Luther-Predigten, Zitate und Sprüche

Nur für Gläubige, die die fünf Punkte des Arminianismus ablehnen

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Jörg
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Beitragvon Jörg » 18.09.2012 03:48

Deutsche Auslegung des Vaterunsers für die einfältigen Laien (1519)

Die vierte Bitte

Unser täglich Brot gib uns heute

Das erste (Wort) heißet: »unser«

Das bringt zum Ausdruck, daß wir nicht vornehmlich um das gewöhnliche Brot bitten, das auch die Heiden essen und das Gott allen Menschen ungebeten gibt, sondern um unser Brot, die wir Kinder des himmlischen Vaters sind. Darum bitten wir nicht wie von einem irdischen, sondern wie von einem himmlischen, geistlichen Vater, nicht um ein irdisches, sondern um ein himmlisches, geistliches Brot, das unser ist und uns himmlischen Kindern zueigen und not ist. Sonst wäre es nicht not gewesen zu sagen »unser täglich Brot«. Denn das leibliche Brot wäre mit dem Wort »das tägliche Brot gib uns heute« genügend bezeichnet. Aber Gott will seine Kinder lehren, daß sie mehr um der Seelen Speise Sorge haben; ja er verbietet, sie sollen nicht sorgen, was sie leiblich essen oder trinken (Matth. 6, 25).

Das zweite (Wort) heißet »täglich«

Das Wörtlein »täglich« heißt in griechischer Sprache epiusion; das hat man auf mancherlei Weise ausgelegt. Etliche sagen, es bedeute »ein überwesentliches Brot«, etliche, »ein auserwähltes und besonderes Brot«, etliche, der hebräischen Sprache nach »ein Morgenbrot«, nicht, was wir Deutschen ein Morgen- und Abendbrot nennen, sondern ein Brot, das für den anderen Tag bereitet sei.
Diese Mannigfaltigkeit soll niemand irremachen, denn es ist alles eine Bedeutung, nur um die Art und Natur dieses Brotes recht auszudrücken.

Zum ersten heißt es »ein überwesentliches Brot« deshalb, weil das Wort Gottes den Menschen nicht nach dem Leibe und dem Natürlichen in seinem sterblichen Stande speiset, sondern es speiset ihn zu einem unsterblichen, überwesentlichen (Wesen) und weit über dies Wesen (hinaus) in ein ewiges Wesen, wie Christus sagt: »Wer dies Brot ißt, wird ewig leben« (Joh. 6, 51. 58). Darum ist damit so viel gesagt wie »Vater, gib uns das überwesentliche, unsterbliche, ewige Brot«. Zum zweiten heißt es »ein auserwähltes, zartes, niedliches Brot«, weil es voller Lust und lieblichen Geschmackes ist, wie denn von dem Himmelsbrot Weish. 16, 20 geschrieben steht, daß es einem jeglichen schmeckte, wie er wollte. Ebenso ist unser himmlisches Brot gar viel edler und zarter, niedlicher und aller Tugend und Gnaden voller als das natürliche Brot. Auch kann man »auserwähltes Brot« (so) verstehen, daß es ein uns Gotteskindern sonderlich eigenes und allein uns entsprechendes und gegebenes Brot ist, wie der Apostel Hebr. 13, 10 sagt, daß wir einen besonderen Altar haben, davon niemand essen kann als wir allein, und dementsprechend ein besonderes, eigenes Brot haben. Zum dritten (heißt es) auf hebräisch »das Morgenbrot«. Nun hat die hebräische Sprache die Art, daß eben das, was wir Deutschen »täglich« nennen, das nennen sie »morgendlich« (für morgen). Denn auf deutsch heißt »täglich« das, was man täglich zur Hand und in Bereitschaft hat, wenn man dasselbe auch nicht ohne Unterlaß braucht; so wie man sagt: das oder das muß ich heute oder morgen und täglich haben; ich weiß nicht, zu welcher Stunde es mir nötig sei, daß es dann vorhanden sei. Eben diesen Sinn drückt die hebräische Sprache durch das Wörtlein »morgen« aus; wie 1. Mose 30, 33 (Jakob) zu Laban sagt: »heute oder morgen, oder wenn es kommt, wird meine Gerechtigkeit für mich antworten und genugtun«.

Das ist nun die Bedeutung, daß wir bitten, Gott wolle uns das überwesentliche, uns sonderlich eigene, tägliche Brot geben, so täglich, daß wir es zur Hand und im Vorrat haben, daß wir uns damit stärken können, wenn die Nöte und Leiden daherfallen, deren wir täglich gewärtig sein müssen, daß wir nicht überrascht werden und durch den Mangel daran verzagen, verderben und ewiglich sterben.
Hierbei merke darauf, wie wir Christen reich sein und großen Vorrat an diesem Brot haben und so geübt und gelehret sein sollten, daß wir das Wort Gottes täglich in allen Anfechtungen zur Hand bereit hätten, uns selbst und andere Leute damit zu stärken, wie wir denn in den Briefen und Schriften der lieben heiligen Väter sehen, daß sie (das) getan haben. Aber es ist unsere Schuld. Wir bitten Gott nicht darum, so haben wir auch nichts. Darum müssen wir auch ungelehrte Bischöfe, Pfaffen, Mönche haben, die uns nichts geben können; so fahren wir dann zu und machen das Übel ärger und hassen, verdächtigen und verachten sie. Siehe, dahin führet uns Gottes Zorn. Darum sollte man dies Gebet recht ansehen. Denn darinnen lehret uns Gott für alle geistlichen Würdenträger bitten, besonders für die, die uns das Gotteswort geben sollen. Denn es wird ihnen nicht gegeben, wir seien denn seiner würdig und bäten Gott darum. Darum, wenn du ungelehrte und ungeschickte Bischöfe, Pfaffen oder Mönche siehest, so solltest du nicht fluchen, richten oder in Verruf tun, sondern sie nicht anders ansehen als eine grausame Plage Gottes, mit der er dich und uns alle straft, deshalb weil wir das Vaterunser nicht gebetet und Gott um unser täglich Brot nicht ersucht haben. Denn wenn wir das Vaterunser und um unser täglich Brot recht beteten, so würde uns Gott wohl erhören und fein geschickte, gelehrte Geistliche geben. Die Schuld ist viel mehr unser als ihrer. Aber nun findet man Menschen, die Gott sehr plagt und verstockt, daß sie nicht allein die ungelehrte Priesterschaft nicht als eine Plage erkennen, sondern auch eine Lust daran haben, sie zu verachten, und ihren Spott mit solcher gewaltigen Gottesplage treiben, obwohl sie doch Blutstropfen weinen sollten, wenn sie könnten, daß Gott uns eine solche ernste, schwere Plage zufüget. Denn das sollst du wissen, daß Gott die Welt noch nie schwerer gestraft hat als mit blinden, ungelehrten Regenten, durch welche das Wort Gottes und unser Brot unterbleiben muß und wir verderben. Laß Türken Türken sein, diese Plage ist größer; weh uns, daß wir sie nicht erkennen und Abbitte für sie tun. Umgekehrt ist Gott der Welt nie gnädiger gewesen, als wenn er gelehrte und sehende Geistliche gegeben hat, durch welche sein Wort in großen Vorrat und in täglichen Gebrauch gebracht ist. Denn die Christenheit und eine jegliche Christenseele ist geboren in und durch das Wort Gottes. Darum muß sie auch durch dasselbe ernähret, erhalten und beschützt werden, oder muß viel kläglicher verderben als der Leib verdirbt, wenn er seines Brotes nicht gebraucht.


Das dritte Wörtlein heißet »Brot«

Das heilige Wort Gottes hat viele Namen in der Schrift um seiner unzähligen Tugenden und Werke willen. Denn es ist fürwahr alles und allmächtig. Es heißt ein geistlich Schwert, daß man dem Teufel und allen geistlichen Feinden damit widerstreitet (Eph. 6, 17). Es heißt ein Licht (Ps. 119, 105), ein Morgenregen, ein Abendregen (Jak. 5, 7), ein himmlischer Tau (Hos. 6, 4), Gold, Silber (Ps. 119, 72), Arznei, Kleider, Schmuck und viel dergleichen. So heißt es auch ein Brot, deshalb weil die Seele davon gespeiset, gestärket, groß und fett wird. Und man soll nicht allein das bloße Brot darunter verstehen; denn ebenso wie die Schrift mit dem »leiblichen Brot« alle Speisen des Leibes bezeichnet, wie kostbar sie (auch) seien, so auch mit dem »geistlichen Brot« all die Speisen der Seelen, die ganz unzählig sind. Denn mancherlei Seelen sind auf Erden, und eine jegliche besonders hat nicht allezeit einerlei Bedürfnisse und Anlage, und doch gibt das Wort Gottes allen und einem jeglichen Bedürfnis überschwenglich satt. Denn wenn aller Könige Speisen, die je gewesen sind und sein mögen, auf einem Haufen wären, so könnten sie dem geringsten Wort Gottes nicht auch (nur ein) wenig verglichen werden. Darum nennet es der Herr Christus im Evangelium einen königlichen Hausstand usw. (Matth. 22, 2 ff.) und durch Jesaja (25, 6) ein köstlich, erlesen und prächtig Mahl.


Was ist nun das Brot oder Wort Gottes?

Das Brot, das Wort und die Speise ist niemand als Jesus Christus, unser Herr selbst, wie er Joh. 6, 51 sagt: »Ich bin das lebendige Brot, das vom Himmel herabgestiegen ist, daß es die Welt lebendig mache«. Darum lasse sich niemand durch Worte oder den Schein irremachen. Alle Predigt und Lehre, die uns nicht Jesus Christus bringen und vor Augen stellen, die sind nicht das tägliche Brot und Nahrung unserer Seelen. Sie können auch nicht in irgendeiner Not oder Anfechtung helfen.

[Martin Luther: Deutsche Auslegung des Vaterunsers für die einfältigen Laien (1519). Zeno.org: Martin Luther: Werke, S. 3449-3455
Es muß alles erst einmal an Gott vorüber, bevor es mich treffen kann. (Helmut Thielicke)

Jörg
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Beitragvon Jörg » 20.09.2012 03:32

Deutsche Auslegung des Vaterunsers für die einfältigen Laien (1519)

Die vierte Bitte

Unser täglich Brot gib uns heute

Das vierte Wörtlein heißt »gib«

Das Brot Jesus Christus kann niemand von (und durch) sich selber haben, weder durch Studieren, noch Hören, noch Fragen, noch Suchen. Denn Christus zu erkennen sind alle Bücher zu wenig, alle Lehrer zu gering, alle Vernunft zu stumpf. Allein der Vater selbst muß ihn offenbaren und uns geben, wie er Joh. 6, 44 sagt: »Niemand kommt zu mir, es sei denn, daß ihn ziehe der Vater, der mich gesandt hat«, ebenso 6, 65: »Es kann mich niemand aufnehmen oder verstehen, es werde ihm denn gegeben vom Vater«, ferner 6, 45: »Ein jeglicher, der mich höret vom Vater, der kommt zu mir«. Darum lehret er uns, daß wir um dasselbe Brot bitten sollen: »gib uns heute«.

Nun wird Christus, unser Brot, uns auf zweierlei Weise gegeben: zum ersten äußerlich durch Menschen, wie durch die Priester und Lehrer. Und das geschieht auch auf zweierlei Weise, einmal durch Worte, zum andern im Altarsakrament. Davon wäre viel zu sagen. In Kürze: es ist eine große Gnade, wo Gott gibt, daß man Christus prediget und lehret, obwohl es an allen Orten (so) sein sollte: nichts anderes als Christi Predigt und nur dieses »tägliche Brot« austeilen. In dem Sakrament empfängt man Christus; aber das wäre ganz umsonst, wenn man ihn nicht daneben zuteilte und anrichtete mit dem Wort. Denn das Wort bringt Christus ins Volk und macht ihn in ihren Herzen bekannt, was sie aus dem Sakrament nimmermehr verständen. Darum ist es ein schlimmes Wesen zu unseren Zeiten, daß man viel Messen hält und nur zum Messestiften eilet, und leider das Vornehmste, weshalb die Messen eingesetzt sind, unterbleibt, das ist die Predigt; wie Christus sagt und gebietet (1. Kor. 11, 25): »So oft ihr das tut, so sollt ihr es zu meinem Gedenken tun.« Und wenn man schon predigt, so ist die Messe (zwar) von Christus, aber die Predigt von Dietrich von Bern oder sonst einer Fabel. So plagt uns Gott, weil wir nicht ums tägliche Brot bitten, und (so) kommt zuletzt das hochwürdige Sakrament nicht allein in einen vergeblichen, unfruchtbaren Gebrauch, sondern auch in Verachtung. Denn was hilfts, daß er da ist und uns ein Brot bereitet ist, wenn es uns doch nicht gegeben wird und wir sein nicht genießen können? Das geht ebenso zu, als wenn ein köstlich Mahl bereitet wäre und niemand wäre, der das Brot austeilte, die Speisen brächte oder zu Trinken einschenkte; da können sie von dem Geruch oder Ansehen satt werden. Darum sollte man von Christus allein predigen, alle Dinge auf ihn beziehen und ihn in allen Schriften kundtun: wozu er gekommen sei, was er uns gebracht hat, wie wir an ihn glauben und uns gegen ihn verhalten sollen, auf daß das Volk Christus so durch das Wort fassen und erkennen könnte und nicht so leer von der Messe käme, daß sie weder Christus noch sich selbst erkennen.

Zum zweiten (wird uns Christus gegeben) innerlich, durch Gottes eigenes Lehren. Und das muß bei dem äußerlichen (Lehren) sein, oder das äußerliche (Lehren) ist auch umsonst. Wenn aber das äußerliche (Lehren) recht gehet, so bleibt das innerliche nicht aus. Denn Gott läßt sein Wort nimmermehr ohne Frucht ausgehen. Er ist dabei und lehret innerlich selbst, was er äußerlich durch den Priester gibt, wie er durch Jesaja (55, 11) sagt: »Mein Wort, das von meinem Munde ausgehet, wird nicht leer wiederkommen, sondern wie der Regen die Erde begießt und fruchtbar macht, so wird mein Wort vor sich gehen und alles ausrichten, wozu ichs aussende.« Daraus werden rechte Christen, die Christus erkennen und merkbar schmecken.

Sagst du: Was ist denn »Christus erkennen«, oder was bringt es? Antwort: Christus lernen und erkennen ist, wenn du verstehst, was der Apostel 1. Kor. 1, 30 sagt: »Christus ist uns von Gott gegeben, daß er uns eine Weisheit, Gerechtigkeit, Heiligkeit, Erlösung sein soll.« Das verstehst du dann, wenn du erkennest, daß alle deine Weisheit eine verdammliche Torheit, deine Gerechtigkeit eine verdammliche Ungerechtigkeit, deine Erlösung eine elende Verdammung ist, und so findest, daß du vor Gott und allen Kreaturen billig ein Narr, Sünder, (ein) unreiner, verdammter Mensch seiest, und das nicht mit Worten zeigest, sondern aus ganzem Herzen, auch mit Werken, daß dir kein Trost und Heil bleibe, als daß Christus dir von Gott gegeben ist; an welchen du glauben und so sein genießen sollst, daß seine Gerechtigkeit allein dich erhalte, deshalb weil du sie anrufst und dich darauf verläßt. Der Glaube ist nichts andres als dies Brot essen, wie er Joh. 6, 32 sagt: »Mein Vater gibt euch das wahre Brot vom Himmel.«

Sagest du (nun): Wer weiß das nicht, daß wir Sünder und nichts sind (und) allein durch Christus erhalten werden? Antwort: Es ist eine große Gnade, daß man das wisse und das so mit äußerlichen Worten reden und hören könne. Aber wenig sind ihrer, die es verstehen und mit dem Herzen sagen. Das beweist die Erfahrung. Denn wenn man sie verachtet als die Narren oder Sünder, so mögen sies nicht leiden und finden behend eine Weisheit und Frömmigkeit außerhalb Christi, die ihnen eigen ist. Besonders aber, wenn sie das Gewissen zeitlich oder im Sterben tadelt, so wissen sie nicht mehr, daß Christus ihre Gerechtigkeit ist, und suchen hin und her, wie sie ihr Gewissen mit ihren guten Werken trösten oder stärken. Wenn das aber dann nicht hilft – wie es nicht helfen kann -, so verzweifeln sie. Siehe, davon wäre viel zu sagen und alle Predigten sollten die(se) Dinge behandeln. Denn wenn man Christus so predigt und das liebe Brot so austeilet, so fassen es die Seelen und üben sich damit in ihren Leiden, die göttlicher Wille ihnen zufügt. Darum werden sie dadurch stark und voll Glaubens, daß sie hinfort (nicht) ihre Sünde, ihr Gewissen, weder Teufel noch Tod fürchten. Nun siehst du, wie es sich mit diesem täglichen Brot verhält: daß Christus wahrhaftig dies Brot ist. Aber er ist dir nichts nütze, kannst sein auch nicht genießen, Gott mache ihn denn zu Worten, daß du ihn hören und so erkennen kannst. Denn daß er im Himmel sitzt oder unter des Brots Gestalt ist, was hilft dir das? Er muß ausgeteilet, angerichtet und zu Worten werden durch das innerliche und äußerliche Wort; sieh, das ist dann wahrhaftig Gottes Wort. Christus ist das Brot, Gottes Wort ist das Brot, und (beide sind) doch ein Ding, ein Brot. Denn er ist in dem Wort und das Wort in ihm, und an dasselbe Wort glauben, das heißt das Brot essen, und wem Gott das gibt, der lebet ewiglich.

Das fünfte Wörtlein heißt »uns«

Hier wird ein jeglicher Mensch vermahnt, daß er sein Herz über die ganze Christenheit ausbreite und für sich und die ganze Versammlung aller Menschen bitte, besonders für die Geistlichen, die das Wort Gottes verwalten sollen. Denn gleichwie wir in den ersten drei Bitten die Dinge suchen, die Gott zugehören, daß er das Seine in uns bekomme, so bitten wir nun hier für die Christenheit. Unter allen Dingen aber ist nichts der Christenheit nötiger und nützlicher als das tägliche Brot, d.h. daß Gott gelehrte Geistliche machen und sein Wort in aller Welt predigen und hören lassen wollte. Denn wenn der priesterliche Stand und das Wort Gottes in rechtem Wesen stehet, so grünet und blühet die Christenheit. Das hat er uns auch zu bitten befohlen, als er (Matth. 9, 38) sprach: »Bittet den Hausvater, daß er Werkleute in seine Ernte sende« usw. Darum sollen wir nach der rechten Ordnung der Liebe am allermeisten für die Christenheit bitten; womit wir mehr tun, als (wenn wir) für uns selbst bitten. Denn wie Chrysostomus sagt: Wer für die ganze Christenheit betet, für den bittet die Christenheit wieder. Ja, eben darin bittet er mit der Christenheit für sich selbst. Und es ist kein gutes Gebet, wenn einer für sich allein bittet. Und gebe Gott, daß ich nicht irre, wenn ich mir die mancherlei Bruderschaften nicht aufs beste gefallen lasse, besonders die, welche so sehr auf sich selbst bezogen sind, als wollten sie allein gen Himmel fahren und uns dahinten lassen. Du aber bedenke und merke, daß Christus nicht umsonst gelehret hat, daß niemand beten soll: »mein Vater«, sondern »unser Vater«, nicht »mein täglich Brot gib mir heute«, sondern »unser täglich Brot gib uns heute«, und so fort: »unsere Schuld, uns, uns« usw. Er will die Gemeinde hören, nicht mich noch dich oder einen draußen laufenden abgesonderten Pharisäer. Darum singe mit der Gemeinde, so singest du gut, und wenn du auch übel singest, so gehet es doch mit der Menge hin. Singest du allein, so wirst du nicht ungerichtet bleiben.


Das sechste Wörtlein (heißt) »heute«

Das Wörtlein lehret, wie oben gesagt, daß Gottes Wort nicht in unsrer Gewalt ist. Darum muß alles falsche Vertrauen auf Verstand, Vernunft, Können und Weisheit dahinfallen. Denn in der Zeit der Anfechtungen muß uns Gott selbst (Trost) zusprechen und uns mit seinem Wort trösten und retten. Denn wenn schon (ein so) großer Vorrat der Schrift vorhanden wäre, daß einer auch die ganze Welt lehren könnte, solange er im Frieden ist: wenn Gott selbst nicht kommen, wenn die Stürme wehen, und sich uns inwendig durch sich allein oder durch einen Menschen sagt, so ist bald alles vergessen und gehet das Schifflein doch unter, wie in Ps. 107, 27 geschrieben stehet: »sie sind erschrocken und wanken wie die Trunkenen, wissen nicht wohin, alle ihre Weisheit ist verschlungen, so gar nichts wissen sie mehr«. Darum, dieweil wir denn hier (auf Erden) in Fährlichkeit leben und allezeit allerlei Leidens, auch der Todesnöte und der Hölle Pein gewärtig sein müssen, so müssen wir in Furcht stehen und bitten, daß Gott sein Wort nicht lange (auf)spare, sondern heute, jetzt und täglich bei (uns) und da sei, daß er uns unser Brot gebe, und wie Paulus Eph. 3, 16 sagt, mache, daß Christus in uns erscheine und in unserem inwendigen Menschen wohne. Deshalb (heißt es) nicht »morgen« oder »übermorgen«, gerade als wollten wir heute sicher sein und ohne Furcht stehen, sondern »heute«. Auch lehret sichs desto besser, daß man »heute« und nicht »morgen« sage, wenn sichs anhebt, daß Gottes Wille in uns geschehen will, und unser Wille mit Ängsten untergehet. Ja, er wollte dann wohl, daß das Brot nicht allein heute, sondern in dieser Stunde gegeben würde. Es bedeutet das Wörtlein »heute« in der Schrift auch dies ganze Leben auf Erden; das laß ich jetzt unerörtert.


Beschluß dieser Bitte

Die Meinung dieser Bitte ist nun: O himmlischer Vater, dieweil niemand deinen Willen leiden kann und wir zu schwach sind, daß wir das Töten unseres Willens und (des) alten Adams dulden, bitten wir, du wollest uns speisen, stärken und trösten mit deinem heiligen Wort und deine Gnade geben, daß wir das himmlische Brot Jesus Christus durch die ganze Welt predigen hören und von Herzen erkennen können, auf daß doch schädliche, ketzerische, irrige und alle menschlichen Lehren aufhören und so allein dein Wort, das wahrlich unser lebendiges Brot ist, ausgeteilet werde.

Bitten wir denn nicht auch um das leibliche Brot? Antwort: Ja, es kann sehr wohl auch das leibliche Brot hierunter verstanden werden, aber vornehmlich ist das geistliche Brot der Seele, Christus, (gemeint). Deshalb lehret er uns, daß wir nicht um leibliche Speise und Kleider besorgt sein, (sondern) allein auf (unsere) heutige Notdurft denken sollen; wie er denn Matth. 6, 34 sagt: »Laßt die Sorgen eines Tages genug sein und sorget nicht heute auch für das Morgen; denn das Morgen wird seine eigene Sorge bringen.« Und (es) wäre wohl eine gute Übung des Glaubens, (wenn jemand) Gott nur um heutiges Brot bitten lernte, weil er Gott danach in einem größeren (Stück) vertrauen könnte. Nicht, daß man nicht für zeitlich Gut oder Nahrung arbeiten solle, sondern daß man nicht besorgt sei, als könnten wir nicht gespeiset werden, wir sorgten denn und ängsteten uns. So geschähe die Arbeit mehr, (um) Gott darin zu dienen und Müßiggang zu meiden und seinem Gebote genugzutun, da er zu Adam sagt: »Im Schweiße deines Angesichts sollst du dein Brot essen« (1. Mose 3, 19), als daß man sorge und sich ängstige, wie wir ernährt werden. Denn Gott wird das wohl schaffen, wenn wir einfältig nach seinem Gebot (vor uns) hin arbeiten.

[Martin Luther: Deutsche Auslegung des Vaterunsers für die einfältigen Laien (1519). Zeno.org: Martin Luther: Werke, S. 3456-3465
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Beitragvon Jörg » 22.09.2012 04:17

Deutsche Auslegung des Vaterunsers für die einfältigen Laien (1519)

Die fünfte Bitte

Und vergib uns unsere Schuld, wie wir vergeben unsern Schuldigern

Wer glaubet, daß dies Gebet so viele Leute trifft und beschuldigt? Zum ersten: was wollen die großen Heiligen zu unsern Zeiten bitten, die sich da ganz fromm schätzen, besonders wenn sie gebeichtet haben, absolviert (sind) und genug getan haben und nun so leben, daß sie nicht für ihre Sünde bitten – (anders) als die alten rechten Heiligen (getan haben), von denen David Ps. 32, 6 sagt: »ein jeglicher Heiliger wird um Gnade bitten für seine Sünde« -, sondern nur große Verdienste sammeln und einen köstlichen Palast im Himmel ganz nahe bei Petrus bauen mit vielen guten Werken. Doch helf uns Gott, wir wollens versuchen, ob wir sie zu Sündern machen und unter unsere arme, sündliche Sippschaft zählen könnten; daß sie mit uns dies Gebet nicht allein vor der Beichte und Buße, sondern auch nach dem »großen Ablaß von Strafe und Schuld« beten lernen und nach aller Schuld Vergebung mit uns sagen: Herr, vergib uns unsere Schuld. Denn dieweil man vor Gott nicht lügen noch scherzen kann, so muß wahrlich, wahrlich eine ernste, ja viel ernstere Schuld da sein, die kein Ablaß aufgehoben hat oder aufheben kann. Deshalb werden Ablaß und dies Gebet nicht gut dasselbe sein. Ist alle Schuld durch den Ablaß dahin, so lösche das Gebet aus und bitte vor Gottes Augen nicht für falsche Schuld, (auf) daß du ihn nicht verspottest und für dich alles Unglück erlangest. Ist aber das Gebet wahr, so helfe Gott dem armen Ablaß, der noch solche große Schuld da lässet, daß Gott den Menschen billig deshalb verdammet, so er nicht um Gnade gebeten wird. Dennoch sage ich (hier) nicht zu viel, denn ich kenne die subtilen Glossen wohl, womit man der heiligen Schrift eine wächserne Nase zu machen pflegt.


Dies Gebet kann auf zweierlei Weise verstanden werden:

Zum ersten, daß uns Gott die Schuld heimlich vergibt und wir es nicht empfinden, gleichwie er vielen Menschen Schuld zurechnet und behält, die sie gar nicht empfinden oder achten.

Zum zweiten öffentlich und so, daß wir es empfinden, gleichwie er etlichen Schuld zurechnet, daß sie es empfinden, nämlich durch Strafe und Schrecken des Gewissens. Die erste Vergebung ist allezeit vonnöten, die zweite ist zuweilen vonnöten, daß der Mensch nicht verzage.

Was ist das?

Ich sage so: daß Gott vielen Menschen hold ist und (ihnen) alle Schuld von Herzen vergibt und ihnen doch davon nichts sagt, sondern mit ihnen auswendig und inwendig handelt, so daß (es) sie dünkt, sie hätten einen gar ungnädigen Gott, der sie zeitlich und ewiglich verdammen wolle; auswendig plagt er sie, inwendig erschreckt er sie. Deren einer war David, als er Ps. 6, 2 sprach: »Herr, strafe mich nicht in deinem Zorn.« Ebenso umgekehrt: etlichen behält er ihre Schuld heimlich und ist ihnen feind, sagt ihnen nichts davon, sondern handelt (so) mit ihnen, daß sie meinen, sie seien die lieben Kinder; auswendig ist ihnen wohl, inwendig sind sie fröhlich und des Himmels gewiß. Die stehen Ps. 10, 6 beschrieben: »Ich weiß, daß ich nimmermehr darniederliegen werde, ich werde ohne alles Unglück sein.« Ebenso läßt er zuweilen dem Gewissen einen Trost widerfahren und (es) eine fröhliche Zuversicht zu seiner Gnade fühlen, auf daß der Mensch dadurch gestärket werde, auch in der Zeit der Angst seines Gewissens zu Gott zu hoffen. Umgekehrt läßt er zuweilen ein Gewissen erschrecken und betrüben, auf daß der Mensch auch in der fröhlichen Zeit nicht der Furcht Gottes vergesse.

Die erste Vergebung ist uns bitter und schwer, aber sie ist die edelste und allerliebste. Die andere ist leichter, aber um so geringer. Alle beide zeigt der Herr Christus an Maria Magdalena (Luk. 7, 47 ff.). Die erste, da er ihr den Rücken kehrt und doch zu Simon sagt: »Ihr sind viele Sünden vergeben.« Da hatte sie noch nicht Frieden. Die andere, da er sich ihr zuwandte und sprach: »Dir sind deine Sünden erlassen, gehe hin in Frieden.« Da ward sie zufrieden. Also: die erste macht rein, die andere macht Friede. Die erste wirkt und bringt, die andere ruhet und empfängt. Und (es) ist ein ganz unermeßlicher Unterschied zwischen beiden. Die erste ist bloß im Glauben und verdienet viel, die andere ist im Fühlen und nimmt den Lohn ein. Die erste wird bei den hohen Menschen gebraucht, die andere bei den schwachen und anfangenden.

Nun wollen wir den allerkräftigsten Ablaßbrief sehen, der noch je auf Erden kam und noch dazu nicht um Geld verkauft, sondern jedermann umsonst gegeben (wird). Andere Lehrer legen uns die Genugtuung in den Beutel und den (Geld)kasten. Aber Christus legt sie in das Herz, daß sie nicht näher gelegt werden kann, so daß du nicht nach Rom noch nach Jerusalem noch nach St. Jakob noch hier oder dahin um Ablaß zu laufen brauchst. Der Arme kann ihn ebenso gut erwerben wie der Reiche, der Kranke wie der Gesunde, der Laie wie der Priester, der Knecht wie der Herr. Und der Ablaßbrief lautet auf deutsch so: »Wenn ihr euren Schuldigern vergebt, so wird euch mein Vater auch vergeben. Werdet ihr aber nicht vergeben, so wird euch mein Vater auch nicht vergeben« (Matth. 6, 14 f.). Dieser Brief, mit Christi Wunden selbst versiegelt und durch seinen Tod bestätigt, ist beinahe verblichen und ersetzt durch die großen Platzregen des römischen Ablasses.

Nun kann sich niemand entschuldigen, daß ihm seine Sünden nicht vergeben werden oder daß er (ein) schlechtes Gewissen behält. Denn Christus sagt nicht: Du sollst für deine Sünde so viel fasten, so viel beten, so viel geben, dies oder das tun, sondern: Willst du genugtun und deine Schuld bezahlen, deine Sünde auslöschen, so höre meinen Rat, ja mein Gebot; tu nicht mehr als gib nach und wandle dein Herz, daran dich niemand hindern kann, und sei dem hold, der dich beleidigt hat. Vergib du nur, so ist es alles recht. Warum predigt man solchen Ablaß nicht auch? Gilt Christi Wort, Rat und Verheißung nicht so viel wie die eines Traumpredigers? Fürwahr, solcher Ablaß würde nicht die St.-Peters-Kirche – die der Teufel gut leiden kann -, sondern die Kirche Christi – die der Teufel gar nicht leiden kann – erbauen. Denn Holz und Stein ficht ihn (den Teufel) nicht sehr an, aber fromme, einträchtige Herzen, die tun ihm das Herzeleid an. Deshalb will man diesen Ablaß nicht (einmal) umsonst (haben), jenes wird man trotz aller Kosten nicht satt. Nicht, daß ich den römischen Ablaß verwerfe, sondern ich wollte, daß ein jeglich Ding in seinen (ihm zukommenden) Würden gehalten werde, und wo man gut Gold umsonst haben kann, daß man Kupfer nicht für wertvoller halte als es das Gold ist; hüte dich nur vor der Farbe und dem Glänzen.

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Beitragvon Jörg » 24.09.2012 03:37

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Die fünfte Bitte

Und vergib uns unsere Schuld, wie wir vergeben unsern Schuldigern

Zweierlei Menschen können dies Gebet nicht beten und diesen großen Ablaß nicht erwerben. Die ersten (auf) sehr gröbliche (Weise), die (nämlich) ihre Schuld vergessen und ihres Nächsten Schuld so groß machen, daß sie auch unverschämt zu sagen wagen: Ich will und kann ihm das nimmer vergeben, ich kann ihm nimmer hold werden. Diese tragen den Balken, ja viele Balken in ihren Augen und sehen sie nicht; aber den kleinen Stecken oder die Rute in ihres Nächsten Auge können sie nicht vergessen. Das ist: ihre eigene Sünde, die sie wider Gott getan haben, achten sie nicht, und wägen (doch) die Schuld ihres Nächsten so schwer. (Sie) wollen, daß Gott ihnen die große Schuld erlasse, obwohl sie (selbst) die geringen nicht ungerächt lassen. Und wenn sie schon keine andere Sünde oder Schuld hätten, so wäre doch der Balken in ihren Augen groß genug, daß sie wider Gottes Gebot eben darin ungehorsam werden, daß sie nicht vergeben wollen (und) sich selbst rächen, was doch Gott allein zukommt. Er ist in seinem Recht und Gericht fürwahr ein wunderlicher Gott (darin), daß der größere Schuld hat, der nicht vergibt, als der, welcher den Schaden und das Leid angerichtet hat. Darum wird denselben dies Gebet zu einer Sünde; gleichwie Psalm 109, 7 sagt: Sein Gebet wird vor Gott eine Sünde sein, durch die sich der Mensch selbst verdammt und das Gesetz ganz umkehret. Womit er Gnade erlangen sollte, erwirbt er Ungnade. Denn was ist es anders gesagt, wenn du sprichst: Ich will nicht vergeben und stehst doch vor Gott mit deinem kostbaren Vaterunser und plapperst mit dem Munde: »Vergib uns unsre Schuld, wie wir vergeben unsern Schuldigern«, als so viel: O Gott, ich bin dein Schuldner, ich habe ebenso auch einen Schuldner. Ich will ihm nun nicht vergeben; so vergib du mir auch nicht. Ich will dir nicht gehorsam sein, ob du mir schon zu vergeben befiehlst. Ich will eher dich, deinen Himmel und alles fahrenlassen und ewig zum Teufel fahren? Sieh zu, du armer Mensch, ob du einen solchen Feind hast oder leiden möchtest, der dich so vor den Menschen verdammt, wie du dich selbst vor Gott und allen Heiligen mit deinem eigenen Gebet verdammst? Und was hat er dir getan? Einen zeitlichen Schaden. Ei, warum willst du dich dann wegen des kleinen zeitlichen Schadens selbst in einen ewigen Schaden führen? Sieh dich vor, o Mensch: nicht der, welcher dich betrübt, sondern du selbst, der du nicht vergibst, tust dir den rechten Schaden, den dir die ganze Welt nicht tun kann.

Die andern (welche dies Gebet nicht beten können,) sind subtiler. Sie werden von ihren Nächsten geistlich beleidigt, das ist: daß man ihnen nichts tut, als daß man ihnen in ihren Herzen mißfällt wegen ihrer großen Liebe zur Gerechtigkeit und Weisheit, wie sie träumen, denn Sünde und Torheit können die zarten und feinen Heiligen nicht leiden. Und das sind die, welche in der Schrift Schlangen und giftige Würmer genannt werden, die so sehr blind sind, daß sie niemals erfahren und daß man sie auch nicht davon überzeugen kann – wie bei den ersten und groben geschehen kann -, daß sie die sind, die ihrem Nächsten nicht vergeben, ja das als Verdienst und gute Werke erachten, daß sie ihrem Nächsten feind sind. Die erkennt man daran, daß sie alles, was ein anderer tut, bereden, richten, urteilen und nicht stille schweigen, solange sie etwas von ihrem Nächsten wissen. Die nennt man auf deutsch Afterredner, auf griechisch Teufel, auf lateinisch Schmäher, auf hebräisch Satanas. Kurz (gesagt) diese verdammte Rotte, die jedermann verdächtigt, verachtet, verdammt, und doch alles unter dem Schein des Guten, diese teuflische, höllische, verdammte Plage regiert jetzt leider in der Christenheit greulicher als je eine Pestilenz und vergiftet beinahe alle Zungen, und – das sei Gott geklagt – man verhütet weder noch beachtet dieses Elend. Das sind die: wenn jemand etwas Übles tut, der findet nicht allein keine Gnade bei ihnen, daß sie für ihn, wie es Christen gebührt, beten, ihn gütlich unterrichten, brüderlich strafen. Sondern, wo nur ein Übeltäter nach göttlichem und weltlichem Recht einen Richter, ein Gericht, eine Anklage erleidet, da muß man von diesen vergifteten, höllischen Zungen so viel Richter, Gerichte, Anklagen erleiden, so viel Ohren ihnen begegnen, und wenn ihnen auch des Tages tausend begegneten. Siehe, das sind die elenden Heiligen, die ihres Nächsten Schuld nicht vergeben noch vergessen können, und ihre Art ist, daß sie niemals einem Menschen von Herzen hold sind, auf daß sie ja würdig werden, daß ihnen Gott auch nicht allein die Schuld nicht erlasse, sondern auch die Ungnade erzeige, daß er sie ihre Schuld niemals erkennen lasse. Danach tarnen sie sich und sagen: ich rede das nicht ihm zum Schaden noch in böser Absicht, ich gönne ihm alles Gute. Siehe da, wie weiche Haare hat das Kätzlein, wer dächte, daß so scharfe Klauen und Zungen in der glatten Haut stecken? O du Gleißner und falscher Mensch, wenn du sein Freund wärest, so würdest du schweigen und nicht mit solcher Lust und Wohlgefallen deines Nächsten Unglück ausbreiten; vielmehr würdest du dein verdammtes Mißfallen in
Jammer und Barmherzigkeit wandeln, ihn zu entschuldigen, zu decken und andere zum Schweigen zu bringen, für ihn (zu) Gott bitten, ihn brüderlich warnen und ihm aufstehen helfen, zuletzt (daraus) auch eine Erinnerung und Ermahnung empfangen, deiner eigenen Gerechtigkeit mit Furcht zu gedenken, wie Paulus 1. Kor. 10, 12 sagt: »Wer da stehet, der sehe zu, daß er nicht falle«, und sagen: Dieser gestern, heut ist es an mir.

Denke auch (daran): wie würde es dir gefallen, wenn Gott umgekehrt dir nach dem Wortlaut dieses Gebets so täte, wie du deinem Nächsten tust, und hielte dir deine Sünde vor und breitete sie vor aller Welt aus: Oder wie wolltest du leiden, daß ein anderer auch deine Bosheit so ausriefe? Du wolltest ohne Zweifel, daß jedermann stillschwiege, dich entschuldigte, dich deckte und für dich betete. Nun (aber) handelst du wider die Natur und ihr Gesetz, das da spricht: Was du willst, daß man dir tu, das tu du auch dem andern.

Und denke nur nicht, daß einem Nachredner, Verleumder, frevelhaften Richter seine Sünde vergeben werde, weder die kleinste noch die größte, ja daß er ein einziges gutes Werk tun könne, er lasse denn und wandle seine böse Zunge. Denn so sagt Jak. 1, 26: »Wer sich dünken läßt, daß er ein frommer Christenmensch sei, und hält seine Zunge nicht im Zaum, des Frömmigkeit ist nichts.« Willst du aber durchaus etwas für die Sünde deines Nächsten tun, so halte die edle, köstliche, goldene Regel Christi, da er Matth. 18, 15 sagt: »So dein Bruder etwas sündiget, das dir widerstrebt, so gehe hin und strafe ihn zwischen dir und ihm allein.« O merke: sag es nicht andern Menschen, sondern du und er allein (sollen davon wissen), als wollte er sagen: willst du es ihm nicht unter vier Augen sagen, so halte deinen Mund und laß dirs im Herzen begraben sein. Denn es wird dir ja der Bauch davon nicht bersten, wie Sir. 19, 10 sagt. O, wer sich des edlen Werkes befleißigte, wie leicht könnte der seine Sünden büßen, wenn er schon sonst nicht viel täte! Denn wenn umgekehrt er sündiget, so wird Gott sagen: Ei, dieser hat seinem Nächsten seine Schuld bedeckt und vergeben. Tretet herzu, alle Kreaturen, und deckt (sie) ihm wieder zu, und seine Sünde soll ihm auch nimmer zum Vorwurf gemacht werden. Aber jetzt sucht man auf alle Wege und Weise Genugtuung und Buße für die Sünde und (wir) sehen noch hören unser täglich Gebet nicht, daß Sünde büßen, Ablaß erwerben aufs allerbeste sei: unsern Schuldigern vergeben. In solche Vergeßlichkeit und Unachtsamkeit führen uns das große Gepränge der Ablässe und die Ängste vor den Auflagen (durch den Priester) in der Beichte. So kommen sie (die Nachredner) dann aber und malen sich den Teufel über die Tür, waschen sich weiß und sagen: Ei, es ist doch wahr, warum sollt ichs nicht sagen, wenn es so ist? Ich hab es gesehen und weiß es fürwahr. Antwort: (Ebenso) ist es doch auch wahr, daß du gesündigt hast. Warum sagst du dann nicht auch deine Bosheit, wenn dir alle Wahrheit zu sagen befohlen ist? Willst du aber von deiner schweigen, so tue nach (dem) natürlichen Gesetz auch einem andern dasselbe. Ferner, wenn es schon auch wahr ist, (was du sagst), so tust du doch nichts bessres als die Verräter und Blutverkäufer; denn die reden oft allzu wahr von manchem armen Mann. Ferner handelst du außerdem wider die Regel Christi, die dir verbietet, du sollst es nicht sagen, außer ihm allein (Matth. 18, 15 ff.). Es wäre denn, daß er dich nicht hören wollte, so sollst du zwei zu dir nehmen und es ihm noch einmal sagen. Und wenn er dich noch nicht hörte, sollst du ihn mit denselben Zeugen vor der ganzen Gemeinde verklagen. Aber die Regel ist nun erloschen. Dann gehet es auch, wie es denen gehen muß, die Gottes Wort vernachlässigen.

Das weitläufige Laster der Nachrede und des Achtens auf fremde Sünde ist fast die unseligste Sünde auf Erden. Denn alle anderen Sünden beflecken und verderben allein den, der sie tut. Nur der elende, verdammte Schwätzer, der muß mit fremden Sünden beschmutzt und verderbt werden. Das merke dir daraus: je größer und mehr Lust und Gefallen an der Sünde ist, desto größer ist die Sünde. Wenn aber der Schuldige selbst um getaner Sünde willen sich selbst gar oft unrecht gibt, sich schmähet und (selbst) straft, wollte, daß niemand (sie) wüßte und dadurch die Sünde sehr verringert hat, dann kommt der Schwätzer und fällt in diesen Kot wie ein Schwein, frißt ihn dazu, wälzet sich drinnen, wollte nicht, daß sie (die Sünde) nicht geschehen wäre; denn er hat Freude, davon zu reden, darüber zu richten und zu lachen. Deshalb habe ich gesagt, daß, wer da gerne schwätzet und afterredet, der ist keinem Menschen hold, ja er ist ein allgemeiner Feind der menschlichen Natur, gleich wie der Teufel. Denn er hat nichts lieber, als daß er Sünde und Schande der Menschen hören, sagen und behandeln könne und sich ihres Übels freuet. Wer aber das gerne hat und liebt, der kann den Menschen fürwahr nichts Gutes gönnen, sondern (nur) alles Unglück; das wird ihm auch zuletzt wieder zum Lohn werden.

Uns zu warnen, sollen wir deshalb lernen, daß ein jeglicher Mensch vor Gott ein Sünder ist, und er umgekehrt einen Sünder oder Schuldiger sich gegenüber hat.
Zum ersten sind wir Sünder in groben, bösen Stücken; denn wenige sind, die nicht in große, schwere Stücke gefallen sind. Wenn aber nun gleich ein Mensch so fromm wäre, daß er noch nie in großen Stücken gefallen wäre, so tut er dem göttlichen Gebot doch allezeit deshalb zu wenig, weil er von andern Menschen viel Gnade empfangen und doch nie so viel getan hat, daß er für eine geringste Gabe nach Gebühr gedankt und bezahlet hätte. Er kann Gott nicht genug für den täglichen Rock oder Mantel danken, geschweige denn für das Leben, Gesundheit, Ehre, Gut, Freunde, Vernunft und unzählige Wohltat Gottes. Wenn Gott mit ihm rechten sollte, würde es deshalb gehen, wie Hiob 9, 3 sagt, daß er auf tausend nicht eins antworten könnte und froh würde, wenn er einen gnädigen Richter erbitten könnte. So sagt auch David: »Herr, komm nicht mit deinem Diener ins Gericht; denn vor dir wird kein Mensch recht erfunden, der da lebt« (Ps. 143, 2). Auch deshalb (ist es so), weil kein Mensch so fromm ist, der nicht noch in sich des alten Adams Geschmack und Überrest habe, um welches willen ihn Gott billig verwerfen könnte. Darum erhält die in Gnaden leben allein auch die Demut. Ihnen wird ihre Schuld nicht zugerechnet, deshalb weil sie sie bedenken, um Gnade bitten und ihren Schuldnern vergeben.

Zum andern haben wir auch Schuldiger. Denn Gott ordnet es immer so, daß uns jemand Schaden an Gut, an Ehre tut, oder was das ist, auf daß er uns Ursache gebe, unsere Sünde zu büßen und unsern Schuldnern zu vergeben. Und wenn nun schon jemand nicht große Stücke von einem andern leiden muß – was doch kein gutes Zeichen ist -, so findet er doch in sich eine Unlust gegen etliche, gegen die er argwöhnisch ist und Verdruß trägt, so daß es, kurz gesagt, wahr ist, wie Augustin sagt: Ein jeglicher Mensch ist Gott schuldig und hat wieder einen Schuldner. Hat er (ihn) aber nicht, so ist er gewiß blind und siehet sich nicht recht an.

Nun sieh, was dies elende Leben für ein Wesen ist, da keine Speise, Trost, Stärkung der Seele ist, wie das vorangegangene Gebet ausweist. Dazu (ist es) ein sündlicher Stand, darinnen wir billig verdammt würden, wenn uns dies Gebet nicht durch reine Gnade und Barmherzigkeit Gottes erhielte. So macht uns das Vaterunser das Leben ganz zu Sünden und zu Schanden, auf daß wir sein müde und überdrüssig werden. Nun sieh, du Schwätzer, richte dich selbst, rede von dir. Siehe an, wer du bist, greif in deinen Busen, so wirst du deines Nächsten Übel wohl vergessen. Denn du hast von deinem eigenen beide Hände voll, ja über und über voll.

[Martin Luther: Deutsche Auslegung des Vaterunsers für die einfältigen Laien (1519). Zeno.org: Martin Luther: Werke, S. 3471-3480
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Jörg
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Beitragvon Jörg » 26.09.2012 03:48

Deutsche Auslegung des Vaterunsers für die einfältigen Laien (1519)

Die sechste Bitte

Und nicht führe uns in Versuchung oder Anfechtungen

Wenn das Wörtlein »Versuchung« nicht so allgemein (in Gebrauch) wäre, wäre es viel besser und wäre es klarer, so zu reden: Und führe uns nicht in Anfechtungen.
In diesem Gebet lernen wir aber, ein wie elend Leben (es) auf Erden sei. Denn es ist eine bloße Anfechtung, und wer sich hier Friede und Sicherheit sucht, handelt unweise. Er kann es auch nimmer dazu bringen. Und wenn wir es alle begehrten, wäre es doch umsonst: es ist ein Leben der Anfechtung und bleibt so. Darum sagen wir nicht: Nimm die Anfechtung von mir, sondern: Führe uns nicht hinein, als hieße es: Wir sind hinten und vorne von Anfechtungen umgeben und können uns derselben nicht entschlagen; aber, o unser Vater, hilf uns, daß wir nicht hineinfahren, das ist, daß wir nicht drein willigen und so überwunden unterdrückt werden. Denn wer drein willigt, der sündigt und wird der Sünden Gefangener, wie Paulus Röm. 7, 23 sagt.

So ist dies Leben, wie Hiob 7, 1 sagt, nichts anderes als ein Streit und steter Hader wider die Sünde. Und der Drache, der Teufel ficht uns stets an und befleißigt sich, uns mit seinem Rachen zu verschlingen, wie 1. Petr. 5, 8 sagt: »O ihr lieben Brüder, seid nüchtern und wachet. Denn euer Widersacher, der Teufel, geht umher wie ein grimmiger Löwe und sucht, ob er jemanden könne verschlingen.« Seht, unser lieber Vater und getreuer Bischof Petrus sagt: unser Feind sucht uns, und nicht (nur) an einem Ort, sondern an allen Enden rings umher, das heißt: alle unsere Glieder und Sinnen reizet, bewegt, hindert er inwendig mit bösem Eingeben, auswendig mit bösen Bildern, Worten und Werken, durch Menschen und alle Kreaturen, zu Unkeuschheit, Zorn, Hoffart, Geiz und dergleichen, gebraucht alle List und Bosheit, damit er den Menschen zur Einwilligung (in das Böse) führe. Und wenn man das fühlet, soll man schnell die Augen zu Gott aufheben: O Gott Vater, sieh, wie werde ich bewegt, gereizt zu dem und jenem Laster und an dem und jenem guten Werk verhindert. Wehre, lieber Vater, und hilf mir, laß mich nicht unterliegen und einwilligen. O, wer diese Bitte recht gebrauchte und übte, wie selig wäre der! Denn viele sind, die nicht wissen, daß sie angefochten werden oder was sie in der Anfechtung tun sollen.

Was ist Anfechtung?

Zweierlei Anfechtung (gibt es): eine auf der linken Seite, das ist, die zu Zorn, Haß, Bitterkeit, Unlust, Ungeduld reizet, als da sind Krankheit, Armut, Unehre und alles, was einem wehe tut, besonders, wenn einem sein Wille, Vornehmen, Gutdünken, Ratschlag, Wort und Werk verworfen und verachtet wird. Denn diese Dinge sind in diesem Leben geläufig und täglich, und Gott verhänget solches durch böse Menschen oder (den) Teufel. Wenn man dann diese Bewegung fühlet, so soll man weise sein und sichs nicht wundern lassen – denn es ist die Art dieses Lebens -, sondern das Gebet hervornehmen und das rechte Korn zählen und sprechen: O Vater, das ist gewiß eine über mich verhängte Anfechtung; hilf, daß sie mich nicht verführe und anfechte.

In dieser Anfechtung kann man auf zweierlei Weise zum Narren werden. Zum ersten, wenn man sagt: Fürwahr, ich wollte wohl fromm sein und nicht zürnen, wenn ich Frieden hätte. Und etliche lassen unserm Herrgott und seinen Heiligen keine Ruhe, er nehme denn die Anfechtung von ihnen. Diesem muß er das Bein gesund machen, den reich machen, dem soll er Recht (werden) lassen, und tun, was sie auch durch sich selbst und andere könnten, um sich herauszuwürgen. Und so bleiben sie faule, ja feldflüchtige, arme Ritter, die nicht angefochten sein noch streiten wollen. Darum werden sie auch nicht gekrönt, ja sie fallen in die andere Anfechtung zur rechten Seite, wie wir hören werden. Aber wenn es recht geht, so soll es so sein, daß er nicht (an der Anfechtung) vorüberkomme und die Anfechtung nicht beseitigt werde, sondern daß er sie ritterlich überwinde. Von diesen sagt Hiob 7, 1: »Des Menschen Leben ist ein Streit oder Anfechtung.«

Die andern, welche die Anfechtung nicht überwinden, von denen sie auch nicht genommen wird, die fahren einher in Zorn, Haß, Ungeduld, geben sich frei dem Teufel (zu eigen), vollbringen (seine) Worte und Werke, werden Mörder, Räuber, Lästerer, Schwörer, Afterredner, und richten alles Unglück an. Denn die Anfechtung hat sie überwunden, und sie folgen allem bösen Willen. Der Teufel ist ihrer ganz mächtig und sie sind seine Gefangenen, rufen weder Gott noch seine Heiligen an. Dieweil aber unser Leben von Gott selber eine Anfechtung genannt wird und es so sein muß, daß wir Anstoß an Leib, Gut und Ehre haben, und uns Ungerechtigkeit widerfahren muß, so sollen wir dessen fröhlich erwarten und es weise empfangen, sprechend: Ei, das ist des Lebens Eigenschaft, was soll ich daraus machen? Es ist eine Anfechtung und bleibt eine Anfechtung, es soll nicht anders sein; hilf, Gott, daß michs nicht bewege und umwerfe. Sieh, so kann niemand der Anfechtung überhoben sein. Man kann sich aber gut wehren und dem allen mit Gebet und Anrufung der Hilfe Gottes steuern. So liest man, daß ein junger Bruder seiner Gedanken los zu werden begehrte. Da sprach der alte Pater: Lieber Bruder, daß dir die Vögel in der Luft über dem Haupte hinfliegen, (dem) kannst du nicht wehren; wohl aber kannst du (dem) wehren, daß sie dir in den Haaren ein Nest machen. So können wir uns, wie Augustin sagt, der Anstöße und Anfechtungen nicht erwehren; daß sie uns aber überwinden, (dem) kann man mit Beten und Anrufen göttlicher Hilfe wohl wehren.

Die andere Anfechtung auf der rechten Seite, das ist die, welche zu Unkeuschheit, Wollust, Hoffart, Geiz und eitler Ehre reizt, und allem, was wohl tut, sonderlich wenn man einem seinen Willen läßt, sein Wort, Rat und Tat lobt, ihn ehret und viel von ihm hält. Diese ist die allerschädlichste Anfechtung und wird die Zeit des Endchrists (Antichrists) zugeeignet, so, wie David Ps. 91, 7 sagt: »Wo ihrer tausend zu deiner linken Seite fallen, da fallen ihrer wohl zehntausend zu deiner rechten Seite.« Und jetzt hat sie überhandgenommen. Denn die Welt strebt nur nach Gut, Ehre und Wollust, und besonders die Jugend lernet jetzt nicht, wider die fleischliche Lust und Anfechtung zu streiten. (Die Menschen) geraten dahin, dass es hinfort nicht mehr Schande ist, sondern alle Welt voll ist von Fabeln und Liedlein von Buhlerei und Hurerei, als sei es wohlgetan. Das ist alles der grausame Zorn Gottes, der die Welt so in Versuchung geraten läßt, deshalb weil niemand ihn anruft. Es ist wohl eine schwere Anfechtung für einen jungen Menschen, wenn ihm der Teufel in sein Fleisch bläst, Mark und Gebein und alle Glieder anzündet, dazu von außen mit Gesichtern, Gebärden, Tänzen, Kleidern, Worten und hübsch gebildeten Weibern oder Männern reizet, wie Hiob 41, 12 sagt: »Sein Atem macht die Kohlen glühend.« Die Welt ist jetzt ganz unsinnig mit Reizung durch Kleider und Schmuck. Aber doch ist es nicht unmöglich, (das) zu überwinden, für den, der sich gewöhnet, Gott anzurufen und dies Gebet zu sprechen: »Vater, führe uns nicht in die Anfechtungen.« Ebenso ist nun zu tun in (den) Anfechtungen der Hoffart, wenn jemand gelobt oder geehret wird und (ihm) groß Gut zufällt oder andere weltliche Lust usw.

Warum läßt denn Gott den Menschen so zur Sünde anfechten? Antwort: damit der Mensch sich und Gott erkennen lerne; sich zu erkennen, daß er nichts vermag als sündigen und übel tun, Gott zu erkennen, daß Gottes Gnade stärker sei als alle Kreaturen, und (er) so lerne, sich zu verachten und Gottes Gnade zu loben und zu preisen. Denn es hat (Menschen) gegeben,die der Unkeuschheit mit ihren Kräften, mit Fasten und sich Abmühen haben widerstehen wollen und ihren Leib darüber zerbrochen und dennoch nichts ausgerichtet haben. Denn die böse Lust löschet niemand, außer der himmlische Tau und Regen der göttlichen Gnade. Fasten aber und sich Abmühen, Wachen müssen dabei sein; sind aber nicht genug.


Beschluß

Wenn uns nun Gott die Schuld vergeben hat, so ist nichts so sehr zu beachten wie, daß man nicht wiederum falle. Weil denn, wie David sagt (Psalm 104, 25), in dem großen Meer dieser Welt viel Gewürm ist, das ist viel Anfechtung und Anstoß, die uns wieder schuldig machen wollen, ist uns vonnöten, daß wir ohne Unterlaß im Herzen sprechen: Vater, führe uns nicht in Anfechtung. Nicht begehre ich, aller Anfechtung ledig zu sein, denn das wäre erschrecklich und ärger als zehn Anfechtungen, wie die Anfechtung zu der rechten Hand ist, sondern daß ich nicht falle und wider meinen Nächsten oder dich sündige. So sagt Jak. 1, 2: »O Brüder, wenn euch viel Anfechtungen treffen, sollt ihr das für große Freude achten.« Weshalb? Denn sie üben den Menschen und machen ihn in der Demut und Geduld vollkommen und Gott angenehm als die allerliebsten Kinder. Selig, welchen solches zu Herzen gehet. Denn leider sucht jetzt jedermann in seinem Leben Ruhe, Friede, Lust, Sicherheit. Darum nahet sich des Endchrists Regiment, wenn anders es nicht bereits hier ist.

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Jörg
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Beitragvon Jörg » 28.09.2012 03:35

Deutsche Auslegung des Vaterunsers für die einfältigen Laien (1519)

Die siebente und letzte Bitte

Sondern erlöse uns von dem Übel. Amen

Merke wohl, daß man zuallerletzt betet und beten soll gegen das Übel, das ist Unfriede, Teuerung, Kriege, Pestilenz, Plagen und auch die Hölle und das Fegefeuer und alle quälenden Übel an Leib und Seele. Denn um diese Dinge soll man bitten; jedoch in der rechten Ordnung und zuallerletzt.

Warum? Man findet etliche und viele, die Gott und seine Heiligen ehren und bitten, aber nur, auf daß sie des Übels los werden, und suchen nichts anderes. Sie gedenken nicht einmal an die ersten Bitten, daß sie Gottes Ehre, Namen und Willen (ihren Wünschen) voransetzen. Deshalb suchen sie ihren Willen und kehren (dabei) dies Gebet ganz um, fangen mit dem letzten an und kommen nicht zu den ersten (Bitten); sie wollen ihres Übels los sein, es sei Gott zu Ehren oder nicht, es sei sein Wille oder nicht. Aber ein rechtschaffener Mensch, der spricht so: Lieber Vater, das Übel und die Pein drücken mich und ich leide viel Unglück und Beschwerde und fürchte mich vor der Hölle. Erlöse mich davon, doch nicht anders, als so wie es dir zu Ehren und Lob und dein göttlicher Wille ist. Wo das nicht (der Fall ist), so geschehe nicht mein, sondern dein Wille; denn deine göttliche Ehre und dein Wille ist mir lieber als alle meine Ruhe und Sicherheit, zeitlich und ewiglich. Sieh, das ist ein (gott)gefälliges, gutes Gebet und wird im Himmel gewiß erhöret; und so es anders gebetet und gemeint wird, so ists nicht genehm und wird nicht erhöret.

Dieweil denn dieses Leben nichts anderes ist als ein unseliges Übel, daraus gewißlich auch Anfechtungen erwachsen, so sollen wir vom Übel deswegen los zu werden begehren, damit die Anfechtungen und Sünden aufhören, und so Gottes Wille geschehe und sein Reich komme, zu Lob und Ehre seines heiligen Namens.


Von dem Wörtlein »Amen«

Das Wörtlein »Amen« kommt aus der hebräischen oder jüdischen Sprache und heißt auf deutsch »fürwahr« oder »wahrlich«, und (es) ist sehr wohl zu bedenken, daß es den Glauben ausdrückt, den man bei allen Bitten haben soll. Denn Christus hat gesagt (Matth. 21, 22): »Wenn ihr betet, so glaubt fest, daß ihrs erlangen werdet; so geschieht es gewiß«, ferner an anderer Stelle (Mark. 11, 24): »Alles, was ihr bittet, glaubet, so werdet ihr es empfangen.« Denn so empfing das heidnische Weiblein, worum es bat, als es nicht abließ und fest glaubte, so daß auch der Herr zu ihr sagte (Matth. 15, 28): »O Weib, wie groß ist dein Glaube; dir geschehe, wie du willst und gebeten hast.« So sagt auch Jak. 1, 6 f.: »Wer da von Gott bittet, der soll ja nicht zweifeln im Glauben, es werde ihm. Denn wer da im Glauben zweifelt, der bilde sich nicht ein, daß er etwas von Gott empfangen werde.« Darum, wie der weise Mann (Pred. 7, 9) sagt: »Das Ende des Gebets ist besser als der Anfang.« Denn wenn du am Ende mit herzlicher Zuversicht und Glauben »Amen« sprichst, so ist das Gebet gewiß befestigt und erhört. Und wo dies Ende nicht ist, da ist weder Anfang noch Mitte des Gebetes etwas nütze. So sollte ein Mensch, der da beten will, sich prüfen und erforschen, ob er es auch glaube oder zweifle, daß er erhöret werde. Findet es sich, daß er daran zweifelt oder er es in ungewisser Meinung tut oder er es auf gut Glück wagt, so ist das Gebet nichts. Denn er hält sein Herz nicht still, sondern schwankt und wankt hin und her. Darum kann Gott nichts Gewisses drein geben, ebenso wenig wie du einem Menschen etwas geben kannst, wenn er die Hand nicht still hält. Und bedenke doch: wie wollte dirs gefallen, wenn dich jemand fleißig gebeten hätte und am Ende zu dir sagte: Ich glaube aber nicht, daß du es mir gibst, und du hättest es ihm gewiß versprochen. Du würdest die Bitte für einen Spott halten und alles widerrufen, was du versprochen hättest und ihn vielleicht dazu strafen. Wie soll es dann Gott gefallen, der uns gewiß zusagt, daß wir es haben sollen, wenn wir bitten, (wenn wir) ihn durch unsern Zweifel Lügen strafen und im Gebet eben wider das Gebet handeln, seine Wahrheit beleidigen, die wir mit dem Gebet anrufen? Darum bedeutet das Wörtlein Amen »wahrlich«, »fürwahr«, »gewiß«, und ist ein Wort des festen, von Herzen kommenden Glaubens, als sagtest du: O Gott Vater, diese Dinge, die ich erbeten habe, (von denen) zweifle ich nicht, sie seien gewiß wahr und werden geschehen, nicht deshalb, weil ich sie erbeten habe, sondern weil du sie zu erbitten befohlen und gewißlich zugesagt hast. So bin ich gewiß, daß du, Gott, wahrhaftig bist, nicht lügen kannst; und so macht nicht meines Gebetes Würdigkeit, sondern deiner Wahrheit Gewißheit, daß ichs fest glaube, und mir nicht zweifelhaft ist, daß ein Amen draus werde und ein Amen sein wird.

Hier irren etliche über die Maßen, die ihr Gebet da(mit) zunichte machen und viel mit dem Munde, niemals mit dem Herzen beten, deshalb weil sie nicht eher glauben wollen, sie seien (denn) erhöret. Sie wissen oder dünken sich denn, sie hätten würdiglich und wohl gebetet, und bauen so auf sich selbst, auf den Sand. Die werden alle verdammt; denn solch ein Gebet ist nicht möglich, das an sich selbst genug und würdig sei, vor Gott erhört zu werden. Sondern es muß sich auf die Wahrheit und das Versprechen Gottes verlassen. Denn wenn Gott nicht zu beten befohlen und Erhörung versprochen hätte, vermöchten alle Kreaturen mit allen ihren Gebeten nicht ein Körnlein zu erbitten. Darum schau darauf: nicht das Gebet ist gut und recht, das groß ist, andächtig, süß, lang, (sei es) um zeitliches oder ewiges Gut, sondern das (Gebet ist gut und recht), das fest (darauf) bauet und vertrauet, es wird erhöret – wie gering und unwürdig es auch in sich selbst sei – um der wahrhaftigen Gelübde und Versprechungen Gottes willen. Gottes Wort und Verheißung macht dein Gebet gut, nicht deine Andacht. Denn dieser Glaube, auf seine Worte gegründet, ist auch die rechte Andacht, ohne welche alle andere Andacht lauter Betrügerei und Irrtum ist.

[Martin Luther: Deutsche Auslegung des Vaterunsers für die einfältigen Laien (1519). Zeno.org: Martin Luther: Werke, S. 3489-3493
Es muß alles erst einmal an Gott vorüber, bevor es mich treffen kann. (Helmut Thielicke)

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Beitragvon Jörg » 30.09.2012 06:13

Deutsche Auslegung des Vaterunsers für die einfältigen Laien (1519)

Kurzer Inbegriff und Ordnung alles bisher Geschriebenen

Die Seele: O Vater unser, der du bist in den Himmeln, wir deine Kinder (sind) auf Erden, von dir abgesondert, in der Fremde, eine wie große Entfernung ist zwischen dir und uns! Wie sollen wir jemals heimkommen zu dir in unser Vaterland?

Gott: (Mal. 1, 6): »Ein Kind ehret seinen Vater und ein Knecht seinen Herrn. Bin ich denn euer Vater: wo ist meine Ehre? Bin ich denn euer Herr: wo ist die Furcht vor mir und Ehrerbietung?« Denn mein heiliger Name wird bei und durch euch gelästert und verunehret, Jes. 52, 5.

Die erste Bitte. Die Seele: O Vater, das ist leider wahr. Wir erkennen unsere Schuld; sei du ein gnädiger Vater und rechne nicht mit uns, sondern gib deine Gnade, daß wir so leben, daß dein heiliger Name in uns geheiligt werde. Laß uns ja nichts denken, reden, tun, haben oder vornehmen, es sei denn dein Lob und deine Ehre darinnen, so daß also vor allen Dingen deine Ehre und Name, nicht unsere eigene eitle Ehre und Name in uns gesucht werde. Gib uns, daß wir dich, wie die Kinder einen Vater, lieben, fürchten und ehren.

Gott: (Jes. 52, 5; 1. Mose 8, 21): Wie kann meine Ehre und Name bei euch geheiliget werden, wenn all euer Herz und Gedanken zum Bösen geneigt und in Sünden gefangen liegt, so doch mein Lob niemand in fremden Landen singen kann (Psalm 137, 4)?

Die zweite Bitte. Die Seele: O Vater, das ist wahr. Wir empfinden, daß unsre Gliedmaßen zu Sünden geneigt sind, und die Welt, Fleisch und Teufel in uns regieren und so deine Ehre und Namen austreiben wollen. Darum bitten wir: hilf uns aus der Fremde, laß dein Reich kommen, daß die Sünde vertrieben und wir fromm, dir wohlgefällig gemacht werden, du allein in uns regierest und wir dein Reich werden mögen im Gehorsam aller unsrer Kräfte, inwendig und auswendig.

Gott: (5. Mose 32, 39): Welchem ich helfen soll, den verderbe ich, und welchen ich lebendig, selig, reich, fromm machen will, den töte ich, verwerfe ihn, mache ihn arm und zunichte. Aber solchen meinen Rat und Tat wollt ihr nicht leiden (Psalm 78, 10 f.). Wie soll ich euch dann helfen und was soll ich mehr tun (Jes. 5, 4)?

Die dritte Bitte. Die Seele: Das ist uns leid, daß wir deine heilsame Hand nicht verstehen noch leiden. O Vater, gib Gnade und hilf, daß wir deinen göttlichen Willen in uns geschehen lassen. Ja, ob es uns (auch) wehe tut, so fahre du fort: strafe, stich, hau und brenne, mach alles, was du willst, daß nur dein Wille und ja nicht der unsere geschehe. Wehre, lieber Vater, und laß uns nichts nach unserm Gutdünken, Willen und Absicht vornehmen und vollbringen. Denn unser und dein Wille sind widereinander, deiner allein gut, ob er wohl nicht äußerlich glänzet, unserer böse, ob er wohl gleißet.

Gott: (Psalm 78): Es ist wohl öfter geschehen, daß man mich mit dem Munde geliebt hat und das Herz ist weit von mir gewesen (Jes. 29, 13); und wenn ich sie angegriffen habe, sie zu bessern, sind sie zurückgelaufen und mitten im Werk von mir abgefallen, wie du Psalm 78, 9 liesest: die gut angefangen und mich bewegt haben, an ihnen zu handeln, haben sich weggekehrt von mir und sind wiederum in Sünde und Verachtung meiner gefallen.

Die vierte Bitte. Die Seele: Ach Vater, es ist ja wahr, niemand kann stark sein aus seinen Kräften heraus (1. Sam. 2, 9). Und wer kann vor deiner Hand bleiben, so du nicht selbst uns stärkest und tröstest? Darum, lieber Vater, greif uns an, vollbring deinen Willen, daß wir dein Reich werden, dir zu Lob und zu Ehren. Aber, lieber Vater, stärke uns in solchem Handeln mit deinem heiligen Wort; gib uns unser täglich Brot. Bilde in unser Herz (hinein) deinen lieben Sohn Jesus Christus, das wahre Himmelsbrot, daß wir, durch ihn gestärkt, fröhlich tragen und leiden mögen Abbruch und Tötung unseres Willens und Vollbringung deines Willens. Ja, gib auch der ganzen Christenheit Gnade, sende uns gelehrte Priester und Prediger, die uns nicht Treber und Spreu eitler Fabeln, sondern dein heiliges Evangelium und Jesus Christus lehren.

Gott: (Jer. 5; vgl. Matth. 7, 6; 15, 26; Jes. 42, 20): Es ist nicht gut, daß man den Hunden das Heiligtum vorwirft und das Brot der Kinder. Ihr sündiget täglich, und wenn ich euch (auch) viel lasse predigen, Tag und Nacht, so folget und höret ihr nicht, und wird mein Wort verachtet.

Die fünfte Bitte. Die Seele: Ach Vater, das laß dich erbarmen und versage uns nicht deshalb das liebe Brot; sondern es ist uns leid, daß wir deinem heiligen Wort nicht genug tun. Und wir bitten, wollest Geduld mit uns armen Kindern haben und uns solche unsre Schuld erlassen und ja nicht mit uns ins Gericht gehen. Denn niemand ist vor dir gerechtfertigt. Sieh deine Verheißung an, daß wir (die sind, welche) unsern Schuldigern von Herzen vergeben, denen du Vergebung versprochen hast. Nicht daß wir durch solch Vergeben deiner Vergebung würdig sind, sondern daß du wahrhaftig bist und gnädig allen Vergebung versprochen hast, die ihren Nächsten vergeben. Auf dein Versprechen verlassen wir uns.

Gott: (Psalm 78): Gar oft vergebe ich und erlöse ich euch, und ihr bleibt noch besteht nicht. Ihr seid eines geringen Glaubens. Nicht ein wenig könnt ihr mit mir wachen und beharren, ihr fallet schnell wieder in die Anfechtung (Matth. 26, 40 f.).

Die sechste Bitte. Die Seele: Schwach und krank sind wir, o Vater, und die Anfechtung ist groß und mannigfaltig, im Fleisch und in der Welt. O lieber Vater, halte uns und laß uns nicht in die Anfechtung fallen und wieder sündigen; sondern gib uns Gnade, daß wir beständig bleiben und ritterlich fechten bis an unser Ende; denn ohne deine Gnade und Hilfe vermögen wir nichts.

Gott: (Psalm 11, 7): Ich bin gerecht und mein Gericht ist richtig. Darum darf die Sünde nicht ungestraft bleiben. Also müßt ihr das Übel tragen. Daß ihr davon Anfechtung habt, ist eurer Sünde Schuld, die mich dazu zwingt, sie zu strafen und ihr zu wehren.

Die siebente Bitte. Die Seele: Dieweil uns denn das Übel Anfechtung gibt und mit Sünden anficht, so erlöse uns, lieber Vater, daraus, auf daß wir, von allen Sünden und Übel nach deinem göttlichen Willen erlöst, dir ein Reich sein können, dich ewiglich zu loben, zu preisen und zu heiligen. Amen. Und dieweil du uns so zu beten gelehret und geboten und Erhörung verheißen hast, hoffen wir und sind gewiß, o allerliebster Vater, du wirst deiner Wahrheit zu Ehren uns dies alles gnädig und barmherzig geben.

Zuletzt könnte jemand sagen: Wie denn, so ich nicht glauben könnte, daß ich erhöret bin? Antwort: So tu wie der Vater des besessenen Menschen, Mark. 9, 24. Da Christus zu ihm sagt: »Kannst du glauben? Alle Dinge sind möglich dem, der da glaubt«, da schreit derselbe Vater mit weinenden Augen: »O Herr, ich glaube, hilf meinem Unglauben, wo er zu schwach ist.«

Allein Gott sei Ehre und Ruhm.

[Martin Luther: Deutsche Auslegung des Vaterunsers für die einfältigen Laien (1519). Zeno.org: Martin Luther: Werke, S. 3494-3499
Es muß alles erst einmal an Gott vorüber, bevor es mich treffen kann. (Helmut Thielicke)

Jörg
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Beitragvon Jörg » 28.10.2012 06:47

Die Frucht der Anfechtungen

Am 28. März 1537 erwähnte Luther seine Krankheit (die mehr geistlicher Natur war, denn vierzehn Tage lang hatte er nämlich so gut wie nichts gegessen, nichts getrunken und auch nicht geschlafen):

In dieser Zeit habe ich des öfteren mit Gott gehadert: in meiner Ungeduld warf ich ihm seine Versprechungen vor. Da lehrte mich Gott die heilige Schrift recht verstehen. Denn es ist sonst unmöglich, daß ein Mensch die heilige Schrift verstehe, wenn es ihm immer nach seinem Willen geht. Denn Gott will, daß wir nicht an unserer Ungeduld zerbrechen. Er sagt nämlich in seiner ganzen Schrift (Ps. 130, 6): Warte, warte »von einer Morgenwache bis in die Nacht!« Und er ist wahrlich ein feiner Gott. Wenn er schon nicht sofort hilft, so gibt er doch ein Maß, das man tragen kann. So sagt auch Hiob (13, 15 ff.): Wenn mich Gott schon erwürgte, so will ich doch auf ihn hoffen. Mag es immerhin sein, daß du dein Antlitz vor mir verbirgst, so kann ich dennoch nicht glauben, daß du mein Feind bist. Deshalb gehört das Buch Hiob zu den besten. Obwohl er nicht gegen Gott gesündigt hat, ist er doch das herrlichste Beispiel eines angefochtenen, ja eigentlich toten Menschen. Denn dieses Buch ist nicht für Hiob oder über jenen einen Hiob geschrieben, sondern es gilt allen leidenden Menschen. Hier sehen wir, wie Gott bei den Anfechtungen der Seinen vorgeht: daß der Teufel und die Chaldäer zornig sind und ihn angreifen; er aber kanns leiden und sagt (1, 21): »Der Name des Herrn sei gelobt.« Aber als Gott mit ihm zürnen will, da kann ers nicht ertragen. Dort nimmt er Anstoß am Glück der Gottlosen. Und dennoch überwindet er diesen Anstoß und sagt: Ich weiß, daß du gnädig bist, obwohl es ihm schwer fällt, das zu sagen. In Summa: jeder Mensch murrt und rebelliert seinem Fleische nach gegen Gott. Es ist eben zu schwer zu ertragen, daß uns Gott ungnädig ist. Wenn ich in meiner Krankheit hätte predigen können, wollte ich manche schöne Predigt und Lektion gehalten haben. Denn da verstand ich den Psalter und seinen Trost ein wenig. Die Frommen sollen auf keine Weise davon bewegt werden, daß es den Gottlosen in diesem Leben besser gelingt. Es soll ihnen ein Trost sein, daß sie dessen harren sollen, was ihnen Gott im Himmel so reichlich geben will.

[WA 2558A
[Martin Luther: Der Christ in der Welt. Zeno.org: Martin Luther: Werke, S. 6814-6815
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Beitragvon Jörg » 29.10.2012 04:58

(Am 14. Dezember 1531 beim Frühstück): Das ist die größte Anfechtung des Teufels, wenn er sagt: Gott haßt die Sünder. Du aber bist ein Sünder, also haßt Gott auch dich. Diese Anfechtung bekommt der eine so, der andere so zu spüren. Mir wirft er meine Übeltaten nicht vor, daß ich Messe gehalten habe, daß ich dies und das in meiner Jugend getan habe. Anderen hält er ihr Leben vor. Bei einem solchen Streitgespräch ist schlankweg der Obersatz zu verneinen: daß es nämlich falsch ist, daß Gott die Sünder haßt. Wenn dir hier der Teufel Sodom oder andere Beispiele des Zorns vorhält, so halte du ihm dagegen Christus, den Sohn Gottes, der ins Fleisch gekommen ist, vor. Wenn er die Sünder haßte, dann hätte er bestimmt nicht seinen Sohn für sie geschickt. Er haßt nur die, die sich nicht rechtfertigen lassen wollen, d.h. die nicht Sünder sein wollen.

Solche Anfechtungen sind uns sehr dienlich und nicht, wie es scheint, zum Verderben. Sie sind eine Unterweisung und jeder Christ soll bedenken, daß er ohne Anfechtungen Christus nicht recht erfahren kann.

[WA 141
[Martin Luther: Der Christ in der Welt. Zeno.org: Martin Luther: Werke, S. 6811
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Beitragvon Jörg » 30.10.2012 04:12

Trost wider die Anfechtung der Vorsehung

»Wenn die Gerechtfertigten Frieden haben, so sind also diejenigen, welche keinen Frieden haben, nicht gerechtfertigt.« Wer so angefochten werden sollte, der sollte wissen, daß das christliche Leben oder die Gerechtigkeit mitten in Traurigkeit, Unruhen, Trübsalen und Tod gelebt wird. Es sind aber doch Gottes Kinder, die das erleiden, nach dem: »Mein Sohn, achte nicht gering die Züchtigung des Herrn«, Hebr. 12, 5. Wenn sie also Gottes Kinder sind, so werden sie von Gott nicht vernachlässigt, wenn sie gleich sehr hart vom Satan geplagt werden. Und wegen des guten Willens Gottes gegen sie geziemt es sich, daß sie mitten in den Anfechtungen fröhlich sind und guten Gewissens aus dem Glauben, durch den Glauben.

Der Friede aus dem Glauben, von dem Paulus sagt (Röm. 5, 1), ist so viel höher als alle Vernunft, daß er auch im Tode da sein muß, in welchem nichts weniger als Friede zu sehen ist. Das Fleisch und die Sinne kennen ihn nicht, sondern fühlen den Kampf und die Unruhe. So beklagt sich David (Ps. 38, 4), daß kein Friede in seinen Gebeinen sei. Auch Christus am Kreuze fühlte den Frieden nicht. Und wenn ein Christ nicht Gleiches empfände, worauf sollten die Verheißungen und Tröstungen des Evangeliums, desgleichen die Predigt der Gnade sich beziehen? Wie Matth. 11, 5: »Den Armen wird das Evangelium gepredigt«, Luk. 12, 32: »Fürchte dich nicht, du kleine Herde«, Röm. 14, 1: »Den Schwachen im Glauben nehmet auf«, 2. Kor. 13, 11: »Tröstet euch untereinander«, und viele ähnliche Worte, welche hauptsächlich für solche Leute geredet und geschrieben sind.

Die Christen haben immer Trübsale und fühlen Traurigkeit. Dafür ist das erste Gebot gegeben, daß die Traurigen und Betrübten getröstet werden, wenn sie nur die Tröstungen an sich heranlassen.

[WA 3344
[Martin Luther: Der Christ in der Welt. Zeno.org: Martin Luther: Werke, S. 6809-6810
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Beitragvon Jörg » 31.10.2012 04:32

Die schwersten Gedanken des Teufels

Die schwersten Anfechtungen sind, wenn der Teufel uns dahin bringt, daß wir nach den Ursachen des Wohlergehens und des Unglücks forschen. Keine Anfechtung bringt leichter zu Fall, als danach zu forschen, warum dies oder jenes geschieht. Das dauert von Adam an bis auf alle unsere Nachkommen. Das »Warum« hat alle Heiligen gequält.

[WA 3107
[Martin Luther: Der Christ in der Welt. Zeno.org: Martin Luther: Werke, S. 6808
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Beitragvon Jörg » 01.11.2012 08:04

Von denen, die sich selbst ums Leben bringen

Diejenigen, welche sich selbst erhängen oder sonst töten, leiden Gewalt vom Teufel, wie der, welcher von einem Räuber getötet wird. Sie sind ihrer selbst nicht mächtig. Deshalb kann ich sie nicht verdammen (Anmerkung von mir: Diese Aussage erstaunt mich um so mehr, wenn man bedenkt, in welcher Zeit Luther lebte - er war halt seiner Zeit weit voraus!!!), obgleich man dies dem Volke nicht sagen soll. Und der Teufel muß zu Zeiten so hart sein, und solche Beispiele müssen den Menschen vor Augen gestellt werden, sonst würde niemand Gott fürchten. Oh, man muß hart mit solchen Gedanken (nämlich des Selbstmordes) umgehen, daß man sie überwinde, wie man auch mit solchen Toten hart umgehen muß, sie verbrennen usw., damit die Welt (davon ab)geschreckt werde.

[WA 2597
[Martin Luther: Der Christ in der Welt. Zeno.org: Martin Luther: Werke, S. 6820
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Beitragvon Jörg » 03.11.2012 09:12

Ich bin nicht der Meinung, daß die ganz und gar zu verdammen seien, die Selbstmord begehen. Mein Grund dafür: sie tun es nicht gern, sondern werden von der Macht des Teufels überwältigt – wie (wenn) jemand in einem Wald von einem Wegelagerer ermordet würde. Dennoch darf das dem Volk nicht so gesagt werden, damit dem Satan nicht Gelegenheit geboten wird, ein Blutbad anzurichten. Ich bin auch der Meinung, daß man an den Bräuchen (in bezug auf die Selbstmörder) streng festhalten soll. Sie sind ihrer selbst nicht mächtig, sondern unser Herrgott richtet sie hin, wie er einen durch einen Straßenräuber hinrichtet. Die Obrigkeit soll gleichwohl streng in dieser Sache sein, wenn auch die Seele nicht einfach verdammt ist. Es gibt aber Beispiele dafür, daß uns unser Herrgott damit beweisen will, daß der Teufel ein (mächtiger) Herr sei, ebenso daß man fleißig beten soll. Gäbe es nämlich solche Beispiele nicht, so würden wir Gott nicht fürchten; also muß er uns so lehren.

(Anmerkung von mir: was die Bräuche in bezug auf die Selbstmörder betrifft - z.B. Verbrennen des Toten -, ist Luther wieder ganz ein Kind seiner Zeit!)

[WA 222
[Martin Luther: Der Christ in der Welt. Zeno.org: Martin Luther: Werke, S. 6821
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Beitragvon Jörg » 06.11.2012 05:34

Was Luther mit eigener Hand an seine Wand nahe dem Ofen geschrieben hat

»Wer im Geringsten treu ist, der ist auch im Großen treu; wer im Geringsten untreu ist, der ist auch im Großen unrecht« (Luk. 16, 10). Die Ursache dafür: An den Lappen lernen die Hunde Leder fressen. Ebenso ist auch, wer im Geringsten fleißig ist, auch im Großen fleißig.

Wer den Pfennig nicht achtet, der wird keines Guldens Herr.

Wer eine Stunde versäumt, der versäumt auch wohl einen Tag.

Wer das Geringe verschmäht, dem wird das Große nicht (zuteil).

Wer den Kopf verschmäht, dem wird das Huhn nicht (zuteil).

Jesus Sirach (19, 1): »Wer ein Geringes nicht zu Rat hält, der nimmt für und für ab.«

Sprüche Salomos (18, 9); »Wer lässig ist in seiner Arbeit, der ist ein Bruder des, der sich selber umbringt.«

Zu späte Sparsamkeit: Mit dem Sparen hat man zu lange gewartet, wenn nichts mehr da ist.

Sparsamkeit als gute Einnahmequelle: Der Sparpfennig ist einbringlicher als der Zinspfennig.

Wer die Buchstaben gering achtet, der wird nimmermehr etwas Großes lernen.

Wer sich mit hundert Gulden nicht ernähren kann, der ernährt sich auch mit tausend nicht.

Vorn an der Stirn hat die Gelegenheit Haare, hinten ist sie kahl.

[WA 4801
[Martin Luther: Der Christ in der Welt. Zeno.org: Martin Luther: Werke, S. 6762-6763
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Beitragvon Jörg » 10.11.2012 08:35

Die Welt will immer etwas Neues

Martin Luther beklagte die erstaunliche Stumpfheit und Undankbarkeit der Menschen, welche die Gaben und großen Wohltaten Gottes so geringschätzen. Ehe das Neue Testament übersetzt war, wollte es jeder gern haben und lesen. Nachdem es dann übersetzt war, hielt das nur vier Wochen an, dann verlangten sie Mose. Als der übersetzt war, lasen sie ihn vier Wochen lang. Dann forderten sie dringend den Psalter; als der übersetzt war, erwarteten sie anderes. So wirds auch mit Jesus Sirach gehen, auf dessen Übersetzung wir viel Mühe aufgewandt haben. Alles dauert immer nur vier Wochen, danach wird etwas Neues gesucht. Dieses Verlangen nach immer Neuem ist für das Volk die Mutter aller Irrtümer.

[WA 2761b
[Martin Luther: Der Christ in der Welt. Zeno.org: Martin Luther: Werke, S. 6675
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