Regelmäßige Lesung aus der Schatzkammer Davids von Spurgeon

Lehrfragen in Theorie und Praxis - also alles von Bibelverständnis über Heilslehre und Gemeindelehre bis Zukunftslehre

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Jörg
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Psalm 132

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11.
Der HERR hat David einen wahren Eid geschworen,
davon wird er sich nicht wenden:
"Ich will dir auf deinen Stuhl setzen
die Frucht deines Leibes.
12.
Werden deine Kinder meinen Bund halten
und mein Zeugnis, das ich sie lehren werde,
so sollen auch ihre Kinder
auf deinem Stuhl sitzen ewiglich."
13.
Denn der HERR hat Zion erwählt
und hat Lust, daselbst zu wohnen.
14.
"Dies ist meine Ruhe ewiglich,
hier will ich wohnen; denn es gefällt mir wohl.
15.
Ich will ihre Speise segnen
und ihren Armen Brot genug geben.
16.
Ihre Priester will ich mit Heil kleiden,
und ihre Heiligen sollen fröhlich sein.
17.
Daselbst soll aufgehen das Horn Davids;
ich habe meinem Gesalbten eine Leuchte zugerichtet.
18.
Seine Feinde will ich mit Schanden kleiden;
aber über ihm soll blühen seine Krone."



11. In diesen Versen haben wir ein herrliches Gebet vorliegen, von einer Art, die stets bei unserem Gott wirksam ist; denn es ist ein Flehen, das sich auf des HERRN eigene Bundesverheißungen beruft. Der HERR hat David einen wahren Eid geschworen. Wir können bei unserem dringenden Flehen Gott nichts vorhalten, was seinem eigenen Wort und Eid gleichkäme. Jehovah schwört, damit unser Glaube in sein Wort feste Zuversicht setze; er kann nicht mehr geloben, als er zu halten vermag. Was er schwört, ist die lautere Wahrheit; es wird gewisslich eintreffen. Menschen mögen zu Meineidigen werden, aber niemand wird so gottlos sein, dies von dem Gott der Wahrheit zu denken. Durch den Propheten Nathan war dieser Bund Jehovahs dem David übermittelt worden, und es konnte dabei keine Täuschung geben. Davon wird er sich nicht wenden. Jehovah ist kein wetterwendisches Wesen. Er geht nie von dem ab, was er beschlossen, geschweige denn von seiner feierlich durch einen Eid bekräftigten Zusage. Er, Jehovah, wandelt sich nicht (Mal. 3,6). Er ist nicht ein Mensch, dass er lüge, noch ein Menschenkind, dass ihn etwas gereue. Sollte er etwas sagen und nicht tun? Sollte er etwas reden und nicht halten? (4. Mose 23,19.)


Auf was für Felsengrund stehen doch diejenigen, die einen unveränderlichen Eidschwur Gottes unter den Füßen haben! Wir wissen, dass dieser Bund in seinem tiefsten Sinne mit Christus, dem geistlichen Samen Davids, geschlossen worden ist, denn Petrus redet davon zu Pfingsten deutlich (siehe Apg. 2, 29-31, besonders V. 30). Christus also sitzt auf einem sicheren Thron für immer und ewig, denn er hat den Bund gehalten (V. 12 in unserem Psalm), und durch ihn kommt der Segen über Zion (V. 13), dessen Arme (V. 15) in ihm gesegnet werden. Ich will dir auf deinen Stuhl setzen die Frucht deines Leibes.Jesus entstammte dem Geschlechte Davids, wie die Evangelisten sorgfältig berichten; er war "von dem Hause und Geschlechte Davids" (Lk. 2,4; 1,32 usw.). Er ist der König der Juden, und der HERR hat ihm auch die Heiden zum Erbe gegeben. Er muss herrschen, und seines Königreichs wird kein Ende sein. Gott selber hat ihn auf den Thron gesetzt, und keine Empörung, weder von Menschen noch Teufeln, kann seine Herrschaft erschüttern. Die Ehre Jehovahs ist damit, dass er auf dem Thron bleibt, unlöslich verknüpft, darum ist seine Regierung nie in Gefahr; denn der HERR wird nicht zulassen, dass sein Eid zu Schanden werde.

12. Werden deine Kinder (wörtl.: Söhne) meinen Bund halten und mein Zeugnis, das ich sie lehren werde. Es ist eine Bedingung an den Bund geknüpft, sofern derselbe die Könige aus Davids Stamm vor dem Kommen des wahren Samens betraf; dieser Davidssohn im höchsten Sinne des Wortes hat aber jene Bedingung aufs vollkommenste erfüllt und damit den Bund sowohl in Bezug auf ihn selbst als auch in Bezug auf seinen geistlichen Samen auf ewige Zeiten unanfechtbar gemacht. Betrachten wir die Verheißung in ihrer zeitlichen Beziehung, so war es nichts Geringes für Davids Nachkommen, dass ihnen bei gutem Verhalten der Thron gesichert war. Diese Fürsten trugen ihre Krone von Gott zu Lehen unter der Bedingung der Treue gegen ihren Oberherrscher, der sie zu der hohen Stellung erhoben hatte. Ihre Bundestreue sollten sie erweisen durch Gehorsam gegen Gottes Gesetz sowie durch Glauben an die göttliche Wahrheit. Sie sollten Jehovah sowohl als ihren Gebieter als auch als ihren Lehrer anerkennen. Welche große Herablassung von Gott, dass er sie lehren wollte! Mit welcher Freude hätten sie ihm verständnisvollen Gehorsam entgegenbringen sollen! Wie angemessen, wie recht und billig und wie notwendig war die Bedingung, welche Gott macht, dass sie ihm aufrichtige Treue halten sollten, da der in Aussicht gestellte Lohn die herrliche Verheißung war: So sollen auch ihre Kinder (wörtl.: Söhne) auf deinem Stuhl sitzen ewiglich. Wollen sie zu seinen Füßen sitzen, so will Gott sie auf dem Thron sitzen lassen; werden sie den Bund halten, so sollen sie die Krone behalten von einem Geschlecht zum andern.

Das Reich Juda könnte heutigen Tages noch bestehen, wenn die Könige dieses Reiches dem HERRN treu gewesen wären. Kein Aufruhr im Innern und kein Angriff von außen hatte das davidische Königshaus stürzen können; es fiel durch seine Sünde, und aus keiner anderen Ursache. Wiewohl er fort und fort gereizt ward, war der HERR doch erstaunlich langmütig; denn noch lange (134 Jahre) nachdem das abtrünnige Israel in die Gefangenschaft weggeschleppt worden war, blieb Juda bestehen. Wunder der Barmherzigkeit taten sich an diesem Volke kund. Gottes Geduld überschritt alle gewöhnlichen Grenzen, denn des HERRN Rücksicht auf David war außerordentlich groß. Die Fürsten aus dem Hause David schienen ganz darauf versessen, sich selber ins Unglück zu bringen, darum vermochte nichts sie vom Verderben zu retten. Die Gerechtigkeit zögerte lange, aber schließlich konnte sie doch nur noch das Schwert ziehen und zuschlagen. Doch wenn auch der Menschen Treubrüchigkeit den Bund nach seinem Buchstaben dahinfallen ließ, so ist der HERR dem Bunde dennoch dem Geist und Wesen desselben nach treu geblieben; denn Jesus herrscht und sitzt auf dem Thron für immer und ewig. Davids Same ist noch immer in der Königswürde, denn David war nach dem Fleische der Ahn dessen, der da ist der König aller Könige und der Herr aller Herren.

Unser Vers zeigt uns, wie notwendig die häusliche Frömmigkeit ist. Die Eltern haben die Pflicht, dazu zu sehen, dass ihre Kinder die Furcht des HERRN kennen, und sie müssen den HERRN bitten, dass er selber sie diese Wissenschaft lehre. Wir haben kein unverlierbares Erbrecht auf Gottes Huld. Der HERR selber zwar hält den Familien der Seinen die Freundschaft von einem Geschlecht zum andern, denn er verlässt nur höchst ungern die Nachkommen seiner Diener und tut es nie, es sei denn, dass sie ihn schwer und fortgesetzt reizen. Wir, die Gläubigen, stehen alle gewissermaßen unter Bundesvorrechten, die denen Davids ähnlich sind. Manche von uns können auf vier oder noch mehr Generationen frommer Voreltern zurückschauen, und freudig blicken wir in die Zukunft und sehen unsere Kinder und Kindeskinder in der Wahrheit wandeln. Doch wissen wir, dass die Gnade sich nicht mit dem Blut vom Vater auf den Sohn überträgt, und deshalb sind wir von heiliger Furcht erfüllt, es möchte einer von unseren Nachkommen ein arges ungläubiges Herz haben, das da abtrete von dem lebendigen Gott (Hebr. 3,12).

13. Denn der HERR hat Zion erwählt. Jerusalem war nicht mehr als irgendeine andere kanaanitische Stadt, bis Gott es erwählte, David es eroberte, Salomo den Tempel daselbst erbaute und der HERR darin Wohnung nahm. So waren auch die Herzen, die jetzt die Gemeinde Gottes bilden, nichts als eine Jebusiterfeste, bis die Gnade sie erkor, sie besiegte, umgestaltete und zu einem heiligen Tempel weihte, darin der HERR wohnt. Jehovah hat die Seinen erwählt, darum sind sie sein Volk. Er hat die Gemeinde erkoren, darum ist sie, was sie ist. So sind denn in dem Bunde David und Zion und ebenso Christus und die Seinen zusammengefasst. David war um Zions willen da und Zion um Davids willen; desgleichen steht die Sache Christi und die der Seinen miteinander in Wechselbeziehung. Und hat Lust, daselbst zu wohnen, wörtl.: hat es zum Wohnsitz für sich begehrt. Davids Frage hat eine Antwort gefunden. Der HERR hat gesprochen; der Ort des Tempels ist bestimmt, die Stätte, wo der HERR sich offenbaren will, deutlich gezeigt. Die Einwohnung folgt auf die Erwählung und ergibt sich aus ihr: Zion ist von Gott erkoren, und zwar als Wohnsitz für ihn. Dass Gott begehrt, unter dem Volke zu wohnen, das er sich zum Volk des Eigentums ausersehen hat, ist sehr huldreich von ihm und doch wiederum sehr natürlich: seine Liebe will denen nicht ferne bleiben, die sie sich erkoren hat. Ja, Gott verlangt danach, bei denen zu wohnen, die er mit ewiger Liebe umfangen hat, und wir wundern uns insofern nicht darüber, als auch wir ja die Gesellschaft unserer Lieben herzlich begehren. Doch ist es ein zwiefaches Wunder, dass der HERR sich solch geringe und elende Wesen, wie wir es sind, erkoren hat, und dass er nach ihrer Gemeinschaft verlangt; das Innewohnen des Heiligen Geistes in den Gläubigen ist ein Wunder der Gnade, das mit dem Wunder der Fleischwerdung des Sohnes Gottes verwandt ist und dazu in inniger Beziehung steht. Gott in der Gemeinde, das ist das Staunen der Engel, der Wunderrat der Ewigkeit, die Ruhmeskrone der unendlichen Liebe.
Wer sich nur nach dem, was er fühlt, richtet, der verliert Christus. (Martin Luther)

Jörg
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14. Dies ist meine Ruhe ewiglich. O welch herrliche Worte! Jehovah selbst ist es, der hier spricht. Denken wir nur: eine Ruhe für Gott; ein Sabbat für den Ewigen und eine Wohnstätte für den Unendlichen! Er nennt Zion seine Ruhe. Hier verweilt seine Liebe, hier offenbart sie sich mit Lust. "Zion, der HERR, dein Gott, ist in deiner Mitte, ein Held, der ein Heiland ist. Er hat seine Lust an dir in Wonne, schweigt in seiner Minne, er frohlockt über dich mit Jauchzen!" (Zeph. 3,17 Grundtext) Und ewiglich soll es also bleiben. Er wird sich niemals eine andere Ruhestatt suchen; nie wird er der Seinen müde werden. An Christo hat das Herz Gottes seine volle Befriedigung gefunden, und um seinetwillen hat er auch an denen, die ihm angehören, Wohlgefallen und wird es haben allezeit, bis in alle Ewigkeit. Die hehren Worte unseres Verses bezeugen eine bestimmte, endgültige Wahl: dies und kein anderer Ort, und eine gegenwärtige Wahl: dies Zion, das jetzt vorhanden ist. Allerdings müssen wir dabei, Schrift mit Schrift erklärend, die Worte in ihrem inneren, ewig wahren Sinne erfassen. Gott hat seine Wahl vor Grundlegung der Welt getroffen, er hat sie nicht geändert und wird sie sich niemals reuen lassen: seine Gemeinde war seine Ruhe und ist noch heute seine Ruhe. Wie er sich von seinem Eid nicht wenden wird (V. 11), so auch nicht von seiner Wahl.


O dass wir in seine Ruhe eingehen, dass wir ein Teil seien seines Zion und durch einen Glauben aus heißer Liebe dem Herzen dessen Freude bereiten, der Gefallen hat an denen, die ihn fürchten, die auf seine Gnade trauen! Hier will ich wohnen, denn es gefällt mir wohl (wörtl.: denn nach ihr [nach dieser Ruhestatt] verlangte ich). Abermals erfüllt uns seliges Staunen, dass der, der alles erfüllt, in Zion, in seiner Gemeinde wohnen will. Gott besucht seine Auserwählten nicht mit unwilligem, halbem Herzen; er begehrt bei ihnen zu wohnen, es verlangt ihn nach ihnen. Er ist schon in Zion, denn wenn er sagt: "Hier will ich wohnen", so redet er als einer, der schon auf dem Platze ist. Er will nicht nur hier und da zu seiner Gemeinde kommen, sondern er will in ihr wohnen als seinem festen Sitz. Ihn zog nicht die Pracht des salomonischen Tempels an, wohl aber beschloss er, dass er sich auf dem Gnadenstuhl von Betern wollte finden lassen und sich von dort aus in der Herrlichkeit der Gnade unter dem so hoch durch seine Huld bevorzugten Volke kundtun. Dies irdische Heiligtum war jedoch nur ein schattenhaftes Vorbild von dem geistlichen Tempel, dessen Grund und Eckstein Jesus ist, auf welchem nun alle die einzelnen lebendigen Steine sich von dem göttlichen Baumeister miteinander aufbauen lassen zu einer Behausung Gottes im Geist (1. Petr. 2,5; Eph. 2,22). O wie köstlich ist der Gedanke, dass der HERR danach verlangt, bei den Seinen zu sein, unter ihnen zu weilen, ja in ihnen zu wohnen, dass er spricht: Es gefällt mir wohl! Wahrlich, wenn das sein Begehren ist, da zu wohnen, so wird er es zustande bringen. Wenn schon den Gerechten das, was sie begehren, gegeben werden soll (Spr. 10,24), wieviel mehr wird das Begehren des gerechten Gottes in Erfüllung gehen! Gefällt ihm das so wohl, dann ist es auch unseres Herzens Freude; denn in Gott ist unsere Ruhe, und mit ihm ewig vereint zu bleiben ist wahrlich unser tiefes Begehren. Dieser Vers macht auch allen unseren Befürchtungen für die Gemeinde Gottes ein Ende. Denn ist Gott bei ihr drinnen, so wird sie festbleiben (Ps. 46,6); begehrt der HERR ihrer, so vermag der Teufel sie nicht zu vernichten.

15. Ich will ihre Speise reichlich (Grundtext) segnen. Es muss ja so sein. Wie könnten wir ohne Segen sein, wenn der HERR in unserer Mitte ist? Alles, was zu unserem Lebensunterhalt gehört, empfangen wir von ihm und haben wir mit ihm, und wie könnte das, was seine Gnade den Seinen darreicht, anders als gesegnet sein? Reichlich segnen will er unsere Nahrung: dann wird sie also beides, reichlich und gesegnet sein. Eine tägliche, königliche, volle Genüge bietende, überschwänglich köstliche und herzerfreuende Versorgung soll die Gemeinde von ihrem Herrn empfangen; und der darauf ruhende Segen wird in uns bewirken, dass wir das göttliche Lebensbrot im Glauben nehmen, es tatsächlich essen, d. h. in der Erfahrung seine Kraft erproben, dadurch wachsen in der Heiligung, dadurch gestärkt werden zur Arbeit, dadurch erquickt werden zum Ausharren in Geduld, dadurch ausreifen zur Vollkommenheit. Und ihren Armen Brots genug geben, so dass sie völlig gesättigt werden. Die Bürger Zions sind von sich aus arme Leute, geistlich arm und oft auch am Beutel arm; aber ihre Herzen sollen so befriedigt werden, ihre Seele in solchem Überfluss wohnen, dass sie weder mehr nötig haben, noch mehr begehren werden. Volle Genüge - wer könnte Höheres wünschen? Diese zu erleben und zu besitzen, das ist der Gipfel dessen, was ein Mensch an Glückseligkeit erfahren kann. Wo Gott wohnt, da hat sein Volk genug. Sie sollen sich an dem sättigen, was der HERR selber Brot nennt, und wir dürfen ganz gewiss sein, dass er weiß, was wirklich Brot für die Seele ist. Er wird uns keine Steine für Brot bieten.


Die Armen des HERRN sollen Brot haben, das für sie passt; Brot, das ihrem Gaumen mundet, ihren Hunger stillt, ihre Muskeln stärkt und ihr Wachstum fördert. Das irdische Brot ist nur vergängliche Speise, Nahrung für den Augenblick; es gibt aber noch ein anderes Brot, das Gott uns darreichen will, das da bleibt in das ewige Leben (Joh. 6,27). In der Gemeinde des HERRN, wo der HERR seine Ruhestätte hat, sollen die Seinen nicht Hungers sterben; er würde nimmer da ruhen, wenn das geschähe. Er nahm sich keine Ruhe sechs Tage lang, bis er die Welt so für Adam bereitet hatte, dass dieser darin leben konnte. Er ließ seine Hand nicht rasten, bis alles fertig war; darum dürfen wir, wenn der HERR sich zur Ruhe niederlässt, gewiss sein, dass dies geschieht, weil alles vollbracht ist (Joh. 19,30) und der HERR in seiner Güte für uns Arme volle Fürsorge getroffen hat. Wo Gott findet, wonach ihn verlangt hat, da werden die Seinen auch ihr Begehren gestillt finden; wo es ihm gefällt, da wird es auch ihnen gefallen.
Nehmen wir die beiden Teile des Verses zusammen, so sehen wir, dass nichts als ein überschwänglich reicher Segen in der Gemeinde das arme Volk des HERRN wahrhaft befriedigen kann, so dass sie genug haben; sie sind elend und von allem entblößt, bis dieser Segen kommt. Alles, was selbst der reiche Salomo herbeischaffen konnte, hätte die Frommen seiner Tage nicht sättigen können; sie richteten ihre Blicke höher hinauf und sehnten sich nach dem reichen Segen, den nur der HERR selber geben kann, und hungerten nach dem Brot, das vom Himmel kommt. Sie hatten, gottlob, in diesem Vers die göttliche Zusage: Ich will es tun; was hätte ihrem Glauben eine bessere Stütze sein können?


16. Der HERR verheißt sogar noch mehr, als von ihm erbeten worden war. Beachten wir, dass der neunte Vers für die Priester erflehte, dass sie mit Gerechtigkeit bekleidet sein möchten, und wie die Antwort nun lautet: Ihre Priester will ich mit Heil kleiden. Gott ist’s gewohnt, zu tun überschwänglich über alles, das wir bitten oder verstehen. Die Gerechtigkeit ist nur ein Stück des Segens, das Heil dagegen ist die ganze Fülle. Welch köstliches Gewand ist dies, welch mehr als königlicher Schmuck: Kleider des Heils! Wir wissen, wer sie gewoben, wer sie gefärbt und wer sie seinem Volke gegeben hat. Das ist der beste Talar für Priester und Prediger, das beste Feierkleid für König und Volk; es ist seinesgleichen nicht, gib mir’s! (1. Samuel 21,10) Aber nicht alle Priester bekommen dieses Kleid, nur ihre, nämlich Zions, Priester, diejenigen, die in Wahrheit dem rechten Zion angehören durch den Glauben an Jesus Christus, der sie zu Priestern gemacht hat vor Gott (Off. 1,6). Diese werden von dem HERRN selbst eingekleidet, und niemand vermag also zu kleiden wie er. Wenn schon die Lilien auf dem Felde von ihrem Schöpfer also bekleidet sind, dass sie selbst Salomo in aller seiner Herrlichkeit übertreffen, wie herrlich werden erst seine Kinder gekleidet sein! Ja wahrlich, der Herr kommt, sich zu verherrlichen an seinen Heiligen und bewundert zu werden an allen Glaubenden. (2. Thess. 1,10 Grundtext) Die Herrlichkeit der Dienstkleidung der Priester Gottes wird das Staunen der Himmel sein. Und ihre Heiligen (oder Frommen) sollen fröhlich sein,Grundtext: laut aufjubeln. Wiederum übertrifft die göttliche Antwort die Bitte. Der Psalmist bat, der HERR wolle geben, dass seine Heiligen sich freuen. Ja, sagt der HERR, das sollen sie, und zwar soll ihre Freude so groß sein, dass sie in lauten Jubel ausbrechen.3


Sie sollen über alle Maßen voll von Wonne sein; ihre Gesänge und Freudenrufe sollen so voller Lust und so lebhaft sein, dass sie tönen wie das Rauschen großer Wasser und das Tosen gewaltiger Donner (Off. 14,2; 19,6). Diese fröhlichen Heiligen entsprechen sehr wenig jenen Afterheiligen, die der Aberglaube uns zur Verehrung vor Augen stellt; aber von diesen ist hier auch nicht die Rede, sondern von Zions Heiligen, von den Heiligen des Höchsten, den "Geheiligten in Christo Jesu" (1. Kor. 1,2). Die sollen so reich gesegnet (V. 15a), so mit Gottes Brot gesättigt (V. 15b) und so herrlich geschmückt sein mit den Kleidern des Heils (V. 16 a), dass sie nicht anders können als laut jubeln, um ihr Erstaunen, ihre Dankbarkeit, ihre Wonne, ihre Begeisterung, ihre Freude im HERRN zum Ausdruck zu bringen. Gottes Zion ist kein Trappistenkloster. Dass Gott unter seinen Auserwählten seine Ruhestatt erkoren hat und sich da kundtut in der Herrlichkeit seiner Gnade, ist genug, um auch die Schweigsamsten zu Freudenausbrüchen zu veranlassen. Wenn schon die Morgensterne allzumal Gott zujubelten, als der HERR die Erde gründete (Hiob 38,7), wieviel mehr werden alle Gottessöhne jauchzen, wenn der neue Himmel und die neue Erde vollendet sind und das neue Jerusalem aus dem Himmel von Gott herabkommt, bereitet als eine geschmückte Braut ihrem Manne! (Off. 21,1 f.) Inzwischen ist schon jetzt die Wohnung Gottes unter uns eine immer sprudelnde Quelle wonniger Freude für alle gottseligen Herzen. Dies Jubeln vor Freude ist allen Heiligen Zions verbürgt; Gott sagt: Sie werden froh frohlocken. Verlassen wir uns darauf, sie werden es tun; wer sollte sie an diesem Rühmen hindern können? Der Geist des HERRN hat die Bitte gewirkt: "Lass deine Heiligen sich freuen", und darauf hat der HERR die Verheißung gegeben: "Sie sollen vor Freude aufjubeln" - wer vermöchte es nun wohl, sie zum Schweigen zu bringen? Der Bräutigam ist bei ihnen; wie könnten die Hochzeitsleute fasten und Leid tragen? Nein, wahrlich, wir sind fröhlich, und wir wollen fröhlich sein!


Fußnote
3. So suchen wir die beachtenswerte Steigerung des Grundtextes zu Gefühl zu bringen. Sehr dem Grundtext entsprechend übersetzt Delitzsch V. 9 frohlocken, V. 16 froh frohlocken.
Wer sich nur nach dem, was er fühlt, richtet, der verliert Christus. (Martin Luther)

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