sieben Jahren. Nach seiner Vorstellung werden sich die Christen während der Jahre der Gerichte Gottes und des Antichristen nicht mehr auf dieser Erde befinden. Israel spielt in den Heilszeitaltern eine entscheidende Rolle, da die sichtbare Herrschaft Jesu in Jerusalem erwartet wird.
______________________________________________________________


Die Wiederherstellung Israels als Nation im Jahre 1948 löste in allen theologischen Lagern des Millenialismus eine Flut prophetischer Literatur aus, die sich mit der biblischen und theologischen Bedeutung dieses Ereignisses auseinandersetzten. Während dieses historische Ereignis sicherlich einen „Anfang“ darstellte, war es auch „der Höhepunkt geschichtlicher Kräfte, die im 19. Jahrhundert allmählich gewachsen waren.“1 Für die Briten war es der Höhepunkt von fast 300 Jahren Vorherrschaft in der „Restoration Movement“ (amerikanische Erweckungsbewegung des 19. Jahrhunderts). In den Jahren vorher, die zur Balfour Deklaration am 2. November 1917 führten,2 wurde in England vielerorts über die Wiederherstellung der Juden in ihrem Land diskutiert.

Das britische Interesse an der Wiederherstellung hatte seine Wurzeln im Alten Testament. Ein Sinn für Gerechtigkeit, der Wunsch, das von Christen begangene Unrecht gegen „Gottes auserwähltes Volk“ wiedergutzumachen und Sympathie für die Juden und ihre Wünsche, waren weitere Faktoren.3

Als Englands einflussreichster nonkonformistischer Prediger und populärer Theologe am Ende/in der letzten Hälfte des 19. Jahrhunderts erhob Charles Haddon Spurgeon (1834-1892) seine einflussreiche Stimme, was die Wiederherstellung der jüdischen Nation anging.4 Während die politischen, ökonomischen und sozialen Themen in der Restoration Movement vielschichtig und komplex waren, wirkte Spurgeon „nur durch die Macht von Gottes Wort,“5 und seine Anschauung zu diesem Thema war von seiner Schriftinterpretation geprägt.

Spurgeon war einer der meist gelesenen Männer seiner Zeit. Er hatte ein photographisches Gedächtnis und eine der größten theologischen Büchersammlungen in Privatbesitz im britischen Imperium. Er schrieb ausführliche Buchrezensionen6 und seine Predigten wurden in 67 Büchern veröffentlicht; tatsächlich ist er der einzige Autor in der Geschichte Englands, der unter „lebenden wie verstorbenen christlichen Autoren“7 die meisten Veröffentlichungen vorzuweisen hat. Er wandte sich gegen die Einflüsse der liberalen Theologie und der Bibelkritik in seiner eigenen Denomination. Wir würden einem Artikel klar widersprechen, der von einem Magazin dieser Vereinigung veröffentlicht wurde und in dem der Autor erläuterte:

„Letztlich ist Spurgeons Vermächtnis des Wesens und der Interpretation der Bibel keine Hilfe für diese Generation evangelikaler Christen, die das Beste der gegenwärtigen biblischen Theologie akzeptieren und gleichzeitig an der Inspiration und Autorität der Schrift festhalten. Solch eine Position im Geist der Offenheit des Dialoges statt eines defensiven Rückzugs ist sicherlich die beste Haltung für die heutige evangelikale Gemeinde.“8

Im Gegenteil, Spurgeon hat der heutigen Generation viel zu bieten, nicht zuletzt was den Schriftbeweis über die Wiederherstellung ser Nation Israels in ihrem Land angeht.

Spurgeons Eschatologie: Ein Überblick
Spurgeons eigene Ansichten über Eschatologie (Lehre der Endzeit) und das Millenium (Tausendjähriges Reich) sind an dieser Stelle relevant. Wie der Autor in zwei weiteren Artikeln9 beschrieben hat, versuchten die Vertreter von nahezu jeder eschatologischen Richtung zu zeigen, dass Spurgeon „ihrem Lager“ angehört. Während Ian Murray die Ansicht vertritt, Spurgeon leide bezüglich der Eschatologie an „einer fundamentalen Unschlüssigkeit in seinem Denken,“10 zeigt eine genaue Untersuchung seiner Predigten, seiner beiden Kommentare (The Treasury of David und Matthew: The Gospel of the Kingdom) und seiner anderen Schriften durchweg und sehr klar, dass er den historischen oder Bundes-Prämillenialismus vertrat; er verwarf die markanten Positionen der Amillenialisten, Postmillenialisten und den dispensationalistischen Prämillenialismus. Er war nicht dafür bekannt, viele Predigten über die Endzeit gehalten zu haben, wie er selbst einräumte:

„Meine Freunde, ihr werdet von mit bezeugen können, dass ich selten über die Geheimnisse der Zukunft bezüglich des Zweiten Kommen Christi, dem Tausendjährigen Reich oder der ersten und zweiten Auferstehung predige. Wann immer wir bei unserer Auslegung diesen Themen begegnen, lassen wir uns nicht ablenken, und wenn ich etwas falsch gemacht haben sollte, dann weil ich zu wenig als zu viel über diese Themen gesagt habe.“11

Aber, wie bereits bemerkt, wann immer Spurgeon in seiner Auslegung auf diese Themen stieß, war er klar; und während seines ganzen Dienstes trat er immer für eine konsequente eschatologische Position ein. In einer seiner geradlinigsten Aussagen über die Eschatologie erläuterte Spurgeon:

„Wenn ich das Wort richtig verstehe und ehrlich genug bin zuzugeben, dass es viel Raum für verschiedene Meinungen gibt, dann wird der Tag kommen, wenn der Herr Jesus beim Klang der Trompete des Erzengels und auf den Ruf Gottes vom Himmel herabsteigen wird. Einige glauben, dass sich dieses Kommen des Herrn nach dem Tausendjährigen Reich ereignen wird. Ich glaube das nicht. Ich bin überzeugt, dass sein Kommen sich vor dem Tausendjährigen Reich ereignen wird; d.h., er wird zuerst kommen, und dann wird das Tausendjährige Reich eine Folge seiner Herrschaft auf Erden sein.“12

Weiter sagt er:

„Paulus zeichnet kein rosiges Bild von der Zukunft: er ist kein Prophet, der ein goldenes Zeitalter verspricht, in welches diese dunkle Erde eintreten wird. Es gibt optimistische Brüder, die sich darauf freuen, dass alles besser werden wird, bis letztlich dieses Zeitalter für das Tausendjährige Reich reif ist. Sie werden ihre Hoffnung nicht aufrecht erhalten können, denn in der Schrift gibt es hierfür keine Grundlage. Wir, die wir glauben, dass es kein Tausendjähriges Reich ohne den König gibt und die keine Herrschaft der Gerechtigkeit erwarten, es sei denn, der gerechte HERR erscheint, sind näher an der Wahrheit. Ohne das Zweite Kommen unseres Herrn wird die Welt wahrscheinlich in ein schreckliches Chaos versinken, statt in ein Tausendjähriges Reich einzutreten. Die Hoffnung, die die Schrift vor uns ausbreitet, scheint mir die göttliche Erklärung zu sein, und in der Tat, die einzig sinnvolle Hoffnung für unsere Situation. Wir beobachten, wie die Dinge finsterer werden; der Zustand der Menschheit, obgleich sie politische Fortschritte machte, wird indessen geistlich immer schlimmer und schlimmer werden.“13

Auf dem Höhepunkt der Down-Grade Kontroverse14 unterzeichneten Spurgeon und eine Reihe anderer Personen ein Glaubensbekenntnis, um die theologischen Standpunkte zu benennen, die sie von der im „Abfall“ (downgrade) befindenden Baptist Union unterschieden (hier). Dieses Bekenntnis wurde 1891 in The Sword and Trowel veröffentlicht und setzte sich vor allem mit der Inspiration und Autorität der Schrift auseinander – etwa die Hälfte des Dokuments beinhaltete Aussagen zu diesem Thema. Es endet mit der abschließenden Erklärung: „Unsere Hoffnung ist die persönliche Wiederkunft unseres Herrn Jesus in Herrlichkeit vor dem Tausendjährigen Reich.“15

Ein wesentlicher Unterschied zwischen der prämillenialistischen und amillenialistischen Position ist die Frage, ob es eine oder zwei Auferstehungen gibt – die der Gerechten und später die der Ungerechten -, die zeitlich 1000 Jahre auseinanderliegen, wie in Offenbarung 20,1-15 beschrieben wird. Bezüglich dieser Frage verwarf Spurgeon die Position der Amillenialisten mit deutlichen Worten, als er sagte: „Wir erwarten einen Christus, der auf Erden herrschen wird; dies scheint uns sehr einleuchtend zu sein, und da dies wörtlich geschrieben steht, wagen wir nicht, es zu vergeistigen. Wir erwarten eine erste und eine zweite Auferstehung, eine erste Auferstehung der Gerechten, und eine zweite Auferstehung der Gottlosen, die gerichtet, verurteilt und für Ewigkeiten bestraft werden durch den Urteilsspruch des großen Königs.“16

In Bezug auf die Auferstehung erklärt Spurgeon:
„Sie haben vielleicht die Vorstellung, dass alle Menschen im gleichen Augenblick auferstehen werden, dass die Posaune des Erzengels alle Gräber zur gleichen Zeit öffnen wird und alle Toten zur gleichen Zeit auferstehen werden. Ich glaube nicht, dass dies das Zeugnis des Wortes Gottes ist. Ich glaube, dass das Wort Gottes lehrt, und unmissverständlich lehrt, dass die Heiligen zuerst auferstehen werden. Und die Zeitspanne danach, wie lange sie auch sein mag, seien es buchstäblich 1000 Jahre oder eine lange Zeit, kann ich jetzt nicht genau bestimmen; ich habe es mit nichts anderem als mit der Tatsache zu tun, dass es zwei Auferstehungen gibt, eine Auferstehung der Gerechten und danach eine der Ungerechten – einen Zeitpunkt, an den dem die Heiligen Gottes auferstehen werden und einen Zeitpunkt, an dem die Gottlosen zur Verdammnis auferstehen werden.“17

In dieser Predigt scheint Spurgeon sich nicht eindeutig auf den Zeitraum des Tausendjährigen Reiches festzulegen, was jedoch für ihn charakteristisch ist; wenn er in seinen Predigten über dieses oder andere Themen sprach, weigerte er sich, auf Detailfragen einzugehen. Es ist seine Art zu sagen, dass er sich nicht ablenken lassen sondern auf den Hauptpunkt seiner Predigt konzentrieren wollte.

Während Spurgeon in seiner Eschatologie klar Position für den Prämillenialismus bezog,18 war er gewiss kein Dispensationalist. Das sine qua non (entscheidende Kennzeichen) des Dispensationalismus, dem selbst die progressiven Dispensationalisten zustimmen,19 ist der Unterschied zwischen Israel und der Gemeinde. Weber erläutert:

„Was den Dispensationalismus von den Futuristen unterscheidet, ist ihr strikter Literalismus (wörtliche Auslegung) in der Interpretation der Prophetie, ihre absolute Unterscheidung zwischen Israel und der Gemeinde als zwei Heilsvölker und einige Schlussfolgerungen, die aus diesen beiden Lehrauffassungen abgeleitet wurden.“20

Spurgeon verwarf jede Lehre, die das Volk Gottes in verschiedene Gruppen mit unterschiedlicher Bestimmung unterteilte. John Nelson Darby (1800-1882) hatte den Dispensationalismus in England und den USA entwickelt und populär gemacht, und andere Dispensationalisten (Macintosh und Kelly im Besonderen) waren oft dem verbalen oder geschriebenen Zorn Spurgeons ausgesetzt.21

Spurgeon nahm klar Bezug auf diese dispensationalistische Lehre, wenn er die Vorstellung vieler Heilsvölker in Gottes Heilsplan eindeutig ablehnte, wie in einer Predigt, in der er sagte:

„Verschiedene höchst weise Männer (nach ihrer eigenen Einschätzung) machen einen Unterschied zwischen dem Volk Gottes, das vor dem Kommen Christi lebte und dem Volk Gottes, das nach seinem Kommen lebte. Es wurde sogar gesagt, dass diejenigen, die vor dem Kommen Christi lebten, nicht zur Gemeinde Gottes gehörten! Wir wissen nicht, was wir als nächstes hören werden, und vielleicht ist es Gnade, dass diese Absurditäten zu einem Zeitpunkt offenbar werden, damit wir ihre Torheit ertragen können, ohne vor Bewunderung zu sterben. Ist es nicht so, dass jedes Kind Gottes auf demselben Fundament steht; der Herr hat nicht einige Lieblingskinder, einige, die ihm weniger wichtig sind, und wieder andere, um die er sich kaum kümmert. Für diejenigen, die den Tag des Christus sahen, bevor er kam, macht es einen großen Unterschied in ihrer Erkenntnis und vielleicht im gleichen Maß in ihrer Freude, während sie auf Erden über den Christus nachsannen; aber sie alle sind gewaschen in dem Blute, sie alle sind mit dem gleichen Lösegeld losgekauft und zu Gliedern des gleichen Leibes geworden. Israel im Bund der Gnade ist nicht mit dem natürlichen Israel identisch sondern mit allen Gläubigen zu allen Zeiten.Vor dem Ersten Kommen Christi wiesen alle Typen und Schatten in eine Richtung – sie deuteten auf Christus, und auf ihn blickten alle Heiligen mit Hoffnung. Alle, die vor Christus lebten, wurden nicht anders errettet als wir heute. Sie glaubten wie auch wir heute glauben; ihr Glaube wurde angefochten wie auch der unsrige; und ihr Glaube wurde belohnt, wie auch unser Glaube belohnt werden wird.“22 (Hervorhebung durch den Autor)

Ein anderes Mal schrieb Spurgeon direkt gegen die dispensationalistische Lehre der Trennung zwischen Israel und der Gemeinde, während er seinen eigenen eschatologischen Standpunkt vertrat und konstatierte, „wir müssen umgehend unsere Position zur prämillenialistischen Interpretation sowie der wörtlichen Auslegung der Schrift in Bezug auf die Prophetien über die Rückkehr der Juden in ihr eigenes Land untermauern.“23

Darüber, dass Spurgeon die Gemeinde und Israel als „geistlich“ verbunden betrachtet, gibt es keinen Zweifel. „Gewiss, geliebte Brüder, ihr solltet euch nicht an dem Anachronismus stören, Abraham, David und andere in der Gemeinschaft mit der Gemeinde zu sehen.“24 Es wird auch deutlich in Spurgeons Buch Treasury of David, dass er die Gemeinde als Empfängerin der Verheißungen des Reiches Gottes betrachtet. Auch in seinem Kommentar zum Matthäusevangelium, obwohl er es nicht ausdrücklich sagt, bringt Spurgeon sehr deutlich seine Überzeugung zum Ausdruck, dass die Gemeinde durch die Trübsal gehen muss und durch Gottes Kraft bewahrt und beschützt werden wird.“Sein Erstes Kommen für das Gericht und die Zerstörung Jerusalems war so schrecklich wie nie zuvor auf Erden; sein Zweites Kommen wird noch schrecklicher sein.“25

Es gibt viele Themen, die in Verbindung mit dem Dispensationalismus gebracht werden können, über die Spurgeon entweder nichts oder sehr wenig sagte; diese Themen haben keinen zentralen Stellenwert. Was die zentrale Lehre des Dispensationalismus und seines Prämillenialismus angeht, macht Spurgeon keinen Unterschied zwischen Israel und der Gemeinde, wie der „klassische Dispensationalismus“ es tut. Für Spurgeon war das Tausendjährige Königreich der Höhepunkt von Gottes Plan für die Gemeinde.

Die Wiederherstellung Israels in den verschiedenen Lehren über das Tausendjährige Reich

Die Wiederherstellung und Rückführung der Juden in ihr verheißenes Land wird normalerweise als Kernlehre des dispensationalistischen Prämillenialismus betrachtet, und dies zu Recht. Wie Pentecost erläutert:

„Dies muss festgehalten werden, dass alle Hoffnungen Israels auf der Grundlage von vier entscheidenden Bündnissen stehen [dem abrahamitischen Bund, dem davidischen Bund, dem palästinensischen Bund und dem Neuen Bund], die Gott mit ihnen schloss; diese Bündnisse sind eine Bestätigung für gewisse nationale Hoffnungen und Segnungen und suchen folglich die Bewahrung, Kontinuität und Wiederherstellung der Nation, sofern sie sich wörtlich erfüllen.“26

Blaising und Bock, die anerkannten Führer des progressiven Dispensationalismus, stimmen dieser Aussage zu: „Das Wissen um ein politisches, irdisches Königreich ist weder aufgegeben noch mit neuer Bedeutung versehen worden.“27 Glenny bezeichnet dies als den „Irrtum jener, die die Erfüllung dieser Prophetien in der Gemeinde sehen.“28

Allerdings glauben alle Millenialisten an eine Wiederherstellung Israels in der einen oder anderen Weise. Es gibt drei mögliche Positionen: (1) Überhaupt keine zukünftige Erfüllung der alttestamentlichen Prophetien, was die nationale Wiederherstellung Israels angeht, da diese sich alle nach der Rückkehr aus der Babylonischen Gefangenschaft erfüllt haben; (2) eine geistliche Wiederherstellung oder Bekehrung; (3) eine buchstäbliche Wiederherstellung des Landes Israel und eine nationale Bekehrung zu Christus. Während Merrill das Erstere favorisiert, geht er näher auf diese Position ein und schreibt:

„Bibelgelehrte sind sich fast alle einig, dass es ein Exil Israels gegeben hat und dass die Juden unter dem Dekret von Cyrus im Jahre 538 v.Chr. in ihr Heimatland zurückgekehrt sind. Es gibt jedoch keinen Konsens, ob diese historische Wiederherstellung alle Prophetien erfüllt. Aber für mich steht fest, dass der Zustand des wiederhergestellten Volkes und die Art und der Entwicklung der Heimkehr nicht eine Erfüllung außergewöhnlicher Prophetien sein können. Aus diesem Grund kann man die Prophetien mit den historischen Ereignissen nur dann harmonisieren, wenn sie sich in der Gemeinde – dem neuen Israel – erfüllen oder wenn man eine eschatologische Erfüllung voraussetzt in Form eines wörtlichen, realen Israel, das in sein Land zurückkehrt und seine Rolle als Heilsvolk in einer kulturellen und politischen Art und Weise, die der alten Bundesnation glich, wahrnimmt.“29

Amillenialismus und die Wiederherstellung Israels

Der Amillenialismus war über Jahrhunderte ziemlich konsequent in seiner Lehre. Das messianische Zeitalter (Tausendjähriges Reich) hat bereits begonnen; aus diesem Grunde müssen keine Prophetien bezüglich Israel mehr erfüllt werden. Ursprünglich war Origenes ein Vertreter dieser Lehre und spiritualisierte nahezu alle alttestamentlichen Prophetien. Während Origenes vordergründig gegen den „jüdischen Charakter“ und die „Weltlichkeit“ der frühen Chiliasten oder Prämillenialisten argumentierte, ist Wilkens Einblick aufschlussreich, wenn er schreibt:

„Aber, wenn man der Sache etwas tiefer auf den Grund geht, wird klar, dass es ihn störte, dass die Verheißungen der Propheten sich nicht im Kommen Christi erfüllt haben konnten und das messianische Zeitalter noch nicht begonnen haben kann, wenn die Chiliasten recht haben. Origenes räumt freudig ein, dass die Prophetien in Christus sich nicht in der Weise erfüllt hatten, wie man dachte, dass sie sich erfüllen sollten.“30

Diese Argumentation hat unter Amillenialisten bis heute Gültigkeit. Roderick Campbell sagt deutlich, dass wir „in der Geschichte nicht erkennen können, dass die Verheißungen als erfüllt betrachtet werden können, wenn die Worte der Propheten in einem strikt wörtlichen Sinne interpretiert werden.“31 Oswald T. Allis schreibt in seinem Buch Prophecy and the Church, das er um die Zeit der Wiedergeburt der Nation Israel schrieb, als die Ereignisse sich gerade entwickelten aber noch ungewiss waren:

„Die Begrenzungen und Eigenarten des Judaismus sind hinweggetan. Sie sind nicht nur für eine Zeit hinweggetan sondern für immer. Sie werden niemals mehr in Kraft treten. Es gibt eine große und herrliche Zukunft für die Juden. Aber diese Zukunft findet man in und durch die christliche Gemeinde.“32

Allis fährt fort und schreibt: „Ob die Juden in ein irdisches Kanaan zurückkehren ist von keiner großen Bedeutung.“33 In einem kürzlich erschienenen Buch folgt O. Palmer Robertson der gleichen Linie, obgleich er offensichtlich die Realität einer jüdischen Nation in Betracht zieht. Indem er seine Position zusammenfasst, erläutert er:

„Der moderne jüdische Staat ist nicht Teil des messianischen Königreiches Jesu Christi. Trotzdem muss man bestätigen, dass diese besondere Zivilregierung unter der Souveränität des Gottes der Bibel zustande kam… Man kann von der Schrift nicht sagen, dass die Geburt des modernen Staates Israel ein prophetischer Hinweis auf die Massenbekehrung des jüdischen Volkes ist … Statt dass man diese Vorhersagen über die ‚Rückkehr Israels‘ in ihr ‚Land‘ im Sinne einer geopolitischen Wiederherstellung des Staates Israel interpretiert, muss man in diesen Prophetien eher die vollkommene Erfüllung bei der ‚Wiederherstellung aller Dinge‘ sehen, die sich bei der Auferstehung der Gläubigen und der Wiederkunft Christi (Apg 3,21; Röm 8,22-23) ereignen wird.“34

Für den Amillenialisten gibt es keine zukünftige Wiederherstellung Israels in einem biblischen oder prophetischen Sinne. Die Wiedergeburt Israels im Jahre 1948 ist nicht mehr oder weniger bedeutsam als die Entstehung irgendeiner anderen neuen Nation in irgendeinem Teil der Welt. Amillenialistische Theologen sehen folglich in der „Wiederherstellung“ Israels eine unbedeutende Anomalie der Geschichte.

Postmillenialismus und die Wiederherstellung Israels

Im Gegensatz zum Amillenialismus gibt es unter den klassischen Postmillenialisten geteilte Meinungen. Der große Princeton Theologe Charles Hodge verwarf die Vorstellung einer „nationalen Wiederherstellung“ Israels in ihrem Land, aber er sprach klar von einer „nationalen Bekehrung“. Er schreibt:

„Das Argument von den alten Prophetien erweist sich als untauglich, denn es würde zu viel beweisen. Wenn diese Prophetien von einer wörtlichen Wiederherstellung sprechen, ist die Rede von einem Tempel, der wieder aufgebaut wird, von einer Priesterschaft, die wiederhergestellt wird, von Opfern, die dargebracht werden und von allen mosaischen Ritualen, die bis ins Detail befolgt werden.“35

Was die Bekehrung der Juden indessen angeht, schreibt er: „Das Evangelium muss allen Nationen gepredigt werden, und es wird eine nationale Bekehrung der Juden geben.“36 Auf der anderen Seite stellt Erroll Hulse, ein klassischer Postmillenialist, fest, dass die Wiederherstellung der Nation Israel in ihrem Land vielleicht ein Vorzeichen für „ihre geistliche Wiederherstellung“ ist.37 In den vergangenen Jahren haben theonomistische Theologen (Theonomie: Ausrichtung des sittlichen Handelns nach dem Willen und den Geboten Gottes) eine neue Form des Postmillenialismus geschaffen.38 Der Theonomie-Postmillenialismus hat die Position des Amillenialismus bezüglich der Wiederherstellung Israels übernommen. Gary
DeMar, ein führender Autor unter den Theonomisten, erläutert: „Der nationale Status Israels heute unterscheidet sich nicht von dem anderer Nationen.“39 Er schreibt ferner: „Israels Zukunft, wie die zukunft aller anderen Nationen, hängt davon ab, wie es sich zu Jesus stellt.“40

Prämillenialismus und die Wiederherstellung Israels

Der dispensationalistische Prämillenialismus wurde bereits erwähnt; es muss darauf hingewiesen werden, dass der historische oder der Bundes-Prämillenialismus in dieser Frage geteilter Meinung ist. Millard Erickson behandelt diese Frage ähnlich wie der klassische Postmillenialismus. In seinem exzellenten Buch Theology schreibt er, nachdem er anmerkte, dass „das geistliche Israel in vieler Hinsicht den Platz des wörtlich verstandenen Israel eingenommen hat“41:

„Dennoch gibt es eine Zukunft für das nationale Israel. Sie sind noch immer die Auserwählten Gottes. Paulus legt dar, dass Israels Verwerfung die Versöhnung der Welt bedeutet und fragt dann: Was wird seine [Israels] Annahme anderes sein als Leben aus den Toten?“ (Röm 11,15) Die Zukunft sieht gut aus. Und so wird ganz Israel gerettet werden (Vers 26). Aber Israel wird gerettet werden, indem es sich wie die Heiden der Gemeinde anschließt. Nirgends im Neuen Testament gibt es eine Aussage, dass es eine andere Grundlage für das Heil gibt.“42

Andere glauben jedoch an eine wiederhergestellte jüdische Nation im Tausendjährigen Reich. „Das messianische Königreich wäre unvollkommen, wenn dieser Segen, den die religiösen Juden erwarten - ein herrliches Königreich auf Erden - nicht vorhanden wäre, doch Gott sei Dank wird dies nicht der Fall sein.“43

Nathanael West sagt ebenfalls sehr deutlich:

"Die Lösung für das große Problem von Israels Zukunft, das auf das Versagen des davidischen Königreichs zurückgeht, ist das Tausendjährige Reich, in dem Israel einmal den Sohn Davids als seinen HERRN annehmen wird, die Heilung der vergangenen Zweiteilung von Davids Reich, die Vereinigung von Israel und Juda als eine Nation auf den Höhen des Vaterlands für alle Zeiten - kurz gesagt, Israel als bekehrtes Volk und Nation, von Christus höchstpersönlich angenommen und von den Nationen akzeptiert.”44

Es scheint, dass diese unterschiedlichen Auffassungen sich erst kürzlich entwickelt haben und vor allem auf den starken Einfluss von George Eldon Ladd zurückgehen. Ladd erläutert, dass „eine Lehre über das Tausendjährige Reich sich nicht auf alttestamentliche Prophetien stützen sollte, sondern ihre Grundlage ausschließlich im Neuen Testament haben muss.“45 In seinem Buch Theology of the New Testament argumentiert Ladd wie ein typischer Amillenialist:

„Es folgt, dass - als Jesus Israel das messianische Heil verkündigte und die Erfüllung der wahren Bestimmung Israels verheißen hatte - diese Bestimmung sich tatsächlich in jenen erfüllte, die diese Botschaft empfingen. Die Empfänger des messianischen Heils wurden zum wahren Israel und repräsentierten die Nation als Ganzes. Während es stimmt, dass das Wort ‚Israel‘ nie auf die Jünger Jesu angewandt wurde, ist doch diese Vorstellung vorhanden, wenn auch nicht ausdrücklich. Jesu Jünger sind die Empfänger des messianischen Heils, sie sind das Volk des Reiches Gottes, das wahre Israel.“46

Solch eine Vorstellung wäre den früheren Generationen der historischen Prämillenialisten fremd gewesen, und sicherlich sind sie der ganzheitlichen Betrachtungsweise der Schrift von Spurgeon fremd.

Spurgeon und die Wiederherstellung Israels

Die vielleicht klarste und bedeutendste Aussage Spurgeons, was die Wiederherstellung der Juden in ihrem Land angeht, machte er in einer Rede, die sich an die British Society of the Propagation oft he Gospel Amongst the Jews richtete.47 Spurgeon predigte die Botschaft mit dem Titel „Die Wiederherstellung und Bekehrung der Juden“ am 16. Juni 1864 im Metropolitan Tabernacle und erklärte:

„Es wird wieder eine eigenständige Landesregierung geben; es wird wieder ein politisches Organ in irgendeiner Form geben; ein Staat wird amtlich anerkannt sein, und ein König wird herrschen. Israel ist heute fern von seinem eigenen Land. Seine Söhne können den heiligen Staub Palästinas jedoch niemals vergessen, noch können sie in in der Ferne von den heiligen Ufern und ohne Hoffnung sterben. Aber so wird es nicht für immer sein, denn seine Söhne werden sich ihrer wieder erfreuen: Ihr Land wird Beulah (hebr. verheiratet) genannt werden, denn wie ein junger Mann eine Jungfrau heiratet, so werden sie ihr Land heiraten. 'Ich werde euch in euer eigenes Land einpflanzen,' ist Gottes Verheißung an sie… Sie werden nationalen Wohlstand erreichen, der sie berühmt machen wird; ja, so herrlich werden sie sein, dass die Pracht Ägyptens und Tyros und Griechenlands und Roms im Angesicht der größeren Herrlichkeit des Thrones Davids verblassen wird... Klar und deutlich liegt der wörtliche Sinn und die Bedeutung der Schriftstelle (Hes 37,1-10) vor mir - eine Bedeutung, die man nicht vergeistigen oder wegdenken kann -, die einleuchtend zeigt, dass beide, die zwei und die zehn Stämme Israels, in ihrem Land wiederhergestellt werden und dass ein König über sie herrschen wird.“48

Hulse bezog sich auf diese Predigt und versuchte zu beweisen, dass Spurgeon ein Postmillenialist war. „Spurgeon ist hier [in seiner Liste der Postmillenialisten] aufgrund seines Puritanismus und aufgrund seiner ausgezeichneten Predigt im Jahre 1864.“49 Aber aufgrund aller Hinweise, insbesondere aufgrund mehrerer direkter Aussagen gegen den Postmillenialismus, handelt es sich um nichts mehr als bloßes Wunschdenken.

Spurgeon vertrat die Ansicht, dass die Schrift wörtlich ausgelegt werden musste. Er lehrte seine Studenten, dass „der offenkundige Sinn einer Schriftstelle nicht im Fluss der eigenen Phantasie ertränkt werden sollte; der wörtliche Sinn muss deutlich erklärt werden und vorrangig gelten; deine eigene Auslegung darf die ursprüngliche und eigentliche Bedeutung nicht aufheben oder in den Hintergrund drängen.“50 Spurgeon war nicht als „Auslegungsprediger“ bekannt oder als jemand, der ein College besucht hatte, aber dennoch war er ein ausgezeichneter Exeget.

Ein Besucher im Studierzimmer Spurgeons berichtet:

„Zunächst war ich überrascht, dass Mr. Spurgeon die griechischen und hebräischen Texte zu Rate zog.‘Sie sagen,‘ so Spurgeon, ‚ich sei unwissend und ohne Ausbildung. Gut, sollen sie das behaupten; und in allem, in meiner Unwissenheit und in meiner Erkenntnis soll Gott verherrlicht werden‘. Seine Auslegungen waren selten falsch. Er scheute keine Mühe, um sicherzustellen, was die genaue Bedeutung einer Schriftstelle war.“51

Spurgeon „selbst interpretierte den Text sehr wörtlich, er nahm seine Verheißungen ernst und gebrauchte sie in seinem persönlichen Gebetsleben und seinen Predigten.“52 Er weigerte sich, eine „vergeistigte“ Interpretation anzuwenden, welche die klare Aussage eines Textes entweder verneinte oder verdunkelte. Tatsächlich kritisierte er sogar einmal einen berühmten Kommentator, wie er die Auferstehung in Offenbarung 20 vergeistigte und schrieb: „Würde irgendjemand an diese Bedeutung denken, wenn er nicht eine eigene Meinung zu verteidigen hätte?“53

Spurgeon wies wiederholt auf das Thema der Wiederherstellung der Nation Israel in ihrem Land hin. Er brachte dies eindeutig mit der jüdischen Akzeptanz des Christus als ihren Messias in Verbindung. „Es ist sicher, dass die Juden als ein Volk Jesus von Nazareth, den Sohn Davids, als ihren König anerkennen und in ihr eigenes Land zurückkehren werden, und sie werden die Trümmer wieder aufbauen, sie werden die ehemaligen Verwüstungen neu aufbauen, und sie werden die alten Städte wieder errichten, die Verwüstungen vieler Generationen.“54 Weiter erläutert er:

„Die Stunde rückt näher, wenn die Stämme in ihr eigenes Land zurückfahren werden, wenn Judäa, das so lange Zeit eine heulende Wildnis war, abermals blühen wird wie eine Rose, wenn auf dem Zionsberg kein Tempel stehen wird sondern ein Versammlungshaus der Christen, wo die Gesänge ehrfürchtiger Lieder ertönen werden, so wie zuvor zur Zeit Davids die alten Psalmen im Heiligtum gesungen wurden…Ich glaube, wir legen nicht zu viel Wert auf die Wiederherstellung der Juden. Wir verschwenden nicht zu viele Gedanken an sie. Aber gewiss, wenn etwas in der Bibel verheißen ist, dann dies. Ich glaube, dass man die Bibel nicht lesen kann, ohne klar zu erkennen, dass es eine Wiederherstellung der Kinder Israels geben wird…Denn wenn die Juden wiederhergestellt werden, wird die Vollzahl der Heiden eingegangen sein; und sobald sie zurückkehren, wird Jesus auf dem Berg Zion erscheinen in seiner ehrwürdigen Herrlichkeit und die friedvollen Tage des Tausendjährigen Reiches werden sodann anbrechen; in dieser Zeit werden alle Menschen Brüder und Freunde sein. Christus wird regieren über die ganze Welt herrschen.“55

Israels Platz im Reich Gottes war aus Sicht Spurgeons klar auf Gottes Gnade und auf der Erfüllung von Prophetie gegründet. Es wird eine nationale Bekehrung geben, und Israel wird das Heil Gottes als ein Teil der Gemeinde empfangen, wie Darby es in seinen Heilszeitaltern dargelegt hatte und wie der Dispensationalismus es lehrt. Israel sollte jedoch mehr als nur eine Nation sein, Israel war die Nation, aus der der König hervorkommen und von der aus die Welt regiert werden sollte:

„Wenn wir die Schrift richtig lesen, haben die Juden viel mit der Weltgeschichte zu tun. Sie werden wieder in ihr Land zurückkehren, der Messias wird kommen, der Messias, auf den sie warten – derselbe Messias, der bereits gekommen war, wird wieder erscheinen – er wird kommen, wie sie ihn erwarteten, als er das erste Mal gekommen war. Damals glaubten sie, dass er als Fürst kam, um zu herrschen, und das wird er tun, wenn er wiederkommt. Er wird kommen, um der König der Juden zu sein und in Herrlichkeit über sein Volk zu regieren; denn wenn er wiederkommen wird, werden Juden wie Heiden die gleichen Privilegien haben, obgleich es noch einen Unterschied geben wird zu diesem königlichen Geschlecht, aus dessen Lenden Jesus kam; denn er wird auf dem Thron seines Vaters David sitzen, und vor ihm werden alle Nationen versammelt werden.“56

Während Spurgeon das Tausendjährige Reich als den Höhepunkt von Gottes Verheißungen an die Gemeinde betrachtet - sowohl die alttestamentliche als auch die neutestamentliche Gemeinde - glaubte er dennoch, dass Israel als eine Nation eine besondere und spezielle Rolle haben würde und dass vielleicht sogar einige der alttestamentlichen Formen der Anbetung wieder eingesetzt werden würden. In einer Predigt machte er eine interessante Aussage über das Tausendjährige Reich:

„Es kann in dieser Zeit gewisse Festversammlungen und den Sabbat geben, aber sie werden nicht von dem gleichen Wesen sein wie heute.“57 Sicherlich war er kein Dispensationalist, und er machte weder das Tausendjährige Reich zu einer Domäne Israels ohne die Gemeinde, noch trennte er das nationale Israel von der verherrlichten Gemeinde im Tausendjährigen Reich. Während er an keiner anderen Stelle hierzu weitere Ausführungen machte, bestand seine klare Position jedoch darin, dass die alttestamentlichen Prophetien, die über dieses Thema sprachen (z.B. Hes 40,48), nicht einfach ignoriert oder aufgrund einer Auslegung abgelehnt werden konnten, sofern die Auslegung sich nicht auf den wörtlichen Sinn einer Schriftselle stützte.

Was die Wiederherstellung der Nation Israel in ihrem Land angeht, lehrte Spurgeon durchweg und eindeutig folgende Positionen:
1. Israel als Nation wird zum Glauben an Christus kommen.
2. Israel wird eine nationale oder geopolitische Identität haben.
3. Das politische System wird eine Monarchie sein („ein König wird herrschen“)
4. Israel wird im verheißenen Land sein.58
5. Die Grenzen werden diejenigen sein, die von Abraham und David verheißen sind.
6. Israel wird unter den Nationen im Tausendjährigen Reich einen besonderen Platz einnehmen.
7. Dennoch bleibt Israel geistlich gesehen ein Teil der Gemeinde.
8. Israel wird zu nationalem Wohlstand gelangen, der von der Welt bewundert werden wird.
9. Die Propheten des Alten Testaments müssen wörtlich ausgelegt werden.

Zweitrangige Themen, die Spurgeon für möglich hält, sind:

1. Während der Herrschaft im Tausendjährigen Reich kann es einen Tempel oder ein „christliches Gebäude“ auf dem Tempelberg geben, wo man Gott anbetet.
2. Während des Tausendjährigen Reiches ist das Halten von alttestamentlichen Kultgeboten (Sabbat, Neumondfest, usw.) möglich, aber diese Feste werden in veränderter Form abgehalten, damit sie dem Geiste der Gemeinde entsprechen.

Sicherlich hätte Spurgeon der Interpretation Kaisers von Jeremia 16,14-15 zugestimmt, wo er schreibt: „Wenn die Zerstreuung gemäß der Propheten ein Zeichen von Gottes Gericht war, dann ist Israels Rückkehr in ihr Land das Zeichen von Gottes Gnade. Tatsächlich wird die zukünftige Rückkehr Israels so erstaunlich sein, dass sie im Vergleich zum Exodus aus Ägypten als gering erscheint.“59

Schlussfolgerung

Ganz gleich, welche Position man selbst bezieht, Spurgeons Haltung gegenüber der Prophetie ist der Gemeinde dienlich; er mied die Methode der „Exegese auf der Grundlage gegenwärtiger Ereignisse“, die in seinen Tagen ebenso populär war wie in unserer Zeit. Er brachte auch deutlich zum Ausdruck, dass prophetische Spekulationen niemals die Liebe zum Evangelium selbst verdrängen sollten.

„Deine Vermutungen über die Zahl des Tieres, deine napoleonischen Spekulationen, deine Mutmaßungen, wer der Antichrist sein könne - vergib mir: Für mich ist es nicht mehr als heiße Luft. Während die Menschen sterben und die Hölle sich füllt, erscheint es mir als äußerter Unsinn, wenn man über ein Harmageddon in Sewastopol (Krimkrieg: Napoleon III. siegte 1855 im Hafen von Sewastopol) oder Sadowa (Schlacht von Sadowa zwischen Preußen und Österreich 1866) oder Sedan (Schlacht von Sedan im Deutsch-Französischen Krieg 1870) plappert und in der Schrift Ausschau nach dem Schicksal Deutschlands hält.“60

Es ist gewiss unmöglich, mit letzter Sicherheit zu sagen, ob der heutige Staat Israel prophetisch von Bedeutung ist oder nicht. Wenn dem nicht so wäre, könnte Gott sie sicher aus dem Lande verbannen, um sie „im Glauben“ zu einem späteren Zeitpunkt wieder zu sammeln. Es scheint jedoch wahrscheinlicher, dass Gott die Nation wiederhergestellt hat, um die Grundlage zu schaffen für eine letzte Sammlung und Wiederherstellung Israels im Glauben. Wie Hendriks Berkhof erläutert:

„Auf jeden Fall ist mit der überraschenden geographischen und politischen Tatsache der Gründung des Staates Israel der Zeitpunkt gekommen, die politischen und geographischen Entwicklungen im Lichte von Gottes Handeln zu betrachten, was wir in unserem westlichen Dualismus, Doketismus (die Lehre, Jesus habe nur scheinbar einen Körper gehabt) und Spiritualismus nicht tun wollen.“61

Vor einigen Jahren hatte ich an der Westmauer Jerusalems mit einigen Vertretern einer ultra-orthodoxen Gruppe von Juden eine Begegnung. In einem Gespräch fragte mich einer der Rabbiner, ob ich glaube, dass die gegenwärtige Regierung und Nation Israels „von Gott“ sei. Das Gespräch zog sich eine Weile hin, bis ich begriff, dass diese Gruppe nicht an der Mauer betet, weil sie der Überzeugung ist, dass die Regierung Israels weder ein legitimes Zeichen von Gott noch ein Segen ist. Sie warten weiter auf das erste Kommen des Messias; der Messias, der bereits gekommen ist und „die Sünde der Welt wegnimmt“ (Joh 1,29). Sie erwarten vom Messias, dass er eine gerechte Nation schaffen und die Welt vom Thron Davids aus regieren wird. Er wird diese Dinge natürlich in der Zukunft tun - davon sind wir überzeugt.

Allerdings erinnert uns dies auch an das, was Spurgeon über die praktische Seite des Studiums der Prophetie sagte:

„Jesus kommt nicht in einer mystischen, nebelhaften, verschwommenen Weise, er kommt buchstäblich und in Wirklichkeit, und er wird buchstäblich und in Wirklichkeit Rechenschaft von deiner Verwalterschaft fordern. Darum, heute an diesem Tag, wörtlich und nicht symbolisch, persönlich und nicht durch Stellvertreter, geh in die Welt, die du erreichen kannst und predige aller Kreatur das Evangelium, wo immer du Gelegenheit dazu hast.“62

Mit freundlicher Genehmigung von Dennis Swanson.
Quelle: http://distomos.blogspot.com/2010/10/ch ... ation.html dort findet man auch die Quellenangabe.
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Gast

Beitragvon Gast » 04.11.2010 20:02

Vielen Dank Joschie. Das eschatologische Verständnis von Spurgeon war mir noch nicht bekannt. Für mich war bis vor kurzem auch der Prämillennialismus klar das Modell für die Zukunft, bis ich das Buch "Zukunft, Hoffnung, Bibel" von Roland Hardmeier las. Aber wenn ich jetzt wieder Spurgeon zu diesem Thema so deutlich Stellung nehmen höre, und Spurgeon sagt ja nicht mal ebenso einfach was, dann sind die Anklagen und Verteidigungen mancher Amillennialisten vielleicht doch sehr unbegründet.
Spurgeons Auffassung von der Zukunft ist vielleicht auch deshalb so bemerkenswert, denn obwohl er ja eigentlich sehr durch die Puritaner geprägt war, hat er ihr eschatologisches Modell, den Postmillennialismus, nicht einfach übernommen.
Ich freue mich dennoch darauf eines Tages gemeinsam mit Amillennialisten und Postmillennialisten die Herrlichkeiten Christi zu genießen, doch auch ganz besonders dann mit Spurgeon :)

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Joschie
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Beitragvon Joschie » 06.11.2010 22:02

Der Beitrag von Th.Zahn wurde verschoben nach http://www.betanien.de/forum/viewtopic. ... 6721#16721
Gruß Joschie
Zuletzt geändert von Joschie am 07.11.2010 08:42, insgesamt 1-mal geändert.
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Jose
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Endzeit

Beitragvon Jose » 06.11.2010 22:24

Hallo Joschie.
Ich finde das Thema "Endzeit" sehr wichtig, aber sollte dazu nicht lieber ein eigenes Thema aufgemacht werden? Unter "Spurgeon" würde ich es nicht unbedingt suchen.

Gruß, José


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